Kunst 433
mittelbar auf Schönheit Hinzielen, indem das Nützliche und Zweckmäßige mit der fortschrei-tenden Bildung der Menschen immer mehr sich mit dem Gefälligen vereint, welches sichzum Theil selbst dem eigentlich Schönen nähern kann.
Die schöne Kunst oder die vorzugsweise sogenannte Kunst ist die freie Darstellungdes Schönen in selbständigen, anschaulichen Werken. Fälschlich hat man die Kunst häufigeine Nachahmung der Natur genannt, da die Kunst, insofern wir unter Natur nur die unsumgebenden Erscheinungen und Veränderungen verstehen, über derselben steht, und dieSchönheit dem Kunstwerke wesentlich und nothwendig, den einzelnen Naturerscheinungenhingegen nur zufällig ist. In einem höher« Sinne ist freilich die Natur selbst die höchstelebendige Schönheit, und dann kann man auch das Kunstwerk eine Nachschöpfung oder einSinnbild der lebendigen Welt nennen. Die freie Darstellung des Schönen ist zugleich Dar-stellung des Lebens in seinen verschiedenen Gestalten und Äußerungen. Das höchste Ge-setz aber für alle Kunst bleibt immer das der Schönheit, wie mannichfaltig sich auch dasselbemit Rücksicht auf verschiedene Stoffe und untergeordnete Zwecke modificirt. (S- Ästhe-tik und S ch ö n.) Die höchsten geistigen Lebensthätigkeiten, vornehmlich die, durch welchewir der Ideen und ihrer sinnlichen Darstellung fähig sind, müssen bei dem Künstler in ho-her Energie und in unzertrennlicher Verbindung wirksam sein, damit die Idee ihre passendeForm ohne Mühe finde. Diese Beschaffenheit des Gemüths, diese glückliche Harmonie derhöchsten Kräfte ist aber nicht blos durch Fleiß und Anstrengung, nicht durch Ausbildungdes Wissens erreichbar; sie setzt vielmehr Schöpfungskraft oder Genialität voraus,welche, als Anlage gegeben, durch Fleiß nur entwickelt und ausgcbildet wird. (S. Genie.)In der Wirklichkeit gibt es unendliche Verschiedenheiten der Genialität und Grade dieKünstlerkraft, deren niedere wir mit dem Namen der einzelnen Kunsttalente belegen, dersich bald auf das Innere des Kunstwerks und leichte Wirksamkeit einzelner dazu erfoderli-cher Kräfte, bald mehr auf das Äußere beziehen und dann technische Fertigkeiten genanntwerden. (S. Talent.) Eine ästhetische, mithin wissenschaftliche Eintheilung der schönenKünste muß von der nothwendigen Verschiedenheit der Darstellungsmittel auSgehen; auchmuß sie das ganze Kunstgebiet leicht übersehen lassen und die Verwandtschaft des Ein-zelnen andeuten. Die ihrem Wesen nach verschiedenen Darstellungsmittel beziehen sich aufdie verschiedenen Gebiete der Erscheinungswelt und die Organe für die Auffassung undDarstellung derselben. Wie wir daher eine innere und äußere Erscheinungswelt unter-scheiden, so unterscheiden wir auch Künste des äußern Sinnes und Künste des innern Sin-nes. Die Darstellungsmittel der schönen Künste ersterer Art können nur auf den Empfin-dungen der edler» Sinne, mittels deren wir selbständige äußere Formen in ihren Verhält-nissen zueinander mit reinem Wohlgefallen wahrnehmen, gegründet sein. Dieses sind aberGesicht und Gehör. Aufdiese beziehen sich also die bildende und die tönende Kunst;die Kunst des innern Sinnes dagegen ist die Poesie. Diese drei sind die Elementar- oderStammkünste; die andern Künste sind abgeleitete und zwar entweder einfache abgelei-tete, wie die Malerei, Bildhauerkunst, Baukunst und auch die Gartenkunst, oder zusam-mengesetzte abgeleitete, wie dieDeclamation und Mimik, welche man auch Übergangskünstenennen könnte, da die erster« von der Poesie zur tönenden Kunst, diese von der Poesie zurbildenden Kunst den Übergang macht. Aus Declamation und Mimik entspringt die Schau-spielkunst; die Tanzkunst aber bildet den Übergang von der Mimik zur tönenden Kunst.Die Wissenschaft von der schönen Kunst und den besondern Gebieten derselben, den schönenKünsten, kann man Kunstwissenschaft nennen. Handelt sie von der schönen Kunst undden Künsten überhaupt ihrem Geiste nach oder in unmittelbarer Beziehung auf die Ideeder Schönheit, so wird sie zur Kunstphilosophie und macht als solche einen Haupt-theil der Ästhetik (s. d.) aus.
Das Kunstwerk erfodert endlich, um würdig ausgenommen zu werden, ein verwand-tes Eemüth, einen reifen und mündigen Geist, der den Sinn des Lebens versteht und daslebendige Werk nicht von einzelnen Seiten und mit einzelnen Kräften, sondern mit densel-ben Kräften auffaßt und genießt, die es erzeugt haben. Fälschlich setzt man oft den Genuß desKunstwerks bald in das durch die Anschauung zunächst erregte, oft sehr unbestimmte Ge«Conv.-Lex, Neunte Aufi. VIll. 28