Englisches Theater 761
hießen Mirakelspiclc (miracle, oder i-Iszs okmirscles), dialogisirten anfangs nur biblischeGeschichten, oft mit Beibehaltung der Worte der heiligen Schrift, erhielten aber nach undnach freie Zusätze und wurden, wie meist von Geistlichen geschrieben, so vorzugsweise vonihnen aufgcführt. Die Vorrichtungen dazu waren hölzerne Gerüste, bisweilen auf Rädern,und jedes Gerüst hatte zwei Zimmer; das untere war die Garderobe, das obere, ringsumoffen, die Bühne. Ihren Platz räumten die miracles den moralischen Spielen (mor-üs odermoral I>la> s), d. h. Dramen mit allegorischen, abstrakten oder symbolischen Charakteren undmit einer Jntrigue, die eine Lehre zum Zwecke der Verbesserung des menschlichen Wandelssein sollte. Sie gingen aus den erwähnten Zusätzen hervor, die erst in abstracten Verkörperun-gen bestanden, in Personificirung der Wahrheit, der Gerechtigkeit, des Friedens, des Erbar-mens, später des Todes und seiner Mutter, zuletzt in wirklichen Charakteren, jedoch mit demGepräge der Gesinnungen und Leidenschaften, welche man den Juden gegen Jesus beimaß.Das ermattete Interesse anzufrischen, schrieb John Heywood um >525 eine Art Spiele,welche die Brücke zur Komödie bauten, und nannte sic Zwischenspiele (interlmles). IhreEigenthümlichkeit war breiter Humor und derbe Theatcrzeichnung. Als sie bald nachher ihreTendenz auf Beförderung des Protestantismus richteten, gebot Heinrich's VUl. schwanken-der Sinn durch die erste, in Betreff der Bühne und dramatischer Vorstellungen gegebene Par-lamentsacte von >543, daß Niemand bei schwerer Pön etwas singen, reimen oder spielensolle, was den Lehren der röm. Kirche entgegen sei. Eduard VI. hob >547 diese Verordnungauf, die Königin Maria erneuerte sie >553, und weil das Gesetz häufig umgangen wurde,verbot sie >556 jede dramatische Vorstellung. Die Königin Elisabeth zerbrach die Fessel.Ihr Sinn für theatralische Schau, denn sie liebte auch maskirte Spiele („Devices to bsrbeweil besorg tbe Hueene» lkajsstie bx wa^ osmsskinge"), theilte sich schnell den Großendes Reichs mit, und nicht lange, so war das Land dergestalt voll wandernder Schauspieler(wandernde Schauspiclergescllschaften datiren nicht über Heinrich Vl. zurück, wanderndeHistrionen werden schon in einem Gesetze von >258 erwähnt), daß es >572 nöthig)vurde,sie auf die Erlaubniß von wenigstens zwei Friedensrichtern anzuweiscn. DieS bewog denGrafen Leicester, seinen Schauspielern den ersten königlichen Freibrief anszuwirken, der, vomI». Mai >575, ihnen das Recht ertheilte, bis auf Widerruf „sowol zum Vergnügen derKönigin als zur Erquickung ihrer Unterthanen die Kunst und Fähigkeit, Komödien, Tragö-dien, Zwischenspiele und Schaustücke aufzuführen, innerhalb aller großen und kleinen Städteund Flecken Englands zu gebrauchen". Zum ersten Male werden in dieser Urkunde Komö-dien und Tragödien der Erwähnung gewürdigt, denn obwol seit Jahren vorhanden, undzwar erstere länger als letztere, war es ihnen noch nicht gelungen, die morsls und interlmle»von der Bühne zu verdrängen. Es gelang ihnen Solches mit Hülfe des romantischen oderhistorischen Drama (llistor^ oder tlkranicle lüstor^), dessen Inhalt entweder einzelne Stel-len alter Chroniken oder ganze darin erzählte Begebenheiten ausmachten, in beiden Fällenohne Rücksicht auf Chronologie und innern geschichtlichen Zusammenhang. Die älteste sozu nennende Komödie „kalpb Rohster OoMor" fällt in die Negierung Eduard's Vl., viel-leicht sogar seines Vaters. Die erste Tragödie, von welcher sich freilich nur eine flüchtige No-tiz versinket, „kamen anä äuliet", datirt wahrscheinlich von >566. Der erste in regelrechterForm auf die Bühne gebrachte historische Stoff ist „kerrexancl korrex", vom I. >56>.Darauf erschien fast unmittelbar „äuli,is 6aes»r", der älteste Versuch eines im Englischendramatisirten Ereignisses aus der röm. Geschichte. Von dieser Zeit an bis bald nach >576lag das Kampffeld zwischen den spätesten moralischen Stücken und den frühesten Versuchenim Fache der Komödie, Tragödie und Geschichte ziemlich gleich getheilt. Dann traten Stückeauf, wie „ V knack to Knaw a Knave", mit unverkennbaren Spuren des Bestrebens, die vierDichtungsarten zu verschmelzen, und es mußten nun die moralischen Stücke das Feld räu-men. Der im Läutcrungsproccsse begriffene Wortgeschmack erklärte sich entschieden für dieverständlichere Gattung theatralischer Vorstellungen, wie dies der erst als Bühnendichter,nachher als Gegner der Bühne bekannte Stephen Gosson in seiner „8cbool «f sbuse" von> 579 bezeugt. Die Siegerinnen über die moriil» eröffneten nun Fehde unter sich. In einemTrauerspiele aus dem J. >560, warmnA lor Kür women", dessen Jntrigue sich aus dieErmordung eines londoner Kaufmanns durch seine Frau und deren parsmour bezieht, er-