Kreuzzüge 391
verwirklichen. Gregor V II. griff diesen Plan, mit welchem er zugleich die Absicht einer Ein-verleibung der gricch. Kirche in die katholische verband, von neuem auf, wurde aber durchseine Händel mit Heinrich I V. an der Ausführung gehindert. Urban II. war es Vorbehalten,dieser großen, der Völkerwanderung vergleichbaren Bewegung den Anstoß zu geben. Diefromme Schwärmerei, durch die Geistlichkeit zu jener Zeit in den Gemüthern des Volks ge-nährt, der kriegerische Geist des Adels, durch den aus Spanien nach Frankreich und Deutsch-land herübergedrungenen Aufschwung des christlich-religiösen Ritterthums gehoben, ver-stärkt und veredelt, der allgemein verbreitete Hang nach Abenteuern, durch den sich beson-ders die Normannen in Italien auszeichncten, endlich die Aussicht für die nieder» Vasallenund Leibeigenen, durch ihre Thcilnahme, wenn nicht Ehre und Schätze, doch Befreiung vondem schwer auf ihnen lastenden Drucke des Adels zu erlangen, kamen hierbei den Absich-ten der Päpste fördernd entgegen und wurden die mitwirkenden Ursachen der Kreuzzüge.
Den so vorbereiteten Feuerstoff zu entzünden, bedurfte es nur eines geringen Anlasses,und diesen gab Peter von Amiens (s. d.), der Einsiedler genannt. Ans Palästina voneiner Pilgerschaft 1094 nach Europa zurückgekehrt und mit Bittschreiben des PatriarchenSimeon von Jerusalem versehen, eilte er zu Papst Urban II., schilderte diesem den traurigenZustand der Christen im Morgenlandc auf das Eindringlichste und erzählte, wie ihm Chri-stus selbst im Traume erschienen sei und ihm befohlen habe, die ganze Christenheit zur Be-freiung des heil. Grabes aufzufodern. Urban, die wichtigen Folgen einer solchen Unterneh-mung schnell überschauend und entschlossen, dieselbe sogleich ins Werk zu setzen, schickte Pe-ter, von seinem Segen begleitet, durch Italien und Frankreich, wo er durch sein Aufsehenerregendes Außere und seine flammende Beredtsamkeit alle Gemüther in Bewegung setzte.Auf einer im März 1095 wegen der zahllosen Menschenmenge auf freiem Felde gehalte-nen Kirchenversammlung zu Piacenza, und mit noch größer», Erfolge auf einer zweiten zuClermont in Frankreich im Nov. 1095, wußte er die Gläubigen dergestalt für die neueSache der Christenheit zu begeistern, daß sie einstimmig ausriefen: „Gott will es!" und sichzum Zeichen der Theilnahme an dem Kreuzzugc scharenweise, den Bischof Ademar vonPuy an der Spitze, das rothe Kreuz auf die rechte Schulter heften ließen. Ein vom Him-mel gefallener Brief und Wundererscheinungen anderer Art vollendeten die Begeisterung,und schon im Mai 1096 brach eine 40000 M. starke Schar Franzosen, Normänncr, Flan-derer, Lothringer, Italiener und Deutsche, der die vorbereitenden Rüstungen der Fürsten zulange dauerten, unter Anführung Pcter's und seines Neffen, Walter von Habenichts, auf,die aber, da sie aller DiSciplin ermangelte, ebenso wie bald hernach das Heer des PriestersGottschalk, theilS auf dem Zuge durch Ungarn und Serbien, theils bei der Ankunft in Asienfast gänzlich den Untergang fand. Nach diesem mislungenen Versuche führte GottfriedvonBonillon (s. d.), Herzog vonNiederlothringen, mit seinem Bruder Balduin ein geord-netes, aus 80000 wohlgerüstcten Streitern bestehendes Heer durch Deutschland und Ungarnnach Konstantinopel, wo sich Hugo von Vermandois, Bruder des Königs von Frankreich, Bo-hemund von Tarent, Tancred von Apulien, Raimund von Toulouse und Robert von der Nor-mandie mit neuen Scharen an ihn anschlossen, sodaß die gesammte Zahl der Kreuzfahrerauf 600000 wuchs. Nach Asien übergesctzt, eroberten sie nach beschwerlichen Kämpfen undharten Verlusten 1097 Nicäa, 1098 Antiochia und Edessa und zuletzt am 15. Juni 1099auch Jerusalem, zu dessen Könige Gottfried von Bouillon ernannt wurde, der jedoch schonim folgenden Jahre starb. Außer diesem Königreiche stifteten Balduin zu Edessa, Tancredzu Tiberias, Raimund zu Laodicea kleine, nach der Form des europ.-normänn. Lehnssy-siems eingerichtete christliche Staaten. Unterdessen hatten auf die Nachricht von der glückt!-chen Eroberung Palästinas ein neues Krcuzhcer unter dem Herzog Welf von Baicrn inDeutschland und zwei andere in Italien und Frankreich, zusammen an 260000 M., sichnach Palästina in Bewegung gesetzt; sie gelangten aber blos bis Asien, wo sie theils durchdie Treulosigkeit griech. Wegweiser, theils durch das Schwert der Türken umkamen.
Den zw eiten Kreuzzug veranlaßte die im I. 1144 durch die Eifersucht der christli-chen Heerführer und den erkalteten Muth der Heere verschuldete Eroberung Edessas durchdie Türken. Die Nachricht von diesem Verluste verbreitete über ganz Europa Bestürzungund erregte die gerechte Besorgniß, bald auch die übrigen Besitzungen sich entrissen zu sehen.