Druckschrift 
2 (1845) Balde bis Buchhandel
Entstehung
Seite
711
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angenommen ist oder ihr besonderes Gewerbe betrifft, wobei sie den aus der Abgeschlossenheitihres Systems und aus ihrer Absonderung von der übrigen Welt hervorgehcnden Geistes-zwang, sowie die in ihrer Seclcnpflege merkbare Herrschaft über die Gewissen und die geistigeVormundschaft, in welcher sie von ihren Obern erhalten werden, weniger drückend sinken mö-gen. Darum konnte aber auch der veränderliche Geist der Zeit sie weniger, als man bei ihremvielseitigen Handelsverkehr denken sollte, berühren, und wenn sic auch in neuerer ZeitManchesin den Formen ihrer Liturgie und Verfassung geändert haben, so blieben sie doch ziemlich freivom Einflüsse der Mode. Dies zeigt sich nicht blos in ihrer Denkart, sondern auch in ihrenSitten und Trachten. Noch immer halten sie auf die den Unterschied der Stände wenigstensäußerlich ausgleichcnde ähnliche Kleidung; die Brüder gehen grau und braun, die Schwesterntragen glatt anliegende Häubchen, an denen die Farbe des Bandes das Chor andeutet, zudem sie gehören; feuerrothe Bänder haben die jungen Mädchen bis zum 18. Jahre, blaßrothedie ledigen Schwestern, blaue die Ehefrauen und weiße die Witwen; doch beschränkt sich dieseGleichförmigkeit der Kleidung bei dem weiblichen Geschlechte immer mehr auf die gottes-dienstlichen Versammlungen. Noch immer werden nur unschuldige Gesellschaftsspiele beiihnen geduldet, Karren und Würfel sind nicht einmal in den Gemeindelogis oder Gasthäusernzu finden; auch Tanz und Romancnlcsen gestatten sie nicht, wie überhaupt kein Vergnügen,das die Geschlechter zusammenbringt. Wer gegen hie Gemcindeordnung und Sittlichkeitfehlt, wird erst durch liebreiche Ermahnungen der Ältesten zurechtgewiesen, und wo diesenicht fruchten, durch Ausschließung vom Abendmahle und andere Zurücksetzungen bestraft,oder endlich veranlaßt, aus der Gemeinde zu treten. Eins der wirksamsten Mittel, jede Un-sittlichkeit abzuhalten, ist die anhaltende und angemessene Beschäftigung, die man allenGliedern der Gemeinde zu geben weiß. Ihre Arbeitsamkeit und Geschicklichkeit in Künstenund Handwerken, die Ausbreitung und Lebhaftigkeit ihres Handels sind rühmlich bekannt,und ohne den Gewcrbfleiß wäre cs auch unbegreiflich, wie sie die bedeutenden Ausgaben fürihre öffentlichen Anstalten und Unternehmungen bestreiten könnten. Die Sage von einerHeilandskasse, in welche jedes Mitglied sein Vermögen werfen müsse, ist gänzlich ungegründet.Allerdings aber verwaltet die Unitätsältestenconferenz eine der ganzen Gesellschaft ange-hörende Kasse, welche durch die Einkünfte von den Gemeingütern, durch den Gewinn anzehn Proccnt von allen Handelsartikeln der Gemeinde, durch jährliche Beiträge der Mit-glieder und durch Vermächtnisse erhalten wird.

In der Oberlausitz zeichnen sich die Gemeindeorte Herrnhut, Niesky bei Görlitz undKleinwclke bei Bautzen, in Schlesien Gnadenfrei bei Schweidnitz, Gnadenberg bei Bunzlau,Neusalz und Enadenfeld bei Kosel in Schlesien aus. Ansehnlich sind auch die Gemeindenzu Neudietendorf bei Erfurt, zu Gnadau bei Barby, zu Ebersdorfbei Lobenstein, zu Königs-feld in Baden, zu Christiansfeld im Schleswigschen und zu Zeyst bei Utrecht. Außerdemgibt cs geduldete Brüdergemeinden mit eigenen Versammlungssälen in Basel, Amsterdam,Harlem, Kopenhagen, Stockholm, Berlin und Neuwied, wohin die 1658 von Herrenhag undMarienborn im Jscnburgischen vertriebene Gemeinde ging und ein besonderes Stadtviertel an-bautc, sowie in Petersburg und Moskau. In Rußland wurden sie 1764 privilegirt und bau-ten den durch den Verkehr mit den Tataren und Kalmücken merkwürdigen GcmeindeortSarepta im Gouvernement Astrachan. Besonders aber haben sie in England Eingang ge-sunden, wo sie zu Fulneck in der Grafschaft Jork, zu Fairfield in Lancaster und zu Ockbrookin Derby ihre Hauptniederlassungen gründeten und bereits 1749 durch eine Parlamentsacteals eine alte bischöfliche Kirche anerkannt wurden. In Irland ist ihreHauptcolonic Gracehillin der Grafschaft Antrim. Ihre Colonien außer Europa entstanden durchMissioven; dennfortwährend haben sie das Geschäft der Heidenbekehrung mit dem unverdrossensten Eifer be-trieben, und besonders unter den Negern in Wcstindien durch wohlthätige und verständigeWirksamkeit vor allen andern Missionen sich ausgezeichnet. Es gilt bei ihren Missionen alsGrundsatz, nur Diejenigen zur Taufe zuzulassen, die durch veränderte Lebensweise und guteAufführung Beweise ihres Glaubens geben. Ihre erste Mission, nach St.-Thomas, wardvon Zinzendorf 1732 unter Begünstigung der dän. Negierung veranstaltet. Die meistenund blühendsten Colonien haben sic in Nordamerika gegründet, wo außer dem Hauptort«Bethlehem (s.d.), der nächst dem Slammort Herr nh u t (s.d.) ihre bedeutendste Colopi-