Kupferstechkunst 441
chenkunst ist sie wie die Malerei eine freie Kunst; ihre Mittel sind hauptsächlich derErabsti -ch el (s.d.) und die Nadirnadel (s.d.). Doch gibt es elf verschiedene Stichgattungen undfast eine jede braucht andere mechanische Mittel. Unter ihnen ist die Kupferstechkunst mitdemGrabsticheldie vornehmste und älteste, und um die Ehre ihrer Erfindung streiten sichDeutsche und Italiener. Goldschmiede in Oberitalien pflegten allerdings sehr früh von ihrenNiello arbeiten (s.d.) vor dem Einlassen des Niello in die gestochene Arbeit Abgüsse inSchwefel und seit 1460 auch Abdrücke auf Papier zu machen. So entdeckte der AbbateZani 1797 im königlichen Kupferstichcabinet zu Paris einen Abdruck auf Papier von derPlatte, die Krönung der heil. Jungfrau, welche Maso Finiguerra 1452 für die Kirche desheil. Johannes in Florenz gefertigt hatte, und auch von andern Platten ital. Goldschmiedekamen seitdem Abdrücke auf Papier zum Vorschein. Allein sowol die graue Farbe wie derwenig gelungene Druck, nicht minder die geringe Anzahl dieser Abdrücke auf Papier be-weisen, daß in ihnen keineswegs das Ergcbniß einer durch vorhergegangene Nachforschun-gen und Combinativnen erreichten Erfindung vorliege, sondern daß sie vielmehr blos des-halb von jenen Goldschmieden gefertigt wurden, um Proben ihrer niellirten Arbeiten zuhaben. Dagegen gibt es von einem Deutschcn, der sich mit den Buchstaben E. S. zeich-nete, Kupferstiche von >465 oder >466, vielleicht auch schon von früher, deren Vortrefflich-keit in der Schwärze und der Reinheit des Drucks sattsam beweist, daß sie, zur allgemeinenVerbreitung bestimmt, mit der Presse gedruckt sind. Diesem unbekannten deutschen Meisterreihte sich eine Menge vortrefflicher Kupferstecher «n, welche meist zugleich Maler warenund unter denenMart. Schongauer, gewöhnlich Schön genannt, obenan steht. Ihm folgtenAlbr. Dürer (s. d.) und die sogenannten kleinen Meister (s. d.), unter denen G. Penz,B. und H. S. Behakn, Aldegrever(s. d.), I. Bink, Albr. Altd orser (s. d.) die be-deutendsten sind. Auch in Italien waren es Maler, unter ihnen namentlich Andr. Man-tegna(s. d.), welche, von den Goldschmieden oder Niellirern darauf geleitet, die Kupfer-stechkunst weiter ausbildeten, die hier durch Marc Antonio Raimondi (s.d.) zu einerbis dahin unbekannten Vollkommenheit erhoben wurde. Auch Rafael schätzte die Kupfer-stechkunst und verbesserte selbst zuweilen die graziösen, reinen Umrisse, die Raimondi nachdessen Zeichnungen gab. Unter des letztem Schülern sind besonders Agostino Veneziano,Marco di Ravenna, der sogenannte Meister mit dem Würfel, Caraglio, E. Vico und dieGhisi zu nennen. Durch Primaticcio (s- d.) und den Meister Rosso, die in der Mittedes 16.Jahrh. nach Frankreich gingen, um das Schloß zu Fontainebleau mit Malereienzu schmücken, wurde auch dort, wo früher die Kupferstechkunst nur durch wenige Gold-schmiede geübt worden war, eine Schule derselben gebildet, die man die Schule von Fon-tainebleau nennt. Mit Dürer und Raimondi wetteiferte in den Nieder landen Lucasvon Leyden, und außer ihm sind Dirk von Staren, die Gebrüder Wierx und später H.GoltUus mit seinen Schülern als die fruchtbarsten Künstler damaliger Zeit zu erwähnen.Namentlich förderten die letztem die Kupferstechkunst, freilich oft auf Kosten der einfachenWahrheit und Grazie. Durch den Holländer Corn. Cort wurde die Kupferstechschule inItalien gebildet, aus welcher einer der größten Meister, Agostino Caracci (s.d.), her-vorging. Die bedeutendsten Kupferstecher am Schlüsse des 16. Jahrh. waren in Italiendie Gebrüder Sadeler und Passe aus den Niederlanden, in Augsburg die Kiliane und M.Rota in Venedig. Der Grundzug dieser frühem Kupferstecher ist im Ganzen eine treueHervorhebung der Umrisse bei großer, obschon kräftiger Einförmigkeit der Schraffirungen,welche bei allen Gegenständen so ziemlich dieselben waren.
Mit Rubens begann eine neue Glanzepoche der Kupserstechkunst; seine Malereienund Zeichnungen haben die Vorsterman, die Bolswert, P. Pontius u. A. durch denGrabstichel vervielfältigt und zwar mit einer Meisterschaft, daß man das Colorit in ihrenStichen ebenso bewundern muß wie die Farbe in den Gemälden des Rubens. Man erfanddie Kunst, nicht blos die verschiedenen Formen der abgebildeten Gegenstände, sondern auchdiese selbst durch eigenthümlicheBehandlung ihrer verschiedenenOberflächen auf das eigen-thümlichste und reichste zu charakterisiren. Wie Rafael, so verbesserte auch Rubens sehr oftdie Umrisse auf den Platten seiner Stecher. Ausgezeichnete Blätter lieferten in HollandCornelius Visscher, dem man die Palme der Kupferstechkunst zuerkannt hat, weil er mit