Allgemeine deutsche Real - EncMopLdie für die gebildeten Stande. Conversations- Lexikon. Neunte Originalaullage. //b ^ In fünfzehn Bänden. Zweiter G a nd !603 geboren, wurde >624 Jesuit zu München, später Hofprediger des Kur- . fürsten von Baiern und.starb zu Neuburg in der Pfalz am 8. Aug. 1668. Sein Andenken hat i Herder durch treffliche Übersetzungen in der „Terpsichore" wieder geweckt, der von ihm sagt: ! „Starke Gesinnungen, erhabene Gedanken, goldene Lehren, vermischt mit zarten Empfindun- > gen für das Wohl der Menschheit und das Glück seines Vaterlandes, strömten aus seiner vollen Brust, aus feiner innig bewegten Seele. Er sah die jammervollen Sccnen des Dreißigjährigen Kriegs. Mit verwundetem Herzen tröstete er die Vertriebenen; zugleich suchte er Deutschlands beffe?n Geist zu wecken und es zur Tapferkeit, Redlichkeit, Eintracht zu ermahnen. Wie ergrimmt ist er gegen die falschen Staatskünstler! wie entbrannt für die gesunkene j Ehre und Tugend seines Landes! Allenthalben in seinen Gedichten sieht man seine ausgebreitete, tiefe Weltkenntniß, bei einer echt-philosophischen Geistcswürde. Er ist ein Dichter Deutschlands für alle Zeiten; manche seiner Oden sind von so frischer Farbe, als wären sie in den neuesten Jahren geschrieben." In gleichem Sinne spricht sich A. W. Schlegel über ihn aus: „Ein tiefes, regsames, oft schwärmerisch ungestümes Gefühl, eine Einbildungskraft, woraus , starke und wunderbare Bilder sich zahllos hervordrängen^ ein erfinderischer, immer an entfernten Vergleichungen, an überraschenden Einkleidungen geschäftiger Witz, ein scharfer Verstand, ! der^a, wo er nicht durch Parteilichkeit oder früh angewöhnte Vorurtheile geblendet wird, die 1 menschlichen Verhältnisse durchschauend ergreift, große sittliche Schnellkraft und Selbständigkeit, kühne Sicherheit des Geistes, welche sich immer eigene Wege wählt und auch die ungebahntesten nicht scheut: alle diese Eigenschaften erscheinen inB-'s Werken allzu hervorstechend, als daß man ihn nicht für einen ungewöhnlich reich begabten Dichter erkennen müßte." Bekannt ist besonders sein „KolstiumpoclaFrioorum" (Münch. >661). Eine Sammlung seiner „Opera poetica nmuia" erschien zu München (8 Bde., >729); eine Auswahl besorgte Orelli 1 (Zür. >805; 2. Ausl., >8>8) und Clesca (2Bde., Augsb^M V-, feint Oden übersetzt von Neubig (3 Bde., Kempten > 830>eE"von Aigner (Augsb. >831). Balduin I-, König von Jerusalem von > >00—>8, geb. >058, jüngster Bruder des Herzogs Gottfried von BSülllon (s.d.), nahm Theil an dem ersten Kreuzzuge, entzweite sich aber mit Tankred und zog später nach Edessa, wo er von dem dortigen Herrscher adoptirt und nach dessen Ermordung Fürst von Edessa ward. Nach seines Bruders, Gottfried, Tode imI. > > 00 ward er Schirmvogt des heiligen Grabes und Baron von Jerusalem, nahm jedoch bald den Königstitel an und starb, nachdem er Cäsarea, Asdoiff Tripolis und mit Beistand einer genuesischen Flotte Ptolemais, dann Sidon erobert, Askalo» aber nicht hatte behaupten können, imJ. >>>8. — Ihm folgte als König von Jerusalem, von >>>8—3>, sein Vetter Balduin ». (Balduin du Bourg), bisher Graf von Edessa, unter dem mit Hülfe einer venetianischen Flotte Tyrus > >24 erobert und der Tempelherrnorden gestiftet wurde. Von den Türken gefangen, mußte er eine halbjährige Gefangenschaft aushalten und starb am 2 >. Aug. > >3> mit Hinterlassung von vier Töchtern. Ihm folgte sein Schwiegersohn Fulko, der bis >>42 regierte. — BalduinIII., König von Jerusalem von 1>43—62, der Sohn und Nachfolger Fulko's, geb. >129, war ein Muster des Ritterthums, das sich in der Periode der Kreuzzüge aus den Begriffen von Ehre, Recht, Andacht und Minne gestaltete. Von der Vormundschaft seiner Mutter Melisenda, unter der er anfangs stand, befreite er sich eigen- e mächtig. Siegreich focht er >> 52 bei Jerusalem gegen den Sultan pon Aleppo, Nurcddin von ihm 1 > 57 bei der Jakobsfurt am Jordan geschlagen, demüthiate er denselben von neuem ' lehr bald bei Putaha, worauf er in Ruhe regierte und sein Reich im Innern und nach außen i Conv.-Lex. Neunte Aust. ». I 2 Waldung Balggeschwulst sicher zu stellen suchte. Er stand in jo großem Ansehen, daß selbst Sarazenen unter ihn> der Kreuzesfahne folgten. Durch seine Vermählung mit Theodora, der Tochter des griech. Kaisers Manuel, gewann er an demselben einen treuen Bundesgenossen. Seine Negierung war das letzte Aufstreben des christlich-oriental. Ritterthums, das Ende der Lchnsverfassung in geistlicher und weltlicher Hierarchie. Er starb in der Blüte seinerJahre zu Tripolis in Syrien am 16. Febr. 1162, wie man glaubt, an Gift. Ihm folgte sein Bruder Amalrich in der Regierung, der 1173 starb. — Balduin IV., der Sohn und Nachfolger Amalrich's, gewöhnlich der Aussätzige genannt, regierte bis 1183, wo der fünfjährige Balduin V., ein Sohn von Balduin's IV. Schwester Sibylla, zum König ausgerufcn ward, der 1186 starb, ein Jahr vor Jerusalems Wiederoberung durch Saladin. Baldung (Hans), genannt Grün, einer der vorzüglichsten altdeutschen Maler, ein Zeitgenosse Dürcr's, war zu Gmünd in Schwaben geboren. Sein Hauptwerk ist ein Altarblatt im Dome zu Fcciburg mit der Jahrzuhl 1516. Auch hat man von ihm mehre Kupferstiche. Er starb 1552. Baldur ist nach der skandinavischen Götterlehre der Sohn Odin's und Frigga's. Seine Gattin war Nanna, sein Sohn Forseti, der Gott der Gerechtigkeit. Seine Schönheit war so groß, daß Glanz von ihm ausstrahlte; er war der beste der Götter und nie mochte Unrecht von ihm kommen. De> Äsen Sicherheit war gefährdet, seit er durch Loki's Trug in Hel's Reich gesunken. Nach dem Weltuntergänge bei der Götterdämmerung wird er mit seinem unfreiwilligen Mörder Hödnr wiederkehren und leben im neuen Asgard. (S. Asen - lehre.) Nach natursymbolischcr Deutung ist er die Sommer-Sonne, die Zeit der Sonnenwende, von der an es sich wieder abwärts neigt; sein Untergang ist als Bild des allgemeinen Vergehens aufgefaßt. Wahrscheinlicher stellt er das goldeneZcitalter einer Unschuldswelt überhaupt dar, darnach den Mythew aller Linker, einst deuveuumtd endlich wiekerkchren wird. In angelsächsischen auf Odin zurückgcführten Steintafcln heißt er Balt ai. Ein trefflicher Mann wird in Island noch heutzutage Mann-Dalldr genannt. Balearen, eine aus den drei Hauptinseln Mallorca, Minorca und Cabrcra bestehende Inselgruppe, welche, der Valencianischen Küste Spaniens benachbart, im Verein mit den Pithyusen das Königreich Mallorca (s. d.) bildet. De» Namen erhielt sie wegen der Geschicklichkeit der Bewohner im Schleudern, wodurch sie sich auch in Hannibal's Heer beson- dern Ruhm erwarben, von den Griechen, welche sie aber auch ihrer Nacktheit wegen Gym- naslä-uarwllm Balggeschwulst nennt MLu^de langsam entstehende, mit dem umgebenden Gewebe meist nur locker zusammenhängende/dahrv-kewLgttche oder verschiebbare Geschwulst, welche aus einem mehr oder weniger dicken Sacke oder BaM^geKttz^wird, der einen verschiedenartigen Inhalt von verschiedener Consistenz als Absonderungsproduri des Balges zeigt. Hält man diesen Begriff fest, so ist es einleuchtend, daß alle diejenigen Geschwülste, dayon ausgeschlossen sind, wo der Balg später entsteht als der Inhalt. Zu jeder wirklichen Balgge- schwulst wird also ein von N«tur vorhandener absondernder Balg crfodert, welcher entweder einen natürlichen Ausführungsgang hat, der widernatürlich verschlossen demAbsonderungs- product keinen Austritt mehr gestattet, sodaß sich dasselbe ansammeln und den Balg ausdehnen muß, oder eS findet sich von Natur kein Ausführungsgang; endlich kann sich der geschlossene Absonderungsbalg auch krankhaft verdicken. Die letzten beiden Arten der Balggeschwülste entstehen aus den Schleimbeuteln in der Nähe der Gelenke und Sehnenscheiden. Ihr Jn- h alt ist fast immer wäfferig(seröseBalggeschwulst), selten gallertartig, wie bei den hierher gehörigen Überbeinen. Zur Entstehung der ersten Art geben die schlauchartigen Drüsen, besonders die Smegma absondernden Drüsen in der äußern Haut, wie schon Astruc und in der neuern Zeit Astley Cooper nachgewiesen haben, seltener die Schleimdrüsen Veranlassung. Gewöhnlich entsteht diese Art Dalggeschwülste als kleine Tuberkel unter oder in der Haut, welche sich nach und nach vergrößern: öfters finden sich Haare in den Balggeschwülstcn; auch entwickelt sich in ihnen ein monströses Haar in Form eines Horns. Nach ihrem Inhalte heißen sie Honiggeschwülste, Breigeschwülste u. s. w. Andere Verschiedenheiten entstehen durch die Degeneration des Drüsenbalges und zwar sowol seiner äußern als noch häufiger Balkan Balkh 3 seiner inner» Wand, wodurch Schwammbild'ungen, Hautkrebs u. s. w. zum Vorschein kommen. Die Symptome, welche die Balggeschwülste Hervorrufen, sind verschieden; die einfachen zeigen außer der Entstellung, wenn sie in der Haut sitzen, nur die Folgen des Drucks, die complicirten mit Dyskrasien verbundenen dagegen außerdem die Symptome der örtlich sich manifestirenden Dyskrasie. Die Veranlassung gibt fast immer Druck, wenigstens bei den einfachen Balggeschwülsten, während bei den mit Dyskrasien verbundenen das abnorm gemischte Secret die Ursache seiner Ansammlung und der Unwegsamkeit des Drüsenbalges wird. Nur da, wo die Balggeschwulst sich erst zu bilden beginnt, kann man bei der mit Ausführungsgängen versehenen Hautdrüse die Wegsamkeit des Ausführungsganges durch Einreibungen und Umschläge wieder herbeiführen, später muß man mittels Einstichs den Balg öffnen und seinen Inhalt entleeren, wenn sie aber schon sehr alt sind, dieselben mit dem ganzen Balge ausschälcn, weil, so lange noch etwas von demselben zurückbleibt, an eine radicale Heilung nicht zu denken ist. Vgl. die Monographien von Loder (Lpz. 1793), Jäger (Berl. 1830) und Hager (2 Bde., Wien 18-12). Balkan oder Hämus heißt der östlichste Flügel des Gebirgssystems, welches im Norden der osmanischen Halbinsel von den dalmat. Karstflächen bis zum Schwarzen Meere den südlichen Grenzwall des Donaugebiets bildet, und unter diesem Namen von dem Quellgebiete der Maritza an bis zum Cap-Emineh die Landschaften Bulgarien und Ru- melien voneinander scheidet. Östlich der Porta Trajana, d. i. der Straßeneinsenkung zwischen Sofia und Philippopcl, erhebt sich der B. als ein dichtbewaldetes Granitgebirge zur Gesammthöhe von 2 — 3000 F. Der wilde, unwegsame Charakter des westlichen Theils wird nur durch wenige Passagen, wie die von Kasanlik und Stareka unterbrochen; der östliche Theil ist jedoch vielfacher gegliedert und von besonderer Wichtigkeit. Die angebauten Thäler der Küstenflüsse des Schwarzen Meer s,.als Paravadi, Kamesik, Aidos und Nadir, furchen mit tiefen Einschnitten ln '8iesen"plotzl>ch von 'vier und fünf Meilen zu 12 —15 Meilen verbreiteten Ostflügel des Gebirgs so ein, daß der Hauptgebirgskamm unter dem Namen Bujuk-Balkan, Veliki-Balkan, d.i. großer Balkan, oder Emineh-Dagh, durch die südliche Anlagerung der Berggruppen von Derbent und eine nördliche in den Verketten des kleinen Balkan, d. h. des Kudjuk oder Malo-Balkan zum Stamm eines aus Parallelketten und wilden Berghaufen bestehenden Gebirgslandes wird, was in seiner Lage zwischen Adrianopel und Konstantinopel einerseits, wie der Walachei und dem Donaudelta andererseits, eine hohe Bedeutung hat. Auf den nördlichen Höhen liegen die Festungen Schumla und Paravadi, am südlichen Fuße die Städte Karnabat undMd os , im Norden Varna, im Süden Burgas, insgesammt Orte, wekch^anden Pforten der Hauptpassagen liegen und welche im 1. 1829 die Wichtigkeit ihrer strategischen Lage bekundeten. Im Juli 1829 überschritt der Feldmarschall Diebitsch mit der ruff. Armee dieses von den Türken nur noch schwach, von den natürlichen Hindernissen aber hartnäckig vertheidigte Terrain in so kurzer Zeit, daß er bereits am 26. Juli Karnabat erreicht hatte und gegen Adrianopel Vordringen konnte, nachdem er noch durch siegreiche Gefechte am 17., 18. und 19. Juli auf bulgarischem Boden die türk. Armee des Großveziers eingeschüchtert und die nördlichen Festungen verschlagen hatte. Dieser glücklichen und höchst folgenreichen Operation verdankte Feldmarschall Diebitsch den Beinamen Sabalkanski, d. h. Balkanbezwinger. Balkh, die frühere nördlichste Provinz Afghanistans, bildet gegenwärtig auf der nördlichen Vorstufe von Ost-Khorasan das südöstlichste turkestanische Khanat von Bokhara, obschon seine politische Stellung zwischen der gewissen Selbständigkeit und Unabhängigkeit von diesen und der immerwährenden Gefährdung neuer Einfälle vom östlichen Kunduz aus einen bestimmten Charakter entbehrt. Im Bereich des alten Vaktricn (s.d.) liegt das Land auf den Vorstufen, welche im südlichen Gebiete des obern Amu, die hohen Ketten des Hindu-Kuh mit den Tiefsteppen Bokharas vermitteln, eine Lage, welche für den Verkehr zwischen Indien und Osteuropa von hoher Bedeutung ist und in erhöhetem Grade es sein mußte, als die ind. und chines. Waaren noch nicht den Seeweg um Afrika verfolgten. Der Charakter der Wüste herrscht vor, nur künstliche Bewässerungssysteme erschaffen fruchtbaren Boden; wo im Sommer Traube und Aprikose reifen und der Maulbeerbaum die Seidcncultur unterstützt, da r Ball Ballade erscheint oft ein strenger Winter mit hohem Schnecfall. Die Bewohner usbekischen Stammes folgen dem veränderlichen Bilde ihrer Landesnatur; sie sind friedliche Nomaden oder räuberische Krieger, Karavancnwanderer oder Ackerbauer und Handwerker in Dörfern und Städten. — Die Hauptstadt des Landes ist Balkh, fünf Meilen vom Amu in einer von Kanälen und Gräben tausendfach durchschnittenen Gegend, welche das dadurch zersplitterte Wasser des Rudi-Haaj verschlingt und die Einmündung in den Amu verwehrt. Die Stadt hat noch den stolzen Titel Amu-al-Bulad, d. h. die Mutter der Städte, bcibehalten; sie ragt aber aus dem weiten Umkreise eines wüsten Trümmerhaufens nicht mehr mit dem Glanze hervor, welchen das hier zu suchende alteBaktra hatte. Dschingis-Khan und Tamer- lan zerstörten B. fast gänzlich und noch im 1.1825 plünderte es der mächtige Beherrscher von Kunduz, Mir Murad Bei. Gegenwärtig bewohnen cs kaum einige Tausend Menschen, meist Eingeborene von Kabul, deren Hauptindustrie in Webereien, besonders in Seide, besteht. Ball, ein Lanzfest, ist von dem stanz, bul, d. h. Tanz, im Italienischen ball», und dieses von dem veralteteten stanz. Worte bnller, d.!. tanzen, im Italienischen ballare, Herzuleiken, keineswegs aber mit dem deutschen Worte Ball oder Spielball in Verbindung zu bringen. Die Franzosen haben jedenfalls zuerst die Bälle cingesührt, wie denn auch von ihnen die Mehrzahl neuer Balltänze und Tanztouren ausging. Ballade oder nach dem Italienischen Ball ata. Die Ballade, ist eine darum schwer zu charakterisirende Dichtgattung, weil sie im Laufe der Jahrhunderte mancherlei Wandlungen unterlegen hat und der Name derselben von neuern Dichtern auf Gedichte episch- lyrischer Gattung übertragen worden ist, die ihrem Umfange, ihrem Inhalte und Charakter nach mit der ursprünglichen Ballade nichts mehr gemein haben.. Arger wurde die Begriffsverwirrung noch dadurch, daß man Gedichte ganz desselben Charakters bald alsNomanze (s. d.), bald als Ballade, bald als epische, lyrisch-epische oder poetische Erzählung bezeichnte, sodaß im Allgemeinen hier >„^ ^ des Dichters ankam, welchen von diesen Gattungsnamen er seinem Gedichte geben wollte. Die Italiener nannten seitdem 12.Jahrh. Ballata ein rein lyrisches Gedicht geringen Umfangs, welches mit dem Sonett und in Hinsicht der Form noch näher mit dem Madrigal verwandt war und in der Regel Liebesklagcn zum Gegenstände hatte. Schon bei Dante finden sich dergleichen Balletten. Mit ihnen verwandt sind die Balladen der Franzosen, welche von Moliere angcfeindet, außer Gebrauch kamen. Balladen in der jetzigen Bedeutung finden sich zuerst im 14. Jahrh. in England und mehr noch in Schottland. Mit den span. Romanzen sind sie insofern ver wa ndt, daß beide eine n Erzählungsstoff lyrisch verarbeiten. Während aber die Romanze mehr lyrischen Charakters und Ganges ist und die südliche Färbung der span. Nation wiederspiegelt, gestaltete sich die nordischL^As'de ernster, schroffer und finsterer, besonders bei den Dänen, obgleich sich auch Balladen fiMn; rvotche^ine muntere und scherzhafte Pointe haben. Überhaupt ist die Ballade dem Sinn und Inhalt nach der Urbestandtheil aller- epischen Dichtungen in den poetischen Urzeiten einer Nation. Die Heldengedichte, wie der Cid, die altruff. Epopöen, vielleicht selbst die Nibelungen sind aus solchen Balladen entstanden. Auch unter den alten deutschen Volksliedern finden sich dergleichen Balladen, bestehend in lyrischen Verarbeitungen einfach epischer Vorgänge und Begebenheiten, in denen die Empfindung des Verfassers sichtbar durchleuchtet. Aber das Wort Ballade hatte man für diese Gattung damals noch nicht; man nannte dergleichen poetische Erzählungen einfach Lieder; erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. trug man den ausländischen Namen auf sie über. Bürger, mit der schott. und engl. Balladenpoeste innig vertraut, war der eigentliche Schöpfer der deutschen Kunstballade, die er in einem über das Maß der alten Ballade weit hinaus- gehendcn Umfange anlegtc, mit landschaftlicher Scenerie wie mit anderm Schmuckwcrk umgab und zugleich durch dialogische Partien zur dramatischen Lebendigkeit erhob. Seine „Lenore" hat-ebenso wol klassischen Ruf als Popularität erworben. Noch umständlicher und dcscriptiver ist Schiller in seinen erzählenden Gedichten, welche er Balladen nannte, wogegen Goethe, mit Ausnahmen einiger Balladen, sich schon mehr dem alten Bal laden liebe näherte und somit Andern, besonders Uhland, den Weg vorzcichnete. Bürger, Schiller, Goethe und Uhland kann man als die Koryphäen in dieser Gattung ansehe», indem sich ihnen, mit mehr oder minder ausgeprägter Individualität, größerer oder geringerer Annäherung Ballauche Balle 5 an den Einen oder den Andern die beiden Schlegel, Tieck, Schwab, Chamisso, Zedlitz, Lenau, Heine und viele Andere anschlosscn. Ballanche (Pierre Simon), ein ftanz. dichterischer Philosoph von vieler Bedeutung, gcb. 4. Aug. 1776 zu Lyon, hatte wegen andauernder Krankheit eine sehrtrübc Jugend zu durchleben und mußte bereits im 18. Jahre trepanirt werden. Eine Folge davon war, daß er fast nur ein contcmplativcs Leben führte und im Umgänge sich aus einige ausgezeichnete Männer, wie Chateaubriand und Nodier, beschränkte. Sein Vater war Besitzer einer Buchdruckern und Buchhandlung, und er selbst stand diesen« Geschäfte lange Zeit vor. Erst später trat er als eigentlicher Schriftsteller auf, indem er außer der Schrift „vusentiinent" (1801) von seinen ersten Versuchen wenig drucken ließ. Auch seine „^ntiAone", die der Anfangspunkt seiner schriftstellerischen Laufbahn ist, erschien zuerst ( 181 - 1 ) als Manuscript für Freunde, zog aber bald durch den tiefen Sinn und die Vollendung der Sprache die öffentliche Aufmerksamkeit auf ihren Verfasser. Es kann dieses Gedicht, das in einer herrlichen Prosa geschrieben ist, gewisserinaßen als Einleitung zu seinen historisch-philosophischen Werken dienen, und es liegt in demselben bereits seine Lehre von der Sühne im Keime, welche die Basis seiner ganzen Philosophie bildet. Die Rückkehr der Bourbons, denen B. stets im Geiste gehuldigt halte, weckte ihn aus seinen poetischen Träumereien und veranlaßte ihn, den öffentlichen Ereignissen eine größere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Von diesem Zeitpunkte an schlug er seinen festen Wohnsitz in Paris auf. Sein „bissai snr les iustitutions sociales" (Par. 1818) war ein Versuch, die sich bekämpfenden Ansichten der Ultras und die der Liberalen zu versöhnen, und in seinem „klömme «ans nom" (Par. 1820)gab erdie Geschichte eines Königsmörders. Sein Hauptwerk ist die unvollendete Philosophie der Geschichte, der „Dssai <1e psIinFenösio sociale", der neben manchen unverständlichen, mystischen Partien viel tiefsinnM Speculatwnen"enHäsks B. steht mit keinem seiner Landsleute in philosophischem Zusammenhänge. Auch ist er lange unbeachtet geblieben, und erst seitdem, wo er eine Gesammtansgabe seiner Werke (4 Bde., Par. 1831) veranstaltete, fing er an, einigen Einfluß zu gewinnen. Im 1.1842 ward er als Mitglied der Akademie ausgenommen. Ballast nennt man diejenigen werthlosen oder wenigstens fast wcrthlosen, aber schweren Massen, z. B. Sand, Steine oder Gegenstände, die am Ankunftsorte noch einigen Werth als Waare haben, wie schwere Hölzer u. dgl., die man in den untersten Raum der Seeschiffe bringt, um sie im Allgemeinen schwer genug zu machen und insbesondere den Schwerpunkt des ganzen Schiffs tief genug herabzuziehen, um dL 0 -Ochö»'g«n üktrpgang und km stabiles Gleichgewicht des Schiffs beim SchwimmencklNUlftechter Stellung zu ermöglichen. Wenn Schiffe genöthigt sind, ohne Ladung an Maaren abzufahren, so muß natürlich der Ballast sehr vermehrt werden, und man sagt dann, das Schiff geht blos mit Ballast. Auch hat man die Benennung auf die Sandsäcke und dergleichen übergctragen, welche Luftschiffcr mit in die Höhe nehmen, um die Schwere und das davon abhängige Gleichgewicht zu regu- liren; je höher man steigen will, desto mehr Ballast wird susgeworfen. — Endlich wird Ballast metaphorisch jede an sich unnütze, aber doch nicht zu beseitigende Last genannt, die mitgeführt werden muß. Balle (Nikolai Edinger), dän. Theolog und Kanzelredner, geb. 1774 auf der Insel Laaland, brachte seit 1766 mehre Jahre auf Reisen im Auslande zu, hielt in Leipzig theologische Vorlesungen und stand im Begriff, in Göttingen eine Anstellung anzunchmen, als im Vaterlande sich ihm eine Bahn, die er vorzog, öffnete. Im I. 1772 ward er Professor der Theologie zu Kopenhagen, 1774 dänischer Hofprcdiger und 1783 Bischof über Seelands Stift. Von dieser Stelle ward er 1808 in Gnaden entlassen und starb 1816. Nicht nur als tüchtiger Schriftforscher und Dogmatiker, sondern namentlich als praktischer Theolog erwarb er sich einen gefeierten Namen. Seine „Düeses tüeologicae" (Kopenh. 1776) wurden noch bis in die letzten Jahre des vorigen Jahrh. auf mehren deutschen Universitäten bei den Vorlesungen zu Grunde gelegt. Sein ,,Religionslchrbuch"(l79I) ward durch Nescript von 1792 zur Einführung in allen Schulen empfohlen. Auch nahm er thätigcn Anthcil a» der Bearbeitung des neuen Gesangbuchs (1798). das übrigens weder in poetischer noch dogmatischer Hinsicht seinen Zweck erfüllte- Unter seinen vielfachen Schriften ist namentlich sein „Magazin 6 Ballei Ballesteros for den nycre danske Kirkchistorie" (2 Bde., 1792—91) wichtig für die da». Kirchengeschichte. Er war für Dänemark, doch nach größerm Maßstabe, was Reinhard für Sachsen war. Ballei, entstanden aus dem Lateinischen dklllivus (s. B ai lli), nannten die Tempelherren, die Deutschen und die Johanniterritter die einzelnen Provinzen ihrer Tcrritorial- besitzungen oder auch die Unterabtheilungen der Provinzen, und es scheint dieser Name früher mit kommende oder Commthurei (s. d.) ganz gleich bedeutend gebraucht worden zu sein. Die mehrsten Balleien, namentlich in Frankreich, hatten die Templer; die Besitzungen der Johanniter waren zunächst in Priorate und diese erst in Balleien getheilt. Die Deutschen Ritter zählten in Deutschland in der späten, Zeit und bis zur Auflösung des Deutschen Reichs elf Balleien, die wieder in verschiedene kommenden zerfielen; diese Balleien waren: I)dic clsaßische, 2) die östreichische, 3) die tirolische, 4) die zu Koblenz, 5) die fränkische, t>) die zu Biesen, 7) die westfälische, 8) die lothringische, i>) die hessische, 10) die thüringische und 11) die sächsische. Früher gehörte auch die von Utrecht dazu, die aber dem Orden wieder entzogen wurde. Bon den Balleien waren die ersten acht katholisch, die drei letztem protestantisch. Ballenstedt, die Residenzstadt des Herzogs von Anhalt-Bernburg, am nördlichen Fuße des Unterharzcs, hat sehr schöne Gebäude an der sogenannten Allee, welche zum herzoglichen Schlosse führt, in dessen Kirche die Gebeine Albrecht des Bären bcigesetzt sind. Die 3800 E. beschäftigen sich großenthcils mit Land-, Garten- und sehr ergiebigem Obstbau. In der Nähe der Stadt sind zu bemerken die Fasanerie, der Ziegenberg, der Thiergarten, das Jagdhaus auf dem Nöhrkops und die Felspartie der Gegensteine. Das Wappen der Grafschaft B. führen nicht allein die Herzoge von Anhalt, sondern auch das Haus Sachsen im Wappen. Ballefteros (Don Francisco), Vicepräsidmt der provisorischen Negierung in Spanien im I. 1823, geb. 1770 zu Saragossa, gest. am 29. Juni 1832, trat früh in Kriegsdienste und focht 1793 gegen die Franzosen. Auf eine ungerechte Anklage verlor er 1801 seine Hauptmannsstelle, ward jedoch bald nachher bei einem Hauplzollamte in Asturien angestellt. Von der Junta dieser Provinz ermächtigt, bei Einbruch der Franzosen ein Regiment zu bilden, vereinigte er sich mit Castanos und kämpfte ruhmvoll im Süden des Reichs. Zwar wurde er >810 bciRonquillo und 1811 beiCastillejo geschlagen, doch besiegte er 18l2 den General Marransin bei Cartama und einen Heerhaufen unter Beauvais bei Ossuna. Nack E rnennung des Herzogs von Wellington zum Oberbefehlshaber, weigerte er sich, unter dem Fremdling zu dienen, ^urde verhaftet und nach Ceuta verbannt. Bald aber zurückgerufcn und wieder in Thätigkeit gesetzt erhielt er den Befehl über einen Hceres- haufen in der Grafschaft Niebla, wo er jedoch nichts ausMichten vermochte. NachFer- dinand's Rückkehr ward er Kriegsminister, verlor aber, als Absolutisten und Servile ihren Einfluß gegen alle Freisinnigen geltend machten, seine Stelle und lebte mehre Jahre außer Thätigkeit in Valladolid. Beim Ausbruche des Aufstands im 1.1820 ward er von Ferdinand VII. zurückgerufen, weigerte sich aber, den Oberbefehl über das empörte Heer zu übernehmen, stimmte für Berufung der Cortes und trug nicht wenig dazu bei, den König zur Annahme der Constitution von 1812 zu bestimmen. Hierauf ernannte ihn Ferdinand VII. zum Vicepräsidenten der provisorischen Regierung. B. ließ alsbald die Staatsgefängnisse und Kerker der Inquisition öffnen und gab der Stadtbehörde zu Madrid wieder die Einrichtung von 1812 unter der CorteSregierung. Er stand mit an der Spitze der aus dem Schoost der Freimaurer hervorgegangenen Communeros und als im Juli 1822 die Feinde der Constitution mit Hülfe der Garden die Verfassung umzustürzen suchten, zerstreute er sie an der Spitze der Milizen. Im Kriege von 1823 gegen die Franzosen befehligte er die zur Ver- ^ kheidigung von Navarra und Aragon bestimmte Heeresabtheilung, mußte sich aber unter unglücklichen Gefechten in den Süden zurückziehen und zu Granada am 1. Aug. eine Übereinkunft mit dem franz. Heerführer eingehen. Vergebens foderte ihn später Riego auf, die Waffen von neuem gegen die Franzosen zu ergreifen. Als der König durch Verfügung vom 1. Oct. alle Beschlüsse der constitutioncllen Regierung für ungültig erklärt hatte, sprach B. in einem Schreiben an den Herzog von Angoulcme seine Verwahrung gegen diesen Beschluß und die dadurch herg stellte unumschränkte Gewalt aus, beschwerte sich über Ver- Ballet 7 lchung der mik ihm abgeschlossenen Übereinkunft und flüchtete 1823, da er von der Amnestie ausgenommen war, nach Paris, wo er starb. — Sein Bruder Luis LopezB-, ged. 1778 in Galizien, seit 1808 Kriegscommiffar, war Ecneraldirector der Staatseinkünfte, als ihm 1825 durch Ugarte's Einfluß das Finanzministerium in einer Periode der tiefsten finanziellen Zerrüttung übertragen wurde. Er erklärte daher 1826 dem Staatsrathe, daß alle Hülfsmittel für die laufenden Ausgaben erschöpft seien, und machte den von der Mehrheit dieser Behörde verworfenen Antrag einer Verpachtung der Staatseinkünfte. Dagegen wurde dem Finanzministerium die Verwaltung der Ecmeindeeinkünstc überwiesen, die nun großenthcils zu Staatszwecken verwendet wurden. Ungeachtet aller Schwierigkeiten ge- lang es ihm indessen doch seit 1829, den Staatshaushalt für einige Zeit leidlich zu ordnen, durch Verminderung der Ausgaben das Anwachsen des Deficits aufzuhalten und durch eine größere Öffentlichkeit der Finanzoperationen den Staatscredit einigermaßen zu heben, auch mehre Maßregeln zur Erleichterung des innern Verkehrs durchzusetzen. Damit ward jedoch so wenig auf die Dauer geholfen, daß B-, obgleich er auf die Seite der Apostolischen hinneigte, sich veranlaßt sah, eine starke Besteuerung und theilwcise Veräußerung der Güter der Geistlichkeit vorzuschlagen, was indeß erst eine geraume Zeit nach seiner Verwaltung ins Werk gesetzt wurde. Nachdem die Königin im Oct. 1832 die Regentschaft während der Krankheit des Königs übernommen, wurde B. zum Mitgliede des Staatsraths ernannt. Doch die veränderte Parteistcllung im J. 1833 verdrängte auch ihn und im Besitze eines großen Vermögens, trat er fortan in den Privatstand zurück. Ballet, gleicher Abstammung mit B all (s. d.), ist im weitern Sinne eine ästhetische Darstellung, in welcher eine Reihe leidenschaftlicher Regungen und Gefühle durch Panto- mimik und Tanzkunst und nnt Hülfe der Musik zur Anschauung gebracht werden. Im eitzgern Sinne nennt man Ballet Werke der Tanzkunst, deren Zweck es ist, durch mimische Bewegungen und Tänzelillle Handlung, Charaktere, Gesinnungen, Leidenschaften und Gefühle mit der höchstmöglichen ästhetischen Ausbildung und Schönheit darzustellen, und wobei also mehre Tanzende zusammenwirken. Man kann die Ballete, welche Gemüthsbcwe- gungcn ohne Handlung ausdrücken, lyrische, diejenigen, welche Handlungen darsiellen, dramatische Ballete nennen; beide zusammen machen, im Gegensatz der nieder» geselligen Tanzkunst, die höhere Tanzkunst aus, indem durch sie Erregung der Gefühle des Schönen bezweckt wird. Man thcilt die dramatischen Ballete in historische, mythologische, welcher beider Begriff sich aus dem Namen ergibt, und in poetische ein, welchen letztem ein Werk der Dichtkunst zum Grunde liegt und zu denen auch die u nvollkom menste Gattung, das allegorische Ballet, zu zählen ist. Ein gutes Ballet erfodekk' ebenso wol als ein gutes Drama Einheit wie lebhaftes Fortschreiten der Handlung, eine Exposition, Verwickelung und Lösung des Knotens. Eine untergeordnete Gattung des Ballets ist das Divertissement, gewöhnlich einactig und komischen Charakters, mit überwiegendem Tanz, in neuern Zeiten sogar mit Gesang, wodurch indeß eine Monstrosität entsteht. Große mehractige Ballete er- fodern in der Regel den höchsten Aufwand von Decorationspracht, die mannichfaltigste Abwechselung und einen verschwenderischen Luxus, weil hier nur ein Sinn, das Auge, befriedigt werden soll, da die Musik immer blos Nebensache und jener eine Sinn nur durch die größte Prachtfülle und Abwechselung auf die Dauer zu fesseln und zu beschäftigen ist. Daher ist das Ballet, wenn man ihm auch einen gewissen Kunstwerth zugestehen darf und das Gefühl für reizende und anmuthige Bewegungen und Formen durch dasselbe genährt werden kann, doch überall dem Gedeihen der echten wahren Kunst mehr nachthcilig als förderlich gewesen. Mehr äußerlicher als innerlicher Natur, stumpft es allmälig das Publicum für den Genuß des recitirendcn Dramas ab, das mehr zu denken als zu schauen gibt, sogar die Oper muß zuletzt immer mehr in das Ballet und in die rhythmischen Formen des Tgnzcs ausarten, um den abgestumpften Sinn zu befriedigen und zu reizen, ja man könnte sogar behaupten, daß das Ballet auf der luxuriösen üppigen Höhe, auf der cs sich jetzt befindet, nicht blos entkräftigend, sondern auch entsittlichend wirkt. Die häufig in Opern verflochtenen Tänze verdienen größtcntheils den Namen Ballet nicht, da ihnen gewöhnlich kaum eine Idee zum Grunde liegt, vielmehr ihr Zweck nur der ist, den Tänzern zur Schaustellung ihrer Fertigkeit Gelegenheit zu geben und^inc anmuthige Abwechselung hcrbcizuführen. Die Alten 8 Ballhorn Balliste kannten die gegenwärtige Form des Ballets nicht, obgleich sich der erste Ursprung auf die Pantomimen der Römer zurückführen lassen mag und bereits im Morgenlande, wie namentlich bei den Griechen, Ballete nicht unbekannt waren. Das Ballet ist wesentlich im Dienste und zum Vergnügen der Höfe entstanden, wenn außerordentliche Gelegenheiten in außerordentlicher Weise gefeiert werden sollten. Wir finden es in Italien zu Anfänge des 16. Jahrh., besonders am turiner Hofe, wo Graf Aglio dasselbe mit seinem erfinderischen Genie befruchtete und die Prinzen und die Prinzessinnen des Hofes durch Gesang, Decla- mation und Tan; selbst mitwirkten. Baltagerini, Musikdirektor der Katharina de'Medici, führte das Ballet zuerst in Frankreich ein, wo es bald so beliebt bei Hofe wurde, daß Ludwig XIII. auf einem dieser Ballete mittanzte, welches Beispiel Ludwig XI V. in seiner Jugend nachahmte. Anfangs war hier das Ballet, der Richtung der Zeit entsprechend, wesentlich allegorisch und meist geschmacklos. Erst gegen Ende des 17. Jahrh. erhielt es, zugleich mit der Gründung der großen franz. Oper, seine höhere künstlerische Ausbildung; Quinault ' verflocht es in seine Opern. Um dieselbe Zeit traten zuerst Frauen im Ballete auf, während bis dahin nur Männer in demselben getanzt hatten; doch findet man Ballettänzerinnen von Bedeutung nicht vor 1790. Im I. 1697 wurde Antoine Houdart de la Motte Verbesserer und Reformator des Ballets, indem er besonders die Handlung und das dramatische Interesse der Balleioper verstärkte. Noch immer blieben Oper und Ballet beisammen, bis endlich Jean Georges Noverre (s. d.) erschien, das Ballet von der Oper trennte, es zu einer besondern Kunstgattung erhob und zugleich als denkender Künstler eine sinnreiche Theorie desselben begründete. Vincenzo Galeotti's glänzende und geniale Versuche zu Kopenhagen, das Ballet im antiken Sinne auf das rein dramatisch-plastische Princip zurückzu- führen, diesem den Tanz durchaus unterzuordnen, statt ihm das Übergewicht zu gestatten und somit seinenBallets den Charakter großer rhythmisch-plastischer Pantomimen zu erthei- len, sind seit seinem Tode im I. 1827 nicht wieder belebt worden. Ballhorn (Joh.), ein Buchdrucker zu Lübeck, der 1531—99 daselbst gelebt haben soll. Schon damals druckte man Fibeln, auf deren letzter Seite das Bild eines an den Füßen gespornten Hahns angebracht war. Auch B. druckte eine solche, ließ aber die Sporen weg, legte dem Hahne zwei Eier zur Seite und setzte in Betracht der Veränderungen auf den Titel: „Verbessert durch Joh. B" Hierdurch brachte er seinen Namen auf die Nachwelt, und noch jetzt heißt ballhornisiren oder verballhornen soviel als abgeschmackte und unnütze Veränderungen machen, oder auch etwas verschlechtern statt verbessern. BalliA^^ine Wurfmaschine der Alten, deren Erfindung den Phöniziern zugeschrie- ben wird, um große Steine, glühende ^sta eln, brennbare Stoffe, Massen Bleikugeln, sogar tobte und verwesete thierische Körper ml Bvaeuau We rken. Gebäude und Streitmittel des Feindes damit zu zerstören und in belagerten Orten Verwüstungen anzurichten und Krankheiten herbcizuführen. In spätern Zeiten erhielt dieses Wurfgeschütz die Benennungen Man ge, Steinblyde,Petrern,Rutta oder Ankwerk. Die Balliste bestand auS einem Balkengerüst, zwischen welchem sich ein hölzerner Arm oder Hebel bewegte, der vorn in einem Löffel oder Kasten endete, worein die Gegenstände gelegt wurden, die man fortschleudern wollte. Die bewegende Kraft bestand in einer starken, mehrfach zusammcngedreh- ten Darmsaite, welche an dem untern Theile des ArmS sich befand und durch Zurückbringen des letztern sich spannen ließ. Sollte die Maschine wirken, so wurde mittels eines Abzugs oder Drückers die gespannte Saite freigelaffen, drehte mit Heftigkeit sich auf und schnellte dabei den Arm gewaltsam nach vorn, wodurch die im Löffel befindlichen Gegenstände fortgcschleudert wurden. Andere Ballisten erhielten die bewegende Kraft durch angebrachte Gewichte, welche unterwärts zur Erde wirkten und dadurch die vorwärtsgehende Bewegung des Hebels erzeugten. Röm. Geschichtschreiber, und unter ihnen auch Vegetius, verwechseln die Ballisten mit den Katapulten (s. d.), was zu allerhand Irrungen und Streitigkeiten Anlaß gegeben hat, indem die Griechen unter Katapulten nur solche Werkzeuge verstanden, welche Pfeile in flachem Bogen fortschleuderten, während die Ballisten für das Werfen im hohen Bogen, nach Art der heutigen Bombenmörser, bestimmt waren. Polybius hat diesen Unterschied streng festgehalten, ebenso Vitruv, Tacitus und Seneca. Julius Cäsar erwähnt dagegen bei der Belagerung von Marseille mehre Deckungen der Römer Wider die Ballistik Ballspiel v von den Schießzeugen (tormentis) kommenden Pfeile und der Steine, welche von den Katapulten geworfen worden wären. Die Kriechen gaben den stärker» Ballisten den Namen Ona- g e l,dieRömcr nannten sie Mang an um, woraus später M a n g c entstand, das auch zu- weilcn.M arga heißt. Die Ballisten wurden nicht blos bei Belagerungen gebraucht, sondern auch In den Feldschlachten; dann waren sie aber bloße Handballisten, welche von einzelnen Soldaten getragen werden konnten. Die Anzahl dieser Schleuderwerkzeuge bei den Alten war sehr groß, und Scipio soll, nach Livius, bei der Einnahme von Neukarthago deren 538 von allen Sorten erobert haben. Nach deö Zosephus Angabe beschossen die Römer Jerusalem mit 40 Ballisten und 300 Katapulten. Der Scharfsinn der Alten ließ bald beide Werkzeuge miteinander verbinden, sodaß neben dem Hebelarm der Balliste noch ei«e Pfeilrinne angebracht ward, um einen oder mehre Pfeile oder Steine gleichzeitig in flacher, wagerechter Richtung fortzuschleudern. Die Größe der Ballisten wird verschieden angegeben. Plutarch erzählt, daß Archimedes bei der Vertheidigung von Syrakus eine Balliste gebraucht habe, welche zehn Centner schwere Eisenstücke geschleudert haben soll. Obgleich die Ballisten durch die Erfindung der Pulvergeschütze verdrängt wurden, so hat es doch selbst in neuester Zeit nicht an Vorschlägen gefehlt, sie ihrer Wohlfeilheit wegen neben jenen zu gebrauchen; einer der sinnreichsten dieser Vorschläge gehört den, schweb., nachmals preuß., General von Helvig. Auch der Professor der Mathematik Gobert in Berlin hat das Modell einer von ihm erfundenen Balliste hinterlassen. Ballistik heißt die Lehre von der Bewegung geschossener oder geworfener Körper, welche es besonders damit zu thun hat, die Flugbahn der Geschosse im widerstehenden Mittel, d. i. der Luft, zu bestimmen. Namentlich beschäftigten sich mit dieser Lehre Newton, der Engländer Nobins und Euler. Des letztern Arbeiten hat der General Tempelhoff in seinem „Lombarclier^irNWon" (Berl. 1781) zur Lösung des ballistischen Problems benutzt, das nachher von Massenbach und Komarzewsky erläutert wurde. Vgl. Obenheim's „Lnllistiyuo" (Strasb. 1814). Der von Robins erfundene ballistische Pendel besteht in einer Maschine, bei der entweder ein starker Holzblock pendelartig aufgehangen ist, gegen den eine Kugel abgeschossen wird, worauf dann aus dem Schwingungswinkel des Pendels die Geschwindigkeit der abgeschossenen Kugel berechnet wird; oder cs ist eine kleine Kanone an dem Pendelarm befestigt, welche abgefeuert, und wo alsdann aus dem Rücklauf derselben die Geschwindigkeit der Kugel berechnet wird. Alle ballistischen Pendelversuche haben bis jetzt zu keinem befriedigenden Resultat geführt. Die Engländer haben die Versuche ins Große getrieben, den Block über 6000 Pfund sschwer gemacht und eine sechs- pfündige Kanonenkugel dagegen abgeschossen, Ahne den eigentlichen Zweck zu erreichen. Ballotage oder Kugelung nennt man eine Art des Abfiimmens. Jeder der Stimmenden erhält dabei eine'weiße und eine schwarze Kugel (tmllotte) und drückt, durch Einwerfen derselben in ein Gefäß, mit der weißen die Bejahung oder Zustimmung, mit der schwarzen die Verneinung aus. Ballspiel war eine der beliebtesten Übungen der Gymnastik bei den Alten, die von den Erwachsenen wie von der Jugend, von den vornehmsten Staatsmännern ebenso wie von den Niedrigsten im Volke, von den Meisten fast täglich, getrieben wurde. Der sonst weichliche Mäcenas vergnügte sich sogar auf der Reise, wie wir aus Horaz wissen, an diesem Spiele. In den Gymnasien der Griechen und den Bädern der Römer war eine eigene Ab- lhcilung für das Ballspiel (Spkseristerium) vorhanden, wo auch besondere Vorschriften und Abstufungen nach dem Gesundheitszustände des Spielenden beobachtet werden mußten. Die Arten der Bälle waren sehr verschieden; gewöhnlich waren sie von Leder und mit Luft aufgeblasen, mithin unfern Ballons ähnlich, oder mit Federn ausgestopft; doch verfertigte man auch Bälle aus vielseitigen sich durchschneidenden Stoffen. Platon im „Phädon" erwähnt Prachtbällc, die aus zwölf verschiedenen farbigen Segmenten zusammengesetzt waren. Beim Spiele selbst warf man den Ball theils in die Höhe, theils auf die Erde und lief darnach; auch warfen mehre Personen kleine Bälle einanderzu, entweder um sich zu werfen oder um sie aufzufangen und zurückzuschlagen. Vgl. Böttigcr's „Kleine Schriften" (Bd. 3, Dresd. 1838) und Krause's „Gymnastik und Agonistik d-r Hellenen" (Bd. I, Lpz. 1841). , Ls r r-- kl) Balsame Balsamire« Im Mittelalter hatte man besondere Ballhäuser, und noch gegenwärtig gibt es iu Italien öffentliche Plätze, auf denen man sich mit Ballspiel ergötzt. Balsame nennt man solche harzartige Materien, welche in der gewöhnlichen Temperatur flüssig sind und meist stark und angenehm riechen. Diese Flüssigkeit entsteht von den flüchtigen Ellen, welche allen Harzen beigemischt sind. An der Lust und durch die Länge der Zeit werden die Balsame fest und in concrete Harze umgeändert. Man theilt sie in natürliche und künstliche. Die natürlichen sind vegetabilischen Ursprungs und fließen entweder aus dem Stamme verschiedener Bäume, oder man gewinnt sie durch das Auskochcn der Zweige und Blätter. Die künstlichen entstehen durch verschiedene pharmaceukische Zusammensetzungen und sind kheils dickflüssig wie Salbe und Öl, theils dünnflüssig und hell wie Wasser. Zu den letztem, welche auch geistige Balsame heißen und meist aus Auflösungen ätherischer Öle bestehen, gehören der Hoffmann'sche Lebensbalsam, der Kiesow'sche und Schauer'schc Balsam, der sogenannte Kopf-, Schlag- und Wundbalsam u. s. w. Unter den natürlichen Balsamen sind die vorzüglichsten: I) der Balsam von Kanada, welcher von der Balsamtanne, die in Kanada und Virginien wächst, gewonnen wird; 2) der Copaivabal- sam, welcher von dem in Südamerika einheimischen Balsamcopahubaume gesammelt wird; 3) der Karpatischc Balsam, auch Balsam vom Libanon, von der Zcmbratanne, welche auf den kacpatischen Gebirgen in Ungarn, in der Schweiz, Tirol u. s. w. wächst; -1) der sehr kostbare Balsam von Mekka oder Gilead, von zwei Bäumen, welche hinter Azab längs der Küste bis an die Straße von Bab-cl-Mandeb wild wachsen und nur in einigen Theilen Arabiens, in Palästina und Ägypten angcbaut werden; 5) der Balsam von Peru, sowol von weißer als schwarzer Farbe, vom Balsamholzbaume, der im südlichen Amerika, vornehmlich in Peru wächst; 6) der flüssige Storax, auch flüssiger Amber, aus dem Ambrabaume in Virginien, der aber auch in Östindjen bereitet wird; 7) der Balsam von Tolu vom Bai- sambaumc, der bei Tolu, einer Stadt nicht weit von Cartagena in Columbia, wächst; 8) der Ungarische Balsam, blos ein reines, feines Terpenthinöl und ü)der Terpenthin (s. d.). Die Balsame werden meist nur in der Wundarzneikunst gebraucht und besitzen eine gelind reizende und heilende, schmerz- und krampfstillende Kraft; manche, wie der Copaivabalsam, dienen auch in der Ölmalerei zu verschiedenen Lacksirnisse» u. s. w. Die natürlichen Balsame sind neuerdings Gegenstand sehr wichtiger chemischer Untersuchungen geworden, die großes Licht über die Bildung der Harze und die Nolle der ätherischen Öle in der Pflanzcn- ökonomie verbreitet haben. Balsamircn oder KinbaHamireii nennt man das Verfahren, welches man anwendet, um Leichname vor Verwesung zu schüfen. Dergleichen Verfahruugsarten waren schon den Assyrern, Scythen und Persern bekannt, welchejl^re Leichname durch Überziehen mit Gummi oder Wachs conservirten; am berühmtesten aber haben sich darin die Ägypter gemacht, bei denen alle Leichen cinbalsamirk wurden. Die ägypt. Methode des Balsami- cens ist von Diodor beschrieben; doch ist seine Beschreibung, wenn auch im Wesentlichen durch die Untersuchungen der Mumien (s. d.) bestätigt, „in manchen Stücken undeutlich und noch jetzt herrschen Zweifel. Jedenfalls hatten die Ägypter verschiedene Methoden. Die vollkommenste bestand in Entleerung der Kopfhöhle und Ersatz des Gehirns durch aromatische Substanzen, Herausnahme der Eingeweide, Jmprägnirung derselben mit aromatischen Stoffen und Äusfüllung der Bauchhöhle mit wohlriechenden Harzen oder Asphalt, ferner in Einweichen des ganzen Kadavers in Auflösungen von Natronsalzen und endlich in luftdichter Einwickelung des ganzen Leichnams in aromatisirte Binden. Gesicht und Hände wurden wol auch vergoldet. Daß die ägypt. Einbalsamirung die Leichname nicht unverändert erhielt, zeigt die Ansicht jeder Mumie. Alle Weichtheile sind in ihrer Structur vollständig zerstört und verändert und selbst die äußere Form nur höchst unvollkommen beibehalten. Es wurde also auch hier nur eine Verwandlung der Fäulnis! in langsame Veränderung und Zersetzung erzielt, theils durch Anwendung antiseptischer Stoffe, theils durch Abhaltung der Lust, theils endlich durch Beförderung des Äustrocknens. Die neuere Zeit »nacht nur in seltenen Fällen von» Einbalsamiren Gebrauch und ist ganz von der Idee zurückgckommcn, daß es möglich sei, einen Leichnam für ewige Zeiten unverändert zu erhalten. Es sind nämlich nur zwei Fälle denkbar; entweder man macht die thicrische Substanz dadurch stabil, daß Baltimore II man ihr alle Feuchtigkeit entzieht und sie außerdem vielleicht noch mit Salzen behandelt, die mit ihr stabilere, vielleicht auch dem Ungeziefer nachtheiligc, Verbindungen eingehen, und dann ist wol eine ewige Erhaltung der Masse möglich, die Form geht aber durch die Ein- trocknung gänzlich verloren; oder man hat es darauf abgesehen, den Turgor der Thcile und damit ihre Form zu erhalten, und dann ist nur eine Aufhaltung der Zersetzung zu bewirken, wenn man nicht die Theile immer in der conservircnden Flüssigkeit liegen lassen will. Unter die crstere Classe von Proceduren gehört die zufällige Mumificirung in sehr trockenen Grabgewölben; unter die künstlichen Versahrungsweisen aber die Behandlung mit Feuchtigkeit entziehenden Salzen, mit Kreosot, Holzessig u. s. w., Dinge, die man am besten dadurch im ganzen Körper verthcilt, daß ..man die Auflösung in die Adern injicirt, ein Verfahren, welches vor dem Einweichen der Ägypter den Vorzug verdient. Endlich gehört hierher die Anwendung der nach Chaussier's Vorgänge in Frankreich bis in die neueste Zeit in Gebrauch gezogenen Einweichung des Leichnams in gesättigter Sublimatauflösung mit nachfolgender schneller Trocknung, und die durch Tranchina neuerdings wieder hervorgerufene Znjection mit Arsenikauflöfung. Beide Mittel conserviren vorzüglich, bewirken aber eine ledcrartige Eintrocknung. Die Anwendung von Harzen und Spezereien in allen diesen Fällen ist namentlich, abgesehen von Erzeugung eines Wohlgeruchs, gegen die Thätigkeit des Ungeziefers gerichtet. Daß die Anwendung von Sublimat und Arsenik zu Entwickelung schädlicher Gasarten beim Eintrockncn und Aufbcwahrcn der Leichname Veranlassung gibt, ist bekannt, und namentlich darum hat man sich neuerlich sehr dagegen erklärt. Wenn nun diese Methoden für die Einbalsamirung solcher Leichen, die in Särge gelegt werden sollen, immerhin die besten sein mögen, so passen sie doch nicht, wo man Leichen behufs länger fortgesetzter anatomischer Unters uchungen, besonders im Sommer, längere Zeit zu erhalten sucht, selbst da nicht, wo Leichen öffentlich exponirt werden sollen. Hier gilt es weniger eine absolute Dauer zu erlangen, als vielmehr eine Verzögerung der Zersetzung, die aber mit Anwendung unschädlicher Mittel die Formen ganz erhalten soll. Die Abhaltung der Luft ourchFirniß- und ähnlichcÜberzüge, vielleicht durch galvanische Überziehung mit dünnen Mc- callschichten würde für den letzternZwcck hinreichen, obgleich sie nicht lange wirkt, da die Ursachen der Zersetzung vorzüglich innere sind. Die Behandlung mit Weingeist und Aufbewahrung in Spiritus ist ein bekanntes Mittel dcrAnatomen, welches bei längerer Einwirkung aber die Gewebe sehr verändert. Neuerdings hat Granat in seiner „Ilistoirs ckes embuumemeuts" (Par. 1838) gezeigt, daß Thonerdesalze, in die Gefäße injicirt, eine solche Verbindung der Lhonerde mit den Geweben des Körpers bewirken, daß der lMurssche Turgor und die Form aller Theile ziemlich lange unverändert bleibt unedle Fäulniß lange hinausgeschoben wird. Auflösungen der Thonerdesalze sind zur Conservirung von Präparaten nach ihm besser als Weingeist. Das von Granat gewöhnlich angewendete Salz ist schwefclsaure Thoncrde. Der Procede Granat hat sich eine gewisse Berühmtheit erworben, und diese ist neuerdings bei Gelegenheit des Herzogs von Orleans wieder aufgefrischt worden, da Pasquicr den Leichnam des Herzogs nach Chauffier mit Sublimat, Granat aber auf seine Weise einbal- samiren wollte, worüber sich ein Journalstreit erhob. Handelte es sich blos um die Ausstellung des Herzogs, so hatte Granat recht; sollte aber der Leichnam wirklich mumificirt werden, so ist dies von Granal's Verfahren nicht zu erwarten. Die Anatomen haben übrigens bis jetzt noch keine große Rücksicht auf Granal's Verfahren genommen. Was die neuerdings zu gleichem Zwecke empfohlene Auflösung der Chromsäure leistet, muß erst die Erfahrung lehren. Baltimore, Stadt mit Hafen in der Grafschaft Baltimore im nordamerik. Freistaate Maryland, an dcrNordseite des Flusses Patapsco, der l 4 Meilen vonda in dieChesapeakebai fällt, ward 1729 von Lord Baltimore angelegt und bestand noch 1765 aus nur etwa 50 Häusern. Im I. 1797 wurde B. zur Stadt erhoben und stieg hierauf durch den Handel dermaßen, daß es imJ. 1840 bereits 102313E. zählte, darunter ungefähr20000 Deutsche. Die Stadt wird in die alte Stadt und Fcll's-Poink cingetheilt, die durch ein Flüßchen getrennt sind, über welches drei steinerne und mehre hölzerne Brücken führen. Sie enthält viele ansehnliche Gebäude, unter denen sich die Bank von Maryland, das Stadtgefängniß, Armenhaus, Hospital, die große Börse, das Museum, die Verkaufshallen und mehre der 40 Kirchen und Gotteshäuser für alle Confessionen, namentkich die katholische St.-Paulskirchc, 12 Baltisches Meer auszeichnen. Unter den vielen Monumenten, welche für B. den Namen Monumental cii^ veranlaßt haben, gedenken wir des zu Washingtons Ehre errichteten Denkmals und des Monuments zum Andenken der Schlacht, in welcher 181 -1 der Angriff der Engländer unter General Roß abgeschlagen wurde. Die Straßen sind regelmäßig; die Baltimorcstraßc ist eine engl. Meile lang und 80 F. breit. Das katholische Mariencollegium besteht seit > 806 und hat eine ansehnliche Bibliothek; die 1807 begründete mcdicinischc Lehranstalt wurde 1812 zur Universität erhoben. B. ist der Sih des amerik. Tabackhandcls, und es lieferte sonst die Provinz Maryland nebst Virginien den meisten und besten; auch das Weizenmehl aus den Dampfmühlcn bei B. wird wegen seiner besondern Güte sehr weit verführt. Von dem früher häufig herrschenden Gelben Fieber ist seit mehr als einem Menschcnalter keine Spur vorgekommen. Eine Eisenbahn führt von hier nach Washington (42 engl. M.) und eine andere nach Philadelphia (06 M.). Der Eingang des Hafens ist schmal und durch das Fort Mac- Henry geschützt. Schiffe von 5—600 Tonnen liegen unterhalb der Stadt; nur mit 200 Tonnen können sie bis an selbige gelangen. Zu B. wurde l 831 das erste katholische Concil in der neuen Welt gehalten, bei dem sich sechs Bischöfe, ein Administrator und elf Theologen eingefunden hatten. Es erließ dasselbe einen Hirtenbrief an alle Katholiken in den Vereinigten Staaten, voll von Warnungen gegen den Protestantismus und den religiösen In- differentismus. Hauptförderer des Katholicismus sind hier die Nachkömmlinge der aus Haiti vertriebenen Franzosen und Eingcwanderten aus Frankreich, worunter viele Priester. Baltisches Meer oder die Ostsee heißt der große, mit der Nordsee und dem Kattegat mittels der Meerengen des Sunds, des Großen und Kleinen Belts zusammenhängende Meerbusen, der durch die Küsten von Dänemark, Deutschland, Preußen, Rußland und Schweden begrenzt wird, 190—200 deutsche Meilen lang, 24—48 breit ist, und dessen Flächeninhalt, mit Inbegriff des Finnischen und Bottnischen Meerbusens, 7500 IHM. beträgt. Seine geringe Breite, sowie die im Durchschnitt nur 15—20 Klafter und an sehr vielen Stellen kaum halb so viel betragende Tiefe des Wassers, die flachen preuß. und die meist felsigen schy-ed. Küsten, vor Allem aber der häufig eintretende, von heftigen Stürmen begleitete Wechsel der Winde machen dieses Meer für den Seefahrer gefahrvoll, obwol seine Wellen, an und für sich, minder furchtbar sind als die der Nordsee. Eine Inselkette scheidet den südlichen Theil der Ostsee vom nördlichen oder dem Bottnischen Meerbusen. Der Finnische Meerbusen scheidet als östliche Einbuchtung in den russ Continent Finnland von Esthland. Ein dritter Meerbusen ist der Rigaische oder Liefländische. Das Kurische und Frische Haff sind Buchten an der preuß. Küste. Das Wasser der Ostsee ist kälter und klarer als das des Oceans; es enthält weniger Salzth^sle^ und das Eis hindert jährlich 3—4 Monate lang die Schiffahrt. Ebbe und Flut sind, wie in allen so enge verschlossenen Binnenmeeren, wenig bemerkbar, doch steigt und fällt das Wasser zu Zeiten, wiewol aus an- dern Ursachen, insbesondere vermöge der verschiedenen Wassermenge, welche je nach der Jahreszeit von den Flüssen zugeführt wird. Bei stürmischem Wetter findet man an den Küsten Preußens und Kurlands Bernstein, den die Wellen an das Ufer spülen. Es ergießen sich in die Ostsee eine Menge Flüsse, darunter aus Deutschland Trave, Warnow, Oder, Nega, Persante u.s. w.; aus Preußen Weichsel, Pregel und Nicmcn; aus Rußland Windau, Düna, Narwa, Newa und Uleä und aus Schweden Torneä, Luleä, Piteä, Umea, Angermannä und Dal-Elf, sowie der Abfluß des Mälarsees. Unter den Inseln im Baltischen Meere sind die bedeutendsten Seeland, Fünen, Bornholm, Sams-Öe, Möen, Langeland und Laaland, die zu Dänemark gehören; die schweb. Gottland, Öland, Hveen im Sunde; die zu Rußland gehörenden Alandsinseln am Eingänge des Bottnischen Meerbusens und Dagoe nebst Oesel an der liefländ. Küste, und endlich die preuß. Insel Rügen. Die Zahl der Schiffe, welche jährlich aus dem Baltischen Meere in die Nordsee und aus dieser in jenes einlaufen, beläuft sich auf mehre'Tausende. Durch den Eider- oder schleswigholst. Kanal, welcher in der Ostsee bei Friedrichsort seine Einfahrt und in der Nordsee seine Mündung bei Tönningen hat, hangen diese beiden Meere zusammen, und es wird durch diese Verbindung vorzüglich in milden Wintern die Getreideausfuhr nach Holland und Frankreich erleichtert. Die wichtigsten Handelshäfen an der Ostsee sind in Dänemark Kopenhagen, Flensburg, Schleswig und Kiel; in Deutschland Travemünde (Lübeck), Wis- Balzac (Sonore de) Balzac (Jean Louis Guez de) 13 mar, Rostock, Stralsund, Stettin mit Swincmünde und einige pvmmersche Häfen; in Preußen Danzig mitWcichselmünde, Elbing, Königsberg mit Pillau und Memel; in Rußland Riga, Reval, Narwa, Kronstadt (Petersburg) und Sweaborg und in Schweden Stockholm, Karlskrona und Ustadt. Ein äußerst wichtiges Phänomen ist die Hebung der baltischen Küsten; sie war gegen die Mitte des vorigen Jahrh. ein Gegenstand vielfacher Verhandlungen unter den Physikern. Dieselben hatten fleißige Beobachtungen zur Folge wie sie durch den Flottencapitain Neinecke im Aufträge der Petersburger Akademie mittels eingehauener Marken an den finnischen Felsküsten, durch Pegelbeobachtungen zu Memel, Pillau und an andern Orten und durch Forchhammer's Untersuchungen in Dänemark geschahen. Einzelne Zahlenwerthe, wie das Steigen zu Sweaborg in 4» Jahren um 10 Zoll, zu Memet in 25 Jahren sogar um 1 F. 2°f/,a« Zoll, lassen durch die Authenticität ihrer Wahrheit nicht mehr an dem Steigen der baltischen Küsten zweifeln, im Gegensätze zu dem erwiesenen Senken der Nordseegestade. Es ist die Ostsee nächst der Westküste Italiens, der Küste bei Kutsch in Vorder- und der Küste bei Arakan in Hinterindien das bis jetzt bekannte vierte Hebungsgebiet der alten Welt. Balzac (Honore de), einer der gclesenstcn unter den neuesten Romanschriftstellern Frankreichs, geb. am 20. Mai 1799 zu Tours, kam, nachdem er seine Studien auf dem College zu Vcndome vollendet hatte, um 1820 nach Paris, wo er nun anfing, sich als Schriftsteller zu versuchen. Bald darauf legte er eine Buchdruckcrei an, doch griff er, als seine Geschäfte keinen günstigen Erfolg hatten, wieder zur Feder. Er ließ sich durch den geringen Erfolg seiner ersten Werke nicht abschrecken, sondern schickte einige dreißig Bände in die Welt hinein, ohne fleh in ihnen auch nur über die Mittelmäßigkeit zu erheben. Später, als sein Name ansing, einen bessern Klang zu erhalten, hat er auch den größten Theil der Romane, die unter den Pseudonymen Horace de St.-Aubin, M. de Villergle de St.-Alme, Lord R'Hoone erschienen sind, und die ihm allgemein zugeschricben werden, geradezu verleugnet. Als Wendepunkt in der literarischen ThätigkeitB.'s kann das Erscheinen seines Romans „I-es ckerniers ekonnns, ou la Bretagne en 1800" (Par. 1829) gelten, mit dem crdiePiganlt-Lebrun'sche Manier, der er bis dahin gehuldigt hatte, abstreifte. Von dieser Zeit an zählte er mit unter den beliebtesten Romanschriftstellern. Zu seinen besten Werken gehören die „Lll^smlogie 0u Mariage" (2 Bde., Par. 1831) „8cenes e sieur «le Baisse pour l'esbsttement «1e kauiagrue- listes et non sultres" (2 Bde., Par. 1833) Wandelter ganz in den Fußtapfen Rabelais'. Der große Erfolg seiner Schriften hat B. veranlaßt, sich beiweitem zu überschätzen, wie dies die neue Ausgabe seiner sämmtlichen Werke beweist, die unter dem anspruchsvollen Titel „Ba comeclie liumainv" erscheint, und wo er sich in der Einleitung mit den erster. Dichtern und Philosophen aller Zeiten auf eine Linie stellt und es als das Ziel seiner schriftstellerischen Thätigkeit bezeichnet, das ganze menschliche Leben in allen seinen Richtungen darzustellen. Neuerdings hat er sich auch als dramatischer Dichter versuchtin seinen ,,Va»- trm" und den „Ressources 6e yuinola", aber mit entschiedenem Unglück. , Balzac (Jean Louis Guez de), berühmt besonders als Briefschriftsteller, war zu An- gouleme 1594 geboren. Nachdem er einige Zeit als Geschäftsführer des Kardinals Lavalette in Rom gelebt, ging er nach Paris, wo er durch sein Talent die Aufmerksamkeit des Kardinals Richelieu auf sich zog, der ihn, ein Jahrgeld und dann den Titel eines Staatsraths und Historiographen verlieh. Ohne Tiefe des Geistes und ohne Originalität hatte er sich die Kunst des rhetorischen Vortrags angceignet und gehört zu Denjenigen, die zur Aus- -- >--< - - Ls ' 14 Bamberg bildung der franz. Prosa viel beigclragen haben. Unter seinen didaktischen Schriften sind vorzüglich „L>e prince" und „I^e 8ocrate cbretivn" zu bemerken; den meisten Beifall aber fanden seine Briefe, die zum Theil erst nach seinem Tode durch Girard veröffentlicht wurden und in einer passenden Auswahl von Champcnon („Elioix des lettros de II.", 2 Bde., Par. 1806, 12.) und unter dem Titel „kensees dev." (Par. 1807, 12.) erschienen. Heftige literarische Streitigkeiten mit dem Pater Goulu veranlaßten ihn, Paris zu verlassen. Er zog sich auf sein Gut Balzac an der Charente zurück, wo er am 18. Febr. 1655 starb. Die vollständigste Ausgabe seiner Werke erschien zu Paris (2 Bde., 1665, Fol.). Bamberg im bair. Kreise Oberftanken, ein merkwürdiger Punkt in Deutschlands Kulturgeschichte, vormals die Haupt- und Residenzstadt eines reichsunmittelbarcn Hochstifts, liegt in einer reizenden und fruchtbaren Gegend unweit der Mündung der Ncgnitz in den Main. Es hat gegen 20000 E. und ist jetzt der Sitz eines Erzbischofs mit einem Domcapitcl und eines Appellationsgerichts; auch hat es eine landärztliche Schule, ein Lyccum, Gymnasium und Schullehrerseminar. Unter die Sehenswürdigkeiten der Stadt gehören die von Kaiser Heinrich II. erbaute und nach dem Brande im 1.1080 vom Bischöfe Otto 1.1110 in ihrer gegenwärtigen Gestalt wiederhergestcllte, 1828 im ursprünglichen Baustile restaurirte Domkirche, mit vier Thürmen, den Grabmälern Heinrich's II. und seiner Gemahlin Kunigunde, Konrad's III., des Papstes Clemens' II. und vieler anderer Bischöfe (vgl. „Beschreibung der bischöflichen Grabdenkmale im Dome zu B.", Bamb. 1827), die im Besitz eines reichen Kirchenschatzes ist; ferner das ehemals sürstbischöfliche Nesidenzschloß aus dem Petersberge, vom Bischöfe Lothar Franz von Schönborn im ital. Geschmacke im J. 1702 erbaut, mit schönen Frescogemäldrn; die Jakobskirche, welche dem 1073 vom Bischöfe Hermann gestifteten, 1803 aufgelösten Stifte St.-Jakob gehörte; die altgothische Pfarrkirche Unserer lieben Frauen, gebaut um die Mitte des 13. Jahrh., und die schöne ehemalige Universitats- kirche, welche 1690—93 von den Jesuiten erbaut wurde und jetzt der Pfarrei St.-Martm gehört. Die reiche ehemalige Benedictinerabtei Michelsberg wurde 1803 zum Bersor- gungshaus armer Bürger, jetzt Ludwigshospital genannt, und die dazu gehörige Propste! St.-Gertrud zur Irrenanstalt umgewandelt, das Dominicanerklostcr zu Kasernen, das der Franciscaner für das Stadtgericht, das 1671 gestiftete Seelenhaus für das Schullehrerseminar und das Jesuitencollegium zu Wohnungen für Geistliche bestimmt. Die an der Stelle des 1585 errichteten Gymnasiums 1637 vom Bischof Otto gestiftete und 1638 ein- geweihte Universität wurde vom Bischof Friedrich Karl 1735 durch die juristische und medi- rinische Facultät erweitert, 1803 aber aufgehoben und in ein Lyceum verwandelt, in welchem ein philosophischer und theologischer Cursus vorgetragen werden. Die ehemalige bischöfliche, jetzt königliche Bibliothek von 60000 BanhW Hat einen Reichthum an seltenen Handschriften und alten Drucken. Vgl. Jäck, „Beschreibung derVibliothek zu B." (3 Bde., Nürnb. 1831 — 33). Um die vaterländische Kunstgeschichte hat sich der Kunsthistoriker Jos. Heller sehr verdient gemacht, indem er ausgezeichnete Sammlungen dafür begründet. Die Hauptnahrungszweige der Stadt, die in Folge der Säcularisation unendlich gelitten, bilden die Gärtnerei, insbesondere der Anbau officineller Pflanzen, und Bierbrauerei. Der Handel ist durch die Lage der Stadt an der schiffbaren Ncgnitz und am Ludwigskanale belebt. Ausgeführt werden namentlich Süßholz in sehr bedeutender Quantität, ferner weiße und gelbe Rüben und andere Gartengewächse, Obst, Anis, Koriander und Sämereien. Es gibt aber auch in B. über 500 Gärtner und gegen 60 Bierbrauereien. Die Erbauung der Stadt und ihren Namen veranlaßte die alte Feste Babenberg in ihrer Nähe, wo die Grafen von Babenberg (s. d.), die Besitzer dieser Gegend, ihren Sitz hatten. Ihre Selbständigkeit, die sie durch kaiserliche Privilegien gewonnen, bewahrte sie in gewissen Beziehungen auch unter dem Krummstabe. Das Bisthum B. wurde 1007 von Kaiser Heinrich II., der B. 995 von seimm Vater, dem Herzoge Heinrich von Baiern, den der Kaiser 975 damit bcliehen, erbte, gestiftet und von ihm sein Kanzler, Eberhard, zum ersten Bischof ernannt, wie denn auch später die Kaiser und Päpste die Bischöfe von B. einsetzten und längere Zeit bedeutenden Einfluß auf die Wahl derselben äußerten, bis 1398 das Capitel gänzliche Wahlfreiheit erlangte. Die weise Regierung der Bischöfe zuB. wurde nur einmal gestört, als >335 die Bürger sind »bcr nir- ide., hef- sen. arb. mds ists, den pitcl ana- aiser ihrer >om- mde, Ader Kir- vom schö- Ufte- iserer ltäts- artin ersor- opstei >s der chrer- n der z ein- medi- l wel- ze bi- itenen Bde., vriker ündet. litten, ruerei. banale ferner ereien. auunz wo die Selb» Bezie- seincm te, gc- n auch m E"' langte. Sürger Bamfiocciaden Ban 15 der Stadt sich zusamnienrotteten und mit Gewalt den Bischof Anton von Notenhahn vertrieben. Durch die Reformation, welche der Bischof Weigand von Rcdwitz vergebens zu hindern sich bemühte, verlor das Bisthum >535 mehr als die Hälfte seiner Besitzungen und war seitdem sehr oft mit Würzburg unter einem Bischöfe vereinigt. Große Verdienste um B. erwarben sich in den letzten Zeiten die Bischöfe Lothar Franz Graf von Schönborn, gest. 1729; Friedr. Karl Graf von Schönborn, gcst. 1746; Phil. Ant. von Frankenstein, gcst. 1753; Adam Friedr. Graf von Scinsheim, gest. 1779, und vor Allen Franz Ludw. von Erthal, gcst. 1795. In Folge des luncvillcr Friedens wurde auch das BisthumB., das damals 65 OM. mit 2 99660 E. umfaßte, säcularisirt, Pfalzbaiern zugetheilt, und der letzte, der Zahl nach 61. Fürstbischof, Christoph Franz von Buscck, der dann am 5. Oct. 1895 starb, mit 40099 Fl. pcnsionirt. In Folge des zwischen Baicrn abgeschlossenen Concor- dats imJ. 1817 wurde B. zum Erzbisthum erhoben und ihm die Bisthümcr Würzburg, Eichstädt und Syrier untergeordnet. Vgl. Jäck's „Geschichte B.s" (4 Bde., Bamb. 1896 —9); desselben „Lehrbuch der allgemeinen Geschichte B.s" (2. Aust., Bamb. 1829); desselben „Bambergische Jahrbücher von 741 —1833" (5 Bde., Bamb. 1829—34) und Eisenmann's „Geographische Beschreibung des Erzbisthums B." (Bamb. 1833). Bambocciäden werden in der Malerei solche Bilder genannt, die Gegenstände und Scencn des gemeinen Lebens auf eine groteske Weise darstcllen, z. B. Jahrmärkte, Baucrn- seste u. dgl. Der Name rührt von Peter van Laar (s. d.) her, der wegen seiner Misgcstalt Bamboccio, d. i. Krüppel, hieß, obschon er diese Gattung nicht zuerst einführte. Bambus, ein Gewächs aus der Familie der Gräser, welches man, ehe die Blüten bekannt waren, zu den Rohrarten zählte. Es ist baumartig, erreicht eine Höhe von 60 F. und wächst an sandigen Orten Ostindiens. Der in Westindien vorkommende Bambus soll von dem ostindischen als Art verschieden sein.^ Aus einer Wurzel kommen 29—190 Halme, die sich nach oben vielfach verzweigen. Sie sind gegliedert, an den Gelenken mit festen Scheidewänden versehen und ihre Höhlung ist mit lockerm Marke erfüllt. Die ausgehöhlten Zweige benutzt man zum Auffangen des Palmweins und anderer Flüssigkeiten. Aus den Blättern sollen die Chinesen Hüte flechten und aus der Oberhaut des Halms Papier verfertigen. Die jungen Triebe genießt man im Orient in Essig eingemacht; die größcrn Schößlinge erhalten wir als Stöcke. Aus den Knoten des Bambus schwitzt ein zuckerhaltiger, an der Luft vertrocknender Säst, den die Griechen Indischen Honig nannten. Man nennt ihn auch Tabaxis oder Tabaschir. Eigentlich belegt man aber mit diesem Namen eine kiesel- und kalkhaltige, phosphorescirende Substanz, die sich in den Knoten der Bambus,^ 7vr? auch anderer großer Grasarten, an trocknen Orten erzeugt. Ban oder Banus, entstanden ans dem zusammengezogenen slaw. Worte Bojan, d. i. Herr, war in früher« Ztiten Titel und Würde der Befehlshaber mehrcr östlicher Grenzmarken des ungar. Reichs. Der Ban war in seinem Bezirke gleich dem Palatin in Ungarn der Nächste nach dem König und hatte in Beziehung auf Verwaltung und Gerichtsbarkeit dieselben Rechte und Pflichten wie jener; in Kriegszeitcn war er der Feldherr der Truppen seines Banats und hatte, wenn der Feldzug sein eigenes Banat betraf, nicht nur für den Unterhalt des Heers zu sorgen, sondern auch beim Vorrücken die Vorhut und beim Rückzüge die Nachhut zu decken. So gab es in den altern Zeiten Bane und Banate von Krajowa, Machow, Belgrad, Srebernik, Jaicza u. s. w., und auch das jetzige sogenannte Temeswarer Banar (s. d.) hat, obgleich wir keinen eigentlichen Ban von Temcs in der Geschichte finden, von seiner Grenzlage diesen Namen bekommen. Die vordringende osman. Macht verschlang nach und nach alle Banate in der Walachei, Bulgarien, Serbien und Bosnien; nur in Dalmatien und Kroatien hielt sich der Ban, und cs erhob sich später beim wachsenden Kriegsglücke Ostreichs dieses Banat des ungar. Reichs fast zur früher« Herrlichkeit, bis die neu eingeführte Verfassung der Militair grenze (s. d.) die Macht auch dieses einzig übrig gebliebenen Bans brach. Der Ban von Kroatien, Slawonien und Dalmatien folgt jetzt unmittelbar nach dem äuclox cnrise und ist der dritte der ungar. Reichsbarone. Bei Krönungen trägt er den Reichsapfel und hat in seinen drei Banaten die Stellung des Palatins. Er ist der Feldherr des Aufgebots oder Heerbanns, hier Jnsurrection genannt, er hat das Eeneralat in den beiden sla'wonischcn Militairgrcnzdistricten Gradiska und Brod, welche l6 Banat Banvello daher die Banaten genannt werden, und ander Banaltafel zu Agram den Vorsitz, die für sein Banat von derselben Bedeutung ist, welche für das übrige Ungarn die königliche Tafel hat. Sie erkennt nur die Septemviraltafel über sich an. (S. Ungarn.) Vgl. Bel, „De ^rcili-ofüciis regM HmiAarise" (Lpz. l 7 9^, ^.). Banat bezeichnet im Ungarischen im Allgemeinen eine Grenzprovinz, in ähnlicher Weise wie in Deutschland das Wort Mark. Von den verschiedenen Banaten Ungarns hat sich nur das sogenannte Temeswarer Banat erhalten, welches, >enseit der Theiß liegend, die drei Comitate oder Gespanschaften Torontal, Temcswar und Ärassowa umfaßt. Das Banat ist zum Drittheil sehr gebirgig, zum Theil morastig und durchgehend reich bewässert. Das Klima zeigt große Verschiedenheit; während auf den Hochalpen und in Bergklüften ewiger Schnee sich findet, fällt solcher an andern Orten nur in strengem Wintern. Der banatcr Hirse, Weizen und Kukuruß oder Mais ist ausgezeichnet; der Reisbau sehr bedeutend; auchwerdenBaum- wollenzucht und Seidencultur mit Erfolg getrieben und an einigen Orten süßer Wein erbaut. Die ansehnliche, besonders durch Einwanderer wachsende Bevölkerung des Banats besteht meist aus Machen und Bulgaren, Zigeunern, Raitzen und Deutschen, unter welchen in den Gebirgsgegenden die wlachische, in den Städten und colonisirten Niederungen die deutsche Sprache vorherrscht. AckerbauundViehzuchtsinddieHauptnahrungsquellen der Einwohner; von Fabriken ist keine Rede, und nur der Bergbau auf Kupfer, Blciglätte, Zink und Eisen unter der Direction zuOravicz beschäftigt 4—5000Bergleute,meistWlachen. Die Hauptstadt des Banats istTemeswar (s. d.). Merkwürdige Punkte sind die Vcteranische Höhle am Ufer der Donau und das Eiserne Thor, eine furchtbare Felsencnge der Donau. Häufig findet man im Banat röm. Alterthümer. Bonden Römern wurde cs größtentheils zu Dacia Riparia und Cisalpina gerechnet; die erobernden Magyaren begriffen es mit unter dem Capitanate Kant. Später von den Osmanen erobert, war es die letzte Provinz des Ungar. Reichs, welche Ostreich ihnen wieder entriß und seit dem Frieden von Passarowitz im' I. !7l8 behauptete. Vgl. Griselini, „Versuch einer natürlichen und politischen Geschichte des temeswarer Banats" (Wien l785) und Hietzinger, „Versuch einer Statistik der Militairgrcnze des östr. Kaiserthums" (Wien 1817). Banca, eine Insel an der Südostküste Sumatras, von 15Ü OM. Flächeninhalt mit etwa 169000 E., worunter viele Chinesen, ist besonders durch ihre Zinnberge und wegen der Perlenfischerei berühmt. Die Ausbeute an Zinn wird jährlich zu 3 Mill. Pf. berechnet, und es geht dasselbe zum größten Theil nach China, jedoch auch nach Europa. Die Insel steht unter dem Sultan von Palembang, der seit 1817 nicderländ. Vasall ist. Banda, s. Gewürzinseln. Üancka ttrientai, eine Landschaft Südamerikas am östlichen Plataufcr, früher mit Montevideo (s. d.) unter span, dann unter portugies. Herrschast.vereinigt, 1815 unter dem Jnsurgentenchcf Jose d'Artigas kurze Zeit eine Militairrepublik, wurde 1821 unter dem Namen krovmciu cis^Istana mit Brasilien vereinigt, 1828 aber im Tractat zwischen Brasilien und Buenos-Ayres zu Montevideo unter dem Namen Urugu ay (s. d.) als Republik anerkannt. Baudello (Matteo), ital.Novcllendichter, geb. um 1-180 zu Castelnuovo in Piemont, war anfangs Dominicanermönch, wendete sich aber, nachdem ihn sein Oheim, der seit 1501 Ordensgeneral geworden, mit auf Reisen genommen hatte, bald einer freiem Lebensart und dann in Rom und Neapel dem Studium der schönen Wissenschaften zu. Aus Mailand, wohin er sich hierauf wendete und wo er Pirro Gonzaga's Tochter Lucretia unterrichtete, wurde er, als ein Anhänger Frankreichs, nach der Schlacht von Pavia 1525, durch die Spanier vertrieben. Er ging anfangs zu Lodovico Gonzaga, dann zu Cesare Fregoso, dem er, da derselbe in franz. Dienste getreten war, im Feldlager und an den Höfen ital. Fürsten Gefährte und Freund war, überall ein Günstling hochgestellter Männer und ausgezeichneter Damen seiner Zeit. Von Franz I. mit nach Frankreich genommen, lebte er nach dem Tode Fregoso's zu Agen bei dessen Familie und ward 1550 Bischof dieser Stadt. Sehr bald übergab er indeß die Verwaltung seines Sprengels dem Bischof von Graste, um sich ungestört mit der Vollendung seiner Novellen zu beschäftigen, die er in drei Bänden (Lucca 1554) erscheinen ließ, zu denen noch ein vierter (Lyon 1573) nach seinem Tode kam, der wahrschei«- Limäe noire Banderien 1? »ich um 1562 erfolgte. Eine neue Ausgabe besorgte Camillo Franceschini (Len. 1566, i.). Nach mehren verstümmelten Ausgaben erschienen erst im 18. Jahrh. verschiedene vollständige. In der deutschen Übersetzung von Adrian (3 Bde., Franks. 1818—19) ist mir das Unanstößige gegeben. Außerdem sind von B. gedruckt „Lunti XI Uelle Io6i llells 8.1.u- croriia LlonruAU üi Osnruela e clelvoro umors, col tompin 6i ^uclicitia" (Agen 15-15) und noch zwei andere Gedichte, insgesammt von nicht hohem Werthe. Andere Gedichte B.'s, welche sich handschriftlich zu Turin befinden, gab Costa heraus unter dem Titel „Limo ein biederer, gefälliger, doch keineswegs lebensfroher Mann. — Sein jüngerer Bruder, Jo h. er V ince nz B., geb. 1783 zu Lublin, war zur Zeit des HerzogthumsWarschau Notar, später ft, Professor der Rechte an der warschauer Universität. Erhatsich durch mehre juristische Schriften rn vortheilhaft bekannt gemacht; auch gab er das „äus culmense" (Marsch. 1814) und eine rt, Sammlung der altern Rechtsdenkmälcr Polens, „äus polonicum" (Marsch. 1831), heraus. ». Baner (Johan), gewöhnlich Banner genannt, schweb.Feldherr, aus einem der älte» it, sten Geschlechter, wurde am 23. Juni 1595 auf dem Rittergute Djursholm bei Stockholm >a- geboren. Noch als Kind verlor er seinen Vater, einen der unglücklichen Rathsherren, die Karl IX. 1600 inLinköping hinrichten ließ. Auf dem Gute Hörningsholm, wo seine Mutter, n) Christina Sture, nach des Gatten Tode sich aufhielt, stürzte er in seiner Kindheit aus dem dritten rfe Stockwerke herab, ohne irgend Schaden zu nehmen. Als er als Knabe an den Hof des ftr Königs kam, und dieser ihn fragte, ob er in seinen Dienst treten wollte, antwortete er kühn: ,en „Der Teufel mag dir dienen, dem Henker meines Vaters." Wirklich nahm er erst nach dem so Tode Karl's IX. Kriegsdienste. Schon in den Kriegen mit Rußland und Polen zeichnete er nd sich bei mehren Gelegenheiten aus; größere Lorbern brachte ihm der Dreißigjährige Krieg. Als t e Generalmajor hatte -er Theil an der Einnahme mehrer Orte in Pommern und Mecklenburg, ig, In der Schlacht bei Leipzig hatte er neben dem König den Befehl über den rechtenFlügel und ich theilte mit ihm die Ehre des Siegs über Pappenheim, sodaß Gustav Adolf „seinen ritterli- i d- chen Muth höchlichst rühmte und ihm einen großen Partikul der glo reichen Victorie zueignete". F Seitdem folgte er dem Könige, kämpfte mit ihm bei Donauwerth und amLech undnahmTheil oe- an der Eroberung von Augsburg und München. Bei dem Angriffe auf W allenst ein's Lager vcr wurde er schwer am Arme verwundet; dessenungea chtet. übronahm dem Abzüge »d, des Königs nach Sachsen den Oberbefehl über alle TKippen in den vier Oberkreisen und gen zwang mit Beihülfe Gustav Horn's den' General Alkringer, Baiern zu räumen. Die nd- Nachricht vom Tode des Königs traf ihn in Magdeburg, wo er seiner Wunden wegen sich nd- aufzuhalten genöthigt war. Nur durch Oxensticrna's Bitten ließ er sich bewegen, den Be- zu- fehl nicht nicderzulegen. Als Feldmarschall der Krone Schwedens und des niedersächs. mk- Kreises sammelte er 1634 ein Heer von 16000 M., meist Schweden und Brandenburger, gen mit dem er nach Böhmen zog, wo er sich mit dem kursächs. Heere vereinte und auf dem wr- Weißen Berge vor Prag lagerte. Doch das Zögern der Verbündeten und die Niederlage der egs Schweden bei Nördlingen vereitelten gänzlich seinen Plan. Aus der verzweifelten Lage, in -3 welcher sich in jener Zeit das schweb. Heer in Deutschland befand, errettete es B. durch die Siege bei Wittstock am 24. Sept. 1636 mit 22000 M. gegen das kursächs. 30000 M. iph, starke Heer, und bei Chemnitz am 4. Apr. 1639 gegen die Kaiserlichen und den Kurfürsten, aus welche 8000 M. an Tobten und 3000 Gefangene verloren. Hierauf überschwemmten die um Schweden einen großen Theil Deutschlands bis nach Böhmen und Schlesien hin. Groß iftn waren die Greuel, die sie verübten; viele Tausend Klöster, Dörfer und Schlösser wurden »au, eingeäschert. Den kühnen Plan B.'s, Regensburg, wo der Kaiser und die Reichsstände ver- viel sammelt waren, durch Überrumpelung zu nehmen, vereitelte das schnelle Aufbrechen der ück- Donau. Krank kam er von diesem Zuge zurück und starb in Halberstadt am 10. Mai 1641, teilt wie Einige meinten, an Gift, wahrscheinlich aber in Folge seines ungeregelten, sehr sinnlichen na- Lebens. Schon die Zeitgenossen erkannten B. als einen der größten Feldherren; der das 2 * 20 Banim Bank König von Frankreich nannte ihn in Briefen seinen Cousin, und der Kaiser bemühte sich, ihn für seinen Dienst, indem er ihm die reichsfürstliche Würde und Belehnung mit de» Wallenstcin'schen Besitzungen versprach, zu gewinne». Weniger glücklich bei Belagerungen, wo mehr Ausharren als stürmische Heftigkeit crfodert wird, war er desto großer auf dem Schlachtfelde. Über 600 Fahnen lind Standarten sandte er nach seinem Vaterlande als Denkmäler seines Siegerruhms. Banim (John), der berühmte irische Novellist, dessen Sittengemälde in Romanform i» neuester Zeit in England großes Aufsehen erregten, war im 1.180» geboren. Von Scott angeregt, suchte B. Das, was jener für Schottland war, für Irland zu werden und hat in einer Reihe von Lebensbildern, in denen er mit kräftigen Lichtern und Schatten die irische Volksthümlichkeit malt und mit kühnen Zügen das Volksgefühl aufruft, Proben seines großen Talents, seiner ergreifenden Kraft und lebendigen Phantasie gegeben. Den „Isies oktiiL 0'üsia kami> 7 " (Land. 182 5) folgte 1827 die zweite Serie desselben, die der großen Er- Wartung entsprach, welche die erste angeregt. Zunächst erschienen „Hiebsttle ok tbevozne" (1828), eine Schilderung der großen Krisis, in der das katholische Irland erlag; „17>e 6rc>ppx" (1828), Bilder aus dem letzten Bürgerkriege während der franz. Revolution; „Tire Oenouncsä" (1830), Bilder aus der Zeit der härtesten Bedrückung unter Wilhelm III. ; „Tks smilFAler" (1831), der an Englands Küste spielt; ,,1'tie mayor «f Winclgsp" und „bstller 6onneII". Die Whigregierung verlieh B. 1837 eine kleine Pension, die später erhöht wurde. In Armuth starb er am I. Aug. 1842 zu Windgap Cottage bei Kilkenny. B. mußte auf dem Boden seines Erin bleiben, um ganz er selbst zu sein. Keiner seiner Vorgänger, die Irland in die moderne Romantik eingeführt, wie die Edgeworth, Morgan, Crofton Croker, hat den irischen Landmann in seiner pittoresken EigenthüMlichkeit, in seinen Drangsalen und Verirrungen so lebendig und wahr geschildert, und Wenige kommen ihm gleich in der Darstellung einer kaum civilisirten Menschengssellschaft, einer wilden, die Tiefen der Menschcnnatur aufwühlenden Leidenschaft. Meist auch glücklich in Anlage und Verwickelung, gefiel er sich doch zu sehr in der Ausdehnung des Schrecklichen. Die langen politischen Erörterungen mögen gründlich sein, stören aber die poetische Wirkung. Auch war er nicht frei von der kleinlich ausmalenden Schilderung in Scott's Manier. Mehre seiner Romane sind ins Deutsche übersetzt, namentlich von Lindau und Ad. Wagner. Bank nennt man jede Erhöhung deS Bodens in geringer« Höhendimensionen, aber gewöhnlich größerer Länge als Breite, gleichviel ob über oder unter dem Meeresspiegel. Die Bänke, welche durch Erhöhung des Meeresgrundes, auch wol durch Korallen, Muscheln oder Sand im Meere entstehen, find der Schiffahrt oft gefährlich und machen viele Meersgegenden, besonders in der Nähe der Küsten unsicher^ssa^je Nadel bank, Bahamabank, Neufundlandbank u. s. w. Unter den Bänken desfestcn LandE verdienen die einzelnen Felsplatten in den weiten Ebenen des Amazonenstroms und des Orinoco in Südamerika einer be- sondern Erwähnung; sie gleichen zur Zeit der großartigen Regenüberschwemmungen kleinen Inseln, auf denen alles Lebende eine Zuflucht vordem Tode des Ertrinkens sucht. — Bank, auch Geschützbank oder Barbette, heißt in der Militairsprache eine am inner»Fuß der Brustwehr angeschüttete Erhöhung, um Geschütz darauf zu stellen und über die Brustwehr weg nach allen Richtungen hinschießen zu können, was aus Schießscharten nur mit einem ungleich beschränkten Gesichtsfelde geschehen kann. In der Regel liegen die Geschützbänke in den ausspringenden Winkeln der Werke und der Feldschanzen und sind dem Raume nach auf ein bis drei Geschütze eingerichtet; eine Auffahrt, Rampe oder Apareille führt dann von hinten auf die Bank. Das Feuern von Geschützbänken oder über Bank ist nur dann ausführbar, wenn man blos von feindlicher Infanterie und leichtem Geschütz angegriffen wird; ist aber ein Angriff mitsschweren Geschützen zu erwarten, so entsteht der Nachtheil, gegen das Feuer nicht so gut gedeckt zu stehen wie hinter Schießscharten. Um die Vortheile beider Feuerungsarten sowol über Bank als aus Schießscharten zu vereinigen, sind die hohen Rahm- lasteten von Gribeauval erfunden worden. Ist eine Bank nur schmal und blos für Infanterie eingerichtet, so nennt man sie Banket oder Auftritt. Dieser Auftritt läuft hinter der Brustwehr um den ganzen Wall herum, damit er auf jedem beliebigen Punkte mit Infanterie beseht werden kann. Bailkeu 21 Banken. Die Vermehrung von Gegenständen des Umtausches und der durch den vergrößerten Bedarf erhöhte Werth derselben haben es nach und nach selbst in den nur Ackerbau treibenden Ländern unmöglich gemacht, alle Handelsgeschäfte durch baares Geld aus- zuglcichen. Man hat daher, besonders in allen Handelsstaaten, sich genöthigt gesehen, auf Mittel zu sinnen, um den Gebrauch des Goldes und Silbers zu beschränken, und beides zu ersetzen. Das erste war Debet und Credit in offenen Rechnungen, wodurch Derjenige, welcher den größern Betrag an Waaren erhielt, nach einer bestimmten Zeit nur den Rest seinem Geschäftsfreunde baar einzusendcn hatte, wenn sie es nicht vorzogen, ihn beim nächsten Geschäfte in Anrechnung zu bringen. Bei gesteigerten Bedürfnissen und größerm Verbrauche vermehrten sich natürlich auch die Geschäfte, der zeitherige Virecte Umtausch von Waaren zwischen zwei Handelsfreunden mußte größtentheils aufhörcn, weil die vermehrte Nachfrage den Kaufmann nöthigte, nicht mehr mit vielerlei Waaren sich zu befassen, sondern seine Zeit und sein Capital nur wenigen, selbst nur einem Handelsgegenstande zu widmen. Hierzu kommt noch, daß der Wirkungskreis sich immer mehr ausdehnte; der früher auf höchstens zehn Meilen beschränkte ward fünfzig, dann hundert und mehr Meilen groß, und endlich ist es dahin gekommen, daß Weltthcile durch schnellere Verbindung sich näher gebracht worden sind als sonst Städte, welche nur fünfzig Meilen voneinander lagen. Sowie ein Kaufmann nun nicht mehr mit jedem Artikel handeln konnte, ebenso war es nicht jedem möglich, seine Geschäfte nach so weiter Ferne zu führen. Es entstand daher der Zwischenhandel; U kaufte wol noch von verkaufte aber ihm nicht mehr andere Waaren, sondern an (l die von ^ erhaltenen. Es mußte daher außer baarer Bezahlung und Ausgleichung durch Debet und Credit noch eine dritte Zahlungsweise ermittelt werden, und diese fand man in den Wechseln und Anweisungen, wodurch ungeheure Summen, fern und nah nur mittels einfacher Briefe bezahlt und Federungen ausgeglichen wurden. Durch Sendungen baaren Geldes dies zu bewirken, würde schon seit langer Zeit rein unmöglich gewesen sein, denn augenscheinlich hätte ohne die angenommenen zwei Mittel die Menge der umlaufenden edeln Metalle sich auf eine unberechenbare Höhe belaufen müssen, um allen Anfodcrungcn und Geschäften zu genügen. Dennoch reichten bei zunehmendem Verkehre diese Mittel in den größten Handelsstaaten nicht mehr aus. Schon im 12. Jahrh. errichteten die Venetianer zur Erleichterung des Geldverkchrs eine Anstalt, worin ein jeder.Geschäftsmann eine beliebige Summe in bestimmten Münzsorten einlcgen, und durch Ab- und Zuschreiben daselbst seine Schulden berichtigen und seine Federungen einziehen konnte. Die V nrtheil«-derselben fallen in die Augen; das beschwerliche Hin- und Hertragen des Gelbes hörte auf; man konnte durch schlechte Münzsorten nicht mehr betrogen werden, und die guten wurden nicht abgenutzt, weil sie unangerührt in den Kellern dieser Anstalt liegen blieben, welche vanco 6el giro, d. h. Bank des Umschreibens, genannt wurde, und zwar Bank deswegen, weil die Geldwechsler in Italien damals auf öffentlichen Plätzen ihre Geschäfte auf Tischen und Bänken besorgten. Genua errichtete im 15. Jahrh. eine ähnliche Anstalt, und Amsterdam folgte im J. 1K09. Für die sich immer mehr ausbreitcnden und vergrößernden Geschäfte waren indessen diese einfachen, nur für die Stadt, wo sie sich befanden, und für ihren Umkreis berechneter! Anstalten nicht mehr hinlänglich. Es mußte ein Mittel ausfindig gemacht werden, wodurch der Umlauf des Geldes die größte Schnelligkeit erlange, und Millionen mit einem Erstaunen erregenden Grade von Leichtigkeit und Sicherheit bezahlt und empfangen werden können. Man fand cs in London im I. 169-t durch Gründung der Bank von England, welche die erste Depositen-, Disconto- und Zettelbank war, und gegen die zcitherigen bescheidenen Girobanken sehr abstach, deren keine einzige sich mit diesen neuen Geschäftszweigen zeithcr befaßt hatte. Girobanken sind also diejenige Gattung Banken, bei welchen edles Metall in Barren oder gemünzt hinterlegt und über die dargebrachte Summe dem Hinter- leger ein Credit auf den Büchern der Bank eröffnet wird. Einem Jeden, welcher darin edles Metall niedcrgelegt hat, wird im Hauptbuche der Bank die eingelegte Summe, nach Bankgeld berechnet, auf ein eigenes Blatt (Folium) angezeichnct; hat er dann an einen Dritten Zahlungen zu leisten, so braucht er nur eine Anweisung zu geben, die zu zahlende Summe von seinem Blatte ab- und auf dem Blatte des Empfängers zuschreiben zu lassen. Es versteht *4 ^ 22 Banken sich von selbst, daß die Bank für die empfangenen Summen keine Zinsen zahlen kann, weil der Eigenthümer darüber zu jeder Zeit ebenso verfügen kann, als ob er die Summen selbst verwahrte; die Bank leistet demselben aber dadurch einen wichtigen Dienst, daß sie sein Münzmetall sicher verwahrt und ihn der Mühe überhebt, seine Zahlungen selbst zu machen. Eine Bank dieser Art kann aber nur den Handelsleuten ihres Ortes dienen. — Unter Dis- contobank versteht man eine Bank, welche in dem Orte, wo sic sich befindet, in einiger Zeit erst zahlbare Wechsel kauft, und den übereingekommenen Zins für die Zeit vom Tage dieses Kaufs bis zum Zahlungs - oder Verfalltage vom Capitale abzieht. Der Nutzen solcher Anstalten rst in die Augen springend, denn der Kaufmann jedes Ranges erhält dadurch überall anzubringende Zahlungsmittel, während die Wechsel, welche er hat, mögen sie auch noch so sicher und die Unterschrift des Inhabers noch so gut sein, nur in seltenen Fällen on Zahlungsstatt angebracht werden können, weil sie noch nicht zahlbar sind, und keine Thei- lung ihres Betrags stattfinden kann. Ohne solch eine Vermittelung würden besonders die kleinern Kaufleute und Gewerbetreibenden oft in Verlegenheit gerathen, wenn sie Wechsel auf eine selbst mäßige Summe lautend und erst in drei Monaten zahlbar, an Zahlungsstatt erhalten, während sie doch tägliche Ausgaben in kleinen Summen zu bestreiten haben und folglich den Wechsel dazu nicht verwenden können. Sie haben in diesem Falle Geld und doch keines, oder müssen sich sehr lästigen Bedingungen unterwerfen, um sich des Wechsels zu ent- äußern. Durch die Discontobank wird ihnen aber sogleich und billig geholfen und es ihnen möglich gemacht, ihr Gewerbe ungestört fortzutreiben, indem sie durch den Verkauf des Wechsels dessen Betrag nun beliebig theilen können. — Zette lbanken, auch Umlaufs-, Circula tionsbanken genannt, sind solche, welche das Recht haben, ein Papiergeld, gewöhnlich unter dem Namen Banknoten (s. d.), auszugeben, um dem geprägten Gelbe gleich umzulaufen. Hielten solche Banken genau so viel klingendes Geld in ihren Kassen vorräthig, als sie Noten ausgeben, so würden sic nicht nur keinen Gewinn, sondern noch Schaden durch die Fertigungskosten der Noten haben, und der einzige Vortheil in» leichtern Handhaben beim Ein- und Auszahlen, im bequemen Versenden und in der Vermeidung des Abnuhens des vorräthigcn geprägten Geldes bestehen. Damit würde aber dem Publicum und den Banken wenig geholfen werden, weil dann die letztem den Zins auf den Theil ihrer Noten, den sie über ihren klingendenKassebestand ausgeben, und das erstere den Nutzen verlieren würde, welcher ihm durch Vermehrung der Umlaufsmittel insofern entspringt, als dadurch ein niedrigerer Zinsfuß erlangt wird, welcher es in den Stand setzt, seine Erzeugnisse und Fabrikate um so viel wohlfeiler liefern zu können, als der Unterschied desselben zu dem in andern Ländern beträgt. — Depositenbanken werden diejenigen genannt, welche von Individuen aller Art^roße und kleine Einzahlungen annehmen. Ihr Gefchäst ist in dieser Hinsicht dreierlei Art. Ziierst nehmen sie Geld, Staatspapiere, Edelsteine und ähnliche Gegenstände an, um sic in n-etnra aufzubewahren und gegen Rückgabe des Empfangscheins und eine kleine Vergütung für das Bewachen dem Eigenthümer auf dessen Verlangen zurückzugeben. Zweitens zahlen ihnen Kaufleute, andere Gewerbetreibende und auch Privaten diejenigen Summen, welche diesen täglich cingehen und wovon sie keinen augenblicklichen Gebrauch machen können. Sie lassen sich aber auch davon wieder auszahlen und erhalten für ihr Guthaben am Schlüsse eines jeden Tages Zinsen, wenn auch geringe; doch gibt es auch Banken, welche gar keine Zinsen gewähren. Die dritte Beschäftigung der Depositenbanken besteht in der Annahme kleinerer Summen gegen Verzinsung von Leuten, welche sie durch ihren Fleiß erworben haben, und ihnen ihre neuen Ersparnisse hinzufügen. In diesem Falle treten die Depositenbanken an die Stelle der Sparkassen, wenn die Einlage größer geworden ist, als diese annehmen können und dürfen. Der Nutzen solcher Banken ist zunächst für die niedrigem Claffen sehr groß, indem sie ihnen einen sichern Ort für ihre E-fpamisse gewähren, Zinsen darauf vergüten, sie dadurch zum fernem Sparen aufmuntern und auf diese Art in den Stand setzen, in der bürgerlichen Gesellschaft sich zu heben. Dann verschaffen sie aber auch dem Capttalisten eine sichere Art, seine Capitalien auf beliebige kürzere oder längere Zeit anzulegcn. Ferner gewähren die Depositenbanken dem Lande großen Vortheil, indem sie insofern das Nationalcapital vergrößern, als sie große Behälter bilden, worein alle die zahllosen im Lande zerstreuten kleinen Summen fließen, welche außer- Banken 23 dem unbenutzt ruhen würden, dadurch aber zu Capitalie» anwachsend in die Kanäle des Handels, der Industrie und des Ackerbaus übergehen. Werden auch die Banken theoretisch in der erwähnten Weise abgetheilt, so ist eS in der Praxis doch keineswegs der Fall, denn wenn auch die Girobanken ganz für sich bestehen können, so ist eS doch mit den übrigen keineswegs der Fall, weil die Depositenbank discon- tiren muß, um von den erhaltenen Einlagen Nutzen zu ziehen, die Discontobankgcrn Depo- sita annehmen wird, um Geld zu einem geringern Zinsfüße zu erhalten, als der ihrige ist, und weil beiden es nur Vortheil bringen kann, wenn sie auch Noten ausgeben undselbstGiro- geschäfte in den Kreis ihrer Thätigkeit ziehen. Die Regel ist daher, daß eine Bank Depositen-, Disconto- und Zettelbank zugleich ist. So nothwendig als nützlich die Banken sein mögen, so haben sie doch über mehre Länder zeitweise so viel Unheil verbreitet, daß ein großer Theil des Publicums sie mit großem Mistrauen ansieht, jedoch mit Unrecht, weil solches nur durch Misbrauch hcrbcigeführt worden ist, der, wenn man nur will, sehr wohl vermieden werden kann. Bei nur einigermaßen rechtlicher und einsichtsvoller Leitung stehen dem Misbrauche mehre Hindernisse entgegen. Zuerst darf nicht unerwogen bleiben, daß Banknoten nur gegen Sicherheiten ausgegcben werden können, und wer diese gibt, gewiß jener bedarf. Wenn nun die Bank, sowol den Statuten gemäß als auch ihres eigenen Vor- theils wegen die Sicherheiten genau prüfen und die ungeeigneten zurückweisen wird und muß, so können nicht mehr Noten ausgegcben werden, als das Publicum wirklich bcnöthigt ist, und es wird daher der Betrag der auszugebendcn Noten durch die Nachfrage des Publicums und durch das Bestreben der Bank, Verluste zu vermeiden, beschränkt und bedingt. Eine ungemessene Notenausgabe wird zweitens durch deren sofortige Einlösung gegen baarcs Geld beim Vorzeigen verhindert. Wenn schon eine Bank es möglich machen sollte, ihreNoten in Übermaß auszugeben, was jedoch nur durch feste Darlehngrschäfte oder durch Annahme zweifelhafter Sicherheiten zu bewerkstelligen ist, so hat sie doch nicht die Macht, sie in Umlauf zu erhalten, indem dies nicht von der Bank, sondern vom Publicum abhängt, und die Ungewißheit, wenn sie zur Auswechselung znrückkommcn werden, sie nöthigt, zu jeder Zeit auf einen hinlänglichen Vorrath klingenden Geldes zu halten. Ein drittes praktisches Hinderniß ist, daß die Banken für die Summen, welche man bei ihnen niederlcgt, Zinsen gewähren. Es wird folglich Niemand Geld müßig liegen lassen, wenn er es so leicht und sicher bei ihnen zinsbar anlcgen kann. Versucht daher eine Bank, Noten über den Bedarf auszugeben, so gelangen sie natürlich in die Hände von Individuen. Diejenigen, welche sie in ihrem Geschäfte nicht gebrauchen, werden sie sogleich zurückgeben, um Gläuhiaer de r Bank -zu werden und Zinsen dafür zu erhalten. Die zuviel ausgegebenen Noten Hrden daher theils von den andern Banken, theils von den Privaten, welche sie nicht bedürfen, an dieBankzurückgcgcben vndin' beiden Fällen bald außer Umlaufgcfetzt. Der Umstand, daß eine zu große Ausgabe Banknoten augenblicklich deren Werth gegen geprägtes Geld herabsctzt und einen Curs unter Pari hcrbeiführt, ist das vierte Hinderniß, und zugleich ein untrügliches, nicht zu verbergendes Kennzeichen eines Misbrauchs, dem sogleich durch Einziehcn von Noten abgcholfen werden kann. Wenn in den Ländern, in welchen es viele Banken gibt, der Gebrauch statkfindet, wöchentlich die bei den Banken cingegangenen fremden Noten gegenseitig auszutauschcn, so ist dieser endlich ein fünftes Hinderniß. Jede Bank, die Noten ausgibt, hat ein Interesse, die Noten der andern Banken aus dem Umlaufe zu bringen, um den ihrigen Raum zu verschaffen, und gibt daher die bei ihr eingehenden Noten anderer Banken nicht wieder aus, sondern tauscht sie bei ihnen gegen die ihrigen ein, wobei der Unterschied durch geprägtes Geld ausgeglichen wird. Die Noten der einen Bank werden folglich von der andern immer gern genommen werden. Wenn daher eine Bank versucht, einen größer» Betrag Noten auszugcbcn, als ihr Geschäftskreis erfodert, so wird unverzüglich das Zuviel durch den Um- tausch mit den benachbarten Banken ihr wieder zurückgegeben, ihre Vcrfahrungswcise entdeckt und ihr Credit verdächtig werden. Die Banken sehen mit der größten Eifersucht und Aufmerksamkeit auf diese Abrechnungen, sodaß, wenn im Laufe dieser Austausche etwas nur einigermaßen Unrechtes sichtbar werden sollte, die andern Banken die ungeeignet handelnde augenblicklich nöthigen würden, ihre Verfahrungsweise zu ändern. Wenn daher die Noten gegen geprägtes Geld sofort cinzulösen sind, ein verhältnißmäßigcr Vorrath von Geld dazu 24 Danken vorhanden ist, und die Bank ihre Geschäfte auf leicht zu realisirende Gegenstände beschränkt, so ist eine ZuviclauSgabe von Noten keineswegs zu fürchten, wol gar unmöglich zu nennen. Schottland liefert den Beleg dazu, welches ohne alle statutarische Bestimmungen darüber sich doch stets von dem Unheil frei gehalten hat, von dem England zu Ende des I. 1825 und die Bereinigten Maaten von Nordamerika in den 1.1837 und I83Shcimgesucht worden sind, wo man alle diese praktischen Vorsichtsmaßregeln ganz unberücksichtigt gelassen hat. Um also wilde, rücksichtslose Spekulationen von dem an sich so wohlthätigen Bankwesen fern zu halten, müssen nothwendig die Banken unter der Oberaufsicht der Negierung stehen, ein Ausschuß nebst der Generalversammlung sie controlircn, ein Vcrhältniß zwischen den ausgegebenen Noten und dem zu ihrer theilweisen Einlösung bestimmten aus cdeln Metallen bestehenden Kassevorrakhc festgesetzt und aufrecht erhalten werden, und die Verwaltung der größten Öffentlichkeit unterworfen sein. Die Banken sind entweder Staatsbanken, d. h. förmliche Staatsanstalten, wo der Staat das Capital geliefert hat und die Geschäfte nuc durch von ihm angcstellte Beamte geführt werden; oder Nationalbanken, d. h. solche, deren Capital durch Acticn geschaffen worden ist, die besondere Vorrechte genießen und unter specieller Aufsicht und Leitung des Staats mit bloßer Beihülfe einiger von den Actionairen gewählten Dircctoren stehen; oder Acticnbanken, d. h. solche, deren Capital durch Actien zusammengebracht worden ist, und deren Geschäfte unabhängig vom Staate durch die von den Actionairen gewählten Direktoren geführt werden; oder endlich Privatbanken, d.h. solche, die nur von wenigen Theilnchmern mit unbekanntem Capitale gegründet sind und auch beliebig Banknoten aus- gebcn. In allen Staaten hat man sich mit der Frage beschäftigt, welche dieser vier Arten vorzuziehen sei, und auch die Wissenschaft zog dieselbe vor ihren Richterstuhl. Zn England, Frankreich und den Vereinigten Staaten von Amerika entschied man sich sehr bald gegen Staats- und Nationalbanken; allein in Deutschland, wo inan früher dem Bankwesen nicht sehr geneigt war, waren die seinen vielfachen Nutzen nicht verkennenden Stimmen doch mehr für solche, und nur erst in neuerer Zeit hat die Praxis das Übergewicht über die Theorie erlangt, welche letzter.' Staats- oder Nationalbanken haben wollte, in deren Grundbuche das gesammte Grundeigenthum, mit Einschluß der Gebäude, nach dem zu ergründenden Werthe des Ertrags und der Rente bei einer gewöhnlichen Cultur, und nach dem Mittlern Grade des verglichenen Werths des Geldes, als Werthmesscr, eingetragen wurde. Jeder Gnind- cigenthümer sollte für den vollen Betrag dieses Werths auf das Grundstück lautende Bankzettel erhalten, welche den gewöhnlichen höchsten hypothekarischen Zins trügen. Die Nationalbank könne diese Banknoten, wenn sie wenigstens sechs Monate im Umlaufe gewesen wären, einlösen. Um die nöthige Metallmänze zu erhalten, sollten alle gerichtliche Depositen, alle Mündelgelder, sowie die Fonds der milden Stiftungen und Wohlthätigkeitsinstitute bei der Bank niedergelegt und gegen Banknoten umgewechselt werden. Alle weitere Hypotheken- bestellungcn hörten dann auf u. s. w. Andere Theoretiker waren mit solchen Entwürfen im Wesentlichen wol einverstanden, wünschten aber noch einen durch Acticn zusammengebrachten Bankfonds. Solche Ideen konnten natürlich gar keinen Anklang finden, daher denn auf ihnen nicht weiter fortgebaut worden ist. Wenn auch bei Gründung von Staatsbanken die beste Absicht, und bei ihrer Verwaltung die höchste Rechtlichkeit stattsindet, so sind es doch fünf Gründe, welche gegen sie sprechen. Der erste und am meisten sich darstellende ist die nachthcilige Einwirkung, welche jedes politische Ereigniß auf ihren Credit hat, und diese ist um so bedeutender, je größer der Staat ist. Jedes Wölkchen am politischen Horizonte desselben erregt Besorgniß bei den Staatsgläubigern; die Bank ist eine Staatsanstalt; ihre Actien stehen und fallen mit den andern Papieren des Staats; ihre Noten strömen bei jedem bedenklichen Ereignisse plötzlich zur Bank; sie muß alle Kräfte aufbictcn, um ihren Verpflichtungen nachzukommen; die aus- stehenden Gelder gehen schlechter ein als gewöhnlich; sie muß alle neue Geschäfte zurückweisen; Handel und Wandel, in solchen Zeiten mehr als in ruhigen der Unterstützung bedürftig, werden aller und jeder beraubt, und politisches und geschäftliches Glück gehört dazu, wenn nichts Schlimmeres sichereignet und nicht die Einlösung eines großen Theils der Noten unterbleiben muß. Zweitens darf der Staat sich schlechterdings nicht in den Privatcrwcrb Mischen. Bie>e Banken 25 Staatsangehörige machen nach ihren Kräften große oder kleine Bankgeschäfte; durch die Errichtung einer jeden Bank wird ihnen daher Schaden zugefügt. Ihre Steuer» und Abgaben bleiben aber dieselben. Wenn daher das allgemeine Wohl auch erfodert, größere Anstalten zu schaffen, als die vorhandenen privatlichen sind, so darf doch dem Privatmanne nicht die Gelegenheit genommen werden, sich durch Betheiligung bei der Bank zu entschädigen. Als dritter Grund stellt sich die Regel dar, nur Staatsbeamte dabei anzustellcn, die ihren Cursus nicht auf dem Comptoir, sondern aufdcr Universität gemacht haben. Diesen müssen noth- wcndig die dazu erfvderlichen Kenntnisse um so mehr abgehen, als sie durch Bücher nicht erworben werden können. Noch schwieriger ist die sogenannte Platzkenntniß zu erlangen. Das Haupterfoderniß eines die Geschäfte unmittelbar leitenden Bankdirectors ist, von jedem ihm zum Discontiren angebotenen Wechsel sogleich sagen zu können, weswegen er gezogen ist, wie die Verhältnisse des Ausstellers und des Bezogenen sind, und welches die Natur der Verbindung des Ausstellers mit dem ersten Giranten und dem Bezogenen ist. Frühzeitige Anweisung, Anlage und Gelegenheit zur fernern Ausbildung sind dazu crfoderlich. Hierzu kommt noch die Verantwortlichkeit, die bei Staatsbeamten gegen höhere auch wieder verantwortliche eine ganz andere ist, als die der Direktoren gegen den Ausschuß. Aus allem Diesen wird cs klar, weshalb bei Staatsbanken der Geschäftsgang nicht der geeignete sein kann. Kommt ja ein Mann von Fach in einen solchen Kreis, so ist dadurch nichts gewonnen, denn er wird durch die Einwendungen und Bedenklichkeiten seiner Collegen und die immer vorgehaltene Verantwortlichkeit endlich so ermattet und gelähmt, daß er von Einführung etwaiger Verbesserungen ganz absteht. Mägen aber auch Staatsbanken mehr oder weniger gut geführt werden, mehr oder weniger ihrem Zwecke entsprechen, so trifft sie doch stets viertens der Vorwurf, eine Macht zu sein, die einen zu großen Einfluß auf den Geld- und Waarenmarkt ausübe, als daß er nicht ein schädlicher sein könne und oft sei. Nickt zu leugnen ist dieser Einwurf, denn hat eine solche so sehr privilegirte Anstalt eine günstige Ansicht von der nächsten Zukunft, so gibt sie viel Noten aus, vermehrt dadurch die Umlaufsmittcl und den Speculationsgeist und verursacht ein Steigen der Preise. Ihre Meinung ändert sich plötzlich, sie gewährt dem Handel nicht mehr die zcitherige Unterstützung, sie zieht ihre Noten bedeutend ein, die Umlaufsmittel vermindern sich, das Geld steigt im Preise und die Waaren sinken. Verlust und Verwirrung sind eingetrcten. Ein solches Verfahren werden die Beamten der Bank natürlich nur in Folge höherer Ermächtigung einschlagen, auch ist eine solche gegenwärtig nicht wohl zu erwarten, indessen sind die Beispiele da gewesen, und unter veränderter Gestalt können sie sich wiederholen. Die Macht der Staatsbanken ist unbestreitbar,'urid wenn sie auch jene durch Zuvielausgebcn von Noten nicht misbrauckkss so kann doch durch zu vieles Entziehen von Noten, durch zu große Ängstlichkeit dem Handel bedeutender Schaden zugefügt werden. Mag eine Staatsbank ihren Weg noch so ruhig gehen, so hängt doch bei vielen Verhältnissen und Unternehmungen Ällcs von der Frage ab, ob die Bank will oder nicht? End- lich fünftens ist gegen Staatsbanken cinzuwenden, daß sie nur auf den großen Gcldverkchr einwirken, indem sie erstens nur in großen Summen discontiren, verschießen und Deposita annehmen. Dies ist leider zu gegründet; der kleinere Verkehr kann sich daher ihnen nicht nähern; er muß Privatleuten höhere Zinsen zahlen als der große Geldverkehr der Staatsbank; hat er fünfzig, selbst hundert Thaler müßig liegen, so kann er sie bei einer Staatsbank nicht anbringen, und Privatleute nehmen entweder solche kleine Summen auf unbestimmte Zeit nicyt an, oder gewähren nicht die Sicherheit einer Bank. Zweitens hat der große Geld- verkchr mehr Gelegenheit, sich von den Planen und Absichten einer Staatsbank zu unterrichten, oder aus ihren Operationen zeitig genug darauf zu schließen und seine Einrichtungen darnach zu treffen. BcideskanndcrkleinereGeldvcrkehrnicht; ihm ist jede Quelle verschlossen; auch der größere beobachtet Stillschweigen gegen ihn, er kann keine Vorsichtsmaßregeln ergreifen und wird doppelt von widrigen Ereignissen getroffen. In einigen Ländern hat man, thcils weil man diesen Nachtheilcn begegnen wollte, theils wegen des feststehenden Grundsatzes, daß die Regierung nicht in den Privaterwerb eingreifcn dürfe, thcils aus gänzlichem Mangel an Credit von Staatsbanken wohl abgesehen, indessen doch geglaubt, den Geldvcrkehr oder wenigstens dessen oberste Leitung einer Anstalt im Staate anvcrtrauen zu müssen. In Hinsicht der politischen Einwirkung hat man dadurch nicht viel S6 Banken gewonnen, denn wenn auch solche Nationalbanken in Hinsicht der Geldverhältnisse vom Staate unabhängig sind, so stehen sie doch mehr oder weniger mit der Negierung in Verbindung, bilden hauptsächlich aber zu sehr eine Macht im Staate, als daß ihr Credit nicht auch von dem des letztem bei bewölktem politischen Horizonte in hohem Grade abhängen sollte. Bei allen hat sich dies bewiesen, und selbst der Tod des eigenen Regenten in ruhigen Zeiten und bei der gesichertsten Thronfolge hat ein bedeutendes Fallen der Aktien bewirkt, woraus man schließen kann, was beim ersten Kanonenschüsse eines solchen Staats eintreten werde. Der zweite gegen die Staatsbanken angeführte Grund, die Einmischung des Staats in den Privaterwcrb, fällt hier weg, weil ein Jeder als Actionair sich bei den Natioualbanken bcthei- ligen kann; indessen ist der Betrag einer Actie in der Regel zu hoch, als daß der weniger Bemittelte sich dabei betheiligcn kann. Auch der dritte Grund gegen Staatsbanken, die schwerfällige und ängstliche Verwaltung durch Staatsbeamte, fällt bei Nationalbanken weg, weil hier die Actionaire die Direktoren ans dem Kreise von Männern vom Fache wählen, obgleich bei einigen die Negierung das Recht hat, den obersten Direktor zu ernennen, von dessen glücklicher oder unglücklicher Wahl so sehr viel abhängt. Dagegen finden die Nachtheile, welche cu.s der ihnen cingeräumten Macht über den Geldverkehr und die Umlaufsmittel entspringen, und welche als vierter Grund gegen die Errichtung von Staatsbanken geltend gemacht wurden, hier im höchsten Grade statt, wovon die Erfahrung die traurigsten Beispiele liefert, denn die Sucht, gute Dividenden zu erlangen, hat zu Übertreibungen geführt, welche die nachtheiligsten Folgen auf das allgemeine Wohl gehabt haben. Die Gewalt solcher Anstalten über den Geldumlauf, den kaufmännischen Credit, die Preise der Staatspapiere und der Waarcn, über das Wohl und Wehe des Handels ist unbegrenzt. Der fünfte Grund gegen Staatsbanken, daß sie nur den großen Gcldverkehr unterstützten und den kleinern ganz uiioerücksichtigt ließen, gilt auch von den Nationalbanken vermöge ihrer Stellung und der Großartigkeit ihrer Einrichtungen, die ihnen nicht erlauben, in nieder» Sphären sich einheimisch zu machen. Die Erfahrung hat gelehrt, daß selbst durch Zweigbanken diesem Fehler nicht abgeholfen werden kann. Am wohlthätigsten wirken unstreitig die unabhängigen Aktienbanken. Die Ne- gulirung des Geldumlaufs eines Staats muß ebenso wie die des Geldwesens in Hinsicht des Schrots und Korns in den Händen der Negierung liegen, und die zeitweilige Vermehrung oder Verminderung der Umlaufsmittcl in Schranken gehalten werden, um die oben geschilderten Nachtheile zu vermeiden. Alle Anstalten dagegen, welche der immer mehr sich ausdehnende Handelsverkehr erfodert, müssen Sache der Privatleute sein und beliebig in denjenigen Theilen des Landes errichtet werden können, wo das Bedürfniß sie verlangt. Solche Anstalten werden nicht von jedem politischen Ereignisse unangenehm berührt, in ihren Geschäften nur gestört, wenn der Feind ins Land cinrücken sollte, und selbst in diesem Falle ist bei dem gegenwärtigen Stande des Völkerrechts anzunehmen, daß dieser sie als Privateigen- chum betrachten und die fernere Betreibung ihrer Geschäfte erlauben werde. Ihr Flüchten wird also unterbleiben und Handel und Wandel dadurch nicht unterbrochen werden. Von einem Eingreifen in den Privaterwerb kann hier am wenigsten die Rede sein. Ein Haupt- vortheil solcher Banken ist die bessere Verwaltung und Leitung, welche sowol dadurch erlangt wirs, daß die Actionaire bessere Kenntniß der Personen besitzen, aus welchen sie die Direktoren zu wählen haben, als auch, daß diese ihr Publicum, aus dem sie hervorgegangen sind und mit dem sie in der engsten Verbindung stehen, auf das genaueste kennen, während dem Direktorium einer Staats- oder Nationalbank blos die Geldmänncr ihrer Stadt und die bedeutendste» in den Provinzen bekannt sind. Bei diesen Banken wird also das oben aufgestelltc Erfodcrniß eines Bevollmächtigten oder vollziehenden Direktors viel leichter erlangt werden können als bei Staatsbanken; cs wird mit viel niehr Sach- und Pcrsonenkenntniß verfahren und dadurch auf eine Menge Geschäfte eingcgangcn werden, welche wegen der verglci- chungsweise zu großen Geringfügigkeit, wegen Unkcnntniß der Verhältnisse und wegen der Entfernung den Staats- und Nationalbanken nicht angcboten werden können und dürfen. Nur kleinere Anstalten vermögen wie auf den großen, so auch auf den kleinen Verkehr wohl- thätig einzuwirken unddurch Annahme vonkleinernDepositeu an dieStelle der Sparkassen ;n treten, wenn das Ersparte diesen zu beträchtlich wird. Um aber so wirken zu können und doch vm >in- uch Ilte. itcn aus rde. den hei-^ Le- oerveil eich ück- lche rinacht 'crk, die ltcn der ^gen »an; der cin- hler Sie- des ung chil- rus- den- »lche Ge- e ist gen- htm Lon upt- mgt orcn und Di- dcn- elltc eben sah- glc>- > der cftn. >ohl< nizu doch Banken 27 auch die größte Sicherheit zu gewähren, müssen die Banken ein nicht schwaches und voll ein- gezahltcs Capital besitzen, unter der Aufsicht der Negierung und der Controle eines Aus- schusses stehen, ihre Noten beim Vorzeigen sofort gegen Münze einlöscn, zu diesem Behufe einen verhältnißmäßigen Kassevorrath fortwährend besitzen, pur möglichst schnell realisir- bare Geschäfte betreiben und jährlich öffentliche Rechenschaft über ihre Verwaltung ablegen. Wird dies Alles befolgt, so bedarf es weiter keiner Unterpfänder und Vorsichtsmaßregeln zu ihrer größern Sicherheit. Privatbanken finden sich nur in England vor, dürfen nicht mehr als sechs Thcil- nehmer haben, in London und 85 engl. Meilen im Umkreise der Stadt keine Noten ausgeben, in allen übrigen Theilen des Landes jedoch nach Belieben. Mehre Privatbanken der Provinz treffen aber auch mit der Bank von England das Übereinkommen, nur die Noten dieser auszugcben, wofür sie die von der Privatbank eingesendeten Wechsel zu einem billigern als dem bestehenden Zinsfüße discontiren muß. Die Privatbanken bilden ihr dem Publicum ganz unbekanntes Capital aus dem eingeschossenen Capital des Unternehmers oder derTheil- nehmer, aus den ihnen übergebenen Depositen, aus den ausgegebenen Noten und endlich aus ihren gezogenen Wechseln. Wer nicht Theilnehmer einer solchen Bank ist, übergibt in England vom ersten Kaufmann bis herab zum gering besoldeten Beamten sein vorräthiges baares Geld, sowie cs ihm cingeht, zur Privatbank seinem Banquier und erhält dagegen unausgefüllte auf die Bank lautende Anweisungen Ch e cks (s. d.) genannt. Fällt irgend eine Zahlung selbst von Handwerkerrechnungcn vor, so bezahlt Niemand in Geld oder Noten, sondern setzt die betreffende Summe in einen der erhaltenen Checks, unterschreibt ihn unv gleicht dadurch die Rechnung aus. Dem Empfänger desselben fällt es aber keineswegs ein, damit sogleich zum Banquier zu gehen und den Check einzukassiren, sondern er läßt ihn höchstens vormerken, gibt ihn ebenfalls in Zahlung, und so läuft ein solcher Check oft acht bi» neun Monate, che er einkassirt wird. Diese verzögerte Einkassirung erlaubt der Privatbank durch zinsbare Anlegung der ihr dadurch zur Verfügung gelassenen Summe einen Gewinn zu ziehen. Ein zweiter entspringt ihr daraus, daß jeder Deponent über eilten Thcil der nie- dergelegten Summe nicht verfügt. In der Sprache der londoner Banquiers ist daher „eine gute Rechnung", wo das Depositum bedeutend, und „eine schlechte", wo es gering isi. Wer für die erstere sorgt, erhält seine Wechsel bereitwillig discoutirt, allein denen einer schlechten werden viele Schwierigkeiten in den Weg gelegt. Die engl. Banquiers vergüten keine Zinse» auf das ihnen anvertrautc Capital, berechnen aber auch gar keine Provision für die gemachten Geschäfte, weil die Kundschaft für ein beständiges Guthaben sorgen muß. Von diese», behält die Privatbank nur ein Fünftel, höchstens ein Viertel in Vorrath und legt den übrigen Theil in Staatspapieren an, oder discontirt damit, oder schießt Geld auf Unterpfänder vor. Das Publicum hat bei diesem Verkehre aber den Vortheil, daß die nicdergelcgte Summe ihm nicht gestohlen werden kann, und es durch wenige Zeilen weitläufiger Auszahlungen und Einkassirungen und der Irrungen dabei überhoben wird. Wir schließen hieran folgende geschichtlich-statistische Skizze der Banken in und außer Europa. Belgien. Es bestehen daselbst drei Banken, die Brüsseler, die Belgische und die Territorialbank, welche sämmtlich ihren Sitz in Brüssel haben. Die beiden erstem discontiren, leihen auf Unterpfänder, nehmen Deposita an und geben Noten aus, jedoch nur auf 5VV und 1000 Francs lautend. Die letztere wendet ihre Thätigkeit mehr dem Grundbesitze zu. Die erstere wurde 1821 nebst einer Zweigbank in Antwerpen gegründet und besorgt die Geschäfte des Staats; die beiden andern wurden 1835 gegründet. Die Belgische gerieth 1838 in Verlegenheiten, hat sich aber durch kräftiges Einschreiten der Regierung davon wieder erholt. Dänemark. Die in Kopenhagen befindliche Zettelbank wurde 1736 aufActien mit einem Fonds von 500000 Thlr. dänisch Courant gegründet, um sich mit allen Geschäften zu befassen, die einer Bank aufgetragen werden können. Schon 1745 mußte sie ihre Baarzah- lungen einstellen und überschwemmte seitdem Dänemark mit Papiergeld. Zm I. 1773 wurden alle Actionairs abgefunden und die Bank auf königliche Rechnung übernommen. Bei einem Capitale von 600000 Thlr. hatte sie für elf Mill. Thlr. Zettel ausgegeben, die bi- auf 16 Mill. vermehrt wurden. Dem Übel abzuhelfen, sollte die Bank keine Scheine mehr ausgcben und jährlich 750000 Thlr. einlösen. Die neue dän.-norwcg. Speciesbank mit einem 26 Banken von Actionaircn zusammengebrachtcn Capitale von 2,-100000 Thlr. war dazu bestimmt, UN. abhängig von der Regierung zur Herstellung des Nationalcrcdits zu wirken; allein 180-1 verloren die neuen Bankzettcl 25 und die alten -15 Procent, und 1813 bot man 1800 Thlr. m Bankzcttel für einen Thlr. in Münze. Im 1.1813 wurde eine neue königliche Bank errichtet, hauptsächlich zu dem Zwecke, das alte Papiergeld aus dem Verkehre zurückzuziehen, und 1818 in eine Nationalbank verwandelt, die auf eine erste Priorität von 6 Procent alles Erundeigenthums in Dänemark und den Herzcgthümcrn fundirt, sich bis auf die neueste Zeit ihrem Zwecke entsprechend gezeigt hat. Ihre Actien, gegen 85000 zu 150 Thlr., haben 1311 ihr Pari erreicht und standen zu Anfang des I. 18-13 einige Procent darüber. Im I. 1810 erhielt sie die Erlaubniß, in Flensburg eine Zweigbank, die das Recht haben solle, als ein der Nationalbank untergeordnetes Bankinstitut dieselben Geschäfte wie diese zu betreiben und ein dieser Zweigbank untergeordnetes Comptoir in Rendsburg zu errichten. Wie gegen obige Priorität von 6 Procent, so haben die Stände derHerzogthümer auch gegen diese dän. Zweigbanken protestirt, mit dem Gesuche, eine eigene Bank errichten zu dürfen. Die der Kanzlei aufgetragene Untersuchung dieser Angelegenheit ist aber noch nicht beendigt. Deutschland. In Deutschland befinden sich folgende sechs Banken: i)Die Bairische Hypotheken- und Wechselbank, 1835 auf Actien zu 500 Fi. gegründet, hat ihren Sitz in München und Zweigbanken in den vorzüglichsten Städten Les Landes. Ihr Zweck ist gerichtet auf Unterstützung des Landbaus durch Darlehen auf Hypothek und des Handels und der Industrie durch Disconto-, Leih-, Depositen-, Giro-, Lebensversicherungs-, Leibrenten- und andere ähnliche Geschäfte und Annahme von Geldern zur Verzinsung. Der Bankfonds beträgt gegenwärtig 10 Mill. Fl. Rheinisch, kann aber bis auf 20 Mill. erhöht werden. Drei Fünftel desselben werden zu Anleihen auf Grund und Boden, zwei Fünftel zu den übrigen Geschäften verwendet. Die Bank gibt Noten, jedoch nicht unter 10 Fl. aus, welche sie auf Verlangen sofort gegen Metallgeld einzulösen hat. Wenigstens ein Viertel des Betrags der ausgegebcnen Noten muß in Metallgeld, zu drei Viertel aber doppelt in Hypotheken der Bank auf Grund und Boden vorhanden sein. Drei Viertel des für kaufmännische Geschäfte bestimmten Thcils des Bankfonds dürfen nur in leicht realisirbare Gegenstände angelegt werden. Es darf nur auf erste Hypotheken in Baiern und nur in runden Summen nicht unter 500 Fl. Rheinisch bis zur Hälfte des Werthes der Grundstücke geliehen werden. Die Rückzahlung solcher Schulden geschieht durch jährliche Zahlung von ein Procent der ursprünglichen Schuld, wodurch sie in 13 Jahren getilgt wird. Die Aufsicht führt ein königlicher Commissar, und die Controle ein Ausschuß. Während man in ander» Ländern das Hypotheken-, Renten-, Lebensversicherungs- und Bankwesen scharf trennt und besondcrn Anstalten zuweist, hat man in Baiern dies Alles einer Anstalt allein übertragen. Ob dies gut sei oder nicht, beantwortet die Erfahrung, welche die Theilung der Arbeit empfiehlt, und eine Maschine als desto besser erscheinen läßt, je einfacher sie ist. Eine Direction hat mit dem eigentlichen Bankwesen allein schon so viel zu thun und alle ihre Aufmerksamkeit ihm zuzuwenden, daß nothwendigerweisc entweder der eine Geschäftszweig auf Kosten der andern bevorzugt, oder bei gleicher Berücksichtigung allen zusammen nicht die crfödcrliche Aufmerksamkeit und Thätigkeit zu Theil wird. Ungeachtet des kurzen Bestehens der Bank ist sie doch schon einmal in Verlegenheit gewesen, woraus sie sich jedoch wieder geholfen hat, .sodaß ihre Actien gegenwärtig der Gunst des Publicums sich zu erfreuen haben. — 2) Die Berliner Bank. Sie ist eine Staatsbank, ward im 1.1765 mit einem Fonds von 8 Mill. Thlr. errichtet und befaßt sich mit allen Geschäften einer Bank, selbst denen des Giro-Verkehrs. Sie hat Zweigbanken in Breslau, Danzig, Köln, Magdeburg, Königsberg, Münster und Stettin. Bei ihr müssen alle in gerichtlicher Verwahrung befindliche Gelder, Mündelgelder, Gelder der Kirchen und milden Stiftungen n. s. w. niedergelegt werden, wofür sie 2, 2'/, und 3 Procent Zinsen zahlt. Unter König Friedrich Wilhelm I l. wurde der gcsammte Bankfonds an die Regierung zurückgezahlt und von da an dasGeschäft nurmitdem bis dahin gemachten Gewinne betrieben. Der Krieg von 1806 nöthigtc die Bank, ihre Zahlungen einzustellen, allein durch das königliche Edict aus Wien vom 3. Apr. 1815 wurde der Bankverkchr wiedcrhergestellt. Die Bank wird für Rechnung des Staats verwaltet, steht unter keinem Ministerium, sondern hat einen eigenen Chef mit unbeschränkter Vollmacht, aber persönlicher Verantwortlichkeit. Ihre Banken 29 Noten laufen als baares Geld um, können zu jeder Zeit ohne allen Verlust realisirt Werden, sind jedoch von zu Hohem Betrage (l 00 bis l OOO LHlr.), als daß sie für den nieder« Verkehr paffen könnten. Die ganze Anstalt ist nur auf den Hähern Geldvcrkehr von Einfluß und macht über ihre Geschäfte gar nichts bekannt, daher man sowol über den Betrag derselben, welcher lange nicht die Höhe erreicht haben kann, deren die Anstalt fähig tväre, als auch über den Stand der letztem ganz im Dunkeln sich befindet. — 3) Die Hamburger Bank wurde 1619 gestiftet, hauptsächlich um eine unveränderliche Währung zu erlangen. Sie ist eine reine Girobank, welche die dazu erfoderlichen Depositen nicht in Münze, sondern in Barren, die Mark fein zu 442 Schilling, annimmt und sie zu 444 Schilling wieder ausgibt, also für die Aufbewahrung beinahe ein halbes Procent sich bezahlen läßt. Sie leihet auch Geld auf Juwelen zu drei Viertel ihres Werthes. Die Stadt ist für alle bei der Bank niedergclegte Pfänder verantwortlich, welche versteigert werden, wenn sie daselbst ein Jahr und sechs Wochen ohne Bezahlung der Zinsen verbleiben. Wird der Überschuß der daraus gelösten Summen binnen drei Jahren nicht abgefodert, so verfällt er den Armen. Diese Anstalt gilt allgemein für eine der am besten verwalteten in und außer Europa. Im 1.1069 erlitt sie eine nur vorübergehende Störung und 1813—14 insofern eine zweite, als Marschall Davoust sich des noch in der Bank liegenden Privateigenthums an 7'/- Mill. Mark Banco (14 Mill. Francs) bemächtigte. Die franz. Negierung erstattete gemäß dem Vertrage vom 27. Oct. 1816 dafür nur 10 Mill. Francs in einer jährlichen Rente von'/-Mill. Francs auf das große Buch. — 4) Die Leipziger Bank wurde imJ. 1838 genau nach dem schottischen Systeme gegründet mit einem Capitale von 1,500000 Thlr., welches nach Belieben vergrößert werden kann. Ihr Geschäftskreis besteht in Annahme fremder Gelder sowol zur Aufbewahrung als zur Verzinsung, im Discontircn guter Wechsel und Anweisungen, im Ankauf solider auf auswärtige Plätze gezogener Wechsel, in Vorschüssen gegen sichere Bürgschaft, im Ankauf von Staatspapiercn und Pfandbriefen, jedoch höchstens nur zum Betrage von einem Fünftel des Actiencapitals, in Vorschüssen gegen Verpfändung von Staatspapieren, Actien, auf die Bank girirten Wechseln oder andern werthvollen, dem Verderben nicht ausgesetzten Gegenständen und Urstoffen, in Vorschüssen auf laufende Rechnung gegen unterpfändliche Einsetzung von Grundstücken bis zur Höhe des zugesagten Credits und in Aufbewahrung werthvoller Gegenstände. Streitigkeiten werden nur durch Schiedsrichter entschieden. Die Bank hat das Recht, Banknoten, jedoch nicht unter dem Betrage von 20 Thlr. und an den Vorzeigcr zahlbar, auszugeben, welche gegen dem in Metallgeld oder in Gold- oder Silberbarren vorhandenen Fonds das Verhältniß von drei zu zwei nicht überschreiten dürfen. Ein königlicher Commissar ist dafür verantwortlich, daß dieses Verhältniß nie vermindert werde, und übt für die Staatsregierung das Recht der Beaufsichtigung über die Bank aus, jedoch ohne alle Einmischung in den Geschäftsbetrieb. Die Actionaire werden durch einen Ausschuß von 20 Mitgliedern der Verwaltung gegenüber vertreten, der diese in ihrer Geschäftsführung zu con- troliren hat. Generalversammlungen werden vom Directorium veranstaltet, alljährlich ist wenigstens eine nach Ablauf des Rechnungsjahres zu hallten. Das Directorium besteht aus sechs verwaltenden und einem vollziehenden Dircctor. Die Bank gewann von Anfang an die Neigung und das Zutrauen des Publicums, sodaß bei einer sofortigen baaren Einzahlung von 25 Procent des Capitals oder 62'/- Thlr. für die Actie dennoch 55000 Actien binnen wenig Tagen unterschrieben wurden, obschon dem Publicum nur 4500 Actien offen gelassen waren. Die Geschäfte der Bank nehmen fortwährend zu, und der Curs ihrer Actien, welcher schon während der Subscription auf 108 stand, ist in unausgesetztem Steigen begriffen. — 5) Die Ritterschaftliche Privatbank in Stettin wurde 1824 von einem Vereine pommerscher Gutsbesitzer in Stettin auf Actien errichtet. Nur Besitzer solcher Rittergüter, welche ein Folium in den Hypothekenbüchern der Oberlandesgerichte Pommerns hatten, konnten Actionaire der Bank werden. Ein Gesammtbetrag von einer Million Thalcr sollte durch 250 baar einzuzahlende Actien zu 4000 Thlr. zusammengebracht werden, dagegen die Bank eine Million Thaler in Bankscheinen ausgeben, der Werth aber der ausgegcbencn Bankscheine stets zum Einlösen vorhanden sein. Außerdem wurde durch Einzahlung von 100 Tblr. für jede Actie ein Betriebsfonds gebildet, auch leistete die Staatsregiemng einen zinsfreien Vorschuß von 200000 Thlr. in Staatsschuldscheinen. Die Geschäfte der Bank 30 Banke» sä. -» nahmen bald bedeutend zu, und das Publicum vertraute ihr seine überflüssigen Gelder an. Allein seit 183V begann dieses Vertrauen zu wanken; man schrieb diese veränderte Stimmung der öffentlichen Meinung der Julirevolution zu, aber aus mehren Umständen ist zu schließen, daß nichtAlles in Nichtigkeit war. Es fand daher 1833 eine Umgestaltung und bessere Fun- dirung der Anstalt statt, wonach sie durch 2000 Actien zu 500 Thlr. einen Fonds von einer Million erhielt, der durch fernere Ausgabe von 2000 Actien verdoppelt werden konnte. Die umlaufenden 50VVV0Thlr. wurden vom Staate zur Nealistrung bei den königlichen Kassen gestempelt, wogegen die Bank 500000 Thlr. in Staatsschuldschcinen als Unterpfand depo- nirte, wovon sie den Zinsengenuß hat. Die Geschäfte der Bank bestehen nach ihrer Reorganisation im Discontiren, in Darlehen aufUnterpfand oder auf persönlichen Credit mehrcr solidarisch verpflichteter Schuldner, in Eröffnung laufender Contos gegen Sicherheit, in Annahme hypothekarischer Schuldverschreibungen als Faustpfand und zur Verstärkung persönlicher Sicherheit von Wechsel- und andern Debitoren, wenn die Activa auf ländlichen Grundstücken innerhalb zwei Drittel, auf städtischen innerhalb der Hälfte des nachgewiesenen Grundwerths eingetragen sind. Die Bank genießt in ihrer neuen Gestaltung das unbedingte Zutrauen des Publicums. Aus den jährlich erscheinenden Rechenschaftsberichten läßt sich schließen, daß Ende des I. 1841 3069 Actien ausgegeben waren, und das Actiencapital 1,534500 Thlr. betragenhabe.— 6) Die öjtreichische Nationalbankzn Wien. Schon I703wurde in Wien eine Girobank und 1714 eine erweiterte Stadtbank errichtet, welche letztere für Rechnung der Negierung verwaltet wurde und bis 1784 für 32 Mill. Fl. Noten ausgc- geben hatte. In den Kriegen von 1792—1811 wurde die Masse der Bankzettcl auf mehr als Ivvv Mill. sogenannter wiener Währung vermehrt, daher sie dergestalt sanken, daß in dem letztgenannten Jahre Finanzoperationen sich nöthig machten, in deren Folge sie zu einem Fünftel des Nominalwerths gegen neues Papiergeld, Einlösungsscheine genannt, umgetauscht wurden, zu welchen sich später noch die Anticipationsscheine gesellten. Nachdem Frieden von 1815 war die östr. Negierung in ihren Finanzen so erschöpft, daß ihr alle beim Übergänge von einem solchen Kriegs- zum Friedenszustande erfoderlichen Mittel zur Herstellung ihres Geldumlaufs gänzlich fehlten. Der Weg der früher» wiener Stadtbank durfte nicht wieder betreten werden; man mußte sich dem Publicum in die Arme werfen, ihm die Leitung der Bank überlassen und das Ausland um jeden Preis an sich ziehen. Es wurde daher 1816 die jetzt bestehende östr. Nationalbank errichtet, die ausgedehntesten Privileg!« ihr ertheilt und für eingezahlte 100 Fl. Conventionsgeld und 1000 Fl. wiener Währung eine auf 1000 Fl. Convcntionsgeld lautende Actie ertheilt. Ungeachtet dieser außerordentlichen Begünstigung wurden statt der beabsichtigten IV0V0V Actien doch nur 50621 subscribirt. Die Bestimmung dieser neuen Bank war, die mehr als 600 Mill. Fl. betragenden Einlösungs- und Anticipationsscheine nach und nach einzulösen und dadurch den Umlauf auf den Conventions-Münzfuß zurückzubringen, in Wien zahlbare Wechsel zu discontiren, auf Gold, Silber und östr. Staatspapiere Vorschüsse zu machen, Depositen anzunehmen und Banknoten auszugeben, wozu noch seit 1841 das Girogeschäft gekommen ist. Sie hat Zweigbanken in Brünn, Prag, Lemberg, Grätz, Triest, Linz, Innsbruck, Ofen, Hermannstadt und Temeswar, welche Anweisungen auf die Hauptbank ausstellen. Die ausgedehnten Geschäfte derselben und die bedeutende Dividende, welche sie jedes Jahr seit ihrer Errichtung gewähren konnte, zogen ihr die Gunst des In- und Auslandes dermaßen zu, daß ihre Actien gegenwärtig den Preis von 1600 Fl. Conventionsgeld überstiegen haben. Die Einlösung des stühern Papiergeldes ist so weit fortgeschritten, daß am Ende des 1.1842 nur noch 9,932713 Fl. wiener Währung in Umlauf waren. DieDisconto- geschäfte wurden bis zum I. 1841 mit zu vieler Leichtigkeit betrieben, daher die traurigen Ereignisse, welche sich im Sommer des genannten Jahres an der wiener Börse zutrugcn, fast nur ihr zuzuschreibcn sind. Die Staatsregierung fand sich dadurch veranlaßt, andere Beamte an die Spitze der Bank zu stellen, welche so vorsichtig zu Werke gehen, daß statt der im I. 1840 discontirten 305,518653 Fl., im I. 1842 nur.222,050068 Fl. discontirt wurden. Der Reservefonds belief sich am 1. Jan. 1843 nach dem bestehenden CurSwerth auf 6,717401 Fl. Conventionsgeld. Am Schlüsse eines jeden Jahres wird ein sehr ausführlicher Rechenschaftsbericht dem Bankausschusse vorgelegt und öffentlich bekannt gemacht, Banken 31 jedoch darin der Betrag der umlaufenden Banknoten nicht angegeben. Wie bedeutend aber derselbe sein müsse, geht daraus hervor, daß sie das fast alleinige Umlaufsmittel in einem so großen Staate bilden, und daß man eine so ansehnliche auf das eingezahlte Capital 11—15 Procent benagende Dividende auszahlcn kann, welche durch bloßes Discontiren bei einer angemessenen Notenausgabe, worunter höchstens das Verhältniß von I zu 2 zu verstehen ist, durchaus nicht erlangt werden kann. In sämmtlichen Kassen war am 31. Dec. 1812 ein Bestand von 99,707710 Fl. verblieben. Frankreich. Die erste franz. Bank wurde 1716 errichtet und war eigentlich nur eine concessionirte Unternehmung des Schottländcrs Law, des Generalcontroleurs der königlichen Finanzen. Nach kurzer Dauer stellte sie 1721 in Folge der verwickeltsten auf keiner soliden Basis ruhenden Finanz-Unternehmungen desselben mit einer Papiermasse von 2/- Milliarden Livres tournois ihre Zahlungen ein. Erst 1776 ward wieder ein Bankinstitut unter dem Namen Pariser Discvnto-Kaffe mit einem Fonds von 12 Mill. Livres gegründet. Dieselbe kam mehre Male in Unordnung und endlich in die Hände der Regierung, welche während der Revolution die Schulden derselben mit Assignaten bezahlte und sie auflöste. Im 1.1803 wurde die Bank von Frankreich auf 15000 Actien, jede zu 1000 Francs, gegründet und ihr auf 15 Jahre das ausschließende Privilegium ertheilt, Noten, auf Verlangen in Metallgeld zahlbar, auszugeben. Sie macht der Negierung sowol als Privaten Vorschüsse aus hinlängliche Sicherheit, leiht auf Pfänder von Gold und Silber, übernimmt die Einnahme von öffentlichen und Privatgefällen und läßt auf den Betrag der Einnahme Anweisungen auf sich ausstellen, sie verwahrt Deposita und nimmt die Baarschaften öffentlicher Kassen, Anstalten und von Privatpersonen in Verzinsung, discontirt Wechsel und alle Papiere, worauf drei als solid bekannte Unterschriften sich befinden. Zu Ende des I. 1805 gerieth die Bank plötzlich in so große Verlegenheit wegen Mangel an Metallmünze, daß sie 1806 ge- nöthigt war, die Einlösung ihrer Noten einzustellen. Die bedeutenden Vorschüsse, welche die Bank der Regierung fortwährend leisten mußte, veranlaßten ersterc, eine unverhältniß- mäßige Summe von Noten auszugeben, wodurch die Besorgnisse des Publicums erregt wurden. Die Noten fielen im Curs und konnten nur gegen Verlust in Metallgeld umgeseht werden; bedeutende Bankerotte brachen aus und vermehrten die allgemeine Unruhe. Die Regierung konnte indessen im I. 1807 die ihr geleisteten Vorschüsse zurückzahlen und die Baarzahlung der Bank nahm wieder ihren Anfang. Zugleich ward das Capital der Bank auf 90000 Actien, folglich auf 90 Mill. Francs erhöht, und das Privilegium derselben auf 10 Jahre verlängert. Auch war sie 1808 ermächtigt, in mehren der bedeutendsten Städte des Reichs Comptoire anzulegen, was in Lyon, Rouen und Lille geschah. Zu Anfänge des 1.1811 gerierh sie in neue Verlegenheit; doch hatte sie schon im Febr. solche Einrichtungen getroffen, daß sie wieder alle Zahlungen ohne Einschränkung zu leisten vermochte, und es ist seitdem keine Störung wieder bei ihr eingetreten. Von den 90000 Actien besitzt die Bank selbst 22100, welche einen Theil ihres Kapitals bilden. Die von ihr ausgegebenen Noten lauten auf 500 und 1000 Francs. Vom Reservefonds wurden 1820 jeder Actie 200 Francs ausgezahlt. Der König ernennt den Gouverneur und den Vicegouverneur; die 200 Actionaire, welche die meisten Actien besitzen, wählen den aus 17 Regenten und drei Censoren bestehenden Verwaltungsrath. Am Schluffe des I. 1812 hatte die Bank Comptoire in Montpellier, Saint-Etienne, Saint-Quentin, Rheims, Besanxon, Angouleme, Grenoble, Clermont-Ferrand, Chateguraux und Caen, deren Geschäfte 229,993000 Francs betrugen, während sie gegen fünf Mill. in Umlauf hatte. Die Bank selbst setzte im genannten Jahre 986,081289 Francs um. Der Umlauf ihrer Noten bewegt sich gewöhnlich zwischen 210—210 Mill. Francs, und ihre Metallvorräthe zwischen 170—210 Mill., woraus sich ein zu großer Vorrath edler Metalle ergibt. Nächst ihr bestehen noch neun Departemental- Actien-Banken in Bordeaux, Lyon, Nantes, Rouen, Marseille, Havre, Lille, Toulouse und Orleans, die einen Notenumlaufvon 50—60 Mill. und ein Actiencapital von nur 21,350000 Francs haben. Unter ihnen ist die von Bordeaux die bedeutendste und die von Toulouse in jeder Hinsicht die schwächste, letztere hat einen Notenumlauf von 18—20 Mill. und einen Metallvorrath zwischen acht bis zehn Mill. Francs. Ihr Discontogeschäft beträgt jährlich 120 — 130 Mill. Francs. Die Bank von Lyon mit einem Notenumlauf von 12— 16 2 »- El - -'-n 32 Banken Mill. und einem jährlichen Disconto von 7v—80 Mill.ist die einzige, welche auch Noten vo» 250 Francs ausgibt, während die Noten der andern nur auf 500 und 1000 Francs lauten. Die Allgemeine Rasse des Handels und der Industrie in Paris, gewöhnlich Lnissol^sfkitte genannt, überschreitet die Grenze einer Bank insofern, daß sie sich etwas den Geschäften der Banquiers nähert. Sie ward von Laffitte nach derJulirevolutiongegrün- det und hat zum Zweck, dem kleinern Verkehr zu Hülfe zu kommen, welcher von der Bank von Frankreich zurückgcwiesen wird. Sie discontirtjährlich zwischen 320—330 Mill. Francs und hat 12 —15 Mill. Francs Noten im Umlauf. Griechenland. Bereits am 11. Apr. 1811 erließ die griech. Negierung ein Bank- gesetz, welches bestimmte, daß die zu errichtende Bank für bestehend gelten sollte, wenn 2600 Acticn, jede zu 1000 Drachmen, gezeichnet wären. Da sich aber die erfoderlichen Theil nehmen nicht fanden, so wurde am 3 t. Aug. 1811 dasselbe dahin abgeändert, daß die Bank für bestehend zu erachten sei, sobald 1500 Actien gezeichnet sein würden. Auch ward ferner festgesetzt, daß zwei Drittel des Capitals zu Darlehen auf Grundstücke, der Nest zu Darlehen auf Geld- und Silberpfärrder, sowie zum Discontiren verwendet werden sollten, wozu auch die nicht für Grundstücke in Anspruch genommenen Summen einstweilen benutzt werden dürften. Jede Anleihe auf Grundstücke muß auf Tilgung eingerichtet werden, doch kann der Schuldner auch früher bezahlen. Die von der Bank ausgegebcncn Noten werden in allen Staatskassen angenommen, und cs darf während der 25 Jahre des Bankprivilegiums Niemand zur Ausgabe von Noten ermächtigt werden. Halbjährlich muß die Bank einen Status bekannt machen. Werden mehr als 7 Procent Dividende erlangt, so sollen vom Mehrgewinne drei Viertel, nach Abzug der von der Generalversammlung etwa zu bewilligenden Gratifikationen, ebenfalls unter die Actionaire vertheilt, ein Viertel aber als Reservefonds angelegt werden. Zu Anfang des I. 1812 begannen die Geschäfte der Bank mit einem Capital von 3,172000 Drachmen in 3172 Actien, worauf im Apr. in Sira eine Disconto- kasse errichtet wurde. Am Schlüsse des 1.1812 betrug das Capital 3,919000 Drachmen in 3919 Actien; die Bank hatte im Laufe desselben 1,33931.9 Drachmen Wechsel diScon- tirt, ihre Hypothekar-Obligationen betrugen 1,061813 Drachmen und Ihr Notenumlauf 307950 Drachmen, in Noten zu 500, 100 und 25 Drachmen. Großbritannien und Irland. Die älteste der brit. Banken und gegenwärtig die mächtigste in der Welt ist die Bank von England, die im J. 1691 gegründet wurde. Ein sehr einsichtsvoller Kaufmann, William Paterson, entwarf für die engl. Regierung, die sich zu jener Zeit namentlich durch den Krieg gegen Frankreich, noch mehr aber durch das System der willkürlichen Abschätzung der Steuerpflichtigen, welches in den Staatseinnahmen große Ausfälle hervorbrachte, in den drückendsten Geldverlegenheiten befand, den Plan zu einer Anleihe, welche die erste Grundlage der gegenwärtigen Bank von England bildete. Diese Anleihe von 1,200000 Pf. St. wurde von einer Gesellschaft Rausten!! und Capitalisien der Hauptstadt gegen gewisse Vortheile und Privilegien aufgebracht. Den Darleihern gewährte die Regierung außer 8 Proccnt jährlicher Zinsen noch 1000 Pf. St. für jährliche Verwaltungskosten, also überhaupt für jedes Jahr 100000 Pf. St. Die Gesellschaft erhielt das Recht, sich völlig unabhängig zu constituiren; sie ernannte einen Gouverneur, Vicegouverneur und 21 Direktoren, und Jeder, welcher wenigstens sechs Wochen vor der Wahl Inhaber von 500 Pf. St. Bankstocks gewesen, sollte eine Wahlstimme haben. Die Bank durfte sich auf keine Waarenunternehmungen, sondern allein auf den Handel mit Wechseln, mit Gold und Silber und auf Discontogcschäfte einlassen. Schon 1696 während der allgemeinen Umprägung des englischen Geldes gericth die Bank in Verlegenheit, doch ging unter dem Beistände der Regierung diese Krisis glücklich vorüber. Um einem solchen Falle nicht wiederholt ausgesetzt zu sein, wurde der Fonds durch Nachschuß der Actionaire auf 2,201171 Pf. St. und durch abermaliges Nachschießcn auf das Doppelte erhöht. Im folgenden Jahre ward die Bank und ihr Vermögen für immer von allen Abgaben, Taxen, Schätzungen und Kosten, mit Ausnahme der Stempelgebühren, befreit. Z« I. 1708 beschloß dieselbe, I'/- Mill. von der Regierung ausgcgcbene Schatzkammerscheim einzukaufcn, wodurch ihre Foderung an den Staat bis zur Summe von 3,375025 Pf St. stieg, wofür ihr, bis auf die unverzinslichen Darlehen, 6 Proccnt Zinsen bewilligt Vv» tten. alich was rün- )ank ancs >ank- 60« ^hcil Sank :rncr Oar- vozu ndc» kann allen .ums :inen vom willi- ervc- incm onto- stnen Scon- nlauf >wär< ände! .Re- aber aats- den zland fleutt Den f St. Die einen wchcn imme f den Zchon Ver- Um .iß der ppelte rAb- . Zn- 'cheine 5 Pf villig! BÜNrklt x,„, -Z wurden. Zu gleicher Zeit erlangte sie das Vorrecht, dapkvrbkkin England noch in Wales eine Bankgesellschast aus mehr als sechs Thcilnehmern zusammengesetzt sein dürft. Die großen Vorschüsse, welche sie so bald nach ihrer Errichtung der Negierung dadurch zu leisten vermochte, daß sie in Creirung ihrer Banknoten nicht beschrankt war, bildeten den haupstäch- lichsten Grund ihres steigenden Reichthums, der sie in den Stand setzte, den Thcilnehmern so beträchtliche Dividenden auszuzahlen. Die erste bedeutende Verlängerung des Bankprivilc- giums erfolgte l 708 auf 25 Jahre in Folge eines unverzinslichen Vorschusses von 400000 Ps. St. Von da an bis ! 729 schwankte die jährliche Dividende zwischen 5und 0 Procent. Jm J. 1700 erhöhte sie ihr Capital bis auf 5,058547 Pf. St. und l7lO auf 5,550005 Pf. St. Das Bankprivilegium wurde 1713 bis zum I. 1742 verlängert, als die Bank es übernahm, 1,200000 Pf. St. Schatzscheine in Umlauf zu bringen. Von 1718 an fand die Negierung es für zweckmäßig, bei allen ihren Geldgeschäften sich der Bank zu bedienen, wogegen diese ihr Vorschüsse auf die Land- und Malzabgabcn, auf Schatzkammerschcine und andere Unterpfänder machte, und 1722 wurde das Bankcapital bis auf 8,059995 Pf. St. vermehrt. Von 1732 an, wo der Grundstein ihres gegenwärtigen Gebäudes gelegt wurde, bis 1747 betrug die Dividende jährlich 5'i> Procent. Um das l742ablaufendePrivilegium bis 1764 erneuert zu erhalten, borgte die Bank der Regierung 1,600000 Pf. St. ohne Zinsen, und um diese Summe zu erlangen, ward nun das Bankcapital bis auf 9,800000 Pf. St. vermehrt. Den ersten bedeutenden Anlauf auf die Bank veranlaßte 1745 der Aufstand in Schottland. Als jedoch in einer öffentlichen Versammlung l IIOKauflcuteihrc Bereitwilligkeit erklärten, die Noten der Bank anzunchmen, legte sich die Aufregung. Hierauf wurde 1746 das Bankcapital bis auf 10,780000 Pf. St. gebracht. Die bleibende unverzinsliche Schuld der Regierung an die Bank betrug 11,686800 Pf. St., auf welcher Höhe sie sich bis 1816 erhielt. Bis >759 hatte die Bank nur Noten nicht unter 20 Pf. St. ausgegcbcn; von da an aber brachte sie deren von >5 und 10 Pf. in Umlauf, sowie auch die ersten Postbills, d. h. in 21 Tagen zahlbare Anweisungen für bei ihr einkafsirte Zinsen der Staatsschuld. Im 1.1764 erhielt die Bank ihr Privilegium bis 1786 erneuert, wofür sie eine Mill. Pf. St. aufSchatzkammerschcine bis 1766 vorschoß. Von da bis 1781 betrug die jährliche Dividende 5/2 Proccnt. Als 1781 ihr Privilegium bis >8I2erncuert.wurde, mußte sie abermals zwei Mill. Pf. St. auf drei Jahre zu 3 Proccnt jährlich der Negierung Vorschüßen. Die Dividende betrug nun bis 1788 jährlich 6 Procent; auch wurde in dieser Zeit gesetzlich entschieden, daß die Bank nicht verbunden sei, nachgcmachte Noten zu bezahlen. Im I. 1782 brachte man das Bankcapital auf 11,642400 Pf St., auf welcher Höhe es bis 1816 blieb. Die Vergütung von 562 Pf. 10 Sch. St. für die Million, welche die Bank von der Regierung für die Verwaltung der Staatsschuld bisher erhalten hatte, wurde 1786 auf 450 Pf St. herabgesetzt. Von 1788 — 1807 betrug die jährliche Dividende 7 Procent. Im I. 1794 begann die Bank Noten zu 5 Pf. auszugebcn; die politischen Verhältnisse vcranlaßten 1797 einen Anlauf, sodaß der Vorrath edler Metalle in der Bank bis auf 1,086170 Pf. St. sich minderte. Das Parlament beschloß die Einstellung der Einlösung der Noten der Bank bis sechs Monate nach Beendigung des Kriegs, und die Bank gab nun Noten zu 1 und 2 Pf. St. aus. Um die Erneuerung des Privilegiums bis 1833 zu erhalten, mußte die Bank im I 1800 der Regierung 3 Mill. auf sechs Jahre ohne Zinsen leihen. Im 1.1807 ward die Dividende auf 10 Procent festgesetzt, und in dieser Weise bis 1823 gezahlt. Nach dem Frieden von 1815, wo die Nichteinlösung, gewöhnlich die Bankrestriction genannt, hätte aufhörcn sollen, wurde beschlossen, dieselbe bis 1818 fortdauern zu lassen und im I. 1816 das Capital der Bank auf 14,553000 Pf St. gebracht. Für die Erlaubniß dazu mußte die Bank der Regierung drei Mill. borgen, sodaß das unverzinsliche Darlehen nun 14,686800 Pf St. betrug. Im I. 1818 wurde die Bankrestriction noch um ein Jahr verlängert und 1819 festgesetzt, daß von da an die Baarzahlungen in Goldbarren nach stufenweis sinkenden Preisen, von >823 aber in Goldmünzen des Königreichs und daß die Einlösung der kleinen Noten bis 1825 staltfindcn solle Im Dec. dieses Jahres hatte die Bank in Folge einer großen Handelkrisis einen Anlauf wie noch nie zu bestehen, sodaß sie genöthigt war, die noch vorhandenen der eingezogcncn Ein- Conv.-Lex. Neunte Aust. II. o 34 Banke« Pfund-Noten wieder auszugcben, und am 31. Dcc. nur noch 1,260890 Pf. St. an Goldmünzen und Barren besaß. Durch Parlamcntsbcschluß wurde im I. 1826 bestimmt, daß die Bank Zweigbanken im Lande errichten, ihr ausschließliches Privilegium in Hinsicht der Anzahl der Theilnehmcr an andere 65 engl. Meilen von London entfernte Banken auf- gebcn und auch aufWaaren Vorschüsse leisten solle. Im I. 1833 beschloß das Parlament, daß das Bankprivilegium auf 2 l Jahre erneuert werden, jedoch der Regierung Vorbehalten bleiben solle, dasselbe nach Ablauf von zehn Jahren zu kündigen, in welchem Falle es dann nur noch einJahr gelte; daß keine aus mehr als sechs Theilnehmern bestehende Bank in London oder innerhalb 65 Meilen davon Noten ausgebcn dürfe; daß aber solches den Banken mit beliebiger Anzahl von Theilnehmern außerhalb dieses Kreises zu gestatten sei; daß die Noten der Bank von England allgemeines gesetzliches Zahlmittel würden; daß über den Zustand der Bank jedes Vierteljahr eine Bekanntmachung erfolgen; daß von der Schuld des Staats an die Bank ein Viertel zurückgezahlt und endlich das Actiencapital um 25 Procent verringert werde, folglich in Zukunft nur 10,91-1750 Pf. St. betragen solle. Auch sollten von der Provision, welche sie für die Verwaltung der Staatsschuld erhalte, jährlich 120000 Pf. St. abgezogen werden. Regelmäßig zahlte die Bank seitdem 7 Procent Dividende. Im I. 1838 gerieth sie abermals in solche Verlegenheit, daß sie genöthigt war, bei der Bank von Frankreich 1 Mill. Pf. St. zu borgen. Ungeachtet dieser unerhörten Demüthigung ist indessen nichts geschehen, was eine solche für die Zukunft unmöglich mache. Die Bank von England hat über den Umlaufund die Handclsverhältnisse Englands denunbegrenztenEinfluß, und die Regierung vernimmt sich mit ihr über jede neue Finanzoperation, was die Bank aber auch bei den wichtigen Maßregeln ihrerseits nicht unterläßt. Außer der gewöhnlichen jährlichen Dividende von 7 Procent auf das Actiencapital von 1790 — 1830 fanden noch folgende außerordentliche Vertheilungen statt: Im I. 1799: 5 Procent auf das damalige Capital von 11,642-100 Pf. St. —1,164240 Pf. St.; 1801: 582120 Pf. St.; 1802: 291060 Pf. St.; 1804: 582120 Pf. St.; 1805: 582120 Pf. St.; 1806: 582120 Pf. St.; 1807—22: 5,588352 Pf. St.; 1823—29: 814968 Pf. St; im Juni 1816 Vermehrung des Kapitals um 25 Procent, welche dieBesitzer dcr Actien nicht zu bezahlen hatten, 2,910600 Pf. St.; vom Oct. 1816 — Oct. 1822: 10 Proccnt jährliche Dividende auf dieses vermehrte Capital, 1,891890 Pf.St.; vomApr. 1823 — Qu. 1829 desgleichen zu 8 Procent, 1,619526 Pf. St., zusammen 16,619526 Pf. St. Die Besitzer eines Capitals von 11,642400 Pf. St. erhielten daher während 30 Jahre nicht allein eine Dividende von jährlich 7 Procent, sondern auch noch 143 Procent des Capitals. Dieses Resultat konnte nur durch eine ungeheure Ausgabe von Noten erlangt werden, welche daher auch von 1800—20 fortwährend selbst bis zu 25'/« Procent verloren, welchen Verlust das Publicum zum Vortheil weniger Actionaire zu tragen hatte. Die Bank hat gegen 940 Personen mit einem jährlichen Gesammtgehalte von 212000 Pf. St. in ihren Diensten und gegen 200 Pensionaire mit einem jährlichen Gesammt-Nuhegchalte von 31200 Pf. St. Die traurigen Ereignisse zu Ende des I. 1825 veranlaßtcn die engl. Regierung, eine Commission zur Untersuchung und Abhülfe der Mängel des engl. Bankwesens niederzusetzen und ihr zugleich aufzutragen, ihre Arbeit auch auf die schott. Banken auszudehnen, auf welche die Vorrechte der Bank von England sich nicht erstreckten, und um welche man sich aus einer Art von Geringschätzung nie bekümmert hatte, obgleich sie von allen den Stürmen, welche die engl. Banken hatten ausstehen müssen, nicht heimgesucht worden waren. Die Commission fand ein so ausgebildetes undsicherstellendes System der Act ien banken (joint-stoclc- 1>»i>Ii.?) daselbst, daß sie nicht umhin konnte, dessen Einführung in England anzucmpfehlen, was denn auch 1826 geschah. Diese Maßregel hat sich seitdem sehr bewährt und viel Unglück verhütet, denn während der Krisis im 1.1837 hielten sich alle engl. Actienbanken vollkommen aufrecht. Bis zum I. 1838 bestanden schon gegen 100 derselben in allen nur einigermaßen bedeutenden Städten Englands, welche sich in Hinsicht ihrer Statuten größtcntheils nach denen der schott. Banken gerichtet und auch die solidarische Verbindlichkeit der Actionaire eingeführt haben. Sie dürfen, wie jede engl, und irische Bank, keine Noten unter 5 Pf. St. ausgeben, halten wol Generalversammlungen, denen von der Geschäftsführung aber nichts mitgetheilt wird, als daß die Lage der Bank erlaube, die von den Direktoren bestimmte Dividende aus- Banken 35 zutheilen. Auch Ausschüsse und ihre Controle und die Aufsicht der Regierung fehlen ihnen, daher für die Sicherheit des Publicums nur durch die solidarische, Verbindlichkeit der Actio- naire gesorgt ist, weil man das schott. System nichtin seiner ganzen Ausdehnung angenommen hat. Sie geben indessen dem engl. Bankwesen viel mehr Solidität als die Privatbanken früher allein, welche letztere durch diese neuen Nebenbuhler angefeuert werden, sich einer bessern Geschäftsführung als früher zu befleißigen. Ihre gegenwärtige Anzahl und ihr Capital sind unbekannt. — An Privatbanken zählt man gegen 70 V über ganz England verbreitet. Ihre Geschäftsführung ist bereits geschildert worden. Mehre hundert derselben fielen in Folge der Krisis von 1825 . Während zu Anfang des I. 1843 im Durchschnitt von vier Wochen der Notenumlauf der Bank von England 20,104000 Pf. St. betrug, wurden von den Privatbanken 5,434822 und von den Aktienbanken 3,196064 Pf. St. Noten in Umlauf gesetzt. Die Grundsätze der Banken in Schottland sind denen der frühem engl., irischen und nordamerik. ganz entgegensetzt. Die schott. Banken sind auf Actien gegründet, und es ist die Zahl ihrer Theilnehmer unbeschränkt, während die englischen nicht mehr als sechs haben durften, von deren eingeschossenem Capitale das Publicum nie die Höhe erfuhr, wogegen die schottischen große, wirklich cingezahlte Fonds besitzen. Sic legen ferner jährlich die genaueste Rechnung ab. Sowie in ihren Grundsätzen zeichnen sie sich auch in ihren Geschäften sehr vorteilhaft aus, indem sie sich nicht blos dem Großhandel, sondern auch dem Kleinhandel und allen übrigen Gewerben widmen. Als Depositenbanken nehmen sie nicht blos große Summen an, sondern selbst bis zu 10 Pf. St. und vergüten Zinsen. Das Depositengeschäft der schott. Banken ist also eine Ausdehnung des Sparkassensystems. Hat ein Arbeiter, ein Dienstbotc u. s. w. seine kleinen Ersparnisse in die Sparkasse getragen, und mit Hinzufügung der von dieser darauf erhaltenen Zinsen es bis zu obiger Summe gebracht, so legt er sie in eine Bank nieder und fasirt so fort, bis sie so gewachsen ist, daß er damit ein Geschäft an- fängen oder ein kleines Grundstück kaufen kann und selbständig wird. Es ist eine Thatsache, daß viele wohlhabende Landleute und Gewerbtrcibende auf diese Art vom armen Lohnarbeiter sich emporgeschwungen haben. Daher kommt es denn auch, daß den schott. Banken zu diesem Zwecke 130 — 150 Mill. Thlr. stets anvertraut sind, und dies in einem Lande, das nur 2s/s Mill. E. hat und zu einem großen Theile nur aus unfruchtbarem Gebirgsboden besteht. Durch diese Art Geschäfte wird der wahre und nützlichste Zweck der Banken erreicht, wie dies der Zustand Schottlands beweist. Die schott. Banken betreiben ebenfalls das Dis- contiren sehr lebhaft und haben ihm eine große Ausdehnung gegeben. Sie gewähren gegen die Bürgschaft zweier ihnen als vollkommen sicher geltenden Personen an fleißige Leute ans allen Elasten der bürgerlichen Gesellschaft einen baaren Credit, welcher nach Belieben ganz oder theilweise benutzt werden kann. Der Empfänger eines solchen Kredits bezahlt der Bank die Summe, welche er augenblicklich keine Gelegenheit hat zu benutzen, und verlangt Geld, wenn er es braucht. Zinsen werden belastet oder gutgeschrieben, wie cs sich trifft. Auf diese Art hat er nie mehr von der Bank, als seine Geschäfte unumgänglich erfodern. Die Rechnung wird nie aufgekündigt, außer wenn die übrigen Bürgen nicht mehr sicher genug oder zu wenig Geschäfte gemacht worden sind, und sie daher der Bank beim Umlaufe ihrer Noten keinen Nutzen gebracht hat. Diese Kredite steigen von 50—1000 Pf. St. und manchmal noch höher. Die wohlthätjgen Wirkungen dieses Systems sind unberechenbar, sowol in Rücksicht der Personen als des öffentlichen Wohls. Übrigens gestehen die Banken diese baaren Credite nur unter der Bedingung zu, sie bei productiven Geschäften anzuwenden Der Borgende wird von der Bank und seinen Bürgen beobachtet, und es hat dies in Schottland den größten moralischen Einfluß. Wohlunterrichtete versichern, daß den Banken und den Bürgen bei solchen Rechnungen, trotzdem daß sie Hunderte von Millionen betragen, seit einem Jahrhundert kaum einige hundert Pf. St. verloren gegangen seien. Um übrigens Wohlhabende durch Verluste nicht abzuschrecken, ferner Bürgschaft zu leisten, bekümmern die schott. Banken sich nicht blos um die Sicherheit der Bürgen, sondern auch um die Moralität des Verbürgten und die Art und Weise seiner Geschäftsführung. Es gilt in Schottland für einen Ehrenpunkt „eine baare Rechnung" zu haben, weil solches dort mit 36 Banken andern Worten einen rechtschaffenen, thätigcn, nüchternen Mann bezeichnet. Das ist gerade der große Vorzug des schott. Banksystems, daß es nicht blos gewerblichen und volkswirth- schastlichcn, sondern auch moralischen Nutzen gewählt, indem es, von vorliegcndenBcispielen unterstützt, veranlaßt, mäßig zu leben, um zu sparen; weil cs eine sichere Gelegenheit zur zinsbaren, erwerbenden Anlegung des Ersparten darbietet und folglich ein großer Sporn ist, rechtlich, mäßig und thätig zu sein, um eine „Rechnung" zu erhalten. Auch eröffnen die schott. Banken solche laufende Rechnungen gegen Verpfändung von Grundstücken. Welchen Einfluß diese Gattung Geschäfte auf das Allgemeine haben muß, geht daraus hervor, daß die schott. Banken stets die Summe von wenigstens 6 Mill. Pf. St. auf diese Art aus- stchen haben. Sie geben Banknoten aus, und zwar bis zu dem Betrage von l Pf. St. herab und in bedeutender Anzahl, sodaß Metallgeld dort etwas sehr Seltenes ist. Demnach haben sich diese Noten seit 1770, wo das wöchentliche gegenseitige Austauschen der Noten und die Bezahlung des Saldo in einer Tratte 8 Tage dato aufLondoneingeführtwurde, während aller finanziellen Stürme, welche seit dieser Zeit England heimsuchten, begehrt und dem Golde trotz dessen gänzlichcnMangels gleich erhalten, wodurch der Beweis gegeben ist, daß Banken viele und auch Ein-Pfund-Notcn ausgcbcn können, ohne dem Lande Verluste zuzuziehen, und sich selbst in Verlegenheiten und Verwickelungen zu bringen. — Von den schott. Actienbanken find die Bank von Schottland, die Königliche Bank von Schottland und die Britische Linnen- compagnie privilegirt. Das Capital der ersten und zweiten beträgt l' 2 Mill., das der dritten /- Mill. Pf. St. Der leßtcrn frühere Bestimmung, der Handel mit Leinwand, ward bald aufgegeben. Außerdem bestehen in Schottland noch 28 Actienbanken. Die älteste unter allen ist die Bank von Schottland, die >605 gegründet ward. Auch in Schottland sind die Actieninhabcr solidarisch verbindlich. — Privatbanken gibt cs hier sehr wenige,^ in , Edinburg nur drei. Sie geben ebenfalls Noten aus, und es waren zu Anfänge des 1.1813 in Schottland 2,801865 Pf. St. Noten der dortigen Actien- und Privatbanken in Umlauf. Zn keinem Lande, mit Ausnahme der Vereinigten Staaten Nordamerikas, Ostreichs und Rußlands, hat das Ausgeben von Noten ein so schädliches Übermaß erreicht, als in Irland. Die Bank von Irland wurde >783 gegründet, mit ähnlichen Privilegien, wie die Bank von England, besonders auch mit der Beschränkung von nicht mehr als sechs Theil- nehmern an einer Bank. Die Gesetzgebung über das Bankwesen war daher ebenso fehlerhaft als in England, ungeachtet man das Beispiel Schottlands so nahe hatte. Als 1797 die Bank von England ihre Zahlungen in Münze einstellte, wurde dieses Privilegium auch auf die von Irland ausgedehnt, und cs wuchs nach dieser Zeit die Notenausgabe derselben reißend. Ihr Capital beträgt gegenwärtig 3 Mill. Pf- St. — Die Ausgabe von Noten der Bank von Irland führte zu einer entsprechenden vermehrten Ausgabe bei den Privatbanken, deren es 1864 56 gab. Eine große Entwerthung der Noten war die Folge; der Preis der Barren und Guineen stieg io Procent über deren Münzpreis, und der Curs auf London bis auf 18 Procent, obgleich das Pari nur 8'/z Proccnt war. Sehr viele Privatbanken find seit jenem Jahre in Irland errichtet worden, allein alle haben, mit Ausnahme von acht, eine nach der andern fallirt und von Zeit zu Zeit unendliches Ünglück über das Land gebracht. Erst im 1.1821 wurde im Einverständnisse mit der Bank von Irland erlaubt, Actienbanken in einer Entfernung von 56 irischen Meilen von Dublin zu errichten, denselben aber nicht gestattet, unter 56 Pf. St. und auf kürzere Zeit als sechs Monate zu ziehen und Noten unter 5 Pf. St. auszugeben. Die Actienbanken gewähren baaren Credit und Zinsen auf Deposita, was die Bank von Irland nicht thut. Zu Anfänge des I. 1843 belief sich der Notenumlauf der Bank von Irland auf 3,163266 und der der Privat- und Actienbanken auf 2,126829 Pf. St. Italien. Das Königreich Neapel hatte früher sieben Banken, welche während der Negierung Joachim Murat's ihr Ende erreichten und 1816 durch die Bank beider Sicilicn ersetzt wurden, welche, aus 4666 Acticn zu 256 Ducati gegründet, discontiren, auf edle Metalle, Staatspapiere und Waaren leihen darf, Noten ausgibt und eines guten Kredits genießt. Im I. 1827 wurde eine Leih- und Hypothekenbank errichtet, welche mit einem Fonds von 66 Mill. Ducati die Industrie und den Ackerbau unterstützen soll. — Die auf Acrien gegründete St.-Georgsbank zu Genua hatte der vormaligen Republik große Banken 37 Summen vorgeschossen und dafür fast alle Einkünfte, besonders aber die Zölle der Republik pfandweise in Besitz. Nach der Plünderung durch ein östr. Heer mußte sie 1716 ihre Zahlungen einstellen, erholte sich indessen bald wieder. Im I. 180» nahm Masse'na, um seinen Truppen den Sold auszuzahlen, die Fonds der Bank in Beschlag, welche nur sehr unvollständig wieder erstattet worden sind. Die Bankaktien von ursprünglich 200 Lire stehen jetzt kaum 20. — In Nom bestand früher eine Staatsbank, welche zugleich mit einem Lcihhause verbunden war. Im I. 1831 trat an ihre Stelle eine Discontobank unter dem Namen Lniicn romunu mitcinem Fonds von 2 Mill. Scudi in Actien zu 500 und 250 Scudi. Die von ihr zu 25,50 und 100 Scudi ausgegebencn Noten werden auch von den öffentlichen Kaffen angenommen. Die Bank steht unter der Aufsicht der Negierung, welche deren Präsident ernennt, und ist nach der Bank von Frankreich geformt. — Zu der Bank von Beliebig soll schon >171 durch eine Bereinigung der Kauflcute bei einer der Republik gemachten Anleihe der Grund gelegt worden sein; auch blieb sie stets die bedeutendste Gläubigerin des Staats. Sie war eine Depositen - und Girobank. Ihr Credit sank, als >707 Venedig von den Franzosen besetzt und dann an Ostreich abgetreten wurde. Nach der Vereinigung Venedigs mit dem Königreiche Italien wurde sie 1808 aufgehoben. Niederlande. Hollands erste Bank war die von Amsterdam und 1609 gestiftet, um dem Metallgelde einen festen Curs zu geben. Eine reine Depositen- und Girobank, wurde sie von der Stadt Amsterdam verwaltet. Als 1672 die franz. Heere bis Utrecht kamen und aus Furcht Jedermann die Bank bestürmte, um Metallgeld für ihre Noten zu erhalten, zahlte dieselbe ohne alle Stockung, wodurch sie ihren Credit sehr befestigte. Im I. 1790 sing sie an, die Einlösung gegen Metallgeld zu beschränken, und 179-1 mußte die Direktion eingestehen, daß seit 50 Jahren von ihr Vorschüsse an die Ostindischc Compagnie, an die Stadt Amsterdam und an die Staaten von Holland und Westfciesland bis zu einem Betrage von 10^ Mill. Fl. gemacht worden wären. Sogleich sielen die Bankschcine, welche 5 Procent Agio gegeben hatten, bis 16 Procent unter dem Nominalwerthc. Die meisten Einlagen wurden zurückgcnommen, und die Bank setzte ihre Geschäfte in sehr beschränktem Maße bis lK11 fort, in welchem Jahre die Bank der Niederlande an ihre Stelle trat, welche ganz nach dem Muster der Bank von England eingerichtet und aus 25 Jahre privilegirt wurde. Ihr Capitgl bildeten 5000 Actien zu 1000 Fl.; bald aber erhöhte man dasselbe auf 10 Mill. und 1810 auf >5 Mill. Fl. Ihre Noten lauten auf den Inhaber und auf 1000, 500, 300, 200, 100, 8«', 60, 10 und 25 Fl. Außer Discontogeschäften, Handel mit Gold- und Silberbarren und ausländischen Gelbsorten und Darlehen ans edle Metalle in Barren und Münze, beschäftigt sie sich auch mit dem Ausmünzen für Rechnung der Regierung. Ein Präsident, ein Secrctair und fünf Direktoren besorgen die Verwaltung. — Außerdem gibt es in Amsterdam auch eine sogenannte Associationskasse mir einem Capital von einer Million, welche sich mit Empfangen, Bewahren und Auszahlen von Geldern befaßt, aus Wechsel und andere Papiere vorschießt und Einkafsirungen in den Provinzen besorgt. Sie wird von zwei Direktoren und fünf Commiffarien verwaltet. Norwegen. Hier ward nach dem Kriege von 1815 in Dronthcim eine Zettelbank errichtet, um die für Norwegen außer allem Verhältniß große Menge umlaufenden Papiergeldes nach und nach zu vermindern und die Geldvcrhältnissc mit dem Auslände zu ordnen. Sie wurde mit einem Capital von 2 Mill. Thlr. gegründet, den Species Silber zu 25 Species Zettel gerechnet; doch hat sie ihren Zweck nur sehr unvollkommen erfüllt. Ein neues Bankgesetz von 1812 bestimmte, daß die Auswechselung von Silber gegen Zettel nicht blos am Hauptsitze der Bank, sondern auch bei den beiden Abtheilungen derselben in Chri- stiania und Bergen stattfinden könne; auch wurde durch dasselbe die Bankverwaltung ermächtigt, im Auslande bis 500000 Species vom Fonds der Bank stehen zu haben, um darauf ziehen zu können, wenn sie es für dienlich finde. Polen. Die Staatsbank zu Warschau wurde 1828 errichtet, und ihre 10 Mill. Fl. (sechs auf den Thaler) baar, 10 Mill. in Domainenpfandbriefen, und I o Mill. in andern Werthen als Grnndcapital überwiesen. Ihr Zweck ist, als Girobank zu dienen und die Tilgung der Staatsschulden zu besorgen, Anleihen für die Gencraldircction des landschaftlichen Creditwescns, Geschäfte in Staatspapicren und Wechsel, Darlehen gegen Pfand und 38 Banke« industrielle Unternehmungen zu machen. Sie empfängt Einlagen von wenigstens 200 A verzinslich, sowie auch die öffentlichen Deposita und baarcn Fonds öffentlicher Kaffen, welche ihr überantwortet werden müssen. Im I. 1830 wurden die Staatskaffenbillets in Bank- Noten von 5, 10 , 50, 500 und 1000 Fl. verwandelt. Die Geschäfte der Bank waren bis 1842 sehr einträglich, jedoch fanden in diesem Jahre bedeutende Veruntreuungen von Seiten mehrer der dabei angestellten Beamten statt. Portugal. Die 1822 in Lissabon gegründete Nationalbank mit einem Fonds von 5000 Mill. Milreis in Actien zu 500 Mirleis, ist eine Disconto- und Zettclbank und die beständige Helferin der Regierung durch Vorschüsse gegen Verpfändung verschiedener Staatseinnahmen. Rußland. Schon 1769 gründete hier die Kaiserin Katharina II. eine Staatszettelbank. Dieselbe gab während der ersten 18 Jahre nur 40 Mill. Rub. in Assignaten aus, die daher dem Silbergelde ziemlich gleichblieben. Im I. 1774 wurde die Bank in eine Staatsleih- und Depositenbank verwandelt, welche auf Hypotheken Darlehen in Assignaten machen sollte, zu welchem Zwecke die Masse derselben auf 100 Mill. erhöht wurde. Die Kriege machten die Ausgabe fernerer Banknoten nöthig, daher sie beim Tode der Kaiserin 157 Mill. und später 577 Mill. betrugen. In Folge des Kriegs von 1807 und der poli- tischen Lage des Reichs bis 1816 siel der Werth eines Papierrubcls bis auf 6/2 Schill. Hamburger Banco. Seit 1816 wurden Anstalten zur Verbesserung dieses Zustandes getroffen, und der Rub. Silber zu 4 Rub. Papier gesetzlich bestimmt und zu diesem bei allen Staatskassen angmommen. Der Rubel Assignaten war wieder zwischen 8 und ü Schill. Hamb. Banco werth. Am 1 . Jan. 1842 gab eS 595,776310 Rub. Assignaten. Hierauf wurde 1818 an ihrer Stelle eine Reichscommerzbank errichtet. Ihre Bestimmung war Einträge zum Aufbewahren von Gold- und Silbermünzen und Barren, zum Übertragen von Geldbesitzungen mittels laufender Rechnungen, auch zum Verzinsen anzunehmen, zu discontiren und Darlehen auf Waaren russ. Ursprungs zu geben. Das Capital sollte allmälig bestehen aus den vorhandenen Summen in den Scontocomptoircn (den Nachfolgern der Assignatenbank), aus dem Zinsenanwuchs darauf und aus dem jährliche» Übertrage des Belaufs bis zu 4 Mill. Rub. aus dem Capital der abgesonderten Expedition der Reichsleihbank. Bis zur Vollzähligkeit der festgesetzten 30 Mill. sollte mit diesem Übertrage fortgefahren werden. Auf weniger als sechs Monate wird kein Eintrag angenommen und für einen solchen. Zeitraum '/« Procent berechnet. Zum Girogeschäst dürfen nicht weniger als 500 Rub. eingelegt werden, worüber nicht eher als den Tag darauf verfügt werden kann. Die Einträge zum Verzinsen werden mit 5 Procent verzinst, wenn sie wenigstens drei Monate in der Bank verbleiben. Die zu discontirenden Wechsel dürfen nicht länger als sechs Monate zu laufen haben. Auch werden solche Wechsel discontirt, laut welchen der Aussteller selbst die darin benannte Summe zu zahlen schuldig ist. Auf dem zu discontirenden Wechsel im Betrage bis zu 10000 Rub. wird nur eine der Bank sicher scheinende Unterschrift erfodert, die höher lautenden Wechsel aber müssen mit wenigstenSzwei Unterschriften versehen sein. Die Bankverwaltung besteht aus einem dirigirenden, aus vier von der Regierung angestellten und aus vier von der Kaufmannschaft delegirten Direktoren, uud es muß dieselbe dem Minister wöchentliche, monatliche und jährliche Rechnungsauszüge überreichen. Die Bank hat seit ihrem Bestehen nicht eine Krisis oder andere störende Ereignisse erfahren und legt alljährlich auch dem Publicum die ausführlichsten Berichte vor, nach welchen sie am Schluffe des I. 1841 ein Capital von 8,571428 Rub. und eine» Reservefonds von 1,630750 Rub. Silber besaß; ihre Umsätze ur.d die ihrer Comptoire in Moskau, Odessa, Archangel, Riga u. s. w. betrugen 842,248589 und der reine Gewinn 685703 Rub. Silber. — Außerdem befindetsich in Petersburg noch eine Neichsleihbankmit einem Capital von 8,591978 Rub. Silber. Die Bilanz dieser Bank nach den Geldumschlägen des 1.1841 war 188)695357 und ihr reiner Gewinn 1,539806 Rub. Silber. Schweden. Die schwedische Regierung errichtete I657 die Reichswechselbank mit einem Capital von 300000 Speciesthalern. Dieselbe beschäftigte sich hauptsächlich mit Darlehen, gab Noten aus und besorgte Girogeschäste. Beim Tode Karl's XII. besaß ft einen Fonds von 5 Mill. Thlr. In der ersten Hälfte des 18. Jahrh. brachte sie aber 6 üü Banken 39 Mill. Kupferthaler Noten in Umlauf, daher nicht allein die edlen Metalle, sondern auch die Kupfermünze und die messingenen Werthzcichen, Slantcn genannt, auswanderten, und die Noten ftlbst auf ein Drittel ihres Nominalwerths herabsanken. Gustav III. versuchte wol einige Ordnung in seine Finanzen zu bringen und die Kupferthalernotcn nach und nach ein- zuwcchseln, allein seine Kriege mit Rußland verhinderten die Ausführung dieses Vorhabens und machten sogar eine neue Ausgabe von Papiergeld (Reichsschuldzettel) nöthig, daher von da an das Silbergeld auS Schweden ganz verschwand. Im I. I82S beschäftigte man sich wieder mit diesem Gegenstände, sehte den Bancothaler auf ^/s Thlr. m Silber herab und bestimmte den Anfang der Einlösung gegen Silbcrgeld, wenn die Bank h» des Betrags der Noten in Silber werde liegen haben. Dies war 1835 der Fall, worauf nun die Einlösung der Noten, 32 Mill. Rcichsbankthalcr betragend, begann. Diese hatten auch in Finnland bedeutenden Umlauf, wo sic jedoch 1832 außer Kurs gesetzt wurden. Dieses Zurückströmen setzte die Bank in große Verlegenheit, weil sie dadurch gezwungen wurde, bis zum I.Oct. nicht weniger als 1,862371 Speciesthalcr Noten cinzulösen, von welchen nun noch 21,831232 Thlr. in Umlauf waren. — Schweden hat außerdem noch Banken in Gothcnburg, Malmö, die Großkupferbcrger Lehnsbank in Dalckarlien, deren Notenumlauf 1832 gegen 1,30000» Thlr. betrug, in Örebro, mit einem Umlauf von ungefähr 1,300000 Thlr. und die Smä- länder, mit einem Umlaufe von etwa einer Mill. Thlr. Der Notenumlauf sämmtlicher Aktienbanken, mit Ausnahme der Neichsbank, betrug 1832 zwischen 5 und 6 Mill. Thlr. Schweiz. Die in Zürich befindliche Bank ist auf Acticn mit einem Kapitale von einer Mill. Fl. gegründet und befaßt sich mit Notenausgeben, Darlehen, Discontiren, Aufbewahren von Gegenständen, Annchmen von Depositen und den Girogeschäften. Die Noten lauten auf 10 und 100 brabantcr Thalcr. Für jede 3 Thlr. Noten in Umlauf muß I Thlr. Metallgeld in der Bank vorhanden sein. Spanien. Hier bestand schon im 16. Jahrh. eine Bank, doch erst 1782 ward in Madrid die Bank San-Carlos mit einem Kapitale von 300 Mill. Realen in 150000 Actien zu 2000 Realen gegründet, mit dem Zwecke, zu discontiren und die Geldgeschäfte der Regierung zu besorgen. Im I. 1781 begann dieselbe, Noten auszugebcn, und mußte der Regierung nach und nach 320 Mill. Realen borgen. Im Z. 1829 wurde diese Foderung auf 30 Mill. Realen herabgesetzt, aus welcher Summe der Fonds der neuen Nationalbank San- Fernando besteht. Sie beschäftigt sich mit Discontiren, Darlehen, Annahme von Depositen und den Geldangelegenheiten der Negierung, welche meist in Vorschüssen bestehen. Der Curs der Actien von 2000 Realen steht gegen 20 Procent. Der Umlauf ihrer guten Credit genießenden Noten beträgt 12 Mill. Thlr. Vereinigte Staaten von Nordamerika. Von Großbritannien verbreitete sich das Bankwesen auch in den engl. Kolonien, besonders in den nordamerikanischen; doch hat hier das Institut der engl. Privatbanken keinen Eingang gefunden. Franklin gab den Banken daselbst das Zeugniß, daß sic von ihrem Entstehen an dem dortigen Ackerbau, Handel und Wandel außerordentlichen Nutzen gewährt hätten. Ihre Anzahl und Kräfte waren indessen der damaligen Bevölkerung angemessen und daher nicht bedeutend, auch verbreitete sich die Wirksamkeit einer jeden nur über ihren nächsten Umkreis. Erst im1.1791 fühlte man das Bedürfniß einer über die ganze Union sich ausbrcitenden Bank neben den Localbauken und gründete eine Bank der Vereinigten Staaten mit einem Kapitale von 10 Mill. Dollars, wobei sich die Fedcralrcgicrung mit einem Fünftel betheiligte. Die Bank beschäftigte sich mit Discontiren, Vorschüssen gegen Unterpfand, Ausgabe von Noten und Annahme von Depositen. Ihre jährlichen Dividenden betrugen bis zum J. 1810 7'/»— 10 Proccnt. Im I. 1811 belief sich die Zahl aller Localbauken in den Vereinigten Staaten auf 88, von welchen in den Staaten Maine, Neuhampshirc, Massachusetts, Rhode-Jsland, Connecticut und Neuyork nicht weniger als 55 sich befänden, obgleich diese nur ein Drittel der Bevölkerung der Union in sich faßten. Sic haben bis auf die Gegenwart dieselben Geschäfte wie die Nationalbank betrieben. Im I. 1811 wollte letztere ihre Statuten erneuern, was ihr jedoch abgeschlagen wurde. In Folge des Kriegs mit England imI. 1812 mußten wegen verringerten Vertrauens, größerer Vorsicht der Kaufleuts und eigener Unvorsichtigkeit die Banken die Baareinlösung ihrer Noten einstellcn, welche Maßregel die Billigung des 40 Banren Congresses fand. Bis dahin hatten die Banken nur Wechsel, welche blos noch 65 Tage zu laufen hatten, discontirt; von da an aber nahmen sie bis in die neuesten Zeiten auch erst in vier, selbst in sechs Monaten fällige Wechsel an, welchem Verfahren hauptsächlich die vielen Handelswirren in den Vereinigten Staaten zuzuschreiben sind, besonders die, welche mit der Einstellung aller Baarzahlungen im Mai 1837 endigten. Die Zusage, nach dem Frieden mit England die Einlösung der Noten wieder zu beginnen, ward 1815 nicht erfüllt, sondern, statt die Geschäfte zu beschränken und dadurch den Notenumlauf zu verringern, eine so große Masse neuer Noten ausgcgcbcn, daß auf mehre Jahre Handel und Wandel in die größte Zerrüttung versetzt wurden. Hierauf gründete man l8I6 eine neue Bank der Vereinigten Staaten mit einem Privilegium bis zum 3. März >836. Es wurden 350000 Actien zu 100 Dollars ausgegeben; die Negierung übernahm den fünften Theil derselben; es sollten 7 Mill. baar und 28 Mill. in Staatspapicren eingeschossen werden, in Wahrheit aber zahlte man nur 2 Mill. baar, 21 Mill. in Staatspapicren und 12 Mill. in Actien der Bank selbst als Unterpfand ein. Die Negierung brachte aber gar nichts, sondern ließ sich auf den Büchern der B»nk für ihren Beitrag gegen 6 Procent Zinsen belasten. Der Hauptsitz der Bank war Philadelphia, und ihre 25 Zweigbanken befanden sich in den bedeutendsten Städten der Union. Ihr Wirkungskreis war genau der der vorigen Bank. Sie durfte nicht mit Staatspapicren handeln und keinen andern Grund und Boden besitzen, als solchen, der ihr in der Eigenschaft nicht wieder cingelöster Unterpfänder gerichtlich zucrkannt werde. Ihr Notenumlauf bewegte sich mehre Jahre lang zwischen >0—20 Mill. Dollars, betrug aber im Oct. 1835 gegen 25 Mill. Die Noten lauteten hauptsächlich auf 5 und, 10 Dollars und hatten in der ganzen Union Geltung; auch die Staatskassen nahmen sie in Zahlung an. Im Aug. 1817 standen ihre Actien >56. Sie lieh eine äußerst beträchtliche Summe auf ihre eigenen Actien, nicht pari, sondern zu 1 50 . Die Gläubiger gingen zu Grunde; die Actien der Bank sanken sehr und ihr Verlust dabei war beträchtlich. Im I. 1810 fielen eine bedeutende Menge Localbankcn, namentlich in den Ackerbaugegenden des Südens und des Westens, welche unendliches Unheil nach sich zogen. Von 1824—29 ergriffen verschiedene der Staaten Maßregeln, um solche traurige Ereignisse zu vermeiden, aber sie waren theils nicht hinlänglich, thcils wurden sie nicht beobachtet, weil die öffentliche Macht nicht die erfoderlichen Zwangsmittel besaß; hauptsächlich aber weil sie sich nicht deren bediente, welche ihr zu Gebote standen. JmJ. >830 hatte die Bank 23 Zweigbanken und zwei Agentschaften und einen Notenumlauf von 15,347657 Dollars. Die Dividende betrug damals regelmäßig? Proccnt. Außerdem befanden sich in diesem Jahre 330 Localbanken mit einem Gesammt- capitalevon 110,101898 Dollars in der ganzen Union. Doch läßt sich annehmen, daß die Einzahlung dieses Capitals in derselben leichtsinnigen Weise wie bei der Bank der Vereinigten Staaten stattgefunden habe. Im I. 1832 war der Durchschnitt der Dividende der Banken des Staats Ncuyork 9 Procent; die Fremden, fast nur Engländer, besaßen ein Viertel der Actien der Bank der Vereinigten Staaten, und ihr Umsatz belief sich auf 255,175447 Dollars. Der Notenumlauf der Banken des Staats Neuyork betrug im I. 1833 etwa 12 Mill-, ihr Vorrath edler Metalle aber nur 2 Mill. Dollars. Bis zum 1.1834 bestand die Verbindung der Bank der Vereinigten Staaten mit der Bundesregierung in Aufbewahrung der Einkünfte, welche die verschiedenen Einnehmer ihr zu diesem Zwecke übersandten, in Auszahlung für Rechnung derRegicrung, besonders der Pensionen und der Staatsschulden. Sic durfte der Bundesregierung nicht mehr als 500000 und jeder der Regierungen der einzelnen Staaten nur 50000 Dollars darleihen. Am l.Jan. 1834 hatten 405 der Localbanken 65 Mill. Dollars Noten in Umlauf und 14,250000 Dollars Metallgeld in Vorrath. Außerdem gab cs noch 101 Localbanken, deren Lage nur annähernd bekannt war; ihr Notenumlauf aber mochte 12'/, Mill. und ihr Vorrath an Metallgeld 2,800000 Dollars betragen. Zusammen hatten die Staaten nördlich vom Potomac 414 und die südlichen und westlichen 88 Localbanken mit einem Capital von zusammen 160 Mill. Dollars. DieBank der Vereinigten Staaten dagegen hatte 10,300000 Dollars Noten ausgegeben und einen Vorrath von 13,865000 DollarsMetallgeld. Hierauf trat eine Krisis ein, und es begannen die Feindseligkeiten zwischen dem Präsidenten Jackson und der Bank. Das Metallgeld vermehrte sich in den Vereinigten Staaten, weil zwei Drittel derselben, im Besitz von fünf Banken 41 Sechstel des Reichthums der sämmtlichcn Staaten, die Ausgabe von Noten unter 5 Dollars verboten. Während l 8 l l nur 88,. 1820 erst 307 und 1830 320Localbanken bestanden, gab cs deren am l. Jan. 1835 557 mit 121 Zweigbanken, 106,250337 Dollars Capital, 86,352608 Dollars Notenumlauf und 28,220256 Dollars Metallgeld. Die Bank der Vereinigten Staaten aber hatte 25 Zweigbanken, 17,330707 Dollars Notenumlauf und 15,708360 Dollars Metallgeld. Ununterbrochen vermehrten sich auch 1835 die Banken. Der Präsident Jackson begriff bald nach dem Antritt seines Amtes das Treiben der Banken, namentlich aber das der Bank der Vereinigten Staaten, daher er auch mit dieser in offenen Krieg gerieth. Ihn unterstützten darin die Demokraten, während die Whigs,' die Geldaristokraten, einen Kampf auf Leben und Tod mit ihm begannen. Doch Jackson siegte, und der Freibrief der Bank wurde nicht erneuert. Sie mußte die Deposita der Bundesregierung 1833 zurückzahlen und schien für immer vernichtet zu sein, als sich einer jener Wcchselfällc einstellte, welche in demokrarischcn Staaten sehr häufig sind. Es siegten bei den Wahlen von 1835 in Pennsylvanien die Freunde der Bank, ha ihre Gegner unter sich uneinig geworden waren, und es bat nun die Bank die Gesetzgebung des Staats um einen Freibrief als Localbank Pcnnsylvaniens, welchen die Kammer der Repräsentanten ihr zusagte und der Senat nicht abzuschlagen wagte, weil dabei dem Staate große Vorthcile zugestanden wurden. Es erhielt der Freihrief am 18. Febr. die Sanction des Gouverneurs und die Bank zugleich die Erlaubnis, auch mit Staatspapiercn zu handeln. Sie bezahlte der Bundesregierung den Betrag ihrer Subscription pari zurück und errichtete Agentschaften in den bedeutender» Städten der ganzen Union. Jhre Actien standen damals 120, daher die Bundesregierung diese 20 Procent Agio auf ihre Actien, die 7 Mill. Dollars betrugen, und ihren Antheil am Reservefonds verlor, also eigentlich die Kriegskosten allein bezahlte. Vor den Feindseligkeiten Jackson's waren die Actien selbst zu I30gesucht worden. In derSitzungvon I835auf 1836 beschloß der Kongreß, daß die öffentlichen Gelder, welche sich seit ihrer Zurückziehung aus den Kassen der Bank der Vereinigten Staaten in denen der Localbanken ohne alle Contrvle dex Bundesregierung befunden hatten, mit Ausnahme von 5 Mill. Dollars viertcljahrwcise vom 1. Jan. 1837 bis dahin 1838 den Localbanken entnommen und in den Kaffen der Staaten, nach Verhältniß ihrer Vertretung im Congreffe, zinsfrei bis zu deren Rückzahlung an die Staatskasse niedergelegt werden sollten, was eigentlich nichts Anderes war als eine Vcrthei- lung. Diese bei den Localbai^en niedergelegten Summen hatten von 1833—36 10—30 Mill. Dollars betragen und mehre Male die sämmtlichcn Activa der Banken, welchen sie anvertraut waren, ungeheuer überstiegen. Die zurückbehaltenen 5 Mill. Dollars wurden bei den von dem Sccretair des Schatzes ausgewählten Localbanken niedergelcgt und zwar gegen 2 Procent jährlicher Zinsen, wenn das Depositum mehr als das Viertel ihres Actien- capitals betrug. Im I. 1836 trat nun die neue Bank ins Leben, anscheinend aus einer Nationalbank in eine Localbank verwandelt, bei welcher nur amerik. Bürger persönlich oder durcb Vollmacht abstimmen durften. Unterdessen hatten die Localbanken ihr Unwesen auf das Höchste getrieben und den Geist der Überspeculation so angeseuert, daß 1837 allein in der Stadt Neuyork > 000 Bankrotte stattfanden und die Banken insgesammt im Mai 1837 ihre Zahlungen cinstellen mußten. Allein deswegen unterblieb keineswegs der Misbrauch des öffentlichen Vertrauens; es entstanden vielmehr immer neue Banken, welche mit schon bestehenden ihren Schwindeleien eine ungeheure Ausdehnung gaben, und man kann annehmen, daß es damals 6—700 Localbanken in den Vereinigten Staaten gab. Sic machten den Pflanzer glauben, daß sie genug Kräfte und Mittel besäßen, um die Preise ihrer Erzeugnisse aufrecht erhalten zu können, weil Ae als alleinige Besitzer derselben in Europa die Bedingungen vorzuschreiben haben würden. Die dadurch veranlaßte ungeheure Notenausgabe mußte den Werth derselben Herabdrücken, und wirklich fielen sie auf zwei Drittel ihres Welches zurück. Die Banken verkauften diese Erzeugnisse, erhielten dafür gute Zahlungsmittel und lösten mit diesen die Noten zu 65 von den Pflanzern ein, die sie ihnen zu > 00 für deren Erzeugnisse gegeben hatten. Namentlich zeichnete sich im Sommer 1838 die Bank von Pennsylvanien durch dergleichen Unternehmungen aus, und wirklich gelang es ihr, die Preise der Baumwolle in Liverpool hinaufzutreiben, doch nur auf kurze Zeit, denn bald ward die alte Erfahrung bestätigt, daß kein Geldinstitut auf Erden Kraft genug besitze, um die Preise Banken von Waaren bestimmen zu können; die Baumwolle fiel wieder, und die Bank von Pmnsyl- vanien und alle andern Localbanken geriethen in die größten Verwickelungen, sodaß im No». 1839 alle die Banken, welche vor einiger Zeit die Einlösung ihrer Noten wieder begonnen hatten, genöthigt waren, sie wieder cinzustellen, und cs trat ein Zustand der Dinge ein, gegen welchen der von 1837 nur unbedeutend erschien. Die Misbräuche, welcher die Direktoren der Banken sich schuldig gemacht hatten, gingen aber auch ins Unglaubliche, und man kann annehmen, daß von den von den Banken zu erfüllenden Verbindlichkeiten ein Viertel allein zu Gunsten der Direktoren derselben cingegangen worden war. Der Credit der Bank von Pennsylvanien litt außerordentlich, ihre Aktien fielen mehr und mehr und standen zu Ende des I. 181V auf 47 Proccnt. In dieser Zeit fingen die Banken, die von Pennsylvanien mit eingeschlossen, thcilweise wieder an, ihre Noten einzulösen. Im 1.1841 suchte man die Angelegenheiten der Banken durch ein Gesetz zu ordnen, allein der Präsident Tylcr gab weder dem ersten noch dem zweiten Gesetzentwürfe seine Zustimmung und zwar mit Recht, da keiner von beiden das Übel an der Wurzel angriff. Hierauf stellte imSept. die Bank vonPenu- sylvanien, gewöhnlich noch immer die der Vereinigten Staaten genannt, ihre Zahlungen förmlich ein. Ihre Noten verloren zu Anfang des 1.1842 30 Procent und ihre Aktien wurden mit 4'/, bezahlt; eine Menge Localbankcn stürzten, und eine gewaltige Aufregung herrsch» in den Städten, wo sic ihren Sitz hatten. Im Apr. fingen viele Banken an, ihre Noten wieder einzulösen, und das neue Bankgesetz verordnet,:, daß diejenige Bank, welche bis zum I. Sept. die Einlösung ihrerNoten nicht begonnen habe, von da an liquidiren müsse. Dieses Gesetz hatte die wohlthätigsten Folgen, die Zahl der Banken verringerten sich um mehr als die Hälfte und zu Anfang des 1. 1843 bestand der Geldumlauf fast nur in edeln Metallen. Nachdem Hunderte von Banken seit dem I. 1839 verschwunden waren, befanden sich im Febr. 1843 deren unter andern noch in dem Staate Ohio 18, in Neujcrsey 28, in Südcarolina 6, in Neuorleans 8, in Columbiadistrict 6, in Neuyork 107, davon 22 in der Stadt, in Maryland 11, in Georgia 16, in Alabama 7 theils confirmirte, theils nicht con- firmirte oder sogenannte freie Banken, von welchen letztem im Febr. 1843 nur drei in der Stadt Neuyork vorhanden waren. Die nachfolgende Tabelle gibt die beste Ansicht von dem Zustande der sämmtlichen Banken in den Vereinigten Staaten im Z. 1839, der Zeit des größten Misbrauchs, und im Febr. 1843: Abnahme 204,402863 ' 8,018465 64,504957 25,950174 1843 287,875152 37,114208 70,666038 64,290972 1839 Diskonten und Darlehen 492,278015 Vorrath an edeln Metallen 45,132673 Notenumlauf Deposita 135,170995 90,241146 Von den Noten befanden sich 1839 ungefähr 27 Mill. Dollars in den Händen der Banken und 1843 20 Mill-, sodaß im Febr. des letztem Jahres 50 Mill. Noten in Umlauf waren, zu deren Einlösung 37 Mill. Dollars edle Metalle in den Kassen der Banken lagen, woraus sich ein sehr günstiges Verhältniß des Einen zu dem Andern ergab. — Im übrigen Amerika gab es nur in den engl. Besitzungen Banken und zwar von geringer Bedeutung. In Afrika befinden sich auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung einige Banken, und in Ägypten die vom Vicekönig im Jan. 1843 mit einem Capital von 700000 Talari gegründete Bank, welche den Geldumlauf reguliren soll. — In Äsien hat nur das Britische Ostindien die erfoderlichen Banken, unter denen die in Kalkutta die bedeutendsten sind. Die Bank von Bengalen, mit einem Capital von 50 Lacks Rupien in 500 Aktien, jede zu 10000 Sicca-Rupien, ist die einzige confirmirte. Ihr Notenumlauf beträgt 80—10« Lacks, welche von allen öffentlichen Kaffen angenommen werden. Die Bank von Hindo- stan hat einen Notenumlauf von 10—25 Lacks. Die Handelsbank gibt keine Noten aus, gleichwie die Kalkuttabank. Die Unionbank hat ein Capital von 50 Lacks Rupien in 10OS Aktien, jede zu 5000 Rupien. — In Australien hat jede engl. Kolonie ihre Banken, deren in Neusüdwales sich sieben befinden, mit einem eingezahlten Capital von 2,040751 Pf. St. Dieselben hatten am 31. März 1842 einen Notenumlauf von 200246 Pf. St., 474645 Pf. St. Münze vorräthig, 975810 Pf. St. Deposita und 2,430027 Pf. St. in Diskonten, Vorschüssen u. s.w. angelegt. Vgl. Büsch, ,,Sämmtliche Schriften über Banke» Banknote Bankrott -13 nnd Münzwesen" (Hamb. I8V1), Storch, „6oms 6'economie publique" (Bd. 4, Par. 1803), Eins. deWelj, „Dumugisclei crcctito 8vclatr -- « . '--Ls V - ... .>t-v7<»«,^ 44 Banks Banner Zahlungsunfähige das Recht, nach 14 Tagen bei einem eigenen Gericht (Insolvent ckebton cmirt) auf Freilassung anzutragen, wenn er sein Vermögen zu Befriedigung seiner Glau- bigcr abtritt, und kann, sofern er nicht bezüglich gehandelt hat, höchstens auf drei Jahre mit seinem Gesuche zurückgcwiesen und zur Arbeit angehalten werden. Der betrügliche Bankrott gehört übrigens zu den Verbrechen, wegen deren auch Frankreich, England und Amerika die Angeschuldigtcn ausliefern. Banks (Sir Joseph), Baronct, ein eifriger Beförderer der Naturforschung, geb. 1743 zu Revesby-Abbey in Lincolnshire, gest.am l 9. Juni > 829, stammte aus einer ursprünglich schweb. Familie, die etwa hundert Jahre vor ihm sich in England niedergelassen hatte, und welcher auch der Traucrspieldichtcr John B., der in der letzten Hälfte des 17. Jahrh. sich einen Namen erwarb, angehörte. In Eton und Oxford gebildet, machte er 1765 eine Reise nach Neufundland und Labrador, um naturgeschichlliche Forschungen anzustellen, und schiffte sich in Gesellschaft seines Freundes Solander 1768 mit Cook zur Reise um die Welt ein, die 1771 glücklich vollendet wurde, und zu deren Gelingen B. durch Muth, Ausdauer und Eifer nicht wenig beitrug. Bei einer Untersuchung im Innern des Fcuerlandes wäre er beinahe nebst seinem Freunde während einer furchtbar kalten Nacht erfroren. Er brachte den Brotfruchtbaum nach den amerik. Inseln und lieferte die botanischen Beschreibungen zu Cook's erster Reise. Im 1.1772 wollte er Cook auf dessen zweiter Reise begleiten, konnte sich aber wegen der für die Zwecke der Naturforschung erfoderlichen Einrichtungen nicht mit ihm einigen Hierauf besuchte er noch in demselben Jahre die westlichen schott. Inseln und Island, die ihm reiche Ausbeute für die Naturgeschichte gewährten. Bereits 1771 in Oxford zum Doctvr der Rechte ernannt, wurde er 1777 Präsident der Königlichen Societät und 1778 vom König zum Baronet erhoben. Auch ward er 1891 zum Mitgliede des franz. Nationalinstituts ausgenommen, weil aufseine Verwendung die Papiere Lapeyrouse's, welche in die Hände der Engländer gefallen waren, Frankreich zurückgcgeben wurden. Ganz insbesondere machte er sich verdienstlich durch die Begründung und Leitung der -5srio:m -cssociation. (S. Afrikanische Gesellschaften.) Viele Naturforscher, wie Blumenthal, Hornemann, Burckhardt u. A., verdankten ihm eifrige und uneigennützige Unterstützung ihrer Bemühungen. Abgesehen von Aussätzen in Zeitschriften und Beiträgen zu den Schriften gelehrter Gesellschaften, besonders zu den „klnlosopbicul transactions", hat er nichts geschrieben als sinnt uccount ok tüo cuusss ok tde diseases in cnrn eaiied tlie bliebt, ttis milden, and tiie rast", das zuerst für Freunde (1893, 4 .) und dann für das größere Publicum (1895) gedruckt ward. Er hinterließ eine reiche Bibliothek, von welcher sein Freund Dryander einen trefflichen Katalog lieferte, und eine ausgezeichnete naturhistorische Sammlung, welche beide er nach seines Bibliothekars Brown Tode auf das Britische Museum vererbte. Bann, s- Acht und Kirchenbann. Banner, s. Bauer (Johan). Banner oder Bannier, auch Panier, wahrscheinlich deutschen Ursprungs, hieß im Mittelalter die Haupt- oder Hcercsfahne, die da aufgepflanzt wurde, wo der Befehlshaber sich befand und in der frühesten Zeit ihrer Größe wegen meist auf einem Wagen fortgcführ! werden mußte. Dem Bannier zu folgen waren alle Vasallen verbunden. In Deutschland war das vornehmste Bannier das Reichsbannier, auch Standarte genannt, das der Kaiser im Ißelde mit sich führte. Im Reichsbannier war früher das Bild des Erzengels Michael; unter Kaiser Friedrich I. kam der Adler hinein, der unter Otto IV. über einem Drachen schwebte und spätestens seit Sigismund zum schwarzen einköpfigen Reichsadler im goldenen Felde wurde. Durch die Zusendung des Rcichsbanniers an einen der Vasallen des Kaisers erfolgte die Übertragung des Oberbefehls über das Heer. Als die Heeresfahne längst außer Gebrauch gekommen, entstand zu Ende des17. Jahrh. ein Streit über das Recht, das Reichsbannier zu führen, welches das Haus Hannover, als eS die Kurwürde erlangt, in Anspruch nahm, während Sachsen wegen des Erzmarschallamts, Würtemberg aber des Reichsfähndrichsamts wegen hierzu sich berechtigt hielten, sodaß zur Befriedigung der Ansprüche Hannovers dasNeichs - b anni er am t eingeführt wurde. Außer dem Reichsbannier gab es noch Renn-, Sturm- und Ritterfahnen, die, kleiner als jenes, dem Heere vorangetragen wurden. Solche führten nicht nur die Kaiser, wenn sie persönlich beim Heere waren, sondern durch Verleihung derselben Bannrechte ^5 auch einzelne Stände und Städte des Reichs ; so Würtemberg wegen der Grafschaft Groningen in Schwaben, und Kurköln wegen der Grafschaft Arnsberg in Westfalen; so auch die Städte Augsburg, Köln, Frankfurt, Nürnberg, Strasburg und Ulm. Übrigens hatten alle Grafen und Herren.oder Dynasten das Recht, im Kriege unter eigenem Bannier ihre Mannen dem Kaiser zuzuführen. Dein nieder» Adel stand dieses nicht zu; doch konnte der Kaiser aus ihm sogenannte Bannerherren ernennen, die nun jenen gleichberechtigt waren und nicht mit den Fahnenführcrn (Vexilliteri) verwechselt werden dürfen, denen nur ein fremdes Bannier anvertraut war. Auch bei den Schweizern wurde in frühem Zeiten die Hauptfahne das Bannier genannt und der Träger derselben Bannerherr. Später war das Banneramt eine der ansehnlichsten Ehrenstellen in der Schweiz, das aber nach und nach einging, in einigen Cantoncn jedoch wieder eingcführt wurde. In dem Freiheitskriege wurde Banner für Abtheilung oder Bataillon gebraucht. Banner der fr eiwilligenSach- sen nannte man die nach der Schlacht bei Leipzig unter dem rufs. Gouvernement in Sachsen gegen die Franzosen ausgerüstete Kriegerschar, die vom Kaiser Alexander seinen Garden beigezählt, >815 wieder aufgelöst und 1832 durch eine russ. Medaille ausgezeichnet ward. Bannrechte sind Befugnisse, deren Inhaber berechtigt ist, die Verpflichteten zu nö- thigen, bestimmte Bedürfnisse ausschließlich oder vorzugsweise durch ihn befriedigen zu lassen, wol gar ein bestimmtes Maß ihres präsumtiven Bedarfs bei ihm selbst dann zu erheben, wenn ihr Bedarf gar nicht die Höhe jenes Maßes erreicht. Sie waren den Römern unbekannt, weshalb die Juristen, die keinen andern Platz für sie wußten als hinter den Servituten, obschon deren Charakter nur in dem Sichgefallenlaffcn, nicht in dem eigenen Leisten bestand, besondere Servitute-! jiiris gerinititici erfinden mußten. Die Bannrechte sind directe, wenn auch in der Regel räumlich begrenzte Monopole. Sie entsprangen aus der allgemeinen Gewohnheit des Mittelalters, das Factum zum Recht zu machen. Wer eine Zeit lang einen bestimmten Vortheil allein genossen hatte, der erlangte gar leicht ein Recht, daß ihm dieser Vortheil ausschließlich verbleiben müsse. War also z. B. eine Mühle lange Zeit die einzige in einer Gegend gewesen, weshalb die Bewohner dieser Gegend sämmtlich ihr Korn in ihr mahlen ließen, so erlangte sie, besonders wenn ihr Besitzer sonst Gewalt hatte, etwa der Grundherr war, das Recht, ihre Mahlgäste zu Mahlpflichtigen zu machen, die entweder ihr ganzes Korn oder doch so viel wie früher bei ihr mahlen lassen mußten, wenn auch zehn neue Mühlen in der Umgegend entstanden waren. Nächst dem Mühlzwang war es vorzüglich der Bicr- zwang, der seine Rolle hier spielte und für die Städte ein gutes Thcil von Dem war, waS der Landadel an seinen grundherrlichen Rechten besaß. Nicht minder haben die Zünfte ihre Bannrechte, sofern es den Bewohnern einer Stadt nicht gestattet ist, auswärts Zunstartikcl fertigen zu lassen. Auch vieles Andere, bis aufHas Musikhalten, Schweineschneiden, Abdecken und Lumpensammeln, war und ist noch jetzt Gegenstand von Bannrechten. Vielleicht am härtesten sind die Bannwcineinlagen, wo der Berechtigte die Ortseinwohncr zwingen kann, ihn, seinen Wein für einen gewissen Preis abzukaufen. Die Bannrechte haben den Nachtheil dcr Monopoleüberhaupt. Sie beeinträchtigen die menschliche Freiheit zu Gunsten Anderer, nicht des Ganzen; sie legen dem Pflichtigen eine Abgabe an den Berechtigten auf und nöthigen ihn oft, seine Bedürfnisse auf eine schlechtere Weise zu befriedigen, als er außerdem müßte. Sie ersticken den Wetteifer und nähren in dem Berechtigten eine bequeme Trägheit, bei der jeder Fortschritt wegfällt. Auch tragen sie zur Nahrungslosigkeit bei, sofern sic Viele abhalten, sich dem durch das Bannrccht in wenige Hände gebrachten Geschäft zu widmen. Die Auflösung dieses Verhältnisses ist daher sehr zu wünschen. Es bietet aber gerade hier die Entschädigungsfrage große Schwierigkeiten dar, da es sich bei den Pflichtigen zum großen Theile weniger um einen effektiven Schaden, als um einen entgehenden Gewinn, nämlich darum handelt, daß sie ohne das Bannrecht ihre Bedürfnisse wohlfeiler und besser befriedigen würden. Das Wieviel ist hier schwer zu schätzen. Auch bei den Berechtigten läßt es sich nicht wohl bestimmen, wie groß ihr Schaden sein wird, da sie vielleicht durch vermehrte Anstrengung, auch nach abgelöstem Bannrecht, denselben, ja einen höhern Gewinn ziehen. Endlich kann Niemand ermessen, wer und wie Viele durch das Bannrccht vom Gewerbsbetriebe abgehalten werden und wie hoch Das anzuschlagen ist. Jedenfalls wird die Sache nur annäherungsweise, nach dem concrcten Verhältnisse und dem Ermessen von Sachverständigen zu 46 Banqmer Banz ermitteln sein; keineswegs lassen sich alle Bannrechte unter denselben Grundsatz bringen. Man hat theils von den Pflichtigen, thcils von Denen, die sich zum Eewerbsbetricb melde- ten, das Bannrecht abkaufcn lassen, auch von staatswcgen Zuschüsse geleistet., In Preußen wurden der Mühlen-, Brau-, Branntwein- und Schankzwang 181.0 ohne Entschädigung aufgehoben. Im Königreich Sachsen ist eine solche 1838 bedingt worden. Die Theorie hat sich verhältnißmäßig wenig mit dem Gegenstände beschäftigt. Vgl. Benedict, „Der Zunftzwang und die Bannrechte" (Lpz. 1835). Banqmer. Der Banquier handelt mit Capital oder eigentlicher mit Geld und ist der Vermittler zwischen dem Verborger und dem Borgenden, indem er von dem einen Theile zu billigem Bedingungen borgt, als er dem andern darlciht. Auf solche Weise bringt er viel Geld in Umlauf, was außerdem müßig liegen würde, verschafft solches Denen, die cs brauchen, und bildet so einen befruchtenden Kanal, welcher das große Feld des Handels nach allen Richtungen durchströmt und bewässert. Dieses ist der allgemeine Charakter des Geschäfts eines Banguiers > im Speciellen jedoch trennt sich das des brit. und irischen von dem des Banguiers auf dem europ. Festlandc. Jenes ist das der Privatbanken. (S. Bank.) Der Ban-zuier auf dem festen Lande hat eine viel mannichfaltigerc Wirksamkeit. Er nimmt wol Deposita an, aber verzinst sie; er treibt Geldwechsel, discontirt, kauft und verkauft Wechsel auf fremde Plätze, edle Metalle und Staatspapiere und macht Vorschüsse gegen Unterpfand. Einen seiner bedeutendsten Geschäftszweige bilden die laufenden Rechnungen, welche er andern Kaufleuten eröffnet, die unbedeckten Vorschüsse, die er macht, der Verkauf ihm eingesendeter Wechsel auf fremde Plätze für Rechnung des Einsenders und der Einkauf solcher auf Verlangen, Einkassirungcn und Speditionen, die er besorgt, für welche Mühwal- tungen er Provision, sowie Zinsen für sein Guthaben berechnet. Banse, s. Scheune. Banz, Schloß nebst Herrschaft im bair. Kreise Oberfranken, in einer herrliche», durch Anlagen noch verschönerten Gegend, war früher der Sitz einer reichen Benedictiner- abtei, deren Glieder zumeist in dem Rufe hoher wissenschaftlicher Bildung standen, sowie ausgezeichneter Humanität gegen alle Gelehrten ohne Unterschied ihres Glaubens, welche selbst aus fernen Gegenden Deutschlands, namentlich der wissenschaftlichen Sammlungen willen, hier zusammenströmten. Dieselbe wurde um die Mitte des II. Jahrh. gestiftet, wollte aber anfangs nicht gedeihen und gerieth, zumal nachdem sie > 071 dem Hochstifte Bamberg zu Lehen gegeben worden war, durch dieses in gänzlichen Verfall. Seit dem 12. Jahrh. fing sie indeß an, allmälig sich zu heben, jedoch unter fortwährenden Reibungen und Streitigkeiten mit ihren Schuhvögten und Lehnhcrren; erst im 14. Jahrh. kam sie unter dem Abt Konrad III. von Redwitz in einen blühendem Zustand. Im Bauernkriege wurden 1525 die Convcntualen vertrieben und die Gebäude zerstört. Erst dem 1529 gewählten Abte Alexander von Notenhan gelang es, wieder Convcntualen zu sammeln und das Stift zu re- organisiren. Durch ihn wurde die Bibliothek und eine gelehrte Schule begründet, die sehr bald in Aufnahme kam. Doch nach seinem Tode erfolgte wieder eine gänzliche Auflösung, indem die Mehrzahl der Convcntualen sich der Reformation zuwendete, bis der Abt Johann Burchard 1575 gleichsam der zweite Stifter der Abtei wurde, die nun unter ihm, sowie unter seinem Nachfolger Thomas Bach wieder in glänzende Verhältnisse kam. Der Dreißigjährige Krieg zerstörte Alles von neuem; Oxenstierna schenkte die Abtei nebst ihren Besitzungen dem Markgrafen Georg von Baireuth, der sie erst nach dem Tode Gustav Adolfs an die wenigen zurückkehrenden Convcntualen abtrat, die nun ein sehr kärgliches Leben führen mußten, bis sie gegen das Ende des 17. Jahrh. durch die Erbschaft einer Mill. Gulden von dem Bischöfe Otto zu Gurck in Kärnten, der vorher Abt in B. gewesen war, in bessere Verhältnisse kamen, sodaß nun auch die Kirche und die andern Gebäude wiederhergestcllt werden konnten. Unter den folgenden Akten zeichnete sich Gregor Stumm, der die Bibliothek wiederherstellte, ein Münz-, Kunst - uud Naturaliencabinet begründete, und der letzte Abt, Gallus Pennerlein, vornehmlich aus, unter welchem 1802 das Stift aufgehoben wurde. Die Bibliothek und das Naturaliencabinet kamen nach Bamberg, das Münzcabinet nach München. Das Schloß nebst den zunächst gelegenen Gütern kaufte 1813 der Herzog M' Helm von Baiern, der es zu seiner Sommcrresidenz wählte und es bei seinem Tode im 3- Baphomet Var 47 1837 auf seinen Enkel, den Herzog Maximilian, vererbte. In der schönen Kirche zu B. ist da- Denkmal des Marschalls Bcrthier. Vgl. Sprenger, „Diplomatische Geschichte der Be- nedictinerabtei B." (Nnrnb. 1803) und Schatt, „Lebensabriß des Abtes Gallus Denner- lein"(Bamb. 1821). Baphömet, ein Symbol der Tempelh err en(s.d.), das man schon in frühem Zeiten für den entstellten Namen Mohammed hielt, indem man die Glieder des Ordens einer Hinneigung zum Islam beschuldigte. Nach Hammer's Ansicht in den „Fundgruben des Orients" (Bd. 6) sind die in mehren Alterthümersammlungen sich vorfindenden Bilder von Stein, mannweiblich mit zwei Köpfen oder zwei Gesichtern, einem bärtigen Manne gleich, übrigens von weiblicher Bildung, größtcntheils mit Schlangen, Sonne und Mond und andern seltsamen Attributen umgeben und mit meist arab. Inschriften versehen, Baphometidole der Templer, und es soll der Name Baphomet so viel als Feuertaufe oder gnostische Taufe bedeuten; es ist jedoch diese sehr gewagte Deutung mit Recht vielfältig, namentlich vonNay- nouard, sehr bestritten worden. Baptisten, s- Taufgesinnte. Baptisterium oder Tau sh aus hieß das Nebengebäude der Kathedralkirchen, in welchem der Taufact vollzogen wurde. Es war sehr umfänglich, weil wegen der seltenen Laufzeiten (anfangs nur zu Ostern und Pfingsten) eine Menge Täuflinge zusammenkamen. Später wurde der Taufort in den Eingang der Kirche und endlich in die Kirche selbst verlegt. Bar bezeichnet in England, wie Barre in Frankreich, die Schranken, welche die Mitglieder eines Gerichtshofs von Denen sondern, welche etwas vorzutragen haben oder etwas anhören sollen. Davon kommt der Name Barrister, welchen die höhere Clafse der Advoca- tcn (s. d.) in England führt. Die Barrister haben das ausschließliche Recht zum Plaidiren vor Gericht, und gewisse Schriften, welche bei dem Gerichte eingcgeben werden, müssen von ihnen unterzeichnet sein. Sie haben eine Art gemeinschaftlicher Administration, die von den Ältesten oder Denen, die den höchsten Rang haben, versehen wird, und obwol ihnen keine Cocr- citivgewalt gegen ihre Mitglieder zusteht und sie nicht gesetzlich als Corporation anerkannt sind, so haben sie doch gewisse Vorschriften, die von allen diesem Stande Angehörigen befolgt werden. Das Bestehen dieser engem Verbindung der Barristers datirt sich aus den Zeiten, wo diejenigen Rechtsgelehrten, welche dem gemeinen engl. Rechte im Gegensatz zu dem römischen, von der Geistlichkeit in Schutz genommen, zugcthan waren, eine eigene Universität gründeten, da die Universitäten zu Cambridge und Oxford ganz unter dem Einflüsse der Geistlichkeit standen. Zu diesem Zwecke kauften sie nach und nach mehre Häuser in London, aus deren theilweiser Vereinigung nachmals die Inns entstanden, welche blos von Juristen bewohnt wurden, und in denen das Recht gelehrt ward. Dieser Unterricht hat aber schon lange aufgehört und die Vereinigung beschränkt, sich jetzt auf Zusammenkünfte geselliger Art. Bar, das Herzogthum (lat. Uarensis tiiicatus, franz. Oe ckuclie lls üsr, Oe ü-eirnis oder Oe ckiiclie cks Lari-nis), zwischen Lothringen und der Champagne, namentlich im Departement Maas gelegen, gehörte in der fränkischen Zeit zu Austrasien und stand dann, zu Ober- lothringen gehörig, unter eigenen Grafen, welche in der frühesten Zeit Grafen von Moncon oder Mousson hießen, nach einer alten Feste, die sic besaßen. Als der erste derselben wird 050 Friedrich von den Ardennen erwähnt, der auch dieHauptstadt des Landes, Bar-lc-Duc, erbaut haben soll. Der erste Graf von B., der den Herzogstitcl annahm, um 1355, war Robert, vermählt mit der Herzogin Maria von Bern , für die damals der berühmte Roman „Die schone Melusine" geschrieben wurde. Durch Verhcirathungen wurde B. zu Anfänge des 15. Jahrh. mit Lothringen vereinigt und mit diesem siel es später an Frankreich. Bar heißen drei Städte in Frankreich. — Bar-le-Duc, im Departement der Maas, ist eine wohlgebaute Stadt an der Ornc, daher während der Revolution B.-sur- Ornaine genannt, mit einem College, einem Schullehrcrscminar, einer Gesellschaft des Ackerbaus und der Künste, einer öffentlichen Bibliothek und 12100 E-, die sehr gewcrbflcißig sind, Fabriken fürHütc, Kattun-, Strumpf-, Wollen-, Leder-und Stahlwaarcn unterhalten, ausgezeichnete Confitureu bereiten und ansehnlichen Wein-und Holzhandeltreiben. — B ar- sur-Aube, ein Städtchen im Departement der Aube, an deren rechtemUfer, mit 1000 E.. gutem Weinbau und lebhaftem Wein-, Holz- und Branntweinhandcl, wurde im Feldzüge von Bar Bar 1814 durch zwei Gefechte wichtig. Das erste wurde am 24. Jan.östlich von der Stadt bei Colombe'-les-deux-Egliscs geliefert und erfüllte den Zweck der Verbündeten in vollem Maße, indem der Marschall Mortier seine Rückzugslinic nach Trohes durch das siegreiche Vordringen des Kronprinzen von Würtemberg und des Grafen Eiulay schleunigst weiter verfolge» mußte; das zweite Gefecht im Febr. zog die Stadt unmittelbar in ihren Bereich und gab den ganzen Operationen des Feldzugs eine andere Wendung. Nachdem die Hauptarmce der Verbündeten unter Schwarzenberg wiederum den Rückzug von der Seine zur Aube ange- treten, bestimmte ein Kriegsrath der drei Monarchen am 2 5. Febr. im Hauptquartiere zu B- den weitern Rückzug nach Langrcs bis zu den Reserven und demnächst die Verstärkung der südlichen linken Flanke wie die Erneuerung des Angriffskriegs im Norden. Marschall Oudinot war den Verbündeten gefolgt und nahm am 26. Febr. leicht von B. Besitz, da Wrede keinen Befehl zur Vertheidigung hatte. Plötzlich traf die Nachrickt Blüchcr's ein, daß er die Aube ohne Verlust passirt, und daß nur einige Hecrstheile die Hauptarmce verfolgten, da Napoleon seine Macht bei Mcry concentrirc, um ihm wahrscheinlich nach der Marne zu folgen. Diese Nachricht und der Wunsch des Königs von Preußen änderten den Operationsplan; Schwarzenberg gab für den 27. Febr. den Befehl zum allgemeinen Wiedervorrücken, doch schon am Abend des 26. ließ Wrede die Stadt durch zwei bair- Bataillone angreifen, welche sich auch in den Vorstädten behaupteten. In der Stellung der Verbündeten hatte Wrede mit dem fünften Corps die Mitte gegen B. und gegen die Franzosen unter Gerald, den rechten Flügel daS sechste Corps unter Wittgenstein gegen Aileville, besetzt von Oudinot, und das dritte und vierte Corps unter dem Kronprinzen von Würtemberg und Giulay den linken Flügel gegen La-Ferte-sur-Aube, von Macdonald besetzt. Die Umgehung des franz. linken Flügels fand zwar heftigen Widerstand; doch wendeten die Gefechte sich zum Vorthcil der Verbündeten, welche den Feind kräftig über den Fluß drängten.' Hierauf wurden auch Centruw und linke Flanke in den Kampf geführt. Fünf Bataillone griffen die Stadt in zwei Colon- nen an und fanden erbitterten Widerstand, bis endlich der Oberst von Theobald an der Spihk des zehnten bair. Regiments eindrang, der Feind zurückgcdrängt und bis Spoy jenscit des Flusses verfolgt wurde. Der Verlust der Verbündeten betrug gegen > 600 M-, der des Feindes fast das Doppelte und 800 M. Gefangene. Schwarzenberg und Wittgenstein wurden verwundet und Letzterer mußte deshalb durch Rajewsky abgelöst werden. Das dritte und vierte Corps unter dem Kronprinzen von Würtemberg und Giulay zwangen am 28. Febr. Macdonald ebenfalls zum Rückzuge, und so ward durch diese Gefechte an der Aube das Wiedereinrücken Schwarzenbcrg's in Troyes, am 4. März, vorbereitet und die Defensive plötzlich wieder in die Offensive umgewandelt. — Bar-sur-Seineist eine kleine Stadt an der Seine im Departement der Aube, mit 3400 E-, Weinbau und lcbhaftemWeinhandel. Bar, eine kleine Stadt in der Ukraine, im russ. Gouvernement Podolicn, am Bug, > mit 2500 E., erbaut von Bona Sforza, der Gemahlin König Sigismund's I. von Polen, ist besonders bekannt geworden durch die Verbindung, die sogenannte Barer Conföde- ration, die hier ein Theil des poln. Adels einging, um dem russ. Einflüsse, in welchem der König Stanislaus August befangen war, entgegenzuarbeiten und dem Katholicismus die Übermacht in Polen zu sichern. Den ersten Gedanken zu dieser Verbindung hatte der Bischof von Kamieniec Adam Krasinski; der Starost Josef Pulawfli setzte ihn ins Werk, und acht Edelleute unterschrieben die Conföderationsacte am 20. Febr. 1768. Bald fanden sich zahlreiche Theilnehmer in ganz Polen und die Conföderation erzeugte einen Zwiespalt des gesammten Adels. Als die Rüssel am 28. Mai 1768 B. erstürmten, zogen die Con- föderirten in die Walachei und später nach Teschen. Sie erklärten den König für abgesetzt, und ihre Anhänger waren es, die 1771 denselben aus Warschau entführten. Anfangs unterstützte sie der Papst und der franz. Minister Choiscul; in ihrer Mitte stritten Dumouriez und Kellermann gegen die Russen, den es erst nach vierjährigem Kampfe gelang, die Con- föderation gänzlich zu unterdrücken. Bär, eine Säugthiergattung, welche zu den Raubthieren gehört, obgleich ihr Zahnbau, da sie nur einen Ncißbackzahn haben, die übrigen Backzähne aber höckerig sind, auch für vegetabilische Nahrung bestimmt erscheint, wie denn auch die meisten Arten Pflanzcnnahrungz» sich nehm-n. Alle sind große, plump gebaute Thiere mit kurzem Schwänze und vcrlänger- Bär Barante 49 tem, beweglichem Nasenknorpel. Sie schlafen zumeist während die Winters in Hohlen, in welchen sic sich auch sonst verbergen und in denen das Weibchen die Jungen wirst. Die bekannteste Art ist der braune europäische B är (llrsus arctn») mitconvexer Stirn, braunem, so lange er jung ist, sehr wolligem Pelze, heimisch in Europa und Asien. Seine Nahrung besteht in der Jugend in Vegetabilien, nachher in Fleisch; doch frißt er auch Honig. Er wird 5'/- F. lang und wiegt oft gegen 400 Pf. Die Bärin wirst in der Regel im Jan. zwei Junge, die an Größe etwa einer Ratte gleichkommen. Man jagt ihn vorzüglich des Pelzes und Fettes wegen; doch ist auch sein Fleisch eßbar, ja die Tatzen gelten als Lcckcrbis- sen. Jung kann man ihn zu allerlei Künsten abrichten. Eine andere mehr graue Art (17. ierox) in Nordamerika wird wegen ihrer Stärke gefürchtet. Der ebenfalls in Nordamerika heimische Baribal (17. americanns) mit platter Stirn, schwarzem Pelz und gelber Schnauze, dessen Nahrung meist in Früchten besteht, wird häufig in Menagerien getroffen. Der langrüsseligeBär oder das bärenartige Faulthier (17. lonFirostris), welches wegen zufälligen Mangels der Schneidezähne lange für ein Faulthier gehalten wurde, ist in Ostindien einheimisch und zeichnet sich durch ziemlich verlängerte Nase und Unterlippe aus. Der Eisbär oder Seebär (17. maritim»») mit verlängertem abgeplatteten Kopf, schlichtem weißen Pelz und heimisch im Norden, wird über acht F. lang und ist wegen seiner Stärke, zumal wenn ihm Nahrung mangelt, sehr gefährlich. Der Höhlenbär, eine untergegan- gcne Bärenart der Vorwelt, ist nur noch aus den Knochen bekannt, die sich von ihm in der Gailenreuther und vielen andern Höhlen Deutschlands sowie anderwärts finden. Bär oder vataräe»» heißt in Festungsgräben der steinerne Damm, welcher dazu dient, wenn der Graben mit Wasser angefüllt ist, dasselbe in einer Höhe von 5'/-—6 F. zu erhalten, oder, wenn er trocken ist, einem vorbeifließenden Strome das Eindringen zu verwehren und denselben zur Unterstützung der Vertheidigung nach Willkür ein- oder abzu- laffen. Zu diesem Zwecke befindet sich auf der innern Seite gegen die Festung eine Schntz- falle. Der obere Theil des Bären hat einen dachförmigen Rücken, in dessen Mitte eine sechs Fuß hohe runde Säule aufgemauert ist, damit ihn der Feind nicht zum Übergänge benutzen kann. In andern Fällen dient der Bär zugleich auch zur Verbindung mit dem Bedeckten Wege oder mit einem Außenwerk, und ist deshalb hohl aufgeführt und mit Schießlöchern versehen; man findet auch wol doppelte Gänge übereinander, von denen blos der obere mit Schießlöchern versehen ist, der untere aber völlig unter dem Wasser liegt. Baracke nennt man die aus Stangen, Latten, Stroh und Reisig erbaute Lagerhütte, welche gegenwärtig bei den meisten europ. Heeren im Kriege die Stelle der ehemaligen Zelte vertritt. In Standlagern von längerer Dauer werden dafür Wohnhäuser aus Brctern aufgeführt, die auch den Winter über stehen bleiben können, wie z. B. im Lager von St.» > Maurice bei Turin. — Baracken heißen auch die Kasernen der engl. Truppen, meist aus Holz und blos mit steinernem Fundament erbaut, die als pcrmanencc Wohnhäuser mit allen erfoderlichen Bequemlichkeiten versehen sind. Baranjen heißen die Lämmerfelle mit kurzer krauser Wolle, die aus Polen, der Krim, der Bucharei und Persien kommen. Es gibt graue, schwarze und Miße, echte und unechte Baranjen. Die echten sind sehr theuer und machen einen wichtigen Handelszweig aus. Die unechten sind gefärbt und oft sehr täuschend nachgemacht. Jene zeichnen sich durch Sauberkeit und Glanz und durch das feingekräuselte, lockige Haar aus. Besonders schön sind die Baranjen, die von den Kalmücken und Tataren kommen. Diese nähen nämlich das neugeborene Lamm in grobe Leinwand fest ein, befeuchten diese täglich einmal mit warmem Wasser und fahren mit der flachen Hand in gewissen Richtungen einige Mal des Tages über die Leinwand. Sobald die Wolle nach ungefähr vier Wochen hinreichend schön ist, wird das Lamm geschlachtet. In der Ukraine schneidet man das Lamm aus dem Mutterleibe und behandelt es dann ebenso. Von den schönsten Baranjen wird das Stück mit 3—4 Rubel bezahlt. Barante (Prosper Brugiere, Baron von), franz. Staatsmann und Gelehrter, geb. am > 0. Juni 1782 zu Riom in Auvergne, stammt aus einer altadeligen Familie. Er trat früh in den Staatsdienst und wurde unter Napoleon zuerst Auditeur beim Staatsrathe; dann erhielt er die Präfectur der Vcnde'c und später die der Niederloire, die er auch während der Conv.-Lex. Neunte Aufl. II. 4 50 Barattohandel Baratynfti ersten Restauration verwaltete. Am 2». März 1815 gab er seine Entlassung und hatte während derHundcrt Tage keine officiclle Stellung. Nach der zweiten Restauration ward er zum StaatSrath und zum Gcneralsccretair im Ministerium des Innern ernannt. Als De- putirter des Puy-de»Dome schloß er sich an Guizot, Royer-Collard, Broglie u. A. an und suchte die ultraroyalistische Wuth, die sich der Regierung bemächtigt hatte, zu mäßigen. Nachdem er einige Zeit dem indirecten Steuerwesen vorgesianden hatte, ward er durch den vollständigen Sieg der Ultras gänzlich von den Geschäften entfernt, dafür aber im 1.1819 in die Pairskammer befördert. Als 1820 Royer-Collard, Guizot und Camille Jordan aus dem Staatsrathe verdrängt wurden, bot man B. den Gesanbtschaftsposten zu Kopenhagen an, den er aber ausschlug. In der Pairskammer saß er mit Talleyrand und Broglie in der Opposition. Im I. 1828 ward er Mitglied der Akademie. Nach der Juli- revolution schickte ihn Ludwig Philipp alsGefandten nach Turin, wo ermannichfacheSchwic- , rigkeiten zu bekämpfen hatte, und später nach Petersburg, von wo er indeß 1810 nach Frank- I reich zurückkehrte. B. ist als Schriftsteller noch bekannter denn als Staatsmann. Sein er- > stes Werk ist „De la litternture Irsm^küse penüsnt le 1 8ieme siecle" (Par. 1809 ; 6. Ausl. 1811 ), von dem Goethe einmal äußerte, daß kein Wort zuviel und keins zu wenig darin wäre. B- beleuchtet die Literatur des 18. Jahrh. besonders vom politischen Standpunkte aus und zeigt sich zur eigentlich ästhetischen Kritik weniger befähigt. Als Präfect der Ven- de'e lernte er die bekannte Marquise de Laroche-Jacquelin kennen, und die von derselben hcr- auSgcgebenen „IVleinoires" sind von ihm überarbeitet. Er hat sämmtlicheDramen Schillert (neue Ausg., 2 Bde., Par. 1812) und für dasHieätrsetrsnger „Nathan den Weisen" und andere deutsche Stücke überseht. Seine „lVlelanges Kistorigues et litteraires" (3 Bde., Par. 1835) enthalten kleinere Arbeiten, die theils in der „Revue tranysise", thcils in der „Ilio- grapkie universelle" erschienen waren. Das meiste Aufsehen machte seine „Ristvire cles cln« cke Rourgogne 52 Barbaroux Barbie du Böeage Barbaroux (Charles), einer der ausgezeichnetsten unter den Girondisten, geb. 1767 zu Marseille, wurde, jung und von feurigem Gemüthe, bald in die Ereignisse der Revolu- kion verflochten, und doch gebührt ihm, wiewol er sich als ein kühner Verkündiger der neuen Ideen zeigte, der Ruhm, daß er in seiner politischen Laufbahn über der Freiheit und dem Patriotismus nie die Sitte und die Menschlichkeit vergaß. Als Advocat in semer Vaterstadt gab er im Beginn der Revolution das Journal „l^observateur marseillais" heraus, das mächtig beigetragen haben soll zu dem entschiedenen und folgereichen Aufschwung, den Marseille in der Revolution nahm. An der Spitze der marseiller Nationalgarde stand damals ein gewisser General Lieutaud, der, dem alten Regime zugethan, dadurch, daß er die Marseiller zu allerlei Ausschweifungen veranlaßte, eine Schwächung der politischen Erhebung beabsichtigte. B. stürzte ihn, indem er seine Mitbürger auf dessen Tendenz aufmerksam machte. Die Stadtgemeinde, deren Achtung und Vertrauen er schon längst in hohem Grade genoß, erwählte ihn zu ihrem Secretair; er versah dieses Amt neben seinen advoca- torischen und schriftstellerischen Arbeiten auf ausgezeichnete Weise und entwickelte inmitten der Streitigkeiten mit dem Hofe, mit andern Communcn und den Wirren, die die alten und neuen Verhältnisse herbeiführten, eine beispiellose Thätigkeit. Als daher die gesetzgebende Versammlung der constituirenden Platz machte, so wurde B. neben dem Deputaten des Departements der Rhonemündung als der besondere Agent der Marseiller nach Paris geschickt, wo er, da er erkannte, daß der Hof eine Contrerevolution beabsichtigte, an den in Ungnade gefallenen Minister Roland sich anschloß. Die Ereignisse des l 0. Aug. 1792, die den Thron vollends umstürzten, werden namentlich B., der an der Spitze der Stadt Marseille stand, beigemessen. Roland, der jetzt wieder Minister wurde, wollte ihn zu seinem Secretair erwählen; er aber schlug es aus und ging in seine Vaterstadt zurück, wo er mit Enthusiasmus empfangen und bald darauf zum Deputaten des Convents erwählt wurde. Im Convent hielt er sich zu den Girondisten und gehörte zu Denen, welche im Pro- ccsse des Königs für die Appellation an das Volk stimmten. Da er sich kühn der Partei Ma- rat's und Robespierre's widersehte und den Letztem geradezu beschuldigte, daß er nach der Dictatur strebe, so wurde er als Royalist und Feind der Republik am 31. Mai 1793 pro» scribirc. (S. Gironde.) Mit vielen andern Schicksalsgenossen floh er in das Departement der Gironde, wo Guadet ihnen Unterstützung und Sicherheit versprach. Doch hier hatten die Feinde der Gironde schon gesiegt, die Herrschaft des Schreckens war organisirt, und nur mit großer Mühe konnten die Flüchtigen nach St.-Emilion gelangen, wo sie von einer Verwandten Guadet'S ausgenommen und in einem Keller verborgen wurden. Indessen mußten sie in kurzer Zeit auch dieses Asyl verlassen, irrten nun in der Gegend umher und verbargen sich dann aufs neue in demselben Orte bei einem gewissen Troquet. Als sie auch von hier wieder flüchten mußten und auf der Flucht einen Haufen Menschen erblickten, die sie für ihre Häscher hielten, suchte sich B. durch einen Pistolenschuß zu tödten, was ihm aber nicht gelang. Vor das Revolutionsgericht nach Bordeaux gebracht, wurde er zum Tode verurthcilt und bereits halb todt, sodaß er getragen werden mußte, am 25. Juni 1794 guillotinirt. Barbette oder Geschühbank, s. Bank. Barbie duBocage (Jean Denis), franz. Geograph,geb. zu Paris am 28.Apr. 17 60, gest. daselbst am 28. Dec. 1825, fühlte sich von früher Jugend an zum Studium der Geographie hingezogcn und bildete sich unter Danville's Leitung. Seinen Ruhm gründete er durch den zu Barthelemy's „Voxage «in jsuns ^nacbsrsis" gelieferten Atlas (1789). Auch später beschäftigte er sich vorzüglich mit der Geographie Altgricchenlands, wie seine Plane und Karten zu Choiseul-Gouffier's malerischer Reise durch Griechenland und seine durch eine Denkschrift erläuterte Karte über den Rückzug der Zehntausend (Par. 1796) beweisen. Mit Saint-Croix arbeitete er die „blemoires tnstoriHues et AsoßraplnPies sur los pa^s sitnes ontre la mer et la mer Oaspienne" (Par. 1797, 4.); sein Atlas für das Studium der altern Geschichte erschien 1816. Er wurde 1789 als Geograph bei dem Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten, 1785 beim Münzcabinet angestellt und 1792 Aufseher der Kartensammlung bei der königlichen Bibliothek. Im I. 1793 ins Gefängnis geführt, verdankte er dem Muthe seiner Gattin seine schnelle Befreiung. Seitdem lebte er ganz seine» geographischen Studien, wurde 1899 Professor am College de France und stif- Barbier (Antoine Alexandre) Barbon 53 tete 1821 die Geographische Gesellschaft^ in deren Centralausschuß er lange den Vorsitz führte. — Seine beiden Söhne haben sich derselben Laufbahn gewidmet, auf der sich der Vaterrühmlichsthervorgethan hat. Der ältere, Jean Guillaume B., geb. zu Paris 1793, ist gegenwärtig als Geograph im Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten an- gcstellt. — Der jüngere, Alexandre Frede'ricB., geb. 1798, gest. als Professor der Geographie an der kaculte ües lettres zu Paris am 25. Febr. 1835, ist der Verfasser des „Irsite cle geoArspkis generale" (Par. 1832) und des „victionnairs geogra^liique Ne la bible" (Par. 1834). Barbier (Antoine Alexandre), Bibliograph, geb. zu Coulommiers 1765, gest. in Paris am6.Dec. 1825, war beim Ausbruche der Revolution Pfarrer. Im 1 . 1794 ging er nach Paris, wo man ihn zum Mitgliede der Commission ernannte, welche mit der Sammlung der in den aufgehobenen Klöstern befindlichen Gegenstände der Literatur und Kunst beauftragt war. Dies bahnte ihm den Weg zu der Stelle eines Aufsehers der von ihm selbst gebildeten Bibliothek des Staatsraths (1798), und als diese 1897 auf das Schloß nach Fontainebleau gebracht wurde, ernannte ihn Napoleon zu seinem Bibliothekar. Nach der Restauration erhielt er die Aufsicht über des Königs Privatbibliothck. Sein trefflicher „6u- tslogue lle la bibliotdegue ilii conseil ,1'etut" (2 Bde., Par. 1893, Fol.) ist jetzt sehr selten. Sein „Rictionnsire lies ouvr-tgss snon^mes et pseucinn^mes" (Par. 1896; 2. Aufl., 4 Bde., Par. 1822—25) ist durch Anlage, Genauigkeit und eine mit weiser Kürze verbundene befriedigende Vollständigkeit, wenigstens in Hinsicht der fcanz. Literatur, eins der besten, welche man bis jetzt über diesen Zweig der Bibliographie hat Weniger gelungen ist sein nach dem ersten Bande (Par. 1829) unfortgesetzt gebliebenes „Rxamen critigue er complement lies clictioonsires bistorigues", da der beschränkte Kreis seiner Studien und Forschungen einem so umfassenden Plane nicht genügen konnte. — Sein ältester Sohn Louis Nicolas B., geb. 1799, derben Vater in seinem Amte wie bei seinen literarischen Arbeiten zur Seite ging und auch die zweite Auflage des „Rictionnaire lies ^uvrsAes anonymes, etc." nach des Vaters Tode allein besorgte, erhielt 1832 den Auftrag, für den Staatsrath eine besondere Bibliothek zu bilden. Barbier (Auguste), franz. Dichter, geb. am 28. Apr. 1898 zu Paris, wo er durch sein Vermögen in Unabhängigkeit lebte, wurde kurz nach der Julirevolution durch einige kräftige Satiren gegen die allgemeine Verderbniß und sittliche Schlaffheit der damaligen Zeit bekannt und schnell berühmt. Zuerst erschien sein „lb>s, eures" in der „Revue <>e ?uris" (1831), worin er die Intriganten geißelte, die sich während der drei Tage nicht sehen ließen, aber nach dem Siege wie gefräßige Geier herbeiflogen; dann folgte „R'iäole", ein zorniges Gedicht gegen Napoleon, diesem populsrite" und hierauf die ganze Sammlung unter dem Titel „äamlres" (Par. 1832; mit deutscher Übersetzung von Förster, Quedlinb. 1832). Seine Satiren erregten besonders durch den edlen Zorn, der in ihnen flammt, durch die Kraft der Sprache und die Vollendung der Form Aussehen. B. weiß indcß nicht immer an der Grenzlinie des Schönen stehen zu bleiben. Wenn man ihm vorgeworfcn hat, daß seine Verse nicht immer reine Poesie sind, so ist dies ein Vorwurf, der die Satire im Allgemeinen mehr oder weniger trifft, denn sobald dieselbe einen bestimmten moralischen Zweck hat, so schweift sie über das Gebiet der Dichtkunst hinaus. Seine Gedichtsammlung „1> klsuto" (2. Aufl., Par. 1833) enthält neben manchem Unschönen einige wahrhaft poetische Klagen über die Herabwürdigung der ital. Ration, während er in seinem „I^arsre" (Par. 1837) den traurigen Zustand des engl. Volks schildert. Eine Sammlung seiner „8-ltires et poemes" erschien 1837; ihr folgten die „Nouvelles satires" (1849); seine neuesten Gedichte sind gesammelt in den „6bsnts politiljues et religieux" (Par. 1849). Barbieri (Giovanni Francesco), s. Guercino. BarbvU , eine berühmte franz. Buchdruckerfamilie, deren Ahnherr Jean B. zu Lyon, im 16. Jahrh., war. Im I8.Jahrh. ließen sich Mitglieder dieser Familie in Paris nieder, wo Jos. Gerard B. 1755 die Reihe der lat. Klassiker in Duodezausgaben nach Art der Elzevire fortsetztc, welche Coustelier, auf Veranlassung des gelehrten Lenglet DufreS- noy 1743 begonnen hatte. Sie ist bei A. Delalain in Paris vollständig in 77 Bänden zu haben und wegen ihrer Eleganz und Correctheit geschätzt. >»e r»- - S4 Barbour Barcelona U' ^4 Barbour (John), der älteste Nationaldichter der Schotten, ist um 1315 geboren. Als Archidiakonus zu Aberdeen ward er 1357 von dem Bischöfe seines Sprengels nach England gesendet, um wegen des Lösegeldes für den gefangenen König David II. zu unterhandeln. Um 1375 schrieb er sein Gedicht ,,'1'be llrnee", das die Geschichte König Robert'S I. Bruce erzählt und 16 > 6 zuerst im Druck (beste Ausgabe von Pinkerton, 3 Bde., Edinb. 1790) erschien. Eins der ältesten Denkmäler des schott. Dialekts, hat dieses Gedichtgroßen sprachlichen Werth; es athmetFrciheitsgefühl und Vaterlandsliebe, und obgleich B. Zeitgenosse von Eowcr und Chaucer war, so ist doch seine Sprache der neuern ähnlicher als die der beiden engl. Dichter. Er starb 1396. Barby, eine Stadt am linken Elbufer unweit der Saaleinmündung im Kreise Kalbe des preuß. Regierungsbezirks Magdeburg, mit 3306 E. und einem Schlosse, hat erhebliche Tuch- und Lcinwebcrci, sowie Manufaclur in verschiedenen Jndustriewaaren, größtenthcils in den Händen der hier 1749 begründeten Brüdergemeinde. Die alte, 1497 zur Grafschaft erhobene Herrschaft B., unter sächs. Lehnsyoheit, bestand aus den Ämtern Barby, Rosenburg, Waltecnicnburg (seit 1228), Mühiingen (seit 1318) und Egeln (seit 1410). Als 1659mit August Ludwig der Mannsstamm der Grafen von B. erlosch, ward deren Besitzung dermaßen gctheilt, daß Waltcrnienburg und Mühlingen an Anhalt, B. an den Stifter der Linie Sachsen-Weißenfels, August, Herzog von Sachsen-Halle, Rosenburgund Egeln an das Haus Brandenburg fielen. Nach dem Tode August's im 1.1680 fiel das Stift Magdeburg nebst Halle laut Bestimmung des westfälischen Friedens an Brandenburg, die Grafschaft B. aber erhielt sein dritter Sohn Heinrich, der 1689 zur reformirten Kirche überging und die Linie Sachsen-Barby stiftete. Ihm folgte sein Sohn Georg Albrecht, welcher 1739 ohne Erben starb, daher B. an Weißenfels zurückfiel, das dann 1746, als mit Johann Adolfll. auch der weißenfelser Zweig erlosch, nebst Weißenfels an Kur-Sachsen zurückkam. Mit diesem blieb es bis 1807 vereinigt, wo es an das neue Königreich Westfalen abgetreten werden mußte, und nach der Auflösung dieses kam cs im 1.1812 an Preußen. Barcaröle nennt man die Gesänge der Barkcnführer (komlolieri) in Venedig, die, obfchon meist von ihnen selbst componirt, sehr melodisch sind, und in mehren Opern Nachahmung gefunden haben. Barcelona, eine der größten Städte Spaniens, die Hauptstadt der Provinz Ca- talonien, liegt am Mittelländischen Meere zwischen der Mündung des Llobregat und des Bezas und ist in Gestalt eines halben Mondes gebaut. Sie ist gut befestigt und hat auf der östlichen Seite eine starke Citadelle, welche 1715 aufgeführt ward und mit der am Meere liegenden Schanze S.-Carlos in Verbindung steht. An ihrer Abcndseite liegt der Berg Montjuy mit einem Fort, das den Hafen beschützt. Der Hafen ist geräu- mig, hat aber eine beschwerliche Einfahrt und ist für Kriegsschiffe nicht tief genug; erwirb durch einen großen Damm geschirmt, an dessen Ende ein Leuchtkhurm und ein Bollwerk find. Sie zerfällt in die obere und untere Stadt und hat, mit Inbegriff der anstoßenden Stadt Barcelonette, welche seit 1752 regelmäßig gebaut wurde und etwa 10000 E-, meist Schiffswerkleute, Matrosen und Soldaten zählt, über 10000 Häuser und gegen 150000 E-, eine Kathedrale, neun Pfarr- und viele andere Kirchen, ein Schloß der alten Grafen von B., eine Universität, mehre öffentliche Bibliotheken, eine öffentliche Naturaliensammlung, eine Ingenieur- und eine Ärtillerieschule, eine Akademie der schönen Wissenschaften, eine Zeichenschule, ein Findelhaus, ein Hospital, welches 3000 Kranke aufnehmen kann, ein großes Zeughaus, eine Kanonengießerei, ein Schiffswerft u. s. w. B. ist der Sitz eines Bischofs, der Suffragan des Erzbischofs von Tarragona ist, eines General- rapitains, eines hohen Gerichtshofs und früher auch eines Jnquisitionsgerichts. Es zählt über 30 Calicopreffen, 150 Baumwollenmanufacturen und viele Seidenwebereien; auch werden Leinwand, Spitzen, Fransen, Stickereien, Tressen, Bänder, Hüte, Strümpfe, Seife, Stahl- und Kupferwaaren, sowie schöne Flinten, Pistolen und Seitengewehre in Menge verfertigt. Schon im Mittelalter war B. wegen seiner Lage ein Hauptplatz für den Handel im Mittelländischen Meere. Die Ausfuhr besteht außer den Manufacturartikcln besonders in Wein und Branntwein; die Einfuhr in franz. und ital. Fabrikwaaren, Getreide, Reis, Barcelona Bauholz aus der Ostsee, gelbem Wachs aus der Bcrberei, schweb. Eisen, Stahl aus Steiermark, Hanf aus Riga und Petersburg, Leinen, Kupfer- und Eisendraht aus Deutschland. Ein bedeutender Artikel ist auch der Stockfisch, den die Engländer aus Neufundland cinbrin- gen. Der Gcsammrbetrag des Ein-und Ausfuhrhandels, der an 1500 Schiffe, darunter > 20 eigene, beschäftigt, wird auf mehr als 10 Will. Thalcr angeschlagen. ZuB. wurden in den I. 504, 500, 006 und 1064 vier Kirchcnvcrsammlungcn gehalten, deren letzte, ungeachtet des heftigen Widerspruchs der span. Geistlichkeit, die gothischen Kirchcnsatzun- gcn aufhob. Unter dem Namen Larciuum, später Luvonti-,, war B. schon den Römern bekannt; aus ihrer Zeit stammen die Überreste eines Tempels des Hercules und die verfallenen Bäder. Seit dem 1 2. Jahrh. stand cs unter eigenen Grasen, bis es durch die Vermahlung Naimund's V. mit der Tochter Ramiro's 11., Königs von Aragonicn, 1137 mit diesem Reiche vereinigt wurde. Nebst Catalonien unterwarf cs sich, der span. Herrschaft müde, 1640 der franz. Negierung. Nothgezwungcn kehrte cs 1652 zum Gehorsam gegen Spanien zurück, ward indeß 1607 von den Franzosen wieder erobert, jedoch im ryswijckcr Frieden an Spanien zurückgegcbcn. Im span. Erbfolgekriege schlug cs sich auf die Seite des Erzherzogs Karl; von Philipp's V. Truppen unter dem Herzog von Berwick 1714 belagert, mußte cs sich nach hartnäckigem Widerstande ergeben. Am 16. Febr. 1800 ward es von den Franzosen unter dem General Duhesme durch Überrumpelung genommen und blieb im Besitz derselben bis zum Z. 1814. Große Bcrhecrungen richtete 1821 in B. das Gelbe Fieber an. Bei der franz. Occupation Spaniens im I. 1823 hielt sich B. unter dem General Rotten bis nach der Befreiung des Königs und ergab sich erst auf dessen Befehl. Nach Unterdrückung des karlistischcn Aufstandes der Agraviados hatte cs gleich Catalonien seit 1827 die blutige Strenge des Gcneralcapitains Grafen d'Espana zu erdulden, bis die Königin ihn im Nov. 1832 absetzte. Der span. Bürgerkrieg der folgenden Zeit zog auch B. in seine Greuel durch die zur Tagesordnung gewordenen Volksaufstände und Empörungen. Der wüthendc Aufruhr im Anfänge des I. 1835 zu Saragossa und zu B-, wo der Pöbel das Standbild Ferdinands VII. zertrümmerte, die größte Fabrik in Brand steckte, den General Bassa ermordete und seinen Leichnam durch die Straßen schleifte, war das Signal zu ähnlichen Austritten noch im Laufe des Jahres, veranlaßt durch den eigenmächtigen Executions- eiscr wider die Mönche, deren allein bis zum Sept. 1835 bereits 500 aus Aragonicn und Catalonien nach Frankreich geflüchtet waren. Furchtbare Niedcrmetzeleien der gefangenen Karlistcn und der des Karlismus Verdächtigen fanden in der Nacht vom 4. zum 5. Inn. 1836 während der Abwesenheit Mina's statt. Neue Empörungen veranlaßten die Cortes- Wahlen im Äugt 1836; dicNationalgarde griff zu den Waffen und immer lauter trat eine republikanische Richtung hervor. Im I. 1840 wurde B. der Schauplatz einer bedeutungsvollen Krisis. Es hatte sich die Königin-Negcntin hierher begeben und war bei ihrer Ankunft am 20. Juni feierlichst empfangen worden; ihr folgte am 16. Juli Espartero, um hier die wichtige Katastrophe seiner Regentschaftsübcrnahmc vorzubcreiten, und wurde gleichfalls mit allgemeinem Enthusiasmus ausgenommen. Die Kunde von der Erfolglosigkeit seiner Conscrcnz mit der Königin und sein Entschluß abzurciscn, gaben am 19. Juli Veranlassung zum Aufruhr des Volks, der indeß nur das Vorspiel war zu den schrecklichen Semen in der Nacht vom 2 l. zum 22., wo die Partei der Mvderados zu Gunsten der Künigin-Rcgcntin sich erhob. Nur erst durch Espartero's Truppen konnte die Volkswuth gedämpft und die Ord- nung wiederhcrgcstellt werden. Auch im 1.1841 kam es zu mehren Aufständen; so am 7. Juli wegen des Verkaufs von Schmuggelwaaren, und im Oct., wo die Nationalgarde die Demolirung der Citadclle verlangte und bereits begann. Sie wurden, gleich andern, ge- stillt; doch mehr und mehr bereitete sich eine neue Schrcckenskatastrophe vor. Die unmit- telbarcn Veranlassungen zu den Ruhestörungen am 13. Nov. 1842 waren Verhaftungen, welche bei einem Versuch, einige Fässer Wein gewaltsam cinzuschmuggeln, vorfietcn, die Festnehmung der Nedactoren des „Republicano" und die bevorstehende Einführung der Con- scription zu allgemeiner Dienstpflicht. Durch die Verhaftung einer Deputation des Volks an den politischen Gefe Don Juan Cuiterrez wurde die Erbitterung immer allgemeiner, sodaß am 15. Nov. Morgens die Feindseligkeiten zwischen Volk und Garnison in den Straßen der Stadt zum blutigen Kampfe übergingen. Die Truppen mußten das Feld räumen, "4 ^ 4 » 56 Barchent Bar Cochba selbst da« Kort Atarazanes aufgeben und sich auf den Besitz des Forts Montjuy beschränken, von wo aus der Generalcapitain van Halen die Stadt beschießen ließ. Als nach diesem ersten Sturme eine Junta sich gebildet und mit dem Generalcapitain in Unterhandlungen getreten, wurde zwar die Stadt vorläufig geschont; jedoch die fernere Weigerung derselben, in die gestellten Bedingungen einzuwilligen, veranlaßte auf Befehl des herbeigeeilten Es- partcro ein förmliches Bombardement der Stadt am 3.Dec. Gegen 800 Bomben, an 100 Granaten und 200 Kanonenkugeln wurden in die Stadt geschleudert, und erst der Anblick cingeäschcrtcr und zertrümmerter Häuser und die Gefahr vollständiger Vernichtung konnte die Insurgenten zur Übergabe der Stadt bewegen, die nun zu einer Contribution von 12 Mill. Realen verurtheilt und in Belagerungszustand erklärt wurde. (S. Spanien.) Barchent ist ein dickes baumwollenes Zeug, in der Regel drei- oder vierbindig, einseitig oder zweiseitig geköpert, seltner fünfbindig atlasartig (Atlas-Barchent). Man unterscheidet glatten und rauhen Barchent; bei letzter«! wird zu dem Einträge grobes und weiches Garn genommen und auf der Seite, wo der Eintrag flott liegt, aufgekratzt. Man hat auch halbleinenen Barchent mit leinener Kette, gestreiften, sogenannten Bettbarchent, der vorzüglich fest geschlagen ist, u. s w. Immer wird der Barchent aus gröber« Garnnummern gewebt. Barclay (John), ein geistreicher lat. Dichter und Satiriker, wurde um 1582 zu Pont-ä-Moussongeboren, wo sein Vater, der Schottländer William B., gest. 1605, der das Vaterland nach Entthronung seiner Gännerin, Maria Stuart, verlassen hatte, als Lehrer der Rechte angestellt war, und studirte im dortigen Jesuitencollegium. Die ausgezeichneten Fähigkeiten, die er früh entwickelte, veranlaßte« die Jesuiten, ihn zum Eintritt in ihren Orden zu bewegen, und als er ihre Anträge verwarf, mußte er, wie sein Vater, viele Verfolgungen von ihnen erleiden. Mit ihm ging er 1603 nach England, wo er bald die Aufmerksamkeit Jakob's I. aufsich zog, dem er eines seiner Werke, „Lupkorwionis Satz-licvn" (Lond. 1603), einen politisch-satirischen Roman, widmete, der hauptsächlich wider die Jesuiten gerichtet war. Nächstbem erschienen seine „Onspiratio au^llcana" (Lond. 1605) und sein „Icou -»uim«- rum" (Lond. 1614). Im 1.1615 ging er nach Rom, wo er am 12. Aug. 1621 starb. In demselben Jahre erschien zu Paris sein berühmtes, gleichfalls lat. geschriebenes und in mehre Sprachen übersetztes Werk„^rgsuis" (Par. 1621), eine politische Allegorie, mit geistreichen Anspielungen auf den Zustand Europas, besonders Frankreichs zur Zeit der Ligue. Barclay (Robert), ein berühmter Apostel der Quäker, wurde 1648 zu Gordonstown in der schott. Grafschaft Murray geboren. Während der Unruhen in Schottland in früher Jugend nach Paris geschickt, ließ er sich verleiten, zur katholischen Kirche überzutreten. Als ihn darauf seine Altern eiligst zurückriefen, folgte er bald nachher dem Beispiele seines VatcrS, der zu den Quäkern überging. Mit natürlichen Fähigkeiten ausgerüstet und gelehrt gebildet, machte er sich sehr bald einen Namen als Vertheidiger der neuen Glaubensansicht. Seim gegen den presbyterianischen Prediger Mitchell gerichtete Schrift „ll'rurti sj-ainst csluwnies" (Aberdeen 1670) trug viel dazu bei, die öffentliche Meinung über die Quäker zu berichtigen und die Regierung nachsichtiger gegen sie zu stimmen. Ausführlichere Darstellungen der Glaubensansichten seiner Partei gab er später in seinem Hauptwerke, spolo^ kor tke true ctlristisn ckivimt)-, as tke saure is preaclrell anll llelll kort dxtirepeople in scorn crllleä Klinkers", das er König Karl II. widmete. Mit William Penn (s. d.) unternahm er, um für die Verbreitung der Lehrmeinungen der Quäker zu wirken, mehre Reisen durch England, Holland und Deutschland, wo er fast überall mit großer Auszeichnung, die man seinem Charakter wie seinen Talenten zu Theil werden ließ, empfangen wurde; doch fehlte cs ihm auch nicht an Feinden, die ihm viele Verfolgungen bereiteten. Er starb 1690 zu Urin beiÄberdeen und hinterließ sieben-Kinder, die alle die fünfzigste Gedächtnißfcier seines Todestages erlebten.. Bar Cochba (Simon) hieß der Anführer der Juden in dem großen Aufstande derselben gegen die Römer unter Kaiser Hadrian, 131—35 n. Chr. Dreimal waren bereits die unterdrückten Juden in den I-115—18 ohne Erfolg aufgestanden, als im 1.13» bald nach Hadrian's'Abreise aus Syrien, im Stillen vorbereitet, eine neue Empörung ausbrach, an deren Spitze B. stand. Er hatte sich den Namen Bar Cochba, d. i. Sohn des Gestirns, beigelegt, insofern die alte Weissagung (4 Mos. 24,17.) von dem aus Jakob ausgehenden Stern durch ihn erfüllt werden sollte. Mit großem Erfolge kämpfte er anfangs gegen die an- sein gen >en, Es- 00 -lick inte r.L itig idet arn alb- stich ebt. -u das der hig- ewe- )nen 'sb rncn «an mu- Jn d in >eist- ue. own üher Als ters, ildet, Zeine ,ies" tigen der tke -rlleä UM Eng- inem auch rdeen bten. der- ereits bald rau-, irns, nden n die Bardaji y Azara BardesaneS 57 Römer, die sogar Jerusalem verlassen mußten, svdaß er zum König proclamirt wurde und selbst Münzen schlagen ließ. Der Krieg verbreitete sich über das Gebiet des eigentlichen Palästina hinaus und 50 Städte nebst 065 Flecken und Dörfern kamen in den Besitz der Juden. Als aber Hadrian's Feldherr Julius Severus anrückte, ward Jerusalem genommen, und im Aug. 155 auch die letzte Festung Bether. Auch B. fiel am Tage dieser blutigen Eroberung. Hunderttausende von Juden waren in diesem Kriege umgekommen, viele wurden hingerichtet, und grausame Gesetze folgten diesem letzten Versuche einer jüdischen Unabhängigkeit. Bardaji y Azara (Don Eusebio de), span. Ministerpräsident imJ. l 837, geb. 1705 zu Huete in der Provinz Cuenca, wurde durch seinen Oheim, den Ritter von Azara, welcher Botschafter in Paris und Rom war, bestimmt, sich der diplomatischen Laufbahn zu widmen. Bei der Thronentsagung Karl's IV. im I. 1808 war er Bureauchef in der Staatskanzlei zu Madrid; er begleitete Don Pedro Cevallos auf der Sendung nach Bayonne und verfaßte hier die Verhandlungen der daselbst beleuchtenden berühmten Staatsschriften. Er folgte der Centraljunta vonAranjuez nach Sevilla, und nach der baldigen Rückkehr von einer Sendung nach Wien ward er von der Regentschaft in Cadiz zum Minister des Auswärtigen ernannt, sodann durch den Einfluß des engl. Gesandten nach Lissabon und 1812 an den Hof von Petersburggesandt, wo er den Vertrag von Welicki-Lucki, in welchemRußland die Cortesvcrfassung von 1812 anerkannte, abschloß. Seit 1816 als Gesandter in Turin, förderte er daselbst die Revolution von 1821 und erhielt nach deren Unterdrückung eine Sendung nach Paris. Im I. 1822 war er für kurze Zeit Minister des Auswärtigen und lebte hieraus zurückgezogen, bis ihn die Königin-Regentin 1834 zum Procer des Reichs ernannte und bei der Verwaltung der auswärtigen Angelegenheiten betheiligte. B. war Moderado, Anhänger der (ranz. Politik und Gegner des Ministeriums Calatrava. Nach dem Sturze des Letztem ward er durch den Einfluß Espartero's am 10. Aug. 1837 an die Spitze des Cabinets gestellt, das aber von Anfang an bei seiner Zusammensetzung aus widerstreitenden Elementen und bei seiner später» völligen Nullität den Ereignissen nicht gewachsen war. Nach Berufung neuer Cortes wich er endlich den wiederholten Angriffen seiner Gegner aller Farben, Unterzeichnete am 17. Dec. 1837 das Decret, wodurch Graf Ofalia (s. d.) zum Ministerpräsidenten ernannt wurde und trat vom politischen Schauplatze zurück. Bardale, abgeleitet vom alten Stammworte Bar, d. i. Schall, Klang oder Lied, ward von Klopstock als altdeutscher Name der Lerche gebraucht. Barden, gleicher Abstammung mit Bardale, hießen bei den Kelten oder Galen die Dichter und Rhapsoden, welche die Thaten der Helden zur Harfe sangen, das Heer zur Tapferkeit anfeuerten, demselben zum Kampfe voranschritten und während der Schlacht die Streitenden beobachteten, um ihre Thaten dem Andenken der Nachkommen im Liede zu überliefern. Sie waren so heilig geachtet, daß dem hitzigsten Kampfe Einhalt geschah, wenn sie sich zwischen die Kämpfenden stellten. Mit den Kelten, die zu Cäsar's Zeit zwischen der Rhone und Garonne wohnten, kamen sie nach England, Irland, Schottland und aus die umliegenden Inseln. Nach Dav. Williams in der Schrift über die walliser und die brit. Barden („Vr iraillllom-ttb Limr-lez ", Dolgelly 1828) war Tydain, genannt der Vater der Musen, der Stifter des Bardcnthums, das in Wales seine Rechte verlor, als Eduard 1. 1284 das Land eroberte, obschon die Barden sich noch lange nachher erhielten, wiewol meist auf das Geschäft beschränkt, Stammbäume einheimischer Geschlechter zu entwerfen. Ein 1818 gebildet: Verein in Wales, die Oambrisn societ/, stellte sich die Aufgabe, die Überreste der Bardenlieder zu sammeln und die vaterländische Muse wiederzubeleben. Das Bardenthum in Irland und Schottland wurde insbesondere durch Ossi an (s. d.) verherrlicht, der, wie man überhaupt die schott. Barden auch caledonische nennt, vorzugsweise der caledonische Barde genannt wird. Am längsten erhielt sich der Barden Sprache und Gesang in der nördlichen Spitze Schottlands. Erst in neuerer Zeit, namentlich durch Klopstock, ist es gebräuchlich geworden, die ältesten Sänger der Germanen oder Deutschen ebenfalls Barden zu nennen. (S. Bardietund Skalden.) BardesaneS, der Syrer, eigentlich Bar Deisan, ein Gnostiker am Ende des 2. Jahrh. in Edeffa, stand b'ei dem König Abgar bar maanu in besonderer Gunst. Seine Gnosis .-X t-'' '-»chUs- - ^ 58 Bardiet Bardowiek war nicht dualistisch, sondern betrachtet das Böse in der Welt nur als eine vorübergehende in j Reaction der Materie. Seine Lehre verbreitete er, wie dies auch durch seinen Sohn, Har- ihn moniuS, der in Athen studirte, geschah, durch Hymnen und wurde so der erste syrische Hymnen- An dichter. Seine Anhänger hießen Wardesanisten; sic trennten sich aber nie förmlich von der rechtgläubigen christlichen Kirche und erhielten sich bis ins 5. Jahrh. Bruchstücke sei- unk ner Hymnen, die von einer reichen und feurigen Phantasie zeugen, findet man in den gegen geh dieselben gerichteten Hymnen des syrischen Kirchenvaters Ephraem. Vgl. Hahn, „6. Onu- ^ch sticus, 8^rorum primus b) mnoloAUs" (Lpj. 1819). Bardiet oder B ardit nennt man ein religiöses Schlachtlied, mit Rücksicht auf das uni bei Tacitus in der „Llermaniu" vorkommende Wort barckitns, bei welchem man, abgesehen yni davon, daß einige Handschriften barritus, andere bsritus haben, an den Schlachtgesang der unl keltischen Barden dachte und nun auch bei den deutschen Barden annahm. Zur Bezeichnung san einer Gattung der Dichtkunst ward Bardiet zuerst vonKlopstock gebraucht, der darunter ein bur vorzugsweise religiöses und kriegerisches Lied verstand, gedichtet in demfingirtcn Charakter eines Be Barden, oder einen Schlachtgesang in dem wildkräftigcnTone der germanischen Urzeit. Die gel! Dichter, welche zu Klopstock's Zeit das Bardiet bis zum Überdrussc erschallen ließen, ahmten der in demselben meist die empfindsame Weichheit Ossian's nach, oder ihre Gesänge arteten in mst kunstloses Gebrüll aus, welches schon Hölty und Andere in Parodien verspotteten. Zm Gan- tiv> zcn konnte diese Gattung nicht lange gefallen, da sie nur Nachahmung eines sehr unbestimm- M ten und nebelhaften Urbildes war und dem Leser zugcmuthet wurde, sich in die Zeit der dcut- wäl schen Roheit zu versetzen, welche bei dem Mangel individueller Züge so wenig wie die einge- Liel flochtcncn Anspielungen auf deutsche Mythologie ohne beigegebcne Erklärung verstanden der werden konnten. Von.diesem ausgearteten Bardiet sind jedoch zu unterscheiden die Versuche aus Klopstock's, der seine drei Hermannsdramen, „Die Hermannsschlacht", „Hermann und die doci Fürsten" und „Hermann's Tod", Bardiete nannte, sowie die einiger seiner Freunde. Denis auc und Gerstenberg behandelten das Bardiet in lyrischer Form, K. F. Kretschmann in epischer, hin Bardili (Christoph Gottfr.), Philosoph, geb. am 28. Mai 1761 zu Blaubcuren in geb Würtemberg, gest. zu Stuttgart 1868, wo er seit 1794 Professor der Philosophie am Gym- side nasium war, erregte zuerst allgemeines Aussehen durch die Schrift, „Grundriß der ersten Lo- W< gik, gereinigt von den Jrrthümern bisheriger Logiken überhaupt, der Kantischcn insbesondere; Mi keine Kritik, sondern eine metticinu mentis, brauchbar hauptsächlich für Deutschlands kritische geg Philosophie" (Stuttg. 1866). In ihr suchte er den Satz durchzuführen, daß das Denken als wu das an sich ganz Unbestimmte, wesentlich die Wiederholung des Einen in der unendlichen Man- sah nichfaltigkeit des Gedachten, also an sich reine Identität, bloße Möglichkeit sei, welche die In Wirklichkeit oder die Matcriatur, wie es B. nannte, aus sich erzeuge. Alles Wirkliche ent- ma stehe sonach aus einer verschiedenen Verbindung der beiden Factoren, Möglichkeit und Wirk- mü lichkeit. Hierdurch stellte sich B. in den schroffsten Gegensatz zu dem Kant'schen System, wel- mc ches auf dem Satze beruht, daß sich durch das bloße Denken keine Wirklichkeit hervorbrin- B. gen lasse, und wurde somit in gewissem Sinne der Vorläufer der Jdcntitätsphilosophie. Zn- strc dessen wurde er bald von dieser überflügelt, zumal da vom Anfänge an seine Ansicht wegen den der Dunkelheit, in welcher er sie darstellte, unbeachtet blieb, bis Reinhold in ihr den einzigen Sö und allein richtigen Grundgedanken entdeckt zu haben meinte. Nachher schrieb er „Philoso- dir, phische Elementarlehre" (2 Hefte, Landsh. 1802—6) und „Beiträge zu Beurtheilung des ben gegenwärtigen Zustandes der Vernunftlehre" (Landsh. 1803); allein sein System ward klal dadurch nicht klarer. Vgl. B-'s und Reinhold's „Briefwechsel über das Wesen der Philost- ger phie und das Unwesen der Speculation" (Münch. 1804). vol Bardowiek, ein Flecken von 1400 E-, an der Ilmenau, in der hannov. Landdrostci ver Lüneburg, bekannt durch Gemüsebau und Sämereihandel, sowie durch seine schöne gothische der Domkirche, ist der historisch merkwürdigste, vielleicht auch älteste Ort Norddeutschlands, hie Seiner wird zuerst unter Karl dem Großen gedacht, der daselbst nicht nur einen Bischofssitz keil gründete, sondern cs auch 805 zum Handelsplatz mit den nördlichen Slawen bestimmte, tep Drei Jahrhunderte lang war nun B. die angesehenste und reichste Stadt des nördlichen Zn Deutschlands. Ihren Untergang fand sie im Kampfe mit Heinrich dem Löwen 1189, als der- ihr selbe, aus England nach Deutschland zurückkehrend, seinen Feinden Das, was dieselben ihm im Barere de Bieuzac SS ndk in seiner Abwesenheit von seinen Erblanden entrissen hatten, wieder abnahm. Bi verschloß >ar- jhm die Thore, ward aber von ihm erstürmt und bis auf die Kirchen von Grund aus zerstört. >cn- An seine Stelle trat seitdem als Repräsentant des norddeutschen Handels Hamburg, von Barere de Vieuzac (Bertrand), einer der Männer, dessen Name sich an alle guten st>- und schlimmen Ereignisse der franz. Revolution knüpft, war zu Tarbcs am I v. Sept. 1155 gen geboren. Er machte sich frühzeitig durch literarische Arbeiten bekannt, war Advocat am Ge- "o- richtshofe zu Toulouse und erhielt später das Amt eines Raths der Senechausse zu Bi- gorre, die ihn 1789 als Deputaten in die Generalstaaten schickte, wo er zwar seinen Platz das unter den Freunden der politischen Reform nahm, aber anfangs große Mäßigung zeigte, hen Um diese Zeit schrieb er das Journal „De point clu jour", das sich durch Unparteilichkeit der und den Ernst auszeichnete, mit dem es die Zeitereignisse besprach. In der Nationalver- nng sammlung erklärte er sich lebhaft für die freie Presse, setzte durch, daß die durch die Aufhe- ein bung des Edicts von Nantes verbannten protestantischen Familien zurückgerufen und in lnes Besitz ihrer Güter gesetzt wurden, wirkte Rousseau eine Statue und dessen Witwe ein Jahr- Die gelb aus, was er später auch für Mirabeau that. Er trug auf die vollständige Emancipation >ten der Farbigen in den Colonien an, erhob sich gegen die Theilnahme unverantwortlicher Mi- > in nister an den Discussionen der Versammlung und wollte der executiven Gewalt die Jnitia- -an- tive in der Foderung von Subsidiengeldern nicht zugestehen. Nach der Auflösung der Con- nm- stituirenden Versammlung kam er als Richter an das Cassationstribunal. Im 1.1792 cut- wählte ihn das Departement der Hochpyrenäen in den Nationalconvent. B. war bei aller ige- Liebe für die Demokratie und die politische Freiheit ein milder, leicht erregbarer Charakter; «den der Eintritt in den Convent erfüllte ihn mit düsterm Schrecken, denn er sah, daß die Parteien uche auf Tod und Leben sich bekämpften, und wiewol er den Gemäßigten angehörte, mochte er sich > die doch für keine Partei entschieden erklären. Der Sieg der Schreckensmänner, gewiß auch die enis augenblickliche Aufregung, die sein bewegliches und befangenes Eemüth ergriff, riß ihn oft her. hin, die Maßregeln der Bergpartei zu unterstützen und durch sein blühendes, im alten Stile n in gebildetes Rednertalent zu feiern. Zur Zeit der Verurtheilung Ludwig's XVI. war er Prä- ym- sident des Convents. Er verwarf die Appellation ans Volk und gab seine Stimme mit den Lo- Worten: „Das Gesetz verlangt den Tod, und ich bin hier nur das Organ des Gesetzes"; als ere; Mensch hätte er den König, wie viele Andere, gern gerettet. Die eindrucksvolle Rede, die er ische gegen Vergniaud hielt und die viel zur Verurtheilung des Königs beigetragen haben soll, als wurde ihm von den Gemäßigten sehr zum Vorwurfe gemacht. Zum Mitglied- des Wohl- !an- fahrtsausschusses ernannt, erklärte er sich anfangs für keine Partei. Wie lästig und seinem die Innern zuwider ihm diese Stellung gewesen sein mag, erklärt die später mit Bedauern geeilt- machte Äußerung, daß er seine besten Lebenstage im Wohlfahrtsausschüsse habe zubringen Zirk- müssen. Man hat B. einen Satelliten Robespierre's genannt, man hat ihm sogar den Na- wel- men eines Anakreon der Guillotine gegeben, aber darin hat man ihm gewiß zu viel gethan. >rin- B. erklärte sich laut gegen die Gewaltthaten Robespierre's und Marat's; nach der Kata- Zn- strophe vom 31. Mai beantragte er nur die Suspension- der gestürzten Deputaten und bot egen denselben zur Sicherheit die Absendung von Geiseln in sihre Departements an. Als die igen Schreckensherrschaft ihren Gipfel erreichte, drang er oft darauf, die Hinrichtungen zu suspcn- loso- dircn und das Revolutionstribunal und das Gesetz gegen die Verdächtigen abzuschaffen; er . des bemühte sich selbst, durch Fürsprache und durch die Aufzählung ihrer Verdienste die Ange- oard klagten der Hinrichtung zu entziehen, und soll seiner Berechnung nach mehr als 6009 Köpfe lost- gerettet haben. In dieser Zeit haftet sein Name an allen Decreten und Handlungen der Revolution, und wenn in seinen Vorschlägen und Reden der Anhänger der Gironde nicht zu ostci verkennen ist, so hat ihn doch auch der Augenblick und die Selbsterhaltung zur Unterstützung ische der härtesten und ausschweifendsten Maßregeln hingerissen, sodaß Robespierre sogar auf ihn nds. hielt und ihn vertheidigtc. B. verurtheilte mit seiner hinreißenden und glänzenden Beredksam- fssih keit die Anarchie des Pöbels, denuncirte aber auch Danton und Herbert als Feinde des Va- mte. terlandes und ließ das Decret durchgehen, „c>»e la tsrreur etrük ü I'orürs clu sour". Dieser che» Zwiespalt geht durch die ganze Thätigkeit B.'s in jener Ncvolutionsepoche, und will man der- ihm einen Vorwurf machen, so ist es der, daß er kein starker Charakter war, der für seine ihm innere Überzeugung auch sterben konnte. Als sich die Parteien im Ausschüsse entschiedener 60 Baretti zeigten und Robespicrre sich Lallten und seinen Anhang als Opfer auserschen hatte, hätte er , wol gern die Köpfe seiner Kollegen vertheidigt; er sprach von der Unersättlichkeit RobeS- / picrre's, aber er wagte nicht, entschieden gegen ihn aufzutreten. Erst als der Schreckensmann ^ das Schaffst betteten, schlug er eine Adresse an das Volk vor, „sine le monstre etait puni". Dessenungeachtet sprach er aber auch dafür, daß der öffentliche Ankläger Fouquier-Tinville in seinem Amte fortfahren sollte, und dieser Vorschlag, der von der Versammlung mit Unwillen verworfen wurde, brachte gegen ihn von Seiten der Partei, deren Vertreter er doch eigentlich war, eine längst gefürchtete Anklage zuwege. Lecointre hatte kur; vorher B.'s Verhaftung beantragt, aber seine Denunciation war als Verleumdung verworfen worden. Am 12. Vendemiaire wiederholte dieselbe Legendre, und B-, Collot d'Herbois und Billaud- Varennes wurden vor Gericht gezogen und vom Convente diesmal zur Deportation vcrur- theilt, obschon sich B. in einer gemäßigten und glänzenden Rede sehr gut vertheidigle. Inmitten der schnellen Wcchselfälle kam die Strafe an B. nicht zur Ausführung; er wußte sich derselben zu entziehen und wurde am 18. Brumaire in die allgemeine Amnestie eingeschlossen. Aus Dankbarkeit entdeckte er dem ersten Consul eine gegen dessen Leben gerichtete Verschwörung, gewann aber dadurch so wenig die Gunst desselben, daß dieser sogar seine Wahl als Deputirter der Hochpyrenäen für den Gesetzgebenden Körper zu verhindern wußte. B. lebte nun in tiefer Zurückgezogenheit ganz literarischen Arbeiten und zeigte in seinem Privatleben, das durch eine unglückliche Ehe getrübt war, einen rechtschaffenen und fleckenlosen Charakter. Als er 1815 zum Deputirten der Kammer erwählt wurde, glaubte man, er werde sein Talent der Reactionspartei zuwenden, allein er bewies, daß es ihm um seine frühem Grund- sätze ernst gewesen, denn er vertrat keine andern als die freisinnigen und gemäßigten von 1789. Er foderte wie damals, daß nur verantwortliche Minister in der Kammer erscheinen sollten, votirte mit Garat, daß der Constitution eine Erklärung der Menschenrechte Vorgehen müsse, vertheidigte mit Feuer die Freiheit der Presse und schlug vor, daß die Kammer, während die fremden Heere vor den Thoren von Paris lägen, unter den Schutz der Nation ge- s stellt würde, auch daß man jede Regierung für antinational erklären möchte, die nicht von der Kammer berufen sei. Als Ludwig XVIII. den Thron eingenommen, wurde B. mit den andern sogenannten Re'gicides verbannt. Er ging nach Brüssel, wo er ganz der Wissenschaft- lichen Muße lebte, bis ihm die Julirevolutivn die Rückkehr erlaubte. Im 1.1831 wurde er von dem Departement der Hochpyrenäen nochmals zum Deputirten gewählt, seine Wahl jedoch wegen Formfehler annullirt; dagegen berief ihn die Regierung zum Mitgliede der Verwaltung dieses Departements, welches Amt er erst 1810 niederlegte, um die noch wenigen Tage seines Lebens der Ruhe und Beschauung zu widmen. Er starb am II. Jan. 1811; mit ihm schied wol der letzte jener Männer, welche durch alle Epochen der Revolution hindurch an der Spitze der verhängnißvollsten Ereignisse standen. Vor seinem Ende begann ec auf allgemeines Verlangen die Geschichte des Wohlfahrtsausschusses zu schreiben, und obschon er diese wichtige Schrift nicht ganz beenden konnte, dürfte sie doch sehr bald im Drucke erscheinen. Dem jüngern Carnot übergab er seine „Xleinoirss", die auch seitdem (2 Bde., Par. > 812) veröffentlicht worden sind. Dieselben setzen nicht allein viele andere Persönlichkeiten der Revolutionsepoche, sondern auch seinen eigenen Charakter in ein reineres Licht ^ und mildern die harten Vorwürfe, welche man ihm bisher gemacht hat. Merkwürdig ist, daß sich B. inmitten der revolutionairen Wirren als ein religiöses Gemüth und als Verehrer des Christenthums, das er für den Ausgangspunkt aller Demokratie hält, erweist. Aus der großen Zahl seiner wissenschaftlichen Schriften, die sämmtlich mit Geist und Kenntniß geschrieben sind, heben wir hier nur hervor: „Lsprit des etats-generaux" (1780), „Ojänion sur le sugement «le T-oui» XVl" (1792), „lb>es Xnglais au «lix-nsuvieine siede" (1801), „Ilis- toire «les revolutions «le lXaples, «lepuis 1789 — 1806", „T.es epogues «le In nation franyaise et les Düstre 6^nasties"(1815) und „Ureoris cke la Constitution - er auch Redacteur des gegen England gerichteten Journals ,,'1'bs Xr^us". Baretts (Giuseppe Marcantonio), ein ausgezeichneter Literat des 18. Jahrh., der Sohn des Architekten Lu ca B. aus der Familie der Marchesi del Carretto, war zu Turin am 25. Apr. 1719 geboren. Erst zum Priester, hierauf zum Architekten, wegen Augenschwächt e» i beS- ' LNI! ^ IÜ". eille Un- )vch 8.'s den. md- rur- ^ Jn- sich >l»s- Ücr- Zahl ebte den, kter. Ta- ind- von men hen säh- ge- f von den ,ast- >e er Zahl der >eni- Zan. lion iann ob- ucke )de., sön- eicht» daß deS gro- hrie- ar le llis- tiov nie war 25. ich« Barfod 61 dann wieder zum Juristen bestimmt, mit Liebe aber, da ein pedantischer Lehrer ihm das Latein verleitete, den schönen Wissenschaften zugewendet, brachte er eine Jugend voll Unruhe und verworrener Studien hin. Händel mit einem mächtigen Verehrer seiner Stiefmutter möthig- ten ihn, noch nicht 16 Jahre alt, bei seinem Onkel in Guastalla Zuflucht zu'suchen, wo er in ein Handlungshaus als Schreiber eintrat. Mil Schriftstellern bekannt geworden, fing auch er an, Verse zu machen; >74» ging er nach Venedig und trat in Freundschaft mit Gasp. Gozzi und den Akademikern, die sich > Trasluimnti nannten. Nach des Vaters Tode im I. l 7 4 2 kehrte er nach Piemont zurück und ward provisorisch als Magazininspector zu Cunco angestellt. Dann lebte er von l 7 4 5—51 abwechselnd in Turin und Venedig, wo seine Poesien Aufsehen zu erregen anfingen, und beschäftigte sich hauptsächlich mit einer Übersetzung des Corneille (4 Bde., Ven. 1747—48). Verfolgt von dem Professor Bartoli von Turin, dessen literarische Charlatanerie.er verspottet hatte, verlor er jede Hoffnung auf eine Anstellung im Vaterlande und nahm nun einen Ruf nach London an, um das dortige ital. Theater zu leiten. Nach neun Jahren kehrte er ins Vaterland zurück und lernte in Mailand den östr. Gesandten Grafen Firmiani kennen, der ihn beschützte, bis ihm einige Stellen in seinen dort begonnenen „Detters ksmi^Iinri" (Mail., 1762) die Verfolgung des portug. Gesandten zuzogen. Er ging hierauf nach Venedig, wo er mit Mühe 1763 die Herausgabe des zweiten Bandes der vorerwähnten Briefe durchsetzte, und ein Journal, die „Vrustalstternria", begründete, in welchem er die eitle Selbstgefälligkeit seiner literarischen Zeitgenossen, ihre süßliche und abgeschmackte Versmacherei, ihren ausgearteten Stil, ihr Prunken mit schwerfälliger Gelehrsamkeit sehr heftig geißelte und sich zahllose Feindschaften zuzog. Vom Pater Buonafede angefeindet, floh er nach Ancona, gab dort gegen seinen Verfolger die letzten Blätter der „Vrusta" heraus und wendete sich dann wieder nach England, wo er vom Unterricht im Italienischen und Schriftsteller« lebte und 178» starb. Von London aus machte er verschiedene Reisen durch Flandern, Spanien, Frankreich und Italien; den Winter 1770—71 brachte er bei dem Dogen von Venedig, Negroni, seinem Freunde, zu. Berühmt sind unter seinen Werken besonders das „Dictionary ok tbe englisb and italian lanAiiaFes" (2 Bde., Lond. 1760) und das „8pani!°b and cnglisb dictionar)" (Lond. 1772 und öfter). Er verstand und schrieb außer seiner Muttersprache Französisch, Englisch und Spanisch. Die „LVusta", die für jene Zeit Epoche machend in der ital. Literatur ist, obwol in der Thal ungerecht gegen manches Verdienst, erschien 1763—65 in 33 Nummern, gedruckt bis Nr. 25 in Venedig (angeblich Rovercdo), dann in Ancona (angeblich Trento) und wurde später wiederholt neu aufgelegt (Carpi >79», Mail. 1804), zuletzt in der Sammlung der „DIassici italian!" (2 Bde., Mail. 1838—39). Großes Aufsehen machte auch sein „Account oktke inaaners and cnstoins ok Itsl^ (Lond. 1768, 2. Aust. 1769; deutsch von Schummel, Brest. 1781). Seine „8critti scelti inediti e rari" wurden von Custodi (2 Bde., Mail. 1822—23) herausgegeben. Barfod (Paul Frederik), ein dän. Schriftsteller, geb. 1811 in der Nähe des Städtchens Grenaan in Jütland, lebt seit 1828 als privatisirender Gelehrter in Kopenhagen, wo er sich mit historischen Forschungen und andern literarischen Arbeiten beschäftigt. Obgleich er durch unermüdlichen Fleiß sich gründliche Kenntnisse erworben hat und ein nicht unbedeutendes Talent der Darstellung besitzt, hat er sich doch bisher keinen hervorragenden Namen als Schriftsteller erworben, wozu vielleicht die schroffe Energie seines Charakters und die formlose Eigenthümlichkeit seines Wesens beigetragen haben mögen. Indessen sind seine historischen und dichterischen Versuche keineswegs ohne Verdienst. Unter den erster» nennen wir seine „Geschichte Dänemarks und Norwegens unter Friedrich III.", seine „Biographie der Familie Ranzau" und die Monographie „Die Juden in Dänemark", die sich alle durch einen wahrheitsliebenden/ historischen Sinn und eine sehr lebendige, wenn auch überladene Darstellung auszeichnen. Früher aus Liebe zu Friedrich VI. in seinen politischen Ansichten besangen, ist er seit dessen Tode ein radicaler Demokrat, wozu seine kräftige, consequente und rücksichtslose Natur ihn hinzog. Ein eigenthümliches Interesse hat sein Name dadurch erhalten, daß er als einer der entschiedensten Repräsentanten der Idee für eine nordische oder skandinavische Einheit zu bewachten ist. Im Dienste dieser Sache gründete er 1839 die Vierteljahrschrift „Brage og Jdun", diepvetische und prosaische Arbeiten von Dänen, Schweden und 62 Barfüßermönche Varing Norwegern enthalt. Schon die bloße Ankündigung erweckte, namentlich durch die etwas entbu-, siastische Weise, wie sie in Schweden ausgenommen wurde, so viele Aufmerksamkeit, daß der König von Schweden sich bewogen fühlte, in einem Rundschreiben an seine sämmtlichcn Gesandten sich über dieselbe auszusprcchen. Wenn nun auch die Zeitschrift keineswegs die Bedeutung erlangt hat, welche man zu erwarten schien, so ist sic doch ziemlich verbreitet in allen drei Neichen und enthält manche treffliche Aufsätze sowol in dän. als in schweb. Sprache. Barfüßermönche heißen die Mönche, welche sich keiner Schuhe, sondern einfacher Sohlen oder Sandalen oder gar keiner Fußbekleidung bedienen. Auf diese Sitte wurde der Stifter des ersten Detkclordens geführt einmal durch den Wortlaut bei Matth. 10, IO., vgl. mit Luc. 10,3., wo Christus bei der Sendung der Jünger diesen verbietet, Schuhe zu tra-. gen, dann durch die Erwägung, den wegen ihrer apostolischen Lebensweise im Volke hochge-' achteten Waldensern (s. d.), die Sandalen trugen, auch in dieser Hinsicht das Gegengewicht halten zu müssen. Die Barfüßer bilden keinen besondcrn Orden; dagegen gibt es in l mehren Bettelorden, z. B- bei den Karmelitern, Franciscanern, Augustinern, Congregatio- f nen von Barfüßern und Barfüßerinnen. Bari, unter dem Namen Tcrra-di-B. eine südwestliche Provinz des Königreichs Neapel, welche im Norden der apulischen Halbinsel vom Adriatischen Meere bespült^wird, im Innern von einzelnen Bcrggruppcn, unter denen der S.-Agvstino am bedeutendsten, erfüllt ist, zum großen Theile im Bereiche der wenig bewässerten apulischen Ebene liegt, und außer einigen kleinen Binnenseen nur die Küstenflüsse Ofanto und Puglia aufzuwcisen hat. Trotz der Waffcrarmuth, welche durch häufig eintretcnde lange anhaltende Sonnenhitze noch mehr erhöhet wird, gehört doch die Provinz zu einer der fruchtbarsten und bevölkertsten des Königreichs. Sie ist berühmt durch ihren Wein, Baumwollen- und Seidenzucht, den Reichthum an Öl und Südfrüchten, eine gute und vorzugsweise vortreffliche Schafzucht, durch lebhaften Fischerei- und Salinenbetricb an den Küsten und die Kühnheit der Bareser zur See, auf der sie in eigenen Schiffen bedeutenden Handel betreiben. — Die Hauptstadt der Provinz, Bari, eine befestigte Hafenstadt mit 20000 E. in schöner Umgebung, ist Sitz eines Erzbischofs, hat ein Lyceum und treibt mit den Landesproducten, namentlich mit Getreide, Olivenöl, Mandeln, Feigen, Agrumi, Wein, Baumwolle und Wolle bedeutenden Handel. Nöm. Alterthümer erinnern an das alte Barium im Districte Peucetien. Von 852—871 war B. im Besitz der Sarazenen, denen es die griech. Kaiser abnahmen, unter welchen die Stadt zum freien Fürstenthum wurde. Im I. 1059 kam es in die Gewalt der Normänner, wurde zwar 1060 von den Griechen wieder genommen, allein schon 1070 von neuem durch die Normänner erobert und hierauf von einen« normännischen Baron in Besitz genommen, der sich unter der Oberlehnshoheit Apuliens und dann Siciliens behauptete, bis die Stadt endlich mit Neapel vereinigt wurde. Baring (Alexander), Baron von Ashburton, ist der zweite Sohn eines Enkels des Pastors Franz B. zu St.-Ansgarii in Bremen, des Sir Francis B., der ein ausgezeichneter, vielerfahrener Kaufmann war, großen Einfluß auf die Leitung der Angelegenheiten der Ostindischen Compagnie hatte, von Pitt oft zu Nathe gezogen, vom König 1793 zur Baronetwürde erhoben wurde und 1810 starb. B. gehörte, wie seine ganze Familie, vom Anfänge an zur Whigpartei, doch war er den Nadicalen entgegen und neigte sich bei den Verhandlungen über die Reformbill sogar zu den Gegnern dieser Maßregel, weil er das Haus der Gemeinen in seiner alten Verfassung als ein wahres Bild der Volksrepräscntation ansah. In allen die Angelegenheiten des Handels betreffenden Verhandlungen zeigte er stets die gründlichsten Einsichten, und seine Meinung hatte großes Gewicht. Sein Handels- und WechselhauS war eines der ersten in der Welt und ward meist von ihm selbst geleitet, obgleich einer seiner Brüder, Henry, Antheil daran hatte. Auch war er einer der Direktoren der Ostindischen Compagnie und der Bank von England. Unter dem nicht kaufmännischen Publicum erregte er Aufsehen, als er sich an die Spitze der großen franz. Staatsanleihe stellte und in dieser Angelegenheit 1818 beim Congreffe zu Aachen erschien. Durch sein „Inguirz- int» tlls cames und consegusnces of tbs orckers in council" (Lond. 1818) erwarb er sich einen ehrenvollen Platz unter den Schriftstellern über Staatshaushaltung. Er und sein Bruder Henry heiratheten zwei Schwestern, die Erbinnen des Nordamerikancrs Bingham, deren jede ntbu-, iß der i Ge- !Be> allen che. achcr e der I», n tra-. ichge-' egen- es in ^akio> Reichs wird. >sten, und l hat. noch n des keich- >urch : zm . >t de« ' Sitz i Ge> nden Von rnter t der 07 » m in aup> nkels aus- tqen- 783 vom ' Verhaus nsah. s die und sicich Ost- ubli- und into nnen mder »jede Bariton Barker 63 100000 Pf. St. zur Mitgift bekam. Nachdem er gleich seinem Bruder das Geschäft aufge- geben, wurde er 1835 zum Baron erhoben. Das Geschäft selbst führen jetzt zwei seiner Neffen, die er, als sie 1837 durch die Verwickelungen in Nordamerika sich in Verlegenheit gesetztsahen, mit mehren 100000 Pf. St. unterstützte — B.'s ältester Bruder, Sir Th o- mas B., welcher den väterlichen Titel und den größten Theil des Vermögens erbte, lebt auf seinem Landgute Stratton-Park und ist im Besitze einer der ausgezeichnetsten Kunstsammlungen. — Der dritte Bruder, Henry B., der frühere Theilhaber des Wechselhauses, begleitete Lord Macartney nach China und war nachher in der Factorei der Ostindischen Com- pagnie zu Kanton angestellt. Jetzt lebt er in England und ist Parlamentsmitglied. — Der Jüngste der Brüder, George B., war früher auch in China, verließ aber den Kaufmannsstand und wurde Geistlicher der Hochkirche. Später trennte er sich jedoch von dieser, trat einer neu sich bildenden Sekte bei und ließ in Erctcr auf seine Kosten eine Kirche bauen, in welcher er predigt. — Henry Bingh B., der Sohn des Sir Thomas B-, wurde 1839 Kanzler der Schatzkammer und ist Mitglied des Unterhauses für Portsmouth. Bariton (Larckon, Viola cli Lorckoue) hieß ein jetzt veraltetes, mit sieben Saiten bezogenes, der Viola da Eamba ähnliches Instrument. Es hatte unter dem Halse mehre Drahtsaiten, die mit dem Daumen der linken Hand gerissen, während die obern (Darm-) Saiten mit dem Bogen gestrichen wurden. Um 1700 erfunden, ward es namentlich durch Ant. Lidl und Franz in Wien verbessert. — In der Vocalmusik heißt Bariton (Haiztton, Sori- tono, Hasse-tsille) diejenige männliche Stimme, welche nicht die Tiefe und Fülle des Basses hat, aber auch die Höhe und Weichheit des Tenors nicht erreicht. Je nachdem sie an Klangfarbe und Umfang mehr dem Tenor oder dem Baß sich nähert, unterscheidet man auch wol einen Tenor-Bariton und einen Baß-Bariton. Der Bariton ist vorzugsweise in Deutschland und in der deutschen Oper, namentlich in Marschner's Opern einheimisch. Barka, ein Küstenstrich Afrikas am Mittelländischen Meere, von etwa 4150 UM. mit 300000 E., begrenzt von Ägypten, der Sahara und Tripolis, wird bald eine Wüste genannt, was es nicht ist, bald ein Königreich, was es ebenfalls nicht ist. Das Land hat wenig Flüsse, und das im Westen und Süden hinziehende Gebirge Harutscht scheint vulkanischen Ursprungs. Es enthält im Osten nackte Felsen und hoch mit Flugsand bedeckten Kalksteinboden; dagegen gibt es auch sehr schöne bewaldete Gegenden und fruchtbare Thäler und Ebenen. Seine Producte sind die der Berberei im Allgemeinen. Zahlreich sind wilde Thiere, und die Heuschrecken eine Landplage. Die Einwohner sind meist Araber und Beduinen, die zum Theil ein nomadisches Leben führen. Das Land ist zumeist dem Bei von Tripolis zins- bar und zerfällt in mehre kleine Staaten unter einzelnen Beis, wie des von Derne, unter dessen Botmäßigkeit auch Grenne, daß alte Cyrenc (s. d.) steht, und des von Bingazi, dem alten Berenice, und Republiken, wie der Oase Siwah mit 6000 E. und der Hauptstadt gleiches Namens, dem alten Ammonium (s. d ), die 1820 dem Vicekönig von Ägypten zinsbar wurde, und der kleinen Handelsrepublik Augila. Wenn schon das Land jetzt das Bild der tiefsten Verwilderung zeigt, so beweisen doch die zahlreichen Ruinen der vorerwähnten und anderer alter griech. Städte für dessen ehemalige Blüte. Barke ist ein kleines Kauffahrteischiff, welches etwa 100 Tonnen trägt, mit plattem Dach und gewöhnlich drei Masten; dann ein Fahrzeug zum Befrachten oder Äusladen größerer Schiffe. Barkasse heißt das größte Boot eines Schiffes und Barkerole (bsrcbe- rollu) ein mastloses Fahrzeug auf der Rhede oder im Hafen, auch eine Gondel. Barker (Edmond Henry), einer der berühmtesten der neuern engl. Philologen, gcb. 22. Dec. 1788 zu Hollym m Porkshire, wo sein Vater Prediger war, erhielt seine erste Erziehung in London und dann zu Louth in Lincolnshire. In das Studium der Alten eingeführt, ergriff er dasselbe mit ungemeinem Eifer und ging hierauf nach Cambridge, wo er in das Trinitätscollcgium trat, das ihn jedoch wenig befriedigte, weil er den mathematischen Wissenschaften, die hier den Vorrang hatten, keinen Geschmack abzugewinnen vermochte. Außer verschiedenen Ausgaben röm. Klassiker, z. B. des Cicero „Oe smicitio," und des Tacitus „^gricolu", und mehren Beiträgen zu Zeitschriften, besonders zum „6Is,sicoI jonrnal", widmete er seine Thätigkeit besonders der 1816 von Valpy in London unternommenen neuen Ausgabe von „Oenr.SlepbaniHlssaurnsFrsecae lillguae", wodurch er mit dem bekannten BarlaLin Barlow engl. Philologen Par r (s. d.) zu Hatton in nähere Verbindung kam, dessen Rath, Kenntnisse und Sammlungen ihm vielfach nützlich wurden. So gerecht auch die Ausstellungen waren, die man gegen die zu große Erweiterung des ursprünglichen Plans dieser Ausgabe und die Anordnung der Materialien gemacht hat, so können sie doch das Verdienst B.'s nicht schmälern, das auch von deutschen Philologen, wie Schäfer, Hermann, Wolf, Sturz u. A., öffentlich anerkannt worden ist. Gleichzeitig besorgte er die unter Schäfer's Aufsicht erschienene Ausgabe des Arcadius „De nccentibus" (Lpz. 1820), der er eine „bipistnin criticn" an Boissonade vorausschickte. Seine Theilnahmc an Werken deutscher Gelehrten hat B. bei vielen Gelegenheiten durch schätzbare Mittheilungen von Hülfsmitteln und Bemerkungen bewiesen. Seit 1814 lebt er zu Thetford in Norfolk, durch Vermögen in Stand gesetzt, sich ganz der elastischen Philologie zu widmen. Im I. 1828 gab er Denkwürdigkeiten seines Freundes Parr unter dem Titel „Uarrisnu" heraus. Barlaam, nach der Sage ein Eremit im 3. oder 4. Jahrh. in Asien. Die Legende, welche um 740 durch Johannes von Damaskus in griech. Sprache ausgezeichnet sein soll, erzählt viel von ihm und der durch ihn bewirkten Bekehrung des ind. Prinzen Josaphat. Rudolf von Montfort bearbeitete diese Legende, und Köpke hat sie, mit einem Wörter- buche versehen, in altdeutscher Sprache herausgegeben (Königsb. >818). — Außerdem ist der griech. AbtBarlaamzu erwähnen, der in Folge seines Streits mit den Hcsychiasten (s. d.) 1341 zur röm. Kirche übertrat und 1348 als röm.-katholischer Bischof starb. Der Streitpunkt war die von jenen mystischen Mönchen behauptete, von B. aber geleugnete Möglichkeit, das Licht, in dem Gott wohne, sinnlich anzuschauen, wobei Jene auf das bei der Verklärung Christi auf Thabor erschienene Licht sich beriefen. Barlaens (Kaspar), eigentlich vanBaarleoderBärle, ausgezeichneter Holland. Dichter und Historiker, geb. am 12. Fcbr. 1584 zu Antwerpen, von wo ihn sein Vater, welcher der Religion wegen auswanderte, mit nach Holland nahm, widmete sich mit vielem Erfolge den Studien, wurde in noch jugendlichem Alter Prediger und nicht lange nachher Professor der Logik an der Universität zu Leyden. Weil er sich auf die Seite der Remonstranten schlug und ihnen seine Feder lieh, wurde er heftig verfolgt und endlich seines Amtes entsetzt. Nun legte er sich aus das Studium der Medicin und promovirte zu Caen, blieb aber zu Leyden und beschäftigte sich hauptsächlich mit Privatunterricht, bis er 1631 als Professor der Philosophie und Beredtsamkeit an das neuerrichtcte Athenäum zu Amsterdam berufen wurde, wo er am 14. Jan. 1648 starb. Er stand in vertrautem Umgänge mit den größten Geistern seiner Zeit und war namentlich mit Hooft und der berühmten Tesselschade innig befreundet. Seine lat. „Unem-tta" (Leyd. 1631, vollständiger 2 Bde., Amst. 1645 — 46) sind, abgesehen von einigen Fehlern, die mehr seiner Zeit als ihm zur Last fallen, größtentheils voll Geist und Anmuth, und seine holländ. Gedichte, deren Zahl jedoch nicht groß ist, sind aus dem Herzen geflossen und ebenso lieblich alsmelodisch. Als Geschichtschreiber hat ermannich- sache Verdienste, wie sein Werk „Rermn per ncteimium in Lrssilis gestsrum bistnria" (Amst. 1647) genugsam bekundet. Nicht minder ist seine ausführliche Beschreibung des glänzenden Empfanges der Maria de' Medici im Sept. >638 zu Amsterdam (,Me8ie,e» kospss", Amst. >639, Fol.) stilistisch werthvoll und von vielfachem Interesse. Barletta, in der Provinz Terra-di-Bari des Königreichs Neapel, liegt unweit der Ofantvmündung am Adriatischen Meere und ist eine durch ein Castell geschützte Hafenstadt von 18—20000 E., welche beträchtlichen Handel und Salzfabrikation betreiben. Die Stadt ist Bischofssitz, hat eine schöne Kathedrale, gewährt von der See aus einen herrlichen Anblick, besitzt mehre Salinen der Umgegend und soll auf den Ruinen von Cannä stehen. Barlow (Joel), der Verfasser der Columbiade, des ersten in Nordamerika gedichteten Epos, ein glühender Republikaner, war um 1755 zu Neading in Connecticut geboren. Früh entwickelte sich seine Neigung zur Dichtkunst. Schon 1778, als er die Lehranstalt in Newhaven verließ, machte er eine Sammlung seiner kleinern Gedichte „American poems" bekannt. Er hatte bereits angefangen, die Rechte zu studiren, als man ihn bei dem Mangel an Feldpredigern auffoderte, sich zur theologischen Prüfung zu melden. Nur sechswöchentlicher Studien bedurfte es für ihn, der sich bisher schon mit Theologie abgegeben hatte, uyr ein guter Feldprediger zu werden. Auch unter dem Geräusch der Waffen blieb er den Musen treu Karmen 65 und belebte durch seine Lieder den Muth und die Standhaftigkeit der Krieger. Während dieser Zeit schon arbeitete er an dem größern Gedichte „Tke vision os Lokimbus". Da er nie viel Neigung zum geistlichen Stande gehabt hatte, wendete er sich nach dem Frieden wieder der Rechtswissenschaft zu. In Hartford gab er, um sich Unterhalt zu verschaffen, eine Zeitschrift heraus, und 1787 erschien das erwähnte Gedicht mit einer Widmung an Ludwig XVI. Da er als praktischer Rcchtsgelchrtcr wenig Glück machte, nahm er l 788 den Antrag an, für die Ohiocompagnie Ländereien in England und Frankreich auszubieten, ohne mit der zweideutigen Handlungsweise seiner Vollmachtgeber bekannt zu sein. In Frankreich sich lebhaft für die Revolution interessirend, trat er mit mehren Parteiführern, besonders mit den Girondisten, in enge Verbindung. Nach London zurückgekehrt, gab er 1791 den ersten Theil seines „V ilvico to tke Privileges Orders" heraus. Im folgenden Jahre erschien dort sein Gedicht „Die Verschwörung der Könige", veranlaßt durch den Bund der Kontinentalmächte gegen Frankreich, und bald nachher sein Schreiben an den Nationalconvent, den er auffoderte, das Königthum abzuschaffen, die Wahlversammlungen häufiger zu machen und die Verbindung zwischen der Regierung und der Landeskirche aufzuheben. Diese Schriften hatt«i hauptsächlich den Zweck, auf die Volksstimmung in England zu wirken, wo er mit den Neformfteunden in vertrauten Verhältnissen stand. Im Herbst 1792 von dem Constitutionsverein zu London nach Paris geschickt, um dem Convent eine Adresse zu überreichen, erhielt er dort das franz. Bürgerrecht. Da aber in England inzwischen seine Sendung ein Gegenstand policeilicher Untersuchungen geworden war, so fand er cs bedenklich, wieder dahin zurückzukehren; er begleitete lieber seinen Freund Gre'goire, der den Auftrag hatte, das neuerworbcne Savoyen zu einem Departement einzurichten, und entwarf im Winter in Chambery eine Zuschrift an die Piemonteser, die er auffoderte, „dem Mann in Turin, der sich ihren König nenne", den Gehorsam aufzusagen. In Savoyen schrieb er auch ein komisches Heldengedicht „ttsstx pudding", eine seiner beliebtesten Arbeiten. Nachher hielt er sich einige Jahre in Paris auf, weniger mit literarischen Arbeiten als mit kaufmännischen Speculationen beschäftigt, bei den ihm seine Bekanntschaft mit den politischen Verhältnissen von großem Ruhen war. Im 1. 1795 ward er als amerik. Consul in Algier angestellt, wo er trotz aller Schwierigkeiten, die andere Consuln ihm in den Weg legten, einen Vertrag über die Freilassung aller amerik. Gefangenen abschloß. Von 1797 an war er wieder in Paris, wo er sich ein ansehnliches Vermögen erwarb. Die zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten entstandenen Irrungen auszugleichen, glückte ihm nicht. Jm J. 1895 kehrte er nach Amerika zurück und legte dort 1896 dem Cougreß einen Plan zur Gründung einer großen Nationalakademie vor. Hierauf ließ er „l'ke Lolomkind" (Philadelphia 1898, 1.) erscheinen, eine Erweiterung der „Vision of Lokimbus". Reich an schönen Einzelheiten, wurde sie doch nicht so beliebt als „l'ke vision ok Lolumkus"; sie ist überladen mit politischen und philosophischen Erörterungen und entstellt durch seltsame Wortbildungen. Nachher beschäftigte er sich mit Vorarbeiten zu einer allgemeinen Geschichte der Vereinigten Staaten, bis er I8II zum Gesandten bei der franz. Regierung ernannt wurde, mit welcher er einen Handelsvertrag abschloß. Im Oct. 1812 zu einer Conferenz mit Napoleon nach Wilna eingeladen, griffen ihn die Beschwerden der Reise so an, daß er am 22. Dec. 1812 zu Zarnawicze bei Krakau starb. Barmen, ein zwei Stunden langes überaus reizendes Thal an der Wupper im prcuß. Herzogthume Berg, etwa zwei Stunden von Elberfeld, im Regierungsbezirke Düsseldorf der Rheinprovinz, zerfällt in Ober- und Unterbarmen und begreift die Ortschaften Gemarke, Wipperfeld, Rittershausen, Hecklinghausen und Wichlinghausen. Vereinigt bilden diese Orte die Stadt B-, mit 29999 E-, die sich, mit Ausnahme von 3999 Katholiken und einigen wenigen Juden, zur protestantischen und reformirten Kirche bekennen. Nirgend in Deutschland findet sich der Gewerbfleiß in gleichem Maße auf einen Punkt zusammcngedrängt. B. ist der Hauptsitz aller Bandmanufacturen auf dem Continente; seine Fabrikate gehen nach allen Welttheilcn; es liefert leinene, wollene, baumwollene, seidene und halbseidene Bänder jeder Qualität und alle Sorten Schnürbänder; bedeutend sind auch die Manufakturen in gewebten Spitzen, Nähzwirn, Siamoisen u. s. w. Ebenso finden sich im Thale zahlreiche Bleichereien und Färbereien. Unterbarmen hat eine Mineralquelle und eilte Badeanstalt. Conv.-Lex. Neunte Aufl. II. 5 66 Barmherzige Brüder mid Schwestern Barnave M Barmherzige Brüder und Schwestern. Unter diesem Namen bestehen in der katholischen Kirche zwei wohlthätige, vielverzweigtcOrdensverbindungcn, welche in ihren Hospi- tälern Arme und Kranke ohne Unterschied des Glaubens, des Standes und der Nation verpflegen. Der Orden der Barmherzigen Brü der wurde l 5 -10 in Spanien gestiftet durch den Portugiesen Johannes di Dio, der unter den Fahnen Karl's V. in Afrika gefochtcn hatte, und breitete sich schnell über Frankreich und Deutschland aus. Ihre Kleidung ist schwarz, ihre Verfassung der des Franciscancrordcns ähnlich, ihre Regel, die ihnen Pius V. gab, die des heil. Augustinus. Sie leisten alle Mönchsgelübdc und stehen in Europa, wo sie fast überall sich finden, unter einem gemeinschaftlichen General, während die außereurop-, die braune Kutten tragen, ihren besonder»General in Amerika haben. Die Barmherzigen Schwestern (k'illes lle la cliarite, auch wegen ihrer grauen Tracht 8n6»rs grises) stiftete 1633 unter Mitwirkung des Vincenz de Paula die Witwe Le Gras. Der Orden besteht aus einzelnen vonebiandcr unabhängigen Genossenschaften und zählte 1685 schon 223 Klöster. Die in Frankreich Zerstreuten berief Napoleon 1867 zu einem Gcneralcapitel, bei dem die Kaiserin Mutter den Vorsitz führte, bewilligte ihnen die nöthigen Gelder und bestimmte die Zahl ihrer Genossenschaften auf 31. St.-Charles zu Nancy, das Mutterhaus des Ordens, hat nach Ssarlouis, Trier, Koblenz und andern deutschen Städten treffliche Krankenpflegerinnen geliefert. In Paris gehört ihnen unter Andern, das Hotel-Dieu. Einen Nebcnzwcig derselben bilden die Barmherzigen Schwestern des heil. Borromeo in Lothringen. Gleiche Zwecke verfolgen übrigens auch die Elisabethinerinnen, deren Vorbild die heil. Elisabeth, Landgräfin von Thüringen und Hessen, ist, sowie die Ursulinerinnen (s.d.), Salesianer in neu (s. d.) und Lazaristcn (s. d.). Vgl. Held, „Geschichte der Heilanstalt der Barmherzigen Brüder in Prag nebst Rückblick auf die Entstehung und Schicksale dieses Ordens überhaupt" (Prag, 1823) und „Die Barmherzigen Schwestern in Beziehung auf Armen- und Krankenpflege" (Kobl. 1831). Neuerdings ist in der evangelischen Kirche eine Nachbildung des Ordens der Barmherzigen Schwestern mit Erfolg versucht worden. Jm J. 1836 nämlich stiftete der Pfarrer Fliedner die Diakonissenanstalt zu Kaiserswerth, in der seit ihrem Bestehen bis zum l.Jan. 1831 bereits 336 Kranke verpflegt worden sind. Damals gab es daselbst 16 Diakonissen oder Pflegerinnen, während sieben andere in auswärtigen Krankenanstalten arbeiten ; auch das mit der Anstalt verbundene Seminar für Kleinkinderlehrerinnen, die Klein- kinderschule und das evangelische Asyl für entlassene weibliche Gefangene waren im schönen Gedeihen. Begeistert von der kaiscrswerther Anstalt hat die bekannte Elisabeth Fry > 836 in London einen Verein für Protestant sisters ok cliarit^ gegründet. Mehr oder minder gehören hierher auch die mannichfachcn Frauenhilfsvercine. Barnabas, eigentlich Joses, nach einer frühem Sage ein unmittelbarer Schüler Jesu und nachher apostolischer Missionar und Begründer der Christengemeinde zu Antio- chia, wird in der „Apostelgeschichte" als Begleiter des Paulus und des Marcus erwähnt. Später wurde er erster Bischof von Mailand; ob er als solcher eines natürlichen Todes gestorben, oder den Märtyrertod unter den cyprischen Juden 61 n. Ehr. gefunden habe, ist ungewiß. Die Echtheit des ihm in den ältesten Zeiten beigelegten Briefes, nach Form und Gehalt dem Briefe an die Hebräer ähnlich, ist zwar von Vielen bestritten, aber die Unechtheit desselben von Niemand erwiesen worden. Barnabiten heißen die 1 536 zu Mailand entstandenen, wie Weltgeistliche schwarz gekleideten, rcgulirten Chorherren des heil. Paulus nach der ihnen daselbst eingeräumten Kirche des heil. Barnabas. Sie widmeten sich der Mission, der Krankenpflege, dem Predigen, der Seelsorge und dem Jugendunterrichte und besaßen in Italien, wo sie auf den Akademien zu Mailand und Pavia die Theologie lehrten, in Frankreich, Ostreich und Spanien Häuser, die sie Kollegien nannten. Außer den drei gewöhnlichen Klostergelübden hatten sie noch ein viertes, sich nicht um höhere kirchliche Würden zu bewerben. In Frankreich und Ostreich bediente man sich dieses Ordens zur Bekehrung der Protestanten. Jetzt besteht er vielleicht nur noch an einigen Orten Italiens. Barnave (Antoine Pierre Joseph Marie), anfangs einer der eifrigsten Anhänger der franz. Revolution, deren frühes Opfer erwürbe, war zu Grenoble 1761 geboren und der Sohn eines Advocaten. Er erhielt eine gute Erziehung und vortrefflichen Unterricht, sodaß Barnave 67 er schon 1783 Advocat wurde und beim Parlamente zu Grenoble durch sein Talent und ausgebreitetes Wissen großes Aufsehen erregte. Als die Generalstaatcn sich versammelten, wurde er von den Wählern seiner Provinz in Folge einer kleinen Schrift gegen das Feudalwesen zum Deputirten ernannt, und als solcher half er die Revolution einleitcn, ohne daß die dunkeln Flecken derselben an ihm haften. Er unterstützte gleich anfangs den dritten Stand gegen die Anmaßungen der Privilegirten mit großem Eifer, trat dem Vorschläge Sieyes' bei, aus welchem die Nationalversammlung hervorging, und zeigte in der Sitzung im Ballhause einen reinen und edlen Enthusiasmus für die Abschaffung aller die Gesellschaft beeinträchtigenden Prärogativen. Nach der Sitzung des 23. Juni 1789 betrat er vor Mirabeau die Rednerbühne und foderte mit demselben jene Verhaftungen, die damals vielleicht das Schicksal Frankreichs entschieden; doch nach der Ermordung Foulowe und Berthier's erklärte er, darüber empört, daß in jenen Männern unschuldiges Blut vergossen worden sei, durch welche Äußerung er sich den Unwillen und den Spott der Versammlung zuzog. In der Sitzung vom I. Aug. unterstützte er die Proclamation der Menschenrechte und foderte die Organisation der Nationalgarde. Am 2. Scpt. trat er sehr heftig gegen das absolute Veto auf, und am 13. setzte er die Einziehung der geistlichen Güter zum Besten der Nation durch. Am 10. Sept. kämpfte er das erste Mal gegen seinen Beschützer Mirabeau, als dieser sich dafür erklärte, daß die Mtglicder der Nationalversammlung zu besoldeten Ämtern der Regierung gewählt werden könnten, und es nahm bei dieser Gelegenheit die Debatte eine persönliche, für beide Gegner unwürdige Wendung. Im Jan. 1790 verlangte er, daß im Eihe der Bürger die Treue gegen den König nicht eingeschlossen sein sollte, weil sie schon in der Constitution enthalten sei; auch klagte er mehre Parlamente an, die den Decrc- ten der Versammlung keinen Gehorsam geleistet hatten, setzte die Emancipation der Juden durch und verlangte die Abschaffung der religiösen Orden. Als Mitglied des Colonialcomite foderte er die völlige Freiheit der Schwarzen und Farbigen und ging in seinem reinen Eifer so weit, daß er rieth, eher die Colonien als daS Princip der Menschenrechte auszugeben. In der Sitzung vom 22. Mai gerieth er abermals mit Mirabeau in Opposition, als dieser das Recht des Kriegs und Friedens dem Könige und der gesetzgebenden Macht zugetheilt wissen wollte, indem er dieses Recht für letztere allein in Anspruch nahm. B. trug den Sieg davon und wurde von dieser Zeit an der Abgott des Volks. Auch als Mitglied des diplomatischen Comite entwickelte er eine große Thätigkeit und bewirkte unter Anderm ein Decret über die Reorganisation der Colonien, das wol edelmüthig war, aber für den Augenblick schreckliche Folgen hatte. Im I. 1791 erklärte er sich bei dem Streite des Jakobinerclubs, der damals noch die Gesellschaft der Constitutionsfreunde hieß, mit der Monarchischen Gesellschaft zu Gunsten des erstem. Inzwischen war die Verwirrung in den Colonien ausgebrochen, und B. kam durch die greuelvollen Ereignisse so zum Nachdenken über seine und seiner College« Schritte, daß er am 11. Mai 1791 dazu rieth, keine Veränderungen in den Colonien vorzunehmen, ohne die Pflanzer zu fragen. Man begriff nicht, wie er seine Ansichten undPrin- cipien so verleugnen konnte, die Freunde der Farbigen und Schwarzen, Robespierre, Gre- goire und Sieyes, traten ihm auf das heftigste entgegen und drangen durch. Als man nach der Flucht des Königs Lafayette der Theilnahme an derselben beschuldigte, vertheidigte ihn B., und wurde hierauf nebst Latour-Maubourg und Pe'tion abgeschickt, die Rückkehr des Königs zu sichern. Das Unglück des Königs, namentlich die gefährliche Lage der schönen Königin, die ihn ganz in ihr Interesse zu ziehen suchte, rührte ihn so, daß er nach seiner Rückkehr in die Versammlung sich unter die Gemäßigten setzte, den König und seine Rathgeber entschuldigte und die Ernennung eines Comite durchsetzen half, welches die constitutionellen Decrete im monarchischen Interesse revidirtc und abändcrte; auch übergab er diesem Comite eine von ihm selbst redigirte Denkschrift des Königs über dessen Flucht. Bei der Verhandlung über die Unverletzlichkeit des Königs vertheidigte er dieselbe in einer feurigen Rede zum großen Misvergnügen der Zuhörer. Er bestritt den Entwurf des Militairausschusses, der den Soldaten das Recht einräumte, ihre Offiziere zu denuncircn, vertheidigte die Priester, welche den Decreten der Versammlung den Gehorsam verweigerten, sprach gegen die Libellisten und trug in der Versammlung auf die Tagesordnung an, als man über das Recht des ge- Lf 'F 68 Barneveldt Barometer setzgebenden Körpers, nach welchem derselbe den Antrag auf Absetzung der Minister haben sollte, verhandeln wollte. Namentlich dieses Letztere brachte ihn um seine ganze Popularität; man erklärte ihn für einen Abtrünnigen der nationalen Partei, und die Tagespresse ver- folgte ihn. Nach der Aufhebung der Nationalversammlung zog er sich in seinen Geburtsort zurück, wo er sehr eingezogen lebte. Er hatte dem Könige einige ernste Rathschläge gegeben und war mit dem Hofe auch in Verbindung getreten, ohne dessen Vertrauen zu gewinnen. Nach dem l v. Aug. 1792 wurde er nebst Alexandre Lameth und dem Exminister Duport- Dutertre der mit dem Hofe geführten und aufgefundenen Korrespondenz wegen in Anklage versetzt, zuerst zu Grenoble im Gefängnisse gehalten und dann nach Paris vor das Revolutionstribunal geführt. Ungeachtet er sich unerschrocken verthcidigte und durch seine Rede großen Eindruck machte, wurde er doch zum Tode verurtheilt und am 29. Nov. l79Z guillotinirt. Er starb mit großer Fassung. Unter dem Consulat wurde ihm als ausgezeichnetem Redner im Senate an der Seite Vergniaud's eine Statue errichtet, die man aber bei der Restauration der Bourbons wieder entfernte. Barneveldt (Joh. van Olden-), s. Oldenbarneveldt. Baroccio oder Barozzi (Federico), ein berühmter Maler der röm. Schule, geb. zu Urbino 1528, starb daselbst 1612. Seine frühere Bildung gehört Venedig an, später arbeitete er in Rom «nter Rafael's Schülern; doch trieb ihn seine innere Richtung vorzugsweise zum Studium der Werke Correggio's. Gleich diesem Künstler strebte auch er besonders durch den Reiz des Helldunkels zu wirken. B. steht zwischen jenen manieristischen Künstlern, welche sich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. geltend zu machen suchten, und zwischen Denen, welche mit dem Schlüsse desselben eine Restauration einleiteten, in der Mitte. Auch er ist nicht frei von Manier, aber er bringt nicht selten, theils durch zarte idyllische Anmuth, theils durch entschiedenen Ausdruck des Affccts, eine sehr glückliche Wirkung hervor. Eines seiner trefflichsten Werke ist die Kreuzabnahme, im Dome von Perugia. Barock, abgeleitet von dem franz. Karoque, heißtim Leben und vorzüglich in der Kunst das willkürlich Seltsame, das, aus eigenthümlichen Einfällen des Einzelnen hervorgehend, gegen die allgemeine und natürliche Ansicht verstößt und ins Ungereimte und Närrische übergeht. Man gebraucht diesen Ausdruck von gewissen Handlungen und Charakterzügen, von der einer erzählenden oder dramatischen Dichtung zum Grunde gelegten Fabel, von der Art des poetischen Ausdrucks, von einer närrisch-seltsamen Composition und Ausführung, oder einzelnen wunderlichen Gestalten in der bildenden Kunst, sowie endlich auch von dem Seltsamen und willkürlich Zusammengestellten in der Tonkunst. Das Barocke fällt daher mit dem Bizarren (s. d.) zusammen, wenn inanes nicht als den höhern Grad des Seltsamen ansehen und als Dasjenige betrachten will, was durch Überladung, Unnatürlich- keit, Buntscheckigkeit und Verworrenheit der Zusammenstellung auffällt und eine fast komische Wirkung hervorbringt. Barometer (das), um den Druck der Luft und dessen Veränderungen zu messen, besteht gewöhnlich aus einer oben luftleeren und verschlossenen Glasröhre mit Quecksilber, in welcher bei stärkerm Drucke der Luft das Quecksilber steigt, bei geringcrm sinkt. Der eigentliche Erfinder des Barometers ist Evangelista Torricelli (j d) in Florenz. Er kam gegen die Mitte des 17. Jahrh. auf den Gedanken, daß dieselbe Ursache, welche das Wasser nur 32 F. hoch treibe und erhalte (s. Atmosphäre) auch das 14 mal schwerere Quecksilber "/>< F- oder 27'/, Zoll treiben und halten werde. Er schmolz zu diesem Behufe eine Glasröhre, die einige Fuß lang war, an dem einen Ende zu, füllte sie mit Quecksilber, kehrte sie dann um und setzte sie in ein Gefäß mit Quecksilber. Seine Erwartung hatte ihn nicht getäuscht; das Quecksilber senkte sich aus dem obern Theile der Röhre herab, blieb aber in einer 27'/, Zoll hohen Säule stehen. Den auf solche Weise leer werdenden obern Theil der Röhre nennt man die Torricelli'sche Leere, im Gegensätze der Guericke'i chm Leere (s. Gucricke), gleichwie die Röhre selbst den Namen der Torricelli'schcn erhielt. Sehr bald kam Torricelli zu der Überzeugung, daß die Erhaltung der Quecksilbersäule von 27'/-Zoll nur von dein Drucke der auf der Quecksilbersäule im Gefäße ruhenden und sich bis an die Grenzen der Atmosphäre erstreckenden Luftsäule herrühre; doch während er sich noch mit diesem Gegenstände beschäftigte, übereilte ihn 1647 der Tod. Pascal machte sich Torricelli's Muthma- Baron (Michel) Baron 68 ßungen zu eigen und ließ durch Perricr zu Clcrmont in Auvergne mit der Torricelli'schen Röhre Versuche auf dem Berge Puy-de-Dome anstellen. Dieser fand dabei, daß das Quecksilber der Torricelli'schen Röhre auf dem Gipfel des gegen 5000 F. hohen Berges über 3 par. Zoll niedriger stund, als es am Fuße des Berges gestanden hatte, und es war sonach unwiderleglich bewiesen, daß nicht Abscheu vor dem leeren Raume, der sogenannten llorror vac„i, wie man bis dahin geglaubt hatte (s. Leere), sondern daß der Druck der Luftsäule, deren Höhe und also auch Schwere auf dem Berge abgenommen hatte, die Aufrechthaltung der Quecksilbersäule in der Röhre verursache. Schon den ersten Erfindern des Barometers war cs nicht entgangen, daß sich der Stand des Quecksilbers in der Torricelli'schen Röhre fast täglich verändere. Sie folgerten sehr richtig, daß auch der Druck der Atmosphäre unaufhörlichen Veränderungen unterworfen sein müsse, und daß man mithin jene Vorrichtung zur Wahrnehmung und Bestimmung dieser Veränderungen gebrauchen könne. Insbesondere machte Otto von Gucrickc darauf aufmerksam, dem bald Mehre folgten. Man gab der neuen Vorrichtung den Namen Barometer, d. i. Schweremesser, und fing an, aus dem Steigen und Fallen des Quecksilbers auf Wetterveränderungen zu schließen, was beim Volke zu dem Namen Wetterglas Veranlassung gab. Allein zur Beobachtung und Bestimmung der Witterung kann das Barometer nur insofern gebraucht werden, als gutes Wetter mit trockener, schlechtes Wetter mit feuchter Luft verbunden zu sein pflegt, und die Schwere der Luft nach der trockenen oder feuchten Beschaffenheit derselben sich bestimmt. Später hat man die einfache Torricclli'sche Röhre unten gekrümmt, und an das hinaufgekrümmte Ende derselben ein oben offenes Behältniß angeschmolzcn, in welches man das Quecksilber gießt, worauf der Druck der Luft wirkt; auch hat man die Röhre selbst auf ein Brei befestigt und auf demselben den Maßstab angebracht, um das Steigen und Fallen des Quecksilbers genauer beSbachten ;u können. Da das Fallen des Quecksilbers in einem gewissen Vcrhältniß zu der erstiegenen Höhe steht, so kann das Barometer auch zu Höhenmessungen (s. d.) angewendet werden, wo aber die gewöhnliche Einrichtung nicht ausreicht. Als besonders geeignet in dieser Hinsicht empfahl Deluc das Heberbarometer, sogenannt wegen der heberförmig gekrümmten Röhre. Alex.Adie erfand den Sympiesomcter, d.i. Druckmesser, in welchem die bewegliche Säule von Öl ist, das in einer Röhre einen gewissen Thcil Salpetersäure einschlicßt, der seinen Umfang nach der Dichtigkeit der Atmosphäre vermindert. Unter den neuen Verbesserungen sind besonders zu erwähnen: Fortin's Gefäßbarometer, Gö- deking's Neiscbaromerer, August's Differenzialbarometer und die Instrumente von Kopp. Vgl. Lindenau, „'l'sblss baroinstrchuss" (Goth. >808); Körner, „Anleitung zur Verfertigung übereinstimmender Thermometer und Barometer" (Jena 1824). Baron (Michel), eigentlich Boyron, franz. dramatischer Schausvieler und Schriftsteller, geb. zu Jssoudun 1652, war der Sohn eines Schauspielers und der Zögling und Freund Moliere's. Auch seine Mutter war Schauspielerin und erregte besonders durch ihre seltene Schönheit Aufsehen. Von der Natur mit den herrlichsten Gaben ausgestattet, bemühte er sich, dieselben durch Kunst auszubilden, doch fühlte er, daß das Genie sich den Regeln der Kunst nicht sklavisch unterwerfen könne. Mit einer Pension von 3000 Livres verließ er 1691 das Theater, betrat aber dasselbe 17 20 in seinem 6 8. Jahre aufs neue und fand seinen ehemaligen Beifall wieder. Man nannte ihn den Roscius seines Jahrhunderts. Er hatte aber auch eine sehr hohe Idee von seinem Stande, und nicht weniger groß war seine Eitelkeit; nach seiner Meinung sieht die Welt alle Jahrhunderte einen Cäsar, aber es werden Jahrtausende erfodert, einen Baron hervorzubringen. Er starb am 22. Dec. 1729. Von seinen Lustspielen hat sich besonders „I^komine ä bonos fortune", in den er einen Theil seiner zahlreichen Liebesabenteuer verwebte, lange auf der Bühne gehalten. So sehr er seinen Lehrer Meliere als Schauspieler übertraf, so sehr stand er ihm als Schriftsteller nach. Von den unter seinem Namen erschienenen „Lieces «ie tbeälrs" (2 Bde., Par. 1736; 3 Bde., 1759) werden mehre Stücke nicht für echt gehalten. Baron, im Lateinischen ttnro, abzuleiten von einem altdeutschen Worte Bar, bedeutet ursprünglich so viel als Mann; in der Lehnsvcrfassung des Mittelalters verstand man darunter den Besitzer eines entweder allodialen oder lehnbarcn Gutes, von welchem wieder andere Dienstleute abhängig sein konnten, auch das freie Mitglied einer Gemeinde (»«cliibaron«», 70 Baronet Baronius die Abgeordneten der fünf engl. Seestädte), das Mitglied eines Mannengerichts, überhaupt einen freie» und edlen Herrn. In Frankreich nannten sich die Montmorency Premiers b»- rons äe In cürätiente. Nach England kam der Name mit Wilhelm dem Eroberer und be- zeichncte dort einen unmittelbaren Kronvasallen, welcher im königlichen Hof- und Gerichtstage für seine Person Sitz und Stimme hatte und spater in der Pairskammer erschien. Es war dort die zweite Stufe des hohen Adels, bis die Herzoge und Marquis vor den Grafen, und die Viscounts vor den Baronen eingeschoben wurden. In Deutschland waren die alten Barone oder Freiherren des Reichs Besitzer unmittelbarer Güter oder Dynasten; sie erschienen gleichfalls auf den kaiserlichen Hof- und Reichstagen und gehörten zum hohen Adel. Sie gin- gen schon stütz zum Grafen- und Fürstenstande über und hatten nichts mit den spätem Freiherren gemein, welche nur eine Stufe des nieder» Adels nach den Grafen bilden. Baronet ist eine erbliche Adelswürde in England und Irland, die Jakob l. cinführte, wie man sagt, aus den Vorschlag des Kanzlers Bacon, um, wie aus dem Eingänge der ursprünglichen Verleihungsurkunde hervorgeht, Geld zum Unterhalt der Soldaten in Irland zu gewinnen. Wohlhabenden Männern wurde damals der Titel gleichsam aufgedrungen, den sie mit 1000 Kronen erkaufen oder dafür 30 Mann gegen die austührischen Irländer auf drei Jahre unterhalten mußten. Die Baronctwürde wird durch ein königliches Patent unter dem großen Siegel ertheilt und geht in der Regel auf die leiblichen männlichen Erben, zuweilen auch auf Seitenverwandte über. Man zählt gegen 700 Baronets in England. Sie haben den Rang zunächst den Pairs vor allen Rittern, ausgenommen die Ritter des Hosenbandordens. Der Baronet, wie der Ritter, erhält den Titel Sir vor dem Tauf- und Geschlechtsnamen, z. B- Sir Robert Peel, oder auch blos Sir Robert, nicht vor dem Gc- schlechtsnamcn allein, z. B. Sir Peel. Jakob I. schuf auch Baronets von Irland, in derselben Absicht und mit gleichen Vorrechten wie die englischen; doch sind seit der union nur Baronets des vereinigten Königreichs ernannt worden. Karl I. führte die Baronets «k Nova Scotia ein, um die Colonisation Neuschottlands zu befördern, indem er jedem mir dieser Würde Beliehenen Ländereien in jenem Lande anwies. Baronms (Cäsar), röm. Kirchenhistoriker, geb. zu Sora in Neapel am 30. Ott. 1538, gebildet in Neapel und seit 1557 in Nom einer der ersten Schüler des heil. Philipp von Neri und Mitglied der von diesem gestifteten Congrcgation, wurde nach des Stifters Resignation 1593 Superior derselben, bald darauf Beichtvater des Papstes, apostolischer Protonotar und endlich 1596 Cardinal, sowie auch Bibliothekar der vatikanischen Bibliothek. Neri, der ihm kirchengeschichtliche Vorlesungen in seinem Institute übertragen hakt! und ihn in die weitläufigsten Quellenforschungen sich vertiefen sah, belud ihn nichtsdestoweniger mit Predigten, Beichten, Krankenbesuchen, ja, um ihn vor Hochmuth zu behüten, sogar mit einem Küchenamte. Der Kampf gegen die M a g d e b u r g e r C e n t u r i e n (s. d.), den 1570 schon Muzio schwach versucht hatte, schien damals die wichtigste Aufgabe der röm. Gelehrsamkeit, und B. unternahm ihn mit allem Nachdruck seines Talents, seiner pragmatischen Gewandtheit und seiner günstigen Stellung zu den Quellen durch die Herausgabe seiner kirchlichen Annalen, woran er von 1568 bis an seinen Tod am 30. Juni 1607, zuletzt in großer Muße, da er sich mit Bewilligung des Papstes in die Congrcgation der Vallicella zurückgezogen, unverdrossen arbeitete. Da es gegen die Magdeburger galt, zu zeigen, daß die röm. Kirche in Lehre und Verfassung sich nie von der christlichen Bahn der ersten Jahrhunderte entfernt habe, sondern daß alle ihre Institutionen stets dieselben geblieben, so benutzte B. seine reichen Quellen nicht mit laukerm historischen Sinn, sondern schlau, Vieles verhüllend, verdunkelnd, verfälschend theils wol aus Unkunde des Griechischen, oft jedoch mit Absicht, um des Parteizwecks willen, und in manchen Fällen sogar Denkmäler, die spätere Einrichtungen zu uralten machen sollten, wie es scheint, erdichtend. Seine «sles ecclesisstici a Obr. nato sü u. II 98" ( 1 2 Bde., Nom 1588 — 1607, Fol.) wurden oft nachgcdruckt, zum Theil incorrcct und verstümmelt. Die schöne antwerpner Ausgabe(1v Bde., 1589— 1603, Fol.) entbehrt der von dem span. Hofe verbotenen, aber in Paris (1609, Fol.) besonders herausgegebenen Abhandlung „De monsrcbiu Sicilise", welche die in Sicilien hergebrachte kirchliche Obergewalt des Königs bestreitet. Dir mainzcr Ausgabe (12 Bde., 1601—5, Fol.) von B-, wie cs heißt, durchgesehrn und verbessert, erklärte er Barras 71 selbst für die beste. Die neueste, mit weitläufigem Apparat versehene, auch Pagi's Kritik uud Raynald's Fortsetzung enthaltende, doch nicht ganz correctelmd unveränderte Ausgabe ist die von Mansi (43 Bde., 738 — 57). Des Franciscaners Anton Pagi „Critica io ^nu. eccl tturnnü" (4 Bde., Antw. >705; Verb, von Franz Pagi, Antw. >724, Fol.) berichtigt den B. vielfältig, besonders in chronologischer Hinsicht. Eine sehr vollständige Biographie dc§ B. hat Naymund Albericius den „Lpistnlue »oocprimma cckitae" desselben (>2 Bde., Nom >750, 4.) varangeschickt. Unter seinen Werken verdient noch angeführt zu werden die Ausgabe des „5lmt)rol»giiim rom." (Nom >580, 4. und öfter). Unter den Fortsetzungen der Annalen, die dem Werke selbst an Tüchtigkeit nachstchcn, sind die reichhaltigsten von Bzovius, die bis >564 reichen (6 Bde., Nom >616, Fol.) und von Raynald, der sich der von B. hinterlasseiren Materialien für drei Jahrhunderte, > >98—>565, bediente (8 Bde., Rom 1646—77, Fol.). Barras (Paul Jean Francois Niclas, Graf von), einer der berühmtesten Männer der franz. Revolution, Mitglied des Nationalconvents und dann des Direktoriums, war zu Foy in der Provence am 30. Juni 1755 geboren. Als Lieutenant im Regiment Languedoc kam er nach Jsle-de-France und von da »ach Ostindien, wo er, namentlich beim Angriffe auf Pondichery, gegen die Engländer kämpfte. Das Unglück der franz. Waffen und der Friede fichrtcn ihn zurück nach Paris, wo er sich den Vergnügungen so hiugab, daß er sein Vermögen zerrüttete. Die Ereignisse von 178!» gaben seincmLebcn und seinen äußern Verhältnissen einen neuen Aufschwung; er erfaßte mit Eifer die reformatorischen Ideen und wurde >789 Deputirter des dritten Standes. Er erklärte sich gegen den Hof, half dem General Lapoypc am >4. Juli die Vastillc stürmen und nahm überhaupt an allen der Revolution günstigen Vorfällen Theil. Nach der Erstürmung der Tuilcrien am >0. Aug. 1792, bei der er sehr thätig war, erhielt er die Verwaltung des Vardepartemcnts, dann ward er Hochgeschworener am Gerichtshöfe zu Orleans und darauf als Commiffar der Armee nach Italien geschickt, wo er die Gencralvcrwaltung der Grafschaft Nizza übernahm. Zum Deputaten des Convents erwählt, stimmte er für die Hinrichtung des Königs ohne Aufschub und Appellation ans Volk; auch erklärte er sich am 3>. Mai >793 gegen die Girondisten. Als er bei der Rückkehr zur Armee nach Italien in Erfahrung brachte, daß seine College», die Repräsentanten Bayle und Beauvais, in Toulon verhaftet seien und daß man einen Preis auf seinen Kopf gesetzt habe, cröffnetc er mit den zu Nizza stehenden Truppen in aller Eile die Belagerung von Toulon, commandirtc dann unter Dugommicr bei dem Angriffe auf die Stadt eine Division und nahm nach dem Siege an allen den blutigen Maßregeln, die über die Einwohner derselben, sowie über den ganzen Süden Frankreichs verhängt wurden, den lebhaftesten und entschiedensten Anthcil. Merkwürdigerweise hatte er sich dessenungeachtet die Gunst des Volks bewahrt, und als die Volksgcsellschaftcn die bei jenen Greueln fungirenden Repräsentanten bei den Jakobinern anklagtcn, waren B. und Freron davon ausgenommen. Robespierrc, der B.'s Feind war, weil dieser die schon wankende Partei des Schreckens nicht unterstützen wollte, sondern derselben im Convente sogar opponirte, gedachte in einer Gencral- proscription auch ihn mit zu verwickeln. Daher spielte B. am 9. Thermidor, wo es galt, seinen Feind Robespierrc zu stürzen, eine Hauptrolle. Als die sogenannte Garde Hcnriol'S den Convent bedrohte, wurde er von der Versammlung zum Obergcncral ernannt, zerstreute die Truppe Hcnriot's, bemächtigte sich Nobespicrre's und schickte ihn aufs Schaffst. Von diesem Augenblicke an scheint B. gemäßigter und menschlicher geworden zu sein. Noch an dem Tage, an dem er gewissermaßen mit der Diktatur bekleidet war, verfügte er sich in den Tcmplc und sorgte für eine bessere Behandlung des königlichen Kindes, eilte auch in den Justizpalast, wo er die Hinrichtung einer großen Menge Verurthcilter suspendirtc. Die Anklagen gegen ihn im Convente blieben nicht aus; er aber wußte sic geschickt zu beseitigen. Nachdem er im Nov. 1794 erst Secretair, dann Präsident des Convents und Mitglied des Wohlfahrtsausschusses gewesen, zog er sich von allen den Männern zurück, deren revolu- tionairer Eifer keine Grenzen mehr kannte. Dessenungeachtet sprach er im Jan. 1795 gegen die Emigranten und betrieb die Jahresfeier der Hinrichtung des Königs. Am l. Prai- rial (>0. März 1795) verfolgte er die Reste der Bergpartei mit solchem Eifer, daß er daS Zutrauen der Majorität im Convente völlig gewann, und fortan trat er mit gleicher Ent- 72 Barraterre schicdenheit sowol gegen die Umtriebe der Royalisten, wie gegen die Ausschweifungen der Scctionen auf. Am 13. Vendemiaire (3. Oct. l 7 95) wurde er deshalb vom Convente aufs neue zum Obergcneral ernannt; als solcher nahm er Bonaparte zu seinem Gehülfen an und brachte dessen Ernennung zum General der Armee des Innern zu Stande. Als hierauf das Direktorium eintrat, und er Mitglied der executiven Gewalt wurde, schlug er dem Directorium seinen jungen Freund Bonaparte als Obergeneral der Armee in Italien vor und vermittelte dessen Heirath mit der Witwe Beauharnais. Am l8. Fructidor wurde er ein drittes Mal zur Rettung der Regierung mit der Dictatur bekleidet, und auch diesmal blieb er Sieger. Inmitten der allgemeinen Trau.r über die vielen Deportationen und Verfolgungen, die diesen Ereignissen folgten, eröffnet«: er im Palaste Luxembourg eine Reihe glänzender Feste, af- fcctirte den Pomp eines Königs und wußte sich zwei Jabre hindurch ein großes Übergewicht im Directorium und einen entschiedenen Einstuß auf die öffentlichen Angelegenheiten zu bewahren. So unterdrückte er namentlich das Vorhaben des Raths der Fünfhundert, die Adeligen in Masse zu deportiren. Als das Ansehen des Direktoriums immer mehr sank, verband er sich mit Sieyes, die Constitution vom 1.3 zu vernichten, und so die Ereignisse vom 30. Prairial des 1.7 hcrbeizuführen, nach denen er mit Sieyes die executive Gewalt allein in Händen behielt. In dieser Zeit soll ihm die Unterstützung des engl. Cabinets zugcsichert worden sein, im Fall er sich der öffentlichen Auctorität bemächtigen wollte; auch sagt man, daß er mit Ludwig XVIIl. und den andern Prinzen über die Herstellung des Throns zu Gunsten der Bourbonen in Unterhandlung gestanden und als Prcis.dafür l 2 Mill. Francs und für seine Person vollkommene Amnestie verlangt habe; doch fehlen die Zeugnisse für diese Behauptung. Indessen arbeitete Sieyes auf ein anderes Ziel hin; derselbe leitete im Einverständnisse mit Bonaparte die Revolution des l 8. Brumaire ein, und B., wiewol er auf die Dankbarkeit seines frühcrn Schützlings rechnete, mußte der Consularregierung weichen und die politische Laufbahn seines Lebens beschließen. Er wählte Grosbois zu seinem Aufenthalte, und der erste Consul ließ ihn unter dem Schutze eines Militairdetachements dahin begleiten. Hier wurde er beschuldigt, bald daß er die Jakobiner begünstigte, bald daß er die Bourbons zurückzuführen gedächte; Bonaparte ließ ihm durch Talleyrand in Folge dessen den Oberbefehl über die Armee von Domingo antragen. Da sich aber B. nicht dazu verstehen wollte, so wendete der erste Consul gegen ihn das Gesetz an, nach welchem sich jeder entlassene Militair -1" Lieues von der Hauvtstadt zu entfernen habe. B. verkaufte hierauf Grosbois und ging nach Brüssel, wo er mit vielem Aufwands lebte. Im I. >805 erhielt er die Erlaubniß, nach Marseille zurückzukehren, wo er jedoch unter policeiliche Aufsicht gestellt wurde. Von dem Präfect Thibaudeau als das Haupt einer mit den Engländern angeknüpften Verschwörung für die Rückkehr der Bourbons bezeichnet, wurde er nach Nom verbannt, wo er ebenfalls unter policcilichcr Aufsicbt stand. Ein Jahr später war er wieder in eine Verschwörung zu Gunsten der Bourbons verwickelt und wurde nun nach Montpellier geschickt. Nach der Rückkehr Ludwig's XVIIl. kehrte auch B. nach Paris zurück, wo er von der Regierung oft um Rath gefragt wurde, der er stets mit Freimuth Mäßigung anrieth. Bei der Fluckt des Königs nach Gent war er in der Provence; während der Hundert Tage ging er nach Paris, hielt sich aber von allen öffentlichen Angelegenheiten entfernt. Nachher kaufte er in der Nähe von Paris das Landgut Chaillot und machte von dem ziemlich großen Vermögen, das er in der Revolution erworben, ein glänzendes Haus. Hier starb er am 29. Jan. 1829. Seine für die Aufklärung der Nevolutionsgeschichte gewiß bedeutsamen Memoiren ließ die Negierung in Beschlag nehmen. B. hatte viel natürliches Talent, das den Mangel gründlicher Kenntnisse verdeckte; s-inem Charakter nach war er mild, ehrgeizig, oft sehr energisch. Ein großer Theil der Härten, welche er sich, neben vielen edlen und gemäßigten Handlungen in seiner politischen Laufbahn zu Schulden kommen ließ, mögen wol in den Verhältnissen begründet gewesen sein, denen er sich hingab, ohne sie zu beherrschen. Barraterie ist ein aus der stanz. (Karat) und engl, (ksrratrx) in die deutsche See- mannssprache übergegangenes Wort, womit im Allgemeinen die Veruntreuungen bezeichnet werden, die ein Schiffscapitain oder dessen Mannschaft an der Ladungjeines Kauffahrteischiffs begehen. Auch begreift man darunter andere Übertretungen der Gesetze, z. B. wenn der Capitain die Zölle in fremden Häfen umgeht; wenn er, obgleich für fremde Rechnung segelnd, Barre BarroS ist kn eigenen Angelegenheiten vor Anker geht u. s. w. Zn den Vereinigten Staaten von Nord» amerika wird zufolge eines Congreßactes von 1804 Barraterie mit dem Tode bestraft, und auch die engl. Gesetze bestrafen sie sehr hart. Barre nennt man die aus Steinen, Sand, Lehm u. s. w. bestehende schmale Ban r ff. d.), welche quer vor der Ausmündung eines Flusses liegt. Solche Barren entstehen durch das Absetzen des vom Flusse mitgeführten erdigen Niederschlags und werden oft durch eine sich gcgenstemmende höhere Flut befördert. Gleichviel, ob die Barre schon ganz trocken liegt oder noch bei hohen Flutständen vom Wasser überspült wird, der Fluß ist immer genöthigt, sich Auswege durch sie zu bahnen, die er denn öfters in vielfach gewundenen und von Morästen begleiteten Armen, oft aber auch in veränderlichen Kanälen findet. Die Barren hindern meist das Einlaufen größerer Schiffe, die sie zum Lichten nöthigen, wenn sie Untiefen bilden, dagegen sind sic aber auch für kleinere Fahrzeuge oft eine Schutzwehr und Zuflucht gegen plötzlich einbrechendes Unwetter auf offener See. Barre und Barrister, s. Bar. Barren nennt man ungcprägtes Gold und Silber in länglichen Stücken von mehr oder weniger feinem Gehalt und beliebigem Gewicht. Oft wird der Gehalt auch durch den Stempel eines Wardeins beurkundet. Barrieretractat heißt der am l5. Nov. 1715 zwischen Holland und Ostreich, das im ntrechter Frieden 1713 die span. Niederlande erhielt, abgeschlossene Vertrag, zufolge dessen die Holländer das Recht erhielten, in verschiedenen Festungen des Landes, nämlich Namur, Tournay, Menin, Furncs, Warneton, Ipern und Fort Knoke allein und in Dendermonde gemeinschaftlich mit Ostreich Besatzungen zu halten, und Ostreich sich verpflichtete, zur Unterhaltung dieser Mannschaften jährlich 500000 Thlr. an Holland zu zahlen. Der Vertrag sollte zur Sicherstellung Hollands gegen Frankreich dienen, wurde aber seit der Mitte des 18. Jahrh. nicht mehr auftechtcrhalten und 1781 von Kaiser Joseph II., aller Gegenvorstellungen der Generalstaaten ungeachtet, eigenmächtig aufgehoben. Barrikaden nennt man Verrammelungen, die in Eile an einer engen Stelle, z. B. in einer Straße, einem Hohlwege, auf einer Brücke bewerkstelligt werden, entweder um diese Punkte selbst zu vertheidigen, oder den Feind bei dem Aufenthalte während des Wegräumens derselben wirksam beschießen zu können. Man nimmt dazu Wagen, Tonnen, Kasten, Baumstämme, kurz Alles, was zur Hand ist, und wenn der Feind, besonders die Ca- valerie, nur für einen Moment an zu rascher Verfolgung gehindert werden soll, selbst Mu- nitions- und Bagagcwagen, welche man umwirft. Schon im 14. Jahrh. waren in Paris die Gassen aü den Ecken mit Ketten versehen, um sie nötigenfalls sperren zu können, wie dies beim Volksaufstande im I. 1582 geschah. Doch die eigentlichen Barrikaden wurden erst am 12. Mai 1588 durch die katholische Ligue, an deren Spitze der Herzog von Gui'e stand, errichtet. Vgl. Vitet, „I-es tmrricackes, scenes llistoeicpies" (2. Ausl., Par. 1820). In neuern Zeiten wurden zu Saragossa 1808, zu Dresden und Kassel >813, zu Sens 1814 und zu St.-Denis 1815 Barrikaden angelegt. Am erfolgreichsten wurden sie zu Paris in der Nacht vom 27. zum 28. Juli und zu Brüssel am 25. Sept. 1850 zur Verthei- digung gegen die Truppen angewendet. In jener Nacht waren zu Paris über 4000 Barrikaden errichtet, und dieHerstellung des aufgerissenen Pflasters kostete gegen 250000 Francs. Vgl. Alix, „Ilataille Oe kuri», etc. en äuillet 1830" (Par. 1830). Barros (Joaö de), der berühmteste portug. Geschichtschreiber, geb. zu Viseu I486 aus einer alten adeligen Familie, zeichnete sich als Page bei dem König Emanuel durch Verstand und Geschicklichkeit so aus, daß dieser ihn in einem Alter von 17 Iahten zum Gesellschafter des Kronprinzen machte. B. studirte indessen rüstig fort und namentlich die röm. Klassiker. Mitten unter den Zerstreuungen des Hofes schrieb er, 24 Jahre alt, den historischen Roman „Onnic» . ernannte ihn zum Gouverneur der portug. Niederlassungen in Guinea und in der Folge zum Schatzmeister von Indien, in welcher Stellung er sich durch große Redlichkeit auszeichncte, und zum Generalagenten dieser Länder. JmJ. 1539 ward er 74 Narrow (Isaak) Barry 4 vom Könige mit der Provinz Maranhon in Brasilien beschenkt, um dort eine Niederlassung zu gründen, sah sich aber, nachdem er bei diesem Unternehmen einen großen Thcil seines Vermögens verloren hatte, genöthigt, dieselbe dem Könige zurückzugeben, der ihn auch für seinen Verlust zu entschädigen suchte. Zn der Zurückgezogenheit starb er auf seinem Landgute Ali- tem am 20. Oct. 1570. Die erwähnte Geschichte der Portugiesen in Ostindien, die den Titel ,,^sia" führr, rührt blos in ihren ersten dreiDecaden (Liss. I552—63; 3 Bde., 1736, Fol.) von ihm her; die Fortsetzung bis zur zwölften Decade lieferte Diego de Couto. Eine neue Ausgabe des Ganzen erschien zu Lissabon in 23 Bänden 1778—88. Außerdem hat B. die erste portug. Grammatik (Liss. 1530 und 1785) und einen moralischen Dialog, „11b<>j>i- csncuma", geschrieben, der von der Inquisition verboten wurde. Narrow (Isaak), berühmt in England als ausgezeichneter Thcolog und in der Mathematik als Erfinder des sogenannten Differentialdreiecks von europäischem Rufe, war zu London 1630 geboren. Er studirte zu Cambridge neben der Theologie Mathematik und Naturwissenschaften, ohne einen Beruf zu wählen, oder eine Anstellung im damaligen Parteikampf erhalten zu können. Nachdem er von 1655—59 Frankreich und Italien durchreist und auf der Fahrt nach Smyrna sich tapfer beim Angriffe eines algier. Korsaren gewehrt hatte, kehrte er über Konstantinopel nach England zurück und erhielt eine Anstellung in der bischöflichen Kirche. In Cambridge, wo er zuerst Lehrer der griech. Sprache, dann der mathematischen Wissenschaften wurde, lernte er den jungen Newton kennen, ahnte dessen künftige Größe und trat dem Schüler, um der Universität ein solches Talent zu erhalten, seine Lchrerstelle ab. In der Einsamkeit gab er sich nun ganz den theologischen Studien hin, ward 1670 Doctor und bei Karl II. Kaplan, 1675 Kanzler von Cambridge und starb 1677 zu London. Als Theolog zeichnete er sich so aus, daß Tillotson durch die Herausgabe der Reden und theologischen Schriften B-'s (3 Bde., Lond. 1683, Fol.; neueste Aufl., 17 31) sich ein großes Verdienst um die Theologie zu erwerben glaubte. Durch seine Erfindung des Differentialdreiecks bahnte er den Weg zur Anwendung der Differentialrechnung aus die Geometrie. Seine Darstellung gründet sich auf Fermat's frühere Erfindung, aber sie war einfacher, machte die bisher nur abstrakten Begriffe dem Auge sichtbar und ecöffnete die Bahn zu dem Algorithmus der neuen Analyse; hinter der Methode der eigentlichen Differentialrechnung sieht sie indeß noch zurück, obwol Einige B. als Erfinder derselben wollten angesehen wissen. Seine bekanntesten ma- thematischen Schriften sind „Utiones geometricae" (Lond. 1669, 3.) und „l.edio«es »pticae" (Cambridge 1673, 3.). Narrow (John), Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu London, bekannt durch seine trefflichen Reisebeschrcibungen, machte als Lord Macarkney's Privaksecretair dessen Gesandtschaftsreise nach China mit. Seine „Travels to 6Iima" (Lond. 1803, 3.) übertreffen die Werke seiner Reisegefährten an Gründlichkeit und Reichthum der Nachrichten, und nicht minder bedeutend ist sein Werk über Cochinchina to Oocdinclliua" (Lond. 1806), welches Land er besuchte, während die andern Legationsmitglieder am Hoflager verweilen mußten. Als später Lord Macartney Gouverneur des Vorgebirgs der guten Hoffnung wurde, benutzte B. seinen Aufenthalt in Südafrika zu ausgedehnten Wanderungen ins Innere des Landes. Seine „T'raveis intim interior ossoutlmrn ^lrica"(2 Bde., Lond. 1797—98,3.) geben noch immer die genaueste Übersicht des Gebiets der dortigen curop. Colonien. Verdienstlich ist auch seine ckronological llistor^ ofvo^sges into tt>e arctic regioos" (2 Bde., Lond. 1818). Sein amtliches Verhältniß als Secretair der engl. Admiralität gab ihm vielfältige Veranlassung, auf Erweiterung der Erdkunde zu denken; zu den wichtigsten Entdeckungsreisen der neuern Zeit, z. B. zu Parry's, Franklin's und Beechey's, hat er entweder den Plan entworfen oder wenigstens gerathen. Auch ging von ihm der erste Gedanke aus zu der 1830 gegründeten Geographischen Gesellschaft zu London, die er als Vicepräsident zu einer vielseitigen Thätigkeit anregt. Barry (James), engl. Maler und Kunstschriftsteller, geb. zu Cork in Irland 1731, gest. 1806, lenkte durch eines seiner ersten Ölgemälde, welches den Schutzpatron von Irland, den heil. Patrik, darstellte, die Aufmerksamkeit des berühmten Burke auf sich, der ihn in seinem 23. Jahre mit sich nach London nahm, wo er nun alte Ölgemälde copirte, und ihn unterstützte. Auch gaben ihm die Brüder Burke die nöthige Unterstützung, um nach Paris und Nom 4 Barry Cornwall Bart und Barthaare 75 zu gehen, von wo er Ausflüge nach Florenz, Bologna und Neapel machte. In Italien, wo er sich drei Jahre aushielt, bildete er seinen Geschmack durch das Studium großer Meisterwerke, lernte sie trefflich beurtheilen und schrieb gründliche Kritiken über sie. Nach seiner Rückkehr ward er zum Mitglieds der königlichen Akademie und zum Professor der Malerkunst ernannt. In der kurzen Zeit von drei Jahren führte er die sechs großen allegorischen Gemälde aus, die den großen Saal der Gesellschaft zur Aufmunterung der Künste verzieren. Originell und oft geistvoll kämpfte er unablässig, selbst mit schweren Entsagungen, für die höhere ideale Würde der Kunst; aber es fehlte ihm dabei an aller gediegenen technischen Durchbildung, um seinen Gedanken das entsprechende körperliche Gewand zu geben. Großen Beifall fand sein 1775 in London erschienenes Werk über die Hindernisse, welche in England dem Fortschreiten der Künste entgegentreten. Barry Cornwall, s. Proctor (Bryan Waller). Bart und Barthaare nennt man den dem männlichen Geschlecht« eigcnthümlichen Haarwuchs um den Mund, das Kiny und an den Wangen; die anatomischen Verhältnisse sind dabei im Ganzen dieselben wie bei den übrigen Haaren, nur daß die Barthaare gewöhnlich einen derbern Schaft haben, kürzer als das Haupthaar, länger aber als die Haare am übrigen Körper sind und daß ihre eigentliche Entwickelung erst um die Zeit der Pubertät beginnt. Gewöhnlich zeigt sich der Bart beim Menschen zuerst an der Oberlippe (Schnurrbart oder Schnauzbart), wo er überhaupt den regelmäßigsten und darin von dem an den übrigen Theilen abweichenden Wuchs zeigt, daß die Richtung der Haare nicht blos abwärts, sondern auch zugleich schräg nach auswärts geht, wodurch bei der Cultur des Bartes der Kneb elbart entsteht; am spätesten bricht der Backenbart aus, dessen Haare die Richtung von vorn nach hinten haben. Während bei den behaarten Thieren die Barthaare als Tastorgane bestimmt sind, haben sie beim Menschen diese Bedeutung dem größten Theil nach eingebüßt, man müßte denn den Schnurrbart als eine Art sinnliches Organ betrachten, wofür die sympathischen Beziehungen des Bartes zu den Zeugungsorganen allerdings zu sprechen scheinen; denn erst wenn letztere sich zu einem selbständigem Leben entfalten, beginnt die Entwickelung des Bartes, und seine vollständige Ausbildung ist eins der vorzüglichsten äußern Zeichen der vollendeten Geschlechtsreife des Mannes; daher fehlt er auch dem vor der vollendeten Pubertät Castrirten und selbst bei Denen, welche später ihre Testikel verloren, erreicht er nur unvollkommen seine Ausbildung. Dennoch ist der Bart keineswegs ein allgemeingültiger Beweis der Zeugungsfähigkeit und wirklicher Reise, wenigstens nicht in der gegenwärtigen Zeit und unter den Völkern, wo die Cultur ihren verweichlichenden Einfluß geübt hat. Auch ist es ein Jrrthum, wenn man nur diese Beziehung des Bartes zu der Zcugungsfähigkeit als das eigentliche Wesen desselben oder seine eigentliche Bestimmung auffaßt; denn wie überhaupt Haare vorzugsweise an solchen Stellen am üppigsten auf- svrossen, wo viele Feuchtigkeit ab- und ausgesondert wird, so auch der Bart, daher auch die Ärzte mit Recht das Wachsenlassen des Bartes unter dem Kinn und am Halse hinunter Denen empfehlen, welche an einem krankhaften Zug der Säfte zum Kehlkopf und der Rachenhöhle leiden, und wie alle Haarbildung am übrigen Körper außer auf dem Schädel beim Manne stärker und kräftiger erfolgt, so auch im Gesicht. Daher kann man den Bart nur als einen Beweis des vorherrschenden Strebens der Zeugung und Entwickelung nach außen betrachten; er fehlt der Frau, so lange in ihr das Streben vorwaltet, in sich zu zeugen und zu empfangen, Kitt aber in den spätern Jahren auch bei ihr hervor gleichwie bei dem unfruchtbaren Mannweibe. Die Farbe des Bartes kommt gewöhnlich mit der des Haupthaares überein, doch gibt es hier eine Menge Nuancen und namentlich spielt er da, wo Anlage zu Skrofeln vorhanden sind, insRöthliche. AufdieLänge, Dichtigkeitu. s. w.hatdas Klima und die Nationalität einen wesentlichen Einfluß. Er findet sich am üppigsten bei den Völkern slawischen und keltischen Stamms, und bekannt waren im Alterthum schon die bärtigen Scythen. Dagegen sind die Urbewohner Amerikas fast sämmtlich bartlos; Engländer, Franzosen und Schweden zeichnen sich aus durch ihre schönen Backenbärte; der Ungar ist stolz auf seinen Knebelbart, wie der Orientale und Türke auf sein bärtiges Kinn, welches ihm heiliger ist als seine Person, weshalb er auch bei seinem Bart schwört. Indessen hält es schwer, hierüber genaue Beobachtungen zu machen, da schon sehr frühzeitig sich I ^ ' « l. V 76 Baktett (Ernst Dan. Aug.) Bartels (Zoh. Heinr.) die Mode des Bartes bemächtigt hat. Ursprünglich wurde er bei allen bärtigen Na- tionen als ein Zeichen der Kraft und als eine Zierde der Männlichkeit betrachtet, daher auch sorgfältig gepflegt und für heilig gehalten; seine unchrerbictige Berührung wie das Entfernen desselben war ein Schimpf und eine Strafe, daher verbot Moses auch den Juden das Schecren desselben. In Griechenland kam erst zu Alcxander's Zeit das Scheeren des Bartes auf, und die Römer gingen ungeschoren bis etwa ZV« Jahre v. Chr. Unter Hadrian ließ man den Bart jedoch wieder wachsen und dies dauerte bis auf Konstantin den Großen, wo wenigstens die langen Kinnbärte in Europa zum großen Theil, wenn auch oft nur vorübergehend, verschwanden, mit deren Entfernung in Rußland erst Peter der Große die Cultivirung seiner Nation begann. Seit den Zeiten Ludwig's Xlll. und XIV. begann die Mode sich des Bartes für immer zu bemächtigen, und seine Form und Gestalt wurde seitdem zahllosen, oft schnell aufeinanderfolgenden Veränderungen unterworfen. Ein Spanier soll der Erfinder der falschen Bärte gewesen sein, gegen welche indcß Dom Pedro 1651 ein sehr scharfes Edict erließ, weil sie fast allgemein geworden waren. Vgl. (Delaure) „UoFonologie ou üütoire pbilosopbiqiie 865 als ordentlicher Professor dcrMe- dicin und Geburtshülfc sowie als Direktor der Entbindungsanstalt nach Erlangen ging, wel- ches'er 1816 in gleicher Eigenschaft mit Marburg vertauschte, woselbst er jedoch nur ein Jahr verweilte, indem er alsdann einen Ruf an die Universität zu Berlin annabm. Jm J. 1821 ging er wieder nach Marburg, wo ihm die Direktion der Klinik übertragen wurde. Seiner Fertigkeit, fließend wenn auch nicht ganz elastisch lateinisch zu reden, verdankte er vorzugsweise >828 seine Berufung,abermals an die Universität zu Berlin, um den klinischen Unterricht für zu promovirende Ärzte zu übernehmen. Er war ein religiöser, tiefgemüthlicher Mann, wie sein anonym geschriebenes Werk über die Fortdauer nach dem Tode beweist, liebevoll und freundlich gegen Jedermann, so lange seine leichtvcrlehliche Eigenliebe nicht gekränkt wurde. Er besaß eine gelehrte klassisch philosophische Bildung, welche sich in allen seinen Schriften dar- lcgt, und suchte bei seiner großen Vorliebe für physiologische Studien besonders die Theorie der Medicin auszubilden,wurde aber dadurch zu sehr dem Realen entfremdet und vermochte daher ungeachtet seiner Genialität als Arzt und klinischer Lehrer verhältnißmäßig nur wenig zu leisten; ja selbst als Schriftsteller gewann er nie eigentlich einen nachhaltigen Einfluß auf den Bildungsgang der Wissenschaft. Zu den besten unter seinen vielen Schriften gehören „Pathologische Untersuchungen" (Bd. 1, Mark. 1812);„Die Respiration"!Brest. >816); „Anfangsgründe der Naturwissenschaft" (2 Bde., Lp;. 1821 —22); „PathogenetischePhy- stologke" (Kassel und Mark. 1829) und „Die gesammten nervösen Fieber" (2 Bde-, Berl. 1837—38). — Sein Sohn Aug. Christian B., geb. zu Helmstedt, der unter Leitung des Vaters studirte und in Berlin 1836 promovirte, lebt daselbst als praktischer Arzt. Bartels (Joh. Heinr.), Doktor der Rechte und erster Bürgermeister der freien Stadt Hamburg, geb. daselbst 1761, studirte in Göttingen und machte 1786 eine Reise durch Deutschland und Italien. Als Resultat derselben erschienen seine „Briefe über Calabricn und Sicilien" (3 Bde., Gött. 1787—92), die, reich an neuen Beobachtungen und an authentischen Nachrichten über das südliche Italien und Sicilien, noch immer ihren Werth behaupten. Nach der Rückkehr in die Vaterstadt fing er an zu prakticiren. Schon 1798 kat er als Senator in den Magistrat, in welchem er sich durch ausdauernde Thätigkeit und in mehren schwierigen Lagen der Stadt während der franz. Herrschaft urid in der herannahenden Krisis ihrer Befreiung durch männliche Festigkeit auszeichnete. Auch in der franz. Oc- cupationsperiode verwaltete er in anerkennungswerther Weise seine Ämter als Mitglied des Oberjustizhofs und als Mitvorsteher der Wohlthätigkeits- und der Departementalstrafan- KartelS (Karl Mor. Nikolaus) Barth (Kaspar von) 77 stalten. Nach Wiederherstellung der Verfassung der Stadt übernahm er die Verwaltung der Police!, leitete sie bis zu seiner Erhebung zur Bürgermeisterwürde im I. 1820 mit Energie und kluger Umsicht und führte namentlich eine zweckmäßige Medicinal- und eine neue Feuer- kassenorbnung ein. Seit 1836 ist er erster Bürgermeister, in welcher Stellung er insbesondere in Folge des großen Brandes im I. 1842 vielfache Veranlassung fand, sich neue Verdienste um die Stadt zu erwerben. Bartels (Karl Mor. Nikolaus), als Arzt und physiologischer Schriftsteller bekannt, gcb. zu Petersburg am 24. Aug. 1800, gest. als Doctor der Medicin und russ. Hofrath zu Hamburg am 7. März 1837, war der Sohn des ebenfalls aus Hamburg gebürtigen Oberadmiralitätsapothekers I o h. Mor. B. in Petersburg, der am 14. Juli >838 verstarb. Er studirte seit 1816 in der medicin.-chirurgischen Akademie zu Petersburg, ging dann 1821 zur Fortsetzung seiner Studien nach Dorpat und wurde hier 1824 zum Doctor promovirt. Im 1. 1825 unternahm er eine wissenschaftliche Reise nach Paris, auf der er bei der Naturforscherversammlung zu Frankfurt Oken kennen lernte, der ihn zu physiologischen Untersuchungen anregte. Er hatte die Absicht, sich in Hamburg als praktischer Arzt nicderzulassen; da sich ihm aber dabei Schwierigkeiten in den Weg stellten, kehrte er 1827 nach Petersburg zurück, wo er auf dem Kriegsschiffe, welches unter dem Admiral Ricord die türk. Campagne im Mittelländischen Meere mitmachen sollte, als Oberarzt angestellt wurde. Mit interessanten naturwissenschaftlichen und alterthümlichen Schätzen, die er zum Theil der Universität zu Dorpat schenkte, kehrte er 1830 nach Petersburg zurück. Kränklichkeit veranlaßte ihn, noch in demselben Jahre aus dem Staatsdienst zu treten, worauf er nach Deutschland zurückkehrte, um sich hier ganz wissenschaftlichen Studien zu widmen. Seine „Beiträge zur Physiologie des Gesichtssinnes" (Berl. 1834) zeichnen sich aus durch Umfang und Schärfe der Beobachtung, sinnreiche und überraschende Combination, strenge Logik und Klarheit der Darstellung. Barth (Christian Karl), königlicher Geheimrath zu München, bekannt durch seine Forschungen über Deutschlands älteste Geschichte, geb. 1775 zu Baireuth, machte im Staatsdienste eine schnelle und glänzende Carriere. Er war bereits 1817 Director des Nheinkreises und wurde das Jahr darauf Finanz- und Ministerialrath in München. Sein Hauptwerk ist „Deutschlands Urgeschichte" (2 Bde., Hof 1818—20; 2. ganz umgearbeitete Aufl., 3 Bde., 1840—42), ein Werk umfassender und gründlicher Forschung und von allen andern die deutsche Geschichte gleichfalls behandelnden Werken wesentlich verschieden, indem es B. gilt, nicht sowol die Geschichte des deutschen Volks, als vielmehr die Geschichte des deutschen Landes zu erzählen, nicht allein das Thun und Treiben der german. Stämme zu schildern, nicht eine auf Germanien beschränkte Erzählung zu geben, sondern dem Werden Deutschlands nachzuforschen. Besonders werthvoll erscheint das Werk in archäologischer und geographischer Beziehung. Außerdem hat sich B. auch noch durch andere Schriften um deutsche Alterthümer und Geschichte verdient gemacht, so namentlich durch die Schriften „Über die Druiden der Kelten" (Erl. 1826), „Hertha und über die Religion der Weltmuttcr im alten Deutschland" (Augsb. 1828), „Die Kabiren in Deutschland" (Erl. 1832) und „Die altdeutsche Religion" (2 Bde., Lpz. 1835). Barth (KaSpar von), ein Mann von vieler Gelehrsamkeit, dabei aber nicht ohne Eitelkeit und Anmaßung, wurde zu Küstrin am 22. Juni 1587 geboren. Er studirte zu Wittenberg, unternahm nachher eine wissenschaftliche Reise durch Holland, England, Frankreich und Italien und ließ sich zuletzt in Leipzig nieder, wo er in völliger Abgeschiedenheit blos seinen gelehrten Beschäftigungen lebte und am 17. Sept. 1658 starb. In dieser langjährigen Muße hatte B. die griech. und röm. Schriftsteller fast ohne Ausnahme, aber sehr flüchtig und ohne eine bestimmte Reihenfolge durchgelesen und an zahllosen Stellen verbessert und erläutert, wobei ihm sein außerordentliches Gcdächtniß sehr zu Hülfe kam. Doch war seine Kritik, da er weder Zeit noch Stilgattung berücksichtigte, meist sehr unglücklich, und seinen Erklärungen fehlte es an Geschmack und Urtheil. Die Früchte dieser Belesenheit enthalten seine noch jetzt nicht völlig entbehrlichen ,,^tlvers»ri<," in 60 Büchern (Franks. 1624; 2. Aufl. 1648). Nach seinem Tode waren noch 120 Bücher solcher Adversarien im Manuskripte vorhanden, von denen die letzten 16 Bücher in neuerer Zeit in Spohn's Besitz waren und in einer Abschrift auf die Universitätsbibliothek zu Leipzig gekommen sind. Einen Aus- ^ 1 78 Barth-Barthenheim Varthe zug aus letztere, die lat. Dichter betreffend, gab Fiedler in „Larllni odservstiones in 5uvs- nalem etc." (Wesel 1827). Auch besitzen wir von ihm Ausgaben des Claudia» (Franks. 1650), Äneas Gazäus (Lpz. 1655) und Statius(4 Bde., Zwickau 166-1—65). Barth-Barthellheim, ein altadeliges, seit 1662 reichsftei, dann bannerhcrrlichek, 1810 in^dcn östr. Grafenstand erhobenes Geschlecht, das dem Deutschen Orden einen Hochmeister (1206—10) gegeben hat. — Joh. Baptist Ludw. Ehrcnreich, Graf von B., östr. wirklicher Kämmerer und niederöstr. wirklicher Regicrungsrath, geb. am 5. März 1781 zu Hagenau im Elsaß, studirte seit 1705 zu Karlsruhe, hierauf zu Freiburg und zu Güttingen. Nachdem er 1804 in östr. Staatsdienste getreten, bemühte er sich, die Gesetze und Anordnungen, welche sich auf die Landesverwaltung bezogen, zu ordnen und für den Geschäftsdienst lichtvoll zusammenzustellen. Eine Frucht seiner Studien war die Schrift „Über das politische Verhältniß der verschiedenen Gattungen von Obrigkeiten zum Bauernstände in der Provinz Niederöstreich" (Wien 1818), die nicht nur an sich statistischen Werth hat, sondern auch überhaupt bei der Gesetzgebung für den Bauernstand in Deutschland beachtet zu werden verdient. Sein Werk „Ostr. Gewerbs- und Handelsgesetzkunde" (0 Bde., Wien 1819—24) empfahl die oberste Gewerbs- und Handelsbehürde in Ostreich als Muster zur Bearbeitung der einzelnen Provinzialgesehgebungen über diesen Gegenstand allen Landesstellen der Monarchie, sodaß bereits auf der Grundlage seines Systems ähnliche Bearbeitungen für Galizien, Steiermark und für das Venetianische erschienen sind. Seine „Beiträge zur politischen Gesetzkunde" (5 Bde., Wien 1821 fg.), die in freien Heften erschienen, enthalten meist Abhandlungen über einzelne Gegenstände der, östr. Landesvcr- waltung, z. B. über die östr. Staatsbürgerschaft, über die Israeliten in Ostreich, über das freie Gemeindewesen, über den Zustand der Protestanten in den östr. Staaten u. s. w-, die auch zum Theil einzeln gedruckt sind. Unter seinen übrigen von vielem Fleiße zeugenden Werken erwähnen wir„System der östr. administrativen Policei, mit Rücksicht aus Ostreich unter der Ens" (4 Bde., Wien 1829), „Das Ganze der östr. politischen Administration" (20 Lief., Wien 1836—42)und „Ostreichs geistliche Angelegenheiten in ihren politisch-administrativen Beziehungen" (Wien 1841). Barthe (Felix), Pair von Frankreich, geb. am 28. Juli 1795 zu Narbonne im Departement der Aude, der Sohn bemittelter Altern, studirte zu Toulouse die Rechte und widmete sich in Paris dem Advocatenstandc. In einer Reihe politischer Processe von 1820 an, namentlich in der Vertheidigung des Obristlieutenants Caron, einigerVerschworenen von Beford, der Angeklagten von Rochelle, des Abgeordneten Köchlin und des „äournal 6» commerce", daß die Abgeordnetenkammer als eine Vertretung der Höflinge und Beamten bezeichnet hatte, trat er stets mit Kühnheit und meist mit Erfolg als Gegner der Restaurationsherrschaft auf und zählte unter die populairsten Vcrtheidiger der öffentlichen Freiheiten. Nicht minder thätig war er in derselben Richtung als Mitglied der besonders seit 1820 über ganz Frankreich verbreiteten geheimen politischen Gesellschaften. Der glückliche Ausgang der Julirevolukion öffnete dem liberalen Anwälte und eifrigen Carbonaro eine glänzende Laufhahn, die ihn aber mehr und mehr von seinen früher« politischen Glaubensgenossen entfernte. Schon wenige Tage nach Herstellung der neuen Ordnung ward er am Gerichtshöfe des Seinedepartements zum königlichen Procurator und bald darauf zum Präsidenten, dann noch vor Ende des 1.1830 zum Minister des Cultus und öffentlichen Unterrichts, sowie zum Präsidenten des Staatsraths ernannt. Noch einmal hatte ihm die Erinnerung an seine liberale Wirksamkeit den von der Kammer verworfenen Vorschlag zur Aufhebung des Zeikungsstemprls eingegeben, aber seitdem sah man ihn unter den unbedingtesten Dienern der Gewalt. Sein Ministerium des Unterrichts begann er mit der Anwendung eines durch die Julirevolution außer Kraft gesetzten strengen Verbots der Restaurationsregicrung gegen alle Studcntcnvereine, was eine Demonstration zur Folge .hatte, die ihn schon damals den Verlust seiner früher« Popularität empfinden ließ. Seiner Stellung als Minister des Unterrichts war er überdies so wenig gewachsen, daß er sich 1831 zur Zurücknahme eines den Abgeordneten eingercichten, aber selbst von den eifrigsten Anhängern der Verwaltung mißbilligten Gesetzentwurfs über i en Elementarunterricht entschließen mußte. Nach Laffitte's Rücktritt ward er Großsiegelbewahrer, ohne jedoch dem Ministerium diejenige Unterstützung zu Barthel Barthelemy 79 verschaffen, die man sich von dem frühen, Rufseiner Talente versprechen mochte. Er Unterzeichnete die Absetzung von Comte, Odilen Barrot und andern seiner frühem Meimings- gcnossen, betheiligte sich nach den Juniereigniffen des I. 1832 an der vom Cassationshof als gesetzwidrig erklärten Ordonnanz, wodurch Paris in Belagerungsstand versetzt wurde, zeigte besonder,, Eifer in Verfolgung der Presse, sowie der politischen Vereine, und ward >833 der Urheber des das Associationsrecht wesentlich beschränkenden Gesetzes. Der Ministerwechsel im Apr. 1833 gab ihm, nach seinem Austrittaus dem Ministerium, die reich dotirte Sinecure eines ersten Präsidenten des Rechnungshofs, bis ihn der Sturz der doctrinaircn Verwaltung im Apr. 1837 abermals zur Stelle eines Justizministers erhob. In dieser Eigenschaft nahm er Theil an der politischen Amnestie, bewirkte jedoch durch seinen Widerstand eine wichtige Beschränkung derselben. Ohne zur Unterstützung des Ministeriums Mole viel beigetragen zu haben, bekleidete er bis zu dessen Auflösung im Apr. 1839 die Stelle des Großsiegelbewahrers. Barthel ist unstreitig aus Bartholomäus zusammengezogen. Die sprüchwörtliche Redensart: „Derweiß, wo Barthel Most holt" oder „schenkt", hat, wie so manche andere, einem jetzt nicht mehr bekannten Umstande ihre Entstehung zu verdanken. Einige vermuthen, cs habe einst einen Mostschenken dieses Namens gegeben, der seinen Gästen eine besonders gute Sorte vorgesetzthabe; Andere, unter dem Barthel sei der am 23. Aug. im Kalender stehende Apostel Bartholomäus zu verstehen. Da nun in der Regel zu Bartholomäi noch kein Most zu haben ist, so weiß Derjenige, welcher weiß, wo Barthel Most holt, etwas, was Andere nicht wissen; er ist also klüger als Andere. Barthele'my, unter den Kleinen Antillen im westindischen Archipel eine der nördlichsten Inseln über dem Winde von l^l OM. Größe, ist die einzige Colonie Schwedens. Nächst der Baumwolle werden Zucker, Taback und Cacao gebaut; den Haupthandelsartikel bieten die Baumwollenplantagen, im Durchschnittsertrage von 5—600 Ctr. Die Zahl der Einwohner beträgt nach genauen Untersuchungen höchstens 16—1700, darunter 5—600 Weiße, größtcnthcils franz. Abkunft. Die Insel steht unter einem mit ausgedehnter Autorität versehenen Gouverneur (Landshöfding), der seinen Sitz zu Eustavia hat, das ungefähr 900 E. zählt. Der schöne Hafen heißt Carenage. Nachdem Poincy, der Gouverneur der franz. Colonien, in den Kauf der Insel Christoph auch den von B. mit eingeschlossen hatte, wurde sie seit der Mitte des 17. Jahrh. von Christoph aus colonisirt, die ganze Bevölkerung aber durch einen Einfall der Karaiben im I. 1656 vernichtet. Nachher von neuem bevölkert, veranlaßten die geringen Fortschritte der Niederlassung nach wenig Jahren die Nückversetzung der Bewohner nach Christoph, worauf im I. 1666 eine neueCo- lonisirung durch katholische Irländer erfolgte. Im I. 1689 wurde die Insel trotz des tapfern Widerstandes von den Engländern erobert; es wurden die Einwohner vertrieben und ihnen erst nach der Eroberung von Christoph die Rückkehr gestattet. Als die franz. Colonien in Folge des ryswijcker Friedens 1698 wieder ausgeliefert wurden, befand sich die Insel in dem traurigsten Zustande, sodaß sie in den Kriegen der ersten Hälfte des 18. Jahrh. von allen Angriffen verschont blieb, die franz. Regierung aber auch kaum eine Notiz von ihrer Existenz nahm. Jm J. 1763 kam sie zu Guadeloupe, vom Febr.—Nov. 1781 in die Gewalt der Engländer, dann aber wieder unter franz. Botmäßigkeit und durch einen Vertrag von 1783 gegen Erlassung alter Schulden und Gestattung großer Handelsfreiheiten in Gothenburg, an Schweden, das nun sofort bedacht war, den gedrückten Zustand der Insel zu heben. Zwar fand der 1785 dahin gesendete Gouverneur Rayalin für den ausgedehnten Anbau viel Hindernisse; um so glänzender wurden seine Bestrebungen belohnt, die Insel zum Mittelpunkt eines großen Verkehrs zu machen, welcher sich alsbald in dem Freihafen von Gustavia in allen Flaggen darlegte und durch die Neutralität der schweb. Behörden zur Zeit der Ne- volutionskriegc nur gefördert werden konnte. Zwei Überfälle der Franzosen in den I. >800 und 1807 entmuthigten nur für den Augenblick; die wichtige enge Verbindung mit den nordamerik. Freistaaten und die Handelseröffnung mit den insurgirten südamerik. Provinzen gaben reiche Entschädigung; ja selbst Unglücksfälle, wie die Orkanverwüstungcn von I8l 5, 1819 und 1821 und die Negerverschwörung von 1822, hinderten nur momentan die Fortschritte des Handels zu seiner gegenwärtigen Blüte. - -'--Ls 80 Barthelemy (Auguste Marseille) Barthelemy (Jean Jacques) Barthelemy (Auguste Marseille), franz. Satiriker, geb. zu Marseille 1 706, wurde von den Vätern des Oratoriums in klösterlicher Zucht erzogen und bildete sich durch vielseitige Lccture und eifriges Selbststudium. Als er 1822 mit seinem Landsmann, Schulkameraden und Studicngenossen Mery, der gegenwärtig als Bibliothekar in Marseille angestellt ist und sich später in „l^e üoi.nst vert" (Par. 1860) und „IVusssssinat, scenes meridionsle» 6s 1815" (Par. 1861) als Romanschriftsteller mit Glück versucht hat, nach Paris kam, traten Beide als Satiriker in den Dienst des damals von den Ultras besiegten Liberalismus. Schnell nacheinander gaben sie eine ganze Reihe versificirtcr Pamphlete heraus: „8idisnnes, epilros-satires" (Par. 1825), „I.S5 äesilitss, epitre L 5lr. Is President Sehmer" (1826), „ l.s Villelisds, posine üeioicomique" (1826), „Rome ä ksris" (1826), „l.a <7orl>iersids" (1827), „16ns soiree clisr >1r. de ?e^- ronnst, ou Is 16 svrii, scens drsmstique" (1827), „l.e conArss «Iss niiinstres, o» ln revus >1e I» garde nationsle, seenes bistoriques" (1827), „l^n censure" (1827), „l^s Lscrisde, ou Is guerrv d'^Iger" (1827) und „Rtrennss ü Viilele, on nns sdienx sux mimstres" (1828). Unter dem Ministerium Martignac, wo es wenig Stoff zur Satire gab, schrieben sie das historische Gedicht „Napoleon en RMpte" (Par. 1828; deutsch von G. Schwab, Stuttg. 1826). Um dieses Werk dem Herzog von Reichstädt zu überreichen, ging B. nach Wien, wo er aber nicht vorgelaffen wurde. Nach seiner Rückkehr schrieb er das Gedicht „l.s 1Ü8 de I'üouims, ou Souvenirs de Vienne" (Par. I 826), das alsbald von der Policei mit Beschlag belegt, ihm eine dreimonatliche Gefängnisstrafe zuzog. Im Gefängnis schrieb er das Gedicht „rVsteilno s» gensrs!Ro»rn>ont"(Par. 1826). MitderNevolution kann man fast eine neue Epoche in der poetischen Manier B.'s annehmcn. Bis dahin hatte er sich, im Ganzen genommen, den strengen Regeln des klassischen Parnasses unterworfen; von nun an wurde er freier und poetisch bedeutender. Mit Mery zusammen schrieb er noch den Triumphgesang „IViusurrection" (Par. 1866) und „l^it Oupiusds, ou In revolutwn dupes" (Par. 1831), wie sie auch den Tod des Generals Lamarque (Par. 1832) feierten. Die bisher genannten Werke finden sich vereinigt in B.'s und Mery's „Osuvres ;>ne!,<;ues" (6 Bde., Par. 1831). Allein schrieb B. die„UouLesournees ds!a rsvoIutiou" (Par. 1832), worin zwölf wichtige Tage der ersten Revolution gepriesen werden; gleichzeitig gab er eine poetische Wochenschrift „Nemesis" heraus, worin er im Sinne der republikanischen Journale der neuen Regierung in heftiger Opposition entgegentrat. Kaum aber hatten die republikanischen Vereine ihren Einfluß verloren, so ließ B- die „Mmesis" aufhören und schrieb sogar eine BrosHüre für den Belagerungszustand. Von nun an wandte sich auch die öffentliche Meinung von ihm ad; sein Gedicht „iRs sustiücstioii" (Par. 1832) vermochte ihn nicht zu rechtfertigen, und so entschloß er sich denn zu einer Reise nach Amerika. Später übersetzte er den Virgil (Par. 1837). Barthelemy (Jean Jacques), Historiker und Alterthumsforscher, geb. am 26. Jan. 1716 zu Cassis unweit Aubagne in der Provence, erhielt eine gute Erziehung bei den Vätern des Oratoriums zu Marseille und später in der Jesuitenschule, wo er sich zum geistlichen Stande vorbereitete. Nach einer durch den angestrengtesten Fleiß veranlaßten gefährlichen Krankheit trat er in das von den Lazaristen geleitete Seminar zu Marseille, wo er durch einen jungen Maroniten mit dem Arabischen bekannt wurde. Bei dem Austritte aus dem Seminar hatte er den Gedanken, sich dem geistlichen Stande zu widmen, völlig aufgegeben; doch behielt er, obschon er nie die pricsterliche Weihe erhalten hatte, die Tracht und den Titel eines Abbe bei. Zunächst erregte er die Aufmerksamkeit durch die Entdeckung des palmyrenischen Alphabets, das er aber erst später (1758) bekannt machte. Schon 1767 ward er Mitglied der Akademie der Inschriften, nachdem er bald nach seiner Ankunft in Paris 1766 dem Aufseher des königlichen Medaillencabinets, Gros de Boze, zum Gehülfen beigesellt worden war. Durch den Grafen Stainville, den nachmaligen Minister Choiscul, als derselbe 1768 als Gesandter nach Nom ging, aufgefodert, ihn zu begleiten, durchwanderte er bis 17 57 ganz Italien, wo er eine Masse Alterthümer sammelte. Nach seiner Rückkehr beschäftigte er sich mit der Einrichtung des Münzcabinets, das er mit einer großen Anzahl kostbarer Medaillen vermehrte. Sein Gönner, der Graf Choiseul, der 1758 Minister wurde, setzte ihn durch eine Pension und andere Begünstigungen in den Stand, sich ganz seinen gelehrten Forschungen 81 Barthrlemy (Franc., Marquis von) Barthez zu widmen. Unter seinen Werken zcicknete sich vor allen die „Vn^sgeckujennL^naebsrsisei, 6r!-ce" (3 Bde., Par. 17 88, 3. und öfters) aus, die fast in alle curop. Sprachen übersetzt wurde (deutsch von Biester, 7 Bde., Berl. 1792—1804) und ihm eineScelle in der Akademie verschaffte. Er selbst war bescheiden genug, dieses Werk, welches die Frucht dreißigjähriger Vorarbeiten war, eine unbehülfliche Compilation zu nennen, während man allgemein die glückliche Darstellungsgabe des Verfassers bewunderte, der die ungleichartigsten Theile des griech. Alterthums aus verschiedenen Zeiten in ein so schönes Ganze verwebt und mit ebenso viel Gelehrsamkeit als Geschmack verarbeitet hatte, und dieser Ruhm wird ihm bleiben, obgleich die tiefere Kritik manche Gebrechen desselben nachgewiesen hat. Als Nomandichter versuchte er sich in den angeblich aus dem Griechischen übersetzten mnour» cke Uolxtiore" (Par. 1760; neue Aust. 1796). Er wollte noch in seinem Alter ein vollständiges Verzeichniß des königlichen Medaillencabinets ausarbeiten, ward aber durch die Revolutionsstürme daran verhindert, die ihm auch den größten Theil seines bedeutenden Einkommens raubten. JmAug. l793 ward er von einem Beamten bei der Nationalbibliothek des Aristokratismus beschuldigt und dann verhaftet, nach wenigen Stunden aber wieder in Freiheit gesetzt. Als der Oberbibliothekar der Nationalbibliothck, der berüchtigte Carra, am 3I.Oct. 1793 guilloti- nirt worden war, trug ihm der Minister Pare dessen Srellc an; er lehnte sie aber ab, um seine wenigen Lebenstage ruhig zuzubringen. Er starb am 30. Apr. 1795 mit dem Ruhme eines durchaus rechtschaffenen Mannes und vielseitigen Gelehrten. Serieys gab nach B.'s Tode aus dessen Originalbriefcn die „Vozmgs en ltulie" (Par. 1802; deutsch Mainz 1802) heraus. Barthelemy (Franxois, Marquis von), Pair von Frankreich, geb. zu Aubagne um 1750, gest. am 3. Apr. 1830, verdankte der Sorgfalt seines Oheims, Jean Jacq. B., seine Erziehung und die Eröffnung einer ehrenvollen Laufbahn im Staatsdienste, im Bureau des Ministers der auswärtigen Angelegenheiten, Choiseul. Er begleitete als Secretairmehre Gesandtschaften an auswärtige Höfe, war lange Zeit am schwed. Hofe und in der Schweiz und wurde beim Ausbruch der Revolution erst als Lcgationssecretair, dann als Charge d'Affaires nach London und im Dec. 1791 als bevollmächtigter Minister nach der Schweiz geschickt, wo er mit Eifer die Interessen Frankreichs vertrat. Er schloß 1795 den Frieden mit Preußen in Basel und bald darauf mit Spanien und dem Landgrafen von Hessen- Kassel; nicht Gleiches gelang ihm in Beziehung auf England. Im Rache dec Alten an die Stelle Letourneur's zum Mitgliede des vollziehenden Dircctoriums gewählt, kehrte er 1796 nach Paris zurück. Alle Parteien waren mit seiner Wahl zufrieden, doch auch ihn traf das Schicksal des 18. Fructidor; am 1. Sept. 1797 verhaftet, wurde er mit Pichegru und Andern nach Cayenne geschickt. Sehr bald gelang cs ihm indeß von hier nebst sechs Andern und seinem treuen Kammerdiener, Letellier, der seinem Herrn in die Verbannung gefolgt war, nach England zu entkommen. Nach der Revolution vom 18. Brumaire (9. Nov. >799) war er einer der Ersten, die vom ersten Consul zurückberufen wurden, der ihm, nachdem B. am 10. Febr. 1800 in den Senat getreten, zum Vicepräsidenten des Senats und zum Reichsgrafen ernannte. Er war 1802 an der Spitze der Deputation des Senats, welche Bona- partc das Consulat auf Lebenszeit übertrug; doch war er fortan unter Napoleon's Negierung ohne Einfluß und Bedeutung. Im Apr. >81-1 führte er den Vorsitz im Senate, der des Kaisers Absetzung aussprach, und erhielt dannden Auftrag, dem Kaiser Alexander für seine Großmuth und Mäßigung zu danken. Nach der Restauration zum Pair und Großoffizier der Ehrenlegion ernannt, strich ihn Napoleon bei seiner Rückkehr im I. 1815 von der Pairs- liste; die zweite Restauration entschädigte ihn dafür durch die Ernennung zum Staatsminister und Marquis. Nach langem Schweigen trat er 1819 mit dem Antrag hervor, das Wahlgesetz durch Beschränkungen des Wahlrechts im Sinne der Ultrapartei zu ändern. Barthez (Paul Joseph), einer der gelehrtesten Ärzte Frankreichs, geb. am II. Dec. 173-1 in Montpellier, gest. am I5.Oct. 1806, wurde als ein frühreifes Kind bewundert. Unentschlossen in der Wahl eines Standes, wollte er zuerst Geistlicher werden, fügte sich aber dem Wunsche seines Vaters, der ein berühmter Ingenieur war, und widmete sich der Medicin. Nach Vollendung seiner Studien zu Narbonne und Toulouse begab er sich > 7 50 in seine Vaterstadt, um hier als praktischer Arzt zu leben, und 17 5-1 ging er nach Paris, wo ihm eine glückliche Conv.-Lex. Neunte Aufl. II. 6 82 Barthold Bartholdy Cur beim Grafen von Pe'rigord eine glänzende Laufbahn öffnete. Er wurde 1756 Feldarzt; erkrankte aber in Westfalen und kehrte l 757 von der Armee nach Paris zurück, wo er nun zu- nächst für das „Journal des savants" und den„victi»nnsire enc>clvj>edir,ue" arbeitete. Im I. 1761 nach Montpellier berufen, gründete er daselbst eine ärztliche Schule, welche in ganz Europa mit Achtung genannt wurde. Seine,, ldlouveaux elements de I» seienee de i'Immme" (Montpell. 1778, 2. Aust., 2 Bde., Par. 1806), worin er sein aufdynamischen Grundsätzen beruhendes System ausführtc, wurden in die meisten europ. Sprachen übersetzt. Nicht zu- frieden mit seinem Ruhme als Arzt, studirte er auch die Jurisprudenz und wurde 1780 Doctor der Rechte. Sein Ehrgeiz fand aber hier nicht Nahrung genug, daher kehrte er 1781 nach Paris zurück, wo ihn der König zum mitberathcnden Leibarzte, und der Herzog von Orleans zu seinem ersten Leibarzte ernannte. Nach dem Tode Jmbcrt's wurde er 1785 Titular- kanzlcr der Universität zu Montpellier. Aus allen Thciien der civilisirten Welt wurden von ihm über wichtige Fälle Consulkationen begehrt. Die Revolution raubte ihm den größten Theil seines Vermögens und seine Stellen; er mußte Paris verlassen und lebte nun als Arzt und Schriftsteller an verschiedenen Orten. Erst Napoleon versetzte ihn in neue Thätigkeit und überhäufte ihn in seinem spätem Alter mit Ehren und Würden. Anfangs in Montpellier sich aufhaltend ging er 1805 nach Paris, wo er am Blasenstein leidend, zu spät sich der Operation unterwarf und unter den fürchterlichsten Schmerzen starb. Unter den zahlreichen Schriften B 's verdienen noch besondere Erwähnung seine „Nouvelle mec-inirpis des mouvements de l'boinme et >es amm-nix" (Carcaffonne 1798, 4.; deutsch von Sprengel, Halle 1800), sein „Droits des inaladies Fvutteuses" (2 Bde., Par. 1802; neue Aust., 1819; deutsch von Bischof, Berl. 1803) und „Oonsultatious de me'deci'ne" (2 Bde., Par. 1810). Vgl. Lor- dat, „Exposition de I» doctrine medical« de koul äns. 8. et ineinoires sur I» vie de ce medeciu" (Par. 1818). — Sein Sohn Auguste B. de Marm orieres, geb. zu St.- Gallen, gest. am 3. Aug. 1811, der vor der Revolution Obrist war und dem Grafen von Artois in die Emigration folgte, hat sich als Dichter in „bllnotlnm ou les äges de I'bomme^ (1802) und „Do mort de Donis XVI, trsgedie" (Neufch. 1793) mit Glück versucht. Barthold (Friedr. Wilh.), ordentlicher Professor der Geschichte zu Greifswald, geb. am 4. Sept. 17 99 zu Berlin, wo sein Vater königlicher Beamteter war, erhielt seine wissenschaftliche Vorbildung auf dem Friedrichwerder'schen Gymnasium und studirte seil Michaelis 1817 in Berlin Theologie, von der er sich aber durch den Einfluß und die nähere Bekanntschaft Wilken's bald entschieden zur Geschichte hingezogen fühlte, deren Studium er in Breslau unter Wachler und Raumer fortsehte. Häusliche Verhältnisse nöthigten ihn dann, längere Zeit als Hauslehrer ein Unterkommen zu suchen. Eine Biographie „Johann von Werth im nächsten Zusammenhang mit seiner Zeit" (Berl. 1826) war sein erstes historisches Werk. Daraus wurde er zu Ostern 1826 als Lehrer am Collegium Fridericianum in Königsberg angestellt, wo er sich sehr bald der akademischen Laufbahn zuwendete. Im I. 1831 ward er als außerordentlicher Professor der Geschichte nach Greifswald versehtund 1834 zum ordentlichen Professor ernannt. Sein Hauptwerk ist „Der Römerzug König Hcinrich's von Lützelburg" (2 Bde., Königsb- 1830—31), welches sich durch ein lebendiges Interesse für den behandelten Stoff, durch Fleiß der Forschung und scharfsinnig« Combination auszeichnet, aber durch ein gewisses Pathos der Darstellung gedrückt wird. Außerdem haben wir von ihm die sehr fleißig gearbeitete Schrift „Georg von Frundsberg und das deutsche Kriegshandwerk zur Zeit der Reformation" (Hamb. 1833); ferner eine Reihe interessanter Aufsähein Raumer's „HistorischemTaschenbuche", z. B. „Jürgen Wullenwebec"(183S),„AnnaJwa- nowna" (1836), „Ausgang des Joanschen Zweiges der Romanow" (1837), „H. Ehr. von Roßwurm" (1838), die zum Theil auch in besonder» Drucken erschienen, „Geschichte von Rügen und Pommern" (Bd. 1 und 2, Hamb. 1839—40), die auf vier Bände berechnet ist, und „Geschichte des großen dentschen Kriegs von Gustav Adolfs Tode ab" (2 Bde., Stutt. 1841 —43). Bartholdy (Jak. Sal.), preuß. Geh. Legationsrath, geb. zu Berlin, am 13. Mai > 779, gest. zu Rom am 27. Juli 1825, war der Sohn wohlhabender jüdischer Altern, in deren Häußer die sorgfältigste Erziehung genoß. Er bezog 1796 die Universität zu Halle, um die Rechte zu studiren, widmete sich indeß mehr allgemeinen Studien. Im I. 1801 ging tt Bartholin 83 nach Paris, nach mehrjährigem Aufenthalte daselbst nach Italien und dann nach Griechenland. Nach feiner Rückkehr in das Vaterland trat er, durch Reinhard in Dresden getauft, zur protestantischen Kirche über. Das Unglück seines Vaterlandes im 1.1806 steigerte immer mehr seinen Haß gegen die Bedrücker. Daher ging er 1809 nach Wien, machte als Ober- lieutenant in einer Abtheilung der wiener Landwehr, die A. von Steigentcsch führte, den Feldzug mit und hatte Gelegenheit, sich rühmlich hervorzuthun. Eine Frucht dieser Zeit ist seine Schrift „Der Krieg der tiroler Landleute im Jahre 1809" (Berl. 1814), welche, obgleich die Helden desselben etwas idealistrt auftretcn, eine große Wirkung nicht verfehlte. Jm J. 1813 folgte er dem Rufe des Vaterlandes und fand in der Kanzlei des Fürsten Hardenberg ein Feld zu angemessener Thätigkeit und ersprießlichen Diensten. Als er 1314 von Paris aus nach London ging, machte er auf dem Schiffe die Bekanntschaftdes Cardinals Consalvi, mit welchem er bis zu deffen Tode in genauern Verhältnissen blieb und dcsscn Leben er beschrieb (Stuttg. l 815). Nach reger Theilnahme am wiener Congresse kam er18 l 3 nach Nom als preuß. Generalconsul für ganz Italien. Im I. 1818 wurde er zum Congresse nach Aachen berufen, auch zum Geschäftsträger am toscanischcn Hofe und zum Geh. Lega- tionsrathe ernannt. Kurze Zeit vor seinem Tode erfolgte die Einziehung seiner Stelle und seine Penstonirung. B. gehört zu den bedeutendsten Männern seiner Zeit. Mit einem durchdringenden Verstände, seltener Geistesgewandkheit und gründlicher Bildung verband er die vorzüglichsten Eigenschaften des Charakters. Seine Tüchtigkeit als Diplomat und Geschäftsmann im Hähern Sinne des Worts erwarb ihm von allen Seiten Vertrauen. Für das Schöne besaß er einen empfänglichen Sinn, und für Förderung der Kunst war er mit dem glücklichsten Erfolg thälig; so hat er namentlich die Frcscomalerci wieder ins Leben gerufen, indem er durch Cornelius, Overbeck, Veit, Schadow und Catel seine Wohnung in Nom ,1 lrescu malen ließ, welches Beispiel die vielseitigste Nachahmung fand. Auch als Sammler von Kunstwerken war er unablässig thätig; seine größer« Sammlungen, namentlich die Bronzen, Vasen und Gläser, wurden für das Museum in Berlin angekauft. Barthölin ist der Name eines Geschlechts, welches sich in Dänemark durch Gelehrsamkeit und schriftstellerische Verdienste ausgezeichnet und viele wichtige Ämter, besonders an der Universität zu Kopenhagen, bekleidet hat. — Kaspar B., gcb. am 12. Fcbr. 1585 zu Malmöe, wo sein Vater Prediger war, studirte zuerst Theologie und Philosophie zu Rostock und Wittenberg, dann Medicin. Im 1.1610 ward er zu Basel Doctor der Mcdicin, prakticirte hierauf eine Zeitlang in Wittenberg und folgte 1613 dem Rufe als Professor der gricch. Sprache und der Medicin nach Kopenhagen, wo er 162a auch Professor der Theologie wurde. Er starb zu Sora 1629. Seine „Institutiono» anatomicae" (Wittenb. >611 und öfter), die ins Deutsche, Französische, Englische und Indische übersetzt wurden, dienten im 17. Jahrh. an vielen Universitäten als Handbuch bei Vorlesungen. Seine übrigen zahlreichen Schriften sind hauptsächlich physikalischen und philosophischen, dann aber auch theologischen Inhalts.— Unter seinen Söhnen, die alle in der gelehrten Welt bekannt sind, verdienen hauptsächlich genannt zu werden der Orientalist Jakob B., geb. 1623, gest.in Heidelberg 1653, bekannt als Herausgeber der kabbalistischen Schriften „Bahir" und „Majan Hachochma", und der als Philolog, Naturforscher und Arzt gleich berühmte Thomas B., gcb. am 2 V. Oct. >616, der 1647 Professor der Mathematik, 1648 aber der Anatomie zu Kopenhagen wurde, 1661 diese Stelle niederlegte, hierauf auf seinem Landgute Hagcstad privatisirtc und 1670 königlicher Leibarzt wurde, welche Stelle nebst mehren andern er bis an seinen Tod am 4. Nov. 1680 bekleidete. Die neue Ausgabe der Anatomie seines Vaters (Leyd.,1641 und öfter) vermehrte er mit einer Masse neuer Beobachtungen. Äußer vielen andern werth- vollen anatomischen und medicinischen Werken sind besonders seine biblisch-archäologischen Schriften „De latere (lbristi sperto" (1646), „^nti^uitate» veteris puerperii" (>646), „Do cruc« Oliristi" (1651), ,,1)emorl>i»liidlicis"(1672), desgleichen die antiquarischen „He arouilli, voterum" (1647), „De unicomn" (1645) und die naturphilosophischen „Ile lucs sniinaliiim" (1647) von großem Belang. Er war einer der gelehrtesten und fleißigsten Ärzte undvertheidigte besondersHarvey'S Lehre vom Kreisläufe. — Des Letztem Sohn Kaspar B., gcb. 1654,gest. 1704, war gleichfalls ein gründlicher Anatom, und dessen Bruder Tho- 6 * 84 Bartholomäus Bartolozzi ma-B>, geb. 1659, gest. 169», ist der berühmte Verfasser eines Hauptwerks für die nordischen Alterthümer, der „^Iiticpiit-ltniii >la»,cr>r>,,n lle ca, Isis!c»ntei»tc»« » Ilanis ittlliuc xentililliis mortis" (Kopenh. 1689, 4.). Bartholomäus der Apostel, der Sohn des Tvlmai. ist mit dem Nathanael, dessen das Evangelium Johannis als eines redlichen Israeliten und schnell überzeugten Jüngers Jesu gedenkt, wahrscheinlich eine und dieselbe Person. Er soll, wie Eusebius erzählt, das Christenthum in Indien, d. i. wahrscheinlich in dem südlichen Arabien, gelehrt und dahin auch das Evangelium des Matthäus in hcbr. Sprache gebracht haben. Chrysostomus läßt ihn auch in Armenien und Kleinasten predigen, und ein späterer Lcgendenschrciber zu Albania-pyla, dem heutigen Derbent in Rußland, den Kreuzestod leiden. Die alte Kirche hatte unter seinem Namen ein apokryphisches Evangelium, das aber untergcgangcn ist. — Die Bartholo- mäcr, eine Verbindung von Weltgeistlichen in Baiern, hatten ihren Namen nicht von ihm, sondern von Bartholomäus Holzhäuser, einem Priester in Ingolstadt, der sie >6-1» stiftete, worauf sie 168» die päpstliche Bestätigung erhielt, entlehnt. Bartholomäusnacht, s Bluthochzeit. Bartöli (Daniello), ein beliebter Prediger und fruchtbarer Schriftsteller in Physik, christlicher Moral, ital. Stilistik und für die Geschichte seines Ordens, geb. im Ferraresischen 16»8, trat 1623 in den Jesuiterorden, der ihn jedoch nicht, wie er cs wünschte, als Missionar nach Indien sendete. Im I. 1650 zur Ausarbeitung einer Geschichte des Ordens in ital. Sprache nach Rom berufen, starb er daselbst am 13. Jan. 1685. Sein Hauptwerk, „ist,»-,-, tielik, eompuAnik, tli 6iesü" (5 Bde., Nom 1 663—73, Fol.), eine Reihe glänzender Schilderungen und beredter Lobpreisungen, eröffnete er, der Erste, der in der 'Lose-,,,-, iüvelle, die Thaten des Ordens beschrieb, mit dem Leben des Stifters „Vitu e istituto ,1, 8. Igna-io" (2. Ausg., Rom 1659, Fol.). Seine moralischen und ascetischen Schriften sind oft, auch in neuerer Zeit wieder einzeln aufgelegt worden. Unter den physikalischen machten zu ihrer Zeit Aufsehen die Abhandlungen „Del giiiaccio s »eile, cnnzul-lrione", „Ocllo tensiono e pres- 5,«,»:" und „Del sunno, <1e' tremori arm»,,,«:, e ,IeII' ullito". Seine sprachlichen Arbeiten waren zum Theil gegen die Crusca gerichtet. Sein Stil ist von Männern wie Franc. Redi, Monti und Percari sehr hoch gestellt worden. Tiraboschi nennt denselben in einer billigen Beurtheilung neu und ganz eigen. In gewählter Dictivn sei B- unübertroffen; in Lebendigkeit und Kraft der Schilderung habe er seine Stärke; Adel der Gesinnung, Schärfe der Entwickelung sowie ein satirischer Anflug gäben seinen Schriften viel Anziehendes; dennoch ermüde seine Schreibart auf die Länge, weil sie immer auf Stelzen und nicht frei von Gesuchtheit erscheine. Ein Ausgabe der sämmtlichen Werke B.'s veranstaltete der Buchhändler Marietti (12 Bde., Tur. 1825, 4.) und eine Auswahl der schönsten Schilderungen Silvestri unter dem Titel „Desertion, AeoArapIncke e storiclle t, i>tt« ilalle Njiei k: etc." (Mail. 1 826 ). Bartolommeo (Fra), s. Vaccio della Porta. Bartolozzi (Francesco), einer der berühmtesten Kupferstecher, geb. zu Florenz 173», der Sohn eines Goldschmieds, erlernte daselbst, vorzüglich bei Hugford und Feretti, die Zeichenkunst. In Venedig, wo er besonders in der Familie des Dichters Gozzi wegen seines Guitarrenspiels wohl gelitten war, arbeitete er längere Zeit im Hause seines Lehrers Jos. Wagner, dann in Floren; und Mailand. Mit Rich. Dalton, demBibliothekarGeorg's III., ging er 1764 nach London, wo er die ansehnlichsten Unterstützungen fand. Hier gab er sich ganz dem Nationalgeschmacke hin; er arbeitete namentlich Vielerlei in der damals so beliebten weichlichen Punktirmanier und ward einer ihrer thätigsten Verbreiter. Auch wurde ihm die Stelle eines königlichen Kupferstechers und ein Platz in der königlichen Akademie der Künste in London zu Theil. Im I. 18»5 ging er nach Lissabon, um das Directorat einer dortigen Maler- und Kupferstecherakademie zu übernehmen, und starb daselbst im Apr. 1813. B. war ein Meister in der Radirnadcl und bediente sich des Grabstichels nur zur Vollendung seiner Blätter. Mit Richtigkeit der Zeichnung verband creme hohe Zartheit der Ausführung. Eins seiner vorzüglichsten Blätter ist der Tod des Lords Chatain, nach Copley, wovon ein guter Abdruck mit mehr als 159 Thlr. bezahlt ward; eins der lieblichsten seine I.!,,!)--„»I ctlilll. Die Eesan»nt;abl seiner Werke, unter ihnen auch Nachahmungen von Handzcich- nungen in radirten Blättern, steigt über 2»»». Barton Basalt 85 Barton (Elisabeth), gewöhnlich das heilige MädchenvonKent genannt, kam um 1525, wo sie in einem Wirthshause zu Aldington in der Grafschaft Kent diente, durch die krampfhaften Nervenleiden, welchen sie ausgesetzt war, bei dem Volke in den Ruf einer begeisterten Seherin. Der Pfarrer des Dorfes erkannte in ihr sehr bald ein Werkzeug, die sinkende Sache des alten Glaubens zu stützen, und unter seiner Leitung spielte sie ihre Rolle so gut, daß selbst Thomas Moore und der Erzbischof Warham von Canterbury eine außerordentliche Erscheinung in ihr zu sehen vermeinten. Man beredete sie, eine Nonne zu werden, und als Heinrich VIII. 1532 mit dem röm. Hofe in Unfrieden gerieth, verleitete man sie, ihre» lauten Tadel gegen des Königs Scheidung von seiner ersten Gemahlin und seine Vermählung mit Anna Boleyn auszusprechen, ja seinen Tod zu prophezeien. Auf des Königs Befehl mit ihren Mitschuldigen verhaftet, legte sie vor dem Gerichte das nachher öffentlich vor dem Volke wiederholte Geständniß des gespielten Betrugs ab und wurde zu Kirchenbuße und Gefangenschaft verurtheilt. Als jedoch die röm. Partei sic zum Widerruf zu bewegen suchte, wurde sie des Hochverrats angeklagt und mit einigen Mitschuldigen 153-1 hingerichtet. Bartsch (Joh. Adam Bernh. von), geb.zuW'en am >7.'Aug. 1757, gest. daselbst als erster Custos der Hofbibliothck und der Kupferstichsammlungen am 2l. Aug. 1821, hat sich sowol als Kupferstecher, wie insbesondere durch mehre Werke zur Kupferstichkunde, namentlich durch seinen „Lritslogno raisnnne <1e toutss les «stummes cke Renibr-nitlt" (2 Bde., Wien 17!)7) und den „keintre grsveur" (21 Bde., Wien 1802—21) ein bleibendes Verdienst erworben. Durch seine „Anleitung zur Kupferstichkunde" (2 Bde., Wien 1821) hat er eine Menge Ungewißheiten und Betrügereien im Verkauf des Unechten statt des Echten aufimmer beseitigt. Seine eigenen Kupferstiche, z. B. die lioma ti-mmplmus, seine Thierstudicn, seine Nachstiche nach Rembrandt, Potter u. s. w. geben ihm den Rang unter den ersten Kupferstechern mit dem Grabstichel und der Radirnadel. Er hat in verschiedenen Manieren nach Gemälden jeder Periode und Schule nach und nach über 500 Blätter geliefert. Auch in der farbigen Lavismanier hat er sich in Landschaften mit großem Glück versucht. Ein genaues Vcrzcichniß seiner Werke lieferte sein Sohn Friede. Jos. Adam B.im „Outaloz-ue Oes ostampes »le.1. »Is u." (Wien 1818). Als Custos der ausgezeichneten öffentlichen Kupferstichsammlung bei der kaiserlichen Hofbibliothek, zu deren Vermehrung er mehre Reisen ins Ausland machte, als Ordner der in ihrer Art einzigen Sammlung von Handzeichnungen und Kupfern des Herzogs Albert von Sachsen-Teschen, als Nalhgcber der reichen Sammler in der Kaiserstadt, die alle Seltenheiten seinem Blicke zuerst zur Prüfung vorlegten, konnte er allerdings als Kenner sprechen, wo Andere nur im Finstern tappen, dessenungeachtet dachte er sehr bescheiden von seinem Wissen. Baryt ist eine alkalische Erde, welche in Verbindung mit Schwefelsäure im Schwer- spath und Bologneserspath und in Verbindung mit Kohlensäure im Witherit und Baryto- calcit enthalten ist. Der Baryt, wie man zuweilen auch den Schwerspath nennt, ist vorzüglich dadurch ausgezeichnet, daß er mit Schwefelsäure ein im Wasser ganz unauflösliches Salz bildet. Den geglühten weißen Schwerspath kann man als weiße Farbe statt des Bleiweißes benutzen, da er nicht schwarz wird. Durch Glühen des mit Gummi zusammengekneteten Schwerspathpulvers erhält man den sogenannten Homberg'schen Phosphor, eine von selbst fcucrfangende und verglimmende Masse. — Das Metall des Baryts heißt Baryum. Basalt oder Basani t nennt man eine Felsart, die aus einem innigen Gemenge von Augit, Feldspath und Magneteisenstein besteht. Der Basalt ist sehr dicht und hart, im Bruche flachmuschlig und uneben, fein- und kleinkörnig, zuweilen auch erdig. Nicht selten enthält er Blascnräume, die mit verschiedenen Mineralien angefüllt sind, es finden sich Einmengungen in ihm, auch geht er in andere ihm verwandte Felsarten über. Durch Einwirkung der Witterung zersetzt er sich leicht, und aus dem verwitterten Gestein geht ein sehr fruchtbarer Boden, eine fette, schwärzliche Erde hervor, welche das Wacksthum der Pflanzen, namentlich des Getreides, sehr befördert. Der Basalt, auf der einen Seite mit den Trachyten (s. d.) zusammenhängend, auf der andern in sehr inniger Beziehung mit den Laven der Vulkane, scheint durch Umwandlung anderer Felsarten mittels vulkanischer Agcntien entstanden zu sein. Daß der Basalt aus einem nassen Niederschlage entstanden sei, wie Werner annahm, glauben vorurtheilsfreie Geognostcn nicht mehr. Die Basaltberge zeichnen sich durch 86 Baschkiren Basedow ihre Gestalt und Verhältnisse aus; sie erheben sich entweder in Gestalt von mehr oder minder abgestumpften Kegeln, oder sie steigen mit seltener Schroffheit bis zur scharfen Spitze hinan. Die Oberfläche der Berge zeigt kleine Erhabenheiten und Vertiefungen, oder sie ist besetzt mit bald regellos eckigen, senkrechten, bald aus Säulen bestehenden Felsmasscn Man findet den Basalt vorzüglich in der Eifel, im Westerwalde, Rhöngebirge, in Sachsen (Pöhlbcrg, Scheibenbcrg, Bärcnstein, Stolpcn, Winterberg u. s. w.), in Hessen, Böhmen (Mittelgebirge), in der Auvergne, auf den Hebriden (Staffa), in Irland (Riesenwcg) u. s. w. Der Basalt dient als ein vorzügliches Baumaterial und ist auch zu Straßenpflastcrn und Chausseen nutzbar; gepocht unter Kalkmörtel gemengt, vermehrt er die bindende Kraft desselben. Die säulcnartigen Stücke verwendet man zu Pfeilern, Thür- und Fensterstücken u. s. w., die dichter« Formationen zu Mühlsteinen, Mörsern, Trögen, zu Ambosen für Goldschmiede, Goldschläger, Buchbinder u. s. w.; auch hat man Werke der ältcrn Bildhauerkunst in Basalt, und die röm. Bildhauer bedienen sich desselben zur Restauration der ägypt. Bildsäulen aus schwarzem Granit. Er wird der Glasfrittc zugeschk; für sich allein gibt er ein dunkles, flüssiges Boutcillcnglas; auch bedient man sich desselben als Zuschlag beim Schmelzen strengflüssiger und kalkhaltiger Eisenerze. Vgl. Leonhard, „Die Basaltgebilde In ihren Beziehungen zu normalen und abnormen Felsmasscn" (Stuttg. 1832, mit Atlas). Baschkiren, d. h. Bienenführer, sind ihrer Abkunft nach wahrscheinlich Nogajer, Welche die Bulgaren unter sich ausgenommen haben; wenigstens machen ihre Wohnsitze im ruff. Gouvernement Orenburg und Perm einen Theil der ehemaligen Bulgare! aus. Vormals zogen sie unter eigenen Fürsten im südlichen Sibirien umher; von den sibir. Khanen beunruhigt, ließen sie sich in ihren jetzigen Besitzungen nieder, breiteten sich an der Wolga und dem Ural aus und wurden Herren des kasanischen Khanats. Als dieser Staat durch Iwan U. um 1480 zerstört ward, unterwarfen sie sich freiwillig Rußlands Scepter, empörten sich jedoch nachmals zu verschiedenen Zeiten, zuletzt in den 1.1735—41, wodurch sie sehr im Wohlstände und an Volksmenge litten. Ihre Gestalt und Gesichtszüge deuten aufmongol. Abstammung. Ihre Kleidung besteht in einem langen asiat. Obcrklcide und ei- ncm großen Schafpelze; ihre Kopfbekleidung ist eine spitze Filzmütze. Sie sind Nomaden und leben von der Jagd, Vieh- und Bienenzucht. Aus gegohrencr Pferde- und Kameel- milch bereiten sie ein berauschendes Getränk, Kumüß, das sie sehr lieben. Sie bekennen sich meist zum Islam. Ihre Anführer, Starschinen oder Attamans wählen sie selbst. Pfeile und Bogen und Lanzen sind ihre Hauptwaffcn; doch haben sie jetzt auch Schießgewehre. Sie machen gleich den Ko sacken (s. d.) einen Theil der leichten irregulairen Reiterei des russ. HeerS aus und werden meist als Grenzwächtcr gegen Asien gebraucht, doch führten die russ. Armeen auch im Befreiungskriege einige Abtheilungen dieser unschädlichen Barbaren mit sich. Der Baschkir ist rohen, aber kriegerischen Charakters, ein vortrefflicher Reiter und weiß seine Waffen geschickt zu gebrauchen, die indeß kaum bei der Verfolgung einige Wirksamkeit haben, geschweige denn beim Angriff gegen mit Feuergewehren bewaffnete Truppen. Basculesystem oder Schaukelsystem nennt man das Verfahren der Machthaber, sich dadurch in sicherer Obergewalt zu behaupten, daß sie zwei.'entgegengesetzte Parteien zu bilden suchen und dann, wenn die eine unterliegen will, ihr durch ihren Beitritt wieder aufhelfen, sobald sie aber übermächtig zu werden droht, sofort wieder die andere heben. Diese- Verfahren wurde namentlich während der Restauration verschiedenen franz. Ministerien Schuld gegeben. Es ist aber ein solches kleinlich und verwerflich, indem es einer Reaiecung geziemt, lediglich das Gute und Rechte zu suchen und das in treuer Überzeugung Gesundcnc festzuhaltcn', ohne rechts oder links zu blicken, und muß über kurz oder lang durch seinen eigenen Stachel sich tödten, wie es denn in Frankreich an einer ebenso unnatürlichen lind unsittlichen Coalition der entgegengesetztesten Parteien scheiterte, die sich momentan verband, um nur das verhaßte Ministerium zu stürzen. Übrigens ist freilich auch das richtige System, da es sich keiner Partei ausschließlich hingeben kann, dem Scheine des Schaukclsystems ausgeseht. Basedow (Joh. Bernh.), eigentlich Joh. BerendBassedau, auch Bernh. von Nordalbingen, wie er sich oft nannte, einer der merkwürdiger« Männer des > 8. Jahrh., wurde zu Hamburg, wo sein Vater Perückcnmacher war, am 8. Scpt. 17-23 geboren. Er 87 Basel besuchte 1741—44 da-Johanneum und studirte dann in Leipzig Philosophie und Theologie, von wo er 1746 als Hauslehrer nach dem Holsteinischen ging. Im 1.1753 wurde er Lehrer an der Ritterakademie zu Soroe, 176 l aberwcgenhetcrodoxer Meinungen ans Gymnasium - zu Altona-verseHt. Rouffeau's „Lmile" begeisterte ihn seit 1762 zu dem Gedanken, Verbesserer dcS Erziehungswesens zu werden und die Grundsätze Rouffeau's und des von ihm sehr geschätzten Comcnius in Ausübung zu bringen, wozu es ihm weder an Talent noch an Kraft fehlte. Beiträge von Fürsten und Privatpersonen bis zu 15000 Thlr. deckten die Kosten seines „Elementarwerks", das, nach den pomphaftesten Ankündigungen, als ein Orbis pictiis mit 100 Kupfern von Chodowiecky (3 Bde., Altona 1774 und öfters) erschien und ins Französische und Lateinische übersetzt wurde. Die Jugend erhielt darin eine Masse Darstellungen aus der wirklichen Welt, wodurch B. zugleich die Augen zu ergötzen und den Weltbürgerstnn, auf den er es bei seiner Erziehungsmethode abgesehen hatte, zu entwickeln strebte. Als Musterschule nach dieser Methode errichtete er 1774 das Philanthropin zu Dessau, wohin der Fürst Leopold Friedrich Franz ihn schon 1771 berufen hatte. Doch hatte er hier mehr versprochen als er zu leisten vermochte; sein unruhiger, immer mit weit aus- sehenden Planen beschäftigter Geist und eine seinen Mitarbeitern oft fühlbare Herrschsucht ließen ihn nicht ausharren. Schon 1778 verließ er nach vielen Händeln, besonders mit seinem fleißigen, aber eigensinnigen Mitarbeiter Wol ke (s. d.), das Philanthropin, fuhr aber mit gleichem Eifer fort, durch pädagogische Schriften, die mehr nach Popularität als nach Gründlichkeit strebten, für seine Ideen thätig zu sein, bis er, nach österm Wechsel seines Aufenthalts, am 25. Juli 1790 zu Magdeburg starb. Sein Einfluß auf die Denkart seiner Zeit war groß; um die damals anhebende Aufklärung Deutschlands hat er ein entschiedenes Verdienst, und wenn ihm auch die Humanisten die Herabwürdigung der Alten, wozu ihm am meisten der Mangel an eigener gründlicher Gelehrsamkeit verleitete, und eine Menge Übertreibungen, Mißgriffe und Spielereien mit Recht vorgeworfen haben, so wird ihm doch Niemand streitig machen, daß er durch seine siegende Beredtsamkeit für die von Vielen vergessene heilige Sache der Mcnschcnerziehung Aufmerksamkeit und Begeisterung zu wecken, manche treffliche Ideen und wichtige Wahrheiten in schnellen Umlauf zu setzen und die Theil- nähme der Regierungen zu gewinnen verstand, obwol er selbst lieber umwälzen und neu schaffen, als ausbilden, ordnen und vervollkommnen mochte. (S. PhilanthropiniS- mus.) Zahlreich sind seine philosophischen und pädagogischen Schriften. Vgl. Meyer, „Leben, Charakter und Schriften B-'s" (2 Bde., Hamb. 1791—92). Basel. Der Gesammtcanton B-, begrenzt von Frankreich und Baden, von den Cantonen Aarau, Solothurn und Bern, hat nach abweichenden Schätzungen einen Flächenraum von etwa 8 OM. Er ist seit 1501 der elfte Canton der Schweiz und bildet nach Tagsatzungsbeschluß vom 26. Aug. 1833 im Verhältnis zum Bunde noch jetzt einen einzigen Staatskörper, der aber für die öffentliche Verwaltung in die zwei souverainen Halb- - cantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft zerfällt, deren jeder eine halbe Stimme auf der Tagsatzung führt. Die nördliche Abdachung des Jura bildet B. zu einem von wenigen Ebenen durchbrochenen Hügelland mit fruchtbarem Boden, der wohlangcbaut ist. Die Hauptbeschäftigung der Bewohner besteht in Ackerbau, Obstzucht, Weinbau, Viehzucht, auch Fischerei, und in der Landschaft wird seit mehren Jahren viel Salz gewonnen. An Industriezweigen ist besonders ausgedehnt die Seidenbandweberei, die einen jährlichen Durchschnittswcrth von 10 Mill. Francs producirt, sodann die Fabrikation in Baumwolle und Leder; von großer Wichtigkeit ist auch der Transitohandel. Das alte B. erwuchs allmälig aus dem röm. Lagerposten Basilia oder Basiliana, in der Nähe von Au- gusta Rauracorum, wovon das Dörfchen Augst bei B. nur noch wenige Trümmer zeigt. Bei der Theilung de- Frankenreichs kam der Baselgau an Ludwig den Deutschen; Kaiser Heinrich 1. baute die zerstörte Stadt wieder auf (924 — 33), die seitdem bedeutend wurde, eine Zeit lang zu Burgund gehörte, jedoch seit 1032 dem Deutschen Reiche zufiel. B. wurde früh der Sitz eines Bischofs, der sich seit dem H.Jahrh. mit dem Reichsvogtr, mit mehren adeligen Familien und der Bürgerschaft in die oberste Gewalt theilte. Unter manchen inner» und äußern Wirren ward die Macht des Adels nach und nach gebrochen, der Bischof in seinen Rechten beschränkt und damit die Gewalt der Bür- 88 Basel gcrschaft immer mehr ausgedehnt. Zugleich wurden die umliegenden Burgen zerstört oder mit ihrem Gebiet erobert oder erkauft und auf diese Weise die Herrschaft der Stadt über die bis in die neueste Zeit in Abhängigkeit und Unterthänigkeit gehaltene Landschaft erweitert. In zahlreichen Fehden mit den Habsburgischen Dynasten verwickelt, schloß sich V. nach Grün- düng des Schweizerbundes diesem enger an, besonders nach der ruhmvollen Schlacht bei St.-Jakob an der Birs im I. wo sich 1600 Baseler und Eidgenossen einer Masse von 30000 Franzosen erwehrt hatten. Endlich trat cs nach dem Frieden zwischen Kaiser Maximilian I. und der Eidgenossenschaft dieser >501 förmlich bei. Seit 1519 wurden in B. die Schriften Luther's gedruckt und nach zwei Jahrzehnden war die reformirte Lehre allgemein eingeführt; das Domcapitel wanderte aus und.die Klöster wurden eingezogcn. Seit der Verbindung mit der Schweiz gewann das bürgerlich demokratische Element noch entschiedener die Oberhand, sodaß 1516 ein Theil des Adels auswanderte und die Zurückgebliebenen den Zünften völlig gleichgesetzt wurden. Diese fast ausschließliche Beschränkung der Gewalt auf die Männer der Gewerbe und des Handels förderte die Ausbildung eines eigen- thümlichen städtischen Geistes mit seinen bürgerlichen Tugenden des geordneten Fleißes, der Sparsamkeit und einer wenigstens äußerlichen Sittenstrenge, aber auch mit seinen politischen Fehlern des absondernden Vorurtheils, der Theilnahmlosigkcit an den großen Schicksalen des Völkerlebens und des Mangels an freierm Blicke. Doch fehlte es auch im engen Kreise dieses städtischen Gemeinwesens nicht an Reibungen zwischen der Bürgerschaft und der ihre Gewalt mißbrauchenden Obrigkeit, wie es bei der Verfassung, die allmälig sich herausbildete, kaum anders sein konnte. Die Stadt stand an der Spitze des Staats und die Gewalt war in den Händen eines Großen und eines Kleinen Raths, von je 280 und 64 Mitgliedern, unter dem Vorsitze wechselnder Bürgermeister und Obcrzunstmeistcr. Beide Räthe aber ergänzten sich selbst aus den durch das Loos bestimmten Genossen der 15 Zünfte der großen Stadt und der drei Quartiere der aus dem rechten Rheinufer gelegenen kleinen Stadt. Der Kleine Rath war nicht blos die höchste vollziehende Behörde, sondern vereinigte auch wichtige Attribute der gesetzgebenden und richterlichen Gewalt, sodaß endlich selbst den Zünften nur noch sehr unbedeutende Befugnisse zustande». Der Landschaft gegenüber, wo der materielle Wohlstand zunahm, aber wenig für die geistige Bildung gethan wurde, hielt in- deß die Stadt, die alle erheblichen weltlichen und geistlichen Stellen aus ihren Bürgern besetzte, als compacte Masse zusammen. Der Unmuth der Landschaft über diese Zurücksetzung war schon in srühern Jahrhunderten wiederholt in fruchtlosen Aufstand ausgebrochen, als die Erschütterungen der franz. Revolution auch diese kleine Republik bewegten. Während aufgeklärte Bürger der Stadt, an ihrer Spitze der Oberzunftmeister Pet. Ochs, mit Reformplanen umgingen, kam es auf dem Lande zu Unruhen. Erst nachdem die Schlösser Waldenburg, Farnsburg und Homburg in Flgmmen aufgegangen, beschloß am 20. Jan. 1798 der souveraine Rath in B. die Freilassung des gesammten Volks vom Unterthanenzu- standc und die Anerkennung einer allgemeinen staatsbürgerlichen Rechtsgleichheit. DcrCan- ton nahm hierauf Theil an den Schicksalen der Helvetischen Republik und an der Mediation und erhielt in dieser letzter» Periode eine Verfassung, die das Princip „der Rechtsgleichheit unangetastet ließ, aber gleichwol auf indirektem Wege der Stadt das Übergewicht sicherte. Damit nicht zufrieden, schrieb der Große Rath unter dem Einflüsse der Restauration dem Cankon schon um 4. März 1814 eine neue Verfassung vor, die durch die Vertheilung der Repräsentation und die Besetzung der für lebenslänglich erklärten Rathsstellen die Rechtsgleichheit der Landschaft zum leeren Schattenbilde machte. Derselben Verfassung wurde 1815 der zum früher» Bisthum B. gehörige und nun dem Canton einverleibte sechste Bezirk Birseck unterworfen, etwa 3 OM. groß mit 5—6000 katholischen E. Gegen außen wußte indeß der neuconstituirte Staat seine Würde zu behaupten und wies 1824 das Ansinnen einer Ausweisung der nach B. geflüchteten politischen Verfolgten entschieden zurück. Im Innern aber nährte der Sieg der Stadt immer mehr dasMistrauen der Landschaft, und da 1829 und 1830 viele Cantone zur Verfassungsreform schritten, so trat auch in B. am 18. Oct. eine im Bade Bubendorf gehaltene Versammlung aus mehren Gemeinden mit einer Petition an den Großen Rath und der Erinnerung an die Freiheitsurkunde von 1798 hervor. Der Große Rath ging auf den Vorschlag der Reform ein, wollte aber den Entwurf Basel 89 einer Commission aus seiner Mitte übertragen. Darüber erhob sich Streit; die Landschaft waffnete sich und in Liestal ward am 6. Jan. 1831 eine provisorische Regierung gewählt. Vgl. „Darstellung der jüngsten Begebenheiten im Canton B."(Bas. 1831). Aber die städtischen Milizen und Miethsoldaten zerstreuten die schlecht gerüsteten Haufen der Land- leute, besetzten Liestal, verjagten die provisorische Negierung und unter dem Einflüsse des Schreckens ward jetzt die neuentworfene Verfassung am 16. Jan. mit Mehrheit angenommen. Unzeitige Strenge der Gewalthaber und Aufhetzereien von der einen und der andern Seite, fachten den Bürgerkrieg von neuem an. Fortan erwehrte sich die Landschaft aller militairischen Versuche der Städter und constituirte sich-als besonderer Staatskörper durch das am 27. Apr. 1832 vom Verfassungsrath in Liestal entworfene Grundgesetz. Schonvorher, im Febr. 1832, hatte die städtische Partei 36 Gemeinden aus dem Staatsverbande gestoßen. Nachdem sie sodann dem Bunde von Sarnen (s. Schweiz) beigetreten, überfiel sie am 3. Aug. 1833 ungeachtet des von der Tagsatzung gebotenen Landfriedens mit bewaffneter Macht die Landschaft. Doch in einem blutigen Gefechte wurden die städtischen Truppen mit starkem Verlust zurückgeschlagen. Jetzt besetzten eidgenössische Truppen den Canton, und die Tagsatzung erkannte dieTrennung der beiden Cantonstheile an, wodurch Basel-Stadt auf das Stadtgebiet und drei Dörfer auf der rechten Rheinseitc, und hiermit auf einen Flächenraum von 1^'/io°» mStunden mit 23560 E. beschränkt wurde. Ein weiterer Tagsatzungsbeschluß vom 16. Sept. 1833 setzte die Geld- und Mannschaftscontingente der beiden Cantonstheile fest und endlich wies ein zur Theilung des Staatsvermögens niedergesetzteS eidgenössisches Schiedsgericht am 13. Apr. 1835 der Landschaft 63 Procent vom unmittelbaren und mittelbaren Staatsgute zu, sowie 60 Proccnt vom Kirchen- und Schulgute, ungefähr im Werthe von je 063000 und 1,000000 Schweizerfranken. Mit Rücksicht auf dieTrennung hatte zugleich die Tagsatzung dem Canton Basel Stadt die Vorlage einer neuen Verfassung zu eidgenössischer Gewährleistung aufgegeben. Diese Constitution kam am 3. Oct. 1833 zu Stande und schließt sich nach ihren Princivien der staatsbürgerlichen Rechtsgleichheit, Gewaltentrennung, Öffentlichkeit, Beschränkung der Amtsdaucr auf sechs Jahre, mit Ausnahme der Richterstellen, Preßfreiheit u.s.w., den andern Verfassungen der regenerirten Cantone an. Für die Wählbarkeit in den aus 110 Mitgliedern bestehenden Großen Rath, als die höchste gesetzgebende und oberaufsehende Behörde, ist die gewöhnliche Bedingung ein Amt im Canton, oder 1500 Franken Vermögen in Grundeigenthum oder hypothekarische Foderungen, oder eine Capital- oder Gewerbsteucr von jährlich 6 Francs. FürVerfassungsänderungen ist regelmäßig die Zustimmung von zweiDrit- theilen des Großen Raths und immer die Annahme durch die Mehrheit der stimmfähigen Staatsbürger erfoderlich. Der aus 15 Mitgliedern des Großen Raths gebildete, von zwei Bürgermeistern in jährlichem Wechsel präsidirte Kleine Rath steht an der Spitze der Administration. Die höchste Instanz in Civil- und Criminalsachen ist das Appellationsgericht von 13 Mitgliedern, das zugleich die Aufsicht über die beiden Bezirksgerichte, das Criminal- gcricht und das correctionelle Gericht führt. Die zur Anwendung kommenden beson- dern Gesetze sind das Criminal-und correctionelle Gesetzbuch von 1821, die Gerichtsordnung von 1710 nebst Anhang, eine Ehegerichtsordnung von 1837 und die in mehren Samm- lungcn zusammengestellten einzelnen Verordnungen. Die Finanzen sind geordnet; die Staatsschuld betrug 1830 noch 1Mill. Fr. zu 3 und 3'/ Procent. Durch die Ereignisse von 1833 in eine feindselige Stellung gegen die Mehrheit der andern Cantone gedrängt, hielt sich Basel-Stadt in Sachen der eidgenössischen Politik neuerdings in der Abstimmung über die aargauische Klosterfrage (s. S chw eiz) stets auf die Seite der sogenannten konservativen Stände. Die gegenseitige Mißstimmung hat sich jedoch in neuester Zeit gemindert, wie davon die Teilnahme der baseler Schützen an den letzten eidgenössischen Schützenfesten und die zur Säcularfeier der Schlacht von St.-Jakob beschlossene Verlegung des nächsten Schützenfestes nach Basel selbst Zcugniß gibt. Auch hat die Partei des Fortschrittes, die gegenwärtig in der „Schweizerischen Nativnalzeitung" ein Organ gefunden, während der letzten Jahre in Basel-Stadt etwas größere Verbreitung gewonnen. Vgl. Ochs, „Geschichte der Stadt und Landschaft B." (8 Bdc., Bas. 1706—1822), Köllncr, „Statistisch.geogra- 90 Basel vhische Beschreibung des Cantons B." (Bas. 1823) und Burckhard, „Statistisches Gemälde von Basel-Stadt" (Sr.-Gallen 181 l). Der Canton Bascl-Landschaft, mit dem Hauptorte Liestal, hatte am Ende des I. 1836 eine Bevölkerung von -ilOOO E- in vier Verwaltungsbezirken und 75Gemeindcn. Nach der Verfassung beruht die Souvcrainetät auf, der Gesammlheit der Activbürger; sie erkennt Gleichheit vor dem Gesetze an, allgemeine Ämtersähigkeit unter gleichen gesetzlichen Bedingungen und periodische Erneuerung der Behörden; Recht der Petition, Association und Volksversammlung; Freiheit der Presse, des Glaubens und der Lehre unter einigen nähern Bestimmungen; allgemeine Wehrpflichtigkeit und Loskäuflichkeit von Feudallasten. Alle Vorrechte des Orts, der Geburt, des Standes und Vermögens sind aufgehoben und der öffentliche Gebrauch adeliger Titel ist untersagt. Die' höchste gesetzgebende und vollziehende Behörde ist der von den Wahlkreisen gewählte Landrath, sodaß je 500 Bewohner einen Abgeordneten ernennen. In Nothfällen kann der Landrath einen Ausschuß aus seiner Mitte bestellen. Als Schranke gegen übereilte und unreife Gesetzgebung besteht das conservativ- demokratische Institut des Veto in der Art, daß die Gesetze erst Gültigkeit erlangen, wenn nicht zwei Dritthcile der in ihren Gemeinden versammelten Staatsbürger binnen 14 Tagen Einsprache dagegen erhoben haben. Der vom Landrath gewählte Regierungsrath ist die höchste Vollzichungs- und Administrativbehörde. Die Verwaltung der Justiz geschieht durch Friedensrichter, Bezirksgerichte und in höchster Instanz durch ein Obcrgcricht, das zugleich Criminalgericht und richterliche Aufsichtsbehörde ist. Die freiwillige Gerichtsbarkeit ist be- sondern Beamten übertragen. Nur die Geistlichen der reformirten und katholischen Kirche werden besoldet; den reformirten Kirchengcmeindcn, die ihre Pfarrer blos auf fünf Jahre wählen, ist seit 1832 das Collaturrecht überlassen. Im 1.1838 trat .die erste Nevisionsperiode der Verfassung ein; die wichtigste Abänderung, wodurch die Gewaltentrennung in dem jungen und an politischen Capacitäten nicht sehr reichen Staate wol auf eine allzu hohe Spitze getrieben wurde, ist die Bestimmung, daß Mitglieder der höchsten vollziehenden und richterlichen Behörde nicht zugleich Landräthe sein, noch sonst ein Amt bekleiden sollen. In das anfangs schlecht geordnete Finanzwesen ist nach und nach mehr Regelmäßigkeit gekommen; doch klagt man noch zuweilen über verzögerte Vorlage der Staatsrechnungen. Das eidgenössische Contingent an Mannschaft und Geld ist auf etwas über 90V M. und gegen 9000 Franken bestimmt. Gesetze vom J. 1835 organisiren das Schulwesen, ohne daß das Volk, dem seine frühere geistige Vernachlässigung unter der Herrschaft der Stadt wol zum Bewußtsein gekommen war, die liberale Ausstattung der Bildungsanstalten durch sein Veto verhindert hätte. Neben bemerkbaren Fortschritten in der Bildung hat sich auch der materielle Wohlstand gehoben, ungeachtet der kritischen Momente und Wirren, wie sie in den ersten Jahren meist aus dem Conflict der Negierung mit einigen, auf ihre behaupteten kirchlichen Gerechtsame eifersüchtigen Gemeinden entsprungen waren. Dem Auslande gegenüber veranlaßte die gegen das gesetzliche Verbot versuchte Ansiedelung franz. Juden, der Gebrüder Wahl aus Mühlhausen, ernstliche Irrungen und von Seite Frankreichs die Anordnung einer Sperre vom Oct. 1835 bis zur Mitte 1836. In eidgenössischen Parteifragen stimmte Basel-Landschaft bisher stets im Sinne der regencrirtcn Cantone, sodaß sich in der Regel die Voten der beiden baseler Halbcantone auf der Tagsatzung gegenseitig aufhobcn. Die StadtB. hat gegenwärtig über22300 E-, könnte jedoch ihrem Umfange nach eine weit größere Anzahl fassen. Im Mittelalter, ehe hier im 14. Jahrh. mit besonderer Heftigkeit die Pest oder der Schwarze Tod wüthcte, woher noch jetzt der Ausdruck „Tod von Basel" sich erhalten hat, mag sie wol eine bedeutend stärkere Bevölkerung gehabt haben. Das Äußere der wohlgebauten, reinlichen Stadt verkündet indeß nicht den großen Wohlstand, wonach sie in der Schweiz nächst Genf für die reichste gilt und darum auch in der eidgenössischen Geldscala in höchster (achter) Elaste erscheint. Unter den Bauwerken sind außer der seit 1226 erbauten 715 F. langen Rheinbrücke besonders bemerkcnswerth her Münster, mit den Grabmälern der Gemahlin Rudolfs von Habsburg, des Erasmus, Öcolampadins u. A., die Johanniskirche, das Nathhaus und Zeughaus. Es hat viele und guteingerichtcte Wohlthätigkeits- und Untcrrichtsanstalten, und seit 1459 eine Universität, mit einer Bibliothek von 50—60000 Bänden, einem Münzcabinet, botanischem Garten und naturwis- Basel 9i 'enschaftlichcm Museum. Zn der Reformation war die Universität ein Mittelpunkt de- geistigen Lebens und zählte in der Folge, wenn auch im Ganzen ohne besonders eingreifende Wirksamkeit, zeitweise höchst ausgezeichnete Männer der Wissenschaft unter ihre Mitglieder, doch ist sie in der neuesten Zeit unter den schweizerischen Hochschulen die wenigst besuchte. Weit bekannt ist das Seminar für Missionare, mit dem eine Missionsgcscllschaft in Verbindung steht. Vgl. Lutz, „Geschichte der Universität B." (Aarau 1826). JnneuererZcit ist in B eine Antiquarische Gesellschaft zusammcngctretcn, die in ihren „Mitthcilungen" (Bd. I, Zur. 1841, 4.) herrliche Beiträge zur Geschichte des Cantons und der Stadt, z. B. über den Münster, über die Münzen u. s. w., geliefert hat. Am 5. Apr. und 22. Juli >795 wurden in B. zwei für die Schicksale Deutschlands und der Pyrenäischen Halbinsel gleich verhängnißvolle Friedensvcrtrage unterhandelt und abgeschlossen von dem Botschafter der franz. Republik, Barthc'lemy, mit dem Grafen von Eolz und nach dessen Tode mit dem Minister von Hardenberg als Repräsentanten Preußens, sowie mit dem Abgesandten Spaniens, Unarte. Preußen, dem sich am 26. Aug. der Landgraf von Hessen-Kassel in einem besonder« Vertrage anschloß, trat hiernach von der Koalition gegen Frankreich zurück und sagte sich selbst als deutscher Rcichsstand vom Neichskriege los. Es nahm durch eine Demarkationslinie alle norddeutschen Neichsstände, die sich gleich ihm lossagcn würden, in seinen Schuh und übergab seine überrhcinischen Besitzungen, vorbehaltlich einer künftigen nähern Übereinkunft, der siegreichen Republik. Spanien verlor zwar nur seinen Antheil an der Insel S.-Domingo, bahnte sich aber durch diesen Frieden den Weg zu der später so bedeutungsvoll gewordenen Allianz mit Frankreich. Die allgemeine Kirchenversammlung zuB., welcheaus derKirchenversamm- lung zu Konstanz angekündigt und vom Papst Martin V. und dessen Nachfolger Eugen >V. ausgeschrieben wurde, begann am 14. Dec. 1431 unter Vorsitz des Cardinallegatcn Julian Cesarini von S.-Angelo. Sie sollte die Ketzereien, zunächst die hussitische, auszurotten, alle christliche Völker mit der katholischen Kirche zu vereinigen, die Kriege zwischen christlichen Fürsten zu beendigen suchen und die Kirche an Haupt und Gliedern reformircn. Doch schon ihre ersten Schritte zu friedlicher Versöhnung der Hussiten, die Julian mit einem Krcuzheere vergeblich bekriegt hatte, wollte der Papst nicht gutheißen und ermächtigte den Cardinallegatcn zur Auflösung des Conciliums. Dieses wies das Ansinnen des Papstes mit scharfer Rüge ab und setzte ungeachtet wiederholter päpstlicher Befehle, es nach Italien zu verlegen, seine Behandlungen fort. Um sich vor Störungen von Seiten Eugen's IV. zu sichern, wieder- holte es die konstanzer Beschlüsse von der Berechtigung einer allgemeinen Kirchenversammlung in Sachen des Glaubens, des Schisma und der Reformation über den Papst wie über die ganze Christenheit zu gebieten, und vermöge ihrer richterlichen Gewalt als Stellvcrtre- tcrin der ganzen Kirche Ungehorsame jedes Ranges, selbst den Papst, bestrafen zu können, und erklärte alle Einreden desselben gegen ihrVerfahren für nichtig. Als dessenungeachtet der Papst Bullen zur Auflösung der Kirchenversammlung erließ, leitete dieselbe einen förmlichen Proceß wider ihn ein, setzte ihm Fristen auf Fristen, vor ihrem Gerichte zu erscheinen, und übte in Frankreich und Deutschland seine Gerechtsame aus. Gleichzeitig schloß sie im Namen der Kirche mit den Hussiten, deren Abgeordnete am 6. Jan. 1433 mit 366 Reitern zu Basel erschienen, durch die prager Compactaten am 26. Nov. 1433 einen von den Calix- tinern, der mächtigsten, endlich siegenden hussitische« Partei, angenommenen Frieden ab, worin sie ihnen den Gebrauch des Kelchs beim Abendmahle bewilligte. Kaiser Sigismund, dem sie durch die in letzterer Beziehung bewiesene Nachgiebigkeit gegen die mit Waffen nicht zu bezwingenden Hussiten zum Besitze Böhmens verhalf, vermittelte ihre Aussöhnung mit Eugen IV., der, gedrängt durch Empörungen im Kirchenstaate, und um seinen Einfluß auf Deutschland und Frankreich nicht ganz zu verlieren, sie und alle ihre bisherigen Beschlüsse in einer von ihr selbst dictirten Bulle vom 15. Der. 1433 feierlich bestätigte. Stolz auf diesen Sieg über den Papst, wollte sie auch über eine Klage Herzog Erich's von Lauenburg gegen Friedrich den Streitbaren wegen Belehnung mit der sächs. Kur entscheiden, wurde aber durch Sigismund's Protestation gegen jede Einmischung in die Reichsangelcgenheiten auf ihr Hauptgeschäft, die bisher vernachlässigte Reformation der Kirche, zurückgewiesen. Nur zur Einschränkung des Papstes hatte sie schon am 13. Juli 1434, gestützt auf die altchristlkche --"Sr -<4Hr ^ 92 Bafel Kirchenverfaffung, einen wichtigen Schritt gcthan, indem sic ihm und seiner Curie die von seinen Vorgängern erschlichene Disposition über die Pfründen an Kathedral- und Collcgiat- kirchen absprach, die freie Wahl ;u Capitular- und Kanonikatstellen den Capiteln selbst m- rückgab und den Papst zu unentgeltlicher Bestätigung derselben verpflichtete. Zur Reformation des Klerus schritt sie erst durch die Beschlüsse vom 22. Jan. und'S.Juni 1435, daß Geistliche, welche Beischläferinnen hielten, und Prälaten, die dies für Geld gestatteten, be straft, Ercommunicirte nicht vor der Bekanntmachung ihres Unheils gemieden, Jnterdictc nie wegen einzelner Personen verhängt, wiederholte Appellationen wegen derselben Beschwerde nicht angenommen, Annaten, Gelder für Pallien und Deports (Annaten der Pfarrer an die Bischöfe) unter keinem Vorwände gefedert oder entrichtet, vielmehr als Simonie geahndet, Gottesdienst, Messen und kanonische Stunden von den Geistlichen jedes Standes regelmäßig abgcwartet, Störungen der Andacht durch gute Kirchenpolicei abgewehrt, die Narrenfeste und alle zur Weihnachtszeit in den Kirchen üblichen Ungcbührlichkeiten abgeschafft werden sollten. Hierauf wurde am 25. Mär; I ä36 die Form der Wahl, des Glaubensbekenntnisses und Amtseides jedes Papstes mit Verpflichtung auf die Beschlüsse des Conciliums und jährliche Wiederholung derselben vorgeschrieben, jede Beförderung der Verwandten eines Papstes verboten und das Collegium der Cardinäle auf 23 verdiente Prälaten und Doctoren aus allen Nationen beschränkt, die durch freie Abstimmung des Collegiums gewählt werden, die Hälfte aller Einkünfte des Kirchenstaats genießen, über die Amtstreuc des Papstes wachen und seine Bullen stets unterzeichnen sollten. Übrigens ließ man ihm nur das Recht, die zum Sprengel von Rom gehörigen Pfründen zu vergeben, und schaffte die Verleihung von Anwartschaften auf Kirchenämter ab. Eugen IV., dadurch aufs Äußerste erbittert, bestürmte die Könige mit Beschwerden über die baseler Beschlüsse und benutzte die Anstalten zur Vereinigung der bedrängten Griechen mit der röm. Kirche, um das Concilium aufzulösen. Die Griechen, diesen inner« Zwist nicht ahnend, hatten sich gleichzeitig an den Papst und an daS Concilium gewendet. Beide wetteiferten, einander den Ruhm der Union aus den Händen zu winden, beide schickten Galeeren ab, welche die Abgeordneten der Griechen an den Ort der Verhandlungen bringen sollten, und beide bestimmten dazu nach Maßgabe ihres Vortheils andere Städte. Aber die Galeeren der Kirchenversammlung kamen, durch Ränke päpstliche! Agenten zurückgehalten, nicht zum Zweck, die päpstlichen Schiffe brachten die Griechen nach Ferrara, und ein päpstlicher Legat zu Basel, der Erzbischof von Tarent, breitete im Namen der Kirchenversammlung eine mit Hülfe ihrer Siegel hinter ihrem Rücken geschmiedete Verordnung aus, worin nach den Wünschen Eugen's Udine oder Floren; zum Verhandlungsort empfohlen ward. Dieser Betrug zerriß das Band schonender Rücksicht, das die Kirchcnver- sammlung bisher von neuen Angriffen auf den Papst abgehalten hatte. Am 3l. Juli 1431 begann sie wieder, ihn wegen Ungehorsams gegen ihre Decrete vorzufodern, Contumazerklä- rungen folgten, und nachdem Eugen sein Gegenconcilium zu Ferrara eröffnet hatte, sprach sie in der Versammlung am 24. Jan. 1438 seine Suspension von der Verwaltung des Papstthums aus. In derselben Sitzung verbot sie jede Appellation nach Rom mit Übergehung der Zwischeninstanzen, überließ der päpstlichen Disposition nur eine von zehn und 2 von 56 Probenden an einer Kirche und bestimmte den dritten Theil aller erledigten Kanonikate für gra- duirke Gelehrte. Die Suspension Eugen's schien jedoch wegen der Stärke seines Anhanges so wenig ausführbar, daß einige der Prälaten, die bisher die freimüthigsten und einflußreichsten Sprecher auf dem Concilium gewesen waren, z. B. der Cardinallegat Julian selbst und der große Kanonist Nikolaus von Cusa, Archidiakonus von Lüttich, mit den meisten Italienern Basel verließen und auf Eugen's Seite traten. Mit desto größerer Festigkeit leitete nun der Erzbischof von Arles, Cardinal Ludwig Allemand, ein an Geist, Muth und Beredtsam- keit Allen überlegener Mann, als erster Präsident der Kirchenversammlung, die Schritte derselben. Obgleich ihre Zahl gesunken, ihr mächtigster Beschützer, Kaiser Sigismund, gestorben und durch ihren entschiedenen Bruch mit dem Papste vielen Fürsten und Nationen selbst ihre Befugniß verdächtig geworden war, erklärte sie doch nach heftigen Debatten, bei Venen auch noch einer ihrer Helden, der Erzbischof von Palermo, Nik. Tudeschi, unter dem Namen Panormitanus als der größte Kanouist seiner Zeit bekannt, sich im Aufträge des Königs von Aragon und Sicilien des Papstes annahm, diesen wegen hartnäckigen Ungehorsams Bafilides Basilika 93 -egen ihre Beschlüsse am 16. Mai >439 für einen Ketzer und setzte ihn in der folgenden Session wegen Simonie, Meineid, Verletzung der Kirchengcsehe und schlechter Amtsver- walttmg förmlich ab. Bei dieser Session am 25. Mai 1359 waren nur zwei Spanier und Italiener zugegen, aber der Präsident ergriff ein ebenso sinnreiches als wirksames Mittel, den Beschluß dennoch durchzusctzen. An die Stellen der fehlenden Bischöfe ließ er die in Basel vorhandenen Heiligenreliquien legen und brachte dadurch bei der noch aus 399 größten- theils franz. und deutschen Prälaten, Priestern und Doctoren bestehenden Versammlung eine so tiefe Erschütterung hervor, daß sie einmüthig in Eugen's Absetzung willigten. Darauf wählte die Versammlung, der Pest in Basel, die ihre Zahl abermals verminderte, nicht achtend, in regelmäßigem Conclave am 17. Nov. 1339 den Herzog Amadeus von Savoyen, der als Eremit zu Ripaglia am Gcnfersee lebte, zum Papste. Felix V., wie er sich nannte, fand jedoch nur bei wenigen Fürsten, Städten und Universitäten die gesuchte Anerkennung. Die Hauptmächte, Frankreich und Deutschland, nahmen zwar die baseler Reformationsde- crcte an, wollten aber in der Streitsache mit Eugen neutral bleiben. Dieser gewann inzwischen durch den Ruhm der mit den griech. Abgeordneten zu Florenz geschlossenen, von der griech. Kirche später verworfenen, Union und durch Kaiser Friedrichs III. Freundschaft neues Ansehen, während das von ihm geächtete, von seinen Beschützern verlassene Concilium zu Basel unter seinem unmächtigen Papste immer mehr zusammenschmolz, und nur noch auf die persönliche Sicherheit seiner Glieder und auf Erhaltung eines anständigen Scheines seiner Fortdauer bedacht, nach dreijähriger, durch wenige unbedeutende Beschlüsse untctbroche- ner Unthätigkeit seine letzte Sitzung am 16. Mai 1333 hielt, worin es sich nach Lausanne verlegte. Zu Lausanne blieben noch einige Prälaten unter dem Cardinal Ludwig Allemand bis 1339 beisammen, in welchem Jahre sie, nach Eugen's Tode und der Resignation des Gegcnpapstes Felix V., die von dem neuen Papste Nikolaus V. angebotene Amnestie mit Freuden annahmen und das Concilium für geschlossen erklärten. Die baseler Beschlüsse sind in keine röm. Conciliensammlung ausgenommen und von den röm. Curialisten für nichtig erklärt worden. Dennoch sind sie eine Quelle des kanonischen Rechts für Frankreich und Deutschland, da die baseler Reformationsdecrete in die pragmatischen Sanktionen beider Reiche ausgenommen und, soweit sic die Kirchenzucht betreffen, wirklich in Kraft gefetzt wurden. Spätere Concordate haben die Anwendung derselben bedeutend modificirt, aber nicht förmlich und völlig aufgehoben. (Vgl. Deutsche Kirche und Gallicanische Kirche.) Keine allgemeine Kirchenversammlung hat zweckmäßigere und tiefer cindringendc Beschlüsse zur Verbesserung des Kirchenregiments und der Kirchenzucht gefaßt, keine mehr gethan, das durch päpstliche Herrschsucht fast vernichtete Amtsansehen der Bischöfe und somit die alte echte apostolische Kirchenverfaffung wiederherzustellen, als die baseler; nur konnten die Kanonisten, von denen sie fast ganz geleitet wurde, sich von der damals herrschenden Idee eines allgemeinen Episkopats des Papstes noch nicht losmachen, und daher blieben ihre kräftigsten Beschlüsse zur Einschränkung desselben auf seinen ursprünglichen Beruf nur halbe Maßregeln, deren Inkonsequenz ihre ganze Reformation unkräftig machte. Hätte sie ihren Hauptzweck, an die Stelle der päpstlichen Monarchie eine hierarchische Aristokratie zu setzen, in Ausführung bringen können, so würde zwar mancher Anlaß zur Klage über den päpstlichen Despotismus beseitigt, aber die Reformation durch Luther im 16. Jahrh. dennoch nicht überflüssig geworden sein. Bafilides, ein alcrandr. Gnostiker zurZeit Kaiser Hadrian's, nahm 365 aus Gott stufenweise emanirte Geisterordnungen (s. Abraxas steine) an. Der Fürst der untersten, der Judengott, hat die Welt geschaffen und dem Menschen die geistige Kraft verliehen; um die>e aus der Materie zubcfreien, verbindet sich der erste Äon, Nus, d. i. Vernunft, mit Jesus und belehrt die Menschen über die Bestimn ung ihres vernünftigen Geistes zur Rückkehr in Gott. Die Anhänger des V., die Basilidianer, die bis ins 3. Jahrh. erwähnt werden, sahen dicGefchichtc Jesu als bloßen Schein an und verirrten sich zu sittlichem Adiaphorismus. Basilika, d. i. königliche Halle, ist der Name einer Gebäudcgattung des klassischen Altertums, die bcionders bei den Römern zur eigenthümlichen Ausbildung gekommen war. Die Basiliken dienten für die gemeinsamen Zwecke des kaufmännischen Verkehrs und der bürgerlichen Rechtspflege; sie bestanden demgemäß aus zwei Hauptkheilen, dem Raume für das 94 Basilika Basilius Publicum, der eine oblonge Grundfläche hatte und insgemein mit Säulenstellunzen, auch Galerien an den Seiten versehen war, und dem Tribunal, welches sich an jenen in der Form eines Halbkreises, die Sitze der Richter umschließend, anlehnte. So häufig indeß diese Gebäude bei den Römern waren, so haben sich doch nur sehr geringe Neste derselben bis aufdie Gegenwart erhalten. Die ersten christlichen Gemeinden nahmen die Basiliken zum Vorbild si,r ihre kirchlichen Vcrsammlungshäuser und behielten auch den klassischen Namen zur Bezeichnung des Kirchcngcbändes bei. (S. Baukunst.) Basilika, so benannt nach dem griech. Kaiser Basilius Macedo, gest. 8!?6, heißt das unter demselben begonnene Gesetzbuch des griech. Kaiserreichs, welches sein Sohn Leo der Weise vollendete und dessen Sohn Konstantin Porphyrogenneta 945 revidiren ließ. Es besteht aus 60 Büchern, ist eine Umarbeitung des Justinianeischen Gesetzwerks mit Berücksichtigung mancher unterdeß geänderter Verhältnisse und nach einem eigenthümlichen Plane verfaßt. Die Basiliken haben großen Werth für die Interpretation des (Corpus j»ris, und es ist zu bedauern, daß wir sie nicht mehr ganz vollständig besitzen. Die Hauptausgabe ist von Fabrott (7 Bde., Par. 1647, Fol.); eine neue hat Heimbach (Bd. I—3,Lpz. 1833—42, 4.) begonnen, doch umfaßt dieselbe erst ungefähr die Hälfte des Ganzen. Schon das Alter- thum lieferte verschiedene aufdie Basiliken bezügliche Schriften, welche ihr Berständniß und ihre kritische Behandlung erleichtern; so die „Olossss noinicae", kurze Worterklärungen; die „L^nopsis" oder „Lclogo. Dnsilicorum", das „Krodiiron" des Kaisers Basilius, und das zu dessen Ergänzung dienende „Lrocknron" des Konstantinus Harmenopulus, letzteres Auszüge aus den Basiliken, zum Theil aus ziemlich später Zeit. Von neuern Hülfsmitteln ist Haubold's „U-muale L»si1icorum" (Lpz. 1818, 4.) vorzugsweise zu nennen. Basilisk, eine Gattung Eidechsen mit hohen Hautlappen aufRücken und Schwanz, welche im Allgemeinen dem Leguan gleicht, von Insekten lebt und sich auf den Waldbäumm von Guiana aufhält. Der Indische Basilisk gehört einer andern Gattung an, wird 3—4F. lang, lebt wie die erstere und hält sich in Amboina auf. In der schon bei Pliniusvor- kommendcn Fabel tritt derBasilisk, der mit dem der gegenwärtigenZoologie nichts gemein hat, als eine ungeheure Schlange auf, die durch ihren Blick tödtet und durch ihre fürchterliche Stimme alles Lebende aus ihrer Nähe vertreibt. Die Schriftsteller des Mittelalters haben dieses Wesen noch abenteuerlicher ausgestattet, es oft abgebildet, z. B. Aldrovandi, und lassen es aus dem Ei eines alten Hahns ausgebrütet werden. Die morgen!. Völker geben ihrem Basilisk eine Gestalt, die aus Hahn, Kröte und Schlange zusammengesetzt, sich, wenn auch mit Veränderungen, in chines. Zeichnungen angedeutet findet. Basilius, der Große genannt, geb. 329 zu Cäsarea in Kappadocien, studirte unter Len heidnischen Philosophen zu Athen und trat zuerst als Sachwalter in seiner Vaterstadl auf. Später stiftete er eine Mönchsgesellschaft und ward 362 zum Presbyter geweiht. Schon 364 seines AmtS entsetzt, im folgenden Jahre aber wieder zurückberufen, wurde er 370 Bischof; als solcher starb er 379. Trotz seiner schwankenden Äußerungen über die Homousir des heil. Geistes genoß er unter den griech. Kirchenvätern das größte kirchliche Ansehen, namentlich in Anerkenntniß seiner Verdienste um die Regelung der Kirchcnzucht, des Gottesdienstes und der Verhältnisse der Geistlichkeit, in Betracht der Menge gehaltreicher Predigten, in Hinsicht der Kraft, mit welcher er bei aller Friedfertigkeit gegen die Arianer kämpfte, und vor Allem wegen seiner erfolgreichen Bemühungen zur Beförderung des Mönchslebcns, für das er die noch jetzt geltenden Gelübde und Regeln entwarf, denen gemäß er selbst lebte. Die griech. Kirche verehrt ihn als einen ihrer vorzüglichsten Schutzheiligen und feiert sein Fest den 1. Jan.; die Mönche und Nonnen sowol dieser als auch der übrigen orient. nicht unirken Kirchen folgen fast durchaus seiner Regel; auch in Italien gab es sonst, und in Sicilien und Amerika gibt es noch jetzt Klöster dieser Gattung, welche den Orden der Basilianer bilden. Die von B. verordnten Gelübde des Gehorsams, der Keuschheit und der Armuth sind die Regeln aller Ordensgeistlichen der Christenheit, obgleich er eigentlich nur Stammvater der morgen!. Ordcnögcistlichcn ist. Unter seinen Schriften, die am besten von Garnier (3 Bde., Par. 1721—30, Fol.) und von den Bencdictinern (3 Bde., Par. 1639) hcrausgcgeben wurden, besonders unter den moralischen und ascrti- schen, find viele, deren Echtheit bezweifelt wird. Vgl. Klose, „B. der Große, nach stimm BasiS 95 ich Leben und seiner Lehre" (Strass. I8Z5). — Bas ilius, Bischof von Ancyra, dasHaupt rm der Semiarianer, deren Lehren er gegen EudoxiuS mit großem Eifer vertheidigtc, wurde, 'de ungeachtet er bei dem Kaiser Konstantius hoher Gunst genoß, 380 durch das Concil zu en- Konstantinopel abgesetzt und nach Jllyrien verwiesen. ^>r Basis nennt man überhaupt die Grundlage einer Sache. In der Geometrie ver- ich- steht man darunter diejenige Seite einer geradlinigen Figur, oder diejenige ebene Grenzfläche eines Körpers, welche als die unterste gedacht wird, sodaß die ganze Figur oder der das ganze Körper darauf ruht. Im gleichschenkligen Dreieck nimmt man gewöhnlich die un- der gleiche Seite zur Basis, im Prisma immer eine von zwei parallelen und congruenten Grenz- be- flächen, sodaß also im Parallepipcdum jede Grenzfläche zur Grundfläche genommen werden ück- kann, u.s.w. — In der Geodäsie ist die Basis eine gerade Linie von beträchtlicher Länge, am z. B. von einer halben oder ganzen Meile, auch wol darüber, die auf der Oberfläche der des Erde mit größter Sorgfalt, meist mit Meßstangen, gemessen und an welche dann durch von Rechnung und Beobachtung ein noch viel weiter ausgebreitetes Netz von Dreiecken gelegt -12, wird. Der Zweck dieser Operationen ist entweder dieVermeffung eines ganzen Landes oder lter- die Bestimmung der Größe eines Meridiangrades und somit zugleich der Größe und Gestalt und der Erde. (S. Meridianmcssung.) Die Basis muß in einer freien, übersehbaren Gegen ; gend auf einem so viel als möglich horizontalen, ebenen Boden genommen werden. — In l das der Militairsprache versteht man unter Basis einen Landstrich von unbestimmter Länge und lus- gewisser Breite, auf dem sich eine oder mehre Reihen Festungen befinden, welche am besten n ist durch einen großen Strom verbunden sind. Von dort aus werden die Operationen gegen den vorwärts oder zur Seite bclcgenen feindlichen Staat eingcleitet, weshalb eine solche Reihe anz, Festungen auch wol richtiger eine Operationsbasis genannt wird. So z.B.istderNhcin men von Koblenz bis Wesel als eine preuß. Operationsbasis gegen Belgien und derselbe Strom wird von Manheim (Rastadt) über Mainz bis Koblenz, als eine deutsche gegen Frankreich an- vor- zusehcn. Die auf der Basis liegenden festen Plätze oder Hauptorke heißen die Subjecte; mein der im feindlichen Lande liegende Punkt, gegen den eine Operation gerichtet ist, heißt das ürch- Object, deren cs auch mehre geben kann; die Linie, welche von einem Subject nach einem lter! Object führt, und deren es ebenfalls mehre geben kann, heißt die Operations-, Verbin- andi, dungs- oder Communicationsliniez der Winkel, unter welchem zwei oder mehre Opera- wlkei tionslinien im Object zusammentrcffen, der Operationswinkel. So viel von den Wort- , sich, erklärungen, deren Sachbegriffe folgende sind. Jedes im freien Felde operirende Heer hat zwei Hauptbedürfnisse, nämlich den Unterhalt und die Ergänzung seiner Verluste. Diese unter beiden Bedürfnisse müssen zu jeder Zeit Befriedigung finden können, wenn die Operatio- :stadt nen nicht ins Stocken gerathen sollen. Wenn man nun auch den Unterhalt während des Schon Vorrückens im feindlichen Lande finden sollte, z. B. durch Requisitionen, so werden die Er- > Bi- gänzungen an Menschen, Pferden, Waffen und Schießbedarf doch immer nur aus dem ci- louft genen Lande bezogen werden können, und hieraus geht die Nothwendigkeit sicherer Verbin- sthm, dungslinien mit der Basis hervor. Die Basis wird ferner am besten aus großen und star- Got- ken Festungen bestehen müssen, in welchen jene Ergänzungsstoffe schon beim Ausbruch des :Pre- Kriegs aufgehäuft und dort als Depots niedergelegt werden. Von hier aus werden als- :iami dann die Bedürfnisse dem operirenden Heere auf guten Landstraßen oder auf schiffbaren g de! Strömen nachgeführt. In der vortheilhaften Anlage der Basis liegt mithin eine Haupt- n ge- bedingung für das Vorschreiten einer Operation. Von einem solchen Heere sagt man, es sei utzhei- gut basirt. Ob die Basis dabei eine gerade oder eine krumme Linie bilde, sowie überhaupt ch der die geometrische Gestalt derBasis gehören zu den secundären Vortheilcn, wenn sonst nur die in gab Communicationen zwischen den Subjecten unter sich und den Objecten hinreichend gesichert je den sind, und der Feind das Nachführen der Hecresbedürfniffe nicht stören oder gar unterbre- z, der chen kann. Je ausgedehnter und reicher die Basis ist, und je näher sie an dem operirenden it, ob- Heere sich befindet, desto leichter wird auch der Unterhalt und die Ergänzung des letztern Schrif- bewirkt werden können. Rückt das Heer so weit vor, daß der Nachschub zu schwierig wird, tinern so muß man eine neue Basis anlcgen, sich von neuem basieen. Der Begriff der Opera- asttti- tionsbasis ist so alt wie der Krieg selbst und von den größten Feldherren aller Zeiten in dem stiiil»' angedeutcten Sinne verstanden worden. Nur erst in neuerer Zeit hat man den Gegenstand k - > - 96 Basken Baskervrlle K . 1 zu einer förmlichen Theorie erhoben, und aus den einfachen Begriffen der Basis und den damit in Verbindung stehenden Linien und Winkeln eine geometrische Figur construircn und mathematische Grundsätze zur methodischen Führung des Kriegs entwickeln wollen. Zu diesen Abirrungen gabHeinr.von Bülow das Signal durch seine Schrift „Geist des neuem Kricgssystems" (Berl. 1708). Vgl. „Handbibliothek für Offiziere" (Bd. 7, Berl. >830). Basken (die), Vasconier (Vuscollgus) oder IHsriiallimme, wie sie sich selbst nennen, bilden einen merkwürdigen Volksstamm, welcher in dem Winkel des Biscayischen Meers zu beiden Seiten des Westflügels der Pyrenäen wohnt und von der alten iberischen Völkerschaft der Cantabern abstammt. Auf span. Gebiete sind die B. über >17 lUM. in den drei Provinzen Guipuzcoa (s.d.), Biscay a (s. d.) und Alava (s.d.) in der Zahl von 370000 verbreitet, auf franz. wohnen ungefähr 130000 auf Ol OM. in den gascogni- schen Departements Arriege, Obcrgaronne und Ober- und Niederpyrenäen. Das span. Baskenland ist in dem Raume vom ober» Ebro bis zur Seeküste von dem Ostflügel des cantabrischen Küstengcbirgs erfüllt, dessen Sierren nördlich des alavaschen Plateaus in tausendfacher Richtung die zur See gewendeten Terrassen durchkreuzen und ein durchschnittenes Gcbirgsland bilden, in welchen der wildeste Felscharakter mit den lieblichsten Thälern, dichte Waldungen mit wogenden Getreidefeldern abwechseln. Das Land hat Holz und Weiden, Ackerbau und Tcrrassencultur, Viehzucht, Jagd und Fischerei, Salz und Eisen im Überfluß, zerstreuten Anbau in vereinzelten Höfen (Solares), gewerbsame Städte und belebte Hafen; es hat die See auf der einen, das Hochland auf der andern Seite, hier die Milde und Frische des oceanischen Klimas, dort den Schnee auf den Gebirgen; es ist die Kornkammer, die Eisenmine, die Waffenschmiede und der belebteste nördliche Hafen von Spamen und ganz geeignet, einen Parteigängerkrieg in allen seinen Elementen zu unterstützen, ein kräftiges und freies Volk zu beherbergen und eine Bedeutung zu behaupten, wie es wiederum die Ereignisse der neuesten Zeit bestätigt haben. Die B. haben noch ihre eigene Sprache, von ihnen selbst die Escuara-, Euscara- oder Esqucrasprache genannt, welche, umgeben von andern Dialekten, in ihrer Reinheit, ihrem weichen und harmonischen Charakter sich auszeichnet, für eine der ältesten Sprachen gilt und in drei Dialekte, den autrigonischen, vardulischen und eigentlich baskischen oder abortanischen zerfällt. Dü Sitten und Gebräuche erinnern noch gegenwärtig an die alten cantabrischen Vorfahren; es ist noch dieselbe Unerschrockenheit, Abhärtung und Ausdauer, dieselbe Freiheilsliebe und Tapferkeit, aber auch Leidenschaftlichkeit und Rachsucht, wie sie schon Hannibal zu schätzen wußte und wie sie in jüngster Zeit Don Carlos benutzte, um gegen die Christinos kämpfen zu können. Schön und stark ist ihr Körperbau, einfach sind die Sitten, noch altcr- thümlich die Trachten der Landbewohner; ein gewisser Wohlstand ist gleichmäßig verbreitet und noch zahlreich ist der baskische Adel, zum großen Theil noch hausend in halbzcrfallene» Burgen und viereckigen Thürmen, eusns «»Ins genannt. Die B. sind verschmitzte Schmuggler, tüchtige Soldaten, fleißige Ackerbauer, industriöse Werkleute und kühne Matrose»; sie waren die ersten Europäer, die auf den Walsischfang ausgingen und standen schon mit den Phöniziern in Verbindung. Sie ließen sich gegen Ende des 6. Jahrh. an der Nordseite der Pyrenäen nieder und wurden nach langen Kämpfen den frank. Königen untcrtha». Unter den Karolingern wählten sie sich einen eigenen Herzog; als aber die Familie desselben erloschen war, kamen sie im I I. Zahrh. unter die Herrschaft von Aquitanien, mit diesem 1153 an Frankreich und später an Spanien; doch behielten sie fortwährend ihre eigene Verfassung und besondere Gesetze, bis ihnen 1805 die erstere sehr beschränkt und die letzter», namentlich die Fueros, im Z. 1832 mit gänzlicher Beseitigung bedroht wurden. Das Aufheben derselben war die nächste Veranlassung zu ihrem Anschluß an Don Carlos und zum erbitterten Bürgerkriege, gleichwie deren Bestätigung in Folge des Vertrags von Vergara das Mittel gab zur Einstellung der Feindseligkeiten. (S. Spanien.) BitSkervtlle (John), der berühmte engl. Buchdrucker und Schriftgießer, war zu Walverley in der Grafschaft Worcester 1706 geboren. Anfangs Schreiblehrer in Birmingham, trieb er nachher daselbst mit großem Erfolg ein bedeutendes Lackircrgeschäst, neben welchem er sich jedoch seit 1750 auf das Schriftschneiden und Buchdrucken legte. Nach mühsamen und kostbaren Versuchen wurde er der Schöpfer schöner Typen, worin nach ihm >en md Zu MI l>). en, ers löl- d?n :on ;ni- an. des in nit- :rn, Vei- im be> die die von lter- wie ihre mit, oni< ekte, Die > eS und ichä- äm- Itcr- eitc! enen ugg- sen; mit feite ha», -lben esem Lcr- tern, rluf- zum zara r zu ung- ebcn stach ihm Basrah Basselissearbeiten 97 nur Bodoni und Didot noch Vorzüglicheres lcistcten. Er druckte mit denselben zu Vinning. Ham 175«; den Virgil in Mcdianquart, dem die Ausgaben mchrcr lat. Klassiker und einiger engl., z. B. Milton's, und ital. Schriftsteller folgten, unter denen der Ariosto ausznzcich- nen ist. Auch sein Neues Testament (Oxf. 176:;, 4.) wird in typographischer Hinsicht besonders geschätzt. Seine Verdienste um die Buchdruckcrkunst sind um so mehr einer rühmlichen Anerkennung wcrth, als ihm durchaus keine Aufmunterung zu Theil ward. Sein ganzes Druckgeräth, seine Schwärze, ja sogar sein Papier verfertigte er sich selbst. Er starb 1775. Beaumarchais kaufte d«ie von ihm nachgelassenen Lettern für 3760 Pf.St. und druckte damit zu Kehl die Prachtausgabe von Voltaire's Werken. B. war ein durchaus rechtlicher, gefälliger, aber finsterer Mann und von schönem Äußern. Er hatte die entschiedenste Abneigung gegen allen äußern Gottesdienst, den er unter jeder Form für Aberglauben erklärte. Seinem letzten Willen zufolge wurde er in einer gemauerten Grabstätte von conischer Form unter einer Windmühle auf seinem eigenen Grundstück begraben. Basrah, s. Bassora. Basrelief, s. Relief. Baß heißt in derMusik theils die unterste oder die Grundnotc eines Accords (Daßnote), theils die unterste oder die tiefste Stimme (Partie) eines mehrstimmigen Tonstücks und besonders die tiefste von den vier angenommenen Singstimmen. Der B^ß ist der Grund, auf welchem das ganze Gebäude der Harmonie ruht, und muß daher besonders gut und stark besetzt sein. Der gewöhnliche Umfang des Basses als Singstimme ist vom großen I'' bis zum eingestrichenen ck oder e. Unter den Instrumenten übernehmen diese Stimme die tiefern, welche dem Singbaß an Umfang und Ton ähnlich sind, z. B. das Fagott. Vorzugsweise wird unter den Instrumenten dieBaßgeige und zwar der Eontraviolon und das Violoncello so genannt. Erstere hat jetzt vier Saiten und einen Umfang von K bis zum einmal gestrichenen g den Noten nach; dem Klange nach steht sie eine Octave tiefer, also im 16 Fußton (s. Fuß ton), weshalb ihr zur Verdeutlichung immer das Violoncell beigcgeben wird, das die Töne gibt, die die Noten besagen (8 Fußton). Alle Baßstimmen und Baßinstrumentehaben ihren eigenthümlichenNotenschlüssel, nämlich den Baßschlüssel, welcher auch der K-Schlüssel heißt, weil cr aufdie Stelle im Liniensysteme gesetzt wird, auf welche die Note, die das kleine kbezeichnet, zu stehen kommen soll. (S. Violon und Generalbaß.) Bassäno, Handelsstadt an der Brenta, in der lombard.-vcnctian. Delegation Vicenza, mit l200V E., ist auf einer Anhöhe in weiter Ebene gelegen und durch eine schöne 182 F. lange Brücke mit dem großen Flecken Vicantino verbunden. Sie hat bedeutenden Wein- und Olivenbau, lebhaften Handel in Seide, Tuch und Leder und eine Freimesse. Die ehemals berühmte Druckerei von Remondini, welche 50 Pressen beschäftigte, ist sehr herabgekommen. In den 30 Kirchen, sowie in dem Palaste des Grafen Noberti finden sich sehr schöne Gemälde. Der Palast des ehemaligen Podest« dient jetzt zur Wohnung des Erzpriesters; ein Theater wurde neuerdings gebaut. B. ist der Geburtsort, wie des Aldus Manutius, so auch des Malers Francesco da Ponte (s. d.), der sich deshalb Vassano nannte. ES hat im Mittelalter nie eine bedeutende Rolle gespielt; fast immer war es den benachbarten Städten unterworfen; unreine Zeit lang Hattees eigene Podestas. Einen be- rühmten Namen erlangte cs erst durch die Siege Bonaparte's. Bei B. schlug derselbe am 8. Sept. 1706 den östr. Feldmarschall Wurmser, welcher von Trient aufgebrochen war, um Mantua zu entsetzen und den Gegner vom weitern Vordringen in Tirol abzuhalten. LZeides schlug fehl, denn mit Kraft warfen Massen« rechts und Augereau links des Flusses die östr. Avantgarde zurück und rückten nach Erstürmung der Brücke Nachmittag 3 Uhr in B. ein. Wurmser aber zog sich mit dem außerordentlichen Verluste von 6000 Gefangenen, 8 Fahnen, 32 Kanonen und einigen Hundert Wagen nach Vicenza zurück. Auch am 6.Nov.!l796, am II. Nov. 1801, am 5.Nov. 1805 undam3l.Oct. 1813 kam es bei B. zwischen Franzosen und Östreichern zum Gefechte. Durch Napoleon ward B. 1809 zu einem Herzogthum mit 15000 Thlr. jährlicher Einkünfte erhoben und 1811 der Mi'nister- StaatssecrctairMarctss.d.) damit bcliehen, der sich nun Herzog von Vassano nannte. Baffelissearbeiten, s. Tapeten. Conv.-Lex. Neunte Aufl. II- 7 98 KE kille Bassompierre ÜS880 kille heißt in der Musik so viel als tiefer Tenor, Bariton (s. d.), die Te- «orgeige und Tenorflöte; in der Baukunst etwas erhobene oder halb erhobene Arbeit, gleichbedeutend mit Basrelief. (S. Relief.) Bassethorn, das tonreichste unter den Blasinstrumenten, wegen seiner krummen Biegung auch Krumm Horn genannt, wurde, wie man glaubt, gegen 1770 in Passau erfunden und später durch Thcod. LoH in Presburg vervollkommnet. Es ist eigentlich ein größeres Clarinet und gleicht demselben ungeachtet der Verschiedenheit in der Form nicht allein in Ansehung der Bestandthcile und des Tons, sondern auch in Hinsicht der Jntona- tion, des Ansatzes und der Applicatur, sodaß cS der Clarinettist leicht spielen kann. Außer dem Schnabel, mittels dessen das Instrument intonirt wird, besteht es aus fünf Stücken, dem Kopfstück, Birn genannt, zwei Mittclstückcn, dem Kästchen und der Stürze, die jetzt gewöhnlich von Messing ist. Sie enthalten zusammen 15 Tonlöchcr, von denen vier mit offenen und vier mit verschlossenen Klappen versehen sind. Sein Umfang steigt bis drei und eine halbe Octave, nämlich vom großen!? bis zum dreimalgestrichcnen c; den Noten nach von c biszum dreimal gestrichenen x, denn cs klingt eine Quinte tiefer. Es kommt selten im Orchester vor und ist dann gewöhnlich obligat, z. B. in Mozart's „Requiem", „Titus" und „Figaro". Das Bassethorn kann auch als Baßinstrument gebraucht werden; doch wird es in Hinsicht der Tiefe von dem Baß clari nett übertroffen, welches der Instrumentenmacher Streitwolf in Göttingen erfand. Bassompierre (Franxois de), Marschall von Frankreich, der Abkömmling eines der ältesten Geschlechter, wurde 1579 zuHaruel in Lothringen geboren. ZwanzigJahre alt, kam er an den stanz. Hof, nachdem er sich durch wissenschaftliche Studien und eine Reise in Italien gebildet hatte, und wußte sich durch ritterliches und heiteres Wesen bei Heinrich IV. so in Gunst zu sehen, daß er schon im folgenden Jahre (1600) denselben auf dem Feldzuge nach Savoyen begleiten mußte. Im I. 1602 war er mit vor Ostende und im folgenden Jahre in Ungarn, wo er sich zuerst auSzuzcichnen begann; doch der König, der seinen Liebling nicht entbehren wollte, ließ ihn aus Ungarn zurückrufcn, ohne ihm eine feste Anstellung zu geben. Erst 1610, als sich Heinrich IV. gegen Rudolf II. rüstete, wurde er zum Staatsrath ernannt und bekam das Commando über ein Regiment. Nach der Ermordung Heinrich's IV. hielt sich B- anscheinend zur Partei der Königin, die ihn auch zum Obristen der Schweizer ernannte ; doch nach der Ermordung Concini's suchte er sich bei dem jungen Könige in Gunst zu setzen, und trug, als cs zwischen Mutter und Sohn zum Kriege kam, besonders zur Niederlage der Erstem bei. Ludwig's XIII. Gunst erwarb er sich dadurch in so hohem Grade, daß dessen Günstling Luines auf ihn eifersüchtig wurde. Im I. 1622 zum Marschall von Frankreich erhoben, mußte er als solcher Gesandtschaften nach Spanien, der Schweiz und England übernehmen, wo er sich allenthalben Achtung erwarb und das Interesse Frankreichs beförderte. Hierauf war er bei der Belagerung von Röchelte thätig, erstürmte 1629 den Paß von Susa und befehligte auch einige Zeit das in Languedoc gegen die Hugenotten ausgestellte Armeecorps. Seme Verbindungen mit dem Herzoge von Guise, der Prinzessin von Conti und andern Anhängern der Königin, vielleicht auch seine scharfe Zunge, hatten ihn indessen Richelieu verdächtig gemacht. Auf Befehl desselben kam er 1631 in die Bastillc, aus der ihn erst, nach zwölfjähriger Gefangenschaft, der Tod Richelieu's, 16-13, erlöste. Er erhielt seine Titel und Würden wieder, starb aber schon 16-16 in Folge der langen Gefangenschaft, oder wie Andere behaupten, weil ihm sein Arzt eine zu starke Dosis Opium gegeben hatte. B- war ein vollendeter Hofmann, der Verschwendung ergeben, die ihn in Schulden stürzte, und ein großer Liebling und Verehrer der Frauen; im Augenblicke seiner Verhaftung soll er 6000 Liebesbriefe vernichtet haben. Der Connctable von Montmorency wollte ihm seine Tochter geben, aber der König vermählte sie mit dem Prinzen Conde, weil er glaubte, dieselbe würde ihn dann nicht mehr erhören, wenn sie die Gemahlin B.'s würde. Später stand er in einem Liebesverhältnisse mit der Prinzessin von Lothringen-Euise, mit der er sich heimlich vermählte, und die aus Schmerz über seine Gefangenschaft starb. Ein Fräulein von Bal- sac, mit der er einen Sohn gezeugt hatte, führte um ihre Heirath acht Jahre hindurch einen vergeblichen Proceß mit ihm. Außer einigen andern Schriften hat B. in der Bastille seine !e- >ch- icn sau ein icht na- -ßer kürze, vier drei >ten lten l!s" doch ien- der kam Zta- o in nach ahre licht den. mnt hielt rer- unst Nie- cade, von und eichs Paß teilte wnti essen sder -hielt hast >atte. rrzte, oller seine -selber in mlich Baltinen seine Bafson Bastard 99 „Nämoiees" (2 Bde., Köln 1665; 4 Bde., Amst. 1723) geschrieben, die für die Geschichte seiner Zeit, sowie durch ihren geistreichen Stil von großem Interesse sind. Basson, s. Fagott. Bastora oder V a sr a h, die Hauptstadt des Paschaliks gleiches Namens, im Süden der osman. Provinz Jrak-Arabi, am westlichen Ufer des Schat-el-arab, ungefähr sieben deutsche Meilen von der Mündung desselben, ist ungeachtet der vielen Gärten innerhalb ihrer Ringmauer, in welchen die kostbarsten Erzeugnisse des Orients sich finden, und der vielen Rosenpflanzungen in ihrer Umgebung ein sehr unreinlicher Ort. Der Strom, der für Schiffe von 500 Tonnen Last bis an die Stadt schiffbar ist, durchschneidet dieselbe in vielen Kanälen und macht durch die Ausdünstungen beim vstern Austreten das Klima ungesund. Die 60000 E. sind zum größten Theil arme Araber, nur die Beamten und das Militair sind Türken, und der Handel ist in den Händen der Armenier. Die meisten Häuser sind niedrige Hütten, blos von Lehmsteinen aufgeführt. Das sckönste Haus ist die engl. Factorei, wo der brit. Resident seinen Sitz hat, der die Verbindung zu Lande zwischen dem brit. Ostindien und England besorgt. B. ist eine der Hauptnicdcrlagen der Türkei und Persiens für alle ind. Erzeugnisse; die Haupteinfuhrartikel sind Seidenwaaren, Musselin, Tuch, Gold- und Silberstoffe, mancherlei Arten Metalle, Sandelholz, Indigo, Perlen, Mokkakaffee, Shawls, Spezereien u. s. w. Europ. Waaren sind selten und theuer; unter ihnen haben die engl. Fabrikate einen entschiedenen Vorzug. Die Ausfuhrartikel bestehen größtentheils in den cingc- brachten Waaren, auch wird ein ausgedehnter Handel mit schönen und starken Pferden getrieben. Der Karavanenzug geht nach Persien, sowie über Bagdad und Aleppo nach Konstantinopel. Um die Streifzüge der Araber abzuwehren, hat der Statthalter längs der nahen Wüste eine beinahe 20 deutsche Meilen lange Mauer aufführen und an allen Durchgängen mit Wachen besetzen lassen. Die Stadt wurde 636 von dem Khalifen Omar gegründet und bald eine der berühmtesten Städte des Orients, um deren Besitz Türken und Perser Jahrhunderte kämpften. Jene eroberten B. 1668, diese 1777; 1778 wurde es aufs neue von den Türken besetzt und 1787 von den Arabern; doch gelang es dem Pascha von Bagdad, die Stadt wicdereinzunehmen und zu behaupten. Im I. 1832 kam Mohammed Ali in den Besitz der Stadt, die er 18-10 nebst den übrigen Eroberungen wieder abtreten mußte. Bastard, im physiologischen Sinne, nennt man das Erzeugniß der geschlechtlichen Vermischung zweier als Arten (Speckes) unterschiedenen Wesen. Derartige Vermischungen sind darum in der Regel unfruchtbar, weil die Natur selbst die Reinheit ihrer ursprünglichen Formen bewahren will; tritt aber dennoch der Fall ein, daß zwei ganz nahe Species, wie Pferd und Esel, Wolf und Hund, Fuchs und Hund, Löwe und Tiger, ein Zwischenwesen hervorbrachten, so bleibt diesem, wie z. B. dem Maulthierc oder Maulesel, die Fort- pflanzungsfähigkeit versagt. Die Zeugungsstoffe verschiedener Species haben keine Verwandtschaft zueinander; so liegen die Eier und das Sperma verschiedener Fische im Wasser vermengt ohne jemals Bastardbildung zu veranlassen. Die Bastardpflanze ist ein Gewächs, das der Mutterpflanze, d. h. derjenigen, aus deren Samen es erwuchs, nur zum Theil ähnlich ist und zugleich auch einer andern (der väterlichen) theilweise gleicht. Samen, welche Bastarde Hervorbringen, werden erzeugt, wenn Blütenstaub einer Gewächsart auf die Narbe einer andern ähnlichen Art gelangt. Dies geschieht entweder zufällig, durch Wind, Insekten u. s. w. oder absichtlich dadurch, daß Cultivateurs mittels eines Pinsels fremden Blütenstaub auf die Narbe eines Gewächses bringen, welchem sie, um desto sicherer den Zweck zu erreichen, die Staubfäden, ehe dieselben den Staub aus ihren Beuteln (Antheren) entleeren, vorsichtig wcgschnciden. Nicht alle, sondern nur die wenigsten und dabei ähnlichsten Arten einer Pflanzengattung können sich befruchten und Bastarde erzeugen. Kölreuter hat über diesen Gegenstand die meisten und glücklichsten Versuche ange- stellt, vorzüglich mit ähnlichen Arten des Tabacks, z. B. mit Baucrntaback (l^icotianu rustica) und dem Virginischen Rispentaback (Kicotiana puniculsts). Indem er Bastard- tabrck mchre Generationen hindurch mit Blütenstaub derselben Art befruchtete, gelang e§ ihm, wieder Pflanzen zu erhalten, die vollkommen das Ansehen der väterlichen Art, d. h. der, von welcher der Blütenstaub genommen worden war, halten. Bastarde erzeugen selten 7* Ivll Bastia Bastille fruchtbare Samen. Blumisten übertragen oft den Blutenstaub auf verschiedene Pflanzen, um Abänderungen, besonders hinsichtlich der Farbe und Gestalt der Blumen zu erhalten, und nennen dieses Verfahren das Kreuzen. Die vielfältigen Abänderungen dcr Aurikel, Azaleen, Camcllien, Georginen, Levkojen, Nelken, Pelargonien und vieler anderer Zierpflanzen sind zum Theil durch dieses Kreuzen hervorgebracht worden. Was die Gärtner Bastarde nennen, sind meist Spielarten oder Monstrositäten einer und derselben Specics. Gleiche- gilt von den sogenannten Bastarden unter den Hausthieren, den Hühnern,. Tauben u. s. w. — Im bürgerlichen Sinne ist Bastard oder, wie die gemeinere Sprache sich ausdrückt, Ban kert das Product einer außerehelichen Verbindung. Bildliche Anwendung findet endlich dieses Wort auf solche menschliche Nachkommen, welche frühzeitig schon durch Züge von Roheit und Bosheit, oder doch durch üble Neigungen sich auszeichnen, die an dem Alternpaare nie bemerkt worden sind. Bastia, die ehemalige Hauptstadt der Insel Corsica mit 10000 E-, in amphitheatra. lisch» Form am Abhänge eines Berges im nordöstlichen Theile der Insel gelegen, ist sehr schlecht gebaut, hat aber eine starke Citadelle am Meere und einen geräumigen, jedoch nicht sehr bequemen Hafen. Die Einwohner treiben beträchtlichen Handel mit Häuten, Wein, Öl, Feigen and Hülsienfrüchtcn; auch werden hier viele Stiletts und Dolche verfertigt, die namentlich nach Italien gehen. Die Stadt wurde 1380 durch den Genueser Leonel Lomel- lino gegründet. Im I. 1745 nahmen sie die Engländer, die sie im folgenden Jahre an die Genueser zurückgeben mußten. Vergeblich belagerten B. >748 Östreicher und Piemon- teser. Nach der Vereinigung der Insel mit Frankreich im I. 1768 eroberten es wieder die Engländer, vermochten es jedoch nur kurze Zeit zu behaupten. Bei der neuen Eintheilung des franz. Gebiets im I. 1791 ward es die Hauptstadt des Departements Corsica, muß« aber später diese Ehre auf Ajaccio übertragen sehen. Bastillc war in Frankreich die allgemeine Benennung für feste, mit Thürmen versehene Schlösser. Zum Eigennamen wurde sie für das Castell in Paris, welches auf Befehl Karl's V. in den I. 1370—83 durch Hugo Aubriot, Prcvöt von Paris, am Thore St.- Antoine, zur Sicherstellung gegen die Engländer erbaut wurde, und nachher zur Verwahrung der Staatsgefangenen und der durch geheime Verhaftsbefehle oder I^vttres üe cacllet (s. d.) Festgenommenen diente, weshalb es auch im Laufe des 16. und 17. Jahrh. mit einer mächtigen Bastei und mehren Gräben versehen wurde. An jeder der beiden Hauptseiten hatte eS vier fünsgestöckige Thürme, über die eine Galerie hinlief, die mit Kanonen besetzt war. Theils in diesen Thürmen, theils unterirdisch waren die Gefängnisse, welche die Eingekerkerten fern von jedem Leben hielten. Längst schon als ein Zwinger der abscheulichsten Willkür furchtbar gehaßt, kann es nicht auffallen, daß die Wuth des Volks, als der König durch Entlassung Necker's und Montmorin's sich den Wünschen desselben feindlich cntgegen- zustellen schien, zuerst gegen die Bastille gerichtet war. Ungeachtet des Kartätschcnfeucrs, mit welchem der Commandant derselben, Launoy, die Stürmenden empfing, ward die Bastille am 14. Juli 1789 erobert, und schon am nächsten Tage unter dem Donner der Kanonen mit der Nicderreißung der Anfang gemacht. Zwar fand man gerade damals nur wenige Gefangene darin, doch reichten sie, sowie die darin aufgcfundenen Aktenstücke, die unter dem Titel „Beiträge zur Geschichte der Vastille" (deutsch, 2 Bde., Franks. 1789—90) im Druck erschienen, vollkommen hin, das Volk zu überzeugen, daß der König sich nie vom Gebrauch derl^stties <>e cscbet habeRechenschaftablcgen lassen, und dieEmpörung gegen dieAutokratst zum höchsten Grad zu steigern. Zwar kamen die Männer vom 14. Juli, wie man während der Revolution die Bastillenstürmer nannte, in der Napoleonischen Zeit allmälig in Bcrgessenheit und freuten sich derselben, als nach dem Sturze des Kaisers die Bourbons nach Frankreich zurückkchr- ken; doch die Julirevolution von 1830 lenkte aufs neue die Aufmerksamkeit ihnen zu, und eS wurden ihnen nicht nur Ehrenbezeigungen zu Theil, sondern auch Pensionen für sie ausgesctzt. Die Stelle, wo die Bastille gestanden, durch ein ävf die Zerstörung derselben bezügliches Denkmal zu bezeichnen, hatte schon Napoleon die Absicht. Nach Denon's Plan, den der Kaiser genehmigte, sollte dieses in einem kolossalen Elefanten von Bronze, über 70 F. hoch, bestehen, aus dessen Körper Wasser in ein Becken floß. Es kam aber dieser Plan unter Napoleon nicht zur Vollendung; nach der Julirevolution hat man ganz davon abgesehen Bastion Bataillon 101 und eine große dorisch- Säule in Bronze, 130 F. hoch, welche den Genius Frankreichs trägt, auf dem Bastillenplahe aufgestellt, und auf der einen Seite derselben die Namen der Bastillenstürmer, auf der andern die der in den Julitagen Gefallenen cingezeichnet. Bastion oder Bollwerk nennt man ein Festungswerk, das aus zwei Facen und zwei Flanken besteht. Die Facen stoßen in einem ausspringenden Winkel, Saillant oder Bollwerkswinkel, zusammen, der nicht zu spitz sein darfund dessen Spitze der Bollwerkspunkt oder die Pünte heißt. Die Flanken schließen sich mit einem stumpfen Winkel, dem Schulterwinkel, an die Facen, und dieser Punkt heißt der Schulterpunkt. Das andere Ende der Flanken schließt sich mittels eines eingehenden Winkels, welcher der Courtinenwinkel genannt wird, an die Courtine oder den Zwischenwall, der je zwei und zwei Bastionen miteinander verbindet, und der Punkt, wo Flanke und Courtine zusammenstoßen, heißt der Courtinenpunkt. Die Verlängerung der Facen nach Rückwärts auf den gegenüberstehenden Courtinenpunkt heißt die Streich- oder Defenslinie und der dadurch mit der Flanke entstehende Winkel der Streichwinkel, der in der Regel 90" beträgt. Die Hintere Öffnung eines Bastions heißt die Kehle oder Gorge. Sind die vier Wälle, aus denen ein Bastion besteht, aus den Erdhorizont aufgesetzt, so entsteht im Innern des Bastions ein fünfeckiger leerer Raum, in welchem gewöhnlich ein gemauertes Pulvermagazin steht, und ein solches Bastion heißt ein leeres oder hohles; ist dagegen der innere Raum mit Erde ausgefüllt, so heißt das Bastion ein volles (bastion plein). Ist das Bastion durch einen schmalen Graben, den Kehlgraben, von den hintern Werken getrennt, so entsteht daraus ein detachirteS Bastion. BastionirteS System. Wenn der Hauptwall einer Festung so gebildet ist, daß er nur aus Bastionen und Courtinen besteht, so nennt man ein solches System ein bastionirtes, zum Unterschiede von dem Polygonal-System, bei welchem die Umwallungslinien in stumpfen Winkeln ohne bestimmte Vorsprünge zusammenstoßen. Die Entfernung je zweier Bastionsspitzen oder Pünten heißt die Polygonseite, welche gewöhnlich solang gemacht wird, daß von den Flanken aus die Bastionsspitzen noch mit Kleingcwehrfeuer bestrichen werden können, also im Maximum 300 Schritt. Zwischen je zwei Bastionen und mitten vor der Courtine liegt das Ravelin, auch Halbmond («leim-Iune) genannt als ein wesentlicher Be- standtheil des bastionirten Systems. Dieses System ist das älteste und wurde schon im 16. Jahrh. von den Italienern angewendet, zählt auch noch gegenwärtig die meisten Anhänger. Von den ältern Festungen haben fast alle einen bastionirten Hauptwall, und alle Vau- ban'schen und Cormontaigne'schen sind, obwol mit einigen Modifikationen, nach diesem System gebaut. Bousmard hat das bastionirte System wesentlich verbessert. Vgl. Zastrow, „Handbuch der vorzüglichsten Systeme der Befestigungskunst" (Berl. 1828) und Blesson, „Geschichte der großen Befestignngskunst" (Berl. 1830). Bastonnäde heißt die bei den Türken gebräuchliche Strafe, welche in Schlägen auf die Fußsohlen oder auch auf den Rücken besteht, die mit einem knotigen Stricke oder ledernen Riemen gegeben werden. Bataille, s. Schlacht. Bataillon heißt ein aus vier bis sechs Compagnien bestehender selbständiger Schlacht- Haufe, dessen sich die Franzosen schon im 16. Jahrh. bedienten. Die Spanier und Italiener gebrauchten dafür das Wort B ata gl ia oder auch Terzia; die Deutschen habm sich beider Benennungen bedient. Gegenwärtig versteht man unter Bataillon zumeist einen bestimmten Theil eines Regiments, ehemals aber einen abgesonderten taktischen Körper von 3—4000 M- in tiefer Kampfstellung, häufig so tief als breit, der in 15 — 20 Compagnien getheilt war. Die Masse bestand aus Pikeniercn, welche von drei Reihen Musketiere umgeben waren; die übrigen Musketiere wurden in vier besondern Haufen auf die Ecken gestellt und oft als Blänker unter dem Namen entants psrclus gebraucht. Der Aberglaube verlangte, daß die Rotten und Glieder der Bataillone aus ungleichen Zahlen, z. B. aus 59 Gliedern, jedes zu 51 M. bestehen mußten. Dadurch wurden die Schlachthaufen schwer theilbar und überdies unbehülflich. Gegenwärtig hält man den Grundsatz fest, die Bataillone zwar nicht zu schwach, allein niemals so stark zu machen, daß sie nicht noch durch die Stimme eines Einzelnen (des Commandeurs) beherrscht werden könnten, also zwischen 600—1000 M. Die preuß. Bataillone sind auf dem Kriegsfuß 1000 M. stark und in vier Compagnien getheilt, l02 Batailionsgrschütz Batavia die östr. bei gleicher Stärke in sechs Compagnien, mehre süddeutsche in fünf Compagnien, von denen eine, auf dem rechten Flügel, aus Jägern oder Grenadieren besteht. Die Eng- länder thcilen ihre Bataillone in vier Compagnien, von denen die beiden äußern Flanken- Compagnicn, die beiden inncrn Ccntrum-Compagnien heißen. Zwei oder drei Bataillone bilden ein Regiment, von den Franzosen im Ncvolutionskricge Halbbrigaden genannt. Man hat aber auch besondere Grenadier-, Jäger-, Schüßen-, Füsilier- und Voltigeur- Bataillone, die zuweilen in keinem Negimenlsvcrbande stehen. Die Preußen und Öst- reicher rangiren ihre Bataillone auf drei Glieder und verwenden das dritte Glied zum Tiraillircn, die Jäger- und Schützenbataillone rangiren auf zwei Glieder. Die Engländer rangircu ihre ganze Infanterie auf zwei Glieder und verwenden ihreFlanken-Compag- nien zum Tiraillircn. Jede Armee folgt darin andern Maximen, von denen jede ihre be- sondcrn Vorzüge und Nachthcilc hat. Bataillonsgeschütz, auch Bataillonskanonen oder Negimentsgeschüß, hießen die drei-, vier- oder sechsbändigen Kanonen (niemals Haubitzen), von denen jedem Jnfanteriebataillon zwei Stück (zuweilen auch nur eins) beigcgeben wurden, welche dasselbe bei allen Kricgsvorfällen begleiteten und im Gefecht ihren Platz auf den Flügeln oder vor den Intervallen der Bataillone fanden, um den Angriff oder die Vertheidigung der Jickan- ten'e zu unterstützen, und zwar hauptsächlich mit Kartätschen, weshalb sie mit diesem Gesthoß reichlich dotirt waren. Beim ersten Vorgehen gegen den Feind wurden die Kanonen abgc- protzt und am Schlepptau bewegt, im nahen Bereich des Feindes aber durch die eigene Mannschaft gezogen. Nach dem I. I8V6 ging diese Rcgimentsartillerie fast bei allen Heeren ein, weil man sich von ihrer Unzweckmäßigkeit überzeugt hatte, wogegen das Battcriegeschüh vermehrt ward. Napoleon, dem Grundsätze huldigend, daß je schlechter eine Infanterie sei, desto mehr Geschütz man ihr beigcbcn müsse, führte 1813 nach dem Feldzuge nach Rußland, das Bataillonsgeschütz bei seiner Armee in Sachsen ein, was jedoch später wieder abgeschaffi wurde, da die Maßregel sich nicht bewährte. Batalha, ein Dorf, 12 Meilen von Lissabon, erlangte großen Ruf durch das Dominicanerkloster, Santa-Maria da Viktoria genannt, welches König Johanni, von Portugal zum Andenken des Siegs über den König Johann I. von Castilien bei Algibarotte, am 13. Aug. 1385, stiftete. Dasselbe ist im gothischen Stile erbaut von dem Irländer Hacket und gehört zu den prächtigsten Gebäuden in Europa. Vgl. S.-Luiz , ,Mem. bistor. sobre as obrss und den Zweck haben, die feindlichen hinter den Wällen stehenden Geschütze durch directes I Feuer zu zerstören oder zu demontiren. Sie werden parallel zu den feindlichen Facen der > Bastiane der Raveline, und zwar auf -1 — 066 Schritt Entfernung vor denselben ange- > legt. 2) Die Ricoschetbatterien, welche aus schweren Kanonen und Haubitzen beste- I hcn und auf 7—övv Schritt Entfernung in der Verlängerung der feindlichen Fcsiungs- > l Batterie 107 und linien angelegt werden, da sie den Zweck haben, diese Linien der Länge nach zu bestreichen tsch- und durch Ricoschet- oder Schleuderschüsse unsicher zu machen. 3) Die Enfilirbattcrien, ala- welche die nämliche Lage und denselben Zweck wie die vorigen haben und sich nur dadurch keil. von jenen unterscheiden, daß sie nicht blos einzelne Festungslinien, sondern ganze Fronten mer der Länge nach bestreichen oder enfiliren sollen, weshalb sie mit starker Ladung schießen, wäh- aus rend die Ricoschetbatterien sich nur schwacher Ladungen bedienen. 4) Die Wurfbatterien, Das welche aus Mörsern und Haubitzen bestehen und den Zweck haben, das Innere einer bela- eine gerten Festung oder auch einzelne Theile derselben durch indirectes Feuer (von oben) mit eine, Bomben und Granaten zu überschütten. 5) Die Flügelbatterien, aus leichten Feldmalt geschützen bestehend und auf die Flügel der Laufgräben gestellt, um, wenn die Belagerten Vgl. Ausfälle machen, diese mit Kartätschen zurückzuweisen. 6) Die Contrebatterien, welche die Geschütze hinter den feindlichen Flanken zerstören sollen, zu dem Ende auf dem Kamm den des Glacis angelegt und anit Kanonen der schwersten Gattung bewaffnet werden. 7) Die mehr Breschebatterien, welche den feindlichen Wall öffnen oder in Bresche legen sollen, des- asses halb am Rande des feindlichen Hauptgrabens angelegt und mit Kanonen des schwersten s du Kalibers, auch wol mit schweren achtzolligen Haubitzen besetzt werden, d ) Nach ihrer Bauart werden die Batterien in folgender Weise eingetheilt und benannt: Ge- l) Horizontbatterien, deren Geschütze auf den Erdboden selbst (den Horizont) ge- der stellt werden, auf dem alsdann die Brustwehr mit ihrer vollen Höhe aufgeschüttet wird, zu- 2) GesenkteBatterien, bei denen die Geschütze 3—4 F. tief eingegraben werden und Fk> die Brustwehr nur mit ihrer halben Höhe aufgeschüttet zu sein braucht, was die Arbeit sehr oben abkürzt. 3) ErhöhteBatterien, wo die Geschütze auf einen künstlichen Aufwurf oder und Damm gestellt sind, auf den alsdann die ganze Höhe der Brustwehr noch aufgesetzt wird, Bk- weshalb deren Anlage höchst zeitraubend ist. 4)Laufgrabenbatterien, welche im heißl Laufgraben selbst erbaut werden und wobei man dessen Wall benutzt, um die Brustwehr Bat- dadurch zu verstärken; auch, wenn bei ihnen die Schießscharten vorn etwas erhöht sind, nach jS'/i- ihrem ErfinderUnterberger'sche Batterien genannt. 5) Gebrochene Batterien, end- auch en cremsilliere genannt, bei denen die Brustwehrlinie, die man auch wol Feuerlinie schte, nennt, die Form einer Säge bekommt, angewendet auf Dämmen und zwar auf solchen, der- welche keine parallele Lage zum feindlichen Festungswerk, vielmehr eine schräge haben, sodaß digcn jedes einzelne Geschütz ebenfalls schräge stehen muß. 7) Bed eckte Batterien, sowol für i en, Mörser als Rohrgeschütze, unter einer aus Balken erbauten bombenfesten, mit Faschinen , und und Erde bedeckten Überdachung, die aber nur in ganz besondern Fällen beim Angriff einer schafi Festung in Anwendung kommen. 8)SchwimmendeBatterien,auf einem Floß oder r dm auf zwei verbundenen Schiffen erbaut, wie sie z, B. der stanz. Ingenieur d'Arcon (s. d.) ldbat- erfand und 1782 bei der Belagerung von Gibraltar, jedoch mit wenig Erfolg, anwendete, er an Festungsb atterien heißen die Batterien, die der Vertheidiger gegen den Bclagc- war, rer in Thätigkcit bringt, und deren Aufstellung, Bauart und Bewaffnung gänzlich von der luf jk Localität und den nähern Umständen abhängt. Diese Batterien sind entweder offene, wo- ei den bei die Geschütze frei hinter dem Wall entweder auf dem Wallgang oder auf Geschühbänken k zwei (s. Bank) stehen, oder b ed e ckt e unter Überdachungen von Balkcnbau, oder endlich kase - eser- mattirte, auf welche schon Vauban und später Montalembert großen Werth legte, und e letz- die in der modernen Kriegsbaukunst eine so wichtige Rolle spielen. Die Küsten- oder sirun- Strandbatterien werden zur Abwehrung einer feindlichen Landung oder zur Be- schützung von Häfen, Flußmündungen u. s. w. angelegt. Ihre Anlage, Bauart und Bend er- waffnung richtet sich durchgehend nach Zweck und Örtlichkeit. In neuester Zeit sind besonnen ders die Bombcnkanonen des Generals Paixhans zur Armirung von Küstcnbattcrien für will- zweckmäßig erachtet worden. Schiffsbatterien heißen auf Kriegsschiffen alle Geschütze, sichen welche an beiden Seiten auf dem nämlichen Verdeck stehen. Eine halbe Schiffsbattcrie rectes bezeichnet demnach alles Geschütz, welches auf Einer Schiffsseite sich befindet. Kriegsschiffe en der vom ersten Rang, sogenannte Orlogschiffe oder Dreidecker, haben drei Batterien, welche, von ange- unten an gerechnet, erste, zweite und dritte Batterie heißen; in die erste zunächst dem Wasser beste- kommt das schwerste Geschütz, in die dritte oder oberste das leichte zur bessern Erhaltung des u»gs< Gleichgewichts des Schiffs. Die untern Batterien werden mit langen Kanonen, die ober« r:? ' - k- 1 7-ÄÄr/0>S ^ 108 Batteriebaumaterialien Batteux mit kurzen oder sogenannten Caronaden bewaffnet. Die Engländer waren die Ersten, welche 1840 vor Beirut auch Bombenkanoncn auf dem obern Schiffsverdcck als Batterie aufstellte». — Batterie nennt man endlich auch an einem Feuerschloß die verstählte Platte des Pfanndeckels, an die sich der Stein reibt, um den zündenden Funken zu erzeugen. Batteriebaumaterialien nennt man alles Material, welches zum Erbauen von Belagernngs- oder Vertheidigungs-Batterien erfoderlich ist. Hierzu rechnet man: l) Die Binde- und Ankerweiden aus zähem Reisig gedreht, um die Faschinen damit zu umbinden, was indessen gegenwärtig fast überall mit Eiscndraht geschieht, und sie zu verankern, d. h. in einer festen Lage zu erhalten. 2) Pfähle aller Art, aus Tannen- oder Fichtenholz gespalten, um die Faschinen damit festzunageln oder Schanzkörbe und Hürden darüber zu flechten. 3) Faschinen oder lange, fest zusammengedrückte und gebundene Bündel von starkem Reisig oder Knüppel, um die Brustwehren zu verkleiden, damit die Erde derselben nicht cin- stürzen kann. Gewöhnlich sind die Faschinen 16 F. lang und einen Huß dick und heißen dann Batteriefaschincn; dach gibt es auch kürzere von sechs bis acht Fuß Länge, welche im Innern der Brustwehr eingegraben werden, um die Battcriefaschinen daran zu befestigen oder zu verankern, weshalb sie Änkcrfaschincn genannt werden. 4) Schanzkörbe oder runde vier Fuß hohe und zwei Fuß dicke Körbe, welche über Pfähle geflochten werden und ebenfalls zur Verkleidung der Brustwehren dienen. Kleinere Schanzkörbe, womit man die Sappen baut oder in den Bresch- und Contrcbattcrien die Brustwehr erhöht, um die Mannschaft besser gegen das feindliche Schützcnfeuer zu decken, werden Sappenkörbe genannt; größere acht Fuß lange und drei Fuß dicke, inwendig mit Wolle gefüllte Körbe, welche die Battcriearbeiter vor sich herwälzen, um unter ihrem Schutz sicherer arbeiten zu können, heißen Rollkörbe. 5) Die Hürden, ein Flechtwcrk, womit der Hintere und zugleich untere Theil der Brustwehr oder das sogenannte Knie bei allen gesenkten Batterien verkleidet wird, damit die Erde nicht nachfallen kann. Dieses Flechtwcrk erhält auch wol eine halbrunde Form, um cs um die hintern Eckkörbe der Schießscharten schlagen zu können, damit die Flamme aus den Geschützmündun- gen diese Körbe nicht versenge, und heißt dann ein Mantel. Zum Verkleiden der Brustwehr bedient man sich auch des Rasens in Stücken von einem Fuß ins Gevierte und vier Zoll dick, ja man erbaut sogar ganze Batterien von Nasen, wenn sie besondere Dauerhaftigkeit erhalten sollen. In Ermangelung fester Erde werden Säcke von grober Leinwand, eine Elle lang und acht Zoll dick, damit gefüllt, welche man Sandsäcke nennt. Zuweilen werden ganze Brustwehren von Sandsäcken erbaut, oder man bildet auch wol Aufsätze daraus, hinter denen Scharfschützen gestellt werden, welche dann zwischen je drei und drei pyramidalisch aufgelegten Sandsäckcn wie aus einer Schießscharte feuern. Endlich gehören hierher 6) die Bettungen (s.d.)oder hölzernen Unterlagen für die in den Batterien aufgestellten Geschütze. Batteriemagazine oder auch Pulverkammern nennt man in die Erde gegrabene und mit Schanzkärben oder Bohlen verkleidete, bombenfeste Behälter zur Aufbewahrung des täglichen Schießbedarfs für die Angriffs- oder Vertheidigungsbatterien, welche hinter und seitwärts derselben angelegt werden. Batteriestücke hießen ehemals die in Batterien zusammengestelltcn schweren Feldkanonen im Gegensatz zu den leichten, welche das Bataillonsgeschütz (s. d.) bildeten. Batteur (Charles), einer der bekanntesten stanz. Ästhetiker, geb. 1715 zu Allend'huy in der Nähe von Rheims, machte seine Studien in dieser Stadt und ward daselbst in einem Alter von kaum 20 Jahren Professor der Rhetorik. Indessen vertauschte er bald RheimS mit Paris, wo er am College Lisieux eine Professur der Humaniora bekam. Hierauf ward er Lehrer der griech. Philosophie am College royal und endlich Professor der Beredtsamkeit. Zn dieser Stelle hat er eine große Wirksamkeit gehabt, und sein berühmtes „l'raitv es Uattuecas"^2 Bde., Par. 1816) zum Grunde gelegt. Battus , ein Hirt, wurde von dem Mcrcur in einen Stein verwandelt, weil er ein eidliches Versprechen, den Raub der Rinder des Apollon, welchen Mercur verübte und er gesehen hatte, zu verschweigen, nicht hielt, sondern diesem selbst, als er, ihn aus die Probe zu stellen, in einer andern Gestalt erschien, gegen ein Geschenk verrieth. — Battus, der Sohn des Theräers Polymnestus, gründete 631 v. Ehr. auf Veranlassung des delphischen Orakels Cyrcne in Afrika, wo er 40 Jahre als ein frommer und wohlthätiger Herrscher regierte. Nach seinem Tode ward er als Heros verehrt. Batzen, eine Münze, sollen zuerst gegen Ende des 15. Jahrh. in Bern geprägt und nach dem Bär oder Bätz im Wappen dieses Cantons den Namen erhalten haben. Sie fanden schnell ziemliche Verbreitung in der Schweiz und im südlichen Deutschland, werden aber schon seit langer Zeit nur noch im ersten Lande, und zwar in den verschiedenen Cantonen nach verschiedenem Werthe geprägt. Nach dem Vierundzwanzig-Guldenfuße kommen 15 Bähen auf den Gulden. Bauch oder Unterleib (adclomsn) nennt man die größte der drei Eingeweidehöh- len des thierischen und menschlichen Körpers, welche den untern Theil des Stammes bildet und die Verdauungsorgane, Urin- und Geschlechtswerkzeuge enthält. Ihre vordere, seitliche und zum großem Theil auch die Hintere Wand bilden die Bauchmuskeln; nach oben wird sie durch das Zwerchfell von der Brusthöhle, getrennt und nach unten umschließt sie das Becken oder geht in die Beckenhöhle über. Äußerlich unterscheidet man drei Hauptgegcn- den: Die Ob erb auch ge gen d (regio spiFsstrica), welche von den Knorpeln der sechs untern Rippen begrenzt wird; ihre Mitte bildet die Herzgrube, ihre Seiten das rechte und linke Hypochondrium. Die Mittelbauchgegend (regio mesogastrica) wird von den Lendenwirbeln und Bauchmuskeln eingeschloffen; ihre Mitte bildet die Nabelgegend mit dem Nabel, an den Seiten liegen die Hüftgcgendcn und nach hinten die Lendengcgenden zu beiden Seiten. Die Unterbauchgegcnd (regio lypogastrics), welche von dem Becken und den an dasselbe gehefteten Bauchmuskeln gebildet wird; den seitlichen untern Theil bilden die Leistengegenden, den Mittlern die Schamgegend, die untere Gegend der Damm (perinaeum) und den hintern Theil die Krcuzgcgcnd. Die Bauchhöhle ist beim Weibe größer als beim Manne, behufs der Empfängnis! und Austragung des Kindes; sie wird inwendig ausgekleidet durch das Bauchfell (peritoneum), welches einen geschloffenen, aus einer serösen Haut gebildeten Sack darstellt, die in der Bauchhöhle befindlichen Organe überzieht und durch ihre Duplicaturen die Nehe und das Gekröse bildet, wodurch die Gedärme befestigt werden. Die Lagerung der Eingeweide in der Bauchhöhle ist im Allgemeinen folgende: In der Mitte der Oberbauchgegcnd liegen der Magen, im rechten Hypochondrium die Leber, im linken die Milz; in der Nabelgegcnd dcr Dünndarm, in der Hüft- und Lendengegend der Dickdarm und die Nieren in der Nähe der Lendenwirbel; in der Unterbauchgegcnd inder Mitte die Blase und dahinter bei Frauen der Uterus, sowie der Mastdarm auf dem Kreuzbein. — Die Bauchspeicheldrüse (pan- cress) heißt die 7—8 Zoll lange, hinter dem Magen in der Bauchhöhle liegende Drüse von länglichplatter Gestalt, deren rechtes breiteres Ende der Kopf, deren linkes schmäleres Ende der Schwanz genannt wird. Ihr Zweck ist die Absonderung des BauchspeichclS (succus pancreaticus), einer klaren, wasserhellen, etwas klebrigen Flüssigkeit von der Con- sistenz des Mundspeichcls, welcher wahrscheinlich wie letzterer einen bedeutenden Anthcil an HO Bauchredner Dauer derAuflosung und Umwandlung dcS Speisedreies hat. — Bauchschwangerschast nennt man denjenigen regelwidrigen Zustand der Schwangerschaft (s. d.), wo die Frucht, statt in der zu ihrer Entwickelung bestimmten Gebärmutter, in der Bauchhöhle sich entwickelt. Über den eigentlichen Grund dieser Erscheinung sind die Physiologen nicht einig; indeß ist so viel gewiß, daß zu ihrem Zustandekommen Ursachen nothwendig sind, welche die Aufnahme und Weiterführung des thierischen Eies in und durch die Muttertrompetcn nach der Höhle der Gebärmutter hin hindern. Hiervon sind jedoch diejenigen Fälle zu sondern, wo die Frucht mit ihren Hüllen erst später in die Bauchhöhle fiel. In der Mehrzahl der Fälle gelangt die Frucht nicht zur vollständigen Ausbildung; sie stirbt ab, wird zum Litho- pädion u. s. w. und muß durch den Bauchschnitt aus der Bauchhöhle entfernt werden, wenn sie sich nicht auflöst und mittels Absceßbildung durch die Bauchwandungen oder die Gedärme nach außen geschafft wird. — Bauchschnitt heißt die kunstgemäße Öffnung der Bauchhöhle, um entweder Verschlingungen der Gedärme zu lösen, oder fremde in dieselbe oder in andere Organe der Bauchhöhle gedrungene Körper daraus zu entfernen, Geschwülste zu exstirpiren, oder andere Operationen, z. B. den Kaiserschnitt (s. d.) in der Bauchhöhle vornehmen zu können. — Bauch stich (psracentesis sbäomims) nennt man in der Chirurgie die kunstgemäße Durchbohrung der Bauchwandung mittels eines stechenden Instruments (1>oi(:art), um verschiedenen in der Bauchhöhle oder in den darin gelagerten Organen krankhaft sich ausbildenden Flüssigkeiten den Ausgang zu verschaffen. Am häufigsten wird der Bauchstich zur Beseitigung der Bauch < und Eier- stockswassersucht gemacht, doch ist er stets nur ein sogenanntes Palliativmittel, da er die Waffererzeugung nicht zu entfernen vermag, und so hat man Beispiele, daß er an einem und demselben Menschen 20, 30, ja mehre hundert mal vorgenommen ist. Bauchredner oder Ventriloquisten nennt man Personen, welche nicht sowol durch eine besondere Organisation der Stimmwerkzeuge als durch eingeübte Fertigkeit Töne und Worte Hervorbringen können, ohne daß sie den Mund wirklich bewegen, und zwar so, daß der Zuhörer glauben muß, die Stimme komme von irgend wo anders her. Der Name entstand aus der irrigen Voraussetzung, daß die Stimme im Bauche gebildet werde. Es besteht aber diese Kunst lediglich darin, daß der Bauchredner, nachdem er tief eingeathmet, langsam und graduirt auszuathmen und dabei die Lust einzutheilen, den Ton der Stimme aber mittels der Muskeln des Kehlkopfs und besonders des Gaumensegels zu mindern versteht. Übrigens thut auch die Täuschung dabei sehr Vieles. Es ist diese Kunst sehr alt; schon Jcsaias 29,4. gedenkt eines Bauchredners. Die Griechen, die sie für ein Werk der Dämonen hielten, nannten die BauchrednerEngastrimanten oderauch Euryklyten, nach Eurykles, der zu Athen die Bauchrednerei trieb. Ostindien hat die geschicktesten Bauchredner. In neuern Zeiten machte sich der Franzose Alexander, geb. zu Paris 1797, als Bauchredner und Künstler in mimischen Darstellungen auf seinen Reisen auch in Deutschland berühmt. BaudlN (Nicolas), bekannt wegen seinerReise um die Welt, war auf der stanz. Insel Ne um 1750 geboren und seit 1786 Lieutenant in der stanz. Marine. Nachdem er als Ca- pitain eines Schiffs unter östr. Flagge von Livorno nach Indien gesegelt, um für den Kaiser von Ostreich natürhistorische Seltenheiten zu sammeln, dann eine zweite Reise nach den Antillen unternommen hatte, von wo er eine schätzbare naturhistorische Sammlung mit zurück- brachte, erhielt er von der stanz. Directorialregierung den Auftrag, nach China unter Segel zu gehen. Von China segelte er nach Jsle-de-France, darauf nach Neuholland, dessen Küüen er erforschen sollte. Wie die Hälfte seiner Schiffsmannschaft, so unterlag auch er den Beschwerden dieser Reise und starb zu Jsle-de-France am 16. Sept. 1803. Gegen die Naturforscher, welche ihn begleiteten, benahm er sich sehr ungestüm und hart, was vielfach nachher gerügt worden ist. Die Beschreibung der Reise lieferte sein Begleiter Peron in der „Voxsge SIIX terres sustrsles" (3 Bde., Par. 1807—9, 4.). Bauer, Colon, Nachbar, oder Nahbauer nennt man Denjenigen, der ein Bauerngut bewirthschaftet, d. h. auf einem kleinen, ein Ganzes für sich bildenden, nicht bevorrechteten Gute Feldbau und Viehzucht treibt. Der Bauer ist bald freier Eigenthümer seines Guts, bald Zinspachter, bald Erbpachter, Erbzinsguts-, Laßgutsbesitzer oder sonst ein mehr oder weniger vollkommener Eigenthümer, stets aber Vorsteher einer Landwirthschaft. Der ast ucht, ent- mg; lcdie nach >ern, der itho- den, oder Off- mde neu, . d.) nis) mit- er in g;» Lier- die lnem owol Löne daß fand diese )uirt !keln auch >enkt die hen eiten er in M Ca- aiscr An> rück- >cgel iüen Be- ltur- hher -ogs ein vor- ineS nehr Der Bauer (Anton) 111 Bauernstand, d. h. die Gesammtheit der Bauern, bildet den größten Theil der Nation und die breiteste Basis des Staats; fast ausschließlich lieferte er lange Zeit den Bedarf des Staat« an Geld und Truppen. Dem Bauernstände gegenüber stehen der Grundadel, die Gewcrb- treibenden und die gelehrten Stände. Weder bloße Tagelöhner, noch das abhängige Gesinde, auch wenn cs in der Landwirthschaft arbeitet, können zum Bauernstände gerechnet werden. Häufig bezeichnet indcß der Name Bauer auch eine Art Aristokratie in dem Stande selbst, und man unterscheidet den Bauer von dem Gärtner, Häusler u. s. w. (S. Nachbarrecht.) Wie die frühere Unfreiheit, Hörigkeit und Leibeigenschaft der Bauern in Deutschland und andern Ländern entstanden sei, ob durch Eroberung, freiwillige und vertragsmäßige Unter- werfüng, oder, wie cs wol am häufigsten der Fall war, durch eine lange fortgesetzte allmälige Usurpation Derer, die auf solche Weise aus bloßen Vorstehern Grund- u>w Lcibherren geworden sind, läßt sich nicht mit Bestimmtheit Nachweisen. In Hinsicht auf die Feststellung de« Rechtszustandcs mag dies zugegangcn sein, wie es wolle, die Natur der Dinge und die Gerechtigkeit fodern gleich stark, daß die persönliche Freiheit Aller anerkannt und daß der Bauer seinen Boden nicht nur als sein Eigenthum behandeln könne, sondern daß auch dieses Eigenthum von allen die Cultur hindernden Beschwerden und Beschränkungen frei werde. Das Erste, die persönliche Freiheit, ist jetzt in Deutschland fast allenthalben erreicht, das Zweite übergll in Anregung und, was auch dagegen noch versucht werden mag, seiner Vollendung nahe. Dazu ist die Landstandschaft der Bauern, zu welcher sie jetzt in den meisten deutschen Ländern gelangt sind, ein großes Förderungsmittel, so viel sich auch dagegen einwendcn läßt, daß sie ihre Repräsentanten nur aus ihrer Mitte wählen. Denn wenn man den Landständen das Geschäft überträgt, die Rechtsverfassung durch neue Gesetze fortzubilden, so ist eS allerdings seltsam, dazu Männer auszuwählen, welche gerade von dem Zusammenhänge, den Grundlagen und den Wirkungen der Gesetze keine Kenntniß haben. Das trifft indeß nicht den Bauernstand allein. Übrigens ist mit der Aufhebung der Leibeigenschaft allein noch bei- »citem nicht ein freier und tüchtiger Bauernstand geschaffen, hierzu gehört nothwendig ein festes Recht an einem Grundstück, groß genug, den Besitzer und seine Familie zu nähren. Hierzu gehören Gesetze, wie sie die sranz. Revolution auch in Deutschland einführte, wie sie Preußen seit 1808 und nach ihm, besonders seit 1830, mehre andere deutsche Staaten gegeben haben. Im Ganzen ist der Bauernstand in den letzten 30 Zähren außerordentlich vor- geschritten theils in sich selbst, theils dadurch, daß gebildete Männer Bauergütcr gekauft und so sich diesem Stande angeschlossen haben. Bauer (Anton), Geh. Justizrath, ordentlicher Professor der Rechte und Ordinarius derJuristenfacultät zu Göttingen, gcb. zu Marburg am 16. Aug. 1772, studirte und promo- virte zu Marburg, wo er von I7S3 an Vorlesungen hielt und 1797 ordentlicher Professor und Beisitzer des SpruchcollegiumS wurde. Im I. 1813 ward er in gleicher Eigenschaft nach Göttingen versetzt, und nach erfolgter Befreiung von der Fremdherrschaft, zugleich mit legislativen Arbeiten, namentlich auch mit der Redaction der Entwürfe eines Strafgesetzbuchs und einer Strafproceßordnung beauftragt, an deren Abfassung er als Mitglied der Commission vielen Antheil hatte, wie er denn auch „Anmerkungen zu dem Entwürfe eines Strafgesetzbuchs für das Königreich Hannover" (2 Bde., Gött. 1826—28) und eine „Vergleichung des ursprünglichen mit dem den Ständen vorgelegten Entwurf" (Gött. 1831), schrieb. Schon früher zum Hofrath und 1846 zum Geh. Justizrath ernannt, starb er, einer der vorzüglichsten Kriminalisten, zu Göttingen am 1. Juni 18^3. Schon 1895 führte ihn die Überzeugung von der Mangelhaftigkeit des damaligen akademischen Unterrichts in Beziehung auf die Bildung von Criminalpraktikern dazu, „Grundsätze des Criminalprocesses" (Nürnb. 1895), das erste selbständige Lehrbuch dieser Wissenschaft, zu schreiben, welches er nach 39 Jahren ganz umgearbeitet unter dem Titel „Lehrbuch des Strafprocesses" (Gött. 1835) erscheinen ließ. Die Philosophie des Strafrechts behandelte er bereits in seinem „Lehrbuch des Naturrechts" (Marb. 1898; 3. Aufl., Gött. 1825), dannsn den „Grundzügen des philosophischen Strafrechts" (Gött. 1825) ausführlicher; nachmals ging er jedoch von der Feuerbach'schen Theorie, zu der er sich früher bekannt hatte, ab und stellte eine zum Theil von derselben abweichende, die sogenannte Warnungstheorie (s. Strafrechtstheorie) auf und zwar zuerst in dem „Lehrbuch des Strafrechts" «'Gött. 1827; 2. Aufl., 1833), so 112 Bauer (Bruno) i dann in einer besonder» Schrift „Die Warnungstheorie , nebst einer Darstellung und Be. . urthcilung aller Strafrechtstheorien" (Gott. 1830). B. ist außerdem als akademischer Leh. I rer ziemlich ein halbes Jahrhundert hindurch vielfach thätig und vorzüglich auch für Auf. fassung der praktischen Seite des Criminalrechts bemüht gewesen; sowie er nicht minder seit Begründung des Deutschen Bundes mit der Ausarbeitung vieler Deductionen und Privat- Machten in sogenannten illustren Rechtssachen beauftragt worden ist; von jener Seite seiner Thätigkcit gingen die „Anleitung zur Criminalpraxis" (Gott. 1837), von dieser die „Bei- träge zum deutschen Privatfürstemecht" (Gott. 1839) hervor. Vorübergehend beschäftigte er sich auch als Lehrer und Schriftsteller mehrfach mit dem Rechte des „Oocke Napoleon", wie dies sein „Lehrbuch des franz. Rechts" (2. Aust., Mark. 1812) beweist. In der neuesten Zeit hat er aus scinek reichen Facultätspraxis eine „Sammlung von Strafrechtsfällen" (3 Bde., Eött. 1835—39) veröffentlicht und die wichtigsten Lehren des Strafrechts und Strafpro- ceffes in „Abhandlungen aus dem Strafrecht und dem Strafprocesse" (2 Bde., Gott. 1810 —12) einer Revision unterworfen. Bauer (Bruno), der kühnste biblische Kritiker der Neuzeit, gcb. am s. Sept. 1809 zu Eisenberg, im Herzogthume Sachsen-Altenburg, wo sein Vater, der sich später nach Preußen wendete, Porzellanmaler war, studirte in Berlin Theologie und Philosophie und wurde hier 1831 Liccnkiak der erstem. In der Hcgel'schen Schule herrschte damalL eine speculativ-orthodoxe, mit Staat und Religion befreundete Richtung; an diese schloß B. anfangs sich an, wie dies seine „Zeitschrift für speculative Theologie" (Berl. 1836—38) und die „Kritik der Schriften des Alten Testaments" (2 Bde., Berl. 1838) bezeugen. Jndeß enthält das letztere übrigens orthodox gehaltene Werk doch schon den Keim seiner spätem Kritik, indem es die religiösen Mythen des Judenthums in ihren allmäligen Umgestaltungen als eine Entwickelung im Volksbewußtsein der Juden selbst darstcllt. Den eigentlichen Wendepunkt in seinem geistigen Leben bildet das 1.1839, wo die Grundidee seiner Kritik in ihm reifte, wo er völlig mit der Orthodoxie durch die Broschüre „Herr v. Hengstenberg" (Berl. 1839) brach und den jüngern Hegelianern sich zuwcndete, die den Gegensatz des religiös- kirchlichen und wissenschaftlichen Bewußtseins mit aller Strenge durchzuführen begonnen hatten. Noch in demselben Jahre nach Bonn versetzt, ließ B. bald darauf seine „Kritik des Evangeliums Johannis" (Brem. 1810 ) erscheinen, welche den Inhalt des Evangeliums als eine freie schriftstellerische Composition nachzuweisen suchte; gleichzeitig sollte „Die evangelische Landeskirche Preußens" (Lpz. 1810) darthun, daß die Kirche im Staate aufgehen müsse. Später folgten, um die Altgläubigkeit und moderne Wissenschaftlichkeit als zwei wirkliche Extreme ins Licht zu setzen, die beiden anonymen Broschüren: „Die Posaune des jüngsten Gerichts über Hegel den Atheisten und Antichristen" (Lpz. I8ll)und „Hegels Lehre von der Religion und Kunst" (Lpz. 1812). Das meiste Aussehen aber erregte seine „Kritik der evangelischen Geschichte der Synoptiker" (Bd. 1—2, Lpz. 1811, Bd. 3, Braunschw 1812), ein Werk, welches das Leben Jesu von Dav. Fr. Strauß (s. d.) an Scharfsinn unstreitig überragt. B. strebt darin nachzuweisen, Marcus, als der Urevangclist, habe sein Evangelium auf Grund des damaligen Gemeindebewußtseins frei geschaffen, LucaS und zuletzt Matthäus hätten dann den bei Marcus Vorgefundenen Stoff künstlerisch erweitert, demnach läge in der evangelischen Geschichte nicht ein Kreis von Mythen, sondern das Product der rcflectirenden und pragmatisirenden Schriftsteller des Neuen Testaments vor. Die Resultate dieser Kritik schienen so bedenklich, daß das preuß. Cultusministerium unterm 20. Aug. 1811 bei den theologischen Facultätcn Preußens anfragte, welchen Standpunkt B. zum Christenthume cinnehme, und ob ihm die Lehrbefugniß ferner zu verstatten sei. Obgleich nun mehre der sechs Gutachten ihm die Christlichkeit nicht absprachen, so war doch die Majorität darin einig, daß er mit seinem Werke von der evangelisch-protestantischen Kirche sich losgesagt habe. Demzufolge wurde ihm 1812 die Erlaubniß zu lehren entzogen und er in Untersuchung verwickelt. In dieser Zeit lieferte er die Schrift „Die gute Sache der Freiheit und meine eigene Angelegenheit" (Zür. 1813) und „Geschichte der Politik, Cultur und Aufklärung des 18. Jahrh." (3 Bde., Charlottenb. 1811—15). B.'s Scharfsinn, sein wissenschaftlicher Muth, der vor keiner Conseauenz erschrickt und ohne Rücksicht auf äußere Verhältnisse sie ausspricht, sind jedenfalls geeignet, auch seinen Gegnern Bauer (Georg Lorenz) Bauernkrieg 113 Achtung abzunöthigen. Gegen letztere ist er am nachdrücklichsten von seinem Bruder E d gar B. in Berlin, der, geb. 1821, anfangs Theologie, dann aber die Rechte studirte, theils in den „Deutschen Jahrbüchern", theils in dem Schriftchen „Bruno B. und seine Gegner" (Berl. 1842) vertheidigt'worden. Bauer (Georg Lorenz), einer der achtbarsten Theologen, aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrh., geb. am 14. Aug. 1755 zu Hiltboltstein, studirte in Altdorf besonders orient. Literatur und wurde 1776 Frühprediger an der Schloßkapelle zu Nürnberg, in welcher Stellung er die Übersetzung der arab. Geschichte des Abulfaradsch herausgab. Nachdem er dann drei Jahre an der St.-Sebaldschule gewirkt hatte, erhielt er 1789 die Professur der Bcredtsamkeit, der morgen!. Sprachen und der Moral zu Altdorf. Im I. 1805 endlich ward er Professor der Exegese und orient. Literatur zu Heidelberg, erhielt auch den Charakter eines Kirchenraths, starb aber schon den 12. Jan. 1806. B. hat durch gründliche Sprachforschung und kritischen Scharfsinn viel dazu beigetragen, die biblische Exegese von den Fesseln dogmatischer Vorurtheile zu befreien und den Unterschied zwischen dem Lehrgehalte der Bibel und dem kirchlich-orthodoxen Systeme nachzuweisen. Hatte er in seiner „llermenen- tica sacrs Vst. Test." (Lpz. 1797) den richtigen Grundsatz ausgestellt, daß man die Bibel wie die Schriften der alten Klassiker historisch erklären müsse, so wendete er denselben auch in seinen zahlreichen Werken über biblische Theologie und Moral des Alten und Neuen Testaments mit Erfolg an. Unter diesen erwähnen wir namentlich seine „Hebr. Mythologie des Alten und Neuen Testaments" (2Bde., Lpz. 1802—3), worin diese mit der Eotterlehre der Griechen und Römer verglichen wird, das „Lehrbuch der hebr. Altcrthümer" (2. Aust., herausgeg. von Rosenmüller, Lpz. 1835), dann die Bearbeitung der sogenannten biblischen Beweisstellen „Uicts clsssicnVet. 'Ue8t." (2 Abtheil., Lpz. 1798—99), welche Schrift von Stegmann (Lpz. 1834) umgearbeiket herausgegeben worden ist, und die „Biblische Theologie des Neuen Testaments" (4Bdc., Leipz. 1800—2). Weniger hat er als Historiker in dem „Handbuch der Geschichte der hebr. Nation" (2 Bde., Nürnb. 1800—4.) geleistet. Bauernfeld (Eduard), deutscher Lustspieldichter, geb. 1804 zu Wien, wo er auch studirte und gegenwärtig als Concipist bei der Hofkanzlei angestellt ist. Seine Erfindung ist nicht von Bedeutung und Hai meist etwas Althergebrachtes; dagegen ist die Durchführung gut, namentlich der Dialog rasch, beweglich und schlagend, und die Anordnung, der schnelle Gang, die Gruppirung der Figuren auf das geschickteste für die Wirkung auf der Bühne berechnet. Das Salonleben besonders weiß er trefflich zu zeichnen, er ist, wenn auch kein Dichter im allgemeinern und edlern Sinne, doch ein sehr lobenswerther Dichter für die moderne Bühne. Er hat sich ziemlich productiv gezeigt, und am beliebtesten wurden seine Lustspiele, „Das Liebcsprotokoll", „Franz Walter", „Die Bekenntnisse", „Bürgerlich und romantisch", „Das Tagebuch" u.s. w., die er unter dem Titcl„Lustspiele" (Wien 1833), „Theater" (2 Bde., Manh. 1836—37) gesammelt erscheinen ließ. Bauernkrieg nennt man in der deutschen Geschichte jenen Aufstand zur Zeit der Reformation, der zuerst in Schwaben und Franken, dann auch in Sachsen und Thüringen von den nieder« Ständen gegen die Hähern, besonders von den Bauern gegen den Adel unternommen wurde, anfangs um dem harten Drucke, unter welchem sie seufzten, sich zu entreißen, bald nachher aber, um sich eine eingebildete politische und religiöse Freiheit zu erkämpfen. Manche, besonders katholische Schriftsteller haben Luther und seinen Schriften, namentlich seinem Buche von der evangelischen Freiheit und dem freien Gebrauche der Schrift die alleinige oder doch vorzügliche Schuld dieses Aufruhrs, „dieses gräßlichen Nothschreis der gedrückten Menschheit", wie Zschokke den Bauernkrieg nennt, zugeschricbcn. Es ist aber erwiesen, daß die Frohndicnste, welche geistliche und weltliche Herren fodcrten, die Plünderungen und Verheerungen, denen die Unterthanen bei den häufigen Fehden des Adels und der Fürsten ausgesetzt waren, der Druck der Auflagen, welcher mit dem Eintritte neuer Bedürfnisse und dem steigenden Aufwande der Großen zunahm, besonders aber das Beispiel der benachbarten Schweizer, welche der Herrschaft des Adels entledigt, von ihren Obrigkeiten mit keinen außer- ordentlichen Steuern belegt und durch kein fremdes Kriegsvolk heimgcsucht wurden, die eigentlichen, bewegenden Ursachen zur Entstehung dieses Aufruhrs waren- Der stille Grimm, Conv.-Lex. Neunte Aufl. II. 8 l.»« 114 Btluernklieg der seit mehr als 36 Jahren unter dem Landvolke und den Bewohnern der kleinern Städte gährte und einige Male schon in minder bedeutenden Aufständen hcrvorbrach, bedurfte jetzt nur eines schwachen äußern Anlasses, um in offene, allgemeinere Empörung überzugchen. Nach, dem schon im Z. 1562 eine aus solchen Stoffen im Nheinlande erwachsene Bauernverschwörung, nach ihrem Wahrzeichen „der Bundschuh" genannt und im 1.15l4 eine andere im Würtembergischen, „der Bund des armen Konrad", jedoch ohne Abstellung der nur zu begründeten Beschwerden, gewaltsam unterdrückt worden war, erhob sich in denselben Gegenden im I. 1525 der Aufruhr aufs neue, indem das Landvolk im Verein mit den Städten den Abt zu Kempten überfiel und nach Ausplünderung seines Klosters zwang, durch einen Vertrag, den Rechten, die man für die Unterthanen drückend fand, zu entsagen. Durch dieses Beispiel crmuthigt, erhoben sich bald nachher zuerst, im Febr., die Allgäuer unter Dietrich Hurlcwagen von Lindau gegen den Bischof von Augsburg, denen sich die Bauern am Bodensce unter Eitelhans von Theuringen anschloffen, ferner, im März, ein Haufen am Nied unter Ulrich Schmid von Sulingen, dem das Volk an der Iller zuströmte, endlich, im April, die Bewohner desSchwarzwasdes vom Wutachthal bis zum Dreisamthal unter Hans Müller von Bulgenbach. Zum Glücke für diese Rotte war der mächtige schwäbische Bund, der sich auf der Stelle rüstete, durch einen Einfall des Herzogs Ulrich von Würtemberg, der mit Hülfe der Schweizer sein Land, aus welchem er verjagt worden war, wiedererobern wollte, beschäftigt. Die Bauern hatten ein Manifest aögefaßt, welches in zwölf Artikeln die Beschwerden und Federungen enthielt, um deren willen sie die Waffen ergriffen hatten. In diesen berühmten zwölf Artikeln federten sie: 1) Freie Wahl ihrer Pfarrherren, 2) Verwendung des Getreidezehnten, so weit nöthig, für den Pfarrer, des übrigen für die Armen und zur Bestreitung anderer gemeinen Bedürfnisse, 3) Aufhebung der Leibeigenschaft, 4) Vernichtung der ausschließenden Gerechtsame des Adels und der Fürsten auf Jagd und Fischerei, 5) Rückgabe der Gehölze, welche die geistlichen und weltlichen Herrschaften sich zugeeignet hätten, an die Gemeinden, 6—8) das Aufhären willkürlicher Mehrung und Erhöhung der Dienste, Abgaben und Pachtgelder, 9) gerechte und unparteiische Handhabung der Gesetze und Strafen nach feststehenden unveränderlichen Bestimmungen, 16) Zurückgabe aller den Gemeinden entfremdeten Acker und Wiesen, und I I) Abschaffung des Todfalles, nach welchem ein Theil des Erbes der Herrschaft anhcimfiel und dadurch den Witwen und Waisen entzogen wurde. Im zwölften Artikel erboten sie sich, wenn man ihnen einen oder den andern der Artikel als dem Worte Gottes nicht gemäß Nachweisen würde, davon abzustehen. Diese Artikel wurden allenthalben, wohin der Zug kam, öffentlich vorgelescn, und man sprach über Diejenigen, gleichviel ob Adelige oder Bauern, welche sie anzunehmen sich weigerten, von Seiten der christlichen Vereinigung den Bann aus und erklärte sie aller bürgerlichen und nachbarlichen Hülfe für verlustig. Inzwischen hatte sich dieser Aufruhr immer weiter verbreitet und begann bereits nach Franken sich hinüberzuspielen. Aufs neue hatten am Odenwalds sich einige Tausend Bauern gesammelt, die nach Rothenburg an der Tauber zogen, wo Stadt und Landvolk mit ihnen gemeinschaftliche Sache machten. Sie theilten sich hierauf in zwei Haufen, den schwarzen, der von Rothenberg kam, unter Hans Kolbenschlag, und den Hellen, vom Odenwalde, unter Anführung eines ehemaligen Gastwirths Georg Metzler. Überall, wo sie hinkamen, wurden Burgen und Abteien erobert oder geplündert; die kleinern Städte öffneten nothgcdrungen die Thore; gezwungen oder freiwillig schlossen sich viele Grafen und Herren, wie die Grafen von Werthcim und Henneberg, die Hohenlohe und Kirchberg, an sie an, ja selbst Fürsten, wie der vertriebene Herzog Ulrich von Würtemberg, machten mit ihnen gemeinschaftliche Sache. Wer sich ihnen widersetzte, war verloren, wie der Graf Hclfenstcin, der zu Wcinsbcrg unter Trompeten- und Schalmeienklang in die Spieße seiner eigenen Bauern gejagt wurde. So ging der Zug gegen Würzburg. Die Anführung des odenwalder Haufens hatte jetzt Götz von Berlichingen (s. d.) übernommen, den rothenburger führte der Ritter Florian Geyer. Die Stadt Würzburg, seit langer Zeit mit ihrem Bischöfe in Unfrieden und voll Hoffnung, die Vortheile einer freien Reichsstadt zu gewinnen, nahm die Bauern bereitwillig auf; nur das Würzburger Schloß Liebfrauenberg leistete hartnäckigen Widerstand. Die hierdurch entstandene Zögerung brachte die Bauern ins Verderben; denn auf diese Weise gewann der Heerführer des schwäbischen Bundes, Georg Truchseß von Waldburg, der indcß über BauerweHel Bauhütten 115 den von den Schweizern im Stiche gelassenen Herzog von Würtcmberg Herr geworden war, hinreichende Zeih seine Truppen zu sammeln und zu verstärken. Nachdem Solches geschehen, zog er vom Bodensec herauf ins Würtcmbergische, schlug bei Böblingen und Sindelfingen im Mai 1525 die dasigcn Bauern aufs Haupt, unterwarf sich das ganze Land und vereinigte sich zuletzt zwischen Helspach und Neckarsulm mit den Kurfürsten von Trier und von der Pfalz. Einem so mächtigen Heere von 8000 M. Fußvolk und 3000 Reitern, durch Geschütz und Reiterei überlegen, vermochten die Bauern, denen es überdies an Einigkeit fehlte, nicht zu widerstehen. Bei Königshofen an der Tauber wurde am 2. Juni zuerst der odenwalder Haufe der Bauern in einer hitzigen Feldschlacht geschlagen und am 5 . Juni der andere, der rothenburger, gänzlich aufgerieben, und Würzburg wiedererobert. Auch anderwärts wurden die Bauern nunmehr schnell unterworfen. Die am Mittelrheine wurden von dem zurückkchrenden trierisch-pfälzischen Heere bei Pfeddersheim zu Paaren getrieben. Den Bauern im Elsaß brachte Herzog Anton von Lothringen zuerst eine Niederlage im freien Felde bei, hernach, als die in Zabern Versammelten, an 17000 M., mit Niederlegung der Waffen capitulirten, wurden sie beim Abzüge angefallen und niedergemehelt. Am längsten widerstanden die Allgäuer, selbst dem so kampfgeübten Truchseß; als aber diesem der aus den ital. Feldzügen berühmte Georg Frundsberg zu Hülfe kam, mußten auch sie sich unterwerfen. Die Härte und Grausamkeit, mit der man allenthalben gegen die Wicderunterjochten verfuhr, war furchtbar; unzählige Gefangene wurden an den Straßen gehängt oder sonst umgebracht, zum Theil mit den größten Martern; an den Städten, die sich den Empörern ergeben hatten, namentlich an Weinsberg, Rothenburg und Würzburg, wurde strenge Rache genommen und ganze Haufen von Einwohnern enthauptet; überall wurde das frühere Joch ihnen um so strenger angezogen. Im Ganzen mögen wol 100000 Menschen in diesen Kämpfen ihr Leben verloren haben, dabei waren die blühendsten und volkreichsten Landstriche zu Einöden geworden. Auf die Unruhen in Schwaben und Franken folgte der Bauernkrieg in Thüringen und Sachsen, den besonders Thomas Münzer (s. d.) veranlaßte. Vgl- Sartorius, „Versuch einer Geschichte des deutschen Bauernkriegs" (Berl. 1795 ), Öchsle, „Beiträge zur Geschichte des deutschen Bauernkriegs" (Heilbr. 1829 ), Burckhardt, „Geschichte des deutschen Bauernkriegs im I. 1525 " (2 Bdchn., Lpz. 1832 ) und Zimmermann, „Allgemeine Geschichte des großen Bauernkriegs" (2 Bde., Stuttg. 1841 — 42 ). BauerweHel, Ziegenpeter oder Mumps nennt man die entzündliche Anschwellung der Ohrspeicheldrüse. Sie beginnt mit einem spannenden Gefühl in der Wange, welches sich bis zum Ohre und dem Nacken hinzieht, darauffolgt eine härtliche, meistschmerz- lose Geschwulst, welche zuweilen die ganze Gesichtshälfte einnimmt und den Kranken den Mund zu öffnen und zu kauen hindert. Zuweilen werden auch beide Ohrspeicheldrüsen ergriffen. Gewöhnlich verläuft die Krankheit in 7—12 Tagen, indem sich die Geschwulst nach und nach verliert; zuweilen erfolgt aber auch Übergang in Absceßbildung und nach plötzlichem Verschwinden bei Männern Anschwellung der Hoden. Fast immer liegt ihr Erkältung und zwar unter epidemischem Einfluß zum Grunde, daher meist mehre Menschen gleichzeitig von ihr befallen werden. Zu ihrer Beseitigung reicht oft einfaches Bedecken des Theils mit erwärmten Kräuterkiffen und einige Tassen Fliederthee aus; plötzliches Verschwinden aber verlangt Emotionen und Senfpflaster auf die Wange. Bauhütten, Baulogen oder Baugesellschaften sindCorporationen von Steinmetzen, dem Mittelalter angehörig und aus den bürgerlichen Verhältnissen desselben hervorgegangen, mit der Entwickelung des mittelalterlichen Städtewesens sich ausbildend und fallend. Die Bauhütte begreift in sich den Verein derjenigen Handwerker und Künstler, welcher sich zur Ausführung eines ansehnlichen Gebäudes verbunden hatte und bei demselben zum Theil dauernd verblieb. Hier war auf eine zunstgcmäße, aber bedeutsame Weise das gegenseitige Verhältniß der Glieder des Vereins geregelt, in einer Weise, daß die Bauhütte förmlich einen kleinen Staat mit vielfach selbständiger Berechtigung, namentlich mit einem eigenen unabhängigen Gerichte bildete. Solche Einrichtung war für die tüchtige Ausführung der kolossalen und doch zum Theil so unsäglich gegliederten gothischen Dome wesentlich för- dersam. DieBauhütten standen unter sich mehrfach im Zusammenhang und in voneinander 8 * L 16 Baukunst abhängigen Verhältnissen; als Haupthütten in Deutschland galten die von Strasburg, Köln, Wien und Zürich, von denen die erste den obersten Vorrang gewann' (S. Freimaurer.) Baukunst ist in allgemeiner Bedeutung subjektiv die Geschicklichkeit oder objectiv das System von Regeln, deren man bedarf, um alle Arten Gebäude nach Zweck und Be- dürfniß dauerhaft, bequem und wohlgefällig aufführen zu können. Je nach den Gegenständen, mit denen ste beschäftigt ist, theilt man sie ein in bürgerliche Baukunst, Kriegs-, Schiffs-, Mühlen-, Land-, Wasser-, Brücken-, Straßenbaukunst u. s. w. Bei derMehrzahl dieser Gattungen, überhaupt bei allen denjenigen Werken der Baukunst, welche es ausschließlich nur mit den äußern Bedürfnissen des Lebens zu thun haben, kann es nur auf mechanische Tüchtigkeit, auf äußere Zweckerfüllung ankommen; ein wesentlich abweichender Gesichtspunkt für die Auffassung der Baukunst tritt jedoch ein, wenn der Mensch darauf ausgeht, dem mechanischen Werke seiner Hand zugleich das Gepräge seines Geistes aufzudrücken. Hier beginnt der Begriff der schönen Baukunst. Unter diesem Gesichtspunkte wird sie zu einer selbständigen und freien Kunst, gleich den übrigen Künsten, wenn schon diese Selbständigkeit eine mannichfach abgestufte sein kann, je nachdem das Bauwerk mehr oder weniger von äußern Bestimmungen abhängig ist und seine Formen mehr oder weniger durch die letztem bedingt werden. Ihre vollkommene Freiheit erreicht sie bei denjenigen Werken, deren Bestimmung von vornherein eine geistige ist, bei Tempeln, Monumenten u. dgl. Die Bauwerke der letztem Art kommen somit bei der Betrachtung der schönen Baukunst, der Architektur als wirklicher Kunst, vorzugsweise nur in Anregung; an ihnen entwickeln sich die architektonischen Formen, diejenigen, welche der Ausdruck des künstlerischen Gefühls sind, in ihrer charakteristischen Bedeutung, während die für äußerlichen Bedarf aufgeführten Bauwerke, z. B. die Wohngebäude, nur eine Decoration zeigen, deren Formen von denen der fümdeale Zwecke errichteten Bauten entweder unmittelbar entlehnt sind, oder doch in den letztem ihre eigentlich bestimmende Begründung finden. Die architektonische Kunst, als solche, bringt die allgemeinen Gesetze und Kräfte des Raums und den Geist, welcher dieselben belebt, zur geschlossenen, faßbaren und wahrnehmbaren Erscheinung. Es kommt bei ihr somit zunächst auf die räumlichen Maße und deren gegenseitiges Vcrhältniß, sodann auf die Theilung und Gliederung, endlich auf die Entwickelung der Thcile auseinander und zu einem gemeinsamen Ganzen an. Diese Bestimmungen werden durch die architektonischen Formen ausgedrückt; die Beschaffenheit der letztem wird durch den Eestaltungs-Proceß des architektonischen Werks bedingt, sie find unmittelbar die Verkörperung desselben, aber in völlig unabhängigem idealen Sinne, an sich ohne alle Rücksicht auf jene mechanischen Bedingnisse, welche hier nur für die äußerliche Realisation der Idee in Betracht kommen. Zn diesem höher» Sinne hat F. Schlegel die Architektur so sinnreich als gefrvrnc Musik bezeichnet. Je vollkommener der Organismus ist, welcher das architektonische Werk durchdringt, je mannichfaltiger die Kräfte sind, welche sich in demselben zu einer gemeinsamen Wirkung vereinen, um so bewegter und lebensvoller werden auch die architektonischen Formen, und je selbständiger diese Kräfte sich trotz ihres Zusammenwirkens gliedern und je individueller sie aus den allgemeinen räumlichen Gesetzen hcrvortreten, um so mehr streben sic nach einer individualisirenden Gestalt. Hier verbinden sich mit den rem architektonischen Formen die selbständig belebten Organismen der Natur und auf dem Gipfelpunkte der Entfaltung erscheint endlich das vollkommenste natürliche Gebilde, welches der unmittelbare Ausdruck des freien Geistes ist, die Gestalt des Menschen. Die Architektur und die bildende Kunst stehen somit im unmittelbaren, sich gegenseitig bedingenden und erhöhenden Zusammenhänge. Doch ist zu bemerken, daß das Streben nach dem letztem schon auf frühen, zum Theil noch sehr wenig ausgebildeten Entwickelungsstufen hervortritt, daß aber die Verbindung der architektonischen und bildnerischen Formen hier mehr oder weniger noch als eine willkürliche erscheint, und daß sie um so inniger wird, je höher der Organismus ist, der das Ganze erfüllt. Die Baukunst in ihrem Begriff als freie Kunst ergibt sich nach solchen Voraussetzungen ferner als der unmittelbare Ausdruck der gemeinsamen Sinnesrichlung, des gemeinsamen geistigen Strebens in Zeit und Volk. Je schärfer dieVolksthümlichkeiten voneinander unterschieden sind, um so bestimmter unterscheidet sich auch die Bauweise der verschiedenen Völker; Baukunst 117 je lebendiger der historische Fortschritt ist, um so charaktervoller zeigt sich dies in den Gestaltungen der Architektur. So sind die Denkmäler der Baukunst recht eigentlich die Denkmäler der Culturgeschichte des menschlichen Geschlechts. Auf den niedrigsten Stufen der Cultur haben die architektonischen Denkmäler das einfachste Gepräge; hier geben sie nur erst die allgemeinste räumliche Bezeichnung. Aufgeworfene Erdhügel, aufgerichtcte Steine, Steinkrcise und anderweitig zusammengelegte oder gestellte Steine und Felsblöcke sind die Monumente dieser ersten, ursprünglichsten Gattung. Wir finden deren überall auf der Erde, besonders zahlreich jedoch und nach einem gewissen Systeme behandelt in den nordcurop. Ländern; in den letztem entwickeln sie sich sogar schon zu einer eigenthümlichen Majestät, wie namentlich das großartige Denkmal von Stonehenge bei Salisbury in England bezeugt. Eine zweite Stufe der Entwickelung, in welcher das architektonische Denkmal, und zwar in verschieden ausgebildcten Graden, genaue Maßbestimmung, Theilung und Gliederung erhält, tritt uns in den Monumenten der Südsee-Jnscln, des südlichen Amerika und vornehmlich in denen von Centralamerika entgegen. Die Denkmäler des alten Mexico, die in neuerer Zeit so viel interessante Forschungen erweckt haben, zeigen in ihren Teocallis die einfachste architektonische Form, die der Pyramide zum Theil schon in reicher Weise ausgcbildet und mannich- fach geschmückt Hierauf erst folgt die Stufe, welche die ältesten Bauweisen der sogenannten alten Welt außerhalb Europa einnehmen. Die Ägypter gehen ebenfalls von der Form der Pyramide aus; aber sie verbinden damit zugleich einen Säulenbau, welcher zuerst eine lebensvolle Gliederung der architektonischen Kräfte einführt. Doch behält ihre Baukunst durchweg einen düstcrstrengen Charakter bei, und sie können sich namentlich nicht dazu ent- schließen, dem Säulcnbau eine selbständig freie Entfaltung zu geben. Die Blütezeit des ägypt. Lebens unter dem großen Ramses oder Sesostris und unter seinen nächsten Vorgängern und Nachfolgern, in der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. Geb. bezeichnet auch die Blütezeit ihrer Architektur. Die vorzüglichsten Denkmäler von Theben, im ober» Nillande, gehören in diese Periode. Der ägypt. Baukunst im Westen steht dieindische im Osten entgegen. Auch hier tritt das Streben nach lebensvoller Gliederung hervor, ungleich mannich- faltiger sogar als dort, aber ohne das Gesetz einer höhcrn Ruhe und geordneten Harmonie. Die großartigsten und altcrthümlichsten der ind. Denkmäler sind in den Felsen gemeise.lt, besonders als Höhlenbauten; diese, zum Theil vonsehr umfassender und ausgebildeter Anlage, finden sich vornehmlich in den Ghatgebirgen auf der Westseit» des Dekan und vorzüglich bedeutend sind unter ihnen die von Ellora. Im eigentlichen Freibau herrscht wiederum die Form der Pyramide vor, die hier zumeist jedoch in bunter Vcrschnörkelung erscheint; die Pagoden auf der östlichen Küste Indiens geben dafür die bemerkenswerthcsten Beispiele. Eine eigenkhümliche, zumeist etwas nüchterne Ausbildung erhält der ind. Baustil in den religiösen Denkmalen der Buddhisten, deren Formen sodann weit über die östlichen Lande Asiens umhergetragcn sind, nach Kabulistan, dessen Topes neuerdings ein Gegenstand der Forschung geworden sind, nach Ceylon, Java, Nepal und China; die Monumente der beiden zuletzt genannten Länder aber zeigen wieder eine mehr oder weniger barocke Umgestaltung ihrer Vorbilder. Dann sind die Denkmale des westlichen Asiens zu erwähnen; doch kennen wir diese nur aus vereinzelten Nachrichten alter Schriftsteller und aus geringen Resten. Der Tempel des Belus zu Babylon erscheint als ein Pyramidenbau, ganz den mexic. Tco- callis vergleichbar. Eine Ausstattung mit prächtigen und glänzenden Stoffen ist als charakteristische Eigcnthümlichkeit der babylonischen Bauweise anzuführcn; sic geht von dort aus auch auf die Baukunst der übrigen westasiat. Länder über. So auf die der Phönizier und der Israeliten, deren bedeutsamstes Bauwerk, der unter Salomo gebaute Jehova-Tempel, durch phönizische Künstler aufgeführt ward. So auch auf die Meder und Perser. Von den Denkmalen der letzter» sind mehre Felsengräber und die-Rninen des Palastes von Per sepolis erhalten; sie zeigen einen schon auf einer höher» Stufe der Entwickelung stehenden Säulenbau. Seine höchste, vollkommen gesetzmäßige Vollendung erhielt der Säulenbau bei den griechischen Nationen, zunächst durch die Volker dorischen Stamms, welche denselben mit strengem Ernste, nur auf einen allgemein würdigen Eindruck und nur auf diejenigen Formen bedacht, die mit unabweislicher Consequenz aus dem Princip des Säulenbaus hervorgehen mußten, durchbildetcn. Eine weichere, mehr anmnthige Gestalt, nickt ohne Einwirkung L 18 Baukunst asiat. Elements, erhielt der Säulenbau bei den griech.-ionischen Völkern. Durch diese Nr- tionalunterschicde entwickelten sich in selbständiger Abgeschlossenheit der dorische und der ionisch« Baustil, jener vornehmlich den westlich-griech., dieser den östlich-griech. Gegenden angehörig. Zur lautersten Schönheit aber gediehen beide im eigentlichen Herzen Griechen- lands, in Athen, wo im Zeitalter des Pcriklcs die bewundernswerthcsten Baudenkmale des gesammten Alterthums entstanden. Als eine dritte griech. Bauweise pstegtman die korinthische anzuführen; doch beruht diese zunächst nur darin, daß an die Stelle des ionischen Capitäls ein reicher geschmücktes Capitäl in der Form eines großen Akanthuskclches gesetzt ward; auch geschah dies bei den Griechen nur in seltnen Fällen. Eine andere Weise des Säulenbaus war bei den Etruskern entstanden; sie scheint sich aber nicht zu einer höhernEntfaltung durch- gebildet zu haben. Daneben hatten die Etrusker gleichzeitig das Gewölbe zur Anwendung gebracht, ohne dasselbe jedoch seinen eigenthümlichen, sehr abweichenden Principien gemäß durchzubilden. In der später» Zeit ihrer nationalen Blüte wandten sich die Etrusker einer Nachahmung der griech. Formen zu. Dasselbe Verhältniß zeigt sich bei den Römern, deren frühere Cultur sich aus der etruskischen, wie die spätere auf der griech. gründete. In ihrer Baukunst ließen sie Gewölbe- und Säulenbau durcheinander gehen, ohne die heterogenen Formen beider zu einem höher organischen Ganzen zu verschmelzen. Für den Säulenbau bedienten sie sich gern der korinth. Säule und gestalteten ihrer Eigenthümlichkeit gemäß das Ganze zu einer reichern Pracht; auch brachten sie statt des korinth. Capitäls sonst mancherlei decorative Capitälformen auf. Ihre Baudenkmale zeichnen sich weniger durch ihre Durchbildung als durch die Großartigkeit der Anlage aus; höchst charaktervoll erscheinen besonders ihre dem öffentlichen Nutzen und Vergnügen gewidmeten Bauten, wie die Märkte, die Basiliken, die Thermen, die Theater und Amphitheater, die Triumphbogen, die Brücken u. s. w. Das erste Jahrhundert der Kaiserregierung bezeichnet die Blütezeit der röm. Baukunst ; vom Ende des 2. Jahrh. an beginnt ihr Verfall. In den asiatisch-römischen Bauten mischt sich von dieser Zeit an den eigentlich klassischen Elementen mancherlei Fremdartiges bei, was allmälig die völlige Auflösung jener herbeiführte, zugleich aber auch schon die Keime zu einer neuen Entfaltung in sich trug. Eine wesentlich neue Entwickelung der Baukunst begann von jener Zeit an, in welcher das Christenthum öffentliche Geltung erhielt und neue, jugendlichkräftige Nationen auf den Schauplatz der Geschichte traten. Für den Anfang waren es freilich nur die entarteten röm. Formen, in denen dieser ncueBeginn sich zeigte. Die christlich-römische Basilika war eine rohe Nachahmung der antiken Basilika, und doch von vorn herein, was bei dieser wenigstens nicht in gleichem Grade der Fall war, auf die bedeutsamere Wirkung des Innern angelegt. In mehr selbständiger Ausbildung erschien die b y zan tini sche Ba uku nst, welche zuerst darauf ausging, die Formen des Gewölbes, im Gegensatz gegen die des antiken Säulenbaus, als höher berechtigte darzustellcn; doch blieb sie bei dem Beginn dieser Bestrebungen stehen; die Gestaltung des Einzelnen war mehr Nachahmung orientalisirend-antiker Elemente, als daß sie aus dem Organismus des Baus selbst hervorgegangen wäre. Die Zeit Justinian's, unter dem die Sophienkirche in Konstantinopel erbaut'wurde, bezeichnete die Blütenepoche dieses Stils; doch blieb der byzantin. Baustil im östlichen Reiche unverändert, und auch die russ. Baukunst ist noch eine, zum Theil zwar sehr phantastische Abart desselben. In den Ländern des europ. Occidents fand der byzant. Baustil ebenfalls Eingang, aber nur in beschränktem Maße; hier herrschte im Ganzen der röm.-christliche Basilikenstil vor, der von Italien aus auch nach allen übrigen Ländern umhergetragen wurde und bis in das Zeitalter Karl des Großen und darüber hinaus gültig blieb. Gleichzeitig mit dieser Periode der alt-christlichen Bauweise hatte auch die Baukunst der Araber ihren Ursprung genommen. Sie beruhte auf einer ähnlichen Auffassung antiker Elemente, zum Theil unter unmittelbarem Einfluß des röm.-christlichen Basilikenbaus und des byzantin. Baustils, womit sodann jedoch mancherlei oriental. Formen, namentlich der Hufeisenboge» und der Spitzbogen, verschmolzen wurden. Sie hatte verschiedenartige Weisen der Gestaltung je nach den Ländern, zu denen die Araber den Islam hinübertrugen, und je nach den Perioden der Entwickelung selbst; durchgehend aber zeigte sie dasselbe Streben nach phantastischem Reiz und nach üppig prächtiger Dekoration, zu welcher in den verschiedensten Ländern dieselben Formen, als Äußerungen gemein- Baukunst 113 sanier Geschmacks- und Sinnesrichtung, angewandt wurden. Eine hoher organische Durch- bildung fand jedoch in der arab. Baukunst nirgend statt. Die vorzüglichsten Denkmale derselben, von denen wir eine nähere Kunde haben, gehören auf der einen Seite Spanien an, wo die alterthümliche Moschee von Cordova und der reizvolle Königspalast der Alhambra bei Granada die Bewunderung der Reisenden ausmachen; auf der andern Seite Persien und dem ind. Gangcslande, wo die glanzvollsten Denkmale aus den Zeiten der Sosi-Dynastie und der Großmoguls sich bis aus unsere Zeit erhalten haben. Eine neue Entwickelung der occidental. Baukunst begann im 1«. Jahrh.; der eigenthümliche Baustil, der in dieser Zeit sich auszubilden anfing, ist am paßlichsten mit dem Namen des romanisch enzu bezeichnen, denn die gewöhnliche Benennung desselben als byzantinischer Baustil ist insofern unzulässig, als der letztere seine selbständig abgeschlossene Bedeutung hatte und der in Rede stehende keineswegs als eine Nachahmung desselben gelten konnte, auch ebenso wenig unter seinem überwiegenden Einflüsse stand. Neben die Elemente deraltchristlichen Baustile trat nun eine eigenthümliche, aus dem german. Volksgeiste entsprungene Behandlung der Formen, doch so, daß jene immer noch die charakteristische Grundlage bildeten. In einzelnen Fällen wurden auch arab. Formen ausgenommen. Die Basilika erschien zunächst noch als dicGrundform der architektonischen Anlage; aber sie entwickelte sich durch die Einführung des Gewölbes und durch die Gliederung des architektonischen Ganzen für die Zwecke des Gewölbes zu einem wesentlich Neuen; hier zuerst, nach jenen noch immer rohen byzantin. Anfängen, trat in der Geschichte der Baukunst das Gewölbe in seiner ganzen charakteristisch bestimmenden Bedeutsamkeit auf. Die roman. Baukunst dauerte in den verschiedenen christlichen Ländern des europ. Occidents bis zum Schlüsse des 12. und bis zum Anfänge des 13. Jahrh.; ihr Charakter ist im Allgemeinen der eines ruhigen Ernstes, zu Anfang streng und herb, dann immer klarer entwickelt, zum Schluß mehrfach auf sehr anmuthige und edle Weise ausgcbildet. Die Glanzpunkte des Stils sind Toscana, die Normandie und in Deutschland die sächs.-thucing. Gegenden. Wiederum eine neue Entwickelung der Baukunst begann mit der später» Zeit des 12- Jahrh. In dieser Periode trat der sogenannte gothische oder germanische Baustil ins Leben. Der Name gothisch, der von den modern-ital. Ästhetikern aufgebracht ward, soll so viel als barbarisch bedeuten; er diente ursprünglich zur Bezeichnung der gesammten mittelalterlichen Architektur, in der jene faden und selbstzufriedenen Theorien nur eine Barbarei erkannten, und wurde später auf die in Rede stehende Periode, als den angeblichen Gipfel des Ungeschmacks, eingeschränkt. Der goth. Baustil verdankt seine Entstehung zunächst dem unmittelbaren Einflüsse des oriental. Elements, namentlich dem Umstande, daß man den arab. Spitzbogen auf konsequente, aber zunächst nicht organische Weise mit dem Säulenbau der altchristlichen Basilika verbunden hatte. In solcher Art, halb christlich, halb arabisch, erscheinen die sicil.-normann. Bauten des I I. und 12. Jahrh. Im nördlichen Frankreich nahm man zuerst, wie es scheint, diese Formcnverbindung auf und gab ihr durch Hinzusügung des schon organisirten Gewölbes eine höhere Bedeutung und größere Entwickelungsfähigkeit. Damit war aber zugleich eilte ganz neue Bahn, welche dem schwärmerischen Drange der Zeit aufs Angemessenste entgegenkam, eröffnet. Die Säule und der Spitzbogen stiegen lebhafter empor, als der Pfeiler und der ruhige Halbkreisbogen des romanischen Baustils; die Säule gestattete eine mehr organische Gliederung, die mit den Formen des Gewölbes in die angemessenste Harmonie trat; dadurch wurden die Formen zugleich leichter; man beseitigte mehr und mehr die Schwere der Mauermasse, führte den Organismus des Innern auf das Außere hinüber und brachte es endlich dahin, ein bis in seine letzten Spitzen und Ausläufer belebtes und beseeltes Ganze darzustellen. Bei solcher Behandlungsweise wurden in raschem Fortschritt die Reminiscenzen der antiken Baukunst abgeworsen; Alles bis in die geringsten Einzelheiten hinab erscheint als Erzeugniß eines gemeinsamen, in höchster Gesetzlichkeit durchwaltenden Gefühls. Die Meisterwerke der gothischcn Baukunst sind überhaupt die tiefsinnigsten Lösungen des Problems der Architektur, soweit diese Kunst bis jetzt von den Menschen zur Ausübung gebracht ist. Ihr Beginn gehört Frankreich an; die dortigen Denkmale dieses Stils bewahren aber fast durchgehend jenen primitiven Charakter; ähnlich, obgleich nach einer andern Richtung hin, die Denkmale Englands. Die reinste und vollkommenste Ausbildung des Stils findet sich in Deutschland, und hier erscheint der Dom von Köln vor Allem 120 Baum als das Meisterwerk der Architektur; Geschlechter auf Geschlechter sind bemüht gewesen, den großartigen Grundplan dieses Gebäudes in stets höher entfalteter Schönheit zur Ausführung * zu bringen, ob der gegenwärtig erwachte Enthusiasmus, das unvollendete Meisterwerk gänzlich zu beenden, nachhaltig genug sein werde, muß die Zukunft lehren. In den südlichen Ländern, besonders in Italien, ist der gothische Baustil nicht auf reine Weise zur Anwendung gekommen. Seine Dauer ist, je nach den verschiedenen Ländern, bis ins 15 . und bis ins 16 . Jahrh. In Italien, wo man sich mit dem gothischen Baustil nicht hatte befreunden können, wich man bereits in der ersten Hälfte des 15 . Jahrh. von ihm ab. Die wissenschaftliche Richtung der Zeit führte zu den Formen des klassischen Alterthums zurück, und man bestrebte sich, es den Römern wieder möglichst gleich zu thun. Doch geschah dies zu Anfänge noch mit be> mcrkenswerthcr Eigcnthümlichkeit; Brunelleschi, Michelozzi, Nosscllini, Alberti, die Lombard!, Bramante sind gefeierte und wahrhaft bedeutende Meister des 15 . Jahrh.; die toscan. und die venet. Paläste dieser Zeit erscheinen noch in selbständiger Anmuth und Schönheit. Später jedoch gab man die persönliche Geltung immer mehr auf, suchte sich möglichst eng an die antike anzuschließen, wie Vignola, Palladio u. A. thaten, und als dennoch die Gegenwart ihr Recht foderte, verfiel man, vornehmlich im 17 . Jahrh., zumeist in ein willkürlich barockes oder bizarres Wesen. Das letztere hatte bereits mit Michel Angelo begonnen; als der Koryphäe solcher Entartung ist vor Allen Borromini zu nennen. Die außerital. Nationen sind diesem Beispiel seit dem 16 . Jahrh. getreulich Schritt vor Schritt nachgefolgt. Es hat dieser ganzen Periode dermo de rnenBaukunst keineswegs an sinn-und geistvollen Meistern gefehlt, aber ihre Leistungen stehen gegen die der großen Zeiten der Vergangenheit dennoch nur auf einer untergeordneten Stufe. 'Die Baukunst der letzten Jahrhunderte wird für die Zukunft nur den Werth einer vermittelnden Zwischenstufe haben. In der That aber scheinen sich schon gegenwärtig die Zeichen einer neu beginnenden höhern Entwickelung anzukündigen; insbesondere war es Schinkel, der für eine solche, zunächst zwar von dem reinen Boden des Eriechenthums aus, die ersten wahrhaft gültigen Andeutungen gegeben hat. Für die Geschichte der Baukunst ist wissenschaftlich noch wenig Umfassendes gethan. Hirt's „Geschichte dcrBaukunst bei den Alten" (Berl. 1827 ) bildet für die antike Baukunst wenigstens eine Grundlage; Stieglitz's „Geschichte der Baukunst" ( 2 . Aust., Nürnb. 1837 ) war blos ein Versuch, das Ganze zusammenzufaffen; in Kugler's „Handbuch der Kunstgeschichte" (Stuttg. 1812 ) ist die Geschichte der Baukunst nach dem Standpunkte der neuesten Forschungen dargelegt. Das Material an bildlichen Darstellungen der baulichen Denkmale vermehrt sich, obschon langsam, von Jahr zu Jahr. Baum heißen die Gewächse, welche mit Stamm und Ästen mehre Jahre dauern, und deren Wurzel, Stamm und Zweige holzig sind. In der Regel hat ein Baum nur Einen Stamm, der sich oben in Äste und Zweige verbreitet; der Strauch dagegen treibt mehre Stämme aus einer Wurzel und ist zum Theil auch von unten auf mit Ästen und Zweigen besetzt. Beide Gewächsarten gehen ineinander über, und mancher Strauch bildet sich unter gewissen Umständen entweder von selbst oder mit Hülfe der Kunst zum Baum, sowie umgekehrt mancher Baum zum Strauche wird. Der dikotyledonische Baumstamm und die im Bau ihm ganz ähnlichen Äste und Zweige bestehen aus verschiedenen Lagen, wovon die äußere die Rinde, die unterliegende das Holz und die innere Substanz das Mark genannt wird. So lange der Baumstamm überhaupt oder ein Baumzweig insbesondere noch jung und weich ist, dehnt er sich in die Länge und Dicke aus; wird er aber allmälig härter, was von unten nach oben geschieht, so nimmt die Ausdehnung in die Länge immer mehr ab und hört endlich Lei vollkommener Verhärtung (Verholzung) ganz auf. Alles völlig ausgebildete Holz dehnt sich Weberin die Länge noch in die Dicke weiter aus. Dennoch nehmen sowol der Stamm als die Äste an Dicke zu. Dies geschieht aber durch keine Ausdehnung von innen nach außen, sondern dadurch, daß sich neue Holzlagen von außen ansetzen. Diese Holzlagen bilden sich aus der Rinde, deren das Holz zunächst umgebende Thcile (Bast) sich zu ganz dünnen und feinen Blättchen verdicken, welche den sogenannten Holz- oder Jahresring bilden. Auch an Höhe und Größe der Krone nimmt der Baum jährlich zu. Dies geschieht aber ebenfalls, wie bei dem Zunehmen an Dicke, durch ein wirkliches Hinzukommen neuer Theile, die sich den alten ansetzen. Die dünnen jährigen Zweige führen nämlich den an ihnen befindlichen Baumannshöhle Baumgarten (Sigm. Jak.) 121 Augen oder Blattknospen Nahrungssafte zu, wodurch dieselben zu neuen Zweigen ausgebildet werden, welche sich so lange nach allen Richtungen ausdehnen, bis sie sich allmälig von unten nach oben verhärten. Auf diese Weise lebt oder wächst der Baum fort, bis er allmälig abstirbt. Sehr verschieden ist die Bildung des Baumstamms der Monokotyledonen, z. B. der Palme, und der Akotyledoncn, wie der Farrnkräuter; hier findet keine deutliche Trennung der Holzfasern vom Marke statt, es ist kein eigentliches Holz mit Jahresringen vorhanden, und das Zunehmen des Stamms geschieht von innen heraus. Man hat dieser Eigenthüm- lichkeit der Stammbildung wegen jene auch exogo-ms, d. i. von außen wachsende, diese encko- gvllue, d. i. von innen wachsende, genannt. Baumannshöhle, eine natürliche Höhle im Übergangskalksteine, auf dem Harz, im braunschweig. Fürstenthum Blankenburg, am linken Ufer der Bode, zwei Stunden von Blankenburg, in der Nähe des Dorfes Rübeland. Sie besteht aus sechs Haupt- und mehren kleinen Abtheilungen, die eine Länge von 768 F. haben und überall mit Tropfstein oder Stalaktiten überzogen sind, deren erdige Bestandtheile das allenthalben durchdringende Wasser mit sich führt und als kalkigen Stein ansctzt. Der Eingang ist 136 F. über der Sohle des Bodethals erhoben. In allen, namentlich aber in der dritten, findet man von Tropfstein gebildete Figuren und Säulen, von denen die sogenannte klingende Säule, wenn man daran schlägt, einen starken Klang von sich gibt. Die Höhle hat den Namen von dem Bergmann Baumann, welcher sie in der Absicht, Erze darin zu finden, 1672 zuerst befuhr, und, da er zwei Tage suchen mußte, um den Ausgang wieder zu finden, bald darauf starb. Die größte und schauerlichste unter den Höhlen ist die erste von 31 F. Höhe. Baume (Antoine), berühmter Apotheker und Chemiker, geb. zu Senlis an>26.Febr. 1728, gest. 15. Oct. 1804, war der Sohn eines Gastwirths. Er hatte keine Wissenschaft- liche Bildung erhalten und stieß daher bei seinen Studien, die er mit glühendem Eifer ergriff, auf große Schwierigkeiten. Das Examen, das er beim Eintritt in die Pharmaceutischc Schule zu Paris zu machen hatte, bestand er so glänzend und zeichnete sich binnen kurzer Zeit so sehr aus, daß man ihm den Lehrstuhl der Chemie an derselben Anstalt gab. Hier entwickelte er die lichtvolle Methode, die seine Werke vortheilhaft auszeichnet. Zu seinen ersten wissenschaftlichen Arbeiten gehören einige Denkschriften über die Kristallisation der Salze, über den Gährungsproceß u. s. w. Diese Abhandlungen erregten so großes Aufsehen, daß ihn die Akademie der Wissenschaften zu ihrem Mitglieds wählte. Der Erfolg der „Lmc^clopLclie" brachte B- auf die Idee, ein „Oictionnaire des srts et inetisrs" herausgegeben, das er selbst mit einer beträchtlichen Anzahl Artikel bereicherte. Die Revolution raubte ihm die Früchte seines außerordentlichen Fleißes und stürzte ihn sogar ins Elend. Um sein Leben zu fristen, wurde er Kaufmann. Seine beiden wichtigsten Werke sind seine „6Iiimis experimentale et raisonnes" (3 Bde., Par. 1773), „Elements de plikumacie" (Par. 1762) und die „Opus- cules de ckimie" (Par. 1798). Seine Schriften enthalten einen Schatz von Beobachtungen; aber ihr Gebrauch ist wegen der beibchaltenen alten Nomenclatur erschwert. Baumfelderwirthschast nennt man eine von Cotta (s. d.) in Tharandt vorgeschlagene, in neuererZcit hier und da auch in Ausführung gebrachte Waldwirthschaftsmethode, nach der der Boden abwechselnd zu Wald und Feld benutzt wird. Hiernach soll der zum Holzanbau bestimmte Acker mit Bäumen in einer Entfernung von vier Ruthen besetzt, der zwischen den Baumreihcn liegende Boden acht bis zehn Jahre als Ackerland, dann noch einige Jahre als Weide benutzt und hierauf das Land als Wald behandelt werden. Nach der Fällung der Bäume wird der Boden gerodet, einige Jahre blos als Acker benutzt und dann wieder mit Bäumen bepflanzt wie vorher. Die Ausführung dieser Wirthschast ist vorzüglich für Gebirgsgegenden sehr geeignet, wo sie durch verbesserten Feldbau, Cultivirung der Viehanger und der Blößen in den Wäldern, sowie durch die Laubfüttcrung mehr Brot, mehr Holz und mehr Erwerb herbeiführen würde. Baumgarten (Siegm. Jak.), nicht nur überhaupt einer der gelehrtesten unter den protestantischen Theologen des 18. Jahrh., sondern auch als derjenige Theolog zu bemerken, der als Semler's (s. d.) innigsterFreund auf dessen spätere Forschungen bedeutenden Einfluß übte, war 1766 zu Wolmirstädt, wo sein Vater, Jakob B., der 1722 in Berlin starb, früher Prediger War, geboren und auf der Schrie und Universität zu Halle gebildet, wo er vom 122 Baumgarten (Alex. Gottlieb) Baumgarten-CrnsiuS (D. K. W.) Doccnten(1728) zum Professor der Theologie vorrückte und am 4. Juli 1757 starb. Neben der eigentlichen Theologie waren die Facher der Geschichte und Literatur diejenigen, in denen er das Meiste gearbeitet hat. Seine Übersetzung der von engl. Gelehrten bearbeiteten „Allgemeinen Weltgeschichte" (16 Bde., Halle >1744—56, 4.) wurde nach seinem Tode von Semlcr fortgesetzt, worauf deutsche Gelehrte das Werk selbständig fortführten. Auch seine „Nachrichten von einer hallischcn Bibliothek" (8 Bde., Halle 1748—51) und „Nachrichten von merkwürdigen Büchern" (12 Bde., Halle 1752—57) enthalten viele noch immer brauchbare Notizen. Vgl. Semler's „Biographie B-'s" (Halle 1758, 4.). Baumgarten (Alex. Gottlicb), ein scharfsinniger und klarer Denker, aus Wolfs Schule, der Bruder des Vorigen, geb. am 17. Juli 1714 zu Berlin, studirte zu Halle und wurde, nachdem er eine Zeit lang an der dasigen Universität gelehrt, 1740 ordentlicher Professor der Phi- losophie zu Frankfurt a.d.O., wo er am 26. Mai 1762 starb. Er ist der Gründer der Ästhetik als einer systematischen Wissenschaft des Schönen. Indem er das Verwirrende der von einzelnen Kunstwerken und ihrer Wirkung abstrahirten Kunstregeln einsah, suchte er die Kunst- thesrie selbst wissenschaftlich zu begründen. Die Ergebnisse einer solchen, behauptete er, müßten allgemeingültig sein; dies seien sie aber nicht, wenn sie sich blos auf Folgerungen oder Autorität gründen. Man müsse also zu den ersten, allgemeinen, aus der Natur des menschlichen Geistes geschöpften Grundsätzen aufsteigen, wofern eine wahre Philosophie des Geschmacks entstehen solle. In der Schönheit bestehe das Wesen aller Künste. Die Schönheit selbst aber erschien ihm unter dem Begriffe der Wölfischen Schule als sinnlich erkannte Vollkommenheit, sinnlich vollkommene Erkenntniß des sinnlich Vollkommenen. Durch diese Erklärung machte er einesthcils das Schöne blos zu einem Gegenstände der sinnlichen Empfindung, wobei das Wesen desselben ganz übersehen wurde, anderntheils wurde die Wissenschaft desselben, als Wissenschaft der sinnlichen Erkenntniß, was er auch mit dem von ihm gewählten Ausdruck Ästhetik (s. d.) andeutet, eigentlich nur ein einzelner Theil der Theorie der Sinnlichkeit oder des sogenannten niedern Erkenntnisvermögens, während die Logik sich auf dar sogenannte höhere Erkenntnißvermögcn beziehen sollte. Die Idee einer solchen Wissenschaft stellte er zuerst auf in der Schrift „De nonnullis all poema pertinentibus" (Halle 1735, 4.). Aus seinen Dictaten entstanden Meier's „Anfangsgründe aller schönen Wissenschaften" (3 Bde., Halle 1748—50), worauf er selbst seine „^estbetica" (2 Bde., Franks. 1750—58) erscheinen ließ, deren Vollendung aber sein Tod verhinderte. Nur die Einleitung, worin er den Grund des Ganzen legte, nebst der Heuristik ist vollendet. Übrigens hatte er fast überall bei Aufstellung seiner Regeln blos die sogenannten redenden Künste vor Äugen. Seine Schriften über die andern Theile der Philosophie zeichnen sich durch Klarheit und Bestimmtheit aus; so ist namentlich seine „Nets;,i^-sica" (Halle 1730; 7. Aust, 17 7 9) noch jetzt eines der brauchbarsten Bücher für Die, welche die Metaphysik der Wölfischen Schule kennen lernen wollen. Vgl. Meier, „Leben B.'s" (Halle 1763). BeUlMgarten-Crussus (Detlev Karl Wilh.), Rector der Landesschule zu Meißen, wurde am 24. Jan. 1786 zu Dresden geboren, wo sein Vater Gottlob Aug. Baumgarten, der sich nach seinem Stiefvater, dem Prediger Crusius, zuerst Baumgarten-Crusius nannte und 1817 als Stiftssuperintendent in Merseburg starb, damals Diakonus an der Kreuzkirche war. Er erhielt von 1798—1803 zu Grimma seine höhere Schulbildung und bezog dann die Universität zu Leipzig, wo er neben der Theologie namentlich auch die klassischen Studien betrieb. Nachdem er hierauf seit 1806 vier Jahre in Merseburg privatisirt hatte, wurde ihm 1810 das Conrectorat an der Domschule daselbst übertragen, das er bis 1817 mit Liebe und Erfolg bekleidete. In dieser Zeit nahm er durch Wort und Schrift de» wärmsten Antheil an der Befreiung Deutschlands von der fremden Herrschaft, arbeitete für diesen Zweck eifrig mit an den „Deutschen Blättern" und schrieb „Vier Reden an die deutsche Jugend über Vaterland, Freiheit, deutsche Bildung und das Kreuz" (Al- tenb. 1814). Jm J. 1817 folgte er dem Ruse als Conrector an der Kreuzschule zu Dresden, wo es ihm in Verbindung mit den übrigen Lehrern bald gelang, ein mehr wissenschaftliches, durch Zucht und Fleiß geregeltes Leben herzustellen. Von hier aus machte er zu verschiedenen Zeiten größere Reisen in die Schweiz und nach Frankreich. Durch das Vertrauen seiner Mitbürger wurde er nach den Unruhen des I. 1830 zum Communrepräsentantcn .) Baumgartcn-Crnsius (L. F. O.) Baumgartner (Andr.) 123 en erwählt. Er benutzte diese Stellung auf rühmliche Weise zur Verbesserung des städti- en schxn Schulwesens und machte seine dahin einschlagenden Vorschläge in einer besondern ll- Schrift „Über das Schulwesen der Stadt Dresden" (Dresd. 1831) bekannt. Mit Anfang on des 1.1833 erhielt er.das Nectorat der Landcsschule zu Meißen. Hier machte er es sich zur »e Aufgabe, eine gründliche wissenschaftliche Durchbildung in dieser Anstalt geltend zu machen, ch- den seit Jahrhunderten eingewurzelten Rigorismus mit einer milden Behandlung derZög- eer singe zu vertauschen und überhaupt die Schulzucht mehr auf den Geist und auf das Vertrauen als auf den starren Buchstaben zu begründen, eine Aufgabe, die von ihm trefflich äe, gelöst worden ist. Seine schriftstellerische Thätigkeit begann er mit der Bearbeitung des de, „Xgcsüaus" von Plutarch und ckcnophon (Lpz. 1812) und des Sueton (3 Bde., Lpz. hi' 1816—18), von dem er auch eine Handausgabe (Lpz. 1820) besorgte. Dann gab er Ho- ük mer's Odyssee mit Auszügen aus Eustachius und andern Scholiasten heraus (3 Bde., Lpz. in- 1 822—23) und später besorgte er eine neue Auflage von W. Müller's „Homerischer Vorist- schule" (Lpz. 1836). Seine Ansichten vom bürgerlichen und christlichen Leben entwickelte i>ß- er in verschiedenen Darstellungen: „Die unsichtbare Kirche" (Lpz. 1816), „Reise aus dem der Herzen in das Herz" (Dresd. 1818), „Reise auf der Post von Dresden nach Leipzig" ich- (Dresd. 1819) und „Licht und Schatten" (Dresd. 1821). ,Er starb am 12. Mai 1835. Ss- Baumgarten - Crufkus (Ludw. Friedr. Otto), Geh. Kirchenrath und Professor )eit der Theologie zu Jena, des Vorigen Bruder, geb. zu Merseburg 1788, besuchte das dasige oll- Gymnasium, später die Fürstenschule zu Grimma und bezog 1805 die Universität zu Leipzig, !r- wo er Theologie studirte, 1809sich habilitirte und 1810 Universitätsprediger wurde. Im I. stn- 1812 folgte er einem Rufe nach Jena, wo er 1817 ordentlicher Professor der Theologie und »aft 1818 Mitglied des Senats und der theologischen Facultät wurde. Als Kämpfer für religiöse ihl- Freiheit trat er gegen Harms auf durch die „XLV tbcocs tlicoloFiesc contra superstitio- der nem et xrotsnitstein" (Jena 1817) und in demselben Sinne gegen die höllischen Verlauf ketzerer in der Schrift „Über Gewissensfreiheit, Lehrfreiheit und über den Rationalismus 'en- und seine Gegner" (Berl. 1830). Seine „Einleitung in das Studium der Dogmatik" alle (Lpz. 1820) hat vieles Originelle und ist reich an Denkstoff, jedoch zu wenig verarbeitet, sen- Vollständigere Darstellungen seiner Lehre gab er in dem „Handbuche der christlichen Sitten- nkf. lehre" (Lpz. 1827), in den „Grundzügen der biblischen Theologie" (Jena 1828) und in dem ein- „Grundrisse der evangelisch-kirchlichen Dogmatik" (Jena 1830). Seine ausgezeichnetsten bri- Forschungen aber hat er auf die Dogmengeschichte gewendet; die Resultate derselben legte er nste zum Theil in seinem „Lehrbuche dcrDogmcngeschichte" (2 Abtheil., Jena 1831—32) nie- wch der, während der scholastischen Theologie mehre seiner akademischen Schriften gewidmet uff, sind. Eine Sammlung seiner kleinern Schriften enthalten die „Opuscnla tllcologica, pichen rsyuc nonlluili cilitu" (Jena 1836). An ausgebreiteter und gründlicher Gelehrsamkeit, an originellem Geist und scharfsinnigem feinen Denken nimmt B. unbestritten eine der ersten ßcn, Stellen unter den Theologen der Gegenwart ein; doch vermißt man in seinen Schriften u m> sehr ungern eine klare Darstellung. B. hat sich keiner der herrschenden theologischen oder siuS philosophischen Schulen angeschlossen; früher zeigte sich einiger Einfluß der Schelling'schen der Philosophie auf seine theologischeDenkart, wovon er sich aber immer mehr frei gemacht hat. und Seiner durchaus freien, keiner Autorität untergebenen Denkart nach hat er allerdings von assi- jeher dem Nationalismus zugehört; jedoch in einer andern Gestalt als er bei Wegscheider und usirt Röhr erscheint. Erstarb am 31. Mai 1833. Nach seinem Tode erschienen seine „Exegeti- s er schon Schriften zum Neuen Testament" (Bd. 1—3, Jena 1333—36) und sein „Com- hrist pcndium der christlichen Dogmengeschichte" (2 Bde., Lpz. l 835—36). ebci> Baumgartner (Andr.), Negierungsrath und Director der kaiserlichen Ärarial-Por- edcn zellan-, Gußspiegel - und Smaltefabriken in Wien, geb. zu Friedberg in Böhmen am 23. (Al- Nov.1793, erhielt seine Bildung auf der Schule zu Linz und dann in Wien, woerDoctordcr !den, Philosophie wurde und 1815 als Docent auftrat. Zu Ostern 1817 wurde er als Professor ches, derPhysik an das Lyceum zuOlmütz berufen, und 1823 ging er wieder nach Wien und über- chu- nahm die Vorträge über Physik an der Universität. Zugleich hielt er Vorträge überpopulairc ruen Mechanik für Handwerker und Künstler. Ein hartnäckiges Halsübel bewog ihn, seine Thä- ntcn Weit bei der Universität aufzugcben und der Berufung zu seiner gegenwärtigen Stellung 124 Baumgartner (Gallus Jak.) Baumschlag Folge zu leisten. Unter seinen Schriften steht obenan seine „Naturlehre" (Wien 1823-, 7. Aufl„ 1842); nicht wenig hat er für Fortbildung der Naturwissenschaften auch durch die „Zeitschrift für Physik und Mathematik" gewirkt, die er erst in Verbindung mit Etting. Hausen (10 Bde., Wien 1826—32), dann allein unter dem Titel „Zeitschrift für Physik und verwandte Wissenschaften" (4 Bde., Wien 1832—37) herausgab, und die er jetzt mit Holgcr fortführt. Durch seine „Aräomctrie" (Wien 1820) und die „Mechanik in ihrer Anwendung auf Künste und Gewerbe" (Wien 1823) hat er für die Anwendung der Physik auf das gewerbliche Leben verdienstlich gewirkt, und seine „Anfangsgründe der Naturlehre" (Wien 1837) sind ein guter Leitfaden beim Elementarunterrichte. Baumgartner (Gallus Jak.), Landammann des Cantons St.-Gallen, geb. am 18 . Oct. 1797 zu Altstätten, der Sohn eines Handwerkers, besuchte das Gymnasium in St.- Gallen und dann die Nechtsschule in Freiburg. JmJ. 1816 ging er nach Wien, wurde aber hier politisch verdächtigt, verhaftet und 1820 aus Ostreich ausgewiescn. JmZ. 1825 kam er in den Großen Rath seines Cantons, wurde hierauf Staatsschreiber und gewann sehr bald durch Geschäftsgewandtheit und beredte Vertheidigung der Volkssache vielen Einfluß. Im I. 1831 trug er als Mitglied des Verfassungsraths viel dazu bei, daß die neue Verfassung zu Stande kam, wurde zum ersten Mitglieds des Kleinen Raths ernannt und erwarb sich große Verdienste um die Administration. Er sprach und stimmte in eidgenössischen Angelegenheiten als erster Gesandter seines Cantons auf der Tagsatzung für die Reform dn schweizerischen Bundesverfassung durch das Organ eines eidgenössischen Verfassungsraths und für Totaltrennung des Cantons Basel, nachdem sein erstes Votum für Reconstituirung desselben, mittels eines Verfassungsraths und unter dem Schutze eidgenössischer Truppen, durchgefallen war. Er wirkte 1833 für das Aufgebot von 20000 M. gegen die Cantone des Sarner Bundes, protestirte 1834 gegen die durch den Savoyer Zug und die Versammlung im Steinhölzli hervorgerufenen Foderungcn der fremden Gesandten und widersetzte sich 1836 in einem Minoritätsgutachtcn dem Conclusum in der Flüchtlingssache, sowie dem Concordat hinsichtlich der politischen Flüchtlinge. Auch durch seine Theilnahme an dem wohlrcdigirten St.-gallischen Blatte „Der Erzähler", stellte er sich in die vordersten Reihen der Partei der Bewegung. Eine besondere Energie entwickelte er aber in seinem Canto» gegen die Reactionsvcrsuche der ultramontanen, von der Nunciatur geleiteten Partei; er verthcidigte mit Erfolg das freisinnige System der öffentlichen Erziehung, setzte 1835 die Aufhebung des für den Canton so nachtheiligen Doppelbisthums durch und war das eifrigste und thätigste Mitglied der päpstlich verdammten badener Conferenz. So zählte er während einer langen Reihe von Jahren unter den Häuptern des Radicalismus, bis er sich zuerst in der Sache des kaufmännischen Stiftungsfonds zu St.-Gallen von einem Theil seiner radicalen Meinungsgenossen entfernte, ohne daß man jedoch aus seiner Ansicht über eine locale Rechtsfrage auf einen baldigen politischen Farbenwechsel schließen mochte. Zum vollständigen Bruche mit seiner Partei kam es aber in der aargauischen Klostersache (s. Schweiz), als er sich mit der MehrheK des St.-gallischen Großraths für Herstellung sämmtlicher Klöster unter einigen Modificationen aussprach und als Gesandter seines Cantons die Vertretung dieser Ansicht auf der Tagsatzung übernahm, ohne jedoch damit durchdringen zu können. Jetzt behandelte die liberale Presse den früher so hoch von ihr Gefeierten als Abtrünnigen und versuchte sich in mancherlei Erklärungen seiner politischen Umwandlung, während es auch B- nicht an Repliken fehlen ließ, wodurch er seine frühem Freunde und neuen Widersacher noch mehr gegen sich aufreizte. Misstimmt durch wiederholte Angriffe, gab er im Nov. 1841 die vom Großen Rathe mit Bczcigung des Danks für vieljährige Dienste angenommene Entlassung aus dem Kleinen Rathe, behielt jedoch vorerst noch die Stelle eines Tagsahungs- gesandten. Später trat er auch vom „Erzähler" zurück, übernahm aber im Herbst l 842 die Nedaction der „Neuen Schweizer Zeitung", worin er eine vermittelnde Stellung behaupten zu wollen scheint. Er gilt als Verfasser der anonym erschienenen Schrift „Die Schweiz im I. 1842", worin er die Frage der Bundesreform als noch unzeitig vertagt haben wollte und die Pacification der Schweiz, auf der Grundlage von Garantien des jetzt geltenden eidgenössischen Staatsrechts, als die Vorbedingung der künftig möglichen Reformen betrachtete. Baumschlag nennt man in der Natur den Wurf oder die Lage der Verzweigungen ue sik e" 8. t.- ber am ald 2M >ng sich lge- bei ths ^ mg >en, one im- ehte )em )cm hen >to» er die gste end st in aleii ht§- igen als )stcr ung zchi und auch «chcr 84l neue ngs- S die pten zim und cid- tcte. igen Baumwolle Baumwollenmanufactur 125 der Bäume mit ihrem Blätterwerk, nach ihrer charakteristischen Verschiedenheit; in den zeichnenden Künsten die Art der Darstellung derselben, besonders die Darstellung der Belaubungsart. Baumwolle. Die Pflanzengattung, welche die Baumwolle hervorbringt (6oss^- pimn) gehört in die Familie der Malvaceen und enthält viele Arten und Abarten, die bald als niedrige Bäume, bald als Sträucher austreten, häufig auch nur einjährig find, wild in den wärmern Ländern beider Halbkugeln Vorkommen und blos in denselben mit Vortheil sich cultiviren lassen. Alle haben mehr oder weniger getheilte oder gelappte Blätter, große, meist gelbliche, aber sehr vergängliche Blumen und eine drei- bis sünssächerige Frucht, welche beim Reifen aufspringt und mit vielen in lange Wolle eingehülltcn, daher elastisch hervorquellenden Samen angefüllt ist. Zn verschiedenen Ländern pflanzt man sehr verschiedene Arten an, die wie alle Culturgewächse in eine Menge Abarten sich aufgelöst haben. In den Küstenländern des Mittelländischen und Griechischen Meers baut man fast nur die einjährige Art (6. berbaceum), die auch in Deutschland, jedoch nur in Gewächshäusern, blüht und Früchte reift. Eigenthümliche Varietäten dieser Art pflanzt man im Süden der Vereinigten Staaten, in Westindien und Südamerika, jedoch dürsten mehre der zwischen den Wendekreisen cultivirten Arten botanisch verschiedene Species sein. Zn Peru und Mexico fanden schon die ersten Entdecker Baumwollenpflanzungen; später hat man die dortigen Varietäten nach andern Kolonien gebracht, astat. Sorten hingegen nach Westindien verpflanzt u. s. w. In Ostindien und China baut man eine besondere Art (6. reli- giosum), die anderwärts selten bemerkt wird. In Bengalen, Ägypten und dem wärmern Amerika ist Baumwolle eines der wichtigsten, bisweilen das ausschließliche Product; auch im Innern Afrikas, besonders im Königreiche Benin ist sie einheimisch. Das Verfahren beim Anbau ändert sich in jedem Lande, indessen kommt es darin an allen Orten überein, daß man leichten, halbsandigcn Boden vorzieht. Dgl. besonders hinsichtlich Amerikas Nicolson, Moreau de Saint-Mery, Badicr, Äajon, Pre'fontaine, Blom und Rohr. Zu des Plinius Zeiten pflanzten allein die Bewohner von Ägypten, Ärabien und Indien die Baumwolle an. Die Römer kannten zwar die Pflanze nicht, erhielten aber die aus ihr gewebten, besonders zu Pricsterklcidungen verwendeten Stoffe auf weiten Umwegen und zu hohen Preisen. In Folge der Kreuzzüge verbreitete sich diese nützliche Pflanze auch in Südeuropa, nachdem sie unter den byzantin. Kaisern bereits in Kleinasien, Makedonien und in einigen Gegenden Griechenlands Gegenstand der Cultur geworden. Gegenwärtig gibt cs Pflanzungen in Spanien, Sardinien, Sicilien, Neapel, Malta, Rhodus, Syrien, Kleinasten, Macedonien, Persien; ein Theil der in diesen Ländern gewonnenen Baumwolle kommt unter dem Namen der Levantischen im Handel vor und gelangt über Marseille und Triest nach Europa. Zn den Vereinigten Staaten von Nordamerika datirt die Cultur der Baumwolle erst vom I. 1784, und in Brasilien im Großen seit 1781; in Ägypten wurde sie auf Betrieb des Pascha seit 1821 wieder heimisch. Baumwollenmanufactur. Die Zeit, wann man .angefangen, die Baumwolle zu Zeugen zu verarbeiten, ist ungewiß. Die Mumienzeuge der Ägypter sind durchgängig Leinen; die Chinesen kennen die Baumwolle, die sie jetzt stark cultiviren, kaum seit tausend Jahren. Griechen und Römer kannten zwar die Baumwolle, benutzten sie aber sehr wenig. Dagegen ist die Baumwolle und ihre Verwendung zu Zeugen in Ostindien schon zuHcrodot's Zeiten bekannt gewesen, und die Indier scheinen sich nie anderer Kleider als baumwollener bedient zu haben. Auch in Amerika scheint Baumwollencultur und Anwendung der Baumwolle vor der Entdeckung durch Europäer bekannt gewesen zu sein. Erst im Mittelalter kamen Baumwollen- zeuge in Europa mehr in Aufnahme, doch bezog man immer nur die fertigen Zeuge aus In dien, da das Spinnen der Baumwolle mit der Hand zu theuer war, um eine Concurrenz zu gestatten. Erst seit Erfindung der Maschinenspinnerei (1770—80) datirt sich der eigentliche Aufschwung der Baumwollenmanufactur in Europa und die allmälige Verdrängung anderer Stoffe durch die Baumwolle. Natürlich hatte dies auch eine Rückwirkung auf die Cultur der Baumwolle; während vor 60 Jahren so gut wie keine Baumwolle nach Europa eingeführt wurde, werden jetzt aus Nordamerika allein 500 Mill. Pf. nach England ge- bracht und von Ägypten jährlich 30 — 40 Mill. Pf. ausgeführt. Es ist die Consumtion . v-L- ^ r_ Ä W ' 7 ^ 126 Baumwollenmanufactur der Baumwollenwaarcn seit dm letzten zehn Jahren zu einer Ungeheuern Höhe gestiegen. Man führt, mit Ausnahme ostind. Nankins und ähnlicher Dinge, keine Garne oder Zeuge mehr in Europa ein, sondern nur rohe Baumwolle, und zwar fast aus allen für die Baum- wollcultur geeigneten Ländern. Am geschätztesten ist die nordamerik. Baumwolle, besonders Georgia und Sca-Jsland, einige Sorten der langhaarigen brasilischen (Bahia) und die ägypt. Baumwolle; sonst kommt noch Baumwolle von den westindischen Inseln, von Bourbon, aus der Levante; die ostind. ist, besonders wegen ihrer nicht zu tilgenden Gelbheit, wenig geschätzt, und es werden im Ganzen nur etwa 30 Mill. Pf. eingeführt; die in Europa, namentlich in Neapel, Sicilien, Malta und Griechenland, gebaute Baumwolle ist der Quan- tität und Qualität nach unbedeutend. Im 1.18-10 wurden in Großbritannien eingeführt an Baumwolle aus Nordamerika 1,400000 Ballen, aus Südamerika 80000, aus West- indicn 4000, aus Ostindien 130000, aus Ägypten 30000, in Summa 1,644000 Ballen, davon nur etwa 120000 wieder ausgeführt, also mindestens 1H2 Mill. Ballen (zu 350 Pf.) im Lande verarbeitet. Im 1.1830 betrug die ganze innere Consumtion Groß, britanniens 875000, im J. 1838 dagegen 1,265000 Ballen; im erstem Jahre producirte England an Garn 270 Mill. Pf-, im letztem 379,400000 Pf; davon wurden 1833 aus- gcführt 79,600000 Pf, 1838 aber 116 Mill. Pf, sodaß also 1833 im Lande 190 Mill. Pf. verwebt wurden, 1838 aber 253 Mill. Pf. Von diesem im Lande verwebten Garne wurden jedoch 1838 wieder ausgeführt in Gestalt von Geweben 137'/- Mill. Pf, sodaß nur 125 Mill. Pf. für die Vorräthe und die innere Consumtion bleiben. Die Hauptgarnausfuhr geht nach Rußland, Holland und den Hansestädten. Der Gesammtwerth der 1838 cingeführten rohen Baumwolle betrug etwa 12,450000 Pf St.; dagegen waren das ausgeführte Garn 6,220000, die ausgeführtcn Baumwollenwaarcn 11,750000, die im Lande consumirten Garne und Maaren 12 Mill. Pf St. werth, sodaß der Gesammtwerth der Producte nahe an 30 Mill. Pf St. betrug. Dieser Gewinn von 18 Mill. Pf St. in Einem Jahre kommt allein England zugute, und eS leben davon direct und indirect gegen 1'/- Mill. Menschen. Wenn das Pfund rohe Baumwolle 7 Dollars kostet, so vermehrt sich ihr Werth als Garn auf 12, als Maare auf 20 Dollars. Aus diesen Angaben läßt sich ungefähr auf den Umfang schließen, den die brit. Baumwollenmanufactur erreicht hat. Auch der Continent vermehrt jährlich seine Production, was schon daraus hervorgeht, daß die Zahl neuentstehender Etablissements die der eingehenden stets übcrwiegt, namentlich neuerdings in Ostreich, in der Schweiz, wo die gegenwärtige Consumtion 24 Mill. Pf, und Frankreich, wo dieselbe 80 — 90 Mill. Pf. beträgt; weniger in der neuesten Zeit in de« Zollvercinsstaaten wegen der ungünstigen Conjuncturen. Indessen ist cs Thatsache, daß sich die Masse der aus den Zollvereinsstaaten ausgeführten baumwollenen Zeuge sehr bedeutend, daß sich dagegen die Einfuhr engl. Zeuge nach den Zollvercinsstaaten nur sehr wenig, die Garneinfuhr aber wieder stark vermehrt hat, wenn auch nicht in gleichem Verhältnisse mit der Ausfuhr der Baumwollenzeuge aus dem Zollvereine. Es ergibt sich daraus, daß allerdings die deutsche Baumwollspinnerei im Steigen begriffen, wenn auch nicht so, wie die deutsche Weberei und Druckerei, deren Production offenbar noch in größerm Verhältnisse gestiegen ist. So zählte man imJ. 1838 in Sachsen allein 124 Spinnereien mit 50000 Spindeln. Endlich geht daraus auch eine bedeutende Vermehrung der innern Consumtion an Baumwollenwaarcn für den Zollverein hervor. Dieses Fortschreiten kann allerdings durch schlimme Conjuncturen, durch zeitweises Modewerden von Wollenwaaren und ähnliche Umstände Schwankungen erleiden, nichtsdestoweniger aber bleibt das stete Wachsen der Production und Consumtion von Baumwollenwaarcn in England und auf dem Continente unleugbare Thatsache. Damit ist indeß noch gar nicht entschieden, ob dieses Verhältniß ein künstliches oder natürliches sei, ob die Production im richtigen Verhältnisse zur Consum- tion stehe, ob die Preise der Maaren ein Arbeiten der Fabriken mit Vortheil gestatten; dies Alle- sind Fragen rein nationalökonomischer Natur, deren Beantwortung von genauer Äcnntniß der Verhältnisse jedes einzelnen Landes abhängt. Man hat dieselben in neuester Zeit oft viel zu unbedingt verneint und die angeblich aus dem zu großen Misverhältnisse der Production und Consumtion entstandenen Übelstände und den Nothstand der Fabriken wenigstens insofern übertrieben, als man diese Übelstände für weniger vorübergehend aus- Bamnwollenmanufactur 127 m. gegeben hat, als sie wirklich sind. In gleicher Weise ist die üble Lage der Fabrikarbeiter, ge ! die Behandlung der Kinder in Fabriken u. s. w. häufig sehr übertrieben worden, wie sich m- unter Anderm aus den darüber geführten Parlamenteverhandlungen ergeben hat. Doch ist !rs nicht zu leugnen, daß allen diesen Klagen sehr viel Wahres zu Grunde liegt, und daß daher die in diesem Zweige der Industrie eine Krisis bevorsteht, ja theilwcise schon cingetreten ist, die ->r- ihn in seine natürlichen Schranken zurückführen und die Verhältnisse verbessern wird. Dies ve- wird wahrscheinlich durch den Untergang vieler kleinern Etablissements erkauft werden müs- scn. Aber gerade dieses Emporkommen weniger großer Fabriken auf Kosten vieler klei- w- nern ist ein Umstand, der von vielen Nationalökonomen, besonders in Deutschland für das hrt größte, mit dem Fabrikwesen überhaupt verbundene Unglück gehalten wird. Die erwähnte est' ungeheure Production an Garn und Gewebe aller Art war natürlich nur durch sehr voll- al- kommcne Processe und namentlich nur durch Maschinenarbeit zu erreichen. Die ersten Ma- (zu schinen und auch die meisten der wichtigsten Verbesserungen in allen Zweigen der Baumwvll- oß- Industrie sind in England erfunden worden, und cs hat daher auch dieses Land, das außer- irte dem durch seine geographische und politische Lage in Bezug auf Einfuhr der Baumwolle und us- auf Ausfuhr der Fabrikate vor allen begünstigt ist, bis heute den ersten Rang in der Baum« !ill. wollenmanufactur eingenommen, sodaß es allein mehr producirt als alle übrige Staaten rne zusammen und nur in einzelnen Artikeln von andern, z. B. von Sachsen in Strumpfwaarcn, daß überflügelt wird. Am besten bestehen noch die Schweiz und der Elsaß die engl. Concur- rn> renz; Nordamerika, die Zollvereinsstaaten, besonders Sachsen in der Spinnerei, Sachsen >38 und Preußen in der Weberei und Druckerei, sowie Ästreich arbeiten sehr thätig, können aber u§- beiwcitem nicht ihre eigene Consumtion decken, geschweige denn ausführcn. Wenn wir im nde Folgenden ein kurzes Bild der verschiedenen Stufen der Verarbeitung der Baumwolle der geben, so wird dies zwar zunächst von England entlehnt sein, aber auch für alle andere Ei' Staaten gelten, die nur in Einzelheiten Eigenthümlichcs haben. gen Die Baumwolle, welche schon am Productionsorte durch Egrenirmaschinen vom größ- fich tcn Theile der Samen und Unreinigkeiten befreit und in Ballen sehr fest verpackt ist, wird sich zunächst den Auflockerungs- und Reinigungsproccsscn unterworfen. Sie gelangt daher zuerst in die Wölfe (cksvils) oder Zausler (willons) und von da in die sogenannten Schlag- eht, Maschinen oder Flackmaschinen (batteurs), welche die durch die Wölfe zerrupfte Wolle durch ilich Flügelwellen schlagen, wobei Ventilatoren den Staub herausblascn. Die erste Schlagma- und schine (batteur epluclisiii') liefert ihr Product der zweiten (batteur ätslsur) zu, welche die de« gereinigte Wolle durch Druckwalzen in eine dünne Watte vereinigt und auf Cylinder aufsich wickelt. Diese Wattenwickcl werden sodann auf Krempeln, Kard- oder Kratzmaschincn end, (cardinA vnzines), welche sich in Grob- und Feinkratzcn scheiden, zweimal durchgearbeitct die und demnächst die Baumwollfasern dadurch parallel'gelegt, daß man sie zwischen einem mit sich drehenden Cylinder und einem festen Deckel durchgehen läßt, deren zugekehrte Fläcben ller- mit Kratzenledern, d. i. mit feinen Drahthäkchen besetzten Lederstreifen, belegt sind. Von ' die dem Kratzencylinder werden die Watten durch eine Art Kamm abgelöst und dann an der lüssc letzten Fcinkratze sogleich durch einen Trichter und Walzen zu einem Bande zusammcngezogen. Ovv Diese Bänder werden hierauf zu dünnern ausgestreckt und dabei häufig duplirt auf den tion sogenannten Strecken und Duplirstühlen. Hier kommt nun das von Arkwright (s. d.) urch 1770 zuerst angcwendete und die Grundlage aller Maschinenspinnerei bildende Princip Um- in Anwendung, nämlich das Princip hintereinander befindlicher, aber mit verschiedener pro- Geschwindigkeit sich umdrehender Walzcnpaare, durch welche die Fäden gehen müssen, lente Solche Walzcnpaare bilden auch die Anfangstheile aller Vor- und Feinspinnmaschinen, von ! ein ihnen hängt die Länge, der sogenannte Verzug des Fadens ab, während die übrigen Theile sum- nur das Drehen und Aufwinden des Fadens besorgen. Die von den Strecken geliefcr- die§ ten Lunten werden von den Vorspinnmaschinen weiter gedehnt und sehr wenig gedreht, auer Sonst geschah dies auf Vorspinnmulen, jetzt allgemein auf den 1824 von HigginS und ester Houldsworth erfundenen Spuhlmaschincn (ll^-roviogs), welche zu den sinnreichsten und nisse cvmplicirtesten Maschinen der neuesten Zeit gehören und deren Mechanismen besonders von ciken mühlhausener Mechanikern neuerdings wesentlich verbessert wurden; häufig auch schon auf aus- der von Danforth 1830 erfundenen Nöhrenmaschine (tube-lrame oder ckouble-speocker). 128 Banr Hierauf folgt das zweite Vorspinnen, meist auf den von Crompton >780 erfundenen Mulejennys, endlich das Fcinspinnen, auf den nach Hargreaves' und Crompton's Angaben con- struirten Mulejcnnys oder auf Droffelstühlen, den von Arkwright erfundenen, von Mont- gomery und Danforth verbesserten Watermaschinen. Die Mulemaschine und die Watcr- maschine sind darin verschieden, daß das Strecken rmd Drehen nebst dem Aufwinden bei letzterer gleichzeitig erfolgt und continuirlich fortgcht, bei elfterer aber in verschiedene Zeit- räume fällt. Die Watermaschinen sind sehr einfach, dagegen die Mulejennys wegen der Trennung in zwei Systeme sehr complicirt und der Beihülfe eines Spinners bedürftig, die jedoch an den von Sharp und Roberts erfundenen sogenannten ssltnctiiig mnle's, wo die Verbindung beider Acte selbstthätig von der Maschine bewirkt wird, wegfällt. Es ist daher natürlich, daß trotz der Erfindung des Selfactors die Tendenz jetzt dahin geht, wo möglich alles Gespinnst auf Watermaschinen, welche jetzt höchstens Nr. 40 spinnen, erzeugen zu können. Alle Vor- und Feinspinnmaschinen ahmen gewissermaßen das Handspinnrad nach und sind mit Spindeln versehen. Nach der Zahl der Feinspindeln, deren 300 und mehr eine Maschine bilden, schätzt man die Größe der Fabriken. Die größte engl. Spinnerei hat >50000 Fcinspindeln, die von Nägeli in Mühlhausen 80000. Schließlich wird das gesponnene Garn abgehaspelt, sortirt und verpackt. In England hat die Haspel oder die Weife einen Umfang von >'/- Aard, 80 solche Fäden find ein Gebinde (Isx) und 7 Gebinde ein Schneller (kuulr); die Anzahl Schneller, welche ein engl. Pfund wiegen, geben die Garnnummer. Von Garn Nr. 50 gehen also 50 mal 2520 engl. Fuß Garn auf das Pfund. Die deutschen Spinnereien haben fast ohne Ausnahme engl. Weife und engl. Numerirungssystem angenommen. In Frankreich hat derLdisveau, deren Anzahl auf Kilogramm die Garnnummer gibt, >000 Metres Länge und zerfällt in >0 Lckevettes zu 70 Fäden. Die weitere Verarbeitung des Garns geschieht zu einem kleinen Theile durch das Zwirnen zu Zwirn, zum größten Theile durch das Weben. Weit später, als die Maschinenspinnerei, wurden durch Radcliffe >804 die mechanischen Webstühle (power-looms) erfunden, d. h. Webstühle, die in der Construction zwar wesentlich mit dem Handwebstuhle Übereinkommen, die aber durch Elementarkraft bewegt werden und daher eine ungeheure Produc- tionsvermehrung gestatten. In England sind jetzt wol gegen 200000 solcher Stühle in Thätigkeit; in Deutschland zur Zeit nur sehr wenige. Aber nicht allein die Erfindung der kovver-Iooms hat so wesentlich zu Vermehrung der Production beigetragcn; auch alle andern neuern Verbesserungen der Weberei, die Einführung der Schnellschützen, der Jacquardmaschine zu Erzeugung gemusterter Gewebe die Brochirlade, kurz alle zunächst auf Erleichterungen in der Verfertigung complicirterer Gewebe berechnete Vorrichtungen bedingten nothwendig auch eine größere Schnelligkeit der Erzeugung. Gleichen Schritt damit haben die Proceduren der Bleicherei und der Druckerei gehalten, und es sind durch die Erfindung der verschiedenen Walzen- und Plattendruckmaschinen, der Pcrrotine u. s. w., die Leistungen der Druckereien in neuerer Zeit unglaublich gestiegen. Vgl. Bernouilli, „Darstellung der mechanischen Baumwollspinnerei" (Bas. >820), Baines, „Geschichte der brit.Baumwollenmanufactur" (deutsch von Bernouilli, Stuttg. >836) und Ure, „Praktisches Handbuch des Baumwollenmanufacturwesens " (deutsch von Hartmann, Weim- >837). Die verschiedenen Arten von Baumwollzeugen anlangend, so sind alle Baumwoll- zeuge entweder glatt oder geköpert. Die glatten heißen im Allgemeinen Kattune (Cotton), wenn sie zum Druck, und Shirtings, wenn sie zum Gebrauch im gebleichten Zustande bestimmt sind. Die Kambriks, Musseline, Jaconnets u. s. w. sind lediglich nur nach der Feinheit des verwendeten Garns und der Dichte des Gewebes verschieden. An die glatten Zeuge schließen sich die gazeartigen, mit offenen Maschen. Der geköperten Zeuge gibt cs unzählige, sie gehen einerseits in die gemusterten Stoffe über, andererseits in den baumwollenen Atlas. (S.Weberei, Bleichen, Spinnerei und Zeugdruckerei.) Baue (Ferd. Christian), ordentlicher Professor der evangelischen Theologie zu Tübingen, geb. im letzten Decennium des vorigen Jahrh., wurde frühzeitig Professor am Seminar in Blaubeurn, in welcher Stellung er durch Herausgabe seiner „Symbolik und Mythologie oder die Naturreligion des Alterthums" (3 Bdc., Stuttg. >824 — 25) seinen Beruf zu philosophischer Auffassung der Neligionsgeschichte erkennen ließ- Bause Bautain 129 Im I. 1826 erhielt er den Ruf nach Tübingen und hat seitdem auf dem Gebiete der Dogmengeschichte, der kirchlichen Symbolik und der biblischen Kritik so Treffliches geleistet, daß er unstreitig zu den Koryphäen der jetzt lebenden Theologm gehört. Die Anwendung Hegel'schcr Philosophie, welche erst in seinen spätern Schriften hervortritt, ist jedenfalls nur eine bedingte zu nennen, denn obgleich er z. B. im Gegensätze zur orthodoxen Christologie leugnet, daß Christus die Einheit des Göttlichen und Menschlichen ausschließlich zukomme, so verflüchtigt er doch nicht die Person Christi zur bloßen Idee der Menschheit, sondern legt ihm eine eigenthümliche historische Bedeutung für die Menschheit bei, und obgleich ihm die Neligionsgeschichte Entwickelung des Weltgeistes selbst ist, so billigt er wenigstens nicht alle Konsequenzen dieser Ansicht. Seine größer» dogmengeschichtlichen Werke sind „Die christliche Gnosis oder die christliche Religionsphilosophie" (Tüb. 1835), „Die christliche Lehre von der Versöhnung" (Tüb. 1838) und „Die christliche Lehre von der Dreieinigkeit und Menschwerdung Gottes" (Tüb. 1841). Den Angriff Möhler's (s. d.) auf den Lehrbegriff der evangelischen Kirche wies er zurück in der geistreichen Schrift „Der Gegensatz des Katholicismus und Protestantismus" (2. Ausl-, Tüb. 1836) und in der „Erwiderung gegen Möhler's neueste Polemik u. s. w." (Tüb. 1834). Unter seinen biblisch-kritischen Arbeiten ragt die Schrift „Die sogenannten Pastoralbriefe des Apostels Paulus" (Stuttg. 1835) hervor, worin er nachzuweisen sucht, die drei Briefe seien zum großen Theile unecht und von Rom ausgegangen, um die Hierarchie der Bischöfe, Presbyter und Diakonen und namentlich die Sage zu begründen, daß der ohne Zweifel nie in Rom anwesende Apostel Petrus der erste Vorsteher dieser Kirche gewesen sei. Bause (Joh. Friede.), einer der vorzüglichsten deutschen Kupferstecher, geb. 1738 zu Halle, wendete sich erst in seinem 18. Jahre der Kupferstecherkunst ganz zu. Nachdem er 1759 ein Jahr in Augsburg sich aufgehalten hatte, bildete er sich durch Selbststudium in Halle weiter aus. Höchst vortheilhaft wirkte auf ihn Wille in Paris, den er sich zu seinem Muster wählte und mit dem er in fortwährender Verbindung blieb. Später ließ er sich in Leipzig nieder, wo er in der Folge Professor der Kupferstecherkunst bei der Kunstakademie wurde und bis kurz vor seinem Tode, der 1814 zu Weimar erfolgte, sich aufhielt. Er hat glückliche Versuche in verschiedenen Manieren gemacht; sein bleibendes Verdienst aber ist die Festigkeit und Reinheit seines Grabstichels. Seine historischen Blätter und vorzüglich seine Portraits, besonders nach Gemälden von A. Graff, sind am meisten geschätzt. Sein ganzes Kupferstichwerk enthält über 290 Blätter. Er hinterließ eine reiche Sammlung von Kupferstichen und Radirungen, die jetzt im Besitze des Hofraths Keil zu Leipzig ist. — Seine Tochter, Juliane Wilhelmine B., die sich mit dem Banquier Löhr in Leipzig, dem Schwiegervater des Hofraths Keil, vermählte, zeichnete sich durch ihr Talent namentlich für Musik und Zeichnen aus. Von ihr erschienen mehre Versuche im Radiren. Baustil nennt man die besondere Weise, in welcher sich die Formen der Baukunst nach ihren volksthümlichen oder historischen Unterschieden gestalten. Daher spricht man von einem ägypt., ind., griech., röm., arab-, byzantin. und goth, Baustil. (S. Baukunst.) Bautain (Louis), bekannt als religiös-philosophischer Schriftsteller, wurde zu Ende des vorigen Jahrh. zu Paris geboren und empfing seine Bildung in der Normalschule daselbst zu der Zeit, als diese in ihrer ersten Blüte stand. Philosophische Fragen interefsirten ihn schon frühzeitig vor allen andern; wie sein Studiengenosse Cousin ging er von dem in Frankreich herrschenden Sensualismus zur schott. Philosophie über und nahm auch von den neuern deutschen Systemen Kenntniß, wobei ihn seine Bekanntschaft mit der deutschen Sprache unterstützte, welche er durch die Übersetzung von Krummacher's „Parabeln" öffentlich bekundete. Im I. 1819 ward er Professor der Philosophie in Strasburg. Seine ersten Vorträge stützten sich besonders auf Kant und schienen selbst Fichte'sche Elemente ausgenommen zu haben. Um dem noch immer herrschenden Materialismus physiologische That- sachen entgcgenstellen und den Gegner auf seinem eigenen Gebiete angreifen zu können, sing er an, Medicin zu studiren, und wurde nach kurzer Zeit zum Doctor in derselben promo- virt. Inzwischen aber hatte die Priesterpartei gesiegt; in Paris wurden Guizot, Cousin und Villemain suspendirt; B. hatte dasselbe Schicksal. Fast um dieselbe Zeit ging aber Conv.-Lex. Neunte Aufl. II. 9 - I.3V Bautzen auch eine Sinnesänderung in ihni vor, er war, wie er selbst in der zu Nancy 1825 gc- krönten Preisschrift „I-.U moralo cie I'ev-MFile comparee ü la morale lies pklllosoplies" I sagt, Doctor der Weltweisheit geworden, ohne zu wissen, was denn die Weisheit sei. Da fiel ihm das Evangelium in die Hände und zeigte ihm auf einmal, was ihm alle Weisen der Erde nicht hatten sagen können, und aller Abmahnungen seiner pariser Freunde ungeachtet, ließ er sich zum Priester weihen. Die philosophischen Tendenzen jedoch, welche er sowol als Lehrer wie in seinem Journal „I-'smi 60 M., um sie in seinem eigenen Namen anzuführen, welche Ehre bisher nur Prinzen vom Geblüt ertheilt worden war. Bald darauf stand Genua gegen Frankreich auf; B.'S Gegenwart unterwarf cs. Als aber nach der Einnahme von Lodi das Glück Frankreichs sich gewendet und B. dahineilte, das flüchtende Heer zu retten, fand auch er seinen Tod. Eine Doppelhakenkugel traf ihn in die rechte Seite und zerschmetterte ihm das Nückgrath. Von Freunden und Feinden umringt, starb er am 30. Apr. 1521. Sein Leichnam, der in die Hände der Feinde siel, ward von ihnen an Frankreich ausgclicfert und in der Kirche eines Mi- 134 Bayer (Hieronymus Joh. Paul) Bayle noritcnklosters unweit Grenoble beigcsetzt. Vgl. Gayard de Bcrville, „llistoire sroies 6s i'Lvarigile: Lontrsins Iss 6'eotrer", der eine kräftigeVertheidigung der Grundsätze der Toleranz enthält. In Folge der Angriffe des Theologen Jurieu, der ihn als die Seele einer Frankreich ergebenen Partei gegen die Protestanten und vereinigten Mächte darstellte, wurde er, obschon er sich sehr geschickt vertheidigte, 1693 seines Amtes entsetzt, und selbst die Erthcilung von Privatunterricht ihm verboten. Von allen Geschäften frei, widmete er nun seinen ganzen Fleiß dem „victi<.nna!re llistorique et critiyue" (2 Bde., Not- terd. 1696, Fol.; neue Aust., 1762; am vollständigsten von Dcsmaizeaux, 4 Bde-, Amst. und Leyd. 1740, Fol.; neueste Ausg., 16 Bde., Par. 1820; deutsch, von Gottsched, 4 Bde., Lpz. 1741 — 44, Fol.), welches das erste Werk war, das er unter seinem Namen ersehn- nen ließ. Jurieu trat abermals als B.'s Gegner auf und veranlaßte das Consistorium, ihn namentlich in Beziehung auf den darin ausgesprochenen Tadel des Königs David und das der Moral einiger Atheisten erthcilte Lob zu vernehmen. B. versprach zwar, Alles, was das Consistorium anstößig gefunden, zu tilgen; da er indeß fand, daß die Welt anderer Ansicht sei, so ließ er das Werk bis aus einige wenige und noch dazu unbedeutende Stellen unverändert. Neue Feinde erweckten ihm seine „Repanse sux questions 6'un i>rov!ncial" und die Fortsetzung seiner „kensees sur In comets" in Jacquelot und Leckere, die Beide seine Religion angriffen; Andere verfolgten ihn als einen Feind seiner Kirche und seines neuen Vaterlandes. Diese Streitigkeiten vermehrten seine Körperleiden, denen er, zumal da er keine ärztliche Hülfe gegen eine Krankheit anwenden wollte, am 28. Dec. 1706 erlag. B. steht an der Spitze der neuern Dialektiker und Skeptiker. Gewohnt, jede Frage von allen Seiten zu betrachten, ward er auf Zweifel über religiöse Fragen geführt, durch welche er die gedankenlose Sicherheit eines in jenem Zeitalter noch tief eingewurzelten Dogmatismus beunruhigte und auf die Schwierigkeiten in den Dogmen der verschiedenen Neli- gionsparteien aufmerksam machte. Besonders angelegen ließ er es sich sein, die Unabhängigkeit moralischer und rechtlicher Überzeugungen von religiösen Glaubcnsmcinungen mit vieler Beredtsamkcit hervorzuheben, wodurch er auf sein Zeitalter einen großen Einstuß gewann. So stark und gewandt er übrigens als Dialektiker und so gelehrt er als Historiker war, so wenig verstand er von der Physik; nicht einmal die Entdeckungen Newton's waren ihm bekannt. Sein Stil ist zwar natürlich und klar, aber oft weitschweifig und unrein. Die Artikel in seinem „victionnaire" scheinen meist nur der Noten wegen da zu sein, in denen der Verfasser seine Gelehrsamkeit und die Stärke seiner Dialektik zeigt. B. war sanft, gefällig, uneigennützig, höchst bescheiden und friedliebend; dabei aber muthvoll und freisinnig. Seine „Oeuvres diverses" erschienen im Haag (4 Bde., 1725—31,4.). Vgl. Desmaizcaux, „Leben Peter B.'S" (deutsch von Kohl, Hamb. 1731) und Feuerbach, „PeterB. nach seinen für die Geschichte derPhilosophie und Menschheit interessantesten Momenten dargestcllt" (Augsb. 1838). Baylen, eine Stadt mit 3000 E. und einer Villa des Herzogs von Arco in der span. Provinz Jacn, ist besonders berühmt wegen der Capitulation des franz. Generals Dupont de l'Etang (s. d.) im Juli 1808, welche den Muth der Spanier erhob und den allgemeinen Aufstand in den bereits beruhigten Provinzen beschleunigte. Schon war Joseph Bonaparte als König in Madrid eingezogen; die Provinzen Leon, Valencia, Valladolid, Za- mora und Salamanca waren unterworfen und entwaffnet; nur im Süden, am Guadalquivir, in dem von der Natur selbst befestigten Andalusien, in Cordova, Granada und Jacn herrschte noch der Geist der Jnsurrection, den die Junta zu Sevilla möglichst unterhielt. Dorthin zog mit drei Divisionen gegen Ende des Mai General Dupont und schon 136 Bayvnne Bayonnet war derselbe die Sicrra-Morena plötzlich passirt, schon hatte ihm Cordova seine Thore öffnen müssen, als er sich plötzlich im Rücken von zahlreichen, namentlich durch fanatische Verheißungen der Mönche begeisterten Scharen unter dem gewandten Feldherrn Castanos und mehren andern span. Häuptern bedroht sah. Dupont versuchte, sich möglichst schnell zurückzuziehen, aber schon war es zu spät. Drei Tage lang hatte er sich durch Tapferkeit und Besonnenheit gehalten; doch am 18. Juli sah er sich nach neunstündigem Kampfe genöthigt, auf einen Waffenstillstand anzutragen, dem man ihm aber nur unter der Bedingung, sich unbedingt zu ergeben, verwilligen wollte. Die Division Wedel, von dem Schritte Du- pont's nicht unterrichtet, setzte zwar den Kampf gegen die Spanier, zunächst sogar siegreich fort, unterlag aber zuletzt dennoch der Übermacht. Darauf capitulirte am 23. Juli das ganze stanz. Heer, 17000 M. stark, nachdem 3000 auf dem Platze geblieben waren. Bayourle, eine wohlgebaute, reiche Handelsstadt, die größte im stanz. Departement der Unterpyrenäen, am Zusammenflüsse der Nive und des Adour, etwa eine Stunde von der Bai von Biscaya, hat mit Einschluß der Vorstadt gegen 16000 E. Durch die Nive, welche sechs, und den Adour, der 15 Meilen weit schiffbar ist, wird die Stadt in drei Theile getheilt, die große Stadt am linken Ufer der Nive, die kleine Stadt zwischen der Nive und dem Adour, und die Vorstadt St.-Esprit mit 6000 E-, meist portug. Juden, am rechten Ufer des Adour. Eine Citadelle mit vier Bastionen, von Vauban 1674—79 erbaut, auf einer Anhöhe in der Vorstadt, bestreicht den durch zwei lange Mauern vor Überschwemmung gesicherten Hafenplah und die Stadt. Der Bischof von B. steht unter dem Erzbischof von Toulouse und übt die geistliche Gerichtsbarkeit über drei Departements. Die Hauptkirche ist ein alterthümlich schönes Gebäude. B. treibt beträchtlichen Handel mit Spanien und Frankreich; die Hauptgegenstände der Schiffahrt sind Stockfisch- und Walfischfang ; Mastbäume und anderes Schiffbauholz von den Pyrenäen werden nach Brest und mehren Häfen Frankreichs ausgeführt, Weine und Chocolade ins nördliche Europa. Berühmt sind die bayonner Schinken. In B. fand im Juni 1565 die berüchtigte Zusammenkunft der Katharina de' Medici mit dem Herzog von Alba statt wegen Ünterdrückung der Protestanten in Frankreich. Hier traf auch 1808 Napoleon mit dem König von Spanien, Karl IV., und dem Prinzen von Asturien zusammen, worauf Ersterer in einem besondcrn Vertrage am 5. Mai auf die Krone Spaniens verzichtete, dem am 10. Mai der Prinz von Asturien beitrat. Gleichzeitig ward am 10. Mai 1808 die bayonner Convention zwischen dem Großherzogthum Warschau und Frankreich unterzeichnet, durch welche unter Anderm die berliner Bank und Seehandlung gegen 26 Milk. Thaler verloren. Während des span. Bürgerkriegs war B. seit 1833 der stete Zufluchtsort span. Emigranten und überhaupt ein wichtiger Platz in Rücksicht des ganzen Kriegs der Karlisten. Bayonnet oder Bajonett heißt die kurze, mittels einer angeschweißten Dille auf der Mündung der Jnfanterieflinte befestigte Stoßklinge, wodurch die Flinte zugleich zum Stoßgewehr wird. Das Bayonnet hatte anfangs nur eine Schneide, dann ward es zwei- und endlich dreischneidig. Nach der gewöhnlichen Annahme soll es um 1640 zuerst in Bay- onne gefertigt worden sein und daher seinen Namen erhalten haben, allein schon mr 16. Jahrh. wird es unter dem noch gegenwärtigen Namen in einem Briefe des Hotomannus erwähnt. Bereits 1647 war es in den Niederlanden im Gebrauche, aber erst zu Anfang des 18. Jahrh., nach gänzlicher Abschaffung der Pike, ward es allgemein eingeführt. Bei allen Mängeln des BayonnetS hat sich bis jetzt nichts Besseres an dessen Stelle gefunden, und sehr oft ist es mit Vortheil gegen Reiterangriffe, bei Vertheidigung von Schanzen und im Einzelngefechte angewendet worden. Seit dem franz. Kriege wurde von einigen Jnfanterie- offizieren die Idee früherer Militairs, z. B. Guibert's, wieder ausgenommen, dem Bayon- nete durch zweckmäßigere Übung des Infanteristen in seinem Gebrauche größere Wirksamkeit zu verschaffen. Dem sächs. Hauptmann von Selmnitz, gest. in Dresden am 16. Juni 1838, gebührt das Verdienst, zuerst diese Idee in einem System ausgebildet zu haben. Vgl. dessen „Bayonnetfechtkunst" (2. Auf!., Berl. 1832, mit Kpf.). So wenig sich auch im voraus bestimmen läßt, wieweit diese Kunst sich im Kriege bewähren werde, so läßt sich doch nicht leugnen, daß durch zweckmäßige Fechtübungen das Vertrauen des Fußsoldaten zu den, Bayonnet ungemein erhöht werde, und daß namentlich die früher herrschende Meinung, Bazar Bear» 137 der Kampf des einzelnen Infanteristen, welcher seine Munition verschossen, sei in der Ebene gegen einen Reiter bei gleicher Tapferkeit stets sehr gewagt und gegen zwei schon im voraus zum Vortheil der letzten entschieden, völlig grundlos sei. Allmälig ist die Bayon- netfechtkunst in allen Armeen einheimisch und zugleich die Grundlage zu einer veränderten und verbesserten Ausbildungsmethode des Infanteristen geworden, sodaß anstatt einer blos mechanischen Abrichtung (Drillen) bei dem Rekruten zuvörderst auf einen freien, sach- und zweckgemäßen Gebrauch seiner Gliedmaßen und körperlichen Kräfte hingewirkt wird, was die spätere Erlernung der Waffenführung außerordentlich erleichtert. Bazar heißt bei den Morgenländern der Marktplatz, der bald offen, bald bedeckt ist. Dort findet man alle Handelsartikel, selbst die Sklaven, zum Verkauf ausgestellt; auch versammeln sich dort die Kaufleute, wie auf den Handelsbörsen in Europa. Der Bazar in Js- pahan ist einer der schönsten, der Bazar in Tauris der größte. In London, Paris, München, Leipzig und andern großen Städten hat man in neuerer Zeit prächtige Bazars eingerichtet, in denen zu bestimmten Zeiten alle Arten Handelsartikel, vorzüglich Luxusgegenstände, blühende Gewächse u. s. w. aufgestellt sind. Bazard (Saint-Amand), einer der Stifter des Carbonarismus in Frankreich und einer der Hauptanhänger Saint-Simon's, ward in Paris am 19.Sept. 1791 geboren. Er machte sich früh durch sein überspanntes Wesen bekannt und ergriff alles Neue, das ans Wunderbare streifte, mit Enthusiasmus. Sein Leben war in fortdauernder Aufregung, der sein Körper erliegen mußte. Er starb am 29. Juli 1832 zu Courtry in derNähe von Montfermeil. Im Oct. I83V ließ er mit dem Pere Enfantin die Broschüre „Religion 8t.-8im»- oienne, uns lettre ü bl. 1e ^resident Eifer für die Selbständigkeit Schottlands, hatte sich B. doch durch Ränke, Grausamkeit und ng, Wollust so verhaßt gemacht, daß Niemand seinen Tod bedauerte, and Beattie (James), schokt. Philosoph und Dichter, geb. 1 735 zu Lawrencekirk in der >och Grafschaft Kincardine in Schottland, gest. 1803 als Professor der Moralphilosophie zu mit Aberdeen, erwarb sich einen Namen durch seinen nu irutb" (Edinb. 177V; deutsck von von Gerstenberg, Lpz. 1777), worin er Hume's Skepticismus von dem philosophischen and ^ Standpunkte, den Locke zu dem gewöhnlichen in England gemacht hatte, in einer gefälligen ach, Darstellung zu bekämpfen suchte, ohne jedoch seinem tiefdenkcnden Gegner gewachsen zu sein. Nicht höher erhob er sich in seinen „Dissertation? moral anck criticnl" (Lond. 1783, 4.; deutsch, 3 Bde., Lpz. 1789) und in den „bilements ok moral Science" (2 Bde., Lond gste I79V — 93). Auch seine poetischen Versuche „Um juck^ment ok karis" (1765) und ichs „He minstrel vr tim progress ok Genius" (1774, 4.; 2 Bde., 1799) sind nur gefällige ülie Darstellungen und nicht bedeutend als Dichtungen. Sein Leben beschrieben Bower (Lond. trat 1804) und Forbes (2. Aust., 3 Bde., Edinb. 1812). >ard Beaucaire, eine kleine, wohlgebaute Handelsstadt Frankreichs mit Ivooo E-, in ,, in ' Niedcrlanguedoc, jetzt im Departement des Gard, am rechten Ufer der Rhone, Tarascon ück- gegenüber, mit dem es durch eine Schiffbrücke und einen aus der Römerzeit stammenden dter Gang unter dem Flusse in Verbindung steht. Sie hat einen bequemen Hafen für Schiffe, >itse welche durch den zur Vermeidung der versandeten Rhonemündungen geführten Kanal aus des l dem sieben Meilen weit entfernten Mittelländischen Meere stromaufwärts fahren, und ist zwi- berühmt wegen ihrer 1217 von Raimund 11., Grafen von Toulouse, gestifteten großen na- ' Messe, welche jährlich am 21. Juli beginnt und sieben Tage dauert. In frühern Zeiten, elte, j wo diese Messe von allen Abgaben frei war, ward sie von Kauflcuten und Fabrikanten aus als fast allen Ländern Europas, aus der Levante und selbst aus Persien und Armenien besucht, die sodaß jede Waarengattung hier zu finden war und Tausende von Hütten in dem nahen ibtq Thale errichtet werden mußten, um nur die Fremden unterzubringcn. Allein die mehrfachen dete Abgaben, welche seit 1632 gefedert wurden, auswärtige Kriege, sowie die zu Marseille, und Lyon und andern großen Städten errichteten Waarcnlager schmälerten schon damals ihre :gen Wichtigkeit bedeutend. Noch mebr sank der Handel in B. durch die Revolution; jetzt besteht stör- er nur noch in Seide, Weinen, E>l, Mandeln und andern Südfrüchten, Spezereien, Ma- ärte. terialwaaren, Leder, Wolle und Baumwolle. azen Beauchamp (Alphonse de), Geschichtschreiber und Publicist, geb. 1767 in Monaco, r,»g wo sein Vater als Platzcommandantlebte, gest. in Paris am 4. Juni 1832, erhielt seine Er« m er Ziehung in Paris und trat dann in sardin. Dienste, dankte aber beim Ausbruche des Kriegs vhn mit Frankreich ab und wurde, deshalb verdächtig, auf die Festung gebracht. Nach seiner ählt Freilassung ging er nach Frankreich, wurde bei der pariser Policei angestellt und verfaßte mit igin den Materialien, die ihm Fouche darbot, die „Histoirs cke In Venckäe ei ckes Otiounns" Igen (3 Bde., Par. 1806; 4. Ausl., 1820), mit der die kaiserliche Regierung sehr unzufrieden war. ver- In Folge Dieses nach Rheims verbannt, dann aber zurückberufen, fand'er bei der Einnahme Ab- der indirecten Abgaben eine Anstellung, die er aber 1814 von neuem verlor. Unter der Ne- und stauration wieder zu Gnaden ausgenommen, erhielt er 1820 eine Pension. Er schrieb lange ärte 3eit für den „Boniteur", die „Osrette" und die in Bourbonischem Sinne von Michaud d zu herausgegebene „DioArapIne ckes ttommes vivnots". Seine Geschichtswerke sind höchst an« c die ziehend, tragen aber auf jeder Seite das Gepräge des Parteigeistes. Nur in seiner „Dis - /III. ! toire ckuDresil" (Par. 1815) und in der „Histoirs cke In conqnets cku ?äroi>"^(Par. 1808) viele sand er weniger Gelegenheit, seine politische Ansicht hervorlcuchten zu lassen. Unter seinen iben übrigen Werken verdienen Erwähnung die „Histoirs cke In cnmpnFne cke 1814 et 1815", tion bie gegen de la Rosa gerichtete „Ilistoire cke In revolutinn cku kicmont" (Par. 1823) und Zxj. „ Vie cke I.OUI, XVIII" (Par. 1825). Nach der Julircvolution schrieb er für verschiedene le- daS 140 Beaufort gitimistische Journale, und nicht mit Unrecht hat man ihm die untergeschobenen, Newoire.'," Fouche"S (4 Bde., Par. > 828 — 29) zugeschrieben. Beaufort ist der Name eines berühmten Geschlechts in England, den es von einem kleinen Orte in Anjou erhalten hat. — Johann B. 7., ein natürlicher Sohn Johann's von Gaunt, des dritten Sohns Eduard's HI., wurde mit seinen Geschwistern später legalisirt und von Richard II. 1397 zum Grafen von Sommerset, zur Würde eines Admirals und 1398 zum Markgrafen von Dorset erhoben. Als Heinrich lV. ihm den letztem Titel entzog, und das Parlament, dessen Liebling B. war, auf Restitution antrug, verzichtete er freiwü- lig daraufzu Gunsten seines Bruders, Thomas B., des spätem Herzogs von Ereter. — Johann B. H., Johann's I. Sohn, wurde von Heinrich V. zum erstenHerzoge von Som- merset ernannt und hinterließ eine einzige Tochter, Margarethe, welche mit Edmund Tu- dor, Grafen von Richmond, den König Heinrich VII. zeugte. — EdmundB-, Herzog und Graf von Dorset, des Vorigen Bruder, bemühte sich nach dem Tode des Herzogs von Beb fort, Regent von Frankreich zu werden; doch wurde ihm Richard, Herzog von Aork, vorgezogen, weshalb er gegen denselben in unversöhnlichem Hasse entbrannte. Als 1445 dem Herzoge von York die Regentschaft aufs neue auf fünf Jahre zugesprochen worden, wußte er es durch die Königin Margarethe und durch deren Günstling, den Herzog von Suffolk, dahin zu bringen, daß Heinrich VI. sein Wort widerrief und B. die Verwaltung Frankreichs austrug. B. aber verwaltete sein Amt so nachlässig, daß unter ihm die Franzosen die Normandie und, außer Calais und Guines, bald Alles, was die Engländer inne hatten, wie- dereroberten. Als er daher 1459 nach England zurückkehrte, war das Volk über ihn so erbittert, daß der König ihn auf kurze Zeit in den Tower setzen mußte. Fortwährend behauptete er sich in der Gunst des Hofes; um so eifriger trachtete daher der Herzog von Uork ihn zu verderben. Aus dem Schlafzimmer der Königin wurde er 1454 wieder in den Tower geführt und wegen seines Benehmens in Frankreich, wie unter vielen andern Anschuldigungen, des Hochverrats angeklagt. Nur mit Mühe rettete er auf Verwenden der Königin Leben und Freiheit; dieselbe machte ihn sogar wieder zum Gouverneur von Calais und Guines. Als hierauf der Herzog von Jork gegen die Partei des Hofes die Waffen ergriff und in der Schlacht bei St.-Albans 1455 die königliche Armee besiegte, blieb B., der sich bei derselben befand, auf dem Platze. — Seine drei Söhne, Heinrich, Edmund und JohannB., suchten den Tod ihres Vaters an dem Hause Aork zu rächen; waren aber darin nicht glücklich. Heinrich und Edmund wurden im Verlaufe des Kriegs auf Befehl Eduard's IV. von Uork hingerichtet. Mit Johann, der ohne Leibeserben starb, erlosch die eheliche Linie der B. — Ein natürlicher Sohn des zuletzt genannten Heinrich, Karl B-, wurde 1682 von Karl II. zum Herzoge von B. ernannt, und von diesem stammen die gegenwärtigen Herzoge von B. ab. — Als eine geschichtliche, mit der vorigen Familie nicht verwandte Person ist hier noch zu erwähnen Heinrich von B-, Cardinal und Bischof von Winchester, der Sohn Johann's, Herzogs von Lancaster, und Stiefbruder Heinrich's IV. Er ward in Deutschland erzogen, war dreimal Kanzler und wurde überhaupt in den wichtigsten Angelegenheiten seiner Zeit gebraucht. Auf einer Reise nach dem gelobten Lande im 1.1417 unterstützte er auf dem Concile zu Kostnitz die Wahl Martin's V., der ihn dafür zum Cardinal ernannte. Als sein Neffe, Heinrich V., zur Fortsetzung des Kriegs mit Frankreich der stanz. Geistlichkeit eine neue Auflage zumuthete, war er es vorzüglich, ocr sich dieser Maßregel widersetzte. Der Papst bemerkte dies so wohlgefällig, daß er ihn als seinen Legaten nach Deutschland schickte, um hier einen Kreuzzug gegen die Hussiten zu or- ganisiren. Da indeß das Unternehmen scheiterte und B. das vom Papste empfangene Geld zur Werbung eines engl. Heers gegen Frankreich verwendete, so fiel er beim Papste in Ungnade. Im I. 1431 führte er den jungen König, Heinrich VI., nach Frankreich, um ihn in Paris krönen zu lassen; auch bemühte er sich, wiewol vergeblich, die Herzoge von Burgund und Bedford miteinander zu versöhnen. Er starb zu Winchester 1447. Sein Andenken ist befleckt durch die Theilnahme an dem Morde des Herzogs von Elocester, sowie dadurch, daß er dem Blutgerichte präsidirte, welches die Jungstau von Orleans zum Tode verurtheilte. — Die franz. Herzoge von B. stammen von der Geliebten Heinrich's IV., Gabriele d'Estrc'es, indem aus Liebe zu ihr der König die kleine Stadt Beaufort in der Champagne, Beauharnais 141 die ihrer Familie gehörte, l 597 zum Herzogthum erhob. — Bekannt ist besonders Frans, deVendLme, HerzogvonB-, der Enkel Gabriele's und Heinrich's IV. Er diente in der franz. Armee, zeichnete sich in der Schlacht von Avein, bei der Belagerung von Corbie, von Hesdin und Arras aus, und war von großem Einflüsse am Hofe der Anna von Ostreich. JmJ. 1643 wurde er in Folge einer Verschwörung gegen Mazarin in VincenncS gefan- gen gesetzt und daselbst fünf Jahre festgehalten. In den Streitigkeiten der Fronde nützte er dieser Partei außerordentlich, allein man spottete auch seiner, und die Pariser nannten ihn nicht anders als den König der Hallen. Nach Herstellung des Friedens bemühte er sich, Ad- miral von Frankreich zu werden, welche Würde sein Vater, Ce'sar de Vendöme, bekleidet hatte. Er schlug 1665 die türk. Flotte an den tunesischen Küsten, blieb aber 1669 bei einem Ausfälle aus dem von den Türken blockirten Kandia. Ganz gegen Zeit und Umstände haben franz. Schriftsteller behauptet, er sei bei dieser Affaire gefangen genommen und als der Mann mit der eisernen Maske nach Frankreich geführt worden. Beauharnais (Alexandre, Vicomte deX geb. 1769 auf der Insel Martinique, diente in einem dortigen Infanterieregimente und war Major, als er daselbst seinereiche Landsmännin, Josephine Lascher de la Pagerie, die spätere Gemahlin Napoleon's, heirathete. In dem amerik. Freiheitskriege kämpfte er unter dem General Rochambeau mit Auszeichnung und wurde deshalb bei seiner Rückkehr nach Frankreich vomHofe sehr gut empfangen. Dies hielt ihn jedoch nicht ab, beim Ausbruche der Revolution der Volkssache beizutreten. Er wurde 1789 von dem Adel zu Blois zu den Generalstaaten abgeordnet und war einer der Ersten, die mit dem dritten Stande stimmten; er erklärte sich in der Nacht vom 4. Aug. für die Abschaffung der Privilegien, für die Zulassung aller Bürger zu den Staatsämtern und für die Gleichheit vor Gericht. Als Secretair der Nationalversammlung wirkte er in gleicher Richtung, und als Mitglied des Militairausschusses sprach er mit Eifer für die Auf- rechterhaltung der Disciplin und eines ehrenhaften Geistes im Heere. Nach dem blutig unterdrückten Aufstande zu Nancy lobte und vertheidigte er den General Bouille, wodurch er sich die Volksgunst verscherzte. Als am 21. Juni 1791 die Nationalversammlung die Flucht des Königs mit Staunen und Unwillen erfuhr, war er es, der durch seine Ruhe und Besonnenheit die Versammlung in einer würdigen Mäßigung erhielt und dabei sogar die Anerkennung seiner Gegner gewann. Zu Anfänge des Aug. trat er aus der Nationalversammlung, deren Präsident er zweimal gewesen war, ging als Generaladjutant zur Nordarmee, schlug sich unter dem General Custine bei Soissons und erhielt nach der Katastrophe vom 16. Aug. von den Commissairen der Gesetzgebenden Versammlung das Zeugniß, daß er die Ehre seines Vaterlandes bewahrt habe. JmJ. 1793 weigerte er sich jedoch, das Portefeuille des Kriegsministeriums anzunehmen, und reichte sogar als 'Obergeneral der Rheinarmec, wozu er damals erhoben worden war, seine Abdankung ein, weil man den Adel aus der Armee stieß. Unter der Schreckensherrschaft wurde er von der Grenze weg in das Innere Frankreichs verwiesen und begab sich auf sein Landgut zu Ferte'-Jmbault, wo er indessen den politischen Vorgängen nicht fern blieb. Seine Feinde verbreiteten wiederholt das Gerücht, daß er zur Übergabe von Mainz muthwillig insofern beigetragen, als er mehre Wochen hindurch an der Spitze seiner Truppen unthätig geblieben sei, und diese Denunciation hatte zur Folge, daß er nach Paris gebracht und von dem Revolutionstribunal zum Tode verur- theilt wurde. Erbestieg am 23. Juli 1794 mit großer Fassung das Schaffst und schrieb wenige Stunden vor der Hinrichtung einen Brief an seine Gemahlin, in welchem er ihr die Sorge für seine Kinder und für die Herstellung seiner Ehre empfahl. Sein Sohn, Eugen B-, ward später Herzog von Leuch tenb erg (s. d.) und seine Tochter Hortensia vermählte sich mit Ludwig Bo na partc (s. d.), dem Könige von Holland. — Franxois, Marquis de B., der Bruder des Vorigen, geb. am 12. Aug. 1756 zu Nochelle, hielt sich in der Nationalversammlung entschieden zur Partei des Adels und protestirte gegen alle Beschlüsse, die dem Volksinteresse dienten. Dem Anträge seines Bruders, dem Könige den Oberbefehl über die Armee zu nehmen, widersetzte er sich heftig, gleichwie den dazu vorgeschlagenen Amendements, sodaß er den Zunamen keal Lesubsrn-üs saus amenäsments erhielt. Zu Ende der Sitzung machte er durch einen Bericht an seine Commiktentcn Aufsehen. Im I. 1792 entwarf er einen neuen Plan mit d'Hervilly, de Briges und de Viomö- 142 Beaulieu Beaumarchais nil zur Entweichung der königlichen Familie und ging, als derselbe an der Verhaftung sc,, nes Begleiters, des Baron Chambon, scheiterte, zur Armee des Prinzen Conde, wo er als Generalmajor angestellt wurde. Von hier aus schrieb er wahrend des Protestes des Königs dem Convent einen Brief, in welchem er das Ungesetzliche dieser Maßregel zu beweisen suchte und sich zum Vertheidigcr des Königs erbot. Nach dem 18. Brumaire ließ er durch seine Nichte Zoscphine, die inzwischen die Gemahlin Bonaparte's geworden, demselben als erstem Consul einen Brief einhändigen, in welchem er ihm rieth, den letzten Schritt zu seinem Ruhme zu thun und den Bourbons das Scepter von Frankreich zurückzugeben. Obschon Bonaparte durch dieses Ansinnen verletzt schien, so durfte B. doch in Folge der Vermählung seiner Tochter mit Lavalette, dem Adjutanten des Kaisers, 1804 nach Frankreich zurückkch- ren. Er verschmähte jetzt nicht, aus den Händen des Mannes, den er bisher für einen Usurpator gehalten, 1805 den Gesandtschaftsposten am Hofe von Etrurien und 1807 den zu Madrid zu übernehmen. In Madrid ließ er sich ganz gegen die Politik Napoleon's, in Verbindung mit dem Prinzen von Asturien, nachmaligem Könige Ferdinand VII., gegen den Friedensfürsten ein, weshalb ihn der Kaiser zurückrief und ihn nach Sologne, wo er ein Familicngut besaß, verbannte. Erst nach der Restauration kehrte er nach Paris zurück und wurde 1814 zum Pair erhoben. Er starb einige Jahre vor der Julirevolution. — Claude, Graf von B-, der Vater der Stephanie, nachherigen Großherzogin von Baden, Sohn eines Onkels der Vorhergehenden, wurde geb. am 29. Scpt. 1756 und hatte die berühmte Dichterin, Fanny, Gräfin von B., gest. 1812, zur Mutter. Als Offizier in der Garde Ludwig's XVI. heirathete er die Tochter des Grafen von Marne'zia; dann kam er als De- putirter in die Versammlung der Generalstaaten. Im I. 1804 wurde er Titulatursenator und 1810 Ehrenrittcr der Kaiserin Marie Luise. Nach der Restauration trat er i» die Pairskammer, und da er während der Hundert Tage kein Amt angenommen, wurde er nach der zweiten Restauration in seiner Würde belassen. Er starb zu Paris am 10. Jan. 18IS. Beaulieu (Jean Pierre, Baron de), einer der ausgezeichnetsten Lstr. Generale zu Ende des vorigen Jahrh., geb. in oder bei Namur 1725, trat schon 1743 in östr. Kriegsdienste und fand während des Siebenjährigen Kriegs mehrfache Gelegenheit unter Daun sich aus- zuzeichnen. Nach dem der Hubertusburger Frieden geschlossen war, widmete er sich im Schoost seiner Familie fast ausschließend der Kunst und Wissenschaft und wurde 1768 in Berücksichtigung seiner früher geleisteten Dienste zum Obersten befördert. Im I. 1789 erhielt er den Oberbefehl über die gegen die belg. Insurgenten ausgesendeten Truppen, gegen die er mit großer Umsicht und vielem Glück operirtc. Im Feldzuge von 1792 trug er einen glänzenden Sieg über die Franzosen unter dem General Biron bei Guiveron davon. Nicht weniger glücklich war er darauf auch bei Courtray, Arlon und an der Sambre. Als er aber 1796 als Fcldzeugmeister den Oberbefehl über die ital. Armee gegen Bonaparte erhielt, schien sein Glücksstern von ihm gewichen. Während Bonaparte sein Heer an der genuesischen Küste zwischen Voltri und Finale zusammenzog und ruhig abwartete, bis ihm sein Gegner eine vortheilhaste Blöße bieten werde, verschob B., ungeachtet er vollkommen gerüstet war, die Eröffnung deS Feldzuges von einem Tage zum andern und folgte nicht nur nicht dem Nathe des sardin. Obergenerals Colli, der darauf bestand, mit der Hauptmacht das Centrum der Franzosen zu sprengen, sondern wählte sogar eine so schlechte Stellung, daß zwischen ihm und Colli eine Lücke entstand. Die Folge davon waren die unglücklichen Schlachten bei Montenotte, Millesimo, Montesimo, Mondovi und Lodi, durch welche letzte das Geschick der Lombardei entschieden ward. Kurze Zeit darauf übernahm an seiner Stelle Wurmscr das Commando. Seitdem lebte er in der Zurückgezogenheit auf seinem Gute bei Linz, wo er 1820 starb. Beaumarchais (Pierre Augustin Caron de), franz. Dichter, geb. zu Paris am 24. Jan. 1732, gest. am 17. Mai 1799, war der Sohn eines Uhrmachers, der ihn für seine Kunst bestimmte. Er widmete sich anfangs mit Leidenschaft der Musik, durch die er den Grund zu seinem dauernden Glücke legte, als er bei den Töchtern Ludwig's XV. eingeführt ward, um ihnen Unterricht auf der Harfe und Guitarre zu geben. Reiche Hei- rathen verhalfen ihm zu einem bedeutenden Vermögen. Seinen etwas zweideutigen Ruf zu heben, strebte er nach literarischer Berühmtheit. Er ließ die Schauspiele „bmgeme" Beamnont (Elle de) Beaumout (Francis) 143 (1767) und „I.er deux nm!s"(I770) erscheine», aber nur das erste hielt sich auf der Buhne. Sein cigenthümliches Talent entwickelte er in dem Proceß gegen Lablache und Goezmann. Alles vereinigte sich damals gegen das sogenannte Parlament Maupeou, dessen Mitglied Goezmann war. B. schrieb gegen ihn seine berühmten „lllemoires" (Par. 1774, 4.), welche mit scharfer Logik die bitterste Satire verbanden und ihm einenNufver- schafften, der selbst den auf jede Art des Ruhms eifersüchtigen Voltaire beunruhigte. Hätte B. die Thatsachcn ruhig auscinandergesetzt, so würde er seinen Proceß ohne Aufsehen ge- Wonnen haben, da er aber mit ebenso viel Gewandtheit alS Muth die Leidenschaften in Anspruch nahm, so verlor er ihn. Einen dauernden Namen haben ihm von seinen Theaterstücken der „Halbier de 8eviIIa" (1775) und die „NarigFe de k'igsro" erworben. Kurz vor der Revolution ward er in den Proceß des Banquiers Kornmann verwickelt und fand dabei in Bergaffe einen überlegenen Gegner. Von seinen spätern Arbeiten sind nur „Lies six e'pogass" zu erwähnen, worin er die Gefahren beschreibt, denen er in der ersten Zeit der Revolution ansgesetzt war. Während des amerik. Unabhängigkeitskriegs hatte er durch die den Amerikanern zugeführten Kricgsbedürfniffc sein Vermögen bedeutend vermehrt; durch seine Ausgabe der Werke Voltaire's, deren sehr unvollkommene Ausführung keineswegs dem Ungeheuern Kostenaufwande entspricht, verlor er fast eine Mill., und sehr viel auch 1792 durch das Unternehmen, 6V0NV Flinten für das franz. Heer zu schaffen. Eine Ausgabe seiner Werke erschien I8V9 (7 Bde., Par.). Streben nach Vermögen und Ehrgeiz waren die Haupttriebfedern, die B. in Bewegung setzten. Sein zur Jntrigue geneigter Geist trieb ihn daher zu den gewagtesten Unternehmungen, und er gefiel sich am meisten in den verwickeltsten, durch die er freilich bisweilen in ein zweideutiges Licht kam. Beaumont (Elie de), Ingenieur en Chef der Bergwerke erster Classe, Professor der Geologie an der Bergbauschule zu Paris, seit Brochant de Villiers' Tode in Gemeinschaft mit Dufrc'noy mit Zusammenstellung der großen geologischen Karte Frankreichs beauftragt, ist zu Lanon im Departement Calvados am 25.Sept. 1798 geboren. Ermachte seine Studien als Bergmann auf der Bergakademie zu Paris und dann die im franz. Bergwesen übliche Carriere. Durch Brochant de Villiers scheint seine natürliche Vorliebe zur Geognosie und Geologie und sein vorzügliches Beobachtungstalent besonders befördert wor- den zu sein. Nachdem er 1825 mit Dufrc'noy nach England geschickt worden war, um die Verhältnisse der Zinn- und Kupferbergwerke in Cornwallis zu erörtern, und darüber in den „banales des mines" Bericht erstattet hatte, nahm er seitdem ununterbrochen an den gcognostischen Untersuchungen Frankreichs den thätigsten Theil; namentlich hat er die Vogesen, die Tarentaisc, die franz. Schweiz u. s. w. näher untersucht und das vulkanische Terrain des Cantal de Mont d'or zum besondern Gegenstände seiner Untersuchungen gemacht. Seine Abhandlungen finden sich in den „^nnaler des wines", den „^nnales des eeieuces uslurellss", dem „Bulletin geolngchue" u. s. w. Am wichtigsten sind die von ihm und Dufrc'noy herausgegebenen „Uemoires pour servir a une description geologicpie de I» kr-mce" (4 Bde., Par. 1833—38). Aber nicht als praktischer Beobachter allein, auch durch scharfsinnige theoretische Combination des Beobachteten hat sich B. berühmt gemacht. Besonders ist die Theorie der Erhebung der Gebirgszüge von ihm ausgebildet worden; seine Ansichten darüber und über die verschiedene relative Erhebungszeit der hauptsächlichsten europ. Gebirgszüge, die er in zwölf Erhebungsepochen theilt, hat er in mehren Abhandlungen und auch in einer besondern Broschüre (Par. I834)mitgethcilt. Alle spätern Kritiken und Abänderungen der von B., welcher auf Buch's Grundideen fortbaute, ausgesprochenen Ansichten und alle Widersprüche, die er erfahren hat, haben doch das Wesentliche unangetastet gelassen. Beaumont (Francis) und John Fletcher waren das berühmte Zwillingsdichtcr- paar, das aufder Rennbahn des altengl. Theaters mit Shakspeare um den Preis rang, und bei der Nachwelt wenigstens den davontrug, daß ihre Namen seinem zunächst genannt werden. Ihre Stücke haben sich erhalten; die Geschichte ihres Lebens und ZusammenarbeitenS ist halb Mythe geworden. B. war 1585 auf dem Stammgute seiner Familie Grace-Dicu in der Grafschaft Leicester geboren, studirte zu Oxford und darauf eine Zeit lang zu London die Rechtswissenschaft und starb 1616. Fletcher, der Sohn des Bischofs von London, wurde >576 geboren und war einige Zeit in Cambridge, ohne sich einem wissenschaftlichen Be- 144 Braune Bebaust cufe zu widmen, da die Dichtkunst ihn früh ausschließend beschäftigte, und starb 1625 zu London. Die Verbindung der beiden Dichter begann um > 605 . Die Schauspiele, die unter Beider Namen (Lond. 1679 ; zuletzt 14 Bde., 1812 ) erschienen, waren ihre gemeinschaftliche Arbeit, und nur die Überlieferung sagt, daßFletcher das erfindende Genie, B., dem phantasiercichern Mitarbeiter an Beurtheilungskraft überlegen, der ordnende und gestaltende Verstand in der Anlage und Ausführung des Plans gewesen sei, eine Angabe, die allerdings dadurch wahrscheinlich wird, daß in dem dramatischen Idyll „Ure s-utklul skepber- tless", Fletcher's alleiniger Arbeit, üppige Phantasie und lebhaftes Gefühl vorwalten. Nach B.'s Tode soll Letzterer bei seinen dramatischen Erzeugnissen Shirley (s.d.) zu Rathe gezogen haben. Shakspeare diente ihnen zum Muster; sie lassen gleich ihm pathetische und niedrig, komische Scenen miteinander abwechseln, aber die Absicht, ihr Vorbild zu überbieten, bringt zuweilen Mistöne hervor, wie es ihnen denn bei ausgezeichnetem Talente nur an Mäßigung und Besonnenheit gefehlt zu haben scheint, um Vollkommenes zu leisten. Der Wunsch, dem Publicum, welches damals leichter Ausschweifungen als Schlaffheit vergab, zu genügen, führte sie von der reinen künstlerischen Ansicht ab; aber die genaue Kenntniß dieses Publicums und der Mittel, ihm zu gefallen, läßt sie mit Zuversicht auf dem gewagtesten Wege gehen, und dadurch ersetzen sie zum Theil, was an innerer Harmonie und Übereinstimmung ihnen abgeht. Ihre komischen und possenhaften Scenen sind gelungener als die tragischen. Ihre Zeitgenossen zogen ihre Arbeiten selbst denen Shakspeare's vor, indem man behauptete, daß durch sie erst die engl. Bühne den höchsten Gipfel erreicht habe. Die Nachwelt hat dieses Urtheil verworfen. Das Lustspiel „Stille Wasser sind tief" ist eine freie Bearbeitung ihres „Rule u rvike snm I(Mrigino", worin er den Einfluß der Nähe der Alpen auf die Abweichung des Pendels nachwies. Beccarra Bonesana (Cesare), der erste Menschenfreund, der die Unrechtmäßigkeit der Todesstrafe nachzuwciscn suchte, geb. zu Mailand 1735 (oder 1738), stammte aus der Familie der Marchesen von B-, welche zu Pavia den Ghibellinen, wie den Guelfen die der Grafen Langosco, verstand, von 1313 — 57 Pavia unter dem Schutz der Visconti regierte und im 15. Jahrh. wieder nach der Herrschaft strebte, wo aber Castellino B. im Ge- fängniß und Lancellot am Galgen starben. B. ward früh durch die Schriften der Ency- klopädisten, vorzüglich Montesquieu's, zur Entwickelung seines philosophischen Talents angeregt und spater rühmlich bekannt durch seine von edlem Feuer für die Menschheit zeugende Schrift „Del ckelitti s clslls pens", die zuerst anonym (Monaco 1764) und dann öfter, am besten durchgesehen vom Verfasser selbst in Venedig 1781 (2 Bde.), auch in mehren, besonders deutschen Übersetzungen, z. B. von Flathe, mit Anmerkungen von Hammel (Bresl. 1788—89) und vonBergk (Lpz. 1798) erschien- B. trat in diesem Werke gegen die Härten undMisbräuche derCriminaljustiz seinerZeit auf und bekämpfte mit derBcredtsam» keit des Gefühls und lebendiger Einbildungskraft Tortur und Todesstrafe. Mit Unrecht bc- schuldigte Kant den Verfasser affcctirter Humanität, doch wies er richtig die Schwäche der Gründe nach, auf welche B. seine Ansichten stützte. Wenigstens wirkte B-'s Buch, das ihm den Ruf eines wahrenMenschenfreundes sichert, so viel, daßder Abscheu gegen unmenschliche Stra- fen allgemeiner verbreitet und für eine wissenschaftlichere Ausbildung sowie für eine mildere Praxis des peinlichen Rechts die Lust geweckt und der Weg gebahnt wurde. Übrigens ist er noch durch eine philosophische Sprachlehre und Theorie des Stils, „kieercks intorno alla natura dsllo stilo" (Mail. 1770), und als Verfasser mehrer Abhandlungen über den Stil, den rednerischen Schmuck u. s. w., in der von ihm in Verbindung mit seinen Freunden Visconti, Veri u. A. herausgegebencn ital. Zeitschrift „II caüe", in seinem Vatcrlande bekannt. Er war seit 1768 Lehrer der Staatswirthschaft zu Mailand und starb daselbst am 29. Nov. 1793. Seine„Opsrs diverse" erschienen inNeapel 1770, und neuerlich „Oj>ere" (Mail. 1824), zumeist Vorlesungen, die er in Mailand gehalten. Bechcp.oder Schallbcchcr heißt der trichterförmige Thcil der mcistenDlasinstru- mente; auch werden die Pseifenkörper einiger Orgclstimmen, z. B. Trompete, Posaune u. s. w., ihrer Gestalt wegen Becher genannt. Conv.-llex. Neunre Aufl. II. 10 I t6 Becher Bechstein (Lud'-v.) Becher (Joh. Joach.), der Verfassender ersten Theorie der Chemie, gcb. 1625 zu Speier, war nach dem frühen Tode seines Vaters gcnökhigt, durch Unterricht sich und seine Familie zu erhalten. Sein Eifer und seine großen Anlagen überwanden indeß alle Hindcr- nisse. Er erwarb sich ausgebreitete Kenntnisse in der Mcdicin, Physik und Chemie und selbst in der Politik und Staatsverwaltung, ward Professor in Main; und 1660 kaiserlicher Hofrath in Wien und erster Leibarzt des Kurfürsten von Baiern. Als er in Wien, wo er zur Einrichtung einiger Manufacturen gerathen und den Plan zu einer indischen Handelsgesellschaft entworfen hatte, in Ungnade fiel, begab er sich von da nach Main; und lebte dann in München, Würzburg, Hartem und zuletzt in London, wo er l 682 starb. Er hatte viele Feinde, und man beschuldigte ihn nicht ganz mit Unrecht der Marktschreierei; doch ist sein Verdienst um die Chemie bleibend. Er war der Erste, der in seiner „Ullz sicu subtei ru- neu" (Franks. 1669) sic der Physik näher brachte und in beiden Wissenschaften die Ursachen aller unorganischen Erscheinungen in der Welt suchte. Gleichzeitig fing er an, eine Theorie der Chemie zu gründen; auch den Proceß des Verbrcnnens untersuchte er. Er lehrte, jedes Metall bestehe aus einem allen gemeinschaftlichen erdigen Stoffe, aus einem gleichfalls identischen verbrennlichen Principe und aus einer eigenthümlichen merkurialischen Substanz; erhitze man ein Metall, sodaß es seine Gestalt verändere, so entbinde man die merkuriale Substanz, und es bleibe nichts als der Metallkalk. Hierin liegt der erste Keim von Stahl's phlogistischcr Theorie, die bis auf Lavoisier alleinige Geltung gehabt hat und auf deren Genialität neuerdings wieder von allen Geschichtschreibern der Chemie hingewiesen worden ist. Bechstein (Joh. Matthias), bekannt als Ornitholog und Forstmann, geb. am 1 l . Juli 17 57 zu Waltershausen im Herzogthume Gotha, besuchte das Gymnasium zu Gotha und stu- dirte dann Theologie zu Jena, worauf er 1785 Lehrer am Salzmann'schen Institute in Schnepfenthal wurde. Von Jugend auf lebhaft für Jagd und Wald sich interessirend, kam er auf einer Reise, die er vor Antritt seines Amtes nach Dessau machte, zu dem Entschluß, die Forst-, Jagd- und Naturkunde zum Hauptberuf seines Lebens zu wählen. Durch das i» diesem Fache elastische Werk, die „Gemeinnützige Naturgeschichte Deutschlands" (t Bde., Lpz. 1789—95; 2. Aust., 1801—9), in welchem er sich besonders als Ornithologen bewährte, lenkte er die Aufmerksamkeit aller denkenden Forstmänner sich zu, namentlich auch Wangenhe'im's und Burgsdorfs, welcher Letztere ihm den Lehrbrief als geprüftem Forstmanne erthcilte. Nachdem er das Bedürfniß besserer Bildungsanstalten für Forstwissenschaften erkannt, gab er den Plan zu einer solchen 1791 beim Herzoge von Gotha ein und beschloß, als dieses ohne Erfolg blieb, ihn auf dem Freigute Kemnote bei Waltcrshausen auf eigene Hand auszuführen. Sein Unternehmen fand vielen Anklang; der Unterricht konnte schon 1794 beginnen und im folgenden Jahre wurde die Anstalt eröffnet. Zn gleicher Zeit stiftete B. die Svcietät für Forst- und Jagdkunde, von deren nützlicher Wirksamkeit die „Annalen" und die Zeitschrift „Diana" Beweise enthalten. Gleichwol konnte er für seine Anstalt nicht die mindeste Unterstützung von Seiten der Regierung erhalten, sondern hatte sogar noch Hindernisse zu bekämpfen. Dies bewog ihn, 1800 dcü Antrag des Herzogs Georg von Meiningen anzunehmen und als Director der neu zu gründenden Forstakadcmie Dreißigackcr (s. d.) in dessen Dienste zu treten. Hier starb er als Geh. Kammer- und Forstrath 1822. Unter seinen zahlreichen Schriften erwähnen wir noch als die wichtigsten die „Forstinsektologie" (3 Bde., Gotha 1818), „Forstbotanik" (Erf. 1810; 5. Ausl-, von Behlen, 1841 — 42), und vor Allem die „Forst- und Jagdwissenschaft nach allen ihren Theilen" (5 Bde., Erf. 1818—21), die von Laurop fortgesetzt wurde; ferner sein unvollendet gebliebenes „VollständigesHandbuch derForstwissenschaft"(Nürnb. 1801—9), „Naturgeschichte des In- und Auslandes" (2 Bde., Lpz. 1792—97), „Abbildungen naturhisto- rischer Gegenstände" (8 Bde., Lpz. 1793—1810; 2. Aust., 6 Bde., 1816 — 23 ) und die „Naturgeschichte der Stubenvogel" (4.Ausl.-, von Lehmann, Halle 1840). Bechstein (Ludw.), Hofrath und Bibliothekar des Herzogs von Sachsen-Meiningen, der Neffe des Vorerwähnten, geb. am 24. Nov. 1801 im Meiningischcn, widmete sich anfangs, sein Talent gänzlich verkennend und äußern Verhältnissen gehorchend, der Pharmacie und war längere Zeit Gehülfe in einer Apotheke zu Arnstadt, bis er durch seine „Sonettenkränze" (Arnst. 1828) die Aufmerksamkeit des regierenden Herzogs Bernhard Erich Freund von Bechteltag Beck 147 Sachsen-Meiningen auf sich zog, der ihn in Stand setzte, in Leipzig Philosophie und Geschichte zu studiren und München zu besuchen. Im I. >831 wurde er Cabinetsbibliothekar desHer- zogs und zugleich zweiter Bibliothekar der herzoglichen öffentlichen Bibliothek. In demsel- sclben Jahre gründete er den Henncbergischm allerthumsforschendcn Verein, dessen Thätig- keit er mit großer Liebe und sehr erfreulichen Erfolgen leitete und der ihn wiederum zur Herausgabe des „Deutschen Museums für Geschichte, Literatur, Kunst und Alterthum" (2 Bde., Jena 1842) veranlaßte. Hierauf wurde er 1833 erster Bibliothekar und 184 l zum Hos- rath ernannt. B. ist ein fleißiger und ungemein iw den verschiedensten Richtungen thätiger Schriftsteller, nur daß sein leichtflüssiges Talent der strengem Feile und seine literarische Wirksamkeit eines festen Mittelpunkts entbehrt. Daher ermangeln seine Productionen'eines ci- gcnthümlichen Charakters; doch machen sie im Allgemeinen einen anziehenden freundlichen Eindruck, namentlich bieten seine novellistischen Arbeiten mannichfachen Unterhaltungsstoff. Reinheit und Innigkeit der Empfindung, einfache Anmuth der Darstellung, Begeisterung für alles Wahre, Gute und Schöne lassen sich bei ihm nirgend verkennen. Unter seinen Werken sind vorzugsweise zu nennen: „Der Sagenschatz und die Sagenkreise des Thüringerlandes" (4 Bde., Mein. 1835—38), ein fleißig gearbeitetes Werk in einfachguter Darstellung; das Gedicht „Die Haimonskinder" (Lp;. 1830); „Erzählungen und Phantasie» stücke" (4 Bde., Stuttg. 1833); das Gedicht „Der Todtentanz" (Lpz. 1831); „Arabesken" (Stuttg. 1832; 2. Ausl., 1841); „Der Fürstentag", ein historisch-romantisches Zeitbild (2 Bde., Franks. 1834); „Gedichte" (Franks. 1836); „Fahrten eines Musikanten" (3 Bde., Schleusing. 1836—37), in denen der als Mensch und tüchtiger Musiker bekannte Professor Elster den Helden bildet; „Aus Heimat und Fremde" (2 Bde., Lpz. 1839), Erzählungen ; „Grumbach" (3 Bde., Hildburgh. und Mein. 1839); „Die Weissagung der Libussa" (2 Bde.; 2.Aufl., Stuttg. 1841); „Philidor, Erzählung aus dem Leben eines Landgeistlichen" (Gotha 1842), voll anspruchlos rührender Naivelät. Für das „Malerische und romantische Deutschland" bearbeitete er die Section Thüringen, für die er, bei der gründlichen Kenntniß dieses interessanten Landestheils, vorzugsweise befähigt war. Bechteltag, von dem altdeutschen Worte b e che ln, d.i. sich gütlich thun, heißt in der Schweiz, namentlich in Zürich, der als Kinderfest gefeierte zweite Tag im Jahre. Wie so viele Gebräuche noch aus der Zeit des Heidcnthums sich erhalten haben, so hält man es auch nicht für unwahrscheinlich, daß dieser Festtag ein Überbleibsel der von den Römern um dieselbe Zeit gefeierten Saturnalien sei. Beck (Christian Daniel), bekannt als Literator, Archäolog, Philolog und Historiker, war am 22. Jan. 1757 zu Leipzig geboren, wo er, durch Privatunterricht vorbereitet, seit 1772 unter Fischer's Rectorat die Thomasschule besuchte, seit 1775 studirte und 1779 sich habilitirte. Seiner Vaterstadt gehörte er sein ganzes langes Leben hindurch an. Hier wurde er 1782 außerordentlicher, 1785 ordentlicher Professor der griech. und lat. Sprache und 1808 zum Hofrath ernannt. Jm J. 1819 übernahm er die Professur der Geschichte, die er aber 1825 wieder mit der der griech. und röm. Literatur vertauschte. Die von ihm 1785 gestiftete philologische Gesellschaft wurde 1809 zu einem königlichen philologischen Seminar erhoben, das er bis zu seinem Tode, am 13. Dec. 1832, leitete und aus welchem die tüchtigsten Männer hervorgegangen sind. Am2l.Febr. 1828 feierte er sein Magisterjubiläum und am 8. Mai 1829 sein Jubiläum als akademischer Lehrer, wobei ihm vielfache Beweise dankbarer Verehrung und Anerkennung, so namentlich auch die Ernennung zum Doctor der Theologie und zum Comthur des königlich sächs. Civilverdienstordens zu Theil wurden. Außer den akademischen Ämtern und Würden, dem Rectorat, daß er zwölf mal, dem Procan- zcllariat, daß er acht mal und dem Decanat, das er siebzehn mal bekleidete, hatte er noch die Verwaltung der Bibliothek seit 1790, die Ephorie der Stipendiaten, die Präfectur der Universitätsdörfer, das Büchercommiffariat, das Directoriat des Taubstummeninstituts und mehre andere ihm viele Zeit raubende Functionen; auch verwaltete er viele Jahre das für ihn be! seiner angeborenen Ängstlichkeit und zumal in der letztem Zeit sehr schwierige Amt eines CensorS. Dessenungeachtet entwickelte er eine wahrhaft staunenswerthc Produktivität als Schriftsteller im Fache der alten Literatur, und eS werden seine zahlreichen literarischen, 10 * I 148 Becken historischen, archäologischen und philologischen Werke, von denen jedoch die meisten unvollendet geblieben sind, stets ihren Werth behaupten. Er schrieb über 80 lat. Programme und andere Gelegenheitsschriften, die sich fast durchgehend wie durch Eleganz der Sprache, so durch sei- tcne Belesenheit und Literaturfülle auszeichnen. Aus der Masse seiner übrigen Werke erwäh> ncn wir seine Ausgaben der alten Classiker, z. B. des Pindar, Aristophanes, Euripides, Apollonius Nhvdius, Platon, Cicero, Calpurnius; die ,,^ets seminsrii pirilol. Ii;,s." (2 Bde., Lpz. 1811 — 13) und „ Oommentarü societutis pliilol. lips." (4 Bde., Lpz. 1801 — 5); „Anleitung zur Kenntniß der allgemeinen Welt- und Völkergeschichte" (4 Bde., Lpz. 1787 — 1807); den „Grundriß der, Archäologie zur Kenntniß der Geschichte der alten Kunst" (Abth. I, Lpz. 1816), seine Übersetzungen von Muradgea d'Ohsson's „Schilderung des ottoman. Reichs" (2 Bde., Lpz. 1788—96), Ferguson's „Geschichte der röm. Republik" (3 Bde-, Lpz. 1784—87), Eoldsmith's „Geschichte der Griechen" (2 Bde., Lpz. 1792; 2. Aust., 1806) und die „Ovminentorii lüslnrioi äecretorum religionis cirristisnas et lor- miilae Imtkei-." (Lpz. 1801). Auch redigirtc er von 1819 an bis zu seinem Tode das „Allgemeine Repertorium der neuesten in- und ausländischen Literatur", das er fast ganz allein schrieb. Vgl. Nobbe „Karratio cls Okr. 1)rm. 8." (drei Programme, Lpz. 1834—37). — Sein Sohn, Joh. Ludw. Wilh. B., gegenwärtig Präsident des königlichen Appcllations- gerichts zu Leipzig, wurde hier am 21. Oct. 1786 geboren. Er erhielt in Leipzig seine Schulbildung, studirte auf der dasigen Hochschule die Rechte und habilitirte sich an derselben, bei welcher Gelegenheit er die Abhandlung „1)ebHo5leti»,lliirisc<>nsuIto, ejusgnctrsFmentis" (Lpz. 1809, 4.) schrieb. Auch erlangte er in Leipzig die Doctorwürde in der juristischen Facultät und von Seiten des Staats die Advocatur. Im I. 1812 folgte er dem Rufe als ordentlicher Professor an die Universität zu Königsberg, doch schon im folgenden Jahre ging er als Regierungsrath nach Weimar und 1814 wieder nach Leipzig, wo er Beisitzerin» Schöppenstuhle, 1815 zugleich außerordentlicher Professor und 1825 Senior des Schöppenstuhls wurde. Bei der Auflösung dieses Spruchcollcgiums kam er 1835 als erster Rath in das neuerrichtete Appellationsgericht in Leipzig, in welchem er 1837 das Präsidium erhielt. Von seinen Schriften erwähnen wir hier nur seine beiden Ausgaben de» „Ovipus suris civilis", die größere (2 Bde., Lpz. 1825—37) und die Stereotypausgabe (Lpz. 1829—37); die „Anleitung zum Neferiren. und Decretiren" (Lpz. 1839) und „Das Executionsgesetz von 1838, mit Anmerkungen" (Lpz. 1839). Becken nennt man in der Anatomie die am untern Theile des Rumpfes befindliche knöcherne-vben und unten offene Höhle, welche einen umgekehrten, abgestumpften, von vorn nach hinten zusammengedrücktcn Kegel darstellt, dessen die Hüften bildende Basis nach oben liegt. Es wird aus vier durch Faserknorpel und Bänder vereinigten Knochen, den beiden Hüftknochen, dem Kreuzbein (Os sscrum) und dem Steißbeine gebildet. Jedes Hüftbein zerfällt in ein oberes Stück, das Darmbein, ein unteres Stück, das Sitzbein und ein vorderes Stück, das Schambein. Die gemeinschaftliche Vereinigung dieser acht Theile bildet die Pfanne, welche zur Aufnahme des Kopfes des Oberschenkels bestimmt ist. Den oben» Rand des Hüftbeins nennt man den Hüftbeinkamm, den untern Thcil des Sitzbeines den Sitzknorren. Die Vereinigung der beiden Schambeine nach vorn bildet den Schambogen; den in der Mitte liegenden, durch Knorpel und ein kurzes festes Band vermittelten Vereinigungspunkt nennt man Schambeinfuge. Eine fast in der Mitte des inner« Beckens hervorragende Querlinie theilt dasselbe in zwei Theile, von denen der obere das große, der untere das kleinere Becken genannt wird. Die obere Beckenöffnung heißt der Beckeneingang, die untere der Beckenausgang. In dem Becken, welches außen von Muskeln umgeben ist, liegt ein Thcil der dünnen Gedärme und der Mastdarm, die Urinblase, die Beckengefäßc und Beckennerven, beim Weibe der Uterus und die Eierstöcke. Behufs der Empfängniß und Ausbildung der Frucht ist das weibliche Becken in allen seinen Dimensionen großer als das männliche, wenn man die Höhe ausnimmt, daher hat die Frau auch breitere Hüften, denn die Breite des Beckens beträgt bei ihr gewöhnlich elf, beim Manne nur neun Zoll. Für die Geburtshülfe ist die genaue Kenntniß des weiblichen Beckens, besonders die seiner Dimensionen von der größten Wichtigkeit, daher man letztere, von denen der gerade Durchmesser die Conjugata genannt Becker (Karl Ferd.) Becker (Rud. Zachar.) 149 wird, auch durch besondere Instrumente, welche man Becken m esse r (?elviinotcr) genannt hat, genauer zu ermitteln sucht. Vgl. Nägele, „Das weibliche Becken" (Karlsr. 1825, 4.). Becker (Karl Ferdinand), einer der ausgezeichnetsten deutschen Sprachforscher, geb. >775 zu Liser, im vormaligen Kurfürstenthum Trier, erhielt seine erste Erziehung durch seinen gelehrten und einsichtsvollen Oheim, Ferdinand B-, der als Domvicar zu Paderborn >798 der Hctcrodoxic beschuldigt, das Opfer einer fanatischen Verfolgung wurde. Zu seiner weitern Ausbildung besuchte B. das Gymnasium zu Paderborn, brachte dann zwei Jahre im Priesterseminar zu Hildeshcim zu und erhielt bereits im >9. Lebensjahre eine Lehrerstclle an dem Josephinum in letzterer Stadt. Der Umstand aber, daß damals die Bekleidung eines Schulamtes von dem Eintritt in den geistlichen Stand unzertrennlich war, bewog ihn,, 1799 seine Entlassung zu nehmen, worauf er in Göttingen Medicin studirte. Nach Beendigung seiner Studien prakticirte er von >803 an als Arzt in Höxter an der Weser, bis er 18>9 im Königreich Westfalen als Unterdircctor der Pulver- und Salpeterbereitung zu Göktingen angestcllt wurde. Die Resultate der von ihm angestellten Versuche finden wir in der Schrift „Theoretisch-praktische Anleitung zur künstlichen Erzeugung und Gewinnung des Salpeters" (Braunschw. 181-1) niedergelegt. Im I. 1813 übernahm er die Centralhospitalverwaltung für die verbündeten Heere und, als diese 1815 aufgelöst wurde, ging er als praktischer Arzt nach Offenbach. Hier erzog er seine Kinder mit so glücklichem Erfolge, daß mehre Familien die ihrigen ihm zu demselben Zwecke übergaben und seit 1823 eine'Erziehungsanstalt in seinem Hause sich bildete. Jetzt wurde die frühere Liebe zur Sprachforschung wieder in ihm rege. Durch seine naturwissenschaftlichen Untersuchungen unterstützt, betrachtete er die Sprache auf eine ganz neue, in das innerste Wesen derselben tief cindringcnde Weise und gelangte bald, da er in der Sprache ihrem ganzen Umfang nach das Product einer organischen Entwickelung der geistigen und leiblichen Natur des Menschen erkannte, zu den überraschendsten Resultaten. Auf dem Wege dieser organischen Entwickelung schuf er ein System, welches alle Theile der Sprache umfaßt und zu einem organischen Ganzen verbindet. Zuerst erschien von ihm „Die deutsche Wortbildung" (Franks. 1821), alsdann der erste Theil seiner „Deutschen Sprachlehre" (Franks. 1827), worin der „Organismus der Sprache" behandelt wird. DieGrammatik mußte in Folge dieser tiefen Auffassung und großartigen Behandlung eine völlige Umgestaltung erfahren, wie er sie auch in der größer» „Deutschen Grammatik", die den zweiten Theil der „Deutschen Sprachlehre" (Franks. 1829) bildet und die er statt einer zweiten Auslage als „Ausführliche deutsche Grammatik" (3 Abth., Franks. 1838 —39) erscheinen ließ, sodann in der „Schulgrammatik der deutschen Sprache" (Franks. 1831; 1. Ausl., 1839) geliefert hat. Außerdem schrieb er „Das Wort in seiner organischen Bedeutung" (Franks. 183 3), einen „Leitfaden für den ersten Unterricht in der deutschen Sprachlehre" (Franks. 1833; 1. Ausl., 1811) und „Organism der deutschen Sprache" (Franks. 1811 -12). Obgleich B. durch das Eigenthümliche seiner Forschungen die Sprachwissenschaft bedeutend gefördert hat, so ist doch der wahrhaft praktische Gewinn für die Erlernung der Sprache immer noch problematisch geblieben; ebenso haben die Versuche, seine Grundansicht auf- die Behandlung der griech. und lat. Syntax anzuwenden, wie dies von Kühner und Weißenborn geschehen ist, nicht ganz zu den erwarteten Resultaten geführt. Becker (Rud. Zachar.), deutscher Volksschriftsteller, geb. am 9. Apr. 1752 zu Erfurt, studirte in Jena Theologie und lebte unter von Dalberg's bildendem Einflüsse eine Zeit lang als Hofmeister zu Erfurt. Eine Preisaufgabe der berliner Akademie der Missenschaftcn im1.17 7 9 über die Frage: „Ist es nützlich, das Volk zu täuschen ?" deren Preis er gewann, führte ihn auf die Bahn des Volksschriftstellers, auf welcher er für Volksaufklärung mit ausgezeichnetem Erfolge gewirkt hat. An die Erziehungsanstalt zu Dessau berufen, schrieb er zuerst dort 1782— 83 die „DessauischeZeitung für dieJugend und ihre Freunde", die er, nach selbständiger Übersiedelung nach Gotha, 17 81 als „Deutsche Zeitung für die Jugend" fortsetzte, dann seit 1788 mehr für Erwachsene berechnete und 1796 zur „Nationalzeitung dcrDeutschen" erhob. Seine Überzeugung, daß die menschliche Glückseligkeit auf Befriedigung des den: Menschen inwohnenden Verbesserungstricbes beruhe, die er in seinen „Vorlesungen über die Rechte und Pflichten der Menschen" (2 Bde., 1791—92) ausführlich begründet hat, ward von ihm im ,,Noth- und Hülfsbüchlcin oder lehrreiche Freuden- und Traucrgeschichte des Dorfes Mild- 150 Becker (Wilh. Gottlieb) > heim" (2 Bdc., Gotha 1787—98; neueste Aust., 1838) als pramWL^cispiel der Selbst- j vildnng der Einwohner eines Dorfes, für den deutschen Landmann so lebendig und anregend dargestcllt, daß davon bald über eine halbe Million Exemplare in deutscher und auch in fremden Sprachen gedruckt und nachgedruckt wurden. Sein „Mildhcimisches Liederbuch" (1799), welches gleichfalls eine Reihe Auflagen (8. Aust., 1837) erlebt hat, und sein „Mildheimischcr Evangclicnbuch" (1816) schließen sich jenem Volksbuche an. Neben der „Deutschen Zeitung", welche die Tagesgeschichte zu einer praktischen Sittenschule machen sollte, begründete crI79> den „Anzeiger", der 1792 durch ein kaiserliches Privilegium zum „Neichsanzeiger" erhoben und nach dem Aufhören des Reichs 1806 in den „Allgemeinen Anzeiger der Deutschen" i verwandelt wurde. Der eigene Vertrieb seiner Zeitschriften und Bücher veranlaßte ihn im Z. 1797 zur Begründung einer Buchhandlung. Auf den unbegründeten Verdacht der , Thcilnahme an geheimen politischen Verbindungen gegen Napoleon, ward er am 3 , 0 . Nov. 1811 auf Davoust's Befehl gewaltsamerweise von Gotha nach Magdeburg gebracht und dort bis zum Apr. 1813 gefangen gehalten. Seine Schrift „B.'s Leiden und Freuden in llmonatlichcr franz. Gefangenschaft" (>811) ist zeitgeschichtlich merkwürdig. Auch der deutschen Kunstgeschichte hat B. durch Herausgabe von „Holzschnitten alter deutscher Meister" (Lief. 1—3, 1808—16), deren wcrthvolle Originalplatten-Sammlung noch in den Händen seiner Familie ist, einen wesentlichen Dienst geleistet. Er starb am 28. März 1822. — Sein Sohn, Friedr. Gottlieb B., Hofrath und Hofbuchhändler in Gotha, gcb. « daselbst am 9. Nov. 1792, setzt mit Umsicht seit des Vaters Tode die von diesem begründeten ' zcikschriftstellerischen Unternehmungen fort und hat seit dem I. 1830 den thatsächlichcn Inhalt der „Nationalzeitung der Deutschen" und den intellectuellen des „Allgemeinen Anzeigers" in ein täglich erscheinendes Blatt „Allgemeiner Anzeiger und Nationalzeitung der Deutschen" vereinigt, welches fortdauernd ein viclgelesenes allgemeines Jntelligenzblatt für ganz Deutschland und ein öffentlicher Sprechsaal für Jedermann über alle Gegenstände des Lebens und des bürgerlichen Verkehrs ist. - Becker (Wilh. Eottlieb), ein bekannter deutscher Schriftsteller, geb. am 4. Nov. ' 1753 zu Oberkallcnberg im Schönburgischen, gest. am 3. Juni 1813 zu Dresden als Hofrath und Jnspector der Antikengalerie, des Münzcabinets und des Grünen Gewölbes, studirte 1773—76 in Leipzig und wurde 1776 Lehrer an dem Philanthropin in Dessau. Im 1.1777 ging er nach Basel, wo er in Mecheln's Umgang seinen Kunstsinn weiter ausbildete und sich namentlich viel mit Hans Holbein's Malereien und satirischen Einfällen beschäftigte. Hierauf bereiste er die Schweiz, einen Theil von Frankreich und Oberitalien. Nach seiner Rückkehr besorgte er eine neue Ausgabe von des Erasmus ^Lob der Narrheit" (Bas. 1780 und Berl. 1781), sowol im Original als in deutscher Übersetzung, mit den Holbein'schen Federzeichnungen dazu, die er in Kupfer stechen ließ. Im I. 1782 kam er als Professor an die Nitterakademie in Dresden, worauf er 1795 die Aussicht über die An- i tikengalerie und das Münzcabinet erhielt, mit der er seit 1805 auch die über das Grüne Gewölbe verband. Schon früh war er als Schriftsteller aufgetreten; mäßige Amtsgcschäfte ' erlaubten ihm auch später mannichfaltige schriftstellerische Unternehmungen. Um die Lcse- welt erwarb er sich ein wesentliches Verdienst durch die Herausgabe des „Taschenbuchs zum geselligen Vergnügen" (Lpz. 1794—1815), der „Erholungen" (Lpz. >796—1810) und „Neuen Erholungen" (1808—10). Auch verdienen sein „Taschenbuch für Gartenfreunde" (Lpz. 1795—1800), seine „Garten- und Landwirthschaftsgebäude" (4Hefte,Lpz. 1798 fg., Fol.) und die beiden Werke „Der plauensche Grund bei Dresden, mit Hinsicht auf Naturgeschichte und schöne Gartenkunst" (Nürnb. 1799, 4.) und „Das seifcrsdorfer Thal" (4 Hefte, Lpz. 1800, 4.) rühmliche Erwähnung. Großen Beifall erhielt sein wohl- ausgestattetes „Augusteum, Dresdens antike Denkmäler enthaltend" (2 Bde., Dresd. 1805 —9; 2. verm. Aufl. von W. A. Becker, Lpz. 1832—37, mit 162 Kupfertaf.). Den Anfang zur Bekanntmachung der Schätze des dresdener Münzcabinets machte er durch Herausgabe der „Zweihundert seltenen Münzen des Mittelalters in genauen Abbildungen mit historischen Erläuterungen" (Lpz. 1813), welches Werk in Ansehung der Genauigkeit der Abbildungen Alles übertraf, was bis dahin in dieser Art erschienen war. — Sein Sohn, Wilh. Adolf B., gcb. >796 zu Dresden, wurde früh durch verwandtschaftliche Vcr- Becket I5L hältnisse veranlaßt, sich für dm Handclsstand zu bcstinimen. Als er, darin krine Befriedigung findend, sich dm Wissenschaften zuwmdete, kam er >812nachPfortaund 1816 aufdie Universität zu Leipzig, wo er Theologie und vorzugsweise Philologie unter Hermann'S und Spohn's Leitung studirte. Hierauf wurde er 1822 Conrector an der Hauptschule zu Zerbst, 1828 Professor an der Landesschule zu Meißen, >836 außerordentlicher Professor der classi- schmArchäologie und, nachdem er 18-16 eine siebenmonatliche Neise nach Italien unternommen hatte, l 832 ordentlicher Professor der Alterthumskunde an der Universität zu Leipzig. Non einer gründlichen Äenntniß der alten Sprachen unterstützt, hat B.das Feld der Archäologie auf eine überaus fruchtbringende Weise zu bebauen begonnen und versteht es, die in dem Leben der elastischen Völker hervortretmden Eigmthümlichkeitm durch Lehre und Schrift auf eine ansprechende und injedecHinsichtausgezeichnete Weisezurklaren Anschauung;» bringen. Den Beleg hierzu geben seine mit ungetheiltcm Beifall aufgenommenen Schriften „Gallus, oder röm. Semen aus der Zeit Augnst's" (2 Bde., Lpz. 1838), „Charikles, oder Bilder altgricch. Sitte" (2 Bde., Lpz. 1830), die Abhandlungen „Oe comicis Itomonnrum lalnilis" (Lpz. 1837), „Oe Ooinae veteris mnris atre pvrtis" (Lpz. 1832), endlich das „Handbuch der röm. Alterthümcr" (Bd. I, Lpz. 1833). Auch bestätigen dies die in das Leben derAltenein- schlagcnden Artikel in Pauly's „Realencyklopädie der klassische» Alterthumswissenschaft" und mehre gediegene Neccnsioncn archäologischer Schriften in Jahn's „Jahrbüchern". Für den Zweck einer neuen Bearbeitung der Topographie fand er auf seiner Reise nach Italien Gelegenheit, vieles Material zu sammeln. Becket (Thom.), berühmt unter dem Name» Thomas von Cantcrbury, der Sohn eines Kaufmanns, geb. zu London 1114, studirte Theologie zu Oxford und Paris und später die Rechte zu Bologna, worauf ihn der König Heinrich II. auf Empfehlung Thcobald's, Erzbischofs von Cantcrbury, zum Großkanzler und zum Lehrer seines Sohnes ernannte. Auf diesem Posten war B. ebenso sehr bemüht, sich bei dem Volke durch seine Freigebigkeit, als durch unbegrenzte Ergebenheit bei dem Könige beliebt zu machen, sodaß letzterer, als 1162 das Erzbisthum von Cantcrbury erledigt wurde, allen seinen Einfluß anwen- dete, die Wahl zu dieser hohen Würde, mit welcher der Titel und die Rechte eines Primas von England verbunden waren, auf B. zu lenken, der aber kaum das Erzbisthum erlangt hatte, als er sich von einer dem König höchst unerwarteten Seite zeigte. Von dem höchsten Wohlleben ging er plötzlich zu der Strenge des andächtigsten Geistlichen über und trat als eifrigster Vertheidiger der kirchlichen Vorrechte gegen den König auf, während er zugleich mehre Adelige und andere Laien, welche ehemalige Kirchengüter besaßen, verfolgte und mit deni Bann belegte. Heinrich, welcher, wie alle Könige normannischen Stamms, die Geistlichkeit dem Staate zu unterwerfen strebte, berief eine allgemeine Versammlung des Adels und der Geistlichkeit nach Clarendon, wo mehre die Rechte der Staatsgewalt festsetzende Verordnungen gemacht wurden, denen sich B., unvermögend zum Widerstande, anfänglich unterwarf. Als aber der Papst ihnen seine Genehmigung versagte, trat B-, ungeachtet seines geleisteten Eides, laut gegen die Verordnungen auf. Heinrich, um sich an dem Meineidigen zu rächen, ließ ihn verurtheilen, seine Güter einziehen und die Einkünfte des ErzbisGums mit Beschlag belegen. B. entfloh nach Frankreich zum Papst Alexander 10. Da indeß dem Könige daran lag, sich mit B. auszusöhncn, so ließ er sich zu einer persönlichen Zusammenkunft mit ihm auf der Grenze der Normandie herab. B. kehrte hierauf, zwar nach England zurück, zeigte sich aber ebenso trotzig gegen den König als zuvor. Eine Äußerung des Königs bei Hofe, ob ihn denn Niemand von diesem Pfaffen befreien könne, bestimmte vier Edclleute, sich nach Cantcrbury zu begeben, wo sie 1170 B., der sich zur Vesper in die Kirche begeben hatte, am Fuße des Altars ermordeten. Nur mit vielen Opfern gelang cs dem Könige, den Bannstrahl, der für B.'S Ermordung England drohte, abzuwendcn. Die Mörder gingen nach Nom, und nachdem sie daselbst Buße gethan, ward ihnen auferlegt, durch eine Wallfahrt nach Palästina ihr Verbrechen zu sühnen; B. aber ward zwei Jahre darauf, als ein Märtyrer des Glaubens, unter die Heiligen vom ersten Range versetzt. Heinrich 01. ließ 1221 des neuen Heiligen Gebeine in eine eigene Kapelle bringen, wohin Gläubige in großer Anzahl Wallfahrten machten, deren Andenken Chauccr (s. d.) in seinen „ (Enterb,>r^ tsles" aufbewahrt hat. Jährlich ward ein großes Fest und alle 50 Jahre ein Jubiläum gefeiert. Dies dauerte bis «ul 1 *4 152 Beckmann (Friede.) Becquerel Heinrich VIII., der nach seiner Trennung von der röm. Kirche sich des reichen, in B.'sKapelle aufgehäuften Schatzes bemächtigte, den Heiligen vor seinen Gerichtshof laden, und da er ausblieb, als Verräthcr vcrnrthcilen ließ. Sein Name ward aus dem Kalender gestrichen, die Feier seines Festes untersagt, seine Gebeine wurden verbrannt und in die Winde gestreut. Beckmann (Friede.), einer der ausgezeichnetsten komischen Schauspieler der Gegen- wart, geb. am 13. Jan. 1803 zu Breslau, kam schon als Knabe zum Chor des dortigen Theaters und machte sich früh durch seine drolligen Einfälle beliebt. Namentlich nahm sich Schmelka seiner an und bewirkte, daß er 1824 Mitglied des ncuerrichteten Äönigstädtcc Theaters wurde. Lange Zeit beschäftigte man ihn in Nebenrollen, bis er, nachdem er 1836 in seiner Vaterstadt mit glänzendem Erfolge Gastrollen gegeben, nun auch in Berlin bedeutendere Partien erhielt, wo er bald der Liebling des Publicums wurde, besonders in der possenhaften Kleinigkeit „Der Eckensteher Nante", die er eigens für sich schrieb, eine Art Monodrama, an welches man freilich keinerlei künstlerische Ansprüche machen darf, das aber einen Ungeheuern Erfolg hatte (30. Aust., Berl. 1842). B. ist ein mit dem glücklichsten Humor begabter, durch die ergötzlichste Trockenheit die Lachlust aufregender Schauspieler, der auch als Mensch in der allgemeinsten Achtung steht. Jm J. I838verheirathete er sich mit der Schauspielerin Therese Muggarelli, die hierauf ebenfalls am Königstädter Theater engagirt wurde. Beckmann (Joh.), bekannt durch.seine Schriften über Naturwissenschaft und Land- wirthschaft, geb. zu Hoya am 4. Juni 1739, besuchte die Schule in Stade und studirte hierauf in Göttingen nach-dem Willen seiner Mutter, da der Vater ihm früh schon gestorben war, Theologie. Allein seit 1759 änderte er, da ihn schon von Kindheit an die Liebe zur Landwirthschaft beseelt hatte, seinen Entschluß und wendete seine Studien auf Naturwissenschaft und deren nützliche Anwendung für Volks- und Staatswirthschaft. Auf den Antrag des Geographen Büsching nahm erl 763 die Stelle eines Professors der Physik und Naturgeschichte am protestantischen Gymnasium zu Petersburg an; als aber Büsching Petersburg verließ, regte auch er seine Stelle 17 6? nieder und machte zunächst eine Ncise nach Schweden, um sich eine genaue Kenntniß der dortigen Bergwerke und ihrer Bearbeitung zu verschaffen. Irr Upsala genoß er längere Zeit Linne's Umgang und Unterricht. Auf Büsching's Empfehlung ward er 1766 Professor der Philosophie und 1770 ordentlicher Professor der Ökonomie und später Hofrath in Göttingen, wo er am 4. Fcbr. 1811 starb. Er bearbeitete zuerst die Landwirthschaft in wissenschaftlicher Form. Von seinen Werken erwähnen wir die „Grundsätze der deutschen Landwirthschaft" (Gött. 1769; 6. Ausl., 1806), „Anleitung zur Technologie" (5. Ausl., Gott. 1809), „Anleitung zur Handlungswissenschaft" (Gött. 1789), „Vorbereitung zur Waarenkunde" (2 Bde., Gött. 1793), „Physikalisch-ökonomische Bibliothek" (33 Bde-, Gött. 1770—1808), „Beiträge zur Ökonomie, Technologie, Policei-und Cameral- Wissenschaft" (II Bde., Gött. 1779—91) und „Beiträge zur Geschichte der Erfindungen" (5 Bde., Lpz. 1780—1805). Beclard (Pierre Augustin), ein berühmter franz. Anatom und Chirurg, war am 12. Oct. 1785 zu Angers geboren, wo er seine erste Schulbildung erhielt und seine medi- cinischen Studien begannDdie er seit 1808 zu Paris beendigte. Hier wurde er 1 81 1 Pro- sector und 1815 Chirurg am Hospital de la Pitie. Im 1.1818 folgte er Dumcril auf dem Lehrstuhl der Anatomie, dessen alten Glanz er eifrig bemüht war wiedcrherzustcllen. Jndeß starb er schon am 16. März 1825. Bei seinen Arbeiten als Anatom ging erweniger darauf aus, glänzende Entdeckungen zu machen, als vielmehr bereits bekannte Thatsachen zu verificircn; er schloß sich daher besonders an Bichat's Lehren an, von dessen allgemeiner Anatomie er eine Ausgabe mitZusätzen, welche auch besonders (Par. 1821) erschienen, lieferte. Von seinem eigenen Lehrbuche der gesammten Anatomie ist nur die Einleitung erschienen unter dem Titel „sillements (1'snstomie generale ou ciescrij>tion cls tous les genros ck'organes 814 bei; I8l5 erhielt er als Bataillonschef beim Jngcnieurcorps seine Entlassung. Sein Oheim, der Maler > Girodet, der schon früher auf B.'s Ausbildung großen Einfluß gehabt hatte, regte durch sein lebhaftes Interesse für Naturwissenschaften auchihnan, sich mitchemischen und physikalischen Untersuchungen zu beschäftigen. Die Resultate derselben sind zumeist in den „^imnles li)sigu6 et >!e cliimie" veröffentlicht, und in Anerkennung derselben wurde er'1829 Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Nach Girodet's Tode übernahm er die Herausgabe eines Thcils der von diesem hinterlassenen Werke. Ganz besonders hat sich B. mit Untersuchungen über Elektricität und Magnetismus beschäftigt. Seine Entdeckungen hat er in dem„1Ht<- experimentaltlel'slectriciteettlumsgiietis,ns"(5 Bhe., Par. 1834 — 37)mil denen aller übrigen Physiker in großer Vollständigkeit dargcstellt. Auch hater Untersuchungen angestellt über die elektrischen Eigenschaften des Turmalin, über das Leitungsvermögen der Metalle u. s. w., über die Wärmewirkungen in schlechten Leitern, über die magnetischen oder analogen Wirkungen starker elektrischer Ströme in allen Körpern, über Elektricitätserzcu- gung durch dcn Contact verschiedener Stücke desselben Metalls, über Magnetisirbarkeit aller Körper, über Magnetoelektricität, über Anwendung elektrochemischer Kräfte auf Pflanzenphysiologie, über Anwendung des Galvanismus zu Zerlegung der Erze n. s.w. — Sein ' Sohn Edmond B. hat durch einige Abhandlungen, die er geliefert, gezeigt, daß er den Weg des Vaters mit Erfolg betreten wird. Beda mit dem Zunamen Vensrabilis, d. h. der Ehrwürdige, wurde im I. 672 wahrscheinlich in dem Flecken Monkton bei Girvy (jetzt Narrow) in der Grafschaft Northumbcr- land geboren und kam schon mit dem siebenten Jahre in das nahegelegene Kloster Wercmonth, > dem damals Abt Benedict Vorstand. Hier unterrichtete»ihn der Mönch Trumberth in de« Religion, Johannes Beverleye, später Bischof von Jork, in der lat. und griech. Sprache, Johannes aber, Archicantor der Kirche St.-Petri in Nom, den der vorgenannte Abt nach Britannien berufen hatte, in der Musik. B. verließ später Weremouth und begab sich in das benachbarte und diesem untergebene Kloster Girvy (gestiftet 682), zu dessen Abt Benedict den Ccolfrid eingesetzt hatte. Hier wurde er im 19. Jahre Diakonus und 702 Presbyter. f Von da an erst begann sc-ine schriftstellerische Thätigkeit, die hauptsächlich in Commentirnng der einzelnen Schriften des Alten und Neuen Testaments bestand, in welcher er bis zu seinem 59. Jahre fortfnhr. Eine Reise nach Rom zum Papste Sergius hat er wahrscheinlich nicht gemacht, da er nach seiner eigenen Angabe sein Kloster nie verließ; bloße Erfindung ist, daß > er auf der Schule zu Cambridge gelehrt habe. Als er schon krank und dem Tode nahe war, ^ übersetzte er noch das Evangelium Johannis in das Angelsächsische und dictirte es seinen Schülern. Er starb am 26. Mai 735 und wurde im Kloster Girvy begraben; späterbrachte man seine Gebeine nach Durham. B. hat sehr viele zu ihrer Zeit brauchbare und geschätzte Commcntarc über die heilige Schrift, außerdem Homilien, Leben einiger Heiligen, Hymnen, Epigramme, chronologische und grammatische Werkeverfaßt. Gesammtausgaben derselben erschienen zu Paris (1544 und 1554), Basel (1563) und Köln (1612 und 1688, Fol.). Das schätzbarste Werk indeß ist seine „Historia seclesiastica gentis pmAlnrum" in fünf Büchern, in welchem wir die einzige Quelle der ältesten Geschichte Englands bis zum I. 731 besitzen. Er benutzte hierzu die Nachrichten der Römer, schrieb aber das übrige bci- weitem Wichtigere mit klarem und umsichtigem Blicke nach der Tradition seiner Zeitgenossen, unter denen Albinus, Abt von Cantcrbury, das Meiste beitrug. Die erste Ausgabe erschien inStrasburg 1500; die vorzüglichste ist von I.Smith (Cambridge 1722, 4.)und dieneueste nicht minder schätzbare von Jos. Stevenson(Lond. 1838). Alfred übersetzte dieses Werk inS Angelsächsische. Auch als Chrönvlvg ist B. von Wichtigkeit, indem sein Werk „De sex aetatibus mimlli" nach der von ihm zuerst cingeführten Zeitrechnung Dionysius des Kleinen die Grundlage der meisten Universalchroniken des Mittelalters wurde. Vgl. Gehle, „Do Ueäse Venersbilis vita et scriptio" (Leyd. 1838). Beddves (Thomas), einer der gcachtctsten Medicinischen Volksschriftstcller Groß- I>,4 Bedeckter Weg Bedingung britannicns, gcb. >731 zu Shiffnal, gcst. zu Bristol am 24. Dec. >808, machte schon auf der Schule glanzende Fortschritte und zeichnete sich später in Oxford und Edinburg nicht allein durch gründliche Kcnntniß der alten Literatur, sondern auch durch eine seltene Bekanntschaft mit den neuern Sprachen aus. Mehr zogen ihn indeß die großen Entdeckungen in der Naturlehre, der Chemie und Physiologie an. Seit 178« erster Professor der Chemie zu Oxford, reiste er im folgenden Jahre nach Frankreich, wo er vorzüglich durch Lavoisier die ! neuern Grundsätze der Chemie kennen lernte. Nach seiner Rückkehr schrieb er einige treffliche chemische Abhandlungen und Beobachtungen über den Skorbut, den Blasenstein u. s. w. Bald aber fesselte ihn die glänzende Außenseite der franz. Revolution dergestalt, daß er, m, j ganz frei zu sein, 1792 seine Stelle niedcrlcgte und sich aufs Land zu einem seiner Freunde, Reynolds, begab. Hier arbeitete er seine Bemerkungen über das Wesen der Mathematik aus, worin er zu beweisen suchte, daß diese Wissenschaft auf der Evidenz der Sinne und die Geometrie auf Experimenten beruhe. Mehren patriotischen Flugschriften folgte seine „Geschichte des Isaak Jcnkin»", darausbcrechnct, der arbeitenden Classe Lebcnsrcgcln und Sittcn- lehren in anziehendem Gewände mitzuthcilen. Bon dieser trefflichen Volksschrift wurden in kurzer Zeit über 40900 Exemplare verkauft. Nachdem B. >7 94 sich verheirathct, beschäf tigte er sich damit, durch künstliche Luftartcn mehre Krankheiten, besonders die Schwindsucht, zu heilen. Durch Wedgwood's Unterstützung gelang cs ihm, eine Anstalt dafür >798 zu eröffnen. Ein junger Mann, Humphry Davy (s.d.), von ihm als Aufseher bestellt, gründete hier seinen nachmaligen Ruhm. Der Hauptzweck der Anstalt ward indeß nicht erreicht; B.'S Eifer erkaltete, und schon ein Jahr vor seinem Tode zog er sich gänzlich zurück. Eine Anzahl gründlicher Schriften über die Anwendung künstlicher Luftarten von B-war das einzige Resultat. In den spätem Jahren seines Lebens erschien seine „Hygica" (3 Bde., Bristol >802), ein gemeinnütziges Werk, das sich auch durch eine gute Darstellung empfiehlt. Bedeckter West oder Gedeckter Weg heißt die äußere Umwallung einer Festung, k jenseit des Grabens und dee Außenwerke mit einer sich in das Feld verlaufenden Brustwehi (Glacis) zu Unterstützung und Aufnahme der Ausfälle. Der Bedeckte Weg ward zuerst gegen die Mitte des >6. Jahrh. bei demSchlossc von Mailand angebracht und dann überall nachgeahmt. In dem nieder!. Unabhängigkeitskriege sing man an, ihn auch zur Vertheidigunz zu benutzen und versah ihn mit Auftritten für die Schützen, umschloß ihn auch mit einem Vorgrabcn. Bald fügte man Palissaden hinzu, die anfangs auf dem Kamme des Glaä- stande»; da sie hier aber dem feindlichen Geschütz zu sehr ausgesetzt waren, wurden sic spatn noch weiter vorgerückt und durch ein zweites, vorgclegtes Glacis gedeckt. Weil man zugleich ansing, einen Hähern Werth auf die Bertheidigung des Bedeckten Wegs zu legen, brach mar seine dem Graben gleichlaufenden, langen Linien und bildete die sogenannten WaffenMe (places ll'srmW), um Truppen darin aufzustellen und die langen Schenkel zu bestreiche», zu welchem Zwecke man auch Querwäüe, Blockhäuser, Paliffadcnabschnitte, bombensiße Caponieren und mit Kanonen besetzte Reduits darin anbrachte. Bedford, eine südöstliche Grafschaft des centralen Englands zu beiden Seite» der Ouse, mit 95000 E. auf 20 mM., welche einen meist ebenen, im Süden aber mit unftuchi- baren Kalkhügeln erfüllten, im Ganzen jedoch gut angebauten, westlich sogar sehr fruchtbarer Boden cinnehmen. Außer den Erzeugnissen des Acker- und Gartenbaus und der nicht unbe- rrächtlichen Viehzucht, gehören zu den ausgezeichnetsten Producten die Walkcrerde und die in ganz England geschätzten Lerchen. — Die Hauptstadt der Grafschaft ist Bedford an dem hier schiffbar werdenden Ouse, mit 7000 E., welche Spitzcnklvppelei und Wollenmamifae- tur betreiben und lebhaften Handel unterhalten mit Korn, Steinkohlen, Bauholz, Eisen-, und Wollenwaaren. Unter ihren fünf Kirchen besitzt sie in der Hauptkirche zu St.-Paul einj ehrwürdiges goth. Gebäude; auch besteht daselbst eine Herrnhuter-Colonie. — In den Bern einigten Staaten von Nordamerika führen den Namen B. drei Counties und vier Städte, Bedingung heißt im Allgemeinen Dasjenige, unter dessen Voraussetzung etwas Anderes gedacht werden oder geschehen kann. So redet man von einer logischen Bedingung-, d. i. der Voraussetzung, unter welcher man etwas von einem Begriffe aussagt oder urtheilt, und von der realen Bedingung, unter welcher eine Begebenheit wirklich wird. Für beide Arten Bedingungen gilt das Gesetz: Ist die Bedingung gesetzt, so ist damit auch das Be LUj ' nicht nnk- n in ie zu c dik ! flicht sw. , , MI mdr, nati! d die tten- cn in fchäs sucht, u cr- ndctk B.'S nzahl eNo limz,' wehi gegen nach- gu»z ÜNkNI lleiii- PÄkl gleich MM Plätze ichen, nfeste n der nicht- barer uiibe- dieiii r dem uifat- Mn- ul ein Vcr- itädte. etwas guG. cheilt/ beide s Be Bedlam Beduinen 155 dingte anzunchmcn, und ist das Bedingende aufgehoben, so ist cs auch das Bedingte. Aus der erster» entspringen die logisch bedingten oder hypothetischen Sätze und Schlüsse. In metaphysischer Hinsicht setzt z.B. die Veränderung der Eigenschaften undZustände etwas Beharrliches voraus, andern sie erscheinen; eine Begebenheit eine Ursache, woraus sie entsteht, u.s.w Hier ist das Beharrliche der Grund, welcher vorausgesetzt werden muß, wenn etwas wechselt. Nicht jede Bedingung ist aber Ursache, vielmehr ist die Bedingung oft nur ciu mitwirkender Umstand einer an sich ungewissen Voraussetzung, unter der etwas Grund oder Ursache wird, weshalb auch Das, was aus ihr folgt, nur bedingt nothwendig genannt wird. Ist eine Bedingung oon der Art, daß ohne sic ein Ereigniß nicht erfolgen, ein Gedanke nicht gelten kann, so nennt man sie cnlulitio sine liche Dörfer, die meist blos aus einfachen kameclhaarenen, in einen Kreis gestellten Zeltende- I stehen, in deren Mitte des Nachts die Heerden eingcschlossen werden. Zu ihren Hausthierenge- ! hören vor Allem das Kameel und das Pferd, dann Esel, Schafe und Ziegen. Wenn sich das Bild des Beduinen nicht so ideal darstellt, als man nach den gewöhnlichen Berichten anneh- Beelzebub Beer (Jak. Meyer). lü'r NIM möchte, so wird damit nur das Trugbild von der Vorzüglichkeit des sogenannten Naturzustandes, zu deren Beleg man namentlich den Beduinen anzuführen Pflegt, zerstört. Zwei Thatsachen, die unter den Beduinen allgemein herrschenden Laster der unnatürlichsten Wollust aller Art und die unter ihnen grassirende Syphilis, beweisen, daß jener Naturzustand eincsthcils mit der größten Unnatur sich vcrschwistert und anderntheils, daß er, wenn auch' ^ von den Vorzügen, so doch nicht vom Schmuz der Civilisation unberührt' blieb. Übrigens gilt jenes Bild des Bcduinenlebens nur im Allgemeinen und hauptsächlich vom eigentlichen ^ Wüstenbewohncr. Durch örtliche Ausnahmen erleidet es manche Modifikationen; so bewohnen die Beduinen in den anbaufähigen Ländern der Berber«, Syrien und Mesopotamien mehr geschlossene Gebiete, sie treiben Ackerbau, haben Ninderhcerden, wohnen nicht„blos in Zelten, sondern auch in Hütten und die Häuptlinge selbst in Häusern, leben mehr in Überfluß und sind daher auch größer, stärker und weißer, aber auch von den benachbarten Fürsten mehr oder weniger abhängig und ihnen zins- und kriegspflichtig. Beelzebub, d. h. Fliegen-Bel. UnterdiesemNamen verehrten die Bewohner der Phili- stcrstadt Ekron den Gott Baal (s. d.) oder Bel. So hatten auch die Griechen ihren Zeus Apomyios oder Myiagros, d. h. Abwehrer der Fliegen. Da aber die heidnischen Götter von den Juden für Dämonen gehalten wurden, so ward allmälig jener Name die Bezeichnung eines unreinen Geistes, und in dieser Bedeutung kommt er in den Evangelien vor. Die bessere Lesearhdaselbst ist jedoch Bcelsebub, das vermuthlich den Saturn-bezeichnet« Beer (Jak. Meyer), gewöhnlich Giacomo Meyerbeer genannt, einer der berühmtesten Componisten der neuesten Zeit, geb. in Berlin 1794, ist der Sohn des daselbst verstorbenen israelit. Banquiers Beer. Seine ersten Lehrer waren Fr. Lauska, ein Böhme, im Cla- vierspiel und Zelter in der Composition, deren tieferm Studium er später in Darmstadt beim Abt Vogler gleichzeitig mit Gänsbacher und K. M. von Weber oblag. Seinen ersten Eintritt in die Öffentlichkeit machte er als Clavierspieler, und mit einem so glänzenden Erfolge, daß er alle seine Kunstgenossen überflügeln und selbst für Hummel ein gefährlicher Nebenbuhler werden zu wollen schien. Bald aber wandte er sich ausschließend der Composition zu. Noch während seiner Studienzeit bei Vogler schrieb er eine Cantate „Gott und die Natur" und später eine ernste Oper „Jephta", von denen Weber, die spätere, abweichende Richtung des Studiengenossen beklagend, mit wärmster Anerkennung sprach. Die Oper wurde in München aufgeführt, hatte jedoch, wie seine spätere komische Oper „Die beiden Khalifen", in Stuttgart und Wien keinen bedeutenden Erfolg. Talent und Studium vcrriethcn beide; allein mit ihren Erstlingswerken hatten auch Mozart und Rossini ihren Weltruhm nicht erobert. Der ungeduldige junge Meister glaubte aber schon jetzt nach andern Bahnen sich Umsehen zu müssen und blieb über die einzuschlagende nicht lange in Zweifel. Rossini trug das schimmernde Panier, dem er von nun an mit mehr Glück folgte. In der neuitalicnischen, durch sinnlichen Reiz und Wohlklang anlockenden Weise, die an den äußern Sinn sich vorzugsweise wendet und den Sängern einen bedeutenden Antheil am glücklichen Erfolge überläßt, schrieb er für verschiedene Theater Italiens nacheinander die Opern „komilcka e 6c>- stanua" (1818), ,,8emiramick benutzt. Die Zukunft muß indeß die Frage beantworten, ob die Musik im Stande sei, durch eigene Kraft, durch den wirklichen Gedankengchalt und die Macht der Melodie, sich auf " der Höhe zu behaupten, auf die sie zum großen Thcil durch jene fremden Mittel gehoben wurde. Seine folgende Oper „Die Hugenotten" (1836) gehört in Wesen und Tendenz 15)8 7 - ^ Beer (Mich.) Beer (Wilh.) ganz derselben Gattung an wie „Robert der Teufel", nur ist sie im Stoff und Ausstattung, ' wie in der Musik, wo möglich noch weiter gegangen. Seine neueste Composition, die Oper „Der Prophet", das erste Werk B.'s nach langem Stillschweigen, ist Verhältnisse halber noch nicht zur Aufführung gekommen. Die Vollendung und Jnscenesetzung einer hinter- lassenen Oper Weber's durch B. steht noch immer zu erwarten. B. ist Mitglied der Aka> demie der schönen Künste zu Berlin, Wirkliches auswärtiges Mitglied des franz. Instituts und wurde 18-12 zum Generalmusikdirector für Theater und Hofconcerte in Berlin ernannt. Beer (Michael), der Bruder des Vorigen, geb. l 860 in Berlin, wurde früh durch I den Verkehr mit Gelehrten, Künstlern, Schauspielern und Virtuosen, welchen das gastfreie > väterliche Haus offenstand, zu dichterischen Versuchen begeistert. Bereits 1819 kam sein Trauerspiel „Klytemncstra" auf der berliner Bühne zur Aufführung und wurde mit nachsichtigem, ermunterndem Beifalle ausgenommen, der ihn jedoch glücklicherweise nicht abhielk, den Studien obzulicgc», die sich auf der Universität nicht blos auf die Geschichte, Philologie und Philosophie, sondern auch auf die Naturwissenschaften erstreckten. Durch seine Reisen in Italien und Frankreich bildete er seinen Geist aufs umfassendste aus; er neigte sich wol liberalen Ideen zu, blieb aber dessenungeachtet ein echter Preuße, obgleich er selten nach Berlin kam, sondern vielmehr den Aufenthalt in München, Bonn, Düsseldorf oder Paris vorzog. Der „Klytemncstra" folgte die Tragödie „Die Bräute vonAragonien" und das Trauerspiel „Der Paria" (1823). In Italien dichtete er 1826 seine schönen genuesischen Elegien und in München, wo er mit Ed. von Schenk in der freundschaftlichsten Verbindung stand und durch ihn in die glänzendsten Cirkel eingeführt wurde, 1827 das j Trauerspiel „Struensee" (Stuttg. 1829), welches trotz diplomatischen Einspruchs auf spe- cicllen Befehl des Königs zur Aufführung kam. Seine letzte Tragödie „ Schwert und Hand" kam in Berlin zur Aufführung, ohne bedeutenden Erfolg zu haben; andere dramatische Plane, wie „Kaiser Albrccht", „Mazarin", „Die Amazone", wurden nicht ausgeführt, da die großen Kämpfe und Bewegungen, welche auf der Weltbühne stattfanden, ihm die Schaubühne in den Hintergrund drängten. Er starb am Nervenfieber zu München am 22. März 1833. Die Ausgabe seiner „Sämmtlichen Werke" (Lpz. 1835) begleitete Ed. von Schenk mit einer trefflichen biographischen Einleitung. Einen liefen Blick i>> sein edles Innere gestattet vorzüglich sein „Briefwechsel" (Lpz. 1837), der ebenfalls von Schenk herausgegeben wurde. Unter den dramatischen Dichtern seit Schiller und Goethc nimmt B. eine höchst achtenswerthe Stellung ein; ohne ein genialer, schöpferischer Dichter zu sein, besaß er doch die dichterische Fähigkeit und Fertigkeit in hohem Grade, ein reines edles Gemüth, ein lauteres unablässiges Streben nach dem Höhern, viel Geschmack in der dramatischen Anordnung und große Gewandtheit in Sprache und Vers. Den glänzendsten Erfolg hatte sein Trauerspiel „Der Paria", welches mit glänzender Diction den Vortheil einer allgemein menschlichen Tendenz verbindet; sein Hauptwerk bleibt jedoch sein nicht genug anerkannter „Struensee", der mit großer Feinheit und überlegenem Verstände gearbeitet ist- Beer (Wilh.), Geh. Commerzienrath und Banquier zu Berlin, geb. daselbst am -t. Febr. 1797, hat sich durchseine in Gemeinschaft mit Mäkler (s. d.) gelieferten astronomischen Arbeiten einen Namen gemacht. In den 1.1813—15 kämpfte er in den Reihen der freiwilligen Vaterlandsvertheidiger, vertauschte dann nach dem Wunsche seines Vaters den Militairdienst mit dem Handelsstande, benutzte aber seine Mußestunden, um die Wissenschaften zu cultiviren, insbesondere, nachdem er durch Zufall in den Besitz eines Fraunho- . fer'schen Fernrohrs gekommen war, im Verein mit seinem Freunde Mäkler die Astronomie. Zu diesem Behufe erbaute er sich eine kleine Sternwarte und stellte auf dieser mit demselben fleißige Beobachtungen an, die namentlich dem Mars und dem Monde gewidmet waren. Schon die Abhandlung, in welcher die Beobachtungen des Erstem niedergelegt waren ( 1830 ), machte Aufsehen, in noch weit Hähern Grade aber war dies mit der Mondkarte der Fall, welche 1836 nach sechsjähriger unausgesetzter Arbeit erschien und eine lange gefühlte Lücke - aussüllte, weshalb sie auch den allgemeinsten Beifall aller Sachverständigen fand und von j der franz. Akademie mit dem Lalande'schen Preise gekrönt wurde. Ihr folgte als Commcn- j tar ein ausführliches beschreibendes Werk: „Der Mond nach seinen kosmischen und individuellen Verhältnissen, oder allgemeine vergleichende Selcnographie" (Berl. 1837, -1.). l'Ng, )pcr kber tter- !lka- tuls ^ mit. urch > freie s sein >ach- sielt, 'ogie eisen wol 8er- vor- das uesi- >sten ! das spe- und rati- chrt, r die am itete k in von >ethe )ich- ein ckin end- theil !NUg tist. re 4. rmi- dcr den sien- nho- ^ mie. i lben >ren. 30), ?all, ücke . von 1 neu- ^ )ivi- Beethoven 15!) Beethoven (Ludw. van), der unerreichte Tondichter, dessen Werke eine Entwicke- lnngsphase der Musik überhaupt und eine Epoche ihrer Geschichte bezeichnen, wurde am 17. Dec. 1770 zu Bonn geboren, wo sein Vater Tenorist in der kurfürstlichen Kapelle war, und starb zu Wien am 26. März 1827. Durch seines Vaters Stellung frühzeitig für Musik angeregt und vom Hoforganisten van Eden und dem Componisten Neefe unterrichtet, erregte er bald Aufsehen durch sein entschieden sich aussprechendes Talent. Er spielte im I I. Jahre Bach's „WohltemperirteS Clavier" und compvnirte im l 3. Jahre Sonaten und Lieder. Auf Veranlassung seines Gönners, des Kurfürsten von Köln, ging er 1792 mit dem Charakter eines Hoforganistcn nach Wien, um sich unter Haydn's und Albrechtsberger's Einfluß im Satze zu vervollkommnen. Auch hier zog er namentlich durch seine improvisatorische Kraft im freien Phantasiren und selbst schon durch Compositionen die Aufmerksamkeit auf sich, obwol in letzterer Hinsicht nicht ohne manche Einsprache von Seiten der Kritik. Allmälig lebte er sich in Wien so ein, daß er es auch nach seines Gönners Tode (1801) nicht mehr, oder doch nur für kleine Reisen verließ, und in spätern Jahren, um es mit einer ländlichen Sommerwohnung in der Nähe der Stadt zu vertauschen.. Einen Nus nach England schlug er aus, und als er 1809 einen zweiten als westfälischer Kapellmeister erhielt, vereinigten sich mehre wiener Kunstfreunde, der Erzherzog Rudolf an der Spitze, ihn durch eine jährliche Rente für Wien zu erhalten. So, ohne eine irgendwie fesselnde oder hemmende, oder auch nur sein Wirken nach dieser oder jener Seite hin bestimmende äußere Thätigkeit, wenig berührt von der Außenwelt, die ihn gleichwie er sie wenig verstand, und noch mehr isolirt und in sich gedrängt durch ein Gehörübel, das sich allmälig bis zu fast völliger Taubheit steigerte, erdachte er seine neuen Symphonien, jene Quartetten voll tiefsinniger Spekulationen und ge- heimnißvoller Offenbarungen, schuf er eine Oper, Eine, aber einen „Fidelio", jene Claviersona- ten, die bald eine besondere Gefühlreihe, ein einzelnes Erlebniß aus dem Seelenleben auszusprechen, bald der Widerschein einer abgeschlossenen Individualität, das Gesammtresultat eines Lebens, einer Lebens- oder Bildungsepoche zu sein scheinen. Stiefmütterlich behandelt vom Leben, das ihm manche seiner schönsten Blüten nur als taube Hülsen zuwarf, in fruchtlosem Sehnen nach dem herzerfüllenden Frieden des Familienlebens, seinen überquellenden Neich- thum von Herzensgütc und Liebcsdrang an übelgerathene Vorwände verschwendend, der erquickenden Wechselrede, des gefühlwarmen, gefühlauflockernden Klanges der Menschenstimme entbehrend, zog er sich zurück zu still innerlichem Weben und Bilden in die Zauberwelt seiner Phantasie und holte aus ihren Tiefen jene Schätze, die, wie fremd auch oft zuerst scheues Staunen erregend, doch bald der Nachwelt ein heiliges Erbtheil, ein begeisterndes Nationalgut wurden. Aber auch er trat nicht auf einmal in seiner vollen Eigenthümlichkeit und Ursprünglichkeit, in seiner mit Formen und Stoffmassen spielenden Cyklopenkraft auf; vielmehr schmiegte er sich in seinen ersten Werken fast aller Gattungen ganz an das Vorhandene und Bestehende an. In den Symphonien, Quartetten und namentlich in vielen, auch nicht etwa blos den ersten, Claviersachen betrat er die von Haydn, Mozart oder schon früher geebneten Bahnen. So bewegt sich ganz in dieser Richtung die erste und im Wesentlichen auch die zweite Symphonie, obgleich in letzterer schon mancher Keim später sich entwickelnder Formerwcitcrung vorlicgt. So folgen sich die 3., 5., 6., 7. und 9. Symphonie in einer Steigerung, wie sic gleich deutlich auch in den Clavierwerken, als deren hervorragendste Punkte wir die Lis-inoll-, ib-moll-, und L-clur-Sonate, sowie die ^.-moII-Sonate mit Violine anzuführen haben, und in den Quartetten, deren letzte aber nur selten, weil sie zu schwer sind, zur Ausführung kommen, sich verfolgen läßt. Öfter jedoch sehen wir auch eine Rückkehr zu jener zwanglosen Hingebung an ältere Weisen, wie man im Leben wol gern einmal sich erfrischt durch einen Blick zurück, durch Übung einer alten halbvergessenen Gewohnheit, oder wie oft uns plötzlich, ohne Anlaß gleich einer Vision vor dem innern Auge ein Bild aus längst verklungenen Tagen im verklärenden Lichte der Phantasie auf taucht. An einen solchen Silberblick der Erinnerung gemahnt namentlich seine 8. Symphonie, aus deren, nach der überwallenden Strömung der 5. und 7. Symphonie allerdings überraschenden Einfachheit nur ein sehr oberflächlicher Blick auf ein wirklich früheres Werk schließen könnte. Nächst den Symphonien sind besonders hervorzuheben seine Musik zu „Egmont" und die Ouvertüren, vor allen aber die vier Ouvertüren zu „Fidelio", von denen i VH 160 Befestigungskunst Befugniß nur die kürzeste und leichteste gewöhnlich aufgeführt zu werden pflegt. In seiner Vocal- ! musik, der einige seiner größten und unvergänglichsten Werke zugchören, mag wol zum / Theil ein störender Einfluß des fehlenden äußern Sinnes erkannt werden, und gewiß gilt zumeist den letzten, größten Werken seiner letzten Messe und der v. Symphonie, der Aus- spruch „es ist gesungene Musik, überall hohe, höchste Musik, aber nicht überall Gesang". Von seinen kleinern Gesangwerken ist insbesondere „Adelaide" bekannt; nicht geyug bekannt sind aber die Gellert'schcn Lieder und der „Licderkreis an die entfernte Geliebte". Beiträge zu B.'s Biographie haben I. A. Schlosser (Prag 1828 ), Nies, Wegcler und Schindler ge- - liefert, namentlich scheint Letzterer das treueste Bild zu geben, obwol es, wie bei den Andern, auch nur fragmentarisch und skizzenhaft behandelt ist. Befestigungskunst, s. Festungsbau. Befruchtung nennt man die Erweckung des selbständigen Lcbenstriebes im weiblichen Zeugungsstoffe mittels eines männlichen Zeugungsstoffes. Die Befruchtung muß nothwendig der Entstehung aller der Wesen vorausgehen, die sich auf einer höhern Stufe der organischen Bildung befinden, fehlt aber da, wo ein Geschöpf von so einfachem Baue ist, daß es ohne die Vermittelung eines Einzelnen oder eines Paares von ihm ganz gleichen Wesen nur mittels des Zusammentritts allgemeiner elcmentarischer Bedingungen entstehen kann. (S. Zeugung.) Die Befruchtung setzt sonach auch gewisse Werkzeuge, Zeugungstheile, voraus, deren Bildung in den verschiedenen Nassen organischer Wesen die größte Mannich- ialtigkcit gewahren läßt. Die Zeugungsstoffe sind bei den Thieren nur von flüssiger Art; sie erscheinen, soweit sie weiblich sind, zumal bei den Thieren der höhern Nassen, gleichsam in Tropfen gesondert, die, in dünne Membranen eingeschlossen, Bläschen gleichen, und zum Träger ein besonderes Organ, den Eierstock (Ovarium), haben, welcher gleichfalls in den verschiedensten Gestalten auftritt. Während oder unmittelbar vor dem Acte der Begattung berstet eines (oder mehre) dieser Bläschen; sein Inhalt, der Fruchtstoff, kömmt nun entweder noch im Ovarium, oder im Fruchthälter (Eileiter, Uterus) mit dem männlichen Zeugungsstoffe in Berührung und wird hierdurch befruchtet. Die Berührung braucht keineswegs eine mechanisch enge zu sein, indem die Befruchtung bei vielen Thieren erfolgt, wo vermöge des cigenthümlichen Baues der Zeugungstheile eine solche Vermischung der Zeugungsstoffe nicht möglich ist. Es wird sonach die Einwirkung des männlichen Zeugungsstoffes nicht als mechanische, chemische u. s. w., sondern als eine rein dynamische zu denken sein. Die Ansichten über den innerlichen Hergang der Befruchtung sind verschieden und rühren zum Theil aus dem frühen Alterthume her. Besitzen wir über denselben auch keine unmittelbaren Erfahrungen, so bleibt die Ansicht die einfachste und am leichtesten zu beweisende, daßdie Befruchtung im Moment der Ergießung der Zeugungsstoffe erfolgt, und daß das neue Leben wie ein Funke mit einem Male entstehe. Der befruchtete Keim bildet sich in allen höher organisirten Wesen durch einen cigenthümlichen Hergang zum Ei, welches nicht als Sprosse, als inte- grirender Theil, als Glied des weiblichen Körpers, sondern als sein Erzeugniß anzusehen ist Da an seiner Hervorbringung beide Geschlechter Theil haben, so erklärt sich die Ähnlichkeit, welche das Erzeugte zu den Erzeugenden gemeiniglich hat, und nicht minder selbst die Theilung gewisser ganz verschiedener Eigenschaften, die im Erzeugten dann als verschmolzene, die i Mitte haltende auftreten, wie im braunen Mulatten die Eigenschaften der Weißen und des Negers, durch deren Vermischung er selbst entstand. Bei den Pflanzen geschieht die Befruchtung im Allgemeinen nach denselben Gesetzen; allein ihre Zeugungsorgane sind nicht blei- > bende wie bei den Thieren, sondern es vergehen zumal die männlichen bald nach der Befruchtung. Der männliche Zeugungsstoff (Samenstaub, Pollen), erscheint hier niemals in flüssiger, sondern in fester Gestalt, meist als verschieden gebildete Körner, welche platzen und ihren Inhalt, der in der Regel pulverig ist, über die Narbe (Stigma) oder die weiblichen Zeugungstheile ausströmcn. Diese Theorie der Befruchtung der Pflanzen, welche Linne zuerst aufstclltc, und auf welcher er sein System, das sogenannte Sexualsystem, errichtete, ist ! zuerst von Schelver und dann von Henschel angcfochten worden. Nach den neuesten Unter- ^ suchungen von Endlicher, Schleiden, Martins u. A. scheint es fast gewiß, daß der Hergang der Befruchtung in Pflanzen ein ganz anderer als der ehemals angenommene fei. Befugniß heißt jede Vollmacht, etwas zu thun oder zu lassen, besonders die Er- Beg Begehrungsvermögen 161 laubniß zu einer Handlung und die daraus hervorgchende moralische Möglichkeit, sie zu verrichten, ja auch die Handlung selbst, deren Möglichkeit durch eine solche Erlaubniß begründet, oder dadurch gerechtfertigt wird. Die Erlaubniß selbst kann entweder daraus ent- springen, daß durch ein Gesetz eine gewisse Classe von Handlungen nicht verboten ist, oder daß die Befugniß dazu ausdrücklich zugestanden wird, z. B. durch ein Privilegium. Ist jenes Gesetz ein solches, durch welches die Vernunft überhaupt das Freiheitsgebiet der einzelnen Menschen gegeneinander oder zur ganzen Gesellschaft innerlich oder äußerlich festsetzt, d. i. ein Rechtsgesetz, oder ist die ausdrücklich ertheilte Befugniß einem solchen gemäß, so hat der Handelnde einen Anspruch oder eine Federung an Andere, welche von ihrer Seite eine Verpflichtung, Rechtsverbindlichkeit ist, ihn in der Verrichtung oder Unterlassung einer Handlung nicht zu stören, und man nennt dies eine rechtliche Befugniß. Beg oder Begh, d. h. Herr, ist bei den Türken der Titel der Landesverweser, welche nicht Pascha oder B e g l e r b e g (s. d.) sind. Bega (Cornelius), Maler und Kupferstecher, gcb. zu Harlem 1620, gest. an der Pest 1664, war ein Schüler Adrian's van Ostade und fertigte gleich diesem Genrebilder, welche Scenen des gemeinen Volkslebens zum Gegenstände haben und sich durch elegante Pinselführung eigenthümlich auszeichncn. Begas (Karl), Professor und Mitglied des Senats der Akademie der Künste in Berlin, geb. am23.Sept. 1794 zu Heinsberg bei Köln am Rhein, zeigte schon in der frühesten Jugend ein entschiedenes Talent zum Zeichnen und Malen. Sein Vater, welcher 1801 als Vicepräsident des Tribunals nach Köln versetzt wurde, hatte ihn für die juristische Laufbahn bestimmt und deshalb auf das Lyceum nach Bonn geschickt. Hier erhielt B. in seinem 14. Jahre den ersten Unterricht in der Ölmalerei bei dem Maler Philippart. Eine gelungene Copie des Rafael'schen Johannes in der düsseldorfer Galerie verschaffte ihm die Auszeichnung, in seinem 15. Jahre von der Literarischen Gesellschaft zu Bonn zu ihrem Ehrenmitgliede ernannt zu werden. B. verließ Bonn 1808, lebte hierauf drei Jahre in Köln und begab sich zu seiner weitern Ausbildung 1812 nach Paris, wo er in dem Atelier des berühmten Malers Gros freundliche Aufnahme und tüchtigen Unterricht fand. Während der Anwesenheit der Verbündeten in Paris erregte die von ihm auf der Galerie des Louvre angefangene Copie der Madonna dclla Sedia die Aufmerksamkeit des Königs von Preußen. Der König kaufte dieselbe, und als ihm B. 1815 bei seiner abermaligen Anwesenheit in Paris sein erstes größeres Bild Hiob, von seinen Freunden umgeben, übergab, bezahlte er dafür nicht nur 2000 Francs, sondern bewilligte auch dem Künstler eine jährliche Pension von gleicher Summe. Nachdem B. 1818 das Bild Christus am Ölberge vollendet hatte, welches der König,, für die Garnisonkirche in Berlin bestimmte, ward er mit der Ausführung eines größer» Ölgemäldes für den Dom in Berlin, die Ausgießung des heiligen Geistes, beauftragt. Dieses Bild brachte B. selbst nach Berlin, wo es 1821 aufgestellt und Veranlassung wurde, daß der König dem Künstler aufs neue eine dreijährige Pension zu einer Reise nach Italien gewährte. Bei seiner später» Rückkehr aus Italien brachte er eine im strengen Stil der alten Florentiner gemalte Taufe Christi isiit, welche in der Garnisonkirche zu Potsdam aufgestellt ist. In Berlin, wo er sich seit 1826 aufhält, vollendete er 1830 für die neue werdcrsche Kirche eine Auferstehung Christi, ein Altarbild von 19 F. Höhe und 12 F. Breite. Er nimmt gegenwärtig, als Portraitmaler einen vorzüglich hohen Rang ein; nicht minder auch als Historienmaler. Er malt sowol biblische Gegenstände als Darstellungen romantischen Inhalts. Zu seinen neuesten und trefflichsten Werken dieser Art gehören die Verklärung Christi, der kreuztragende Christus, der Heiland, indem er seinen Jüngern den Untergang Jerusalems verkimdet, Kaiser Heinrich IV. im Burghofe von Canossa u. s. w. Bei einer feinen und edlen Charakteristik P B. durch die Fülle des Colorits und ganz besonders durch den Schmelz und die Klarheit des Helldunkels ausgezeichnet. Begehrungsvermögen nennt man im gewöhnlichen Leben dasjenige Vermögen der Seele, welchem die Begehrungcn und Verabscheuungen, die Neigungen emd Abneigungen des Menschen als ihrer Ursache zugeschrieben werden. Insofern sich das Begehren Conv.-Lex. Neunte Aufl. II. II 102 Begeisterung Begleitung in dem Wollen am bestimmtesten und kräftigsten äußert, nennt man cs auch das Willens vermögen, insofern aber alles Begehren erst noch nach einem Zukünftigen strebt, wol auch das Bestrebungsvermögcn. Die Annahme eines bcsondern Begchrungsvermögens hat ihren Grund in der Neigung, den einzelnen Elasten der Erscheinungen des geistigen Lebens überhaupt gewisse Kräfte und Vermögen unterzulegen, und die Psychologie, dieser Nci- gung nachgebend, sprach daher ebenso von einem Vorstellungs-, Begchrungs- und Eefühls- vcrmögcn der Seele, wie etwa die Physiologie von der Verdauungskraft des Magens u. s. w. Man unterschied dabei ferner ein unteres oder „niederes und ein oberes oder höheres Be- gchrungsvermögen, indem man zu jenem die Äußerungen der sinnlichen Triebe, des in- stinctmäßigen Wollens, ebenso die Neigungen und Leidenschaften, zu diesem das verständige, überlegte, vernünftige, sittliche Wollen rechnete. In der letztem Beziehung setzte namentlich Kant die praktische, sittlich gesetzgebende Vernunft dem obern Bcgehrungsvermö- gcn gleich. Die ganze Ansicht vom geistigen Leben jedoch, in welcher die Annahme eines bcsondern Begchrungsvermögens wurzelt, hat sich vor den Untersuchungen der neuern Zeit nicht nur als unbegründet, sondern auch als unzureichend zur Erklärung der Phänomene des geistigen Lebens gezeigt, und die Psychologie hat es als ihre Aufgabe erkannt, nachzu- weiscn, wie die verschiedenen Arten des Begehrens (Wunsch, Begierde, Trieb, Neigung, Leidenschaft, Wille) in ihrer individuellen Bestimmtheit und Veränderlichkeit aus den Bedingungen des geistigen Lebens überhaupt ohne Berufung aufcin besonderes Begehrungsvermögen abgeleitet werden können. Denn daß namentlich in Beziehung auf die individuellen Zustände des Begehrens die Berufung auf ein solches Vermögen durchaus gar nichts erklärt, erhellt unmittelbar, wenn man überlegt, daß jenes Bcgehrungsvermögen, als allem Begehren gleichmäßig zu Grunde liegend, für die verschiedenen Abstufungen und Modifi- cationen desselben, welche jedes in der innern Erfahrung verkommende wirkliche Begehren charakterisiren, den Grund auf keinerlei Weise enthalten kann. Wenn man daher im gewöhnlichen Leben fortfährt, von dem Bcgehrungsvermögen als einer eigenthürnlichcn Kraft der Seele zu sprechen, so ist da§ höchstens ein bequemer Ausdruck, um eine gewisse Classe der geistigen Phänomene kurz zu bezeichnen; eine wissenschaftliche Bedeutung aber kann dieser Begriff nicht in Anspruch nehmen. Begeisterung oder Enthusiasmus nennt man den Zustand gesteigerter Tätigkeit des Geistes, in welchem gleichsam ein höherer Geist über den Menschen kommt und in ihm wirkt. Die Begeisterung unterscheidet sich von der zügellosen und verworrenen Schwärmerei dadurch, daß sie ihren Gegenstand mit klarem Bewußtsein auffaßt, und daß das bewegte Gefühl angetriebcn wird, sich mitzutheilen; von dem Affecte dadurch, daß dieser eine die Besonnenheit raubende Überwallung des Gefühls, von den, Entzücken aber dadurch, daß dieses eine sprachlose, tiefe und durch verklärtere Geberde sich »»kündigende Begeisterung ist. Begharden nannten sich die seit 1228 in Antwerpen zu gewissen religiösen Übungen nach der Regel der heil. Begha oder Beggha, der Mutter Pipin's von Heristal, welche um Ivo starb, verbündeten Handwerker. Sie nahmen gegen Ende des l3. Zahrh. eine der Ordensregeln des heil. Franciscus an, begannen seit 1325 ein gemeinsames Leben und verwandelten sich seit der Mitte des 15. Jahrh. durch das Ablegen von Gelübden in Religiösen. Vielfache Verfolgungen, die sie trafen, veranlaßten, daß nur wenige ihrer Klöster bis in die ersten Decevnien des 18. Zahrh. sich erhielten. Häufig find sie mit den Begrünen (s. d.) verwechselt worden Begierden sind keineswegs blos durch Sinnlichkeit erregte Begehrungen, indem es viele Begierden gibt, bei welchen weder die Veranlassung noch der Gegenstand sinnlich ist. Das Merkmal, durch welches sie sich von bloßen Wünschen, von Verlangen und Sehnsucht unterscheiden, ist vielmehr die Voraussetzung der Erreichbarkeit des Begehrten; daher die Begierde zum Willen wird, wenn die Voraussetzung hinzutritt, man könne durch eige>v Kraft das Begehrte erreichen. Die unverständige, thörichte Begierde besteht darin, daß der Begehrende das Unerreichbare, vielleicht gar Unmögliche als erreichbar voraussetzt. Begleitung, im Franz, aeeompsgnemenl, nennt man im Allgemeinen denjenigen Theil der Musik, welcher zur Unterstützung einer Hauptmelodie, der Solo- oder obligaten Stimme, dient. Dies kann durch alle oder auch nur durch einzelne Instrument, sowie Beglerkeg Begräbniß !63 durch untergeordnete Stimmen geschehen. In künstlerischer Hinsicht kann die musikalische Begleitung aus einem doppelten Gesichtspunkte betrachtet werden, einmal als Erzeugniß des Tonsetzers und dann als Aufgabe des Vortragenden Tonkünstlcrs. Die Wirkung, welche die Begleitung, als musikalischer Satz genommen, zu machen im Stande ist, beruht auf noch so wenig bestimmten Grundsätzen, daß die Erfindung der Begleitung oft schwieriger ist als die Hcrvorbringung der Melodie selbst. Ein besonderer Gegenstand der Erfindung ist die Wahl der begleitenden Stimmen oder Instrumente, welche sich durch cigcnthümliche Klangwrise, sowie durch rhythmische und melodische Bewegung der Hauptstimme harmonisch anschließen sollen. Besonders schwierig ist die Begleitung der einzelnen Soloinstrumcnte, wie z. B. der Geige, Flöte, des Clavicrs u. s. w. Die ital. Componistcn machen aus der Begleitung des Flügels, besonders bei dcm Recitativ (s. d.), eine eigentliche Kunstaufgabe. Denn da der Zweck aller musikalischen Begleitung kein anderer sein kann und sein soll, als die Wirkung der Hauptstimme zu erhöhen, so geht daraus hervor, daß die Pflicht des Begleiters besonders in der Kunst bestehe, sich jener anzuschmiegen, sic zu unterstützen, keineswegs aber sie beherrschen oder gar unterdrücken zu wollen. Beglerbeg, d. h. Herr der Herren, ist bei den Türken der Titel der Statthalter über eine Provinz (Beglerbe g lik), welcher mehre Sandschaks, Begs, Agas u.s.w. untergeordnet sind. Vorzugsweise führen diesen Titel die Statthalter zu Sophia, Kutajeh und Damaskus. Begnadigungsrecht. Begnadigung nennt man die ganze oder theilwcise Aufhebung einer gesetzlich zuerkannten Strafe, welche durch die höchste Gewalt des Staats geschieht; sie erfolgt nicht auf dem Rechtswege, d. h. durch die Justizbehörden, und nicht aus Rechtsgründen, sondern ist ein Ausfluß der Souverainctätsrechte und tritt ein, um den Widerspruch zwischen formellem und materiellem Rechte auszugleichen, der auch bei einer guten Gesetzgebung und Rechtspflege nicht immer zu vermeiden ist. Die Begnadigung kann sich also in dem Erlasse, in der Milderung oder in der Verwandlung einer zuerkannten Strafe äußern; die Verwandlung gewisser geringer Freiheitsstrafen in Geldbuße ist aber nach den Gesetzen mancher Staaten auch den Patrimonialgerichtshcrrcn gestattet. Von der Begnadigung unterscheidet sich die Abolition, welche wenigstens vor erfolgtem Urtheilsspruch, bisweilen auch vor eingeleiteter Untersuchung erfolgt. Das Recht der Abolition ist durch einige deutsche Verfassungsurkunden, z.B. die bairische, dem Regenten entzogen. Tritt die Abolition nicht in Beziehung auf einen einzelnen Fall, sondern auf eine Mehrzahl von Fällen zugleich ein, wie z. B. bei politischen Vergehen, an denen verschiedene Personen Theil haben,„so heißt sieAmnestie (s. d.). Ähnlich der Begnadigung ist die Nestitution (s. d.). Übrigens kann die Begnadigung sich stets nur auf die strafrechtlichen Folgen eines Verbrechens erstrecken, nicht auch auf die civilrcchtlichen; sie kann also Entschädigungsansprüche des Verletzten u. dgl. nicht aufhcben. Begräbniß. Zwei Arten vornehmlich, die Tobten zu begraben, findet man bei den alten Völkern verbreitet, entweder wurde der Körper des Verstorbenen, sei cs mit oder ohne alle Vorbereitung, der Erde übergeben, oder er wurde verbrannt und die übrigbleibende Asche in Gefäßen beigcsctzt. Die erste Art der Bestattung scheint bei den Ägyptern und semitischen Völkern, den Hebräern u. s. w., die letztere bei dem indogermanischen Stamme, bei den Indern, Persern, Griechen, Römern, Germanen und Slawen im Allgemeinen stattgc- funden zu haben, wenn auch hin und wieder Ausnahmen Vorkommen. Hebräer und Ägypter balsamirten ihrcTodten ein und bestatteten sie in Sarkophagen von Ccdcrn- und andern: Holz oder Stein in Höhlen, Grabgewölben u. s. w., welche Art der Bestattung man in ähnlicher Weise auch bei den alten Völkern Mittelamcrikas neuerdings entdeckt hat. Griechen und Römer beerdigten zwar meist, wie es scheint, in den frühesten Zeiten ihre Tobten, führten aber später das Verbrennen auf Scheiterhaufen allgemein ein, sammelten die Asche in Urnen und setzten diese mit Hinzufügung von mancherlei Gerätschaften am liebsten an öffent- lichen Wegen und Straßen bei. Ein Stein oder Monument mit einer Inschrift, mehr oder minder kostbar und kunstreich, bezeichnete den Ruheplatz des Tobten. War der Tod in der Fremde oder im Meere erfolgt, ;o errichteten die Angehörigen dem Tobten, mn seinem Schatten Ruhe zu verschaffen, in der Heimat ein 6«notoxiüum, d.h. leeres Grabdenkmal. Ob die 164 Begriff Kellen, die Vorgänger der german. Völkerschaften, ihre Tobten verbrannten oder begruben, ist noch unentschieden. Man findet in Deutschland nicht nur, sondern auch in den Niederlanden, in Frankreich und England große mit schweren Steinplatten ausgesetzte und bedeckte Gräber, vom Volke in Deutschland gewöhnlich Hünengräber oder Riesenbetten genannt, theils mit Brandasche, großen groben Urnen und Steingeräthe, theils mit vollständigen Skeletten. Den Kelten oder ältesten Germanen scheinen sie anzugehören. Die Germanen und Slawen verbrannten, wie Griechen und Römer, ihre Tobten; erstere setzten die Urnen mit der Asche des Verstorbenen unter kegelförmig aufgeworfenen Erd- oder Steinhügeln, letztere meist in von der Natur selbst gebildeten Sandhügcln bei. Die Beigaben zu den Urnen in I german. Gräbern, wie Schwerter, Frameen, Lanzenspitzen, Ringe, Hefteln u. s. w. find fast durchgängig von Bronze, in manchen Fällen von Gold, die in den slawischen meist von Eisen, manchmal von Silber und Gold. Gräber mit Steininschriften haben sich in Deutschland bis jetzt nicht gefunden, wol aber im Norden, in Dänemark und Schweden; doch gehen die dortigen Runeninschriften selten über das 12. Jahrh. hinauf. Als das Christenthum in Deutschland Ausbreitung gewann, wurde es den Deutschen durch Synodalbeschlüsse streng untersagt, ihre Tobten zu verbrennen oder an ungeweihten Stätten zu begraben. Die gegenwärtige Art und Weise, die Tobten zu bestatten, schreibt sich von den Hebräern her. Die ersten Christen begruben wegen der Verfolgungen ihre Tobten und Märtyrer heimlich in Felsenhöhlen und unterirdischen Gewölben (Katakomben), die, wie z. B. in Rom, nach und nach große Ausdehnung gewannen. Später wurden die Friedhöfe (coemiteris) in der Nähe der Kirchen, daher Kirchhöfe genannt, angelegt, nachdem vorher der Platz vom Priester geweiht worden war. Hohe, besonders heilig gesprochene Personen bestattete man schon frühzeitig in den Kirchen selbst; Kaiser Konstantin war der Erste, der in der Apostelkirche in Konstantinopel eine Grabstätte erhielt. Kaiser Theodosius und Zustinian untersagten zwar das Begraben in den Kirchen, allein Leo der Weise erlaubte es von neuem, und es hat dieser Gebrauch von da an bis in die neuere Zeit sich erhalten. Erst in neuester Zeit hat man das höchst Schädliche dieses Verfahrens in gesundheitlicher Hinsicht erkannt und es fast überall abgestcllt; auch die Kirchhöfe hat man, wo es immer anging, aus den Städten ins Freie verlegt und an vielen Orten die Stätte des Todes zu lebendigen frischen Gärten umgeschaffen, so namentlich bei der Brüdergemeine. Die meisten der andern außereuropäischen Völker bestatten unter sehr verschiedenartigen Ceremonien ihre Tobten; bei den Japanesen werden nur die Vornehmen verbrannt, die Ärmern begraben; in Hindostan dagegen die Verstorbenen theils verbrannt, theils in den heiligen Strom, den Ganges, gestürzt. Begriff heißt im Allgemeinen jeder Gedanke, insofern Das, was er bezeichnet, gleichviel ob eS ein wirkliches Ding oder wieder nur ein Gedachtes ist, dadurch als bekannt aufgefaßt wird (notio, nolnin). Im Unterschiede von den Empfindungen, Vorstellungen, Anschauungen bezeichnet Begriff jedes im Bewußtsein, abgesehen von der Art seiner Entstehung, als bestimmt Aufgefaßte. Im strengen Sinne heißt daher Begriff jedes Gedachte, insofern wir es blos mit Rücksicht auf Das, was in ihm gedacht wird, d. h. in Rücksicht auf seinen Inhalt beachten. Dadurch unterscheidet sich auch der Begriff im psychologischen Sinne des Worts von dem Begriffe im logischen Sinne. Denn bei den Begriffen, wie sie wirklich in den Köpfen der Menschen sich bilden, ist die Aufmerksamkeit keineswegs immer ausschließend auf den Inhalt des Gedachten selbst gerichtet, sondern mancherlei fremdartige und unwesentliche Nebenvorstellungen kleben diesen Begriffen gewöhnlich an, welche sämmtlich wegfallen müssen, wenn ein Begriff als solcher streng fcstgehalten werden soll. In diesem Sinne sind z daher Begriffe beiweitem weniger Thatsachen, als vielmehr Aufgaben des Denkens, und die Bedingungen, unter welchen diese Aufgabe als erreicht angesehen werden kann, auseinan- derzusetzen, ist Sache der Logik. Diese unterscheidet an einem Begriffe seinen Inhalt (cow- plexus notarum) und seinen Umfang (ambitus). Jener besteht in seinen Merkmalen, d. h. in den Begriffen, durch welche der Begriff selbst, falls er nur überhaupt nicht ganz einfach, sondern zusammengesetzt ist, gedacht wird; dieser bezeichnet die Menge von Begriffen, in j welchen jener Begriff als Merkmal vorkommt. So liegt z. B. der Begriff der Figur im ^ Inhalt des Begriffs Dreieck, umgekehrt aber liegt der Begriff Dreieck im Umfange des Begriffs Figur. Je größer der Inhalt eines Begriffs ist, desto kleiner ist sein Umfang, und um« Begrüßung 165 gekehrt. Das logische Verfahren in der Bildung neuer Begriffe aus schon bekannten und gegebenen ist entweder Abstraction oder Determination (s. d.). Durch jene entstehen all' gemeinere, abstracte, durch diese besondere, concrete Begriffe; liegen beide in einer und derselben Reihenfolge, so entsteht daraus das Verhältniß der Über- und Unterordnung (s»l,or- llinatio). Die übergeordneten Begriffe nennt man auch die Hähern, die untergeordneten die niedern, und unterscheidet sie im Allgemeinen durch die Worte Gattung, Art und Unterart. Durch Hinzufügung neuer determinirender Merkmale werden die Begriffe synthetisch ge- bildet; die Zergliederung schon gegebener Begriffe ist analytisch. Durch diese Zergliederung, d. h. durch das bestimmte Denken aller in einem Begriffe vereinigten Merkmale, wird der Begriff deutlich; die Deutlichkeit ist also Klarheit der Merkmale, indem die Klarheit des Begriffs als Ganzes darauf beruht, daß man ihn von andern verwandten unterscheiden kann. Das Gegentheil der Klarheit ist Dunkelheit, das der Deutlichkeit Verworrenheit. Die Unterscheidung zwischen empirischen Begriffen, Verstandesbegriffen und Vernunftbegriffen beruht^namentlich in der Kantischen Philosophie auf der Behauptung, daß wir die eine Classe von Begriffen nur mit Hülfe der Erfahrung gewinnen, während die beiden andern Elasten das ursprüngliche Eigenthum des Verstandes und der Vernunft seien, wie z. B. die Begriffe der Ursachen, der Freiheit und der Unendlichkeit. In der Hegel'schen Philosophie hat das Wort Begriff die Bedeutung des Wesens, der wirksamen Kraft, daher in ihr der Begriff für das Lebendige, Schöpferische, für die Einheit des Seins und des Wesens, für das in der Gesammtheit seiner Momente sich selbst zum Dasein und Bewußtsein bringende Absolute u. s. w. erklärt wird. Begrüßung nennt man die durch Sitte, Gewohnheit und stillschweigende Übereinkunft üblich gewordenen Zeichen, durch die man Andern beim Zusammentreffen oder Weggehen seine Achtung, Ergebenheit, Wohlwollen und Freundschaft zu erkennen gibt. Die Grie- chen hatten für alle Fälle den einfachen Gruß d. h. Freue dich! die Römer sagten beim Begegnen d. h. Sei gegrüßt, und beim Gehen Vale, d. h. Lebe wohl! Unter den nach europ. Weise civilisirten Völkern hat sich gewissermaßen eine Gleichförmigkeit der Begrüßung gebildet; doch ist die Verschiedenheit immer noch so groß, daß Das, was bei dem einen Volke als Höflichkeitsbezeigung gilt, bei dem andern für ein Merkmal der Nichtbildung gehalten wird. Ziemlich allgemein ist seit dem 17. Jahrh. das Entblößen des Hauptes zum Zeichen des Grußes geworden, was im Anfänge nur der Niedere gegen den Höher» beobachtete; nächstdem gelten Händedruck, Umarmung und Kuß als Ausdruck freundschaftlicher Gesinnungen. Wenn aber bei Franzosen, Deutschen und andern Völkern Männer sich küssen, so halten dies die Engländer nur unter den nächsten Verwandten für anständig, und wenn man es in den meisten deutschen und andern Ländern sonst für eine unerläßliche Pflicht des Anstandes hielt und in höher« Cirkeln noch jetzt hält, den Frauen die Hand zu küssen, so gilt solches in Italien für ein Zeichen der Vertraulichkeit, die sich nur die nächsten Verwandte erlauben dürfen, während dagegen die Frauen in Rußland sich nicht die Hand, sondern die Stirn und die Polinnen auf die Schultern küssen lassen. Statt der in dem protestantischen Deutschland üblichen Grußformeln, Guten Morgen! Ihr Diener! Ich empfehle mich Ihnen! u. s.w., grüßt man in katholischen Ländern mit dem vom Papst Benedict XIII. 1728 anempfohlenen Bundesgruß: Gelobt sei Jesus Christus!, welcher mit: In Ewigkeit. Amen! erwidert wird. Der Bergmann grüßt mit: Glückauf! Unter den slawischen Völkern, namentlich bei den Russen ist das Küssen der Kleider und Schuhe Dessen, dem man seine Ehrfurcht bezeigen will, Sitte; Niedere werfen sich hier vor den Hähern auf die Erde. In der Türkei kreuzt man beim Gruße die Hände auf der Brust und beugt sich mit dem Kopfe gegen Den, welchen man grüßt. Der niedere Araber ruft den ihm Begegnenden 8aläm nIcLum, d. h. Friede sei mit Euch! zu und legt dabei die linke Hand auf die Brust, der Begrüßte entgegnet in gleicher Stellung ^leLum ssILm, d. h. Mit Euch sei Friede! Die vornehmen Araber dagegen umarmen sich beim Gruß mehrmals, küssen sich die Wangen und dann die eigene Hand. Je ungebildeter die Völker sind, desto sklavischer ist ihre Begrüßung, wie sich dies namentlich im größten Theil des Orients und in Afrika zeigt; nur die ganz rohen Völker machen hier wieder eine Ausnahme. Von eigcnthümlicher Art und genau geregelt sind die. militairischen Begrüßungen und das Begrüßen der Schiffe. (S. Salutirc n.) - ->' Lt N kW 166 Begulneit Gchaun Bsguinen oder Begatten ist der Name des ältesten aller weiblichen weltlichen Vereine zu frommen Zwecken. Woher der Name stamme, und wann der erste solche Verein zu Stande gekommen sei, laßt sich nicht Nachweisen. Die Bcguinen legten weder Klostcrge- lübdc ab, noch folgten sie der Regel eines Ordens; sie waren vereinigt zu Übungen der Andacht und Wohlthätigkcit, lebten in eigenen, durch Schenkungen oft sehr reichen Begu inen häufe rn, Beguinagien oder Beguinerien, zusammen und zeichneten sich durch Fleiß, Gottesfurcht, Eingezogenheit und Sorgfalt für die Jugenderziehung vor andern Laien aus. Der Beguinenvereine wird in Deutschland und den Niederlanden bereits seit Ende des i t.Jahrh. gedacht; sehr blühend waren sie im 12. und 13. Jahrh., wo sic nach Frankreich und Deutschland sich verbreiteten und namentlich in Hamburg, Lübeck, Rcgcnsburg, Leipzig. Nochlih und Görlitz sich ansiedelten. Sic waren die Pietisten des Mittelalters und mußten durch die Eifersucht der geistlichen Orden manche Verfolgungen leiden. Ein Zweig derselben waren die Lollharden (s. d.). An sie schlossen sich im 13. und 14. Jahrh. sowol die verfolgten Spiritualen der Franciscancr (Fratricellen), als auch die Brüder und Schwestern des freien Geistes an, wodurch freilich Jrrthümer unter ihnen herrschend wurden, die das Einschreiten der Inquisition herbeiführten. Am längsten erhielten sie sich in Deutschland, wo sie zur Zeit der Reformation, weil sie sich der Seelsorge ihres Geschlechts annahmcn, Secl kurv eiber hießen, und in den Niederlanden, wo sie noch gegen Ende des 18. Jahrh. vorkamen. Noch jetzt gibt cs hier und da in Deutschland Beguinenhäuser, welche jedoch nichts weiter lind als fromme Stiftungen, in denen unvcrheirathcte Personen des weiblichen Geschlechts aus dem Bürgcrstande freie Wohnung erhalten und zuweilen auch andere Vortheile genießen. Vgl. Mosheim, „Oe Legkarclis et LeAiünslius" (Lpz. 1790). Behaim (Marlin), der große Kosmograph, stammte aus der böhm. Familie von Schwarzbach, die ihre Abstammung bis zum J. 1207 verfolgt, seit Mitte des 13. Jahrh. in Nürnberg ansässig, noch jetzt als freiherrliche (von Behaim) dort blüht und außer ihm mehre berühmte Männer aufzuwcisen hat, wie Mathias B-, dessen vom I. 1343 dalirte erste deutsche Übersetzung der Bibel die Universitätsbibliothek zu Leipzig bewahrt, und Mich elV., einer der gefeiertesten Meistersinger. B. wurde zu Nürnberg 1430 oder wahrscheinlicher 1436 geboren, also in demselben Jahre mit Columbus. Anfangs Kaufmann, ging er des Tuchhandels wegen 1457 nach Venedig und 1477—79 nach Mecheln, Antwerpen und Wien. Von 1480—84 hielt er sich in Portugal auf, wo damals auch Columbus lebte, und wurde wahrscheinlich mit diesem bekannt. Welche Beziehungen zwischen Beiden bestanden, ist jetzt nicht unmittelbar nachzuweisen. Daß beide Männer sich zugleich mit nautischen Planen beschäftigt, ergibt sich aus ihrer fernem Geschichte, die aber keineswegs erkennen läßt, daß einer dem andern irgend eine Andeutung zu verdanken gehabt. Daß Beide mitLiebe zur Geographie und zu Entdeckungen erfüllt, Portugal gleichzeitig zumAus- cnthalte wählten, wird um so natürlicher scheinen, wenn man sich erinnert, welche Rolle jenes Land in der an Planen, Entbeckungszügen und kühnen Seefahrten so reichen zweiten Hälfte des 15. Jahrh. spielte. B. erhielt von König Johann II. um 1483 den Auftrag, ein Astrolabium anznfertigcn und Declinationstafeln zu berechnen, und wurde wahrscheinlich zum Lohn dafür zum Ritter des Christusordens erhoben. Von 1484—85 begleitete er den portug. Seefahrer Diego Cam auf einer Entdeckungsreise entlang der Westküste Afrikas und gelangte bis an die Mündung des Zaire odcrCongoflusses. JmJ. I486 ging er nach Fayal, eine der Azorischen Inseln, wo eine flämische Colonie bestand, deren Statthalter, Jobst von Küster, B.'s Schwiegervater wurde. Erst 1490 verließ er diesen seinen Wohnort, besuchte Nürnberg noch einmal, wo er von 1491—93 verweilte und zum Andenken einen großen Globus verfertigte, der, mit einer Menge handschriftlicher Bemerkungen versehen, noch jetzt im Besitz der Familie sich befindet und ein werlhvollcs Denkmal der geographischen Kenntnisse jcner Zeit, sowie für die Geschichte der Entdeckungen von äußerst großem Wcrthc ist. Über Flandern und Frankreich zurückkehrend, hielt sich B. nochmals von 1494—1506 auf Fayal auf, ging wieder nach Lissabon und starb dort am 29. Juli 1507. Die Verdienste B.'s um die Entdeckungen seiner Zeit und die Fortschritte der Nautik und Geographie bleiben immer »och sehr groß, auch wenn man in Gemäßheit der neuesten Untersuchungen zugibt, daß weder Columbus, noch viel weniger aber Magalhacns erst auf B.'s Mitthcilungen ihre großen Behandlung Behr 167 Entdeckungen gemacht. Vgl. Murr, „Diplomatische Geschichte des berühmten Ritters von B-"(Nürnb. 1778; 2. Ausl., 1801) und A. von Humboldt's „Kritisch« Untersuchungen u. s. w." (deutsch von Jdclcr, Bd. I, Berl. 1836). Behandlung nennt man in Beziehung auf das Ästhetische die Art und Weise, einem Stoffe, gemäß einer ästhetischen Idee und demnach entsprechend dem Zwecke schöner Kunst, eine Form zucrtheilen. Ist der Gegenstand glücklich gefunden, sagt Goethe, dann tritt die Behandlung ein, die wir in die geistige, sinnliche und mechanische einthcilen möchten. Die geistige arbeitet den Gegenstand in seinem inner» Zusammenhänge aus, sie findet die untergeordneten Motive, und wenn sich bei der Wahl des Gegenstandes überhaupt die Tiefe des künstlerischen Genies beurtheilen läßt, so kann man an der Entdeckung der Motive seinen Ncichthum, seine Fülle und Liebenswürdigkeit erkennen. Die sinnliche Behandlung würden wir diejenige nennen, wodurch das Werk durchaus dem Sinne faßlich, angenehm und erfreulich wird. Die mechanische wäre diejenige, welche durch irgend ein körperliches Werkzeug auf bestimmte Stoffe wirkt und so der Arbeit ihr Dasein, ihre Wirklichkeit verschafft. Regeln für die geistige Behandlung, welche das Werk des Genies und die Frucht der Begeisterung ist, lassen sich nur finden durch Erforschung derselben an den vollkommenen Werken solcher Künstler, die mit Genie und Begeisterung darstelltcn. Behemoth, ein im Buche Hiob, Cap. 10 , näher beschriebenes Thier, unter welchem nicht der Elefant, sondern, namentlich weil es „den Strom in sich schlucket" (Vers 18.), wahrscheinlich dasNilpfcrd (s. d.) zu verstehen ist. Das Wort hängt^vielleicht mit dem ägypt. Pehcmout, d. i. Wasserstier, zusammen. Behr (Wilh. Jos.), einer der ausgezeichnetsten Publicisten Deutschlands, geb. zu Sultzheim l 7 7 5, studirte in Würzburg und Göttingen die Rechte, hieraus die Praxis der beiden Reichstribunale in Wien und Wchlar und war von 1799—1821 Professor des Staatsrechts an der Universität zu Würzburg. Theils durch mündlichen Vortrag, theilS durch gediegene Schriften wirkte der in weitem Kreise hochgeachtete Mann für die Verbreitung geläuterter konstitutioneller Ansichten in Deutschland. Als Lehrer einer Hochschule, in der Periode öfterer Umwandlung des deutschen Staatsrechts, prüfte er sorgfältig die neu aufgestellten Grundsätze, bemühte sich, die wahren Absichten Derjenigen, die jene Umwälzungen veranlaßtcn, ins Licht zu setzen und ihre Consequenzen freimüthig darzustcllcn, zugleich aber durch schonende Behandlung keinen Gegner zu reizen. Seine Andeutungen über die finanziellen Bestimmungen der neuen bair. Verfassung von 1818 bahnten ihm, als einem Manne, der die Wünsche des Volks kannte, 1819 den Weg zum Abgeordneten der Universität in der bair. Ständeversammlung, wo er zur Opposition gehörte. Nach beendigtem Landtage erregten einige seiner besonders auf dem Lehrstuhle ausgesprochenen und wahrscheinlich misverstandenen Äußerungen Anstoß. Als daher die Stadt Würzburg ihn zum Bürgermeister wählte, und er diese ehrenvolle Wahl nicht unbedingt annahm, sondern nur in dem Falle, daß die Regierung ihm gestatten würde, die Bürgermeisterstelle neben der Professur zu verwalten, wurde er als Professor einstweilen in Ruhestand versetzt und ihm nun frcigelassen, die Bürgcrmeistcrstelle anzunehmen, was er auch that. In seinem neuen Amte bewies er sich sehr thätig, indem er viele Verwaltungsmisbräuche abstellte, mehre guten Einrichtungen traf und namentlich durch seine Zeitschrift „Unterhaltung des Bürgermeisters mit seinen Mitbürgern" sich als deren Freund und Rathgeber zu bethätigen suchte. In der Ständeversammlung im J. 1831 abermals zum Abgeordneten gewählt, ward ihm diekö- nigliche Genehmigung versagt, und vergebens verwendete sich für seine Zulassung eine Anzahl Würzburger Bürger. Allerdings äußerte sich hierüber die Opposition in Würzburger Privatvereinen und Provinzialblättern in einer Weise, daß die Regierung wiederholt einzuschreiten für nöthig fand; auch ließ B. selbst um diese Zeit eine Flugschrift über die öffentlichen Angelegenheiten erscheinen, die von der Regierung ungünstig ausgenommen wurde. Bei Gelegenheit des bair. Constitutionssestes hielt er zu Gaibach am 27. Mai 1832 einige Reden, worin er die Mängel der bair. Verfassung entwickelte und auf die Mittel dcrRcform hinwics. Als nun auf einige Denunciationcn hin eine Untersuchung gegen ihn cingclcitet wurde, glaubten die Gcmcindebcvollmächtigten im Interesse der Stadt durch eine Deputation an den König auf Entlassung ihres ersten Bürgermeisters antragcn zu müssen, weil auf ihm die - .Ä>f » 168 Beichtbrirf Beichte Ungnade des Königs schwer laste, welchem Anträge sofort Folge gegeben wurde. Demnächst wurde B. am 24. Jan. 1833 zu Würzburg verhaftet und nach mehrjährigemUntersuchungs- gefängnisse wegen Mitwirkung zu demagogischen Umtrieben und wegen Majestätsbeleidi- gung 1836 zur Abbitte vor dem Bildniß des Königs und zu unbestimmter Festungsstrafe verurtheilt und nach der Feste Oberhaus bei Passim gebracht. Eine Verfügung im Herbst 1839 gestattete ihm, in der Stadt Passau eine Privatwohnung beziehen zu dürfen und im Febr. 1842 erhielt der 76jährige Greis endlich die Erlaubniß, in Regensburg seinen Wohnsitz zu nehmen, doch blieb er fortwährend unter besonderer policeilicher Aufsicht. Unter B.'s zahlreichen Schriften zeichnen sich besonders aus: „Versuch über die Lehenherrlichkeit und Lehcnhoheit" (Würzb. 1799); „System der Staatslehre" (3 Bde., Franks. 1810); „Ver- faffung und Verwaltung des Staats" (2 Bde., Nürnb. 1811—12); „Darstellung der Wim- sche und Hoffnungen deutscher Nation" (Aschaffenb. 1816); „Lehre von der Wirthschaft des Staats" (Lpz. 1822); „Von den rechtlichen Grenzen der Einwirkung des Deutschen Bundes auf die Verfassung, Gesetzgebung und Rechtspflege seiner Gliederstaaten" (2. Aufl., Stuttg, 1820); „Anfoderungen an Baierns Landtag im 1.1827 und unparteiische wissenschaftliche Beurtheilung seiner Verhandlungen" (3 Bde., Würzb. 1827—28) und „Bedürfnisse und Wünsche der Baiern" (Stuttg. 1830). Beichtbrief nannte man in der katholischen Kirche den Brief eines Bischofs, worin Jemandem die Erlaubniß ertheilt ward, sich von einem freiwillig erwählten Geistlichen ab- solviren zu lassen. ^Schwachheitssündcn konnten die Geistlichen einem jeden Kleriker beichten, Todsünden aber nur dem Archipresbyter, und dieser dem Archidiakon. Beichte (confessio), blos in der röm.-katholischen und in der protestantischen Kirche üblich, heißt überhaupt der kirchliche Gebrauch, nach welchem der Christ vor dem Genüsse des heiligen Abendmahls dem Geistlichen ein Bekenntniß seiner Sünden mit Bezeugung von Reue ablegt und darauf von dem Geistlichen die Absolution (s. d.) empfängt. Die Beichte beruht auf keinem Gebote Christi oder der Apostel, ja nicht einmal auf einer Gewohnheit der ersten Kirche, sondern ist aus der Bußzucht entstanden. Denen nämlich, die wegen eines öffentlichen Vergehens mit dem Kirchenbanne belegt worden waren, legte man bei ihrer Wiederaufnahme auf, ein öffentliches Bekenntniß ihres Vergehens, um welches willen sic ansgestoßen worden waren, in der Kirche vor versammelter Gemeinde abzulegen und Besserung anzugeloben, worauf ihnen die Verzeihung der Kirche (absolutio) angekündigt wurde. Dieses öffentliche Bekenntniß verwandelte man später in ein Privatbekenntniß vor dem Bischöfe und den Ältesten. Nach dem Bekenntniß und der erhaltenen Absolution wurde der Sündige wieder zum Genuß des Abendmahls zugelassen. Allmälig aber, besonders nachdem man sich gewöhnte, das Abendmahl als ein Opfer für die Sünden zu betrachten, fing man in der röm. Kirche (denn die griech. schaffte mit der Bußzucht auch die Beichte ab) an, von Jedem, der das Abendmahl genießen wollte, ein Sündenbekenntniß vor dem Priester zu verlangen. Dies geschah im 5. Jahrh., und damit entstand erst die eigentliche Beichte. Die Priester dehnten die Verpflichtung des Beichtens immer mehr und auf alle, selbst verborgene Sünden, aus, indem sie behaupteten, daß die Absolution nur auf die gebeichteten, nicht auf die verschwiegenen Sünden gehe. Dies nannte man Ohrenbeichte (coolessio Äuricularis), weil dieses Bekennen der Sünden blos geheim ins Ohr des Beichtigers geschah. Die Priester befestigten diese Gewohnheit immer mehr, und Papst Jnnocenz III. machte sie endlich im I. 1215 auf einer Kirchenversammlung im Lateran zu Rom für die röm. Kirche zum Gesetz, indem er im 21. Kanon verordnete, jeder Christ solle jährlich einmal, gewöhnlich zu Ostern, die Ohrenbeichte ablegen. Bei der Reformation wurde von den Refvrmirten die Beichte, als göttlicher Einsetzung ermangelnd, abgeschafft, und statt ihrer eine bloße Vorderer- tungsstunde aufs Äbendmahl eingeführt. Die Protestanten aber behielten die Beichte bei, und die Augsburgische Confessio« erklärte im H. Artikel die Abschaffung derselben für gottlos, hob jedoch die Verbindlichkeit, alle und jede Sünden zu beichten auf und verlangte nur ein allgemeines Sündenbekenntniß oder die Angabe der Vergehungen, welche das Her; des Beichtenden beunruhigten. Da das ganze Beichtwescn den Satz zur Basis hat, daß der Geistliche die Sünde vor Gott vergeben könne, dieser Satz aber bei den Protestanten immer allgemeiner für irrig erkannt ward, so wurde die allgemeine Beichte statt der Privat- Beichtgeld Beilbrief 169 beichte bei den Protestanten immer gewöhnlicher, bei welcher der Geistliche im Namen der Beichtenden ein allgemeines Sündenbekenntniß spricht und darauf die Absolution folgen laßt. Die allgemeine Beichte hat sich nach und nach mehr in eine bloße Vorbereitung aufs Abendmahl, wie bei den Neformirten, verwandelt, daher jetzt die Altlutheraner in Preußen die Privatbeichte mit großem Eifer wiederherzustellen suchen. Beichtgeld, auch Beichtpfennig genannt, heißt das Geschenk, das der Beichtende seinem Beichtvater bei der Beichte freiwillig für seine Mühe gibt. Es ist blos in der protestantischen Kirche, und auch da nicht überall, wie z. B. im Würtembergischen, üblich, indem die griech. und die reformirte Kirche keine Beichte und mithin auch kein Beichtgeld haben. Man hat seine Entstehung bald von den Abgaben der ersten Kirche, bald von der katholischen Ohrenbeichte (bei welcher jedoch kein Beichtgeld gegeben wird) ableiten wollen, aber ohne Grund. Es ist vielmehr als freiwillige Gabe und aus einem natürlichen Gefühle der Dankbarkeit für die Bemühungen der Geistlichen ausgekommen, wozu vielleicht die bezahlten Messen in der katholischen Kirche und die Gewohnheit, am Pfingstfeste ein Opfergeld auf den Altar zu legen, beigetragen haben mögen. Als freiwillige Gabe wurde es auch angesehen, welche zu federn der Geistliche nicht berechtigt war, und nur erst später als ein gesetzlicher Theil des Einkommens der Geistlichen. Es war das Mittel, wodurch, besonders in den Städten, die ursprüngliche geringe Dotation der geistlichen Stellen mit dem sinkenden Geldwerthe ausgeglichen wurde. Deshalb ist auch eine allgemeine Abschaffung in Ermangelung anderer Fonds bisher nicht möglich gewesen, obgleich sie sehr zu wünschen. Nur an einzelnen Orten, wo, wie auf dem Lande, der Ertrag des Beichtgeldes gering war, hat man es abgeschafft und dafür den Geistlichen ein Fixum ausgesetzt. Beichtssegel (sigiilum contossioni-!) nennt man in der röm.-katholischen und protestantischen Kirche die strenge Verbindlichkeit des Beichtvaters, über das Gebeichtete die tiefste Verschwiegenheit gegen Jedermann, selbst gegen die Obrigkeit zu beobachten, was eine noth- wendige Folge der Ohrenbeichte war. Auf dem Bruch des Beichtsiegels steht bei den Katholiken die härteste, selbst die Lebensstrafe, bei den Protestanten aber nur Degradation, Dienst- entsetzung, oder, nach Befinden, Gefangniß und Geldstrafe. Die Katholiken erstrecken die Verbindlichkeit des Beichtsiegels selbst auf das Geständniß noch zu begehender Verbrechen; bei den Protestanten aber ist der Geistliche verpflichtet, in solchem Falle auf vorsichtige Weise und so, daß das Beichtgeheimniß möglichst bewahrt wird, solche Eröffnungen zu machen, daß das Verbrechen verhütet werde. Beil (Joh. Dav.), deutscher Schauspieler und Schauspieldichter, geb. 175-1 zu Chemnitz, war von der Natur an Körper und Geist sehr vortheilhaft ausgestattet und versuchte sich schon früh in poetischen Kleinigkeiten. Die Erfüllung seines Wunsches, in Leipzig die Nechte zu studiren, hatte er einem Offizier zu danken, der sich für ihn interessirte. Die Vorliebe für Platner's Vorlesungen entzog ihn indeß in Leipzig sehr bald dem Rechrsstudium, und die Launen des Spiels, dem er übermäßig ergeben war, führten ihn dem Theater zu. Zunächst bei einer Gesellschaft in Naumburg engagirt, die sich dann nach Erfurt wendete, kam er auf Empfehlung Karl's von Dalberg 1777 an das gothaische Hoftheater, und als dieses der Herzog 1779 aufgab, wurde er für das neue Theater zu Manheim engagirt. Noch einmal ergab er sich später der Spielsucht, und als es ihm gelungen, dieser Leidenschaft wieder Meister zu werden, verfiel er in Hypochondrie. Er starb 179-1. Unter seinen Schau- und Lustspielen sind insbesondere „Die Spieler" (1785) und „Die Schauspielerschule" bekannt; gesammelt erschienen sie nach seinem Tode (2 Bde., Lpz. 1794). Beilager heißt die mit verschiedenen Feierlichkeiten verbundene Vermählung und Vollziehung der Ehe, wie sie namentlich früher bei fürstlichen und andern Standespersonen Sitte war. Fürstliche Personen ließen auch durch besondere Abgesandte an ihrer Statt das Beilager halten; dies geschah dann nach der förmlichen Trauung in der Art, daß sich der Gesandte in Gegenwart der höchsten Herrschaften neben der Auserwählten seines Herrn einige Minuten lang, leicht gerüstet, auf ein prächtiges Ruhebett legte, worauf die Ehe als gültig und vollzogen angesehen ward. Beilbrief oder Bylbrie f heißt das nach Vernehmung mit den Gewerken ausgestellte obrigkeitliche Zeugniß über den Bau eines Schiffs. Kein Schiff darf ohne ein solches L70 Beilegen BeireiS Zeugniß, welches das Alter, die Größe, die Beschaffenheit, die Tragbarkeit u. s. w. angibt, zum Waarentransport gebraucht werden, weil diese Angaben für dieAsfecuranten von hoher Wichtigkeit sind. Beilegen heißt in der Schiffcrsprache die Segel des Schiffs so gegeneinander richten, daß sich der Wind darin fängt und das Schiff mit gleicher Kraft vorwärts und rückwärts treibt, wodurch solches zum Stillstehen gebracht wird. Dies geschieht gemeiniglich bei heftigem Sturme, oder wenn das Schiff in einer Gegend bleiben soll, wo man keine Anker aus- wcrfen kann oder will. Man mäßigt dadurch die Kraft des Windes, macht aber das Schiff von der Strömung um so abhängiger. Gefährlich ist das Beilegen an einer nahen, l zumal unter dem Winde gelegenen Küste. Auch bezeichnet beilegen das Einziehen der Segel, namentlich wenn ein Kriegsschiff oder Kreuzer solches durch Signale von einem ' Kauffahrer verlangt, um dessen Schiffspapiere zu untersuchen. Beira, eine portug. Provinz, welche in das nördliche Ober- und südöstliche Untcr- Beira zerfällt, von dem linken Dueroufer bis zum Tejo und der Provinz Estremadura reicht und auf 405 OM. über 922000 E. zählt. Der Norden und Osten ist rauh und gebirgig in Folge der Sierra-Estrelha, welche hier mit ihrem höchsten Theile, der Malhao-de- Serra, zu 8000 F. anstcigt und ihre angclagerten Plateaus in wildem Charakter zu den nördlichen und südlichen Grenzen der Provinz entsendet; dagegen fällt das Bergland westlich allmälig zu einem breiten, ebenen, theils sandigen, thcils sumpfigen Küstcnsaume ab, d-m . die Küstcnflüsse Vouga und Mondego durchfurchen bis zu ihrer Mündung in den seichten ^ Atlantischen Ocean. Hand in Hand mit den Verschiedenheiten der Terrainformen geht der - Wechsel des Klimas, der Bodenbeschaffenheit und Production. Die Höhen sind lange mit - Schnee bedeckt, ihre Abhänge tragen herrliche Bergweiden zu guter Vieh-, besonders vor- t trefflicher Schafzucht, und die dichten Eichenforste und Kastanienwälder begünstigen in man- - chen Districten insbesondere die Schweinezucht, die durch die liffaboncr Schinken weit und breit bekannt ist; die Terrassen der Berge sind zu Oliven-, Wein-, Obst- und Orangcncultur , benutzt; in den tiefen, feuchten und warmen Gegenden wuchert der Mais üppig, und die reichen Weizen-, Gerste- und Roggenfelder der Ebenen verrathen fleißigen Anbau. Der Bergbau ist unbedeutend, da auch die Goldwäscherei wenig mehr cinträgt; vielfältig aber quellen heiße mineralische Wasser zu Tage und erheblich ist die Gewinnung des Seesalzes an der ' Küste. Die Einwohner sind arm, aber thätig, redlich und heiter; sie ziehen Landbau, Viehzucht und Fischerei der noch unbedeutenden Industrie vor und betreiben ziemlich erheblichen Handel mit Öl, Mais, Orangen, Bohnen, Schinken, Schafkäse, Wolle, Honig, Wachs, Salz, Mühlsteinen und einigen Töpfcrwaaren. Die wichtigste Stadt ist Coimbrass. d.). Beiram ist der türk.Name zweier großen Feste des Islam. Das Große Beiram, gleich nach Beendigung des Namasanfastcns, am l. des Monats Schewwäl, dauert gewöhnlich drei, das Kleine Beiram, 70 Tage später, am 10. des Monats Silhiddschc, vier Tage. Diese beiden Feste sind die einzigen Vcrgnügungstage des türk. Volks im ganzen Jahre; nur an ihnen werden die Läden geschlossen und die Arbeiten eingestellt. Beireis (Gottfr. Christoph), ein gelehrter Sonderling, geb. am 28. Febr. 1730 zu Mühlhausen, wo sein Vater, ein städtischer Beamter, sich mit Pharmacie beschäftigte, studirte > seit 1750 in Jena die Rechte, zugleich aber aus besonderer Neigung Mathematik, Physik, Chemie und Medicin. Nach beendeter Studienzeit ging er anfNeisen, theils um seine Kenntnisse zu erweitern, theils aber auch, um seine in der Chemie gemachten Entdeckungen inS Geld zu setzen. Diese Reisen, welche ein undurchdringliches Dunkel deckt, gingen nicht durch Indien, wie er vorgab, sondern wahrscheinlich durch Frankreich, Italien, die Schweiz, Hol- , land und Deutschland. Jm J. 1756 kehrte er zurück und brachte bedeutende Geldsummen f mit. Jetzt ging er nach Helmstedt, studirte unter Heister Chirurgie, dessen Praxis nach l Jenes Tode meist auf ihn überging. Er wurde 1759 ordentlicher Professor der Physik an der Universität zu Helmstedt, 1762 der Medicin, 1767 Hofrath, 1768 Professor der Chirurgie, 1802 Leibarzt des Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig und starb am l 7. Scpt. l 809. B. war ein sehr frommer Mann, hatte viel na-ürlichen Verstand und einen großen Ncichthum an Kenntnissen; er war ein uneigennütziger, sorgfältiger Arzt und verdienter Lehrer; seine Gespräche waren anziehend; Gelehrte und vornehme Reisende, die Beirut Beitöue 171 , ih» häufig besuchten, empfing er mit freundlichem Wohlwollen. Eitelkeit und Charlatanerie waren jedoch die eigentlichen Triebfedern seiner Handlungen. Er lebte fast ohne allen Umgang, blieb unverheirathet und war bemüht, sich ein geheimnißvolles Ansehen zu geben. Sein Haus war mit vielen Gegenständen angefüllt, die theils wirklich selten und kostbar waren, theils mit besonderer Geschicklichkeit von ihm dafür ausgcgeben wurden. Er hatte 17 verschiedene Sammlungen von Gegenständen der Kunst, Wissenschaft, Natur, Mechanik u. s. w., und sein ganzes Leben und große Summen daraus verwendet, sie zusammenzubringen. Seine Gemäldesammlung enthielt manches kostbare Stück, obgleich er auch Nachahmungen für Originale ausgab. Er besaß die drei berühmten Vaucanson'schen Automate, die von Droz verfertigte Zaubcruhr und andere Kunstwerke. Von großer Wichtigkeit waren seine physiologisch-anatomischen Präparate, und unter diesen als einzig die Lieber- kühn'schen. Sein Münzcabinct enthielt viele alte Goldmünzen und war von einem ansehnlichen Werthe. Nur sehr selten, und am wenigsten Kennern, zeigte er eine durchsichtige Masse, die größer als ein Hühnerei war, und von der er behauptete, daß sie ein Diamant von 6400 Karat Gewicht sei, den alle Fürsten der Erde nicht zu bezahlen im Stande wären. Er erzählte, daß der Kaiser von China dieses kostbare Juwel bei ihm versetzt habe, und wußte diese Fabel mit allen Einzelnheiten auszuführen. Nach seinem Tode fand man diese vorgebliche Kostbarkeit nicht mehr in seiner Verlassenschaft, und Kunstverständige behaupten, daß cs ein madagaskarischer Kiesel gewesen sei. So übertrieben auch der Werth sein mochte, den B. selbst diesen Sammlungen beilegte, so ließ sich doch nicht leugnen, daß sie ein außerordentliches Vermögen erfodcrten, und mit Recht fragte man, wie B. dazu gelangt. Dieses Räthsel zu lösen, gab er vor, daß er Gold zu machen verstehe, und zeigte auch angebliche Beweise seiner Kunst. Das Wahrscheinlichste indcß ist, daß er in jener Zeit, wo die Chemie noch sehr zurück war, manche nützliche und lohnende Erfindung machte, z.B. die bessere Bereitung des Carmins, die er als Geheimniß den Holländern mittheilte; ferner die Kunst, aus bisher unbekannten Mitteln Essig zu bereiten, die er Andern unter der Bedingung lehrte, daß er Jahre lang einen großen Theil des Gewinns davon zog. Seine physiologischen Abhandlungen sind unbedeutend. Beirut oder Bairut, das alte Berytos, eine phönizische Küstenstadt zwischen Sidon und Tripolis, welche Abulfeda als den blühenden Hafen von Damaskus hcrvorhebt, ist jetzt nur noch ein kleiner Hafcnort in Syrien an der Mündung des gleichnamigen kleinen Flusses, in einer durch vortrefflichen Tabacksbau berühmten Umgebung. Die Stadt ist der Sitz eines griechischen und eines maronitischen Bischofs, hat 7—8000 E., welche baumwollene Zeuge und irdene Geschirre verfertigen, und ist ein alter Sammelplatz der Karavanen nach Mekka. In der oriental. Angelegenheit des1. 1 840 spielte sie eine wichtige Rolle. Die Feindseligkeiten der vereinigten engl.-Lstr.-türk. Flotte gegen Syrien begannen unter dem Oberbefehle des engl. Admiral Stopford mit dem Bombardement der Stadt vom 10.—14. Sept. Erößtenthcils zerstört, wurde sie erst am 9. Oct. von Soliman Pascha geräumt und von den Truppen der Verbündeten, die bis dahin in dem nahen Lager in Dschunieh gestanden, besetzt. Schon am folgenden Tage ward Ibrahim Pascha aus seiner festen Position bei B. vertrieben, von einem türk. Heere unter Selim Pascha, Commodore Napier und General Jochmus gänzlich geschlagen, und somit zur See wie zu Lande durch die Thaten bei B. der syrischen Streitfrage eine andere Wendung gegeben. Beispiel nennt man jeden bestimmten einzelnen, gleichviel ob aus der Erfahrung entlehnten oder erdichteten, Fall, insofern er als Beleg eines allgemeinen Begriffs oder Satzes betrachtet wird. Der Hauptzweck der Anführung von Beispielen ist, Allgemeines durch Besonderes zu erläutern und zu veranschaulichen. In der Beweisführung gebraucht, entbehrt das Beispiel zwar der vollen Beweiskraft und gibt höchstens nur einen Beweis durch Jn- d u c t i o n (s. d.), trägt aber durch seine Anschaulichkeit dazu bei, die zu beweisende Wahrheit in ein helleres Licht zu setzen. Ist das Beispiel aus der Erfahrung entlehnt, so heißt es ein historisches, im Gegensätze zu dem erdichteten, zu welchem auch die Fabel und die Parabel gerechnet werden können. Beitöne oder Neben töne nennt man in der Akustik die höhernTöne, die ein klingender Körper außer seinem tiefsten Tone Hervorbringen kann. Eine in zwei Theilen schwingende Saite schwingt noch einmal so schnell als die ganze und gibt die Octave; der dritte Theil voll- 172 Beiwerk Bekker (Balthasar) dringt drei Schwingungen, während die ganze Saite eine vollbringt, und gibt die Quinte u. s. w. Die Theile der Saiten verhalten sich also in der Geschwindigkeit ihrer Schwingungen wie l zu 2, 2 zu 3, 3 zu 3 u. s. w-, und je kleiner die Theile werden, desto näher treten die Tone aneinander. Auf diesen Gesetzen beruhen bei Streichinstrumenten die Flageolettöne (SONS üüte's oder SONS karinoinguss), gleichwie in der Orgel die gemischten Stimmen aufeiner Nachahmung dieser Eigenthümlichkeit des Saitenklangs beruhen. Sehr merkwürdig sind die Beitöne, die eine tiefe Saite bei ganz freier Schwingung hören läßt, nämlich die Octave, deren Quinte und die über der zweiten Octave liegende große Terz. Weil nun Rameau und nach ihm d'Alcmbert die Harmonielehre auf diese Wahrnehmung gründen wollten, so nennt man die Beitöne einer freischwingenden Saite auch zuweilen harmonische Beitöne. Andere Beitöne geben Glas- und Metallplatten, Glocken, Stäbe u. s. w. Bedeutend für den Gebrauch sind die Beitöne der Blasinstrumente; nur sprechen sie nicht alle in jedem Instrumente gleich leicht und gut an. Zn der Harmonie heißt jeder Ton Beiton, der nicht der Grundton selbst ist. Nimmt der Baß statt des Grundtons einen andern oder einen Beiton des Accords, so heißt der Accord ein verwechselter oder umgekehrter. Beiwerk nennt man in Werken der bildenden Kunst alle Gegenstände, welche, streng genommen, zur Darstellung des Hauptgegenstandes nicht wesentlich nothwendig sind, dem Künstler aber theils zur genauem Bezeichnung des Stoffs, der Zeit, des Orts und zur Charakterisirung der dabei obwaltenden Nebenumstände, theils zur Ausführung und Aus- füllung seiner Darstellung dienen. Beizen heißt dasjenige chemische Verfahren, wodurch man auf der Oberfläche und in dem Zusammenhänge der Theile gewisser fester Körper eine bestimmte Veränderung hervorbringt, indem man sie der Einwirkung einer eigenen, meist sauren Flüssigkeit auf einige Zeit aussetzt, ohne daß dadurch der Zusammenhang der Theile völlig getrennt wird. Bei jeder Beizung dringen die Theile des Beizmittels in den zu beizenden Körper mehr oder weniger tief «in, je nachdem jenes aus gelindem oder schärfer» Theilcn besteht und dieser ein feineres oder gröberes Gewebe hat, und machen entweder denselben mürbe oder verringern die Neigung zur Fäulniß, z.B. beim Einpökeln des Fleisches der Thiere durch einfachen oder gewürzten Essig; oder sie machen seine Oberfläche reiner und zur Annahme eines andern Überzuges geschickter, wie beim verzinnten Eisen; oder sie färben die Oberfläche, wie beim Holze. In der Färberei bestehen die gewöhnlichen Beizen (morclants) in Salzm, deren Basen sich mit der Faser des Zeugs zu einer Verbindung vereinigen, die dann den Farbstoff fester hält, als es die Faser für sich thun würde. Vorzüglich sind es Thonerdebeize und Eisenbeizen. Die Natur der Beize, die allemal vor dem Färben oder Drucken auf das Zeug gebracht wird, hat auch Einfluß auf die zu erzeugenden Nüancen. (S. Färben und Zeugdruck.) Außerdem kommen im Zeugdruck noch sogenannte Ätzbeizen vor, deren Bestimmung ist, an gewissen Stellen die Farbe zu zerstören, z. B. wenn weiße Muster in rothem Grunde entstehen sollen u. s. w. Bekenner (conlessores) hießen in der frühem christlichen Kirche, nach Matth. 1 0 , 32. Solche, welche wegen des christlichen Glaubens standhaft Verfolgungen erduldeten, ohne ihr Bekenntniß mit dem Tode besiegeln zu müssen. Man ehrte sie hoch, besuchte und verpflegte sie in den Gefängnissen und stand ihnen nach und nach das für die Kirchenzucht bedenkliche Recht zu, durch ihre Erklärung Gefallene ohne Weiteres in die kirchtiche Gemeinschaft wieder aufnehmen zu können. Bekker (Balthasar), ein aufgeklärter Theolsg der reformirten Kirche, geb. am 20. März 1633 zu Metzlawier in Friesland, wo sein Vater Prediger war, studirte in Gröningen und Franeker und ward dann Prediger in Osterlittens, wo er einige kleine Schriften schrieb, welche ihm wegen der darin geäußerten Meinungen über Glaubenslehren Verfolgungen zuzogen. DeS Socinianismus angeschuldigt, folgte er sehr gern dem Rufe als Pfarrer nach Loenen, worauf er Pfarrer zu Weesp und 1679 nach Amsterdam befördert wurde. Doch auch hier erregte er bald den Haß seiner Amtsbrüder, indem er in einer Untersuchung über die Kometen gegen Bayle bewies, daß letztere weder Vorbedeutungen noch Vorläufer von Unglücksfällen seien, und in dem Buche „De I-stoverckerveereltl" (Amsi. 1691 —93, deutsch 3Bde., Lpz. 1781—82) die abergläubischen Meinungen über die Macht böser Geister, ihren Einfluß auf die Menschen, über Zauberer, Hexen u.s.w. angriff. Namentlich setzte die letz ile > en die ne irr nd »e, nd nrt ' re. 'ür ; sn- cht iei- Mg ^ em zur ^ us> ! >in der gcr res lei- irz- ges Zn mit als .tur rinnen llen n>. 32. ihr egte iche eder 2V. lgen > ueb, ^ >gen - rach i )°ch ! über von lisch hren letz Bekker (Immanuel) Belagerung 173 lere Schrift alle Federn in Bewegung. B. trug selbst darauf an, daß man seine Schrift durch eine Synode prüfen lassen möge, und schrieb eine Rechtfertigung derselben; aber die Synode verwarf die in diesem Werke aufgestellten Meinungen und entsehre B. 1 692 seines Predigtamts. Erstarb 1698. Bekker (Immanuel), Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Professor an der Universität zu Berlin, als Philolog durch die wichtigsten Arbeiten vorthcilhaft bekannt, geb. 1785 zu Berlin, genoß daselbst den Unterricht Spalding's auf dem Grauen Kloster. Zn Halle, wo er seit > 893 studirte, hörte er besonders F. A. Wolf, der ihn in der Folge für seiner ausgezeichnetsten Schüler erklärte. Nackdem er die Professur der Philologie an der Univcr sität zu Berlin, für die er bereits seit 1 807 bestimmt war, angetreten hatte, machte er im Mai 1810 eine Reise nach Paris, um die Schähe der Bibliothek zu benutzen und hauptsächlich die Handschriften des Platon und einiger griech. Redner und Grammatiker zu vergleichen. Erst im Dec. 1812 kehrte er von dort zurück. Hierauf wurde er 1815 in die Akademie der Wissenschaften zu Berlin ausgenommen. Von ihr erhielt er noch in demselben Jahre den Auftrag, wieder nach Paris zu gehen und für die beabsichtigte Ausgabe des „dlorpos insoriptio- num Frssc." die Papiere Fourmont's zu benutzen. Nachdem er gegen Ende dcs J. 1815 von dort zurückgekehrt, ging er schon 1817 wieder im Aufträge der Akademie nach Italien, zunächst um mit Göschen (s. d.) die in Verona von Niebuhr entdeckten Institutionen des Gajus ans Licht zu ziehen und sodann die von der Akademie zu veranstaltende Ausgabe des Aristoteles vorzubereiten. Er brachte zwei Winter in Rom zu, wo er in Folge der Verwen düng Niebuhr's bei Benutzung der Bibliotheken große Begünstigung fand, hielt sich dann einige Zeit in Florenz, Venedig, Neapel, Montecassino, Cessna, Ravenna und Mailand auf, reiste im I. 1819 über Turin nach Paris, brachte den Sommer 1820 in England, vorzüglich in Oxford, Cambridge und London zu und kehrte hierauf über Leyden und Heidelberg nach Berlin zurück. Der Fleiß und der Geist, mit welchem er an allen diesen Orten gesammelt, bekunden seine „^necflota graecs" (3 Bde., Berl. > 811 —21), die Ausgaben des Koluthus (Berl. 1816), des Platon (10 Bde., Berl. 1816—23), des Thucydides (Berl. 1821; Oxf. 1823), der„OratoresÄttici" (7 Bde., Oxf. 1822; 5 Bde., Lpz. 1823), des Photius (Berl. 1825), der Scholien zu Homer's Ilias (2 Bde-, Berl. 1825), des Aristoteles (3 Bde., Berl. 1831—36), des Harpokration und Möris (Berl. 1833), des Sextus Empiricus (Berl. 1832), des Tacitus (2 Bde., Lpz. 1831) und sein thätiger Antheil an der 1828 unter Nic- vuhr's Leitung zu Bonn begonnenen Herausgabe der „8criplores bistoriso b^rantinae", für die er den Cedrenus, Ducas, Glykas, Merobaudes, Korippus u. s. w. lieferte. Bekker (Elisabeth), eine der ausgezeichnetsten holländ. Schriftstellerinnen, geb. am 23. Juli 1738 zu Vliessingen, war mit dem reformirten Prediger Adrian Wolfs verheirathct. Nach dessen Tode im I. 1777 lebte sie in der innigsten Freundschaft mit der geistreichen Agathe Deken (s.d.), mit welcher sie auch während des sogenannten engl. Kriegs nach Frankreich zog und sich zu Trevoux niederließ. In der Revolutionszeit entging sie nicht nur selbst durch ihre Geistesgegenwart dem Blutgericht der Guillotine, sondern half auch den Gemahl ihrer Freundin Renauld, der im Kerker saß, befreien. Mit ihr kehrte sie 1795 nach Holland zurück und lebte im Haag, wo sie am 25. Nov. 1803 starb. Neben ihrer Freundin, die ihr einige Tage darauf im Tode folgte, ruht sie auf dem Friedhofe zu Scheveningen. Wenige Schriftstellerinnen verbanden gleich ihr mit großen Talenten so viel Würde und strenge Sittlichkeit. Um so größer war auch die Wirkung ihrer zahlreichen Schriften, von welchen mehre, besonders ihre Romane „Historie van VVill-un I^evenä" (8 Bde., Amst. 1785) und „Historie vsn 8sra önrAsrKsrt" (2 Bde., Amst. 1790) für klassisch gelten. Ihre wichtigsten Werke schrieb sie in Verbindung mit ihrer Freundin Deken, und es ist unbekannt geblieben, wer von ihnen den größer» Theil an der Zusammenstellung gehabt hat. Von Müller in Itzehoe wurden einige ihrer Schriften ins Deutsche übersetzt. Belagerung ist das letzte gewaltsame Mittel, eine feindliche Festung zu bezwingen, was auch bei gehöriger Beharrlichkeit seinen Zweck fast niemals verfehlt. Da eine Belagerung viel Zeit und Strcitmittel erfodert, so pflegt man sie nur dann zu unternehmen, wenn kei »nderer Weg mehr übrig bleibt, um sich in den Besitz des Platzes zu setzen. Eine Belagerung zerfällt in gewisse Perioden, deren gewöhnlich drei angenommen werden. In der ersten Pe- 174 Belagerung riode beginnt man damit, die Festung cinznschließcnodcrzu berennen,d. h. ihr alle Verbindung mit außen abzuschneidcn, was unerwartet, schnell und von allen Seiten zugleich geschehen muß. All«Hauptzugänge werden besetzt und crfoderlichensalls sogar verschanzt, um sich gegen Ausfälle sicher zu stellen. Hierauf wird die Festung recognoscirt und der zweckdienlichste Angriffspunkt ermittelt, den man da zu wählen hat, wo der geringste summarische Widerstand zu erwarten steht. Sodann wird ein bequemer Ort ausgesucht, wo der Artilleriepark, d. h. alles Belagerungsgeschütz mit Zubehör, ausgestellt und die Materialien - Depots für das zur Belagerung nöthige Schanzzeug, sowie für die anzusertigcnden Batteriebaumaterialien, Faschinen, Schanzkörbe u. s. w-, angelegt werden sollen. Diese Depotpunkte müssen zwar möglichst nahe und bequem, doch zugleich so sicher liegen, daß der Belagerte sie weder mit seinen Geschossen erreichen, noch durch einen Ausfall in Gefahr bringen kann. Mittlerweile bezieht das Bclagerungscorps seine ihm angewiesenen Lagerplätze. Auf den Hauptpunkten werden Verschanzungen angelegt, thcils um sich gegen offensive Unternehmungen der Besatzung (Ausfälle) zu sichern, thcils auch um einen Angriff von außen, den die feindliche Armee vielleicht zum Entsatz der Festung unternehmen möchte, abzuweisen, in allen Fällen, um Stützpunkte zur Aufstellung in Schlachtordnung zu gewinnen. Ehemals verschanzte man sich sowol gegen die zu belagernde Festung als auch gegen einen von außen kommenden Entsatz durch zusammenhängende Linien. Diejenigen solcher Linien, welche Front gegen du Festung machten, hießen Contravallations- und die gegen außen gerichteten hießen Circumval- lations-Linien. Gegenwärtig aber, wo die Taktik beweglicher geworden ist, sind diese mit ungeheurer Arbeit verknüpften, oft meilenlangen Aufwürfe gänzlich außer Gebrauch gekommen. Die zweite Periode der Belagerung beginnt mit Eröffnung der Laufgräben und endet damit, sich am Fuße des Glacis festzusetzen. Sind alle erfoderlichen Ecrathschasten und Materialien herbeigeschafft, überhaupt alle Voraustalten so getroffen, daß es im Laufe der Belagerung an nichts fehlen kann, so erfolgt die Eröffnung der Laufgräben oder Trancheen. Der Zweck derselben besteht darin, durch zusammenhängende Aufwürfe eine gedeckte und sichere Annäherung gegen die Festung zu bewirken. Außer den die Angriffsfront umschließenden Laufgräben, welche Parallelen heißen, ist es nothwendig, auch Verbindungswege oder Communicationen auszugraben, und damit diese von den feindlichen Geschossen nicht der Länge nach bestrichen (enfilirt) werden können, so führt man sie im Zickzack. Die erste Parallele wird gewöhnlich 7—80V Schritt vom Glacis angelegt, doch kann cs nur vortheilhaft sein, wenn anders Terrain und Umstände es gestatten, sie näher und selbst bis auf 500 oder -100 Schritt vom Glacis anzulegen, wodurch an Zeit und Arbeit bedeutend gewonnen wird. Ihre Länge richtet sich nach der Ausdehnung der zum Angriff bestimmten Festungsfront und muß diese vollständig umschließen. Die Parallele wird so lies ausgegraben und der Wall so hoch aufgeschüttet, daß die Truppen vollständig darin gedeckt sind, auch werden für die Cavalerie an geeigneten Stellen Schulterwehren (äpaulsmentr) von neun bis zehn Fuß Höhe aufgeworfen. Die Eröffnung der ersten Parallele geschieht gewöhnlich des Nachts und so geräuschlos als möglich, damit dem Feinde die Arbeiten verborgen bleiben und er sie weder durch sein Feuer noch durch Ausfälle stören kann. Auf den Flügeln der ersten Parallele werden Batterien für leichte Geschütze gleichzeitig in der ersten Nacht erbaut, um Ausfälle zurück- zuweisen und zugleich zu verhindern, daß der Feind die Parallele nicht umgehen und ihr in den Rücken kommen kann. Es ist ein großer Vorthcil und seit den Belagerungen des Z. 1815 von dem Prinzen August von Preußen als Grundsatz aufgestellt worden, gleichzeitig mit der ersten Parallele auch die ersten Batterien zu erbauen und Alles daran zu setzen, daß sie noch in der ersten Nacht fertig werden und mit Tagesanbruch ihr Feuer eröffnen können. Um alle diese Arbeiten der ersten Nacht zu decken, rückt bas Bclagerungshecr in aller Stille in Schlachtordnung aus und schickt starke Bcdeckungspostcn vor, unter deren Schuh die Arbeit vorschreitet, während rückwärts Reserven aufgestellt werden. Sind die Laufgräben so weit vollendet, daß sic hinreichende Deckung gewähren, so zieht man die vorgeschobenen Truppenabtheilungen zurück, welche jetzt die Laufgräben besetzen und die Tranchc'ewache heißen. Zu noch größerm'Schutze werden auch wol aus den Flügeln als Parallelen Redouten (Flügel- redouten) erbaut. Die ersten Batterien sind die Ricochet- oder Schleuderschuß- und die Mörser- oder Wurfbatterien, auch Kessel genannt und die Enfilirbatterien. Die erster» kommen 175 Belagerung an solche Stellen in, vor oder hinter der ersten Parallele, von wo ste die feindlichen Bastions- und Navclinfacen, sowie die langen Linien des Gedeckten Wegs der Länge nach beunruhigen können, werden mit schweren Kanonen und Haubitzen beseht, schießen mit schwacher Ladung und hoher Elevation, damit die Geschosse im Bogen (en ncncbet) über die deckende Brustwehr hinweggchen und hinter derselben einen oder mehre Aufschläge machen. Die Mör- serbattericn können theils mit den Nicochetbattcricn vereint, lheils auf andern Punkten der ersten Parallele angelegt werden, gewöhnlich in der Verlängerung der Capitalen; ihre Bestimmung ist, Hauptgebäude der Festung, Magazine, Kasernen u. s. w. einzuäschern, auch die auf dem Hauptwall der Festung vielleicht befindlichen bedeckten Batterien einzuwerfcn, weshalb ste mit schweren Mörsern armirt werden. Die Enfilirbatterien liegen ganz seitwärts, selbst außerhalb des Bereichs der ersten Parallele in Verlängerung der Angriffsfront und haben die Bestimmung, diese der Länge nach mit voller Ladung und flacher Elevation zu beschießen, weshalb man sie mit den schwersten Kanonen und Haubitzen bewaffnet. Es ist ein Grundsatz, das Feuer aus den ersten Batterien nicht eher zu beginnen, bis alle Batterien fertig sind, damit das Festungsgeschütz nicht gegen eine einzelne sich ungestört concentrircn kann. Alle erste Batterien schießen ununterbrochen Tag und Nacht, und man rechnet auf jedes Geschütz in 2-1 Stunden etwa 100 Schuß. Sobald die erste Parallele vollendet und gehörig vervollständigt ist, wird unter dem Schutz ihrer Batterien unverzüglich zur zweiten Parallele vorgegangen. Man bricht zu dem Ende aus mehren Punkten der Laufgräben mit Commu- nicationcn in Zickzacks, die auch wol Schläge oder Boyaux heißen, vor, und umschließt die Angriffsfront mit einer neuen Laufgrabenlinie, ganz nach den Grundsätzen der ersten. Auch diese Arbeiten werden in der Nacht ausgcführt, wobei wieder starke Truppcnabtheilungen zur Deckung vorgeschoben werden. Die zweite Parallele wird bis auf 350, auch wol auf 300 Schritt vom Glacis angelegt. Sollte das Kleingewehrfeuer des Feindes den Arbeitern zu lästig fallen, so ist man gezwungen, mit der Flüchtigen Sappe (s. d.) vorzugehen. Die Flügel der zweiten Parallele werden wie die der ersten sicher gestellt. In diese Parallele kommen die zweiten oder die Dcmontirbatterien, welche parallel zu den feindlichen Bastionsoder Navclinfacen angelegt und mit schweren Kanonen bewaffnet werden. Ihr Zweck besteht darin, die feindlichen Geschütze hinter den Wällen, sie mögen nun aus Schießscharten oder auf hohen Nahmlaffeten über Bank feuern, durch ein directes Feuer zu zerstören; ste schießen mit voller Ladung, langsam aber sicher und nur bei Tage, um desto sicherer treffen zu können. Jedes Geschütz thut in 21 Stunden etwa 50 Schuß. Mittlerweile wird das Feuer aus den ersten Batterien fortgesetzt, dafcrn die zweiten jene nicht etwa maskiren, was eine fehlerhafte Anlage beweisen würde. Bei den Belagerungen der Engländer 1808—I I in Spanien, denen man den Namen Schncllbelager ungen beigelcgt hat, wurden die Demontirbat- terien auch als Brcschebatterien benutzt, indem man von ihnen aus das sichtbare Mauer- Werk der Festungen einzuschießen suchte. Vgl. Sir John May, „Betrachtungen über die beschleunigten Festungsangriffe" (deutsch von Bormann, Drcsd. 1822). Neben den Dcmontirbatterien, oder auch mit ihnen verbunden, werden einige Märscrbattcricn aus der ersten in die zweite Parallele verlegt, um vorzugsweise gegen die bedeckten Geschützstände in der Festung zu wirken oder die Collateralwerke zu bewerfen. Unter Umständen werden auch einige Nicochctbatterien aus der ersten in die zweite Parallele vorgebracht. Dieses Verlegen der Batterien pflegt wenigstens des Nachts quer über das Feld zu geschehen, weil man sich an» Tage dazu des langwierigen und beschwerlichen Wegs durch die Zickzacks der Laufgräben bedienen müßte. Aus der zweiten Parallele geht man mittels der Flüchtigen oder bei starken» Feuer des Belagerten mit der Vollen Sappe vor und legt auf halber Entfernung bis zum Gedeckten Weg die sogenannte Halbe Parallele ai», welche sich zu beiden Seiten der Kapitale aus etwa 300 Schritt ausbreitet und »nit Haubitzbatterien besetzt wird, um den Feind aus dem Gedeckten Wege zu vertreiben, was früher durch sogenannteTranchc'ckatzen (s. d.) mit Kleingewehr bewirkt wurde. Sodann wird am Fuß des Glacis die dritte Parallele angelegt. Hier »verdcn nur Mörserbattericn aufgestellt, welche Verticalkartätschen und Steine »vcrfen. Die dritte Periode der Belagerung beginnt mit Eroberung des Gedeckten Wegs, indem gegen dessen ausspringende Winkel »nit der einfachen oder doppelten Wendesappe vorgegangen wird, worauf daZ Couronnement oder die Krönung ebenfalls »nit der einfachen Wcndesappe ' -V. I 176 Belagerungsgeschütz Belehnung bewerkstelligt wird. Mit diesen Arbeiten nimmt einem thätigen Vertheidiger gegenüber die Gefahr für den Belagerer dergestalt zu, daß fast jeder Schritt mit Blut erkauft werden muß. Ist das Glacis unterminirt, so muß auch bei dem Belagerer der Minenkrieg zur Anwendung kommen. Befinden sich Blockhäuser in den Waffenplätzen des Gedeckten Wegs, so müssen diese einzeln erobert werden; sind keine Blockhäuser vorhanden, so gelingt es auch wol, den Gedeckten Weg im raschen Anlauf durch Sturm zu nehmen. Jetzt schreitet man zum Bau der Bresche- und Contrebatterien. Diese zerstören die Geschütze in den feindlichen, gewöhnlich kasemattirten Flanken; jene schießen eine Öffnung, Bresche oder Sturmlücke, in den Wall, und beide Arten Batterien werden deshalb mit den schwersten Kanonen bewaffnet, ja nach neuester Theorie will man sogar schwere Haubitzen zum Breschclegen gebrauchen, die sich der eisernen Rollkugeln (SV—IVO Pf. schwer) bedienen. Zuweilen werden auch die Breschen nicht durch Geschützfeuer, sondern durch Minen bewirkt, welche bei der Explosion den Wall Umstürzen und eine Sturmlücke in demselben öffnen. Während dessen wird das Hinabsteigen in den Graben (la clescente) und später der Grabenübergang selbst bewirkt und zwar Lei trockenen Gräben mittels der bedeckten Sappe, bei Wassergräben auf einem von Faschinen oder Schanzkörben erbauten Damm, oder auch auf schwimmenden Brücken, in allen Fällen durch seitwärts angebrachte Schulterwehre hinlänglich gedeckt. Ist auch diese gefahrvolle Arbeit beendet, so wird zum Sturm der Bresche geschritten, es sei denn, daß sich hinter dem Wall ein sogenannter Abschnitt befände. In solchem Falle kann das Werk nicht ohne Weiteres durch Sturm erobert werden, sondern man muß sich zuvor auf der Bresche festseßen (einwohnen), Geschütz hinaufschaffen und gegen den Abschnitt ebenso verfahren wie vorher gegen das Werk selbst. Ist nun der Hauptwall auf eine oder die andere Weise erobert, so ist auch in der Regel das Ziel der ganzen Belagerung erreicht, ja die meisten Festungen pflegen den Sturm nicht abzuwarten, sich schon vorher durch Capitulation auf annehmbare, sogenannte ehrenvolle Bedingungen zu ergeben. In den ältern Kriegen sind häufiger Belagerungen vorgekommen als in den neuern, ja ganze Feldzüge bestanden damals oft nur aus einer Reihe Belagerungen. Wie der ganze Krieg im Alterthume überhaupt mehr ein Handwerk als eine Kunst war so waren auch die Sturmleiter und das Schwert die vorzüglichsten Belagerungsmiktel; doch hatte man schon frühzeitig Maschinen zur Erstürmung der Mauern. (S. Kriegsmaschine.) Eine Hauptmaßregel, durch welche die Römer bei ihren Belagerungen meist sicher zum Zweck gelangten, war die Einschließung der feindlichen Feste durch einen ungeheuer» Erdwall, meist so hoch als die gegenüberliegende Mauer, oft noch höher. Dadurch wurde die Stadt nicht nur von den auf der Höhe ausgestellten Wurfmaschinen vollkommen beherrscht, sondern es meldete sich, weil alleZufuhr abgeschnitten war, nicht selten der Hunger, ein Feind, dem auch die tapfersten Vertheidiger endlich erliegen mußten. Beispiele berühmter Belagerungen aus dem Alterthume sind die von Sagunt, Massilia, Alexandria und Jerusalem. Die Erfindung des Schießpulvers änderte das ganze Kriegswesen um, vorzüglich aber Befestigungsund Belagerungskunst. Unter denen der neuern Zeit haben die von Kandia 1645—OS, Gibraltar 1779—82, Saragossa 1808 und 1809 und die der Citadelle von Antwerpen 1832 durch die tapfere Vertheidigung ihrer Besatzungen besonderes Interesse erregt. Belagerungsgeschütz nennt man die schweren Kanonen vom Zwölfpfünder aufwärts, die Haubitzen von zehnpfündigem und schwererm Kaliber und endlich die Mörser. Belageruugstrain. Nach den Festsetzungen des Deutschen Bundes werden zu einem Belagerungspark von 200 Geschützen gerechnet: 20 Zwölfpfünder, 50 Achtzehnpfünder, 30 Vierundzwanzigpfünder Kanonen, jede mit 1000 Kugel- und 20 — 30 Kartätschen- schüssen ausgerüstet; 30 Zehnpfünder Haubitzen mit 800 Granatwürfen und 20 Kartätschenschüssen für jede; 20 Zehnpfünder Mörser zu 500 Bombenwürfen, 20 Dreißigpfün- ocr zu 800 Bomben, 20 Sechzigpfünder zu 600 Bomben und 10 Steinmörser, jeder zu 400 Stein- und 400 Spiegelgranatwürfen. Im Ganzen 100 Rohr- und 100 Wurfgeschütze. Belehnung oder Investitur heißt der Act, durchweichen der Lehnsvertrag geschlossen und das Lehen übertragen wird. Die Belehnung ist verschieden, je nachdem sie an Einen oder an Mehre hinsichtlich desselben Gegenstandes erfolgt; sie heißt die Gesammte Hand, wenn Mehren das Miteigcnthum an einem Lehen, das im Besitze eines Dritten ist, in der Absicht verliehen wird, daß sie nach seinem und seiner lehnsfähigen Descendenten Tode in den Besitz des Beleidigung Belgien (Geogr. u. Statist.) 177 Lehns gelangen; hingegen heißt sie die Gesammtbeleihung, wenn Mehren das Miteigenthum nebst Besitz und Nießbrauch, jedoch jedem nur zu seinem Antheile an den Antheilen der Uebri- gen die Gesammte Hand verliehen wird. Verschieden von dieser Art der Gesammtbeleihung war die früher in Deutschland, bis zum 17. Jahrh-, übliche, wobei die Miteigenthümer ein solidarisches Recht erlangten. Ferner muß man auch die unbedingte Belehnung von der Eventualbelehnung unterscheiden, durch welche letztere Jemandem ein Lehen für den Fall, daß es zur Eröffnung kommen sollte, gereicht wird. Die Belehnung erfolgte anfangs von dem Lehnsherrn, dem Kaiser oder dem Landesherrn, in Person und ward auch in Person empfangen; früher als jenes kam dieses ab, und es traten beiderseits Stellvertreter und Bevollmächtigte ein; in Sachsen wurde aber schon im >7. Jahrh. als Regel die persönliche Empfan- gung der Lehen, wenigstens bei dem ersten Male, wieder aufgestellt. Auch erfolgte die Belehnung früher mittels symbolischer Handlungen, z. B. Übergabe eines Baumzweigs, und bei den höhern Geistlichen mittels eines Rings, als Zeichen der Vermählung des Bischofs mit der Kirche, und eines Stabes, als des Symbols des geistlichen Hirtenamts. Stehen der zu erfolgenden Belehnung Hindernisse entgegen, so ist um Jndult nachzusuchen, widrigenfalls, wo nicht Verlust des Lehens, doch Geldbußen (Lehnsemenden) zuerkannt werden, dafern nicht Lehnspardon eintritt. Wegen der Belehnung der Geistlichen durch die weltlichen Regenten entstand unter Gregor VH. im II. Jahrh. der sogenannte Investitur» streit (s.d.). Beleidigung, s. Injurie; Beleidigung der Majestät, s. Majestätsver brechen. Belem, eigentlich Bethlehem, ein Stadttheil Lissabons, an der Mündung des Tejo, mit 5000 E., den Zoll- und Quarantaine-Anstalten und durch die Vorstädte Alcantara und Janqueira mit der Hauptstadt verbunden, war früher ein abgesonderter Marktflecken und wurde erst 1754 eine Stadt. Den Namen erhielt es von der Kirche l^ossa Senliors <><- ketlileliom, welche König Emanuel nach Vasco de Eama's Rückkehr aus Indien im I. 1469 zu Ehren der Geburt Christi erbaute. In dem dabei ebenfalls vom Könige Emanuel gestifteten Hieronymitenkloster befindet sich die prachtvolle, mit weißem Marmor bekleidete Gruft der königlichen Familie, welche nach dem Erdbeben von 1755 nebst derBegräbnißkirche im goth. Stile wiederhergestellt wurde. Das nach dem Brande aufgeführte neue königliche Schloß hat eine vortreffliche Lage mit der Aussicht nach dem Hafen und Meere. In B. befindet sich ein botanischer Garten, ein chemisches Laboratorium und ein Naturaliencabinet, der königliche Garten mit einer Menagerie und der große Thiergarten. Merkwürdig ist der alte, mit Batterien versehene, jetzt als Staatsgefängniß benutzte Thurm am Tejo, Torre de Belem. Jm J. 1807 wurde B. von den Franzosen, 1834 durch Dom Pedro erobert. Beleuchtung heißt in der Malerei die Art und Weise, wie sich in einem Gemälde das natürliche oder künstliche Licht über die Gegenstände verbreitet. Sie ist ein wichtiges Mittel des Ausdrucks, und Einheit der Beleuchtung ist einem Gemälde ebenso nothwendig als Einheit der Zeit. Belfast, Handelsstadt in der irischen Grafschaft Antrim, nördlich von Dublin, im Hintergründe der schönen Bucht Carrickfergusbai, worein sich das Flüßchen Lagan ergießt, mit einem Hafen, der durch einen schiffbaren Kanal mit dem Landsee Lough-Neagh in Verbindung steht. Die Häuser sind fast alle aus Backsteinen gut gebaut, die Straßen breit und bei Nacht durch Gas erleuchtet. Seit 1758, wo es nur 8550 E. zählte, war die Bevölkerung 1835 bis auf 63000 gestiegen. Zu den schönsten öffentlichen Gebäuden gehören die beiden anglikanischen Kirchen und die Börse. Es ist derSitz eines katholischen Bischofs, hat zwei katholische und vier presbyterianische Kirchen und überdies Bethäuser für Methodisten, Quäker, Wiedertäufer und andere Glaubensparteien, ein Gymnasium und mehre Anstalten für wohlthätige Zwecke. Baumwollen- und besonders Leinwandmanufacturen, Zuckersiedereien. Vitriol- und Glasfabriken, Töpferei und lebhafter Ausfuhrhandel nach Westindicn, Amerika und England mit gesalzenem Fleische, Schinken, Butter, Leinwand, Baumwollenzeugen, Tuch und Steingut beschäftigen die gewerbfleißigen Bewohner der Stadt. Im 1.1836 gab -s daselbst 44 Leinwandfabriken und 12 Flachsspinnereien. Belgien, das jüngste der europ. Königreiche, hat seinen Namen von Reihum im al- Conv.-Lex. Neunte Aufl. II. 12 178 Belgien (Geogr. u. Statist.) len Gallien, welches, von Bellowaken und Atrebaten bewohnt, in den Gegenden der Somme dis zur Oise hin lag. Die Revolution rief den Namen Belgien nach der Eroberung der östr. Niederlande für den neuen nördlichen Zuwachs Frankreichs wieder hervor, und er erhielt sich auch nachher im Munde des Volks zur Bezeichnung des südlichen Theils des Königreichs der Niederlande. Das Königreich in seiner jetzigen, fast einem rechtwinkligen Dreieck ähnlichen Gestalt wird im Norden vom Königreich der Niederlande, östlich vom niederländ. Limburg, Rheinpreußcn und Luxemburg, im Süden von Frankreich und westlich von der Nordsee begrenzt. Die Gesammtgröße beträgt fast 536 UM., welche nach amtlicher Angabe dek I. 1840 in folgenden Verhältnissen unter die neun Provinzen, in welche der Staat zerfällt, vertheilt sind: Antwerpen 51^/,»», Brabant 5S"/,»», Westflandern 58'^/>««, Ostflandern 54"/,»», Hennegau 67"/»», Lüttich 5 2 "/,»», Limburg 43"'/»», Luxemburg 80°/«» und Namur 66"/l»o mM. B. ist zwar kein Gebirgsland, vielmehr herrscht der Charakter des Flach- und Hügellandes vor; doch greift in den südöstlichen Theil, welcher durch die Maas und Sambre abgeschnitten wird, der Westflügel des Ardennenplateau ein, weniger ausgezeichnet durch seine mittlere Höhe von I2UV F., als durch seine Bcdeu- tung für das industrielle Leben an seinem Nordsäume. Die Thonschiefer- und Grauwackemassen der Ardennen sind von mächtigen Streifen Grauwackenkalksteins durchsetzt und mächtige Eisen- und Steinkohlenlager begleiten die Ufer der Maas, bevor die Tertiärschich- ten von Hennegau und Südbrabant zu dem Alluvialboden der flandrischen Ebenen über- gehen und hier zu solcher Tiefe absteigen, daß künstliche Deiche und Polder das Einbrechen der Meerswellen abwehrcn müssen, wo die natürlichen Schutzwehren der Dünen Lücken lassen. Mit den Haidestreckcn der Campine im nordöstlichen Theile von Antwerpen beginnt zwar eine der Küste parallele Zone unfruchtbarer Landstriche, doch die Cultur weist ihnen immer engere Grenzen an. Die undurchdringlichen Sümpfe der Moriner und Mcnapier, an denen sich Cäsar's Kriegskunst und die Tapferkeit seiner Legionen bra- chen, sind jetzt ausgctrocknet und gelichtet, zu üppigen Feldern geworden, von hohen dichten Pflanzungen eingefaßt, welche in der Ferne gesehen, das Land als einen grünen Wald erscheinen lassen, in Wirklichkeit aber nur zahlreiche zerstreute Wohnungen zwischen Äckern, Gräben und Wiesen zeigen, die der zerstreuten Gefcchtsart des Parteigängerkriegs ein willkommenes Terrain bieten. Die reiche Bewässerung des Landes wird mit Ausnahme der unterhalb Nieuport mündenden Aperle durch die Systeme der Schelde und Maas übernommen, welche beide Flüsse schiffbar von Frankreich aus das Land betreten, die aber beide im Königreich der Niederlande münden. Die Hauptzuflüffe der bei Antwerpen 2160 F. breiten und 30 F. tiefen Schelde sind Lys, Denker und Rüpel, aus Neethe und Dyle gebildet; die der Maas sind Sambre, Ourthc und Roer. Die günstigen natürlichen Hydro- i graphischen Verhältnisse sind mit großem Vortheil zu Kanalanlagen benutzt worden, welche ! Brüssel und Löwen mit der Rüpel, Brüssel mit Charlcroi, MonS mit Conde, Ostende mit ! Brügge und Gent und dieses mit Terneuzen in Verbindung sehen. Nach den Beschlüssen > der Kammern von 1842 ist auch das lange aufgcschobene Project der Kanalisation der Campine angenommen worden, wodurch die Urbarmachung jenes Gebiets schnell gefördert werden wird. Das Klima trägt in den der See benachbarten Ebenen einen fast brit. oceanischen Charakter, welcher durch einen milden gleichmäßigern Typus sich auszeichnet vor den höhern Landesgegendcn im Südosten, wo heißere Sommer mit kältern Wintern schroffer wechseln und wo bei vorherrschender Rauheit in den obern Plateaustrecken sogar der Wolf noch ein Asyl sucht. Eine solche mit der äußern Landesnatur Hand in Hand gehende Klimaverschie- benheit gibt B. eine größere Pro d u ctenmannichfaltigkcit als dem Königreiche der Niederlande. Während die Ardennenwaldungen einen bedeutenden Holzreichthum liefern, so bietet die Ebene Getreide aller Art, Hülsenfrüchte, Ölgewächse, Hanf, Flachs, besonders schön in Flandern, Taback in Westflandern, viel Hopfen, Farbekräuter und Cichorien. Die Arden- ^ nenwälder sind reich an Wild verschiedenster Art; die Abhänge und Thäler des Berglandes, wie die fetten Wiesen des Flachlandes begünstigen die Rindvieh-, Schaf- und Pferdezucht, wenn auch erstere nicht in so schönem Maße wie in Holland, und die Küsten des Meers bieten dem Fischfang ein weites Feld. Das Mineralreich liefert außer beträchtlichen Ausbeuten i an Blei, Kupfer, Galmei, Alaun, Torf, schönem Marmor, der glänzend schwarz bei Vise ; 179 Belgien (Geogr. u. Statist.) und Theux gefunden wird, Kalkstein und Schiefer, und nächst England die werthvollstcn Schätze an Eisen und Steinkohlen. Die jährliche Roheisenproduction läßt sich bei der schwan kenden Zahl der im Gange befindlichen Hohöfen zu dem jährlichen Durchschnitt von 100— 110000 Tonnen annehmen. Der Stcinkohlcnreichthum lagert in den drei Hauptbassins von Mons, Lüttich und Charleroi, welche jährlich an 3,200000 Tonnen Kohlen, also ungefähr ebenso viel wie ganz Frankreich, liefern. Unter den Mineralquellen haben die Stahlquellen zu Spaa die größte Berühmtheit. Die Bewohner sind ein Mischvolk deutscher und keltischer Abkunst, in welchem die Stämme der Flamländer und Wallonen gegenwärtig noch durch Festhalten der flämischen und wallonischen Mundart, neben Deutschen, Holländern und Franzosen, die ihre Muttersprache bewahren, hervortreten. Unter diesen verschiedenen Sprachdialekken hat das Französische als Sprache des Umgangs derhöhern Stände und der ober« Staatsbehörden den Sieg davon getragen. Die Volkszahl von fast 3,200000 Menschen auf dem angegebenen Flächenraume (mit Ausschluß der holländ. Antheile von Luxemburg und Limburg) stellt B. in relativer Hinsicht durch die Durchschnittszahl von 1600 Menschen ans einer OM. an die Spitze der bestbevölkerten Staaten des europ. Continents. Ein solches, im Allgemeinen einem jeden Handels- und Jndustrielande mit überwiegend städtischer Bevölkerung eigenthümliches hohes Zahlenvcrhältniß wird besonders durch die Provinzen Brabant, West- und Ostflandern hervorgerufen, wie aus den Angaben für die Periode von 1830 ersichtlich ist, wo Antwerpen 311151, Brabant 621012, Westflandern 636053, Ostflandern 119366, Hennegau 66I10I, Lüttich 310I1I, Limburg 169960, Luxemburg 113119, Namur 238862 und folglich ganz B. 3,013162 E. zählte. Der Vergleich mit der Volkszahl des 1.1831, die sich damals auf 3,185813 stellte, ergibt in dem Zeiträume von neun Jahren eine Zunahme von 1"/»» Procent, welche Zahl bei den sich immer fester gestaltenden Nationalinteressen und sich immer mehr emporschwingcnden Handels- und Jndustrieverhältniffen noch höher steigen wird, wie sich denn schon am Schlüsse des J. 1831 die Volkszahl auf 3,111602 belief. Die Dichtigkeit der Bevölkerung in den Provinzen ist sehr verschieden; im I. 1830 kamen auf eine OM. in Antwerpen 1129, jn Brabant 10319, in Westflandern 10958, in Ostflandern 13265, in Hennegau 9155, in Lüttich 1119, in Limburg 3873, in Luxemburg 2183 und in Namur 3608 E- Die ländliche Bevölkerung verhält sich zur städtischen ungefähr wie 3 zu I, da man am Ende des 1.1831 in den 86 Städten 1,006117 und in den 2329 Landgemeinden 3,111385 E. zählte. Im scharfen Gegensätze zu Holland herrscht die katholische Religion vor, denn im Ganzen leben nur 16000 Evangelische und gegen 30000 Juden in den einzelnen Provinzen und namentlich in den größern Städten zerstreut. Die Katholiken werden durch den Erzbischof von Mecheln und die fünf Diöcesanbischöfe zu Brügge, Gent, Tournay, Namur und Lüttich geleitet. Die einzelnen Zweige derphysischenCultur finden mit geringer Ausnahme im Allgemeinen in üppiger Bodenproductivität vortreffliche Stützen. Garten- und Ackerbau blühen; die Viehzucht ist allgemein verbreitet und namentlich die Schafzucht im Limburgischen, der man den weit verhandelten Limburger Käse verdankt, viel besser als in Holland; die Bienenzucht ist in der Campine von Bedeutung und die Seidencultur wird durch hohe Preise zu fördern gesucht. Der Bergbau, besonders auf Eisen und Steinkohlen, spielt eine sehr wichtige Rolle. Der Kohlenbau wird schon an 800 Jahre und gegenwärtig auf 300 Gruben betrieben, obschon das Land auch ziemlichen Reichthum an Hol; hat, was ihm vor England einen wesentlichen Vorzug gibt. Zu diesen unterirdischen Hebeln technischer Cultur gesellen sich die eine dichte Volksmenge nährende Landesproduction, die zum Handel nach außen und innen auffodernde Lage und der wohl zu beachtende Besitz historischer Glanzverhältnisse, um das Land zu einem blühenden Industrieland zu stempeln, das mit England ohne Scheu in die Schranken treten kann. Ihre Wurzeln hatte die belg. Industrie merkwürdigerweise in einem uralten, schon von den Römern in den benachbarten keltischen Gegenden Vorgefundenen Gewerbfleiße. Er hat sich durch alle Zeiten erhalten und ist aus dem wallonischen Flandern in das deutsche herübergewandert. Man kann nicht umhin, die wollwebendcn Atre- baten als Stammväter eines emsigen Geschlechts anzuerkennen, das sich immer weiter nach 12 * i ^ » »4 180 Belgien (Geogr. u. Statist.) Osten und Norden verbreitet hat. Wie die flandrischen Städte früher allein im Besitze pro- ducirender Industrie waren, als der Gewerbfleiß nur innerhalb der Stadtmauern gedeihen konnte, wo allein Gesetzlichkeit und Ordnung Schutz fand, so hat auch die neueste Losrci ßung B.s vom Holland. Nachbar nur günstig auf die innere Entwickelung gewirkt. Ein Staat, der mit drückender Schuldenlast seine Existenz angctreten, der zwischen Nationen eingeengt ist, deren Flaggen in den fernsten Oceanen in reichen Colonialbesitzen gebieten, dessen schiffbare Ströme im Nachbarlande münden und dessen Volk weder durch Abstammung und Sprache noch durch geistige Bildung zu einer natürlichen Nationalmasse gcstal- tct ist, muß nothwendigerweise darauf bedacht sein, erst seine inner« Kräfte zu stärken, zu steigern und zu einen, bevor er nach außen streben kann. Das hat B- wohl erkannt, cs hat seit dem Beginn seiner Selbständigkeit den Blick nach innen gewandt und in Förderung der Industrie und des Handels die Grundpfeiler einstiger Größe und wirklicher Nationalkraft kennen gelernt, kräftig unterstützt durch die willige Natur und das schon vorhandene reiche Material. Die fünf Hauptindustriezweige sind Leinen-, Wollen-, Baumwollen-, Leder- manufacturen und Metallwaarensabriken. Hauptsitze der Leinenmanufactur sind die Gegenden von Courtray und Brügge in Westflandern, Gent in Ostflandern, Brüssel in Brabant, Mccheln in Antwerpen und Tvurnay im Hennegau. Flandern allein producirt für an Mill. Francs Leinwand; berühmt sind die Batist- und Damastwebereien von Brügge; einen alten Weltruf haben die brabantcr oder brüsseler Spitzen, die am besten in und um Brüssel, Mecheln, Löwen und Brügge geklöppelt werden, zu denen Courtray und Mecheln den feinsten Zwirn liefern und von denen der Preis bis zu 500 Fl. für die Elle steigt. Für die Wollenmanufactur ist Verviers nebst seinen Umgebungen, Limburg, Ensival, Francomont und Hodimont, der wichtigste Mittelpunkt. Jährlich werden hier in 200 Fabriken mit 30V« Stühlen und 60—70 Dampfmaschinen über II0000 Stücke des feinsten, meist aus deutscher Wolle fabricirten Tuchs geliefert. Außerdem werden noch Tuche gefertigt zu Antwerpen und Löwen; Zeuge und andere Wollenstoffe zu Brügge, Mecheln, Gent und Brüssel; große Teppichfabriken bestehen zu Brüssel und Tournay; viel Strümpfe werden im Hennegau gewebt. Die vorzüglichsten Baumwollenmanufacturen sind zu Gent und Lockeren in Ostflandern, zu Brügge und Courtray in Westflandern, zu Brüssel, Löwen und Ander- lecht in Brabant, zu Tournay und Mons im Hennegau, auch zu Antwerpen. Wie bedeu- tcnd dieser Industriezweig war, zeigen die Spinnereien von Gent, welche allein wöchentlich an 80000 Kilogr. Garn lieferten; doch die Trennung von Holland hat durch den Verlust der Ausfuhr nach den Kolonien in neuerer Zeit wesentliche Rückschritte in dieser Branche hervorgerufen. Die Ledermanufactur hat zwar in Mastricht einen wichtigen Markt an Holland überlassen, indessen erzeugt auch die limburgisch-belgische Umgebung dieser Stadt viel , vortreffliches Leder; andere wichtige Punkte für die Ledcrfabrikation sind Lüttich undSta- ^ belot, Namur und Dinant und vorzugsweise auch Brügge und Gent, wo allein jährlich an > 70000 Häute bearbeitet werden. Die Metallfabrikation wird durch den Rcichthum des rohen Materials unterstützt und zwar in einem vcrhältnißmäßig sehr hohen Grade, weil B. in der Holzkohle ein zu vielen Verarbeitungen besseres Mittel besitzt, als die Kohks sind. Während man in England fast nur durch Coaks erzeugtes Roheisen kennt und allerdings auch in B. bereits 1788 Versuche mit Coaksschmelzung gemacht wurden, so kam diese Methode doch erstt 82 4 durchCsckerill (s. d.) in Anwendung, durch den die Metallindustrie einen neuen bedeutenden Schwung erhielt. Gegenwärtig besitzt B. einige 40 Hohöfen mit Kohks und 80 mit Holzkohlen, welche freilich nicht alle im Gange sind, aber doch besonders in und um Lüttich, Namur, Charleroi und Mons einen äußerst thätigen Hüttenbetrieb begründen und weltberühmten Eisengießereien, Messer-, Feilen- und andern Eisen- und Stahlfabriken die Existenz geben. Große Stückgießereien bestehen zu Lüttich und Mecheln, berühmte Gewehr- und Maschinenfabriken zu Lüttich, Nagelschmieden zu Charleroi, Blechhämmer und Walzwerke bei Lüttich und im Hennegau, Draht- und Messinghütten bei Namur, Zinkwaarenfabriken zu Lüttich, Bleiröhren- und Schrotwerkstätten zu Gent, und Ateliers vorzüglicher Gold- und Silber- waaren zu Brissel und Gent. Außer den fünf Hauptbranchen der belg. Industrie verdienen > folgende Etablissements noch besonderer Erwähnung: die Hutfabriken zu Mecheln mit weit verbreitetem Handel; die Papierfabriken in den Provinzen Namur, Lüttich und Brabant; co- len eist» ien m, m- al- zu ^ hat dn ^Lfl iche >er- Ze- !ra- für >ge> ^ um »eln die >ont 1V« eut- oer- stli )en> erm derbe»- tlich llust nche hol- viel > sta- ! Han des lB, sind, ings hode eucn »mit »ich, ihm- ' :ben. men- ittich »ich, Iber- ienen ! weil rant; Belgien (Geogr. u. Statist.) 181 die Glasfabrikation im Hennegau, Namur, Lüttich (Herstall) und Brabant; die Porzellan- und Fayencefabriken zu Tournay, Brüssel, Mons und Gent; die berühmten Kutschenfabriken zu Brüssel, wo Wagen zu 30VV0 Francs geliefert werden; die Zuckersiedereien in Antwerpen, Brügge, Ostende, Gent, Mons, Brüssel und Löwen; die lackirten Holzwaaren von Spaa u.s.w. An den großartigen Förderungen so vieler Jndustrieerzeugnisse nimmt die Anwendung der Dampfkraft einen mächtig eingreifenden Antheil; über 1000 Dampfmaschinen arbeiten mit einem Aufwande von mehr als 20000 Pferdekraft, was dem von 480000 Menschen entspricht. So bedeutungsvoll der große innere Reichthum an Natur- und Kunstproducten für den Handelsverkehr B.s ist, so war derselbe doch stets in großer Abhängigkeit von den äußern historischen und politischen Verhältnissen. Allen Nachbarländern vorausgeeilt, hatte B. unter der Anführung von Brügge schon um die Mitte des 13. Jahrh. einen blühenden Handel begründet durch regelmäßigen Verkehr mit den Italienern. An die Stelle von Brügge trat nach der Entdeckung Amerikas und in Folge der neuen Richtungen des Handels Antwerpen, das als ein nordisches Venedig dem ganzen belg. Handel seine Glanzperiode vcrschasste. Hatte schon die Unglücksperiode des span. Drucks und der niederländ. Freiheitskämpfe den Handel B.s tief gebeugt, so gab der Fall von Antwerpen das Signal der allgemeinen Zerrüttung, worauf der westfälische Friede ihn vollends untergrub, da das mächtig gewordene Holland die Sperrung der Schelde durchsetzte. Nur kurze Zeit nährte B. durch Unterstützungen seines damaligen Herrscherhauses, besonders unter Joseph II., während des nordamerik. Freiheits- kampfcs die Hoffnung eines neuen Aufschwungs seines Handels, gestützt auf die Bedeutung, welche Ostende als Freihafen erlangt hatte. In Folge der Eroberung der Niederlande durch die Franzosen am Ende des 18. Jahrh. wurde die Schcldeschiffahrt wieder frei und durch Napoleon Antwerpens Hafen wieder restaurirt und vergrößert, aber freilich auch zum Kriegshafen gemacht. Noch kräftiger für das Wiedererblühen des Handels wirkte, auf Kosten Amsterdams, die Vereinigung B.s und Hollands durch den wiener Congreß; doch kaum war man zu den freudigsten Hoffnungen berechtigt worden, da drohte die Revolution und Spaltung des I. 1830 mit neuem Sturze. Durch den londoner Tractat vom 19. Apr. 1839 wurde die für B.s Handel entscheidende Scheldesrage insofern zu Gunsten Hollands gelöst, als dasselbe von jedem Schiffe l'/-Fl. für die Tonne Zoll erheben durfte, welche Beschränkung ein Beschluß der Repräsentantenkammer vom 18. Mai 1839 durch die Rückerstattung des Zolls an sämmtliche Schiffe aufzuheben suchte. Die durch den Tractat für die Schiffahrt auf den Binnenwässern zwischen Schelde und Rhein beabsichtigte Gleichstellung holländ. und belg. Schiffe mußte B. mit einer Rente von 600000 Fl. erkaufen, und nachdem schon im Juni 1839 neue Befehle der holländ. Regierung die Vergünstigung vernichtet, wurde 1843 mit neuen Opfern ein nun von beiden Parteien ratificirter Schiffahrtsvertrag zu Stande gebracht. Die Krisis, welche der Entfaltung eines freiem Verkehrs vorausging, hat B. nicht ungenützt gelassen zu den kräftigsten Vorbereitungen im Innern. Während sich zur Concentrirung der Kräfte Associationen bildeten, unter denen die 8ociete cle commerce «ie »ruxelles und die u812 betrug die Bruttoeinnahme der 182 Belgien (Geogr. u. Statist.) Eisenbahnen 7,461550 Francs. Zu diesen Erleichterungen eines erweiterten Handels gesellt sich die Sorge der Regierung für den Abschluß von Handelsverträgen, die regelmäßige Verbindung mit überseeischen Staaten, wie sie bereits mit Südamerika besteht, und das Bestreben, den Verlust des Colonialverkehrs zu ersehen. Zu diesem Behufs hat die Regierung die Bildung einer Colonisationsgesellschaft bestätigt, welche unter Souverainetät der Republik Guatemala von dieser die Provinz Vera-Paz zur Colonisirung erhalten hat, und auch bereits unter Leitung des Ingenieurs Simons 60 Arbeiter nach dem vortrefflichen Hafen Santo-Thomas abgesandt hat, zur gründlichen Vorbereitung für die nachfolgenden Ansiedler. Wenn auch die Abschließung des Handelstractats mit Frankreich gegenwärtig mehr zu bezweifeln ist als früher, so werden die Nachtheile gegenwärtiger Störungen doch bei dem industriellen Sinne B.s nur vortheilhafte Folgen haben; es wird immer mehr auf die Ent- Wickelung einer nationellen Selbständigkeit hingewiesen und gleichsam genöthigt werden, seine alte Stellung im Weltverkehre in dem erweiterten Kreise einer überwiegenden Seerichtung zu suchen. Schon standen Ende des I. 1842 auf der Liste der belg. Rhederei 147 Kauffahrteischiffe, von denen aber nur zwei, das Dampsboot British Queen und der Dreimaster Makassar von 630 Tonnen Last als große Schiffe zu betrachten. Die Gegenstände der Ausfuhr sind, wie aus den Anführungen der Erzeugnisse der physischen und technischen Cultur, die alle mehr oder minder in den Activhandel eingreifen, ersichtlich ist, viel mannich- faltiger als die der Einfuhr, welche vorzugsweise in Baumwolle, Wolle, Wein und Colonial- waaren bestehen. Die Ausfuhr betrug im I. 1831 nur 104 Mill., im 1.1835 aber schon über 160,700000 Francs, von der mehr als der vierte Theil nach Frankreich ging. Die Münzen sind den ftanz. fast gleich; man prägt Goldstücke zu 20 und 40, Silberstücke zu 5, 2, I,und /4 Francs und Kupfermünzen zu 10, 5,2 und l Centime. Die geistigeBildung des belg. Volks steht den praktischen Richtungen im Verfolgen der materiellen Interessen noch sehr nach. Ein Haupthinderniß einer gedeihlichen geistigen Entwickelung war das Untereinandergreifen und die Vermischung der Sprachen; eine nationelle Literatur fehlt gegenwärtig noch und somit das veredelnde Band eines einmüthi- gen Nationalismus. Die bildenden Künste, besonders Malerei und Baukunst, verdankten allerdings dem Neichthum der flandr. Städte und dem Glanze des burgund. Hofes eine schöne Blütezeit; dagegen vermochte die freie intellectuelle Entfaltung weniger Spielraum zu gewinnen, und noch bis jetzt wird der elementaren Schulbildung eine nur untergeordnete Sorge gewidmet. Die Schulen sind meist sehr ärmlich dotirt und unterrichten durchschnittlich kaum die Hälfte der des Unterrichts bedürftigen Kinder. Die höhere Ausbildung ist den vier Universitäten zu Gent, Lüttich, Löwen und Brüssel, welche letztere erst am 20. Nov. 1834 eröffnet wurde, überlasten, und es läßt deren Frequenz sich auf 1000 — I >00 Stu- dirende annehmen, sodaß also einer auf ungefähr 4000 E. kommt. Die monarchisch- constitutionclle Verfassung in ihrer gegenwärtigen Gestalt ist ein Product der Revolution vom J. 1830, wo es galt, die Principien der Volksvertretung zum Wohle des Landes zu organisiren. Der Gesetzgebende Körper besteht aus der Repräsentantenkammer in den beiden Kammern der Senatoren und der Abgeordneten; ein verantwortliches Ministerium steht unter dem Vorsitze des Königs an der Spitze der Verwaltung, unterstützt durch Gouverneure der einzelnen Provinzen. Das Ministerium besteht aus den Abtheilungen des Innern, der auswärtigen Angelegenheiten, der Finanzen, der Justiz und des Kriegs. Die Justizverfassung hat die ftanz. Ordnung der öffentlichen Gerichtsbarkeit bcibehalten. Die Staatseinnahmen und Ausgaben betragen gegen 05 Mill. Francs, nachdem durch den londoner Vertrag festgestellt war, daß B. vom l. Jan. 1839 an mit einer jährlichen Rente von 5 Mill. holländ. Fl. zu Gunsten Hollands belastet bleiben solle, und daß die Capital« dieser Rente von dem großen Buche der niederländ. Schuld in das der belg. überzutragen und somit förmlich der belg. Nationalschuld zu assimiliren seien. Unter den Ausgaben des I. 1838 nahm das Budget der öffentlichen Schuld allein 13,523000 Francs in Anspruch und das der öffentlichen Bauten gegen 8 Mill. Francs, welche Summe mit dem schnellen Fortschreiten der Eisenbahnanlagen ebenso rasch abnimmt, wie der Antheil des Kriegsdepar- tcments, der gegenwärtig einen Friedcnsetat von fast 33 Mill. Francs erfodert. DerFriedens- bcstand der belg. Armee beträgt 2803 Offiziere, 33440 M. und 8380 Pferde, ausschließ- Belgien (Geschichte) 183 lich das Sanitätspersonal von 300 M. Der Kriegsfuß des nach ftanz. Muster eingerichte- ten Heers beträgt nach Hinzuziehung der die deutsche Landwehr vertretenden Reserveinfanterie 8000«» M. Die Marine ist noch in der Bildung begriffen. Die wichtige strategische Lage des Landes, das von Deutschland aus der Schlüssel zu Frankreich ist und seine Ebenen zum Wahlplatze entscheidender Völkerschlachten erkoren sah, im Verein mit den historischen Schicksalen fremder Zwingherrschaft, ist Ursache des Vorhandenseins mehrer wichtigen Festungen, unter denen Antwerpen, Ostende, Nieuport, Aper», Tournay, Mons,Philippeville, Charleroi und Namur die wichtigsten sind. Die Haupt- und Residenzstadt ist B r ü sse l (s. d.). An der Grenze von Gallien und Deutschland bildeten zur Nömerzeit die südlichen Nieder- lande, unter dem Namen belxios, einen Theil des erstem Landes. Ihre Bevölkerung war aus keltischen und einigen deutschen Stämmen gemischt, während in Batavicn und Friesland das german. Element überwog. Unter der Mnkischcn Herrschaft im 5. und 6. Jahrh. ward letzteres auch in den südlichen Gebieten vorherrschend; doch schon frühe bildete sich ein politischer Unterschied zwischen beiden Niederlanden in ihrer Vertheilung an Neustrien und Austrasien, der später im Vertrag von Verdun wieder zum Vorschein kam, indem die neustrischen Provinzen, Flandern und Artois, unter die Oberhoheit Frankreichs kamen, die austrasischen aber, darunter Brabant, beim Deutschen Reiche blieben. Bis Ende des 11. Jahrh. gewann, seit der Auflösung des karolingischen Reichs, das Lehnwesen immer mehr an schneller Ausbreitung. Die einzelnen südlichen Provinzen wurden Herzogthümer oder Grafschaften. Die Grafschaft Flandern, die vor allen durch Gewerbe und Handel an Macht und Reichthum zunahm, vertheidigte in langem Kampfe ihre Selbständigkeit gegen die Verschmelzung mit dem fränkischen Königreiche. Sie kam nach dem Aussterben des Mannsstamms der flandrischen Grafen 1385 an das Haus Burgund, das im Anfänge des 15. Jahrh. durch Heirath, Erbschaft, Kaufund Vertrag auch alle andern niederländ. Provinzen vereinigte, nachdem schon zu Ende dcS 13. Jahrh. die brabantischen Herzoge durch die Vereinigung Limburgs mit Brabant den Grund zu einer ausgedehntem Herrschaft gelegt hatten. Die burgundischcn Regenten verfolgten den Plan der Gründung eines mächtigen Zwischenstaats zwischen Deutschland und Frankreich und bekämpften darum im Innern den verstrebenden demokratischen Geist der rasch ausblühenden Städte. Das begonnene Werk der Herstellung einer unbeschränktem Fürstengcwalt, durch das Unterliegen Karl des Kühnen und die thcil- weise Zerstückelung seiner Herrschaft unterbrochen, ward durch Kaiser Karl V. fortgesetzt, den Enkel Kaiser Maximilian's und der Erbin von Burgund, durch deren Vermählung die Nie- verlande zu Anfang des 16. Jahrh. an Ostreich gekommen und als burgundischer Kreis dem Deutschen Reiche einvcrleibt worden waren. Mit der Thronentsagung Karl's V. fielen sämmt- liche Niederlande an Philipp II. und sollten fortan nach Primogeniturrccht mit Spanien vereinigt bleiben. Kaum hatte der Friede von Chateau-Cambresis im I. 1559 den Angriffen Frankreichs ein Ziel gesetzt, als die religiösen Irrungen der Reformation und die despotischen Eingriffe Philipp's in die Rechte der Stände und Provinzen den langen Bürgerkrieg entzündeten, der mit der Unabhängigkeit der nördlichen Niederlande endete, während in B. mit der Herrschaft Spaniens auch die des Katholicismus behauptet und befestigt wurde. Für kurze Zeit ward B. durch die Cession Philipp's H. im 1.1598 an seine Tochter Jsabella und ihren Gemahl, Erzherzog Albert, ein selbständiges Reich, und es geschah Manches unter dieser Regierung für die Ordnung der inner» Zustände, wie z. B. durch die Sammlung der die Justizpflcge betreffenden Verordnungen in dem 1611 publicirten Lllit peepetuel. Die Ehe Albcrt's blieb aber kinderlos. Das seitdem durch Statthalter regierte B. fiel also an Spanien zurück, wurde in den Verfall dieser Monarchie hincingerissen und in den Kriegen gegen Frankreich und Holland den ersten Angriffen bloßgestellt und meist aus seine Kosten der Friede erkauft. Im pyrcnäischen Frieden von 1659 kamen die Grafschaft Artois, Thion- ville und andere Gebiete an Frankreich; neue Eroberungen der Franzosen, anerkannt durch den Frieden zu Aachen von 1668, rissen Lille, Charleroi, Oudcnaarde, Courtray u. s. w- ab, die zwar theilweisc im nymwegcner Frieden an B. zurückfielen, wogegen dieses aber andere Gebietstheile mit ValcncienneS, Nieuwport, Cambray, St.-Omer, Charlcmont verlor und im ryswijcker Frieden von 1697 nur theilweisc wiedererhielt. Nach dem Abschlüsse dieses Vertrags, in den letzten Jahren Karl's 1l. von Spanien, suchte die Regierung dem gesunkenen 184 Belgien (Geschichte) Wohlstände durch eine neue Zollgesetzgebung, sowie ans andere Weise aufzuhelfen, und namentlich dem Nachtheile der im Interesse Hollands stipulirten Schließung der Schelde durch Anlage von Kanälen zu begegnen. Allein diese Verbesserungen blieben durch den Ausbruch des durch den utrcchter Frieden vonl 713 beendigten langwierigen span. Succefsionskriegs ohne Erfolg. Durch diesen Friedensschluß kam B. an Ostreich, das jedoch im sogenannten Barriere- kractat den Holland. Generalstaaten ein Besatzungsrecht in den wichtigsten Festungen an der franz. Grenze nebst andern Befugnissen einräumte, namentlich auch die fortwährende Schließung der Schelde anerkannte. Auch die 1722 von Karl VI. gegründete Handelsgesellschaft zu Ostende wurde 1731 dem holländ. Einflüsse wieder geopfert. Im östr. Erbfol- gckriege von 1744 an eroberten die Franzosen fast das ganze Land, das erst durch den aache- ner Frieden von 1748 wieder in den ruhigen Besitz Ostreichs kam. B. blieb unberührt vom Siebenjährigen Kriege, und in der langen Friedensperiode seil dem Frieden zu Aachen hob sich der Wohlstand unter der mildern östr. Regierung, die namentlich die noch bestehenden ständischen Gerechtsame in den einzelnen Provinzen geraume Zeit hindurch unangetastet ließ. Besondere Verdienste um eine verbesserte Verwaltung er- warb sich unter Maria Theresia, deren Name noch jetzt bei dem Volke gefeiert ist, der Statthalter in den belg. Provinzen, Prinz Karl von Lothringen. Die Regierung ihres Sohns und Nachfolgers, Joseph's II., begann unter Zwistigkeiten mit Holland, das sich zur Aufhebung des Barrieretractats verstand, worauf mehre der wichtigsten Festungen geschleift wurden. Dagegen scheiterte Joseph in seinen Versuchen, die Freiheit der Schelde zu erzwingen. Noch folgenreicher wurden seine Misgriffe der innern Politik. Durch seine Neuerungen verletzte er sowol die religiösen Sympathien des Volks, als die ständischen Gerechtsame, deren von ihm angelobte Aufrechthaltung die in der äo^ense entree für Brabant, Limburg und Antwerpen ausdrücklich festgesetzte Bedingung des Gehorsams war. Die Unruhen begannen mit einem gewaltsam unterdrückten Aufstande der Studirenden auf der streng katholischen und ihrer bisherigen Privilegien beraubten Universität zu Löwen. Darauf folgten Eingriffe in die Provinzialverfassungen, Verweigerung der Abgaben von Seite der brabantischen Stände, Unruhen und schwankende Maßregeln der Regierung, wonach die beabsichtigten Reformen bald gewaltsam durchgesetzt werden sollten, bald wieder die früher» Zustände theilweise hergestellt wurden. Zahlreiche Misvergnügte wanderten aus und organisirten sich militairisch in Holland und im Lüttichschen. Ein abermaligcrRückschritt, die Wiedereinsetzung der 1788 förmlich aufgehobenen Universität zu Löwen, steigerte nur den Muth der Insurgenten, deren Haupt van der Noot erklärte, daß Brabant Joseph's II. Herrschaft nicht mehr anerkenne. Die Ausgewanderten fielen in B. ein, überraschten mehre Forts, brachten den Ösireichern bei Tournhout eine Niederlage bei und breiteten sich mehr und mehr im Lande aus. Am 11. Dec. 1789 brach in Brüssel selbst der Aufstand aus und die östr. Garnison ward durch Cavitula- tion zur Räumung gezwungen. Schon am 26. Dec. erklärten sich die brabanter Stände für unabhängig. Die übrigen Provinzen folgten, constituirten sich am 11. Jan. 1796 als vereintes B. zu einem eigenen Staate und stellten einen Congreß an die Spitze der öffentlichen Angelegenheiten, der die von Ostreich gemachten Vorschläge der Aussöhnung zurückwies. Nur Luxemburg, wo sich die östr. Truppen unter General Bender zusammengezogcn hatten, wurde im Gehorsam gehalten. Unter dem Einflüsse der ersten Bewegungen der franz. Revolution spalteten sich mehr und mehr die belg. Insurgenten in eine aristokratische und demokratische Partei, deren Hader dein General Bender die Wiederbesetzung der Provinz Limburg erleichterte. Nach Joseph's II. Tode erließ Leopold II. am 3. März 1790 eine Erklärung, worin er die Herstellung und Garantie der frühem Verfassungen verhieß. Da sein Antrag verworfen wurde, schlug er ebenso erfolglos die Vermittelung der Streitpunkte durch einen im Haag zu haltenden Congreß vor. Jetzt fiel das verstärkte östr. Armeecorps gegen Ende des Nov. 1790 in B. ein und unterwarf dieses, ohne irgendwo auf bedeutenden Widerstand zu stoßen. Die staatsrechtlichen Zustände zu Ende der Regierung Maria Theresia's wurden hergestellt und der abermalige Widerstand der Stände ward durch strenge Maßregeln gebrochen. Aber die kurze Frist der Ruhe ging schon mit dem Ausbruche des franz. Revolutions- kricgs zu Ende. Nach wechselnden Erfolgen brachte der Feldzug Pichegru's im 1.1794 B. unter franz. Einfluß, das vorerst als besondere Republik organisirt, durch die Frieden von Belgien (Geschichte) 18S Campo-Formio und von Luneville im I. l 802 aber an Frankreich abgetreten und in neun Departements eingetheilt wurde. B. folgte hiernach allen Schicksalen der fratiz. Republik und des Kaiserreichs, erhielt den Code Napoleon und wurde in Hinsicht der ganzen Verwaltung auf franz. Fuß organisirt. Der Sturz Napoleon's und der erste pariser Friede vom 30. Mai 1813 brachten Holland und B-, nach mehrmonatlicher Verwaltung des letzter» durch einen östr. Generalgouverneur, unter die Herrschaft des Prinzen Wilhelm Friedrich von Oranien-Nassau, der am 23. März 1815 den Titel eines Königs der Niederlande an- nahm, worauf der londoner Vertrag vom 19. Mai 1815 und später die Beschlüsse des wiener Kongresses vom 31. Mai und die Schlußacte vom 9. Juni 1815 die Verhältnisse des neuen Königreichs regulirten. Hiernach wurden Lüttich und einige Gebietstheile an der Maas damit vereinigt, während Luxemburg, als besonderes Großherzogthum, zum Deutschen Bunde kam. Der zweite pariser Friede von 1815 verstärkte die Südgrenze der Niederlande durch einige neu hinzugekommene Bezirke mit den Festungen Philippeville, Marien- bourg und Bouillon. Die schwer versöhnlichen Gegensätze in Nationalität, Sprache, Glaube und Lebensweise zwischen dem reformirten holländ. Handelsvolke und den streng katholischen, Ackerbau und Gewerbe treibenden Belgiern, deren legislatorische Sprache das von den gebildeter» Classen wenigstens verstandene Französisch ist, traten schon bei der Einführung der neuen Verfassung aufs schärfste hervor. Zu den Bestimmungen dieser Constitution, die in B. lebhafte Opposition erweckten, gehörten hauptsächlich die dem Könige ausschließlich zugewiesene Leitung der Colonien und dieVertheilung des der Zustimmung der Generalstaaten bedürfenden Budgets der Ausgaben und Einnahmen in der Art, daß die ordentlichen und fixen Ausgaben, sowie die Mittel und Wege dafür, nur alle zehn Jahre, jährlich aber nur die außerordentlichen Ausgaben notirt werden sollten. Die Beziehung B.'s zu der gesammten holländ. Schuldenlast, die Anerkennung der vollen Freiheit des Cultus, die Unverantwortlichkeit der Minister, da wenigstens der Grundsatz der Verantwortlichkeit nicht deutlich ausgesprochen war, die auf die bloße Urtheilsfällung beschränkte Öffentlichkeit des gerichtlichen Verfahrens, endlich die Vcrtheilung der Repräsentation zwischen den nördlichen und südlichen Provinzen, wonach die Zahl der Abgeordneten für beide Haupttheile des Königreichs die gleiche war, während nach dem Verhältnisse der Population von den 110 Deputaten auf das stärker bevölkerte B- nicht weniger als 68 gekommen sein würden. Überhaupt war diese Verfassung, namentlich auch in dem Institut der Provinzialstände, die zugleich Wahlcollegicn für die Ernennung der Mitglieder der zweiten Kammer der Generalstaaten waren, nach allen wesentlichen Bestimmungen aus den besonder» Interessen und der ganzen Geschichte des öffentlichen Lebens der nördlichen Provinzen sichtlich hervorgegangen. Einige Abweichungen vom herrschenden Geiste des neuern konstitutionellen Staatsrechts, zur größern Beschränkung der monarchischen Gewalt, wodurch unter Anderm dsm Könige die Befugniß der Auflösung der Generalstaaten entzogen und er in der Ernennung der richterlichen Behörden an die Theil- nahme der Provinzial- und Generalstaaten gebunden war, konnten mit andern Gebrechen der Verfassung nicht aussöhnen oder wurden zum Thell selbst als Mängel empfunden. So kam es, daß der einer Versammlung der niederländ. Notabeln vorgelegte Constitutionsentwurf zwar einstimmig von den holländ. Abgeordneten angenommen, aber von der Mehrzahl der belg. (796 gegen 527) verworfen wurde. Nur durch eine willkürliche Deutung des ne- girenden Votums eines Theils der verwerfenden Notabeln, sowie durch eine Fiction, wonach die nicht Zustimmenden als bejahend angenommen wurden, konnte man eine erkünstelte Majorität für die Annahme der Constitution zu Stande bringen. Diese wurde daher von Anfang an von der Mehrheit der Belgier als aufgedrungen betrachtet, und die Opposition war um so bedeutender, als der durch die Gleichstellung der Confessioncn verletzte Klerus, unter der Führung des Bischofs von Gent, Herzogs von Broglie, an ihrer Spitze stand. Fortan geschah indessen unter der holländ. Regierung auch in B. nicht wenig für die Förderung des materiellen Wohlstandes. Schon 1818 wurde in allen Provinzen die Errichtung von landwirthschaftlichen Gesellschaften angeordnet, die sich vielfach bewährten; es wurden Armencolonien angelegt, im I. 1822 ein den Bedürfnissen derJndustrie mehr angemessenes Maulhsystem geschaffen und namentlich 1823 die Bank von Brüssel gegründet, durch 186 Belgien (Geschichte) deren Vermittelung neue industrielle Gesellschaften entstanden, neue Zweige des Gewerbflek- ßes hervorgerufen und dem Handel weitere Kreise geöffnet wurden. Auf der andern Seite nahmen aber auch die Ausgaben sowie das jährliche Deficit immer mehr zu, und zur Deckung des wachsenden Aufwands sah man sich zur Erhöhung der Verbrauchssteuern, bald auch zur Einführung der verhaßten und besonders auf den untern Nassen schwer lastenden Schlacht- und Mahlsteuer gcnöthigt, die in dem landwirthschaftlichen B. verhältnißmäßig noch drückender als in Holland empfunden wurde. Hierzu kam das im I. 1822 neu organisirte, mit gco- ßen Gerechtsamen ausgerüstete und in seinen ersten Operationen wol auch heilsame Amor- kissementssyndicat, das aber bei dem Mangel aller Öffentlichkeit und aller Controle immer > mehr den Charakter eines unpopulaircn und gehässigen fiscalischen Instituts annahm. Diese finanziellen Neuerungen wurden in den Generalstaatcn durchgängig durch die große Mehrheit der holländ. Abgeordneten, in Verbindung mit einer ministeriellen Fraction der belg. De- putirten, durchgesetzt. Die Opposition in B. fand daher immer neue Anhaltpunkte, und dir Regierung gab ihr dadurch nur größere Stärke, daß sie sichtlich auf eine Verschmelzung drr beiden LandeSthcile im holländ. Sinne hinarbeitete. Vor Allem suchte sie den Widerstand des Kathvlicismus zu brechen, stieß aber gerade bei der Behandlung der geistlichen Angel«, genheiten und derjenigen des Unterrichts, der Natur der Sache nach, auf wachsende Schwierigkeiten. Schon wegen der verweigerten Eidesleistung eines Theils des Klerus auf die Con- § stitution hatte sich zwischen der katholisch-belg. und der holländ. Presse ein immer heftiger werdender Streit erhoben. Die gegen einzelne Geistliche, welche ein besonders lautes Wort führten, angewandte Strenge, wonach mehre wegen ihrer Schriften gerichtlich verfolgt wur- ^ den und der Fürstbischof zu Gent selbst in eine infamircnde Strafe verfiel und mit seinen Generalvicarien der geistlichen Jurisdiction beraubt ward; der Einfluß, den sich die Regierung auf den Religionsunterricht in den katholischen Schulen durch Beschränkung desjenigen der Geistlichkeit zu verschaffen suchte; die Aufhebung der von den Bischöfen errich- teten geistlichen Schulen, der sogenannten Kleinen Seminarien; endlich die Errichtung des , der geistlichen Beaufsichtigung gänzlich entzogenen sogenannten Philosophischen Collegiums ! in Löwen, dessen Besuch den künftigen Candidaten des geistlichen Amts zur Pflicht gemacht wurde, und mehrcs Andere rissen die Kluft zwischen der Negierung und derkatholischenPartn immer tiefer. Andere Maßregeln erregten kaum geringere Erbitterung und trieben außer den eifrig Katholischen auch die Liberalen in immer schärfer« Gegensatz gegen das Gouvernement. Dahin gehörten namentlich die in den I. 1818, 1819 und 1822 gemachten Versuche, den s Gebrauch der holländ. Sprache in allen gerichtlichen und administrativen Verhandlungen obligatorisch zu machen, wogegen allgemeine Beschwerden erhoben wurden. Ein weiterer Grund der Unzufriedenheit war die Zurücksetzung der Belgier im bürgerlichen und militairi- scheu Staatsdienste, sodaß z. B. im Anfänge des I. 1839 unter 117 Beamten des Ministeriums des Innern nur 11, unter 192 Beamten des Kriegsministeriums nur 3 und unter 1573 Jnfanterieoffizicrcn nur 273 Belgier waren, also immerhin ein auffallendes Misver- hältniß sich bemerkbar machte, wenngleich im Ganzen die Zahl der zum Staatsdienst Befähigten aus den südlichen Provinzen eine verhältnißmäßig geringere als im Norden war. Die ' überall hervortretende Unzufriedenheit fand in der periodischen Presse B.s zahlreiche Organe und vergrößerte sich noch mehr, als die verfassungsmäßige Preßfreiheit durch besondere Verfügungen und harte Verurtheilungen in den immer zahlreicher werdenden Preßprocessen fast illusorisch gemacht wurde. Jede zeitweise Nachgiebigkeit der Regierung wurde nur als Schwäche ausgelegt und steigerte die Ansprüche; selbst die endliche Vereinigung mit dem päpstlichen Stuhle über das Concordat vom 18. Juli 1827, auf der Grundlage des zwischen Napoleon und Pius VII. abgeschlossenen, beschwichtigte nur für kurze Zeit die katholische Partei. Auf neuen Anlaß zu Beschwerde» kam vielmehr eine Koalition zwischen der katholischen und liberalen Opposition zu Stande, welche letztere beredte und eifrige Vertheidiger, wie dePotter (s. d.), TilemanS u. A-, an ihrer Spitze hatte. Diese Coalition vereinigte auch in den Generalstaaten beinahe die Hälfte aller Stimmen und bekam durch die von der Regierung, gegenüber den Generalstaaten, hartnäckig verweigerte Anerkennung des Grundsatzes der ministeriellen Verantwortlichkeit um so größeres Gewicht. In Folge von dem Allen stieg im Volke die Gährung so hoch und wurde so allgemein, daß die sehr bedcutendeu Belgien (Geschichte) 187 Csncessionen, wozu sich jetzt die Negierung verstand, namentlich die Abschaffung der verhaßten Schlacht- und Mahlsteuern, die Aufhebung der die Anwendung der Holland. Sprache betreffenden Gebote und die Modification der Bestimmungen über die Organisation des Philosophischen Collegiums zu Löwen erfolglos blieben und nur als abgedrungen erschienen. Das Budget wurde blos mit der Majorität Einer Stimme votirt. Die Negierung sah sich darum zu weiterer Nachgiebigkeit veranlaßt, während die Presse mit wachsender Kühnheit die Abstellung sämmtlicher Beschwerden foderte, indem sie zum Theil auf das Princip der Volkssouverainetätfußteund daraus die Grundlagen eines verfassungsmäßigen Zustandes zu entwickeln suchte. Auch hatte der 1828 wegen eines Angriffs gegen das Ministerium verhaftete de Potter von seinem Gefängnisse aus den Anstoß zu einer Menge Petitionen gegeben, womit die Kammer von 1829 überhäuft wurde, und in demselben Jahre hatten sich in einem großen Theile B.s zahlreiche constitutionclle Vereine organisirt. Dies Alles erwiderte die gereizte Regierung am 11. Dec. 1829 mit einem strcngcrn und von einer Botschaft an die Kammer begleiteten Preßgesetzentwurfe, nach Verwerfung des von den Deputirten in freisin- nigerm Geiste beantragten Entwurfs. Die Erklärung des Königs bezeichnete die Constitution als eine blos octroirte und als die völlig freiwillige Beschränkung der monarchischen Gerechtsame, die ganze Ovposition aber als die Schuld einiger Fanatiker und Irregeleiteten. Diese königliche Botschaft mußte von den Beamten aller Grade, unter Androhung der Entlassung, binnen 24 Stunden unterzeichnet werden, und mehre Beamte, die sich als Anhänger der Opposition zu erkennen gegeben, wurden wirklich abgesctzt. Noch mehr stieg die Aufregung, als zu Anfang des J. 1830 de Potter, Tilemans, Bartels und de Newes in Folge eines Preßprocesses zu mehrjähriger Verbannung verurtheilt wurden, aber nun von Frankreich aus ihre Angriffe in der Presse fortsetzten. Bei dieser Lage der Dinge brach die Julirevolstion in Frankreich aus, und zur Steigerung des allgemeinen moralischen Eindrucks, den dieses erschütternde Ereigniß machte, fanden sich nun auch aus Paris zahlreiche Emissäre in Brüssel ein, welche direct auf eine revo- lutionaire Bewegung hinwirkten. Am 24. Aug. 1830 sollte der Geburtstag des Königs durch Illumination und Feuerwerk gefeiert werden, aber Beides unterblieb. Die Aufführung der Oper „Die Stumme von Portici" gab am folgenden Tage den nächsten Anlaß zu einer ernstlicher» Bewegung. Starke Volkshaufen, die sich zum Theil mit Waffen versahen, zertrümmerten die Druckerei des ministeriellen Journals „Kations!", zerstörten und verbrannten oder verwüsteten die Häuser des verhaßten Journalisten Libry-Bagnano, den Justizpalast, das Haus des Justizministers van Maanen (s. d.) und des Policeidircctors. Nach mehren Tagen der Unordnung wurden die inzwischen organisirte Bürgergarden Meister des Aufstandes, nachdem die königlichen Wappen abgerissen und die brabantischen Fahnen aufgepflanzt worden waren. Ähnliche Auftritte, in deren Folge sich überall die Bürger bewaffneten und Sicherheitscommissionen errichteten, hatten in Lüttich, Mons, Löwen und allen'andern größern belg. Orten statt. Aus vielen Städten gingen hierauf Deputationen nach dem Haag ab. Noch war indeß keine Rede von der Gründung eines selbständigen belg. Staats; man beschränkte sich auf das Verlangen einer administrativen Trennung der nördlichen und südlichen Landestheile und foderte die Abstellung der Beschwerden. Der König berief die am 13. Sept. eröffncten und selbst von den meisten belg. Abgeordneten besuchten Generalstaaten nach dem Haag, um über die beantragten Abänderungen der Constitution zu berathschlagen. Die Holland. Deputirten aber wußten einen definitiven Beschluß darüber zu verzögern und einer der belg. Abgeordneten, Baron de Stassart, kam mit einer die Ge- müther wieder entflammenden Erklärung über vergebliche Bemühungen aus dem Haag nach Brüssel zurück. Ein neuer Aufstand, durch das Gerücht eines beabsichtigten Angriffs holländ. Truppen veranlaßt, gab den untern Volksclassen und ihren Führern die Waffen und Gewalt "t bie Hand, worauf am 20. Sept. die bisherigen Behörden abgesctzt und eine provisorische Regierung gebildet wurde, an deren Spitze, außer de Stassart (s. d.) auch der noch in Paris weilende de Potter berufen war. Während es nun zu Angriffen von Seite des bewaffneten und militairisch organisirten Volks gegen die Vorposten der unter dem Prinzen Friedrich in Antwerpen versammelten Truppen kam, luden auf der andern Seite Diesen einige Bür- gcr in Brüssel, welche dieHcrrschaft desPLbels und dcrAnarchie fürchteten, zu der als leicht 188 Belgien (Geschichte) ausführbar geschilderten Besetzung der Stadt ein. Der König gab die Genehmigung und Prinz Friedrich erließ am 21. Sept. eine Proclamation, worin er unter Anderm die Haupt- anstifter der Unruhen und die unruhigen Fremden mit der Strenge der Gesetze bedrohte, auch der Bürgergarde die Ablegung der von ihr angenommenen Farben anbefahl. Dies war die Losung zum Kampfe. Mit 9VVV M. war Prinz Friedrich am 21. Sept. auS Ant- werpen ausgezogen; am 23. griff er Brüssel an, bemächtigte sich des obern Theils, konnte sich aber in der untern Stadt nicht behaupten. Den Insurgenten in Brüssel, mit denen sich schon nach dem Ausbruche der ersten Unruhen eine Schar Lütticher vereinigt hatte und die an dem span. Flüchtlinge, Juan van Halen, einen tüchtigen Führer gefunden, kam aus der Nachbarschaft während des Gefechts immer mehr Hülfe zu und nach viertägigem Kampfe war Prinz Friedrich genöthigt, sich mit sehr starkem Verluste nach Antwerpen zurückzuzie- hen. Nach diesem Siege breitete sich der Aufstand rasch über ganz B. aus. Am 4. Oct. erklärte die provisorische Regierung, nach dem inzwischen stattgehabten Einzuge de Potter's in Brüssel, die Unabhängigkeit B.s.; sie berief eine Versammlung für die Ernennung eines Regenten und die Annahme einer Verfassung und erklärte zugleich das Großherzogthum Luxemburg für einen Bcstandtheil des neuen Staats. Jetzt war das Band zwischen Holland und B. zerrissen, und erfolglos blieb der Versuch des Prinzen von Oranien, dieses Land dadurch seinem Hause zu erhalten, daß er es als unabhängiges Reich zu regieren und sich an die Spitze der Bewegung zu stellen erklärte. DerKönig von Holland selbst erklärte diesen Schritt des Prinzen für ungültig und proclamirte am 24. Oct., er werde B. bis zur Entscheidung des in London versammelten Ministercongresses der Großmächte sich selbst überlassen, doch inzwischen die Festungen Antwerpen, Mastricht und Venloo besetzt halten. Indessen rückten belg. Truppen in Antwerpen ein und brachen die früher mit dem Commandanten der Citadclle, General Chasse (s. d.), abgeschlossene Kapitulation, worauf dieser die Stadt, zu großem Schaden für diese und mit besonders beträchtlichem Verluste an Waaren, bombar- dircn ließ. Dies erweiterte die Kluft zwischen B. und Holland noch mehr und ries zugleich lebhafte Rcclamationen der betheiligken Kaufleute des Auslandes gegen Holland hervor. Zn , B. selbst kam es hier und da zu anarchischen Pöbelscenen; doch erhielt bald im Ganzen die für die Einführung einer unabhängigen konstitutionellen Monarchie gestimmte Mehrheit drS Klerus, des Adels, der reichen Grundbesitzer und Kaufleute das Übergewicht, sodaß ebenso- wol die republikanische Partei, mit de Potter an der Spitze, als die einer Vereinigung B.S mit Frankreich Geneigten, in den Hintergrund traten. Der am l 0. Nov. versammelte Na- tionalcongreß proclamirte theils einstimmig, theils mit sehr großer Majorität, die Unabhängigkeit B.s und unter Ausschließung des Hauses Oranien vom belg. Throne die cvnstitu- tionelle Monarchie nach dem Zweikammernsystem. Inzwischen constituirte sich die londoner Conferenz, schrieb am 4. Nov. 183V durch ein erstes Protokoll den von beiden Theilen angenommenen Waffenstillstand vor und erkannte am ^ 20. Dcc. die Auflösung des bisherigen Königreichs der Vereinigten Niederlande an. Weitere > Protokolle setzten die allgemeinen Bedingungen der Auseinandersetzung fest; aber diese vom i Haager Cabinet angenommenen Trennungsgrundlagen wurden vom belg. Nationalcongreffe verworfen und hierauf von der Conferenz bedeutend modificirt. In dieser veränderten Gestalt sind sie unter dem Namen der 18 Artikel bekannt geworden. Im belg. Congresse, der am 23. Febr. 1831 den Baron Surlet de Chokier (s. d.) zum provisorischen Regenten ernannte, war indessen die Berufung des Herzogs von Seuchtenberg, dann am 3. Febr. 1831 die des Herzogs von Nemours auf den belg. Thron beschlossen, aber von den Großmächten verworfen worden, da weder ein Prinz der fünf Hauptmächte noch der Herzog von Leuch- tenberg zum Könige ernannt werden sollten. Die Wahl fiel hierauf auf den Herzog Leopold (s. d.) von Sachsen-Koburg, der unter der Bedingung einer Annahme der 18 Artikel durch den belg. Congreßsich bereit erklärte, und als diese Annahme am 9. Juli 1831 erfolgt war, am 21. seinen Einzug in Brüssel hielt. Jetzt verwarf aber Holland die 18 Artikel und ließ zu Anfang des Aug. 183 l eine Armee unter dem Prinzen von Oranien in B. einrückcn, welche die noch schlecht organisirten belg. Truppen bei Hasselt und Löwen schlug nnd zersprengte. «Selbst die Eroberung der Hauptstadt wurde nur durch das schnelle Einrücken einer franz. Hülfsarmee unter Marschall Gc'rard verhindert, worauf sich die Holland Truppen und upt- >hte, war Slnt- INt! sich ) die aus »pst uzie- i.er- in ums hum land )da- ndie hritt >ung ffe», esim aber t,j» ibai- jleich . 3 » n die t dlS enso- B.S Na- ihän< siitu- Hein eam sikcre vom zrcff- Ge- !, der :nten 83l chten euch- Leo- rtikel folgt lund ickcn, d;er- einer lppcn Belgien (Geschichte) 189 wieder über die Grenze zurückzogen. Aus neue Unterhandlungen erhielt zwar Holland vor- kheilhaftere Bedingungen durch die nun von der Konferenz beschlossenen 24 Artikel, wies diese jedoch gleichfalls zurück, während B. sie annahm. Hierauf erfolgte der Beschluß von Zwangsmaßregeln gegen Holland, die Blockade der Schelde und der Holland. Küste durch eine engl.-franz. Flotte, sowie das abermalige Einrücken eines franz. Heers, das nach 24tägiger Belagerung die von den Holländern noch besetzte Citadelle von Antwerpen für B. eroberte, dem sie am l. Jan. 1333 übergeben wurde. Ein Vertrag zu London vom 21. Mai 1833 machte sodann den Zwangsmaßregeln ein Ende. Bis zum Definitivtractat blieb Holland im einstweiligen Besitz Lillos und Liefkenshoeks, B. in dem von Luxemburg, mit Ausnahme der Festung und ihres Nayons, sowie Limburgs. Dieser Status qu» dauerte fünf Jahre und wurde von B. zur Vollendung seiner Organisation und zur Hebung seines Wohlstandes mit großem Erfolge benutzt. Die in mannichfachcr Beziehung sehr merkwürdige neue Verfassung, die in vielen ihrer Artikel den Charakter der Opposition gegen die unter der holländ. Herrschaft als besonders drückend empfundenen Bestimmungen trägt, erkennt die Gleichheit aller Belgier vor dem Gesetze an, die Aufhebung jedes Ständeunterschieds, das Recht der Association und Versammlung, die Freiheit der Meinungsäußerung und die des Unterrichts, sodaß die Nothwendigkcit eines Fähigkeitsbeweises für die Ertheilung desselben völlig beseitigt ist und dem Staate, nach den Bestimmungen der hierüber zu erlassenden Gesetze, das Recht der Errichtung von Lehranstalten in keinem Hähern Grade als jedem einzelnen Bürger zuerkannt wurde. In gleicher Ausdehnung ist die Freiheit jedes religiösen Cultus und seiner öffentlichen Ausübung garantirt, sodaß diese nur durch die policeiliche Rücksicht auf die Erhaltung der öffentlichen Ordnung beschränkt sein soll, während übrigens der Staat, in voller Trennung von der Kirche, kein Recht der Einmischung hat in die Ernennung oder Einsetzung der Dimer irgend eines Cultus, in den Verkehr des Klerus mit seinen geistlichen Obern und hinsichtlich der Bekanntmachung der religiösen Verordnungen. Damit in einigem Widerspruch, der sich aber aus dem in B. herrschenden Geiste des Katholicismus erklärt, steht die Bestimmung, daß der Staat die Besoldung der verschiedenen Geistlichen übernimmt und daß der bürgerlichen Trauung stets die priesterliche Einsegnung vorhergehen soll. Das Königthum in B. ist erblich nach Primogeniturrecht, jedoch mit beständiger Ausschließung der Frauen und ihrer Nachkommenschaft. Dem König, der an der Spitze der vollziehenden Gewalt steht und namentlich das Recht hat, eine oder auch beide Kammern aufzulösen, sowie den öffentlich verhandelnden beiden Kammern kommt die gesetzgebende Gewalt und ihre Initiative zu. Die 98, aufvier Jahre gewählten Mitglieder der Repräsentantenkammer werden von den Staatsbürgern ernannt, die auf dem Lande ein Minimum von 20 — 30, in den Städten von20 — 80 Fl. Steuer entrichten. Die aus der halben Zahl der Repräsentanten bestehenden, auf acht Jahre ernannten und alle vier Jahre zur Hälfte zu erneuernden Senatoren werden durch dieselben Wähler berufen, müssen aber wenigstens 40 Jahre alt sein und in der Regel wenigstens 1000 Fl. directe Steuern bezahlen. Jedes Jahr votiren die Kammern das Budget. Auch der Bestand des Heers wird jährlich ihrer Berathung unterworfen. Für Verfassungsänderungen müssen nach vorgängiger Erklärung darüber von Seite des Senats und der Repräsentanten neue Kammern berufen werden. Das Gerichtsverfahren ist öffentlich; in Criminalsachen, politischen und Preßvergehen entscheiden Geschworenengerichte Für ganz B. besteht ein Cassationshof, der über Formfehler und bei Minifierprocesscn entscheidet und dessen Mitglieder vom Könige aus einer vom Senat und Cassationshose gebildeten Liste ernannt werden. Die Appellationsgerichtsräthe werden gleichfalls vom Könige aus einer Doppelliste dieser Gerichtshöfe und der Provinzialräthe gewählt. Von besonderer Wichtigkeit waren die Gesetze über Gemcindewesen und Provin- zialverfaffung, über deren Vollendung mehre Jahre verstrichen, und deren erstere 1842 weitere Modifikationen erhielten, von denen die wichtigste ist, daß der König nicht mehr blos aus dem von den Gemeindewählern ernannten Gemcinderathe, sondern auch aus den andern Gemeindewählcrn die Bürgermeister ernennen kann. Selbst hinsichtlich der Absehbarkeit der letztem sind ihm weitere Befugnisse eingeräumt worden. Im Allgemeinen blieb jedoch der Autonomie der Eemeinderäthe und Provinzialräthe, sowie dem Wirkungskreise der von 190 Belgien (Geschichte) letzter» gewählten ständischen Ausschüsse, eine weite Grenze gesteckt. Sehr eigenthümlich aber mit den Bestimmungen über die Unterrichtsfreiheit zusammenhängend ist die durch organisches Gesetz beschlossene Errichtung einer aus sechs Commissionen bestehenden Prü- fungsjury für Diejenigen, die sich der gerichtlichen oder ärztlichen Praxis oder einem akademischen Lehramtc widmen wollen. Daran knüpften sich die schon 183-1 cingeleiteten, aber später modisicirten und 1812 von beiden Kammern genehmigten gesetzlichen Bestimmungen über den Elementarunterricht, wodurch die Verbindlichkeit der Gemeinden zur Errichtung von Elementarschulen in den Orten, wo nicht durch freie Schulen hinlänglich für den Un- terricht gesorgt ist, näher regulirt, zugleich die Stellung der Geistlichen zu den Schulen festgesetzt und für die Errichtung höherer Primärschulen Vorsorge getroffen wird. Üntc> dm großen industriellen und commerziellen Unternehmungen B.s auf Staatskosten, zu deren vollständiger Deckung im J. 1812 ein Anlehn von etwas über 29 Mill. Francs auf günstige Bedingungen abgeschlossen wurde, gehört vor Allem die nach Gesetz vom 1. Mai 1831 begonnene Anlage eines großen Eisenbahnnetzes, insbesondere zur Verbindung des Rhein mit der Schelde, das durch ein Gesetz von 1837 auch gegen die franz. Grenze ausgedehnt wurde. Auch entwickelte sich unter dem Einflüsse der neuen Gesetzgebung der Associationsgeist in allen Richtungen und in außerordentlichem Maße. Selbst die Krisis der ncuer- richteten belg. Bank (s. Brouckere) hemmte nur zeitweise die industrielle Bewegung, obgleich 1838 Unruhen unter den Fabrikarbeitern in Gent, die durch ein orangistisches Com- plott genährt wurden, die vorübergehende Folge davon waren. Schon am 9. Aug. 1832 kam eine Vermählung des Königs Leopold mit der Tochter Ludwig Philipp's, der Prinzessin Luise von Orleans, zu Stande. Der erstgeborene Sohn aus dieser Ehe starb zwar am 9. Mai 1831, doch die spätere Geburt zweier Prinzen -am 9. Apr. 1835 und 21. März 1837 scheint der koburgischen Dynastie die Succession auf dem belg. Throne zu sichern. Durch die Verheirathung des Königs war die Stellung des neugegründcten Königreichs im europ. Staatensysteme befestigt worden. Um so leichter konnte nach der Übergabe der Citadelle von Antwerpen die auf den Wiederbeginn des Kriegs gegen Holland dringende Partei in B. selbst und in den Kammern niedergehalten werden. Schon nach Auflösung der Repräsentantenkammer im Frühjahre 1833 zeigte sich die Mehrheit derselben dem Friedenssysteme der Regierung geneigter. Von einer andern Seite her schien jedoch dieser Zustand eine Störung erleiden zu sollen. Die Opposition des Gouvernements der deutschenBundesfcstung Luxemburg gegen das von der belg. Regierung in Anspruch genommene Recht, die Bewohner des Rayons der Festung zur Erfüllung ihrer Militairpflicht anzuhaltcn, sodann die Verhaftung eines belg. Beamten und dessen Abführung nach Luxemburg im Febr. 1831 erregten große Bewegung in Brüssel und hatten von belg. Seite die Absendung eines Truppencorps nach der Provinz zur Folge. Erst nach länger» Unterhandlungen erfolgte die Beilegung der Sache und die Freigebung des Verhafteten. Zn dieser Streitsache glaubte man um so mehr holländ. Einfluß zu bemerken, da gleichzeitig in B. selbst die oranische Partei wieder kecker das Haupt erhob. Eine hcraussodernde Demonstration derselben erregte Unruhen zu Brüssel, wo am 1.—6. Apr. die Häuser angesehener Oranienmänner geplündert und zerstört wurden. Eine Ministeränderung im Aug. desselben Jahres beseitigte das frühere doctrinaire Ministerium und ersetzte es durch ein gemischtes katholisch-liberaleS; doch gewann in der Verwaltung, wie in den Kammern, zunächst das katholische Element bald ein Übergewicht. Die kurze Herrschaft der Tories in England, von Ende des I. 1831 bis zum Apr. 1835, machte die Aussicht eines Kriegs wahrscheinlicher, und zwang B. zu fortgesetzten kostspieligen Rüstungen. Hierauf folgte eine Zeit der Ruhe bis gegen Ende desJ. 1837, in welcher die Industrie einen raschen Aufschwung nahm und eine neutralisirende dritte Partei der Industriellen oder Bankisten sich zu bilden suchte, aber im Ministerium, wie in den Kammern, den lebhaftesten Widerstand fand. Die Folge davon waren nur einige Modifikationen des Ministeriums, die jedoch die katholische Tendenz vorherrschen ließen, sowie die Creirung eines neuen Departements der öffentlichen Arbeiten fürNothomb (s. d.). Von neuem schien die Ruhe gefährdet, als zu Ende des Z. 1837 die holländ. Regierung Anstalt machte, durch Ausbeutung des grüncwaldcr Forstes Souverainetutörechte im Luxemburgischen auszuüben. Protestationen und militairische De- n j- h fl k» s- m ke ui > w ' dc m ' T R de er B B C> iw D ! de ^ tr< l ge > ve ! dej sin lk > vo I Ur na stn sic, > ein > f°r I jed ini letz ricl for un au ab- Ni ! sch i R l vo S° de N bi Belgien (Geschichte) 191 monstrationen, besonders aber die entschiedene Sprache Frankreichs und Englands, ließen jedoch das Haager Cabinet von seinem Vorhaben abstehen und die belg. Truppen verließen hiernach wieder die von ihnen besetzten Positionen. Nach Feststellung des Status quo im Z. 1833 hatte die londoner Conferenz nur noch schwache Versuche zur Fortsetzung der Unterhandlungen gemacht, die im Aug. 1833 abgebrochen wurden und geraume Zeit ruhten. Erst am 18. Aug. 1836 gab der Deutsche Bund seine Zustimmung zu der in den 24 Artikeln festgesetzten Eintauschung von Limburg gegen einen Theil des Luxemburgischen unter der Bedingung, daß in diesem letzter» von belg. Seite keine Befestigungen angelegt würden. Von der öffentlichen Meinung des Holland. Volks und seiner Vertreter gedrängt, blieb endlich dem Haager Cabinet, nachdem auch die grünc- waldcr Streitsache beseitigt war, keine andere Wahl, als sich erst zur vorläufigen und bald darauf, am 14. März 1838, zur definitiven Annahme der 24 Artikel bereit zu erklären. Die nächste Folge ihrer Vollstreckung mußte von belg. Seite die Räumung von Limburg und eines Theils des Luxemburgischen sein, wogegen nun in B. lebhafte Reklamationen erhoben wurden. Repräsentanten und Senat votirten einstimmig Adressen an die Regierung, die Integrität des Gebiets um jeden Preis zu bewahren; in den betheiligten Gebietstheilen selbst entstand große Aufregung, und es wurden daselbst allgemein die belg. Farben aufgesteckt, was zu ernstem Conflict mit dem Gouvernement der Festung Luxemburg führte. Auch hatten in Brüssel, zumal am 31. Mai, unruhige Bewegungen statt und von Seiten Hollands, wie B.s, wurde gerüstet, während auch Frankreich Truppen zusammenzog, um dem definitiven Confercnzprotokolle vom 22. Jan. 1839, das an der Gebietsabtretung festhielt und nur im Finanzpunkte für B. einige günstigere Bestimmungen enthielt, Nachdruck zu geben. Dies schien den kriegerischen Eifer in B. noch mehr zu entflammen; die Beurlaubten wurden einberufen, Freiwillige aufgefodert, die Garnisonen von Antwerpen und von dem abzu- tretenden Venloo verstärkt und der ehemalige poln. General Skrzynecki zum belg. Divisionsgeneral ernannt. Gegen Letzteres reclamirten die Gesandten Ostreichs und Preußens und verließen Brüssel für einige Zeit. Der Einmüthigkeit der Großmächte gegenüber, gab indessen König Leopold bald nach; Skrzynecki kam außer Aktivität; die beiden kriegerisch gesinnten Minister gaben ihre Entlassung und nach heftigen Debatten erklärten auch die am 16. Fcbr. 1839 berufenen Kammern, die der Repräsentanten jedoch nur mit einer Mehrheit von 16 Stimmen, ihre Zustimmung zum Abschlüsse des Vertrags. Hierauf erfolgte dessen Unterzeichnung am 19. Apr. von Seite des brüsseler Cabinets und der übrigen Mächte, nachdem dies von Holland schon am 4. Febr. geschehen war. Auf den Grund seiner Bestimmungen kam endlich auch die Liquidation mit Holland und die Erledigung der daran sich anknüpfenden Nebenpunkte durch den Vertrag am 19. Oct. 1842 zu Stande. Als die Rüstungen Frankreichs in Folge der oriental. Frage Europa im I. 1840 mit einem Kriege bedrohten, beschlossen die Kammern zur Bewahrung der Neutralität im er- foderlichen Falle die Vermehrung der Armee um 30000 M., oder bis zu 80000 M., ohne jedoch eine Erhöhung des Kriegsbudgets wirklich eintreten zu lassen. Im Innern setzte sich indessen der Kampf zwischen der liberalen und katholischen Partei fort. Die Angriffe der letzter«, zumal der Geistlichkeit, mit dem Bischöfe von Lüttich an der Spitze (s. Bommel), richteten sich besonders gegen die Freimaurer. Die Liberalen dagegen machten die Wahlreform, die Gleichstellung des Census zwischen Stadt und Land, sowie die Kenntniß des Lesens und Schreibens als Bedingung des Wahlrechts zu ihrem Losungsworte, und suchten wol auch durch Verbreitung des Gerüchts, daß es der Klerus auf Wiedereinführung des Zehnten abgesehen habe, ihren Gegnern Eintrag zu thun. Wirklich kam e§ in Lüttich und in der Nachbarschaft zu tumultuarischen Auftritten gegen katholische Missionare und gegen den Bischof. Nach dem Rücktritt des Ministeriums de Theux im März 1840 war das von Lcbcau- Rogier an dessen Stelle getreten, das ein neues Amnestiegesetz erließ und theils zur Deckung von Schulden, theils für industrielle Unternehmungen ein Anlehn von 90 Mill. Francs ne- gocirte. Bald fand aber dieses Ministerium lebhafte Opposition in den Kammern von Seite der katholischen Partei, obgleich es durch die verweigerte Bestätigung des Großmeisters der Freimaurerlogen, de Stassart, zum Bürgermeister von Brüssel, dieser Partei die Hand bieten zu wollen schien. Eine am 17. März 1841 vom Senat beschlossene Adresse soderte 192 Belgrad der König auf, die zur Beseitigung des Zwiespalts im Schoost der Nationalrepräsentatio» dienlichen Mittel zu ergreifen, was von der liberalen Presse als eine Herausfoderung des Adels gegen den Bürgerstand signalisirt wurde und Protestationen der Gemeinderäthe fast aller großem Städte hervorrief. Als jedoch der König die Auflösung beider Kammern, oder wenigstens des Senats verweigerte, gab das immer mehr auf die liberale Seite gedrängte Ministerium seine Entlassung ein und nach einiger Zögerung kam ein neues zu Stande, das als gemäßigt liberal bezeichnet wurde. Diesem Ministerium gehörte als Chef des Kriegsdc- partements der General Buzen an, der sich auf die Anschuldigungen einiger öffentlichen Blätter hin zu Anfang Febr. 1842 entleibte und durch den Generalmajor von Liem erseht l wurde. Der Minister des Innern, Nothomb, erließ bei seinem Amtsantritte ein Circular an die Provinzialgouverneure, worin er die Grundsätze eines Transactionssystems entwickelte. Dieses hinderte nicht einen sehr leidenschaftlich geführten Kampf der beiden Parteien um den Sieg in den am 8. Juni 1841 zur Ergänzung der im Herbst austretenden Hälfte der Ab- geordneten vorgenommenen 48 Wahlen. Materiell trat zwar hierdurch keine Veränderung im Verhältnisse der Repräsentation dieser Parteien ein; doch ist es charakteristisch für du Bewegung des öffentlichen Geistes in B-, daß die Candidaten der Liberalen überall mit starker Majorität, die der Katholiken in den Hauptorten aber nur mit geringer Mehrheit wiedergewählt wurden. Nach den Wahlen legte sich wieder die Aufregung, und um so mehr war dies der Fall, als später die belg. Bischöfe, wahrscheinlich auf Insinuation der röm. Curie, ihr von den Liberalen lebhaft angefochtencs Gesuch um die Verleihung der Ci- vilpersonification an die katholische Universität Löwen im Febr. 1842 zurücknahmen. Inzwischen gab aber die beinahe verschollene orangistische Partei wieder Spuren ihres Daseins. Eine schon 1841 für die Septemberfeste eingeleitcte, später aber in ihrem Ansbruche verschobene Conspiration wurde entdeckt; an der Spitze derselben standen namentlich der General Vandermeer und der Ergcneral Vandersmissen. Der am 28. Febr. 1842 vor den . brösseler Assisen eröffnet! Proccß wies insbesondere nach, daß mehre Bctheiligte über auffal- , lend bedeutende Geldmittel verfügt hatten, wodurch der Glaube, daß die Verschwörung von s außen her angczetkelt oder unterstützt worden sei, allgemeine Verbreitung erhielt. Die Jur» erkannte gegen mehre Betheiligte auf Todesstrafe, die vom Könige in zwanzigjährige Haft f verwandelt wurde, der sich Vandersmissen im Nov. 1842 durch glückliches Entkommen entzog, worauf im Febr. 1843 auch Vandermeer unter dem Versprechen nach Amerika zu gehen, nebst einigen Andern freigelassen wurden. Im besondern Interesse der flandrischen Industrie kam 1842 ein am 16. Juli zu Paris Unterzeichneter und bald darauf von beiden Kammern genehmigter Handelsvertrag, zunächst für vier Jahre zu Stande, wonach die belg. Linnenwaaren bei ihrem Eingangein Frankreich von der kurz zuvor ungeordneten Zollerhö- ^ hung befreit bleiben, dagegen auch eine Verminderung der belg. Eingangsgebühren auf franz. Weine, Seidenwaaren und Salz statthaben soll. Eine Ordonnanz vom 28. Aug. , desselben Jahres dehnte die Frankreich zugestandenen Zollrcductionen, in Erwartung des Resultats der mit dem deutschen Zollverein eröffneten Unterhandlungen, auch auf deutsche Weine und Seidenwaaren provisorisch bis zum 1. Juli 1843 aus. Die schon früher mit Frankreich über eine vollständige Handelsvereinigung angeknüpften Unterhandlungen wur- ^ den in neuester Zeit wieder ausgenommen, versprachen aber nach der Lage der Sache kein Resultat. Vgl. „Öolleetioo cls cbromhues keines ineciilss" (Brüss. 1836—39), Nothomb, „Historisch-diplomatische Darstellung der völkerrechtlichen Begründung des Königreichs B-" (deutsch von Michaelis, Stuttg. und Tüb., 1836), Arendt, „Belgische Zustände" (Mainz 1837) und Loebell, „Neiscbriefe aus B." (Berl. 1837). Belgrad, von den Türken Bilgrad gesprochen, eigentlich aber Darol - Dschihad, d. h. Haus des heiligen Kriegs, im Deutschen Weißenburg, vom slav. bielo, d. h. weiß, und grad oder grob, d. h. Burg oder Stadt, im Ungar. Nandor Feje'rvar benannt, ist eine wichtige türk. Handelsstadt und Festung in Serbien, am Zusammenflüsse der Save-und Donau, mit 36660 E. Sie umfaßt folgende Theile: 1) die Festung, in der Mitte des Ganzen, welche die Donau beherrscht, hohe Wälle, feste Thürme, dreifache Gräben hat, mit Mine» und bombenfesten Kasematten versehen ist und durch einen leeren, 466 Schritt breiten Raum von den übrigen Stadttheilen getrennt ist; 2) die Wasserstadt, den gefälligsten Theil der Stadt, Belial Belifar 193 Mg rdik mit cheit nehr wm wur- lR-> omb, B." lainj ihrd. weiß, eine -und ZLN- rine» lau»' itadt, mit Wällen und Gräben, gegen Norden am Zusammenflüsse der beiden Strome; 3) die Raitzenstadt westlich am Savestrom, mit Palissaden umgeben, und 4) die schlecht gebaute Palanka, welche gegen Süden und Osten die Festung umgibt. In der Festung hat ein Pascha von drei Roßschweifen seinen Sitz; auch ist daselbst die Hauptmoschee, deren es überhaupt 14 gibt. Die Donauschisse ankern oberhalb der Stadt zwischen drei Inseln. An der Mündung des Savestroms liegt die Zigeunerinsel. Durch ihre Lage ein Hauptcommunications- punkt zwischen Konstantinopel und Wien und der südöstliche Schlüssel zu Ungarn, ist die Stadt von hoher strategischer Bedeutung und vielfach der Schauplatz hartnäckiger Kämpfe gewesen. Sie war im Besitze der Griechen, bis sie 1073 der ungar. König Salomo eroberte. Nachher bald in den Händen der Griechen, bald der Bulgaren, Bosnier und Serbier, verkauften sie die Letztem im Anfänge des 15. Jahrh. an Kaiser Sigismund. JmJ. I442vonden Türken mit großem Zeit-und Kostenaufwands vergebens belagert und am 14. Juli 1456, als Hunyades und Capistrano die Belagerten zu Helden begeisterten, ebenso vergebens gestürmt, ward sie endlich 1521 durch Soliman II. erobert. Im 1.1688 von dem Kurfürsten von Baiem, Maximilian Emanuel, mit Sturm genommen, worauf Besatzung und Einwohner unter dem Schwerte des Siegers fielen, kam sie 1690, ebenfalls durch Sturm, wieder in die Hände der Türken, nachdem die christliche Besatzung bis auf 500M. geschmolzen war. JmJ. 1693 vergebens von dem Herzog von Croy belagert, ward sie 1717 durch Capitulation vom Prinzen Eugen genommen, der als Belagerer von 150000Türken eingeschlossen, sich durch einen Sieg über dieselben den Weg in die Festung bahnte. Ohne einen Schuß wurde die Stadt 1739 den Türken übergeben und in dem daselbst geschlossenen Frieden, jedoch mit demolirten Werken, der Pforte überlassen. JmJ. 1789 von Laudon wieder eingenommen, wurde sie im Frieden von 1761 der Pforte zurückgegeben; dann fiel sie in die Hände der Serbier, bei deren Unterwerfung jedoch wieder an die Pforte. Als im I. 1804 Czerny an der Spitze der Serbier gegen den Druck der Dahien, d. h. der zurückgekehrten Vertriebenen, in B. sich auf- lchnte und zu einer Einschließung und Blockade der Stadt überging, welche mit wcchselwcisen Unterbrechungen und oft schwankendem Glücke bis zum Jan. 1807 dauerte, wo Suleiman Pascha die Stadt durch Capitulation übergab, ward in B. ein serb. Senat errichtet, bei welchem Rußland einen Abgesandten hatte; als jedoch im I. 1812 Serbien des russ. Schutzes verlustig wurde, mußte auch B. nach wiederholten Semen grausamen Blutvergießens wieder» um türk. Übermacht weichen. Selbst nach der erreichten mittelbaren Selbständigkeit Serbiens in Folge des Friedens zu Adrianopel (s. d.) wurde der Pforte das Besatzungsrecht von B. mit 3000 M. türk. Truppen zugestanden. Belial ist aus dem hebr. Belijaal, d. h. nichtswürdig, verderblich, entstanden; daher im Neuen Testament Belial oder Bellas der Name eines bösen Geistes. Belidor (Bernard Forest de), einer der ausgezeichnetsten Hydrauliker, geb. um 1698 in Catalonien, studirte mit Eifer die Mathematik und ward dann auf Empfehlung der Akademiker Cassini und Lahire an der neuerrichteten Artillerieschule zu Lafere als Professor angestellt. Durch Versuche glaubte er gefunden zu haben, daß man mit einem Pfund Pulverladung ebenso viel bewirken könne, als mit zwölf Pfund, und theilte diese Entdeckung mit Übergehung des Prinzen von DombeS, damals Oberausscher der Artillerie, dem Cardinal Fleury mit. Der Prinz, darüber entrüstet, entsetzte ihn seiner Ämter und befahl ihm, Lafere zu verlassen. Als Adjutant wohnte er 1742 dem Feldzuge in Baiem bei, rückte sehr schnell zum Obristlieutenant vor, war 1744 mit dem Prinzen von Conti in Italien und 1745 in den Niederlanden, wo er wegen seiner Verdienste bei der Eroberung von Charleroi zum Obrist befördert ward. Nachdem er 1758Director des Arsenals geworden, ward er bald darauf Drigadier und Generalinspector der Minirer. Vom Schlage getroffen, starb er zu Paris 1761. Sein Werk „^rckitedure ii^eleauliepie" (4 Bde., Par. 1737—51) ist ein wahrer Schatz, der in der Geschichte dieser Wissenschaft immer eine glänzende Stelle einnchmen wird. 1 Unter seinen übrigen Schriften ist „Oomdmckier frsn^is" (Par. 1731, 4.) die genannteste. Brllsär, einer der berühmtesten Helden seiner Zeit, dem der Kaiser Justinian den größten Theil des Glanzes seiner Regierung verdankte, war ein Illyrier, wahrscheinlich zu Germania^ vielleicht dem jetzigen Tschermen, eine Tagereise von Adrianopel, aus einer edeln Familie E«nv.-Lex. Neunte Lufl. II. 13 U 194 Belisar Thraziens geboren. Er diente anfangs unter der Leibwache des Kaisers, erhielt dann den Oberbefehl eines Heers von 25000 M. an der pers. Grenze und trug 530 über des pers. Königs Kovad Heer von 40000 M. einen vollständigen Sieg davon. Der Geschichtschreiber Prokopius (s. d.) war damals sein Secretair. Als im nächsten Jahre die Perser in Syrien eingedrungcn waren, um Antiochia zu überfallen, verlor er eine Schlacht gegen sie, zu der ihn die Ungeduld seiner Soldaten gezwungen hatte. Diese von ihm vorhergesehenc Niederlage, die einzige, die er als Feldherr erlitt, veranlaßt seine Zurückbcrufung, Doch auch jetzt blieb er die Stütze seines Fürsten. Die Unruhen der beiden Parteien in Konstantinopel, die sich die Grünen und die Blauen nannten (s. Byzantinisches Reich), setzten 532 das Leben und die Herrschaft Justinian's in die größte Gefahr, und schon war Hypatius zum Kaiser gewählt, als B. mit seiner Leibwache 30000 Grüne in der Rennbahn niederhieb und so die Ruhe herstellte. JmJ. 533 schickte ihn Justinianmitnur l5000 M. nach Afrika, umdasNeich des Vandalenkönigs Gelimer zu erobern. Nach zwei Siegen nahm B. den König mit seinen Schätzen gefangen, den er zu Konstantinopel im Triumph aufführen ließ. Die Spaltungen in der ostgoth. Königsfamilie (s. Gothen) reizten Justinian, Italien unter seine Herrschaft zu bringen. B. eroberte 535 Sicilien und unterdrückte einen Aufstand, der in Afrika ausgebrochen war; im Herbst536 kehrte er nach Sicilien zurück, setzte nachUntcritalien über, dessen Städte ihm, mit Ausnahme Neapels, das mit Sturm erobert ward, die Thore öffneten, und gewann durch Ein- verständniß mit dem Einwohnern Rom am 10. Dcc. 536. Hier ließ er sich, da er zu schwach war, den Gothen im freien Felde die Spitze zu bieten, von ihnen einschließen und vcrtheidigte die Stadt ein Jahr lang gegen ihre Angriffe, bis sie selbst die Belagerung aufhobcn. Zwistigkeiten, die zwischen ihm und Narscs (s. d.), der im Juni 538 ein Hülfshcer nach Italien geführt hatte, ausbrachen, verhinderten beide Feldherren, Mailand zu entsetzen, das nun zu Anfang des I. 530 von Vraias, dem Neffen des Gothenkönigs Vitiges, erobert und zerstört ward. Da rief Justinian den Narses ab, und B. an der Spitze beider Heere versagte dem Vertrage seine Zustimmung, den die Gesandten Justinian's mit Vitiges schließen wollten, als cs diesem gelungen war, den Perserkönig Chosroes zum Einfall in das oström. Gebiet zu bewegen. Er drängte die Gothen nach Ravenna zurück, belagerte diese Stadt und nahm sie durch List im Jan. 540 ein. Ehe er noch die goth. Scharen, die sich in Oberitalien hielten, besiegen konnte, ward er indeß von Justinian abberufen und kehrte, den Vitiges und die vornehmsten Gothen sowie den königlichen Schatz mit sich führend, nach Konstantinopel zurück. Hierauf zog er gegen die Perser, die Antiochia erobert hatten, und schützte Jerusalem. Auch von diesem Feldzug ward er von Justinian, bei dem er verleumdet worden, abberufen. Als aber die Gothen unter Totilas sich Italiens von neuem bemächtigt hatten, ward er 544 wieder gegen sie gesandt, obwol mit unzulänglicher Macht. Dennoch wußte er sich fünf Jahre lang gegen dieselben zu halten und sie zu beschäftigen; ja es gelang ihm sogar, sich RomS, dessen Festungswerke Totilas, als er es erobert, verschonte, zu bemächtigen. Da ihm jedoch trotz aller Bitten vom Kaiser keine Hülfe zugesandt ward, so verlangte er zu Anfänge desJ. 549 seine Zurückberufung. Narses wurde nun sein Nachfolger. Nach zehnjähriger Ruhe zog B. mit einem aus Bürgern und flüchtigem Landvolke schnell zusammengebrachten Heere gegen die Bulgaren, die Konstantinopcl bedrohten, und schlug sie 559. Als er nach Kon- siantinopel zurückgekehrt war, wurde er, der zu Ravenna die ihm von den Gothen angebotene Krone Italiens ausgeschlagen hatte, der Theilnahme an einer Verschwörung beschuldigt und am 5. Dec. 563 seiner Würden und der Freiheit beraubt. Indeß überzeugte sich Justinian doch von der Unschuld desselben und setzte ihn am 9. Juli 564 in seine Würden wieder ein. B. aber starb am 13. März 565. Dichter haben die Geschichte B-'s später vielfach entstellt; so sollen nach Marmontel ihm die Augen ausgestochcn worden sein und er auf den Straßen von Konstantinopel sein Brot erbettelt haben. Nach Tzehes, einem Schriftsteller des 12. Jahrh., soll B. allerdings, als ihn Justinian ins Gefängniß hatte setzen lassen, einen Beutel herabgelassen und die Vorübergehenden angcsprochen haben: „Gebt dem Belisar, den die Tugend erhoben, der Neid unterdrückt hat, einen Obolus." Doch gedenkt weder dieses noch seiner Blendung ein gleichzeitiger Geschichtschreiber. Auch Mahon in der „läte ok 6." (Lond. 1829) hat die Blendung und das Bettlerthum B.'s nicht überzeugend nachzuweisen ver- Bell (engl. Familie) 195 macht. Ein ausgezeichnetes Gemälde des blinden B. lieferte der franz. Maler Gerard; zu einem Trairrrspiele benutzte B.'s Geschichte E. von Schenk. Bell ist der Name einer sehr zahlreichen engl. Familie, von welcher mehre Glieder sich besonders als Chirurgen und anatomisch-physiologische Schriftsteller und Forscher ausgezeichnet haben. Außer dem berühmten BenjaminB. zu Edinburg, gest. zu Anfänge dieses Jahrh., über dessen Lebensverhältnisse nur sehr wenig bekannt geworden ist, erwähnen wir hier besonders die zwei Brüder John und Charles B-, deren Vater ein presbyterianischer Prediger in der Nähe von Edinburg war. Jo h n B. wurde 1762 geboren,widmctesich dem Studium der Medicin zu Edinburg, bereiste dann den Norden Europas und hielt sich namentlich längere Zeit in Rußland auf. Nach seiner Rückkehr ließ er sich in Edinburg nieder und wurde hier Professor der Chirurgie und Geburtshülfe. Nebenbei beschäftigte er sich auch mit anatomischen Untersuchungen, wobei ihm seine Fertigkeit im Zeichnen sehr zu statten kam, welcher wir eine Anzahl mit großer Genauigkeit ausgeführter anatomischer Kupfertafeln, die er selbst stach, verdanken. Die zu große Ausdehnung seines praktischen Geschäftskreises veranlaßt ihn später, seine Lehrerstelle niederzulegen. Er starb am 15. Apr. > 82t) auf einer Reise nach Italien zu Nom. Durch Nichtigkeit und Sorgfalt der Darstellung zeichnen sich aus die mit seinem Bruder Charles herausgegebene „^natomv oktbe bumän ball)" (4 Bde., Lond. 1793 — 1894; 4. Aust., 3 Bde., 1823; deutsch von Hcinroth und Rosenmüller, 2 Bde., Lpz. 1806—7, mit Kpf.), „Logrsvings ok tbe bones, innscle» snck joints" (Lond. >794; 2. Aust. >809, 4.), „LnAinvings ok'tbe arteries" (Lond. 1801; 2. Aust., 1809, 4.), „LngrsvinFS ok tbe brain an«! tbe nervss" (Edinb. 1803), „KnFravings ok tbe viscera etc." (Edinb. 1804), die letztem vier auch unter dem Gesammttitel „lUnstratiiiH ok rils aimtvin)' ok tbe luiman bock)-". Ferner erschienen von ihm „Oiscourses ou tbe Nature snck eure okvvouncks" (Edinb. 1793; 2. Aust., 1812), und nach seinem Tode „Observation» kaites en Italis, ;>articuberement zur le» bsanx-arts" (Edinb. 1825, 4.) und „?rin- ciples ok »nrAer) vvitb engravings" (4 Bde., Lond. 1826). — Charles B-, geb. 1781, stu- dirte unter Leitung seines Bruders Medicin zu Edinburg, begab sich dann 1803 nach London, wo er anfangs besonders die Eeburtshülfe ausübte, sich dann aber vorzugsweise der Anatomie widmete und bald als Lehrer derselben am Collegium der Wundärzte angestellt ward. Bei der Stiftung der Universität zu London im 1.1828 wurde er zum ersten Professor der Physiologie und Therapie ernannt und 1833 in den Ritterstand erhoben. Im 1.1836 folgte er dem Rufe als Professor der Chirurgie nach Edinburg, wo eil am 18. Apr. 1842 starb. B. war unstreitig einer der größten Anatomen und Physiologen der neuesten Zeit; besonders verdankt ihm die Lehre von der Struktur und den Functionen des Nervensystems im gesunden wie im kranken Zustande ausgezeichnete Bereicherungen, ja er muß geradezu als Schöpfer der ganzen neuen Nervenphysiologie bezeichnet werden. Auf dem Wege der einfachen Beobachtung des anatomischen Verlaufs der Nerven und der pathologischen Kasuistik in der Praxis gelangte er zur Ansicht, daß die Nerven eines jeden Organs im Verhältniß zur Mannichfaltigkeit seiner Verrichtungen complicirt seien und daß namentlich die vordem Rückenmarkswurzcln blos die Bewegung, die hintern mit einem Ganglion versehenen blos die Empfindung vermitteln, eine Entdeckung, welche ihm Magendie vergebens streitig zu machen suchte. Die Ähnlichkeit des fünften Nervenpaares mit einem Rückenmarksnerven führte ihn zu derJdee, daß sich dessen Wurzeln ähnlich verhalten müßten, und Beobachtung wie Experiment thaten ihm dar, daß die Sensibilität des Gesichts nur durch Zweige von den größern Wurzeln dieses Paares, die Bewegung der Muskeln des Gesichts aber nur durch das siebente Paar vermittelt werde, wodurch sich zugleich die Lehre vom Gesichtsschmerze bedeutend umgestalteke. Außer dem mit jseinem Bruder herausgegebenen Handbuch der Anatomie und den anatomischen Kupfcrtafeln erwähnen wir von seinen Schriften: „System ok operative sur^er)" (2 Bde., Lond. 1807—9; 2. Aufl. 1814; deutsch von Kosmely mit Vorwort von Gräfe, 2 Bde., Berl. 1815), „Ontkeckiseasesok tbe uretbra" (Lond. 1819,4. Aust., 1833; deutsch, Weim. 1821), „bingravings kroms specimens ok morbi«! parts" (2 Bde-, Lond. 1813—17, Fol.), „Surgi.^ck obrervations" (5 Bde., Lond. 1816—18), „Exposition ok tbe natural System ok tbe nerve» ok tbe bnman bock)" (Lond. 1324; 2. Aust., 1830, 4. mitKpf.; deutsch Von Romberg, Berl. 1832) und „Ibe banck" (Lond. 1834; deutsch, Stuttg. 1836). 196 Bell (Andr.) Bellard Bell (Andr.), s. Bell-Lancaster'schesUnterrichtssystem. Belladonna, Wolfskirsche oder Tollkraut (Atropa bellaöloima), aus der Familie der nachtschattenartigen Gewächse, ist eine krautartige Giftpflanze mit ausdauernder Wurzel in Gestalt eines 4—6 F. hohen Strauchs. Sie trägt Beeren, die einer mittelmäßigen Kirsche gleichen und, wenn sie reif sind, glänzendschwar; aussehen. Die Pflanze ist in allen Theilen, von der Wurzel bis zum Samen, narkotisch giftig. Ihr Giftstoff heißt vorzugsweise Atropin. Schon die Ausdünstung der Pflanze ist widrig und betäubend, und reibt man mit den abgeschnittenen Zweigen oder Blättern die Hand, so entsteht Entzündung; dochvorstchtig angewendet, wird sie zu einem wichtigen Arzneimittel fürMenschen und Thiere. Man trifft sie fast in allen europ. Ländern an. Den Namen Belladonna, d. h. schöne Frau, soll sie erhalten haben, weil man den Saft zu Schminken verwendet. Bellämy (Jakobus), einer der ausgezeichnetsten und beliebtesten holländ. Dichter, geb. am 12. Nov. 1757 zu Vlissingen, gest. am 11. März 1786. Von seiner armen, frühverwitweten Mutter zu einem Bäcker in die Lehre gethan, vermochte doch der ihm inwohnende Hang zur Dichtkunst nicht niedergehalten zu werden. Als seine ersten schwachen Versuche, in denen jedoch das Talent sich nicht verkennen ließ, dem Prediger I. W- Te Water zu Vlissingen, der später Professor in Leyden wurde, in die Hände fielen, nahm sich derselbe des Knaben an und schaffte mit Hülfe edler Menschenfreunde die Mittel, daß B. in seinem 22. Lebensjahre der Backstube entrückt, sich den Studien widmen konnte, worauf er 1782 die Universität zu Utrecht bezog, um Theologie zu studiren. Hier entwickelte sich sein Talent immer rascher, während zugleich der Umgang mit gebildeten Männern seinen Geschmack läuterte. Unter dem Namen Zelandus gab er seine „leugäige gers-iAen" und darauf seine begeisterten und begeisternden „VaUerlsnelscke geüsngeu" heraus, welche 1785 zum ersten Male unter seinem wahren Namen in einer vermehrten Ausgabe erschienen. B. besaß ein wahrhaft poetisches Talent und verband mit tiefer Empfindung einen feinen Geschmack, sowie große Gewandtheit und Leichtigkeit der Darstellung. Sein Einfluß auf den Aufschwung der niederländ. Poesie war von Erfolg, und besonders lieferte er durch seine reimlosen Gedichte den Beweis, daß die holländ. Sprache dazu ebenso geschickt sei, als ihre deutsche Schwester. Sein lieblichstes Gedicht ist die im Gedächtniß aller gebildeten Holländer lebende Romanze „koosje", die an edler Einfachheit und zauberischer Anmuth in der holländ. Literatur kein Gegenstück hat. Eine Handausgabe seiner Gedichte ist unter dem Titel „Oe- äicbten vsn äak,. 6." (Harlem 1826, deutsch 2 Bde., Wien 1790) erschienen. Bellard (Nicolas Franc.), berühmter ftanz. Advocat, geb. am 20. Sept. 1761 zu Paris, gest. am 7. Juli l 826, kam als ein sehr talentvoller junger Mann in seinem 16. Jahre in das Haus des berühmten Juristen Pigeau, der sein Anverwandter war. Hier ward er früh in den praktischen Theil der Jurisprudenz eingeweiht. Indessen fühlte er sich vom Studium der Gesetze nicht sehr angezogen, bis endlich der Ruf Turlin's, Gerbier's und Bonniere's ihn antrieb, sich mit ganzem Eifer auf diese Wissenschaft zu legen. Die Lorbcrn, die Tron- chet erntete, erregten seine Eifersucht dermaßen, daß er einen Augenblick daran dachte, als VertheidigerLudwig'sXVI. aufzutreten. Während der Schreckenszeit lebte er in der Provinz; sobald aber der politische Horizont sich wieder aufgeklärt, eilte er nach der Hauptstadt zurück. Er erhielt eine bedeutende Stelle im Bureau des Ministeriums des Innern, und Napoleon ernannte ihn zum Mitglieds des ersten Generalconseils vom Seinedepartement. Ludwig XVIII. verlieh ihm den Adelsbricf und erhob ihn zum Staatsrathe. Während der Hundert Tage folgte er den Bourbons und vertheidigte die Sache derselben in dem „L-s-ü -ur lu lö- Fitimite" (Brüss. 1815). Nach der zweiten Restauration ward er Generalprocurator und that sich als unermüdlicher Streiter der Legitimität hervor. Namentlich spielte er in dem traurigen Processe Ney's eine große Rolle. Seine Reden, die zum Theil zu den schönsten Musternder juristischen Beredtsamkeit gehören, sind begeistert, phantasiereich, aber nicht immer streng logisch. Er selber veranstaltete eine Auswahl derselben. Auch als Deputirter ij verließ er nie das Banner der Legitimisten und machte sich in seiner Stellung als Generalprocurator durch die Hartnäckigkeit bekannt, mit der er jede freisinnige Regung der Journale verfolgte. Seiner Gesundheit wegen machte er zuletzt noch eine Reise nach Italien. Seine „Oeuvre» compieteo" erschienen in sechs Bänden (Par. 1828). Bellarmin Belleisle 197 Bellarmin (Robert), einer der berühmtesten Jesuiten, ausgezeichnet durch Gelehr» samkeit, Bescheidenheit und Mäßigung in seinen Schriften, durch Anspruchlosigkeit, Freigebigkeit und Frömmigkeitin seinem Leben, waram4.Oct 1522zuMontepulciano imFloren- tinischen geboren. In seinem 27. Jahre nach Löwen geschickt, um dort die Theologie zu lehren, begann er den Kampf gegen die Häretiker, der die vornehmste Aufgabe seines Lebens blieb. Jm J. 1598 zum Cardinal und 1602 zum Erzbischof zu Capua ernannt, starb er am 17. Sept. 1621 im Noviziathause der Jesuiten zu Rom. In der Schrift „Vs potestste pnn- tilie» in temparalibiis" trug er die Lehre vor, daß der Papst über alle Könige gesetzt sei. Sein Hauptwerk sind die im Jesuitencollcgium zu Rom gehaltenen „Disputationes Oscnn- troverrii« liclei al1vers»8 iichiis tem;>nr,8 ksereticos"(3 Bde.,Nom 1581 ; neueste Ausg., 4Bde., Prag 1721, Fol.). Sie gelten in der katholischen Kirche für die beste Rechtfertigung ihrer Lehrsätze; die gelehrteste ist sie offenbar und die gewandteste, aber, wie Gerhard und Dalläus nachgewiesen haben, nicht die gründlichste und ehrlichste. Eine vollständige Ausgabe seiner Werke erschien zu Köln 1619 (7"Bde., Fol.). Belle-Alliancc, ein Vorwerk im Bezirke Nivelles der belg. Provinz Südbrabant, nach welchem die Preußen die Schlacht vom 1 8. Juni 1815 zwischen den Verbündeten und den Franzosen benennen, welche von den Engländern die Schlacht bei Waterloo (s. d.) genannt wird. Bellegarde (Friedr., Graf von), östr. Fcldmarschalllieutenant, geb. zu Chambery in Savoyen imJ. 1753, gest. in Wien am 4.Jan. 1830, stammte aus einer der ältesten savoyi- schen Familien, der auch Claudius Marie von B-, welcher 1730 in kursächs. Dienste trat, 17 32 eine natürliche Tochter König August'sll von Polen heirathete, 1755 alsGesandter in Paris starb und besten Söhne den Grafen Moritz von Sachsen beerbten, sowie der Bruder desselben, Ioh. Franz v on B., angehörtc, der in kursächs. Krwgsdienstenin der Schlacht bei Kesselsdorf 1745 gefangen, im Siebenjährigen Kriege an mehren Höfen als Gesandter war und als Cabinetsminister und Staatssccretair im Kricgsdepartement zu Dresden 1769 starb. B. kam frühzeitig in östr. Dienste und zeichnete sich in den Feldzügen >793—95 so aus, daß er 1796 Feldmarschalllieutenant wurde. Im I. 1797 schloß ermitBonapartcdcn Waffenstillstand zu Leoben und 1799 führte er den Oberbefehl über das Heer, welches die Verbindung zwischen Suworow und dem Erzherzog Karl zu erhalten bestimmt war. Nach dem Feldzuge von 1800 in Italien erhielt er eine der ersten Stellen im Hofkriegsrath, in welchem er nach dem Abgänge des Erzherzogs Karl, 1805, das Präsidium führte. Im Juli desselben Jahres bekam erden Oberbefehl im Venetianischen; > 806 ward er Feldmarschall und Civil- und Militairgouverneur in Galizien und bald nachher Gouverneur des Erzherzog Thronfolgers. Im Feldzuge von 1809 befehligte er das erste und zweite Corps in Böhmen und zeichnete sich bei Aspern und Wagram aus. Nach dem Frieden von Wien war er wieder Gouverneur von Galizien, bis er 1813 zum Präsidenten des Hofkriegsraths ernannt wurde. Sehr bald nachher ward er zur Armee nach Italien gesendet, wo er bis Pia- ccnza vordrang und dort am 16. Apr. einen Waffenstillstand mit dem Vicekonig Eugen abschloß. Als Generalgouverneur der wiedereroberten östr. Provinzen in Italien erwarb er sich die Liebe des Volks in hohem Grade; er kämpfte 1815 gegen Murat am Po, bei Occhiobello und Ferrara und ging, nachdem der Erzherzog Anton zum Vicekönig des lombard.-venct. Königreichs und Graf Saurau zum Gouverneur der Lombardei ernannt worden waren, nach Paris, wo er nun einige Zeit als Privatmann lebte. Später war er wieder Präsident des Hofkriegsraths, bis er im Sept. 1825 wegen Augenschwäche seine Entlassung nahm. Belleisle (Charles Louis Auguste Fouq uet, Grafvon), Marschall von Frankreich, geb.am22. Sept. 1684 zu Villefranche, gest. am 26. Jan. 1761, wurde nach der Belagerung von Lille, im I. 1708, bei der er sich auszeichnete, Brigadier der Armeen des Königs. Nach dem span. Erbfolgekriege ging er mit dem Marschall Villars 1714 nach Nastadk, wo er sich als gewandten Staatsmann zeigte, und 1719 wurde er Marechal de Camp. Die Abtretung Lothringens an Frankreich im I. > 736 war zum großen Theil sein Werk. Der Cardinal Fleury schenkte ihm sein volles Vertrauen; Ludwig XV. gab ihm das Gouvernement von Metz und den drei lothringischen Bisthümern, das er bis an seinen Tod behielt. Vor dem Ausbruch des Kriegs von 1741 reiste er an die ersten Höfe Deutschlands, um sie nach Karl's Vl. IW Bellermann Dellcrophon Tode für die Ernennung des Kurfürsten von Baiern Karl Albert zum röm. Kaiser z» gewinnen, und zeigte dabei so viel Geschicklichkeit, daß er die Bewunderung Friedrich s II. er- regte. Dann trat er nebst Broglie an die Spitze der franz. Armeen, die gegen Maria Theresia kämpften. Er nahm Prag durch Sturm, mußte sich aber, als der König von Preußen einen Separatfrieden geschlossen, zurückziehen und machte diesen Rückzug mit bewundernswürdiger Klugheit. Im Dec. 1741 ward er, auf einer diplomatischen Reise nach Berlin, in Elbingerode im Hannoverischen verhaftet und nach England gebracht, 1746 aber ausgewechselt. Hierauf wurde er General en Chef der ital. Armee gegen die Ostreicher, die er zu einer rück- gängigen Bewegung nöthigte, 1748 zum Herzog und Pair des Reichs erhoben und ihm I74S das Kriegsdepartemcnt übertragen, dem er bis zu seinem Tode Vorstand. Er schaffte bei dem Militair eine Menge Misbräuche ab, erweiterte die Militairschulen und veranlage die Stiftung eines Verdienstordens. Metz erhielt durch ihn eine Akademie. ! Bellermann (Zoh. Joach.), Theolog, bekannt als Alterthumsforscher, insbesondere durch seine Arbeiten im Gebiete der orient. Literatur, geb. am 2-7. Sept. 1754 zu Erfurt, erhielt auf dem Gymnasium und der Universität daselbst, sowie seit 1775 auf der Universität zu Göttingen seine Bildung. JmJ. 1778 nahm er eine Hauslehrerstelle in Esthland anund drei Jahre darauf ging er nach Petersburg. Nach seiner Rückkehr in die Heimat im I. 1781 habilitirte er sich bei der Universität in Erfurt, wurde 1784 zugleich Professor am Gymnasium, bald darauf auch an der Universität Professor der Philosophie und 1790 ordentlicher Professor der Theologie. Gegen Ende des I. > 803 folgte er dem Rufe als Director des damals vereinigten berlinischen und kölnischen Gymnasiums zum grauen Kloster in Berlin, dem er unter wechselnden Schicksalen den bedeutendsten Theil seines thätigen Lebens widmete. Zugleich wurde er in Berlin später außerordentlicher Professor der Theologie an der Universität und königlicher Consistorialrath. Als Director seit Michaelis 1828 emeritirt, feierte er 1833 sein fünfzigjähriges Doctorjubiläum unter großer Thcilnahme und starb am 25. Oct. 1842. Von seinen sehr zahlreichen Schriften sind besonders von Bedeutung: „Bemerkungen über Rußland in Rücksicht auf Wissenschaft, Kunst und Religion" (2 Bde., Erf. 1788); z „Versuch einer Metrik der Hebräer" (Berl. 1813); „Versuch einer Erklärung einiger mor- ! genl.Talismane" (Erf. 1817, mit Kpf.); „Geschichtliche Nachrichten aus dem Alterthmm über Essäer und Theravcuten" (Berl. 1821); „Urim und Thummim, die ältesten Gemmen" (Berl. 1824, mit Kpf.); „Bemerkungen über phöniz. und punische Münzen" (4 Progr., Berl. 1812—16); „Über die Gemmen der Alten mit dem Abraxasbilde" (3 Progr., Berl. 1817—19) und „Über die Skarabäen-Gemmen" (2 Progr., Berl. 1820—21). Belleröphon, ursprünglich Hipponoos genannt, war der Sohn des korinthischen Königs Glaukos und der Eurymede, einer Tochter des Sisyphos. Als er seinen Bruder aus Versehen getödtet, flüchtete er zu Prötus, König von Argos, der den Verwandten gastfreundlich aufnahm und sühnte. Hier faßte die Königin Antea, nach Apollodor Stheneböa, sehr bald eine sträfliche Liebe für den Jüngling, und als er aus Achtung für das Gastrecht ihre Neigung nicht erwiderte, rächte sie sich durch Verleumdung des Unschuldigen bei ihrem Gemahl. Prötus schickte B. zu seinem Schwiegervater Jobates, König von Lycien, mit einer Tafel, worauf für den Überbringer verderbliche Zeichen eingegraben waren. Jobates bewirthete den Ankömmling nach gastfreundlichem Heldengebrauch neun Tage, ehe er ihn um seine Aufträge befragte, und als er am zehnten Tage die Zeichen erkannte und die Absicht der ganzen Sendung verstanden hatte, da scheute auch er sich, Hand an den Fremdling zu legen. Er befahl ihm aber, die feuerspeiende, dreigestaltete Chimä ra (s. d.) zu erlegen, weil er überzeugt war, daß auch der Tapferste diesen Kampf nicht zu bestehen vermöge. Doch B. bekämpft- sie nach Apollodor auf dem geflügelten Pferde Pegasus, das Pallas ihm geschenkt hatte, aus den Lüften, und seine starke Hand erlegte das Üngeheuer. Hierauf sendete er ihn gegen die Amazonen, und als er auch diese besiegte, gab er ihm seine Tochter Philonoe, wie sie bei Apollodor heißt, zur Gemahlin, mit der er den Jsandros, Hippolochos und die Lao- > dameia zeugte. In Bezug auf seine letzten Schicksale erzählt Homer, daß er von allen Göttern, die ihm zwei Kinder getödtet, gehaßt einsam umherirrte. Nach Pindar wollte er sich auf dem Pegasus zum Olymp emporschwingen; aber das Roß, von Zeus wüthend gemacht, warf ihn ab, und er selbst erblindete. Bellevue Belliard 199 Bellevue, d. i. reizende Aussicht, gleich wie das ital. Belvedere, heißen mehre Lustörter und Schlösser, z. B. in Kassel, bei Berlin, Stuttgart u. s. w. Am berühmtesten wurde das reizende Lustschloß Bellevue in der Nähe von Paris, auf dem Bergrücken, der sich von St.-Cloud nach Meudon zieht. Frau von P o m p a d o u r (s. d.) ließ es 17 4 8 in der kürzesten Zeit, mit großer Pracht und ungeheurem Aufwande aufführen, und Ludwig XV., der cs wenige Tage nach der Vollendung besuchte, war von der Lage und der Einrichtung so entzückt, daß er es für sich erkaufte, seiner Begünstigten jedoch gestattete, es für sich zu benutzen. Die erste» Künstler jener Zeit trugen zur Verschönerung dieses Schlosses bei, und allgemein galt cs damals für das reizendste Lustschloß in ganz Europa. Nach dem Tode Ludwig's XV. erhielten es die Tanten Ludwig's XVI. zu ihrer Benutzung. Der Nationalconvent beschloß, daß das Schloß auf Kosten der Nation unterhalten werde, um eszuVolks- > belustigungen zu benutzen, dessenungeachtet kam es im Revolutionssturme in die Hände der sogenannten Bande noire, die es abbrechen ließ, sodaß es jetzt eine Ruine ist, die aber der schonen Aussicht auf Paris wegen oft besucht wird. Belliard (Augustin Daniel, Graf von), franz. Eenerallieutcnant, geb. zu Fontenay in Poitou am 23. März 1769, trat als Freiwilliger zu Anfang der Revolution in die franz. Armee und zeichnete sich im ganzen Verlaufe der großen Ereignisse in militairischen ! wie administrativen Ämtern durch Muth, Geschick und Charaktertüchtigkeit aus. Im I. 1791 wurde er von den Freiwilligen der Vende'e zum Hauptmann erwählt, und bald darauf that er sich bei der Nordarmec unter dem Befehle Dumouriez's als Generaladjutant, namentlich bei Jemappes, wo er sich an der Spitze eines Husarenregiments der preuß. Rc- doutcn bemächtigte, hervor. Der Abfall des Generals Dumouriez brachte auch B-, obschon ohne Grund, in Verdacht, sodaß er seinen Rang niederlegte und als gemeiner Reiter in die Reihen trat. Schon 1796 erhielt er indeß seinen früher» Grad zurück und ging unter Hoche zur ital. Armee ab. Nachdem er bei Castiglione, Verona, Caldiero und Arcole mit Auszeichnung gekämpft und schwer verwundet worden war, wurde er zum Brigadegeneral erhoben, und als solcher nahm er unter Ioubert Theil an den wichtigsten Gefechten in Tirol. Im I. 179 7 schickte man ihn nach Ägypten, und hier erwarb er sich in jeder Hinsicht die Achtung ^ Bonaparte's für immer. Er nahm unter Desaix Theil an der Wegnahme von Malta, bedeckte sich mit Ruhm bei Elgata, Chebreisse, an den Pyramiden, bei Sedinam, Syene und in der Schlacht bei Heliopolis, sodaß er nach der Einnahme von Kairo, wo er eine schwere Wunde erhielt, zum Gouverneur der Stadt und zum Divisionsgeneral ernannt wurde. Ungeachtet der schwierigen Lage, in die er hier sehr bald kam, benahm er sich mit großer Ruhe und Umsicht, bis er im Juni I8V1 nach einer ehrenvollen Capitulation sich nach Frankreich cinschiffen mußte. Hier wurde er vom ersten Consul zum Commandanten der 24. Militair- division ernannt. Im Kriege von l 805 gegen Ostreich befand er sich als General-Quartier- mcister unter dem Prinzen Murat bei der Großen Armee. Nach den Gefechten bei Ncresheim und Langenau verhandelte er am 18. Oct. die Capitulation mit dem östr. General Werneck. In der Schlacht von Austerlitz trug er durch seine Tapferkeit nicht wenig zum Siege bei und erhielt darauf das Großkreuz der Ehrenlegion. Im I. 1806 machte er unter Murat den Feldzug gegen Preußen, zeichnete sich bei Jena und Prenzlau aus und schloß nach diesem Gefechte die Capitulation mit dem Fürsten von Hohenlohe, der sich mit 1600 M. Infanterie, 45 Fahnen und 65 Kanonen ergab. Auch schloß er am I.Nov. die Capitulation von Magdeburg. Nachdem er 1807 der Schlacht von Friedland beigewohnt, ginger 1808 mit dem Kaiser nach Spanien und erhielt daselbst das Gouvernement von Madrid; doch mußte er sich im Juni 1809 in Buen-Retiro einschließen, wo er bis zur Räumung der Hauptstadt zu Ende des Monats blieb. Der Krieg mit Rußland rief ihn aus Spanien zur Großen Armee. Hier focht er tapfer bei Smolensk und soll der Erste gewesen sein, der in der Schlacht an der Moskwa die von Caulaincourt ausgeführte kühne Idee faßte, durch die Cavaleric die große Redoute zu nehmen, während er selbst die russ. Garden durch eine Batterie von 25 Stück Geschütz zum Rückzugzwang. Bei Mosaisk gefährlich verwundet, wurde er von Napoleon zum Generallicutenant der Cavalerie ernannt, die er nach dem Rückzuge auf dem preuß. Gebiete reorganisirte. In der Schlacht bei Dresden und dann bei Leipzig war er Generaladjutant. Eine Kugel zerschmetterte ihm bei Leipzig den einen Arm. Kaum geheilt, übernahm 300 BeNni (Malttfamilie) Bellini (Vineeuzo) er, als die Verbündeten die stanz. Grenze überschritten, das Obercommand» der Cavalerie und entwickelte nun bis zur Abdankung Napolcon's in Fontainebleau eine außerordentliche Thätigkeit. Nachdem er die Untcrwerstingsacte unterzeichnet hatte, machte ihn Ludwig XVIII. zum Ludwigsritter. Nach der Rückkehr Napolcon's schickte ihn derselbe als außerordentlichen Gesandten nach Neapel zu Murat; doch kam er zu spät, um die Fehler des Königs wieder gut zu machen, und beeilte sich daher, nach Frankreich zurückzukehren, um das Com- mando der 3. und -1. Militairdivision zu übernehmen. Nach der Schlacht von Waterloo unterwarf er sich Ludwig XVIll. aufs neue, der ihn jedoch von der Liste der Pairs strich und im Nov. 1815 festnehmen ließ, angeblich, weil er eines Complots zur Befreiung Ney's ver- , dächkig sei. Schon 1816 wurde er indeß wieder freigelassen, und die Pairswürde erhielt er j 1819 zurück. In der ersten Kammer unter der Restauration gehörte er zu Denen, die furchtlos gegen die Rcaction des Hofes kämpften, und bei der Julirevolution war er unter der Zahl der wenigen PairS, die im Hause Laffitte's die Absetzung der altern Linie der Bourbons erklärten. Hierauf wurde er nach Wien geschickt, um die Anerkennung Ludwig Philipp's zu bewirken, und im März >831 nach Belgien, um durch seine diplomatische Thätigkeit den neuen Thron Leopold's befestigen zu helfen. Je mehr sich die belg. Verhältnisse verwickelten, desto größer war der Eifer, mit welchem B. in die Verhandlungen eingriff, sodaß ihm kein geringes Verdienst für die Erhaltung des Friedens und die selbständige Stellung dieses Lande- beizumessen ist. In zehn Tagen legte er viermal die Reise von Brüssel nach Paris zurück. Diese vielen Anstrengungen zogen dem ohnehin hinfälligen und wundenbedeckten Greise am 28. Jan. > 832, als er eben den Palast betreten wollte, um dem König Leopold ein Schreiben seines Cabinets zu überreichen, einen plötzlichen Tod zu. Belgien trauerte über den Verlust seines Freundes und Wohlthäters, und die Subscription zu einem Denkmal für ihn belief sich nach einigen Tagen zu Brüssel auf 500N9 Francs. Bellllli, eine ausgezeichnete Malerfamilie zu Venedig. Der älteste Künstler dieser Namens istGiacomo B-, gest. 1479, ein Schüler des berühmten Gentile daFabriano; doch hat sich von ihm wenig erhalten. — Sein ältester Sohn, nach dem Taufnamen des zuletzt angeführten Meisters genannt, war GentileB-, geb. 1421, gest. 1597. Auch von diesem sind nur einige, doch figurenreiche Bilder vorhanden; er war zugleich als Medailleur ausgezeichnet. Im I. 1479 wurde er nach Konstantinopel an Mohammed II., der einen geschickten Portraitmaler verlangte, gesendet; dort zeichnete er unter Anderm die Reliefs der Theodo- sianischen Ehrensäule, die nur in diesen Zeichnungen erhalten blieben. Berühmter als Gentile ist sein Bruder Giovanni (Gian- oder Sambellin) B-, geb. 1426, gest. ISIS. Dieser wurde das Haupt der ältern venctianischen Schule, der vorzüglichste Gründer derjenigen Richtung, in welcher diese Schule ihre hohe Bedeutung hat. Wärme der Naturauf- fassung, naive und doch feine Charakteristik, Kraft und Intensität des Colorits sind schon in hohem Grade sein Eigenthum. Er bildete zahlreiche Schüler, unter denen Giorgione und Tizian allen übrigen vorangehen. BeNni (Vincenzo), der beliebteste neuere Operncomponist, geb. zu Catania in Si- cilien am 3. Nov. 1802, gest. zu Puteaux bei Paris am 24. Sept. 1835, erhielt seine erste musikalische Bildung im Conscrvatorium zu Neapel und wurde dann von Tritts und Zingarelli im Satz unterrichtet. Nach mehren kleinern Jnstrumentalstücken und einigen kirchlichen Compositionen, die von geringem Belang gewesen zu sein scheinen, trat er 1824 mit seiner ersten Oper „Lüslsoo e Salvins" auf dem kleinen Theater des königlichen Collegiums der Musik zu Neapel und später mit einer andern „Lmnca e Oernsnclo" im Theater S.- Carlo mit so entschiedenem Erfolg auf, daß er 1827 den Auftrag erhielt, für die Scala in Mailand eine Oper zu schreiben. Er componirte zu diesem Zwecke „II pirata", die erste Oper, ! die seinen Namen ins Ausland trug. Ihr folgte mit gleichem Glück 1828 die Oper „8tra- niers"; auf den Gipfel seines Ruhms kam er jedoch erst durch die Oper „Nolitecctii e O- jinletti" (1829 für Venedig geschrieben), weniger weil in ihr seine productive Kraft ihren Culminationspunkt erreicht hatte, als vielmehr weil zugleich ihre Handlung die meiste elektrische Kraft auf das Publicum übte, und weil namentlich Romeo eine Paraderolle füc Sängerinnen aller Länder und Rangstufen wurde, die nun die Bellini'sche Musik in die ent- legenüen Provinzstädte trugen. In rascher Folge schrieb er hierauf die „Soimambuln", 201 Dell - Laneaster'scheS Unterrichtssystem „Norm»", „voslricslenä»", bis er 1833 nach Paris kam, wo er zuerst andere als ital. Musik kennen gelernt zu haben und etwas mistrauisch geworden zu sein scheint gegen die unbedingte Macht der scinigen auf daS dortige Publicum. Er suchte zunächst den Gesckmack des letzter» zu studiren, bevor er mit einer neuen Oper hervortrat, und folgte mittlerweile 'einem Rufe nach London, wo er die glänzendste Aufnahme fand. Nach Paris zurückgekchrt, schrieb er für die ital. Oper „I kuritani". Der Einfluß der franz. Schule ist in derselben nicht zu verkennen und zeigt recht deutlich, wie er bisher ihm ganz Fremdes sich rasch, doch ohne directe Entlehnung oder sklavische Nachahmung anzueignen wußte. Mitten aus seinen neuen Bestrebungen riß ihn der Tod hinweg. Betrachtet man die ganze Erscheinung B.'s, so ist sie in dem Entwickelungsgange der ital. Musik nicht ohne Bedeutung; unter allen Nachgängcrn Nossini's ist er der selbständigste und eigenthümlichste. Dramatisch im vollen Sinne des Worts ist B.'s Musik nicht, indem sie zu sehr der scenischen und personellen Charakteristik entbehrt und hierin noch hinter ihrem Vorbild, Rossini, zurückbleibt; doch hat sie das Verdienst, die Coloratur der ital. Schule, die durch Rossini bis zur Unnatur sich gesteigert hatte, beschränkt zu haben. Ebenso wenig können seine Opern vom musikalisch-technischen Standpunkt aus Anspruch auf Vollendung machen; am meisten berechtigte ihn dazu seine letzte Oper. Bell-Lancaster'sches Unterrichtssystem oder die Lehrmethode des gegenseitigen Unterrichts nennt man dasjenige System des Unterrichts, nach welchem vorgerücktere Schüler unter Oberaufsicht eines Lehrers schwächere unterrichten, wodurch es möglich wird, mit ver- hältnißmäßig geringen Kosten eine ungewöhnlich große Anzahl Schüler in Einem Lehrzimmer unter Einem Lehrer zu gleicher Zeit zu unterrichten. Das Princip dieses Unterrichtssystems war dem Wesentlichen nach nicht nur in Ostindien, wo der Reisende Della Valle cs im I. 1623 fand, sondern auch in Deutschland schon lange bekannt, und in Frankreich bis zur ersten Revolution in einer Armenschule bei dem Hospital der Barmherzigkeit schon seit 1747, sowie in dem Institut des Chevalier Pauket in Paris seit >772 im Großen rn Anwendung gekommen. Durch die Engländer Bell und Lancaster wurde es aber von neuem erfunden und nach einem festen Plane auf den Unterricht angewendet. Die Unterrichtssysteme beider Männer stimmen im Wesentlichen miteinander vollkommen überein und unterscheiden sich nur in Nebendingen. Die Schüler werden in eine Menge kleiner Elasten getheilt, und jede derselben durch einen geübtern Schüler in den nöthigsten Fertigkeiten, wie Lesen, Schreiben, Rechnen und Auswendiglernen eines Religionsbuchs so weit geübt, als dieser sie selbst vorher von dem Lehrmeister erlernt hat. Die Schulgehülfen heißen Monitors und haben ihre Elaste, ungefähr lv Schüler, auf einer Bank, oder, wie Bell will, in einem Halbkreise stehend, vor sich. Die geübtesten und moralisch zuverlässigsten Schüler führen wieder als Obergehülfen die Aufsicht über die Unterlehrer und deren Elasten. Andere Gehüsten besorgen den kleinen Dienst der Schulpolicei und guten Ordnung, Einer das Aufzcichnen der Abwesenden, ein Anderer das Liniren der Schreibbücher, ein Dritter das Austheilen und Aufbewahren der Schiefertafeln u. s. w. Dieses ganze Triebwerk vollendet, bei einer zweckmäßigen, jede Störung einer Elaste durch die andere verhütenden Eintheilung des großen Schulzimmers, ohne ungehöriges Geräusch und in genau abgemessener, pünktlicher Aufeinanderfolge der Geschäfte, jede Aufgabe, die der Lehrmeister vorher dem Gehülfen vorgemacht hat. Ein strenger gehandhabtes System der Strafen und Belohnungen, die theils körperlich, theils auf den Ehrtrieb berechnet sind, hält die Masse der Kinder in guter Zucht. Alles geht und wirkt zum Zwecke, wie die Arbeit in einer Fabrik, wo jeder Arbeiter einen Theil des Fabrikats fertigt und der Meister blos anordnet. Der Lehrer unterrichtet nur die Gehülfen, wacht über den planmäßigen Gang des Ganzen und handhabt die Zucht; dabei gibt er noch Jünglingen, die ihm seinen Unterrichtsmechanismus absehen, um ihn künftig als Lehrmeister eigener Schulen nachzumachen, methodische Fingerzeige. Die Ehre der ersten Einrichtung einer solchen Schule gebührt Andr. Bell, einem engl. Geistlichen, geb. 1752 zu St.- Andrews in Schottland, der als Aufseher einer Waisenschule in Egmore bei Madras seil 1796 auf die Idee gekommen war, Anfänger durch geübtere Schüler unterrichten zu lassen. Nach seiner Rückkehr nach England erstattete er hierüber der Ostindischen Compagnie einen Bericht, der 1797 zu London im Druck erschien, worauf in den I. 1798 und 1799 auch in 262 Bellmarr England einige Versuche mit Anwendung der Bell'schen Schuleinrichtung gemacht wurden. Inzwischen hatte Jos. Lancaster, geb. zu London am 25. Nov. 1778, zu Anfänge des 1.1798 eine Armenschule in London eröffnet und, ohne Bell's Schrift und Unterrichtssystem zu kennen, wegen der großen Anzahl Kinder und wegen der geringen Mittel, die ihm zu Gebote standen, dieselbe nach dem Princip des gegenseitigen Unterrichts eingerichtet. Die Sache machte Aufsehen und fand, obschon sich Lancaster seit 1801 den Quäkern zuge- wcndet, in der königlichen Familie und bei andern Großen hohe Gönner und vielfache Unterstützung. Lancaster wußte aber in seinem Enthusiasmus für das neue Schulsystem seine Ausgaben den ihm zufließenden Unterstützungen nicht anzupaffen, gcrieth in Schulden und wurde nur durch die Dazwischenkunst von Fox und Andern, die sich mit ihm verbanden, gerettet. In den I. 1810 und 1811 bereiste er die brit. Königreiche und bewirkte die Einrichtung mehrer Schulen nach seinem System. Durch eigene Schuld verlor er aber nach und nach das Vertrauen seiner Freunde und Gönner, während er zugleich seine eigenen geringen Mittel durch die Einrichtung einer umfassenden Schulanstalt zu Tooting, die er nicht vollenden konnte, erschöpfte. Überdies stellte ihm die hohe Geistlichkeit der engl. Kirche, unzufrieden, die Verbesserung der Schulen von einem Quäker betrieben zu sehen, Bell, der bisher auf einem Landgute gelebt hatte, als den ersten Erfinder entgegen. Bell mußte seit 1812 in England Schulen errichten, pädagogische Lehrbücher schreiben und unter der Leitung eines pädagogischen Vereins, der den König von England zum Patron hatte, die Sache ins Große treiben. Getäuscht in seinen Erwartungen ging Lancaster 1820 nach Amerika, und von Bolivar unterstützt, legte er seit 1824 Schulen in Colombia an. Später lebte er mit seiner Familie in den Vereinigten Staaten zu Trenton und war 1828 in solche Armuth gerathen, daß er für die Unterstützung der Seinigen einen Aufruf an die Großmukh der Amerikaner erließ. Seit 1833 hielt er sich zu Montreal in Canada auf, wo er von seiner Hände Arbeit lebte. In großer Dürftigkeit starb er zu Ncuyork am 24. Oct. 1838. Bell starb in der Grafschaft Cheltenham in England'am 28. Jan. 1832 und hinterließ ein Vermögen von 120000 Pf. St., über das er zum Besten verschiedener Nationalinstitute verfügte. — Seit 1814 wurden in fast allen Ländern Europas und in den außereurop. Eri>- theilen Schulen nach der Bell - Lancaster'schen Einrichtung angelegt. Die Anzahl dieser Schulen mag jetzt wol auf 15000 gestiegen sein. In Deutschland freilich konnte diese Schuleinrichtung keinen Boden gewinnen, weil hier der Volksunterricht bereits eine höhere Stufe erreicht hatte. Dessenungeachtet müssen die absprechenden Urtheile vieler deutschen Pädagogen über das neue Unterrichtssystcm im Allgemeinen als unbegründet bezeichnet werden. Für viele Länder in und außer Europa ist es eine unschätzbare Wohlthat, weil die Veredelung der untersten, verwahrloseten und zahlreichsten Volksclasse durch dasselbe wesentlich gefördert wird, und selbst für Deutschland ist es nicht ohne Folgen geblieben, da das Wesentliche davon in vielen Schulen Anwendung erhalten hat. (S. WechselseitigeSchuleinrichtung.) Vgl. Bell's Werk,,.^n experiment in «(iiicutioa" (1707), das später mehrmals umgearbeitet, zuletzt unter dem Titel „bilemsnts »s tuitian" (1812) erschien und von Tilgenkamp unter dem Titel „Bell's Schulmethodus" (Duisburg 1808) deutsch bearbeitet wurde; Lan- caster's „lmprovements in säncettion" (1803) und „Tlift british System ns eciucstion" (I8I0)und Hamel, „Der gegenseitige Unterricht" (Par. 1818). Bellman (Karl Michael), schwedischer Dichter, geb. zu Stockholm am 4. Febr. 1740, seit 1775 Hofsecretair, gest. am 11. Febr. 1795. Er versuchte sich anfangs in der geistlichen Poesie, übersetzte Gellert's Fabeln und schrieb auch einige dramatische Sachen. Erst in seinem 25. Jahre entwickelte sich bei ihm sein eigentliches Dichtertalent. Bei freudigen Gelagen dichtete er seine herrlichsten Lieder, die aber ganz eigenthümllcher Natur sind und sich mit andern poetischen Erzeugnissen fast gar nicht in Vergleich bringen lassen. Das gewöhnliche Thema derselben ist Wein und Liebe, und meist enthalten sie sehr schlüpfrige Schilderungen, die aber nicht etwa zum Ekel ausgemalt, sondern nur leise angedeutet und die mit Zauber von Poesie überschüttet sind, der sich nur fühlen, nicht beschreiben läßt. Sehr oft improvisirte er seine Lieder in Begleitung der Zither; auch kam ihm dabei sein mimisches Talentsehr zu statten. Selbst nur mäßig trinkend, sang er oft ganze Nächte unter seinen Freunden, bis er ermüdet daniedersank. Viele, vielleicht seine,besten Im» Bellona BellRock A3 provisationen, sind nie auf das Papier gekommen, sondern mir der Lust des Augenblicks, der sie geboren, verklungen. Kurze Zeit vor seiner letzten Krankheit versammelte er seine besten Freunde, um, wie er sagte, „sie noch einmal den B. hören zu lassen". Eine ganze Nacht hindurch sang er seine frohen Lebensschicksalc, und als man ihn ermahnte, seine schon schwankende Gesundheit zu schonen, rief er aus: „Lasset uns sterben, wie wir gelebt haben, in Tönen", leerte noch den Becher und stimmte sein letztes Schwanenlied an Seine gehaltvollsten Dichtungen stehen in„Fredman's Sänger", „Fredman's Epistlar" und „Bacchi Handbibliothek". Bei der Herausgabe derselben half ihm Kellgren hinsichtlich des Textes und Kraus in der Musik. Später sind seine Lieder wiederholt gedruckt, auch in Eesammtaus- gaben vereinigt worden. Seine zahlreichen Verehrer ließen ihm ein Ehrendenkmal errichten, das am 26. Juli >829 im Beisein der königlichen Familie enthüllt wurde. Bellöna, die Kriegsgöttin der Römer, war nach den Dichtern die Gefährtin des Mars, dessen Schwester, Gemahlin oder Tochter sie heißt, bewaffnet mit blutiger Geißel. Im Kriege gegen die Samniten war ihr von dem Consul Appius Claudius Crassus ein Tempel gelobt und nachher auf dem Marsfelde errichtet worden. In diesem gab der Senat fremden Gesandten und denjenigen Consuln, welche auf einen Triumph Anspruch machten und deswegen nicht in die Stadt kommen durften, Audienz. — Die Priester der Göttin hießen Bellonarii, die sich bei den Opfern die Arme oder Füße aufritzten und dann das Blut entweder als Opfer brachten oder tranken. Dieses geschah besonders am 24. März, der daher auch «lies ssnguini» hieß. Belloy (Pierre Laurent Buirctte), einer der ersten Dramatiker, welche mit Erfolg statt der griech. und röm. oder ausländischen Helden vaterländische auf die franz. Bühne brachten, geb. am >7. Nov. >727 zu St. Flour in Auvergne, gest. am 5. März >775. Schon als Kind kam er nach Paris, wo er nach seines Vaters Tode an seinem Oheim, einem berühmten Advocaten, eine Stütze fand, der ihn zum Rechtsgelehrten bestimmte. Doch nur mit Widerwillen trieb er sein Bcrufsstudium, dagegen zeigte er viel Talent für die dramatische Kunst. Das stete Ankämpsen seines Oheims gegen diese Richtung veranlaßte ihn endlich, sich heimlich zu entfernen. Unter dem Namen Dormont de Belloy trat er hierauf als Schauspieler auf mehren nordischen Bühnen auf und erwarb sich durch die Ehrenhaftigkeit seines Charakters überall Liebe und Achtung. Mehre Jahre verlebte er namentlich zu Petersburg, wo die Kaiserin Elisabeth sich sehr für ihn interessirte. Im I. >758gingernach Frankreich zurück, um seine Tragödie „Titus" aufführen zu lassen. Sein Oheim aber hatte einen Verhaftsbefehl ausgewirkt für den Fall, daß sein Neffe die Bühne beträte. B. hoffte durch den Erfolg des „Titus" seine Familie zu versöhnen; aber das Stück fiel durch, und so kehrte er wieder nach Petersburg zurück; erst nach seines Oheims Tode kam er abermals nach Paris, wo nun seine Tragödie „^elmirs" den entschiedensten Beifall fand. Ihr folgte >765 „Te siege de Oalais", ein Trauerspiel, das noch immer geschätzt wird. Er erhielt hierauf die Medaille, welche der König für solche Dichter gestiftet hatte, von denen drei Stücke mit Beifall ausgenommen worden, obschon dies bei ihm blos mit zwei Stücken der Fall gewesen war, und es ist seitdem diese Medaille nie Wiede« ausgetheilt worden. Unter seinen folgenden Theaterstücken war es „Oostou etösxsid" (>77I), das ihm die Auf- nähme in die franz. Akademie verschaffte. Am längsten hat sich sein „kierre le Oruel" auf der Bühne gehalten. Seinen Stücken ist eine gewisse Kraft und dramatischer Effect nicht abzusprechen, doch leiden sie an großer Jncorrectheit. Eine Ausgabe seiner „Oeuvres" besorgte Gaillard (6 Bde., Par. 1779.) Bell-Rock, d. i. Glockenfelsen, oder Inch-Cape, ein für die Schiffer höchst gefähc- licher Felsen an der Küste der schott. Grafschaft Forfar, unweit der Mündung des Tayflusses, soll daher seinen Namen erhalten haben, daß die Mönche von Aberbrothok ehemals eine Glocke (keil) aufgehangen hatten, die sie zur Warnung für die Schiffer beim Steigen und Fallen der Flut läuteten. Der Felsen bleibt bei gewöhnlicher Flut l 2 F. hoch vom Wasser bedeckt; nur bei der niedrigsten Ebbe ragt er über 499 F. lang, 239 F. breit und gegen 4 F. hoch über die Meeresfläche hervor. Im I. > 897 entschloß man sich zu der sehr schwierigen Erbauung eines Leuchtthurms, der unter der Leitung des berühmten Baumeisters Stevenson >811 vollendet wurde. Es besteht derselbe aus einem kreisförmigen, 11 5 F. hohen Ge- W4 Bekuno Deludschiftan bäude, welches bei Springfluten 15 F hoch unter Wasser gesetzt ist. Die Signale be- wirkt eine Maschine; sie bestehen in weißem und rothem Lichte, abwechselnd mit Dunkelheit und bei Nebelwctter im Läuten zweier Glocken von beträchtlicher Größe. Bellüno, die nördlichste Delegation des Gouvernements Venedig im lombard.-ve- netian. Königreiche, von 62 IIIM. mit 135006 E., liegt zu beiden Seiten der Piave und ganz im Bereiche der wilden Verzweigungen der trientinischen Alpen. Der Getreidebau ist sehr beschränkt, reicher schon der Tcrrassenbau auf Wein und Obst, ausgezeichnet die Viehzucht und Alpenwirthschaft, unterstützt durch kräftige Bergweiden, nur gering der Ertrag des Bergbaus auf Eisen, Kupfer und Galmei, ein Hauptreichthum aber der herrliche Waldbe- l stand. Das Bauholz bildet einen Haupthandelsartikel, welcher besonders nach Venedig I geht und theils auf der Piave, theils auf dem Tagliamento verstößt wird, da beide Flüsse im ober» Laufe durch den Flößkanal von Sepada miteinander verbunden sind. — Die ' Hauptstadt der Provinz, Belluno, liegt auf einem Hügel an der Piave; sie ist Sitz eines Bischofs und Domcapitels mit reicher Bibliothek, hat unter den 13 Kirchen eine schöne nach dem Modell des Palladio erbaute Kathedrale, eine merkwürdige, die Stade mit klarem Ge- birgswasser versehende Wasserleitung und 900» E., welche Seidenspinnereien, Wachs- bleichercien und lebhaften Holzhandel betreiben. Nach der Stadt erhielt der Marschall Victor (s. d.) den Titel eines Herzogs von Bellun o. Belt heißen die beiden Meerengen, welche nebst dem Sunde die Ostsee mit dem Kattegat verbinden. DerGroße Belt, dessen Breite bis zu 2/? M. steigt, trennt die dän. Inseln Seeland und Laaland von Fühnen und Langeland, derKleine Belt die Insel Führten von Jütland. Letzterer verengt sich bei der Festung Fricdericia bis auf eine Viertelmeile, sodaß die Einfahrt aus dem Kattegat vollkommen beherrscht ist. Da die Schiffahrt durch beide Belte wegen der vielen Sandbänke und der heftigen Strömung aus der Ostsee, namentlich für große Schiffe, höchst gefährlich ist, so gehen sie meist durch den Sund. Beludschistan, auch Belludschistan oder Biludschistan, ist das südöstlichste asiat. Reich des Hochlande- von Iran, welches seiner Armuth und Unzugänglichkeit wegen bis zu Pottinger's und Christie s Untersuchungen im I. 1 8>>> dem Auslande ziemlich unbekannt war. Erst im I. 1739, als einer der Hordenfürsten der Bcludschen, Nushir Khan, als Haupt der vereinigten südostiranischen Landschaften unter dem Titel eines Beg- lerbeg vom persischen König Nadir Schah bestätigt ward, trat es unter dem gegenwärtigen Namen in die Reihe asiat. Staaten. Sehr bald gelangte es zur Selbständigkeit, die sogar Persien wiederholt Gefahr drohte, indessen doch nicht kräftig genug war, das Losreißen der südöstlichsten ind. Landschaft Sind (s. d.), im 1.17 7 9, und des südwestlichsten Gebiets von Me- kran, dem alten Gedrosien, im I. 1809, zu-verhindern. Es hat nach ungefähren Schätzungen ein Areal von 9500 mM., 2,700000 E. und wird im Osten vom ind. Tieflande, und zwar von dem Staate Sind, nördlich von Afghanistan, westlich von Persien und im Süden vom Indischen Ocean begrenzt. Die einzelnen Landschaften sind im Osten Sarawan, Kelat, Gun- dawa, Khozdar, Jhalawan und Lus und im weitesten Westen Kuhistan. Hinsichtlich seiner Terrainvcrhältnisse hat es große Ähnlichkeit mit Afghanistan, insofern der Osten von einem ! ketten- und plateaureichen Grenzgebirgslande erfüllt wird, welches seine wilden Kämme und Gipfel in die Region des ewigen Frostes erhebt und in steilen Terrassen ost- wie westwärts absällt, die hier wie dort die üppigen Landschaften des Jndusthales von einer bis zu den Westgrenzen ausgedehnten Sandwüste scheiden. Wie dort im Norden, so begrenzt hier die Wüste im Süden ein noch fast ganz unbekanntes System langgestreckter Gebirgsketten mit eingeschlossenen stufenartig zueinander liegenden Längenthälern. Die höchste der östlichen Grenzketten ist das mit dem Cap-Monze aus dem Meere aufsteigende Bra-Huikgebirge, dessen nördliche Fortsetzung sich dem afghanischen Systeme der Sulimanberge anschließl und noch auf beludschistanischem Gebiete von zwei Hauptpässen durchschnitten ist, nämlich vom Eundawa- oder Molanpaß und vom Bolanpaß, welcher im I. 1839 von der brit. Expedition nach Kandahar passirt wurde. An die Westabfälle des Gebirgs lehnen sich die kleinen Culturebencn von Wudd, Khozdar und Shorab und als nördlichste und höchste Plateau- stufe die von Kelat in der Durchschnitt-Höhe von 8000 F. Unter den südwärts durchbrechenden Flüssen scheinen der Puralli im Osten und im Westen der Kaskein am bedeutend- Neludfchistan 205 sten zu sein, die Wüste dagegen ist im wahren Sinne de- Wort- ein trockene- Sandmeer. Mit der Verschiedenheit der Beschaffenheit und Höhe des Bodens wechselt auch das Klima; vie brennende Wüste und die tiefen, feuchten und warmen Thäler bilden scharfe Gegensätze zu den Hochlandschaften, wo der Winter alle seine strengen Rechte geltend macht, und, wie in Kelat, der Reisbau durch die Cultur mitteleurop. Getreide ersetzt wird, die Bäume ihr Laub wechseln und trotz der Lage unterm 29" nördl. B. vier Jahreszeiten miteinander wechseln. Zn -er Wüste zieren schlanke Dattelpalmen die Oasen, in den tiefen Thälern gedeihen Reis, Baumwolle und Indigo, auf den höher» Landestheilen die gewöhnlichen Getreidesorten und l dir Obstarten Europas und über alle Berggegenden ist die Asa-fötidapflanze verbreitet. I Nächst den europ. Hausthieren und dem besonders hochgeschätzten Kameele, Pferden, Ziegen und Büffeln, sind die wilden unwegsamen Gegenden von wilden Thieren verschiedener Art bewohnt, namentlich von Löwen, Tigern, Leoparden, Hyänen, Schakals und Wölfen. DaS Mineralreich scheint die verschiedensten Ausbeuten zu liefern, denn neben Gold und Silber findet man Eisen, Blei, Kupfer, Zinn, Steinsalz, Alaun, Salpeter und Schwefel bei den Bewohnern in Menge. DaS Land wird nach Pöttinger von zwei verschiedenen Völkerstämmen bewohnt, im Osten auf dem rauhesten Theile von den Brahuis oder Brahooes und im Norden und Westen von den Beludschen. Diese letzter» bilden, in viele einzelne Stämme zersplittert, die sich nach ihren Häuptern nennen, die Hauptmasse der Bevölkerung in drei TribuS, den Narrus mit 7 Stämmen, den Rinds mit 25 und den Murghis mit 16 Stämmen. Die Beludschen werden von Pöttinger für die hierher verdrängten Reste früherer Turkmanenstämme gehalten, welche den pers. Dialekt in den ihrigen ausgenommen. Sie rühmen sich, zu den ersten Verbreitern des Islam zu gehören, sind höchst unwissende und zelo- ! tische Sunniten, unter denen der Christ und der Hindu sicherer ist als der Schute. Unge- ! achtet der gesetzlichen Polygamie heirathen sie gewöhnlich nur ein Weib, höchstens zwei, und nur die Oberhäupter vier Weiber, die mit Liebe und Achtung behandelt werden. Sic sind schön und schlank gebaut, thätig und gewandt und ein Hirtenvolk, das auf Plünderung ausgeht in sogenannten Chupaos, d. h. Naubzügen auf Kameelen, die sie mit großer Kühnheit, List und Eile in die entferntesten Landschaften ausführen. In ihren Wohnungen, welche bei den reinnomadischen Stämmen aus schwarzen Filz- oder groben Leinwandzelten, bei den weniger nomadischen Kheils aus schlechten Lehmhäusern bestehen, üben sie patriarchalische Gastfreundschaft; sogar die Sklaven, welche das Feld bebauen müssen, behandeln sie mit großer Milde. Die Kleidung beider Geschlechter bestehtin einem bis zum Knie reichenden Hemde und weiten Beinkleidern, beides von demselben Leinen- oder Baumwollenstoff, und nur letztere bei den Weibern zuweilen von Seide; die Kopfbedeckung bildet eine kleine baumwollene oder seidene Mütze und nur bei festlichen Gelegenheiten der Turban; das Weib geht stets verschleiert aus; gegen den Schutz der rauhen Witterung dient den Vornehmen ein wattirter Kaftan von Zitz oder Ukalig, dem gemeinen Mann ein Mantel von Ziegenhaaren oder Wolle. Ihre Vergnügungen bestehen in Leibes- und ritterlichen Übungen; glänzende Waffen bilden den Hauptschmuck. Die Brahuis zerfallen in die sieben Tribus: ! Mirani, Simalani, Rodeni, Pirkani, Zugur-Mengul, Khidrani und Kumburani. Sie haben eine vom Persischen ganz abweichende und mehr dem Pendschabdialekt genäherte Sprache und sind von den Beludschen durch kurze und dickere Gestalt, runde Gesichter und platte Physiognomien so verschieden und den Mongolen ähnelnd, daß sie Pöttinger für die Reste eines weit»erschlagenen tatarischen Volkerstamms hält. Die Brahuis sind ein zwischen Sommer- und Winterstationen wanderndes Hirtenvolk. Einfach und einsam lebend, sind sie friedlich und nicht zum Raub geneigt wie ihre Nachbaren, doch aber abgehärtet und im Rufe großer Tapferkeit. Ihre Nahrung besteht zum großen Theil aus halbrohem Fleische; die Kleidung ist ähnlich der der Beludschen, nur beim Manne durch eine Filzmütze und bcmr Weibe durch eine seltsam mit Bildereien verzierte Schnürbrust etwas verändert. Bei der großen Roheit und dem gänzlichen Mangel an Cultur, haben doch beide Völker einen lebhaften, scharfen Geist, großartige und edle Gesinnungen und poetischen Sinn für Gesang und Musik. Das staatliche Band, welches die einzelnen Stämme unter ihren Khans zu einem Ganzen fesselt, ist sehr locker; der Khan von Kelat ist im Frieden mehr nominelles Oberhaupt des Landes, dagegen im Kriege mächtig und durch zahlreiche Truppen unter* - --L, N,' 206 Belvedere Belzoni stützt. Die Einkünfte des gegenwärtigen Khan von Kelat, welche meist in Naturalien be- stehen/lassen sich auf 30000 Pf. St. schätzen und die Stärke des Heers auf 10000 M. ir> regulairer Reiter und 2V0V0 M. allgemeinen Aufgebots, wiewol im Falle der Noch eine noch weit größere Kriegerzahl zu den Waffen greift. Zm Anfänge des I. 1830 wurde zur Züchtigung feindseliger Streifereien und Beunruhigungen Kelat von den Briten beim Heim- zuge aus Afghanistan belagert und nach tapferer Gegenwehr erobert. Die Hauptstädte des Landes sind Kelat, Quetta und Gundawa im Nordosten, Wudd, Belah und Lyari im Süd- osten und Basman als letzter fester Grenzort gegen Persien. Belvedere , von derselben Bedeutung wie Bellevue (s. d.), ist der Name mehrer j Schlösser mit schöner Aussicht. Unter solchen zeichnet sich in Deutschland besonders Bel- ! v edere bei Weimar aus, mit einem schönen, 1723 von Ernst August angelegten Park, vortrefflicher Orangerie und einer Stunden langen herrlichen Allee, welche nach dem Schlosse führt. In Italien führen den Namen Belvedere eine Bergfcstung bei Florenz und in der neapolitanischen Provinz Calabria citeriore ein Städtchen mit einem Schloß und dem Titel eines Fürstenthums. Belzöni (Giovanni Battista), berühmt durch seine Reisen und Entdeckungen, wurde, der Sohn eines armen Barbiers, zu Padua 1778 geboren, und in Rom zum geistlichen Stande erzogen, von dem er sich jedoch bald aus Neigung zu der Beschäftigung mit den mechanischen Künsten abwendcte. Von Rom durch die Kriegsunruhen im I. 1800 vertrieben, kam er nach Holland und von da 1803 nach England, wo er sich bald nach seiner Ankunft verheirakhete und in sehr bedrängte Lage gerieth. Er versuchte nun durch öffentliche Darstellungen aus der Hydraulik, deren Studium er neben andern Wissenschaften in Rom besonders betrieben hatte, sein Brot zu verdienen; da ihm dies aber mislang, so sah er sich gezwungen, durch athletische Künste, zu denen ihn sein schöner, großer und ungemein kräftiger Körper vorzüglich befähigte, seinen Erwerb im Lande umherreiscnd zu suchen. In dieser Lebensweise kam er 1812 nach Lissabon, später nach Madrid und nach Malta. Hier ward er 1815 nach Ägypten eingeladcn, um eine hydraulische Maschine für den Pascha zu bauen. Nachdem er sich dieses Auftrags entledigt, bewogen ihn Burckhardt und Salt, der Erforschung der ägypt. Alterthümer sich zu widmen. Mit dem unermüdlichsten Eifer, mit Ausdauer und Entsagung gab er sich diesem neuen Berufe hin. So gelang es ihm, die Büste des sogenannten jüngern Mcmnon aus der Nachbarschaft von Theben nach Älexan- dria zu schaffen, zuerst in den von Burckhardt entdeckten, aber vom Sand unzugänglich gemachten Tempel von Jpsambul einzudringen und in dem Thal der Königsgräber (Biban- el-Moluk) bei Theben mehre wichtige Katakomben mit Mumien zu entdecken und zu eröffnen, unter Anderm auch 1817 das in antiquarisch-artistischer Hinsicht so berühmte Königsgrab des Psammetich oder Necho, von dessen Skulpturen er die genauesten Zeichnungen und Wachsmodelle nahm und aus welchem er den prächtigen alabasternen Sarkophag fortschaffte, der jetzt mit der erwähnten Mcmnonsbüste und den meisten übrigen von B. nach Europa mitgebrachten ägypt. Alterthümern das Britische Museum schmückt. B.'s glänzendste Unternehmung war jedoch bei seinen Untersuchungen der Pyramiden von Ghize die Eröffnung der Pyramide des Chephrem, in der er mehre Gemächer und einen Granitsar- kophag mit dem Gerippe einer Kuh fand. Außerdem entdeckte er in „der Gegend von Theben viele Bildwerke. Ein Anschlag auf sein Leben veranlaßt ihn, Ägypten zu verlassen. Zuvor unternahm er noch eine Reise nach der Küste des Rothen Meers, auf der er die Smaragdgruben von Zubara und die Überreste des alten Berenice entdeckte, und von hier nach der kleinen Oase, um die Trümmer des Ämmon-Tempels zu untersuchen. Im Sept. 1819 schiffte er sich mit seiner Gattin, die auf allen seinen Fahrten und Reisen seine standhafte und muthige Begleiterin gewesen war, nach Europa wieder ein. Hier schenkte er seiner Vaterstadt Padua zwei ägypt. Granitstatuen, welche dieselbe im Palazzo della Giustizia auf- § stellen ließ, und wofür sie ihm eine zu seinem Gedächtniß geschlagene goldene Medaille verehrte. Hieraus ließ er die „I^srrslive nk tbs operstinns <»„«i rscsot discoveriss vvitbill tbs PX' rsmids, temples, tombs snd exesvstioos, in snd ldlubis, and ok »journezi to tke rosst vk tbs Red 8es, in sesrck ok tke sncient Lersnice, snd »n otber to tbs Ossis vk änpiter ^mlnon" (Lond. 1821, nebst einem Band mit 33 illum. Kpfrn.) erscheinen. Bem Bembo 207 Im 3-1821 eröffnet« er in London eine Ausstellung der von ihm mitgebrachten ägypt. Al- kerthümer, in der auch eine treue Nachbildung des Innern des von ihm entdeckten Königs- grabes in den wirklichen Größeverhältnissen sich befand. Gegen Ende des folgenden Jahres unternahm er eine Reise nach Timbuktu ins Innere Afrikas. Da der Sultan von Marokko die ihm bereits ertheilte Erlaubniß, von Fez, wo B. im Apr. 1823 angelangt war, sich nach dieser Stadt zu begeben, wieder zurücknahm, so begab er sich an die Mündung des Niger, um über Gato, Benin und Haussa nach Timbuktu vorzudringen. In Benin ward er jedoch von einer gefährlichen Ruhr befallen, die ihn nöthigte, nach Gato zurückzukehren, wo er am 3. Dec. 1823 starb. Die Originalzeichnungen des von ihm eröffneten ägypt. Königsgrabes wurden von seiner Gattin herausgegeben (Lond. 1829). Bem (Joseph), poln. General, geb. 1795 zu Tarnow in Galizien, studirte erst zu Krakau, dann in derMilitairschule zuWarschau. Er machte 1812 als Lieutenant der reitenden Artillerie den Feldzug gegen Rußland mit und ward 1819, bei der neuorganisirten poln. Armee unter Großfürst Konstantin, Hauptmann und Lehrer an der Artillerieschule zu Warschau, wo er damals die „Erfahrungen über Congrevschc Brandraketen" (Weim. 182V, 4.) schrieb. Liberaler Gesinnungen verdächtig und vor drei Kriegsgerichte gestellt, nahm er 1825 seinen Abschied und wendete sich nach Lemberg, wo er vorzüglich mit Mechanik sich beschäftigte und eine Schrift über Dampfmaschinen herausgab. Nach dem Aufstande in Warschau am29. Nov. 1830 erhielt er sogleich als Major das Commando einer reitenden Batterie. Erzeichnete sich im Treffen bei Jganie und am Tage von Ostrolenka aus, stieg zum Obersten, dann zum General und Befehlshaber der gesummten Artillerie. Nach dem Falle Warschaus begab er sich nach Frankreich und schloß hier 1833 mit Dom Pedro einen Vertrag über Errichtung einer poln. Hülfslegion, die aber nicht zu Stande kam, worauf er sich allein nach Lissabon, dann nach Madrid begab, ohne seine Dienste angenommen zu sehen. Nach Paris zurückgekehrt, suchte er, jedoch vergebens, eine polytechnische Gesellschaft, eine wissenschaftliche und künstlerische Zeitschrift zu begründen. Seitdem beschäftigte er sich theils mit Mechanik, theils mit Unterricht in der von Jazwinski erfundenen mnemonischen Methode. Bembo (Pietro), einer der berühmtesten Gelehrten Italiens im 1 6. Jahrh., geb. zu Venedig am 2V. Mai 1-17«, erlernte früh die lat., dann zu Messina unter Laskaris die griech. Sprache, worauf er, in seine Vaterstadt zurückgekehrt, eine kleine Schrift über den Ätna (bei Aldus 1195, 1.) herausgab. Nach dem Willen seines Vaters betrat er die Laufbahn der öffentlichen Geschäfte; fand aber bald Misbehagen daran und widmete sich den Wissenschaften und dem geistlichen Stande. Nachdem er in Ferrara seine philosophischen Studien vollendet, kam er wieder nach Venedig, wo er in die in dem Hause des Buchdruckers Aldus Mauritius gebildete gelehrte Akademie ausgenommen, sehr bald eins der vorzüglichsten Mitglieder derselben wurde. Für die Druckerei von Aldus besorgte er in jener Zeit eine kritische Ausgabe der ital. Gedichte Petrarca's (1501) und der ,,'Ueiv.crime" des Dante (1502). Dann besuchte er Rom und 1506 den Hof von Urbino, wo die Wissenschaften in hohem Ansehen standen. Hier verlebte er ungefähr sechs Jahre, worauf er 15 1 2 Julius de' Medici nach Rom folgte, dessen Bruder, Papst Leo X., ihn zu seinem Secretair ernannte und ihm seinen Freund Sadoleto zum Amtsgenossen gab. In Rom machte er die Bekanntschaft der jungen und liebenswürdigen Morosina, die ihm zwei Söhne und eine Tochter gebar. Doch seine vielen Amtsgeschäfte und literarischen Arbeiten, verbunden mit einem zu anhaltenden Genuß der Lebensfreuden, schwächten allmälig seine Gesundheit, sodaß er nach Lco's X. Tode sich ganz von den Geschäften zurückzog, um seine Tage in Padua, dessen Luft ihm ausgezeichnet zusagtc, in der Beschäftigung mit den Wissenschaften und dem Umgänge mit seinen Freunden zu verleben. Doch nach Andreas Navagero's Tode ward ihm 1529 von der Republik Venedig das Amt eines Geschichtschreibers angetragen, das er auch, wiewol mit einigem Widerstreben und unter Ablehnung des damit verbundenen Gehalts, annahm. Zugleich ward er zum Bibliothekar der St.-Marcusbibliothek ernannt. Papst Paul Hl., der bei einer von ihm beschlossenen Cardinalbeförderung die Augen auf die berühmtesten Männer seiner Zeit warf, ertheilte ihm am 21. März 1539 den Cardinalshut, zwei Jahre nachher das Bisthum von Gubbio und bald daraus das reiche Bisthum von Bergamo. Mit Ehren überhäuft starb B. SM 18. Jan. 1517. Er vereinigte in seiner Person, seinem 208 Ben BenareS Charakter und seiner Unterhaltung Alles, was liebenswürdig genannt werden kann. Er war der Wiederhersteller des guten Stils sowol in der lat. Sprache, wo er Cicero, Virgil und Julius Cäsar zu steten Mustern wählte, als auch in der ital., wo er besonders Petrarca nach- ahmte. In Ansehung der Reinheit des Stils war er so streng, daß er, wie man erzählt, jede seiner Schriften, bevor er sie bekannt machte, einer 4 Omaligen Prüfung rmterwarf. Unter seinen vielfach einzeln gedruckten Werken (4 Bde., Ven. 1729, Fol.) sind am wichtigsten „Herum veneticnriim libri XII" V0NI487—1513 (Ven. 1551, Fol.), von denen er selbst eine ital. Ausgabe (Ven. 1552, 4.; am besten von Morelli, 2 Bde., Ven. 1790, 4.) be- > sorgte; ferner sind zu erwähnen „kross", Dialogen, in welchen die Regeln der toscan. I Sprache aufgestellt werden; „6Ii Xsoluni", Dialogen über die Natur der Liebe; „kime", > eine Sammlung trefflicher Sonette und Canzonen; seine Briefe, sowol die ital. als die lat. geschriebenen; sein Werk „I)e Virgili! culice et 'kereniü tubulis" und seine „tlarmmu", die ebenso geistreich als geschmackvoll sind, aber zum Theil von einem freiem Geiste zeugen, als der Stand des Verfassers erwarten ließ. Ben heißt im Hebräischen und Arabischen Sohn. In beiden Sprachen wird zu näherer . Bezeichnung der Person dem Namen auch der des Vaters beigcfügt, daher Ben in solcher Verbindung so viel als Sohn des.... bezeichnet, z. B. David Ben Salomo, Ali Ben Hassan. Bei jüdischen Familien in arab. Ländern wird Ben auch dem Familiennamen vorgesetzt, z. B. Ben Jaisch (Baruch), Ben Melech (Salomo). Daher haben, analog den deutschen Namen auf—söhn, den dän. auf — scn u. s. w., manche Juden neuerer Zeit aus der Zusammen- setzung des Ben und des väterlichen Namens neue Familiennamen gebildet, z. B. Benary, Bendavid, Benlevi u. s. w. Benares, im Sanskrit V ara nasi, ist dieam Ganges gelegene Hauptstadt vergleich- namigen sehr fruchtbaren und cultivirten Provinz in der brit. - ostind. Präsidentschaft Al- lahabad. Der ehemals unabhängige Rajah von B-, Cheit Sing, ward 1775 von den Engländern zinsbar gemacht, 1781 durch den Generalgonverneur Hastings vertrieben, sein Land für England in Besitz genommen, der Neffe desselben, Babu Sing, zum Scheinregenten eingesetzt und der jährliche Tribut von 900000 Thlr. auf mehr als 2 Mill. erhöht Die Stadt, welche auch Kaschi heißt, ist halbkreisförmig erbaut am linken Ufer des Ganges, zu dem steinerne, mit Bäumen besetzten Treppen, die sogenannten GhautS, hinabführen. Sie gehört zu den größten und merkwürdigsten Städten Indiens und steht in solchem Rufe der Heiligkeit, daß sie nicht nur der angesehenste Wallfahrtsort der Hindus ist, sondern daß auch viele anderwärts wohnende reiche Hindus ihre letzten Tage hier beschließen, denn der Tod in der heiligen Stadt führt nach dem Glauben der Indier unmittelbar zum Paradiese. Die Ghauts sind stets mit Gruppen von Männern, Weibern und Kindern bedeckt, die entweder ihre Gebete oder ihre Waschungen perrichten oder ihre Krüge mit dem Wasser des heiligen Flusses füllen. Dieses geschieht auch von den Kaschie-KaurieS, einer eigenen Art Mönchen, welche das Wasser in große Krüge füllen, sie vergypsen, mit dem Siegel des Oberbrahminen und sich mit einem Zeugniß der Echtheit versehen lassen und es alsdann weit und breit als einen kostbaren religiösen Luxusartikel verhandeln. Die Zahl der E. belief sich im 1. 1825 auf 181482, welche in mehr wie 30205 Häusern, theils von Stein, theils von Lehm, wohnen ; hierzu kommt noch eine große Anzahl Fremder, welche sich zu allen Jahreszeiten, besonders aber während der religiösen Feste hier aufhalten. Unter letzter« ist das Duwallifest das prächtigste, wobei die glänzende Illumination der Stadt einen unvergleichlich schönen Anblick gewährt. Die Mohammedaner bilden den fünften Theil derBevölkerung und wohnen meist in den Vorstädten; die Zahl der Brahminen beträgt über 32000 und die derFakirs über 7000. ! Zur Dienerschaft der in B. residirenden Hindu-Rajahs gehören wenigstens 3000 Menschen. . So imposant der Anblick von B., besonders.vom Ganges aus, ist, wo das Meer von Häu- fern, Pagoden und vergoldeten schlanken Minarets sich amphitheatralisch ausbrertel zwischen ! prächtigen Baumgruppen und reichen Guirlanden blühender Gesträuche, die als zierliche Festons die bildwerkreichen Mauern überhangen, so macht das Innere der Stadt dock einen minder schönen Eindruck, da die Häuser meist vier bis sechs Stockwerk hoch, eine Überladung von Zierathen zur Schau kragen und die von dichten Volksmassen durchwogten Straßen eng und krumm sind. Nur wenige Europäer halten sich in B. auf; die brit. Garnison und Beneovlen Benda 2ss9 die Civilbeamten wohnen in Secrole, eine halbe Stunde von den Thoren der Stadt. Die Tempel und Paläste von Delhi, Agra und Lucknow übertreffen zwar die von B. an Pracht und Schönheit; unter den 1000 Pagoden oder Hindutemveln und 33V Moscheen, die man hier aufzählt, sind jedoch mehre sehr merkwürdig, so namentlich die im 17.Jahrh. auf den Ruinen einer Pagode von Aurevg-Zeyb, als ein Denkmal mohammed. Übermacht erbaute Moschee. Die berühmteste Pagode ist die sogenannte Vischvajscha, auf heiliger Stätte erbaut. Der Hof des Tempels ist der Aufenthalt der fetten, gezähmten, heiligen Stiere; die Kreuzgänge sind angefüllt mit Pilgern und Büßenden; das Wasser des mit einem Thürmchen bedeckten Brunnens ist heilig und zum Baden der Wallfahrer bestimmt. Eines der interessantesten Denkmäler von B. ist die alte Sternwarte, lange vor dem Eindringen der Mohammedaner , in Ostindien erbaut und noch vollständig erhalten. Ihr mit Höfen und Säulengängen umgebener Thurm hat eine ungeheure Sonnenuhr mit einem 2V F. hohen Zeiger. Überhaupt ist B. dcrHauptsitz der Künste und Wissenschaften Indiens, und es strömen jährlich eine Menge vornehmer Hindus hierher, um sich zum Dienste des Brahma vorzubereiten. Auch bestehen hier viele ind. Elementarschulen und ein besonderes Hinducollegium in dem großen Gebäude » Widalaja, woselbst zehn von der brit. Negierung besoldete Lehrer 200 Hindujünglinge im Lesen, Schreiben, Rechnen, im Gesetze der Hindus, in ihrer heiligen Literatur, im Sanskrit, in Astronomie und Astrologie unterrichten. Wie B. die Stadt der Religion und Gelehrsamkeit, so ist sie auch der Sitz blühender Industrie und reichen Handels. Berühmt sind die Gold- und Silbergeschmeide, die feinen Webereien baumwollener und seidener Zeuge, die Gold- und Silbcrstoffe unter dem Namen Kinkob und die herrlich gestickten sammetncn Turbane. Zn Verfertigung von Kinderspielwaaren aus Holz und Thon ist B. ein zweites Nürnberg. Auch ist es der Markt für die Shawls Nordindiens, die feinsten Musseline, die von Kalkutta eingeführten engl. Maaren, und der Hauptmarkt der südind. Diamanten und anderer Edelsteine. Bencoolen, eine früher brit., seit 1825 niederländ. Colonie auf der Südwestküste Sumatras, besteht in einem gut bewässerten und fruchtbaren Küstenstrich, welcher sich an das nordwestliche Gebirgsrevier der Lampungs und Batties legt und in Folge der mit den eingeborenen Häuptlingen abgeschlossener Verträge zum Gewinn von Gold, Opium, Pfeffer und Gewürzen vortheilhast benutzt wird. Die Bevölkerung des ganzen Landstrichs beträgt auf 6V OM. 200000 E. und besteht aus Europäern, Javanesen, Maduresen, Malaien, Chinesen und Hindus. Drei inländische Häuptlinge mit dem niederländ. Gouverneur regieren das Land, welches unter dem Gouvernement von Java steht. — Die Hauptorte sind Bencoo - len mit dem Fort Marlborough, eine Hafenstadt und der Sitz des Gouverneurs mit 8000 E-, schönen Negicrungsgebäuden, christlicher Kirche für die Missionare und trefflichen von diesen geleiteten Schulen; und außerdem Natal mit nicht geringem Handel. Benda (Franz), der Stifter einer eigenen Violinschule in Deutschland, war 1700 zu Altbenatka in Böhmen geboren und der Sohn eines Leinwebers. Sehr jung kam er als Chorknabe an die Nikolaikirche zu Prag und trat dann einer wandernden Musiktruppe bei, in der er durch einen blinden Juden, Namens Löbel, im GcigenPiel unterrichtet wurde. Des unstäten Lebens müde, kam or in seinem >8. Jahre wieder nach Prag, wo er das Glück hatte, einige Zeit den UnterrichtKonyczeck's zu genießen, und ging dann nach Wien, wo ihn noch Fran- ciscello. unterrichtete. Hierauf war er Kapellmeister bei dem Starosten Szaniawski, bis ihn 1740 derKronprinz von Preußen, der nachherige König Friedrich II., in seine Dienste nahm An Graun s Stelle wurde er 1771 königlicher Concertmeister und starb zu Potsdam 1788. Von seinen vielen Kompositionen sind nur sehr wenige herausgegeben. — Sein Bruder, Georg B-, geb. 1721, wurde ebenfalls von Friedrich II. 1742 bei der zweiten Geige in seiner Kapelle angestellt, trat aber 1748 als Kapellmeister in die Dienste des Herzogs von Gotha, Friedrich III., der ihn 1765 eine Reise nach Italien machen ließ. Nach des Herzogs Tode, der ein großer Freund der vorzüglich von B. cultivirten Kirchenmusik gewesen war, die nun keine Unterstützung mehr fand, nahm B. seine Entlassung in Gotha und machte eine Reise durch Deutschland und 1781 nach Paris. Nach der Rückkehr lebte «wieder in Gotha, dann in Ronneburg und zuletzt in Köstritz, wo er 1795 starb. Seine Cor«.-, Lex. Neunte Aufl. II. 14 i "»-» 1 1 210 Beudavid Be»deman»t Eigenthümlichkeiten, namentlich seine überaus große Zerstreutheit haben zu mancher Anek- botc Veranlassung gegeben. Unter seinen Kompositionen machten zu ihrer Zeit das meiste Aufsehen das Melodram „Ariadne auf Naros" und die Opern „Der Dorfjahrmarkt", „Wälder", „Romeo und Julie", „Der Holzbauer", „Lucas und Bärbchen" und „Das Findelkind". — Des Erstem Sohn, Karl Heinr. Herm. B., geb. 1748, gest. am 15. Marz 1836, wurde sehr jung von Friedrich II. seines Violinspiels wegen unter die Zahl seiner Kammermusiker ausgenommen und dann Concertmeistcr, nach des Königs Tode aber pcnsionirt, worauf er durch Unterricht im Clavier und Gesang sich vielfach verdient machte. — Sein Bruder, Friedr. Wilh. Heinr. B-, geb. 1745, gest. als Kammermusikus in Berlin 1814, war ein guter Clavierspieler und hat sich durch die Komposition einiger Cantaten und Opern, ;. B. „Orpheus", „Das Blumenmädchen" u. s. w., einen Namen gemacht. — Des Letztem Sohn, Joh. Wilh. Otto B-, geb. 1775, gest. nach einem,sehr wechselvollen Leben als Negicmngsrath zu Oppeln 1832, ist literarisch durch seine Übersetzung des Shakspeare bekannt geworden. Bendavid (Lazarus), ein scharfsinniger Philosoph und Mathematiker, geb. von jüdischen Altern am 18. Oct. 1762 zu Berlin, genoß zwar nur dürftigen Unterricht, erwarb sich aber dennoch durch Fleiß und Beharrlichkeit, neben seiner eigentlichen Beschäftigung, welche im Glasschleifer: bestand, einen solchen Grad der Bildung, daß er die Universität zu Göttingen beziehen konnte. Hier studirtc er unter Lichtenbcrg und Kästner die Mathematik mit solchem Erfolge, daß ihm Letzterer das epigrammatische Zeugniß ausstellte, B. könne jeden Lehrstuhl der Mathematik besteigen, nur den zu Göttingen nicht, so lange er lebe. Nach seiner Rückkehr nach Berlin wurde er von dem Studium der Kant'schen Philosophie, über die er öffentliche Vorlesungen hielt, so lebhaft ergriffen, daß sein Eifer für dieselbe einige Spannung mit seinen Freunden verarzlaßte. Er ging nach Wien und hielt unter allgemeinem Beifall mehre Jahre Vorlesungen über die kritische Philosophie und Geschmackslehre, zuerst in einem öffentlichen Hörsaale an der Universität, dann, als ihm das öffentliche Lehren untersagt wurde, in dem Hause des Grafen von Harrach. Heimtückische Verfolgungen nöthigten ihn jedoch zur Rückkehr nach seiner Vaterstadt, die er dann nie auf längere Zeit wieder verlassen hat, und wo er fortwährend bemüht war, durch mündliche Vorträge und schriftstellerische Thätigkeit sich nützlich zu machen. Große Umsicht bewährte er als Rcdacteur der Haude- und Spener- schcn Zeitung zur Zeit der Franzosenherrschaft in Deutschland. Vorzügliches Verdienst erwarb er sich als Dircctor der jüdischen Freischule, indem er kein Opfer scheute,, dieses wohl- thätige Institut in Aufnahme zu bringen. Seine Blütenzeit als Schriftsteller fällt in die ersten Jahre der Ausbreitung der Kant'schen Philosophie, sowie überhaupt seine ganze geistige Ausbildung dem vorigen Jahrhundert angehört, denn mit Hartnäckigkeit hielt er bis an sein Ende, welches am 28. März 1832 erfolgte, an Kant und den einmal gewonnenen Resultaten seines Forschens. Unter seinen vielen Schriften erwähnen wir „Versuch über das Vergnügen" (2 Bde., Wien 1794), „Vorlesungen über die Kritik der reinen Vernunft" (Wien 1795; 2. Aufl.,Berl. 1802), „Vorlesungen über die Kritik der praktischen Vernunft" (Wien 1796), „Vorlesungen über die Kritik der Urtheilskrast" (Wien I78K), „Beiträge zur Kritik des Geschmacks" (Wien 1797), „Versuch einer Geschmackslehre" (Berl. 1798), „Versuch einer Nechtslehre" (Berl. 1802) und die Preisschrift „Über den Ürsprung unserer Erkenntniß" (Berl. 1802). Bendemarm (Eduard), einer der ausgezeichnetsten Maler der düffeldorfer Schule, ist der Sohn eines reichen Banquiers in Berlin, geb. daselbst am 3. Dec. 1811 , und ein Schüler Wilh. Schadow's. Der Ruf des jungen Meisters begann frühzeitig und stieg schnell zu einer glänzenden Höhe. Nach einzelnen Jugendarbeiten, die allerdings schon das bedeutende Talent verriethen und unter denen namentlich ein größeres Bild, Boas und Ruth, anzuführen ist, erschien bereits im J. 1832 auf der berliner Kunstausstellung sein großes Gemälde, die trauernden Juden (nach den Worten des 137. Psalms), welches sofort als vollendetes Meisterwerk erkannt ward und allgemeinen Enthusiasmus erweckte. Dasselbe befindet sich gegenwärtig .im städtischen Museum zu Köln. Später folgten ein idyllisch-romantisches Bild, zwei Mädchen am Brunnen; Jeremias auf den Trümmern von Jerusalem, ein Gemälde von sehr bedeutender Dimension, im Besitze des Königs von Preußen; Bender Verrecke 211 wiederum ein idyllisches Bild, eine Ernte darstellend; sodann eine Reihe kleiner Bilder, zumeist ebenfalls mehr idyllischen Inhalts, und einige Bildnisse. Seine erste Arbeit in Fresca war die symbolische Darstellung der Poesie und der verschiedenen Künste, welche er, nach den vorgenannten Arbeiten, im Hause seiner Altern zu Berlin malte. Im 1.1838 wurde er als Professor der Kunstakademie und Mitglied des akademischen Raths nach Dresden berufen und ihm die Fertigung größerer Frescomalcreien im dortigen königlichen Schlosse übertragen. Leider wurde die Ausführung dieser Arbeiten durch ein hartnäckiges, Jahre lang anhaltendes Augenleiden unterbrochen. B.'s künstlerische Richtung ist zunächst diejenige, die seither überhaupt die größere Mehrzahl der Leistungen der düsseldorfer Schule charakterisier hat, nämlich daß in seinen Bildern das lyrische Moment, die Stimmung, die Darstellung des gemüthlichen Zustandes, im Gegensatz gegen die einer dramatisch entwickelten Handlung, vorwiegt. Seine persönliche Eigenthümlichkeit aber ist die der edelsten und reinsten Grazie, welche sich durch ein höchst vollendetes Ebenmaß in Zeichnung und Composition, durch die liebenswürdigste Naivetät der Naturauffassung und durch ein zartes und harmonisches, obgleich vollkommen naturkräftigcs Kolorit ankündigt. Beides mußte natürlich eine, cigenthümliche Behandlung der historischen Gegenstände bedingen und, nachdem jener erste Enthusiasmus der Kritik Platz gemacht hatte, auch manchen Widerspruch Hervorrufen, der sich indeß, wie es scheint, auf die Darstellungen eines mehr idyllischen Inhalts nicht erstreckt hat. Bender, moldauisch Teckin oder Tigino, Stadt und Festung in der russ. Provinz Bessarabien am Dnjester, in halbmondförmiger Gestalt erbaut, halb nach alter, halb nach neuer Art stark befestigt und mit Gräben und Wällen umgeben, mit einem auf der Anhöhe liegenden Castell, zählt mit seinen beiden Vorstädten etwa I OOV0 E-, darunter viele Armenier, ferner Tataren, Moldauer und Juden. Der Handel ist bedeutend; auch finden sich hier Papiermühlen, Gerbereien, Eisenschmieden und eine Salpctersiederci. Unter dem General Panin ward B., welches bis dahin den Türken gehörte, >770 durch die Russen erstürmt, in Brand gesteckt und die Besatzung nebst Einwohnern, gegen 30000 Menschen, nicdergehauen; doch erhielten es die Türken im Frieden zu Kainardschi 1774 zurück. Mit geringer Anstrengung eroberten cs die Russen abermals am 1b. Nov. 1789 , doch auch diesmal ward es im Frieden an die Türkei zurückgegeben. Als aber die Russen es 1811 zum dritten Male erobert, ward es im Frieden zu Bukarcfcht 1812 mit Rußland vereinigt.— Im nahen Dorfe Warniza lebte 1709 —12 KarlXll., König von Schweden. Bendis ist die thrazische Mondgöttin, welche mit der Artemis indentificirt in Attika durch die in Athen wohnenden Thrazier einheimisch ward. Ihr zu Ehren feierte man im Piräeus am 19 . oder 20 . Tage des Thargclion ein Fest, welches Be ndideia hieß und nach Art der bacchischen Feste begangen wurde. Benecke (Georg Fricdr.), Hofrath, ordentlicher Professor der Philosophie und Bibliothekar zu Göttingen, wurde am 10. Jan. 1762 zu Mönchsrode im Fürstenthum Öttin- gen geboren und erhielt seine erste Bildung auf der Schule zu Nördlingen und später auf dem Gymnasium in Augsburg, von wo er 1780 auf die Universität zu Göttingen abging. Hier erhielt er auf Heyne's Empfehlung eine Anstellung an der Universitätsbibliothek, wurde 1814 ordentlicher Professor der Philosophie, 1820 Hofrath und 1829 Bibliothekar. Seine Studien erstreckten sich hauptsächlich auf die engl, und altdeutsche Sprache und Literatur, zu welcher letztem ihn schon in Augsburg die Beschäftigungen seines Oheims, des Freiherrn von Tröltsch, mit dem altdeutschen Rechte geführt hatten. Er hat das Verdienst, die altdeutsche Literatur zuerst zum Gegenstände akademischer Vorlesungen gemacht zu haben und ist als ein feiner und scharfsinniger Erklärer mehrcr mittelhochdeutschen Dichter, besonders von Seite des Lexikalischen, ausgezeichnet. Seine „Beiträge zur Kenntniß der altdeutschen Sprache und Literatur" (2 Bde., Gött. 1810 — 32 ) enthalten Ergänzungen zu der Bodmer'schen Ausgabe der Minnesänger und im zweiten Bande die Gedichte des Ncidhart nebst einigen kleinern Gedichten. Im I. 1816 besorgte er eine Ausgabe von Boncr's „Edelstein oder Fabeln" (Berl.), darauf von Wirnt's von Gravenberg „Wigalois" (Berl. 1819 ) mit einem recht brauchbaren Wörterbuche; dann gab er in Gemeinschaft mit Lach- wann Hartmantts von der Aue „Jwein" (Berl. 1827 ) mit erläuternden Anmerkungen und 14* 212 Benedict der Heilige Benedict (Päpste) später ein fleißig gearbeitetes, musterhaftes „Wörterbuch" (Gött. 183.8) dazu heraus. Nu- ßerdem hat er kleinere Aufsätze in Zeitschriften geliefert, würde aber durch Herausgabe seines vollständig ausgearbciteten mittelhochdeutschen Wörterbuchs der altdeutschen Literatur den ersprießlichsten Dienst erweisen. Benedict, der Heilige, der Gründer des abendlättd. Mönchswesens, geb. 480 zu Nursia in Umbrien, im jetzigen Kirchenstaate, suchte schon im 18. Jahre die Einsamkeit in einer in der Wüste Subiaco gelegenen Höhle und wurde dann Abt eines Klosters, das er aber wegen der darin herrschenden Sittenlosigkeit bald wieder verließ. Jm J. 315 entwarf er eine sehr zweckmäßige Müuchsrcgcl, die zuerst in dem von ihm auf Montecassino bei Neapel, in einem Haine des Apollon, nach Zerstörung des Tempels, 529 gestifteten Mönchskloster eingeführt, und nach und nach die Regel des abendländ. Mönchthums ward. Sie milderte die übertriebene Strenge der oriental. Mönche in Bezug auf Kleidung und Lcibcspflcge, verpflichtete zum beständigen Bleiben im Kloster und verordnekc, außer dem Werke Gottes, wie B- das Gebet und das Lesen geistlicher Bücher nannte, Unterweisung der Jugend im Lesen, Schreiben, Rechnen und Christenthum, ferner Handarbeit und Besorgung der Ökonomie des Klosters. Zudem ließ B. eine Bibliothek anlegen, für welche die altern Brüder Handschriften abschrciben mußten, durch welche Einrichtung er, 'ohne die besondere Absicht zu haben, nicht wenig dazu beitrug, die Denkmale des Alterthums vom Untergange zu rct> ren. Denn obschon er nur das Abschreiben religiöser Bücher verstanden hatte, so ward dies doch in der Folge auch auf classische Werke aller Art ausgedehnt, sodaß die gelehrte Welt den Benediktinern (s. d.) die Erhaltung großer literarischer Schätze verdankt. Er starb am ^ 21. März 583, und die Legende ist reich an Wundern, die er im Leben verrichtet haben soll, i Benedict von Aniäne, in Languedoc, erster Wiederherstellcr der unter den vielen I Laienäbten des 8. und 9. Jahrh. verfallenen Klvsterzucht, geb. um 750, lebte bis 778 am ^ fränkischen Hofe, wurde dann Mönch und später Abt von Aniane, als welcher er bis zu seinem Tode im 1.821 für die Reformation seines unb anderer von Ludwig dem Frommen ihm übergebenen Klöster eifrig wirkte. Auf seinen Rath erließ Ludwig der Fromme 817 zu Aachen ein Capitular über die Lebenswcise.der Mönche, wodurch B.'s Regel gesetzliches Ansehen für das fränkische Reich erhielt. Benedict (Päpste). Von den 18 Päpsten dieses Namens sind zu erwähnen: B. III., 855—58, der Nachfolger der angeblichen Päpstin Johanna (s. d.), dann der IV.—IX., die während der Parteikämpfe der ital. Großen im 10. und I I. Jahrh. den päpstlichen Stuhl innehatten, und deren letzter als zwölfjähriger Knabe Papst wurde und seine Würde verkauft!', ferner B.Xl., der alle Beschlüsse seines Vorgängers, Bonifacius VIIl., gegen Frankreich zurücknehmen mußte; B. XII., 1338—82, der zu Avignon restdirte, ein Feind des Commendcn- wesens und des Nepotismus war und durch franz. Einfluß an der Aussöhnung mit Ludwig dem Baier gehindert wurde; ferner der schismatische und deshalb später aus der Liste der Päpste gestrichene B.XIII., in Avignon seit 1398, der sammt seinem Gegenpapste in Rom, Gregor XII., alle Versuche zur Hebung des Schisma vereitelte und zuletzt von seinen Cardinä- len verlassen, zur Flucht nach Spanien gezwungen ward, wo er 1828 starb; endlich B. XIII-, >728—30, ein beschränkter, der Leitung des nichtswürdigen Coscia sich hingebender Mann, gegen dessen Absicht, Gregor VII. zu kanonistren, 1729 fast alle Fürsten protestirten. — Der merkwürdigste ist B. XIV, der vorher Prosper Lambertini hieß, 1675 zu Bologna geboren wurde und aus einer angesehenen Familie stammte. Schon in seiner Jugend zeichnete er sich durch schnelle Fortschritte in allen Wissenschaften aus. Mit Vorliebe studirte er die Kirchenväter, legte sich mit Erfolg auf das kanonische und bürgerliche Recht und ward zu Rom Consistorialadvocat. In der Folge ernannte man ihn zum krnmotor liclei, wodurch er veranlaßt wurde, ein schätzbares Werk über die bei den Seligsprechungen üblichen Gebräuche ! zu schreiben <8 Bde., Bologna 1738, Fol.). Leidenschaftlich für die Wissenschaften, für ! historische Forschungen und für die Denkmale der Kunst eingenommen, verband Lambertini sich mit allen berühmten Männern seiner Zeit, namentlich auch mit Montfaucon, der ihm scherzhaft zwei Seelen beilegte, eine für die Wissenschaften und eine für die Gesellschaft. Er machte sich mit den trefflichsten Dichterwcrken vertraut, durch die er seinen Geist erhob und seinen Ausdruck belebte. Benedict XIII. ernannte ihn 1727 zum Bischof von Ancona, Benedict (Julius) 213 1728 zum Cardinal und 1732 zum Erzbischof von Bologna. Allenthalben zeigte er große Talente und erfüllte seine Pflichten mit dem gewissenhaftesten Eifer. Er widerstand der Religionsschwärmerei selbst mit Gefahr seiner eigenen Sicherheit, nahm sich der Unterdrückten an und äußerte sich gegen Clemens XIl. mit seltener Freimüthigkeit, ohne darum das Wohlwollen desselben zu verlieren. Als nach Clemens' Xll. Tode 1740 im Conclave die Umtriebe des Kardinals Tencin die Wahl verzögerten und die Cardinälc sich nicht vereinigen konnten, sagte Lambertini mit seiner gewohnten Gutmüthigkcit zu ihnen: „Wollt Ihr einen Heiligen, so nehmt Gotti, einen Politiker, Aldobrandini, einen guten Alten, mich." Diese hingeworfenen Worte wirkten wie eine plötzliche Eingebung auf das Conclave, und Lambertini bestieg unter dem Namen Benedict XIV. den päpstlichen Stuhl. Die Wahl der Staatsdiener und Freunde, mit welchen er sich umgab, gereichte seiner Urtheilskrast zur höchsten Ehre. Der Zustand der Kirche und die Lage des röm. Hofes waren dem Scharfblicke und der Klugheit B.'s nicht entgangen. Seit der Reformation zitterten die Fürsten nicht mehr vor dem Bannstrahle des Vatikans. B. sah ein, daß das Ansehen des päpstlichen Stuhls nur durch Nachgiebigkeit und weise Mäßigung erhalten werden könne. In diesem Geiste handelte er, und so gelang es ihm, selbst unter widerstreitenden Verhältnissen, nicht nur die katholischen, sondern durch Willfährigkeit und Duldung auch die protestantischen Fürsten zufrieden zu stellen. Die Wissenschaften waren ein besonderer Gegenstand seiner Sorgfalt. Er stiftete Akademien zu Rom, erhöhte den Flor der Akademie zu Bologna, ließ einen Grad des Meridians messen, den Obelisk aus dem Marsfelde ausrichtcn, die Kirche St.-Marcellin nach einem selbst entworfenen Plane erbauen, die schönen Gemälde in St.-Peter in Mosaik ausführen, die besten engl, und franz. Werke ins Italienische übersetzen, und aufseinen Befehl fing man an, ein Verzeichniß der Handschriften der Vatikanischen Bibliothek zu drucken, deren Zahl er bis auf 3300 vermehrt hatte. Die Verwaltung des Innern gereicht seiner Weisheit nicht minder zur Ehre. Er gab strenge Gesetze gegen den Wucher, begünstigte die Handelsfreiheit und verminderte die Zahl der Festtage. Seine Frömmigkeit war aufrichtig, aber aufgeklärt und duldsam. Er bemühte sich, die Glaubenssätze und die guten Sitten aufrecht zu erhalten, wozu er selbst das löblichste Beispiel gab. Nach einer schmerzhaften Krankheit, während welcher er nicht einen Augenblick die Heiterkeit seiner Seele noch die Lebhaftigkeit seines Geistes verlor, starb er am 3. Mai 1758. Der einzige Vorwurf, den ihm die Römer machten, war, daß er zu viel schreibe und zu wenig regiere. Seine wichtigste Schrift ist die von den Synoden, in welcher man den großen Kanonistcn erkennt. Eine Ausgabe seiner Werke besorgte Emanuel de Azevedo (12 Bdc., Rom 1717—51, 4.). Benedict (Julius), ein Komponist und Klavierspieler, der im eigenen Vaterlande noch nicht heimisch geworden, während sein Name in Italien, England und Frankreich mit hoher Achtung genannt wird, ist am 27. Nov. 1804 zu Stuttgart geboren, der Sohn eines angesehenen Banquiers, und erhielt nicht nur den zweckmäßigsten musikalischen Unterricht, sondern auch auf dem Gymnasium eine gediegene klassische Bildung. Dann bildete er sich unter Hummel zu Weimar und seit 1820 unter K. M. von Weber in Dresden weiter aus, dem er 1821 nach Berlin und, nachdem er eine Zeit lang in Stuttgart zugcbracht, 1823 nach Wien folgte, und dessen Einfluß auf die Grundrichtung B.'s als Komponist nicht zu verkennen ist. Nachdem er als Concertspieler in Dresden und Leipzig ausgetreten, ward er auf Weber's Empfehlung 1824 Musikdirektor beim Kärntnerthortheater in Wien. Als Musikdirektor bei San-Carlo in Neapel brachte er 1827 seine erste Opera buffa „6ia- cilita eä Lrnesto" zur Aufführung. Nachher trat er mehre Jahre hintereinander mit großem Beifalle besonders in Bologna, Lucca und Neapel als Klavierspieler auf. JmJ. 1830 war er in Stuttgart, Dresden und Berlin, eilte aber sehr bald über Frankfurt nach Paris, wo seine ausgezeichnete Gewandtheit im Begleiten von Gesangstücken ihn mit der Mali- bran und Beriot befreundete, mit denen er nach Neapel zurückkehrte, wo er seine frühere Stellung wieder einnahm. Hierauf ging er 1835 nach London, wo er als Claviervirtuos großes Aufsehen erregte und 1836 Direktor der neuerrichteten Opera buffa wurde. Seinen Übertritt zur katholischen Kirche veranlaßte wahrscheinlich zunächst die Verheirathung »nit einer schönen kunstbegabten Neapolitanerin. Von seinen Opern erwähnen wir noch 214 Benedictbeuril Benediction „I kortogllesi s 6oa", „17a anno «6 uu giorao" (1836) und „Hie Oipsz-'s cvarniug" (1838), und von seinen Concerts die mit Benot hcrausgcgebcnen. Benedictbeurn, in der bair. Provinz Oberbaiern, 15 Stunden südwestlich von München, am Fuße der Vorgebirge gegen Tirol, ehemals eine Abtei mit einer prächtigen, unter dem Abt Placidus erbauten und 1686 eingewcihten Kirche, gegründet um 140, kam bei der Aufhebung der Klöster in Baicrn ebenfalls zum Verkauf und 1805 in die Hände Jos. von Uh sch neid er's (s. d.), der daselbst 1806 eine Kunstglashütte errichtete. Benediktiner heißen im Allgemeinen alle Mönche, welche die Klosterregel des heil. Bencdict (s. d.) von Nursia befolgen, welche die Grundlage aller andern abcndländ. Klo- stcrregeln wurde. In Folge ihrer großen Verbreitung wurden die Klöster der Benediktiner mit ihren Schulen die Hauptanstalten zur Bildung des Abendlandes. Die wichtigsten dieser Schulen waren die zu St.-Gallen, weltberühmt durch ihre schönen Handschriften, Fulda, Reichenau, Korvey, Hirschau, Bremen, Hersfeld u. s. w-, wo besonders der Adel und die Bischöfe ihre Kenntnisse und Erziehung erhielten. Der große Reichthum, zu dem die Benedictincrklöster in kurzer Zeit gelangten (so hatte z. B. der Abt von Reichenau jährlich 60000 Fl. Einkünfte), brachte indcß die Klosterzucht in Verfall, und es wurden Reformen nöthig, unter denen die von Clugny in Burgund im I. 027 und von Hirschau auf dem Schwarzwalde im 1.1080 ausgegangcnen die merkwürdigsten sind. Aber auch die hierdurch bewirkten Verbesserungen dauerten nicht lange, und die neuentstandenen oder fortdauernden Unordnungen und Verderbnisse veranlaßten mehre Päpste zu den Versuchen, die alte bessere Zucht und Ordnung wicderherzustellen. Auch die Kirchenvcrsammlnng zu Basel unterzog sich 1416 dcmRc- formationsgeschäft der Benediktiner, konnte aber ebenso wenig allgemein als auf die Dauer durchdringen. Am heilsamsten wirkte noch die Congregation vom heil. Maurus, die angeblich ersten Benedictiner in Frankreich, welche an die Stelle der Handarbeiten und des Psalmsingens, nach Bencdict's Regel, Geschäfte des Geistes und gelehrte Übungen setzte und so aus einem Mönchsorden eine Akademie theologisch-historischer Wissenschaften bildete, die bald durch Mabillon, Montfaucon, Dachery, Martene u. A. in großes Ansehen kam und insbesondere durch die Herausgabe der,,^rt cke voriger les gutes" sich sehr verdient machte. Im IS.Jahrh. hatten die Benedictiner 15107 Klöster, von denen ihnen aber die Reformation nur etwa 5000 ließ; jetzt zählt man deren ungefähr 800. Der Benedic- kinerorden rühmt sich, unter seinen Gliedern 24 Päpste, 200 Cardinäle, 1600 Erzbischöfe, 4000 Bischöfe, 15000 Schriftsteller, 1560 kanonisirte und 5000 derKanonisation würdige Heilige, sowie 43 kaiserliche und 44 königliche Personen gehabt zu haben. Übrigens haben die Klöster von der Regel des heil. Benedict niemals ein verfassungsmäßig geordnetes und aristokratisch oder monarchisch regiertes Ganze ausgemacht; es mußte vielmehr eine Menge der Klöster, welche von den alten Benedictiner» abstammten, sich auf Befehl der tridentiner Kirchenversammlung nach und nach zu besondern Brüderschaften vereinigen. Unter diesen verdienen vorzügliche Erwähnung die Benedictiner von Montecassino, Monte-Vergine und Monte-Oliveto (Olivetaner) in Italien und Sicilien, wo sie bis jetzt ununterbrochen geblüht haben; von Valladolid mit Montscrrat in Spanien; von Hirschau und Fulda mit Bursfclde, -welche beide eingegangen sind, und Molk in Deutschland, nicht nur wegen der Größe ihrer Besitzungen und der Pracht ihrer Kirchen, sondern auch der Milde ihrer Regel. Zu der noch jetzt bestehenden Brüderschaft von Mölk, die durch die vom Staate angeordnete Verwendung ihrer Mitglieder und Einkünfte zu gemeinnützigen Zwecken wirkt, halten sich die übrigen Benediclinerklöster im Östreichischen, z. B. Kremsmünster, Mariazell, das Schottenkloster in Wien u. s. w. An vielen der weiblichen Klöster dieses Ordens hat ausschließend der Adel Antheil, weil die Stellen darin den einträglichsten Pfründen gleichen. Das ungebundenste Leben führen die Benedictiner in Sicilien, meist jüngere Söhne vornehmer Familien. Benediction (deneckictio) heißt in der katholischen Kirche die Einsegnung einer Sache oder Person. Zum Ritus der Benediction gehören Gebetsformeln, die oft selbst die Benediction genannt werden, Besprengung mit Weihwasser, Räucherung u. s. w. Blos benedicirt werden Äbte, Äbtissinnen und Gottesäcker, während dagegen Bischöfe, neue Kirchen und Glocken mit dem heiligen Öle consecrirt werden müssen. Die Benediction, welche der Papst, die Cardinäle, Bischöfe und päpstlichen Nuntien entweder einem ganzen Benediktow Benebent 215 Volk oder auch einer einzelnen Person in der Kirche oder auf der Straße ertheilen, besteht in der Segnung unter dem Zeichen des Kreuzes. Der Papst gibt dreimal im Jahre feierliche Benediction (url»i et orbi), nämlich am Grünen Donnerstage, am Osterfeste und am Himmclfahrtstage. Dieser allgemeine kirchliche Segen wurde von jeher am liebsten in der mosaischen Formel aus 4 Mos. 8,24—26. ertheilt. — Lensclictio Keatiea oder auch das Visticum heißt der Segen, welcher den büßenden Kranken ertheilt wird, und Kene- üictio sacerclotsüs die priestcrliche Einsegnung oder Trauung verlobter Personen. Benediktow (Wladimir) ist einer der jüngsten russ. lyrischen Dichter, welcher in kurzer Zeit zu bedeutendem Ansehen gelangte. Erzogen im Cadettencorps in Petersburg, nahm er anfangs Kriegsdienste, ging aber dann zum Finanzwesen über. Schon lange hatte er, einem innern Triebe folgend, Verse geschrieben, ohne sie irgend Jemandem mitzutheilen, als ihn zufällig ein Freund bei einer solchen Arbeit überraschte. Entzückt über die Schönheit der ihm fast gewaltsam abgepreßten Verse, drang derselbe in ihn, sie zu veröffentlichen, worauf sie 1835 (2. Aust., 1836) im Druck erschienen. Der Erfolg war ein außerordentlicher, und ganz Rußland las sie mit Bewunderung. Ihre schönste Seite ist die tiefe Anschauung der Natur und die innige Begeisterung für dieselbe, welche aus jeder Zeile hervorweht. Die schönsten Gedichte darunter sind „Drei Gestalten", „Der See" und „Der Erabeshügel". Beneke (Friedr. Eduard), Professor der Philosophie in Berlin, geb. daselbst am 1". Febr. 1798, besuchte das dasige Friedrichwerder'sche Gymnasium und, nachdem er den Freiheitskrieg im 1.1815 als freiwilliger Jäger mitgemacht hatte, zu Ostern 1816 die Uni-, vcrsität zu Halle, wo er Theologie studirte, und 1817 die zu Berlin, wo er sich, neben Schleicr- macher's anregenden Vorträgen, besonders mit den engl. Philosophen bekannt gemacht hatte. Die von ihm eingeschlagene Richtung bezeichneten die beiden Schriften „Erfahrungsseelen- lehrc, als Grundlage alles Wissens in ihren Hauptzügen dargestellt" (Berl. 1820) und „Erkenntnißlehre nach dem Bewußtsein der reinen Vernunft in ihren Grundzügen dargelegt" (Jena 1820). Er habilitirte sich 1820 an der Universität zu Berlin und hatte sich neben Hegel ein nicht unbedeutendes Auditorium erworben, als ihm 1822 die Fortsetzung seiner Vorlesungen untersagt wurde. Hierauf ging er 1824 als Privatdoccnt nach Göttingen, und als ihn im I. 1827 Familienvcrhältnisse zur Rückkehr nach Berlin nöthigtcn, erhielt er wieder die Erlaubnis zu Vorlesungen an der Universität und wurde auch 1832, nach Hegel's Tode, zum außerordentlichen Professor der Philosophie ernannt. Der Mittelpunkt der philosophischen Ansicht, welche B. im Gegensätze zu den meisten philosophischen Systemen durch eine nicht geringe literarische Thätigkeit geltend zu machen sucht, liegt in der Überzeugung, daß, während die von ihren Anhängern so hoch gepriesene absolute Philosophie nur ein Spiel mit leeren Begriffen und somit ein Rückschritt zum Scholasticismus sei, die wahre Begründung der Philosophie blos durch ein unbefangenes und strenges Anschließen an die geistige Erfahrung, an das in dem eigenen Bewußtsein Gegebene zu hoffen sei. Es ist also empirische Psychologie, gegründet auf die seit Bacon von Verulam in den Naturwissenschaften herrschende Methode, welche B. als philosophische Haupt- und Grundwissenschaft auszubilden vorzugsweise bemüht gewesen ist. Von eigentlicher Metaphysik und einer darauf gegründeten speculativen Psychologie und Naturphilosophie ist B. ein entschiedener Gegner, indem er seine gegen die von Fichte, Schelling und Hegel verfolgte Richtung der Speculation vielfältig ausgesprochene Polemik auf alle Speculation überhaupt überträgt. Von seinen Schriften erwähnen wir noch „Psychologische Skizzen" (2 Bde., Gött. 1825—27), „Über das Verhältniß von Seele und Leib" (Gött. 1824), „Lehrbuch der Psychologie" (Berl. 1823), „Lehrbuch der Logik als Kunstlehre des Denkens" (Berl. 1832), „Erzichungs- und Unterrichtslehre" (2 Bde., Berl. 1835 — 36)/ „Grundlinien des natürlichen Systems der praktischen Philosophie" (2 Bde., Berl. 1837—41) und „System der Metaphysik und der Religionsphilosophic aus den natürlichen Grundverhältnisscn des menschlichen Geistes abgeleitet" (Berl. 1840). In allen seinen Schriften herrscht übrigens ein lobenswerthcs Streben nach Klarheit und Deutlichkeit. Der Vorwurf des Materialismus, welchen man ihm bisweilen gemacht hat, ist ungegründct. Benevent, die südlichste Delegation des Kirchenstaats, mit 28000 E. auf 4'/smM., ist von der ncapvlitan. Provinz Lriucssato ulteriore eingcschlossen und 17 deutsche M. von 21K Bengalen der Hauptmasse des Kirchenstaats entfernt. Die Gegend ist im Bereiche der westlichen Vorterrassen des neapolitan. Apennin eben und fruchtbar und bietet zur Ausfuhr Rinder, Ge- treibe, Wein, Öl, Südfrüchte und Wildpret. In den frühesten Zeiten gehörte dieser damals ! weit ausgedehntere Staat zum Lande der Sammler und hieß blnleventum. Erst als nach Eroberung dieses Landstrichs durch die Römer 269 v. Ehr. eine Colonie hierher geschickt wurde, erhielt derselbe den Namen Leneventum. Unter der Negierung des Kaisers Augu- stus, welcher neue Colonisien hierher sandte, wurde es llulia (7<,ncnrckia genannt, erhielt aber / später seinen frühcrn Namen wieder. Die Lombarden erhoben B. 57 l zu einem Herzog- > thum, das noch lange nach dem Fall des lombard. Reichs seine Unabhängigkeit behielt. Zm ^ I. 840 ward cs in zwei und 850 in drei besondere Staaten, B., Salerno und Capua geschieden, und 1077 fiel es in die Hände der Normannen. Nur die Stadt und deren jetziger Bezirk blieben von den letztem verschont, weil Kaiser Heinrich III. dieselben 1053 dem Papst Leo IX. zur Ausgleichung wegen einiger abgetretenen Lehnrechte auf Bamberg in Franken überlassen hatte. Im II. und 12. Jahrh. wurden hier vier Concilien gehalten. Im Z. 1266 kam es bei B. zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Karl von Anjou und dem verhaßten Manfred, gegen den der Papst Clemens VI. die franz. Hülfe angerufen hatte. Der Paß von Capreano ward durch Verrath des Grafen von Cascrta, Manfrcd's Schwager, den Franzosen geöffnet, und diese suchten Manfrcd's feste Stellung bei Capua durch einen beschwerlichen Seitenmarsch zu umgehen. Manfred brach jedoch schnell auf, trat Karl bei B. in wohlgeordneten Reihen entgegen und nöthigtc ihn zur Schlacht. Nach anfänglichem Unglück der Franzosen und fürchterlichem Kampfe, gab endlich Karl selbst mit seiner Reserve den siegenden Ausschlag; Manfred fiel mit 3000 M., meist Sarazenen, und Karl bemächtigte sich in Folge des Sieges Apuliens, Siciliens und Thuscicns. Jm J. 1418 kam B- an Neapel, aber Ferdinand I. gab es wieder an Papst Alexander VI. zurück, von welchem es dessen Sohn Johann als ein Herzogthum auf kurze Zeit überlassen wurde. Nachdem B. 1798 durch die Franzosen erobert worden war, ward es an Neapel abgetreten, dann >8VK durch Napoleon dem Minister Talleyrand geschenkt, der davon den Titel eines Prinzen von B. annahm, und im Frieden 1815 an den päpstlichen Stuhl zurückgegeben. Der König von Neapel behielt sich indeß über B. einige Hoheitsrechte vor, wie die Regalien des Tabacks- und Salzverkaufs, des Post- und Zollwesens. Der Aufstand, welcher hier 1820 ausbrach, wurde sehr bald beschwichtigt. — Die einzige Stadt der Delegation, das befestigte Bcnevent, auf einer Anhöhe zwischen den Flüssen Sabato und Calore, welche sich unweit derselben vereinigen, hat 16000 E., ein Erzbisthum, welches 969 gestiftet wurde, drei Collegiatstifte, 8 Kirchen, 19 Klöster und mehre Fabriken für gold- und silberplattirke Waaren, Leder und Pergament. Der Getrcidehandel ist beträchtlich, die fünf Messen aber find unbedeutend. Wenig Städte in Italien verdienen wegen ihrer Alterthümer so viel Aufmerksamkeit als B. Beinahe jede Mauer besteht aus Bruchstücken von Altären, Grab- mälern, Säulen und Gcbälken. Unter Andern zeichnet sich der prächtige, wohlerhaltene, 1II n. Chr. erbaute Triumphbogen Trajan's aus, welcher jetzt unter dem Namen des Goldenen Thors (?orta surea) ein Stadtthor von B. ausmacht. Er besteht aus einem einfachen, sehr wohlerhaltenen Bogen mit einer auf beiden Seiten gleichen, noch lesbaren Inschrift; zm Rechten derselben sind Darstellungen aus Trajan's Leben, links mehre Götter und Göttinnen, z. B. Jupiter, Juno, Minerva u. s. w. in halbcrhabener Arbeit. Bemerkcnswcrth ist auch der Dom in gothischem Stile mit bronzenen Thüren und schönen Gemälden, sowie ein kleiner ägypt. Obelisk vor demselben. Bengalen, im rcingeographischen Sinne der östliche Theil des Landes Hindostan zu ^ beiden Seiten des Ganges, wol auch im weitern Sinne die Präsidentschaft der Englisch- ! ostindischen Compagnie, heißt in politischer Hinsicht, seit der Theilung dieser Präsidentschaft in die zwei Präsidentschaften Kalkutta und Allahabad oder Agra, die östlichste zur Präsidentschaft Kalkutta gehörige Provinz von Hindostan, welchemordwestlich an Nepal, im Norden an Sikkim und Butan, nordöstlich an Assam, im Osten an Hinterindien, im Süden an den Bengalischen Busen, südwestlich an Orissa und Gondwana und im Westen an Bahar grenzt und auf 4523 lüM. Flächeninhalt 26 Mill. E. zählt. B. ist ein Terraffenland, das sich von den Vorbergen des Himalaya allmälig bis zum Niederungsland des Ganges und Brahma- ^ Bengalen 217 putra, den Sunderbunds zwischen dem Hughly- und Megnasirom und dem Gestade des , Bengalischen Meers erstreckt. Außer dem ewigen Schnee tragenden Himalaya und seinen südlichen Verbergen erheben sich die Garrows im Nordvsten und im Osten des Brahmaputra die Gebirge von Tippcrah und Tschittagong an der Ostgrenze der Provinz. Das Innere ist fast ganz eben, nur von wenigen Hügelketten durchzogen; ja in den Sunder- , bunds, einem I«—15 M. breiten Küstenstriche, ist der Boden so eben, daß er mit dem l Meeresspiegel fast in gleichem Niveau steht, daher häufigen Überschwemmungen ausgesetzt i ist und größtcntheils Sumpfland mit undurchdringlichen Gebüschen und Waldungen, die sogenannten Dschunglen, bildet. Der bedeutendste Fluß ist der Ganges, welcher aus der Provinz Bahar kommt, die vom Himalaya herströmenden wasserreichen Flüsse Tista, Cosa und Mahanada und viele andere aufnimmt und sich dann in mehre Arme thcilt, welche sich bei Dacca mit denen des Brahmaputra vereinigen. Beide Ströme bilden ein Delta, das, doppelt so groß als das des Nil, längs der Küste eine Ausdehnung von 5N M. einnimmt, fortwährenden Veränderungen unterworfen und nach dem Ocean zu im Vorschreiten begriffen ist. Von den l7 Haupt- und vielen Nebenmündungen, in denen sie das Meer erreichen, sind die meisten verschlammt; nur auf dem Hughly, der die westlichste Ausmündung bildet, können Seeschiffe 50 M. landeinwärts fahren. Außer den beiden Hauptflüsscn sind noch der Tschittagong und Sunkar und der Subunrika als Zuflüsse des Bengalischen Meerbusens zu bemerken. Der Boden ist im Binnenlande tiefer Thon mit einer mächtigen Schicht Dammerde bedeckt, im Delta zum Theil Sand, jedoch ebenfalls ausgezeichnet fruchtbar. Derselbe könnte weit mehr- produciren als das Land bedarf, wenn der Ben- aalest fleißiger und der Bauer Eigenthümer, nicht aber blos Pächter wäre; so aber tritt in Mißjahren , oft furchtbare Hungcrsnvth ein. Man baut Reis, Weizen, Gerste, Hirse, Hülsenfrüchte, Ölsämereien, Zucker, Baumwolle, Betel, Opium, Indigo, Ingwer, Pfeffer, Kardamome, vielerlei Obstarten, Mangos, Palmen-, Arekanüsse und Ananas. Die Viehzucht ist sehr bedeutend in Rücksicht auf Schafe, Büffel und Ziegen. Auch die Seidenraupen- und Bienenzucht ist beträchtlich. Elefanten und mancherlei wilde Thicre, wie das Nashorn, das wilde Schwein, in den Strömen das Gangeskrokodil u. s. w. finden in den Wildnissen der Natur eine Zuflucht. Im Bergbau wird Eisen gewonnen, außerdem Salpeter "bereitet und Salz in den Sunderbunds abgeschlämmt. Industrie und Gewerbflciß sind über das ganze Land verbreitet, namentlich fertigt man baumwollene und stideneZcuge, Lederwaaren, Teppiche, Segeltuch aus Hanf und Baumwolle, irdene Geschirre, Taback, Zucker, Opium, Gold- und Silberwaarcn, Kupfergeschirr u. f w. Der Handel, sowol zur See wie im Binnenlande, ist bedeutend. Die Einwohner sind theils Hindus in verschiedenen Stämmen, z. B. Kuki, Garros, Mughs, Coffechs, theils moslemische Mongolen, theils cingewanderte Europäer, besonders Briten, theils Armenier in geringer Zahl, aber sehr wohlhabend. Als Provinz der Präsidentschaft Kalkutta besteht es aus 18 Districten, nämlich Kalkutta, Hughly, Nuddia mit Kischenagur, Dschessorc, Backergundsche, Tschittagong mit der sehr ! bedeutenden Stadt Islamabad, Tippcrah, Silhet, Dacca, Mymansing, Rungpur, Dinad- schpur, Radschahi, Birdum, Murschedabad, Burdwan, Bulluah und Dschunglc-Mehals. B. wurde um >7N v. Chr. ein für sich bestehendes Reich, dessen Hauptstadt Ghor war. Unter eigenen Radschas bestand es bis zum I. 1203, wo es von den Moslemcn erobert wurde. Seit 1225 mit dem Königreich Delhi vereinigt, unterlag cs mehrfachen Usurpationen und schnellen Thronwechseln, bis der Großmogul Akbar cs für immer mit seinem Reiche vereinigte, worauf es seit 1586 durch Subahdars oder Statthalter verwaltet wurde. Nachdem die Engländer 1633 die Erlaubnis erhalten hakten, in B. Handel treiben zu dürfen, errichteten sie daselbst nicht nur sehr bald Comptoire; sie setzten auch 1681 zu Hughly einen brit. Gouverneur ein. Gleich den Franzosen zu Tschandernagore erhielten sie 1696 das Recht, ihre Factorei in Vcrtheidigungsstand setzen zu lassen, und vier Jahre später ' wurde ihnen gestattet, die drei Ortschaften Tschintanutti, Govindpur und Kalkutta anzu- kaufcn. Wegen der Befestigung von Kalkutta gerieth der von Delhi fast ganz unabhängige Statthalter von B. 1756 mit der Englisch-ostindischen Compagnie unter Lord Clive in Etreit, eroberte Kalkutta und ließ eine große Anzahl Kriegsgefangene in der berüchtigten Schwarzen Höhle umkommcn. Allein schon 1757 nahmen die Briten Kalkutta wieder ein, 218 Bengalisches Feuer BenjowSky verjagten darauf die franz. Besatzung aus Tschandernagore und griffen nun immer weiter 2? um sich, sodaß sic nach wenigen Jahren den Nabob pensionircn konnten, worauf B. als zum dc brit. Gouvernement und von der Englisch-ostindischen Compagnie verwaltet wurde. ^ Bengalisches Feuer, s. IndischesFcuer. de Bengel (Joh. Albr.), ein berühmter Theolog, geb. am 2-1. Juni 1687 zu Winnenden . di in Würtemberg, studirte zu Stuttgart und Tübingen, machte hierauf eine gelehrte Reise de und ward 1713 Prediger und Professor an der Schule zu Dcnkendorf. Seit 1731 Nach und F, Propst zu Hcrbrcchtingen, 1737 in den weitern und 1738 in den cngern Ausschuß der Land- de schaft gezogen, seit 17 39 Prälat zu Alpirsbach, starb er am 2. Dec. 1752. Erwar dererstepro- § en testantischc Theolog, der die Kritik der Schriften des Neuen Testaments (erste Ausg., Tüb. de 1733, 3.) in ihrem ganzen Umfange mit dem Scharfsinn, der Geduld und Reife des Urtheils be behandelte, die eine solche Arbeit erfodert. Besonders hat er sich um die Berichtigung des Textes er große Verdienste erworben. Mit Recht hat man die kurzen Bemerkungen zum Neuen Testa- P mcnre, welche er in dem Buche „6uom»u K. 17" (Tüb. 1732, 3.; neueste Aust. von Steu- zu del, 2 Bde., Tüb. 1835—36) mittheiltc, fortwährend vielfach beachtet. Sie sind sinnvoll, G oft überraschend treffend, wenngleich er bisweilen in einfachen Stellen zu viel gesucht haben mag. Seine „Erklärte Offenbarung St.-Johannis" (Stuttg. 1730) und die darin enthal- ka tcnen Verkündigungen, sowie das chronologische Werk „Orcko temporum » principe» per S perinilos osconnmins ckiviims iiistvricu8 atgue proplieticns" (Tüb. 1731) erwarben ihm U bei Einigen den Ruf eines begeisterten Propheten, bei den Meisten aber den eines Schwär- rü mers, doch war er in Hinsicht seiner Sitten und seines Charakters allgemein geschäht. de Vgl. Burk, „B.'s Leben und Wirken, meist nach handschriftlichen Materialien" (Stuttg. ve >831) und „B.'s literarischer Briefwechsel" hcrausgcgebcn von Burk (Stuttg. 1836). F, Die chronologischen Fehler in B.'s apokalyptischen Berechnungen hat der 1823 verstorbene U Astronom I. F. Wurm nachgewiesen in den Schriften „Über die Beweisgründe für B.'s ui apokalyptische Zeitrechnung, mit Rücksicht auf die Erwartungen im I. 1836" (Stuttg. ; U 1832) und „B.'s Cyklus oder astronomischer Theil von dessen apokalyptischen Systemen ^ Ls gemein verständlich geprüft" (Stuttg. 1831). — SeinEnkelsvhn,ErnstGottlieb vonB., ^ w geb. am 3. Nov. 1769 zu Zavelstein auf dem Schwarzwalde, gest. als Prälat, Professor ! S der Theologie und Propst an der St.-Georgenkirche zu Tübingen am 23. März 1826, H früher bis 1806 Pastor zu Marbach, hat außer den Abhandlungen in dem seit 1815 von ab ihm herausgegebenen „Archiv für Theologie" und akademischen Schriften nur sehr wenig ^ an im Drucke erscheinen lassen. Nach seinem Tode wurden herausgegcben seine „Reden über ! st, Religion und Christenthum" (Tüb. 1831; 2. Aust., 1839) und die „Opnsculu scaäe- ! U mica" (Hamb. 1833). K Benin, ein den Asch antis (s. d.) unterworfenes Reich auf der Küste von Guinea. D Benjamin aus Tudela, der Sohn Jona's, machte theils in Handelsgeschäften, theils WI um die Lage der zerstreuten Juden kennen zu lernen, zwischen 1159 und 1173 eine Reise von Saragossa über Italien und Griechenland nach Palästina und Persien und kehrte über he Ägypten und Sicilicn nach seiner Heimat zurück. Er war der erste europ. Reisende, der uns st, von dem fernen Osten Kunde gab. Die gedrängten aber schätzbaren Reiscnotizcn, die er in H hebr. Sprache hinterlassen, sind öfter gedruckt, auch in das Lateinische, Englische, Hollän- D dische und Französische übersetzt worden, welche neueste Ausgabe (2 Bde., Lond. 1831) Asher T lieferte, enthält den Text des B. (vocalisirt) nebst einer Übersetzung, Anmerkungen und sä drei großen Äbhandlungcn in engl. Sprache. S Benjotvsky (Mor. Aug., Graf von), ein Mann von rastloser Thätigkeit und von sei außerordentlichen Schicksalen, geb. 1731 zu Werbowa in der neutraer Gespanschaft in Un- br garn, wo sein Vater als General in östr. Diensten stand, diente als kaiserlicher Lieutenant ! P im Siebenjährigen Kriege bis 17 5 8, wo ihn ein Oheim, den er beerben sollte, nach Lithauen zr rief. Streitigkeiten mit seinen Stiefschwestern nach der Mutter Tode veranlaßten ihn indeß, N auf Reisen zu gehen. Er begab sich zunächst nach Hamburg, wo er fleißig Schiffahrtskunde ! 8 studirte, und dann, um sich hierin noch mehr zu vervollkommnen, nach Ämsterdam und Ply- ' n mouth. Bald aber ward er andern Sinnes, ging nach Polen, trat der Conföderation gegen 3 die Russen bei und wurde Oberster, Befehlshaber der Cavalerie und Generalguartiermeister. ei Benningse« 219 ter Von den Russen 1769 gefangen, ward er 1770 nach Kamtschatka verwiesen. AufderReise >m dahin rettete er in einem Sturme das Schiff, das ihn trug, und dieser Umstand, sowie sein ausgezeichnetes Schachspiel verschafften ihm bei dem Statthalter Niloweine gute Aufnahme, dessen Kinder er in der stanz, und deutschen Sprache unterrichtete. Er veranlaßte daselbst e» ' die Erbauung eines öffentlichen Schulhauses, machte den Vorschlag, mit seinen Mitver- ist bannten die südliche Landspitze Kamtschatkas anzubaucn und erhielt dafür nicht nur seine nd Freiheit, sondern auch, obgleich er eine Frau hatte verlassen müssen, die Hand Aphanasia's, >d- der Tochter Nilow's, die sich in ihn verliebt hatte. Inzwischen hatte er aber schon den Plan j entworfen, mit mehren Mitverschworcnen zu entfliehen. Aphanasia erfuhr sein Vorhaben: >b- doch sie verließ ihn nicht, sondern warnte ihn, als man damit umging, sich seiner Person zu lls bemächtigen. In Begleitung Aphanasia's, die ihm unveränderlich treu blieb, obgleich sie jetzt es erst erfuhr, daß er bereits verhcirathet sei, verließ er Kamtschatka im Mai 1771 mit 96 a- Personen, nachdem es ihm gelungen war, nicht nur das gegen ihn abgeschickte Commando u- zurückzuschlagcn, sondern auch sich der Festung Botscherczk und des in derselben befindlichen lll, Geldes, 1'/- Mill. Piaster, zu bemächtigen. Er segelte nach Formosa, dann nach Macao, e» wo viele von seinen Begleitern starben, unter ihnen auch die treue Aphanasia. Darauf ver- ll- kaufte er sein Fahrzeug nebst Allem, was darauf war, und verdingte sich auf ein stanz. ^ Schiff. So kam er nach Frankreich, erhielt daselbst ein Infanterieregiment und dann den >m Auftrag, auf Madagaskar eine Niederlassung zu gründen, ein Unternehmen, dessen Schwie- n- rigkeit er vorhersah, besonders da der Erfolg ganz von dem Willen der Beamten von Jsle- st- de-France abhing, an die er wegen des größten Thcils seiner Ausrüstung und Unterstützung verwiesen war. Zm Juni 177-1 kam er in Madagaskar an, gründete eine Niederlassung zu >)- Foul-Point und gewann die Achtung verschiedener Völkerschaften, die 17 7 6 ihn zu ihrem »c Amparsacate oder König ernannten. Als er dann nach Europa zurückkehrte, um der Colo- .'s nie neue Unterstützung, die von Jsle-dc-Francc ausblieb, zu verschaffen, wurde er bei seiner -g. Ankunft in Frankreich von Seiten des Ministeriums dermaßen verfolgt, daß er wieder in m östr. Dienste trat, in welchen er 1778 im Gefechte von Habelschwerdt gegen die Preußen commandirte. Jm J. 1783 suchte er in England eine Expedition nach Madagaskar zu »r Srande zu bringen und reiste, nachdem er bei londoner Privatleuten und vorzüglich bei einem 6, Handelshausc zu Baltimore in Amerika die nöthige Unterstützung gefunden, im Oct. 1783 >" ab. Als er indeß hier nach seiner Ankunft im I. 1785 Feindseligkeiten gegen die Franzosen >g ^ anfing, schickte die Regierung von Jsle-de-France aus Truppen gegen ihn. In einem Geer > stcht mit denselben am23.Mai 1786 warb er tödtlich verwundet. Seine stanz, geschriebene e- ! Autobiographie wurde von Nicholson englisch herausgegeben (2 Bde.^Lond. 1790, 3. Mit Kupf.) und von Förster (2 Bdc., Lpz. 1791) und Ebeling (2 Bde., Hamb. 1791) ins a. Deutsche übersetzt. Kotzebue hat in seiner „Verschwörung in Kamtschatka" diesen merk- Is würdigen Mann auf die Bühne gebracht. > st Benniirasell (Levin Aug. Theophil., Graf von), einer der berühmtesten russ. Felder Herren, geb. zu Bräunschweig am I O.Fcbr.1735, der Sohn Levin Friede, von B.'s, Obri- >s sten bei der Garde du Corps in braunschweig. Diensten, wurde 1755 Page am kurhannöv. in Hofe und 1759 Fähndrich bei der hannöv. Fußgarde, wo er bis zum Lieutenant avancirtc. i> Da er aber nicht die geringste Neigung für den Soldatenstand hatte, nahm er, als nach dem er Tode seines Vaters das Familiengut Banteln im Hannöverischen ihm zuficl, seinen Ab- >d schied und vermählte sich mit der Tochter des hannöv. Gesandten in Wien, Freiherrn von Steinberg. Mehre Jahre lebte er nun ziemlich leichtsinnig und verschwenderisch, sodaß er mit n seinen Vermögensumständen in Verfall gerieth. Dies sowie der Tod seiner Gattin im 1.1773 i- brachte ihn auf den Gedanken, in russ. Dienste zu treten und an dem Kampfe gegen die it ^ Pforte Theil zu nehmen. Um sich den Weg zu höherm Range zu bahnen, hielt er cs für n zweckdienlich, schon eine höhere militairische Würde zu bekleiden, und machte deshalb seiner ß, Regierung den Antrag, ihn zum Obristlicutenant zu ernennen, was ihm auch nach einiger >e l Bedenklichkeit durch die Vermittelung seiner Freunde zugestandcn wurde. Im russ. Heere >- ward er sogleich als Premiermajor angestcllt, kämpfte zuerst unter Rumjanzow gegen die n Türken, dann gegen den Insurgenten Pugatzew. Die Aufmerksamkeit der Kaiserin lenkte t. er als Obrist im zweiten türk. Kriege auf sich durch sein ausgezeichnetes Benehmen bei i 220 Benno dem Sturme auf Oczakow im 1.1788. Sie fand iu ihm den Mann zur Ausführung ihrer Absichten auf Polen. Er führte hier 1793 und 179-t das Commando über ein bedeutendes fliegendes Corps und wurde nach dem Siege bei Soli außer der Reihe zum Generalmajor ernannt. Als Befehlshaber der Cavalerie in Lithauen entschied er durch kühnen Angriff den Sieg bei Wilna und durch einen gewagten Überfall bei Olita sprengte er fast das ganze poln. Corps. Im Kriege gegen Persien im I. 1796 gebührt ihm der Ruhm der Eroberung der Festung Derbent, da von der Seite, wo B. angriff, die Übergabe erfolgte. Nach dem Tode der Kaiserin Katharina unter Paul I., dessen Gunst er sich nicht i besonders zu erfreuen hatte, lebte er, ohne daß seine Tätigkeit in Anspruch genommen ^ wurde, am kaiserlichen Hofe; doch wurde er 1798 zum Gcnerallicutenant ernannt. Er war einer der Hauptanführer der gegen Kaiser Paul Verschworenen; seiner Festigkeit und Geistesgegenwart allein gelang das Ünternehmen, doch war er bei der Katastrophe nicht zugegen. Namentlich soll er die Kaiserin Maria verhindert haben, auf das Geschrei ihres Gemahls hcrbeizueilen. Bald nach seiner Thronbesteigung ernannte ihn Alexander zum Eeneral- gouverncur von Lithauen und im folgenden Jahre zum General der Cavalerie. Im Kämpft Rußlands, Ostreichs und Englands gegen Frankreich im J. 1803 erhielt B. den Befehl über die Nordarmee und focht ziemlich glücklich am 26. Dec. 1806 bei Pultusk gegen Napoleon ; darauf übernahm er an Kamcnsky's Stelle den Oberbefehl über die gegen Frankreich aufgestellten Heere und lieferte am 7. und 8. Febr. 1807 die Schlacht bei Eylau. Doch B. verkannte das Mißliche seiner Lage nicht und bat deshalb dringend um seine Entlassung, ward jedoch vom Kaiser zurückgehalten. Nach dem Frieden zu Tilsit zog er sich auf scim Landgüter zurück und trat erst 1812 Wiederaus seinem Asyle hervor, als der Kampf zwischen Frankreich und Rußland von neuem entbrannte. In dem mörderischen Kampfe bci Borodino oder an der Moskwa befehligte er die Mitte des russ. Treffens; er und der General Doktorow waren es, die Tags darauf dem Kaiser riethcn, das Heer vor den Mauer« von Moskau aufzustellen und eine zweite Schlacht zu liefern. Einen glanzenden Sieg er- i focht er durch raschen Überfall am 18. Oct. bei Woronowa über Murat. Streitigkeiten mit Kutusow, der in den Plan B.'s, den Franzosen den Übergang über die Bereszina unmöglich zu machen, nicht eingehen wollte, veranlaßten ihn, das Heer zu verlassen und sich vom Kriegsschauplätze zurückzuziehen. Erst nach Kutusow's Tode am 28. Apr. >813 übernahm er den Befehl über das Neservecorps, welches unter dem Namen des poln. Heers im Juli ! 1813 nach Sachsen aufbrach. In der Völkerschlacht bei Leipzig befehligte er auf dem rechte« Flügel die dritte Hauptcolonne, bestehend außer den schon früher seinem Befehle untergebene« ^ Truppen aus dem vierten östr. Armeecorps (Klcnau), der I l.preuß. Brigade (Ziethen) und dem Kosackencorps des Hetmann Platow, zusammen 50000 M.; siegreich kämpfte er am 18. Oct. bei Zweinaundorf und wurde am selbigen Abend auf dem Schlachtfeldc vom Kaiser in den Grafenstand erhoben. Bei der Einnahme Leipzigs drang er durch die Grimmaische Vorstadt ein und erhielt von den Verbündeten den Auftrag, dem Könige von Sachsen die Gefangenschaft anzukündigen. Am Ende des Feldzugs übernahm er den Oberbefehl überdie Große Armee, den er aber am 3. März > 81 -1 an den Grafen von Wittgenstein abtrat. Nach dem pariser Frieden wurde ihm der Oberbefehl über die südliche Armee zu Theil, welche Rußland in Bessarabien gegen die Türken aufstcllte; körperliche Schwäche nöthigte ihn jedoch 1818 seine Entlassung zu nehmen, worauf er in sein Vaterland auf sein Stammgut zurückkehrte. Noch in Folge eines Sturzes vom Pferde in Bessarabien erblindete er später gänzlich und starb am 3. Oct. l 826. Benno der Heilige, Bischof von Meißen, geb. 1010 zu Hildesheim, entstammte dem gräflichen Geschlechte der Bülten- oder Woldenburger, die in der Umgegend von Goslar bc- ^ gütcrt waren. Er kam frühzeitig zu dem ihm verwandten Bischof Bernward von Hildes- I heim und erhielt im dasigen Michaeliskloster vornehmlich durch Propst Wigger eine strenge und gelehrte Erziehung; in seinem 22. Jahre nahm er das Mönchskleid, überkam 25 Jahre alt die Würde eines Diakonus und 10-10 die eines Priesters. Nach dem Tode Adelbert's ^ wählte man ihn zum Abte des Michaclisklosters; er verzichtete aber auf diese Stelle zu Gunsten eines gewissen Sigebert. Von Kaiser Heinrich III. an der Kirche von Goslar zum Domherrn befördert, kam er mit dem Propst dieser Kirche, dem nachmaligen Erzbischof Anno von ! 1 I l s I I l § l c c l r l t r r z r s g ß // g ß n a n e s> e ei 2 z e i l i Benserade Bensley 221 Köln, in nähere Berührung, die eine gegenseitige Hochachtung und Freundschaft beider Man» ner zur Folge hatte. Dieser Letztere war es auch, durch dessen Vermittelung B. 1066 vom Kaiser Heinrich IV. das erledigte Bisthum Meißen erhielt. Hier war dem neuen Bischöfe ein großer und ruhmvoller Wirkungskreis eröffnet; denn in Meißen wie in den übrigen von den Deutschen besetzten Slawenländern hatte zur damaligen Zeit das Christenthum noch sehr geringe Fortschritte gemacht. Seine ersten Bemühungen dieser Art wurden zum Theil durch den zwischen Kaiser Heinrich IV. und den Sachsen ausbrechcnden Krieg vereitelt; B. hielt es mit dem Papste gegen den Kaiser und wurde von diesem nach der Schlacht an der Unstrut in Meißen gefangen genommen, im nächsten Jahre jedoch wieder freigegeben. Neuer Untreue verdächtig wurde er zum zweiten Male 1078 Heinrich's Gefangener, bei dessen Zuge nach Italien 1081 zwar wieder frei, da er aber an der von des Kaisers Feinden 1085 zu Quedlinburg gehaltenen Synode Theil nahm, auf der unter Heinrich's Einfluß in Mainz zu gleicher Zeit versammelten Synode seines Amts entsetzt. Als Papst Gregor VII. 1085 gestorben war, wendete sich B. an den vom Kaiser eingesetzten Papst Clemens III. nach Rom, erhielt dessen Verzeihung, kehrte reichbeschenkt nach Deutschland zurück und erlangte, da Bischof Felix von Meißen 1087 gestorben war, durch König Wratislaw's von Böhmen Verwendung die Wiedereinsetzung in sein Bisthum. An diese letzte Rückkehr B.'s nach Meißen knüpft sich die Sage, daß der Schlüssel zur Domkirche, den B. bei seinem Weggange im I. 1085 in die Elbe geworfen habe, in einem großen Fische von einem Wirthe an der Elbe, bei dem er einkchrte, gefunden worden sei. B. war von jetzt an für die Wiederbelebung des Ackerbaus in dem durch die vorhergegangenen Kriege verwüsteten Lande bemüht und ließ sich die Bekehrung der Sorben vorzüglich angelegen sein, sah aber seine letzten Tage durch die Streitigkeiten mit seinen Capitularen und dem Markgrafen von Meißen verbittert. Er starb am 16. Juni 1107. BischofWitigo II. ließ seine Gebeine 1270 hinten aus dem Chore in die Mitte der Kirche versetzen, wobei schon damals Krankcnheilungen bewirkt worden sein sollen; doch erst im I. >523 wurde B. vom Papst Adrian VI. heilig gesprochen, wodurch Luther zur Abfassung der Schrift „Wider den neuen Abgott und alten Teufel, der zu Meißen soll erhaben werden" veranlaßt ward. Nach Einführung der Reformation kamen B.'s Gebeine erst nach Stolpen, von da nach Wurzen und endlich im 1. 1576 nach München. Eine alte Lebensbeschreibung B.'s, deren Existenz nicht leicht zu bezweifeln ist, ging wahrscheinlich verloren; vermuthlich benutzte sie Emscr zu seiner durch viele Fabeln entstellten „Vita öenn»n>8" (Lp;. 1512, Fol.). Einiges Brauchbare enthält auch Seyffarth's „OssileAmm öennonis" (Münch. 1765, 3.). Benserade (Isaak de), einer der bekanntesten Schöngeister am Hofe Ludwig's XIV., geb. 1612 zu Lyons-la-Forest, einer kleinen Stadt der Normandie, kam früh in die Hauptstadt und zeichnete sich bald durch seine zierlichen „Lancetti" aus, die damals sehr an der Mode waren. Richelieu und Mazarin huldigten/seincm Talente und gaben dem Dichter, der sich auch der Gunst des Hofes im hohen Grade erfreute, ansehnliche Pensionen. Aber sein Ruhm war von keiner Dauer, und es kann B. als das schlagendste Beispiel des ephemeren Glanzes eines Dichters angesehen werden, dessen ganzes Talent darin bestand, dem herrschenden Ge- schmacke zu schmeicheln. Der gefeierte B. konnte die tiefe Vergessenheit nicht ertragen, in die er siel, als eine wahrere Poesie sich Luft zu machen anfing. Er zog sich nach Gentilly zurück, wo er ein Landhaus besaß, und starb daselbst am 17. Oct. 1691. Nach seinem Tode ward eine Auswahl aus seinen Poesien (2 Bdc., Par. 1697) veranstaltet, die mehre Auflagen erlebte. Bensley (Thomas), Buchdrucker in London, gcst. 1835, thcilte zu Anfang dieses Jahrhunderts mit B u lm er (s. d.) den Ruhm, der erste typographische Künstler Englands zu sein. Die schönsten Erzeugnisse seiner Officin sind die Macklin'sche Prachtausgabe der engl. Bibelübersetzung (7 Bde., 1800—16, Fol.) und die Prachtausgabe von Hume's „üistnrz,- okbmFlanck" (10 Bde., 1806, Fol.), beide mit Kupfern. Unter seinen Drucken in kleinerm Formate zeichnen sich Ausgaben des Shakspeare (8 Bde., 1803) und Hume (16 Bde., 1803) aus. Auch hat er mehre gelungene Pergamentdrucke geliefert. Er war der Erste, der König's weitaussehenden Versuchen, eine Schnellpresse zu Stande zu bringen, entgegenkam und sich mit diesem zur Fortsetzung derselben verband, was, obgleich er 8S2 Bentharn iSIO zum zweite» Male abbrannte, dennoch durch ihre und Anderer Bemühungen zu den, erwünschten Ziele führte. Bentham (Jeremy), bekannt wegen seiner philanthropischen Bestrebungen um dl! Reform der Gesetzgebung, sowie als Begründer der Nüßlichkeitsphilosophie oder des Uti- litarismus. war der Sohn eines berühmten Advocaten und zu London 1747 geboren, Durch Fleiß, Talent und günstige äußere Verhältnisse ausgezeichnet, trat er sehr früh ins praktische Leben und hatte in kurzer Zeit qls Sachwalter große Erfolge; allein die großen Misbräuche und Unvollkommenheiten der engl. Gerichtspflege verleideten ihm seine Laufbahn, die er freiwillig aufgab, um fortan in der Muße des Privatlebens das Problem einer l vernunftgemäßen Gesetzgebung zu lösen und für deren Verwirklichung zu sorgen. Sein gan. i zes langes Leben hindurch hat er mit seltener Entsagung und Festigkeit dieses sein Ziel «erfolgt. Er starb am 1. Zuni 1832. Da er mit einem vollendeten Systeme der Gesetzgebung nicht zum Abschluß gelangen konnte, so übernahm sein Freund und Schüler, Etienne Du- mont in Genf, aus B.'s zahlreichen, theils in engl., theils in franz. Sprache gedruckten Schriften und den vorhandenen Manuskripten eine Überarbeitung und systematische Darstellung seiner Lehre und gab dieses Werk zu Genf.in franz. Sprache heraus, das später von Benekc unter dem Titel „Grundsätze der Civil- und Criminalgesetzgebung aus den Handschriften I. B/s, herausgegeben von E. Dumont" (2 Bde., Berl. 1830) ins Deutsche übertragen wurde. B. hat von seinen Zeitgenossen ungemessenes Lob und »»gemessenen Tadel erfahren; auch sind die vraktischcn Erfolge seines Fleißes und seiner Gesinnung bisher nicht glänzend gewesen, und es läßt sich dies nur aus dem wissenschaftlichen Standpunkte erklären, auf welchen B. nach der Bildung seiner Zeit und seines Volks gestellt war. Der wissenschaftliche Dogmatismus und praktische Absolutismus jener Zeit führten ihn, wie alle begabte» Köpfe, zuin eigenen Denken und in die Schule der franz. und engl. Empiristen, aus dem Systemen er sich einen für seine Zwecke tauglichen Sensualismus construirte. (S. Nütz- lichkcitsprincip.) Allein B. hat eine andere Seite, durch welche die Arbeit seines Lebens segensreich und gerade für die Gegenwart von großen Folgen ist; er ist der Erste, der ungeachtet seines beschränkten Rechtsprincips mit einer Politik der Gesetzgebung mehr als den Anfang gemacht hat. Seine Erläuterungen über das Proceßverfahren, über die Organisation der Gerichte, über die Beweisführung, über die Taktik der gesetzgebenden Versammlungen ii. s. w. verdienen das Studium und die Beachtung jedes Gesetzgebers und Volksvertreters, Eine ganz besondere Beachtung hat auch schon früher B. in Deutschland durch seine Schrift „b'anopticonvrtksinspectionilvuss" (2 Bde.,Lond. 1791) erfahren, in welcher erden Plan zu einem Gefängnisse mitthcilt, in welchem ein einziger Mann, von einem in derMitte dei runden Gebäudes befindlichen Thurme aus, die Aufsicht über alle Gefangenen zugleich führen kann. Er bot sich dem Parlament selbst zu einem Gefangenaufseher an, und dasselbe bewilligte für die Einrichtung eines solchen Hauses die hinreichende Summe, aber die vollständige Ausführung des Plans soll nicht möglich gewesen sein. Am längsten ist B. in seinem eigenen Vaterlande verkannt worden, besonders durch die Verleumdungen der torystischen Partei, die seine Vorschläge für praktische Reformen haßte und ihn besonders deshalb fürchtete, weil er einer der Ersten war, die auf eine Parlamentsrcform hinwiesen. Das 1824 zu London gestiftete „VVxstminster revievv" war bestimmt, seine Lehre in England zu verbreite«. In Frankreich hat B. den ersten und nachhaltigsten Einfluß gewonnen. Er schickte schon der Constituirenden Versammlung seine „Principien der Gesetzgebung" ein, und diesehatsie vielfältig benutzt, da sie sich mit B. auf gleichem Boden befand. Kurz vor der Julirevolutio» nahm unter den Communisten die Lehre B.'s einen besonder» Aufschwung; man erklärte das Nützlichkeitsprincip für die „veritsble pkilosopkie" und gründete in ihrem Interest! 1829 das Journal „I/utilitmre". Jm J. 1830 nahm der Staat Luisiana ein nach B.'S Schriften ausgearbeitetes Gesetzbuch an. Mit dem Kaiser Alexander, wie überhaupt mit einer Menge Staatsmännern stand B. in fortwährendem Briefwechsel, und wol mancher seiner philanthropischen Reformvorschläge mag auf diesem Wege verwirklicht worden sein. In Deutschland scheint B. nie viele Anhänger gehabt zu haben, obschon sein Werth für die Politik der Gesetzgebung nicht verkannt worden ist. In neuester Zeit versuchte Neinwald von Birkenfeld in der Schrift „Die Eine Frage" (Lpz. 1842) der Theorie B.'s in einer sehr dem l di! Uti dorm, >h ins großen Lauf, einer I AM- > «er- ebuna Dn- chrif- cllunz Zeneke -rifim tragen chreiy inzcnd >r, ans schaft- gabten deren Sküp Gebens unge> ^ ls den ^anist- ungen! reterS. ^ vchrisl er den ttedei hfnh-! lbe be- llstän> seinem iischen chtctt. nLon- reiten. ondn ,e viel- lution rklärte teresse hB's st mit' cmcher r sein, 'ür die nwald er sehr Bentheim 823 polenfischen Darstellung Eingang und Ansehen zu verschaffen. Seinem Charakter nach war B. ein Mann von großer Rechtschaffenheit, Sittenreinhcit und Wohlwollen. Bon seinen Arbeiten erholte er sich durch Orgelspiel, sonst verachtete er die Künste. Auch im Tode blieb er seinem Principe treu, indem er testamentarisch seinen Leichnam der Anatomie vermachte. Bentheim, eine Grafschaft in der Landdrostei Osnabrück, der westlichste Theil des Königreichs Hannover, mit dem es durch die Grafschaft Lingen und das Herzogthum Aremberg-Meppen zusammcnhängt, während sie auf den übrigen Seiten von den Niederlanden und der prcuß. Provinz Westfalen umgeben ist, hat einen Flächeninhalt von 19 lüM. mir nahe an 39999 E. Ein Theil des Bodens besteht aus Moorland und hat nur Viehweiden und Torfgräbercien; der übrige Theil ist fruchtbar an Getreide, Hülsenfrüchten, Flachs und Holz. Die Religion des Landes wie des fürstlichen Hauses ist die reformirte. Früher war B. in die obere und in die untere Grafschaft gethcilt, von der jene nebst der sogenannten Herrlichkeit Emblicheim ein Neichslehen war, diese aber vor Zeiten von dem Bischof von Utrecht, später von der Provinz Obcryssel und dann, in Folge ihrer Abtretung, von dem Prinzen von Oranien-Nassau zu Lehen getragen wurde. Die alten Grafen vonB. starben 1421 mit Graf Bernhard 1. aus. Der Erbe der Grafschaft, der Dynast Eberwyn von Güterswyk, crhcirathete durch seine erste Vermählung die Grafschaft Steinfurt (I'/- lüM. mit 3849 E-), durch seine spätere die Solms-Ottensteinschen Güter, und dessen Enkel Eberwyn IV., gest. 1562, die Grafschaft Teklenburg und Rheda nebst Wewelinghofen? welche Besitzungen jedoch erst sein Sohn Arnold lV. vereinigte. Durch die Söhne des Letztem, die sich in das väterliche Erbe theilten, entstanden zu Anfänge des 17.Jahrh. die drei Linien Teklenburg, Bentheim und Steinfurt. Die Linie B.-Benthcim erlosch aber bald, worauf der fteinfurter Graf Ludwig die Grafschaft B. in Besitz und mit derselben den Titel B.-Bentheim annahm. Seitdem bestehen nur noch die Linien B.-Teklenburg und B.-Benthcim. Schulden nöthigten 1753 dm Grasen Friedrich Karl von B.-Bentheim sein Land auf 39 Jahre an Hannover zu verpfänden, welcher Vertrag 1783 auf andere 39 Jahre verlängert ward. Nach der Besitznahme Hannovers durch die Franzosen ward der Graf bewogen, durch eine Convention mit Frankreich die hannöv. Pfandansprüche mittels eines Aversionalquantums von 899999 Francs abzulösen. Dessenungeachtet wurde die Grasschaft 1896 durch die Nheinbundsacte der Souverainetät des Großherzogs von Berg unterworfen, am 13. Dec. 1819 aber, als Bestandthcilc des Lippe-Departements, mit Unterdrückung der standesherrlichen Rechte, dem Kaiserthum einverlcibt. Durch die Nebenconvenkion zum pariser Frieden von 1815 wurde, weil Hannover jene frühere Convention nicht anerkannte, Frankreich verpflichtet. 899999 Francs baar zurückzuzahlen und 519999 Francs in Inskriptionen mit Nenten- genuß zu übernehmen, worauf 1822 der Pfandvcrtrag mit Hannover endlich erlosch. Im 1.1817 wurden die Grafen von B. vom Könige von Preußen in den Fürstenstand erhoben. Gegenwärtig besitzt der Standcshecc von B.-Teklenburg, Fürst Kasimir, geb. 1795, der zu Hohenlimburg residirt, die Grafschaft Hohenlimburg und die Herrschaft Rheda (5 lÜM. mit 17899 E.), beide unter prcuß. Oberhoheit, ferner die nicht standcshcrrlichen Herrschaften Gronau und Wewclinghofen. Die Einkünfte betragen 79999 Fl. Die Grafschaft Teklenburg selbst gehört durch Kauf 1796 der Krone Preußen. Der Standeshcrr von B.- Bentheim, Fürst AlexiuS, geb. 17 81, der zuB. residirt, steht wegen Steinfurt unter preuß., wegen B. unter hannöv. Hoheit. B. und Steinfurt zählen auf 29 lUM. 28899 E., und die Gesammteinkünfte des Fürsten betragen jährlich 85999 Thlr., darunter eine Jahrcsrcnte von 16999 Thlr. — DerBruder des Letztem, Wilhelm von B.-Bentheim, östr. Feldmarschalllieutenant, geb. zu Steinfurt am 17. Apr. 1782, erhielt in dex Taufe, da die Eeneralstaaten von Holland Pathenstelle bei ihm vertraten, den Beinamen Belgicus. Nachdem er auf dem väterlichen Schlosse die erste Bildung erhalten, trat er 1799 in das östr. Heer ein und wurde 1899 auf dem Schlachtfelde von Aspern zum Obersten ernannt. Mit der Fahne in der Hand führte er bei Wagram sein zurückgeworfenes Regiment von neuem dem Feinde entgegen. Nicht minder ruhmvoll focht er 1813 bei Dresden und Kulm. Bald darauf ward er General, erhielt dann den Auftrag, eine deutsche Legion zu errichten, welche gegen Ende des franz. Kriegs im südlichen Frankreich noch wesentliche Dienste leistete. Nach dem pariser Frieden beschäftigten ihn zunächst Familienangelegenheiten/ dann die Interessen - -'-'M, l'V 224 Beiltinck (Familie) der mediatisirten deutschen Fürsten, als deren Bevollmächtigter er auftrat. Zm 1.1827 ward er zum Feldmarschalllicutenant ernannt und kam mit seinem Regimente nach Padua. Durch schnelles Handeln und zweckmäßige Anordnungen trug er 1831 beim Einrücken der Östreicher im Kirchenstaate nicht wenig bei, die Unruhen glücklich zu stillen. Als Comman- dant des zweiten Armeecorps in Italien starb er zu Villafranca am 12. Oct. 1839. Bentinck, die Familie, aus einem ursprünglich pfälzischen, nach den Niederlanden verpflanzten Geschlechtherstammend, zerfällt in zwei Hauptlinien. Die ältere Linie ward begründet und nach England verpflanzt durch Joh. Wilh. von B., gcb. <648 und gcst 1799, einem Jugendgenossen und treuen AnhängerKönig Wilhelm'slll. von England, von dem er zum Grafen von Portland ernannt wurde. — Von seinen Nachkommen ist zu erwähnen William HenryCavendi sh Lord B-, geb. am14.Sept. 1774, der 1893 als Gouverneur nach Madras und später als engl. Gesandter amHofe Ferdinand's nach Sicilien ging, wo er durch sein Hochsahrendes Wesen die Königin Karoline veranlaßte, sich 1811 nach Wien zu begeben und mit ihrem Todfeinde Napoleon in Unterhandlungen zu treten, während erzugleich aufs entscheidenste in die Regierung der Insel eingriff, derer 1812 eine neue Verfassung gab. Im I. 1813 landete er in Catalonien, mußte jedoch nach der unglücklichen Schlacht von Villafranca sich wieder einschiffen. Glücklicher war er 1814 bei seiner Landung in Livorno, von wo er sich nach Genua wandte, das er regierte bis zu dessen Anfall an Sardinien, den er weder durch das anfangs der ehemaligen Republik Genua gegebene Versprechen der Selbständigkeit, noch durch eine spätere Protestation zu hindern vermochte. Nachher war er eine Zeit lang engl. Gesandter in Nom und später Mitglied des engl. Unterhauses. JmJ. 1827 ging er als Generalgouverncur nach Ostindien, wo er das Verbrennen der Witwen streng verbot und den europ. Briten gestattete, sich anzusiedeln. Im I. 1835 zurückberufen, begab er sich nach Paris, wo er am 17. Juni 1839 starb. — Die jüngere Linie der B. ward begründet von einem jünger» Seitenverwandten des obenerwähnten ersten Herzogs von Portland, von Wilh- von B-, geb. 1791 und gcst. 1773, Herrn zu Rhoon und Pm drecht, Präsidenten der Staaten von Holland und Westfriesland, der 1732 zum Reichsgrafm erhoben, sich 1733 mit Charlotte Sophie, der Erbtochter des letzten Grafen von Aldenburg Anton's II., vermählte, und dadurch den gräflich aldenburgischen Fideicommiß an sein Haus brachte. Dieser Fideicommiß bestand aus der freien Herrschaft Kniphausen (s. d.) und der edlen Herrschaft Varel nebst Gütern im Oldenburgischcn und war von Anton Günther, dem letzten Grafen von Oldenburg-Delmenhorst, für seinen unehelichen aber vom Kaiser Ferdinand III. legitimirten und zum Reichsgrafen von Aldenburg erhobenen Sohn Anton gestiftet worden. Der Neichsgraf Wilhelm von B. hinterließ zwei Söhne, durch die sich die jüngere Hauptlinie wieder in zwei Zweige spaltete, Christian Friede. Anton, dem dir westfäl. Fideicommißherrschaften zuficlen und der der Stifter der westfälischen Linie ward, und I oh. Albert, der in engl. Seedienste trat, dadurch der Stifter einer jüngern englischen Linie ward und 1775 mit Hinterlassung mehrer Söhne und Töchter starb. Der Erstcre hatte wieder zwei Söhne, Wilh. Gust. Friedr. und Joh Karl, durch die sich die westfäl. Linie von neuem in den ältern und jüngern Zweig spaltete. Drr Erstere, Wilh. Gust. Friede., geb. 1792 im Haag, kam nach dem Tode seines Vaters 1768 in den Besitz der Fideicommißherrschaften und war in erster Ehe mit einer Freiin von Reede verheirathet, die 1799 starb und ihm eine Tochter und einen Sohn hinterließ, welcher letztere 1813 starb. Dann lebte er seit 1899 mit Sara Margarethe Gerdes, der Tochter eines oldenburg. Landmanns in Bockhorn, in einer sogenannten Gewissensehe bis 1816 , wo er sich förmlich mit ihr trauen ließ. Von ihr hatte er mehre Kinder, darunter drei noch jetzt lebende Söhne, Wilh. Friede., geb. 1891, Gust. Adolf, geb. 1899, und Friedr. Anton, geb. 1812. Dem ältesten trat der Vater schon 1827 die Mitrcgent- schaft über die Fideicommißherrschaften ab, die während der franz. Invasion eine Zeit lang zu Holland, dann als bloße Privatgüter zum franz. Kaiserreich gehört hatten, 1818 aber unter oldenburg. Hoheit gekommen und zuletzt durch das berliner Abkommen von 1825 als mediatisirte Herrschaften mit vielen Rechten und Privilegien ihrem vormaligen Landesherrn zurückgegeben waren. Als jedoch der älteste Sohn auf die Nachfolge in allen väterlichen Gütern verzichtete, sich nach Missuri in den Vereinigten Staaten begab und sich daselbst an- Benrivoglto 225 kaufte, so wurde seinem zweiten Bruder 1834 die Mitregentschaft der Fideicommißherrschaf- ten vom Vater eingeräumt, der 1835 in London als großbritan. Generalmajor starb. Der Bruder des Letztem, Ioh. Karl, gcb. 1763 , gest. als großbritan. Generalmajor in London am I. Dcc. 1833 , hatte drei Söhne hinterlassen, Wilh. Friedr., geb. 1787 , Karl Anton Ferd., geb. 1792 , und Joh. Wilh. Heinr., geb. 1796 . Schon bei Lebzeiten des Grafen Wilh. Gust. Friedr. hatte nach der erwähnten Übertragung der Fidei- commißherrschaften auf seinen ältesten Sohn der Bruder des Erstem, Joh. Karl, welcher die Successionsfähigkeit der Söhne desselben bestritt, wegen dieser Übertragung eine Eingabe bei der Deutschen Bundesversammlung gemacht und dann 1829 eine völlige Klage bei dem zuständigen Gericht, dem Oberappellationsgericht zu Oldenburg, eingereicht. Nach seinem und seines Bruders Tode setzten seine Söhne den Streit gegen ihre Vettern fort, und der zweite derselben, Karl Ant. Ferd., reichte im Namen seiner Brüder eine neue Klage beim Oberappellationsgerichte zu Oldenburg ein. Gegenstand derselben waren die beiden Herrschaften Kniphausen und Varel. Die Agnaten behaupten vornehmlich, zu dem vom letzten Grafen von Oldenburg-Delmenhorst für seinen unehelichen Sohn Anton gestifteten Fideicvmmiß seien blos, legitime Nachkommen aus standesmäßiger Ehe berufen; außerdem könnten schon nach gemeinem Rechte des deutschen hohen Adels die Beklagten als unehelich Geborene, wenn gleich durch nachfolgende Ehe legitimirte Kinder nicht als successionsfähig betrachtet werden, da ihre Mutter eine Leibeigene gewesen sei. Dem Letztem ward von den Beklagten widersprochen und behauptet, schon 1800 habe Graf Wilh. Gust. Friedr. mit ihrer Mutter, die überdies keine Leibeigene gewesen, eine Gewissensehe geschlossen, weshalb sie als eheliche Nachkommen zu betrachten; sodann vertheidigten sie die Successionsfähigkeit der Kinder, welche zwar unehelich geboren, aber durch die spätere förmliche Ehe ihrer Altem legitimirt seien (derMantel- kindcr) und bestritten, daß die Grafen von Aldenburg, für welche der Fideicvmmiß gestiftet worden, zum hohen Adel Deutschlands gehört hätten, da sie weder Antheil an einer reichsgräflichen Curiatstimme auf den Reichstagen noch eine Stimme auf dem Kreistage gehabt hätten. An diesem Rechtsstreite haben mehre angesehene Rechtsgelehrte Theil genommen. Für dir Kläger schrieben Claus in Frankfurt und Heffter, ferner Tabor, Wilda, Mühlenbruch und Zachariä. Gegen sie schrieben Klüber, Dieck in Halle, Eckenberg, Michaelis. Den Proceß für die Kläger führt Tabor in Güttingen, dessen Klagschrift (Gött. 1841 ) im Druck erschien ; für die Beklagten anfänglich Klüber und nach dessen Tode Professor Dieck in Halle. Von Letztem: ward insbesondere in Gemeinschaft mit F. G. Eckenberg die nicht weniger als 800 enggeschriebene Seiten umfassende „Duplikschrist" (Lpz. 1839 ) als Entgegnung auf Tabor's 1838 übergebene Replik eingereicht. Die oldenb. Negierung hat den Besitzstand de- Grafen Gustav Adolf vorläufig anerkannt und demselben einstweilen den gräflichen Titel bewilligt, ihm jedoch aufgegeben, nichts von den Gütern zu seinen Gunsten zu verwenden. Dessenungeachtet ging der Graf Karl Ant. Ferd. von der jüngern klagenden Linie so weit, daß er am 16 . Oct. 1836 auf dem Schlosse zu Kniphausen erschien und den Versuch machte, sich mit List und Gewalt in Besitz zu setzen. Was den Rechtsstreit selbst betrifft, so war er im Anfang des J. 1842 soweit gediehen, daß ein Urthcl der Juristenfacultät zu Jena, au welche die Acten zum Spruche versandt worden waren, die Sache zur Entscheidung bringen sollte. Dieses war endlich auch erfolgt; doch unvorsichtigerweise zu zeitig ausgeplaudert, griff die klagende Partei, da dasselbe den Beklagten günstig gewesen sein soll, sogleich die Rechtskräftigkeit des Urthels an, um dadurch eine neue Actenversendung und ein anderes Urthel hcrbeizuführen. Bentivoglio (Cornelia), Cardinal, bekannt auch als Dichter, geb. zu Ferrara 1668 , stammte aus einer Familie, die in der ehemaligen Republik Bologna die höchsten obrigkeitli- chen Ämter bekleidete und dcrauchEreoleB- angehörte, der Sohn des Fürsten von Bologna Annibale II., welcher sich als Dichter besonders durch seine Satiren auszeichnete. Von schönen Künsten und Wissenschaften, Philosophie, Theologie und Rechtskunde gleich mächtig angczo» gen, begünstigte B. in ausgezeichneter Weise in Ferrara alle wissenschaftliche Anstalten. Papst Clemens XI. ernannte ihn zum Hausprälaten und Secretair der apostolischen Kammer und sandte ihn 1712 als Nuntius nach Paris, wobei er den damaligen Umtrieben über die Conv.-Lex. NeunteLufl. II. 15 ' K,..- l I 226 Bentley Benzel-Sternau Bulle llnixenitus eine wichtige Rolle spielte. Doch der Regent, Herzog von Orleans, schätzte weder die Bulle noch den Nuntius und dessen wissenschaftliche Bildung. Der Papst versetzte B. deshalb wieder nach Ferrara, brs er ihm 1719 den Cardinalshut ertheilte und ihn bald in Rom in seiner Nahe, bald als vegstus s later« in der Romagna oder als Nuntius in Madrid gebrauchte. Er starb in Rom 1732. In seinen Erholungsstunden beschäftigte er sich vorzüglich mit Dichtkunst. Unter dem Namen Sclvaggio Porpora übersetzte er des Statius „IHebsis" ins Italienische (2 Bde., Rom 1729, -1.). Bentley (Richard), einer der genialsten Philologen, der sich ebensowol durch seine sprachliche und metrische als reale Kenntniß auszeichnete, geb. am 27. Jan. 1662 in Oultön bei Wakefield in Aorkshire, der Sohn eines Hufschmieds, zeigte früh außerordentliche Talente und Fleiß. Er besuchte die Schule von Wakefield, studirtc seit 1676 zu Cambridge, wurde 1681 Lehrer zu Spalding in Lincolnshire, dann Führer des Sohnes des vr. Stillingfleet auf der Universität Oxford und hierauf Kaplan des Vorerwähnten als Bischofs von Wertester. Seinen Ruf gründete er durch die Epistel an vr. Mill, worin er die ersten Proben seiner umfassenden Gelehrsamkeit und seines kritischen Scharfsinns in der Erklärung schwieriger Stellen der Clafsiker ablegte. Im Aufträge der Directoren der von Rob. Boyle gemachten Stiftung lieferte er 1692 in acht Reden eine sehr gründliche und scharfsinnige Widerlegung des Atheismus. Hierauf erhielt er 1693 die Aufsicht über die königliche Bibliothek zu St.-James. Als 1795 Boyle, Graf von Orrery in der Vorrede zur Ausgabe der „bhü- stulss" des Phalaris sich über B.'s Ungefälligkeit beklagte,Her ihm eine Handschrift von der St.-Jamesbibliothek nur auf so kurze Zeit vergönnt hatte, daß er sie nicht gehörig benutzen konnte, rächte sich B. für diesen Angriff dadurch, daß er die Unechthcit der „L;>istol«e" nachwies. Vgl. seine „Opnsculu ;>llilnlagi«u" (Lpz. 1781). Im I. I70V wurde er Professor der Theologie an dem Trinity-Collegium zu Cambridge und das Jahr darauf, nachdem er auf das Kanonikat von Worcester verzichtet hatte, Archidiakonus von Ely. Demnächst ließ er 1710 seine kritischen Bemerkungen über zwei Lustspiele des Aristophanes und unter dem Namen kllileleutllerus vipsiensis seine Verbesserungen der Bruchstücke des Menander und Philemon erscheinen; ihnen folgten die Ausgaben des Horaz (Cambridge 1711; 3. Aust., Amst. 1723; abgedruckt, 2 Bde., Lpz. 1826), der als sein vorzüglichstes Werk zu betrachten ist, des Terenz und Phädrus (1726), welcher Letztere aber von Hare in der berühmten „Lpistolu critica" scharf getadelt wurde, und des Manilius (1739). In seiner Ausgabe des „vur-ltiise lost" von Milton hat er ohne Rücksicht Veränderungen vorgenommen und dadurch manche Eigenthümlichkeit und Schönheit verwischt, wie er denn auch in seinen Verbesserungen der alten Dichter lediglich einer dialektischen Kritik sich hingab und i» der Erklärung derselben meist Mangel an Sinn für Poesie verrieth. Sein ganzes Leben war eine endlose Fehde, und so unbedeutend an sich seine akademischen Streitigkeiten waren, so lag doch etwas in dem Charakter des Mannes, in seinem kühnen Selbstvertrauen, seiner Verachtung der Gegner, seiner unerschütterlichen Entschlossenheit, seiner unbezwinglichen Neigung, sich in Schwierigkeiten zu verwickeln, und seiner Gewandtheit, sich herauszuziehen, was jenen Zwisten Interesse gibt. Er starb am 14. Juli 1742. Vgl. B.'s Biographie von F. A. Wolf in den „Literarischen Analekten", Bd. I (Berl. 1816) und Monk, „Die liks of kicli. ö." (Land. 1830, 4.). — Sein Neffe, Thomas B., der ebenfalls Mitglied des Trinity-Colle- giums zu Cambridge war und 1786 starb, hat sich durch die Herausgabe einiger Klassiker, namentlich des Cäsar (2 Bde., Lond. 1742), bekannt gemacht, war aber mehr Liebhaber als Kenner des Alterthums. Benzel-Sternau (Christian Ernst, Graf von), ein zugleich durch Freimüthigkeit und Gesinnung ausgezeichneter humoristischer Schriftsteller, geb. zu Mainz am 9. Apr. 1767, wurde 1791 kurfürstlich mainzischer Regierungsrath zu Erfurt und 1803 Geh. Staatsrath. Im I. 1806 trat er in bad. Dienste als Director des Ministeriums des Innern und 1812 ernannte ihn der Großherzog von Frankfurt zu seinem Staats- und Finanzminister. Nach der Auflösung dieses Staats lebte er theils in der Schweiz zu Mariahalden am Zürchersee, theils aus seinem Gute Emrichshvfen bei Aschaffenburg. Von jeher seinen Grundsätzen nach Protestant, trat er mit seinem am 2. Sept. 1832 verstorbenen Bruder Gottfried am 19. Aug. 1827 zu Frankfurt am Main znr evangelischen Kirche über. Dazu bewog ihn, wie er Benzenberg 227 in seiner kräftigen Erklärung sagt, nur .die Überzeugung, daß in einer Zeit, wo die Umtriebe der Hierarchie sich offen ankündigten, jeder redliche Mann seine Gesinnung offen und laut bekennen müsse. Seine Schriften sind zahlreich und mannichfach; Aussehen erregten schon seine „Novellen für das Herz" (2 Bde.,Hamb. 1795—96); aber erst durch sein Werk „Das goldene Kalb, eine Biographie" Bde., Gotha 1802—4) erwarb er sich den Ruhm eines der ausgezeichnetern humoristischen Schriftsteller Deutschlands. Von seinen zunächst folgenden Schriften erwähnen wir „Lebensgeister aus dem Klarfeldischen Archiv" (4 Bde., Gotha l 804); „Gespräche im Labyrinth" (3 Bde., Gotha 1805); „Proteus" (Regensb. 1806); „Titania" (Regensb. 1807); „Morpheus oder das Reich der. Träume" (Regensb. 1808); „Pygmäen-Briefe, ein satirischer Roman" (2 Bde., Gotha 1808) und „Der steinerne Gast" (4 Bde., Gotha 1808). Von 1808—I I redigiere oder schrieb er die Zeitschrift „Jason". Auch lieferte er eine Anzahl dramatischer Productionen, in denen sich jedoch das satirische Talent stets bedeutender zeigt als das eigentliche dramatische. Am originellsten erscheinen auf diesem Gebiete seine geistreichen Sprüchwortspiele, die er unter dem Titel „Das Hoftheater von Barataria" (4 Bde., Lpz. 1828) herausgab; ferner schrieb er die Lustspiele „Weiß und Schwarz" (Zür. 1826) und „Mein ist die Welt" (Hanau 1831). Durchweg, besonders in seinen satirischen Romanen, bekundet er sich als einen tiefen und originellen, wenn auch stets mehr fragmentarischen und aphoristischen Denker, voll Scharfsinn, Witz, feiner Beobachtung und tiefer Welt- und Menschenkenntnis Nur ist er in seinen Bildern oft zu üppig, in seiner Sprache, die einigermaßen Jean Paul nachahmt, häufig gesucht, dunkel und seltsam geschraubt, ja selbst zuweilen geschmacklos, wie dies sein „Grillenfang" (Zür. 1840) und noch mehr sein satirisches Schauspiel „Die jüngsten Feigenblätter" (Zür. 1840) beweisen. Als tüchtigen Politiker und gesinnungsvollen freimüthigen Vorkämpfer für Recht, Freiheit und Wahrheit, als Verfechter einer ehrlich offenen Opposition bewährte er sich, wenn auch eine gewisse aristokratische Färbung durchschimmert, in seinem „Berichte über die bair. Ständeversammlung von >827 — 28" (Zür. 1828) und in den „Baiernbriefen oder Geist der vier ersten Stände- -versammlungen des Königreichs Baiern" (4 Bde-, Stuttg. 1831—32). Benzenberg (Joh. Friedr.), ein geachteter Physiker und Meteorolog, geb. am 5. Mai 1777 in Schöllcr bei Elberfeld, der einzige Sohn eines Landpredigers, studirte in Marburg Theologie, dann in Göttingcn unter Lichtenberg und Kästner Physik und Mathematik. Hierauf hielt er sich einige Zeit in Hamburg auf, wo er auf dem Michaelisthurme Versuche mit fallenden Bleikugeln machte, um daraus Folgerungen über das Gesetz des Falls, über den Widerstand der Luft und über die Umdrehung der Erde zu ziehen. Dann ging er nach Paris, wo er Fourcroy und Hauy hörte, und nach seiner Rückkehr machte er neue Versuche über die Umdrehung der Erde in einem Kohlenschachte zu Schlebusch in der Grafschaft Mark. Der Kurfürst von Baiern ernannte ihn 1805 zum Professor der Physik und Astronomie am Lyceum zu Düsseldorf; auch wurde ihm die Leitung der Landesvermessung, welche seit 1801 behufs der neuen Katastration Baierus vorgenommen wurde, übertragen. Er gründete eine eigene Schule für Landmesser, für die er das „Lehrbuch der Geometrie" (3 Bde., Düsseld. 1810; 2. Aust., 1818) schrieb, und entwarf eine Landmesserordnung, die eingeführt wurde. Ein abgesagter Feind Napoleon's und der Franzosen ging er in Folge der Regierungsveränderung im Bergischen 1810 nach der Schweiz, wo er sich vorzüglich mit Höhenmessungen mittels des Barometers beschäftigte. Seine Absicht, 1815 nach Napoleon's Rückkehr eine allgemeine Landesbewaffnung zuwege zu bringen, ward durch die Schlacht bei Waterloo unnöthig. Nachher ging er wieder nach Paris, wo er seine erste politische Schrift „Wünsche und Hoffnungen eines Rheinländers" (2. Aust., Dortmund 1815) schrieb. Hierauf erschienen von ihm die Schriften „Über das Kataster" (2 Bde., Bonn 1818), „über Handel und Gewerbe, Steuern und Zölle" (Elberf. 1819) und „Über Provinzialver- fassung mit besonderer Rücksicht auf Jülich, Kleve, Berg und Mark" (2 Bde., Hann. >819—22). Durch die Schriften „Über Preußens Geldhaushalt und neues Steuersystem" (Lpz. 1820), „Über die Staatsverwaltung des Fürsten von Hardenberg" (Lpz. 1821), „Friedrich Wilhelm III." (Lpz. 1821) und mehre geniale, aber derbe Aussätze im „Westfälischen Anzeiger" zog er sich die Ungunst der preuß. Regierung zm Fortwährend durch die 228 Benzoe Beranger Herausgabe kleiner staatswissenschaftlicher und anderer Schriften sehr thätig, hat er neuer- dings vorzüglich mit der Beobachtung der Theorie der Feuerkugeln und Sternschnuppen sich befaßt, und in seinem Werke „Über die Sternschnuppen" (Hamb. 1839) zeigt er sich als einen vorzüglichen Vertheidiger des kosmischen Ursprungs dieser Phänomene. Ohne Anstellung lebt er gegenwärtig auf einer Besitzung in der Nähe von Krefeld. Benzoe heißt der an der Luft ausgctrocknete milchige Saft aus dem Stamme des Stvrsx denroili, eines in Ostindien, Siam und Sumatra wachsenden Baums. Wir erhalten die Benzoe in Form röthlichgelber, durchsichtiger, aromatischer Massen. Durch Sublimation und Behandlung mit Alkalien liefert sie eine in feinen Spießchen oder Nadeln kry- ! stallisirte Säure, die Benzoesäure, früher Benzoeblumen genannt, welche in der I Medicin gebraucht wird und auch sonst noch in mehren natürlichen Balsamen vorkommt, häufig aber auch mit der Zimmtsäure verwechselt worden ist. Daß sie im Harne der Kinder und grasfressenden Thierc vorkomme, heben neuere Untersuchungen widerlegt, im Gegen- tbeil ist gewiß, daß die Benzoesäure im Organismus in Hip pursäure verwandelt und als solche durch die Harnwerkzeugc abgeschieden wird. Außer der Benzoesäure, die auch durch Veränderung des ätherischen Bittermandelöls entsteht und dadurch Veranlassung zu einer äußerst interessanten chemischen Untersuchung von Liebig und Wähler geworden ist, enthält die Benzoe noch mehre Harze. Beobachtung heißt der Zustand der gespannten Aufmerksamkeit, in welchem man die Gegenstände auf sich einwirken läßt, um das Eigcnthümliche und Unterscheidende derselben genau kennen zu lernen. Die gemeine, d. i. die Beobachtung zu Zwecken des gemeinen Lebens, unterscheidet sich von der wissenschaftlichen dadurch, daß letztere methodisch, d H. nach bestimmten, aus dem Wesen der betreffenden Wissenschaft hervorgehenden Grundsätzen angestellt werden muß- und daß sie auf das Auffinden allgemeiner Gesetze, sowie auf Unterscheidung des Wesentlichen und Zufälligen ausgeht. Auch ist sie verschieden nach den verschiedenen Gegenständen und Gebieten der Erfahrung. In dieser Hinsicht unterscheidet man die äußere Beobachtung, z. B. des Naturforschers, und die innere, z. B. des Psychologen. Beide verbinden sich zu praktischen Zwecken in der Beobachtung des Geschichtsforschers, des Staatsmanns, des Künstlers und aller Derer, welche auf Menschen zweckmäßig einzuwirken streben oder deren Handlungen und Werke richtig beurtheilen wollen. Eine besondere Art der Beobachtungen wird durch Versuche oder Experimente, d. h. durch solche oft sehr künstliche Veranstaltungen bewirkt, durch welche man ben Gegenstand gleichsam nöthigt, sich dem Beobachter von einer bestimmten Seite, unter absichtlich gewählten Verhältnissen u. s. w. darzustellen. Deshalb unterscheidet man oft geradezu Versuche von Beobachtungen und setzt für die letztem voraus, daß der Gegenstand in seinem ruhigen, von dem Beobachter nicht veränderten Zustande betrachtet werde. Vgl. Senebier, „8ur I'srt ei'observer et 7. Lebensjahre nach Paris zurück, wo ihm zuerst der Gedanke kam, Verse zu machen. Er wollte ein Lustspiel schreiben und entwarf auch wirklich ein Stück „l.e, Uermspkrolli- ^ ter"; aber durch ein ernstes Studium Moliere's von den Schwierigkeiten der Komödie abgeschreckt, ließ er es unvollendet liegen. Hierauf faßte er den Plan, ein großes Epos zu dich- ^ ten, in welchem er „Olovis" besingen wollte; aber auch hiermit kam er nicht zu Stande, ^ vielmehr ging er mit dem Gedanken um, die romanhaften Entwürfe seiner Phantasie ins Leben selbst zu übertragen. Er wollte große Reisen, welche di.e Augen der Welt auf ihn zie-- Berberei 22S hen sollten, unternehmen, und war schon im Begriff, nach Ägypten abzugehen, als er durch die Schilderungen, die ihm ein Landsmann von diesem Lande entwarf, veranlaßt ward, auch diesen Plan aufzugeben. Von Lucian Bonaparte unterstützt, fing crnun an, sich derLiteratur ernstlich zu widmen. Zunächst übernahm er die Redaction der ,,.4nnales i mn.-eo" von London. Auf Arnault's Verwendung erhielt er auf dem Bureau der Universität ein bescheidenes Plätzchen, das er zwölf Jahre hindurch bekleidet hat, bis er cs 1821 freiwillig aufgab. Den einträglichen Posten eines Censors, welchen er während der Hundert Tage übernehmen sollte, schlug er aus. Zu seinen ersten Liedern, die in den Mund des Volks übergingen, gehörten „l^s rni <>' Vvetnt" (l 813) und das treffliche „I-e senateur". Er schmeichelte Napoleon nicht, als Schmeicheln Geld und Ehre brachte, und schmähte ihn nicht, als man durch Schmähen sich erheben konnte; aber als Bürger und Dichter von vaterländischem Geist beseelt, er- goß er seinen Unmuth in heitcrm Spotte, oder erhob sich in lyrischem Schwünge, wenn er die Demüthigung seines Vaterlandes sah oder das verkehrte und lächerliche Streben der wiederhergestellten Machthaber, den fortgeschrittenen Volksgeist in das alte Gleis zurückzuschicben. Seine Lieder sind in der Zeit der Restauration ein wichtiges historisches Moment geworden, indem sie die in Frankreich allgewaltige Waffe des Lächerlichen mit hinreißender Kraft und Gewandtheit führten, oder dem gekränkten Volksgefühle die verhüllten Siegeszeichen seines Ruhms zeigten. Die Negierung verfolgte ihn, aber er trat nur kühner hervor, und lauter sang das Volk seine Lieder. Als seine Freunde 1821 für eine neue Ausgabe seiner Gedichte 1 (UM« Unterzeichner gesammelt hatten, zog ihn der königliche Fiscal, auch auf diesen Umstand Gewicht legend, vor das Gericht, indem er mehre Lieder als gottlos und aufrührisch anklagte. Die Richter verurthcilten ihn, aber die verurtheilten Lieder wurden dadurch nur noch mehr verbreitet. Seine „Okiinsnns ineclites", die einen kaum verschleierten Spott gegen Karl X. enthielten, gaben 1828 neuen Anlaß zu seiner Verfolgung. Er wurde zu neunmonatlicher Haft und 1«0(M Francs Strafe verurtheilt; doch seine Freunde sammelten mehr als die Geldbuße betrug. An der Juliusrevvlution nahm er thätigen Antheil; doch die Ämter und Würden, die man ihm anbot, schlug er aus, um seine Unabhängigkeit zu bewahren. Seitdem machte er nur wenige Gedichte bekannt; mit Karl's X. Vertreibung war, wie er selber sagte, sein Geschäft geendigt. Seine frühem Lieder vereinigte er in den „Obiinsons anciennes, n<,u- velles st instiites" (2 Bde., Par. 1828; deutsch, 2 Bde., Stuttg. 1832). Erst 1833 trat er wieder mit „Okansons nouvslles et clernierss" hervor, worin er von seiner Muse Abschied nahm. Seine dichterische Eigenlhümlichkeit zeigt sich in der freien Entwickelung eines echt nationalen Geistes, in heiterm Frohsinn, in frischer, oft kecker Sinnlichkeit, in sprudelndem Witze und verwundendem Spotte, und unter der anmuthigsten Leichtigkeit verbirgt sich in seinen Liedern die höchste Vollendung der Darstellungen. Im 1. 1835 besorgte er eine Ausgabe seiner „Oeuvres completes", die seitdem wiederholt aufgelegt wurden. Berbrrei oder B arbare s ke n staa t en nennt man, als ein Ganzes betrachtet, die Gebiete von Tripolis, Tunis, Algier und Marokko nebst der Landschaft Sus. Obwol der Lage nach zu Afrika gehörig, trägt die B. in physischer Hinsicht doch nicht den speciell afrik. Charakter, vielmehr gehört sie wesentlich, sowol ihrem Klima, ihrer Flora, Fauna als Bodenconfi- guration nach zum Ländersysteme, welches das Becken des Mittelländischen Meers bildet. Ihre äußere Gestalt wird vornehmlich durch den Atlas (s.d.) bestimmt; außer ihm ist sie begrenzt westlich durch das Atlantische Meer, nördlich durch das Mittelländische, südlich durch die Wüste Sahara und östlich ebenfalls durch das Mittelländische Meer und die wüsten Strecken, welche die Sahara bis an dieses Meer entsendet, und erstreckt sich vom 28"—37 nördl. B. und 6" — 43° östl. L. Sie wird durch eine Menge Flüsse bewässert, die von der Was- serschcide des Atlas in kurzem Laufe dem Meere oder der Wüste Zuströmen, in welcher sie entweder versiegen oder in Salzseen münden. Nur wenige derselben sind eine kurze Strecke schiffbar; zu den bedeutendem gehören Tensift, Morbeja und Sebu, die in den Ocean, Maluiah, Schcliff und Medscherdah, die in das Mittelmeer fallen, und Uad-el- Dscheddi, Ehir, Ziz, Tafilet und Drah, die sich in die Wüste verlieren. An Häfen,besonder- an guten, fehlt es. Der größte Theil der Oberfläche bietet anbaufähiges Land, da außer an der Südgrenze nur selten sandige und steinige Strecken Vorkommen. Der blühende Acker- bau der B. unter den Karthagern, Griechen und Römern zeigt, welches Ertrags der Boden 230 Berberei derselben fähig ist, und auch letzt noch bestehen alle natürlichen Bedingungen dazu. Das Klima wird durch die Lage und Beschaffenheit des Bodens bedingt. Zm Atlas und an seinem Nordabhange gehört es noch ganz zur klimatischen Zone des Beckens des Mittelmeers, und erst in dem Südabhange des Blad-el-Dscherid macht es den Übergang zum Tropenklima der Sa- hara. Es bildet dort die heißeste Nuance der gemäßigten Zone. Durch den Atlas gegen die Vollkraft der glühenden Wüstenwinde geschützt und durch Seewinde erfrischt, ist das Klima meist gesund und rein, und dem Nordeuropäer nur dann gefährlich, wenn er zu übermäßigen Anstrengungen gezwungen wird, oder der Lebensweise des Landes sich nicht anbequemen will. Die Naturproducte des Landes tragen fast sämmtlich den Charakter der wärmern gemäßigten oder der subtropischen Zone. Die Vegetation ist bei den günstigen natürlichen Bedingungen höchst mannichfaltig, überaus kräftig und an vielen Stellen üppig. Schon im Jan. fangen die Wiesen an, sich mit Blumen zu schmücken, und im Apr.und Mai ist das ganze Land ein unermeßlicher Blumenteppich. Dieser blühende Zustand der Vegetation dauert jedoch nur kurze Zeit, denn mit dem Juli tritt der Sommer ein, der dem Grün der Felder sehr bald ein Ende macht. Die ganze Landschaft scheint dann, wo sie nicht künstlich bewässert ist, wie berbrannt und wird nur durch wenige Pflanzen belebt. Dies bleibt so bis zum Oct., wo wieder eine neue herbstliche Vegetation hervorsproßt, die bis in den Winter hinein, der im Nov. eintritt, dauert. Unter den Producten des Pflanzenreichs sind vor Allem die Cerealien, Obst und Wein anzuführen, die vortrefflich gedeihen, sodaß zur Römerzeit Afrika nebst Sicilien für die Kornkammer des Reichs angesehen wurde. Überall sicht man Olivengärten, und vortreffliche Orangen reifen in Menge, auch findet man Nuß-, Mandel- und Johannisbrotbäume. Der indische Feigenbaum wird zu undurchdringlichen Hecken benutzt. Die Gärten liefern Melonen und alle Arten Küchengewächse im Überfluß, sowie Taback, Safran und das Henna. Der Jasmin, der Lorber, die Myrten, Rosen und Akanthus wachsen ohne weitere Pflege. Die Ebenen gewähren außer den Fruchtfeldern reiche Weiden, und die Waldungen haben einen Reichthum an Kork - und andern Eichen, aleppischen Fichten, Cedern und Pappeln von ausnehmender Höhe und Stärke. Die Fächerpalme wächst auf der ganzen Küste und die Dattelpalme in den der Wüste näher liegenden Gegenden. DieThier- welt zeigt eine genaue Verwandtschaft mit den Faunen derdas Mittelmeer umgebenden Länder Nur wie einzelne Überläufer treten hier und da nördliche Thiere auf, häufiger jedoch tropische Thiergeschlechter, welche den Übergang zur Region der Wendekreise bilden. Was den quantitativen Reichthum der Thierwelt in der B. anbelangt, so ist er verhältnismäßig nicht geringes als der des Pflanzenreichs; Hausgeflügel sowie wildes gibt es im Überfluß, besonders zahlreich find die Sumpf- und Waffervögel, darunter viele Flamingos und Pelikane. Auf den Gipfeln der Hochgebirge nisten Adler- und Geierarten, und an der Grenze der Wüste findet man den Strauß. An Wildpret aller Art fehlt es nicht, besonders zahlreich find die wilden Schweine und in den südlichen Steppengegenden die Antilopen. Die großen Heerden der Beduinen bestehen hauptsächlich aus Ziegen und Schafen; das Rindvieh ist klein und mager. Das einhöckerige Kameel ist besonders im Süden, im Norden sind Esel und Maul- thiere sehr häufig. Unter den Hausthieren nimmt das Pferd die erste Stelle,ein. Von den reißenden Thieren sind die häufigsten der Schakal und die Hyäne; die Löwen, an welchen das alte Numidien so reich war, find jetzt sehr zusammengeschmolzen, und der Elefant, der im Alterthum hier einheimisch war, ist jetzt ganz verschwunden. In den Ebenen gibt es außer dem hier heimischen Chamäleon viele Schlangen und Skorpionen. Die Heuschrecken werden oft zur Landplage wie im Orient, und nicht minder fallen im Sommer die Wanzen, Mücken und Fliegen beschwerlich. Fluß- und Seefische, auch Schildkröten gibt es im Überfluß, und an der nördlichen Küste bildet die Korallenfischerei einen wichtigen Erwcrbszweig für franz.und ital. Fischer. Kalkstein bildet den Hauptbestandtheil der Gebirge der B-; doch findet sich auch Granit, Gneis und Porphyr vor. Im Innern findet man schöne Marmorarten, Antimonium, Schwefel, Eisen-, Blei- und Kupfererze. In frühern Zeiten wurde auchGold und Silber gewonnen. Salz gibt es im Überfluß und Mineralquellen sind häufig. Unter den Bewohnern sind außer den durch die franz. Eroberung dahin verpflanzten Europäern sieben verschiedene Völkerschaften zu unterscheiden: Berbern oder Kabylen (s. d.), Mauren (s. d.), Beduinen (s. d.), Juden, Türken, KulugliS (s. d.) und Neger. Berbern Berberei 231 und Beduinen bilden die Bevölkerung des offenen Landes, die Mauren dagegen die der Städte. Die meisten berberischen Stämme sind entweder ganz frei, oder leben nur in einer scheinbaren Abhängigkeit von ihren nominellen Oberherren, von eigenen Stammvorstehern, Kaids,. und eigenen Richtern, Thalebs, geleitet. Nicht minder unabhängig sind dieBe- duincnstämme, bei denen gleichfalls die Stammeshäuptcr, die Kaids, und die Vorsteher der einzelnen Duars oder Zeltdörfer, die Schechs, das meiste Ansehen ausübcn. Die Juden der B. haben sich daselbst wahrscheinlich zum Theil schon nach der Zerstörung Jerusalems niedergelassen, doch ihre Mehrzahl ist erst mit den aus Spanien vertriebenen Mauren eingewandert. Die Türken sind erst im !6. Jahrh. in die B-, mit Ausschluß vonMarokko, wo sie sich nicht festzusetzen vermochten, gekommen. In Tripolis und Tunis bilden sie den herrschenden Volksstamm; in Algier dagegen, wo dies auch der Fall war, ist ihr Ansehen seit der letzten Katastrophe sehr gesunken. Da sie fast nie türk. Weiber mitbrachten, ihre Kinder von den einheimischen aber, die Kuluglis, ihre Privilegien und Rechte aus ausschließlichen Besitz von Staats- und Militairwürden nicht erbten, so waren sie gezwungen, sich fortwährend durch Werbungen in Konstantinopel und Smyrna zu ergänzen. Dies ist in Tunis und Tripolis noch jetzt der Fall, obgleich sich in den staatsrechtlichen Verhältnissen dieser Staaten seit 1830 Vieles verändert hat. Auch die Mehrzahl der in der B. befindlichen Neger ist nicht daselbst geboren, sondern als Sklaven, meist aus dem Sudan und aus Guinea, dahin gebracht. Sie sind meist Haussklaven, doch gibt es auch viele Freigelassene unter ihnen, die sich größtentheils mit Handarbeiten beschäftigen. Man schätzt die Zahl der sämmtlichen Bewohner der B. auf t0 Mill., die bis auf die Juden und Europäer sich sämmtlich zum Islam bekennen. Die Geschäfts-und Umgangssprache ist das Arabische, welches in Marokko die Regie- cungssprache und den Beduinen, Mauren und Juden Muttersprache ist; in Tunis und Tripolis aber, wo noch die Türken herrschen, früher auch in Algier, ist das Türkische die Regierungssprache. Die Berbern sprechen unter sich eine eigene Sprache. Als die ältesten Völker im historischen Zeitalter treten uns in dem nordwestlichen Theile der B. die Mauren, in dem innern und östlichen die Numidier, an dem Küstenstriche die Phönizier entgegen. Diese Letzter« siedelten sich bereits um 1000 v. Chr. an der Küste Nord- aftikas an und gründeten daselbst eine Reihe Städte, darunter Utica, Hippo, Hadrumetum, Leptis, später das bald alle andern überflügelnde Karthago (s. d.). Sie drangen jedoch aichtsehr tief in das Land ein, sondern beschränkten sich aus den Küstenstrich von den Syrien bis zur Meerenge von Gibraltar und trieben Handel mit den Völkern des Innern und den Seestädten des Mittelmeers. Östlich von diesen hatten Griechen im Jahrh, v. Chr. Cyrene begründet und von da aus die ganze Pentapolis Cyrenaiea, das Plateau von Barka, heutzutage von den Arabern Dschebel-Akdar genannt, colonisirt. Die Numidier und Mauren waren während der Zeit, wo die Phönizier an den Küsten herrschten, in unabhängige Stämme gc- theilt, die, wie die hinter ihnen wohnenden Gätuler völlig uncivilisirt waren. Seit dem zweiten punischen Kriege faßten die Römer in Nordrfrika Fuß; damals waren Syphax und Mrsi- nissa diemächtigstennumidischen Herrscher, von denen der Erste für Karthago, der Letztere für Rom Partei nahm. Als Karthago mit Syphax unterlag, wurde das diesem unterthänige Gebiet dem Reiche Masinissa's einverleibt. Nach der völligen Besiegung der Karthager im dritten punischen Kriege aber ward das eroberte karthagische Gebiet unter dem speciellen Namen Afrika eine röm. Provinz. Der erste Conflict, in den die Römer kamen, war der mit dem numidischen KönigJugurtha (s. d.),-dessen Land, nachdem er unterlegen, ebenfalls in eine röm. Provinz verwandelt wurde. Bald traf Mauritanien dasselbe Schicksal, denn als dessen König Juba für Pompejus Partei ergriff, ward er von Cäsar besiegt und nach Rom geführt. Wiewol Augustus dessen Sohn, der ebenfalls Juba hieß, wieder in sein Reich ein- sehtc, so war dies doch nur dem Namen nach unabhängig, denn überall hatten sich Römer in demselben niedergelassen. Juba's Nachfolger wurde von Caligula ermordet und sein Reich, in zwei Provinzen getheilt, dem römischen einverleibt. DaS auf diese Weise von den Römern im Norden Afrikas von der Großen Syrte bis an die Küste des Atlantischen Meers unterworfene Land, die gegenwärtigen vier Barbareskenstaaten umfassend, bildete die größten und blühendsten Provinzen ihres großen Reichs. Überall wurden große Städte gebaut, deren großartige Überbleibsel man noch durch das ganze Land zerstreut bis an den Rand der ^ , Mf 332 Berberei Sahara erblickt; so die Ruinen von El-Hamam in der Regentschaft Tunis« von Sava und Musulupium im Süden von Budschia, und die prächtige NuinenstadtLambasa auf dem Au. rasgebirgc unweit der Sahara. Die Römer hatten gewöhnlich nur zwei Legionen, ungefähr 2-1000 M., daselbst, und doch waren sie im unbestrittenen Besitz des Landes und unternahmen dabei große, zeitraubende Bauwerke, wie die Cisterncn und Wasserleitungen bei Nussicada, Hippo und Cirta, die Tempel und Amphitheater von Calama und Anuna, die ein gesichertes und genußhastes Leben der Bewohner anzeigen. Unter Konstantin ward Nordaftika in folgende Provinzen getheilt: Mauritania-Tingitana, vom Ocean bis Malva . (jetzt Maluiah), Mauritania-Cäsariensis, östlich von jener, Mauritania-Sitifensis, zwischen der vorhergehenden Provinz und dem Fluß Ampsaga (jetzt Rummel), Numidia zwischen Ampsaga und TuSca (jetzt Zaine), Zeugitania, von der Tusca bis zum MercuriuSvorgebirge, , Byzacium, nördlich von der Kleinen Syrte, und Cyrenaica, mit der zwischen den beiden Syr- ten liegenden Regio-Syrtica. Letztere Provinz fiel bei derTheilung des röm. Reichs dem ostcö- mischcn zu, wahrend die übrigen westlichen Provinzen Nordafrikas dem weströmischen verblie- ben. Um diese Zeit verbreitete sich auch das Christenthum in Nordafrika, und zwar mit solcher Schnelligkeit, daß es in den drei Mauritanien allein über l 60 Bisthümer gab. Der von da an immer mehr sich zeigende Verfall der röm. Herrschaft in Europa mußte natürlich auch, und zwar in einem um so höher» Grade, in den afrik. Provinzen sich geltend machen. Religiöse Unruhen, die wieder überhandnehmende Unbändigkeit der Eingeborenen und das Streben der I röm. Statthalter nach Unabhängigkeit lockerten die politischen Bande dieser Provinzen und ! machten, daßsie eine leichte Beute der Bandalen(s. d.)wurden, welche hier von 42 0—533 ^ herrschten, in welchem letztem Jahre ihremNeiche durch Kaiser Justinian's Feldherrn Bell- ! far (s. d.) ein Ende gemacht wurde. Schon unter den Vandalen hatten die bis dahin von der röm. Herrschaft gebän- > digten Numidier und Mauren sich wieder stark geregt; unter der gricch.- röm. Verwal- ! tung, nachdem durch die langwierigen Kriege bei der Begründung wie bei der Vernichtung des Vandalenreichs die meisten röm. Colonien mehr oder minder zu Grunde gegangen waren, geschah dies in noch höherm Grade. Die Eingeborenen wurden im Innern wieder völlig Meister des Landes und bemächtigten sich selbst des Küstenstrichs der Maurita- - nia-Tingitana. Die griech.-röm. Herrschaft beschränkte sich hauptsächlich auf die Gegend von Karthago und einige Küstenpunkte. So wurde das Land eine schnelle Beute der Araber. Schon im I. 647 kam Abdallah ben Said mit 40000 Arabern aus Ägypten gezogen und schlug den gricch. Präfecten Gregorius bei Tripolis aufs Haupt; doch ward das Unternehmen von den Arabern damals nicht weiter verfolgt; dies geschah erst 665 und vorzüglich 670, wo der arab. Feldherr Akbah dre meisten Küstenstädte von Tripolis bis Tanger eroberte, Kairoan gründete und bis an den Atlantischen Ocean und die große Wüste vordrang. Trotz der Niederlage, die ihm hiervon ven Eingeborenen, die hinter ihm aufstanden, bcigcbracht ' wurde, ließen die Araber doch nicht ab, und 602 gelang es Hassan, dem Feldherrn des Kha- lifen Abd el Malek, die griech.-röm. Herrschaft für immer zu vernichten. Karthago ward von ihm erstürmt, geplündert und zerstört. Noch hatten zwar die Araber manchen Kampf mit den Eingeborenen zu bestehen, aber am Ende gelang es ihnen doch, sie zu bändigen und , zum Islam zu bekehren. Dies geschah vorzüglich durch Muffa ben Noftir, der zuerst die mehr die Küstenstriche und die Ebenen bewohnenden Mauren zu Moslemen machte. Schwer hielt eS, die wildern, aus der Mischung der Numidier mit den in die Gebirge geflüchteten Van- dalcn hervorgcgangenen Kabylen im Innern, welche größtentheils noch Götzendiener waren, zu bekehren. Die Statthalter, welche nun Nordafrika im Namen des Khalifen verwalteten, I residirten in Kairoan. Nach dem Sturze der Omajjiden griffen die Kabylen zu den Waffen, ! wurden aber von dem arab. Statthalter besiegt. Im I. 780 trennten sich die westlichen I .Provinzen von den übrigen; Edris ben Abdallah gründete dort das Reich Moghrib-el-Aksa j und ward der Stifter der Dynastie der Edrisiken. Im I. 800 erklärte sich der Statthalter Ibrahim ben Aglab für unabhängig, und seitdem ging Afrika für die Khalifen verloren. Ibrahim war der Gründer der Dynastie der Aglabiten, die in Kairoan bis 908 herrschte. Die verschiedenen einheimischen Dynastien, die von nun an in Nordafrika herrschten, waren durchweg von keiner langen Dauer. So folgte die von Obeid Allah gestiftete Dynastie der Berbice 233 fatimitischen Khaliftn 908 den Aglabiten in der Herrschaft über den östlichen Thcil der D., und 941 unterwarfen die Fatimiten sich auch den westlichen (das Moghrib), bis dahin von den Edrisiten beherrschten. Aber schon um 980 nahmen ihnen die Zeniten ihre ganzen Besitzungen in der B. wieder weg, um hinwiederum 1069 im Moghrib von den Almoraviden und im östlichen Theile der B. 1148 von den Nocmännern aus Sicilicn verdrängt zu werden. Die Almoraviden, welche 1091 auch die maurischen Reiche in Spanien unterworfen hatten, wurden ihrer afrik. wie ihrer europ. Besitzungen schon 1146 von den Almohaden wieder beraubt, die auch den östlichen Theil der B-, wo die Normänncr eine kurze Zeit geherrscht, 1159 sich völlig unterwarfen. Die Niederlagen indeß, die die Almohaden im 13.Jahrh. in Spanien erlitten, sowie die inner» Kämpfe unter den Mitgliedern der Dynastie selbst, erschütterten diese io, daß in Tunis seit 1206 die Hafsidcn und in Tlemezen seit 1248 die Zianiden aufkamen und in Moghrib 1269 die Marinidcn die Almohadische Dynastie ganz stürzten. Durch diese Veränderung der dynastischen und politischen Verhältnisse der B. ward der Grund zu den neuern Darbareskenstaatcn gelegt; in Algier (s. d.), Oran (s. d.), Bud - sch i a (s. d.), Tenez u. s. w. bildeten sich unabhängige Staaten. Um diese Zeit begann auch die Rcaction der christlichen Welt gegen die mohammedanische Herrschaft in Nordafrika und Spanien. Ludwig der Heilige unternahm seine Expedition gegen Tunis; die Mauren wurden nach und nach aus Spanien vertrieben und wandten sich nach Afrika, wo sie sich besonders in den Küstenstädten niederließen. Dadurch wurden diese Hafenörtcr die Sitze der Seeräuber«, die anfangs aus Rache gegen die christlichen Verfolger und dann als Handwerk getrieben wurde. Schon zeitig, unter Ferdinand dem Katholischen, suchten ihr die Spanier zu steuern. Sie landeten in Afrika zu mehren Malen und bemächtigten sich der Häfen Ceuta, Melilla, Oran, Budschia und der Insel vor Algier, nahmen 1509 gar Tripolis ein und machten sich die Regenten von Tlemezen und Tunis zinsbar. Die Portugiesen landeten ander Küste von Marokko, wo sic anfangs große Fortschritte machten, allmälig aber wieder genöthigt wurden, das Land zu verlassen. Diese momentanen Erfolge der Christen über die Mohammedaner in Nordafrika waren die Veranlassung zu einer Umgestaltung der Verhältnisse in dem östlichen Theile der B. durch die Türken. Mit ihr beginnt das eigentliche Barbaresken- thum, indem die Türken den Seeraub völlig in ein System brachten und die Staaten der B. darauf gründeten. Die nächste Veranlassung zu ihrem Auftreten waren die Fortschritte, welche die Spanier von der Insel vor Algier aus gegen den Emir der Metidscha, Selim Eutemi, machten. Dieser ries den türk. Piratenhäuptling Horuk Barbarossa zu Hülfe, der sich jedoch, statt blos Hülfe zu bringen, des Landes selbst bemächtigte und zum Sultan ausrufen ließ. Nachdem er 1518 im Kampfe mit den Spaniern gefallen, ward sein Bruder, Dschereddin Barbarossa, von den türk. Piraten zum Sultan ausgerufen. Dieser, für sich nicht stark genug, um den Spaniern zu widerstehen, stellte 1520 sein Reich unter die Oberherrschaft des Sultans Selim l., der ihn zum Pascha ernannte und Verstärkung schickte, mit deren Hülfe er die Spanier wieder aus dem Lande vertrieb. Dschereddin bestrebte sich, die türk. Herrschaft über die ganze B. auszudehnen, was ihm aber nicht gelang. Zwar vertrieb er 1534 den König Mulei Hassan von Tunis, allein schon 1535 ward Tunis von Kaiser Karl V. erobert und Mulei Hassan als tributairer Vasall Spaniens daselbst wiedereingeseht. (S. Tunis.) Auch Tripolis gerieth unter span. Herrschaft und zuletzt unter die der Maltesern»«, denen es Karl V. abgetreten hatte. Allein schon 1551 gelang es dem türk. Kapudan-Pascha, Si- nan, Tripolis und 1575 Tunis zu erobern und der Oberherrschaft des Sultans zu unterwerfen. (S. Tripolis.) Dasselbe war der Fall mit dem westlichen Theil der B., dem Moghrib, wo um dieselbe Zeit, 1520—50, die Nachkommen des arab. Scherif Mula Mehemed, die merinidischen Könige von Marokko, Fez und Velez stürzten und die noch heute dort regierende Dynastie der Schcrife gründeten. (S. Marokko.) Vgl. Cardonne, „llistnire cie I'^iriyue et cke l'LspSFne sous la ckominaliou ckes Grabes". Shaw, „Travels anck obssr- vations relatinF to seversl parls r>f Larbarx" (neue AllSg., Lond. 1808; deutsch, Lvz. 1765); Poiret, en Larbsrie" (Par. 1789); Blaquiere, „Tellers trom tiie Nelliterranesn etc." (2 Bde., Lond. 1813); Tonnin, „Merkantt'lssch-geschichtliche Darstellung der Barbareskcnstaaten" (Hamb. 1826). Berbice, brit. Gouvernement von Guiana in Südamerika, am Flusse gleiches Na- m r Ä W Ä 234 Berchtesgaden rnenS, umfaßt ISO mM. mit 38000 E., wovon 28000 Neger sind. Im I. 1626 legten hier die Holländer Colonien an, daher sind die Weißen meist Holland. Abkunft, und Holland. Sprache gilt in den Gerichten und wird gehört auf den Kanzeln. Im I. >799 eroberten es die Engländer, gaben es 1803 zwar zurück, nahmen es aber 1804 schon wieder in Besitz - und erhielten es im pariser Frieden von 1814 nebst Essequebo und Demerary von Holland abgetreten. Die Lage dieser drei Gouvernements in der Nähe der südamerik. Freistaaten und ihre Fruchtbarkeit geben ihnen als Eingangspunkten der brit. Industrie auf dem südamerik. Contincnt eine große Wichtigkeit für ihr Mutterland. Durch die Ausrottung der Waldungen von Manglebäumen und die Trockenlegung der Gegend wurde das Land, in welchem die Fieber früher gar nicht aufhörtcn, gesund. Die Hauptstadt der Gouvernements und der Sitz der Regierung, Neuamsterdam, ist freundlich angelegt und hat einen guten Hafen und lebhaften Handel. Am Corcntin liegt die Herrnhutercolonst Hoop. Außerdem liegen noch hier Fort Nassau und Fort Andreas. Die neuesten Reisen und Forschungen von Rob. Schomburgk haben, wie über die andern Hauptflüsse des brit. Guiana, so auch über den B. neues Licht verschafft und neue Hoffnungen geweckt. Berchtesgaden oder Berchtholdsgaden,ein Landgericht im Kreise Oberbaiern, von 7 IHM. mit 8400 E., war ehemals eine gefürstete Propstei, gestiftet 1106, die 180Z säcularisirt und als Fürstenthum an das Kurfürstenthum Salzburg abgegeben wurde, das 1805 an Ostreich und 1810 an Baiern kam. Es ist ein völliges Alpengebirgsland, ziemlich hochgelegen, von den Salzburger Alpen umschlossen, wichtig durch seine Steinsalzwerke und durch die Industrie seiner Bewohner. Die hier im 18. Jahrh. sich bildende kleine protestantische Gemeinde wanderte im 1.1732 nach Berlin und der Mark Brandenburg. Der Hauptort ist der Marktflecken gleiches Namens mit 1500 E-, berühmt durch seine herrliche Lage, die Eigcnthümlichkeit seiner Bewohner, die hier und in der Umgegend aus Holz, Knochen und Elfenbein gefertigten Kunstwaaren, ganz vorzüglich aber durch den Steinsalzbergbau, durch die Saline Frauenreuth und durch die große, von hier nach den Salinen Reichenhall (s. d.), Traunstein und Rosenheim führende Soolenleitung. Das Steinsalz wird hier in dem nahen Salzbcrge, sowie ick dem zu derselben Niederlage gehörenden Dürre n b « r g (s. d.) des benachbarten östr. Hallein, auf eine eigenthümliche Weise durch Aufsieden gewonnen, indem es nicht derb, sondern in kleinen Theilchen in dem Salzthon eingesprengt vorkommt. Derbes Steinsalz kommt nur an wenigen Punkten in der Grube vor. Um das Salz aus dem Salzthon zu gewinnen, führt man mittels Röhren süßes Wasser in die in den Salzthon eingehauenen Räume, Sinkwerke und im Östreichischen Wehren oder Sulzenstücke genannt; hier nimmt das Wasser durch Auslaugen die Salztheile auf, und ist e§ dann mit Salz gesättigt, st wird die Soole mittels Röhrenleitungen aus den verschiedenen Sinkwerken in Reservoire geleitet. Aus diesen erhält einen Theil die Saline Frauenreuth, welche jährlich 130000 Ctnr. Siedesalz producirt, und einen andern Theil die Soolenleitung, welche nach Reichenhall und Rosenheim führt. Eine 1613 zu Reichenhall aufgefundene Edel- quelle, deren Soole dort wegen Holzmangel nicht völlig versotten werden konnte, gab die Veranlassung zur Anlegung einer Soolenleitung von dort nach dem acht Stunden weit entfernten, waldigen Traunstein, wo die Anlegung einer Saline 1619 zu Stande gebracht wurde. Um aber alle salzhaltigen Quellen Reichenhalls benutzen zu können, wurde unter der Negierung Max Zoseph's eine 14 Stunden lange Soolenleitung nach dem holzreichen Rosenheim am Inn unternommen und 1809 ausgeführt, und um die Salinen zu Reichenhall, Traunstein und Rosenheim völlig zu sichern, dieses ausgedehnte Soolenleitungssystem 1817 in Verbindung mit den reichen Salzbergwerken von B. gebracht. Dü erste Soolcn- hebungsmaschine dieser Leitung befindet sich in der Nähe des Stollenmundloches vom Ferdinandsberg oder Salzberg unweit B. Ein Wasserrad hebt die Soole 50 F. hoch, von wo dieselbe in einer 3500 F. langen Röhrenleitung mit 17 F. Gefälle dem zweiten Brunnenhause an der Pfisterleiten bei B. zufließt. In diesem Brunnenhause ist eine Wasscr- säulenmaschine aufgestellt, welche die gesättigte Soole in 934 F. langen Steigeröhren von Gußeisen 311 F. hoch senkrecht hebt. Von hier fließt die Soole in einer 7480 F. langen Röhrenleitung mit 37 F. Gefälle bis an das linke Gehänge der Thalschlucht und übersetzt dieselbe in eine 1225 F. lange gußeiserne Röhrenleitung; von der Höhe des rechten Ge- Berchtold Beredtsamkeit 2L5 hänge- fließt sie mit freiem Lauf, in einer 12 07 3 F. langen Fahrt, dem dritten Brunnenhaus an der Jlsangmühle im Ramsauerthale zu. Hier ist eine zweite Wassersäulenmaschine, welche die gesättigte Soole mittels eines Druckwcrks in 3506 F. langen Röhren 1218 F. hoch senkrecht hebt. Von hier fließt die Soole in 73000 F. langen Röhrenfahrten durch das schwarzbacher Thal bis nach Ncichcnhall. Die ganze Länge der Nöhrenfahrt von B. bis hierher beträgt daher l 0 l 800 F. Von Neichcnhall bis Sicgsdorf ist die Svolenleitung nach Traunstein und Roscnheim gemeinschaftlich, bis dahin 94800 F. lang, und es wird die Soole auf dieser Strecke sechsmal durch Maschinen gehoben, und zwar zweimal durch Rad- künste und viermal durch Wassersäulenmaschinen. Von Siegsdorf geht die Soole mit natürlichem Gefälle nach Traunstein, welche Saline jährlich 140000 Ctnr. Salzproducirt; oer andere Theil der Soole aber geht in einer 78000 F. langen Nährenfahrt, indem sie einmal durch eine Nadkunst und viermal durch Wassersäulenmaschinen gehoben wird, nach Noscn- hcim, dessen jährliche Salzproduction 180000 Ctnr. beträgt. Die Betriebswasser zu den Maschinen werden oft sehr weit, an einigen Punkten 16— l 9000 F., herbeigeführt. Zum Landgerichte B. gehören noch die Flecken Ramsau mit Mühlsteinbrüchen und einer Heilquelle, und Schcllenberg. In der Nähe liegt der Bartholomäus- oder Königssce, 2 M. lang und '/> M. breit, von hohen Felswänden umschlossen, von denen sich Gießbäche als Wasserfälle stürzen. An den Ufern des Sees erhebt sich der 9100 F. hohe Watzmann mit einem nur 2500 F. hochgelegenen Gletscher. Berchtold (Leov-, Graf von), östr. Kämmerer, geb. 1758, gest. am 26. Juli 1809, hat sich ein Gedächtnis seines Namens gestiftet durch die unausgesetzten Bemühungen, die Thräncn der Leidenden zu trocknen und Elende dem Verderben zu entreißen. Seine auf vielen Reisen gesammelten Erfahrungen enthält sein „L8ssx to direct »,,d «xtend tlle in- guiriss ok pstrintic trnveilers" (2 Bde., Lond. 1789); auch verfaßte er mehre kleinere Schriften zur Verbesserung der policcilichen Verfassung, die er aufseine Kosten drucken und überall unentgeltlich austhcilen ließ. Durch seine Preisaufgaben veränlaßte er mancherlei Schriften über die Nettungsmittel der Ertrunkenen und Scheintodten u. s. w. Er stiftete die Humanitätsgesellschaft in Mähren, sowie Rettungsanstalten in Prag und Brünn. Von 1795—97 bereiste er die europ. und asiat. Türkei hauptsächlich in der Absicht, um den Verheerungen der Pest entgegcnzuarbeiten. Später beschäftigte ihn die Verbreitung der Schutzpocken. In der Hungersnoth, welche 1805— 6 in dem Riesengebirge herrschte, schaffte er Korn und Nahrungsmittel aus entfernten Gegenden herbei. Auf seinem Gute Buchlau in Mähren richtete er 1809 das schöne Schloß Buchlowitz zu einem Spital für kranke und verwundete östr. Krieger ein. Vom Nervenfieber ergriffen, wurde er das Opfer desselben. Bercy, Dorf von etwa 3000 E. in der Nähe von Paris, an der Seine, wo dieselbe sich mit der Marne vereinigt, steht mit der Hauptstadt im lebhaften Verkehr, weil die pariser, Kaufleute hier ihre Niederlagen für Wein, Weinessig und gebrannte Wasser haben, sowie wegen seiner Gerbereien, Zuckcrraffinerien -und Papierfabriken. Das Schloß daselbst ist zu Ende des 17. Jahrh. von Leveau gebaut. Beredtsamkeit heißt im weitesten Sinne die Fähigkeit oder Kunst, sich richtig und angenehm in allen Arten der ungebundenen Rede durch Worte auszudrücken, im engern Sinne die Fähigkeit und Kunst, in mündlicher Darstellung auf die Überzeugung und den Willen Anderer zu wirken, und gewisse Gesinnungen und Entschließungen in ihnen zu erwecken. Da auch das Außere des Redners den Eindruck seincrMittheilungcn sehr zu verstärken vermag, so hat man diese Fähigkeit oder Kunst des angemessenen Vortrags der Rede durch Dcclam-tion und Gestikulation die äußere Beredtsamkeit genannt. In ihrer höchsten Gestalt, wo die Rede als Kunstwerk betrachtet wird, erscheint die Beredtsamkeit als die Fertigkeit, öffentliche kunstgemäße Vorträge zu halten. (S. Redekunst.) Sie kann ebensowol der Eitelkeit und eigennützigen Zwecken, als der Förderung reinmenschlicher Zwecke dienen. Sie kann als Überredungskunst glänzen; aber die wahre Beredtsamkeit will überzeugen und durch die Macht überzeugender Gründe auf den Willen wirken. Man thcilt die Beredtsamkeit ein in die geistliche, welche unmittelbar religiösen Zwecken dient, und in dieweltliche, deren Gegenstände aus dem Kreise des Privat- öder des öffentlichen Lebens genommen sind. Den 286 Berengar Berenike wichtigsten Theil der letztcrn bildet die Politische Beredtsamkeit (s. d.), auf die sich vorzüglich die Rhetorik (s. d.) der Alten bezog. Berengar von Tours, als Scholastiker durch seinen philosophischen Scharfsinn, wir durch die Freimüthigkeit, mit der er sich seit 105» gegen die Lehre von der Brotverwandlung im Abcndmahlc erklärte, und seine dadurch vcranlaßten Leiden berühmt, war zu Tours 898 geboren, wurde dann Lehrer der philosophischen Schule daselbst und 1040 Archidiakonus zu Angers. Mehre Male zum Widerruf gezwungen, immer wieder aber zu der Ansicht zurück- kehrcnd, das Brot im Abcndmahlc bleibe Brot und nur die Kraft desselben verwandle sich für die Gläubigen in die höhere Kraft des Leibes Christi, wobei er sich auf Joh. Scotus Erigcna berief, rechneten ihn die Orthodoxen unter die schlimmsten Ketzer, und wenn auch Gregor VII. ihn glimpflich behandelte, waren doch die Scholastikcrvon der Partcidcs Lanftank von Cantcrbury so sehr gegen ihn aufgebracht, daß er sich 1080 auf die Insel St.-Cosmas bei Tours 'zurückzog, wo er sein Leben unter frommen Übungen 1068 beschloß. Über die sehr entstellte Geschichte seines Streites haben Lessing in seinem „Berengar" (>770) und Staud- lin, der auch B.'s bedeutendste Schrift gegen Lanftank, welche Lcssing in Wolfenbütlel entdeckt hatte, in mehren Programmen hcrauszugeben anfing, neues Licht verbreitet. Eine vollständige Ausgabe seiner Schriften besorgten A. F. und F. Th. Bischer (Berl. >85-1). Verenger (Alvhonse Maria Marccllin Thonias), Rath beim Cafsationshofe, Pail von Frankreich und Mitglied des Instituts, ist der Sohn eines Mitglieds der Cvnstituirenden Versammlung und zuValcnce am 31. Mai 1785 geboren. Als Advocat in Grenoble imJ. 1815 vom Dromedepartcment zum Abgeordneten ernannt, sprach er schon damals gegen die Erblichkeit der Pairie und dft unbeschränkte Vermehrung der Pairszahl. Nach den Hundert Tagen zog er sich in seine Vaterstadt zurück, wo er den Wissenschaften lebte, bis er daselbst 1821 wieder zum Dcputirtcn erwählt wurde. Nach der Julirevolution war er einer der Commissi- rien, die im Auftrag der Abgeordneten dib Minister Karl's X. vor der Pairskammcr anklagten. Er war Berichterstatter über das Wahlgesetz, ohne jedoch allen Beschränkungen desselben beizupflichten, und sprach sich in einem bcachtcnswerthen Vortrage für Abschaffung der Todesstrafe aus. Unter dem MinisteriumPe'rier ward erhauptsächlicher Gründer des Depu- tirtenvercins in der Straße Nivoli, der zwischen der Regierung und der systematischen Opposition eine unabhängige Stellung zu behaupten suchte; in der Folge gehörte er dem ti ers p«rti an. Seit l 832 Mitglied des Instituts wurde er 1839 auch zum Pair erhoben. B.isteinkal- terRedncr und Schriftsteller, ein schüchterner aber gewissenhafter Liberaler, ein unparteiischer und gründlicher Berichterstatter. Wir haben von ihm eine Übersetzung von Justinian's „Novellen" (2 Bde., Metz 18 l 0—11,4.) und ein ausgezeichnetes Werk „De la sustice criminelle en krsnce" (Par. 1818), wie er denn überhaupt einer der besten franz. Kriminalisten ist. Berenhorst (Georg Hcinr. von), der Vorgänger Bülow's in der kräftigen Bestreitung veralteter Ansichten der Kriegskunst, geb. 1733 zu Sandersleben in Anhalt-Dessau, gcst. 1814, war ein natürlicher Sohn des Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau. Als Lieutenant trat er 1748 bei dem Infanterieregiment von Anhalt in preuß. Dienste. Schon 1757 ward er Brigademajor im Generalstabe des Prinzen Heinrich von Preußen und 1760 Adjutant Friedrich des Großen. Nach dem Siebenjährigen Kriege lebte er am Hofe des Fürsten von Anhalt-Dessau und ging mit diesem und später mit dem Prinzen Hans Jürge auf Reisen nach Frankreich, Italien und England. Er bekleidete ansehnliche Ämter am Hofe, erhielt den Charakter als Oberhofmeister und lebte seit 1790, frei von allen Geschäften, sich und den Musen. In seinen „Bettachtungen über die Kriegskunst, ihre Fortschritte, ihre Widersprüche und ihre Zuverlässigkeit" (Lpz. 1797—99; 3. Aufl., l 827) stellte ergänz neue Grundsätze ruf und suchte herrschende Vorurtheile und Jrrthümer zu verdrängen. Auch seine „Aphorismen" (Lpz. 1805) verdienen Erwähnung. Berenike im macedonischen Dialekt für Pherenike,d. i. Siegbringerin, ist der Name mchrcr in der Geschichte bekannter Frauen. — B., die von Dichtern, namentlich von Theokrit, im 15. und 17. Idyll gepriesene, zweite Gemahlin des ägypt. Königs Ptolemäus'l. Soter (32.3—284 v. Chr.), der mit ihr den Ptolemäus Philadelphia, Argäus und die A» sinoe und Philotera zeugte, war vorher mit einem edlen Macedonier Philippus verheirathel gewesen, dem sie den Magas und dieAntigone geboren hatte, später an Pyrrhus von Epirui v d d n h ei u C u ft A ai di ih w ni Si al § ft! ri n< de ui R vc ui B I. m bi ft N er lo> U erl P p° H ge tei eii N E g- E er ge er ft d, sich NN! lung 998 szu , rück- sich > otus ! auch rank sbei sch älld- cnl- Eine Kair ndcn mJ. dir idert 821 iffa- ;ten. lbm ^ dn Op- ^irti kal- sch« N°- >ells ist. ung gcst ILNl >rrd tank An> , rach den den iche auf en" der von Ihe, j ru< > Dereöford Bereszina 237 verheirathet. — B.,die Tochter Ptolemäus'II. Philadelphus und derArfinoe, einer Tochter des Lysimachus, ward im I. 2 5 2 v. Chr. an Antiochus 11. von Syrien verheirathet und nach dessen Tode von seiner ersten Gemahlin Laodike und deren Sohn Seleukus l l. Kallinikus ermordet. — B., die Tochter des erwähnten Magas, der sich in Cyrene, wohin er als Statthalter gesendet worden, von Ptolemäus Philadelphus unabhängig gemacht hatte, ließ ihren ersten Gatten Demetrius den Schönen, weil er mit ihrer Mutter Arsinoe die Ehe gebrochen, umbringen und ward 218 v. Ehr. Gemahlin Ptolemäus' Hl. Evergetes. Als dieser gegen Seleukus Kallinikus in den Krieg zog, gelobte B. ihr schönes Haupthaar, das KallimachuS und nach ihm Catullus besangen, den Göttern zu weihen, wenn er unverletzt zurückkäme. Dieses geschah, und B. schnitt ihr Haar ab und brachte es in dem Tempel der Aphrodite dar. Am andern Morgen war es verschwunden und der Astronom Kanon von Samos breitete aus, es sei von den Göttern unter die Sterne versetzt worden; ein Sternbild nahe am Schweif des Löwen ward sodann mit dem Namen „das Haar der Berenike" belegt. Sie wurde von ihrem Sohn Ptolemäus IV. Philopator ermordet. — B., die Gemahlin des MithridateS, ward, als Lucullus diesen 72 v. Chr. besiegt hatte, ebenso wie seine andere Gemahlin Mo- nime und seine Schwestern Noxane und Statira getödtct, damit sie nicht in die Gewalt der Römer fielen. — B., die Tochter Ptolemäus' XI. Aulctes, wurde von den Alexandrinern, als sie diesen vertrieben hatten, auf den Thron erhoben. Im I. 57 v. Chr. heirathete sie den Seleukus Kybiosaktes, nach seiner Hinrichtung aber den Archelaus. Nach der Wiedereinsetzung ihres Vaters durch den röm. Statthalter von Syrien ward sie selbst 54 v.Chr. hingerichtet. — B., die Tochter Herodes' I. Agrippa, des Königs der Juden, ward anfangs mit einem Fürsten von Cicilien vermählt, dann die Geliebte des Titus, die er sogleich, nachdem er den Thron bestiegen hatte, entfernte. — Auch mehre Städte trugen den Namen Berenike, unter denen eine in Cyrene, nach der Tochter des Magas, und eine andere in Ägypten am Rothen Meere nach der Gemahlin Ptolemäus' l. benannt, die bemerkenswerthcsten sind. Beresford (William, Baron), Viscount Bcresford, portug. Feldmarschall, Herzog von Elsas und Marquis von Campo Mayor, ein Irländer, trat früh in brit. Kriegsdienste und stieg schnell zum General. Im 1.1806 befehligte er die Landmacht der Expedition, die Buenos-Äyres eroberte, wurde aber von den Spaniern nebst seinem Corps gefangen. Im I. >808 kam er mit der engl. Expedition nach Portugal und zeigte im Kriege Portugals mit Frankreich neben ausgezeichneten Kenntnissen und richtigem Blick auch hohen Muth. Er bildete nicht nur das portug. Heer, sondern auch die Milizen so trefflich, daß sie im span. Jn- surrectionskriege mit dem Kern des verbündeten Heers wetteiferten. Ihm allein gehört der Ruhm des Sieges über Soult bei Albuera im I. 181 l. Unter Wellington commandirte er 1812 ein Armeecorps und hatte an den großen Siegen bei Viktoria, Bayonne und Toulouse den bedeutendsten Antheil. Mit dem Herzoge von Angouleme zog er am 13. März 1814 in Bordeaux ein, worauf er am 6. Mai zum Baronet erhoben wurde. Bald nachher erhielt er eine Sendung nach Brasilien, von wo er 1815 nach England zurückkehrte. Der Prinz-Regent von Portugal übertrug ihm demnächst die Stelle eines Generalissimus der portug. Armee; doch kaum war er in Lissabon eingetroffen, als ihn wichtige Aufträge seines Hofes wieder nach Nio-Janeiro riefen. Die Strenge, mit welcher er 1817 in Lissabon eine gegen das brit. Heer und die Regentschaft gerichtete Verschwörung des Generals Freyre unterdrückte, machten ihn dem portug. Militair verhaßt. Er hatte sich gerade nach Brasilien eingeschifft, als die Revolution von 1820 ausbrach und ihn der Generalstatthalterstelle deS Reichs, die ihm in Rio-Janeiro übertragen worden war, entsetzte. Hierauf ging er nach England, trat aber im Dec. 1826 abermals in Lissabon auf, um die engl. Hülfstruppen gegen die Rebellen zu führen. Allein die Truppen blieben unthätig, und B. mußte sich nach England zurückbegeben, wo er Großmeister der Artillerie ward. Fortwährend unterhielt er indeß, unterstützt von den Tories in England, Verbindungen mit der Partei Dom Mi« guel's und verlor deshalb 1835 seinen Gehalt als portug. Feldmarschall. Verheirathet ist er mit der Witwe des Banquiers Hope. Bereszina, ein Fluß in Lithaucn im russ. Gouvernement Minsk, der zwischen sehr sumpfigen Ufern von Norden gegen Süden'fließt und sich in den Dnjepr ergießt, wurde durch den Übergang des franz. Heers auf dem Rückzüge von Moskau am 26. und 27. Nov. 1812 238 Bereszina weltberühmt. Aon den Russen lebhaft verfolgt und überall umgeben, mußte Napoleon alle Mittel aufbieten, seinen Rückzug zu beschleunigen, der durch die bei der Armee eingerissene Unordnung, den Mangel an Pferden und den eingetretenen Frost auf das Äußerste erschwert ward. Die Armee befand sich bei ihrer Ankunft .an der B. ohne alle Mittel, den Fluß zu überschreiten. Zuerst ward durch den Kaiser selbst der Bau der Brücke dem General Chasseloup übertragen, der aber, als der General Ebst gegen 5 Uhr von Borissow, wo die Russen unter Lambert wieder über den Fluß zurückgeworfen worden waren, anlangte, seine Truppen zu dessen Disposition stellte. Eble ließ sogleich einige Häuser einreißen, um das nöthige Bauholz zu be- kommen. Vorläufig verfertigte man aus einigen Stämmen drei kleine Flöße, die aber nur zehn Mann trugen. Auf ihnen gingen nach und nach 400 M. Infanterie über den Fluß, nach, dem schon vorher eine Anzahl Reiter durch das Wasser geschwommen war, um gemeinschaftlich mit der diesseit aufgcfahrenen Artillerie des zweiten Ärmeccorps den Brückenbau und den Übergang gegen Tschitschakow zu decken, der mit seiner Armee das jenseitige Ufer besetzt hielt und leicht den Übergang der Franzosen hatte unmöglich machen können, wenn auch zugegeben werden muß, daß Wittgenstein dabei noch weit größere Fehler sich zu Schulden kommen ließ. Denn hätte dieser, wie er wol gekonnt, sich mit Tschitschakow vereint und so Napoleon jenseit der B. erwartet, so wäre diesem sowie seinem ganzen Heere jede Rettung unmöglich gewesen. Da aber Wittgenstein's Plan ausschließlich dahin ging, sich mit dem Haupthcere in Verbindung zu setzen, so wurde Napoleon und mit ihm wenigstens ein Theil seines Heers gerettet. Der Brückenbau selbst ward in Napoleon's Gegenwart um 8 Uhr Morgens angefangen. Der sumpfige Grund des Flusses und das Treibeis aus demselben erschwerten die Arbeit unsäglich; die Pontonnicrs gingen bei 17° Kälte bis an die Brust in das Wasser, um die Böcke aufzustellen und die Balken aufzulegen, obgleich sie nichts zu ihrer Stärkung hatten; daher auch die meisten von ihnen in den folgenden Tagen umkamen. Am 26. Nov. Mittags um l Uhr war die blos für die Truppen bestimmte Brücke vollendet; sogleich ging das zweite Armeecorps unter Oudinot über dieselbe, die Reiter- brigade Castex an der Spitze, und drängte fechtend die Russen zurück. Mit Mühe brachte man auch einen Achtpfünder und eine Haubitze mit einigen Munitionswagen über diese Brücke. Die zweite, eigentlich für das Geschütz und die Wagen bestimmte Brücke ward erst um 4 Uhr Nachmittags fertig; sie war anstatt der Brcter nur mit Knüppeln belegt, die fortwährend durch die im Trabe gehenden Pferde in Unordnung gebracht wurden. Mehrmals wurde sie durch das Brechen der Böcke unbrauchbar; allein stets sofort und ohne Murren mit den größten Anstrengungen von den Pontonnicrs wiederhergestellt. Auch die Breterdecke auf der ersten Brücke mußte mehrmals erneuert werden. Dessenungeachtet erfolgte der Übergang schnell genug, so lange die Truppen geordnet marschirten. Am 27. Abends aber fing das Drängen, das schon in Folge des Schadhaftwerdens der Brücken begonnen hatte, an, immer stärker zu werden. Soldaten, Pferde und Wagen kamen in verwirrten Haufen bei den Brücken an und bildeten eine undurchdringliche Masse vor denselben, durch die man sich nur mit Mühe und Gefahr einen Weg bahnen konnte. Keiner wollte dem Andern weichen, Keiner Zurückbleiben. Wer auf den Brücken sich nicht retten zu können glaubte, suchte sein Heil auf dem Treibeise des Flusses, oder versuchte hinüberzuschwimmen; der Kamerad stieß den Kamerad in den Strom hinein, doch erreichten im Wasser nur sehr Wenige das jenseitige Ufer. Als vollends am 28. Nov. früh die Russen ankamen und die Colonkien mit Kanonen und Haubitzen beschossen, während gleichzeitig Tschitschakow die schon übergegangenen Truppen auf dem rechten Ufer des Flusses angriff, stieg die Verwirrung aufs Höchste. Der General Partonneaux war in Borissow schon Tags vorher von Wittgenstein abgeschnitten worden und hatte sich mit seiner ganzen Division nach einem hitzigen Gefecht ergebey müssen; Marschall Victor aber, hinter jenem undurchdringlichen Haufen aufgestellt, behauptete sich mit bewundernswerther Äusdauer, bald angreifend bald zurückweichend, gegen eine wol fünfmal stärkere Macht bis zum Abend, wo die Dunkelheit dem Kampfe ein Ende machte. Damit in der Nacht das neunte Corps übergehen könne, ließ der General Eble durch die Pontonniers eine Art Laufgraben durch die hier angehäuften tobten Körper und zerbrochenen Wagen machen. Um l Uhr Nachts war Marschall Victor hinüber, und nur noch eine schwache Arrieregarde zurück, die erst am 2 9. früh 6 Uhr cingezogen ward. Berettini Berg ^ 239 Die Brücken waren jetzt völlig frei, doch eine bedeutende Anzahl Verwundeteoder Kranke, einzelne Soldaten, Weiber, Kinder, Marketender u. s. w. war noch zurück, und blieb ungeachtet der Bitten und Ermahnungen des Marschalls Victor und des Generals Eblc ruhig liegen, bis endlich der Morgen und die Vorbereitungen zum Verbrennen der Brücken sie zum Aufbruche mahnten, worauf sich Alles in Verzweiflung nach den Brücken stürzte. Erst um 8'/, Uhr, wokeine Zeit mehr zu verlieren war, ließ Eble die Brücken anzünden; dienoch Zurückgebliebenen erhoben ein lautes Geschrei und stürzten sich in die Flammen oder in den Fluß; bald darauf erschienen die Kosacken. Die Zahl der Gefangenen wurde auf 10000 angegeben; der Verlust an Artillerie und Fuhrwerk überstieg alle Berechnung. Wenige Corps hatten eine Kanone und nur die Garde einen kleinen Theil ihres Geschützes gerettet- Von dem großen Reservepark, welcher noch 140 Kanonen und 250 Pulverwagen zählte, kam kein einziges Stück, und von den 70000 M. kaum 40000 an das jenseitige Ufer. Eine höchst interessante Schilderung des Übergangs über die B., nach Segur, wenn auch in etwas zu grellen Farben, findet sich in Rcllstab s Roman „1812" (4 Bde., 3. Ausl., Lpz. 1843). Berettini, s. Cortona (Pietro da). Berg, vormals cm selbständiges Herzogthum, jetzt ein Theil der prcuß. Rheinprovinz, und zwar der Abtheilung Oberrhein oder Jülich-Kteve-Berg im Regierungsbezirk Düsseldorf, wird im Westen durch den Rhein von dem ehemaligen Erzstift Köln geschieden, an welches es auch im Süden grenzt; im Osten grenzt es an Nassau-Siegen oder den jetzigen Siegener Kreis, an das Herzogthum Westfalen und an die Grafschaft Mark; im Norden an das Herzogthum Kleve, und der Rhein trennt es von dem Fürstenthume Mörs. Es ist das erste Fa- hrikland Deutschlands, und namentlich sind im Wupperthale (s.d.)mit Elberfeld (s.d.) und Barmen (s.d.) Industrie und Handel im blühendsten Zustande. Das ganze Land ist bergig, hat Überfluß an Eisen, Blei und Steinkohlen, erzeugt aber lange nicht so viel Getreide, als die Volksmenge bedarf, die nirgend in Deutschland auf gleichem Raume so groß ist; denn im Regierungsbezirk Düsseldorf rechnet man 7440 E. auf die OM., während in den minder bevölkerten Theilen Deutschlands, z. B. im preuß. Regierungsbezirk Köslin, nur 1330 E- auf die O M. kommen. Diese Dichtigkeit der Bevölkerung, den hohen Stand der Industrie und den dadurch erzeugten Reichthum verdankt das Land theils der Localität, kheils der Regierung. Vorzüglich vortheilhast war die fast beständige Neutralität des Landes in den Kriegen des 17. und 18. Jahrh., die eine Menge gewerbfleißiger und reicher Leute aus den Niederlanden und aus Frankreich, wo sie um der Religion willen bedrückt wurden, hierher auszuwandern veranlaßten. Zur Zeit der Römer war das Land von den Ubiern bewohnt, die sich unabhängig erhielten, bis sie in der Zeit der allgemeinen Völkerwanderung verschwanden, und ihr Land den ripuarischen Franken zufiel. Seit dem Anfang des 12. Jahrh. regierten einen Theil des nachmaligen Herzogthums B. besondere Grafen, aus dem Gcschlechte der Grafen von Teisterband, von denen Adolf und Eberhard, Ritter von Altena genannt, vom Kaiser Heinrich V. 1108 zur Belohnung ihrer Kriegsdienste zu Grafen von dem Berge und Altena erhoben wurden. Ihre Nachkommen vermehrten ihre Besitzungen durch Erbschaft, Schenkungen und auf andere Weise, bis Adolfs III. Söhne dieselben theil- ten; Engelbert erhielt B. und Eberhard Altena. Durch Heirath kam das Land hierauf, nachdem Erlöschendes gräflich belgischen Mannsstamms 1219 zuerst anden Herzog Heinrich IV. von Limburg, und nach dem Aussterben seines Geschlechts, 1348, ebenfalls durch Heirath an Gerhard, Prinzen von Jülich, dessen Sohn Wilhelm l. vom Kaiser Wenzel für B. die Herzogswürde erhielt. Von nun an theilte B. das Schicksal Jülichs. Als IK09 der jülich-bergische Regentenstamm ausstarb, machte Ostreich Anstalten, das Land als ein Neichslehen in Besitz zu nehmen, wobei Spanien Hülfsleistung versprach. Dieses aber wollten weder Kursachsen noch die Häuser Pfalz-Neuburg und Kurbrandenburg zugeben. Die beiden letzten Bewerber erlangten die Zustimmung der Landschaft zu gemeinschaftlicher Regierung, welche die Republik der Niederlande garantirte und welche auf eine für das Land sehr vortheilhafte Weise bis 1624 dauerte, wo in Folge eingetretcner Streitigkeiten durch den düsseldorfer Vergleich bestimmt wurde, daß, während Kleve, Mark, Ravensberg und Mörs an Kurbrandenburg, dagegen Jülich und B. an Pfalz - Neuburg kommen sollten. Dieser Vergleich wurde 1666 im Wesentlichen bestätigt, woraufnach dem Erlöschen der kurpfälz. Linie 240 Berg (Günth. Heinr. von) Berg (JenS Christian) >742 B. an den Kurfürsten Karl Philipp Theodor von der Sulzbachischen Linie, und nach dessen Tode 1799 nebst den andern Ländern an den Herzog Maximilian Joseph von Pfalz. Zweibrückcn kam. Vorzugsweise hatten die Verfolgungen der Protestanten unter Ludwig XlV. neue gcwerbthätige Ansiedler nach B. geführt, wo sie in der Fabrikation den Geschmack der franz. Industrie in Seide und Baumwolle, im Bleichen, in Spitzen und feinen Leinen einführten. Im I. 1806 wurde B. an Frankreich abgetreten. Napoleon bildete daraus das 300 m M. mit 909090 E. enthaltende und in die vier Departements des Rhein, der Sieg, der Ruhr und der Ems getheilte Grotzherzogthum B. für seinen Schwager Joachim Murat, der es, nach seiner Berufung auf den neapolitan. Thron, 1809 an den noch unmündigen ältesten Sohn des Königs Ludwig von Holland, Louis Napoleon, überlassen mußte, wobei sich jedoch Napoleon die Negierung des Landes vorbehielt. Ehe derselbe noch volljährig ward, besetzten B. 1813 die Verbündeten und errichteten ein provisorijches Gouvernement zur, Verwaltung desselben, worauf es 1815 durch den wiener Congreß dem Könige von Preußen zugetheilt wurde. — Unter den vielen Orten des Namens Berg ist am bemerkcnSwerthesten das würtemb. Dorf am Neckar, nordöstlich von Stuttgart, welches malerisch gelegen ist und noch die Spuren der ehemaligen >287 zerstörten Burg der Herren von Berg zeigt. Es zählt 1200 E., unterhält Baumwollenspinnerei, Türkischrothfärberei, Lederfabrikation, Münze und Kupferhammer, treibt beträchtlichen Weinbau und Handel, namentlich mit künstlichem Champagner, und hat eine starke Stahlquelle.—Im Holsteinischen versteht man unter Berg eine Hütte auf freiem Felde. Berg (Günth. Heinr. von), oldenburg. Geheimrath und Minister, geb. am 27. No» 1765 zu Schreigern bei Heilbronn, studirte von 1783—86 in Tübingen die Rechte und ging dann nach Wetzlar und Wien, um die reichsgerichtliche Praxis kennen zu lernen. Am fangs zum Nachfolger Pütter's in Güttingen bestimmt und auch 1793 zum außerordentlichen Professor der Rechte daselbst und zum Beisitzer des Spruchcollegiums ernannt, ward er im I. 1800 als Hof- und Kanzleirath und XOvacatus patriae (Consulent des Ministeriums) nach Hannover berufen, wo er bis 1810 lebte. Nach Auflösung der Justizkanzlei daselbst trat er als Regierungspräsident in fürstlich schaumburg-lippesche Dienste und wohnte als schaumburg-lippescher und waldeckscher Bevollmächtigter dem wiener Con- gresse bei, worauf er als Gesandter am deutschen Bundestage bis 1821 die 15. Stimme für Oldenburg, Anhalt und Schwarzburg führte. Nach der Abberufung von da übernahm er den Vorsitz im Obcrappcllationsgerichte zu Oldenburg und trat zugleich, zum Geheimrath ernannt, als zweites Mitglied in das Staats- und Cabinetsministerium. Erst 1830 wurde er jenes Präsidiums enthoben und widmete sich seitdem allein den letzter» Geschäften; in den I. 1833 und 1834 wohnte er den Ministerialconfercnzen in Wien bei. Seine literarische Thätigkeit war stets auf das Praktische gerichtet. Erwähnung verdienen unter seinen zahlreichen, größtentheils das Staatsrecht des Deutschen Reichs betreffenden Schriften „Das deutsche Policcirecht" (5 Bde., Hann. 1801—9) und „Abhandlungen zur Erläuterung der rheinischen Bundesactc" (Bd. 1, Hann. 1808), sowie unter seinen anonymen Schriften „Die vergleichende Schilderung der Organisation derfranz. Staatsverwaltung in Beziehung auf das Königreich Westfalen und andere deutsche Staaten" (1808) und „Über die Wiederherstellung des politischen Gleichgewichts in Europa" (1814). Berg (Jens Christian), norweg. Rechtsgelehrter und Alterthumsforscher, geb. am 23. Sept. 1775 zu Drontheim, wo sein Vater, der 1784 Wirklicher Justizrath in Christi»- nia wurde, damals angestellt war, erhielt seine Bildung auf der Kathedralschule zu Chri- stiania und seit 1792 auf der Universität zu Kopenhagen. Anfangs entschlossen, eine Anstellung an der königlichen Bibliothek zu suchen, wendete er sich, als ihm dieses mislang, der Rechtswissenschaft zu und wurde 1803 Landrichter zu Tönsberg im jarlsberger Districte. Er war Mitglied des außerordentlichen Storthings im Herbste 1814 und ganz besonders be- theiligt bei der neuen Redaction des Staatsgrundgesetzes. Hierauf wurde er bereits im No». 1814 Justitiarius oder Präsident des Stiftsobergerichts zu Aggerhuus, sodann Beisitzer des Höchstengcrichts und wiederholt mit außerordentlichen Commissionen beauftragt. Als er im Juli 1835 vom Storthing zum Suppleanten der Administration der in Christian!» bestehenden Abtheilung der norweg. Bank erwählt wurde, mußte er seine richterlichen Amts- Bergakademien Bergasse (NicolaZ) 241 geschäste aufgeben, die er aber nachher wieder übernahm, und 1837 wurde er Stadtverordneter in Christian!«, wo er seinen Aufenthalt hat. Wie er sich in allen diesen Functionen die ungetheilte Hochachtung der Nation erwarb, so hat er sich auch als Forscher im Fache der nordischen Alterthümer bewährt. Er war ein thätiger Mitarbeiter namentlich an den Zeitschriften „Saga" und „Budstikken", und geschätzt sind insbesondere seine Beiträge zu „Samlinger til det norske Sprog og Historie", einem historischen Magazin, das er zum Theil selbst redigirt. Bergakademien oder Berg schulen heißcnJnstitute, wo jungeLcute in den Bergwerks w i sse n sch a ft e n (s. d.) theoretisch und praktisch unterrichtet und zu künftigen Berg-, Hütten- und Salinenbeamten gebildet werden. Die berühmteste Bergakademie ist die zu Frciberg in Sachsen; nächst ihr sind zu erwähnen die zuParisundzuSaint-Etienne, zu Petersburg, zu Falun in Schweden, zu Schemnitz in Ungarn und zu Kielce in Polen. Bergamo, eine der neun Delegationen des Gouvernements Mailand, im lombard.- venet. Königreiche, umfaßt auf ungefähr.66 IHM. gegen 345000 E. Sie ist in ihrem nördlichen Theil sehr gebirgig und reich bewaldet, während der südliche zu der fruchtbaren lombardischen Ebene gehört. Seide- und Eisenbau sind die Hauptnahrungszweige der Bewohner, die fleißig und betriebsam, insbesondere mit Seiden-und Tuchmanufacturen sich beschäftigen, bedeutende Viehzucht und starken Handel mit Bauholz treiben. Die Bergamasker sprechen einen eigenthümlichen sehr rauhen Dialekt, wie sie denn überhaupt unter den übrigen Italienern für plump gelten und viele lächerliche Geschichten ihnen nacherzählt werden. Daher heißen auch die beiden, als stehende Rollen eingeführten Possenreißer der ital. Volkskomödie, der tölpische Arlechino oder Truffaldino und der schlaue Brighella Bergamasker. — Die Hauptstadt des Delegation, Bergamo, im Alterthume Berg amu m genannt, ist reizend auf mehren Hügeln zwischen den Flüssen Brembo und Serie gelegen. Sie ist der Sitz eines Bischofs und der Provinzialbehörden, zählt gegen 32000 E. und hat eine Maler- und Bildhauerakademie, ein Museum, ein Lyceum mit einer Bibliothek von 35000 Bänden und mehre Fabriken, besonders in Seide, Tuch und Eisen. Unter ihren 65 Kirchen und Kapellen zeichnen sich wie durch Alter und Schönheit, so auch durch die Gemälde, die sie bewah- ren, namentlich die Kirche Sta.-Maria Maggiore, die alte arianische Kirche San-Alessandro della Croce, San-Bartolomeo, San-Andrea, Sta.-Maria del Sepolcro und Sta.-Grata aus. Berühmt ist die jährlich im Aug. in der Vorstadt San-Leonardo abgehaltene Bartholomäusmesse, die bereits im 10. Jahrh. gestiftet worden sein soll. Unter dem Porticus des Justizhofes ist eine schöne Statue des Torquato Tasso aufgestellt. Bergasse (Nicolas), ein bekannter ftanz. Staatsmann und Schriftsteller, geb. 1750 in Lyon, wo er als Advocat lebte, bis er Parlamentsadvocat in Paris wurde, machte sich zuerst einen Namen in dem berühmten Proceffe Beaumar ch ai s' (s.d.) mit dem Banquier Kornmann. Beim Ausbruche der Revolution wurde er von der Stadt Lyon in die Versammlung der Reichsstände erwählt, weigerte sich aber später, den neuen Constitutionseid zu leisten und nahm im Oct. 1789seine Entlassung. Von nun an beschränkte er sich aufpublicistische Thätigkeit und verfaßte namentlich mehre Broschüren gegen die Assignate und gegen andere Maßregeln der Nationalversammlung. Ohne gerade ein Anhänger der absoluten Monarchie zu sein, näherte er sich doch mehr der Partei des Hofes. Da man am 10. Aug. 1792 in den Tuilerien mehre Memoiren von ihm, die an den König gerichtet waren, vorfand, so wurde er deshalb fcstgenommen und nur der 9. Thermidor rettete ihm das Leben. Hierauf widmete er sich ganz der Philosophie. Ein glänzender Stil und Jdeenreichthum zeichnen ihn vor andern modernen ftanz. Ideologen aus. Von seinen Schriften nennen wir „8ur NnSueoce de la vnlcmtö et s»r I'intelliFeace" (Par. 1807), „bissen sui Is loi, snr la souverainete et sur Is liberte «ie manifester ses pensees" (Par. 1817; 3. Aufl., 1822) und „Lsssi rur ls propriete" (Par. 1821). Er war einer der ersten und feurigsten Apostel der Mesmer'schen Lehre über den Magnetismus. Napoleon nannte er den größten Mann seiner Zeit. Bei der Anwejenhcit des russ. Kaisers in Paris im I. 1815 erhielt er von diesem Monarchen einen Besuch. Von Karl X. ward er am 25. Juli 1830 zum Staatsrath ernannt. Nach der Jule- revolution lebte er in großer Zurückgezogenheit und starb zu Paris am 29. Mai 1832. Co»v.-Scx. Neunte Aufl. II. 16 i! 242 Bergbau Bergbau. Versteht man unter Bergbau im Allgemeinen nicht blos das kunstgemäßr Aufsuchcn und Ausbringen mineralischer Fossilien aus dem Schoost der Erde, sondern zu- gleich auch das Zugutemachen derselben auf chemischem Wege, so setzt derselbe eine hohe Stuft der Bildung voraus. Merkwürdig ist es daher, daß wir schon im frühesten Alter- thume, bei den Völkern, deren Geschichte wir etwas kennen, sichere Spuren des Bergbaus finden, indem wir bei ihnen den mannichfachen Gebrauch verschiedener Metalle, z. B. zu Waffen, wahrnehmen. Wenn es sonach außer Zweifel ist, daß schon lange vor dem Auftreten der Römer in der Geschichte von verschiedenen Völkern Bergbau getrieben wurde, so waren jene es doch, obwol sonst kein industrielles Volk, die nicht nur in den eroberten Ländern de» schon Vorgefundenen Bergbau mit erhöhtem Eifer fortsetzten, sondern ihn auch da begannen, wo früher noch keiner getrieben worden war. Sie wendeten sich, als sie metallreichere Länder kennen lernten, von dem weniger ergiebigen Bergbau in Italien ab, und Spanien wird allgemein als das reichste und ergiebigste Land hinsichtlich des Bergbaus in der alten Römerzeit genannt. Nächstdem trieben sie auch, je nachdem sie die Länder.erobert hatten, in Maccdonien, Jllyricn, Thrazien, Asien, Griechenland, Gallien, Cypern, Ägypten, Noricum, Dacien, Dalmatien, Pannonien, Mösien und Britannien Bergbau. Obschon sich indeß bei ihnen ein eigentliches Bergregal nicht ausgebildet hat, so wurde der Bergbau doch in beson- derm Interesse des Staats getrieben. Später eigneten sich die Kaiser einen großen Thcil der Bergwerke zu; jedoch auch die Privaten trieben Bergbau; doch waren ihnen verschiedene Abgaben zum Besten des Staats aufcrlegt. In Deutschland haben die Römer den Bergbau mit wenig Glück versucht, und Tacitus berichtet: Ob die gütigen oder erzürnten Götter den Deutschen edle Metalle verweigert hätten, lasse er unentschieden; wer aber, fügt er hinzu, sucht auch dort darnach. Man sieht auch hieraus, wie der Römer bei jedem neu eroberten Lande sofort sein Augenmerk auf dessen Bergbau richtete. Die Geschichte des Bergbaus ist wie in den verschiedenen Ländern, so auch in Deutschland noch vielfach im Dunkeln, namentlich ist sie in Märchen aller Art eingekleidct, und ebenso das Streben sichtbar, dem Bergbau ein Alter beizulegen, welches ihm nicht zukommt. Wenn auch in einigen Capitularien Karl des Großen Eistngruben erwähnt werden, so folgt daraus noch gar nicht, daß man damals schon in Deutschland Bergbau getrieben habe, denn die Domainen, auf denen sich jene Eisengruben befanden, können ja auch in andern Theilen der Monarchie dieses Kaisers gelegen haben. Von dem Bergbau in Böhmen behauptet man zwar oft, daß er schon im 7. Jahrh. vorkomme, allein neuere Forschungen ergeben, daß er sich urkundlich nicht über das I r. Jahrh. hinauf erstrecke. Im eigentlichen Deutschland bleiben daher die ältesten, bedeutenden Bergwerke die am Harz bei Goslar, deren Aufkommen wenn nicht schon zur Zeit Heinrich's l., doch unter Otto dem Großen etwa S68 urkundlich feststeht. Nächst diesen verdient der Bergbau im Meißnischen unter Markgraf Otto um H68 besonderer Erwähnung auch insofern, als er unleugbar die Cultvr eines ganzen Landstriches, des sächsischen Erzgebirges, vermittelt hat, indem namentlich die meisten wichtiger» Städte daselbst ihm lediglich ihre Entstehung verdanken. Es würde hier zu weit führen, auch nur von Deutschland über alle die einzelnen Bergwerke und ihre Geschichte etwas zu sagen, bekannt ist cs aber, daß in den meisten Ländern und Provinzen, insofern ihre Lage nicht den Niederungen Deutschlands angehört, Bergbau betrieben wird, oder wenigstens betrieben worden ist, denn allerdings hat er an vielen Orten aufgehört, an denen er ftüher versucht wurde, ja selbst ergiebig war. In England findet sich kein Bergregal und ebenso, wenigstens dem Worte nach, in Frankreich seit der Revolution. Dagegen hat die deutsche Bergwerksverfaffung auf den wichtigen Bergbau in Schweden und Norwegen mehrfachen Einfluß geübt. Der Bergbau im ruff. Reich wird in neuerer Zeit immer bedeutender, kann aber hinsichtlich des Alters mit dem der früher gedachten Länder nicht wetteifern. Nächst der Geschichte des Bergbaus kommt dessen Werth in nationalökonomisthcr und staatswirthschaftlicher Hinsicht in Betracht. Die Römer schätzten den Bergbau sehr hoch, und so wird es bei allen Völkern der Fall sein, die das Bedürfniß nach seinen Erzeugnissen fühlen. Es kann der Bergbau auch, wie es wirklich geschehen ist, überschätzt werden, indem man sich falsche Vorstellungen von dem Werthe namentlich der cdeln Metalle macht und meint, ein Land sei geradezu um so viel reicher geworden, als jährlich aus der Erde an unterir- Berge 243 bischen Schätzen herausgeschafft wurde, wobei man den deshalb nöthigen Kostenaufwand nicht in Anschlag bringt. Auch in Deutschland wurde der Bergbau seit seinem Aufkommen als ein edles Kleinod besonders von den Fürsten bezeichnet, weshalb denn auch für keinen Zweig der Industrie früher von ihnen so viel geschehen ist, als für den Bergbau. Dagegen haben sich in neuester Zeit mehrfach die Stimmen der Nationalökonomen erhoben und dem Bergbau seine aus alter Zeit her zugestandene Bedeutung streitig zu machen gesucht. Hier- bei mögen sie insoweit recht haben, als der Bergbau früher überschätzt wurde, als es jetzt an der Zeit ist, Begünstigungen auch andern industriellen Unternehmungen zuflicßen zu lassen, da diese oft einträglicher geworden sind, als der Bergbau es in vielen Ländern ist, indem der Reinertrag desselben in manchen Gegenden allerdings nicht bedeutend erscheint. Unrecht ist es aber, die Erzeugnisse desselben, im Verhältniß zum Landbau u. s. w., tief zu stellen, da doch Eisen, Kohlen u. s. w. fast ebenso unentbehrlich geworden sind als jene. Die Unzuverlässigkeit des Bergbaus ist da, wo er ordnungsmäßig getrieben wird, keineswegs so groß, als man glauben machen möchte. Übrigens hat sich kein anderer Zweig der Industrie so lange gehalten als der Bergbau, und bei dem Fabrikwesen ist diese Unzuverlässigkeit noch weit auffallender. Hat man endlich gar auf die Lage der Bergleute hingewiesen, um den Bergbau zu verdächtigen, so setzt dies geradezu Unkenntniß des Bergwesens voraus. Vor Allem mögen die Gegner des Bergbaus erst den vielen Tausenden, die sich unmittelbar oder mittelbar, und zwar meist in Gegenden, die wenig andere Erwerbszwcige darbieten, von demselben nähren, andere Wege des Fortkommens Nachweisen, ehe sie das Aufhören des Bergbaus für rathsam hinstellen. Berge nennt man im Allgemeinen die beträchtlichen Erhebungen des Bodens, gleichviel ob sic allein stehend aus einer tiefer liegenden Gegend emporragen oder die einzelnen und dabei oft höchsten Theile eines Gcbirgs bilden. Die H 5 henbestimmungen der Bergt geben entweder den senkrechten Abstand des höchsten Punktes vom allgemeinen Meershorizont an und heißen alsdann absolut oder wirklich, oder sie drücken den kürzesten Abstand des höchsten Punktes über einer andern Grundfläche, z. B. der umgebenden Ebene, des nächsten Flußspiegels u. s. w. aus und sind alsdann relativ oder bedingt. Die Höhenmessungcn geschehen entweder auf trigonometrischem Wege oder mittels des Barometers und gewöhnlich nach Toiscn- oder Fußmaße. In wissenschaftlichem Interesse hat man festgestcllt, daß Bodenerhebungen, relativ betrachtet, bis zu 300 F. noch Hügel, bis zu 1000 F. Berge genannt werden und daß die systematische Gesammtheit mehrer Erhebungen (Berge) von mehr als 1000 F. ein Gebirge heißt. Der Sprachgebrauch und die relative Anschauung beachten jedoch solche Grenzen nicht; denn was z. B. in den Augen eines Bewohners der norddeutschen oder holländ. Flachländer ein Berg ist, das würde vielleicht dem Alpener kaum als ein bemerkcnswerther Hügel erscheinen. So mannichfach auch die Gestalt der Berge ist, so treten doch mehr oder weniger deutlich drei Theile hervor, deren Form und gegenseitige Zusammenstellung charakteristisch ist, nämlich der Fuß oder der untere Theil, mit dem der Berg seine markirte Überhöhung der Grundfläche beginnt, der Scheitel oder der höchste Theil und endlich der Rumpf, der zwischen beiden liegende mittlere Theil, und dessen Außenseite, die Neigungs- oder Böschungsfläche. Schon eine allgemeine Betrachtung der Bergformen läßt ihre große Abhängigkeit von der sie zusammensetzenden Gebirgsart und den örtlichen Verhältnissen ihrer Entstehung erkennen, und es sind daher zu einem charakteristischen Auffassen der Sätze der Terrainlehre geognostische und geologische Anführungen ganz unentbehrlich. Bei einer etwas nähern Betrachtung der äußern Bergform drängen sich hauptsächlich folgende Bemerkungen auf. Der Fuß eines Bergs ist je nach den Bildungs- und immerfort bildenden Umständen mehr oder weniger deutlich markirt, d. h. es beginnt die Masscncrhebung schroff oder allmälig, wonach sich denn auch der äußere Umriß der Berggrundfläche schärfer oder schwächer dem Auge darstellt. Häufig, und besonders verschieden je nach der Auflöslichkeit des Gesteins, wird der eigentliche Fuß eines Bergs noch mit Anhöhen umlagert sein, welche entstanden sind durch allmälige Abspülungen von der Bergmaffe, herabfallendes Gerölle, durch das Herabstürzen einzelner Theile, isolirte Anhäufungen vor ausgewühlten Schluchten oder, wie bei Vulkanen, ducck ausgeworfene und herabströmende Plutonische -.v -V 244 Berge Massen. Der Obertheil oder Scheitel eines Bergs kann im Allgemeinen flach, erhaben oder eingesenkt sein. Die Linie, welche seinen Umriß bestimmt und an den Rumpf stößt, heißt der Saum, welcher freilich nicht immer gleich scharf und bei spitz znlaufenden Bergen gar nicht markirt ist. Die spcciellcre Gestaltung eines Bergscheitels ist besonders charakteristisch für seine innere und äußere Beschaffenheit und bedingt in der Terrainlehre die wissenschaftliche Eintheilung der Berge und auch häufig ihre Eigcnbenennung. Ein flacher Obertheil heißt im Allgemeinen Platte, doch nennt man bei deren fast horizontaler und sehr verbreiteten Ausdehnung den betreffenden Berg einen Tafelberg und bei größerer Neigung derselben, , einen Lehnberg. Ist der Obertheil sanft gewölbt, so nennt man den Berg Kuppe, Kopf, Koppe, Welch oder Ballon, bei schärferer Wölbung Gipfel, bei allmäligzu- laufender Spitze Kegel oder Kulm, bei scharf markirter Spitze Spitzberg, Zahn, Nadel, Thurm oder Pik, und wenn die Spitze scharf abgestumpft ist, Hutberg, Dach oder Krone. Ist die Oberfläche zu einer Vertiefung der Krone eingesenkt, so nennt man dcn Berg einen Kraterberg, und er ist alsdann entweder ein noch thätiger Vulkan oda, mit seltenen Ausnahmen, dereinst ein solcher gewesen, und die Kratervertiefung meist mit Wasser gefüllt. Diese vorstehenden Benennungen beziehen sich aber nur auf solche Erhebun- gen, welche nach allen Seiten ziemlich gleiche Ausdehnung haben; andere treten ein bei dm mehr in die Länge gestreckten. Dieselben bilden Plateaus oder Hochebenen, wenn sie eben und wenig geneigt find, Forstberge, wenn sie in scharfen Kämmen und Schneide n zusammenlaufen, und R ü ck e n, wenn sie eine flachgewölbte Oberfläche haben. Die mit der Wasserscheide zusammenfallende Forst- oder Rückenlinie bildet bald bauchige, convexe, bald hohle, concave, Formen und trägt alsdann ein wellenförmiges Ansehen, oder sie ist durch rieft und steile Riffe und Spalten kämm-oder sägeartig ausgezackt, wo dann die cmporragm- den Zacken Firste, Hörner, Nasen oder Zähne heißen. Im Übrigen ist die Benm- nung der Berge nach den verschiedenen Formen ihrer Obertheile noch äußerst mannichfach. Die Oberfläche des Rumpfes, mag derselbe nun freier oder verbundener mit an- ^ dern Erhebungen, mehr oder weniger regelmäßig gestaltet sein, ist entweder stetig, d. h. gleichförmig abgedacht, gewölbt, d. h. flach oder stark ausgebogen, hohl, also mehr oder weniger eingebogen, oder unterbrochen, wenn kleine Plateaus mit stärkern Neigungen wechseln und solchergestalt Absätze, Stufen oder Terrassen bilden. Selten wird man in größer« Ausdehnungen stetige Böschungsflächen antreffen; vielmehr erzeugen entweder hebende und sprengende unterirdische Gewalten oder Wasserspülungszerstörungen von außen, jedes für sich oder beides vereint, eine große Mannichfaltigkeit der plastischen Formen. Die Vertiefungen erscheinen als Thäler, Schluchten, Spalten, Klüfte oder Risse, als Kessel oder Mulden und die zwischenliegenden und begrenzenden Erhöhungen als Grathe, Vorsprünge, Kanten, Wände, Überhänge, Klippenu.s.w. Der Winkel, unter welchem die Böschungsfläche zu einer Horizontalebene steht, heißt die Abdachung, die Neigung oder der Abfall des Bergs, und wird ebenfalls durch das allgemeine Winkelmaß des Grades bestimmt. Die einfachste Beurthcilung der Neigung der Bergflächen bietet eine Seitenansicht oder das Profil des Bergs, welches eine Verzeichnung derjenigen Umrisse darstellt, wie sie sich auf einer senkrechten Durchschnittsebene zeigen würden. DaS Messen der Abdachungswinkel geschieht entweder unmittelbar durch Winkelinstrumente oder durch Nivellements, deren Aufgabe darin besteht, zu finden, um wie viel ein Punkt des Terrains den andern überhöht oder, was Dasselbe sagt, um wie viel ein Punkt näher dem Erdmittelpunkt liegt als ein anderer. Aus der Kenntniß der horizontalen Abstände verschiedener Punkte und deren gegenseitigem Höhcnverhältniß ergibt sich nun die Neigung oder - Steigung der verbindenden Flächen von selbst Die Neigungswinkel sind sehr verschieden » jedoch kann man annehmen, daß die sanftern Böschungen viel häufiger Vorkommen, als die schroffer«, schon um deswillen, weil der natürliche Fallwinkel der lockern Erbmassen nie stärker als <15° ist, weshalb man auch alle schwächern Gradationen Erdböschungen und alle stcilern Felsböschungen nennt. Die verschiedenen Neigungen der Terrainflächcn üben auf j ihre Gangbarkeit einen so wesentlichen Einfluß, daß man sich für einzelne Zwecke schon in dm frühesten Zeiten zu einer strengen Würdigung derselben veranlaßt sah. Von größter Wich ! tigkrit sind sie namentlich in Rücksicht der baulicken und militairischen Nutzbarkeit des Tcr- Bergeigenthum Bergen 245 raln-. Die Nothwendigkeit möglichster Verm idung starker Neigungen bei Kanal-, Wasserleitung-- und Wegebauten machte schon im Alterthum die genauesten Untersuchungen der Terrainabdachungen nöthig; zum höchsten Grade aber steigerten sich diese Anfdderungen in der neuesten Zeit durch die Eisenbahncommunicationen. Indessen bedarf cs bei solchen Untersuchungen wenig mehr, als der Kenntnis einzelner Linien für die betreffenden Züge, und die einfachen Prosilirungen einzelner Directionen befriedigen das Bedürfnis Anders ist es bei Betrachtung der Terrainnutzbarkeit für militairische Zwecke. Diese erfodern zur Beur- theilung der Gangbarkeit, der Deckung und des Einflusses auf die Wirkung der Waffen die genaueste Kenntnis nach allen Seiten hin, gleichsam so viclerProfile, als nur zu denken sind. Die Untersuchungen beschränken sich hier also nicht blos auf einzelne Linien, sondern auf ganze Flächen, was denn auch auf die möglichst vollkommene Darstellung in getreuen Karten- bildern durch die Mittel der Situationszeichenkunst (s. d.) geführt hat. Seitdem die Art der Kriegführung sich immer mehr in den Schutz der Theorie begeben hat und endlich eine sogenannte Kriegskunst entstanden ist, sind auch deren Hülfsmittel immer mehr vervollkommnet worden, wohin denn vorzugsweise auch die Darstellung der Bodenunebcnheiten auf einer ebenen Fläche gehört. Der sächs Major Lehmann (s. d.) ist in neuerer Zeit der Schöpfer einer Bergzeichenmanier geworden, wie sie dem Modell am nächsten steht, um der Phantasie das wahre Naturbild zu versinnlichen. Hiermit sind die veralteten Bergzeichnungen auf den Kgrten, wie sie einseitig beleuchtete Berzhausen oder auf den Wasserscheidelinien raupenartig ineinander verschlungene Züge zeigten, immer mehr verdrängt worden und auch für die horizontalen Dimensionen der Berge richtige Begriffe aufgetaucht. In Zusammenstellung der einzelnen Erhebungen unterscheidet man je nach der Ausdehnung, Längcnrichtung oder den mehr gleichmäßigen Entfernungen von einem Mittlern Punkte, Bergreihen, Bergzüge und Bergketten vonBerggruppen, Berghaufen und Berg Massen. Die Lehre von den äußern Beziehungen der Bergformen heiße Orographie, die Verhältnisse der innern Beschaffenheit weist die Geognosie (s. d.) nach und über die Entstehung und Bildung der Berge belehrt die Geologie. Wie man nun überhaupt jede Erhabenheit irgend eines Stoffes Berg nennt, sobald man ch're bedeutendere Hervorragung über einer anliegenden Fläche bezeichnen will, und demnach von Eisbergen oder Torrossen in den Polargewässern, von Eisbergen oder Gletschern in den Hochgebirgen, selbst von Wasserbergen, als von hoch aufgethürintenWellen, spricht, so bezeichnet man auch die Erhabenheiten anderer Weltkörper als Berge, wie z. B. auf dem Monde (s. d.). Als die höchsten Berge der Erde sind bis jetzt bekannt der Dhawalagiri auf dem Himalaya in Asien, 26500 F. hoch, der Nevado-de-Sorata auf den Randketten des Hochlandes vonPcru in Amerika, 23600 F. hoch, und in Europa der Montblanc, 14700 F. hoch, während man in Afrika die über 14000 F. ansteigenden höchsten Gipfel in Abyssinien vermuthet. Bergeigenthum oder Bergwerkseigenthum. Das Bergeigenthum ist allerdings ein in Folge der Bergwcrksverfaffung eigenthümlich beschränktes, aber doch kein ge- theiltes Eigenthum, wie Manche annehmen. Gegenstand desselben ist zunächst die verliehene Lagerstätte, sodann aber auch alles Das, was ein Bergwerkseigenthümcr als Zubehör erworben hat, wie zum Bergbau erfoderliche Grundstücke, Tagegebäude, Wässer, Vorräthc u.s. w. Die ursprüngliche Erwerbung des Bergeigenthums setzt verschiedene Handlungen voraus. Zunächst muß mit Erlaubniß des Bergamts geschürft, d. h. nach regalen Fossilien gesucht werden, was die Grundeigenthümcr gestatten müssen. Ist sodann eine regale Fossilien enthaltende Lagerstätte gefunden, so wird von dem Finder bei dem Bergamte Muthung eingelegt, d. h. um die Verleihung des Bergwerkseigenthums innerhalb der gesetzlichen Grenzen nachgesucht. Nach erfolgter Untersuchung der Sache von Seilen der Bergbehörden wird endlich, insofern die gefundene Lagerstätte noch im Dergfteien liegt, dem Muther das Bergeigenthum unter der Bedingung, den berggesctzlichen Vorschriften nachzukommen, ver- liehen, bas indeß besondern in den Berggesetzen angegebenen Verlustarten unterworfen ist. Bergen heißt in der Seemannssprache in Sicherheit bringen und ist auch in die Sprache des gemeinen Lebens übergegangen. Man gebraucht dieses Wortsowol vom Einziehcn der Segel, als von demSchiff« selbst, welches in Sicherheit gebracht ist, und von den Gütern gescheiterter und gestrandeter Schiffe, welche gerettet und für den Eigenthümer aufbewahrt 246 Bergen Bergen op Zoom werden. Unter Bergelohn oder Bergegeld versteht man die Belohnung oder Entschädigung Derjenigen, durch deren Bemühungen Schiffe oder Maaren aus der See, den Hän- den der Seeräuber oder denen der Feinde gerettet werden. Das Geeignete einer solchen Belohnung ist sehr einleuchtend, daher schon die ältesten Gesetze, z. B. die von Rhodus, Oleron und Wisby sie zugestanden haben, was auch gegenwärtig noch die Seemächte thun. Der Berger hat ein Retentionsrecht auf die geborgenen Gegenstände, biserein angemessenes Bergegeld erhalten hat, und es wird solches sowol bei Verlusten zur See wie bei der Wieder- nähme von Schiffen gewährt. In England bestimmt der Admiralitätshof das Verhältnis des Bergegeldes, je nach der bestandenen Gefahr, der Größe der Arbeit und der Thätigkeit der Bergenden, und nach dem Werthe des Schiffs und der Ladung. Es wird daher oft die Hälfte, oft aber auch nur ein Zehntel des Geretteten den Bergenden zugesprochen. Die Besatzung des Schiffs ist zu keinem Bergegeld berechtigt, da es ihre Schuldigkeit ist, bei solchen Fällen zu retten, was gerettet werden kann. Auch Passagiere haben keinen Anspruch auf Bergelohn bei gewöhnlichem Beistände, weil sie das Schiff im Augenblicke der Gefahr verlassen können, wenn sich ihnen eine Möglichkeit darbietet; nur bei außerordentlichen Diensten sind sie zu einer verhältnißmäßigen Belohnung berechtigt. Das Bergegeld bei Wieder- nahme eines Schiffs beträgt in England ein Achtel des wahren Werthes desselben und seiner Ladung, wenn sie von einem königlichen Kriegsschiffe bewerkstelligt wird; ein Sechstel, wenn ein engl. Kaper oder sonst ein engl. Schiff es wieder nimmt; ist aber das Schiff vom Feinde zu einem Kriegsschiff ausgerüstet worden, so ist es dem Wiedernehmer ganz verfallen. Berge«, die Hauptstadt des gleichnamigen Stifts und die volkreichste Stadt des Königreichs Norwegen, liegt am Ende des Meerbusens Waag, der tief in das Land hinein- geht und einen sehr guten, rings mit hohen und steilen Felsen umgebenen Hasen bildet. Landeinwärts lehnt sie sich an sieben Berge, welche sich im Halbkreise um ihre Mauern erheben. Auf der Seescite ist sie durch die alte Feste Bergen, die Citadelle Frederiksberg und mehre Batterien gedeckt. Die Stadt ist im Ganzen wohlgebaut, doch sind die Straßen zum Theil eng, krumm und uneben, und die meisten Häuser nur von Holz, nach der eigenthümliche» vorweg. Bauart. Sie besteht aus drei Thcilen, der eigentlichen Stadt, dem Sandvigen und Nosted, und hat nur zwei Thore, gegen 2800 Häuser, sechs öffentliche Plätze, ein königliches Schloß und vier Kirchen. Die Zahl der Einwohner beläuft sich auf 27000. Sie ist der Sitz eines Bischofs und der Stiftsbehörden und hat eine Kathedralschule, vier Trivial- und mehre andere Schulen, eine Seefahrerschule, ein Nationalmuseum für Kunst, Alterthum und Naturerzeugniffe, ein Schauspielhaus, ein Hospital und mehre andere wohlthätige Anstalten. Zur klimatischen Eigenthümlichkeit nicht allein der Stadt B., sondern der ganzen westlichen Küste des Stifts gehört die so vorherrschende, oceanische und demnach durch eine außerordentliche Regenmenge mildernde Natur, daß Heller Sonnenschein zur be- merkenswerthen Seltenheit gerechnet werden muß. In B. vertauschen die Bewohner der nördlichem Küste ihre Produkte, wie Breter, Masten, Latten, Brennholz, Theer, Thran, Häute u. s. w., vornehmlich aber getrocknete Fische, gegen Getreide und andere Lebensbedürfnisse, welche Dänen, Engländer, Niederländer und Deutsche dahin bringen. Mit einer ansehnlichen Zahl eigener Schiffe treibt B. ziemlich lebhaften Handel. So führte es im Z. 1833 über 470000 Tonnen Heringe, 300000 Ctr. Stockfische und 70000 Fässer Rogen aus. Im I. 1445 legten daselbst die deutschen Hansestädte eine Factorei und Waarenhäustr an; auch genossen eine Zeit lang die sogenannten deutschen Handwerker in B- des Schutzes der Hanse. Aus jener Zeit stammen noch die Deutsche Kirche, die einzige in Norwegen, das Deutsche Armenhaus und daö Deutsche Comptoir, das aus etwa 60 Waarenspcichern bestand, welche jetzt Eigenthum der Bürger geworden sind und alsWaarenlagcr benutzt werden. Die Straßen von B. in- Innere pflegen nur im Winter mit Schlitten befahren zu werden. Bergen op Zoom, eine starke Festung in der niederländ. Provinz Nordbrabant, an der Ausmündung des jetzt kaum noch kennbaren Flüßchens Zoom in die Ostscheldc, mit welcher die Stadt durch einen Hafen in Verbindung steht, zählt 7500 E , die viele ausgezeichnet feine Töpferwaaren liefern und vorzüglich Anjovis ausführen, die in der Schelde gefangen werden, und hat ein altes Schloß, drei Kirchen und eine Zcichenakadcmie. Es war früher ein Marquisat, das von der Statthalterin Margaretha von Parma eingezogen Bergen Berger (Ludw. von) 247 wurde. Im 1.1576 trat es der Vereinigung der Niederländer bei, und nachdem im folgen- den Jahre die span. Besatzung vertrieben worden war, ward es mit Festungswerken versehen. Zur großem Sicherheit wurde 1628 auf der Südseite ein verschanztes Lager angelegt und mittels dreier Forts eine Verbindung mit den östlich gelegenen Steenbergen hergestellt. Noch stärker ward es 1688 und 1727 befestigt, wodurch es fast eine unangreifbare Stellung erhielt. Die Wichtigkeit des Orts reizte während des großen niederländ. Kriegs die Spanier zu wiederholten Unternehmungen, sich von neuem in den Besitz desselben zu sehen. Schon 1581 hatten sie eine Überrumpelung so gut eingeleitet, daß, ehe die Einwohner es bemerkten, 400 Soldaten mitten in der Stadt waren; doch wurden sie mit großem Verlust wieder Herausgetrieben. Freiwillig öffnete es 1583 dem Herzoge von Alencon die Thore, der als Freund der Niederländer, B. nebst andern flandrischen Städten für Frankreich in einstweiligen Besitz nahm.. Vergebens belagerte cs 1588 der Prinz von Parma. Ein vom Erzherzog Albert von Ostreich im Z. 1597 beabsichtigter Überfall kam wegen der Wachsamkeit der Niederländer nicht zur Ausführung. Auch drei Überfälle der Spanier im März, Aug. und Sept. 16V5 mislangen; ebenso wenig gelang die von dem umsichtigen und tapfern Marchese Spinola 1622 unternommene Belagerung, die, nach 78 Tagen und einem Verluste von fast 1VV0V M. in Folge der Ankunft des Prinzen Moritz von Oranien aufgegeben werden mußte. Glücklicher waren die Franzosen in der Belagerung von 1747, wo der Graf von Löwendal nach einer zweimonatlichen Belagerung durch eine Art Überfall sich der Stadt bemächtigte, nachdem 41 Minen von den Angreifenden und 38 von den Belagerten gesprengt worden waren; doch wurde dieselbe im Frieden mit den Niederlanden wieder zurückgegeben. Zm Winter 1795 wurde B. ohne Vertheidigung durch Capitulation von Pichcgru genommen. Seit 1810 Frankreich einverlcibt, ward es 1814 von den Engländern blockirt, und in der Nacht zum 9. März von ungefähr 4000 M. unter dem General Goore ein Überfall versucht, den aber die beispiellose Tapferkeit der franz. Besatzung vereitelte. Erst nach dem Frieden von Paris ward es übergeben. Bergen, der Hauptort der preuß. Insel Rügen (s. d.), der Sitz des Kreisgerichts, liegt in der Mitte der Insel an einem Hügel, welcher Rugardhügel genannt wird, und hat 2800 E., welche Ackerbau und Tuchweberei werben und Brennereien unterhalten; auch bestehen daselbst ein adeliges Fräuleinstift und ein Landeslazareth. Die Veranlassung zum Anbau des Ortes gab das hier 1193 gestiftete Nonnenkloster und erst 1613 erhielt derselbe vom Herzoge Philipp Julius von Pommern das Stadtrecht. Bergen in der kurhcff. Provinz Hanau, der Sitz des gleichnamigen Amts, hat etwa 1600 E-, welche Acker-, Obst- und Weinbau treiben. In der Nähe liegt dieBerger W arte, von welcher man eine schöne Aussicht genießt. Im Siebenjährigen Kriege fiel hier am 13. Apr. 1759 die Schlacht zwischen den Verbündeten unter dem Herzoge Ferdinand von Braunschweig und den Franzosen unter dem Marschall von Broglio vor, in welcher die letzter» den Sieg davon trugen. Bergen, ein Dorf im Bezirk Alkmaar der niederländ. Provinz Nordholland, erhielt einen historischen Namen durch das Gefecht, welches hier nach der Landung der cngl.-russ. Armee unter dem Herzog von Uork am 19. Sept. 1799 zwischen dem ruff. General Herrmann und einer Abthcilung der franz.-holländ. Armee unter dem franz. General Brune vor- ficl. Der Sieg des Letztem, wobei der General Herrmann gefangen wurde, hatte die Kapitulation von Alkmaar am 10. Oct. zur Folge, worauf die cngl.-russ. Armee die damalige Batavische Republik räumte. Bergen oder Kloster-Bergen (s. d.). Bergen, so viel wie Mo ns (s. d.). Berger (Ludw. von), herzoglich Oldenburg. Kanzleirath, ein Opfer der Krcmdhcrr schaft in Deutschland im I. 1813, war 1768 zu Oldenburg geboren, wo sein Vater an der Spitze der Regierungskanzlci stand. Er studirtc in Göttingcn die Rechte, Geschichte und Politik, prakticirte dann in Eutin und nachher in seiner Vaterstadt, wo er bald eine Anstellung fand. Als 1813 die Russen sich näherten und die Bewohner in Hoffnung aufDcutsch- lands baldige Befreiung von dem franz. Joche zu den Waffen griffen, sodaß die franz. Behörde zu flüchten sich gcnöthigt sah, wurden B. und Fink zu Beisitzern der Commission er- -r.Ä 5 ',. .1 r - -I f.. >7 248 Berger (Ludw.) Berghaus nannt, die sie zuvor noch cinsehten. Als solche nachher vor das Kriegsgericht in Bremen unter dem Vorsitze Vandamme's gezogen, wurden Beide, obschon der Ankläger nur auf Ge- fängniß antrug, zum Tode verurtheilt und am 10. Apr. 18l3 erschossen. Ihre irdischen Überreste ließ der Herzog von Oldenburg nach der Rückkehr in sein Land in der herzoglichen Gruft beisetzen. Vgl. Eildemeister, „Fink's und B.'s Ermordung" (Brem. >814). Berger (Ludw.), gleich ausgezeichnet als Componist, Virtuos und Lehrer, geb. an, 18. Apr?I777 zu Berlin, wo sein Vater Architekt war, gest. daselbst am 16. Febr. 1839, studirte unter des Kapellmeisters Gürrlich Leitung in Berlin die Composition, ging dann 1801 nach Dresden, kehrte aber 1864 nach Berlin zurück, wo er nun Clementi's Schüler wurde, der, sein Talent erkennend, ihn 1865 zu einer gemeinsamen Reise nach Petersburg veranlaßt. Hier zeichnete sich B. neben Field und Steibelt besonders als Virtuos auf dem Pianoforte aus. Er verheirathete sich daselbst, verlor aber die Gattin im ersten Wochenbette, und bald darauf das Kind, was auf seine Gemüthsstimmung und sein künstlerisches Wirken nicht ohne nachtheiligen Einfluß blieb. Um dem allgemeinen Fremdenhaß zu entgehen, verließ er 1812 Rußland in der Maske eines Courriers und ging über Stockholm nach London, wo er Unterricht gab und neben Ferd. Ries sich geltend machte. Im I. 1815 kehrte er nach Berlin zurück, wo er nun, da eine Schwäche des rechten Armes und Hypochondrie ihn an öffentlichen Vorträgen hinderten, als Lehrer bis zu seinem Tode wirkte. Zu seinen Schülern gehören Felix Mendclssohn-Bartholdy und Wilh. Taubert. Gedruckt erschienen von seinen Compositionen, außer einigen kleinern Sachen, vier Sonaten, eine Fuge mit Präludium, eine Toccatc, einige Rondos und Variationenhefte, mehre Hefte Etüden, die, obschon der Technik keine neuen Bahnen erschließend, doch ganz vortrefflich sind, und einige Liedercompositionen, von denen „Die schöne Müllerin" die meiste Verbreitung gewann. In seinem Nachlasse fanden sich Cantaten, Symphonien und Opern; doch sind daraus bis setzt nur einige Gesangcompositionen erschienen. Hat B. als Virtuos allgemeine Anerkennung gefunden, so steht er doch noch höher durch seine productive Kraft als Componist; dennoch hat er bis jetzt nicht die Anerkennung gefunden, die ihm eigentlich gebührt. Bergörac, die Hauptstadt des gleichnamigen Bezirks im franz. Departement Dor- dogne, mit 9300 E., am rechten Ufer der Dordogne, besteht eigentlich aus zwei Städten, St.-Martin de Bergerac und Madelaine, und ist ziemlich schlecht gebaut. Die Einwohner unterhalten Baumwoll- und Wollmanufacturen, Strumpfwirkereien, Eisenwerke, eine Papiermühle, eine Salpetersicderei, mehre Kupferhämmer und Branntweinbrennereien. Sic treiben Handel namentlich mit Getreide, Wein, Branntwein und Kupferwaaren, auch ist B. der Sitz eines Handelsgerichts. — Der sogenannte Berg er acw ein, häufig auch Petit-Champagne genannt, wird im Departement Dordogne an den beiden Ufern dieses Flusses und an denen der Gironde gebaut, ist weiß oder roth von Farbe, meist sehr lieblich und nimmt unter den Garonne- oder Bordeauxweinen einen hohen Rang ein. Berghaus (Heim.), Professor an der kön. Bauakademie zu Berlin, geb.am 3. Mai >797 zu Kleve, hat sich den allgemein anerkannten Ruf eines der thätigsten Förderer der geographischen Wissenschaften erworben. Nachdem er in Münster, Marburg und kurze Zeit in Berlin Schulbildung erhalten, fand er I8II als Conducteur beim kais. Corps für de» Brücken- und Straßenbau im damaligen Lippedepartement, mehrfache Gelegenheit zur Befestigung seiner geodätischen Kenntnisse. Nach der Auflösung des Königreichs Westfalen trat er als Freiwilliger in die Armeeverwaltung des daselbst zusammengezogenen Corps und kam im Feldzuge von 1815 mit dem Corps des General Tauenzien bis in die Bretagne, welche Gelegenheit er zu so lehrreicher Auffassung der Bodenplastik Frankreichs benutzte, daß die von ihm 1824 herausgcgebcne Karte von Frankreich mit Recht eine der naturgetreuesten und besten Darstellungen der oro - hydrographischen Verhältnisse jenes Landes genannt werden muß. Nach der Rückkehr aus Frankreich beschäftigten ihn thcils kartographische Arbeiten in Weimar, theils Wanderungen, Aufnahmen und Höhenmessungen in Thüringen und Franken, deren Resultate bereits vielfältig veröffentlicht sind. Im 3- 1816 erhielt er als Ingenieur-Geograph eine Anstellung im zweiten Departement des Kriegsministeriums zu Berlin; auch war er von da an bis zu seiner Anstellung an der Bauakademie iin I. 1821 bei der großen trigonometrischen Landesvermessung des preuß. Berghem Berggießhübel 249 Staats beschäftigt. Schon während dieser Zeit nahm er an mehren großen kartographischen Arbeiten mit ausgezeichnetem Erfolge Theil, wie z. B. an der Weiland'schen Karte der Niederlande und an der großen Neymann'schen Karte von Deutschland. Hierauf wurde er 1824 Professor der angewandten Mathematik an der gedachten Akademie und erhielt 183V die Erlaubniß, in Potsdam seinen Wohnsitz zu nehmen. Seine Productivität sowol im kartographischen wie im literarischen Gebiete ist außerordentlich. Unter den kartographischen Werken heben wir hervor die schätzbare Karte von Afrika (Stuttg. 1825), den auf 18 Blatt berechneten, äußerst genauen Atlas von Asien (Bl. 1—15, Gotha 1833—43), den aufvv Blatt berechneten „Physikalischen Atlas" (Bl. 1 — 48, Gotha 1837 — 43), vielleicht sein großartigstes und verdienstvollstes Kartenwerk, und die „Sammlung hydrographisch-physikalischer Karten der preuß. Seefahrer" (Lief. 1,Berl. I84V). Dieses neueste größere Kartenwerk ist ein Product der 1836 von B. in Potsdam gegründeten geographischen Kunstschule, durch welche er beabsichtigt, besonders angehenden geographischen Kupferstechern eine auf ihr Fach hinzielende Vorbildung zu geben. Außerdem hat sich B. auch noch bei andern kartographischen Arbeiten, wie z. B. für den Stieler'schen Handatlas, vielfach betheiligt. Als Schriftsteller steht er weit hinter dem Kartographen zurück; am glücklichsten ist er noch in journalistischen Arbeiten. Im Verein mit Hoffmann gab er 1825—2S die „Hertha" heraus, die viele sehr schätzenswerthe Abhandlungen enthält; in ihrer Fortsetzung aber, den „Annalen der Erd-, Völker- und Staatenkunde", unter B.'s alleiniger Redaction an Originalität sehr verloren hat. Von seinen übrigen Schriften erwähnen wir noch den „Almanach den Freunden der Erdkunde gewidmet" (5 Jahrg., Gotha 1837— 41), die noch immer nicht beendete „Allgemeine Länder- und Völkerkunde" (Bd. I—5, Lief. 3, Stuttg. 1837 — 41) und den „Grundriß der Geographie; in fünf Büchern" (Lief. I—8,Bresl. 1842). Berghem (Nikolaus), einer der berühmtesten nicdcrl. Maler, geb. 1624 zu Harlem, erhielt den ersten Unterricht von seinem Vater, Peter von Hartem, einem sehr mittelmäßigen Maler; dann setzte er unter van Goyen, Weenix dem Altern und andern Meistern seine Studien fort. Liebe für seine Kunst und die Nachfrage nach seinen Gemälden, sowie die Habsucht seiner Frau waren Ursache, daß er außerordentlich fleißig arbeitete. Eine ungemeine Leichtigkeit machte ihm die Arbeit angenehm. Seine Landschaften und Thierstücke sind eine Zierde der ersten Galerien, und ihr Reiz besteht in einer leichten und hcitern Composition, einem hinreißenden, warmen Colorit und natürlichen und originellen Gruppen. Obgleich er seine Werkstatt fast nie verließ, so hatte er doch bei einem langen Aufenthalt auf dem Schlosse Bentheim die Natur genau beobachtet. Die strengere Kritik könnte ihm eine zu große Leichtigkeit zum Vorwurf machen, sowie weniger Kunst und eine größere Einfalt in Nachahmung der Natur und einen fleißigern und richtigem Umriß der Thiergestalten verlangen; aber diese Fehler werden durch so viele Vorzüge ausgewogen, daß man B. mit Recht in die Reihe der grüßten Landschaftmaler stellt. Auch hat man von ihm eine Folge von 36 radirten Blättern, die sehr geschätzt sind. Er starb in seiner Vaterstadt 1683. Berggießhübel, auch blos G i e ß h ü b e l genannt, eine kleine Stadt im Königreiche Sachsen, IM. von Pirna, an der großen Präger Straße, im schönen Gottleubcthale, hat seinen Namen von seinen Eisengußhütten, welche dereinst berühmt waren, als hierbei Bergbau auf Kupfer und Eisen noch blühete und gießhübler Kupferglasur und Pirnaisches Eisen noch in allgemein anerkanntem Rufe standen. Jetzt sind nur noch im Betrieb das etwas abgelegene Grieshammer'sche Alaun- und Vitriolwerk und das Einsiedel'sche Eisengußwerk mit den zugehörigen Gruben. Der Ort hat 650 E-, welche sich hauptsächlich durch den Verkehr ernähren, den die Landstraße und der Besuch des nahen Johanngeorgenbads mit sich führen. Dasselbe wurde 1722 von einem gewissen Tüllmann auf das stark mineralisirte Wasser des Johanngeorgenstollens begründet und benutzt außerdem noch den gleichzeitig entdeckten Friedrichs-Sauerbrunnen, den I8V3 gefundenen Schwefel- und den 1818 entdeckten Augustusbrunnen. Am stärksten ist der Schwefelbrunnen, der sowol zum Trinken als zum Baden besonders gegen Gicht und Nervenübel gebraucht wird. Zu den schönsten Partien der rvmantilchen Umgebung gehören der schattige Poetengang, einst Eellert's und Rabener's Lieb- lmgsweg, die Aussicht auf die Elbe von dem bewaldeten Großhorne, die Backdösen, die gers- "5t . ' Berggren Bergman darf« Brückenfelscn und dieRuine. Am 2 l . Aug. l 8 l 3 lieftrten die Verbündeten dem Mac- schall Saint-Cyr bei B- ein nicht unbedeutendes Gefecht. Der rechte Flügel des böhm. Corps der Verbündeten unter dem Grafen Wittgenstein fand beim Übergänge über das Erzgebirge mehr Widerstand, als die Colonnen des linken Flügels, indem der Marschall Saint-Cyr durch eine feste Stellung vor B- die Präger Straße besetzt hielt. Wittgenstein verstärkte seine Avantgarde unter dem General Roth, und dieser rückte in drei Colonnen vor, die eine unter seinem, die zweite unter des OberstlieutenantLützow und die dritte unter des Oberst Wetoschkin Befehl. Nur der Umgehung und dem nachdrücklichen Angriff auf den sranz. rechten Flügel durch den Prinzen von Würtemberg ist es beizumesscn, daßder Engpaß bei B. Mittags I2Uhr in die Gewalt der Russen kam und die Franzosen zum Rückzug nach Pirna genöthigt wurden. Einen zweiten Hauptmoment des Gefechts bildete die Deckung des Rückzugs durch die hartnäckige Besatzung und Vertheidigung des Kohlberges; als jedoch auch dieser unter Roth von den Russen mit Heftigkeit erstürmt war, endete mit cinbrechcnder Nacht das Gefecht, nach- dem die Franzosen Pirna verlassen und sich über Dohna gegen Dresden zurückgezogen hatten. Die Verluste auf beiden Seiten waren bedeutend; die Russen gaben ihn ihrerseits auf 300 M. an Tobten und Verwundeten an. Das Gefecht bei B. hatte somit die Ausgabe des böhm. Hauptheers durch das Gewinnen aller Übergänge über das Erzgebirge gänzlich gelöst. Berggren (Jak.), Pfarrer in Skällvik in Ostgothland, bekannt durch seine Reisen INI Oriente, geb. am I I. März 1790 im Kirchspiele Krokstad in der schweb. Provinz Bohus-Lan, fiel in seiner Kindheit in eine Wolfsgrube, wo er mehre Stunden in Gesellschaft eines lebendigen Wolfs zubringen mußte, ehe man ihn auffand und unbeschädigt heraufzog. Er siudirte in Upsala und wurde l 8 l 9 als Lcgationsprediger zu Konstantinopel angestellt. Im folgenden Jahre bereiste er Syrien, fuhr den Nil hinauf bis Kairo und zu den Pyramiden und besuchte dann Palästina. Als er im März 1822 in Konstantinopel wieder anlangte, hatte hin indessen die Nicdermehelung der Christen begonnen. Nachdem er die Erlaubniß zur Abreise erhalten, ging er zunächst nach Paris und London, wurde an beiden Orten als Mitglied dn Asiatischen Gesellschaft ausgenommen und langte am Ende des I. 1823 in seiner Heimat' wieder an. Während seines Aufenthalts in dem Orient hatte er sich besonders mit der neuern arab. Sprache beschäftigt und ein Lexikon derselben verfaßt, dessen erste Lieferung in Petersburg, wohin sich B. deshalb begeben hatte, 1825 begann, das aber nachher ins Stocken ge- rieth und im Manuskript der Universitätsbibliothek zu Upsala überlassen worden ist. Aus Petersburg zurückgekehrt, gab er seine „kosor i Lurop» ock Oesterläuckerna" (3 Bde., Stockh. 1826—28; deutsch von Ungewltter, Darmst. 1829—33) heraus. Die ihm angetragenen Professuren der oriental. Sprache zu Lund, zu Cherson und zu Charkow, sowie die Direktion der Missionsgesellschast auf Madagaskar lehnte er ab, dagegen nahm er 1830 die Pfarrstelle zu Skällvik an. Bergman (Torbern Olof), Naturforscher und Chemiker, geb. am 9. März 1735 zu Katharinberg in der schweb. Provinz Westgothland, erhielt erst nach vielen Schwierigkeiten von seiner Familie die Erlaubniß, sich ganz den Wissenschaften zu widmen. Als Linnens Schüler in Upsala seit 1752 erregte er dessen Aufmerksamkeit und wurde 1758 Professor der Physik daselbst. Um Diejenigen zu widerlegen, die seine Kenntnisse in der Chemie und Mineralogie in Zweifel zogen, als er sich um die Professur derselben bewarb, schrieb er die Abhandlung über die Fabrikation des Alauns, die noch jetzt für ein Hauptwerk gilt, und erhielt 1767 die Professur. Er entdeckte in den mineralischen Wässern das geschwefelte Wasserstoffgas und bereitete dieselben künstlich. Eine Menge Mineralien untersuchte er chemisch mit einer ungewöhnlichen Genauigkeit. Die Mineralien classisicirte er in den Hauptabtheilungen nach ihrer chemischen Natur und in den Unterabthcilungen nach der Verschiedenheit ihrer äußern Form. Hierauf hatte ihn besonders die schon vor ihm gemachte Entdeckung überdie geometrischen Verhältnisse geführt, welche unter den verschiedenen Kristallisationen desselben Stoffes stattfinden, sich von einer Grundform herlcitcn lassen und durch Ansetzen ähnlicher Theilchen nach bestimmten und leicht zu berechnenden Gesetzen geschehen. Seine Theorie der chemischen Verwandtschaften hat bis auf die neueste Zeit ihr Ansehen behauptet und durch Bcrthollet's allgemeinere Begründung derselben zwar nähere Bestimmungen, aber keinen Umsturz erlitten. Er starb 1781 zu Medevi, wo er die Bäder benutzte. Bergrecht Bergregal 351 u- Von seinen Schriften erwähnen wir „Opuscula pll^sics, cllemica etmiaerulogica" (6 Bde., ps Lp;. 1779—81; deutsch, 6 Bde., Franks. a.M. 1782—90)und„Physikalische Beschreibung ge der Erdkugel" (Stocks,. 1770—75; deutsch von Rühl, 2 Bde., Greifsw. 17!» l, - 1 .). yr Bergrecht. Das Bergrecht im weitern Sinne umfaßt alle den Bergbau oder das »e Bergwesen betreffende rechtliche Vorschriften; im cngern Sinne ist es aber der Inbegriff der ftr Rechtsgrundsätze, die sich auf den Erlang des Bergeigenthums (s. d.) und die daraus ki» fließenden Verhältnisse sowie auf den Verlust desselben beziehen. Früher theilte man ge- gel wohnlich das Bergrecht in das Staats- und Privatbergrecht ein; diese Einlheilung ist aber ihr überflüssig und führt zu Wiederholungen bei der Darstellung. Wenn auch das röm. Recht w- einzelne den'Bergbau betreffende Bestimmungen enthält, so bildet doch das deutsche Berg- u- recht einen eigenthümlichen, selbständigen Zweig der gesammten Rechtswissenschaft, der sich on besonders frei von der Einwirkung des röm. Rechts erhalten und auch außerhalb der Gren- ch- zen Deutschlands Anerkennung und Einfluß gefunden hat. Zwar gibt es in Deutschland nt- kein allgemeines Gesetzbuch für das Bergrecht, allein schon seit dem l 3. Jahrh. wurden an Ulf den Hauptorten des einheimischen Bergbaus die sich bildenden Gewohnheitsrechte gesammelt des und niedergeschrieben; daher haben wir noch die alten Bergrechte von Jglau, Freiberg, Goslar ist. u. s. w. Mit der Ausbildung der landesherrlichen Gesetzgebung wurde gleichfalls die auf das im Bergwesen bezügliche durch die Bergordnungen gepflegt, und besondere Bedeutung haben an, die böhm. und sächs. Bergordnungen des l 6. Jahrh. erlangt. Sodann wurde das Bergrecht >di- auch ftüh schon Heils durch Sammlungen derBergurthel, Heils durch rechtswissen- ein schastliche Forschungen weiter entwickelt. Vgl. Hake, „Commentar über das Bergrecht" de» (Sulzb. 182 3) und Karsten, „Grundriß der deutschen Bergrechtslehre" (Berl. 1828). be- Bergregal oder Bergwerksregal. Wie die alten Völker und so auch die Römer )in den Begriff der Regalität überhaupt nicht kannten, so finden wir bei ihnen auch den des eist Bergregals nicht, obschon bei den letzter», besonders in der spätem Zeit, die Kaiser den der ft Bergbau meist an sich zu ziehen suchten und daher z. B. ihre reichen Gold» und Eisengruben neu in Spanien verpachteten. Auch bei den Völkern der neuern Zeit, namentlich in Deutscher» land, hat sich das Bergregal nicht zugleich mit der Entdeckung des Bergbaus entwickelt, vieles- mehr stand ursprünglich jedem Grundeigenthümer das Recht zu, die unter seinem Grunde gr- und Boden sich vorfindenden Fossilien allein abzubauen. Erst Kaiser Friedrich I. suchte das lus Bergregal mit Nachdruck geltend zu machen; es wurde zugleich aber auch von den Kaisern de-, an die Fürsten lehnsweise verliehen, sodaß jene den Bergbau nie als ein ihnen kraft der Neige- galität gehöriges Monopol betrachten konnten. Allerdings sah man anfänglich das Berg» die cegal als ein EigenthumSrecht an den in einer gewissen Gegend sich vorfindenden regalen die Fossilien an, und unleugbar wurde durch die Anerkennung desselben das gedachte ältere Recht des Grundeigenthümers völlig aufgehoben. Allein das Bergregal nahm fast überall sehr l35 bald unvermerkt eine ganz andere Bedeutung an, sodaß der Bergbau kein Monopol des iten Bergherrn oder Staats geworden ist. Wo nämlich in einem Lande der Bergbau begann, ae"§ ließ der Bergregalsinhaber oder Bergherr auch Dritte gegen Verleihung an dem Bergbau ffor selbst theilnehmen, was in mehrfacher Hinsicht in seinem eigenen Interesse lag. Somit und bildete sich schon sehr zeitig die Rechtsidee aus, daß Jeder schürfen und Bergbau treiben die könne, sofern er nur durch den Bergherrn mit dem Fund beliehen sei und sich den sonstigen und bergrcchtlichen Vorschriften, unterwerfe. Das Mitbauen der Privaten, welches anfangs 'elte von der besonder» Einwilligung des Bergherrn abhing, gestaltete sich in ein Recht jedes Ein- e er > zelnen um. So wurde der Bergbau schon in früher Zeit trotz des Bergregals ein freier, wie upt- , z. B. selbst der Name der Stadt Freiberg beweist. Die sogenannte Freierklärung des hie- Bergbaus ist also auf diese Weise hervorgerufen worden, und nicht, wie man gewöhnlich int- > glaubt, erst im 16. Jahrh. durch ausdrückliche Erklärung der Landesherren cntstan- alli- den. In Folge der Freicrklärung, die schon den Bergrechten des 13. Jahrh. zum Grunde urch liegt, mußte sich auch der Begriff des Bergregals anders gestalten, wenn schon zugegeben hen. werden soll, daß man den Worten nach noch immer an dem oben angegebenen Begriffe fcst- :hen I hielt- Kraft des Bergregals kann allerdings auch jetzt noch der Inhaber desselben überhin- all in seinen Bergrevieren Bergbau auf eigene Rechnung treiben lassen, allein es ist dazu >tzte. unter Beobachtung der bergrechtlichen Vorschriften jeder Andere ebenso befugt wie Jener. 252 Bergstraße Nergwerksverfaffung Daher gewahrt das Bergregal Dritten gegenüber nur das Recht und die Verbindlichkeit zur bergrechtlichcn Verleihung, das Vorkaufsrecht hinsichtlich gewisser Metalle, den Anspruch auf gewisse Abgaben von dem Bergbau der Privaten, namentlich den auf den Bergzehnten, ft. wie die Befugniß, Behörden zur Beaufsichtigung und Leitung des gesammten Bergbaus zu organisiren. Von dem Bergregal wird jetzt dieBerghoheit unterschieden, die in den aus den Staatshoheitsrcchten fließenden Befugnissen, insoweit sie auf den Bergbau Anwendung finden, besteht. Zu ihr, die nur dem Staatsoberhaupte zusteht, gehört allerdings eigentlich auch das Recht, Bergbehörden zu gründen und Bergordnungen zu erlassen, allein die Ge- schichte lehrt, daß auch Die, denen der Regent das Bergregal verlieh, diese Rechte ausübten. Welche Fossilien in den einzelnen Ländern regal sind und welche nicht, hängt lediglich von den besonder» Gesetzen ab, indem sich allgemeine Regeln darüber nicht aufsiellen lassen. Manche Berggesetze gehen so weit, daß sie außer den Metallen und Halbmctallcn Jnflamina- bilien, Marmor, Kalk, Schiefer und Sandsteine für regale Fossilien erklären. Wo diese Fossilien aber auch nicht regal sind, kann doch der Staat Vorschriften über die Art ihrer Gewinnung u. s. w. erlassen. Zn Frankreich wurde in der Revolution das Bergregal aufgehoben und die Gewinnung der unterirdischen Schatze zur Disposition der Nation gestellt, was in Deutschland trotz dem Bergregal in Folge der Freicrklärung auch stattfindet. Bergstraße heißt im engcrn Sknne die ungefähr sechs Meilen lange, diesseit des Rhein am Ödcnwalde und Melibocus sich hinziehende Kunststraße, welche bei Bessungen in der Nähe von Darmstadt beginnt und bis Heidelberg reicht, im weitern Sinne aber der ganze fruchtbareStrich der nächsten Umgebung derselben, den man auch das DeutscheParadies nennt. Die Straße wurde wahrscheinlich schon von den Römern angelegt und ist zum Theil mit Nuß- und andern schönen Obstbäumcn besetzt. Natur und Kunst haben sich vereinigt, die Umgebung zur reizendsten in Deutschland zu machen. Sie ist reich an Burgruinen und andern merkwürdigen Baudenkmalen und war im Mittelalter größtentheils in den Händen der Geistlichkeit, weshalb sic im Munde des Volks auch jetzt noch zuweilen die Pfaffenstraße genannt wird. Bergwerk nennt Werner einen Bergbau nicht nur mit Beleihungen auf Lagerstätten zur Aufsuchung, Gewinnförderung und Zugutemachung der Fossilien versehen, sondern auch mit Pochhütten, Amalgamirwerken, kurz mit Allem beliehen, um den Zweck des Bergbaubetriebs zu erreichen. Die Bergwerke kommen in technischer und in statistischer Hinsicht in Betracht, und die Bergwerkskunde hat es nicht allein mit der Gewinnung, sondern auch mit der Zugutemachung der gewonnenen Mineralien zu den mannichfaltigsten Pro- ducten zu thun. Obgleich die Ergiebigkeit der Bergwerke in Deutschland in neuerer Zeit im Allgemeinen abgenommen hat, so stehen sie doch hinsichtlich der Kunst überall in höchster Blüte. Bergwerksverfassung. Durch das glückliche Zusammentreffen der Bergregalität und der Freierklärung des Bergbaus (fBergregal) wurde es schon in früher Zeit verhindert, daß der Bergbau nicht zu einem Monopol des Staats sich gestaltete, und zugleich der hier höchst nachthcilige Grundsatz zurückgewiesen, dem Grundeigenthümcr allein den Abbau der unter seinem Grundstück befindlichen Fossilien zu überlassen. Der Bergbau wurde auf solche Weise zu einem freien Gewerbe, welches seit alter Zeit her einen besondern achtbaren Stand, den Bergmannsstand, hervorrief und zur Urbarmachung und Bevölkerung vieler Gebirgsgegenden wesentlich beitrug. Wenn aber schon der Bergbau insofern ein freies Gewerbe ist, als Jeder an demselben theilnehmen kann, so hat doch gleichwol auch der Staat schon früh denselben unter seinen besondern Schutz, Leitung und Aufsicht genommen. Dies ist für den Bergbau selbst aus vielen Gründen höchst ersprießlich gewesen, und es kann derselbe insofern einem andern Zweige der Industrie durchaus nicht gleich geachtet werden. Mag auch von dieser Seite her zuweilen des Guten zu viel geschehen, so sehen wir doch in neuester Zeit den Anfang zur Hebung etwa unnöthiger Bevormundung des Bergbaus von Seiten des Staats machen. Die Stellung, welche der Bergbau im Staate von früher Zeit her eingenommen hat, rief gleichzeitig auch die eigenthümliche Bergwerksverfassung hervor. Zn Folge derselben bestehen besondere Bergbehörden, die Bergämter, denen die Aufsicht und Leitung des Bergbaus in ihren Revieren anvertraut ist; über denselben finden sich oft noch eigene Mittelbehörden, die Oberbergämter, sodaß wichtige Bcrgsachen endlich in den höchsten Ldndesstellen ihre Erledigung finden; auch bestehen in den meisten Staaten für Bergwerkswissenschafte» Bering 253 streitige Bergsachen besondere Berggcrichte, namentlich die aus alter Zeit herstanr- menden Bcrgschöppenstühle, und es scheint diese Einrichtung deshalb vorzüglich zweckmäßig, weil zur Entscheidung streitiger Bergsachcn oft Kenntnisse verlangt werden, die dem gewöhnlichen Juristen nicht eigen sind. In Folge der Bergwerksverfassung kommen aber auch noch andere Bergbeamte als die Mitglieder der Bergämter vor, und die Theil- nahme des Staats am Bergbau beschränkt sich keineswegs blos auf diese Aussicht und Leitung des Bergbaus; es unterstützen die einzelnen Staaten den Bergbau in verschiedener Weise aus besonder» Kassen, sowie durch Verabreichung des nöthigen Holzes u. s. w. gegen billige Entschädigung, durch Übernahme kostspieliger Stollnbaue, durch Ertheilungen von Befreiungen und Vorrechten an Bergbautreibende und Bergorte, durch Errichtung von Schmelzhütten u. s. w. Für Das, was der Staat dem Bergbau gewährt, wird er auch wieder mannichfach entschädigt; denn abgesehen von den Vortheilcn, die er durch die Gewinnung der Bergbauerzeugniffe an sich schon zieht, beschäftigt der Bergbau eine große Anzahl Menschen mittelbar und unmittelbar, die dem Staate außerdem leicht zur Last fallen könnte; er hat ferner das z. B. wegen der Münze wichtige Vorkaufsrecht an den Metallen, sowie er auch verschiedene Abgaben von dem Bergbau unmittelbar erhebt. Namentlich gehört hierher der Bergzehnten, den der Staat allerdings von dem Noh-und nicht von dem Reinerträge der Bergbautrcibenden erhebt, er wird bald in Natur, bald in Geld berechnet und berträgt auch oft nicht den 10., sondern erst den 20. Theil. Wenn schon gegen denselben sich Manches einwenden läßt, so muß man doch auch nicht vergessen, daß der Staat für den Bergbau sehr viel thut, während andern Zehntherren Ähnliches gar nicht obliegt. Die Vorrechte der Bergleute, welche, abgesehen von dem besondern Gerichtsstände, in der Befreiung vom Mi- litairdienste, von Frohnen und von verschiedenen Abgaben bestehen, hat man neuerdings zum Theil aus einem ungerechten Streben nach Gleichmachung in manchen Ländern beschränkt. Bergwerkswiffenschasten oder Berstwerkskunde nennen wir den systematischen Inbegriff aller der Kenntnisse, die zur Eröffnung und zu dem Betriebe der Gruben, sowie zu der Zugutemachung der gewonnenen Mineralien crfodcrlich sind. Es gehören dahin zuvörderst als Hülfswiffenschaften Mineralogie, Geognosie, Physik, Chemie, Mathematik, sowol die reine als die angewandte, namentlich die Markscheidekunst und die Maschinenkunde; dann Baukunst, sowol die gemeine, wegen der Anlage von Gebäuden, als die Wasserbaukunst, wegen des Deich- und Grubenbaus, und die unterirdische Baukunst, wegen des Grubenbaus ; ferner Rechtslehre und insbesondere Bergrechtslehre, Kenntnisse vom Rechnungswesen, Bergcommerz- und Bergkameralwissenschaft und endlich Geschichte und Statistik deS Bergbaus. Den zweiten Haupttheil der Bergwerkswissenschaften bilden die eigentlich technischen Kenntnisse, verbunden mit den erfoderlichen ökonomischen. Zu den technischen gehören die Bergbau-, die Aufbereitungs- und die Hüttenkunde; zu den ökonomischen derGruben- und der Hüttenhaushalt, welche sich mit der zweckmäßigen Veranstaltung der Grubenbaue und Anlage der Hüttenwerke, mit der Einrichtung der Hüttenprocesse, mit der gehörigen Anlegung der Arbeiten und mit der zweckmäßigen Anschaffung, Aufbewahrung und Benutzung sämmtlicher Materialien beschäftigen. Beriberi ist der Name einer ihrem Wesen nach noch wenig gekannten Krankheit, welche sich endemisch in Indien, besonders auf der Insel Ceylon und der Küste von Malabar sinket. Sie charakterisier sich durch eine krampfhaft beschwerte Respiration, allgemeines Odem, paralytische Schwäche und Taubheit der untern Extremitäten, dazu gesellen sich im Verlaufe furchtbare Angst und Herzklopfen bei jeder Bewegung des Körpers, Krämpfe in Bauch, und Brustmuskeln und unaufhörliches Erbrechen, unter welchen Symptomen der Kranke oft schon nach 6—30 Stunden, häufig jedoch auch erst nach drei bis vier Wochen seinen Geist aufgibt. Selbst da, wo zuerst Heilung eintrat, sind doch tödtliche Rückfälle sehr häufig. Die Krankheit befällt sowol Eingeborene als Fremde, welche sich aber wenigstens bereits einige Monate im Bereich der Krankheit aufgehalten haben müssen; sie herrscht besonders während der Abnahme der periodisch wehenden Winde (Moussons) und scheint vorzugsweise durch die schnellen Wechsel der Temperatur der mit Dünsten geschwängerten Atmosphäre hervorgerufen zu werden. Bering oder Behring (Vitus), der Entdecker der nach ihm benannten Meerenge, 254 Beringsstraße Berkeley (Georg) cm geborener Jütländer, wurde, als geschickter Seemann, von Peter dem Großen als See- capitain bei der neugebildctcn Marine zu Kronstadt angestellt. Seine Talente und seine Un- erschrockenheit, die er in den Seekriegen gegen Schweden bewies, erwarben ihm die Ehre, zur Leitung einer Entdeckungsreise ins Meer von Kamtschatka gewählt zu werden. Er unter- suchte 1728 die nördlichen Küsten Sibiriens bis 67° >8^ nördl. B. und fand die Bestätigung, daß Asien nicht mit Amerika zusammenhänge. Da es aber der Zweck der Reise B.'s war, zu entscheiden, ob die Kamtschatka gegenüberliegenden Küsten auch wirklich Küsten des festen Landes oder nur dazwischen liegender Inseln seien, so lief er am 1. Juni 1711 abermals mit zwei Schiffen von Ochotzk aus und landete an der nordwestlichen Küste Amerikas zwischen 35"und 69° nördl. B. Stürme und Krankheit hinderten seine weitern Entdeckungen; weit ab auf die wüste Insel Awatscha verschlagen, starb er daselbst am 8. Dee 1711, weshalb diese Insel später Beringsinsel genannt wurde. Beringsstraße, auch Straße vonAnian, bei den Briten Cooksstraße genannt, heißt die Meerenge zwischen der Westküste Nordamerikas und der Ostküste Asiens. Den Beweis dafür, daß Asien nicht mit Amerika zusammenhänge, gab zuerst die Fahrt des Ko- sackenDeschnew, der 1618 aus einem sibir. Hafen am Polarocean ausfuhr und zwischen den Küsten beider Erdtheile hindurch in das Meer von Kamtschatka einlief. Lange indeß hielten die Europäer diese ganze Fahrt für eine Fabel, bis sie durch Bering (s. d.), nach welchem nun die Meerenge benannt wurde, 1728 Bestätigung fand. Später untersuchte dieselbe 1778 der Capitain Cook. Sie ist am schmälsten Punkte unterm 66" nördl. B-, nicht mehr als Iv, unterm 69° aber mehr als 75 deutsche M. breit. Die Wassertiefe in der Mitte der- selben beträgt2g—30 Faden und nimmt gegen die Küsten hin allmälig ab, jedoch so, daß bei gleicher Entfernung vom Lande die See an der amerik. Seite seichter ist als an der asiatischem Beriot (Charles Auguste de), einer der vollendetsten Violinspieler der neuesten Zeit, ist am 20. Febr. 1802 zu Löwen geboren, wo er auch den ersten musikalischen Unterricht durch den Violinspieler Robrex und den Professor der Musik Tiby erhielt und bis zum 19. Jahre blieb. Im I. 1821 ging er nach Paris, um unter Viotti's, Baillots und Lafont's Leitung seiner weitern Ausbildung obzuliegen; doch scheint er deren direkte» Unterricht nur kurze Zeit benutzt zu haben. Sehr bald ging er seinen eigenen Weg und mit so viel Glück, daß er gleichzeitig mit Paganini bei dessen erstem Erscheinen in Paris aufzit- treten wagen konnte. Sein Spiel ist am bezeichnendsten ein musterhaftes zu nennen ; er repräsentirt keine Richtung des Violinspiels vorzugsweise, sondern die Gesammtheit desselben, auch in Hinsicht auf Das, was in neuester Zeit die Behandlung des Instruments fodert. Seine Technik ist in jeder Beziehung vollendet und namentlich seine Intonation unfehlbar zu nennen. Sein Vortrag ist in höchstem Grade fein und der reichen Abstufungsfähigkeil ungeachtet in hohem Grade ruhig. Seine Compositionen, als solche, nehmen eine bedeutende Stelle in der Reihe der Erscheinungen nicht ein, sind für die Mechanik des Violinspiels nicht ohne Bedeutung und für den Concertvortrag sehr dankbar. Im I. 1830 schloß er ein Band der Freundschaft und der Liebe mit der berühmten Malibran (s. d.), welches einige Jahre später, nachdem die verweigerte Einwilligung ihres ersten Gatten zur Ehescheidung gerichtlich errungen war, auch die gesetzliche Weihe erhielt. Nach seiner Rückkehr aus Paris ins Vaterland verlieh ihm der König der Niederlande in ehrender Anerkennung eine unabhängige Stellung durch eine Pension von 2000 Fl. und den Titel eines ersten Kammermusikus; doch die Ereignisse des J. 1830, die Belgien von Holland trennten, brachten ihn um diese Vortheile. An Baillot'S Stelle kam er 1812 an das Konservatorium in Paris. Berka, an der Ilm, eine Stadt im Großherzogthum Sachsen-Weimar, mit einem Schloß und etwa 1250 E-, ist besonders seiner kalten salinischen Eisenquellen wegen bekannt, die 1812 entdeckt und von Döbereiner untersucht zum Baden benutzt werden. In Folge davon ist in der Stadt wie in der Umgegend manche Verschönerung vorgenommen und B. ein beliebter Vergnügungsort der Weimaraner geworden. — Eine zweite Stadt Berkaan der Werra, ebenfalls im Großherzogchum Sachsen-Weimar, mit 1200 E., beschäftigt ihre Bewohner insbesondere mit Sammtweberei und Schönfärberei. Berkeley oder Berkley (Georg), Bischof zu Cloyne in Irland, berühmt durch seinen Idealismus (s. d.), war zu Kilcrin in Irland 1681 geboren. Er besuchte nack voll- Berkeley (Elisabeth) Berlichingeu 255 endete» Schulstudien die Universität Dublin, ward 1707 Mitglied des Dreieinigkeitscolle- ginms daselbst und machte l 7 l 3 und 1714 eine Reise nach Italien, das er später, sowie Si- cilien und Frankreich, nochmals als Begleiter der Söhne des brit. Bischofs Asher besuchte. Im I. 1721 wurde er Hofprcdiger des Statthalters in Irland, Herzogs von Grafton, und 1733 erhielt er das Bisthum Cloyne. Nachdem er durch ein Vermächtnis der durch ihre Liebe zu Swift berühmten Stella Johnson in den Besitz eines bedeutenden Vermögens gelangt, machte er den Vorschlag, auf den Bermudas-Inseln zur Bekehrung der Wilden eine Lehranstalt zu errichten, und cs fand derselbe anfangs nicht nur in den angesehensten Kreisen, sondern auch im Parlamente so bedeutende Unterstützung, daß B. seine Stelle nieder- lcgte und mit mehren ihm Gleichgesinnten sich nach Rhode-Jsland cinschiffte, um die Sache in Gang zu bringen. Doch gleich der bedeutenden Bewilligung des Parlaments blieben später auch die Subscriptionen aus, sodaß B. bei dem Unternehmen einen bedeutenden Theil seines Vermögens einbüßte. Sehr plötzlich starb er 1753 zuOxford. Er wird als ein fast in allen Fächern des menschlichen Wissens bewanderter Mann geschildert, dessen edler Charakter Allen, die ihn kannten, Verehrung einflößte, weshalb auch Pope, sein beständiger Freund, von ihm sagte, er besäße alle Tugenden, die unter dem Himmel zu finden wären. Seine philosophische Ansicht entwickelte sich im Gegensätze des zu seiner Zeit herrschenden empirischen Realismus und Materialismus, welcher wiederum zu Skepticismus und Atheismus führte. Er fand die Lehre, nach welcher alle Erkenntniß durch den äußern und innern Sinn entsteht, wie dieselbe von Locke aufgestellt worden war, und die Annahme einer wirklichen Körperwelt außer uns als der Religion gefährlich. Das Wirkliche, behauptet er dagegen, ist nur der Geist; die Körperwelt ist nur ein Schein, d.er aus unfern Vorstellungen entspringt; daS Unwillkürliche dieses Scheins hat seinen Grund in ursprünglichen Vorstellungen, welche von dem Geiste aller Geister, Gott selbst, bewirkt sind. Dieser Idealismus fand natürlich bei seinen Landsleuten wenig Beifall, obgleich die Darstellung gerühmt ward. Seine berühmtesten philosophischen Schriften, in welchen er denselben vortrug, sind ,,1'reatise on tks prineiples ob Immun knorvleclgs" (Lond. 1710), „Hirse ckislogiies betrveen 8x1ns uncl klülonous" (Lond. 1713; deutsch, Lpz. 1781) und „^leipiiron or tke Minute pbilosopber" (Land. 1732). Unter seinen mathematischen Schriften erregte besonders die Theorie des Sehens (1709) großes Aufsehen, in der er zuerst genau die Betastungs- und Gesichtscin- drücke unterschied. Seine „Works" erschienen 1784 (Lond., 2 Bde., 4.). Berkeley (Elisabeth), s. Craven (Lady). Berkhey (Johannes Lefrancq van), einer der ausgezeichnetsten holländ. Schriftsteller des 18. Jahrh., dessen Verdienste, namentlich als Dichter, manche Neuere ungerecht beurthcilt haben, war am 2 3. Jan. 1729 zu Leyden geboren, wo er am 3. März 1812 starb. Seine „Nutuurlsilce kistorie van Hollgncl" (4 Bde., Leyd. 1769 fg.) verschaffte ihm Anerkennung und die Stelle eines Lectors der Naturgeschichte an der leydener Akademie. Auch seine zerstreuten naturhistorischen Abhandlungen und seine ausführliche „Neklerckuitscke ge- scilietlenis vsn bet ruuckvee" (11 Bde., Leyd. 1803 fg.) sind sehr verdienstlich und haben ihren Werth noch nicht verloren. Als Dichter ist er nicht ohne alles Verdienst; obgleich oft schwülstig und mit falschem Pathos überladen, finden sich doch in seinen Dichtungen viele wahrhaft poetische Stellen, so namentlich sein „ 8et verkeerlijlct I.eij814 wieder zurückgcbracht wurde. Vor dem Brandenburger Thor befindet sich der Thiergarten, der besuchteste und schönste Theil der Umgegend B.s, ein 7 l 6 rheinländ. Ruthen langer und 280 breiter Lustwald, mit den mannichfaltigsten Spaziergängen, Anlagen und Villen der reichen Berliner. Zn der Luisenstadt, früher die Köllnische und Köpe» nicker Vorstadt genannt, dem bis jetzt noch am wenigsten bevölkerten Theile der Stadt, ist in der Lindenstraße das Kammergericht zu bemerken, gewöhnlich das Collegienhaus genannt, in welchem das geheime Obcrtribunal, das Kammergericht und das kurmärkische Pupillen- collegium ihren Sitz haben. Vor dem Halleschen Thore befindet sich die Gaserleuchtungs- anstatt, die von einer dazu vereinigten Compagnie, einer Abzweigung der Jmpcrial-Conti- nental-Gas-Association zu London, geleitet wird. Auf dem Kreuzberge vor dem Halleschcn Thore, dem ehemaligen Tcmpelhoferberge, erblickt man das 1821 errichtete Denkmal, welches der Erinnerung an die glorreichen Ereignisse von 1813—15 geweiht ist, bestehend in einem 60 F. hohen in der königlichen Eisengießerei nach Schinkel's Entwurf gegossenen thurmartigen Baldachin mit zwölf Kapellen, die den zwölf Hauptschlachten gewidmet sind. Das wissenschaftliche und geistige Leben, mannichfaltig in seinen Richtungen und blühend in allen seinen Erfolgen, gleicht gewissermaßen einer universalen Treibhausstätte der modernen Intelligenz. Es gibt kaum eine Tendenz, eine Facultät und selbst eine Verirrung in der Geschichte der Wissenschaft und des menschlichen Geistes, die hier nicht durch bedeutende Kräfte repräscntirt würde. Der Betrieb der Bildungs- und Unterrichtsanstalten gewährt einen wahrhaft großartigen Anblick und wird durch die liberale und in Herbeischaffung neuer Hülfsmittel für diese Zwecke unermüdete Freigebigkeit der Regierung befördert und begünstigt. Die Universität hat nach mehren Seiten hin in der Wissenschaft Epoche gemacht und zählt unter ihren Lehrern die berühmtesten und verdientesten Männer. In der philosophischen Facultät, bei welcher durch Fichte und Hegel bedeutend in den Entwickelungsgang der deutschen Philosophie eingegriffen wurde, ist der durch den Tod des Letztem erledigte Lehrstuhl durch Gabler, einen Schüler Hegel's, beseht worden. Der geniale Steffens findet fortwährend unter der studirenden -Zugend zahlreiche Verehrer. Schelling, der als Akademiker seit 1842 dem Lehrerpersonal beigetreten ist, scheint einen erfolgreichen Einfluß, wie auf die verschiedenen Philosophischen Richtungen der Gegenwart überhaupt, so namentlich auf die der berliner philosophischen Facultät auszuüben. Die Theo- logie wird durch Neander, Marheineke, Strauß, Hengstenberg und seit dem Tode Schleier- macher's durch Twesten, obwol nach den verschiedensten und einander entgegcnstreitenden Richtungen hin, vertreten. Inder juristischen Facultät lehren Homeyer, Lancizolle, Heffter, Rudorff und Stahl. Stahl, ein Schüler Schelling's, kam an die Stelle des 1838 verstorbenen Gans (s.d,), Pu chta ss.d.) wurde 1842 an Savigny'S Stelle berufen, starb aber 17 * ! N!> 260 Berlin schon am 5. Jan. 1846. In der Philologie sind Bockh, Bckkcr, Zumpt, Lachmann und Trendelenburg, denen sich von Seiten der Akademie die Gebrüder Glimm und Pertz anschließen, allgemein geachtete Namen. Für die oriental. Studien steht Bopp als Gründer einer eigenthümlichcn Schule da. Ihm zur Seite wirkt Fr. Nückert, als Dichter und Orientalist allgemein bekannt. Geschichte lehren F. von Raumer und Ranke, Geographie Ritter; Mathematik Ohm, Dirkscn, Dirichlet; Astronomie Encke; Naturwissenschaften, Physik und Chemie Lichtenstein, Mitscherlich, Kunth, Rose, Dove und Ehrenberg. Einen sehr ausgezeichneten Ruf behauptet noch immer die medicinische Facultät durch Namen wie Horn, Schönlein, Dieffenbach, Hecker, Joh. Müller, Jüngken, Casper,Ehrenbcrg u. A., und durch die musterhaft geleiteten Anstalten, dre mit ihr in Verbindung stehen, den botanischen Garten außerhalb der Stadt bei Schöneberg, das anatomische Theater, das anatomische und zoologische Museum, das Mineraliencabinet, das klinische Institut, die Entbindungsanstalt u. s. w. Zur Ausbildung der jungen Theologen und Philologen dienen das theologische und philologische Seminar. Die Zahl der Studirenden belief sich wahrend des Winterhalbjahres 18-11—42 auf 2140. Unter den allgemeinen Bildungsanstalte» steht obenan die königliche Bibliothek, seit dem Tode Wilken's unter der Leitung des Obcr- bibliothekars Pertz, die über 260000 Bände zählt, einen reichen Schatz von Handschriften besitzt und der als eine selbständige Abtheilung neuerdings eine Universitätsbibliothek hinzu- gcfügt worden ist, die vornehmlich für die besonder» Bedürfnisse der Facultäten sorgt. Außerdem sind in B. eine Akademie der Künste und Wissenschaften, sieben Gymnasien, eine technische und eine Baugcwerkschule, zwei Seminare zur Bildung von Schullehrern und Schullehrerinncn, eins für Missionare, eine Akademie für Militairchirurgcn, eine Kriegs-, Artillerie- und Ingenieurschule, eine Thierarzncischule, neun Gewcrbschulcn, mehre Sonn- tagsschulcn, sowie eine große Anzahl Privatbürgerschulen. Durch die vielen gelehrten Gesellschaften und Vereine wird die Wissenschaft zugleich zu einem geistreichen Bindemittel der geselligen Unterhaltung und dadurch immer unmittelbarer in die Kreise des Lebens selbst hinübergcführt. Unter diesen Vereinen sind zu nennen die Gesellschaft der naturforschendcn Freunde, die Philomatische Gesellschaft, die Humanitätsgesellschaft, die Berlinische Gesellschaft für deutsche Sprache und Altcrthumskunde, der Wissenschaftliche Kunstverein, die Gesellschaft für Erdkunde, die Societät für wissenschaftliche Kritik, die Pädagogische Gesellschaft u. s. w. Wenn das wissenschaftliche Leben B.S in diesen Vereinen mehr oder weniger als ein innerhalb der Wissenschaft begrenztes erscheint, so tritt cs außerdem durch öffentliche Vorträge über wissenschaftliche Gegenstände auch in die weitern Kreise der Gebildeten. Solche Vorträge werden namentlich von Raumer, Lichtenstein, Steffens, Ritter, Dove, Ehrenberg, Link, Enke u. A. gehalten. Wie das wissenschaftliche Leben so stellt sich das Kunstleben als ein sehr bewegtes und durch die mannichfaltigsten Institute, Vereine und Bestrebungen begünstigtes Treiben dar. Das ununterbrochene Emporsteigcn neuer geschmackvoller Gebäude in der Stadt, die große Anzahl ausgezeichneter Künstler und der empfängliche und gebildete Sinn des Publicums geben der Kunstliebe eine nie mangelnde Nahrung. Die Ateliers von Rauch, Tieck, Wach, Begas und Cornelius sind den theil- nehmenden Freunden der Kunst gastlich geöffnet, und alle zwei Jahre findet eine öffentliche Kunstausstellung im Akademiegebäude statt. Das Museum begreift außer den Kunst- schähen der königlichen Schlösser auch die Giustiniani'schc und Solly'sche Gemäldegalerie und die Koller'sche Vasensammlung, und in dem Schlosse Monbijou befindet sich das Ägyptische Museum, das die von Passalacqua und Minutoli erworbenen Sammlungen ägypt. Alterthümer und Kunstschätze in sich vereinigt. Permanente Kunstausstellungen bilden gewissermaßen der Kunstsaal der Gebrüder Gropius, mit dem Diorama, sowie Ens- len's malerische Reisen im Zimmer. Für Musik zeigt sich eine vorherrschende Neigung, und der Geschmack und die Theilnahme für diese Kunst erstrecken sich selbst bis auf die untern Kreise der Gesellschaft. Unter den musikalischen Vereinen steht die von Fasch 1700 gestiftete Singakademie obenan, die das Verdienst hat, bei festlichen Gelegenheiten besonders geistliche Musiken und die großen Oratorien deutscher Meister mit einer seltenen Vollendung zur Aufführung zu bringen. Außerdem vereinigen die beiden Liedertafeln, im Winter die musikalischen Soireen bei Möser und viele andere Gesang- und Musikvercinc die musik- Berlin 261 liebende Welt zu den ausgesuchtesten Genüssen. Die königliche Oper und das Schauspiel, letzteres einst berühmt durch Wolff, Dcvricnt und Fleck, später wieder gehoben durch Mad. Crclinger und in neuester Zeit den > 843 verstorbenen Seydelmann, läßt verhältniß- mäßig noch viel vermissen, obschon beide bereits dadurch sehr gewonnen, daß das Ballet nicht mehr das Übergewicht behauptet. Die franz. Schauspielergesellschaft, die jährlich neun Monate im königlichen Schauspielhause Vorstellungen gibt, erfreut ein ausgewähltes Publicum durch manche feinsinnige Leistung im Lust- und Singspiel. Das seit 1824 bestehende Königsstädtische Theater, unter der Leitung einer Privatdircction, das zur Zeit der Hen- riette Sontag seine glänzendste Periode feierte, ist zwar von seiner Höhe herabgestiegen, da- gegen droht die von der Dircction dieses Theaters seit Mai 1841 engagirte italienische Opern- gesellschast die deutsche Oper zu verdrängen. Auch das gewerbliche Leben B.s, sein Handel und seine Fabriken, zeigen seit Jahrhunderten einen bedeutenden und rastlos fortschreitenden Betrieb. Zur Begünstigung des Aufschwunges der vaterländischen Gewerbe dient der Verein zur Beförderung des Gewerbfleißes in Preußen, welcher vornehmlich durch Eröffnung von Concurrenzen und Aussetzung von Prämien wirkt und alle vier Jahre eine Eewcrbausstellung veranstaltet. Die seit I8lv eingcführte Gewerbfreiheit begünstigt nach allen Seiten hin die rege Arbeitsamkeit der Einwohner. Der Handel ist wichtig und wird durch die königliche Bank, die Sechandlung, Elbschiffahrtsund die Dampfschiffahrtsgesellschaft, die Assecuranzcompagnie, eine große Anzahl Fabriken und Manufacturen, mehre Jahrmärkte u. s. w. belebt. Die Fabriken liefern vorzüglich Tuch, Fußteppiche, seidene und baumwollene Maaren, Leinwand, Tapeten, Papier, Porzellan, Gold-, Silber-, Eisen-, lackirte Blech- und hölzerne Maaren, chirurgische, mathematische, optische und musikalische Instrumente. Von entschiedenem Einfluß auf das commercielle Leben ist die Verbindung der Stadt durch Eisenbahnen mit andern Städten Deutschlands, so namentlich mit Leipzig, Magdeburg und Dresden durch die Berlin-Anhaltische Bahn; ferner durch die Potsdamer, durch die stettiner, durch die frankfurter und durch die Hamburger Bahn. Erstere hat sogar eine neue, fast mit lauter Palästen angebaute Straße und ein neues Thor, das Anhaltische, veranlaßt. Unter den öffentlichen Wohlthätigkeitsinstituten, welche den mildthätigen Sinn B.s vornehmlich charakterisier», ist zuerst zu nennen die Charite, welche Kranke aller Art aufnimmt und zum großen Theil unentgeltlich verpflegt und mit einem Gebär- und Jrrenhause in Verbindung steht. Zum Besten verarmter Bürger dient das Bürgerrettungsinstitut, 1796 vom Geheimrath Baumgarten gestiftet, welches den Zweck hat, zurückgekommenen Gcwcrbtreibenden durch Vorschüsse wieder cmporzuhelfcn. Ferner sind noch zu erwähnen die verschiedenen Waisenhäuser, die Wadzecks-Anstalt, eine von dem Professor Wadzeck 18 l 9 gegründete milde Stiftung zur Pflege und Erziehung armer Kinder, die Luiscnstiftung, das königliche Taubstummeninstitut, die von Zeune gegründete Blindenanstalt, das Jnvalidcnhaus, eine große Anzahl von Erwerbschulen und Klein- kindcr-Bewahr-Anstalten, das Institut der Sparkasse u. s. w. Zur Verbreitung und Ver- theilung der Bibel unter den ärmern Volksclaffen besteht seit 1814 die preuß. Hauptbibelgc- sellschaft. Der Stadt wurde am 19. Nov. I8Ü8 die Städteordnung verliehen und damit eine selbständige Verfassung, vermöge deren sie ihre Interessen selbst verwaltet. Die von der Bürgerschaft;» ihren Repräsentanten gewählten Stadtverordneten versammeln sich wöchentlich einmal zu einer Sitzung. Der Magistrat hat die alleinige Verwaltung der Stadt- und Kämmereiangelegenheiten. Er besteht aus einem Oberbürgermeister, einem Bürgermeister, I I besoldeten und 14 unbesoldeten Stadträthen und etwa 40 Bureaubeamten, und wird, mit Ausnahme des Oberbürgermeisters, welchen der König selbst ernennt, von den Stadtverordneten gewählt. Als eine Unterbehörde des Magistrats sind die Bezirksvorstchcr anzusehen, welche als Organ der Bürgerschaft für die einzelnen Stadtbezirke auf sechs Jahre gewählt werden. Vgl. Spiker, „B. und seine Umgebungen im 19. Jahrh." (Berl. 1833, 4., mit Kpfrn.); Fidicin, „Geschichte der Stadt B." (Berl. 1841); Klöden, „Erwiderung auf die Schrift des Herrn Fidicin" (Berl. 1841); Gcppert, „Chronik von B. seit Entstehung der Stadt" (Heft l —35, Berl. 1841—43); Ramgo, „Neue Berliner Stadtchronik" (Berl. 1841); Braß, „Chronik von B." (Berl. 1841) und Gicsebrecht, „Wendische Geschichten aus den I 780— 1182" (3 Bde., Berl. 1843). 262 Berliiierlstau Benne Berlinerblau, ein wichtiges Farbcniaterial, welches eine reine, dunkelblaue Farbe und einen matten Bruch hat, geruch- und geschmacklos ist und nur durch die Auflösungen ätzender Alkalien sich zersetzen läßt, besteht aus einem innigen Gemenge von blausaurem Eisenorydul und Alaunerde. Erfunden wurde es 170-1, nach Andern l 7V7 von dem Farbe- fabrikanten Diesbach in Dippel's Laboratorium zu Berlin und bis 1724 die Zusammensetzung als ein Geheimniß bewahrt. Jetzt wird e^an vielen Orten, jedoch in derselben chemischen Zusammensetzung bereitet. Es fällt in der Farbe um so Heller aus, je größer der Gehalt der Alaunerde ist. Sein Gebrauch ist sehr ausgedehnt, sowol in der Ol- und Wassermalerei, als in der Färberei und Druckerei. An Echtheit und Schönheit in verschiedenen Beziehungen wird es nur vom Ultramarin und Indiz übertroffen. Die sehr verschiedenen Sorten unterscheiden sich durch die Namen Bcrlinerblau, Preußischblau, Pariscrblau, Erlangerblau u. s. w Berlioz (Hector), geb. am 11. Dec. 1803 zu La Cöte St.-Andre im Departement der Jsere, ist jedenfalls eine höchst merkwürdige psychologische Erscheinung, wie man auch über die Richtung, welche er als Componist genommen, urtheilen möge. Seine Compositioncn riefen die widersprechendsten Urtheile, wie der enthusiastischen Anhänger und Verehrer so de» entschiedensten Gegner, hervor, denen sein Treiben als fanatische Verirrung erscheint. Sein Vater, ein geachteter Arzt, wünschte, daß er sich derselben Laufbahn widmen möge; bald aber wendete er sich mit Leidenschaft der Musik zu. Haydn's Quartette scheinen ihm den ersten Blick in die Geheimnisse der Harmonie und des Formenbaus erschlossen zu haben. Aller Abneigung ungeachtet studirte er aus Liebe zu seinem Vater ein Jahr lang in Paris Medicin, bis er nicht mehr umhin konnte, dem innern Drange zur Musik zu folgen. Vom Vater deshalb verstoßen, begann er im Conservatorium unter Lesueur seine Studien, die er unter Reichs vollendete, und erwarb sich durch Gesangunterricht seinen Unterhalt. Im I. 1828 gewann er den zweiten, 1830 durch eine Cantate „8srckausj,al" den ersten Preis, der ihn in den Besitz der Mittel setzte zu einem zweijährigen Aufenthalte in Italien, wo er ein phantastisches, künstlerisch regelloses, aber reiche Adern der innern Welt eröffnendes Leben führte. Nach Paris zurückgekehrt, ward er von einer Jrlanderin, Miß Smithson, die auf der engl. Bühne zu Paris die Ophelia gab, so hingerissen, daß er, durch eine ungegründete Verleumdung in ihr irre gemacht, in eine wahre Raserei verfiel. Seinen damaligen Zustand suchteer in einem Musikstücke auszudrücken, das er „Sinfonie fantastigue" (von Liszt für das Pianoforte eingerichtet) nannte, und das er in der Folge durch eine „Sinfonie melologue' vervollständigte und klarer zu machen suchte. Diese Composition, bei der er den Typus hergebrachter Formen ganz verließ und eine ungemeine Masse Mittel ausgewendet hatte, rief jenen Kamps der Meinungen hervor, der zum Theil durch die Oper „Benvenuto Cellini", mehr noch aber durch „Romeo und Julie", ein Tonwerk, das aus Jnstrumentalsätzen, Chor- und Sologesängen, Melodramen u. dgl. besteht, von Seiten der Kritiker und Künstler zu seinen Gunsten sich gewendet, wo nicht entschieden hat, während das große Publicum noch wenig Wärme für seine Musik zu bethätigen scheint. Unter seinen übrigen Werken, von denen jedoch nur wenige gedruckt sind, erwähnen wir noch die Ouvertüre „ll'rsncs-juxes", „Hsrolä", „Der fünfte Mai", eine Cantate von Be'ranger; „SarabsiFneuse" von V. Hugo, das ke- guiom zur Todtenfeier des General Damre'mont und die Ouvertüre zu „Lear". Beim „äournsl lies ckebats" nimmt B. eine der ersten Stellungen als musikalischer Kritiker ein. Seine Reise in Deutschland im I. 1843 zu dem Zwecke, seine Compositioncn zur Aufführung zu bringen, machte dieselben hier zumeist zuerst bekannt und zwar mit ziemlich gleichem Erfolge, wie in Frankreich. Berme heißt der einen oder einige Fuß breite terrassenähnliche Absatz, welcher bei einer Schanze zwischen Brustwehr und Graben gelassen wird, um das Herabrollen der von der Brustwehr sich lösenden Erbstücke in den Graben zu hindern. Gewöhnlich sind auf der Berme Sturmpfähle angebracht. Ist dies nicht der Fall und die Brustwehr zu niedrig, so bringt die Berme mehr Schaden als Nutzen, indem der Angreifcnde das Gewehr auf die Brustwehr legen und in die Schanze hineinschießen kann. In Festungen wird die Berme meist mit Dornsträuchen besetzt, um den stürmenden Feind aufzuhalten. In den alten Festungen ist die Berme dicht am Grabenrande mit einer kleinen crenelirten Mauer eingefaßt und heißt alsdann Rundenweg oder Rondengang. Bermudas Bern (Cautou) 262 Bermudas oder, wie die Engländer sie nennen, die Sommers-Inseln, können eigentlich nicht mehr zum Columbischen Archipelagus gerechnet werden, da sic nordöstlich von demselben, zwischen 32" 14> und 32°21< nördl.B., und zwischen 64" 4(V und 64" 52< westl. L. liegen. Sie bestehen aus mehr als 3VV kleinen nur wenig übcrder Meers' fläche emporragenden Korallenriffen, die auch in weitern Kreisen unter dem Wasser sich vcr breitend das Einlaufen in die beiden größer» Häfen, St. - George und Hamilton äußerst gefährlich machen. Nur fünf dieser Inseln, die St.-Davidsinsel und St. - Georgesinsel, Bermuda, Somerset und Jreland, sind bewohnt, und auch diese bringen seit der Negereman- cipation nichts als Pfeilwurzel und Cedernholz zur Ausftihr hervor. ,, Gemüse, Obst, Ge- treibe und Fleisch werden von den Vereinigten Staaten eingeführt. Überhaupt sind diese! den nur strategisch merkwürdig; aber in dieser Beziehung von so außerordentlicher Bedeutung, daß die brit. Regierung in der letzten Zeit über 10VV00 Pf. St. jährlich auf ihre Befestigung und aus die Gründung eines Marinearsenals verwendet. Da die nördliche Hälfte des amerik. Kontinents von Osten nach Westen einen Bogen bildet, und die B. beinahe im Mit telpunkt des Kreises liegen, dem dieser Bogen angehört, so läßt sich von ihnen aus Cap-Ha- teras von Nordkarolina und Halifax fast zu gleicher Zeit erreichen, und es könnte ein Geschwader, von hier ausgehend, sich leicht mit den brit. Kolonien in Nordamerika verbinden und jeden Hafen der Union bedrohen. Das Klima dieser Inseln ist mild und gesund; doch ist der Boden wenig fruchtbar und schlecht angcbaut. Das ganze Jahr hindurch, namentlich aber im Herbst, wüthen die furchtbarsten Orkane, sodaß die Häuser der Hauptstadt St.- Georgestown sämmtlich nur ein Erdgeschoß enthalten, und die Einwohner sprüchwörtlich von den Schiffbrüchigen leben. Die Zahl der Einwohner beträgt ungefähr 16000, worunter mehr als die Hälfte Farbige. Die Neger werden in den Waffen geübt. Die Negierung besteht aus einem Gouverneur, einem Rath von acht Gliedern, die der Gouverneur wählt und einer aus 36 von den Landeigenthümern gewählten Mitgliedern bestehenden Affemble'e. Juan Bermudez, ein Spanier, entdeckte die B. 1522. Im I. 1609 litt Sir George Sommers auf seiner Reise nach Virginien dort Schiffbruch, und seit 1612 ließen sich die Engländer, ohne daß die Spanier, die die Entdecker gewesen, widersprochen hatten, dort nieder. Schon 1626 erhielten die Inseln ihre jetzige constitutionellc Verfassung. Oberst Recd, der gegenwärtige Gouverneur, hat über die in jenen Gewässern herrschenden Stürme wichtige und höchst interessante Beobachtungen angestellt. Bern, der größte Kanton der Schweiz und zweiter Vorort, mit einem Flächenraum von l3S'/r, nach Andern nicht ganz 124 OM., ist von Basel-Land, Solothurn, Aargau, Luzern, Unterwalden, Uri, Wallis, Waadt, Freiburg, Neufchatel und franz. Gebiete umgrenzt und hatte 1842 eine Bevölkerung von427006 E-, die gegen des I. 1840 um 4757 gestiegen war. Die große Mehrheit der Einwohner bekennt sich zur reformirten Kirche; nur etwa 50060, meist in den 1815 mit B. vereinigten Bezirken des ehemaligen Bisthums Basel, sind Katholiken, unter denen zerstreut noch etwa 1000 Wiedertäufer wohnen. Im Norden ist der Kanton hügelig, mit schönen Ebenen und Thälcrn, mit fruchtbarem, sorg, sättig angebautcm 'Boden, zureichendem Getreidebau, Flachsbau, Obstzucht und etwas Weinbau. Hier liegt das Emmenthal, eines der wohlhabendsten, schönsten und fruchtbarsten Thäler der Schweiz, wo die Rindviehzucht vortrefflich ist und die bekannten emmen- thaler Käse einen Hauptzweig der Production bilden. Der südliche Theil hingegen, das Oberland mit den Hauptthälern Hasli, Grindelwald, Lauterbrunnen, Kandcr, Frutigen, Adelboden, Simmen, Saanen und zahlreichen Seitenthälern, nimmt am Fuße der hohen Bergreihe gegen Wallis seinen Anfang und zieht sich bis auf ihre oberste Höhe. Die tiefer» Thäler dieser Gegend bringen gutes Obst hervor, sind fruchtbar und angenehm; höher hinauf sind treffliche Alpenweiden, dann folgen kahle Felsen, ausgedehnte Gletscher und die höchsten Gebirge der Schweiz, das Finsteraarhorn, die Schreck-und Wetterhörner, der Eigcr und die Jungfrau. Auf dieser Gebirgskette entspringt die Aar nebst zahlreichen Nebenflüssen, die den Brienzer- und Thunersce und überhaupt den größern Theil des wasserreichen ßäntons durchströmt, der noch im Nordwcstcn vom Doubs und vom nördlichen Theile des Neufchatelersees begrenzt ist, und beinahe den ganzen Bielersee in sich faßt. Die Natur- schönhciten des Oberlandes, mit feinen Bcrgesriesen, Gletschern und Wasserfällen, seinen 264 Bern (Canton) Firnen und Mutten, ziehen jährlich zahlreiche Fremde an, woher den Bewohnern eine reiche Nahrungsquelle entspringt. Sonst ernähren sich diese hauptsächlich von Viehzucht und kunstreichen Holzschnitzereien. Der wichtigste Zweig des im Ganzen noch nicht hochgestie- gcnen Gewerbfleißcs besteht in Linnen- und Tuchfabrikation, besonders im Emmenthale. Im nvrcwestlichen Juragebietc bis nach Biel hat in neuester Zeit die Uhrenfabrikation großem Aufschwung genommen. Die Erzeugnisse dieser Industrien, hauptsächlich aber Käse (jährlich etwa 40000 Ctr.) und Holz, sind die Hauptartikel der Ausfuhr. Zur Förderung der verschiedenen Zweige der Production ist in den letzten Jahren durch Errichtung einer Cantonalbank zu B. und durch bessere Straßen- und Brückenbautcn Rühmliches geschehen oder begonnen. DasBundescontingcnt vonB- beträgt zu 3Mannaufje100E. I208IM. und der eidgenössische Geldbeitrag etwas über 148000 Schweizerfranken. B. ist noch jetzt nach der Plünderung des in der Hauptstadt angehäuften Staatsschatzes durch die Truppen der franz. Republik im 1.1798 im Besitze eines beträchtlichen Staatsvermögens und verhältnismäßig der reichste Staat in Europa, weshalb auch dir Abgaben nicht sehr beträchtlich sind und die noch ungleiche Vertheilung der Lasten ohne lebhaftere Unzufriedenheit ertragen wird. Das Budget der Ausgaben war für 1842 auf 2,844300, das der Einnahmen auf 2,701300 berechnet; für 1843 würde sich nach den Voranschlägen ein muthmaßlicher Überschuß der Einnahmen von etwas über Mill. Schwcizerfranken ergeben. Nachdem die Herrschaft der Römer durch die Alemannen zerstört war, siedelten sich im 5. Jahrh. Burgunder auf dem größer« Theilc des bernischen Gebiets an, das später den Franken unterwürfig, dann zu Ende des 9. Jahrh. ein Theil des kleinburgundischen und iml I. Jahrh. des Deutschen Reichs wurde. Aufdeutschem Reichsbvden ließ zu Ende des 12. Jahrh. Herzog Bcrthold V. von Zähringen den noch unbedeutenden Ort, die spätere Hauptstadt des Can- tons, durch Kuno von Bubenberg erbauen oder befestigen, zur Sicherheit seiner dortigen Gebiete, sowie zum Schutze des niedern Adels und der kleinern Gutsbesitzer gegen die Räubereien des mächtigem Adels. Eine noch im Archive zu B. aufbewahrte Handfeste Kaiser Fricdrich's II. erklärte 1218 die junge Ortschaft zur freien Reichsstadt und gab ihr die Stadt- rechte von Köln und Frciburg, und schon im 13. Jahrh. bevölkerte sie sich immer mehr durck Schutz suchende Adelige der Umgegend, wozu noch Landleute und besonders Bürger aus Frciburg und Zürich kamen. In noch höherm Maße geschah dies, als B. 1288 von Rudolf von Habsburg vergeblich belagert worden war und 1291 seinen eigenen feindlich gesinnten Adel überwunden hatte. Sein Ruhm und seine Macht stiegen durch die unter der Anführung Rudolfs von Erlach gewonnene glorreiche Schlacht bei Laupen am2I.Juni 1338, in welcher das dreimal stärkere Heer der gegen den aufblühenden Staat eifersüchtigen und verbundenen Ritter und Städte aufs Haupt geschlagen wurde. Beträchtlich erweitert, trat B. 1353 dem Bunde der Eidgenossen bei, wie es auch noch im Laufe des 14. Jahrh. durch Kauf und Eroberung sein Gebiet ansehnlich vergrößerte. Die 1405 größtentheils abgebrannte Stadt ward regelmäßiger wieder aufgebaut und nahm später ruhmvollen Antheil an den langen siegreichen Kämpfen der Eidgenossen mit Ostreich, Mailand, Burgund und Spanien. B.s Herrschaft erstreckte sich schon im Anfänge des 15. Jahrh. nach der Eroberung des untern Aargaus im 1.1415 und nach der Theilnahme an der Eroberung Badens von den Grenzen von Wallis bis an den Jura. Es entriß 1536 das ganze Waadtland den Herzogen von Savoyen, das fortan, wie die andern eroberten Länder, durch Landvögke verwaltet wurde, sodaß die Stadt, deren Gebiet im ersten Jahrhundert nur aus einigen Viehweiden und Wäldern bestand, jetzt dasselbe auf einen Flächenraum von 236 lUM. aus- dehntc. Schon 1528 hatte in B. nach geringem Widerstande die Kirchcnverbesserung Eingang gefunden, das darauf mit Zürich an die Spitze der reformirten Schweiz trat. Ursprünglich herrschte demokratische Rechtsgleichheit in B., wie davon die ältesten Urkunden und noch im 16. Jahrh. die Kriegserklärung gegen Savoyen Zeugniß geben; doch wurden die durch Einsicht, Kriegskunde und einflußreiche Verbindungen ausgezeichneten Mitglieder des Adels vorzugsweise zu den ersten obrigkeitlichen Ämtern berufen. Um j die Demokratie zu organisiren, nicht aber um eine Aristokratie an ihre Stelle zu setzen und zur Beschränkung des Misbrauchs der obrigkeitlichen Gewalt, ward zu Ende des 13. Jahrh. dem Schultheißen und Rath ein Gesetzgebender Ausschuß der Bürgerschaft von 200 achtbare» 265 Bern (Canton) Männern zugcordnet. In Hauptsachen blieb jedoch der in vier Quartiere getheilten Gemeinde die Entscheidung. Jedes Quartier wählte für den Krieg einen Vcnner, der das Banner führte und im Frieden die Macht eines Volkstribuns oder Zunftmeisters besaß. Noch im I. I -170 züchtigte die Gemeinde die Anmaßungen des Adels, der dieStadt verließ, aber schon im folgenden Jahre dahin zurückkehrte. Diese demokratische Herrschaft dauerte bis zur Eroberung des Waadtlandes. Von da an ward die Bürgerschaft in Staatssachen nicht mehr befragt, während der Große Rath der Zweihundert immer ausgedehntere Machtbefugnisse an sich riß und der eigentliche Souverain wurde. Durch den Großen Rath wurde vorerst die Aufnahme neuer Bürger beschränkt, dann verboten, und cs entstanden nun vielfache Abmarkungen zwischen den sogenannten Ewigen Einwohnern der Stadt und WirklichenBürgern, sowie unter den letztem zwischen nichtadeligen und adeligen, zwischen nichtregicrcndcn und regierenden Bürgerfamilien oder eigentlichen Patriziern, aus denen herkömmlich alle obersten Ämter besetzt wurden. Selbst unter den Patriziern wurden wieder die hohen oder großen von den übrigen unterschieden. Der souverainc Rath ergänzte sich selbst durch einen Ausschuß, d. h. er bestätigte sich jährlich in der Zahl der Glieder, die er gerade hatte, und besetzte die erledigten Plätze von Zeit zu Zeit aus den regimentsfähigen Bürgern. So schrumpfte die ursprüngliche Demokratie erst zur mehr factischcn als rechtlichen Aristokratie, endlich zur eigentlichen Oligarchie ein. Wie fortan wenige Geschlechter die Stadt regierten, so herrschte diese über das eroberte und erkaufte Land, wofür sich übrigens die Maxime bildete, die einzelnen Gebietstheile in der Regel bei ihren besonderen Rechtsamen und Gewohnheiten zu gelassen. Sie wurden von Landvögten, die den patrizischen Familien angehärtcn, verwaltet, und diese Landvogteicn, als höchst einträgliche Ämter, halfen wieder den Glanz und die Macht der Patrizier erhöhen. Äuch eine wohlbcsoldete Geistlichkeit, deren Glieder meist ausstädtischenBürgerfamilienstammten, trug dazu bei, das leiblich und geistlich untcrthänige Landvolk unter der oligarchischen Herrschaft zu halten. In den beständigen Fehden und Kämpfen, welche die Stadt in den ersten Jahrhunderten anfangs zu ihrer Erhaltung, später aber zur Ausdehnung ihrer Gewalt bestand, entwickelte sich jener stolze kriegerische Geist im sogenannten Venedig der Alpen, der einst den Berner sagen ließ, Gott selbst sei in seiner Stadt Bürger geworden. Dagegen hatte B. einen minder eingreifenden Antheil als Zürich, Genf und Basel an der geistigen Bewegung, wenngleich in der neueren Zeit einzelne bedeutende Männer hervorragten. Auch die Politik seiner Staatsmänner mußte sich endlich zur bloßen Gcschäftsrvutine verknöchern, die den veränderten Culturverhältnissen nicht mehr gewachsen war, wie sehr man sich auch bemühte, ihr wenigstens den leeren Schein der blos äußerlichen Würde zu bewahren. Dieses erstarrte Junkerthum vermochte indessen die Strömung der Zeit nicht zu hemmen. Mit dem größer« Wohlstände und der zunehmenden Bildung in den bedeutendem Landstädten, wie Lausanne, Aarau, Thun, Burgdorf u. s. w., steigerte sich das Selbstgefühl dieser Orte, sodaß jede Zurücksetzung daselbst bitterer empfunden wurde. Selbst in der Stadt B-, wie sehr man hier in der Behauptung der Oberherrschaft über das Land einig schien, entstand Spannung zwischen den verschiedenen Classcn, in deren Folge die Patrizier sich veranlaßt sahen, der übrigen Bürgerschaft einige, aber sehr unwesentliche Concessionen zu machen. Unter solchen Umständen vermochte die erlahmte bernische Oligarchie den Erschütterungen der franz. Revolution um so weniger zu widerstehen. Die Vereinigung von 52 Repräsentanten der 'Unterkhanen mit dem souverainen Rache in B. kam zu spät; schon hatten sich Waadt und der Aargau erhoben, und wenige Tage nach dem unglücklichen Treffen vom 2. März 1798 gegen die Truppen der franz. Republik zogen die Sieger in die Hauptstadt ein. Das Gebiet des Staats zerfiel jetzt, für die Dauer der Helvetischen Republik, in die besonder« Bestand- theile Waadt, Aargau, Oberland und B., von denen die beiden letztem bald wieder vereiniget wurden, die erstem aber während der Mediationszeit selbständige Cantone blieben. Die Ereignisse des I. 1813 und der Einmarsch der Östreicher in die Schweiz weckten von neuem die Hoffnungen der Oligarchie, die es sogar auf Herstellung der alten Herrschaft Uber die abgerissenen Landestheile abgesehen hatte; dagegen erhoben sich jedoch kräftig der Aargau und Waadt, worauf der wiener Congrcß die Selbständigkeit dieser beiden Cantone anerkannte, während B. durch den größer« Thcil des ehemaligen Bisthums Basel entschädigt N 1 260 Benr (Canton) wurde. Unter den, schreckenden Eindrücke verfremden Bayonnctte halte inzwischen die berner Oligarchie nichts Eiligeres zu thun, als die frühere aristokratische Verfassung mit geringen und blos scheinbaren Concessionen für das demokratische Element wieder ins Leben zu rufen. Dem wiederhergestellten Rathe der Zweihundert aus regierungsberechtigten Stadtbürgern wurden '.«'.»Mitglieder aus Städten und Landschaften des ganzen Cantons beigefügt. Allein die frühem Gründe der Unzufriedenheit dauerten fort, und diese kam zum Ausbruche, als die franz. Julirevolution der Schweiz den Anstoß zu neuen Bewegungen gegeben hatte. Das Land nahm eine drohende Haltung, und selbst die Bürgerschaft der Hauptstadt zeigte keine Lust, sich dem patriotischen Interesse zu opfern. Auf die energische Erklärung einer zu Münstngen am 10. Jan. 1631 gehaltenen Volksversammlung von Männern aus allen Theilen des Cantons berief der Große Rath einen von den 27 Amtsbezirken gewählten Verfassungsrath und dankte ab. Seinem Beispiele folgten die meisten in öffentlichen Ämtern stehenden Patrizier. Die neue am 31. Juli 1831 angenommene Verfassung gab einem Großen Rathe von 2-1« aufsechs Jahre gewählten, alle zwei Jahre zu einem Drittheil austretendcn, aber wieder wählbaren Mitgliedern, die gesetzgebende und oberaufsehende Gewalt. Die regelmäßige Bedingung der Wählbarkeit ist, außer dem gesetzlich bestimmten Alter, der Nachweis eines Grundeigenthums oder versicherten Kapitals von 5000 Schweizerfranken. Jede Gemeinde ernennt als Urversammlung auf je 10« Einwohner einen Wahlmann. Die Wahlmännec vereinigen sich in allen Amtsgerichtsbezirken zu Wahlversammlungen, die im Ganzen 200 Deputirte ernennen; die übrigen 40, sowie den jährlich wechselnden Präsidenten, den Landamman, wählt der Große Rath. An der Spitze des aus 16 Mitgliedern bestehenden Regierungsraths, die zugleich Mitglieder des Großen Raths sein müssen, steht der Schultheiß. Dem Regierungsrathe sind sieben Departements für diplomatische Angelegenheiten, Inneres, Justiz und Police!, Finanzen, Erziehung, Militair und Bauwesen untergeordnet; die Präsidenten und Vicepräsidenten dieser Äbtheilungen sollen zugleich Mitglieder des Regierungsraths sein. Die Justiz wird von einem Obergerichte, einem peinlichen Gerichte der ersten Instanz, sodann von den Amtsgerichten, Handelsgerichten und Kriegsgerichten ausgeübt. Die Gemeindeversammlungen wählen ihre Vorgesetzten aus höchstens sechs Jahre und die einzelnen Gcmeindeverfassungen unterliegen der Genehmigung des Regierungsraths. In der Gesetzgebung sind die schon im 15. Jahrh. gesammelten, in den drei folgenden Jahrhunderten revidirtcn Stadtsatzungen, wozu spätere Civilgesetze und die Ehegerichtssaßung von 1787 einen Anhang bildeten, seit 1816 einer neuen Revision unterworfen worden. DaS Strafgesetzbuch ist vom 7. Juli 1832. Nach dem Sturze der städtischen Oligarchie und nach dem Rücktritte der meisten Patrizier aus öffentlichen Ämtern lag eS in der Natur der Sache, daß die Gewalt zumeist in die Hände der Notabilitäten der Landstädte überging. Die neuen Machthaber waren zum großen Theile unerfahren in Geschäften und mit daraus sowie aus manchen vorüberge- gangenen Schwierigkeiten der innern und äußern Lage erklären sich die Schwankungen der berner Politik seit 1831. Dazu kam die bald eingetretene Spaltung der herrschenden Partei in eine nationale und radical cantonale Fraction, die nur in ihrem Widerstande gegen die Aristokratie einig waren, sonst aber in scharfer Opposition einander entgegenstanden. Insbesondere verschuldete die letztere Fraction eine Reihe Willkürlichkeiten, wodurch die Politik des Cantons eine Zeitlang in Miscredit kam. Dahin gehört ein Versuch gegen die Unabhängigkeit des aristokratischer Tendenzen beschuldigten Obergerichts, das Attentat gegen die neugegründete Hochschule durch den Antrag auf jährliche Kündbarkeit der Professuren, der indessen verworfen wurde, die rechtswidrigen Maßregeln gegen die aristokratischen Sicherheitsvereine im I. 1837 und die Ausweisung des Professors L. Snell u.Ä. Dagegen mochte sich in einem höher» Interesse die theflweise Aufhebung der sogenannten Familienkisten oder des gemeinsamen Besitzes mehrer aristokratischer Familien an Liegenschaften und Capitä- lien wol rechtfertigen lassen. Auch zum Beginne des viele Jahre dauernden und erst in der neuesten Zeit vergleichmäßig eutschiedenen sogenannten Dotationsprocesses über Thcilung des Vermögens von Stadt und Staat, sowie hinsichtlich der Frage nach der mediationsmäßigen Dotation der Stadt B. von 1803 durfte sich die Negierung befugt halten, wenngleich einzelne damit in Verbindung gekommene Maßregeln als überflüssig hart erschienen. Noch 267 Bern (Stadt) größeres Aufsehen machte der seit 1832 unter vielfachen Unregelmäßigkeiten hingezogene und erst am 30. Dec. 1839 entschiedene Hochverrathsproceß wegen reaclionairer Versuche der aristokratischen Partei. Die verhängten Strafen betrafen zum Thcil die Mitglieder angesehener patrizischer Geschlechter, und cs ward , lebhaft in der Frage der Amnestiecrklärung Partei ergriffen. Es war aber die Zahl der Gegner so groß, daß sick der Große Rath im Widerspruche mit dem auf allgemeine Amnestirung gerichteten Anträge des Rcgicrungsraths nur für Begnadigung auf vorgängiges Ansuchen der Betheiligten erklärte. Zn schwierige Verhältnisse kam die berner Regierung durch die katholische Bevölkerung der leberbergischen Ämter. Im Zusammenhänge mit den katholischen Bewegungen in andern Theilen der Schweiz gab es schon im Sept. 1835 bei der Wahl eines Gemeinderaths zu Pruntrut einige Unordnungen, welchen Geistliche nicht fremd schienen. Aus derselben Gegend ging eine Petition mit etwa 8000 Unterschriften gegen die badener Artikel nach B. ab, die jedoch am 20. Febr. 1836 mit starker Mehrheit vom Großen Rache angenommen wurden. Noch blieb das Volk im Jura mehre Tage ruhig, und es scheint dem Klerus einige Anstrengung gekostet zu haben, es in Gährung zu bringen. Als es darauf zu Ercefsen und dann zu bewaffneten Zusammenrottungen kam, ließ die Regierung Truppen in den Jura rücken, was auch ohne Widerstand geschah, nachdem man zuvor die Bewohner durch eine Proclamation beschwichtigt. Bald darauf, am 2. Juli, beschloß der Große Rach, im Widerspruche mit seiner frühern Resolution, mit dem Papste in Unterhandlung über die Ausführbarkeit der -adener Artikel zu treten, was nichts Anderes als eine vollständige Beseitigung derselben war. Auf eine weitere Probe wurde die Regierung durch die stets dringendere aber wiederholt zurückgewiesene Federung des Jura gestellt, zur franz. Gesetzgebung zurückkehren zu dürfen, während es sich um Ausarbeitung und Einführung gemeinsamer Gesetze für den ganzen Canton handelte. Zu Anfang des I. 1840 war die Aufregung unter den franz. Bewohnern wieder hoch genug gestiegen, um die Absenkung besonderer Commiffare mit ausgedehnten Vollmachten nothwendig zu machen. Die Bedrohung mit strengem Maßregeln und die Flucht des Haupts der Unzufriedenen, Stockmar, stellte indessen dieRuhe wieder her, und Neuerdings ist mit dem Anträge aus Verbesserung der Besoldung der niedern katholischen Geistlichkeit eine weitere versöhnliche Maßregel in Anregung gekommen. Noch größere Blößen gab sich die bernische Politik in den frühern Beziehungen zum Auslande, wie diese namentlich durch die Flüchtlingssache hervorgerufen wurden. (S. Schweiz.) Doch scheint sich auch in B. die alte Erfahrung zu bewähren, daß die freie Strömung des Volksgeistes endlich diejenigen Männer in die Höhe hebt, die den Verhältnissen gewachsen sind. Denn mag auch die Zeit der Mis- griffe noch nicht völlig vorüber sein, so läßt sich doch ebenso wenig leugnen, daß die Politik B.s in der neuern Zeit, zumal in der aargauischen Klostersache und unter der energischen Leitung des Schultheißen Neuhaus eine entschiedenere Haltung gewonnen, und daß die eidgenössische Bedeutung dieses Cantons in dem Maße gestiegen ist, als sich diejenige des Cantons Zürich seit 1839 vermindert hat. Die gleichnamige Hauptstadt des Cantons mit 22000 E., auf einer Halbinsel, welche die Aar umfließt, ist eine der bestgebauten Städte in der Schweiz. Die Straßen sind meist gerade, breit und gut gepflastert, die Häuser größtentheils mit Arcaden versehen. Merkwürdig sind besonders das gothische, 160 F. lange und 50 F. breite Münster mit einem >90 F. hohen Thurme, die 1122 erbaute Heiligegeistkirche, die Stadtbibliothek mit dem Museum, die Münze, das Waisenhaus, das geräumige und prächtige Bürgcrhospital, das valastähnliche Krankenhaus, die Insel genannt, mit einem Vermögen von nahe an drei Will. Schweizcrfranken, das aus schönem Eiscngitter bestehende Murtncrthor und das besonders an Harnischen und Waffen des Mittelalters reiche Zeughaus. Unter den wissenschaftlichen Anstalten steht oben an die 1834 eröffnete Hochschule mit etwa 20 Professoren, ebenso viel Privatdocenten und ungefähr 230 Studenten; nächst ihr sind zu erwähnen das Gymnasium, die akademische Zeichenschulc und der Künstlerverein. Unter den mehren gelehrten Gesellschaften hat sich besonders die Ökonomische Gesellschaft große Verdienste um die Verbesserung der Landwirtschaft und die Kcnntniß der Schweiz in naturhisto- ri>cher Hinsicht erworben. Der Schweizer, geschichtsforschenden Gesellschaft verdanken wir die Herausgabe mehrer die berner Vorzeit betreffenden Chroniken, wie der von Justinger 268 Bernadotte Bernauer (Agnes) (1818), der von Schachtlam ( 1820 ) und der von Anshelm (1825). Die 1802 gestiftete Galerie vaterländischer Naturgeschichte enthält Säugcthierc, Vögel, Schmetterlinge, In- selten und Kräuter der Schweiz. Die öffentliche Bibliothek zählt 30000 Bände und besitzt sowol an gedruckten Büchern wie an Handschriften, namentlich für die Schweizerge- schichte, große Schätze. Auch haben mehre Privaten ansehnliche Kunstsammlungen. Ge- wcrbfleiß und Handel nehmen antcn Fortgang; die Fabriken liefern Wollentuch, gedruckte Leinwand, Seidenzeug, Strümpfe u. s. w. Wenige Städte haben schönere Spaziergänge; namentlich zeichnet sich die mit vier Baumrcihen besetzte Plateform aus, auf welcher das Münster steht. Die nach der Aar zugchende Seite erhebt sich 108 F. über den Fluß, welcher hier einen schönen Fall bildet, der dem des Rhein bei Laufen zwar nicht an Höhe, wol aber an Breite gleichkommt. Vgl. Tscharncr, „Historie der StadtB." (2 Bde., Bern 17 65—88); Haller und Heinzmann, „Beschreibung der Stadt B." (2 Bde., Bern 1793—96); Wald- hard, „Description et instar. cke la vills Oe II." (Bern 1829) und A. von Tillier, „Geschichte des eidgenössischen Freistaats B." (5 Bde., Bern 1838). Bernadette, Fürst von Ponte-Eorvo, s. Karl XIV. Johann. Bernardin de Saint-Pierre (Jacq.Henri), s. Saint-Picrrc. Bernauer (Agnes), die ebenso schöne als tugendhafte Tochter eines armen Bürgers, KasparB. zu Augsburg, der ein Bader war. Herzog Albrecht von Baiern, einziger Sohn des regierenden Herzogs Ernst, sah die Jungfrau zuerst bei Gelegenheit der ihm zu Ehren von den Adelsgeschlechtcrn zu Augsburg gegebenen Turnierfeierlichkeiten und wurde sogleich in heftiger Liebe zu ihr entzündet. Agnes ihrerseits, vbwol nicht unempfindlich gegen die männliche Schönheit und den hohen Rang des 28jährigen, noch unverheirarheten Jünglings, war dennoch zu fromm und rein in ihren Sitten, um in die ihr gemachten Anträge einzu- willigen, bis Albrecht versprach, sich mit ihr zu vermählen. Sie wurden hieraufheimlich miteinander verbunden, und Albrecht führte seine junge Gemahlin aus das von seiner Mutter ererbte Schloß Vohburg. Hier lebten sie ihrem ehelichen Glücke ungestört, bis Albrecht'S Vater den Plan faßte, seinen Sohn mit Anna, Herzog Erich's von Braunschweig Tochter, zu verheirathen. Der beharrliche Widerstand, den er damit bei dem Sohne fand, belehrte ihn bald über die Liebe desselben zur Augsburgerin und über die außerordentliche Heftigkeit dieser Leidenschaft, und er beschloß hierauf, gewaltthätig durchzugreifen. Zuerst hatte er es demnach veranstaltet, daß seinem Sohne bei einem festlichen Speerbrechen zu Regensburg „als Einem, der wider Turnierordnung mit einer Jungfrau in Unzucht lebe", die Schranken verschlossen wurden. Albrecht schwur, Agnes sei seine Gemahlin; vergebens, man glaubte ihm nicht, er wurde aufs neue zurückgewicsen. Da ließ er Agnes fortan als Herzogin von Baiern öffentlich ehren, gab ihr zahlreiche Dienerschaft gleich einer Fürstin und die Burg Straubing zum Wohnsitz. Sic, voll schwermüthiger Ahnung eines finstern Schicksals, stiftete hier im Kreuz- gang bei den Brüdern von Karmel Betgewälbe und Grabstätte. So lange Albrecht'S Oheim, Herzog Wilhelm, der seinen Neffen herzlich liebte, am Leben war, wurde gegen das Glück der Liebenden nichts weiter unternommen. Aber nach seines Bruders Tode hielt Herzog Ernst seinen Unwillen nicht länger zurück, ließ in Albrecht'S Abwesenheit Agnes verhaften und befahl ihre schleunige Hinrichtung. Der Zauberei beschuldigt, mit der sie es Herzog Albrecht angethan, wurde sie am 12. Oct. 1335 gebunden von Henkersknechten zur Donaubrücke geschleppt und vor allem Volke in den Strom geworfen. Die Fluten trugen sie schwimmend wieder ans Ufer. Da eilte einer der Henker hin, erfaßte mit der langen Stange ihr schönes, goldenes Haar und drückte sie damit unter die Wellen nieder, daß sie ertrank. Ergrimmt über diese Unthat, griff Albrecht zu den Waffen gegen seinen Vater und verwüstete, mit den Feinden desselben verbündet, weithin das Land. Vergebens suchte Herzog Ernst den Sohn mit Bitten zu erweichen. Den Mahnungen des Kaisers Sigismund und den Bitten der Freunde gelang es spät erst, Albrecht an den Hof seines Vaters zurückzuführen, wo er denn endlich auch willig mit Anna von Braunschweig sich vermählen ließ. Um die verlorene Liebe des Sohnes wicderzugewinnen, befahl Herzog Ernst selbst über dem Grabe der Ermordeten ein Betkirchlein aufzubauen, und Albrecht stiftete ihr, noch in ihrem Todesjahre, tägliche Messen bei den Karmelitern zu Straubing, ja noch zwölf Jahre hernach, erneuerte er die Stiftung und ließ die Gebeine der „ehrsamen Frau" in die von ihr einst ersehene Ruhe flä un spi der N- Uf sch in odi Ac Ar lick bei jcd 18 bei S Di bei ist wo an tel in S ih, ur ni V de ge sei m de ve K la d> ai kc st g g si b s stete Jubele- Ge- ackte nge; das lcher aber K8); !ald- llier, zech iohn hren ileich i die ings, !n;u- mit- utter echt's - chtey eidil >ieser «nach nein, offen ,t, er fenl- zum reuz- >eini, kder xrnst und recht e geilend ines, über Zem- öohn »der io er mne c Er- ! ahre, etc er i kuhc Bernburg Bernhard (Herz, von Weimar) 269 flätte tragen und mit marmornem Grabstein decken. Lange sang das Volk von Albrecht's und Agnes' unglücklicher Liebe. Den Stoff bearbeitete Graf Törring in einem Trauerspiele (Münch. 1780, neue Aust., Manh. l 701), so auch Jul. Körner (Lpz. 1821). Bernburq, die Hauptstadt des Herzogthums Anhalt-Bernburg (s. Anhalt) und der Sitz der Behörden, zu beiden Seiten der Saale, mit 6000 E-, zerfällt in die Alt- und Neustadt, mit der Vorstadt Waldau am linken Ufer und der Bergstad't am hohen rechten Ufer, welche durch eine schöne, theilwcis massive Brücke verbunden sind. Unter mehren an- sehnlichen Gebäuden ist das zum Theil noch sehr alterthümlicheSchloß mit schönem Garten in der Bcrgstadt am bemerkcnswerthcsten. Unter den vier Kirchen zeichnet sich die Stadt- odcr Marienkirche aus; auch hat die Stadt ein Gymnasium. Die Bewohner betreiben neben Acker-, Obst- und etwas Weinbau Fischerei, namentlich Lachsfang, städtische Gewerbe aller Art und Fabriken auf Fayence, Papier, Taback und Stärke; auch unterhalten sie einen ziemlich ansehnlichen Handelsverkehr. Berner (Friedr. Wilh.), Kirchencomponist und Orgelspieler, gcb. zu Breslau am 16. Mai 1780, zeichnete sich schon im neunten Jahre als Klavierspieler aus, machte seit 1794 bereits Versuche in der Komposition, erlernte mehre musikalische Instrumente und benutzte jede Gelegenheit, sich in der Tonkunst weiter zu bilden. So reiste er, um Türk's Vorlesungen zu hören und an dessen wöchentlichen Aufführungen Theil zu nehmen, nach Halle. In der Folge zog er von K. M. v. Weber's Freundschaft, der, an das dortige Theater berufen, von 1804—6 sich in Breslau aufhiclt, bedeutenden Vortheil. Seitdem wirkte er vortheilhast für den Gesang. Später wurde er Lehrer dev theoretischen Musik an der Universität und dem Schullehrerseminar, und nach Eröffnung des akademischen Singinstituts für die Kirche dessen Director. Zugleich war er Organist an der Elisabethkirche und erwarb sich den Nus eines der vorzüglichsten Orgelspieler. Mehre seiner Lieder fanden großen Beifall, besonders aber ist er als Kirchencomponist hochgeschätzt und ausgezeichnet sein 150. Psalm. In Folge seiner wankenden Gesundheit zog er sich in den letztem Lebensjahren fast ganz zurück und starb am 9. Mai 1827. Bernhard (St.-), s. Wernhardsberg. Bernhard von Clairvaux, der Heilige, einer der einflußreichsten Geistlichen des Mit- telalters, geb. 1091 zu Fontaines in Burgund, aus adeligem Geschlecht, ward 1113 Mönch in Citeaux und 1115 erster Abt von Clairvaux bei Langres. Strenge Lebensweise, einsame Studien, ergreifende Beredtsamkeit, freimüthige Sprache, der Ruf eines Propheten machten ihn zu einem Orakel des christlichen Europa. Man nannte ihn den „honigfließenden Lehrer" und seine Schriften „einen Fluß des Paradieses". Die Lehre von der unbefleckten Empfäng- niß Maria's, die sich damals in der stanz. Kirche geltend zu machen suchte, verwarf er. Große Verdienste erwarb er sich um den Kister cienserorden (s. d.). Er beförderte vorzüglich den Kreuzzugim J. 1146 und stillte die damals in Deutschland von Mönchen erregte Gährung gegen die Juden. Jede Erhebung zu höhern Würden lehnte er ab; dagegen war er als Abc seines geliebten Jerusalems, wie er Clairvaux zu nennen pflegte, in aller Demuth der frei- müthigste Sittenrichter der Geistlichkeit, der treue, aber ernste Rathgeber der Päpste, unter denen ihm Jnnocenz II. seine Anerkennung in Deutschland und Eugen III. seine Bildung verdankten, der Schiedsrichter der Fürsten und Bischöfe, und seine Stimme galt auf den Kirchenversammlungen wie eine göttliche. Der kalten Spekulation und Dialektik der scholastischen Philosophen hielt seine strenge Rechtgläubigkeit und wol bisweilen schwärmende, doch immer auf thätiges Christenthum dringende Mystik ein heilsames Gegengewicht, wenn auch seine Unduldsamkeit gegen Abälard und Gilbert von Porree keineswegs gebilligt werden kann. Luther sagt von ihm: „Ist jemals ein gottesfürchtiger und frommer Mönch gewesen, so war's St.-Bernhard, den ich allein viel höher halte denn alle Mönche und Pfaffen auf dem ganzen Erdboden." B. starb am 20.Aug. 1153 und wurde von Alexander III. 1I74hcilig gesprochen. Die beste Ausgabe seiner Schriften, die im Geiste der reiner» Mystik geschrieben sind, besorgte Mabillon (2 Bde., Par. 1696; 2. Ausl., 1719). Vgl. A. Neander, „Der heil. B. und sein Zeitalter" (Berl. 1813) und Ellendorf, „Der heil. B. und die Hierarchie seiner Zeit" (Essen 1837). Bernhard, Herzog von Weimar, einer der berühmtesten Feldherren im Dreißig- 27 « Bernhard (Herzog von Weimar) W W jährigen Kriege, geb. am 6. Aug. 160-1, war der jüngste der acht lebenden Söhne des Her- zogs Johann III. von Sachsen-Weimar. Bereits im ersten Lebensjahr verlor er durch einen unerwarteten Tod seinen Vater; auch seine Mutter Sophie Dorothea, die im Verein mit dem als Staatsmann und Geschichtschreiber geschätzten Hortleder seine Erziehung trefflich leitete, starb leider schon,, ehe er noch volle l 3 Jahre zählte. Er bezog hierauf mit seinem Bruder Friedrich Wilhelm die Universität zu Jena, konnte aber bei der reinpraktischen Richtung seines Geistes der Beschäftigung mit den Wissenschaften keinen Geschmack abgewinnen, weshalb er die Universitär bald wieder verließ und zwei Jahre an dem Hofe des Herzogs Johann Kaff j mir zu Koburg in ritterlichen Übungen zubrachte. Beim Ausbruche des Dreißigjährigen Kriegs griffen seine drei ältesten Brüder Johann Ernst, Friedrich und Wilhelm zu den Waffen und kämpften für die Sache des Protestantismus gegen den Kaiser. B. folgte ihrem Beispiele und trat zuerst in das Heer seines Bruders Wilhelm, machte mit demselben unter dm Markgrafen von Baden 1622 die blutige Schlacht von Wimpfen, dann unter Christian vor Braunschweig 1623 das unglückliche Treffen bei Stadtlohe mit und ging hierauf in holl, Dienste, die beste Kriegsschule damaliger Zeit. Später diente er als Oberst mit seinem Bruder Johann Ernst unter Christian I V. von Dänemark, nahm an dem kühnen Feldzuge Manm- feld's, den dieser durch die Mark und Schlesien bis Ungarn machte, Antheil und vereinig!! sich nach dem plötzlichen Tode des.Letzter» wieder mit den Dänen unter dem Markgrafen vor Baden-Durlach. Das Unglück, das die dän. Waffen fortdauernd verfolgte, und die Bitter seiner Brüder, welche die Vollstreckung der Reichsacht gegen ihn von dem Kaiser fürchteten, bewogen ihn, aus den dän. Diensten zu treten und nach Weimar zurückzukehren. In die Zei! seines dasigen Aufenthalts fällt die Reise nach Herzogenbusch, um der von dem Prinzen von Lranien geleiteten, berühmten Belagerung dieses Ortes beizuwohnen, ferner mehre, Haupt sächlich die Einschränkung der kaiserlichen Willkür betreffende politische Missionen, dien zwischen den kurfürstlichen und herzoglichen Höfen übernahm. Als endlich der Schwcdm könig Gustav Adolf 1631 in Deutschland erschien, warB. einer der ersten deutschen Fürsten, die sich ihm freiwillig zuwandten, und mit den Feldzügen unter diesem Monarchen beginn! die letzte undglänzendstePcriodeseineskriegerischenLebens. Gleich nach seiner Ankunft dem schwed. Heere machte er sich in dem Treffen bei Werben an der Elbe am 28. Juli durch einen kühnen Streich, den er ausführte, bemerklich. Der König gab ihm zwar deshalb eim» Verweis, übertrug ihm aber bald darauf die Führung dreier Reiterregimenter. Nächstdm nahm B. an der Erstürmung des Schlosses Marienberg bei Würzburg Antheil, erobert! durch eine Kriegslist am Ende desJ. 1631 die wichtige Feste Manheim, sowie zu Anfang der 1.1632 noch mehre andere Plätze, befehligte eine Zeit lang ein abgesondertes Heer mit Ruhi« und Glück und vereinigte sich mit dem Könige erst wieder im Lager vor Nürnberg, wo er sei« früher bewiesene Tapferkeit aufs neue vielfach bewährte. Nach Gustav Adolfs Aufbruch von Nürnberg nach Baiern blieb B. mit einem Heere zur Deckung Frankens zurück und sm von neuem zum Könige, als dieser im Oct. Wallenstein entgegen nach Sachsen zog. In brr Schlacht bei Lützen am 6. Nov. 1632 befehligte er den linken Flügel der Schweden, übernahm nach dem Tode des Königs das Commando und errang, obgleich selbst hart verwundet, durch beispiellose Anstrengung den Sieg. Zu Anfang des 1.1633 übertrug ihm der Kanz-, ler Oxenstierna, welcher schwed. Kreisdirector in Deutschland war, den Befehl über die Hälft des Heers. B. nahm Bamberg, Kronach, Hochstädt und Eichstädt ein; der Angriff aus Ingolstadt aber mislang. Jndeß war im schwed. Lager bei Donauwerth eine Empörung ausgebrochen und mit drohendem Ungestüm foderten die Offiziere die Erfüllung der von Gustav Adolf ihnen gemachten Versprechungen, die Gemeinen die rückständige Besoldung, Da errang B. von Oxenstierna das schon vom Könige ihm zugesicherte Herzogthum Franken als schwed. Lehen und stillte dann, nicht minder durch Geldvorschüsse als durch sein Ansehen und seine Thätigkeit, dm Aufruhr der erzürnten Soldaten. Mit neuem Vertrauen folgte ihni nun sein Heer, das jetzt aus 24000 M. bestand, und mit dem er die Donau hinunter Altrin-i ger cntgegenzog. Beide Heere standen sich eine Zeit lang gegenüber, aber Altringer verwirf jede Schlacht, zog vielmehr seitwärts nach Breisach ab und gab dadurch B. Gelegenheit^ Regensburg, den Schlüssel von Baiern, durch Capitulation den 6. Nov. 1633 einzunehmen.- Johann von Werth vor sich hertreibend, drang er hierauf tiefer in Baiern ein, ließ sich von 271 -her- einen dem itete, rüder eines shalb Kaff rigen affen spiele dm vor holl, Bm NMk- lnig» nvm Zitter teten, Zeü «o» am die er >eden- rsten, ginn! beim rch» einen stdm obeck ig der stuhin seine von sti-k ider über- von düng, anken ihm llttim, rmie!' nheit, ^ hmen,> von Bernhard (Herzog von Weimar) den bair..Winterquartieren aus in Unterhandlungen mit Wallenstein ein, die aber des gegenseitigen Mistrauens wegen zu keinem Ziele führten, machte auch, gleich nach Wallenstcin'S Ermordung, am l 5. Febr. 163-1, eineDivcrsion, um die Verwirrung, die durch dieses Ereigniß entstehen sollte, zu benutzen, kehrte aber, als die Truppen dem Kaiser treu blieben, wieder in seine Quartiere zurück. Um Nördlingcn zu entsetzen, wagte er, trotz dem Widerspruche Horn's, eine Schlacht mit dem weit starkem östr. Heere unter Gallas am 27. Aug. 1634, erlitt aber eine schwere Niederlage, durch welche ihm sein Herzogthum Franken verloren ging lind der bald darauf folgende Austritt Kursachsens und Brandenburgs aus dem Heilbronner Bunde vorbereitet wurde. Nur langsam und unter dem Beistände Oxenstierna's sammelte sich eine neue Armee, mit der er jedoch, weil sie zu schwach war und man ihn ohne die nöthi- gen Geldmittel ließ, anfangs nur kleine Unternehmungen machen konnte. Er mußte sehr bald vor der Übermacht seiner Gegner in die Pfalz, dann in die Wetterau und Bergstraße zurückweichen, konnte selbst im folgenden Jahre, obwol von franz. Hülfstruppcn einigermaßen unterstützt, den Main und Rhein nur mit abwechselndem Glücke behaupten und mußte sich zuletzt auf das linke Rhcinufer zurückziehen. Unwillig über diese Thatenlosigkeit und seines Verhältnisses zu dem immer ohnmächtiger werdenden schwed. Kanzler und Heilbronner Bunde überdrüßig, die ihn ohne Hülfe ließen, gab B. den Anträgen Frankreichs, das die Fortschritte der kaiserlichen Waffen zu fürchten anfing. Gehör und schloß am 17. Oct. 1635 für seine Person mit Richelieu zu St.-Germain-en-Laye einen Vertrag ab, durch welchen ihm -1 Mill. Livr, jährlicher Hülfsgelder zur Erhaltung eines Heers von 12060 M. deutscher Fußvölker und 6600 Reitern nebst der nöthigen Artillerie, die er unter franz. Hoheit befehligen sollte, ein sehr bedeutender Jahrgehalt auf seine Lebenszeit und insgeheim als Belohnung das zu erobernde Elsaß garantirt ward. Der franz. Hof schien indeß nicht Eile zu haben, die gemachten Versprechungen zu erfüllen. Daher reiste B. im März 1636 selbst nach Paris, wo er, vom Volke und am Hofe mit großen Ehrenbezeigungen empfangen, selbst unterhandelte, um sein Ziel schneller zu erreichen. Die Zahlungen erfolgten nunmehr, und sein Heer wurde, um sich zu erholen, in die noch unverwüstete Grafschaft Burgund verlegt. B. eroberte hierauf Elsaß-Zabern im Juli 1636 und Blamont, hielt den mit einem mächtigen Heere von 40000 M. hereindringenden Gallas bei Dijon auf, nahm, als Gallas mit seinem von Hunger und Krankheit aufgeriebenen Heere um die Mitte des Nov. das franz. Gebiet verlassen mußte, die Stadt Joinville hinweg, eroberte auch im nächsten Jahre, zurückgekehrt von einer Reise, die er aufs neue nach Paris zur Beilegung der zwischen ihm und dem franz. Hof entstandenen Differenzen unternommen hatte, mehre andere kleine Plätze und besiegte endlich im Juni 1637 die Kaiserlichen unter Herzog Karl von Lothringen. In dem noch übrigen Theile des Jahres waren B.'s Unternehmungen, vorzüglich durch die Schuld der Franzosen, die ihn nur schwach unterstützten, minder erfolgreich. Diese Erfahrung bewog B. zu dem Entschlüsse, immer mehr sich auf eigene Kraft zu stützen. Durch gute Winterquartiere gestärkt, brach daher seinHeer imJ. 1638 schon im Jan. gegen den Rhein auf; man eroberte Seckingen, Lauffen- bürg und Waldshut, und Rheinfelden wurde belagert. Savelli und Johann von Werth entsetzten zwar die Stadt, wobei B. einen bedeutenden Verlust erlitt, aber drei Tage darauf, am 21. Febr., überfiel er die sicher gewordenen Feinde und lieferte ihnen bei Rheinfelden eine zweite Schlacht, die mit ihrer völligen Niederlage endigte. Die Generale Savelli, Johann von Werth, Enkefort und Sperreuter nebst 3000 M. wurden Gefangene, Rheinfelden, Röteln, Neuenburg und Freiburg mußten sich ergeben und Breisach ward belagert. Der Commandant dieses Platzes hatte aus Geiz die ihm gelieferten Vorräthe verkauft. Indem nun der kaiserliche General von Götz sich näherte, um diese zu ergänzen, griff ihn B-, unterstützt durch 3000 Franzosen unter Turenne, an, schlug ihn am 30. Juli bei Wittenweiher in einem mörderischen Gefechte und nahm ihm alles Gepäck und 80 Fahnen ab. Gleicher weise ward der Herzog von Lothringen, der zum Entsätze heranzog, am 4. Oct. bei Thann im Sundgau geschlagen und ebenso Götz, der zu gleichem Zwecke herbeieilte, zum Rückzüge genörhigt. Nach einer viermonatlichcn Belagerung ergab sich Breisach am 7. Dec. 1638. B. hatte die Capitulation in seinem eigenen Namen abgeschlossen, und ließ sich als alleinigen Herrn huldigen und bald nachher eine Münze mit Breisachs und Weimars Wappen schlagen. Richelieu vernahm diese Schritte sehr ungern und ließ kein Mittel unversucht, die Festung in 272 Bernhard (Karl, Herz, von Sachsen-Weimar) stanz. Hände zu bringen- Man suchte V.'s Offiziere zu bestechen, lud ihn nach Paris ein. Richelieu trug ihm die Hand seiner Nichte, der Herzogin von Aiguillon an und entzog ihm die stanz. Subsidiengelder. Aber B. verwahrte seine Festungen möglichst, besetzte ste mit deutschen Soldaten und schien jetzt eine Vermählung mit der verwitweten Landgräfin Amalie von Hessen zu beabsichtigen, um durch sie noch zu einem Fürstenthume und einer Armee und sonach zu einer Macht zwischen dem deutschen Kaiser und seinen Feinden zu gelangen. Landskrona im Sundgau, Pontarlier und das Schloß Joux in Hochburgund hatte er schon eingenommen und bereits mit Bane'r, der die östr. Länder bedrohte, den Plan festgesetzt, über den Rhein nach Baiern zu demselben Ziele vorzudringen, da ereilte ihn der Tod. Er starb zu Neuburg am Rhein am 8. Juli 1639, nach Einigen an einer pestartigen Lagerseuche, nach seiner eigenen und Anderer Meinung an Vergiftung mittels einer Pomeranze oder in Fleischbrühe, vielleicht durch seinen von Frankreich bestochenen Arzt Blandini. B. hatte sterbend verordnet, daß die von ihm eroberten Länder bei dem Deutschen Reiche verbleiben sollten und den Wunsch ausgedrückt, seine Brüder möchten dieselben unter schwed. Schutze übernehmen ; wenn keiner sich dazu verstehe, so sei es billig, daß Frankreich mit eigenen und des Herzogs Truppen dieselben bewache und nach geschlossenem allgemeinen Frieden an das Deutsche Reich herausgebe. Der Cardinal Richelieu aber wartete den Entschluß der Brüder nicht ab, sondern gewann die Anführer und Kommandanten mit Gelbe und mit ihnen die Trup pen und Festungen. Umsonst gab sich Herzog Wilhelm große Mühe. Blos das Eine erlangten die Weimar. Fürsten, daß die Leiche B.'s 1655 von Breisach nach Weimar in die Familiengruft geführt werden durfte. Vgl. Nöse, »Herzog B. der Große von Sachsen-Weimar' (2 Bde., Weim. 1828—29). Bernhard (Karl), Herzog von Sachsen-Weimar, Eenerallieutenant in niedcrländ Diensten, gcb. zu Weimar am 30. Mai 1792, ist der zweite Sohn des verstorbenen Großherzogs Karl August, der ihm eine treffliche Erziehung geben ließ. Schon 1806 focht er als Freiwilliger im Heere des Fürsten von Hohenlohe bei Jena. Nach dem Anschlüsse seines Vaters an den Rheinbund nahm er königlich sächs. Dienste, wurde Hauptmann im Garde- grenadierregimente und lebte seitdem in Dresden, wo der Major Rühle.von Lilienstern als Gouverneur seine Studien leitete. Als Major beim Generalstabe folgte er 1809 dem sächs Heer unter Bernadotte's Führung in den Feldzug gegen Ostreich, wo er sich namentlich in der Schlacht bei Wagram durch persönliche Tapferkeit so auszeichnete, daß sein Name in dem franz. Kriegsberichte ehrenvoll erwähnt wurde. Im Sommer 1'8I2 zum Oberstlieute- nant erhoben, entzog er sich nach dem Wunsche seines Vaters der Theilnahme am Feldzuge gegen Rußland und ging mit unbestimmtem Urlaub nach Italien und Frankreich. Auch nach seiner Rückkehr im Frühjahre 1813 hielt er sich vom Waffengetümmel entfernt und erst nach der Schlacht bei Leipzig trat er im Oct. 1813 wieder in sein Regiment, in welchem er während seiner Abwesenheit zum Obersten aufgerückt war. Als Befehlshaber war er bei der Belagerung von Torgau; dann kämpfte er 181-1 in Holland und Flandern gegen die Franzosen und blieb hier, bis er in Folge der politischen Zwistigkeiten der sächs Truppen im Mai 1815 sich verabschiedete und als Oberst des Regiments Oranien-Nassau in den Dienst des Königs der Niederlande überging. Der zweiten Brigade in der Division Perponcher zugewiesen, trat er, zufällig der älteste Stabsoffizier, beim Ausbruch der Feindseligkeiten am 15. Juni an die Stelle des Befehlshabers derselben, der einige Tage vorher durch einen Unfall zum Kampfe unfähig geworden war, nahm am 16. Juni rühmlichen Antheil an dem Kampfe bei Quatre-Bras sowie am 18. an der Schlacht bei Waterloo. Als nach der Einnahme von Paris sein Regiment dem Herzoge von Nassau, dem der König der Niederlande seine deutschen Besitzungen abtrat, überwiesen wurde, kam er im Nov. nach Holland zurück und ward zuerst zum Befehlshaber einer Jnfanteriebrigade und 1816 zum Generalmajor ernannt. An seinem Geburtstage 1816 vermählte er sich mit Jda (gcb. am 25. Juni 1791), der jüngsten Schwester des regierenden Herzogs von Sachsen-Meiningen. Zu Anfänge des 1.1819 wurde ihm das Provinzialcommando über Ostflandern anvertraut. Er nahm seinen Wohnsitz zu Gent, wo er auch blieb, als ihm 1826 die Aufsicht über das dritte Militaircom- mando und 1829 die Divistonairwürde ertheilt wurde. Er kaufte sich daselbst an, baute und verschönerte seine Besitzung und trat dadurch mit den Gentern auch in nähere gesellige Ber- Bernhard Erich Freund (Herz. v. Sachsen-Meiningen) Bernhard! 273 hältnisft. Dennoch vermochte dies ihn bei dem Ausbruche der belg. Revolution im 1.1830, in welcher er dem Hause Oranien ergeben blieb, weder vor persönlichen gröblichen Beleidigungen, noch sein Schloß vor Plünderung zu sichern. Bon der Übermacht gedrängt, mußte er Stadt und Festung den Belgiern überlassen und zog sich nach Antwerpen zurück, wo er sich mit Chasse in der Citadelle vereinigte. Von hier nach Holland zurückgcrufen, ward er im Mai 1831, nachdem er zwei Monate zuvor zum Generallieutenant ernannt worden war, an die Spitze der bürgerlichen und militairischen Verwaltung des Eroßherzogthums Luxemburg gestellt. Nach seiner Rückkehr von da übergab ihm der König den Oberbesehl über die zweite Division der Armee, den er noch gegenwärtig führt. Mit derselben bildete er den linken Flügel, als im Aug. 1831 der zwölftägige Feldzug gegen Belgien begann. Die ihm vergönnte Muße vor und nach den belg. Unruhen widmete er ernsten Privatstudien und interessanten Reisen. In den I. 1825 und 1826 unternahm er eine Reise nach Nordamerika; seine hier gemachten Beobachtungen und Erfahrungen legte er in einem Tagebuche nieder, das von Luden unter dem Titel „Reise des Herzogs B. von Sachsen-Weimar durch Nordamerika" (2Bde.,Weim. 1828) herausgegeben wurde. JmJ. 1833 wohnte er den Übungen des in Oberitalien zusammengezogenen östr. Heers bei. Dann beschäftigte ihn die Herausgabe der Monographie „Ursels eie la compaAne üellav» SN 1811" (Haag 183-1 mitKartcn und Plänen). Seine neueste Reise, die er in Begleitung seines 1839 gestorbenen ältesten Sohnes Wilhelm machte, ging über Hamburg nach Petersburg und Odessa, von wo er mitdcrkai- serlichen Familie und dem Erzherzog Johann einen Abstecher nach der Krim machte, dann nach Konstantinopel, dem Archipelagus und Smyrna, und über Malta, Sicilien nach Neapel. Seine Familie besteht aus drei Söhnen und zwei Töchtern, Eduard, geb. 1823, Hermann, geb. 1825, Friedrich, geb. 1827, Anna, geb. 1828 und Amalia, geb. 1830. Bernhard Erich Freund, Herzog von Sachsen-Meiningen, geb. am!7.Dec. 1800 , verlor bereits am 24. Dec. 1803 seinen Vater, den Herzog Georg, dessen einziger Sohn er war und dem er nun unter der Obervormundschaft seiner Mutter, Luise Eleonore, geborene Prinzessin vonHohenlohe-Langenburg, die 1837 starb, folgte. Nachdem er unter der Leitung des Oberconsistorialraths Mosengeil auf der Hochschule zu Jena und Heidelberg und durch Reisen nach den Niederlanden, der Schweiz, Italien und England seine Bildung vollendet, übernahm er an seinem Geburtstage 1821 die Regierung selbst, worauf er sich 1825 mit Maria, der Tochter des Kurfürsten Wilhelm's II. von Hessen, vermählte. Schon 1823 ließ er eine neue Organisation der Landesbehördcn und am 4. Sept. 1824 das Grundgesetz landständischer Verfassung ins Leben treten. Als in Folge des Aussterbens der sachsen-goth. Linie ihm die Fürstenthümer Hildburghausen und Saalfeld, die Grafschaft Kamburg und die Herrschaft Kranichfeld zuficlen, unternahm er, von dem Wunsche beseelt, möglichst Einheit und organisches Leben in die Verwaltung zu bringen und auf diese Weise das Wohl seiner Unterthanen nach besten Kräften zu fördern, eine neue Organisation des nun aus sehr verschiedenen Bestandtheilen zusammengesetzten Landes,' die 1829 zu Stande kam, und der seitdem die zweckmäßigsten Verordnungen zu zeitgemäßer Verbesserung nach allen Richtungen hin sich angeschloffen haben. Im I. 1831 erhielt er den Orden des Hosenbandes und 1833 erneuerte er mit seinen Agnaten den Sachsen-ernestinischen Hausorden der Treue. Als Mensch steht er durchaus musterhaft da. Eine besondere Sorgfalt widmet er der Erziehung und Bildung seines einzigen Sohnes Georg, geb. am2.Apr. 1826. Seine Schwester, Adelheid, ist seit 1827 Witwe des Königs Wilhelm's IV. von England; seine jüngere Schwester Ida die Gemahlin des Herzogs Karl Bernhard (s. d.) von Sachsen-Weimar. Bernhard! (Aug. Ferd.), rühmlich bekannt als Sprachforscher, geb. zuBerlin 1769, studirte unter F. A. Wolf, der auf seine später» Studien einen entschiedenen Einfluß hatte, Philologie in Halle. Auf dem Werderschen Gymnasium zu Berlin, wo er seine erste Anstellung fand, ward er mit Ludwig Tieck, der damals Gymnasiast der ersten Classe, bekannt. Durch ihn gewann er eine ganz neue Ansicht der Dichtkunst, wie er auch durch ihn wieder dem Theater, das ihn schon früher sehr angezogen hatte, zugeführt wurde, das er aber nun von einem andern Standpunkte aus betrachtete. Die Früchte des Freundschaftsverhältnisses zwischen B. und Tieck sind zum Theil in den Theateranzeigen in der „Deutschen Monats- Conv.-LexNeunteAufl.il. 18 274 Benchardmer Bemhavdöberg schosst" von 1796 an niedergclcgt. Gemeinschaftlich mit Tieck gab er dann die „Bamboccia- dcn" (3 Bde., Berl. 1797 — 1800) heraus, welche komische Erzählungen und dramatische Darstellungen voll feinen leichten Witzes und gesellschaftlicher Ironie enthalten. Seinen Ruhm als Sprachforscher begründete er durch die „Sprachlehre" (2 Bde., Berl. 1801—3) und „Anfangsgründe der Sprachwissenschaft" (Berl. 1805), die von einem nicht gewöhnliche» kritischen, philosophischen und grammatischen Sinne zeugen. Er deutete darin an, daß sich die Sprache ansehen lasse als ein fertig gewordenes Gebilde und als ein wirkendes Wesen. Jenes war ihm die streng grammatische Seite mit der feststehenden Regel, dieses die historische, bei welcher die Regel in stetem Übergang zur Analogie und Anomalie anzutreffen ist. Das, was beide Seiten vermittelt und umfaßt, war ihm die philosophische Grammatik. Für das Fach der Pädagogik aber leistete er ungleich weniger, und erst als ihn sein Amt als Direcwr des Wcrderschen Gymnasiums und der Realschule zu verpflichten schien, sich öffentlich als Pädagog zu zeigen, schrieb er seit 1808 mehre Programme, die zum Thcil in den „Ansichten über die Organisation der gelehrten Schulen" (Jena 1818) enthalten sind. Während er früher eine Mathematik der Erziehungskunst gesucht hatte, wollte er später im Freiheitskriege 1813 beweisen, daß die Erziehung den jedesmaligen nationalen und staatsmäßigen Anfodcrungen und Bedürfnissen sich anschließen müsse. Er starb in Berlin am 2.Juni 1820 . Bernhardiner, s- Cistercienser. Bernhardsberg. DerGroßeVernhardsbcrg im schwciz. banton Untcrwallis auf der Grenze des piemont. Aostathals, zu den pcnninischen Alpen gehörig, erhebt sich in seiner höchsten Spitze, dem Velan, 10390 F. über die Meersfläche. Der Weg über denselben geht durch das fünf Stunden lang aufsteigcndc Entrcmontthal in Wallis nach Pic- mont. In froher Zeit soll auf der Höhe des Übergangs ein Tempel des Jupiter gestanden haben und der Berg deshalb Klans lovis genannt worden sein. Die Gründung eines Klosters an dessen Stelle wird dem Bernhard von Menthon zugeschrieben, der Kanonikus zu Aosta war und 1008 als Abt des neuen Klosters starb. Dasselbe erlangte bald bedeutende Güter in mehren Ländern, in deren ruhigem Besitze, einige Feucrsbrünste abgerechnet, cs bis zum I. 1587 blieb, wo der König Karl Emanuel III. von Sardinien, als er wegen der Besetzung der Stelle des Propstes mit den Schweizercantonen sich nicht vereinigen konnte, die Besitzungen des Klosters in seinen Staaten einzog, sodaß demselben nur die im Canton Wallis und Bern gelegenen verblieben. Das Kloster liegt 7576 F. hoch; die Kälte im Winter isi für gewöhnlich 20°—22° R., und selbst in den Sommermonaten gefriert es des Morgens. Der Winter dauert hier meist acht bis neun Monate, und überhaupt gibt es nur wenige Helle Tage. Die Mönche, die zu den Chorherren der regulirten Augustiner gehören, etwa 20—30, von denen aber nur zehn bis zwölf im Kloster wohnen, haben die Verpflichtung, alle Reisende, ohne Rücksicht auf Stand und Glauben, zu beherbergen und zuverpflegen, indcrge- sährlichen Jahreszeit entweder selbst, oder durch die Diener des Hospitiums, welche MaronnierS heißen, die Straße zu besuchen, um den in Gefahr schwebenden Reisenden zu helfen oder sie zu retten, wobei sic durch besonders abgerichtete Hunde, Marons genannt, trefflich unterstützt werden; die Erkrankten bis zu ihrer Genesung im Kloster zu behalten, ohne für dieses Alles je mehr als eine freiwillige Gabe anzunehmen. Obschon seit mehren Jahren der Paß über den Großen B. nicht mehr so stark als sonst bereist wird, so mögen doch jährlich noch immer 8— 9000 Personen denselben übersteigen, die alle im Kloster einsprechen, worin oft hundert Wanderer und mehr zugleich beherbergt werden. Die aufgefundenen Verunglückten werden in einer an der Ostseite des Klosters stehenden Kapelle, in Leichentücher gehüllt, nebeneinander ausgestellt, wo die feine scharfe Luft sie zu Mumien trocknet. Durch den Ertrag einer allgemeinen Sammlung in Europa ist seit mehren Jahren das Kloster besser eingerichtet, erweitert und namentlich auch mittels Röhren eine bessere Heizung des ganzen Gebäudes bewirkt worden. Im Juni 1829 hielt daselbst die schweiz. Gesellschaft der Naturforscher ihre Zusammenkunft- Außer mehren Hcereszügen der Römer über den B-, seit der Zeit des Augustus, sowie im Mittelalter, ist am merkwürdigsten der Übergang des 30000 M. starken franz. Heers unter Bonaparte am 15.—21. Mai 1800, das dabei unglaubliche Hindernisse zu überwinden hatte. In der Kapelle des Klosters wurde der General Dcsaix, der in der Schlacht bei Marengo siel, lleigesetzt und ihm von Bonaparte daselbst ein Denkmal errichtet, das, sowie eine schwarze Bernhards» Bern! 275 Marmortafel zum Andenken des Übergangs, noch gegenwärtig zu den Merkwürdigkeiten des Klosters gehört. — Der Kleine Bernhardsberg in Piemont, zu den Grafischen Alpen gehörig, zwischen dem Aosta- und Tarantassethal, in seinem höchsten Punkte zu 9000 F. ansteigend, ist der bequemste ,aller Alpenpässe. Über ihn zog ohne Zweifel Hannibal nach Italien Auch hier steht auf dem Übergangspunkte, 6700 F. hoch, ein Hospitium, wo zwei Geistliche aus Taramasse die größte Gastfreundschaft auf die uneigennützigste Weise üben. Bernhards» (Gottfr.), ordentlicher Professor der alten Literatur zu Halle, geb. am 20. März 1800 zu Landsberg in der Neumark, wo sein Vater Kaufmann war, legte den Grund seiner fernem Ausbildung auf dem Joachimsthalschen Gymnasium zu Berlin und bezog im 17. Jahre die dasige Universität, wo er vorzugsweise die philosophischen und philologischen Studien, letztere besonders unter Böckh, eiftigst betrieb. Schon nach wenigen Jahren machte sich B. durch eine gediegene, an Gelehrsamkeit und Scharfsinn reiche Schrift, die „Lrst»- sUrenica" (Bert. 1822), auf das vortheilhafteste bekannt, habilitirte sich 1823 bei der Universität und wurde zwei Jahre später zum außerordentlichen Professor an derselben ernannt. In dieser Zeit beschäftigten ihn namentlich zwei größere Arbeiten, die Ausgabe der „Osn- graplii graeci miiivres", wovon bis jetzt der erste Band in zwei Abtheilungen (Lpz. 1828), der den Dionysius Periegetes enthält, erschienen ist, und die „Wissenschaftliche Syntax der griech. Sprache" (Berl. 1829). In lctzterm Werke behandelte er das vorhandene Material nicht in der hergebrachten Weise, sondern versuchte es, die stufenweise Ausbildung der griech. Syntax, als eines organischen Ganzen, bis in die Details durch die verschiedenen Zeiten der Stilgattungen nachzuweisen, ohne sich an einen bestimmten Kreis von Schriftstellern zu ketten. Dieselbe gründliche Richtung auf die tiefere Erkenntniß des inner» Zusammenhangs der Wissenschaft zeigen seine später» Schriften, die er nach seiner Versetzung nach Halle, welche 1829 erfolgte, herausgab, vor allen der „Grundriß der röm. Literatur" (Halle 1830), sodann die „Grundlinien zur Encyklopädie der Philologie" (Halle 1832) und der „Grundriß der griech. Literatur" (Bd. I, Halle 1836). In einer kräftigen, gedrängten Sprache, die durch das Jnhaltschwere der Gedanken die gespannteste Aufmerksamkeit des Lesers verlangt, durchforscht er hier seinen Gegenstand nach allen Seiten hin, läßt sich dabei weder durch das Alter noch durch das Ansehen herrschender Meinungen bestechen und gelangt so, durch eine außerordentlich glückliche Combinationsgabe unterstützt, zu Resultaten, die ebenso durch ihre Neuheit wie durch Trefflichkeit überraschen. Auch durch die in kritischer und literarhistorischer Hinsicht ausgezeichnete Ausgabe des Suidas, von der wir bis jetzt zwei Bände besitzen (Halle 1834—39), und durch die Nedaction der Bibliothek kritisch-exegetischer Ausgaben der lateinischen Classikcr, hat sich B. in den letzten Jahren um eine gründliche und fruchtbrin» gende Bearbeitung der Alten verdient gemacht. Beritt (Francesco), auch Berna und Bernia, der in Italien viclbeliebte Dichter, von dem das komische Genre der vsiÄ bernesdii den Namen hat, der Bearbeiter des „Orlando innamaralo", welchen noch jetzt die Italiener nicht in Bojardo's Original, sondern immer nur in B.'s Verwässerung lesen, obwol deren Schwäche auch die italicn. Kunstrichter anerkennen, wurde aus einer edeln, aber armen florentinischen Familie zu Campo- vecchio im Großherzogthum Toscana um 1490 geboren. Nachdem er bis in sein 19. Jahr in Florenz mit Armuth gerungen, kam er zuerst zum Cardinal Bernardo Dovizio von Dib- biena, der 1520 starb; dann als Sccretair zu Giberti, der auch Bischof von Verona war. Jedoch weder der geistliche Stand noch das Schreibgeschäft behagte ihm sonderlich. Auch ging es ihm sonst nicht zum besten. Bei der Plünderung Roms im 1.1526 büßte er alle seine Habe ein. Doch verlor er deshalb nicht seine glückliche Laune; er schloß sich der Akademie lustiger Freunde an, die in Rom der Mantuaner ObcrtoStrozzi unterdemNamen der Vignajuoli, d. h. Winzer, gestiftet hatte, und bildete in diesem Kreise seine launige Poesie immer anmuthiger und kühner aus. Um 1533 zog er sich nach Florenz zurück, wo er ein Kanonikat erhalten hatte, und lebte dort in Gunst bei den beiden Medici, den« Herzog Alexander und dem Cardinal Hippolit, bis er am 26. Juli 1536 starb, einer unwahrscheinlichen Sage zufolge durch Gift, von dem Einen der Medici ihm beigebracht dafür, daß erselbst den Andern von ihnen zu vergiften sich geweigert habe. Seine „Opere t-urlescbe" sind in der 18 * 276 Bernini Bernis Sammlung der „eiussici itulisni" (Mail. 1806) zu finden. Die Umarbeitung desBojard«. schen „Orlsnclo innsmorsto", die Schlüpfrigkeiten und Jnvcctivcn auf den röm. Hof nicht i» das Original hineingetragen, sondern imGegenthcile daraus getilgt hat, fand so großen Beb fall, daß sie von 1541—45 dreimal aufgelegt, dann aber, wie es scheint, wegen röm. Verbots wahrend einer Zeit von 18» Jahren nicht gedruckt, sondern erst 1725 durch CelenioZaccloni (>Lor. Ciccarelli) neu herausgegeben wurde, hiernach sehr oft und neuerlich in einer kritischen Ausgabe (Flor. 1827). Die Episode, in welcher B. sich selbst schildert, findet man übersetzt von Regis in dessen „Bojardo" (Bcrl. 1840). — Nicht zu verwechseln mit diesem Dichter ist der Graf Francesco B., geb. 1610, gest. 1693, welcher elf Dramen (Ferrara 1686) und verschiedene lyrische Gedichte verfaßt hat. Bernini (Giovanni Lorcnzo), geb. zu Neapel 1598, von seinen Zeitgenossen als der Michel Angelo der neuern Zeit gepriesen, weil er sich als Maler, Bildhauer und Baukünstler in einem vorzüglichen Grade auszeichnetc, verdient am meisten in letzter Eigenschaft seinen Ruhm. Ebenso reich an Gaben der Natur als begünstigt durch die Umstände, erhob er sich über die Regeln der Kunst und schuf sich eine leichte Manier, deren Fehler er geschickt zu verdecken wußte. Von früher Jugend auf zeigte er eine bewundernswürdige Leichtigkeit in dem Studium der zeichnenden Künste; in einem Alter von zehn Jahren führte er einen Kinder- köpf in Marmor aus, der als ein Wunder betrachtet wurde. Um so glückliche Anlagen auszubilden, brachte ihn sein Vater nach Rom. Noch nicht 18 Jahre alt, arbeitete er Apollon und Daphne in Marmor, die durch die große Zartheit der Ausführung sich auszeichnen. Als er diese Gruppe gegen das Ende seines Lebens wiedersah, gestand er, daß er seitdem wenige Fortschritte gemacht habe. Wirklich war früher sein Stil reiner und minder geziert als in der Folge. Winckelmann sagt von ihm: „Bor Rafael waren alle Figuren gleichsam schwindsüchtig, durch B. wurden sie wie wassersüchtig." Den Gipfel seines Ansehens erreichte er unter Papst Urban VIII., der ihm auftrug, Vorschläge zur Verschönerung der Basilika von St.- Peter zu machen, und ihm eine monatliche Pension von 300 Thlr. zusicherte, die später noch erhöht ward. B. fertigte zur Ausstattung der Peterskirche das ebenso kolossale wie geschmacklose Tabernakel über dem Grabe des Petrus, zu dessen Ausführung die Bronzen, welche die Eindeckung der Vorhalle des Pantheon bildeten, von diesem Meisterwerke der röm. Architektur entnommen wurden, sodann den noch ungleich geschmackloser« Baldachin mit dem Stuhle des heil. Petrus. Außer Urban Vlll. wurde B. besonders durch Jnnocenz X. begünstigt; unter Beiden beherrschte er förmlich das künstlerische Treiben in Rom. Zu seinen berühmtesten Arbeiten gehören die Grabmäler Urban's Vlll., Alexander's VII. und der Gräfin Mathilde. Im Fache der Architektur ist der kolossale Säulengang vor St.-Peter sein bedeutendstes Werk. Ludwig XlV. lud ihn mit den schmeichelhaftesten Ausdrücken nach Paris ein, und B. folgte dieser Einladung 1665, begleitet von einem seiner Söhne und einem zahlreichen Gefolge. Nie wol reiste ein Künstler mit so viel Pomp. In Paris beschäftigte er sich vornehmlich mit Entwürfen zum Ausbau des Louvre; doch kam nachmals ein Entwurf des Franzosen Claude Perrault zur Ausführung. Reichlich beschenkt verließ er Paris und kehrte nach Rom zurück. Hier starb er am 28. Nov. 1680 und ward mit großer Pracht in der Kirche Sta.-Maria-Maggiore beerdigt. SeinenKindern hinterließ er ein Vermögen von fast einer Million Thaler. Die Nachwelt sieht in seinen Werken mehr seine Verirrungen als das große Talent, aus welchem dieselben allerdings hervorgegangen sind. Bernis (Franc. Joachim de Pierres, Comte de Lyon und Cardinal de), geb. zu St.- Marcel de l'Ardcche am 22. Mai 1715, aus einem alten, aber vom Glück wenig begünstigten Geschlechte, sollte sich anfangs dem geistlichen Stande widmen, weshalb er auch einige Jahre zu Paris in dem Seminar von St.°Sulpice zubrachte, trat aber nachher in die Welk, wo eine einnehmende Gesichtsbildung, gefällige Sitten, ein heiterer Sinn und das Talent, le.chte und angenehme Verse zu machen, sowie seine Rechtschaffenheit ihn empfahlen. Die Pompadour stellte ihn Ludwig XV. vor, der ihn liebgewann und ihm eine Wohnung in den Tuilcricn nebst einer Pension von 1500 Livres gab. Später kam er als Gesandter nach Venedig und erwarb sich auf diesem schwierigen Posten besonders durch die Ausgleichung eines zwischen dem Papste und der venetianhchen Regierung obwaltenden Misverständ- niffeS so große Achtung, daß der Papst ihn zum Cardinal ernannte. Bald nach seiner Zu Bernouüi (Familie) 277 rückkunst erhielt er das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten. Damals wechselte das politische System von Europa; Frankreich und Ostreich, bisher Feinde, verbanden sich durch ein Schuß- und Trutzbündniß, das Frankreich in den für dasselbe so unglücklichen Siebenjährigen Krieg verwickelte. Niedergebeugt von den Unfällen seines Vaterlandes, gab B. das Portefeuille ab und wurde bald darauf vom Hofe verwiesen. Seine Ungnade dauerte bis 176-1, wo ihn der König zum Erzbischof von Alby ernannte. Fünf Jahre nachher wurde er Gesandter in Rom, wo er am 2. Nov. 1794 starb. Namentlich hatte er in Nom, obschon es nicht mit seiner Überzeugung stimmte, die Aufhebung der Jesuiten zu betreiben. Die franz. Revolution unterbrach sein Glück und hinderte ihn, fortan wohlthätig zu wirken. Als die Tanten Ludwig's XVl. 1791 Frankreich verlassen hatten, nahmen sie ihre Zuflucht zu ihm. Aus der Hülflosigkeit, in welche er in den letzten Jahren seines Lebens versank, suchte ihn der span. Hof durch eine ansehnliche Pension zu retten. Die leichten Poesien seiner Jugend hatten ihm einen Platz in der franz. Akademie verschafft. Sein Gedicht ,,^-u reü- ßion veilgee", das keinen besondern dichterischen Werth hat, wurde nach seinem Tode von Azara herausgegebcn. Eesammtausgaben seiner Werke erschienen 1797 und 1825. Sein Briefwechsel mit Voltaire, den Bourgoing 1799 herausgab, gereicht ihm zu großer Ehre. Bernoulli, eine Familie, die in einer merkwürdigen Folgenreihe ausgezeichnete Männer aufzuweisen hat, die sämmtlich die mathematischen Wissenschaften zum Gegenstände ihrer Studien wählten. Dieselbe wanderte unter dem Herzog Alba der Religionsbedrückun- gen wegen von Antwerpen aus, flüchtete anfangs nach Frankfurt und ging dann nach Basel, wo sie später die höchsten Ämter der Republik bekleidete. — IakobB., geb. zu Basel 1654, Professor der Mathematik daselbstseit 1637, gest. 1765, wendete dievon Leibnih und Newton erfundene Rechnung des Unendlichen auf die schwersten Fragen der Geometrie und Mechanik an, berechnete die loxodromische und die Kettenlinie, die logarithmische Spirale und die Evolute verschiedener krummen Linien und erfand die Berns ulli'sehen Zahlen, worunter man die Coefficienten des niedrigsten Gliedes in den Formeln für die Summen der geraden Potenzen aller ganzen Zahlen von 1 bis x versteht, von denen er jedoch nur die fünf ersten angegeben hat; ihr Gesetz wurde erst von Moivre gefunden und von Euler einfacher darge- stellt. Eine Sammlung seiner Werke erschien in Genf (2 Bde., 1744, 4.). — I oh. B., der Bruder des Vorigen, geb. zu Basel 1667, war einer der größten Mathematiker seiner Zeit und durfte sich einem Newton und Leibnih an die Seite stellen. Er sollte Kaufmann werden, wendete sich aber den Wissenschaften zu, fiudirte von 1683 an besonders Medicin und Mathematik und machte 1696—92 verschiedene Reisen, namentlich auch nach Frankreich, wo er den Marquis de l'Hopital kennen lernte. Nachdem er 1694 zu Basel in der medicinischen Facultät promovirt worden war, ging er 1695 als Professor der Mathematik nach Gröningen. Nach seines Bruders Jakob Tode übernahm er in Basel dessen Stelle, die er bis zu seinem Tode am 1. Jan. 1748 bekleidete. Er erfand während seines Aufenthalts in Paris den calculus exxonentialis, den er'1697 bekannt machte, noch vor Leibnih; bearbeitete mit seinem vorgenannten Bruder die Differentialrechnung und wurde der Erfinder der Integralrechnung. Seine sammtlichen Schriften erschienen in Genf (2 Bde., 1742, 4.). — Nikol. B., ein Neffe der Vorigen, geb. zu Basel 1687, studirte die Rechte, vorzugsweise aber die Mathematik, namentlich auch in Gröningen, von wo er 1765 mit seinem Oheim Joh. B. nach Basel zurückkchrte. Er bereiste die Schweiz, Frankreich, Holland und England, ward auf Leibnitz's Empfehlung 1716 Professor der Mathematik in Padua, kehrte aber 1722 als Professor der Logik wieder in seine Vaterstadt zurück, wo er 1731 Pro fester des Lehnrechts wurde und 1759 starb. Er bereicherte mit mehren Entdeckungen so- wol die Wahrscheinlichkeits- wie die Integralrechnung. — Nikol. B., der älteste Sohn Joh. B.'s, geb. zu Basel 1695, seit 1723 Professor der Rechte daselbst, starb 1726 in Pc tersburg, wohin er seinem jüngcrn Bruder Daniel B. im Jahre vorher gefolgt war, und hat sich ebenfalls um die Mathematik einiges Verdienst erworben. — DanielB., geb. zu Grö ningen am 9. Febr. 1766, studirte neben der Medicin, in welcher er die Doctorwürde an- uahm, zugleich Mathematik, besuchte dann Basel, Heidelberg, Strasburg, Venedig und Padua und folgte 1725 einem Ruf als Professor nach Petersburg. Mit seinem jüngern Bruder Johann ging er 1743 nach Basel, erhielt daselbst die Professur der Anatomie uno 278 Bernstein Botanik, 1750 die der Physik, welche er 1777 Alters halber niedcrlegte, und starb am >7. März 1782. Ec war einer der größten Physiker und Mathematiker seiner Zeit. Zehn mal erhielt er den Preis der pariser Akademie. Mit seinem Vater theilte er 173-1 einen doppelten Preis bei der genannte» Akademie für die Abhandlung „Über die Ursachen der ver- schicdencn Neigungen der Planetenbahnen gegen den Sonnenäquator". In den Acten der vctcrsburger, pariser, berliner und anderer Akademien, deren Mitglied er war, sind viele seiner Abhandlungen gedruckt. Sein Hauptwerk ist die „Hydrodynamik" (Strasb. 1738,3.). — J oh. B., der jüngste Bruder des Vorigen, geb- zu Basel am 18. Mai 171V, war von 1732 an ebenfalls in Petersburg und erhielt 1733 die Professur der Beredtsamkcit und 1738 die der Mathematik zu Basel, wo er am 17. Juli 1790 starb. — Joh. B., der Sohn des Von- gen, geb. zu Basel am 3. Nov. 1733, starb zu Berlin als kön. Astronom am 13. Juli 1807, wohin er in seinem 19. Jahre berufen worden war. Er machte viele große Reisen und hatte fast alle Länder Europas besucht. Von seinen sehr zahlreichen Schriften erwähnen wir „Hecueil pour les astronomes" (2 Bde., Berl. 1772—76); „Sammlung kurzer Reift- beschreibungen"(15 Bde.,Berl. 1782—93)und „Archiv zur neuern Geschichte, Geographie, Natur- und Menschenkenntnis" (8 Bde., Berl. 1783—88). — Jak. B-, der Bruder des Vorigen, geb. 1759 zu Basel, starb in Petersburg, wo er sich mit einer Enkelin Euler's ver- heirathete und 1789 als Professor der Mathematik am Schlagflusse starb, als er sich in der Newa badete. — Christoph B., der Sohn Daniel B.'s, welcher letztere 1777 seines Onkels, des älter» Daniel B., Stelle als Professor in Basel erhielt, dieselbe aber in Folge der Revolution verlor, wurdezu Buselam 15. Mai 1782 geboren, anfangs vom Vater selbst, später in dem franz. College zu Neufschatel unterrichtet, worauf er 17 99 im Bureau des Ministers Stapftr zu Luzern, dann auf einer Kanzlei in seiner Vaterstadt eine Stelle erhielt. Im Oct. 1801 wendete er sich nach Göttingen, wo er fast ausschließlich Naturwissenschaften studirte, und 1802nachHalle als ordentlicher Lehrer am Pädagogium. Als er nach zwei Jahren diescSkelle freiwillig wieder aufgegeben, ging er nach Berlin und nach Paris, kehrte dann nach kurzem , Verweilen an der Schule zu Aarau nach seiner Vaterstadt zurück, wo er 1806 eine Prival- lchranstalt eröffnete, die er aber 1817 eingehcn ließ, worauf ihm die Professur der Naturgeschichte an der dasigen Universität übergctragen wurde. B. gehört zu den fleißigsten Schriftstellern in Bearbeitung der rationellen Technologie, und seine Schriften bilden den Übergang von der ältern Behandlungsweise der Technologie zu der neuern rationellen Methode. Von diesen erwähnen wir die Abhandlung „Über das Leuchten des Meers" (Gölt. 1802); „Physische Anthropologie" (2 Bde., Halle 1803); „Leitfaden für Physik und Mineralogie" (Halle 1807; 2. Aufl., 1811); „Über den nachtheiligen Einfluß der Zunftverfassung auf die Industrie" (Bas. 1822); „Anfangsgründe der Dampfmaschinenlehre" , Bas. >823); „Betrachtungen über die Baumwollenfabrikation" (Bas. 1825); „Rationelle Darstellung der gesammten mechanischen.Baumwollenspinnerei" (Bas. 1829); „Handbuch der Technologie" (2 Bde., Bas. 1833—33; 2. Aufl., 1830), welches das Gesammtgebiet der Technologie vom rationellen Standpunkte aus durchmustert; „Handbuch der Dampf- maschinenlehre" (Stuttg. 1833); „Handbuch der industriellen Physik, Mechanik und Hydraulik" (2 Bde., Stuttg. 1833—35); die deutsche Bearbeitung von Baines'„Geschichte der brit. Baumwollenfabrikation" (Stuttg. 1836) und das „Handbuch der Populationistik" < Ulm 1830). Auch gab er früher ein „Bürgerblatt" heraus, an welches sich das „Schweizerische Archiv für Statistik und Nationalökonomie" (5 Bde., Bas. 1828—30) anschloß. Bernstein oder Agtstein (elactruin), den man früher für ein Mineral hielt, ist i nach der Ansicht neuerer Chemiker unbezweifelt vegetabilischen Ursprungs und wird von ih- ! nen den Pflanzenharzen beigezählt, obgleich einige Eigenschaften derselben ihm abgchen. Er I floß wahrscheinlich aus dem zur Abtheilung der Coniferen gehörenden Bernsteinbauwe, der durch eine Erdumgestaltung untergegangen ist; daß er wenigstens einer Periode vorder letzten Gestaltung der Erde angehöre, beweisen die gegenwärtig nicht mehr vorhandenen Insekten, welche man zuweilen darin eingcschlossen findet. Auch hat man Bernsteinstücke j am Hölze sitzend aufgefundcn. Mai- unterscheidet Bernstein als Fossil und Seebernstein. Jener findet sich im Diluvium und in der Regel in unmittelbarer Nähe von Braunkohlenlagern, am häufigsten in Preußen, außerdem in Frankreich, den Niederlanden, Schweden, 27 » Bernstoiff (Joh. Hs.rtwig Ernst, Graf von) Sibirien, Italien, Sicilien und Spanien, dieser wird von der Ostsee und dem Kur,scheu Haff in stumpftckigen Stücken ausgcworfen oder auch mit Netzen aufgefischt. Die Farbe des Bernsteins ist honiggelb, zuweilen röthlich oder braun; er ist fest, mehr oder wenig durchscheinend, springt leicht, entwickelt durch Reiben einen angenehmen Geruch und verbrennt mit gelber Flamme. Er war schon den ältesten Völkern bekannt und kommt bei Homer unter dem Namen elvktron vor. Die Griechen erhielten ihn wahrscheinlich durch die Phönizier, wie der Name zu beweisen scheint, denn im Arabischen bedeutet elvk oder jik Harz. Von ihnen stammt unstreitig auch die Sage, daß die in Pappeln verwandelten Schwestern des Phaelhon am Eridanus den Bernstein ausschwihten und ins Meer träufelten. Daß man in sehr frühen Zeiten den Bernstein an Preußens Küste holte, erzählen sowol Diodor von Sicilien wie Tacitus und Plinius. Man gebraucht denselben vorzüglich zu Schmucksachen; schon die Frauen zur Zeit des trojanischen Kriegs tragen bei Homer Hals- und Armbänder von Elektron. Im Mittelalter diente er als Heilmittel, und der Aberglaube empfahl Amulete vonBernstein zur Sicherung gegen viele Gefährlichkeiten. Eine sehr schöne Sammlung von Bernsteinarbeiten besitzt die Universität zu Erlangen, für welche sie vom Markgrafen Friedrich von Baden gekauft wurde; die vollständigste Sammlung solcher Arbeiten findet sich in Dresden. Gegenwärtig liefern die meisten Schmucksachcn dieser Gattung Königsberg, Danzig, Catania auf Sicilien und Kvnsiantinopel. Der Bernstein hat eine den Fichtenharzcn sehr ähnliche Zusammensetzung. Er besteht aus mehren Harzen, einem ätherischen Ole (Bernstein öl) in geringer Menge und einer flüchtigen Säure (Bern stein säure), die als ral suecini durch Sublimation und Behandlung mit Alkalien gewonnen werden kann und mcdicinisch angewendet wird. Bernsteinsäure findet sich auch in manchen Terpenthinen und bildet sich stets, wenn man Fette mit Salpetersäure längere Zeit behandelt. Der Bernstein ist in Alkohol und Äther zum Theil, in Terpenthinöl vollständig auflöslich; er gibt so den Bernsteinfirniß. Ferner wird er, abgesehen von der erwähnten mechanischen Benutzung, als Räuchermittel verwendet. Durch Behandlung mit Salpetersäure gibt er den sogenannten' künstlichenMoschus, eine in der That als Surrogat des echten Moschus nicht ungeeignete Substanz. Vgl.Aycke, „Fragmente zur Naturgeschichte des Bernsteins" (Danz. 1835). Bernstorfs (Zoh. Hartwig Ernst, Graf von), dän. Staatsminister und Geheimrath, „das Orakel von Dänemark", wie ihn Friedrich der Große nannte, geb. zu Hannover am 13. Mai 1712, erhielt durch seinen Vetter, den hannöv. Staatsminister, Andr. Gottlieb v on B-, gest. 1726, eine sehr gute Erziehung. Sehr jung trat er in den dän. Staatsdienst; schon 1737 kam er als Gesandter an den Reichstag nach Negensburg und 1741 nach Paris. Im I. 175» ward er Staatssecretair und Geheimrath und im folgenden Jahre Mitglied des geheimen Staatsraths. Im Siebenjährigen Kriege bewirkte er Dänemarks Neutralität und 1761, nach dem Tode des letzten Herzogs von Holstein-Plön, brachte er es dahin, daß dessen Lande an die Krone Dänemark kamen. Zwar machte der Herzog von Holstein-Gottorp, der nachmalige Zar Peter III.von Rußland, Anstalten, seine Ansprüche auf Holstein-Plön, sowie wegen Schleswig mit Gewalt geltend zu machen; doch sein Tod im J. 1762 hinderte ihn, dieselben auszuführen, worauf seine Nachfolgerin Katharina U. auf eine gütliche Ausgleichung cinging, die 1773 durch die Vertauschung Oldenburgs und Delmenhorsts gegen Holstein erfolgte. Wie des Königs Friedrich's V., so genoß er auch die Gunst Christian's VII., der ihn 1767 in denGrafenstand erhob, bis es dessen ncuemGünst- linge Struensee (s. d.) gelang, ihn 177» aus seiner Stellung zu verdrängen, worauf er in Hamburg lebte. Nach Struensee's Falle wurde er auf die ausgezeichnetste Art zurückberufen; doch im Begriffe, nach Kopenhagen zurückzukehren, ereilte ihn der Tod am 19. Febr. 1772. Für den Wohlstand und das Glück des dän. Staats sorgte er auf jede nur mögliche Weise. Fabriken und Manufacturen hoben sich und der Handel erhielt durch ihn ein ganz neues Leben. Während früher dän. Schiffe auf dem Mittelländischen Meere kaum gekannt waren, fuhren bei Friedrich's V. Tode auf diesem Gewässer mehr als 2»». Dabei war B. zugleich Kenner und Beförderer der Kunst und Wissenschaft. Der Gesellschaft der schönen Wissenschaften verschaffte er einen ansehnlichen Fonds; auch stiftete er die Landhausgesellschaft, und während er die Reise einer gelehrten Gesellschaft nach dem Morgenlande veranstaltete, deren Resultat in Niebnhr's Beschreibung vorlicgt, zog er gleichzeitig einegroße 280 Bernstorff (Andr. Pet., Gr. v.) Bernstorff (Chr. Günth., Gr. v.) Anzahl deutscher Gelehrter nach Dänemark, darunter Klopstock, der bei ihm die gastlichste Aufnahme fand. Außerordentliche Thätigkeit zeigte er für die Milderung der Armuth. Die Errichtung des Pflegehauses in Kopenhagen erfolgte nach seinem Plane, zu dem allgemeinen Hospitale in Kopenhagen legte er 1766 den Grundstein, und die erste Hcbammenschule in Dänemark verdankte ihm ihre Entstehung; unter die Armen vertheilte er jährlich den vier- tcn Theil seiner Einkünfte und selbst nach seinem Weggänge aus Dänemark ließ er jährlich 3000 Fl. an dän. Armen vertheilen. Der größte Ruhm aber gebührt ihm darum, weil er der Erste in Dänemark war, der die lästigen Fesseln der Leibeigenschaft und Feudallasten, die Gcmeinweiden und Frohndienste aufhob, daher ihm auch die Bauern vereinigt, in Dänemark 1783 eine schöne Ehrensäule errichten ließen. Bernstorff (Andr. Peter, Graf von), der Vetter des Vorigen, der sich als Staats- minister in mancher Beziehung noch größere Verdienste als dieser um den dän. Staat erwarb, wurde am 28. Aug. 1755 zu Gartow im Herzogthum Braunschweig-Lüneburg geboren, wo sein Vater, welcher hannöv. Landrath war, beträchtliche Güter besaß. Nach Vollendung seiner Universitätsstudien zu Leipzig und Eöttingen und großen Reisen in England, der Schweiz, Frankreich und Italien kam er 1755 als Kammcrjunker in dän. Dienste. Schon war er 1767, zugleich mit seinem Vetter, in den Grafenstand erhoben und I76S zum Geheimrath ernannt worden, als auch er bei Struensee's Eintritt ins Ministerium seine Entlassung erhielt. Nach Struensee's Falle ebenfalls zurückgerufen, stieg er bald zum Minister. Erbrachte 1773 die Austauschung des gottorpschen Antheils von Holstein gegen Oldenburg und Delmenhorst, sowie die Erneuerung der freundschaftlichen Verbindung zwischen England und Dänemark zu Stande und that im Oct. 1778 dem schweb. Hofe den ersten Vorschlag zur bewaffneten Neutralität. Da er aber seine Ansichten mit denen der verwitweten Königin Juliane und des Ministers Guldberg nicht übereinstimmten, so nahm er 1780seine Entlassung; doch wurde er 1781 in seine frühere Stellung zurückberufen. Er unterstützte die Einführung eines neuen Finanzplans und bereitete die Aufhebung der Leibeigenschaft in Schleswig und Holstein wr, die nach seinem Tode erfolgte. Auch war er ein standhafter Beschützer der bürgerlichen Freiheit und erklärte sich stets gegen jede Einschränkung der Preßfreiheit. Von ihr sagte er: „Preßfreiheit ist ein großes Gut; der Segen seines weisen Gebrauchs wiegt den Schaden seines Misbrauchs beiweitem auf. Sie ist ein unveräußerliches Recht jeder civilisirten Nation, durch dessen Kränkung eine Negierung sich selbst herabsetzt." Daher blieb denn auch die Presse unter ihm völlig unbeschränkt, ja es wurde Dänemark in dieser Zeit zum Theil ein Asyl der Gedankenfreiheit für ganz Deutschland. Wurde auch dann und wann die Preßfreiheit wahrend dieser Zeit in Dänemark mißbraucht, so ließ sich B. doch dadurch nicht bewegen, seinen Grundsätzen untreu zu werden, und stets wußte er dieselben mit siegreichem Nachdrucke zu vertheidigen. Ein eifriger Förderer des innern Wohlstands Dänemarks, ebensowol für das Militair wie für den Handel, die Manufacturen, Fabriken und Schiffahrt und in gleichem Maße für den Ackerbau besorgt, verursachte sein Tod am 21. Juni 1797 allgemeine Trauer. Friedrich VI., damals noch Kronprinz, war täglich an B.'s Krankenlager und im Zuge bei seiner Beerdigung nahm er seinen Platz unter dessen Söhnen. Vgl. Eggers, „Denkwürdigkeiten aus dem Leben des Staatsministers von B." (Kopenh. 1800). Bernstorff (Christian Günther, Graf von), der Sohn des Vorigen, preuß. Wirklicher Geh. Staats- und Cabinetsminister und Minister der auswärtigen Angelegenheiten, gcb. am 3. Apr. 1769 zu Kopenhagen, genoß im älterlichen Hause eine sehr sorgfältige Erziehung. Nach vollendeten Studien kam er zur dän. Gesandtschaft in Berlin; später ging er als Gesandter nach Stockholm und lebte dann eine Zeit lang ohne Anstellung in Kopenhagen. Nach dem Tode seines Vaters, 1797, wurde er Minister der auswärtigen Angelegenheiten, in welcher Eigenschaft er freilich nicht den väterlichen Ruhm sich zu erhalten wußte. Denn nicht nur daß er durch seinen gebieterischen und hochfahrenden Ton die Liebe und Anhänglichkeit seiner nächsten Umgebungen verlor, so war auch seine Thätigkeit nach außen hin, namentlich durch sein consequentes Festhalten einer bewaffneten Begleitung der neutralen dän. Bandelsschiffe, wodurch England fast muthwillig zu Feindseligkeiten gegen Dänemark herausgefodert wurde, nichts weniger als zufrieden stellend, zumal da bald dar- Bernward Beroldingcn 281 auf Dänemark sich wirklich in die peinlichste Lage versetzt sah, die man nothwcndig mehr oder weniger für eine Folge seiner Maßregeln ansehen mußte. Im I. >810 trat er von seinem > Ministerpostcn zurück und ging als dän. Gesandter an den kais. Hof nach Wien, wo er auch >814 dem Congrefse als dän. Bevollmächtigter beiwohnte. Hierauf kam er in gleicher Eigenschaft nach Berlin, während sein Bruder ihm in Wien als Gesandter nachfolgte. Höhern Beweggründen nachgebend, trat er >818 in den preuß. Staatsdienst und zwar an Hardenberg's Stelle als Wirklicher Geh. Staatsminister an die Spitze des Departements , der auswärtigen Angelegenheiten. Er wohnte den Congressen zu Aachen, Karlsbad, Wien, Troppau, Laibach und Verona bei. Immer entschiedener neigte er sich im preuß. Staatsdienste dem Neactionssystem zu, wie er denn offen die Erklärung abgab, daß im südlichen Deutschland dem konstitutionellen Leben kein Eingang verstärket werden dürfe. Nachdem er seit >831 nach seinem Wunsche in Ruhestand versetzt worden war, starb er am 28. März 1835. Bernward, Bischof von Hildesheim, ausgezeichnet durch seine ausgebreiteten gelehrten Kenntnisse und einen zu jener Zeit seltenen Kunstsinn, war der Sohn des Pfalzgrafen Dietrich und verbrachte seine Jugend unter der Aufsicht seines Oheims Volkamar, spätern Bischofs von Utrecht, und nachher unter der Leitung des Scholasticus Tangmar in Hildesheim. Vom Erzbischof Willigis von Mainz erhielt er die geistlichen Weihen und wurde nach dem Tode seines Großvaters, des Pfalzgrafen Athalbero, Erzieher und Hofkaplan des noch unmündigen Kaisers Otko's 111., in welcher Eigenschaft, wie es scheint, er auch die Geschäfte eines Kanzlers versah. Nicht nur seine Gelehrsamkeit als Geistlicher, sondern besonders seine Kenntnisse in der Malerei und Baukunst wie in den mechanischen Wissenschaften waren es, die ihm hier am Hofe Bewunderung und Werthschätzung erwarben. Nach dem Tode Ger- dag's 903 zum Bischof von Hildesheim erwählt, war B.'s ganzes Streben darauf gerichtet, das ihm untergebene Bisthum nach allen Kräften zu heben, und dies gelang ihm nicht allein durch die fortdauernde Gunst der beiden Kaiser, Otto's III. und Heinrich's II., wie durch große ihm zu Gebote stehende Familienreichthümer, sondern hauptsächlich durch die ihm selbst inwohnende geistige Kraft und Energie. Nach seiner Rückkehr aus Italien im I. 1001, wo er dem Kaiser bei der Belagerung Tiburs und gegen die aufrührerischen Römer Hülfe leistete, legte er Hand an die Stiftung des berühmten Michaelisklosters zu Hildesheim, welches er 1019 vollendete. Hildesheim selbst umgab er zuerst mit Mauern und Thürmen und sicherte es noch mehr durch einige in der Nähe angelegte Burgen. Zu Hildcsheim unterhielt er eine Anzahl Metallarbeiter, in deren Werkstätte er meist selbst mit Hand anlegte. Was hier geleistet wurde, davon zeugen die schönen im Dome noch vorhandenen zwei erzenen Thüren, ein Stück einer metallenen Säule im Michaeliskloster, eine große metallene Krone und einige kleinere Gegenstände, die die Zeit verschont hat. Außerdem ließ er die Wände der Stiftskirche mit Malereien schmücken. Die Streitigkeiten, in die er mit dem Stifte Gandersheim und in deren Folge mit dem Erzbischöfe Willigis von Mainz gerieth, entschieden sich durch seine beharrliche Festigkeit zu seinem Vortheile, und es wurde jenes Stift 1008 seinem Hirtenstabe untergeben. B. starb am 20. Nov. 1022 und wurde 1193 vom Papste Cölestin III. heilig gesprochen. Eine zuverlässige Lebensbeschreibung verfaßte von ihm sein Lehrer Tangmar, abgedruckt bei Pertz in den,Monuments 6ei'inrmise tusturics" (Bd. 6). Beröe hieß die Tochter des Adonis und der Aphrodite; ferner die Amme der Semele, in deren Gestalt Here jene überredete, den Zeus um eine Erscheinung in seiner wirklicken Gestalt zu bitten; auch bei Virgil eine Oceanide, die Schwester der Klio; und endlich eine Trojanerin, die Begleiterin des Äneas und Gemahlin des Doryklus, in deren Gestalt Iris > die übrigen Weiber beredete, die Schiffe des Äneas in Sicilien zu verbrennen. Beroldingen (Jof., Graf von), würtemb. Generallieutenant, Minister des königlichen Hauses und der auswärtigen Angelegenheiten, geb. zu Ellwangen am27.Nov. 1780, erhielt seine Jugenderziehung bei seinem Oheim, dem Reichspropst und Domherrn von B. einem freisinnigen und vielseitig gebildeten Manne, dessen Streben dahin ging, seinen von ihm an Sohnesstatt angenommenen Neffen der diplomatischen Laufbahn zuzuführen. Nach- ! dem indessen B. das Studium der Rechte auf der Universität zu Wien beinahe vollendet hatte, riß ihm in seinem 17. Jahre die Neigung zum Kriegswesen aus dieser Laufbahn, um ihm eine andere, desto glänzendere und schnellere zu bereiten. Er trat in östr. Kriegsdienste, "V-». 282 Berosus Berri (Charles Ferd., Herz, v.) die er jedoch 1803 wieder verließ, als der Kurfürst von Würtemberg alle seine adeligen Untere thanen unter Androhung der Sequestration ihrer Güter zurückberief und ihre Dienste für das Vaterland in Anspruch nahm. Schnell schwang sich B. von Stufe zu Stufe bis zum General empor. Er war meist dem Hauptquartiere Napoleon's beigegeben, der von seinem ritterlichen und loyalen Benehmen sehr eingenommen, ihm viel Vertrauen bezeigte und ihn zu mehren wichtigen Aufträgen und Sendungen brauchte; ja selbst dann noch ihm sein Wohlwollen nicht entzog, als B. ihm unmittelbar vor der leipziger Schlacht die veränderten Gesinnungen seines Königs anzukündigen hatte. Als Gesandter in London, wohin B. 1814 ging, schloß er den für Würtcmberg besonders vortheilhaften Subsidicntractat ab. Wenige Monate vor dem Tode des Königs Friedrich's l. ging er als Gesandter nach Petersburg Im I. 1823 in seine noch gegenwärtige Stellung berufen, setzte er seiner Amtsführung ein Denkmal durch den Abschluß wichtiger Handelsverträge mit Preußen und andern deutschen Staaten und durch die Verabschiedung eines neuen Haus- und Apanagengesehes der königlichen Familie. Seine persönlichen Eigenschaften machen ihn Jedermann schätzbar, wie verschieden auch die politische Farbe sein mag; seine Redlichkeit, seine Humanität, sein Dienst- eifer und seine milde Ansicht von manchen nicht stets mit gleicher Schonung beurtheiltcn Dingen sind allgemein anerkannt. In seinem Departement herrscht Aufklärung, Pünktlichkeit und Ordnung. Derösus, ein gebildeter Priester zu Babylon, der mit der griech. Sprache und Wissenschaft vertraut war und noch zu den Zeiten Alexander des Großen gelebt, besonders aber um 260 v. Ehr. unter Ptolcmäus Philadelphus geblüht zu haben scheint, schrieb in griech. Sprache drei Bücher babylonisch-chaldäischcr Geschichten, wobei er das uralte Tcmpelarchiv von Babylon als vorzüglichste Quelle benutzt haben soll. Sie standen bei den Schriftstellern der Zeit Alexander's und seiner Nachfolger in großem Ansehen. Leider besitzen wir von diesem Werke nur noch eine Reihe Bruchstücke bei Joscphus, Eusebius, Syncellus u. A., die aber auch als solche von hoher Bedeutung sind, weil sie über die verworrensten Theile der ältesten Geschichte des innern Asiens wichtige Aufschlüsse geben. Eine vollständige Sammlung derselben veranstaltete Richter in „kerosi (Kalstaeoruin liistoriae cpiacvupersimt" (Lp;, 1825). Die zu Nom zuerst im I. 1498 von Eucharius Silber in lat. Sprache bekannt gemachten und später häufig wieder abgedruckten „^ntiguitstnin libri guingne cum cominen- tarüs äosmiig Xnnü" des V. sind ein pseudonymes Machwerk des Dominicancrmönchs Giovanni Nanni zu Viterbo. Berquin (Arnaud), mit dem Beinamen des Kinderfreundes, geb. 1749 zu Bordeaux, machte sich zuerst durch seine lieblichen Idyllen bekannt und bearbeitete hierauf unter dem Titel „Ule-rux sn^Iai»" (1775) mehre Bruchstücke aus der engl. Literatur. Seinen Ruf verdankt er indessen erst seinen trefflichen Kindererzählungen, „12n,ni Oes cuümts" (6 Bde., Par.), mit denen er 1784 den Preis der Akademie davon trug. Der größte Theil der Erzählungen ist zwar nach Weiße oder nach Miß Trimmer bearbeitet, doch hat B- den niedrigen Ton, den diese Gattung erfodert, so glücklich zu treffen gewußt, daß sein Werk als Originalwerk gelten kann. Mit vieler Umsicht redigirte er eine Zeit lang den „Zlomteur", und mit Grouvelin gab er die „LUlle villsgeoiss" heraus, die viel zur Aufklärung der untern Volks- classen beigetragen hat. Er war einer der Candidaten, die 1791 zu Lehrern des Kronprin- :en vorgcschlagen waren, starb aber, bevor die Wahl getroffen ward, am 21. Dcc. 1781. Seine fämmtlichen Werke erschienen in 60 Bänden (Par. 1797—1802). Berri (Charles Fcrd., Herzog von), zweiter Sohn des Grafen von Artois und der Maria Theresia von Savoyen, geb. zu Versailles am 24. Jan. 1778, wurde zugleich mit dem Herzoge von Angoulemc vom Herzog von Serent erzogen und entwickelte früh schon Züge einer freundlichen Gutmüthigkeit und steter Geistesgegenwart, und die Kunst, dem Charakter der Umgebung gemäß zu sprechen. Mit seinem Vater floh er 1792 nach Turin, dann focht er mit ihm und unter Conde bis 1798 gegen Frankreich und wußte sich bei seine» Soldaten beliebt zu machen. Nachher zog er mit seiner Familie nach Rußland und 1801 nach England, wo er abwechselnd in London und Schottland lebte und sich mit einer jungen Engländerin morganatisch vermählte. Aus dieser von Ludwig XVlll. nicht anerkannten Ehe patte er zwei Töchter, die später an den Marquis von Charettc und den Prinzen von Fau- 283 Berri (Karoline Ferd. Luise, Herzogin von) cigny vermählt wurden. Fortwährend beschäftigte er sich mit Planen zur Herstellung der Bourbons. Diese Zeit erschien endlich 1814; er landete am 13. Apr. im Hasen von Cherbourg, von wo er die Städte Bajeux, Cacn, Rouen u. s. w. besuchte, überall Soldaten und Nationalgarden für die Sache der Bourbons und mehr noch für seine Person zu gewinnen wußte, reiche Almosen austheilte und Gefangene befreite. Nachdem er am 21. Apr. seinen ' Einzug in Paris gehalten, ward er am 15. Mai zum Generalobersten ernannt und ihm eine Civilliste von 1,500000 Francs ausgesctzt. Dann bereiste er im August die Departe- , cnents des Norden und die Festungen in Lothringen, Franche-Comte und Elsaß. Als 1515 > Bonaparte von Elba gelandet war, gab ihm der König den Oberbefehl über alle Truppen in und um Paris. Allein schon in der Nacht vom 19. zum 20. März mußte er mit den Truppen des königlichen Hauses nach Gent und Alost zum König sich zurückziehen, bis die Schlacht von Waterloo ihm den Rückweg nach Paris öffnete, wo er am 8. Juli eintraf und sein Commando in die Hände des Königs niederlegtc. Hierauf war er im Aug. 1815 Präsident des Wahlcollegiums der nördlichen Departements, beschwor dann in der Sitzung der Kammern die constitutionelle Charte und wurde zum Präsidenten des vierten Bureau ernannt. Doch sehr bald zog er sich vom öffentlichen Leben zurück und wußte durch ein geschicktes Benehmen sich Popularität zu erwerben. Jm J. 1816 vermählte er sich mit der ältesten Tochter des nachmaligen Königs beider Sicilien, Franz I., Karoline Ferdinande Luise, oder wie sie sich später nannte, Marie Karoline, geb. am5.Nov. 1798. Sckon vielleicht in dieser Zeit brütete Louvel (s. d.) über dem Plan, durch die Ermordung des Herzogs die Bourbons zu vertilgen, den er am l3.Fcbr. 1820, als der Herzog seine Gemahlin aus der Oper nach demWagcn geleitete, aussührte, indem erdemselben eine Stichwunde beibrachte,anderdie- scr am folgenden Morgen früh mit der größten Standhaftigkeit und Ergebung starb. Wohlthä- tigkcit, Dankbarkeit und Edelmuth waren die Hauptzüge in dem Charakter dieses Prinzen, dessen Tod ganz Frankreich in Bestürzung versetzte. So wenig übrigens Louvel's Mordthat mit einem Verschwörungsplane zusammenhing, indem man durchaus keine Mitschuldigen ent- l decken konnte, so brachte sie doch durch feindselige Anschuldigungen die Parteien aufs neue in Bewegung und vcranlaßte mehre Ausnahmegesetze. Vgl Chateaubriand, „Nsmoires toucliunt In vis et la mort «ln «lue 480, gest. zu Alcala 4561, ein vertrauter Freund des Andrea del Sam und Nachahmer des Michel Angelo, studirte zu Florenz und Rom und war für Übertragung des Stils der ital. Kunst nach Spanien mit Erfolg thätig. Seine vorzüglichsten Gemälde befinden sich in Valladolid, Toledo und Salamanca. Für Kaiser Karl V. arbeitete er als Architekt am Palaste Pardo und Alhambra. Berryer (Pierre Antoine), sranz. Abgeordneter, geb. 4 796 in Paris, widmete sich gleich seinem Vater, der mit Dupin den Marschall Ney vor denPairs vertheidigte, seit 48lL dem Berufe des Advocaten. Schon vor seinem Eintritte in die parlamentarische Laufbahn gab er Beweise seines glänzenden rednerischen Talents, ohne doch wegen seiner entschieden legitimistischen Grundsätze in großem Kreisen Anerkennung zu finden. Im I. 4829 vom Departement Oberloire zum Abgeordneten gewählt, war er seitdem ununterbrochen Mitglied der Deputirtenkammer. Seine Opposition gegen die Adresse der 221 lenkte im Cabinet Karl's X. in dem Maße die Aufmerksamkeit auf den hervorragenden Redner, daß man daran dachte, ihn ins Ministerium zu berufen; doch die Julirevolution machte diesen Aussichten ein Ende. Zwar leistete B. dem Könige Ludwig Philipp den Eid der Treue, erklärte aber zugleich, daß er damit seinen alten Sympathien nicht zu entsagen gedenke, und blieb mit den Mitgliedern der verbannten Königsfamilie in unausgesetzter Verbindung. Lange Zeit das einzige legitimistische Mitglied der Abgeordnetenkammer, fand er in den ersten Jahre» der Aufregung nur selten Gehör; doch wußte er sich nach und nach Anerkennung zu erzwingen, und bei mehr als einer Gelegenheit brachte er durch die Macht seiner Rede einen tiefen und selbst entscheidenden Eindruck hervor. Es dauerte indessen lange, ehe er die Antipathien, die sich an sein politisches Glaubensbekenntnis knüpften, überwältigte. Dieselben Vorurtheile, die ihm in der Deputirtenkammer entgegenstanden, fand er auch vor Gericht, wo er in zahlreichen Rechtshändeln theils die von der Regierung verfolgten legitimistischen Blätter, theilS einzelne vorragende Männer seiner Partei zu vertheidigen hatte. Günstiger ward seine Stellung, als sich in der Kammer der Abgeordneten die Zahl der Legitimisten etwas vergrößerte und diese Männer der Rechten nicht selten mit Denen der äußersten Linken in der gleichen Opposition gegen die Regierung sich begegneten. Seit dieser Zeit übernahm er zu wiederholten Malen auch die Vertheidigung namhafter Führer der republikanischen Partei und nach dem Attentat von Bologna diejenige Ludwig Napoleon's vor dem Pairshofe. Nach dem Rücktritte des Ministeriums Thiers war er der unermüdliche Gegner des Ministeriums Soult- Guizot. Seine wachsende parlamentarische Bedeutung errang er sich hauptsächlich dadurch, daß er weniger sein lcgitimistisches Glaubensbekenntniß zur Schau trug, als sich an die de» Franzosen aller Parteien gemeinschaftlichen Ansichten und Gefühle für den Ruhm und die Ehre des Vaterlands wandte. Er gilt für den größten Redner Frankreichs seit Mirabeau, der weder von Foy, noch Lame und Deftrre, noch von Casimir Perier, Benj. konstant und Manuel übertroffen wurde. Er ist nicht groß von Gestalt, aber seine ausdrucksvollen und einnehmenden Züge, seine edlen Bewegungen, seine biegsame und melodische Stimme geben jede Regung der Seele wieder. Bei ihm ist die Beredtsamkeit zur eigentlichen Kunst ausge- bildct, und wenn andere Redner nur den Eingebungen des Augenblicks und dem Feuer ihrer Inspiration sich überlassen, behält er mit künstlerischer Sicherheit, aller scheinbaren Abschweifungen ungeachtet, das Ziel vor Augen, das er von Anfang an sich gesteckt hat. Berserker, so genannt von ber, d. h. bloß oder nackt, womit vielleicht bar, d.h- ohne, Berthier 285 zusammenhängt, und serkr, d. h oer Panzer, war nach der skandinav- Sage ein Enkel des achthändigen Starkader und der schönen Alfhilde und ein gefürchteter Kricgsheld. Er verachtete Panzer und Helm und ging, gegen die Sitte seines Zeitalters, ganz ungcharnischt in jeden Kampf, indem seine Wuth ihm die Schutzwaffen ersetzte. Mit der Tochter des Königs Swafurlam, den er im Kampfe getödtet, zeugte er zwölf Söhne, ebenso keck und wild als er selbst, auf die er den Namen Berserker und seine Kampfeswuth vererbte. Von ihm hat man den Namen Berserker auf wilde, ungeschlachte und wüthige Menschen übertragen und überhaupt jede wilde Kampfeswuth Berserkerwuth genannt. Berthier (Alexandre), Fürst von Neufchatel und Wagram, Marschall und Viceconne- table des franz. Kaiserreichs, wurde am 20. Nov. 1753 zu Versailles geboren. Sein Vater, ein im Kriegsdepartemcnt ««gestellter und ausgezeichneter Ingenieur, gab ihm zeitig einen tüchtigen Unterricht in den militairischen Wissenschaften, sodaß er 1770 als Lieutenant in den Generalstab des Heers eintreten konnte. Indessen ging er bald in ein Cavalericrcgiment über, erlernte den praktischen Dienst und begab sich mit Lafayctte nach Amerika, wo er an den Ufern des Ohio und bei der Expedition nach Jamaica gegen die Engländer für die Unabhängigkeit der Colonien tapfer focht. Mit dem Grade eines Obersten kehrte er nach dem Frieden nach Frankreich zurück und trat in den Generalstab des Marschalls Se'gur. Beim Ausbruche der Revolution wurde er zum Generalmajor der Nationalgarde von Versailles ernannt, in welcher schwierigen Stellung er ebenso viel Mäßigung der politischen Ansichten als Klugheit und Festigkeit zeigte. Obschon man, da er die königliche Familie oft vor der Wuth des erbitterten Volks geschützt hatte, seine Anhänglichkeit für die Revolution zu bezweifeln anfing, so wußte er sich doch durch seine ausgezeichneten Dienste und durch Klugheit vor Verfolgung zu sichern und seinen Platz zu behaupten. Im1.17S2 ward er zum Brigadcgeneral und zum Chef des Generalstabs der vom General Luckner befehligten Armee ernannt. Er leistete in dieser Stellung, besonders aber bei der Armee des Westens im Feldzuge von 1793, so ausgezeichnete Dienste, daß er 1795 zum Divisionsgeneral und Chef des Generalstabs bei der Armee in Italien und an den Alpen stieg. Als 1796 Bonaparte den Oberbefehl dieser Armee übernahm, trat B. zu demselben in ein sehr vertrauliches Verhältnis und half durch sein Talent, seine Kenntnisse, selbst durch seine persönliche Tapferkeit die glänzenden Erfolge der J. 1796 und 1797 herbeiführen. Nach dem Friedensschlüsse von Campo-Formis schickte ihn Bonaparte mit dem Friedensinstrumcnte anS Direckorium und ertheilte ihm dabei die größten Lobsprüche. Deshalb wurde, als jetzt Bonaparte Italien verließ, B. der Oberbefehl des Heers anvertraut. Um die Ermordung des Generals Duphot zu rächen, überzog er im Jan. 1798 das päpstliche Gebiet, besetzte am 15. Febr. Nom, proclamirte und con- stituirte daselbst die Republik und vertrieb mit großer Strenge die zahlreichen franz. Emigranten. Das Direktorium war indessen mit der geschlossenen Convention nicht zufrieden, und B. trat das Commando an Massen« ab. Als sich hierauf Bonaparte zum Abgänge nach Ägypten anschickte, schloß sich demselben B. aufs neue an und nahm als Chef des Generalstabs an allen Ereignissen des romantischen Zugs Theil. Sein Schicksal schien nun ganz an das seines Freundes geknüpft. Er kehrte mit demselben nach Frankreich zurück, half 1799 die Revolution des 18. Brumaire bewirken und wurde nach diesem Tage Kricgsminister. Im 1.1800 übernahm er den Oberbefehl über die Reservearmee beim Feldzüge nach Italien, wirkte jedoch mehr als Chef des Generalstabs und machte seinen Muth und sein Geschick ganz besonders beim Zuge über die Alpen und in der Schlacht bei Marengo geltend. Nach den« Waffenstillstände von Alcssandria, den er Unterzeichnete, ward er mit der Einrichtung der Verwaltung von Piemont und mit der Unterhandlung des Vertrags mit Spanien beauftragt; dann übernahm er das Kriegsministerium wieder, das Carnot indessen verwaltet hatte. Als Bonaparte den Thron bestieg, cräffnete sich auch für B. die glänzendste Laufbahn. Er begleitete 1805 den Kaiser zur Krönung nach Mailand, ging dann mit demselben als Chef des Generalstabs nach Deutschland, Unterzeichnete am 17. Oct. die Kapitulation von Ulm, am 6. Dec. den Waffenstillstand von Austerlitz, wohnte 1806 und 1807 den Feld- zügen gegen Preußen und Rußland bei und vollzog im Juni den Waffenstillstand von Tilsit. Schon bei der Thronbesteigung war er zum Marschall des Reichs und Großoffizier der Ehrenlegion ernannt worden; nach der Abtretung der beiden Fürstenthümer Neufchatel und Ba- 286 Berthier langin von Seite» Preußens erhielt er von Napoleon die souveraine Herrschaft über dieses, den; überdies wurde er zum Mitglicde des franz. Senats und zum Viccconnetable de« Reichs erhoben. B. legte jetzt das Kriegsministcrium nieder und vermählte sich 1808 mü Marie Elisabeth Amalie, der Tochter des Herzogs Wilhelm von Baicrn-Birkenfeld (geb. 1784). Wie er stets den Kaiser begleitete und seinem Generalstabe Vorstand, so befand« sich auch an dessen Seite im Feldzuge von 1800 gegen Ostreich. Nach der Schlacht von Wagram, wo er die entschiedensten Dienste geleistet, erhielt er dafür den Titel eines Fürsten von Wagram. Im I. 1810 sandte ihn der Kaiser nach Wien, um daselbst seine Vermählung mit Marie Luise, der Tochter Franz's I., zu vollziehen, und ernannte ihn hierauf zum Generaloberst der Schwcizertruppen. Zn dem Feldzuge von 1812, wie in denen von 181? und 1814, war B. unausgesetzt an Napoleon's Seite und versah die Dienste eines General- quarticrnwisters und eines.Chefs des Generalstabs. Als solcher hatte er Antheil an allen Operationen und Ereignissen dieser Kriegsepoche. Nur seiner Ordnungsliebe, seinem Scharfsinne und seiner Thätigkeit war es möglich, die Bewegungen so vieler Armcecorps im Gedächtnisse zu behalten und die Veranstaltungen dieser Massen zu leiten. Napoleon betrachtete ihn auch deshalb als ein vorzügliches Instrument zu seinen Siegen und ließ ihm nach dieser Seite die gerechteste Anerkennung widerfahren, obschon er auch behauptete, daß B. nicht fähig gewesen wäre, das kleinste Armeecorps selbständig zu führen. Nach dem Falle Napo- lcon's bewies sich B. für die vielen empfangenen Gunstbezeigungen undankbar. Er mußte das Fürstenthum Neufchatel aufgebcn, und, um nicht noch mehr zu verlieren, unterwarf« sich Ludwig XVIII., suchte dessen Gunst zu gewinnen und erhielt auch wirklich die Würde eines Pairs und eines Marschalls von Frankreich sowie den Titel eines Capitains der Garden. Napoleon, der an der inner» Ergebenheit B.'s nicht zweifelte, machte ihm von Elba aus Eröffnungen, die derselbe jedoch weder erwiderte noch Ludwig XVIIl. hinterbrachte, was ihn bei Beiden verdächtigte. Die Ereignisse im März 1815 stürzten ihn in gänzliche Nathlosig keit. Nach langem Zaudern ergriff er endlich einen Ausweg; er begab sich nach Bamberg zu seinem Schwiegervater und verfiel daselbst bei den wechselnden Eindrücken und unter dem Schwanken seiner Entschlüsse in förmliche Geisteszerrüttung. Am 1. Juni sah er daselbst von dem Balcon des Schlosses herab eine Abtheilung russ. Truppen nach der franz. Grenze vorüberziehen; von diesem für ihn schmerzlichen Anblicke verwirrt, stürzte er sich auf die Straße herab und gab sich so den Tod. Die Leidenschaft nach Ehre und hoher Stellung soll bei B. stets mit dem Edelmuthe und der Aufopferung für Andere im Kampfe gestanden und dieses traurige Ende seines bewegten und thatenreichen Lebens herbeigeführt haben. Er hinterließ aus seiner Ehe drei Kinder. Napoleon wurde von dem Abfälle B.'s, zu dem er unausgesetzte Neigung bewahrt, besonders bitter berührt; er hoffte 1815 täglich auf sein Eintreffen und äußerte dabei oft: „Ich will an dem Narren B. keine andere Rache nehmen, als ihn in der Uniform eines Gardecapitains Ludwig's XVIII. sehen." Erst 1826 erschienen zu Paris B.'s „Nemoires", die sich besonders über seine Theilnahme an den militairischen Operationen während seiner langen Laufbahn verbreiten. Er wurde in der Kirche zu Ban; begraben und ihm daselbst ein Denkmal errichtet. — VictorLcopold B., der Bruder des Vorigen, geb. am 12. Mai 1770 zu Versailles, trat ebenfalls früh in die franz. Armee. Mit Enthusiasmus gab er sich der Revolution hin. Er wurde 1795 Generaladjutant, machte als solcher die Feldzüge gegen die Ostrxicher und Russen mit, erhielt 1798 den Grad eines Brigadegenerals, versah dann den Dienst eines Chefs des Eeneralstabs in verschiedenen Armcecorps und wurde 1805 zum Divisionsgeneral erhoben. Als solcher zeichnete er sich in der Schlacht bei Austerlitz aus, indem er mit seinem Corps das Centrum der Russen durchbrach. In dem Gefechte bei Hall, wie in der Wegnahme von Lübeck, am 5 .und 6 . 8 iov. i806, werden ihm die Erfolge des Tages zugcschriebcn; auch unterhandelte er die Capitulaüon mit dem Corps von Blücher. Sein gerader, offener und ehrenhafter Charakter erwarben ihm die Gunst der deutschen Fürsten, namentlich des Königs von Baiern und des Königs von Preußen. Er starb schon 1807 zu Paris. — Cäsar D., ein zweiter Bruder des Fürsten, diente lange an der Seite desselben im Kriegsdepartement und wurde 1799 Brigadegeneral und Chef des Generalstabs der ersten Militairdivision, worauf er 1805 das Observations» corps an den holländ. Küsten befehligte. Im 1.1811 wurde er zum Divisionsgeneral er- Berthvld Berthond 28? hoben und zum Grafen des Kaiserreichs, auch erhielt er das Gouvernement von Tabago und dann von Corsica. Jm J. 1814 trat er auf die Seite Ludwig'sXVIII., der ihn zum Ludwigsritter machte, und starb am 17. Aug. 1819 zu Grosbois. Berthvld, der zweite Apostel des Christenthums unter den Beständen, erhielt als > Abt des Cistercienserklosters Loccum in Nicdersachsen, nachdem der erste Missionar und Bi- I schof bei jenem heidnischen Volke, Meinhard, l > 96 gestorben, von dem ErzbischofHartwig zu Bremen und Hamburg den Auftrag zur Mission in Bestand und die bischöfliche Würde. Er suchte nach seiner Ankunft in Pxküll an der Düna, dem Sitze der ersten Christen in Bestand, die Letten durch Milde zu gewinnen, wurde aber von ihnen vertrieben. Mit Kreuzfahrern aus Niedersachsen von neuem nach Bestand zurückkehrend, um durch Gewalt der Waffen die Letten zur Annahme des Christenthums zu zwingen, wurde er in einem Treffen 1198 erschlagen. Die Kreuzfahrer siegten zwar und erzwangen die Bekehrung der Letten, diese jedoch gingen, sobald das Krcuzheer sie verlassen hatte, wieder zum Heidenthum über. Erst dem Nachfolger B.'s, Albrecht, gelang cs mit Hülfe der Schwertritter, Bestand zu erobern und die Letten an christliche Gebräuche zu gewöhnen. — Noch sind zu erwähnen : der EremitBerthold, Gründer des Ordens der Karmeliter (s. Karmel), sowiedcrDonu- nicaner Berthvld in Negensburg, gest. 1272, dessen ergreifende Buß- und Sittenpredig- tcn in deutscher Sprache großes Aussehen machten und neuerdings von Kling (Verl. 1824) u. A. herausgcgebcn worden sind. Berthollet (Claude Louis, Graf von), Pair von Frankreich, einer der vorzüglichsten theoretischen Chemiker seiner Zeit, gcb. zu Talloire in Savoyen am 9. Dec. 1748, studirte in Turin und ging 1772 nach Paris, wo er 1789 Mitglied der Akademie der Wissenschaf ten und >794 Professor an der Normalschule wurde. Im I. 1796 hatte er den Auftrag, in Italien die Denkmäler auszuwählen, die nach Frankreich geschafft werden sollten, dann folgte er Bonaparte nach Ägypten, mit dem er 1799 zurückkehrte. Nach dem 18.Brumaire ward er Mitglied des Erhaltungssenats, dann Graf und Großoffizier der Ehrenlegion, k Durch den Kaiser erhielt er 1894 die Scnatorie von Montpellier. Dessenungeachtet stimmte er 1814 für die Absetzung desselben. Ludwig XVIIl. ernannte ihn nach der ersten Restauration zumPair und da ihnNapoleon I815überging, so kamernachLudwigsXVIll. zweiter Rückkehr wieder in die Pairskammer. Er starb zu Paris am 7. Nov. 1822. Unter den Erfindungen und neuen Versahrungsarten, womit er die Wissenschaften und Künste bereicherte, find die wichtigsten das Auskohlen der Gefäße zur Aufbewahrung des Wassers auf Schiffen, das Apprekirc» des Leinenzcugs u. s. w., vorzüglich aber das Bleichen von Pflanzenstoffen durch Chlor, welches seit 1786 in Frankreich im Großen mit Erfolg angc- wendet wurde. Unter seinen Schriften ist das „Lssui «is stutchus cbimchne" (2 Bdc., Par. 1893; deutsch von Bertholdy, Berl. 1811) das wichtigste und überhaupt eins der trefflichsten Werke. Obgleich die Hervorhebung der mechanischen Seite und besonders der Massenwirkungen in der Chemie, wie dies von B. in seinem Werke geschehen, sehr verdienstlich und er der erste Anreger der Lehre von den festen Proportionen war, so verleitete ihn doch , diese Behandlung der Sache zu Einseitigkeiten, die von Proust mit Erfolg gerügt wurden. Man hat daher später in vielen Stücken seine geistreichen Entwickelungen als nicht richtig anerkennen müssen; doch schmälert dies keineswegs seine großen Verdienste. Großen Än- l theil hatte er auch an der Reformation der chemischen Nomenklatur und Herausgabe der .Mötkmle es smours". Gegen Ende des 1.1789 reiste er nach S.-Domingo und ward wenige Tage nach seiner Vermählung mit einerjungen Mulattin im Juli 1790 dieBeute eines heftigen Fiebers. Seine „Oeuvres" (2 Bde., Par. 1785) wurden am besten von Boissonade herausgegeben (Par. 182a). Berti» (Louis Franc.), genannt Berlin l'aine, geb. 1766 zu Paris, hat sich durch das „äourual »es »ebsts", dessen Redacteur er lange Jahre hindurch war, berühmt gemacht Er hatte sich für den geistlichen Stand bestimmt, doch die beginnende Revolution nöthigte ihn, sich eine andere Laustahn zu wählen. Die neuen Grundsätze der Freiheit wurden anfangs von ihm mit Begeisterung begrüßt; als aber der Strom der Revolution immer gewaltiger anschwoll, glaubte B. den Ausbrüchen desselben so viel als möglich entgegenarbeiten zu müssen. Er entfaltete als Journalist eine große Thätigkeit, ward 1795 Herausgeber des „Eclair", arbeitete am „Ocmrrier universal" und gründete nach dem 18. Brumaire das „äournu! »es »ebats", das bald das glänzendste Organ der monarchischen Partei wurde. B. mußte indessen für seine royalistischen Grundsäßeneun Monate lang im Gefängniß büßen und dann nach Elba wandern; doch gelang es ihm von hier nach Italien zu entkommen, wo er in Rom eine innige Freundschaft mit Chateaubriand schloß, die für sein Journal von großem Einfluß ward. Jm J. 180-1 kam er nach Paris zurück und übernahm wieder die Redaction der „vebsts", doch wußte Napoleon seine Wirksamkeit sehr zu beschränken. Das Blatt mußte den Titel „äourusl »e l'euipire" annehmen und bekam unter der Leitung von Fieve'e, der der Redaction vonpoliceiwegen aufgedrängt ward, eine fastofficiclle Farbe. JmJ. 1811, woB. seinen Einfluß wieder geltend machen konnte, wurde das Blatt aufs neue royalistisch. Während der Hundert Tage fiel es in andere Hände, bis nach der Rückkehr der Bourbons B. wieder die Leitung übernahm, der in jener Zeit an der Redaction des „blomtenr »e 6au»" Theil genommen hatte. Obschon B. während der Restauration fast nie die Fahne der ministeriellen Partei verließ, so hatte er sich doch noch imJuni 1830 wegen eines Aufsatzes zu vertheidigen, in welchem die verhängnißvollen Worte zu lesen waren: „lUsIKeurense Lrsnce, mslkeureux roi!" Der Protestation der liberalen Journale gegen die Ordonnanzen trat B. zwar nicht bei; als indessen die Julirevolution gesiegt hatte, erklärte sich sein Journal für die neue Monarchie, und seit der Herrschaft des Juste-milieu ist es nur in einzelnen Punkten den wechselnden Ministerien entgegengetreten. Er führte die Redaction bis zu seinem Tode, der am 13. Sept. 1811 erfolgte. — Sein jüngerer Bruder, Louis Franc. Berten de Vaux,geb. 1771, der am „äournsl »es »ebsts" lebhaften Antheil nahm, stand eine Zeit lang an der Spitze eines Banquiergeschästs und wurde nach der Julirevolution Gesandter im Haag. Nach der Rückkehr von diesem Posten zum Pair ernannt, trat er in den Staatsrath und starb zu Anfang des 1. 1812. — Sein Sohn, Berlin de Vaux, war eine Zeit lang Deputirter von Poissy und Adjutant des Herzogs von Orleans. — ArmandB., der Sohn von Berlin l'aine, leitet gegenwärtig das „äourosl »es »ebsts" im Sinne des Vaters — Seine Schwester, Lo u i se B., hat 1830 eine italienische und 1836 eine von Vict. Hugo nach dessen „ldlotre-vsme" bearbeitete Oper „Lismers!»»" in Musik gesetzt und eine Sammlung von Gedichten „Olsnes" (Par. 1812) herausgegeben. Bertoli (Giovanni Domenico, Graf), geb. zu Moreto in Friaul 1676, gest. nach 1758, machte sich als Patriarch in Aquileja um die dasigen Alterthümer sehr verdient, um die sich bis dahin Niemand bekümmert hatte. Die Einwohner hatten fast lediglich von solchen ihre Häuser gebaut; um nun diesen Zerstörungen vorzubeugen, kaufte B. in Verbindung mit mehren Gelehrten alle alten Steine, welche man auffand. Von denselben ließ er e v a ü >i n v si v dl dl tr ei u r< >r 6 gl 1 ir L Ll Nl E F ri ni w 2 ni ih w er ei S S °i st S> S- zr ei dl r< Z n si si b si a cn- em rat , ien atz '»> ich im ar> cch ht- )n, lgs zer ju >es >rs de. M »er em der )en ' Keren der die Seien en, M cht eue ch der de lei, , ter ^ ts- s eit der des ict. ine ach um . sol- »in- . Verton (Henri Montan) Verton (Jean Baptiste) 289 einen Porticus bauen, welcher bald die Bewunderung der Fremden und selbst der Einwohner von Aquileja auf sich zog. Auch ließ er die Ruinen der Stadt und Provinz zeichnen und avbildcn. Aufgcmuntcrt durch Muratori und Apostolo Zeno, gab er mehre Abhandlungen über Gegenstände des Alterthums heraus. Sein vorzüglichstes Werk ist „I.e anlicbit- di ^gnilejs prosiine e rscre" (Ven. 1739, Fol.). Verton (Henri Montan), fruchtbarer Componist, geb. am 17. Dec. 1767 zu Paris, war der Sohn Pierre Montan B.'s, geb. 1727, gest. 1780, der ebenfalls Opern com- ponirt hat. Er bildete sich als Componist unter den großen Meistern Gluck, Piccini, Pai- sicllo und Sacchini. Seine ersten Compositionen waren Oratorien, und „Die Heiraths- vcrsprcchungen" das erste Stück, welches er 1787 aufs Theater brachte. Bei Errichtung des Conservatorium der Musik ward er als Lehrer der Composition bei demselben, 1808 bei der ital., dann bei der kaiserlichen großen Oper als Dircctor des Gesangs angestellt. Später trat er in russ. Dienste, kehrte aber sehr bald nach Paris zurück. Im I. 1821 componirte er mit Boyeldicu, Kreutzer und Pär die Oper „Ulsuclie de Provence, ou Is coeur des leer", und 1825 zur Feier der Krönung Karl's X. den zweiten Act der Oper „Klmrsmond", während Boyeldicu den ersten, Kreutzer den dritten Act und Dausoigne die Tanzmusik übernahmen. Außerdem hat er mehr als 20 Opern componirk, unter denen „Xiine, reine de Lolconde" die berühmteste ist, und mehre Schriften über die Theorie der Musik herausgegeben, die eine günstige Aufnahme fanden. Er starb in Paris an der Cholera am 19. Juli 1832. — Sein Sohn, FrancoisB., scheint in des Vaters Fußkapfen zu treten. Verton (Jean Baptiste), franz. Brigadegcncral, geb. 1774 zuFrancheval bei Sedan, im Departement der Ardennen, von wohlhabenden Altern, erhielt auf der Militairschule zu Brienne, dann zu Chalons eine tüchtige Bildung und trat als Souslieutenant 1792 in die Legion der Ardennen. Er zeichnete sich bald durch Talent und Tapferkeit aus und wurde nach der Schlacht von Spinosa vom Marschall Victor dem Kaiser als der ausgezeichnetste Eecadronchef der Armee vorgestellt, was seine Erhebung zum Chef des Gcneralstabs zur Folge hatte, worauf er allmälig den Grad eines Generals erreichte. Unter den vielen berühmten und tapfern Männern würde ihn indessen die Geschichte kaum erwähnen, wenn nicht sein späteres Schicksal allgemeine Thcilnahme erregt hätte. Nach der Restauration wurde er aus der Armee entfernt, weil er einen Commentar über das Werk des Generals Tarayre „De la korce dnns les gouvernem,ei>ts" und dann eine Flugschrift gegen den damaligen Dircctor der Police!, Mounier, veröffentlicht hatte. Diese Zurücksetzung verwickelte ihn in mehre Complots, die gewöhnlich von verräterischen Agenten der Negierung geleitet wurden, um die Misvergnügten hcranzuziehen und sich ihrer durch gesetzlichen Anschein zu entledigen. Am 24. Febr. 1822 erhob er zu Thouars die Fahne des Aufruhrs, proclamirte eine provisorische Regierung und marschirte mit 100 M. Fußvolk und 25 Reitern auf Saumur, die jedoch schon vor der Stadt sich zerstreuen mußten. Man glaubte, B. sei nach Spanien entflohen, allein am 14. Juni wurde er zu Lalen bei St.-Florent von einem Unteroffizier Wolfel, der sich sein Vertrauen zu erwerben gewußt hatte, verrätherischerweise gefangen genommen. Hierauf begann jener empörende Proceß, dessen Thatsachen die Regierung mehr als B. hätte compromittiren müssen, wäre cs nicht gar zu gesetzlos zugegangen. Nebst seinen Mitschuldigen wurde er seinen ordentlichen Richtern bei dem Assisenhofe zu Deux-SevreS entzogen und vor die Assiscn zu Poitiers gestellt. Man verweigerte ihm einen selbstgewähltcn Vcrtheidigcr, wies ihm einen in der Person des Advocaten Drault zu, dem man noch außerdem verweigerte, mit dem Gefangenen zu sprechen. Mehre Entlastungszeugen unter dm Geschworenen selbst wurden nicht vernommen. Der Generalprocurator Mangin beleidigte, verhöhnte und beschimpfte den Gefangenen, und selbst dessen Söhne wurden von dem öffentlichen Verhöre fern gehalten. B. vertheidigte sich sehr ruhig und suchte zu beweisen, daß er nicht die Dynastie habe stürzen wollen, sondern daß seine Absicht gewesen, die Willkür und die Tyrannei der Ultras zu brechen. Nach langen Debatten wurde er mit drei Andern zum Tode vcrurtheilt, 32 seiner Mitschuldigen zur Ge- fangenschaft. B. trug aus den gesetzlichsten Gründen auf die Cassation dieses Urtheils an; allein sein Antrag wurde verworfen und am 5.Aug. 1822 mußte er das Schaffst besteigen. Conv.-Lex Neunte Xusl. II. 19 29tt Bertraud Bcrtuch Um die Hinrichtung zu beeilen, hatte man die Entscheidung durch Estafette nach Poitiers gesandt. Den Söhnen B.'s, die beweisen wellten und konnten, daß ihr Vater auf die Cas- sation des Urthciis geschlichen Anspruch hätte, wurden allerlei Hindernisse in den Weg ge- legt und der eine sogar, nachdem er zu Paris Urlaub genommen, vom Commandanten zu Poitiers festgehalten. Auch wurde ihnen nicht erlaubt, ihrem Vater einen Denkstein zischen. Vgl. Launier, „Relation circvnstanciee Oe l'slksirs tle Tkoiutrs et " (Poitiers l822). Neben mehren andern politischen und militairischen Arbeiten ist B. auch durch den „Rrecis lnstorigue, militsiie et criticzne »les bstsilleL 8V6 die Festung Spandau nach einer Berennung von wenigen Tagen, und I8V7 trug er zumSiege bei Fried- land bei. Zm 1.1809, im Feldzuge gegen Ostreich, erwarb er sich nach der Schlacht von Aspern durch den meisterhaften Bau der Übergangsbrücken über die Donau selbst die Bewunderung des Feindes. Mit gleicher Ehre focht er in den Feldzügen von 1812 und 1813, und ward nach Duroc's Tod Großmarschall des Palastes. Er befehligte damals das Nescrve- corps, das später den Namen des vierten Corps erhielt, focht bei Lützen und Bautzen, behauptete in der Schlacht bei Leipzig den Punkt von Lindcnau gegen Eiulay, trat einen geordneten Rückzug an und deckte nach der Schlacht bei Hanau den Übergang des franz. Heers bei Mainz. Den Feldzug von 1814 machte er als Aide Major der Nationalgarde an Äapoleon's Seite mit, begleitete diesen nach Elba und kehrte mit ihm nach Frankreich zurück. Mit seiner Gemahlin, einer Tochter des Generals Dillon, die am 6. März 1836 auf dem Schlosse Laleux bei Chateauroux starb, folgte er dem verbannten Kaiser nach St.-Helena, und um seiner treuen Anhänglichkeit willen ward sein Name in ganz Frankreich gefeiert. Nach Napolcon's Tod, als Ludwig XVIII. die 1816 in contumaciam gegen B. verhängte Todesstrafe aufgehoben und ihn in alle seine Würden wieder eingesetzt hatte, kehrte er nach Frankreich zurück und lebte auf seinem Gute bei Chateauroux. Die Julirevolution rief ihn 183« wieder in den activen Dienst, zugleich ward er zum Deputaten erwählt. In dies» Eigenschaft war er ein strenger Anhänger der Grundsätze der äußersten Linken und ein besonders eifriger Vertheidiger der unbeschränkten Preßfreiheit; auch gehörte er zu den fünfzig Abgeordneten, die das von Dupoty rcdigirte, 1842 eingegangene republikanische „äourm! 0u j-euple" gründeten. Wie es sich nicht anders erwarten ließ, war er unter Denen, die 1840 zur Abholung der Asche Napoleon's nach St.-Helena geschickt wurden, und bekleidete bei den Feierlichkeiten der Beisetzung am I S.Dec. einen der Ehrenposten. Bertuch (Friedr. Justin), ein um Kunst und Literatur vielfach verdienter Mann, war zu Weimar am 30. Sept. >747 geboren undstudirte 1765—69 in Jena erst Theologie, dann die Rechte. Wie schon auf der Universität der Poesie, so blieb er auch nachher durch seine Verbindung mit dem als Dichter bekannten Freiherrn von Echt, dessen Söhne er seit 1769 unterrichtete, sowie, als er 1773 nach Weimar zog, durch die Bekanntschaft mit Wieland, Musäus, später mit Goethe u. A. und durch das Weimar. Hoftheater der schönen Literatur zugewendet. Von seinen Schriften aus dieser frühesten Periode erwähnen wir die „Wiegenlieder" (Altcnb. 1772), die Oper „Das große Loos" (Weim. 1774), das von Schweizer trefflich componirte lyrische Melodram „Polyxena" (1774) und insbesondere das Trauerspiel „Elfriede" (Weim. 1775). Durch den Freiherr» von Echt, der einige Zeit als dän. Gesandter in Spanien,, gelebt hatte, ward B.'s Liebe zur span, und portugies. Literatur geweckt. In seiner Übersetzung von Cervantes' „Don Quixote", mit der Fortsetzung von Avcllaneda (6Bde., Weim. 1775 — 79), sowie durch die in Verbindung mit Seckendorf und Zanthicr besorgte Herausgabe des „Magazins der span, und porkug- L it T lü de m m E crj ei> bii u. S-S fts in beim au 17 de- W in stü domo Er na- vor er - ger bra zur 17- ließ wa den Th unt der Pß des ger 17 Wij seit un- Ad iers i-s- gc- zu , »r" iers den >ar. ;eb. sid- ral- lla- auf der ang icd- »oii Le- > 3 , webe- ricn inz. eaa , ück. dem ena, mt. Ngl! aach ihn icsci > beflog cmfl die dcte mn, arch seit mit inen eine von das als i Ute- Ortung rüg- Bervic Berzelins 291 Literatur (1780— 82) suchte er für diese Sprachen zu leisten, was Meinhard für die ital. Poesie geleistet hatte. Zwar trat er 1775 als Geheimer Sccretair in Weimar. Dienste, worauf er l785 den Titel als Lcgationsrath erhielt, doch wurde dadurch seine literarische Thätigkeit nicht bedeutend gestört. Mit Wieland und Schütz entwarf er 178-1 den Plan zur „Jcnaischcn Allgemeinen Litrraturzeitung". Seit 17 86 gab er in Verbindung mit Kraus das „Journal des Luxus und der Moden" heraus, und 17!)0 begann sein allgemein beliebtes „Bilderbuch für Kinder" und die „Blaue Bibliothek aller Nationen" (12 Bdc., Gotha 1790—1806), während gleichzeitig sein „Handbuchder span. Sprache" (Lpz. 1790) erschien. Im I. 1791 gründete er in Weimar das Landes-Jndusirie-Comptoir, später eine große Anstalt für Landkartenstich und das Geographische Institut, welches, in Verbindung mit den zuerst von ihm und von Zach, nachher von ihm mit Easpari, Ehrmann u. A. herausgegcbenen „Geographischen Ephemcridcn" zur Beförderung des geographischen Studiums vielfach gewirkt hat. Nachdem seiner im I. 1810 verstorbenen Gattin sein einziger hoffnungsvoller Sohn im Tode gefolgt war, entschloß sich sein Schwiegersohn, Professor von Froricp, seine Stelle als Leibarzt des Königs von Würtembcrg aufzugeben und in Weimar. Dienste zu treten, um mit B. vereint die verschiedenen Unternehmungen desselben fortzusetzen, unter welchen das „Oppositionsblatt" genannt werden muß, das 1817 an- fing und 1820 unterdrückt wurde. Seine Stelle als Geh. Sccretair hatte er schon früher aufgegcben. Er starb am :!. April 1822. Bervic (Charl. Clement), einer der größten Kupferstecher der franz. Schule, geb. 1756 in Paris, hatte Georg Wille zum Lehrer, als dessen erster Schüler er betrachtet werden darf, und starb 1822. Seine Werke gehören zu den gesuchtesten der franz. Schule, zumal da sie nicht zahlreich sind. Seine berühmteste Arbeit ist das Bildniß Ludwig's XVI. in ganzer Figur nach einem Gemälde von Callet. Da die Platte hierzu in den Nevolutions- stürmen 1793 zerschlagen wurde, so sind Abdrücke derselben äußerst selten und theuer; doch sollen die Stücken der Platten neuerdings wieder zusammengesetzt und abdruckfähig gemacht worden sein. Die Richtigkeit seiner Zeichnung, die Reinheit und der Glanz seines Grabstichels geben seinen Arbeiten classischcn Werth. Berwick (James Fitz-James, Herzog von), Pair von England und Frankreich, Grand von Spanien, geb. 1670, war der natürliche Sohn des Herzogs von Aork, des nachmaligen Königs Jakob's ll., und der Arabella Churchill, der Schwester des Herzogs von Marlborough, und führte anfangs den Namen Fitz-James. Seine Erziehung erhielt er in Frankreich, und seine ersten Kriegsdienste that er unter dem Herzog Karl von Lothringen, Kaiser Leopold's I. Fcldherrn in Ungarn. Als bald nachher die engl. Revolution ausbrach, unterstützte er seinem Vater in den Unternehmungen gegen Irland und wurde 1689 zum ersten und einzigen Male verwundet. Darauf diente er unter Luxembourg in Flandern, 1702 und 1703 unter dem Herzog von Burgund, dann unter dem Marschall Villcroi und ließ sich in Frankreich nationalisiren. Im I. 1706 zum Marschall von Frankreich ernannt, ; ward er nach Spanien gesandt, wo er die entscheidende Schlacht von Almanza gewann, die . den König Philipp V. wieder zum Herrn von Valencia machte und demselben den span. ^ Thron sicherte. Philipp erhob ihn dafür zum Herzoge von Liria und lkeria; doch 1718 und 1719 war er genöthigt, in den Niederlanden gegen denselben zu kämpfen. Seinen Sohn, der in des Königs von Spanien Diensten stand, ermahnte er damals ausdrücklich, seine i Pflicht zu thun und nach allen seinen Kräften für seinen Herrscher zu kämpfen. Als Ober- befehlshaber des Heers, welches bei Strasburg den Rhein überschritt, endete bei der Belagerung von Philippsburg im I. 1734 eine Kanonenkugel sein Leben. Beryll, s. Smaragd Berzelius (Joh. Jak., Freiherr von), einer der ausgezeichnetsten Chemiker, geb. >779 m Linköping in Ostgothland, studirte von 1796 an in Upsala Medicin und Natur- ^ Wissenschaften, vorzugsweise aber Chemie. Später machte er mehre wissenschaftliche Reisen und ward dann Professor der Chemie und Pharmacie, Assessor am Sanitätscollegium > und Sccretair der kön. Akademie der Wissenschaften zu Stockholm. Schon früher in.den ! Adclstand erhoben und zum Abgeordneten in die Ständcversammlung gewählt, wurde er 19* 292 Bezanson am IS. Dec. 1835 am Tage seiner Vermählung mit der Tochter des StaatSratbs Popplus in den Frciherrnstand erhoben, nachdem er früher mehrmals diese Ehre abgelehnt hatte, und 1838 Ncichsratb. Seine Verdienste in der Chemie sind so zahlreich, daß cs schwer ist, sie in einrm kurzen Überblick zusammenzufassen; unbestritten hat er unter den lebenden Chemi- kern die größte Autorität, und die ganze jetzige Gestaltung der Chemie beruht zum großen Theil auf seinen Entdeckungen und Ansichten, wodurch jedoch nicht ausgeschlossen ist, daß die Entwickelung der Wissenschaft auch sein Gebäude verändern und ihm Jrrthümer nach- weisen kann, was wol zunächst mit seiner Ansicht von den Atomgewichten, seiner streng clektro-chemischcn Theorie und seiner Behandlungsweise der organischen Chemie der Fall sein könnte. Er entdeckte das Selen und Thorium, stellte Calcium, Baryum, Strontium, Tantal, Silicium, Zirkonium zuerst in metallischem Zustande dar und untersuchte ganze Classen von Verbindungen, so die der Flußsäure, der Platinerzmetalle, des Tantals, Mo- lybdäns, Vanadins, die Schwefclsalze u. s. w.; er stellte eine neue oder wenigstens ganz umgeänderte Nomenclatur und Classification der chemischen Verbindungen auf, die sich immer allgemeinem Eingang verschafft, kurz es ist kein Zweig der Chemie, in dem er sich Mt Verdienste erworben hätte, und seine Arbeiten sind so zahlreich, daß es bei der Genauigkeit, mit der sie ausgeführt sind, fast unbegreiflich scheint, wie Ein Manst dies Alles zu leisten vermöge. Als besonderes Verdienst ist zu erachten, daß er sich nie bloS mit Aufsuchung vereinzelter Thatsachen begnügt, sondern stets so durchgreifende Untersuchungen über größere Gebiete anstellt, daß die Chemie als Ganzes dadurch Gewinn erhält. Abgesehen von seiner großen journalistischen Thätigkeit, erwähnen wir von seinen großem Werken die „boreläs- ninAsr i (ljur keimen" (2 Bde., 1806—8); die „.^kkiMillingsr i Hrsik, Icemie ncb miners- IvAie" (6 Bde., 1806 — 18), welche er zuerst mit Hisinger, später aber in Gemeinschaft mit mehren schweb. Gelehrten herausgab; das „I^ilrdnk i keimen", welches sowol in der deutschen Übersetzung von Wähler (4 Bde., Dresd. 1825—31; 4. Aufl., 10 Bde., 18Z5 —41; 5.Aufl., Bd. I, 1843) wie in der ftanz. von Jourdan (Par. 1829) durch des Ber- l fassers Zusätze und Verbesserungen bereichert wurde; „Überblick über die Zusammensetzungen der thierischen Flüssigkeiten" (deutsch von Schweigger-Seidel, Nürnb. 1815); „Übersicht der Fortschritte und des gegenwärtigen Zustandes der thierischen Chemie" (deutsch non Siegwart, Nürnb. 1815); „Die Anwendung des Löthrohrs in der Chemie und Mineralogie", deutsch von Wühler, 3. Ausl., Nürnb. 1837) und die „Jahresberichte über die Fortschritte der physischen Wissenschaften" (deutsch von Gmelin, dann von Wühler, Jahrz. 1—20, Tüb. 1822 — 42). Besansvn, der Hauptort der ehemaligen Freigrafschaft, sowie des jetzigen Departements des Doubs, am Doubs, der die Stadt in die obere und untere theilt, welche durch eine steinerne Brücke verbunden sind, ist eine alte, wohlgebaute und unter Ludwig XIV. von Vauban stark befestigte Stadt. Sie hat 30000 E-, eine Citadelle, mehre Kirchen, unter denen namentlich der Dom sich auszeichnet, Hospitäler und andere öffentliche Gebäude, darunter das durch seine halb gothische, halb röm. Bauart merkwürdige Palais des Cardi- > nals Granvella. Es ist der Sitz eines Erzbischofs, dem die Bischöfe von Autun, Metz, Nancy, Strasburg und Dijon untergeordnet sind, der Departementsbehörden, einer Aka-, demie für Mathematik und schöne Wissenschaften, seit 1752, eines Lyceums, seit 1801 , und mehrer anderer wissenschaftlichen Anstalten und hat eine Bibliothek mit einer Münzsammlung, ein Naturaliencabinet, ein Museum, einen botanischen Garten, eine Taubstummenanstalt und eine Congregation Barmherziger Schwestern. Die Gegenstände der hiesigen sehr bedeutenden Fabriken sind Eisen, Stahl, Waffen, Leinwand, Wolle, Baumwolle, Seide, Taback, besonders aber Taschen- und Stutzuhren. B., das alte Bisontium, war schon zu Cäsar's Zeiten, der die Sequaner daraus vertrieb und hier den Ariovist schlug, ein beden tender Waffenplatz. Dann war es deutsche Reichsstadt und Hauptort der Franche-Comte mit welcher es durch den Frieden zu Nimwegen 1679 an Frankreich kam. Wie noch jef, mehre Straßen in B. die alten röm. Namen führen und unter den vielen Überresten der röw Zeit besonders die eines Triumphbogens des Kaisers Aurelian, einer Wasserleitung eines Amphitheaters schon lange bewundert werden, so hat man in neuerer Zeit bei« auch ein röm. Theater entdeckt, welches wol gegen 20000 Menschen gefaßt haben mag. plus , und , sie emi- oßen daß iach- ! reng ' Fall ium, l-nze Mo- ganz > im- nicht gkeit, nstm hung ößtt! einn eiäs- ^era- schch n dn INS V-k- l cßuii- Übei- h« innrer die »ahrz. parte- durch XIV' rchcn, >aude, sardi- , Mctz^ Aka- , und' amm- men- nschr seide, ,onzl! bedea- >omti ch M r röw mag. BeSborodko Beschneidung 293 BeSborodko (Alexander, Fürst von), Slaatssecretair unter der Regierung Kathari- na's II. und Paul's I., geb. 1732 in Kleinrußland, gest. in Petersburg 1799, hatte als Secretair den Feldmarschall Numjanzow auf seinen ersten Feldzügen gegen die Türken begleitet, als er bei der Kanzlei als Cabinetssecretair angestellt wurde. Seiner Muttersprache vollkommen mächtig, zeigte er eine besondere Gewandtheit, schnell etwas abzufassen. Einst erhielt er den Befehl, eine Ukase zu entwerfen, vergaß aber den Auftrag und erschien, ohne sie geschrieben zu haben. Die Kaiserin foderte sie, und B., ohne sich lange zu besinnen, zog aus der Schreibtafel ein leeres Blatt Papier und bas die Ukase ab, als wenn er sie vor Augen hätte. Die Kaiserin, damit sehr zufrieden, verlangte das Blatt zur Unterschrift und war sehr erstaunt, es leer zu finden, machte ihm aber über seine List und Nachlässigkeit keinen Vorwurf, sondern ernannte ihn zu ihrem Geheimrath und 1780 zum Staatssecretair im Departement der auswärtigen Angelegenheiten. Seitdem, und noch mehr seit Panin's Tode, 1783, genoß er das ganze Vertrauen Katharina's. Von Joseph II. zum deutschen ReichSgrafcn erhoben und im Besitze großen NeichthumS, verband er sich mit der Familie Woronzow, wodurch er ein geheimer Gegner Potemkin's wurde. Um mit der Pforte die Fricdensunterhandlungen fortzusetzen, die Potemkin abgebrochen hatte, sandte ihn 1791 die Kaiserin nach Jassy, und B. schloß den Frieden zur vollkommenen Zufriedenheit der Kaiserin ab. Nach seiner Rückkehr stieg sein Ansehen immer mehr; an der Spitze der auswärtigen AngeK-genheiten vertrat er nach außen fast ausschließlich die Interessen Rußlands, sowie er denn auch auf das endliche Schicksal Polens den entschiedensten Einfluß hatte. Allein in der Folge verdrängte ihn der Günstling Plato Subow; er verlor seinen Einfluß, ohne gerade in Ungnade zu fallen. Nach Paul's I. Thronbesteigung ward er in den Fürstenstand erhoben und von diesem 1797 beauftragt, ein Bündniß zwischen Rußland und England gegen Frankreich zu Stande zu bringen. Er war ein leidenschaftlicher Liebhaber der Kunst, und noch gegenwärtig erregt seine in dem ehemals von ihm innegehabten Palast zu Petersburg aufgestellte Gemäldegalerie die Bewunderung der Kunstfreunde. Einen Theil seiner reichen Hinterlassenschaft vermachte er öffentlichen Stiftungen; so verdankt ihm das nach ihm benannte Gymnasium in Neshin, mit 25000 Rubel jährlichem Einkommen, seine Entstehung. Beschauung oderContcmplation heißt zunächst die Bettachtung und Auffassung z. B. eines äußern Gegenstandes, um das Bild desselben rein und unvermischt mit Fremdartigen sich anzueignen. Vorzugsweise wird dann dadurch die innerliche Anschauung, oder derjenige Zustand bezeichnet, in welchem der Geist, allen äußern Eindrücken entzogen, mit seinen eigenen Vorstellungen, Begriffe» und Gefühlen sich beschäftigt. Wo dieser Zustand anhaltend ist, wo man also bei den Erscheinungen des Innern lange verweilt und sich gleichsam in sich selbst versenkt, sodaß bloße Gedankenbilder und Gefühlszustände fast wie wirkliche Gegenstände betrachtet werden, da spricht man von Beschaulichkeit, als der beharrlichen Neigung, sich in das eigene Innere zu versenken. — Ein beschauliches Leben ist ein solches, welches überwiegend der innern Betrachtung sich zuwendet. Hier liegt nicht nur die Gefahr der Einseitigkeit der innern Richtung und der Abwendung von dem thätigen Leben sehr nahe, sondern auch die der Verirrung zur Phantasterei und Gefühlsschwärmerei, die bis zu Visionen und Ekstasen steigen kann. Von den meisten orient. Völkern wurde die Contemplation für daS wesentliche Element der Religion angesehen. Von ihnen wurde da- beschauliche Leben mit den gnostischen und neuplatonischen Ideen der Erhebung über die Sinnenwelt bereichert und im 3. Jahrh. in die christliche Religion übergetragen, wo cS sich endlich durch das Mönchswescn verkörperte. Beschicken heißt in der Hüttenkunde die Erze untereinander mit Flüssen und andern Zuschlägen vermengen, um sie zu den Hüttenprocessen vorzubereiten; im Münzwcsen, auch bei den Gold- und Silberarbeitern und bei den Zinngicßern das Zusehen von Silber, Kupfer, Blei zu Gold, Silber und Zinn (s. Lcgiren) in den Verhältnissen, welche theils behufs der Verarbeitung, theils zu Erlangung eines bestimmten niedrigen WertheS erfoderlich sind. Beschneidung heißt die bei verschiedenen Völkern herrschende Sitte, die Vorhaut des männlichen Glieds abzuschneiden. Wir finden dieselbe bei den alten Ägyptern, insonderheit unter den dortigen Priestern, den Arabern, Äthiopiern, Hebräern und noch jetzt bei den Juden, Kopten, christlichen Äbyssinier» und Mohammedanern. Bei den Ägyptern geschah 294 Beschreibung Besitz sie im 14., bei den Völkern des Islam erfolgt sic im III. Lebensjahre; die Juden voll- ziehen sie am achten Tage nach der Geburt. Bei letzter» hat sic auch eine hohe religiöse Bedeutung erhalten, als ein schon dem Abraham gegebenes göttliches Gesetz; die Beschnei- düng ist das Bundcszeichcn, und durch sie wird der Beschnittene in den Bund Gottes mit Israel ausgenommen. Ein jeder Israelit, nöthigenfalls auch eine Frau, darf sic verrichte»; sic geschieht jedoch in der Regel von eigens darin geübten Männern, genannt Mohcl, d. i. Beschncider. An einigen Orten ist ein Wundarzt zugegen. Der eigentliche Ursprung des Gebrauchs läßt sich nicht mit Sicherheit angebcn. Beschreibung («lescriptio) heißt im weitesten Sinne die sprachliche Darstellung eines Gegenstandes durch Angabe mehrcr sowol wesentlicher als zufälliger Merkmale desselben. Die Beschreibung eines Gegenstandes gibt das Eigenthümliche seiner Erscheinung; die Erklärung geht auf das Allgemeine und Wesentliche, wodurch der Gegenstand zu begreifen ist. Der Stoff oder Gegenstand der Beschreibung kann jedes wirkliche, oder auch nur als wirklich gedachte Ding sein; doch gehören vorzugsweise hierher die Werke de: Natur und Kunst, einzeln und in Verbindung, sowie körperliche und geistige Zustände und Charaktere. Die crfoderlichcn Merkmale müssen nicht nur richtig gewählt, sondern ganz besonders auch zu einem wohlgeordneten Ganzen in dem entsprechenden Ansdrucke verbunden sein, damit die einzelnen Vorstellungen in ihrer Folge die bezweckte Wirkung erzeugen. Wesentliche Vorzüge der Beschreibung sind Deutlichkeit, die in der höchsten Potenz zur Anschaulichkeit wird, und Treue. Da nun der Zweck der Beschreibung gewöhnlich darin besteht, entweder du Erkenntniß des Vernehmenden zu vermehren'oder auf das Gcmüth desselben cinzuwirken, so hat man sie in Lchrbeschreibung oder Beschreibung schlechtweg und in S ch i l d c r u n g (s. d.) eingcthcilt. Die poetische Beschreibung oder Schilderung will durch Zusammenfassung mannichsaltigcr die Phantasie anregender Merkmale zu einem Ganzen das Gefühl auf eine bestimmte Weise in Bewegung sehen, und löst ihre Aufgabe um so sicherer, je lebendiger und geistreicher sie zu individualisircn versteht. Ein Gedicht, dessen Zweck die ästhetische Beschreibung eines Ganzen ist, heißt ein beschreibendes Gedicht; im cngern Sinne nennt man so das beschreibende Gedicht, das einen Naturgegenstand zum Stoffe hat. Da die Sprache das Gleichzeitige nur successiv darstellen kann, so wird dadurch der Umfang deS beschreibenden Gedichts beschränkt und die Darstellungsart eigenthümlich modificirt. Die Alten kannten dasselbe als besondere Dichtungsart nicht und mischten daher Beschreibungen nur in andere Dichtungsarten ein. Auch in neuerer Zeit ist gegen die Selbständigkeit einer besondern beschreibenden Dichtform nicht ohne Grund Bedenken erhoben worden. Die meiste Vorliebe für diese leicht langweilig werdende Gattung findet man bei den Engländern. Besessene (claemoniaci oder obsessi) nannte man gewisse Kranke, deren Übel erschreckend, das Gemüth zerrüttend, unheilbar und seinen Ursachen nach unbegreiflich erschien, besonders Epileptische, Hysterische und Wahnsinnige, und von denen man annahm, daß ein oder mehre Dämonen (s. d.) in ihnen ihr Wesen trieben. Dieser letztere Wahn ist uralt und findet sich in allen Religionen des Alterthums, besonders hat er in denen geherrscht, welche ein Princip und Reich des Bösen annahmen. Die Juden bildeten ihn eigenthümlich aus, doch war er keineswegs allgemein und übereinstimmend unter ihnen. Das Evangelium Johannis erwähnt keiner Dämonischen, und Josephus versteht darunter im röm. Sinne Solche, welche von den Geistern böser Menschen in Besitz genommen seien. Daß Christus der herrschenden Volksmcinung sich anbequemt habe, um die Kranken desto sicherer zu heilen, wird deshalb nicht ohne Grund bezweifelt, weil cs sich dabei nicht um einen physiologischen Jrrthum handelt, sondern um einen schädlichen Aberglauben. In der ersten Kirche war der Glaube an dämonische Besessenheit allgemein, und die Beschwörung derselben machte sogar einen Theil der kirchlichen Liturgie aus. (S. E x o r c i s m u s.) Von ihr ging er in die katholische Kirche über, und selbst unter den Protestanten verlor er sich nie ganz. Gegen ihn schrieben vorzüglich Balth. Bekker (s. d.), Farmer und Semler (s. d.). Besitz (possessio) ist einer der wichtigsten Begriffe im Recht. Der Besitz ist an sich ein thätsächliches Verhältniß, die Verbindung einer Person mit einer Sache, vermöge deren jene im Stande ist, die letzte zu ihren Zwecken zu brauchen. Das wirkliche Jnnehaben und Branchen einer Sache, dasAusüben eines Rechts gibt den Besitzstand. DieThatsache des ei fl so ko S a> et a> R de de V T ui S (L sil de di ui ve er de la an su rei ka Ml B so, SU sin bei de di da d. ist V ln 295 >vll- löse nei- mil c»; d. i. des »es >c». Er. ist. ^lich nst, Die > ui die Zor- >ird, die ken, .d.) ifts- e le- die , innc Du ^deS Die igc» incr eiste hre- be- ein ralt äche nie, ium nne ' stus len, chm der > >gar tho- )ric- sich cren und ! des z Besitz Besitzen- ist aber in verschiedenen Formen gedenkbar und hat eine verschiedene Bedeutung, je nachdem der Besitzer selbst die Absicht mit seinem Besitze verbindet, die Sache für sich zu haben, al- die seinige zu behalten, oder nicht, und nachdem diese Absicht eine rechtmäßige Grundlage hat, oder nicht. Der bloße tatsächliche Besitz eines äußern Gegenstandes, ohne Rücksicht auf eine Absicht des Besitzers, ist Jnnehabung (nucka ckotentio), welche lediglich bei einem körperlichen Gegenstände und in einem körperlichen Verhältnisse, z. B. wenn Jemand eine Sache in der Hand oder in seinem Gewahrsam hat, sich denken läßt. Davon unterscheidet sich der ideale Besitz, welcher auch ohne körperliche und physische Jnnehabung fortdauert, sowol an einem Gegenstände, welchen man nicht unmittelbar körperlich in Gewahrsam haben kann, wie ein Haus, ein Stück Land, als auch indem der Besitz durch einen Andern, dem die Sache geliehen, verpachtet ist u. s. w., fortgesetzt wird. Zu dieser Form des Besitzes gehört auch das Ausüben eines Rechts, welches zwar kein Besitz in eigentlichem Sinne, aber doch etwas Ähnliches ist und in gewissen Beziehungen den Schutz des Staats genießt. Diese analoge Änwendung der rechtlichen Begriffe und Grundsätze vom Besitz auf dergleichen Rechtsverhältnisse ist oft sehr weit ausgedehnt, aber von der neuern Rechtswissenschaft wiederum sehr beschränkt worden; doch erkennt z B. das franz. Recht bei Familienverhältnissen den Besitz (possession ll'etat) insoweit an, daß es darauf sicht, ob eine Person als Ehegatte, Sohn, Tochter u. s. w. öffentlich in der Familie behandelt worden ist. Auch bei Ämtern, Präbenden, Würden läßt ein Besitz sich annehmen, welcher eines Schuhes fähig ist. Der Besitz als bloße Erscheinung oder Thatsachc, wie ihn auch Derjenige hat, welcher nur für einen Dritten, als Pachter, Commodatar, oder ohne alles Recht besitzt, wird Naturbesitz genannt und dem Civilbesitz entgegengesetzt, welcher mitder Absicht desJnhabers verbunden ist, die Sache als die seinige zu besitzen, oder doch ein Recht an derselben zu haben. Ein solcher Besitz (Rechtsbesitz) muß daher auch eine rechtmäßige Grundlage (justa possessionis causa, Be- sitztitck) haben, welche ein Recht zum Besitz gibt (juspossickeack) und ohne welche diesonstaus dem Besitz fließenden Rechte (jm-a possessionis) nicht stattfinden. Ein Besitzer, welcher selbst die Unzulänglichkeit seines Besitzkitcls kennt, ist ein unredlicher Besitzer (malaeliclsipossessor) und für Alles, was sich während seines unredlichen Besitzes mit der besessenen Sache ereignet, verantwortlich. Der wichtigste Vorthcil des Besitzes ist, daß er für rechtmäßig gilt, bis daS Gegentheil erwiesen wird, so daß Niemand seinen Besitztitel anzugcben schuldig ist, sondern erwarten kann, daß ein Änderer ein Recht zur Sache selbst nachweist; daß daher der Staat den Besitz schützt und jede einseitige Störung wieder aufhebt; daß endlich der Besitz, wenn er lange genug fortgesetzt wird, sich in Recht verwandelt, und die entgegenstehendcn Eigenrhums- ansprüchc Anderer durch Verjährung (s.d.) verloren gehen. Schon die röm.Rechtsvcrfas- sung hatte in den Jnterdicten ein einfaches und abgekürztes Verfahren, um theils dem Berechtigten schnell zum Besitze zu verhelfen, theils den gestörten Besitz wiederherzustcllen. Das kanonische Recht hat diesen Schutz des Besitzes in der Spolienklage und Einrede noch wirksamer ausgebildet, und in dem deutschen Rechte ist noch die Beschützung im neuesten ruhigen Besitze (des letzten Jahres) hinzugekommen, wobei auf den Rechtsgrund des Besitzes gar nicht, sondern ganz allein aufdieThatsache desselben und die Störung gesehen wird (possessorium summsrnssimum). Da der Besitz so große Vortheile gewährt, so ist es auch sehr wichtig, durch sinnliche Merkmale die Gewißheit hcrzustellen, wer der eigentliche Besitzer sei. So leicht dies bei Mobilien geschehen kann, so schwierig ist es bei Immobilien. Dies ward die Veranlassung, den Übergang des Besitzes der letztem von einer Hand in die andere und die Ergreifung des Besitzes mit mancherlei in die Äugen fallenden Symbolen und Feierlichkeiten zu umgebe», z. B. dem Aushauen eines Spahns aus der Thür eines Gebäudes, dem Au-stechen eines Stücks Erde oder Rasen und andern Handlungen des Eigenthums. In neuerer Zeit ist an die Stelle dieser symbolischen Handlungen zumeist gerichtliche Übergabe getreten. Der Besitz darf endlich nicht auf eine fehlerhafte Weise erlangt sein, wenn er seine Wirkung thun soll, d.i. nicht heimlich, nicht gewaltsam, nicht bittweise; die Hauptquelle für die Lehre vom Besitz ist in Deutschland noch das röm. Recht. Vgl. Savigny's klassisches Werk „Das Recht des Besitzes" (6. Aufl., Gieß. 1837); die in demselben gegebene rechtsphilosophische Entwicke- lung des Begriffs Besitz wurde jedoch vonGans (s. d.) stark angegriffen und rief mehrkack 296 Bcjlkow Bessarabien Stteitschristen hervor. Dieselbe Bedeutsamkeit, aber auch dieselbe Schwierigkeit, wie die Lehre von dem Besitz im röm. Rechte, hat im altern deutschen Rechte die Lehre von derGewere (s. d.). Befkow (Bernhard von), Hofmarschall des Königs von Schweden, geb. am 19. Apr. 1796 zu Stockholm, der Sohn eines sehr reichen Kaufmanns und BcrgwcrksbesitzerS. wurde von Jugend auf in Malerei und Musik unterrichtet und zeigte für letztere nicht geringes Talent. Erst später wurde er von der Dichtkunst angezogen. Er trat 1814 in die kön. Kanzlei ein, ward 1824 expedirender Secrekair, dann Privatsccretair des Kronprinzen, 1826 in den Adelstand erhoben, 1827 Kammcrherr und 1833 Hofmarschall. Im Febr. 1831 übernahm er die Direction des kön. Theaters und brachte damals mehre treffliche Stücke auf die Bühne; doch finanzielle Verhältnisse bestimmten ihn,, im Juni 1832 dieselbe wieder aufzugeben. Abgesehen davon, daß B. auf die mit seinen Ämtern verbundenen Besoldungen verzichtet hat, ließ er sich nicht abhaltcn, junge Talente aus eigenen Mitteln vielfach zu unterstützen. Er ist einer der Achtzehn der schwed. Akademie und seit 1834 deren beständiger Secretair. In den 1. 1820 —21 und 1827 — 28 bereiste er die vornehmsten Länder Europas und kam dadurch mit den bedeutendsten Männern in Bekanntschaft. Schon 1818 ließ er eine Sammlung seiner Dichtungen (2 Bde.; 2. Aufl., 1829) erscheinen. Sein erstes Trauerspiel war „Lrik 81-1 wurden in den meisten deutschen Staaten Erziehungsanstalten zu Besserung verwahrloseter Kinder eingerichtet, namentlich in Sachsen-Weimar, Preußen, Würtcmbcrg, Sachsen, Baiern, Hessen, Baden, Frankfurt, Hamburg n. s. w., die größtcntheils durch Beiträge von Privaten unterhalten werden. Besonders verdient um diesen Zweig der öffentlichen Erziehung machten sich Joh. Falk (s. d.) in Weimar, Graf Adclbcrtvon der Nccke-Vollmerstcin in Düsselthal, Reinthaler in Erfurt und Sieveking und Hudtwalker in Hamburg. Auch in der Schweiz, Frankreich und in den nordamcrik. Freistaaten (seit > 824) bestehen Anstalten zu demselben Zwecke. Bessiercs (Jean Baptiste), Herzog von Istrien, Marschall des franz. Kaiserreichs, gcb. zu Prcissae im Departement des Lot, trat 179V in die konstitutionelle Garde Ludwig's XVI. Nach Auflösung dieses Corps ging er >792 in die Legion der Pyrenäen über und machte den Feldzug gegen Spanien mit, wo er sich durch Tapferkeit auszcichncte und den Grad eines Capitains davontrng. Als Bonaparte den Oberbefehl über die ital. Armee übernahm, kam B. mit dem 22. Chasseurregimente nach Italien und zog dort bald durch seinen Muth die Aufmerksamkeit desselben auf sich, sodaß ihm die Organisation und der Befehl der Guidcn- Compagnie übertragen wurde. In der Schlacht bei Novcrcdo im I. > 79V befehligte er diese Compagnie und bemächtigte sich, von sechs M. begleitet, eigenhändig zweier feindlicher Kanonen. Ausgezeichnete Tapferkeit, die er in der Schlacht von Rivoli bewährte, erwarben ihm die Zufriedenheit Bonaparte's in dem Grade, daß ihn derselbe 1797 von Verona aus nach Paris an das Directorium mit den eroberten Fahnen schickte und dabei mit den größten Lobsprüchcn überhäufte. Im I. 1798 begleitete er seinen Obergeneral als Brigadegeneral nach Ägypten, wo er zuerst bei St.-Jcan d'Acre und dann in der Schlacht bei Abukir tapfer und glücklich opcrirte. Mit Bonaparte nach Frankreich zurückgekehrt, unterstützte er denselben am 18. Brumaire und bekam darauf den Befehl, die neue italienische Arme zu organisiren. Als Befehlshaber der Cavalerie und der Consulargarde entschied er bei Marengo durch eine bewundernswürdige Cavallerieattaquc den Rückzug der Östreichcr. Mitten in der Hitze des Vcrfolgens beging er eine edle That, die ihn damals bei der ganzen Armee ehrte. Er nahm nämlich im Schlachtgewühl einen verstümmelten östreich. Reiter wahr, der seine Arme den Franzosen entgegcnstreckte und sie anflehtc, ihn nicht zu zertreten. „Ouvrer vos r-mg5, «nickst«, epgi-xne- ce brave!" commandirte B. und Beauharnais wiederholte seinen Reitern Dasselbe, sodaß der Jüngling wirklich erhalten wurde. Zur Belohnung seiner großen Dienste machte ihn Bonaparte 1892 zum Divisionsgeneral und 1894 zum Marschall von Frankreich und Großofsizier der Ehrenlegion. Im Kriege gegen Östreich von 1895 marschirte er als Befehlshaber der Kaisergarde nach Wien, schlug im Nov. bei Olmütz im Verein mit der Division Walther ein Corps von 6999 Russen und trug durch seine geschickten Angriffe auf die russ. Garde in der Schlacht bei Austerlitz sehr viel zum Erfolge des Tags bei. Ebenso tapfer focht er bei Jena. Zu Anfänge des Dcc. >896 drang er mit dem zweiten Cavaleriecorps in Polen ein, wurde bei Biezun angegriffen und trieb 5999 Russen und Preußen in einen «sumpf, nachdem er ihnen viele Gefangene und ihr Geschütz abgenommen hatte. Hierauf rückte er nach einigen kleinern Gefechten auf der Straße von Grodno vor, da sich aber die Russen aufOstrolenka zurückzogen, so beschloß er, an den Ufern der Weichsel den Winter zu- zubringen. Doch schon im Febr. nahm er wieder Thcil an der Schlacht von Eylau, wo er an der Spitze seiner Cavalerie sich auf den rechten, 29999 M. starken Fügel der Russen warf und ihnen das ganze Geschütz abnahm, womit der Sieg für die Franzosen entschieden 299 Besson war. Im I. l 8V8 befehligte er ein 18909 M. stackes Armeccorps in Spanien; als aber zu Anfänge des Nov. Napoleon selbst den Oberbefehl der Armer in Spanien übernahm, erhielt B. den Befehl über die Cavalerie. Zugleich mit dem Feinde, den er umgangen, rückte er am 9. Nov. in Burgos ein. Am -1. Dec. befand er sich bei der Einnahme von Madrid und verfolgte dann die Trümmer des span. Heers unter CastaüoS. Zur Belohnung seiner Verdienste in diesen Feldzügen ertheilte ihm Napoleon den Titel eines Herzogs von Istrien. JmJ. 1899 begleitete er den Kaiser zur Großen Armee nach Deutschland. An der Spitze eines Cavaleriecorps schlug er am 21. Apr. die östr. Reiterei bei Landshut in die Flucht und verfolgte dieselbe bis Geisenhausen. Nach mehren kleinern Gefechten erschien er endlich zu Wien und nahm seine Stellung in der Nähe der Stadt. In der Schlacht von Eslingcn am 21. Mai fiel er dem Feinde in den Rücken und sprengte das vstr. Corps Hohenzollern durch die Heftigkeit seines Angriffs; doch wurde er dabei verwundet. Nach dem Frieden mußte er an Bernadottc's Stelle den Oberbefehl in Holland übernehmen, wo die Engländer allerdings schon die besetzten Plätze geräumt hatten. Nachdem er I8lI noch einmal in Spanien den Oberbefehl geführt und in der Schlacht bei Fuente d'Onoro seine Truppen zur Unterstützung Massena's verwendet hatte, begleitete er 1812 an der Spitze eines starken Cavaleriecorps den Kaiser nach Rußland. Vis zur Schlacht an der Moskwa hatte er hier wenig Gelegenheit, sich auszuzeich- nen; auf dem Rückzüge zeigte er sich als ein Mann von unerschütterlichem Charakter und großer Umsicht. Am 7. Sept. warf er ein Corps von 8099 Kosacken, die den Versuch wagten, das Hauptquartier bei Wiasma zu überfallen. Zu Anfänge des Feldzugs in Deutschland im J. 1813, erhielt er den Oberbefehl über die ganze franz. Cavalerie. Am Morgen der Schlacht bei Lützen begab er sich in einen Hohlweg bei Rippach, um den dort sich lebhaft vertheidigenden Feind zu vertreiben; er war zu Fuß und führte die Tirailleurs mit seiner gewohnten Tapferkeit. Schon wich der Feind und der Hohlweg sollte genommen werden, als ihn eine Kugel in die Brust traf und seinem Leben schnell ein Ende machte. Man verschwieg der Armee seinen Tod den ganzen Tag, um sie nicht zu cntmuthigen. Der Kaiser war von Schmerz niedergeschlagen, er verlor einen seiner geschicktesten Offiziere und besten Freunde, dem er stets unbedingtes Vertrauen geschenkt hatte. Auch die Armee betrauerte B-, der neben dem tapfer» und ruhmbedeckten Krieger niemals den Mann von edlem und wohlwollendem Charakter verleugnet hatte. Er war arm gestorben und hatte seiner Familie nichts als sein Andenken hinterlassen, deshalb setzte Napoleon dessen Sohne noch auf St.-Helena 199999 Francs im Testamente aus. Besson, bekannter unter dem Namen Besson Bei, den er als Admiral des Vice- königs von Ägypten führte, hat namentlich dadurch historische Bedeutung erlangt, daß er eng in die Geschichte Napoleon's verflochten war, als derselbe nach seiner zweiten Abdankung sich genöthigt sah, den Boden Frankreichs zu verlassen. B. war in Frankreich 17 82 geboren und als ein neunjähriger Knabe in den franz. Serbiens! getreten. Er machte den Feldzug von I89S und 1897 mit, wurde während der Belagerung von Danzig zum Schiffslieutcnant ernannt und befand sich als solcher 1815, dem Generalstabe attachirt, zu Nochefort. von wo aus Napoleon, che er sich den Engländern in die Hände gab, die Äbsicht hatte, sich nach Amerika zu flüchten. Verheirathet mit der Tochter eines Gutsbesitzers und Schiffsrheders in der Nähe von Kiel, bot er dem Kaiser seine Dienste an, da zufällig zu dieser Zeit drei Schiffe seines Schwiegervaters im Hafen von Rochefort lagen. Schon war mit wenigen Vertrauten das Nähere des Plans verabredet und Alles zur Abfahrt vorbereitet, als Napoleon schwankend wurde, zunächst die Abreise um eine Nacht verschob, um seinen Bruder Joseph zu erwarten, dann aber darauf bestand, am Bord des Bellcrophon sich nach England zu begeben. B. er schöpfte sich im Zureden, diesen letztem Plan aufzugeben, Napoleon aber beharrke auf seinem gefaßten Entschlüsse. Mit den Worten „äc n'ui plus ri«n «Inns ce Moment ü vous oürir, man runi, qus cette arme. Vemiiex I'uccepter com MV Souvenir" schenkte er B. eine Jagd- , flinte und entließ denselben. Im Schmerz über das Mislingcn seines Plans sowie über das traurige Schicksal des Kaisers,' das er vorhcrgcsehen hatte, verließ B. Frankreich und lebte zunächst einige Jahre in Kiel und aufHandclsscereisen. Erst >821 trat er in die Dienste des gerade damals mit der Bildung einer Kriegsmarine beschäftigten Vicckönigs von Ägypten, wo er sich die größten Verdienste erwarb, die der Vicckönig ihm dadurch lohnte, daß er ihm das 300 Besteck Bestimmung Commando der in Marseille erbauten Fregatte Bahire übertrug und ihn zum Mitglied- de- neucrrichtctcn Admiralitätsraths ernannte. Zu Alexandria starb B. auf seinem Admiral- schiffe am >2. Sept. 1837. Besteck nennt man im Allgemeinen Das, was man bcisteckcn kann, daher besonders die mit anatomischen oder chirurgischen Instrumenten versehenen tragbaren Kästchen oder Etuis, Jn der Schiffahrtskunde heißt Besteck der vom Steuermann auf der Seekarte bemerkte Ort,wo dieser vermeint, auf der See zu sein; daherein Besteckmachen so viel als jenen Ort auf der Seekarte bezeichnen. Solches pflegt alle drei Stunden zu geschehen, und ein Zeder, wenn er vom Steuer abgelöst wird, hat in seinem Tagcbuche den Besteck aufzuzeichnen. Bestclmeier (Georg), zweiter Bürgermeister der Stadt Nürnberg und bair. Abgeordneter, geb. am 22. Aug. 1785 zu Schwabach, ist der Sohn eines Bierbrauers und Tabacksfabrikanten. In der Absicht zu studiren, besuchte er die lat. Schule zu Schwabach, widmete sich aber später dem Kaufmannsstande. Nach mehrjährigem auswärtigen Aufenthalte kehrte er in das väterliche Haus zurück, um nebst seinem Bruder, David, die Tabacks- fabrik zu übernehmen. Nach des Vaters Tode associirten sich beide Brüder, erweiterten das Geschäft und brachten cs auf eine so bedeutende Stufe, daß cs bald unter die ersten Fabrik- anstalten Deutschlands zählte, wie noch gegenwärtig, nachdem sie es 1825 nach Nürnberg verlegt. Schon 1818 war B. zum Gemeindcbevollmächtigten und bald darauf zum Landtagsabgeordneten für die Landtage von 1819 und 1822 gewählt worden. Hauptsächlich seinem Referat auf dem Landtage von 1819 verdankte Baiern die Annahme des damaligen Zollgesetzes. Auch wurde er 1822 Mitglied des Staatsschuldentilguugsausschufses und Secrc- tair desselben. Als 1827 die Stadt Nürnberg ihn zu ihrem zweiten Bürgermeister ernannte, nahm die Regierung, da er in der Ständevcrsammlung eine ganz unabhängige Stellung behauptet hatte, Anstand, ihn in dieser Eigenschaft zu bestätigen. Dafür wurde er 1839 fast einstimmig zum Magistratsrathe gewählt, nachdem ihn vorher das Collegium der Gemeindebevollmächtigten zu seinem Vorstande erhoben. Bald darauf abermals zum Abgeordneten der Stadt Nürnberg ernannt, verwarf die Negierung seine Wahl, wogegen die Bürgerschaft ihn durch Überreichung einer höchst schmeichelhaften Adresse ehrte. Im I. 1836 trat er gesetzlicherweise aus dem Magistrate, verbat sich die Wiedcrerwählung und wurde nun wieder unter die Gcmeindebevollmächtigten und von diesen zum Vorsteher erwählt. Für den Landtag von 1837 wiederholt zum Abgeordneten erwählt, wurde er zugelassen und erwarb sich hier so weit das Vertrauen des Königs, daß ihm dieser das offene Gc- ständniß ablegte, wie er früher einen der Regierung feindlich Gesinnten in ihm zu erkennen geglaubt, sich aber getäuscht habe. Wegen seines Vortrags in der Ständeversammlung über das gesammte Zollwesen, der für ein Meisterstück gehalten ward, erhielt er183 7 vom Könige von Preußen ein Belobungsschreibcn. Nach Beendigung des Landtags wurde er 1838 von der Stadt Nürnberg, die ihm so Vieles verdankte, wieder zum zweiten Bürgermeister erhoben und nun auch von der Negierung bestätigt. In dieser Zeit schrieb er die „Denkschrift über die Verhältnisse der Tabacksfabrikation und der Tabackscultur in Baiern" (1828) und nachher die „Vorstellung an die Ständcversammlung, die Brandversicherungsanstalt betreffend" (1831). Auf dem Landtage von 1840 zeigte er sich bei der über den Umfang des ständischen Steuerbewilligungsrechts erhobenen Principienftage unter den entschiedenen > Verfechtern der verfassungsmäßigen Volksrcchte und erklärte sich, einer der Ersten, gegen den Handelsvertrag des deutschen Zollvereins mit den Niederlanden. In der Kammer von 1842 zum Mitglicdc des zweiten Ausschusses für die Steuern ernannt, fand er in dieser Stelle besondere Gelegenheit, den seitdem höher gestiegenen Anfoderungen seiner Mitbürger zu genügen und sich von neuem als unerschrockenen Vertheidiger ihrer Rechte zu bewähren. Besteuerung, s. Steuern. Bestimmung (determinativ) im logischen Sinne heißt die Angabe eines Merkmals, wodurch sich ein Begriff von seinem übergeordneten höhern unterscheidet. Gedanken, Ur- theile und Ansichten bestimmen heißt demnach überhaupt, das Eigenthümliche, sie von andern Unterscheidende zum Bewußtsein bringen und neben andern ihren Inhalt und ihre Bedeutung sich vergegenwärtigen. Bestimmung heißt aber auch dicjAngabe des Zwecks, wozu ein Ding daist. Sosprichtmanz.B.vonderBestimmungeinesSchiffsfür Seereisenn.s. w. Da Be- Bestrichener Raum Bestuzew-Riumin 301 stimmung in diesem Sinne ein Bestimmendes vorausseht, so erscheint die Bestimmung eines Dinges als die Folge gewisser Ursachen, und wo diese Ursachen unbekannt sind, glcichwol aber stillschweigend vorausgesetzt werden, wird der Begriff der Bestimmung gleichbedeutend mit Schicksal und Schickung. Durch den Ausdruck: Es war nun einmal seine Bestimmung, deutet man daher den unentfliehbaren Erfolg unbekannter Ursachen an, denen sich der Einzelne nicht habe entziehen können. Wo aber die Ursachen, die gewisse Wirkungen haben, in der eigenen Gewalt dessen sind, nach dessen Bestimmung man fragt, wie z. B. bei der Frage nach der Bestimmung des Menschen, da ist zu unterscheiden, wozu Jemand bestimmt sein möge, und wozu er sich selbst bestimmen solle und könne. Deshalb kann die Frage nach der Bestimmung des Menschen sehr verschieden aufgefaßt werden, je nachdem man sie von dem ersten oder zweiten Gesichtspunkte aus auswirft. Die Bestimmung, die der Mensch sich geben soll, hängt ab von der Klarheit, Entschiedenheit und Festigkeit seines sittlichen Wollens, daher die Frage darnach in den verschiedenen Systemen der Sittenlehre verschieden beantwortet worden ist, indem die Feststellung dieser Bestimmung nur der allgemeinste Ausdruck für die Gesammt- heitderhöchstenundletztenZweckedesmenschlichen Wollens seinkann. In diesem Sinne hat z. B. Cicero seine Schrift „Oe linibus" und Fichte seine „Bestimmung des Menschen" (Berl. 1802) geschrieben. Ob diese moralische Bestimmung innerhalb des Zusammenhangs der Naturgesetze, die dem menschlichen Wollen eine solche oder andere Richtung geben, erreichbar sei, ist eigentlich eine religiöse Frage, die mit der Entscheidung über den Begriff der Vorsehung und der moralischen Wcltordnung im Gegensätze zu einer absichtslos waltenden Natur«othwendigkeit, eines blinden Schicksals zusammenhängt. Bestrichener Raum wird in der Theorie der Feuerwaffen in doppelter Bedeutung genommen. Wenn nämlich eine Geschüßkugel einen Aufschlag auf die Erde macht, so heißt derjenige flache Theil der Flugbahn diesseit und jenseit des Aufschlagspunktes, wo die Bahn sich nicht höher als Mannshöhe über die Erde erhebt, der bestrichene Raum, und je flacher der Aufschlagswinkel, desto größer ist der bestrichene Raum, desto wirksamer der Schuß. Wenn man dagegen auf die Krone einer Brustwehr ein Gewehr auflcgt, so trifft dessen Schußlinie auf einen Punkt jenseit des Grabens, und der ganze diesseit oder unterhalb liegende Raum heißt der unbestricheni Raum. (S. Todter Winkel.) Bestuzew (Alexander), russ. Romanschrciber, gcb. um 1795, war als Gardcofsizler mit seinem Freund e Ralejew in die Verschwörung von 1825 verwickelt und wurde in Folge davon zum gemeinen Soldaten degradirt und nach Sibirien an das Ufer der Jenisei verwiesen, später jedoch begnadigt und in das Heer am Kaukasus versetzt. Hier fiel er im Juni 1837 in einem Ges.'cbte gegen die noch unbezwungcnen Bergvölker unweit Jekaterinodar. Vor seiner Verbannung hatte er mit Ralejew, der 1825 hingerichtet wurde, den ersten russ. Al- manach „Der Polarstem" (Pete csb. 1823) herausgegeben. Auf seine später» Arbeiten, die in Novellen und Skizzen bestehen und unter dem Namen Marlmskij erschienen, waren sein Lebensgang und seine Umgebungen am Kaukasus nicht ohne Einfluß. Es gibt sich in denselben ein ungemeines Talent für Schilderungen der romantisch-grotesken Natur und des bewegten Kriegerlibens kund, zugleich aber schimmern überall Spuren rohen Soldatenlebens durch. De,bei ist seine Darstellung durchaus poetisch und von glänzendem Witze durchflochten. Leiber aber wußte er in seiner Romantik kein Maß zu halten; er übertrieb, was sich besonders in seiner Sprache zeigt, und nicht selten schlägt bei ihm das Geschraubte ins Lächerliche um. Sein Hauptwerk ist der Roman „Amaleth-Beg", der den Verrath eines circassischen Häuptlings geg en Rußland schildert und interessante Beschreibungen kaukasischer Gegenden enthält. Mehre seiner Novellen sind von Seebach in den „Russ. Novellen und Skizzen" (Lpß. 1837) überseht; gesammelt erschienen seine Schriften in Petersburg 1330. — Sein Namensverwandtcr Michael B., Lieutenant im Regiment Pultawa, schon in die Verschwörung von Ü 820 und dann, gleich Jenem, in die von 1825 verwickelt, wurde 826 in Petersburg durch den Strang hingerichtet. Bestüzew-Riumin (Alexei, Graf von), russ. Reichskanzler und Feld marsch all, geb. zu Moskau 1693, wurde in Deutschland, theils in Berlin, theils in Hannover erzogen und kam erst 1718 an den russ. Hof, wo Peter I. ihn zum Gesandten am dLn. Hofe, die Kaiserin Anna oder vielmehr der Herzog von Kurland zum Geheimrath und Cabinetsministcr erhob. 302 Bctcl BctheSda Nach dem Sturze des Letzter» kam er auf kurze Zeit in Verhaft. Die Kaiserin Elisabeth setzte ihn nicht nur auf freien Fuß, sondern erhob ihn auch in den Grafcnstand und machte ihn zum Ncichsvicekanzlcr. Ganz im Vertrauen der Kaiserin benutzte er diese einflußreiche Stellung, seiner Abneigung gegen den preuß. und franz. Hof Luft zu machen. Er brachte 1746 ein Bündniß mit dem östr. Hofe zu Stande, sandte 1748 ein Corps „von 36006 M. an den Rhein und stürzte L'Estocq. Nachdem er 1756 das Bündniß mit Ostreich erneuert, leitete er den Krieg gegen Preußen ein. Als indeß eine Unpäßlichkeit der Kaiserin ihn deren Tod fürchten ließ, rief er, wie man glaubt, in der Absicht, den Großfürsten Peter Fedoro- * witsch, von dem er gehaßt wurde, von der Thronfolge auszuschlicßen und dieselbe auf den Prinzen Paul Petrowitsch zu bringen, den General Apraxin, der das Heer gegen Preußen befehligte, unverzüglich zurück, was dieser auch sogleichthat. Doch die Kaiserin erholte sich wieder, und da sie den Rückzug des Heers erfuhr, wurde B. 1758, als des Hochverrats schuldig, aller seiner Würden entsetzt und nach einem ihm gehörigen Flecken Goretowo verwiesen. Seine Verbannung währte auch unter der Regierung Pcter's III. fort. Erst Katharina II. setzte ihn 1762 wieder in seine vorigen Würden ein und ernannte ihn zum Feldmarschall, brauchte ihn abernichtin Staatsangelegenheiten. Erstarb 1766. Seinen Namen führt ein von ihm 1725 entdecktes arzneiliches Eisenpräparat, die l'ioctura tonico-nervina Uestiiüen i, eisenhaltiger Schwefeläthergeist, dessen Bereitungsweise die Kaiserin Katharina II. um 3000 Rubel erkaufte und öffentlich bekannt machen ließ. Betel heißen Klcttcrsträuche aus der Gattung der Pfeffer (kiper Veile, ?. Siriboa, ?. bliilaiiiiri), die von den Völkern malayischcr Abstammung aller Orten angepflanzt werden und einen sehr scharfen Stoff enthalten. Die herzförmigen lederartigen Blätter dienen den Eingeborenen Australiens als heftiges Reizmittel, indem sie grün gepflückt, auf einer Seite mit rohem angefeuchtcten Kalk bestrichen und um ein Stück Arekanuß gewickelt einen Bissen bilden, den man kauet. Der Geschmack ist so brennend, daß Europäer sich nie an Betel ge. wöhnen. Ehedem schrieb man dem Betelkauen viele heilsame Wirkungen zu, meinte, daß cs durch sehr vermehrte Absonderung des Speichels in heißen und feuchten Klimaten nützlich sei, daß es die Hautthätigkeit vermindere, also der Erschlaffung Vorbeuge, die Verdauung stärke u. s. w., während es jedenfalls unter jene zahlreichen unnatürlichen Genüsse zu rechnen ist, die bei Völkern aller Weltthcile und Zeiten vorkommend, nur durch Gewöhnung an absoluter Schädlichkeit verlieren. Das Kauen der Betel färbt den Speichel roth und zerstört die Zähne so sehr, daß Menschen von 25 Jahren oft ganz zahnlos sind. Dennoch ist der Gebrauch sehr allgemein und sogar zur Etiquettensachc geworden; Malayen gehen kaumaus ohne ihre Betelbüchse und halten sich sehr geehrt, wenn diese ihnen von einem Vornehmer» angeboten wird, den sie z. B. auf Amboina, Java und Sumatra nicht anreden dürfen, ohne Betel gekaut zu haben. Betfahrt heißt das Pilgern zu einem Heiligenbilde, wobei geopfert wird; dann nennt man auch die öffentlichen Processtonen Bctfahrten, bei welchen die Bilder der Heiligen mit Gesang, Fahnen und Kreuz durch die Felder getragen werden, um ihren Schuh und Segen für die Früchte zu gewinnen. Da dieses vom Sonntage Rogate bis zum Tage der Himmel fahrt geschieht, so hat diese Woche den Namen Bet fahrt- oder Betwoche, und die drei Tage vor Himmelfahrt haben den Namen Bettage bekommen. Betglocke heißt das Zeichen, welches mit einerGlocke zubcstimmtenZeiten zum Beten gegeben wird. Der Gebrauch der Glocken zu diesem Zwecke besteht schon seitdem l 3. Jahrh. Gregor IX. verordneke zuerst, daß während des Messelesens, und Johann XXII., daß gegen Abend durch drei Glockenschläge die Christenheit zum Gebet aukgesodert werde. Hierher gehört auch die Türkenglocke, oder, wie man es jetzt nennt, das Mittagslauten, welches daher seinen Ursprung hat, daß durch Calixtus III. 1455 befohlen wurde, in den Mittagsstunden oin Zeichen mit der Glocke zum Gebet gegen die Türken zu geben, was man seit 1542 in Deutschland allgemein einführte. Betheöda, d. i. Ort der Barmherzigkeit oder Hcilort, hieß der Teich bei Jerusalem, welcher sonst nirgend als beim Johännes Cap. 5 erwähnt wird. In den fünf Hallen oder bedeckten Gängen, von denen er umgeben war, hielten sich viele Kranke auf, welche, nach des Johannes Berichte, auf die Bewegung des Wassers warteten, um sich darin zu baden. Bethlehem Bethle» Gabor 303 Wahrscheinlich nach einer jüdischen Lolksmeinung läßt jene Erzählung diese Bewegung durch einen Engel bewirken, der zu einer gewissen Zeit in den Teich steigt und den Kranken, welcher nach dieser Bewegung zuerst in das Wasser kommt, gesund macht. Schon die Kirchenväter, namentlich Nonnus, der dichterische Paraphrast des Johannes, erklären diese Erscheinung auf natürliche Weise. In neuerer Zeit schrieb man die Wirkung dieses Wassers entweder der mineralischen Kraft desselben oder dem Umstande zu, daß das Blut der im Tempel geopferten Thiere in den Teich floß. Noch jetzt übrigens weist die Sage den ausgetrockneten Bethesdateich nach. Bethlehem, ursprünglich Ephrata, jetzt Beth-el-ham, der Geburtsort Christi, ein Dorf, früher eine Stadt, in Syrien, eine Meile von Jerusalem, an einem ganz mit Weinstöcken und Olbäumen bedeckten Berge, wohin eine Wasserleitung führt, zählt gegenwärtig in etwa 300 Häusern gegen 2500 griech. und armen. Bewohner, welche hölzerne Rosenkränze und mit Perlmutter eingelegte Cruzifixe für die Pilger verfertigen und sehr guten weißen Wein bauen. An dem Orte, wo angeblich Christus geboren wurde, steht eine Kirche, welche aber nicht die Kaiserin Helena, sondern Justinian erbaut hat. Sie ist der Maria zur Krippe (
  • 623 einen Waffenstillstand einzugehen und dann unter den vorigen Bedingungen aufs neue Frieden zu schließen. Ein wiederholter Fricdcns- bruch, den er 1626 mit dem Grafen von Mansfeld verabredet hatte, blieb ebenfalls, da Letzterer von Wallcnstein geschlagen ward und von allen Hülfsmitteln entblößt in Siebenbürgen ankam, ohne weitere Folgen. Er endete sein unruhiges und thatcnreiches Leben am 5. Nov. 1629. Durch ein Testament empfahl er sein Land und seine kinderloseWitwe, eine geborene Prinzessin von Brandenburg, der Obhut des röm. Kaisers Ferdinand's I I., ernannte den türk. 304 Bechmann Betrug Kaiser zum Vollstrecker seines letzten Willens und vermachte jedem derselben, sowie dem röm. Könige Ferdinand lll., ein schönes Pferd mit kostbarem Geschirr und 4009» Dukaten. Bethmann (Friederike Auguste Konradinc), eine der größten Zierden unter Deutsch, lands Schauspielerinnen, geb. am 2-1.Jan. 1766 zu Gotha, wo ihrVater, NamensFlittner, herzoglicher Beamter war, nach dessen Tode sich ihre Mutter mit dem Schauspieldirector Großmann vcrheirathcte. Nachdem sich dieser 1779 mit seiner Familie in die Rheingegend gewendet, vcrheirathcte sich die Tochter mit dem Komiker Unzelmann und betrat die Bühne. Ihre angenehme Stimme machte, daß sic sich zuerst in der Oper versuchte, die sie auch später nie ganz" anfgab. Bald erhielt sie durch Gesang und Spiel in muntern und naiven sowol als in empfindsamen Rollen großen Beifall, worauf sie in Berlin sich nach und nach immer nrehr ansbildete. Hier ließ sie sich 1863 von ihrem Gatten scheiden, verheirathete sick mit dem Schauspieler Bethmann und starb daselbst 1814. Eine wahrhaft schöpferische Phantasie, ein tiefes und zartes Gefühl, ein scharfer Verstand vereinigten sich in ihr mit einem mehr zarten als starken Körper, einer ausdrucksvollen Gesichtsbildung und einer Stimme, welche durch Biegsamkeit und Wohllaut geschickt war, das Gemüth im Innersten zu be- wegen und mit seltener Vollkommenheit die leisesten Abstufungen des Gefühls und des Ge- dankens zu bezeichnen. Sie gehörte unter die seltenen Erscheinungen der deutschen Bühne, deren Talente sich allseitig zur Vollendung entwickelt hatten, besonders seit Jffland ihr Muster ward. Sie war im Trauerspiel wie im Lustspiel gleich ausgezeichnet. Ihr höchster Triumph war das Naive. Ihr Spiel war überall voll Seele und unvcrkünstelter Natur, ihr feiner Takt in Auffassung alles Dessen, was zur Darstellung einer Persönlichkeit gehört, bewundernswürdig. Sie verstand die dem Schauspieler so wichtige Kunst, sich nicht nur passend, sondern ideal und charakteristisch zugleich zu kleiden, so vollkommen, daß sie stets eine anziehende Erscheinung gewährte. Ihre Deklamation verdiente als Muster aufgestellt zu werden, indem sie von steifem Prunk und affcctirter Betonung sowie von falschvcrstandener Natur- lichkcit und nachlässiger Behandlung der Rede gleichweit entfernt war. Betonung, s. Accent. Bethune ist eine kleine durch Vauban sehr verstärkte Festung im franz. Departement Pas-de-Calais, an der Brette, vier Meilen nördlich von Arras, mit 6890 E., einem College, bedeutender Leinweber« und weit berühmtem Ol- und Käsehandel. Nicht weit davon liegt das ehemals feste Schloß Annecin. Die Stadt stand sonst unter eigenen, gleichnamigen Grafen, die um die Mitte des 17. Jahrh. im Mannsstamme erloschen. Betrug heißt in> Allgemeinen die absichtliche Täuschung eines Andern oder die Benutzung eines Jrrthums, in welchem ein Anderer sich befindet. Geschieht Solches zu erlaubten Zwecken und auf erlaubte Weise, so fällt der Betrug ganz außerhalb des Ncchtsgebiets und unterliegt lediglich einer moralischen Würdigung. In derNegel aber verknüpft man mit Betrug den Begriff der Nechtswidrigkeit und dann entsteht die Frage: inwieweit ist derselbe strafbar? Hier ist nun zuvörderst zwischen Betrug bei Verträgen und Betrug außer Vertragsvcrhältniffen zu unterscheiden. Betrügt, was erstem anbelangt, 4 den 0 bei einem Geschäft, in eincmPunkte, der gar nicht von wesentlichem Einfluß auf die Motive war, die den 8 zu Eingehung des Geschäfts veranlaßten, so hat das Geschäft seine Gültigkeit und 8 kann blos auf Schadenersatz gegen ^insoweit klagen, als ihm durch den Betrug ein Schade zugefügt worden ist; von einer Strafbarkeit ist hier nicht die Rede. Betrifft aber der Betrug einen wesentlichen Punkt, einen solchen, durch den 8 entweder zur Eingehung des Geschäfts überhaupt veranlaßt ward, oder der ihm doch so wichtig war, daß sein Interesse am ganzen Geschäft aufgehoben oder wesentlich gemindert war, so steht dem 8 das Recht zu, das ganze Geschäft rückgängig zu machen, und außerdem wird nach den meisten Gesetzgebungen auch 4, auf Antrag des 6, zur Strafe gezogen. Diese Strafe pflegt in Gefängnißstrafe verschiedener Grade, bei geringer Verletzung des Betrogenen auch wol blos in Geldstrafe zu bestehen. Außerdem kann aber der Betrug auch außer Verträgen Vorkommen, und ist es schon schwierig, die Grenze zwischen strafbarem Betrug und strafloser Übervorthcilung bei den Verträgen richtig zu zeichnen, so ist es nicht minder schwierig, die Grenze zwischen dem einfachen Betrüge und der allerdings weit strafbarem Fälschung auf dem Gebiete des Strafrechts abzumessen. Gesetzgebung wie Doctrin ist hier sehr verschieden Im Wesentlichen wird es darauf ankommen, daß jene Bettelmönche Bettelwefen 305 Erregung oder Benutzung eines Jrrthums Hu dem Zwecke geschieht, Andern zu schaden, oder ) entweder sich oder Andern einen unerlaubten Bortheil zu verschaffen; man wird daher auch den Betrug nur dann erst für vollendet anschen können, wenn jener Schade oder dieser Borthcil erreicht ist. Dieser Charakter des Betrugs kann nun aber sowol eine eigene strafbare Handlung für sich bilden, als ein Bestandthcil anderer strafbarer Handlungen sein. Das Letztere wird z. B. beim betrügerischen Bankrott, bei der Verleitung zur Unzucht oder zur Ehe unter Vorspiegelung unwahrer Thatsachen u. dgl. der Fall sein. Erschwerende Umstände, z. B. das Hinzukretcn einer besondcrn Pflichtverletzung, wenn der ! BetrügendcAmtsbefugnisse misbraucht, bringen fernerden Bcgriffdcs qualificirten oder ausgezeichneten Betrugs-hervor, zu dem manche Gesetzgebungen auch die Fälschung (s. d.) ! rechnen. Am ausgebildctsten ist der Unterschied zwischen Betrug und Fälschung, der in den deutschen Particulargesetzgcbungcn nicht immer genügend fcstgehalten ist, im engl. Rechte. Das franz. Recht unterscheidet, jedoch minder genau, zwischen esm-ogiieris und Lu»x. Bettelmvnche oder Mendicanten heißen in der katholischen Kirche die Mönche . der Klöster, welche ihrer alten Regel zufolge durchaus kein Eigenthum besitzen dursten, sondern von milden Gaben leben sollten, die ihnen entweder zu bestimmten Zeiten verabreicht oder von ihnen außerhalb des Klosters cingcsammelt wurden. Ihre erste Begründung fällt >» den Anfang des I ll. Jahrh.; schnell nacheinander entstanden damals die Dominicaner-, Franciscaner-, Augustiner- und Karmelitcr-Bcttelorden. Schon > 27-1 sah sich die Kirchenversammlung zu Lyon zu der Bestimmung genöthigt, daß außer den einmal bestehenden weiter kein Bektelorden gegründet werden dürfe. Gleichsam zur Entschädigung für ihre strenge Ordensregel erhielten die Bcttelmänche von den Päpsten wichtige Privilegien. Sie genossen vollständige Freiheit von aller weltlichen und bischöflichen Gerichtsbarkeit, hatten die Befugnis?, außerhalb des Klosters von Jedem Almosen zu fodern und konnten überall ohne Rücksicht auf Parochialvcrhältnisse der Pfarrer predigen, Beichte hören, Messe lesen i und päpstliche Ablässe verkaufen. Außerdem bemächtigten sie sich der theologischen Lehrstellen auf den Universitäten. Die Mönche, welche das Einsammeln der Almosen zu besorgen hatten, hießen Terminanten, das Betteln selbst nannte man Terminircn und zum Behufe desselben unterhielt man in den Städten eigene Termineihäuser. Wie gleich anfangs das Klosterlcben der Mönche Anlaß zu ähnlichen Verbindungen unter Jungfrauen gegeben hatte, so war dies auch bei den Bettclorden der Fall, und bald zählte jeder derselben auch Jungfrauen unter seinen Gliedern, welche mit den Mönchen Gelübde und Kleidung kheilten und nur von der priesterlichen Wirksamkeit ausgeschlossen blieben. Für die Privilegien des röm. Hofes blieben die Bettelmönche nicht unerkennklich; sie waren die treuesten Anhänger und eifrigsten Vcrkheidiger der röm. Curie, freilich nur soweit ihr Ordcnsinteresse mit dem päpstlichen zusammcnfiel- Einzig und allein von Rom abhängig, bewährten sie die Stärke ihrer hierarchisch-militairischen Verfassung mit einem Erfolg, der bei der Negierung großer Körperschaften nur durch Einheit der gebietenden Macht und blinden Gehorsam sich erreichen läßt. In dem Verhältnisse, wie die Strenge ihrer Regel nachließ, ist auch ihr Ansehen gesunken; ja sie wollen selbst da nicht gedeihen, wo ihnen in den neuesten Zeiten, wie in Ostreich und Baiern, die Aufnahme von Novizen wieder gestattet ist und sie vom Staate unterhalten werden. Bettelweseil. So heilige Pflicht es für einen Jeden und für den Staat ist, sich l Derjenigen anzunchmcn, welche durch Alter, Krankheit und Mangel an Arbeit außer ! Stand gesetzt sind, sich zu ernähren, so groß ist auch die Pflicht, das müßige Umherziehen > und Einsammeln der Almosen vor den Thüren zu verhindern. Das Bettlcrleben erhält für Die, welche einmal die Scham überwunden haben, einen gefährlichen Reiz und ist die Pflanzschule der tiefsten Verdorbenheit und der größten Verbrechen. Reichliche Almosen ohne System gegeben, vermehren nur die Zahl der Müßiggänger, verstellter Kranken und f Bettler von Gewerbe, die eine Plage und Pest der Gesellschaft und ein Vorwurf für den Staat sind. Darum findet man auch in den strengkatholischen Ländern des Südens, ungeachtet dort die Natur so Vieles freiwillig hcrgibt, die Bettelei am ärgsten. Zu ihrer Ausrottung ist es crfoderlich, daß man zuvörderst sowol gegen die Nahrungsloflgkeit des Volks Conv.-Lex. Neunte Ausl. II. 20 306 Betti Beudant ' als zur Unterstützung der wirklichen Armuth die nöthigcn umsichtig bemessenen und gehand- hakten Einrichtungen trifft, dann aber durch ein wachsames Poliecipersonal die Bettler aus. greifen, Diejenigen, die nur aus Arbeitsscheu betteln, bestrafen, besonders sie in Arbeitshäusern ihren Unterhalt verdienen und sich an Arbeit gewöhnen läßt. (S. Armenwescn, Arbeitshäuser und Ärmencolonien.) Es muß in ihnen eine Sehnsucht nach freier Arbeit erweckt und zugleich ihnen die Gewißheit gegeben werden, daß eine Wiederaufnahme ihrer bettlerischen Lebensweise sie wieder ins Arbeitshaus führe. Vor Allem ist das Betteln der Kinder zu verhindern und an den Altern, sobald mit deren Wissen und Willen gebettelt wird, zu bestrafen. Freilich kann man nur dann gegen die Bettler streng sein, wenn man gesorgt hat, daß der Arme nicht hülflos seinem Unvermögen überlasse» bleibt. Betti (Bernardino), s. Pinturiech io. Bettinelli (Saverio), ein bekannter ital. Literator, geb. zu Mantua l 7 1 8 , studirte unter den Jesuiten daselbst und zu Bologna, trat 1736 in das Noviziat dieses Ordens und lehrte von 1739—44 die schönen Wissenschaften zu Brescia. Seit 175l Dircctor des adeligen Collegiums zu Parma, leitete er besonders die historischen und poetischen Studien und die theatralischen Übungen. Später seit 1755 machte er größere Reisen durch Deutschland und Frankreich, wo er mit den geistreichsten Männern in Bekanntschaft kam. Im I. >759 nach Italien zurückgekehrt, blieb er in Verona bis >767. Nach der Aufhebung des Jesuitenordens im I. 1773 lebte er still in seiner Vaterstadt, mit literarischen Arbeiten beschäftigt, und behieltnoch alsein Greis von 96 Jahren, bis an seinen Tod, imJ. 1868, die Fröhlichkeit und Heiterkeit seines Geistes. B. fing schon auf der Universität zu Bologna an, sich in Versen zu versuchen und schrieb damals die Tragödie „äonatbun". Die Gunst der Frauen erwarb er sich namentlich durch den „Briefwechsel zwischen zwei Frauen", die „Briefe an Lesbia über die Epigramme" und die „Vierundzwanzig Gespräche über die Liebe". Sein Werk „Oisorgimenlo negli stuclj, nello srti e ne' costnmi clvzio il mille" (3 Bde.) ist etwas oberflächlich, doch fehlt es darin nicht an neuen und richtigen Ansichten; besser ist die auch in Deutschland bekannt gewordene Abhandlung „veil' entnsissmn nelle belle srti" ; das meiste Aufsehen aber machten die „Nettere clieci rli Virgilin sgli Vrcseli", von denen indeß nur ein Band erschienen ist. Die in den letztem versuchte Herabsetzung der alten Dichter, namentlich des Dante, fand natürlich lebhaften Widerspruch. Seine „koesio" (3 Bde.) enthalten jinemetti, Briefe in Versen (versi scinlti, die geschätztesten von seinen Gedichten), Sonette, Canzonen u. s. w. Ohne sich darin als großen Dichter zu zeigen, ist er immer zierlich und geistreich. Die vollständigste Ausgabe seiner Werke erschien in Venedig 1861 (12 Bde.). Vgl. Napione, „Vita clell' ubbate 8»v. ö." (Tur. 1819). Bettung nennt man die feste Unterlage, worauf die Geschütze hinter Wällen und Batterien gestellt werden, damit die Näder beim Rücklauf des Geschützes sich nicht in die Erde cingrabcn können. Gewöhnlich bestehen die Bettungen aus Holz. Es werden drei, vier oder fünf lange, vierkantige starke Hölzer, welche man Nippen nennt, eingegraben, und starke Bohlen quer darauf festgenagelt, oder auch wol mittels sogenannter Spannlakkcn und eisernen Schrauben festgeschraubt. Für Mörser pflegen die Bettungen aus starkem Kreuz- oder Halbholz gefertigt zu sein und erhalten dann keine Deckbohlen. In Festungen bedient man sich auch wol der Grusbettungen aus festgestampften Zicgelbröckeln, um das Hol- sparen, das auf die Dauer verfaulen würde. Wird blos unter jedes Geschützrad eine Bohle gelegt und in der Mitte unter den Laffetenschwanz eine dritte, so heißt eine solche Unterlage eine Not Hb et tu ng. Beudant (Frans. Sulpice), Mitglied der Akademie der Wissenschaften, Professor der Mineralogie und Grneralinspector der Universität zu Paris, ist daselbst am 5. Sept. 1787 geboren und ein Zögling der Polytechnischen und der Normalschule. Seit 1811 Professor der Mathematik am Lyceum zu Avignon und seit 18 l 3 Professor der Physik am Col- lege von Marsrill«, erhielt er nach der Restauration von Ludwig XVlll. den Auftrag, dessen Mineralogische Sammlung aus England nach Frankreich herüberzubringen, und sodann die Stelle als.Unterdirrctor- bei derselben. Seit dieser Zeit widmete er sich insbesondere dem Studium der Mineralogie und leistete den verschiedenen Zweigen dieser Wissenschaft sehr ausgezeichnete Dunste. Auf Kosten der Regierung unternahm er 1818 eine Reise nach Beurnonville 3V7 Ungarn, deren Restlltate er in der „Vv)i>Ae minsrslo^ique et ^äoloxiipie en klonzrle" (3 Bdc., Par. 1822, 4., nebst Atlas) niederlegtc. Nach der Rückkehr wurde er bei der pariser Universität angestcllt und im Nov. 1824 in die Akademie ausgenommen. Sein Hauptwerk ist der „blss-ü d'imcourz elementairs et general des Sciences pb^riqucs" (Par. i 828), der in den „ I'raite ölemsntaire de pk^sique" (6. Aust., Par. 1838; deutsch, Lpz. > 830) und „Usite elemsatairs de Mineralogie" (2. Aust., Par. 1830; deutsch, Lpz. 1826) zerfällt. Namentlich erregte letzterer großes Aufsehen, in welchem B. nicht nur auf der Grundlage von Ampere's kreisförmiger Zusammenstellung der Elemente ein sehr ansprechendes Mineralsystem aufstellte, sondern auch in der Behandlung der Details, zumal der chemischen und optischen Verhältnisse, sehr zweckmäßige und nachahmungswerthe Fortschritte entwickelte. Als selbständiger Forscher bewährte sich V. früher schon in seinen Untersuchungen über die Abhängigkeit zwischen chemischer Zusammensetzung und Krystallisation, über die Möglichkeit des Fortlebens der Mceresmollusken in süßem Wasser, sowie nachher durch seine Arbeiten über das specifische Gewicht der Mineralien und über die Discussionen der chemischen Analysen der Mineralkörper. Seine jüngste Arbeit ist der „<7o,irs elömentaire de minöralogis et geologie" (Par. 1841). Beurnonville (Pierre Riel, Grafvon), franz.Staatsminister und Marschall, geb. 17 52 zuChampignolle in Bourgogne, war als der Jüngste seiner Familie zum geistlichen Stande bestimmt, betrat aber aus Neigung die militärische Laufbahn. Er diente seit 1766 in dem <7or;,s des geodarmes der Königin, trat 1775 in das Regiment von Jsle-de-France, wurde bald Major und machte die indischen Feldzüge von 17 79—81 mit. Willkürlich abgesetzt, kam er 1789 nach Frankreich zurück, und als eine Art Entschädigung für jene Zurücksetzung, worüber er bei der Constituirenden Nationalversammlung Klage führte, erhielt er außer dem Ludwigskreuze die Stelle eines Oberstlieutenants in der Schwcizcrcompagnie des Grafen Artois. Allein hiermit nichts weniger als zufcicdengestellt, befteundete er sich um so schneller mit den Ideen einer politischen Reform, die sich gleichzeitig überall geltend machten. Im I. 1792 ward er dem Marschall Luckncr beigcgeben, und in Berücksichtigung seiner vorzüglichen Leistungen sowie seines ausgezeichneten Muths bereits im Nov. desselben Jahres General und ihm der Auftrag crtheilt, die Nvrdarmee zu organisiren, an deren Spitze er an dem Kampfe von Valmy Thcil nahm. Gleich daraus erhielt er den Befehl, die Vertheidi- gung von Lille zu übernehmen, und sehr schnell bewirkte er die Aufhebung der Belagerung. Nicht so glücklich war er gegen Trier und in der Schlacht von Jemappes. Von der Partei der Gironde unterstützt, ward er 1793 zum Kricgsminister ernannt, zog sich aber dadurch den glühendsten Haß der Jakobiner zu. Seine Geistesgegenwart und Entschlossenheit ließen ihn jedoch alle Gefahren glücklich bestehen, und bald darauf fand er auch von der Seite die vollste Anerkennung, die ihn nur erst noch verfolgt hatte. Dumouriez, bei Neerwinden besiegt, ward zum Verräther, und darauf bedacht, den Feinden die Wege zu bahnen und zum Sturze des Jakobinismus mitzuwirkcn, meinte derselbe auf B-'s Mithülfe zählen zu können und erließ an diesen ein Schreiben, in welchem er ihm seine weitern Plane mittheilte. Allein B. zeigte Dumouriez's Plan dem Nationalconvent an und ward alsbald mit den vier Conventsmitgiiedern Camus, Lamarque, Bancal und Ouinette abgesandt, um Dumouriez gefangen zu nehmen. Als jedoch die Abgesandten in Dumouriez's Hauptquartier zu St.- Amand anlangten, waren die Ostreicher nahe genug, diesem zu helfen. So gelang es Dumouriez, die Commissarc festnehmen zu lassen und sie als Geiseln den Östreichern zu überliefern, die B. nach Olmütz brachten, wo er 33 Monate gefangen gehalten wurde. Nach seiner und seiner Leidensgefährten Auswechselung am Ende des I. 1795 erklärte ein Decrct des Gesetzgebenden Körpers, daß B. und seine Unglücksgefährten die Sendung würdig erfüllt hätten, und bei seiner Rückkehr nach Paris wurde er zum Befehlshaber der Sambre- und Maas-Armee ernannt, die er bald auf das linke Nheinnftr zurückführte. Er befand sich ar der Spitze drei vereinigter Armeen, als er im I. 1798 diesem Kommando wegen zerrüttete» Gesundheit entsagte, worauf er vom Direktorium als Generalinspcctor der Infanterie angestellt wurde. Später war er als außerordentlicher Gesandter am berliner Hofe, und unter seiner Mitwirkung kam die Convention vom 24. Mai 1892 zu Stande, welche mit Preußen die Bedingungen regelte, unter denen das HauS Nassau-Dramen der niederländ. Statthal- 808 Beurtheilttttg Beutelthiere terschaft entsagte. Als Gesandter in Madrid schloß er den Subsidicnvcrtrag vom 30. Oct. 1805, durck den sich der König von Spanien verpflichtete, die garamirten Hülsstruppen durch eine jährliche Zahlung von 5 Will. Livres zu ersetzen. Bei der Rückkehr von dieser Sendung ward er Großoffizier der Ehrenlegion, Senator und Graf des Reichs. Nichtsdestoweniger stimmte er l 8 l -1 für die Absetzung Napolcon's. Als Mitglied des provisori- schen Gouvernements sprach er sich mit Energie gegen den Vorschlag Derer aus, die Ra- poleon !l. und die Regentschaft der Marie Luise wollten. Zum Lohn für seinen Eifer ward er Staatsminister, worauf er während der Hundert Tage dem König nach Genf folgte. Die zweite Restauration steigerte sein Ansehen noch mehr, er ward I8l5 Marschall, nahm jedoch aus Royalismus wieder den Titel Marquis an. Übrigens bekleidete er auch die höchsten Ämter der Freimaurerei. Er starb l 821; die Freimaurer hielten ihm eine besondere Trauerloge, der Marschall Macdonald in der Pairskammer eine glänzende Lobrede. Beurtheilung unterscheidet sich vom bloßen Urtheilen dadurch, daß dieses eine Verbindung von Begriffen ist, bei welcher sich der Urtheilende möglicherweise gleichgültig verhält, während die Beurthcilung an der Wahrheit oder Falschheit, oder an dem Werthe oder Unwerche eines Gedankens oder einer Sache Interesse nimmt. Die Beurtheilung enthält also einen Zusatz des Zustimmens, Vorssehens und Billigens sammt den Gegcnthcilcn davon, der im bloßen Urthcile nicht liegt. Sie stellt sich somit über den Gegenstand; die bloße Auffassung wird in ihr zur Kritik. Wie verschieden nun die Gründe und Arten des Vorziehens und Verwerfens sind, so vielfach gestaltet sich die Beurthcilung. Es gibt eine Bc- urtheilung schon nach bloßen Rücksichten des Nutzens und Vergnügens, welches die Gegenstände gewähren > es gibt aber auch eine im Interesse der Erkenntniß (wissenschaftliche Beurtheilung) und des Geschmacks (ästhetische Beurtheilung), endlich, was das wichtigste ist, eine Beurtheilung über den Werth oder Unwcrth, über das Löbliche und Schändliche des Wollens und Handelns. Auf der letztem beruht die Moral. — Beurtheilungs- kraft nennt man überhaupt die Fähigkeit eines Menschen, die Gegenstände und Verhältnisse, in deren Mitte er gestellt ist, je nach dem Standpunkte seines Interesses richtig zu schätzen und zu benutzen. Daher kann Einer eine sehr scharfe Beurtheilungskraft z. B. für Alles haben, was sich auf seinen Nutzen bezieht, und doch der ästhetischen oder moralischen Beurtheilung in hohem Grade entbehren. Beute nennt man diejenigen Waffen und anderes Kriegsgeräth, welche der Sieger dem Besiegten abnimmt. Alle Trophäen (s. d.) dagegen müssen mit den Waffen in der Hand erobert werden, wo nicht, so sind sie blos erbeutet. Was der Soldat seinem Feinde an Geschützen, Waffen und Pferden abnimmt, ist er seinem Vorgesetzten abzuliefern verpflichtet und erhält dafür ein angemessenes Beutegeld, und zwar für ein Pferd gewöhnlich sechs Dukaten, für ein Geschütz 3u Dukaten bis zu 100 Thalcrn. Nach Beendigung des Befreiungskriegs stifteten mehre deutsche Regimenter aus dem Beutegclde für eroberte Geschütze Fonds zur Unterstützung hülfsbedürftigcr Soldatenwitwen und -Waisen. Beutel ist in der Türkei eine Nechnungsmünze, deren Namen die Sitte veranlaßt hat, das in den Schatz des Großhcrrn niederzulcgende Geld in ledernen Beuteln zu immer gleichen Summen zu verschließen. Der Beutel Silber beträgt jetzt 40 — 42 Thlr., der Beutel Gold wenig mehr als 10000 Thlr., während er zu Ende des 13. Jahrh. über 40000 Thlr. betrug. Beutelthiere sind Säugthiere, aus welchen man in neuern Zeiten eine besondere Gruppe (Marsupialia) gebildet hat, weil sie hinsichtlich einer höchst auffälligen physiologischen Eigenthümlichkeit miteinander übercinstimmen. Dem Zahnbau nach würde man sie unter sehr verschiedene Ordnungen vertheile» müssen, denn sie haben theils das Gebiß der Nager, theils der Insektenfresser, und einige sind mitZähnen versehen, die ganz auf Ernährung durch Vegetabilien deuten. Größe, Körpergestalt, Nahrung und Lebensweise sind daher in dieser Familie sehr verschieden. Während das Känguru vier F. hoch wird, erreichen andere Arten kaum die Größe einer Haselmaus; einige sind nächtliche, nach Marderart grausame Raubthiere, z. B. das am längsten bekannte nordamcrik. Beutelthier, andere nähren sich nur von Baumblättern; einige sind nur zum Springen organisirt, z. B. die Kängurus, andere besitzen an der ausdehnbaren Seilenhaut des Körpers einen natürlichen Fall- Denth Beverland 3;)9 schirm. Ihre geographische Verbreitung ist beschränkt; auf dem Contincnt der alten Welt fehlen sic ganz, lebten aber selbst im heutigen Frankreich während vvrwcltlichcr Perioden, wie die seit etwa zehn Jahren aufgefundencn Knochen beweisen; in Amerika kommen sic vor von Pcnnsylvanien bis Paraguay; besonders artenreich sind sie aber in Ncuholland und den nächstgelcgcncn Inseln. Ihre Fortpflanzungsart ist im Reiche der Wirbclthicre beispiellos und zuerst von Nmggcr in der „Naturgeschichte der Säugthiere von Paraguay" genau erörtert worden. Bei allen Arten werden die Jungen 25—30 Tage nach der Empfang- niß in sehr unvollkommener Gestalt geboren und kommen auf noch unbekannte Art in eine Hautfaltc, die am Untcrlcibc des Weibchens befindlich, mehr oder weniger einer Tasche gleicht; hier saugen sie sich sogleich an den Zitzen fest, bleiben an diesen während langer Zeit fest hängen und werden weiter ausgebildel. Sic sondern während des Aufenthalts in diesem Beutel weder Urin noch Koth ab und benutzen ihren Zufluchtsort auch dann noch einige Zeit, wenn sie zu selbständigen Bewegungen befähigt, gelegentlich das Mutrer- thier verlassen. Dem Engländer Gould, welcher 1840 Neuholland besuchte, verdanken wir ein Prachtwcrk über die dortigen zahlreichen Arten. Beuth (Pet. Kasp. Wilh.), prcuß. Wirklicher Geh. Oberregierungsrath, Director der Abtheilung des Finanzministeriums für Handel, Gewerbe und Bauwesen und Mitglied des Staatsraths, geb. zu Kleve am 28. Nov. 1782, der Sohn eines Arztes, erbielt in Berlin seinen Schulunterricht und studirte seit 1798 in Halle die Rechte und Keemeralwis- senschaften, worauf er 180! als Referendar in den Staatsdienst trat. Im I. 1806 wurde er Assessor bei der Kammer in Baireuth, jedoch von dem Staatsminister von Hardenberg in dessen Ministerium beschäftigt; 1809 Regierungsrath bei der Regierung zu Potsdam, und als Hardenberg 1810 den Auftrag erhielt, die Finanzen des Staats zu ordnen und die Steuer- und Gewerbepoliceigesetzgebung umzuformen, in die zu diesem Behufe nieder- gesetzte Commission berufen. Nach der Auflösung derselben kam er als Geh. Obersteuerrath in das Finanzministerium. Im I. 1813 trat er als Freiwilliger in die Cavaleric des Lützow'schen Freicorps, und nach dem Frieden wurde er als Geh. Oberfinanzrath in die Abtheilung des Finanzministeriums für Handel und Gewerbe berufen. Hier hatte er wesentlichen Antheil an der Bearbeitung der Steuergesetze vom I. 1817, wurde dann 1821 Mitglied des Staatsraths, 1828 Director der Abtheilung des Finanzministeriums für Handel, Gewerbe und Bauwesen und 1830 Wirklicher Geh. Oberregierungsrath. Im Laufe seiner Dienstzeit hat B. durchgehend die Grundsätze der Freiheit des Handels und der Gewerbe geltend zu machen gesucht, von dem Grundsätze ausgehend, daß der Staat den Gewerbs- betricb nur insoweit zu beaufsichtigen habe, als gemeine Gefahr durch Ungeschicklichkeit zu besorgen sei, und zu Denen sich bekennend, welche cs für fehlerhaft halten, ein Gcwcrbe auf Kosten des andern oder der Konsumenten zu begünstigen, sei es durch Stcucrschutz oder durch gewerbliche Beschränkungen. Die preuß. Regierung hat ihn dabei auf jede Weise unterstützt und ihm die Ausführung seiner Entwürfe übertragen. Dahin gehören die Gründung des Eewerbinstituts in Berlin und der Provinzialgcwerbschulcn; die Herausgabe mchrer kostbaren Werke und Lehrbücher, namentlich der Vorbilder für Fabrikanten und Handwerker, dcr Vorlegcblätter für Mechaniker, Maurer, Zimmerlcnte und der Bauausführungen im prcuß. Staate; die Einführung von Fabrikationsverbesscrungen aus Nordamerika, England und Frankreich, die B. bei mehren Reisen in jene Länder kennen gelernt ^ hatte; die Verbreitung neuer kostbarer und durch angestellte Versuche erprobter Werk-rnae in zahlreichen Exemplaren als Muster und Auszeichnung unter die Ecwerbrreibenden der Provinzen; die Einrichtung der Nationalgewerbausstellungen und die Verwandlung der Bauakademie in eine allgemeine Bauschule. Zur Erweckung der eigenen Thcilnahmc des Gewerbstandcs stiftete er 1821 den Verein für Gewerbfleiß in Preußen, in welchem er den Vorsitz führte. Er ist Ehrenmitglied der Akademie und Director der allgemeinen Bauschule und der Baugewerkschule. Beverland (Adrian), ein ho'länd. Gelehrter, der durch den Inhalt mehrer seiner Schriften und die schlüpfrige Darstellung in denselben, namentlich durch die Auslegung des Sündenfalls, große Bewegungen unter den Theologen seiner Zeit erregte, war zu Middelburg in Zeeland um die Mitte des 17. Jahrh. geboren. Er hatte die Rechte studirt, die ^ R 310 Bevern Bevölkerung Hochschule zu Oxford besucht und war Sachwalter in Holland, als er 1678 die oben ange- dcutete Schrift „Ueocatui» »i-i^inalo" erscheinen ließ, die nicht nur im Haag verbrannt wurde, sondern ihn selbst in Haft brachte, auch seine Verweisung aus Utrecht und Leyden, wohin er sich wenden wollte, veranlaßtc. Zurückgekehrt nach dem Haag, schrieb er hier „De stolatae virginir-itis jure" (Haag 1686), eine Schrift, die an Obscönität die erstgenannte noch übertras Bald nachher ging er nach England, wo er an Isaak Vossius einen Gönner gewann und wahrscheinlich in Oxford die juristische Doctorwürde erhielt. Auch in England fand er viele Gegner unter den Theologen, wie dies die schmuzigen Schmähschriften beweisen, die er gegen mehre der Häupter der engl. Kirche richtete. Vielleicht der Tod seines Wohlkhäters Isaak Vossius im I. 1689 brachte ihn dahin, daß er 1693 in einer besonder» Schrift den Inhalt seiner früher» Schriften widerrief und die Darstellungsweise bereute. Zuletzt in Wahnsinn verfallend, scheint er in England bald nach 1712 gestorben zu sein. Bei allen den vielen Feinden, die B. hatte, stand er doch auch mit den angesehensten Man- ner seiner Zeit in freundschaftlicher Verbindung. Übrigens ist die von ihm in der Schrift über die Erbsünde ausgesprochene Ansicht von vielen Andern sowol vor als nach ihm ebenfalls ausgesprochen worden, nur nicht in so frivoler Weise. Seine Schriften gehören ins- gesammt zu den bibliographischen Seltenheiten. Bevern (Aug.Wilh., Herzogvon Braunschweig-), preuß. General im Siebenjäh. rigen Kriege, geb. 1715 zu Braunschweig aus der apanagirten Nebenlinie des Hauses Wol- fenbüttcl, trat frühzeitig in preuß. Kriegsdienste und machte 1734 den Feldzug am Rhein mit. Im ersten und zweiten schlesischen Kriege focht er mit großer Auszeichnung und ward darauf General. Im Siebenjährigen Kriege erwarb er sich neue Lorbern. Zur Entscheidung der Schlacht bei Lowositz am 1. Oct. 1756 trug er entschieden mit bei. Hier hatte sich der linke Flügel, welchen er befehligte, durch ein sechsstündiges Feuer gänzlich verschos. sen, ohne daß noch der Posten von Lowositz überwältigt war. Als man ihm die Nachricht von dem Mangel an Patronen hinterbrachte, rief er: „Zu welchem Ende hat man denn die Burschen gelehrt, den Feind mit gefälltem Bayonnet anzugreifen?" Und kaum waren diese Worte gehört, als sich die Preußen mit neuer Wuth auf die Östreicher warfen und den Sieg dadurch entschieden. Kurz vor der Schlacht bei Prag griff er unter sehr schwierigen Umständen am 29. Apr. 1757 bei Neichenberg das verschanzte Lager des Grafen von Königscck an und eroberte es. Den Schlachten bei Prag und Collin wohnte er ebenfalls Lei. Während darauf Friedrich der Große gegen Soubise zog, befehligte er die preuß. Truppen in Schlesien und der Lausitz und verschuldete mehr oder weniger den frühen Tod Win- terfeld's. Seitdem verfolgte ihn das Unglück, namentlich am 22. Nov. 1757 bei Breslau, wo er vollständig geschlagen ward. In dem niederdrückcnden Gefühle, das Vertrauen seines Königs so wenig gerechtfertigt zu haben, suchte er dem Zorne desselben dadurch auszuweichen, daß er sich am folgenden Morgen bei einer Recognoscirung von den östr. Vorposten gefangen nehmen ließ. Doch schon das Jahr darauf wieder ausgewechselt, machte ihn Friedrich zum Commandanten von Stettin und gab ihm 1762 den Oberbefehl über ei. besonderes Corps bei Reichenbach, wo er die Östreicher am 7- Aug. 1762 wieder schlug. Nach dem Hubertusburger Frieden lebte er meist zu Stettin, wo er auch 1782 starb. Bevölkerung. Man unterscheidet die absolute Bevölkerung, d.h. die Volksmenge auf einem bestimmten Flächenraume, von der relativen oder dem Verhältnisse der Zahl der Einwohner zu dem Raume, auf dem sie leben. Um die Größe der Bevölkerung eines Landes kennen zu lernen, ist die Aufstellung sorgfältiger und auf gleichzeitige Zählung gegründeter Bevölkerungslisten das geeignetste und sicherste Mittel. Außerdem geben auch die Geburtsund Sterbelisten, in Verbindung mit der Kenntniß des Verhältnisses der Geburten- und Todesfälle zu der gesammten Einwohnerzahl, sowie die Consumtion von Gegenständen des allgemeinsten Bedürfnisses für die Schätzung derPopulation mehr oder minder feste Anhalt- punkte. Die relative Bevölkerung der einzelnen Welktheile und Länder ist höchst verschieden und wird es auch in später» Jahrhunderten bleiben, wenngleich die grellern Unterschiede für einen großen Theil der Erde mehr und mehr verschwinden dürften. So hat z. B. nach jetzigen Berechnungen der große Continent von Neuholland nur acht und Asien im Durchschnitte L66 E. auf der LIM., einzelne europ. Länder aber, wie Belgien und Irland, zwi Bevölkerung 311 scheu 6—8000. Zum Theil beruht diese Verschiedenheit auf dem Klima, da die Erde höchstens bis zum 60' nördl. und südl. B. zum Ackerbau geeignet ist und in den andern Zonen eine dürftige Viehzucht, Jagd und Fischfang den Menschen nur eine kümmerliche und unsichere Existenz gewahren; während in den Tropenländern schon einige mR. Land hinreichen um die Bedürfnisse einer Familie zu befriedigen. Ein anderer Grund liegt in der Verschiedenheit der Culturzustände, da die Dichtigkeit der Bevölkerung auf den Bildungsstufen, dke in der organischen Entwickelung der Menschheit beschritten werden, zugleich als Factor und als Product erscheint. In diesem Sinne wird sich z. B. bei einer wachsenden Volksmenge ein verhältnißmäßig größerer Theil derselben den industriellen und intellektuellen Beschäftigungen zuwenden, aber die Steigerung des Gewerbfleißes wird zugleich die Gesammtmasse der Prvductionsmittel und mit ihr die Population selbst vergrößern helfen. Darum haben insbesondere auch die volikischen Verhältnisse, die Vorzüge und Mängel der Verfassungen, Gesetze und Verwaltungen, worin sich der allgemeine Bildungsgrad hauptsächlich erkennbar auspeagt, den entschiedensten Einfluß. So hatte z. B. Spanien, nach glaubhaften Annahmen, zur Zeit der Herrschaft der Karthager und Römer eine wol zehnfach so starke Bevölkerung, als unter den letzten schwachen Königen des Hauses Ostreich, nach deren Herrschaft wieder ein allmäliges Steigen der Population eingetreten ist und trotz der blutigen Kriege gegen das Ausland und im Innern seit drei Jahrzehnden fortgedauert hat. Ebenso hatte Frankreich, ungeachtet der zahlreichen Menschenopfer, welche die Revolution verschlang, unter dem Einflüsse der freier» Bewegung, der größern Vertheilung des Grundcigenthums, der Aufhebung des Zunftzwangs und der Klöster, auf demselben Raume 2 Mill. E. mehr im I. >8lä als imJ. I 790. Der noch nicht durchgefochtene Streit über die Abstammung des Menschengeschlechts von einer oder von mehren Urfamilien ist wenigstens für die Statistik der Bevölkerung und die darauf gegründete Politik von keiner sonderlichen Bedeutung. Auch die Nachrichten über die Population der Erde aus ftühern Jahrhunderten oder Jahrtausenden sind in hohem Grade unsicher. Allein dennoch läßt sich im Zusammenhang- der Überlieferungen mit Bestimmtheit schließen, daß diese im Ganzen, abgesehen von partiellen Schwankungen und Verminderungen, im Steigen begriffen ist und daß also, wenn die Zunahme der Pooulation dem physischen Wachsthume der Menschheit verglichen werden mag, der Körper der Menschheit noch nicht für ausgewachsen gelten kann. Die Summe aller Veränderungen in der Größe der Population und im Verhältnisse ihrer verschiedenen Bestandthcile wird nach einem neuern wissenschaftlich technischen Ausdrucke als Bewegung der Bevölkerung oder auch wol als Gang derselben bezeichnet. Allein wie die Forschungen der Physiologie und Psychologie das Natnrgeheimniß der Erzeugung und des Gebarens nicht völlig enthüllen konntet!, so bietet die Fortpflanzung des Menschengeschlechts im Großen noch manche Räthsel dar, mit deren Lösung man sich erst in der neuern Zeit angelegentlicher beschäftigt. Darum sind die Ansichten sowol über die Gesetze, wonach sich die Bewegung der Bevölkerung bemißt, als auch über die wahrscheinlichen Fol' gen derselben, noch sehr wechselnd und verschieden. Während hauptsächlich Malthus in ,,^n NN tbe prinochitz nkpnpnlntintl" (.l Bde., Lond. 1806 ; deutsch von Hegewhch, 2 Bde., Altona i807) auf die Möglichkeit einer Bevölkerungszunahme in geometrischer Progression hinwics, stellte Sadler die Behauptung auf, daß die Fähigkeit der Fortpflanzung im umgekehrten Verhältnisse mit der Dichtigkeit der Population stehe, und während man noch vor einem halben Jahrhunderte in der Grüße ihres Wachsthums das ausschließliche Kriterium der Staatswohlfahrt zu finden glaubte, wie namentlich von Sonnenfels in den „Grundsätzen der Policei, Handlung und Finanz" (3 Bde., Wien 1767) und im „Handbuch der innern Staatsverwaltung" (Wien 1798), so gab man sich spater dem Glauben an die drohende Gefahr einer Übervölkerung hin. Daher waren früher ebenso seltsame Vorschläge zur Vermehrung der Bevölkerung gemacht worden, als man sich später um die Erfindung künstlich hemmender Mittel ahmühte. Allein wenngleich ans kleinern Raumen eine partielle Übervölkerung möglich und hier und da wirklich vorhanden ist, so rücken doch die neuesten statistischen Erfahrungen für ganz Europa jene Gefahr in weite Ferne hinaus und berechtigen zum Schluffe, daß noch geraume Zeit die materielle Production nicht blos in gleichem, sondern sogar in stärker!« Verhältnisse als die Bevölkerung zunehmcn dürste. Auch mögcn 312 Bevölkerung einzelne Wahrnehmungen im Einklänge mit der herrschend gewordenen Ansicht von einem steten organischen Zusammenhänge des vlanetarischen Lebens der Erde und des Menschheitlebens schon jetzt die Überzeugung bestätigen, Laß sich endlich die nährenden Kräfte der Erde mit den fortpflanzenden Kräften der Menschheit in ein Gleichgewicht sehen würden. Unter allen Umständen bleibt übrigens der Gang der Bevölkerung ein hochwichtiges Moment der Culturgcschichte, da mit dem körperlichen Wachsthume der Nationen zugleich die Entwickelung des Geistes und Charakters innig zusammenhängt. Nach den Berechnungen von Charles Dupin und Bickcs („Die Bewegung der Bevölkerung mehrer europ. Staaten", Stuttg. 1833) betrug in der Fricdensperiode von 1815 — 30, wo zwar die Hungerjahre von 1816 und 1817 einen ungünstigen Einfluß äußerten, jedoch in den folgenden Jahren der Gesundheitszustand wesentlich befriedigend war, der jährlicheZuwachs im Durchschnitte durch ganz Europa etwa 12000—12400 auf jede Million gleichzeitig Lebender. Da die Lücken, die der langjährige Krieg gerissen hatte, sich nach hergestelltem Frieden durch eine verhältnißmäßig stärkere Zunahme der Ehen schneller wieder ausfüllten, so würde schon darum die Annahme eines gleichmäßigen Zuwachses für eine fernere Zukunft allzu hoch erscheinen. Ohnehin scheinen die neuesten Thatsachen der Statistik für die beiden Factoren der Bewegung der Bevölkerung, für Geburten und Todesfälle, auf periodische Zu- und Abnahme hinzuwcisen. So zeigte sich im preuß. Staate nach den genauen Vergleichungen Hoffmann's in Berlin, binnen der vier dreijährigen Perioden von 1820 — 31 nicht blos eine fortwährende Zunahme der Sterblichkeit, die nur zum Theil als unmittelbare Folge der Cholera erschien, sondern auch gleichzeitig eine Abnahme der Geburten. Erst in der fünften Periode von 1832 — 34 hatte wieder eine Zunahme der Geburten und eine Abnahme der Todesfälle statt. Nach übereinstimmenden Erfahrungen beruht zum großen Theile das rasche Wachsthum der europ. Bevölkerung auf der seit längerer Zeit, namentlich seit Verlauf eines Jahrhunderts, bemerkbaren Verminderung der Sterblichkeit, die ihrerseits eine Folge der fortgeschrittenen Bildung ist, der im Ganzen zweckmäßiger gewordenen Lebensweise, der verbesserten Gesundheitspolicei und der Fortschritte der Medicin, sowie besonderer einflußreicher Erfindungen und Entdeckungen, wie der Blatternimpfung und ihrer allgemeiner gewordenen Anwendung. Hiernach betrüge jetzt, nach Casper in der Schrift „Die wahrscheinliche Lebensdauer" (Berl. 1835), die mittlere Lebensdauer in Rußland 2 Preußen 29^/io, Schweiz 34h/,o, Frankreich 35°/, 0 , Belgien 36/fl,, England 33°/» Jahr. Hierbei ist die Lebensdauer der Weiber, der Verheirathelen und der Wohlhabenden im Allgemeinen größer, als die der Männer, der Ehelosen und Unbemittelten. Auch nach der Berufsart und sonstigen socialen Verhältnissen finden bemerkenswerthe Unterschiede statt, wie denn z. B. in den engl. Manüfacturbezirken die Sterblichkeit beträchtlich größer ist als in den gemischten und landwirthschaftlichen. Dabei ist jedoch nicht zu übersehen und selbß durch örtliche Erfahrungen schon bestätigt, daß sich ein besonders nachtheiliger Einfluß der Fabrikthätigkeit auf die Gesundheit hauptsächlich in dem Zustande der Industrie äußert, wc noch der Arbeiter als Maschine arbeiten muß, wo also der Producent die höhere Stellung eines frcithätigcn Leiters der den Zwecken der Production unterworfenen äußern Naturkiäfte noch nicht gewonnen hat. Während mehrer Jahre hatte die Cholera in einigen Thcilen Europas die Sterblichkeit beträchtlich erhöbt, allein gleichwcl im Durchschnitte die Zunahme der Bevölkerung keine bedeutende Verminderung erlitten. Wie also der Einzelne in seiner Jugend fortwächst, indem Krankheiten das Wachsthum zwar vorübergehend verzögern, aber nicht verhindern, so scheint dies unter manchen periodischen Schwankungen auch für das Völkerleben und namentlich für das europ. zu gelten. Stoch ist zu bemerken, daß die jährlichen Auswanderungen aus Europa bei der Berechnung der durchschnittlichen Zunahme seiner Population schon in Anschlag gebracht sind. Überhaupt haben diese Auswanderungen noch selten über 1 00000 betragen, und wären sie in den letzten Jahren selbst auf das Doppelte gestiegen, so würden sie doch >ogar in den Ländern, wo sie am zahlreichsten sind, sich nicht viel über ein Fünftel des jährlichen Überjchusses dcr Geburten belaufen. Seit längerer Zeit-Hat Irland die meisten Auswanderer und doch hat kaum ein anderes europ. Land in derselben Progression seine Bevölkerung vermehrt, die sich im Laufe eines Jahrhunderts beinahe vervierfacht hat. Zum Theil 313 Bevölkerung beruht dies darauf, daß auch die durch Emigration entstehenden Lücken schnell sich ergänzen, wenn nur sonst die Bedingungen einer fortwährenden Vermehrung vorhanden sind. Wie höchst wichtig also eine geregelte Organisation der Auswanderungen wäre, so würde man sich doch großen Täuschungen hingcben, wenn man mit diesem äußerlichen Hülfsmittel allein, ohne gleichzeitige Organisation der Arbeit und der Vertheilung ihrer Erzeugnisse, den Übeln zu begegnen hoffte, die einen großen Theil des westlichen Europa, in Folge der ungleichen Vertheilung des Einkommens und der unglücklichen Stellung der Arbeiter zu den Arbeitsherren und Kapitalisten, immer näher bedrohen. Nach allem Vorhergehenden ist wol anzunehmen, daß verheerende Kriege, Seuchen und Hungerjahre Europa in viel größcrm Umfange als im letzten halben Jahrhunderte heimsuchen müßten, wenn nicht auf längere Zeit eine durchschnittliche Vermehrung von jährlich 1 Procent stattsinden und bei einiger Verminderung dieser Zunahme in spätern Jahren nach Verlauf eines Jahrhunderts eine Verdopplung der europ. Bevölkerung eingetretcn sein sollte. Noch viel stärker ist diese Zunahme in der neuen Welt, so weit genauere Angaben vorliegen. So hatten die Vereinigten Staaten von Nordamerika in 50 Jahren die Zahl ihrer Einwohner beinahe verfünffacht; nicht blos in Folge der fortwährenden Ansiedelung von Einwanderern, sondern besonders durch die günstigen nationalökonomischen Verhältnisse, die den Abschluß zahlreicher und frühzeitiger Ehen befördern. In Ncugranada waren die Einwanderungen nicht sehr beträchtlich und doch soll nach den Volkszählungen von 1825 und 1835 die jährliche Vermehrung etwa 35000 auf die Million betragen haben, was auf eine besonders starke Überzahl der Geburten schließen ließe. Auch unter den europ. Staaten ist diese Zunahme äußerst verschieden, sodaß z. B. nach einer frühern Berechnung ihre Verdoppelung in Nußsand, Ostreich, Großbritannien und Frankreich die Zeiträume von je 48, 51'/-, 52 und 125 Jahren ersodern würde. Die absolute Größe der Bevölkerung kommt stets bei der Schätzung derStaats- kräfte in vorzüglichen Betracht, ist aber noch lange kein ausschließender Maßstab dafür. Um auch nur die physischen Volkskräfte annähernd vergleichen zu können, müssen zunächst noch die Unterschiede der Bevölkerung nach Altersklassen beachtet werden. Rußland, wo von jedem Hunderttausend der männlichen Bevölkerung nicht ganz 27000 der vollkräftigen Classe von 20—60 Jahren angehören, hat darin unter den europ.Großstaaten das ungünstigste Verhält- niß. Günstiger ist dasselbe in Ostreich, noch mehr in Preußen, am günstigsten in Schweden, mit dem Frankreich auf beinahe gleicher Linie steht, da nach Moreau de Jonnes dessen Bevölkerung von 15—60 Jahren gegen f z, im brit. Reiche aber nicht viel über der gesammten Einwohnerzahl betragen soll. Hiernach würde im Verhältnisse zur männlichen Gesammtbevöl- kerung von allen europ. Großstaaten Frankreich die größte und Rußland die kleinste Masse streitbarer Mannschaft besitzen. Diese relative Stärke der Mittlern und vollkräftigen Altersklassen wird ziemlich genau im umgekehrten Verhältnisse mit der relativenZahl der Geburten stehen, weil in den ersten Jahren die Sterblichkeit besonders groß ist, sowie im geraden Verhältnisse mit der Mittlern Lebensdauer, die von der mehr oder minder zweckmäßigen Erhaltung der Gesundheit, also auch von den Fortschritten der Civilisakiou überhaupt wesentlich abhängt. Auch die Ünterschiede der Bevölkerung nach dem Geschlecht dürfen für Beurthei- lung der Intensität der Staatskräfte nicht außer Acht bleiben, da die wirkliche Körperkraft (Muskelkraft) nach Negnier auf ^ z, nach Gcrstner etwa auf der Manneskraft sich schätzen läßt. In Folge der lange dauernden Kriege betrug die Überzahl des weiblichen Geschlechts in Europa über das männliche nahe an 6 Mill. Das Misverhältniß minderte sich jedoch, da in der Friedensperiode von 1815—30 die männliche Bevölkerung um 2,700000 mehr als die weibliche zugenommen halte und auch in den letzten Jahren eine größere Vermehrung der erstem in den meisten Staaten zu bemerken ist. Der Grund davon liegt in einer steten Neigung der Naturkräfte zur Herstellung eines festen und bestimmten Verhältnisses zwischen beiden Geschlechtern. Doch ist dieses Verhältniß nicht bei allen Nationen dasselbe, und wenn ältere Statistiker, namentlich Süßmilch in dem Werke „Die göttliche Ordnung in den Veränderungen des menschlichen Geschlechts" (3 Bde., berichtigt von Baumann, Bcrl. 1788) annahmcn, daß sich die Überlebenden der bellen Geschlechter bis zum 14. Jahr ziemlich gleichstem, sy ergeben doch »euere Erfahrungen bedeutende Abweichungen und lassen bemerken, 314 Bewässerung Bewegung daß man unter dem sogenannten Gleichgewicht der Geschlechter nicyt gerade in jedem Land« eine numerische Gleichheit zu verstehen hat. Wie sich vielmehr in den einzelnen Familien bald ein Übergewicht der männlichen, bald der weiblichen Familienglieder gewahren laßt, so finden auch zwischen den Nationen manche Verschiedenheiten statt, welche dann mit dazu beittagen würden, zahlreichere geschlechtliche Verbindungen von Volk zu Volk zu veranlassen und also auch von dieser Seite her einen innigem Zusammenhang alles Völkerlebens zu vermitteln. Sehr wichtig und die wichtigsten socialen Fragen berührend, ist endlich der Unterschied der Bevölkerung nach dem Familienstande, zumal nach dem Verhältnisse der Verehelichten zu den Ehrlosen, der ehelich zu den unehelich Geborenen. Die verhältnißmäßige'Zahl der jährlich abgeschlossenen Ehen rst besonders beträchtlich in den Vereinigten Staaten von Nordamerika. In Europa haben Rußland und Großbritannien die meisten Ehen, weil dort die große Ausdehnung, deren noch der Ackerbau fähig ist, in Großbritannien aber der Aufschwung der Industrie die Gründung zahlreicher Hausstände begünstigte. Besonders gering ist dagegen dieses Vcrhältniß in Frankreich, während Deutschland hierin die Mitte hält. Auch die durchschnittliche eheliche Fruchtbarkeit ist indessen in Europa so verschieden, daß sie Bickes in drei Classen theilt, wovon in der ersten auf je 1000 Ehen über 5000 Kinder kommen, in der zweiten 4200 —- 1909 , in der dritten weniger als - 1200 . Der größere Theil Italiens, Würtcmberg, Böhmen, Portugal gehören der ersten, das Großherzoglhum Hessen, Ostreich, Niederlande, Mecklenburg, Preußen und Rußland der zweiten und die meisten andern Staaten der dritten Claffe an. Diese mehren Grade der Fruchtbarkeit hängen wol zum Theil mit dem Klima, mit der physischen Beschaffenheit des Landes und der Stammesverschiedenheit der Bewohner zusammen, wie man denn namentlich bei dem slawischen Stamme eine etwas größere Fortpflanzungskraft als bei den germanischen, bei diesem eine größere als bei dem romanischen und magyarischen bemerken will. Hauptsächlich ist jedoch dafür entscheidend, wie weit die nationalökonomischen Verhältnisse einen frühzeitigen Abschluß der Ehen begünstigen oder erschweren, da spätere Ehen, zumal in den Ländern abgeschlossen werden, wo bei größerer Dichtigkeit der Bevölkerung die Bedürfnisse manuich- faltiger geworden und schwerer zu befriedigen sind. Daran knüpft sich die weitere Thatsacha daß sich fast überall in der neuern Zeit die verhältnißmäßige Zahl der jährlichen Trauungen vermindert und dagegen die der unehelichen Geburten wenigstens im Ganzen beträchtlich vermehrt hat, wenngleich zeitweise und in einzelnen Staaten, wie z. B. in Preußen, eine Abnahme der letztem bemerkbar wurde. Zwar sind hierbei Veränderungen in den sittlichen Ansichten und Begriffen nicht ohne Einfluß, wie denn bei allen wichtigen Erscheinungen der Culturgeschichte zugleich moralische und materielle Triebfedern zusammenwirken; allein dennoch tritt der hauptsächliche Einfluß der letztem deutlich hervor. Wenn also die Abnahme der verhältnißmäßigen Zahl der Ehen und die Zunahme der unehelichen Geburten nicht geradezu auf eine Verschlimmerung der nativnalökonomischen Zustände überhaupt schließen läßt, so deuten doch jene Thatsachen auf eine ungleichere Vertheilung des Einkommens, oder wenigstens darauf hin, daß in der Meinung einer größem Menge Menschen die Bedürfnisse des ehelichen Hausstands in noch höheren Maße als die Mittel ihrer Befriedigung zugenommen haben. Vgl. Quetelet, „Über den Menschen und die Entwicklung seiner Fähigkeiten" (deutsch von Riecke, Stuttg. 1838 ) und Bemoulli, „Handbuch der Populationistik" (Ulm l8-tl). Bewässerung nennt man das Verfahren, wodurch man den an Feuchtigkeit Mangel leidenden Feldern und Wiesen, oder auch um letztere statt des Düngers zu befruchten, aus benachbarten Bächen, Flüssen oder Teichen das zum bessern Gedeihen der darauf stehenden Pflanzen nothwendige Wasser zuführt. Die freie Ausübung der Bewässerung wird durch manches Hinderniß, besonders das große Vorrecht der Mühlen, in vielen Gegenden oft unmöglich oder doch zum Nachtheil der Landwirthschaft sehr eingeschränkt. Die vollkommensten Wässerungsanstalten in Europa findet man bis jetzt in der Lombardei, besonders in den drei Provinzen Mailand, Lodi und Pavia; in Theresienfeld bei Wien aus dem höchsten Punkte einer öden Haidestrecke, auf dem sandigen Gute Sreinbusch in der Neumark und in Hofwyl. Bewegung eines Körpers nennt man die Veränderung seines Orts, Nutze sein Beharren an einem Orte; absosiute Bewegung die Veränderung des absoluten Orts im Raume, ohne allen Bezug auf einen andern Punkt oder Gegenstand, relativeBewegung Bewegung 315 die Ortsveränderung in Beziehung auf irgend einen andern Körper (Veränderung des relativen Orts), woraus sich zugleich ergibt, daß relative Ruhe mit absoluter Bewegung verbunden sein und eine relative Bewegung nur scheinbar sein.kann. Demnach befinden sich z. B. zwei auf der Erde stillstchende Menschen in absoluter Bewegung, weil beide von der Erde durch den Raum fortgetragen werden, aber in relativer Ruhe zueinander, weil ihr Ortsverhältniß dasselbe bleibt. Gleichförmige Bewegung nennt man eine solche, deren Geschwindigkeit sich gleich bleibt, d. h. bei welcher der Körper in-gleichen Zeiten gleiche Raume zurücklegt, wie der Zeiger einer Uhr", ungleichförmige Bewegung eine solche, wo die Geschwindigkeit entweder wächst oder abnimmt; gleichförmig beschleunigte oder verzögerte Bewegung eine solche, wo die Geschwindigkeit in gleichen successiven Zeittheilen immer um gleiche, und ungleichförmig beschleunigte oder verzögerte, wo sie um ungleiche Größen zu- oder abnimmt; einfach nennen wir die Bewegung, wenn sie ihren Ursprung einer einfachen Kraft, zusammengesetzt, wenn sie denselben mehren gleichzeitig wirkenden Kräften verdankt; geradlinig oder krummlinig, je nachdem sie in einer geraden oder krummen Linie vor sich geht. Bei jeder Bewegung kommen hauptsächlich folgende Stücke in Betracht I)Die Ursachen derselben, welche entweder mittelbar oder unmittelbar wirken; 2) die bewegte Masse, oft auch die Last genannt; 3) die Richtung der Bewegung oder Bahn des bewegten Gegenstandes, welche immer durch eine geometrische Linie ausgedrückt wird, weil man entweder einen in Bewegung begriffenen bloßenPunkt betrachtet oder nur den Schwerpunkt des bewegten Körpers ins Auge saßt; ä) der zurückgelcgte Weg; S) die Zeit oder Dauer der Bewegung; 6) die Geschwindigkeit, die sich aus Vergleichung der beiden vorigen ergibt und 7) die Größe der Bewegung, d. h. diejenige Gewalt, welche der bewegte Körper gegen andere ruhende oder bewegte Körper, auf welche er trifft, auszuüben im Stande ist. Von den reinen Verhältnissen der Bewegung handelt die Phoronomie, von den Gesetzen aber, nach welchen Bewegungen durch Kräfte, welche die Ursache jeder Bewegung sind, zu Stande kommen, die Dynamik, welche einen besondern Zweig der Mechanik auSmacht. Ehe man die Mechanik als Wissenschaft kannte, war die Bewegung meist nur ein Gegenstand philosophischer Erörterungen. Man könnte ganze Bände mit den leeren Streitigkeiten füllen, zu welchen dieses Wort in den philosophischen Schulen Gelegenheit gegeben hat. Schon über die Definition desselben konnte man nicht einig werden. Nicht minder haben die Alten die verschiedenen Gattungen der Bewegung abgehandelt, obschon sie nicht einmal die Gesetze der Bewegung eines fallenden Steins kannten. Sie unterschieden wahre und scheinbare, natürliche und unnatürliche, absolute und relative, eigentliche und »»eigentliche, innere und äußere Bewegungen u. s. w. Unnatürlichen Bewegungen sind, z. B. nach Aristoteles, diejenigen, welche auf die Körper des Himmels wirken, daher diese Bewegungen mit denen auf der Erde nichts gemein haben sollen. Andere nicht minder berühmte Philosophen leugneten sogar die Existenz, ja die Möglichkeit aller Bewegung. Erst seit Ealilei's Entdeckung über den Fall der Körper ward die Lehre von der Bewegung und den sie hervorbringenden Kräften eine auf Mathematik gebaute Wissenschaft, welche Newton durch seine Theorie der Gravitation (s. d.), Euler, Laplace u. A. ausgcbildet haben. Als Parteiname ist der Ausdruck Bewegung jetzt seltener in Gebrauch als in der ersten Zeit nach der Julirevolution. Die Sache selbst hat indeß noch immer ihre Bedeutung. Die Bewegung steht eigentlich nicht der Neaction (s. d.) entgegen; denn diese will mehr als Stillstand, sie will ein Zurücksühren früherer Zustände und ist ebenso tadelns- werth, wenn sie das Unzweckmäßige restauriren will, als gehaßt, wenn sie geschätzte Errun- genschaftcn der Zeit zu vernichten trachtet. Ihr steht alsdann auch das erhaltende Princip entgegen und ihr dircctcster Gegensatz ist der Fortschritt. Aber allerdings zeigt sich die Tendenz, die man als reactionair bezeichnet, in der Regel zunächst in der Erhaltung bestehender Zustande, aber nur derer, die ihren weitern Planen gemäß sind. Kein Volk steht jemals gänzlich still, wenn auch das Fortschreitcn oft sehr langsam ist; am langsamsten meist in denZeiten der ersten Kindheit, während, sobald einmal die Bewegung in rascher» Zug kommt, dieselbe in auffälligem Grade einzutreten pflegt. In der neuern Zeit ist die Bewegung, schon durch die so ungemein vermehrten Mittel der Communication, unendlich rascher und wichtiger geworden, Wer den Zustand der Welt, wie er in dem Deeennium vor der franz. Revolution 316 Beweis ^ war, mit dem gegenwärtigen vergleicht, wird sich nicht vccbcr'gcn können, daß in den meistert l Ländern Europas in Gesinnungen und Meinungen eine viel größere Veränderung vorge- ^ I gangen ist, als vielleicht in den nächstvorhergehendcn zwei Jahrhunderten zusammcnge- ! nommen. Eine nichtsscheuende Willkür, wie sic vor l 7 80 in Verwaltung und Rechtspflege > selbst gebildeter und von wohlwollenden Regenten beherrschter Länder vorkam, solche Ca- i binetsjustiz, solche Greuel bei der Soldatenwerbung, solche Erpressungen und fiscalische l Listen werden seht, arkch wenn keine Gesetze und keine auf deren Verbürgung gerichtete In- - k stitnte sie verwahrten, ebenso wenig Vorkommen können, wie die Tortur oder die Hexenpro- ^ e cesse. Die Gesinnung und Überzeugung der Machthaber selbst ist hier von der Bewegung > der Zeit mit fortgehoben worden, und darin-liegt allerdings unter allen Bürgschaften die ! sicherste. Diese Änderung in Gesinnung und Ansichten trat schon vor der franz. Rcvo- d lution ein, hat aber erst durch diese ihre rascheste Verbreitung und vollen Nachdruck er- t fahren. Doch wenn wir in den „Memoiren des Ritters von Lang" (2 Bde., Braunschw. i 1842) lesen, was noch in den Zeiten des Rheinbundes und selbst nach dem Befreiungskriege » in Baicrn vorging, so müssen wir eingcstehcn, daß wenig Nachwirkung von jenen große» r Ereignissen dort zu verspüren war und daß, wenn dieseZustände jetzt in der That verschwun- § den sind und in der Art nicht wicderkchren können, den geistigen Bewegungen der neueste» ^ l Zeit, die erst die Ideen, die in der franz. Revolution wirkten, zu wahrer Lebensfähigkeit ^ l durchgcbildet und in solcher eingelebt haben, kein geringes Verdienst zuzusprechcn ist. Still- - stand ist Rückgang, ist Beginn der Fäulniß. Bewegung, nämlich Leben, Krastcntwickelung > muß sein und ebenso das Bewegtsein kür das Allgemeine, der freudige Antheil an allem Eu- > ken und Großen in Zeit und Volk. Dagegen ist auch wieder klar, daß eine nutzlose, siebe» > hafte Unruhe, ein bloßes blindes Durcheinandcrwogcn der Kräfte, wobei nur geändert wirb, i um zu ändern, um Bewegung zu zeigen, nicht Bewegung ist, sondern nur dem oft verderblichen < Toben einer gestörten Maschine, eines Dampfwagens, dessen Räder im Sande wüthen, ' weil sie nicht vorwärts kommen, den Zuckungen eines inKrampf und Fieber verfallenen Org>» j I nismus gleicht. Nicht jcdeBewegung ist heilsam, nicht jeder Fortschritt ein Vorschritt, nicht jede ! erhaltende Thatigkcit reactivnair und nicht jedes Beharren ein Stillstand, vielmehr gerade dieses Beharren oftmals ein Beharren bei der wohlthätigen Bewegung. Hier hängt Alles > von der Beschaffenheit der bewegenden Kräfte, von Geist und Willen und von den Bahne» der Bewegung ab. 1 Beweis heißt im Allgemeinen die Darlegung der Wahrheit oder Unwahrheit einer > Sache aus Gründen, und sein Zweck ist, etwas zur Gewißheit zu bringen. Zm logischen I Sinne ist ein Beweis die Ableitung eines Satzes aus unbezweifelten Gründen in gehöriger l Verknüpfung. Beweise beruhen daher ihrer Form nach auf Schlüssen, deren Prämissen die > Beweisgründe (argumenta) sind. Unter ihnen ist derjenige Satz, -worauf bei dem Beweise > Alles ankommt, der Hauptgrund (nervus probamli). Die Wahrheit eines Beweises beruht > daher auf der Wahrheit der Vordersätze und auf der Nichtigkeit ihrer Verknüpfung mit Dem, ! was bewiesen werden soll, nach logischen Regeln. Auf letztem beruht die Strenge, Präcision > oder Consequcnz des Beweises. Jeder Beweis schreitet eigentsich an den Prämissen zu de» > Schlußsätzen fort und ist insofern synthetisch; sucht man jedoch zu einer schon ausgespro- , ' chencn Behauptung rückwärts die Gründe, so nennt man ihn wol auch analytisch. Gewährtdcr Beweis vollkommene Gewißheit, welche die Möglichkeit des Gegentheils ausschließt, so heißt er apodiktisch; bleibt aber das Ecgentheil noch möglich, soisternurWahrscheinlichkeitsbeweis, wozuJnduction (s. d.) und Analogie (s.d) gehören. In Hinsicht auf die Quelle der Beweisgründe sind die Beweise rationale (» priori), oder empirische (a posteriori), oder endlich gemischte. Die Beweise »priori entstehen, wenn die Überzeugung, welche durch den Beweis hervorgebracht wird, als ein Ergebniß aus der Einsicht in den Zusammenhang allgemeiner Begriffe und Grundsätze betrachtet werden muß; Beweise a posteriori beruhen auf der Erfahrung, mithin auf eigener Wahrnehmung oder Zeugnissen, wohin auch der historische Beweis j gehört. Bei den Beweisen a priori erkennt man nicht blos, daß die Sache wahr ist, sondern auch, warum sie wahr ist; bei den Beweisen » posteriori hingegen fehlt das Warum. Wenn . einBcweis a priori aus bloßen Begriffen geführt wird, so ist er ein dogmatischer (discursiver, i dialektischer oder spekulativer) Beweis. Wird aber der Begriff zugleich für die äußere An- ^ ex ge- ^ ge- :ge rache lN- ! ro- ^ "g die vo- er- >w. ege ic» an- > kcit j lill- >ng ^ öu- ^ -er- ird, hcn en, g-n l jede ade lleS nen iner chen iger die »eise uht cm, sion den pro- der lcißt »eis, Be- ! ! her- ; Be> ! sah- veis t dem icnn iver, An- Beweis 3!7 kchauung construirt, wie z. B. in der Geometrie, so heißt er anschaulich, und sein Resultat anschauliche Gewißheit oder Evidenz, deren zwingende Gewalt aber glcichwol nicht auf der äußern Anschauung, sondern darauf beruht, daß für das Denken die Möglichkeit des Ecgcn- theils abgeschnitten wird. Die Beweise sind ihrer Form nach ferner entweder dirccte oder in- directe. Wenn man nämlich die Wahrheit einer Sache geradezu aus den sie bedingenden Gründen darthut, so ist dies ein dircctcr oder ostcnsivcr Beweis; wenn aber aus der Falschheit des Gcgenthcils auf die Wahrheit des Gegebenen der Schluß gemacht wird, so ist dies ein indirccter oder apagogischcr Beweis. Dieser letzte Beweis kann zwar Gewißheit, aber nicht Begreiflichkeit der Wahrheit hervorbringcn. Daher ist er nur eine Nothhülse. Sein Vorzug aber besteht darin, daß der Widerspruch durch ihn deutlicher cinlcuchtct. In Ansehung des nächsten Zweckes, den man sich bei Beweisen versetzt, werden diese in Beweise all vori- tatem und !> führung ist in den Proceßordnungen bestimmt, am strengsten in Sachsen, wo die Reihe aller einzelnen zur Sprache gekommenen Thatsachen in ein künMches Gebäude einzelner Sähe, deren jeder mit: Wahr, oder: Nichtwahr ansängt (Bewcisartikel), gebracht werden und zugleich dem gegenseitigen Beweise (den vorgctragenen Einreden, und den Gcgcn- gründen gegen die Argumentation des Beweisführers) vorgcbaut werden muß (Elisivartikel, sofern sie die Einreden oder Repliken entkräften); die Gegenpartei aber seht diesem ein ebenso künstliches Gebäude (denGegenbeweis) entgegen, wozu sie der Regel nach berechtigt ist. 3n Preußen ist diese Form viel einfacher, indem der Richter selbst nach Anleitung des «ratuz csuLso die vorgeschlagenen Beweismittel (Urkunden, Augenschein, Zeugen und Begutachtung , ! 318 Bewußtsein durch Sachverständige) benutzt und die Zeugen verhört, ohne daß die Parteien deshalb eigen« Schriften übergeben. Eine geschickte, alles Nöthige und nichts Überflüssiges enthaltende Anlegung des Beweises ist das größte Kunststück des Advocatcn, und selbst kenntnißreiche und geübte Sachwalter scheitern sehr oft an dieser Klippe. Beweismittel sind die schon genannten und die Eideszuschiebung. Gehen sie direct auf die zu erweisende Thatsache, so ist der Beweis ein natürlicher; künstlich nennt man ihn, wenn er nur andere Thatsachen aufstellk, welche zu einem Schluffe aus das eigentliche Beweisthema berechtigen sollen. Da ein Beweis nicht immer vollständig geliefert werden kann, so spricht man von «ollen und halben, weniger und mehr als halben Beweisen, die dann durch Erfüllungseide des Bcweissührcrs ergänzt oder durch Reinigungseide des Gegners weggeräumt werden können. Der Streit über den Beweis, dessen Förmlichkeit, Erheblichkeit, die Zulässigkeit der Beweismittel u. s. w. macht einen eigenen Abschnitt des Proceffes, das Productions- und Ncproduckions- verfahren aus, welches in Preußen ganz hinweggefallen ist. Die Theorie des Beweises ist in dem System des Processes einer der wichtigsten Theile. Mehr dem materiellen oder dem Civil- als dem formellen oder dem Proceßrechte gehört die an streitigen Sätzen sehr reiche Lehre von der Beweis last an. Im Allgemeinen kann man als Regeln hierbei aunehmen, daß, wer eine Thatsache behauptet, aus derselben ein Befugniß ableitet, dieselbe, wenn sie nicht notorisch ist oder in gewissen Fällen, wenn nicht Präsumtionen (s. d.) für dieselbe vor- Händen sind, sie zu beweisen hat, daß aber nur die positive, nicht die negative Behauptung des Beweises bedarf (sKii-mauti incumbit ;,i-nd«tia) ; namentlich von dieser letzten Regel gibt es jedoch verschiedene Ausnahmen. Im Criminalprocesse gestaltet sich die Lehre vom Beweis zum Theil wesentlich anders. Der Anklageproceß (s. d.) nähert sich hierin noch mehr dem Civilproceß; allein im Znquisitionsproceß sind mannichfaltigc Abweichungen. Vor Allem fallen die Fristen und viele der Formalitäten jenes Beweisverfahrens weg. Ein Hauptunterschied findet hier zwischen directcm und künstlichem oder A n z e i g e b e w e i s (s. d.) statt; nächstdcm zwischen dem Anschuldigungs- und Entschuldigungsbewcis. Der letztere ist ohne den erstem nicht denkbar, da die Schuld nie präsumirt wird, er dient daher nur zur Entkräftung des Anschuldigungsbcweises. Schon nach gemeinem deutschen Rechte hat der Richterauch den Entschuldigungsbeweis von Amtswegen zu berücksichtigen; hauptsächlich wird er aber durch die Berthcidigung (s. d.) geführt. Bewußtsein ist nicht sowol ein Wissen um das Sein, denn es kann Vieles im Bewußtsein Vorkommen, dem gleichwol nichts Wirkliches entspricht, als vielmehr der allgemeinste Ausdruck für die innere Wahrnehmung Dessen, was als Bestimmung des geistigen Lebens in uns vorkommt und geschieht. Der ganze Begriff des Bewußtseins beruht überhaupt aus der Unterscheidung zwischen äußerer und innerer Erfahrung, zwischen der Außen- weit, zu der auch der eigene Leib gehört, und dem geistigen Leben. Zn das letztere fallen Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken, Gefühle, Begierden, Lust und Schmerz u. s. w-, und wir sagen deshalb, daß wir alle diese mannichfaltigen und höchst veränderlichen Zustände in unserm Bewußtsein finden. Die Gesammtheit der Art, wie sich dadurch der Mensch im Laufe seines Lebens so oder anders bestimmt findet, bildet sein empirisches Bewußtsein, daher auch die sogenannten Thatsachen des Bewußtseins, d. h. Dasjenige, was jeder factisch in sich findet, bei verschiedenen Individuen, ja bei demselben Individuum in verschiedenen Ge- müthslagen höchst verschieden sind, und es streng genommen gar keine allgemeinen Thatsachen des Bewußtseins gibt. Gleichwol ist der Ausdruck: Ich bin mir einer Empfindung, eines Gefühls, eines Entschlusses u. s. w. bewußt, nicht gleichbedeutend mit dem Ausdrucke: Diese oder jene Vorstellung ist in meinem Bewußtsein. Die ganz gemeine Thatsache des Bergeisens und der Wicdercrinnerung der Vorstellungen, des scheinbaren Verschwindens gewisser Begierden, die dann wieder erweckt werden, und vieles Ähnliche zeigt nämlich, daß das Meiste in uns nur scheinbar verschwunden war, und dann auf gegebene Veranlassung zurückkehrt. Deswegen ist der Mensch sich auch beiweitem nicht immer alles Dessen wirklich bewußt, was in seinem Bewußtsein ist, sondern es beschäftigt uns immer nur ein sehr kleiner Theil Dessen, was wir überhaupt im Laufe des Lebens sinnlich wahrgenommen, gedacht, erfahren, gefühlt und begehrt haben. Je nach der Beschaffenheit und dem Inhalte Dessen, was uns gerade jetzt beschäftigt, sprichtman von sinnlichem, politischem, moralischem, religio- Bexley 319 sem Bewußtsein u. s. w. und verbindet damit zugleich die Rücksicht auf die Beurthcilung und s Werthschätzung der verschiedenen Gegenstände und Verhältnisse, deren wir uns bewußt sind. Überhaupt ist der Zustand irgend eines bestimmten Bewußtseins kein einfacher, sondern ein complicirter psychischer Proceß, der ohne eine Mannichfaltigkeit der Vorstellungen gar nicht zu Stande kommen könnte. Das Bewußtwerden einer Vorstellung, eines Gedankens u. s. w. bezeichnet man auch durch das Wort Apperception, und die ältere Psychologie übertrug diese Apperception einem eigenen inner» Sinne. Dem Begriffe nach verschieden von ^ dem bloßen Bewußtsein, obwol in dem geistigen Leben auf das innigste damit verknüpft ist das Selbstbewußtsein, die Ichheit, d. h. dasjenige Verhältniß des Vorstellenden zu sich selbst, vermöge dessen er sich in allen Zuständen seines geistigen Lebens als einen und densel- i den weiß. Man kann sich daher irgend eines inner« Zustandes bewußt sein, ohne diesen Zustand gerade jetzt als seinen eigenen, sich selbst in diesem Zustande wahrzunehmcn, wie denn jede Vertiefung in die Auffassung eines äußern Gegenstandes oder in eine Gedankenreihe, Leidenschaft u. s. w. das Selbstbewußtsein unterbricht. Der Mensch ist daher weder ursprünglich, noch ununterbrochen sich seiner selbst bewußt. Das Selbstbcwußtsein gleicht vielmehr einem Lichte, welches oft verlischt, aber scheinbar ganz von selbst sich wieder entzündet. Solche Momente der Rückbeziehung Dessen, was im Bewußtsein ist, auf das eigene Ich, nennt man einen Act des Selbstbewußlfeins, und diese Acte des Selbstbewußtseins reprä- sentiren Jedem sein eigenes Ich, insofern er in allen seinen geistigen Zuständen und Tätigkeiten die Identität seiner Persönlichkeit wiedcrfindet. Oft aber erscheint auch die Ichheit gespalten und getrennt in eine Mehrheit; nicht blos in Zuständen des Wahnsinns, sondern auch da, wo der Mensch klagt, sich selbst vergessen zu haben, sich nicht wiedererkennen zu können u. s. w. Diese und ähnliche Phänomene haben in neuerer Zeit zu sehr verwickelten Untersuchungen Veranlassung gegeben. Die ältere Philosophie widmete den Erscheinungen des geistigen Lebens verhältnißmäßig nur wenig Auftnerksamkeit; lange Zeit begnügte man s sich einfach, das Bewußtsein und Selbstbewußtsein alsThatsachen auf sich beruhen zu lassen. Erst seitdem Kant auf die Ichheit unter dem Namen der „transscendentalcn Synthesis der Apperception" als auf die Bedingung der Einyeit und des Zusammenhangs alles Vorstellens und Denkens aufmerksam gemacht hatte, wurde die Aufmerksamkeit der Denker auf jene Phänomene, die geradezu den Mittelpunkt des geistigen Lebens bilden, geschärft. Fichte j legte dem Ich eine absolute Produktivität bei und gründete darauf seinen Idealismus; Her- ' bart dagegen betrachtete das Selbstbcwußtsein als ein Phänomen in der Mitte der übrigen Erscheinungen des geistigen Lebens und wurde durch die Analyse Dessen, was im Begriffe des Ich liegt, auf eine ganz neue und eigenthümliche Theorie des geistigen Lebens geführt. Bexley (Nikolas Vansittart, Lord), Kanzler des Herzogthums Lancaster, geb. l 766 zu London aus einer Familie holländ. Ursprungs, studirte zu Westminster, dann die Rechte zu Orford. Durch sein Vermögen unabhängig, ward er 1796 in das Parlament gewählt, wo er im Finanzfache außerordentliche Kenntnisse zeigte. Seine strenge Rechtlichkeit bewies er als Secretair der Schatzkammer seit l86l und als erster Sccretair von Irland seit 1805; doch legte er beide Stellen bald nieder. Bei der Bildung eines neuen Ministeriums nach Pitt's Tode im I. 1806 ward er unter Lord Grenville abermals zum Secretair der Schatzkammer ernannt und unmittelbar nach Percival's Tode zu der Stelle eines Kanzlers der Schatzkammer berufen. Sein Bericht über die Lage der brit. Finanzen, den er im März l 813 dem Unterhause erstattete, zeigte den günstigen Zustand derselben am Ende eines mit ungeheuerm Aufwand geführten Kriegs. Darauf legte er den Entwurf zu der Bildung eines neuen Staatsschuldentilgungsfonds vor, der um so mehr die Zustimmung des Unterhauses erhielt, da er sichere Einkünfte zur Unterhaltung desselben nachwies. Aufseinen ^ Vorschlag ward 1815 der Südscecompagnie das Vorrecht des ausschließenden Handels mit Südamerika abgekauft. Bei dieser Gelegenheit verlangte die Opposition, daß die Regierung , für die Sicherstellung der Freiheit der Hispano-Amerikaner, welche dem Bürgerkriege preisgegeben waren, thätig einschreiten möchte; allein B. antwortete, England habe beiden Thei- len seine Vermittelung angeboten, es dürfe aber keinen Schritt thun, der die völkerrechtliche Treue gegen die span. Negierung verletzen könnte, ungeachtet der freie Handel mit dem span. Amerika Großbritannien große Vortheile darböte. Im Jan. > 823 ward B. an Bathurst's 320 Bey Beza . ^ Stelle Kanzler dcsHerzogthums Lancaster und zum Lord Bcxley erhoben. Auch als Schriftsteller hat er sich durch Abhandlungen über politische und staatswicthschastliche Gegenstände vorkhcilhaft bekannt gemacht. ^ Bey, s- Beg. Beyle (Henri), ein origineller franz. Schriftsteller, der sich besonders durch seine kunst. historischen Schriften bekannt gemacht hat, wurde zu Grenoble 1783 geboren. Sein Baker, der Advocat am Parlamente war, verschaffte ihm eine Stelle in der Verwaltung der kaiser- I lichen Civilliste. Als Inspektor des kaiserlichen Mobiliars machte er den Feldzug in Deutsch- > land mit und wurde hierauf l 813 Auditeur im Staatsrakhe. Als erklärter Anhänger des Kaisers verlor er während der ersten Nestanration diese Stelle und stellte sich, als Napoleon von Elba zurückgekehrt war, wieder in die Reihen desselben. Schon früher hatte er im Ge- > folge der franz. Heere Italien gesehen, und als ihm nach Napolcon's Fall der Stand der Dinge in Frankreich nicht zusagte, fühlte er sich aufs neue vom Vaterlande der Künste ange- zogcn. Die ersten Früchte seiner Kunststudien waren die „Rettrcs 8„r8ir)dl>" (Par. 1815) und die „Vis de Rr>)dn, blorurt et Aletustsse" (Par. 1817), die er unter dem Namen Born bet herausgab. Sein „Home, Naplss et Rlorence" (Par. 1817; 3. Aust., 1828) ist, abgesehen von einigen Weitschweifigkeiten, die sich in allen seinen Werken finden, eines, der geistreichsten Bücher über Italien. Für sein gediegenstes Werk aber gilt sein „Vis de Rossini" (2 Bde., Par. 1825). Sein „Racine et 8Kallsz>e-rre" (Par. 1823) ist eine interessante Skizze, die besonders von der romantischen Schule lebhaft begrüßt wurde. Seine beiden Tragödien „Renci" und „Ra duciiesse de Ralii-rno" (1833) vcrrathen kein großes Talent für diese Kunstgattung; desto mehr Aufsehen erregte sein Roman „Ra Ronxe et le idioir" (2 Bde., Par. 1830; 6 Bde., 1831). Von seinen übrigen Schriften erwähnen wir noch das kleine Werkchen „Del romantismo nelle arti" (Flor. 1810) und „kroiiienude da»s Rome" (Par. 1829). Nach der Julirevolution ward er zum Generalconsul zu Triest ernannt; da ihm aber das vstr. Cabinet seiner Schriften wegen das Exequatur verweigerte, ft t ging er in gleicher Eigenschaft nach Civita-vecchia, wo er im Apr. 1832 starb. Den größten Theil seiner Werke gab er unter dem Namen Stendal heraus, den er aus Achtung für Winckelmann, dessen Geburtsort Stendal in der Mark ist, gewählt haben soll. Beza (Theod.), eigentlich de Beze, unter den Wortführern der reformirten Kirche im 16. Jahrh. nächst Calvin an Geist und Einfluß der ausgezeichnetste, war aus adeligem Geschlecht zu Vczelay in Burgund am 23. Juni 1519 geboren. In Orleans unter Melch. Volmar, einem der Reformation ergebenen deutschen Philologen, wissenschaftlich gebildet und früh mit der alten elastischen Literatur vertraut, wurde er schon 1539 als eleganter lat. Dichter durch muthwillige und witzige Gedichte (Par. 1538), über die er manche bittere Vorwürfe erfuhr, bekannt. Um gleiche Zeit, wo er als Dichter auftrat, ward er Licentiat der Rechte und hierauf durch seine Familie nach Paris gezogen. Von seinem Oheim erhielt er dort die Anwartschaft auf dessen einträgliche Abtei Froidmont und lebte von den Einkünften zweier einträglicher Pfründen und dem Nachlasse eines Bruders ziemlich locker. Seine schön: Gestalt, seincTalente und seine Verbindungen mit den vornehmsten Familien öffneten ihm die glänzendsten Aussichten. Von seinen Ausschweifungen-zog ihn eine 1533 heimlich geschlossene Ehe zurück, und eine schwere Krankheit brachte ihn zu dem Entschlüsse, sich ganz dem Dienste der reformirten Kirche zu widmen. Alle Vortheile seiner Lage zu Paris auf- gebcnd, ging er nach seiner Genesung 1539 mit seiner Frau nach Genf und nahm bald darauf eine Professur der griech. Sprache zu Lausanne an. Während der zehnjährigen Verwaltung dieses Amtes schrieb er ein tragikomisches Drama „Re sacritice d'^draln»»" (Lausanne 1550), das viel Beifall fand, hielt zahlreich besuchte Vorlesungen über den Brief an die Römer und die Briefe Petri, aus denen später seine oft und jedes Mal verbessert heraüsgc- gebene lat. Übersetzung des Neuen Testaments hervorging, vollendete Marot'S ,,'IH»cti,m en vers trsnyais de» psuumes" (Lyon 1563) und erlangte so st w das Vertrauen der refoc- f mitten Schweizer, daß sie ihn 1558 einer Gesandtschaft an vre protestantischen Fürsten Deutschlands bciordneten, deren Fürsprache bei dem franz. Hofe die Befreiung der in Paris verhafteten Reformirten auswirken sollte. Im folgenden Jahre wurde er zu Genf als Prc j biger und bald auch als Professor der Theologie der thätigste Gehülst Calvln's, dem er sich ^ s 't- de ft- !» h. > es -ii >e- s er e- °) cn «) es. ile n> ne leS le )ir äe csi ft ^ cn rir che INI ch. det ak. ere rer er ten Ine !en ich in; nf- ms ng me die I gc- ^ „n ! or- i kn ris iee j sich > Bezeichnung 321 bereits durch mehre Schriften über die Bestrafung der Ketzer durch die Obrigkeit, zur Rechtfertigung der Verbrennung Servet's, und heftige, bis zur Unart satirische Streitschriften über die Prädestinationslehre und das Abendmahl gegen Castellis, Westphal und Heßhuß als treuer Anhänger des calvinischen Lehrbegriffs empfohlen hatte. Sein Talent zum Unterhandeln mit den Großen der Erde nahm die reformirte Kirche nun vielfältig in Anspruch. Bei dem Könige Anton von Navarra zu Nerac vermittelte er Begünstigungen der reformir- ten Franzosen, und nach dessen Verlangen trat er 1561 bei dem Religionsgcspräch zu Poiffy als Sprecher seiner Partei mit einer Kühnheit, Geistesgegenwart und Gewandtheit auf, die ihm die Achtung -es franz. Hofes erwarb. Zn Paris predigte er oft vor der Königin von Navarra, dem Prinzen Conde und in den Vorstädten. Bei dem Colloquium zu St.- Ger- main 1562 sprach er stark gegen die Bilderverehrung, begleitete dann, nach Ausbruch des Bürgerkriegs, den Prinzen Conds als Feldprediger und kam bei dessen Verhaftung zum Admiral Coligny. Nach dem Vertrage von 1563 trat er in Genf wieder in seine Ämter ein, fuhr fort, in theologischen Abhandlungen für die reformirte Kirche zu kämpfen, und galt nach Calvin's Tode 1563, wo er dessen Nachfolger ward, als der erste Theolog dieser Kirche. Er leitete die Synoden der franz. Resormirten zu Röchelte 1571 und zu Nismes 1572, wo er sich Morel's Antrag auf Änderung der Kirchcnzucht widersetzte, ging 1574 in Geschäften des Prinzen Conde an den pfälzischen Hof und maß sich 1586 bei dem Religionsgcspräch zu Mömpelgard mit den würtemb. Theologen, besonders mit Jakob Andrcä. Als 69jähriger Greis noch lebhaft und rüstig, heirathete er 1588 seine zweite Frau und wußte mit gewohnter Kraft der Wahrheit und des Witzes die Angriffe und Verleumdungen zurückzuschlagen, die seine Feinde, besonders die Jesuiten, gegen ihn häuften. Diese sprengten 1597 aus, er sei gestorben und vorher in den Schoos der katholischen Kirche zurückgekehrt. Der Greis widerlegte sie in einem Gedicht voll jugendlichen Feuers und wies die Versuche des heil. Franz von Sales, ihn zu bekehren, sowie die lockenden Anerbietungen des Papstes standhaft zurück. Noch 1600 begrüßte er im genfer Gebiete den König Heinrich IV. und starb am l l.Oct. 1605 an Altersschwäche. Durch entschiedenes Eingehen in die strengen Grundsätze Calvin's, in dessen Geiste er der genfer Kirche kräftig und thätig Vorstand, hatte er sich zum Haupte seiner Partei emporgeschwungen und 40 Jahre das Ansehen eines Patriarchen genossen, ohne dessen Zustimmung kein wichtiger Schritt geschah. Um Einheit, Dauer und Festigkeit in seiner Kirche zu erhalten, opferte er seine eigenen Meinungen den einmal angenommenen Calvin's auf und leistete ihr durch seine vielseitige Gelehrsamkeit, seinen beharrlichen Eifer, seinen gewandten Geist, stine glänzende Beredtsamkeit und selbst durch den Eindruck seiner noch im Altec überlegenen Persönlichkeit die wichtigsten Dienste. Er vertheidigte ihre Lehren mit geübter Kunst, Bestimmtheit und genialem Feuer, oft auch mit unbarmherziger Schärfe und Derbheit. Unter seinen vielen Schriften schätzt man noch jetzt die exegetischen und eine „Geschichte der Rcformirtcn in Frankreich von 1521—63", welche auf gründlichen Forschungen beruht, die aber, da sie ohne Namen erschienen ist, von Vielen nicht für sein Werk erachtet wird. Sein Briefwechsel mit Calvin befindet sich in der Bibliothek zu Gotha. Vgl. Schlosser, „Leben des Theodor de B. und des Pct. Mart. Vermili" (Hcidelb. 1809). Bezeichnung. Die Bezeichnung, d. h. die Darstellung der Größen, ihrer Formen und Verbindungen durch gewisse willkürliche Zeichen und deren Zusammensetzungen, ist durch das ganze Gebiet der Mathematik von der größten Wichtigkeit. Die alten gricch. Mathematiker hatten noch keine Ahnung von der Ausdehnung, in der sie jetzt gebraucht wird. Sie bedienten sich keiner andern Zeichen, als der die Linien andeütenden Buchstaben und der von Diophantus für die unbekannte Größe und die Potenzen eingeführten Zeichen. Die Ausdehnung des Gebiets der Algebra und der Analysis machte nach und nach die Einführung neuer Zeichen nothwendig. Im Allgemeinen sind dreierlei mathematische Zeichen zu unterscheiden, je nachdem sie entweder die Größen selbst oder ihre Formen oder ihre Verbindungen bezeichnen. Die Zeichen der ersten Art find Buchstaben, und zwar in der Regel die des kleinen lat. Alphabets, von denen man die ersten für die bekannten oder unveränderlichen, die letzten für die unbekannten oder veränderlichen Größen braucht. Zu den vorzüglichsten Zeichen der zweiten Art gehören die Zeichen der Potenzen, Wurzeln, Logarithmen, der trigonometrischen Eon». - Lex. Neunte Au fl. ll. 21 322 Bezirks Bialowiczer Haide Functionen, die Ausdrücke für Differentialien, Znlegralicn u. s. w. Zu den Zeichen der dritten Art gehören die Zeichen der bekannten vier Species. Besondere Bezeichnungsarten haben eingeführt Hindcnburg in der Schrift „Über combinatorifchc Analysis und Deriva- tionscalcul" (Lpz. 1803) und Arbogast, „Du calcul Er - sei sick sta > P Vialystock BiaS 323 breit und 112 M. im Umfange, zwischen dem Bug und der Stadt Isla, durchströmt von den ' drei Flüssen Narwa, Narewka und Bialowiczonka, ist nach dem Dorfe Bialowicza genannt. Das Innere der Wildniß bewohnen Auerochsen, Elenthicrc, Baren, Wölfe, Luchse und Eber. UnterKönig August III. von Polen wurden hier glänzende Auerochsenjagden gehalten, an welche noch mitten im Dickicht einObelisk mitJnschrift von 1753 erinnert. Später'ward das Schießen derAuerochsen bei Todesstrafe verboten. Doch veranstaltete am I2.Oct. 1836 i der Generalgouverneur Fürst Dolgorucki eine große Jagd, bei welcher unter großen Ceremo- ' nien ein Auerochs erlegt wurde. Während des poln. Freiheitskampfes sammelten sich hier in den ersten Tagen des Apr. 1831 die Patrioten aus Grodno, weil sie in der Stadt von den Russen zu streng beobachtet wurden, zum Aufstande, brachten ihren Feinden von hier aus - empfindliche Verluste bei und hemmten nicht wenig den Übergang der Russen am Bug. Vgl. Brincken, „ülemoire descriptive sur I» forst impöriale „n tilir.um", die sein Neffe GiuseppeB. vollendete(4 Bde., NomI7l8—34, Fol.). Er starb am 2. März 1729 und erhielt im Dom zu Verona ein Denkmal. Mit der ausgc- breitctsten Gelehrsamkeit verband er Bescheidenheit und die gefälligsten Sitten. Blas, einer der Sieben Weisen, aus Priene in Jonien, lebte zur Zeit des lydischcn Königs Alyattes und seines Sohnes Krösus, um 57«>v.Chr. Er beschäftigte sich mit denöffcnt- lichm Angelegenheiten, wandte seine Gcsctzkenntniß zum Nutzen seiner Freunde an, indem er für sie vor Gericht sprach oder ihre Streitigkeiten als Schiedsrichter schlichtete, und machte von seinen Glücksgütern einen sehr edlen Gebrauch. Da die Niederlage des Krösus und die Eroberung Lydiens durch Cyrus die Ionier sehr beunruhigte, welche einen Angriff des Sic- - gers besorgten, rieth er ihnen, sich mit ihrem Eigenthume cinzuschiffcn und auf Sardinien sich niederzulassen; aber seine Meinung ward nicht befolgt, und nach vergeblichem Widerstande wurden die Ionier von den Feldherren des Cyrus unterjocht. Als die Einwohner von ' Priene, welches Mazarcs belagerte, beschlossen hatten, mit ihren Kostbarkeiten die Stadt zu i 21 * 324 Bibel verlassen, that er gegen einen seiner Mitbürger, der sich wunderte, daß er keine Anstalt zu sei- ner Abreise machte, den oft wiederholten Ausspruch „Omni» men mecum pnrto". Er'blieb in seinem Vaterlande, wo er in einem hohen Alter starb. Seine Landsleute ehrten sein Ee- dächtniß, und seine Sittensprüche oder Gnomen standen lange in hohem Ansehen. Letztere sind gesammelt von Orclli in „Opnscnla Llrnecorum veternm sententinsa et mnrnlis" (Lpz. 1819) und übersetzt in Dilthey's „Fragmente der Sieben Weisen" (Darmst. 1835). Bibel (die) ist der Inbegriff derjenigen Schriften, welche von den Christen als die Urkunden der göttlich geoffenbartcn Religion angesehen und verehrt werden. Nach der -Sprache sowol als nach dem Inhalt sind diese Bücher streng in zwei sehr ungleiche Theile geschieden, in das Alte und in das Neue Testament. Das Alte Testament umfaßt diejenigen Bücher, welche vom jüdischen Volke zu Jesu Zeit für heilig und unter dem Einflüsse des Geistes Gottes geschrieben gehalten wurden. Sie führten zu Jesu Zeit den Namen die Schrift (H die heilige Schrift und nach dem Hauptinhalte das Gesetz und die Propheten. Das Alte Testament ist mit Ausnahme einiger weniger chaldäischer Stücke in der hebr. Sprache geschrieben, die bei den Juden nach dem Exil aufhörte, Volkssprache zu sein und einem durch das Chaldäische und Syrische veränderten Dialekte, dem Aramäischen, Platz machte. Die Bücher des Alten Testaments stammen aus sehr verschiedenen Zeiten, und es leuchtet daher von selbst ein, daß die Vorstellungen, die man in diesen Büchern findet, und der Geist derselben verschieden sein werden. An der Spitze stehen die fünf Bücher Mosis, das Gesetz genannt. In der Gestalt, wie wir diese Bücher Mosis jetzt haben, stammen sie nicht von Moses selbst her. Moses scheint die einzelnen Gesetze, dis er dem Volke gab, sowie andere für den israelitischen Staat wichtige Nachrichten und Bestimmungen aufBlätter derParyrusstaude geschrieben zu haben, die dann zusammengcrollt und in die Bundeslade gelegt wurden. In gleicher Weise fügte man später neue Gesetze und andere wichtige Urkunden dieser Sammlung bei, wie nach Moses das Königsgesetz (5 Mos. 17,14 fg.), später auch die Nachrichten über die Austheilung des Landes unter die zwölf Stämme. Wann aber und von wem diese im heiligen Zelt niedergelegten Rollen gesammelt, zusammengeschrieben und in ihre jetzige Gestalt gebracht worden seien, das läßt sich nicht sicher ermitteln. Vielleicht ist es erst unter der Negierung dcS Königs Josias geschehen, wo man die in Vergessenheit gerathenen mosaischen Gesetze im Tempel wieder auffand. Zu dieser Zeit ist auch das erste Buch Mosis geschrieben und dem Mosaischen Gesetzbuch als Einleitung vorgesetzt worden. Wer das Buch Josua, der Richter, Ruth, die Bücher Samuelis und der Könige geschrieben habe, ist uns ganz unbekannt, denn die Titel zeigen nicht die Verfasser, sondern den Inhalt an. Vermuthlich sind sie von den Priestern, welche damals die einzigen gelehrten und des Schreibens kundigen Personen waren, aber erst spät geschrieben und in den Tempel niedergelegt worden. Die Bücher der Chronik sind Er- cerpte aus andern verlorenen Schriften und erst nach der Rückkehr der Juden aus Babylon geschrieben; ebenso die Bücher Esra, Nchemia und Esther. Von den Propheten lebten Jesajas, Amss, Hoseas, Obadjah, Zephanjah, Micha, Nahum vor dem Exil, Jeremias, Ezechiel, Habakuk im Exil und Haggai, Zacharia, Maleachi und Daniel nach dem Exil. Die Schrift Daniel's ist erst zu den Zeiten der Makkabäer abgefaßt. Der Prophet Jonas ist eine Lehrerzählung und ebenso das aus später Zeit stammende Buch Hiob. Die Psalmen sind eine nach dem Exil veranstaltete Sammlung lyrischer Gesänge aus sehr verschiedener Zeit, von David und andern Dichtern der Nation, auch Tempelgesänge und Festgesänge enthaltend. Die Sprüche Salomo's sind kein von Salomo selbst geschriebenes Buch, sondern ein gegen das Exil lebender Weiser hat die Weisheitssprüche Salomo's gesammelt und die anderer Wehm damit verbunden. Der Prediger Salomo ist erst gegen das Exil geschrieben und sein Verfasser unbekannt. Das Hohelied enthält Lieder der Liebe, die man wol nur darum den Salomonischen Schriften beigefügt hat, weil man sie nicht verloren gehen lassen wollte. Das Hauptarchiv nämlich sowol der Gesetze als der historischen Schriften, der prophetischen Orakel und überhaupt der Literatur war wol der Tempel zu Jerusalem. Als dieser von Nebu- kadnezar geplündert und zerstört wurde, ging Vieles von den dort aufbewahrten Schrift«» verloren. Was aus dem Sturme gerettet worden war, das wurde nach dem Exil, als man Jerusalem und den Tempel wiederherstellte, wahrscheinlich durch Esra gesammelt, unteren» 325 sci- ieb Ze- !ere is" )- die der eile gen des die nd cher lks- hie- escn uns -tzt er Um- Bibel sttz- -setz > :die , igeläst ige- auf- Ei- , die ritel iern, ' eerst > Stylen >Ze- chiel, hrifi hiernach Mid Die i das weisen V-r- Sa- Das Ora- tebu- üftcn man :rei» ander verbunden und mit neuen historischen prophetischen und didaktischen Schriften vermehrt. Von jetzt an verehrte man diese Sammlung von Büchern als heilige Schriften und theilte sic in drei Theile, wie sic noch jetzt in den hebräischen Bibeln stehen: 1) das Gesetz (die fünf Bücher Mosis), 2) die Propheten (das Buch Josua, die Bücher der Richter, Samue- lis und der Könige, Jcsaias, Jeremias, Ezechiel und die zwölf kleinen Propheten) und 3) die Schriften (die Psalmen, Hiob, die Klagelieder, Schriften Salomo's, Bücher der Chronik, Esraj Nehcmia, Esther und Daniel); doch ist in den deutschen Bibeln die Ordnung eine andere. Hiermit war die Sammlung heiliger Schriften bei den Juden geschlossen. Dcnv obgleich nachher noch mehr religiöse Schriften theils in aramäischer, theils in griech. Sprache geschrieben wurden, so nahm man sie doch nicht in die Sammlung heiliger Schriften auf. Da jedoch die in Ägypten sehr zahlreich lebenden Juden sich hauptsächlich der griech. Sprache bedienten, so wurde das Alte Testament für sie ins Griechische übersetzt (die alexandrinische Übersetzung, gewöhnlich die.S-p tu agin ta (s. d.) genannt), und dieser Übersetzung wurden auch andere religiöse Schriften in griech. Sprache beigefügt, als Tobias, Judith, Buch der Weisheit, Jesus Sirach, Baruch, Bücher der Makkabäer u. s. w. Da später die Septuaginta bei den griech. Christen in vollen Gebrauch kam, so nahm man auch diesen Anhang griech. Bücher mit an und rechnete sie unter dem Namen Apokryphen (s. d.) mit zum Alten Testamente. Die Protestanten setzten sie bei der Reformation den hebräisch geschriebenen Büchern nicht gleich. Da jedoch Luther sie in seiner deutschen Bibel auch mit übersetzte, als Bücher, „welche der heiligen Schrift zwar nicht allerdings gleich zu achten, aber doch auch nützlich zu lesen seien", so kamen sie mit in die deutschen Bibeln. Daß die Christen die Bücher des Alten Testaments als die Urkunden der göttlichen Offenbarung vor Christi Zeit ansahen, dazu waren sie durch Christum und die Apostel selbst berechtigt, welche das Älte Testament für die Urkunde der vorchristlichen Offenbarung erklärten, welche der letzten und vollkommenen Offenbarung durch Christum zur Einleitung und Grundlage habe dienen sollen, wie denn auch das Auftreten Christi (des Messias) und seine Schicksale im Alten Testament vorhcrgesagt seien. Da die mosaische Religionsvcrfassung auch ein Bund zwischen Jehovah und Israel (2 Mos. 2-1) genannt und ein »euer durch den Messias zu stiftender Bund(Jerem. 31, 31 fg.) verheißen wurde, so trug man den Ausdruck Bund (ü,«S^--h, in der spätern Latinität durch testsmentum übersetzt) auch auf die Bücher über, und nannte (im 2.Jahrh.) die vorchristlichen Neligionsbücher das Alte Testament, die christlichen aber das Neue Testament. Das Alte Testament muß der Christ kennen und lesen, weil ohne dasselbe das Neue Testament nicht verständlich sein würde, weil in demselben ein unendlich reicher Schatz religiöser Wahrheiten niedergelegt ist, seine Geschichte und seine heiligen Gesänge den religiösen Sinn beleben, besonders aber, weil daraus die Art und Weise erkannt wird, auf welche Gott die religiösen Ideen dem menschlichen Geiste allmälig mitgethcilt, und so erweitert und geläutert, und die Sendung Christi und die Mittheilung der vollkommenen Offenbarung vorbereitet und gegründet hat. Ebendeshalb aber muß cs nur das Religiöse, d. h. das die religiösen Ideen Darstellende sein, worin der Christ das Göttliche im Alten Testamente zu suchen hat, das aber nicht in den erzählten Geschichten und in der dargclcgtcn Anschauung der Welt und der natürlichen Dinge zu suchen ist, worin die Verfasser des Alten Testaments blos der Culturstufe ihrer Zeit gefolgt sind. Was das Neue Testament betrifft, so enthält cS diejenigen Schriften der Evangelisten und Apostel, welche die Christen als die glaubwürdige Quelle der Offenbarung durch Christum ansehen und verehren. Dieses sind jetzt die vier Evangelien, die Apostelgeschichte, die Briefe des Paulus, Petrus, Jakobus, Judas, Johannes, der Brief an die Hebräer und ein prophetisches Buch, die Offenbarung des Johannes, sämmtlich in griech. Sprache, jedoch mit hebraisirender Schreibart, geschrieben. Diese Schriften, nachdem sie gesammelt waren, bekamen den Namen Neues Testament und in Gemeinschaft mit dem Alten Testamente den Namen heilige Schriften oder heilige Schrift, bis endlich im 5. Jahrh. durch den berühmten griech. Kanzclredner Chrysostomus ein anderer Ausdruck üblich wurde. Er nannte die heilige Schrift gewöhnlich r« AMe«, d. i. die Bücher, und so ging der Ausdruck aus dem Griechischen zuerst in das Lateinische über (bibli», dibliorinn) und endlich auch ins Deutsche, zuerst in der Mehrzahl Die Biblien, dann aber und jetzt allgemein in der einfachen Zahl 8 kv. Kl U 326 Bibel Die Bibel. Die ältesten Bücher des Neuen Testaments sind die Briefe des Paulus, der erste Brief des Petrus.und der Brief des Jakobus; daun die Evangelien des Marcus, Matthäus und Lucas nebst der Apostelgeschichte. Später ist das Evangelium des Johannes geschrieben. Die Sammlung dieser Schriften geschah allmälig; zuerst in Klcinasicn, wo man das Evangelium des Lucas und die Paulinischeu Briefe sammelte und zum Vorlesen in den Gemeinden gebraucht haben mag. Zu des Jrcnäus Zeit waren die vier Evangelien schon allgemein anerkannt und in Gebrauch; zu der des Eusebius Zeit, in der ersten Hälfte des'4. Jahrh., wurden der zweite Brief des Petrus, der zweite und dritte des Johannes, der Brief des Jakobus und des Judas, der an die Hebräer und die Offenbarung des Johannes von vielen Gemeinden noch nicht als echte apostolische Schriften anerkannt. Dieses geschah erst im 5. Jahrh., und das Neue Testament enthielt nun alle die Schriften, die sich noch jetzt in demselben befinden. Neuere sorgfältige Untersuchungen haben erwiesen, daß der Brief an die Hebräer nicht von Paulus, sondern von einem christlichen Lehrer in Alexandrien geschrieben und daß der zweite Brief des Petrus, der Brief des Judas und die Offenbarung andere Verfasser gehabt haben mögen. Die gegen das Evangelium des Johannes erhobenen Zweifel haben aber den Glauben an die Echtheit dieser Schrift nicht erschüttern können. Ehe noch die Evangelien geschrieben wurden, gab es schon schriftliche Nachrichten von den Thaten und Lehren Jesu, die verloren gegangen sind, namentlich das Evangelium der Hebräer. Aus diesen, aber auch aus andern Quellen haben Matthäus, Marcus und Lucas geschöpft, wie von Letzterm ausdrücklich gesagt wird, daher sie in so vielen Stücken wörtlich zusammenstimmen. Das Eigenthümliche der drei ersten Evangelien ist, daß sic Christum blos als gottgesaudlen Messias, als Menschen darstellen; die Eigenthümlichkcit des Johannes aber ist, daß er Jesum als das Mensch gewordene Wort (Xö/ox) Gottes, einen göttlichen Geist, der vor dem Anfang der Dinge bei Gott war und die Welt erschaffen habe, beschreibt, eine Vorstellung, welcher auch der Apostel Paulus und der Brief an die Hebräer huldigen. Die Apostelgeschichte des LucaS ist die Fortsetzung seines Evangeliums und in den ersten zwölf Capiteln meist Übersetzung anderer alter geschriebener Nachrichten, erst mit Cap. 13. beginnt die eigene Erzählung des Lucas. Als die einzige glaubhafte Quelle der Geschichte der ersten Christengemeinden ist sie für uns von hohem Werthc. Der Apostel Paulus, ein gelehrter jüdischer Nabbi, hatte Christum nicht persönlich gekannt, und er scheint auch kcins der vier Evangelien gehabt zu haben,.da er nirgend Aussprüche aus ihnen anführt. Er verbreitete das Christenthum besonders in den griech. Städten und focht den großen Grundsatz durch, daß auch die Heiden durch den Messias selig werden sollten, wenn sie das Christcnthum annehmen, d. h. an Christum glauben und sittliche Menschen werden wollten, daß aber dazu die Beobachtung des mosaischen Gesetzes (des Gesetzes Werk) nichts beitrage. Seine aus der jüdischen Theologie entlehnte Beweisführung dieses Satzes, die man nicht in die christliche Theologie hätte ausnehmen sollen, wurde der Hauptbewcis für das Dogma von der Erbsünde und der Rechtfertigung allein durch den Glaube». Die Gesichte und Vorhcrsaguugcn der Offenbarung des Johannes gehören ganz den damals bei den Juden herrschenden Vorstellungen vom Reiche des Messias an und beziehen sich auf Das, was man damals als nahe bevorstehend erwartete, nicht aber auf unsere Zeiten. Unter den Christen stand die Bibel schon früh im höchsten Ansehen, erst das Alte und später auch das Neue Testament. Män lehrte, der Geist Gottes selbst habe diese Bücher geschrieben und die Verfasser hätten blos die Hand dazu geliehen (s. Inspiratio n), daher man die Bibel nach Worten und Inhalt ganz als eine Handschrift Gottes und als die Offenbarung selbst betrachtete. Diese Vorstellung behielten auch die Urheber des Protestantismus bei, und gründeten darauf das entscheidende Ansehen, das sie der Bibel über alle menschliche Bücher beilegten; doch übertrieben sic die Sache insofern, daß sie nicht nur dem eigentlich Religiösen in der Bibel, sondern auch ihren historischen, geographischen, physikalischen, astronomischen, mathematischen und andern zur Religion nicht gehörigen Sätzen gleiche göttliche Autorität bci- maßen. Allein die Bibel selbst widerspricht dieser Vorstellung so sehr, daß man sie bei näherer Prüfung fallen lassen und sich mit dem Satze begnügen mußte, daß die Offenbarung in der Bibel zu finden sei. In der lat. oder abendländ. Kirche war im Mittelalter nicht nur der hebr., sondern auch der griech. Grundtext der Bibel unbekannt geworden und nur die alte lat. Ubcc- c s - l d 8 a Z > t. 6 st 3 l 8 d st Z » ir 3 6 3 st ü c> a d. b li st L n g 2 li d a d> l ck i h ! L ! b ? sl d g i b 1 i 327 Bibel sehung der Bibel, die Vulgata (s. d.) genannt, in Gebrauch, daher man auch alte Schriftbeweise aus der Vulgata entlehnte. Um diese Beweise nicht gegen die Protestanten, welche den Grundtext brauchten, zu verlieren, bestimmte daher die röm. Kirche, daß der Text der Vulgata allein Gültigkeit haben, und daß alle Beweisstellen aus ihm genommen werden, auch alle Bibelübersetzungen in die deutsche Sprache mit der Vulgata übcrcinstimmen sollten. DcrPapst misbilligt daher und verbietet alle Bibelübersetzungen, die nicht hiernach eingerichtet und von ihm approbirt sind. Den Protestanten mußte dagegen Alles daran liegen, den Grundtcxt richtig festzustcllen und ihn richtig zu erklären. Es geschah aber dafür lange Zeit sehr wenig. Die richtigen Grundsätze der Auslegung wurden erst spät und zuerst um die Mitte des vorigen Jahrh. durch den elastischen „lutereres" von Joh. Aug. Ernesti festgestellt. Für den hebr. Text des Alten Testaments wurde die Ausgabe von Athias (Amst. 1661) die Quelle der folgenden Ausgaben. Für die Berichtigung des hebr. Textes ist aus Handschriften nicht viel zu thun, weil sie alle zu jung sind ^dagegen haben die alten Übersetzungen (die Septuaginta, Vulgata, die arab. und die chald. Übersetzung) desto größeres Gewicht. Die meisten Vocale und die Accente sind später» Ursprungs, und noch jünger ist die Einteilung in Capitel und Verse, die man erst aus der Vulgata auf den hebr. Text übertrug. Das griech. Neue Testament erschien zuerst im Druck in der Complutensifchcn Polyglotte, dann von Erasmus 15 l 6 und hierauf von Robert Stephanus, dessen Ausgabe den gemeinen Text des Neuen Testaments bildete, der aber noch sehr mangelhaft war, daher man ihn später aus Handschriften vielfach hat berichtigen müssen, wobei sich Wetstein, Bengel, Matthiä, Griesbach, Scholz, Lachmann u. A. besonderes Verdienst erworben haben. Die Eintheilung des Neuen Testaments in Verse findet sich, erst in der Ausgabe des Stephanus von 1551, ist aber sehr mangelhaft. Was endlich die Übersetzungen der Bibel in die deutsche Sprache betrifft, so erschien die erste, aus der Vulgata gemachte, schon im Z. I486 zu Strasburg in Druck, welcher hernach noch einige andere folgten. Sie alle wurden unendlich weit übcrtroffcn von der ' Übersetzung Luther's, der zuerst im Jahre 1522 das Neue Testament und im I. 1531 zum ! ersten Male die ganze Bibel deutsch hcrausgab, und im 1.1541 eine revidirte Ausgabe veranstaltete. Luther hatte an diese Übersetzung die schönste Kraft seines Lebens gesetzt und dabei den tiefgelchrten Phil. Melanchthon zum thätigsten Gchülfen. Seine Übersetzung fand bei den Protestanten Deutschlands so allgemeinen Beifall, daß sie ganz ausschließlich in kirch-. lichen Gebrauch kam und cs noch ist. Sic verdient diesen Beifall vollkommen, denn sie war für ihreZeit ein Meisterwerk. Doch ist sie nicht vollkommen und konnte es nicht sein, denn zu Luther's Zeit war die Kenntniß des Hebräischen noch in der Kindheit, und man mußte sich mehr an die Vulgata und die Septuaginta halten. Es war auch der besondere griech. Sprachgebrauch des Neuen Testaments damals noch nicht gehörig erforscht, der Text des Neuen Testaments noch nicht gehörig berichtigt und die Auslegung noch nicht aus feste wissenschaftliche Grundsätze zurückgeführt. Luther hat daher auch im Neuen Testament, besonders in den Briefen, an nicht wenigen Stellen den Sinn verfehlt und ließ sich, was bei dem frühem alleinigen Gebrauch der Vulgata unvermeidlich war, noch zu oft von der Vulgata und vom dogmatischen System leiten. Die übertriebene Verehrung der lutherischen Bibel, nach wel- i cher man die lutherische Übersetzung dem Grundtext gleichstellt, ist daher unstatthaft, und man ! hat vielmehr die von Luther gemachten Fehler unumwunden anzucrkennen. Es war darum ! auch nicht zu tadeln, sondern nur zu loben, daß neuere Schriftforscher neue Übersetzungen ver» ! anstalteten, unter denen die von Seiler, Michaelis, Stolz, Thieß, Augnsti und de Wette ! besonders genannt zu werden verdienen, wie denn auch die katholisch-deutschen Bibelüber- ^ setzungen von Dereser und Brentano, und von Karl und Leander van Eß, alles Lob verdienen. Die neueste katholisch-deutsche Übersetzung der Bibel„mit Approbation des heiligen Stuhls", liefert Allioli (s. d.). Die Verehrung der Bibel und die fleißige Betreibung aller auf sie Bezug habender Wissenschaften ist ein besonderer Charakter des Prote- -s stantismus. Die Protestanten haben zuerst alle die Vorkenntniffe, welche man zur Beur- theilung der Bibel haben muß, zu Wissenschaften erhoben (s. Biblische Einleitung), haben sich um die Grammatik und das Verständniß des Hebräischen und Griechischen im ' Neuen Testament ausgezeichnete Verdienste erworben und die gelehrtesten und werthvollsten Erklärungen der Bibel in einer großen Anzahl von Schriften ans Licht treten lassen. 328 Bibelgesellschaften Sie haben sich die größten Verdienste erworben um die rechte Würdigung und den rech. j len Gebrauch der biblischen Schriften sowie um die Vertheidigung der Bibel gegen Spötter , und Feinde. Auch sind sie es, welche durch dieBibelgcscllschaften (s. d.) für die wei- teste Verbreitung der Bibel kräftig wirken. Bibelgesellschaften oder geschlossene Verbindungen zur Verbreitung der Bibel unter allen Nassen und Ständen der Gesellschaften konnten erst nach Erfindung der Buchdruckcr- kunst und nur in der protestantischen Kirche entstehen. Denn wie hätte der Gedanke davon zu einer Zeit aufkommen und um sich greifen können, in der alle Werke des Geistes nur durch Abschreiber vervielfältigt wurden und deshalb nur zu sehr hohen Preisen feil waren, und wie hätte er aus dem Schoose einer Kirche hervorgehen können, die den Grundsatz aufstellte, daß - cs nicht wohlgcthan sei, den Laien die Bibel selbst in die Hände zu geben, und die eine lat. j Übersetzung der Bibel für den Klerus in allen Landen sanctionirt hatte. Erst als es möglich geworden, jedes Buch schnell und mit verhältnismäßig sehr geringen Kosten in vielen Exemplaren herzustellen, erst als di: Reformatoren das Ansehen der Schrift über alle Aussprüche der Päpste, ja selbst der Concilien erhoben und dieselbe gleichzeitig zum Hauptbuch des Volks gemacht hatten, war ein Boden gewonnen, aus dem Bibelgesellschaften emporwachsen, in dem dieselben gedeihen konnten. Indessen vergingen doch noch Jahrhunderte, bevor sic ins Leben gerufen wurdest. Die Vorstände der Druckereien, welche seit der Mitte des 16. Jahrh. in Deutschland wetteiferten, Luther's Bibelübersetzung zum Gemeingut der Protestanten zu machen, bereiteten ihr Entstehen nur insofern vor, als sie durch ihre Thätigkeit wenigstens die wohlhabendem Bürgerfamilien in den Stand setzten, sich eine Bibel zu beschaffen und so die Sehnsucht nach einem gleichen Besitz auch in weitern Kreisen erweckten und unterhielten. Aber freilich ging Vieles, was sie nach dieser Seite gewirkt hatten, in der Noch, welche der Dreißigjährige Krieg namentlich über das protestantische Deutschland brachte, sowie in der i gleichzeitigen Verknöcherung der protestantischen Dogmatik unter, und cs war der svgenann- ^ tcn pietistischen Schule Vorbehalten, jene Sehnsucht gründlich wieder zu erwecken und zugleich j einen Versuch zu ihrer Befriedigung zu machen. Der Baron Hildcbrand von C a n st e i n (s. d.), j einer der vertrautesten Freunde Spener's, errichtete unter Francke's Mitwirkung in Halle eine Bibclanstalt, deren Zweck ganz allein darauf gerichtet war, die Bibel sowol im Ganzen als ^ einzelne Thcile derselben möglichst wohlfeil herzustcllen und es dadurch auch dem gemeinen Mann möglich zu machen, seine Erbauung unmittelbar daraus zu schöpfen. In dieser Anstalt sind seit ihrer Gründung im I. 1712 bis zum Schluß des I. 18-12 nicht weniger als 2,356988 ganze Bibeln und fast 2 Mill. Neue Testamente gedruckt. Der Absatz hat von Jahr zu Jahr zugenommcn, besonders seitdem die eigentlichen Bibelgesellschaften auch in Deutschland aufgekommen sind. Der erste Verein, der dieses Namens würdig ist und der in allen durch das Christcnthum civilisirten Ländern ähnliche Vereine hervorgcrufcn hat, mit dem sich kein anderer messen kann, mag man auf die Großartigkeit der Mittel und der Wirksamkeit oder auf die Umsicht und Energie seiner Vertreter Hinblicken, ist die Britische ausländische Bibelgcsell- . sch aft (H>6 britisll Link foreign bible socict;) in London. Hierher hatte sich der Prediger l Charles aus Nordwales in der festen Überzeugung gewendet, daß der Ünwissenheit und Roheit des walisischen Volks am besten durch die Bibel gesteuert werden würde; seine lauten. Klagen über die Entsittlichung des Volks, seine wiederholten Vorstellungen, daß diesem trau- rigen Zustande nur durch das Christenthum abgeholfen werden könnte, der sicherste Träger desselben aber die Bibel wäre, und seine dringenden Bitten um Bibeln für seine Waliser fanden bei den zahlreichen Freunden des thätigen Christenthums, namentlich bei den Mitgliedern der seit 1795 bestehenden engl. Missionsgescllschaft Eingang; man vereinigte sich, aber nicht nur für eine Provinz des brit. Reichs, nicht nur für dieses Reich in seinem ganzen Umfang, nein, die Bibel sollte das Bildungsmittel für die Menschheit werden. In diesem ^ Sinne wurde gleich am Stiftungstage, am -l. März 189-1, beschlossen, der Verein wolle sich ^ die Verbreitung der heiligen Schriften thcils in den brit. Landen, theils in andern Ländern, sie möchten christlich, mohammedanisch oder heidnisch sein, als einzigen Zweck versetzen und um denselben desto gewisser zu erfüllen, keinen Dissenter von der Thcilnahme davon ausschließen. Wer den Zweck des Vereins billigte und ihn durch einen bestimmten jährlichen Bibelgesellschaften 023 > Beitrag zu fördern strebte, wurde als Mitglied betrachtet. Solche Frciffnnigkeit zog an. l Die Zahl der Mitglieder vermehrte sich bald so sehr, daß man dem Verein eine vollständige Organisation geben mußte. Man ernannte dazu ein Comitc, thcils aus Laien, theils aus Geistlichen sowol von der bischöflichen Kirche als von den dissentirenden Parteien, und dieses wählte nun einen Präsidenten, 26 Vicepräsidenten, einen Schatzmeister und drei Sccretairc. Dazu wurden Agenten ausgesendet, die in'England und auf dem Continent umhcrreisend die gute Sache fördern sollten. Und Solches ist ihnen in seltener Weise gelungen. Zn den größer» und kleinern Städten Englands entstanden Hülssgesellschaften (^uxidurz' societies), in weniger bevölkerten Orten bildeten sich Nebengesellschaften (Lrsncll socisties), und bald nah- . men alle Elasten der Bevölkerung den lebhaftesten Antheil und traten zu Bibelvereinen zu- > sammen, deren Mitglieder verbunden waren, wöchentlich wenigstens einen Penny beizusteuern. So entstanden hier unter Handwerkern und Seeleuten, dort unter Schulkindern und Frauen Vereine, die wenn sic ihre Beiträge-Sammlungen dem allgemeinen Fonds übersendeten, das Recht in Anspruch nehmen konnten, Bibeln und Neue Testamente um den geringen Preis, wofür sie das Waarenlager liefert, zu erhalten. Die allgemeine Theilnahme bewirkte, daß die Gesellschaft allmälig über sehr bedeutende Fonds gebieten konnte; denn während im ersten Jahre nur gegen 5006 Thlr. cingingen, steigerten sich die jährlichen Einnahmen im Laufe der Zeiten beinahe auf eine Million. So außerordentlich ihre Fonds sind, so großartig ist auch ihre Wirksamkeit. Sie versorgt nicht nur England und dessen Colonien fortdauernd mit engl. Bibeln und Neuen Testamenten, sondern sie hat auch theils die ganze Bibel, theils einzelne Stücke und Bücher daraus in mehr als 200 Sprachen übersetzen lassen und vertreibt diese Übersetzungen fortdauernd mit der größten Umsicht und dem brennendsten Eifer. Von Kalkutta und Madras werden die Völker von Mittel- und Ostasien mit den heiligen in ihre i Mundart übertragenen Schriften, von Smyrna, Malta und andern Depots am Mittcl- , ländischen Meere Vordcrasien, oie Levante und das nördliche Afrika versorgt. Daneben s unterhält sie Agenten fast in allen Theilen der bewohnten Erde, die auf ihre Kosten reisen, ! um die schicklichsten Wege der Bibelverbreitung auszumitteln, geschickte Übersetzer und Handschriften älterer Übersetzungen für ihre Zwecke zu gewinnen. Endlich hat sic sich auch mit den Bibelgesellschaften, die in allen Theilen der civilisirten Erde entstanden, in Verbindung gesetzt und sie namhaft theils mit Geldbeiträgen, thcils durch Überlassung von Lettern, Stereotypplatten und Druckpressen, theils durch Übernahme der Garantie für einen bestimmten Absatz unterstützt. Indessen ist in diesem Verhältnis seit 1825 eine Störung eingetrcten. Man hatte nämlich gleich anfangs den Grundsatz aufgestellt, daß die zu besorgenden Abdrücke der Bibel ohne alle Anmerkungen und Commentar lediglich den Text enthalten und durchaus nichts Menschliches, so nützlich es auch sonst sein möge, mit dem als göttliches Work auf uns gekommenen vermischen und durch Privatmcinungen oder Deutungen irgend einer christlichen Partei Anstoß geben sollten. Allein man hatte doch geraume Zeit wie die Abtheilung in Capitel und Verse selbst, so auch die Überschriften der Capitel und die Anführung von Paral- ! lclstellen geduldet. An beiden hingen namentlich die Protestanten in Deutschland. Es machte > daher schon einen Übeln Eindruck unter ihnen, als von England aus das Verlangen gestellt wurde, fortanBeides in den Bibeln, die unter Mitwirkung der Britischen Bibelgesellschaft gedrucktwurden, ganz wegzulassen. Als aber das Comite dieser Gesellschaft in dem bereits angeführten Jahre auch den Beschluß faßte, fortan nur die kanonischen Bücher der heiligen Schrift mit Ausschluß der Apokryphen vertheilen und den auswärtigen Gesellschaften keine Unterstützungen mehr zugehen zu lassen, wenn sie diesem Beschluß nicht beitreten wollten, da sagten sich viele derselben von der bis dahin mit England bestandenen Verbindung ganz los. Nach dem Beispiele der Britischen Bibelgesellschaft traten überall, wo das Christcnthum herrschend war, ähnliche Vereine zusammen, namentlich in Rußland, Schweden, Norwegen, ^ Dänemark, Deutschland, der Schweiz, Holland und Frankreich; doch können hier nur die allcr- ^ bedeutendsten Gesellschaften dieser Art kurz besprochen werden. Als Rival der Britischen pflegt dieRussischeBibelgesellschaftzu Petersburg genannt zu werden, und in der That verdient sie wenigstens die zweite Stelle. Sie hat die Bibel in 3 l Sprachen und Mundarten der Völker Rußlands drucken lassen und bewirkt, daß auch in den entferntesten Provinzen des unermeßlichen Reichs zu Jrkuzk und Tobolsk, unter den Tscherkesscn und Georgiern Hülfs- 33V Bibelgesellschaften gesellschasten entstanden sind, ja sic hat ihre Sorge sogar über die Grenzen ihres Vaterlands ausgedehnt. Von Odessa aus werden Bibeln in die Levante verbreitet. Nicht minder bc- ? denkend ist die Wirksamkeit der großen Amerikanischen Bibelgesellschaft mit ihren Tochtergesellschaften, deren Zahl sich bereits über 1000 beläuft. Denn obschon dieselbe bei ! ihrer Begründung den Grundsatz ausgestellt hat, nicht eher für das Ausland zu sorge», als bis jede Familie in den Vereinigten Staaten eine Bibel erhalten, und obschon hierdurch ihre Wirksamkeit eine wesentlich andere Richtung bekommen hat, als die der londoner und Petersburger Gesellschaften, so ist doch die Thätigkeit, welche sie für das Inland entwickelt hat, von so großer Bedeutung, daß sie einen ehrenvollen Platz neben der Petersburger Gesellschaft cin- zunchmcn berechtigt ist. Sie druckt Stercotypbibeln für die Tochtergesellschaften zur unent- ! zeitlichen Vcrtheilung unter die Armen und hat seit ihrer Stiftung bereits über eine Million ' Bibeln verbreitet. So wichtig letztere für Nordamerika ist, ebenso wichtig ist für das protestantische Deutschland die Hauptbibelgcscllschaft in Berlin. Sie besteht seit dem 2. Aug. 1814 und sorgt seit dieser Zeit unablässig für die Ausbreitung der heiligen Schrift in und außerhalb des Landes, nach der Übersetzung, die eine jede Confessio» angenommen hat, ohne Note oder Anmerkung. Der Ausschuß, der aus einem Präsidenten, drei oder mehren Vicepräsidentcn, zwölf oder mehren Direktoren, drei Sccretaircn und einem Schatzmeister besteht, ist eifrig bemüht, richtige Nachrichten von den Bedürfnissen der heiligen Schrift in den verschiedene» Provinzen des prcuß. Staats zu erlange» und Zweiggcscllschaf- ten in verschiedenen Thcilcn dcS Landes zu stiften. Das Verhältniß derselben zur Muttcr- gesellschast ist durch besondere Bestimmungen geregelt. Bis zum Schlüsse des I. 184 > hat dieselbe zusammen 6818 34 Bibeln und 405187 Neue Testamente ausgcgcbcn. Neben der preuß. Hauptbibelgcscllschaft sind die bedeutendsten in Deutschland die zu Dresden, Frankfurt am Main, Bremen, Stuttgart, Hamburg und Schleswig. Aber je größer der Eifer war, womit sich gewisse Kreise der Bevölkerung in allen selbst katholischen Ländern, wie in Polen, Ostreich und Baicrn, auch in Frankreich bei dem Werke der Bibclverbrcitung bethciligken, desto weniger fehlte es an Gegnern, die zum Thcil eine sehr starke Neaction hcrvorbrachtcn. Denn als die Übersetzung des Neuen Testaments, welche die Gebrüder van E ß (s. d.), selbst dem katholischen Glauben zugcthan, für ihre Glaubensgenossen angefertigt hatten, durch die Betriebsamkeit der Britischen Bibelgesellschaft in die Hände vieler Katholiken kam, da erschien auf Veranlassung des Erzbischofs von Gnesen t8l6 eine päpstliche Bulle, welche diese Verbreitung als gefährlich untersagte; ja im Östrcichischen wurde 1817 ein Verbot gegen die Bibelgesellschaften überhaupt erlassen, in Folge dessen alle, die bereits in Ungarn und sonst entstanden waren, cingehcn mußten. Wie der katholische Klerus hierdurch seine Furcht vor der Bibel bekundete, so ist auch die Geistlichkeit der gricch. Kirche in Rußland größtenteils gegen die Verbreitung der ncuruss. Bibel, deren Lectüre das Landvolk über Vieles aufklärtc, was ihm nach der Ansicht seiner Priester besser unbekannt bliebe. Ja in dem protestantischen England selbst nahmen zuerst mehre Mitglieder der bischöflichen Kirche an der Bibelgesellschaft Anstoß. Sie misbilligtcn deren Begründung, weil darin alle dissentirendcn religiösen Parteien gleichen Zutritt und gleiches Stimmrecht finden sollten; sie meinten, daß dadurch der in der Hochkirche längst bestehenden Gesellschaft zur Förderung christlicher Erkenntnis Abbruch geschehen würde und fürchteten, wie die katholischen und gricch. Priester, daß Abweichung von der Kirchenlchre und Geringschätzung des cingeführten liturgischen Gebetbuchs die unvermeidliche Folge davon sein müßte. Solche Bedenken fanden in dem ftcien protestantischen Deutschland, wo man überhaupt wenig Sympathie für hierarchische Bestrebungen antrifft, keinen Anklang. Man gründete hier seinen Widerspruch vielmehr auf die Erfahrung, daß das Lesen derBibel im Verhältniß zu den großen Opfern, welche der Wirksamkeit so vieler Bibelgesellschaften gebracht würden, nur einen geringen Nutzen gewährte, ja daß es an sich nicht einmal gut wäre, dem Volke die ganze Bibel in die Hand zu geben, theils weil sich Vieles darin fände, das von dem Ungebildeten entweder gar nicht verstanden würde, oder selbst schädlichen Misverständnissen ausgesetzt wäre, theils weil das Volk überhaupt viel weniger durch das geschriebene, als durch das lebendige Wort gebildet werden müßte. In diesem Sinne wurde der Vorschlag gemacht, lieber für Lehrer und Geistliche, wo dergleichen noch fehlen sollten, oder wo die bereits Angestellten einer Unterstützung bedürften, Bibelverbot 331 Sorgezu tragen. Andere Stimmcn richteten sich mehr gegen die Britische Bibelgesellschaft in» . sonderheit. Sie machten darauf aufmerksam, daß es an sich unmöglich sei, die Bibel in Sprachen zu übersetzen, die noch den Charakter der Roheit vor sich hertrügen und für viele der ' biblischen Hauptbcgriffe nicht einmal ein eytsprcchendes Wort hätten; sie wiesen zum Erweise dieser Behauptung auf einzelne Übersetzungen, welche von jener Gesellschaft ausgcgangen wären, hin und behaupteten endlich geradezu, daß die meisten uncultivirten Völker in den für sie angefertigten Übersetzungen der Bibel wegen der Mangelhaftigkeit derselben gar nicht die Belehrung und den Trost finden könnten, den die civilisirte Welt daraus zu schöpfen im Stande wäre. Allein so gewiß auch die Reaction gegen die Bibelgesellschaften überhaupt und dieBritische insonderheit ihre Wahrheiten hat, ebenso gewiß stehen die Vertreter dieser Gesell- f schäften in ihrem guten Rechte. Der Gedanke, Erkenntniß, Tugend und Frömmigkeit durch die Verbreitung der Bibel im weitesten Kreise zu fördern, verdient hohe Achtung; die Con- sequenz und Energie, womit derselbe ergriffen und durchgeführt wird, erregt Bewunderung, und sollten auch nicht alle Früchte, von denen die eifrigsten Beförderer des großen Werks geträumt und geredet haben, zur Ernte reifen, so bewährt sich doch von Zahr zu Jahr in ausgezeichneter Weise die alte Erfahrung, daß die Bibel ein wirksames Mittel zur Beförderung der Civilisation wilder Völker und zur Verbreitung eines echtchristlichcn Geistes in den Kreisen sei, welche sich bereits zum Evangelium bekennen. ^ Bibelverbot. Ein unter den streitigen Punkten zwischen der röm. - katholischen und der protestantischen Kirche besonders wichtiger Gegenstand, welcher auch tief in das kirchliche Leben eingegriffen hat, war das Bibelverbot Seitens der erstem. Die heilige Schrift wurde vom Anfänge der Kirche an als Grundlage der Kirche und Erkenntnißquelle der Offenbarung geehrt, und es lag niemals im Sinne derselben oder ihrer Vorsteher, den Gebrauch der heiligen Schrift im Volke in irgend einer Weise zu verhindern. Besonders wurde das Vorlesen bibli- > scher Bücher und Stellen in den kirchlichen Versammlungen als ein wesentlicher Thcil dieser ft Zusammenkünfte angesehen. Die Redner der alten Kirche, vor Allen Chrysostomus und ^ Augustinus, haben fortwährend daran erinnert, daß mit dem Anhören der Schrift auch eigenes Lesen und Forschen verbunden sein müsse, und cs stehen die hin und wieder sich findenden Warnungen der Kirchenväter vor Misbrauch der heiligen Schrift durchaus nicht im Widerspruche mit der Anfodecung an Alle, sie zu lesen. Erst die Anmaßung des Klerus und die Hierarchie konnten auf den Gedanken kommen, den Gebrauch der heiligen Schrift im Volke zu beschränken, theils um demselben ein Bildungsmittcl zu entziehen, thcils um es sicherer an die Autorität der Kirche und der Tradition zu fesseln, endlich auch, um dem Klerus selbst hierin einen Vorzug vor dem Volke zu gewähren. Das aber, was man gemeiniglich Bibelv erbot genannt hat, ist in dreierlei Maßregeln hcrvorgetrctcn; eigentliche absolute Bibelverbotc hat es nicht gegeben. Es wurde nämlich zuerst durch Gregor VII. die lat. Sprache als Kirchensprache festgcstellt, und somit auch das Schriftlescn in den Versammlungen nur in dieser Sprache gutgchcißen; ferner wurde in Bezug auf die Waldenser zu l Toulouse 1229 und dann gegen Wiclef und dessen Partei das eigene Besitzen und Lesen der j Schrift insoweit untersagt, als es ohne geistliche Aufsicht und Mithülfe geschehe, und endlich ward die anerkannte lat. Bibelübersetzung, die Vulgat« (s. d.), immer entschiedener als kirchlicher Originaltext hervorgehoben. Die trident. Kirchenversammlung, veranlaßt hiervon zu sprechen, wählte absichtlich einen vieldeutigen Ausdruck, indem sie jene Übersetzung die authentische nannte. Aber über das Bibcllesen im Volke hatte sie doch nichts verordnet.' Dieses geschah erst bei der Herausgabe des ersten „luciox Ill>r»r,m> prutnli>u,rmn", sogleich nach dem Concilium. Später wurden die damaligen Bestimmungen, daß der Gebrauch der Bibel dem Ermessen der Bischöfe in allen einzelnen Fällen überlassen bleiben solle, mehr und mehr von Seiten des röm. Stuhls geschärft. Die Herausgabe des Neuen Testaments mit praktischen Anmerkungen durch Paschasius Quesnel gab Anlaß, in der Bulle vi> ixen > - H tus vei Mills (s. d.) 1713 die röm. Grundsätze über den Gebrauch der heiligen Schrift im Volke von neuem bestimmt auszusprechcn. Neue Verordnungen gingen aus von den Päpsten Pius VII., Leo XII. und Pius VIII. Sie blieben dabei sichen, daß es gefährlich sei, dem Volke die Schrift geradezu freizugeben, und daß deshalb keine andern Übersetzungen , der Bibel in die Muttersprache in Umlauf kommen dürsten als solche, welchen eine Aus- 332 Biber Biberich W K legung aus den Kirchenvätern beigegcben sei und die der röm. Stuhl gebilligt habe. Indessen , war und ist weder die Stimme der Theologen in der röm.-katholischen Kirche noch das Volk selbst diesen Bestimmungen jemals günstig gewesen. s Biber ( 6 s« 1 or kiber), ein Säugthier aus der Ordnung der Nager, ausgezeichnet i durch einen platten, schuppigen Schwanz und Schwimmhäute zwischen den Zehen, hat die Größe eines Dachses, eine sehr veränderliche, ochergelbe, rothbraune und sogar schwärzliche Färbung und bewohnt die Ufer großer Flüsse in den gemäßigter« Breiten Nord- ! europas, Nordamerikas und Nordasiens. In Deutschland ist er gegenwärtig sehr selten, ! nur in Anhalt-Dessau wird er gehegt; in England ist er seit Ende des l 3. Jahrh. ausgerottet und selbst in Nordamerika vermöge unablässiger Verfolgung immer seltener geworden. Bekannt ist er durch seinen Kunsttrieb, der freilich ehedem zu den übertriebensten Erzählungen ^ Veranlassung gegeben hat, aber immerhin merkwürdig ist und sich in der gemeinschaftlichen Verfertigung einer Art Damm zeigt, der aus abgebissenen jungen Stämmen weichholzigcr Bäume besteht, mittels zusammengetragener Steine, Lehm u. s. w. verstärkt wird und oben einen Bau aus Reisern und Lehm trägt, der in zwei Stockwercke getheilt zur Wohnung dient. Vgl. Meyerinck, „Beschreibung einer Bibercolonic" in den „Neuen Schriften der Naturfocschenden Gesellschaft zu Berlin" (1827). Werthvoll sind die Biberfelle wegen ihrer Feinheit und Glanz des Grannenhaares und Dichtigkeit des darunter liegenden Wollhaares. i Sie werden theils zu Pelzen, theils zu fcinern Hüten verarbeitet und kommen besonders durch die Hudsonsbay - Compagnie in den Handel, die noch immer jährlich an 70—80000 liefert und die meisten von der Nordwestküste bezieht. Im Handel unterscheidet man viele Sorten. Bibergeil (6astorsum) ist eine eigenthümliche Substanz von sehr starkem Geruch, die bei beiden Geschlechtern des Bibers in der Nähe derZeugungstheile abgcsond ert wird, ein sehr schätzenswerthes Heilmittel abgibt und in zwei Sorten, dem canadischen und den: für besser gehaltenen russischen oder sibirischen, im Handel vorkommt. Biberach, eine Stadt im würtembcrg. Donaukreise von -1500 E. und mit starker Bierbrauerei, seit den Zeiten Kaiser Friedrichs ll. eine freie Reichsstadt, hatte sowol im Dreißigjährigen wiederholt wie im span. Erbfolgekriege viel zu leiden. Am 2. Oct. l 796 erfochten bei B. die unter Moreau nach dem Oberrhein sich zurückzichenden Franzosen über die unter Latour sie verfolgenden Östreicher einen vollständigen Sieg, der den letztem noch viel mehr als 20 Kanonen und 5000 Gefangene gekostet haben würde, wenn Desaixmit seinem Corps,energischer eingegriffen hätte. Am 9. Mai 1800 kam cs bei B. abermals zwischen den Ostreichern unter dem Feldmarschall Kray und den Franzosen unter Saint-Cyr zur Schlacht, die zwar ganz zu Gunsten der Letztem ausfiel, aber im fernem Verlauf keinen Vortheil brachte. Bibörich, ein Marktflecken am Rhein im nassauische» Amte Wiesbaden mit 2700 E-, war bis zum I. 18-10, wo es Wiesbaden weichen mußte, die Residenz des Herzogs von Nassau. Das herzogliche Schloß, dessen Bau im neuftanz. Geschmacke zu Anfang des 18. Jahrh. begonnen und von Karl August von Nassau-Usingen, gest. 1753, vollendet wurde, ist die schönste Fürstenburg am Rhein. In derselben befindet sich auch die Kirche mit der fürstlichen Gruft. In dem großartig angelegten, an das Schloß anstoßenden, sehr umfangreichen Garten, mit einem großen Teiche, herrlichen Lindenalleen und andern Anlagen, ist besonders die auf den Ruinen der alten Burg Mosbach erbaute, alterthümliche Burg merkwürdig, welche viele schätzbare Denkmale der Vorzeit enthält, die aus der aufgehobenen Abtei Ebersbach hierher gebracht wurden. Südöstlich von B-, nach Castell zu, wo sich noch die Spuren eines Römercastells finden, mögen unstreitig Cäsar bei seinem zweiten Zuge gegen die Sueven, und Agrippa, als er gegen die Katten zog, denen er nach Abzug diese Gegend überließ, über den Rhein gegangen sein. Nachdem B. in der Rheinschiffahrtsacte vom I. 1831 die Rechte eines Freihafens zuerkannt worden waren, traf in den folgenden Jahren die nassauische Regierung Anstalten, auch größern Schiffen und Dampfbooten bei B- einen zugänglichen Landungsplatz zu schaffen, zu welchem Behufe sie namentlich auch etwa 300 Schritt oberhalb B.s an der hessen-darmstädtischen Grenze bei der unter naffauischer Landeshoheit stehenden Insel Biberich au eine sogenannte Fangbuhne anlegte, um dem Wasser zwischen der Biberichau und der hessen-darmstädtischen Insel Pctcrsau mehr Kraft zu geben, Bibiena Bibliographie 333 damit nicht, wie früher, baldige Versandung daselbst wieder eintrete. Die hessen-darmstädtische Regierung machte gegen dieses Unternehmen, weil aus der Ablenkung des Strombettes dem Hafen bei Mainz Nachtheile erwüchsen, Vorstellungen, und da diese erfolglos blieben, erschienen am I.März l 841 plötzlich 60 mit Steinen beladene Rhcinschiffe, welche 200 Arbeiter mit sich führten, die in größter Schnelligkeit einen Damm errichteten, durch den das Wasser vom Hafen zu B. wieder abgeleitet und derselbe zum Theil gesperrt wurde. Doch durch Vermittelung des Bundestages mußte schon nach vierzehn Tagen die hessen-darmstädtische Regierung den aufgcführtcn Steindamm wenigstens insoweit wieder hinwegschaffen, daß Dampfboote und größere Schiffe paffiren können. Bibiena (Fernando), Maler und Baumeister, gcb. zu Bologna 1657, ein Sohn des Malers und Architekten Giovanni Maria G alli, der nach seinem Geburtsorte in Toscana Bibiena sich so genannt hatte, zeigte schon als Kind die glücklichsten Anlagen für die Kunst. Carlo Cignani leitete seine Studien, und sein Ruf stieg sehrschnell. ErstamHofe des Herzogs von Parma angestellt, kam er dann an den Hof Karl's VI. nach Wien. Erblindet starb er 1743. In seinen Theatermalereien hat er den fehlerhaften und verworrenen Stil des Borromini u. A. noch weiter getrieben; dennoch sind seine Arbeiten im Ganzen groß und durch geschickte Behandlung der Perspective ausgezeichnet. Seine Compositionenwaren genau und geistreich, die Ausführung fest, sein Colorit ahmte den Stein vortrefflich nach; aber er hatte weder den Reichthum noch die Abwechselung der Tinten eines Pannini, Ser- vandoni u. A. Seine „Vorig opers <0 pro8pettiva" (Fol.) erschienen zu Bologna.—Seine drei Söhne verbreiteten die Kunst des Vaters durch ganz Italien und Deutschland; Anton i o B. wurde seines Vaters Nachfolger am Hofe Kaiser Karl's VI., GiuseppeB., der Herausgeber der „Vrelntetturo ^rospettiva" (1740, Fol.), starb zu Berlin, und Ales» sandroB. ini Dienste des Kurfürsten von der Pfalz. liibüg, pMstsrum, d.i. Armenbibel, heißt das mit einem gleichnamigen Werke des Bonav entura (s. d.) nicht zu verwechselnde Werk, welches, ein vollständig durchgeführ- tes System der biblischen Typik oder Typologie, in 40 oder 50 Tafeln die Hauptbegeben- heicen der Erlösung des Menschengeschlechts durch Christus, in ebenso viel Bildern aus dem Neuen Testament sammt den dazu gehörigen Vorbildern aus dem Alten Testament mit kurzen Erklärungen und Pcophctensprüchen in last -Sprache enthält. Eine Erweiterung desselben sowol in den Bildern, als durch einen ausführlicher« gereimten Text, ist das gleichzeitige „8pecillum Inunonas sslvationis", d. i. Heilsfpiegcl. Beides waren vor der Reformation Hauptleitfäden für die Homiletik, besonders bei den Predigcrmönchen, und ersetzten die Bibel bei armen Geistlichen und Laien, daher sich noch viele, zum Theil prächtige Miniaturhandschristen davon, deren mehre bis ins I3.Jahrh. hinaufgehen, in verschiedenen Sprachen erhalten haben. Diese Bilderreihe wurde in Sculpturen, Wand- und Glasmalereien wiederholt, häufig auch der Gegenstand von Altargemäldcn mit Seitenflügeln daraus hergenommen, daher sie für die Kunst des Mittelalters von großer Wichtigkeit ist. Im 15. Iahrh. war die „Lidlia psupernm" eines der ersten, wo nicht das erste Buch, welches in den Niederlanden und nachher in Deutschland, ganz mit Holztafeln in vielen Ausgaben und so auch typographisch, zuerst von Pfister in Bamberg, gedruckt wurde. Auf den ersten gedruckten Ausgaben des „8pecnluin tium-mae salvationis" beruht ein Hauptbeweis für die angebliche Erfindung der Buchdruckerkunst in Harlem. (S. Costcr.) Bibliographie. Die Bibliographie, auch Bibliognosie odcrBibliologie genannt, hat es mit der innern und äußern Kenntnis der Bücher zu thun und kann dieser doppelten Beziehung gemäß in die reine und die angewandte cingetheilt werden. Als Archiv für die Literaturgeschichte steht sie mit dieser in der engsten Verbindung; ihr Dasein verdankt sie der Buchdruckerkunst und dem dadurch hervorgebrachtcn Aufschwung der Wissenschaft, Literatur und desBüchcrwesens, wodurch sie erst zu einem Bedürfnis geworden ist. Die reine Bibliographie hat es mit den Büchern an sich zu thun; ihr Gründer war Konr. Gesner im . l 6. Zahrh., der sie zugleich in der Ausdehnung auf alle Zeiten, Länder und Wissenschaften behandelte. Seitdem ist sie, weil dies wegen des Ungeheuern Büchcranwuchsesdie Kräfte eines Einzelnen überstieg, meist nur in Werken von beschränktem: Umfange nach einem oder dem andern dieser Gesichtspunkte angcbaut worden. Auch die Behandlungsart ist verschieden, je 364 Bibliographie «achdem die alphabetische, chronologische oder systematische Anordnung gewählt, die Bücher blos einfach, oder kritisch und raisonnirend verzeichnet, auf Vollständigkeit odcraufAuswahl des Besten und Wichtigsten ausgegangen wird. Bibliographien, die den Zweck haben, den Gelehrten mit den vorzüglichsten Büchern seines Fachs bekannt zu machen, auch Literaturen oder Bibliotheken genannt, sind gewöhnlich in systematischer Form abgefaßt. Zu denjenigen Wissenschaften gehörend, deren Wachsthum ebenso sehr durch äußere Begünstigungen als Lurch richtige Grundsätze ihrer Bearbeiter bedingt ist, erkennt die Bibliographie Frankreich als ihr Mutterland an. Wenn hier auf der einen Seite der große Reichthum der täglich wachsenden öffentlichen Bibliotheken, die liberalste Darbietung derselben für den allgemeinen Gebrauch, die bedeutende Anzahl ansehnlicher Privatsammlungcn und ein lebendiger Verkehr mit Büchern aus allen Zeiten und Ländern äußere Begünstigungen seltener Art bieten, so ist es auf der andern Seite der praktische Sinn der Nation, welcher die Leistungen der Bibliographen zu einer angemessenen Befriedigung wesentlicher Bedürfnisse erhebt. So war Brunet's „Nsuuel 6u lidr-tim" das erste gelungene Werk, welches in alphabetischer Form das Kostbarste der Literaturen aller Zeiten und Völker umfaßte, Nenouard's „k'utulo^ne st'im Lmats,ir"der erste Spiegel und gewiß für lange Zeit der einstußreichste Codex dcrfranz. Sammlerrücksichtcn und die „kidlingrapliie ste labrsnce" das erste Muster, wie der jährliche Zuwachs der Literatur am zuverlässigsten verzeichnet werden kann, der nicht minder gelungenen einzelnen Leistungen Peignot's, Petit-Radel's, Barbicr's u. A. zu geschweigcn. Nur eines jener Vortheile kann sich die engl. Bibliographie rühmen, nämlich des Reichthums an öffentlichen und Privatsammlungen. Aber der Gebrauch derselben ist theils sehr beschränkt, theils gar nicht gestattet, und Kleinigkeitskrämerei, Geschmack- und Formlosigkeit, Curiosi- tätensucht und sklavisches Hingebcn an die bizarrcsten bibliomanischen Moden des Tags haben bei den engl. Bibliographen oft zu sehr das Übergewicht gehabt, als daß ihre Thätigkcit eine wahrhaft nützliche hätte werden können, wovon besonders die Werke Dibdin's (s. d.) einen Beweis geben, wenn man sich durch die Pracht ihrer äußern Ausstattung, von der die nur nicht immer am besten gewählten Facsimiles das Schätzbarste sind, nicht blenden läßt. In neuerer Zeit ist jedoch auch hier in die wissenschaftliche Bahn wieder cingclenkt worden'. Wenig unterstützt von öffentlichen, fast ganz entblößt von Privatsammlungcn, haben die deutschen Gelehrten, blos auf das eigentlich wissenschaftliche Vedürfniß hinblickcnd, mit ernster Tätigkeit die Bibliographie zu fördern gesucht. Dankbar erkennt die neuere deutsche Bibliographie Er sch (s. d.) als ihren Vater an, der sie durch das umfassendste Werk seiner Art das „Allgemeine Repertorium der Literatur" (1793 — 1809) und das „Handbuch der deutschen Literatur seit der Mitte des 18. Jahrh." recht eigentlich technisch begründet hat. Vorzüglich reich ist sie an Literaturen einzelner Wissenschaften, und sowol die griech. und lat. Schriftstellerkunde wie die Kenntniß der alten Drucke ist von den Deutschen zuerst angebant worden. Den ersten deutschen Versuch eines allgemeinem bibliographischen Werks lieferte Ebcrt in dem „Allgemeinen bibliographischen Lcxikoit" (2 Bdc., Lpz. 1821—30, -1.). Die ital. Bibliographie ist nicht mehr, was sie zu Mazzucchclli's, Audiffredi's und Tiraboschi's Zeiten war. Auf den öffentlichen Bibliotheken herrscht fast allgemein große Lauigkeit und die Privatsammlungen werden immer seltener. Am meisten haben die Italiener für Provinzialbibliographien geleistet, wieMoreni's „IliblioAraliarngßonsls «lella Tosc-um" (1805), Gam- ba's ,,8erie 0 Bdc., Par. 1837—40); für Deutschland O.A. Schulz's Fortsetzung von Heinsius'„Allgemeinem Bücherlexikon" (Lpz. 1836—38 und 1812 fg., 4.), Ehr. G.Kaiscr's„Vollständiges Bücher- lexikon von 1750—1832 (Lpz. 1834—37) und die „Allgemeine Bibliographie für Deutschland" (Lpz. 1836—42); für Polen Bentkowski's „Polnische Literatur" (Marsch. 1814). Allgemeinere und mehr historische Anleitungen zum Studium der Bibliographie enthalten Bibliomanie 335 Denis' „Einleitung in die Bücherkunde" (2 Bde., Wien 1795, -1.), Hartwell Horne's „lntro- tluctioii to tbe stu6)' ok biblioArspli)" (2 Bde., Land. 1811) und Pcignot's „Victionnsire rsisoime 6e biblioloAis" (3 Bde., Par. 1802 —l). Die angewandte Bibliographie oft vorzugsweise Bibliographie genannt, betrachtet die Bücher nach ihrer formellen Beschaffenheit, ihren Schicksalen und den äußern Bedingungen, die ihren Werth in Bezug auf Neigung und Bedürfniß der Sammler bestimmen. Sie hat ihre Ausbildung vorzüglich in Frankreich und England erhalten, namentlich insofern auch der Bücherluxus und die Bibliomanie ff. d.) daran Thcil haben. Als einzelne Zweige derselben erwähnen wir hier die Kenntniß der alten Drucke, der I neun adeln (s. d.) oder, wenn von elastischen Schriftstellern die Rede ist, eelitiones prine pes, auch die Kenntniß der seltenen Bücher, welche wegen der Zufälligkeiten und des unsicher« Grundes, auf welchen sie beruht, schwieriger ist als man gewöhnlich glaubt, und nur zu leicht in oberflächliches Geschwätz und Willkürlichkeiten ausartet. Mehr entstellt als gefördert haben dieselben Vogt, Gerdes und I. Jak. Bauer; werthvoller ist Clemcnt's nur bis zum Buchstaben I gediehene „Ribliotbecpis cnriense" (9 Bde., Gött. 1750—60, 4.) und F. G. Freytag's „^milscts literuriir" (Lpz. 1750), „Apparat»? literneius" (3 Bde., Lpz. 1752) und „Nachrichten von seltenen und merkwürdigen Büchern" (Bd. I, Gotha 1776). Auch gehört hierher die Kenntniß der anonym und pseudonym erschienenen Schriften. (S. Anony m und Pscudony m.) Bibliomanie, ein aus dem Griechischen gebildetes Wort, entspricht zwar dem deutschen Worte Büchcrsucht, ist aber neuerdings mit einer Nebenidee verbunden worden, welche der Sache ein wo nicht edleres, doch kunstgerechteres Ansehen gibt. Der echte Biblioman kaust nicht ohne Auswahl Alles zusammen, was ihm vor die Hand kömmt, sondern sammelt nach gewissen Rücksichten, legt aber dabei auf außcrwesentliche und zufällige Umstände und Beschaffenheiten der Bücher einen vorzüglichen Werth und läßt sich bei dem Ankäufe mehr durch diese als durch den wissenschaftlichen Gehalt, oder doch wenigstens in gleichem Grade mit letzter,» bestimmen. Diese Rücksichten beziehen sich thcils auf sogenannte Collectionen, theils auf Schicksale und Alter der Bücher, thcils auf das Material derselben. Die Collectionen oder Sammlungen oonBüchern, welche als zusammengehörig betrachtet werden, weil sie einen gewissen, den Bibliomanen wichtigen Gegenstand betreffen, oder in einer gewissen beliebten Manier gearbeitet, oder in einer berühmten Druckerei erschienen sind, haben ver- hältnißmäßig noch den meisten wissenschaftlichen Werth. Dahin gehören Sammlungen von Ausgaben der Bibel, z. B. in der Bibliothek zu Stuttgart, oder einzelner Classikcr, z. B. über Horaz und Cicero auf der Stadtbibliothek zu Leipzig, der Elzevir'schen „Res publieae" (s. Elze vir) in der königlichen Bibliothek zu Dresden, der Ausgaben „in usum vslpbini" (s. D a uphin) und cmn litt,IS viU'iorum, der von der Crusca angeführten Ausgaben ital. Classikcr, der bei Aldus, Comino in Padua rmd Bodoni gedruckten Bücher, der von Maittaire besorgten oder der beiFoulis,Barbou,Brindley,Baskerville und zu Zweibrücken erschienenen Ausgaben der Classikcr u. a. m. Früher am meisten gepflegt, aber jetzt weniger an der Tagesordnung sind Sammlungen von Büchern, welche durch ihre Schicksale merkwürdig sind, wohin seltene insbesondere in der röm. Kirche verbotene (s. Inde x), wegen merkwürdiger Verstümmelungen gesuchte Bücher u. s. w. gehören. An seltenen Büchern waren insbesondere reich die Sammlungen von Engel und Salthcn. Noch immer allgemein gesucht sind die in den frühesten Zeiten der Buchdruckcrkunst erschienenen Bücher, insbesondere die ersten Ausgaben (eckitioses principes) klassischer Schriftsteller. (S. Ineu nabe ln.) Am gewöhnlichsten aber bezieht sich der Luxus der Bibliomanen auf das Material der Bücher. Mit unerhörten Preisen werden oft bezahlt Prachtausgaben, Exemplare mit Miniaturen und schön gemalten Anfangsbuchstaben, Drucke auf Pergament oder Velin (vgl. van Praet's »Iss livres sur Velin 6e li, lül>Iiotl,e<;ue 6u roi" und desselben „Orttttl. 6es 1>ib!iotiie«pies pnblicpies st partioMres") ; ferner Drucke auf Papier in ungebräuchlichen Stoffen, so die „Oeuvres < 1,1 msrguis 6s Villette" (Load. 1786, 10.)', aufvcrschiedenenPapierversuchen, z. B.aufAsbcst- papier(vgl. Bcuckmann's„Historis„uturolisasbesti",Braunschw. 1727, 4.); auffarbigem Papier (in Italien gewöhnlich blau, in Frankreich rosenfarbig, in älter» deutschen Büchern gelb, seltener grün, vgl. Peignot's „Repertoires 6es I,il>Iio>;ri>pI,iss speeiales", Par. 1810); auf großem, d. h. mit sehr, breitem, Rande vcrschc-en Papier, den echte Bibliomanen oft 336 Bibliomanie 7 ^ nach Zollen und Linien bestimmen; sodann Drucke mit Gold, Silber und andern Farben, z. B. die „kosti Kopoleonei" (Par. 1804,4.), ein Ercmplar auf blauem Velinpapier mit goldenen Buchstaben, und die „lllngns 6bnrts" (Lond. Whitaker 1810, Fol.), drei Exem- plare auf purpurfarbenem Pergament mit goldenen Buchstaben; endlich Bücher, deren Text ganz in Kupfer gestochen ist. In Frankreich und England ist auch der Einband ein Gegenstand dieses Luxus geworden. In England sind vorzüglich die Einbände von Deromc und Bozerian geschätzt, in Frankreich die von Charles Lewis und Roger Payne. Überhaupt ward in London in dieser Beziehung eine solche Verschwendung getrieben, daß ein prachtvoller Einband des Macklin'schen Bibelwerks (4 Boe., Fol.) in Saffian 75 Guineen, und Boydell's große Ausgabe des Shakspeare (9 Bde. mit den großen Kpfn.) 132 Pf. St. zu binden kostete. Ost ward selbst der Schnitt des Buchs mit den saubersten Gemälden verziert. Auch noch durch Sonderbarkeiten anderer Art suchte man bisweilen den Einbänden einen eigenthümlichen Werth zu geben; so ließ der Buchhändler Jeffery zu London Fox's „Geschichte Jakob's II." mit Anspielung auf den Namen des Verfassers in Fuchsleder (iox- skin), und der bekannte engl. Biblioman Askew ein Buch sogar in Menschenhaut binden. Die königliche Bibliothek in Dresden besitzt mehre in vergoldetes Messing, und die Schloßbibliothek in Königsberg 20 in Silber gebundene Bücher (gemeiniglich die Silberne Bibliothek genannt), welche mit großen und schön gravirten Goldplatten in der Mitte und auf den Ecken reichlich besetzt sind. Zur äußern Ausschmückung gehört auch die Einfassung der Seiten mit bald einfachen, bald doppelten, mit der Feder gezogenen Linien (exemplsirs regle), gewöhnlich von rother Farbe, eine Sitte, die man schon in frühern Drucken, namentlich in den bei Stephanus erschienenen findet. In den ersten Jahrhunderten der Buchdruckerkunst war in den mit Holzschnitten versehenen Büchern das Ausmalen derselben durch die Briefmaler sehr gewöhnlich; Exemplare mitschwarzen Abdrücken werden jedoch, wenn die Malerei nicht gleichzeitig und von der besten Art ist, vorgezogen. Wie groß indessen auch die Menge der künstlichen Erfindungen, durch welche immer ein Biblioman den andern zu übertreffen suchte, sein mag, so waren sie doch fast alle erschöpft, als man endlich auf den Einfall gerieth, manche Werke durch Hinzufügung von Kupferstichen und Zeichnungen, welche zwar den Text des Buchs erläutern, ursprünglich aber nicht zu demselben gehören, zu bereichern, und so sich auf diese Art einzige Exemplare zu verschaffen. So bot Longman in London eineillustrateil. cop^ von dem sonst ganz gewöhnlichen „Uiogropbical llictioiior)' ns all tbs engravers" von John Strutt (2 Bde., Lond. 1785—86, 4.) aus, welche bis zu 37 Groß-Foliobänden angeschwellt war und nicht weniger als 2000 Pf. St. kosten sollte; auch die königliche Bibliothek in Dresden verwahrt aus früherer Zeit ein ähnliches Exemplar von Buddcus' „Historischem Lexikon". Nicht zu verwechseln mit diesen von Sammlern und Liebhabern erst gebildeten illu- sirirten Exemplaren eines Werks, sind die seitdem üblich gewordenen, sogenannten illn- strirten Ausgaben, die mit in den Text eingedruckten Holzschnitten oder Kupferstichen, nicht sowol als sachlich nothwcndiger Zubehör wie bei eigentlichen Kupfcrwerken, sondern mehr um den Text durch bildliche Ausstattung anschaulicher zu machen, versehen sind. Unter den Versteigerungen, in welchen sich die Ausschweifungen derBibliomanen besonders zeigten, ist die der Bibliothek des Herzogs von Noxburgh zu London im I. 1812 diemerkwürdigste. Alles wurde in derselben mit fast unglaublichen Preisen bezahlt, so namentlich die erste bei Valdarfer 1471 erschienene Ausgabe des Boccaccio mit 2260 Pf. St., und zu ihrem Andenken im folgenden Jahre der bibliomanische Roxburgh-Club gestiftet, dessen Präsident Lord Spencer war, und der sich jährlich am 13. Juli, dem Jahrestage des Verkaufs des Boccaccio , in der St.-Albans-Tavern versammelte. Ihm sind nachgebilde.t der Ballantync- Club in Schottland seit 1823, der Maitland-Clchb in Glasgow seit 1828 und die Sockte «les bibliophiles fran^ais in Paris seit 1820, welche durch die in der Regel nicht in den Buchhandel kommenden Abdrücke alter Druckseltenheiten oder Handschriften, die sie veranstalten, der literarischen Raritätensucht neue Nahrung geben. Unstreitig behaupteten in der Bibliomanie, die ihre erste kunstgemäße Ausbildung gegen das Ende des 17. Jahrh in Holland erhielt, die Engländer einen Rang, den ihnen weder Franzosen noch Jtaliener, und noch weniger die kleine Zahl Sammler im Süden Deutschlands streitig zu machen vermochten. Auch ist es ihr das freilich etwas zweideutige Verdienst, in Dibdin's „kibliomanm ^ Bibliotheken 337 ^ «r Kook-mstlnes«" (Lond. 18 ll) die sonderbarsten Einfälle, auf welche ein reicher S anim- ' ler nur immer gerathen kann, in ein System gebracht zu haben. Nach dem ersten Viertel des gegenwärtigen Jahrh hat indessen diese Manie auch in England ihr Ansehen und ihre Anhänger wieder eingebüßt. Bibliotheken. Die älteste Bibliothek wird fabelhasterweise dcnr ägypt. Könige Osy- mandyas zu Memphis zugeschricben. In Griechenland legte Pisistratus zu Athen zuerst eine Bibliothek an, welche ch'erxes nach Persien abführen, Selcukus Nikanor aber wieder nach Athenzurückbringen ließ. Am berühmtesten war imAltcrthum dicAlexandrinische BibIiothek (s. d.). Nach Rom brachten die ersten Bibliotheken Ämilius Paulus und Lncullus als Kriegsbeute. Die erste öffentliche Bibliothek stiftete Asinius Pollio, zum Theil ^ ebenfalls aus gemachter Beute. Auch Varro, Cicero und Attikus waren im Besitz bedeutender Büchersammluugen. Augustus stiftete zwei Bibliotheken, von denen die eine, weil sie im Tempel des Apollon auf dem Palatinischcn Hügel stand, Uslutiim, die andere, weil sie sich im Porticus der Octavia befand, O-tuviunu hieß. Nero's Brand richtete mehre Bibliotheken zu Grunde. Domitian ließ sie zum Theil wicdcrhcrstcllen; auch Trajan legte eine sehr berühmte Bibliothek an. Publius Victor, der die Stadt im 4. Zahrh. beschrieb, zählt 28 öffentliche Bibliotheken in Nom; außerdem gab cs mehre große Privatbibliotheken. Alle diese Schätze wurden zerstört oder verstreut, theils durch die verwüstende Völkerwanderung, theils durch ! die Bilderstürmer. Im 9. und 11. Jahrh. wurden durch den oström. Kaiser Basilius Ma- cedo und durch die gelehrte Komnenische Kaiscrfamilie mehre Büchcrsammlungen, besonders in den Klöstern auf den Inseln des Archipelagus und auf dem Berge Athvs, angelegt. Die Araber hatten zu Alexandria eine ansehnliche Bibliothek arab. Bücher. Al Mamun ließ auch viele griech. Handschriften aufkaufen und nach Bagdad bringe». Im Occident wurden vorzüglich seit der zweiten Hälfte des 8. Jahrh. auf Karl des Großen Ermunterung Bib- ' liotheken angelegt. In Frankreich war eine der berühmtesten die i» der Abtei St.-Germain- s de-Pres zu Paris; in Deutschland gab cs Bibliotheken zu Fulda, Kvrvei und seit dem l I. Jahrh. zu Hirschau. In Spanien hatten die Araber im l2. Jahrh. 70 öffentliche Bibliotheken, unter denen die zu Cordova 250000 Bdc. enthalten haben soll. Auch in England und Italien wurden mit großem Eifer Büchersammlungen angelegt, namentlich von Richard Aunger- ville, Petrarca, Boccaccio u. A. Nach Erfindung der Buchdruckerkunst konnte dies leichter und mit mindern Kosten geschehen. Nikolaus V. gründete dieVaticanbibliothek, derCardinal Bessarion vermachte seine Bibliothek der Marcuskirche zu Venedig. Vgl. Petit«Radel, „Ueclisrdies sur les bibliotüetjue» ancieiine« vt moclsrn 65 s» 8 gu' ü la t'oncksrion cke In biblio- lböque lVlarsrine" (Par. l8I0). Mit Recht erachten gegenwärtig alle civilisirtcn Staaten die Erwerbung einer bedeutenden Bibliothek als Ehrenpflicht und die Öffentlichkeit und Vcr- mehrung derselben als unerläßlich, daher die statistischen Angaben sich mit jebemJahre ändern. Die größten und berühmtesten Bibliotheken sind die königliche Bibliothek zu Paris (über 800000 gedruckteBde., l 00000 Handschriften und l Mill. historischerDocumente und Acten- stücke), die Hof- und Centralhofbibliothck zu München (über 800000 Bde., 18600 Hand- ! schriften und über l 3000 Jncunabeln), die kaiserliche zu Petersburg (350000 Bücher und 12000 Handschriften), die kaiserliche Hofbibliothek zu Wien (300000 Bücher und 12000 Handschriften) und die Universitätsbibliothek (10400V Bdc.), die zu Göttingen (300000 Bde. und 5000 Handschriften), die königliche zu Dresden (über 300000 Bdc., 182000 Dissertationen und Flugschriften, 2000 Jncunabeln und 2800 Handschriften), die königliche zu Kopenhagen (140000 Bücher und über 3000 Handschriften), die im Escurial (130000 Bde. und viele arab. Handschriften), die königliche zu Berlin (400000 Bde. und 5600 Handschriften), die Universitätsbibliothek zu Prag (100000 Bde. und 4000 Handschriften), die königliche in Stuttgart (200000 Bde., 2500 Jncunabeln unv 1800 Hand- schriften), die königliche zu Bamberg (15000 Bde. und viele Handschriften), die Univer- sitätsbibliothek zu Bonn (70000 Bde. und 230 Handschriften), die Hofbibliothek zu Karlsruhe (80000 Bde. und viele Handschriften), die Hofbibliothck zu Kassel (60000 Bde. und wichtige Handschriften), die königliche Bibliothek zu Erfurt (40000 Bde.), die Universitätsbibliothek zu Erlangen (100000 Bde. und 100 Handschriften), die Stadtbibliothek zw Conv.-Ler. Neunte Aufl. II, 22 .1 338 Vibliothekwissenschaft Frankfurt am Main (80000 Bde.), die Universitätsbibliothek zu Freiburg im Breisgau (80000 Bdc.), die Universitätsbibliothek zu Gießen (gegen 100000 Bde.), die herzogliche Bibliothek zu Gotha (140000 Bdc. und 5000 Handschriften), die Universitätsbibliothek zu Halle (5"000 Bdc.), die Stadlbibliothck zu Hamburg (120000 Bde. und 5000 Handschriften), die Universitätsbibliothek zu Heidelberg (140000 Bde. und viele altdeutsche Handschriften), die zu Jena (60000 Bde.), die zu Innsbruck (40000 Bde.), die zu Kiel (80000 Bde.), die zu Königsberg (60000 Bde.), die zu Leipzig (150000 Bde-, über 1800 Jncunabrln und 2000 Handschriften), und die Stadtbibliothck zu Leipzig (80V00 Bde. und 2000 Handschriften), die Universitätsbibliothek zu Marburg (l 00000 Bde.), die herzogliche Schloßbiblivthek zu Meiningen (40000 Bde.), die Stadtbibliothek zu Nürnberg (50000 Bde. und 800 Handschriften), die herzogliche Bibliothek zu Oldenburg (80000 Bde.), die großherzogliche Bibliothek zu Weimar (140000 Bde.), die herzogliche Bibliothek zu Wolfenbüttel (200000 Bde., 4500 Handschriften) und die Stadtbibliothek zu Zürich (5 5000 Bde. und viele Handschriften); die Vaticanische zu Nom (300000 Bde. und 30000 Handschriften), die Ambrosianische zu Mailand (über 60000 Bücher und >5000 Handschriften), die zu Bologna (150000 Bde. und 9000 Handschriften), die Magliabecchi'sche zu Florenz (100000 Bde. und 8000 Handschriften), die königliche zu Neapel (> 50000 Bde. und viele seltene Handschriften), die Bodlejanische in Oxford (500000 Bde., wie gewöhnlich angegeben wird, und 30000 Handschriften) und die Bibliothek des Britischen Museums zu London (190000 Bücher und gegen 60000 Handschriften). Vgl. Vogel, „Literatur früherer und noch bestehender öffentlicher und Corporationsbibliothcken" (Lpz. 1840); Ebert, „Über öffentliche Bibliotheken" (Freib. 1811), Derselbe, „Geschichte und Beschreibung der königlichen öffentlichen Bibliothek zu Dresden" (Lpz. 1822) ; Wilken, „Geschichte der königlichen Bibliothek zu Berlin" (Berl. 1828); Mosel, „Geschichte der Hofbibliothek zu Wien" (Wien 1834); Jacobs und Ukert, „Merkwürdigkeiten der herzoglichen Bibliothek zu Gotha" (3 Bde., Lpz. 1835—38); Hänel, „Oatulogi librorummsept., gui in biiiliotbecir Oalliae, Helvetia«, Hispaniae, I^isitsniae, Lelgii, Lritanniae ssservantur" (Lpz. 1829, 4.) ; über die ital. Bibliotheken Blunie's „Iter Italicum" (4 Bde., Berl. und Halle 182"— 36) und über die belgischen Voisin's „Documents pour servir u I'bistoirs des bibliotlis- gue» en kel^igne" (Gent 1840) und Namur's noch unbeendigte „üisloire öle» dibllo- tkeguss publlgues üs in Lelgsigue"; im Allgemeinen auch Naumann's „Serapeum" (Lpz. 1840 fg.). Bibliothekwissenschaft nennt man seit Anfang des 1 9. Jahrh. den Inbegriff der. auf feste Grundsätze systematisch gebauten und auf einen obersten Grundsatz zurückgefuyrten, zur zweckmäßigen Einrichtung und Verwaltung einer Bibliothek nothwendigcn Lehrsätze, oder kürzer den Komplex aller zur bibliothekarischen Thätigkeit nothwendigcn Kenntnisse und Fertigkeiten. Der Erste, welcher diesen Namen gebrauchte, war Martin Schrettinger in seinem „Versuch eines vollständigen Lehrbuchs derBibliothckwissenschaft" (4 Hefte, Münch. 1808—29). Es hat seitdem nicht an Gelehrten gefehlt, welche das Vorhandensein einer selbständigen Bibliothekwissenschaft als solcher leugneten und die Summe derjenigen Kenntnisse, welche man von einem Bibliothekar verlangt, auf die Kenntniß der Literatur überhaupt, verbunden mit der Kunst, ein Aggregat von Büchern nach irgend einem Systeme zu ordnen, zurückführen wollten. Vgl. Ebert, „Bildung des Bibliothekars" (2. Aust, Lpz. 1820). Ohne über den einmal nun angenommenen Ausdruck Bibliothekwissenschaft rechten zu wollen, kann man doch behaupten, daß ein guter Literator noch kein guter Bibliothekar ist, wiewol umgekehrt ein guter Bibliothekar ein guter Literator sein soll. Ebenso klar ist es, daß die Bibliotheken als Bewahrerinnen des historischen Theils der Errungenschaft des menschlichen Geistes in dem Reiche der Wissenschaften und Künste Dasselbe sind, was für das lebendige Wissen Universitäten, Akademien, Schulen u. s. w. sind; daß ferner die Bibliotheken in eben dem Grade wichtig geworden sind, als mit der Erweiterung der Wissenschaften und Künste die Masse der Bücher gewachsen, dadurch aber die Anordnung und umsichtige Vermehrung einer Bibliothek ein weit schwierigeres Geschäft als sonst geworden ist; sowie daß die Ansprüche an die Verwalter dieser Speicher der Literatur in einem hohen Grade sich gesteigert haben und daß bei den Bestrebungen, allen diesen An- Bibliothekwissenschaft 339 sprüchcn zu genüge», die bibliothekarische Kunst sich zu einer selbständigen Wissenschaft erhoben hat. Die Bibliothekwisscnschaft oder die Zusammenstellung der theoretischen Sätze und der durch Erfahrung bestätigten Kenntnisse und Regeln, welche jene Wissenschaft des Bibliothekars bilden, läßt sich füglich in zwei Haupttheile eintheilen, deren erster die Einrichtung, der zweite aber die Verwaltung der Bibliotheken betrifft. Da die Einrichtung einer Bibliothek natürlich ein Gebäude, in welchem die Bücher aufbcwahrt werden sollen, voraussetzt, hier aber nicht auf architektonischeTheorie eines Bibliothekgebäudcs eingegangen werden kann, so genügt es, nur im Allgemeinen die Grundsätze anzudeuten, nach welchen es wün- schenswerth ist, Bibliothekgebäude anzulegen. Obgleich der Bibliothekar jetzt meist nach dem vorhandenen Raume sich richten und diesen benutzen muß, so ist es doch künftig wünschens- werth, daß der Architekt eines solchen Baues die Erfahrung des Bibliothekars benutze und nicht diesen zwinge, nach dem vorhandenen Raume und den Cigenthümlichkeiten eines für seinen Hauptzweck eigentlich ganz oder zum Theil unbrauchbaren Gebäudes sich zu richten. Nichtig und erschöpfend hat schon Molbech in seinem „Handbuche der Bibliothekwiffenschaft" darauf hingewiescn, daß eine Bibliothek auf einem Platze erbaut werden müsse, der für die Sicherheit des Gebäudes Gewähr leistet und die Bücher vor Feuchtigkeit schützt, in einer großen und volkreichen Stadt aber zugleich einen leichten und bequemen Eingang gewährt. In der inner» Einrichtung muß die möglichst größte Geräumigkeit mit der möglichst größten Bequemlichkeit vereinigt sein. Es muß nicht blos bei der Anlage des Gebäudes, sondern auch bei seiner ganzen Construction darauf gesehen werdm, daß die Bücher vor allen schädlichen Einwirkungen geschützt werden. Man muß endlich Rücksicht nehmen, daß die in später» Zeiten nothwendige Erweiterung des Gebäudes möglich ist. Vgl. Leopold de la Santa, „Deila costrurione e 6el reFoIsinento >Ii uns publica universale bibliotecs, con la pisnta «limonstrstiva" (Flor. 1816, 4.), welche Schrift jedoch auch des Unpraktischen und Gesuchten viel enthält. Ist es thunlich, so sind große, aneinandcrstoßende Säle, die wo möglich in einer Etage liegen, wünschenswerth; denn in einer durch verschiedene Etagen vertheilten Bibliothek ist der Geschäftsgang sehr erschwert, zumal wenn nicht eine größere Anzahl Beamte angestellt ist. Freilich ist dieser Wunsch in Bezug auf sehr große Bibliotheken schon jetzt nicht immer ausführbar und in spätcrn Jahrhunderten, wo die literarischen Vorrathshäuser sich auffällig vergrößert haben werden, ganz unausführbar. Für die Kostbarkeiten und Seltenheiten der Bibliothek, d. h. für Handschriften, Jncunabcln u. s. w., sind besondere, nach Umständen auch verschließbare und feuerfeste Räume wünschenswerth. Gestattet man dem Publicum, zumal auch dem blos schaulustigen, freien Zutritt in die Bibliothek, so sind der Sicherheit wegen mit Draht überstrickte Thüren an den Repositorien anwendbar. Doch ist es immer besser, wenn man dem großen Publicum den völlig unbeschränkten Zutritt in die Bibliothek nicht gestattet, sollte es auch nur des dadurch in die Bibliothek eingebrachten Staubes wegen sein. Eine wichtige Frage, die in den Bereich der Einrichtung einer Bibliothek gehört, ist die: Wie sollen die Bücher aufgestellt werden? Daß sie nicht völlig so, wie sie in einem systemarischen Literaturwerke geordnet dastehen, aufgestellt werden können, verbietet schon das Format, und da in dieser Beziehung mindestens vier Formate (Folio, Quart, Octav, Duodez, mit Ausschluß des Imperial- und Royalfolio, des Hochquarts und Sedez) zu berücksichtigen sind, so folgt daraus, daß Manches bei der Aufstellung nicht nebeneinander zu stehen kommt, was dem Inhalte nach nebeneinander stehen sollte, und daß es z. B. nicht möglich ist, alle Ausgaben eines Classikcrs nebeneinander aufzustellen. Man hat in jedem Formate, um möglichst das Gleichartige und Zusammengehörige bei Vermehrungen nebeneinander zu bringen, aus manchen Bibliotheken eine Einschaltungsmethode durch Buchstaben neben den Zahlen befolgt, welche von Ebert in der Schrift „Die Bildung des Bibliothekars" dar- gestellt ist Man schaltet die Bücher, welche dem Inhalte nach gleichartig sind, so ein: 13', >3", 13' 13' , u. s. w. bis 13"; ferner 13", 13"', l 3"", I3"°, 13"" u. s. w. bis 13"', sodaß der erste Buchstabe immer der Hauptbuchstabe ist, welchem die übrigen Buchstaben des Alphabets nach und nach bcigcgeben werden können. Wahr ist es, daß man auf diese Weise, ohne mehr als zwei Buchstaben neben der Zahl zu brauchen (denn ein Gebrauch von 22 * 340 Bibliothektvissenschaft mehren kann leicht zu Verwirrung Anlaß geben) auf leichte Weise, z. B. zwischen lg" und >3*25, mithin zwischen >3 und l l nicht weniger als <>25 Bücher cinschaiten kann. Allein auch so muß man die Möglichkeit aufgebcn, Alles unmittelbar zueinander Gebe rige in die strengste systematische Ordnung zu bringen; man wird z. V. ein Buch, das nach >3'gehört, nicht zwischen dieses und >3" setzen können, wenn man nicht noch das grie chische oder sonst ein anderes Alphabet zu Hülfe nehmen will, was zu weit führen würde und doch in vielen Fällen nicht verhindern könnte, daß man sich den Paß endlich vertritt. Es wird durch jene Methode nur immer das Gleichartige möglichst zueinander gestellt. Wollte ma» die Bücher in der strengsten systematischen Neihefolge ausgestellt sehen, so müßte eine Umstellung einzelner Fächer und eine neue Bezeichnung der Bücher von Zeit zu Zeit vorgenvmmc» werden, was aber auf großen Bibliotheken selbst bei möglichst schneller Förderung der Arbeit durch ein zahlreiches Personal doch nur Verwirrungen aller Art hervorbringcn würde. Am besten ist es daher, wenn die Buchstaben so wenig als möglich angewendet werdsn, der Plan jedoch, welcher der Aufstellung der einzelnen wissenschaftlichen Fächer zu Grunde liegt, im eigentlichsten bis in das Kleinste streng geordnet und zergliedert ist, sodafi jedes specielle Fach seine besondere Bezeichnung erhält. Ein solcher, recht brauchbarer Plan ist z. B. mitgetheiit in den „Ansichten und Baurissen der neuen Gebäude für Hamburgs öffentliche Bildungsanstalten, in Verbindung mit dem Plan für die Aufstellung der Stadtbibliothek", von Lehmann und Petcrscn (Hamb. 1810, Bei einer solchen Einrichtung, die im Wesentliche» auch in Göttingen besteht, ist es möglich, die zueinander gehörigen Schriften ohne allzu häufige Anwendung der Buchstaben nahe zueinander zu bringen. Man bezeichnet z. B. ein Hauptfach mit einem großen Cnrsiv-, die Fächer desselben mit großen Quadrat-, die Unrer- abtheilungen mit kleinen Uncialbuchstabcn. Wenn also l das Fach der Geschichte, ^ das specielle Fach der deutschen Geschichte, >> aber darunter die bair. Geschichte bezeichnet, so kann man z. B. Zschvkke's „Bairische Geschichte" bezeichnen durch ! Unter den Schriften, welche sich über die Anordnung der Bibliotheken verbreiten, verdient eine ehrenvolle Erwähnung die von Friedrick, „Kritische Erörterungen zum übereinstimmenden Ordnen und Verzeichnen öffentlicher Bibliotheken" (Lpz. >835). Vgl. auch Constantin, „Oiblcktllee-»»,- mie" (Par. 183!»; deutsch, Lpz. 183») und Naumann's „Serapeum" (Jahrg. 1832). Für die gute Verwaltung einer Bibliothek und die Nutzbarmachung derselben für das Publicum ist ein guter Katalog von höchster Wichtigkeit, und die gute Katalogisirung eins der wichtigsten Geschäfte des Bibliothekars. Drei Kataloge aber sind es, welche eine jede wohleingerichtete Bibliothek besitzen muß, rin Nominal-, ein Real- und ein Standvrtskata- log. Der Nominalkatalog ist für de» currenten Gebrauch in der Bibliothek zum Aufsinden der in derselben vorhandenen Bücher nöthig und gibt die vorhandenen Werke unter den Namen der Verfasser, oder die anonymen Schriften unter einem am meisten hervorstechenden Stichworte des Titels an. Der Realkatalog soll in wissenschaftlicher, systematischer Ordnung die Bücher anführcn und im Wesentliche» dazu dienen, daß Bibliothckbcsucher sich darüber unterrichten können, was in jeder Wissenschaft vorhanden sei. Der Standorts- katalog, welcher kürzer abgefaßt sein kann, während man von dem Nominal-, vorzüglich aber von dem Realkataloge mit Recht verlangt, daß sic die Titel ausführlicher und bei Sammelwerken die einzelnen aufaenommenen Schriften enthalten, soll vorzüglich zum In- ventiren der Bibliothek dienen und gibt ein Bild davon, wie die Bücher in der Bibliothek selbst ausgestellt sind. Wenn der Realkatalog zugleich Standortskatalog ist, wie dies aus manchen Bibliotheken stattfindet, so hat dies freilich immer das Unbequeme, daß man nur die Bücher gleichen Formats wissenschaftlich geordnet findet, und man also, wenn man z. B. Nachsehen will, was in der russ. Geschichte vorhanden ist, genüthigt wird, die Aufzeichnung nach den Formaten, nach denen die Bibliothek aufgestellt ist (Folio, Quart, Octav und Duodez) durchzugehen. Noch ist ein vierter Katalog wenigstens wünschenswcrth, nämlick der Accessionskatalog, welcher die neuen Erwerbungen, wie sie gemacht worden sind, unter Umständen mit hinzugefügren Notizen, z. B. bei kostbaren Acquisitionen unter Bemerkung der Art, wie sie erworben wurden, des Preises u. s. w., in historischer Reihenfolge auf- zeichnet. Ein solcher Katalog bildet das Protokoll für die Geschichte der Bibliothek und » Biblische Alterthumskunde 341 kann einem etwaigen künftigen Beschreibet derselben von wesentlichem Nutzen sein. Bei Bibliotheken, welche viele Pergamcntdrucke, Jncunabeln, Bücher mit interessanten oder seltenen Holzschnitten besitzen, sind besondere Kataloge, in welchen diese Seltenheiten verzeichnet sind, wünschcnswerth, um sie für Liebhaber in einer Übersicht zu haben, doch müssen sie auch in dem Hauptkataloge verzeichnet sein. Ein in das Einzelne eingehender genauer Katalog der Handschriften, dessen Abfassung zu den schwierigsten bibliothekarischen Arbeiten gehört, darf nicht fehlen. Zu einem solchen Kataloge gehört aber, daß er zuerst die äußere, dann die innere Beschaffenheit de: Handschrift beschreibe und endlich angebe, welcher Gebrauch davon bereits gemacht worden sei. Um einen Hauptkatalog so lange als möglich brauchbar zu erhalten, indem der bei der Anlage leer gelassene Raum durch Einschaltung der Accessionen sich füllt, und um die von Zeit zu Zeit nöthig, aber immer kostspieliger wer-, dcnde Abschrift eines Katalogs thunlichst zu vermeiden, ist die Anlegung von Supplementen, wenigstens bei dem Nominalkatalog, anwendbar. Man bat aber, um auch diese zu vermeiden, folgende Methode vorgcschlagen. Man schreibt die Büch-rtitel auf gleich große einzelne Zettel, dicke Blätter aber werden auf der Seite zwischen schmale einzelne Stäbe gelegt, welche durch Schrauben zusammmgehalten sind. Die auf diese Weise zusammengelegten einzelnen Blätter sind dann so gut wie geheftet. Es leuchtet jedoch ein, daß ein solches Verfahren, wenngleich die Einschaltung sehr leicht ist, doch Manches gegen sich hat und daß bei solchen, doch immer nicht festen Katalogen eine Verwirrung leicht denkbar ist. Von der Bibliothekwissenschaft unterscheidet sich die Bibliothekkunde, oder die Wissenschaft, welche sich mit der Geschichte, der einzelnen Bibliotheken beschäftigt, sowie zur Kenntniß alles Dessen anleitet, was die einzelnen Bibliotheken an besonder» Schätzen besitzen. Die Bibliothekkunde ist namentlich auch in neuerer Zeit durch tüchtige Monographien sehr gefördert worden (s. Bibliotheken), und da sie, namentlich was die Handschriften betrifft, die Aufgabe hat, vorzüglich diese Quellen der verschiedenen Wissenschaften nachzuweisen, so ist ihr weiterer Anbau, als der Wissenschaft sehr förderlich, zu wünschen. Eine verdienstliche Zusammenstellung der Literatur bibliothekenbeschrcibender Schriften enthält Vogel's „Literatur früher und noch bestehender europ. öffentlicher und Corporations- bibliothcken" (Lpz. 1840). Biblische Alterthumskuudc oder Archäologie heißt die Wissenschaft, welche die biblischen Alterthümer, die Verfassung, mitten und Gebräuche derjenigen Völker behandelt, unter welchen die biblischen Schriften entstanden, oder auf die sie sich beziehen. Die bürgerlichen Verhältnisse, die gottesdienstlichen Einrichtungen, die Gewohnheiten des häuslichen Lebens, die heiligen Orte, die Trachten und Geräthschaftcn, sowie alle übrige Dinge des äußern Lebens machen den Gegenstand dieser Wissenschaft aus. Die Kenntniß der biblischen Alterthümer ist zur richtigen Schriftauslegung ganz unentbehrlich, da durch sie allein eine große Anzahl Stellen Aufklärung findet. Obschon die Alterthümer des hebr. Volks den vorzüglichsten Theil derselben ausmachen, so muß darin doch auf die stammverwandten semitischen Völkerschaften Rücksicht genommen werden, deren in der Bibel Erwähnung geschieht. Fast allgemein ist es aber Sitte, Das, was über andere Völker zu sagen ist, nur beiläufig an die hebr. Archäologie anzuknüpfen; doch dürfte es viel zweckdienlicher sein, die Archäologie eines jeden Volks einzeln zu betrachten. Die Hauptquellen der biblischen Altcr- thumskunde sind das Alte und Neue Testament, Nebenquellen sind die Bücher des Joscphus „Über jüdische Alterthümer" und „Vom jüdischen Kriege", sowie die des Philo, bei deren Gebrauche aber große Vorsicht nothwcndig ist, damit nicht die Sitten der später» Zeit auf die frühere übergetragen werden; ferner die spätem jüdischen Religionsbücher, der Talmud und die Rabbinen, deren Zuverlässigkeit aber und Reinheit der Angaben ganz besonderer Prüfung zu unterwerfen sind; dann die griech., röm. und arab. Schriftsteller, und endlich die Kunstdenkmäler und die Berichte Reisender. Die früheste Bearbeitung der hebr. Alterthumskunde verdanken wir Thomas Goodwin in der Schrift „iUnses et Xuron s. civiles et ecclesinütici ritus untiquitutum Hebr." (zuerst engl. Orf. I6lü, dann lat. von Reiz, Brem 1679). Unter den später» Bearbeitern dieser Wissenschaft erwähnen wir als die vorzüglichsten Warnekros, „Entwurf der hebr. Alterthümer" (Wenn. >782; 3. Aufl., 1K32); Jahn, „Biblische Archäologie" (5 Bdc., Wien >796—1805); Bauer,„Lehrbuch 342 Biblische Einleitung der hcbr. Alterthümcr" (Lp;. 1797); de Wette, „Lehrbuch der hcbr.-jüdischcn Archäologie" (Lp;. 1813; 2. Aufl., 183») und Desselben „Altcrthümer des israel. Volks" (Bert. 1817) und Rosenmüllcr, „Handbuch der biblischen Alterthumskunde" (Lpz. 1823). Auch in Wi- ner's „Biblischem Nealwörterbuch" (2. Aufl., Lpz. 1833) findet man viele Belehrungen über die biblische Alterthumskunde. Biblische Einleitung heißt die Wissenschaft, welche die Geschichte der einzelnen biblischen Bücher, sowie der ganzen Sammlung kritisch untersucht, weshalb man auch gewöhnlich von einer historisch-kritischen Einleitung spricht. Sie zerfallt ihrer Natur nach in die allgemeine und besondere Einleitung. Während sich jene über den geistigen und literarischen Zustand, über Sprache und Schrift des hcbr. Volks in den verschiedenen Perioden, über die Sammlung, Anordnung und das kirchliche Ansehen der biblischen Bücher als eines abgeschlossenen Ganzen,, des Kanon (s. d.), über die Schicksale des Originaltextes, die Veränderungen desselben und die Mittel ihn in seiner ursprünglichen Gestalt wie- derherzustellen, über die Handschriften, alten Übersetzungen und andere zur Schriftauslegung dienlichen Hülfsmitrcl verbreitet, fallen der besonder« Einleitung die Erörterungen über die Verfasser, die Zeit der Entstehung, die Glaubwürdigkeit oder Authenticität und die Integrität der einzelnen biblischen Bücher, über den Zweck, Inhalt und die besonder» Schick- sale derselben anheim. Schon Augustinus im Anfänge des 5. Jahrh. in seiner „voctrina cbristiana" und Cassiodvrus im ll. Jahrh. in dem Buche „De institutione vil>-lrmn seri- ptnrsrum" gaben etwas einer biblischen Einleitung Ähnliches; treffliche Vorarbeiten zu derselben lieferten im 17. und zu Anfänge des 18. Jahrh. nach dem Vorgänge Hottinger's, Leusden's und Buxtorfs die Engländer Brian Walton in dem ,,^z>z>arat»s liiblicus" (her- ausgegeben von Heidegger, Zür. 1723) und Richard Simon in der „Uistoire crüchiie »I» V. (Par. 1678, 3.), „bli-taire critchne ein texte (ln ldl. 1." (Rotterd. 1 689, 3.) und „Uistoire criticpie ckes versionsil» (Notterd. 1690, 3.). Carpzov in dcr„1ntrocl»c6v »<> lil-ros canomcos V.(Lpz. 1721, 3.) gab der biblischen Einleitung den Namen und die äußere Form. Doch erst durch die freier« Untersuchungen protestantischer Theologen, namentlich Semler's, über die Bibel um die Mitte des 18. Jahrh. bildere sie sich zu ihrer jetzigen Form und dem gegenwärtigen Umfange, obschon man noch immer über die Grenzen derselben verschiedener Meinung ist, indem Einige nicht nur die apokryphischen Bücher, sondern auch alle exegetischen Hülfswissenschaftcn, wie biblische Geschichte, Geographie, Archäologie u. s. w. in den Plan derselben aufnchmen. Nach Eichhorn, der zuerst in der „Einleitung in das A. T." (3 Bde., Lpz. 1780 — 83) und „Einleitung in die apokryphischen Schriften des A. T." (Lpz. 1795) die Bahn brach, haben sich besonders verdient gemacht de Wette durch die „Beiträge zur Einleitung in das A. T." (2 Bde., Berl. 1806—7) und das „Lehrbuch der historisch-kritischen Einleitung in das A. T."(2. Aufl., Berl. 1823); Jahn in der „Einleitung in die göttlichen Bücher des Allen Bundes" (5 Bde. in 2 Thlcn., Wien l 802— 3) ; August! im „Grundriß einer historisch-kritischen Einleitung in das A. T." (Lpz. 1806; 2. Aufl., 1827) und Eescnius in der „Geschichte der hcbr. Sprache und Schrift" (Lpz. 1815; 2. Aufl., 1827). Im Geiste der kirchlichen Orthodoxie sind Hengstcn- bcrg's „Beiträge zur Einleitung ins A. T." (2 Bde., Berl. 1831—36) und Hävernick's „Handbuch der historisch-kritischen Einleitung insA.T." (2 Bde., Erl. 1836—39) geschrieben. Unter den gründlichsten Forschungen in Beziehung auf das Neue Testament zeichnen wir aus Michaelis' „Einleitung in die göttlichen Schriften des Neuen Bundes " (3. Auch, Gött. 1788), Hänlcin's „Handbuch der Einleitung in die Schriften des N. T." (3 Bde.; 2. Aufl., Erl. 1801—9), Schmidt's „Historisch-kritische Einleitung in das N. T."'( 2 Bde., Gieß. 1810), Eichhorn's „Einleitung ins N. T." (2 Bde., Lpz. 1803—10), Hug's „Einleitung in die Schriften des N. T." (2 Bde., Tüb. 1808; 3. Aufl., 1826) und Cred- ncr's „Einleitung in das A. T." (Bd. 1, Halle 1836). Auch zur Einleitung in einzelne " biblische Bücher gibt es sehr viele werthvolle Schriften. Die Einleitung in die Schriften sowol des Alten als des Neuen Testaments verband Bcrtholdt in dem Werke „Historisch- kritische Einleitung in sämmtliche kanonische und apokryphische Schriften des A. und N.T." (6 Bde., Erl. 1812 —19) und de Wette im „Lehrbuchc der historisch-kritischen Einleitung in die Bibel A. und N. T." (Bd. 1 3. Aufl., 1833; Bd. 2, 3. Aufl., 1833). Biblische Geographie Biblische Theologie 343 Biblische Geographie heißt die Wissenschaft, welche sich über die natürliche Beschaffenheit und die Verfassung der Länder verbreitet, die der Schauplatz der heiligen Geschichte, d. h. thcils der Begebenheiten des jüdischen Volks, theils der ersten Begründung und Verbreitung des Christenthumü, gewesen sind. Sie beschreibt Palästina, gibt aber zugleich von den an Palästina grenzenden Ländern und von den Provinzen des röm. Reichs Nachricht, in welche das Chcistcnthum während des apostolischen Zeitalters Eingang fand. Quellen der biblischen Geogravhie sind außer den biblischen Büchern die Schriften des Zosephus, Strabo, Plinius, Ptolemäus, Stephanus von Byzanz, Eusebius, das „On<>- masticon iirbim» et locnnim scripturrie sacr-re", welches Hieronymus aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzte, und mehre geographische und geschichtliche Werke der Araber. Zm cngern Sinne versteht man unter biblischer Geographie auch eine Zusammenstellung der geographischen Bemerkungen, welche sich in den biblischen Büchern finden. Die besten Aufschlüsse über dieselbe geben die Holländer Bachiene in der „Beschreibung von Palästina" (deutsch von Maas, 7 Bde., Lp;. 1766—75) und Hamclsveld in der „Biblischen Geographie" (deutsch von Zänisch, 3 Bde., Hamb. 1793—96), Bellermann in der „Biblischen Geographie" (2. Aust., 3 Bde., Erf. 1804), Röhr's „Palästina" (7. Aust., Zeitz 1835) undRaumer's „Palästina" (2.Aufl., Lpz. 1838), nebst zwei Beilagen (Lpz. 1837 u. 1843). Biblische Geschichte heißt die historische Darstellung der in der Bibel enthaltenen Erzählungen. Sie unterscheidet sich insofern von der Geschichte des hebr. Volks, daß sie zugleich die Urgeschichte der Menschheit, die Geschichte anderer in der Bibel erwähnter Völker und endlich die Geschichte Jesu und der ersten christlichen Zeiten umschließt. Die altern Bearbeiter derselben gaben die biblische Geschichte gewöhnlich als eine trockene Einleitung zur christlichen Kirchengeschichte; andere hoben mehr die praktische Seite derselben hervor und stellten die biblischen Personen als Muster auf, wie das durch Heß in der „Geschichte der Israeliten vor den Zeiten Jesu" (12 Bde., Zür. 1776—88), Niemeyer in der „Charakteristik der Bibel" (5 Bde., Halle 1775—82) und Greiling im „Leben Jesu von Nazareth" (Halle 1813) und in den „Biblische Frauen" (2 Bde., Halle 1814 —15) geschehen ist. Mit Benutzung der anderweitigen Quellen wurde die biblische Geschichte bearbeitet durch Prideaux (2 Bde., Lond. 1716 — 18; deutsch, 2. Aust., Dresd. 1726, 4.), Shuckford (3 Bde., Lond. 1728 — 38; deutsch, 2 Bde., Berl. 1731 — 38, 4.), Lardner (4 Bde., Lond. >764—67, 4.) und T.L.Bauer (2Bde., Nürnb.1800—4). Diese altern Bearbeiter gingen insgcsammt von der Voraussetzung aus, daß der heilige Geist der Verfasser der Bibel sei, und daß daher die Auctoritat aller andern Geschichtsquellen der Bibel nachstehen müsse. Da aber jene Voraussetzung als unstatthaft erkannt worden ist, so ist jetzt eine biblische Geschichte, welche dem Standpunkte der Wissenschaften angemessen sein soll, ein sehr schwieriges Unternehmen, das nicht eher auf befriedigende Weise zu Stande kommen kann, als bis die kritischen Untersuchungen über das Alter, die Verfasser und die Glaubwürdigkeit der einzelnen biblischen Bücher zu festen Resultaten gebracht sein wird. Biblische Theologie, biblisch genannt, um anzudeuten, daß sie von der kirchlich- symbolischen Theologie oder der eigentlichen Dogmatik (s. d.) ganz unabhängig sein soll, ist eine erst im vorigen Jahrh. unter den Protestanten entstandene theologische Wissenschaft, deren Aufgabe darin besteht, dic Ncligionslehre der Bibel aus ihr selbst, und ganz unabhängig von der später» kirchlichen Dogmatik zu entwickeln und darzustellcn. Es war daher ein Mis- brauch des Worts, daß man bisweilen auch die exegetische Prüfung und Behandlung der in der Kirchendogmatik vorkommenden biblischen Beweisstellen biblische Theologie nannte, wieZachariä (5 Bde., 3.Aust., Eött. 1774—86), Hufnagel (2 Bde., Erl. 1785—91) und Ammon (3 Bde., 2. Aust., Erl. 1801—2) gethan haben. Bei den Reformatoren, da diese ihre Dogmatik für den vollkommen richtigen Ausdruck der biblischen Neligionslchre hielten, siel biblische und kirchliche Theologie in Eins zusammen, das seinen Gegensatz nur in der traditionellen Lehre der röm. Kirche hatte. Bei den Fortschritten aber, welche die Kenntniß der alten Sprachen, die Auslegung und die Kritik im vorigen Jahrh- machten, ward es immer offenbarer, daß es einem bedeutenden Theile der kirchlich-symbolischen Dogmatik an einem entscheidenden biblischen Grunde mangele. Man begann daher auch die biblische Theologie als eine von den kirchlichen Dogmen unabhängige zu bearbeiten, was zuerst 344 Bicitre Bichat A. Fr. Büsching in dem „LHitome tlienInFias e solio sscris litsris cancinnatae" (Lemgo 1757) zum großen Anstoß seiner Zeitgenossen versuchte und dem dann W. A. Teller im „Lehrbuch des christlichen Glaubens" (Helmst. 176-1) folgte. Von da an wurde die biblische Theologie, über welche, als Wissenschaft, sich Gabler, Schund, Stein, Steudcl und Fleck aus- sprachen, immer sorgfältiger und von vorgefaßten Meinungen unabhängiger, mehr jedoch im Einzelnen als im Ganzen bearbeitet, weil nach protestantischen Grundsätzen die biblische Theologie die Nichten« der kirchlich-symbolischen sein muß. Die Theologie des Alten Testaments wurde besonders bearbeitet von G. L. Bauer, Nupcrti, Gramberg und nach Hege!', scheu Principien von Vatke („Die Religion des Alten Testaments", Berl. >835) und Bruno Bauer („Die Religion des Alten Testaments", 2 Bde., Berl. 1838). Um die Entwickelung der jüdischen Theologie nach dem Exil ans den Apokryphen des Alten Testaments, aus Philo, Josevhus u.s.w. erwarben sich Dretschncider („Die Dogmatik der Apokryphen", Lpz. I8»5), Stahl, Ballenstedt, Grotefend, Scheffer, Großmann („tzimestiones Lküo- nene", Lpz. 1826, -1.), Dähnc („Geschichtliche Darstellung der jüdisch-alexandrinischen Re- ligionsphilosophic", 2 Bde., Halle 1834 — 35) und Gfrörer („Kritische Geschichte des Ur- christcnthums", Stuttg. 1831) besondere Verdienste. Die Theologie des Neuen Testaments wurde von G. L. Bauer, Leun, Böhme dargestellt, und um die Erforschung des Lehr- bcgriffs des Johannes erwarben sich Schmid, Holm, Frommann Verdienst, sowie Bauer, Meyer, Ritter, Ustcri, Schräder und Dähne den Paulinischen Lehrbegriff, doch nicht immer vorurtheilsfrei, darstcllten. Über das Ganze der biblischen Theologie haben wir bis setzt blos compendiarische Schriften zum Gebrauch akademischer Vorlesungen, nämlich von Kaiser („Biblische Theologie", 2 Bde., Erl. I8l3 — 21), de Wette („Biblische Dogmatik des Alten und Neuen Testaments", Berl. 1813), Baumgarten-Crusius („Grundzüge der biblischen Theologie", Jena, 3. Aust., 1831) und von Cölln („Biblische Theologie", her- ausgegcbcn von Dav. Schulz, 2 Bde., Lpz. 1836). Bicetre, ein Schloß in der Nähe von Paris, dessen Lage auf einem Hügel eine der schönsten Aussichten auf die Hauptstadt, die Seine und die Umgegend gewährt, wurde von Ludwig X1U. erbaut, zu einem Aufenthalt für die Invaliden. Als Ludwig XIV. später das große blütel roz-ii lies invslilles erbauen ließ, ward es in ein Hospital umgewandelt, in welches jedoch nur kranke alte Männer, die das 76. Lebensjahr angetreten haben, ausgenommen werde». Um denselben doch eine Beschäftigung zu geben, fertigen sie Arbeiten aus Holz und Knochen, die unter dem Namen Bicetr carbeiten bekannt sind. Auch befindet sich daselbst seit der Revolution ein großes Gebäude für unheilbare Wahnsinnige und eine Art Zuchthaus (insisun cle lnrce) für Libertins, Betrüger u. s.w., die man hier auf nützliche Weise zu beschäftigen sucht, sowie das Depot der zu den Galeeren verurtheilten Verbrecher. Bichat (Marie Franc. Lavier), einer der berühmtesten Ärzte, der eigentliche Gründer der jetzigen Mcdicin, indem er die sogenannte allgemeine Anatomie schuf, d. h. die Lehre von der Gleichartigkeit der Gewebe in den verschiedenen Organen, war zu Thoirette im Departement de l'Ain am I I. Nov. 1771 geboren. Er machte seine medicinischen Studien, für welche ihn sein Vater, der ebenfalls Arzt war, vorbereitet hatte, von 1791 an in Lyon und, als er wegen der politischen Unruhen im I. 1793 von hier flüchten mußte, in Paris, namentlich unter Default, der ihn wie seinen Sohn behandelte und dessen chirurgische Werke er, nachdem derselbe 1795 gestorben war, vollends herausgab (3 Bde., Par. 1798—99). Nachdem er seit 1797 Vorlesungen über die Anatomie in Verbindung mit Experimentalphysiologie und Chirurgie begonnen und sehr schnell als Schriftsteller großen Ruhm geerntet hatte, wurde er bereits im I. 180V Arzt am Hötel-Dieu in Paris; doch schon zwei Jahre darauf am 22. Juli 1892 ereilte ihn der Tod. Seine Hauptwerke sind der ,,'Lrsite memluanes" (Par. 1899 und öfter), der bald nach seinem Erscheinen in fast alle europ. Sprachen übersetzt wurde (deutsch von Dörner, Tüb. 1892) ; die „Rectierclies sur Is vw et I» m»rt" (Par. 1899; deutsch von Weizhaus, Dresd. > 892) und die „Xnrttomis x-enersle" (2 Bde., Par. 1891 und öfter; deutsch von Pfaff, 2 Bde., Lpz. 1892). Behufs der Herausgabe eines großen Werks über die Pathologie und Therapie hatte er gleich nach seinem Eintritt als Arzt beim Hötel-Dieu in Betreff der Therapie begonnen, am Krankenbette die Erfolge der einzelnen Medicamente zu prüfen, indem er sie ohne Beimischung, Bieoque Biddle 345 einfach verordnete, und sonach Das schon im I. 1800 gcthan, wodurch Hahnemann später eine Reform in den Ansichten vieler seiner der Polypharmacie ergebenen Zeitgenossen herbeiführte; doch sein Tod unterbrach ihn in seiner so großartig sür das Wohl der leidenden Menschheit und für die Vervollkommnung der Kunst und Wissenschaft begonnenen Laufbahn. Bicoque heißt ein kleiner, schlecht befestigter Platz, der kaum einer Belagerung werth ist. Bidassoa, der Grenzfluß Spaniens und Frankreichs, entspringt auf span. Boden und fällt bei Fuentarabia in den Biscayischen Meerbusen. Er bildet die Fasanen- oder Conferenzinsel, auf der 1659 der pyrenäische Friede geschlossen wurde. Spanischcr- seits befindet sich aufdeffcn Thalrand eine vorthcilhafte Stellung bei St.-Marcial, welche die Straße von Bayonne deckt. Hier schlugen am 3l. Aug. l8l3 8099 Spanier noch einmal so viel Franzosen, welche diese Position, um St.-Sebastian zu entsetzen, forciren wollten. Biddle (Nikolaus), ein mit dem Aufschwünge und Wohlstände der Vereinigten Staaten von Nordamerika in innigster Berührung stehender Mann, wurde am 8. Jan. 1786 zu Philadelphia geboren. Sein Vater wac Vicepräsident des Staats vonPcnnsyl- vanien und gab seinen neun Kindern, worunter sieben Söhne, eine äußerst sorgfältige Erziehung. B- erhielt seine erste Schulbildung in Philadelphia, war aber im I. 1798, wo er bereits den Curs der Universität von Pennsylvanien zurückgelegt hatte, zu jung, um ein Diplom zu erhalten und studirte daher noch einige Jahre zu Princetown in Neujersey. Im I. 1891 verließ er dieses Collegium und legte sich auf das Studium der Rechte, worauf er 1804 in Philadelphia vor die Schranken gelassen wurde. Kurze Zeit darauf begleitete er den General Armstrong, der zum Gesandten der Vereinigten Staaten am Hofe der Tuilerien ernannt worden, nach Paris, wo er die Rcgulirung der von Frankreich an verschiedene Handelshäuser der Vereinigten Staaten zu zahlenden Gelder übernahm. Später ging er als Legationssecretair des amerik. Gesandten und später« Präsidenten Monroe nach England von wo er 1897 nach Amerika zurückkchrte. Hier widmete er sich der Rcchtspraxis und gab einige Zeit mit Dennie eine Zeitschrift, „Porto Polio", heraus, welche damals viel Aufsehen erregte und ganz im demokratischen Sinne geschrieben war. In den I. 1819— lI re- präsentirte er die Stadt Philadelphia in der Gesetzgebenden Versammlung von Pennsyl-a- nien, wo er sich als eifriges Anhänger des von Henry Clay entworfenen sogenannten Amerikanischen Systems auszeichnete. Als Anhänger dieses Systems war er auch ent- schieden für eine Nationalbank. Nach aufgehobener Sitzung kehrte er ins Privatleben zurück, wurde aber 1814 von der Stadt Philadelphia zum Senator ernannt und benutzte seine neue Stellung dazu, im damaligen Kriege mit den Engländern die Stadt und den Staat von Pennsylvanien militairisch zu organisiren. Namentlich trug er darauf an, eine permanente Armee von 8999 M. innerhalb dieses Staats aufzustellen und die Fliegenden Batterien von Philadelphia mit Matrosen zu bemannen. Im I. 1817 stellte ihn die demokratische Partei zum Candidaten für den Kongreß auf; die Föderalisten hatten aber damals die Übermacht, wie dies auch im darauffolgenden Jahre der Fall war, so- daß B. beide Male durchfiel. Im 1.1819 trat er zuerst in Verbindung mit der Vereinigten Staaten-Bank, die damals schon in größter Gefahr schwebte. Die Angelegenheiten derselben waren von einem vom Congreß ernannten Comite untersucht worden, und der Bericht dieses Comite war nicht geeignet, das öffentliche Vertrauen dieses Instituts zu bestärken. Die Activa der Bank standen bereits mehr als 25 Proccnt unter pari und der Congreß war ernstlich damit beschäftigt, das Privilegium derselben zu widerrufen. Unter diesen Umständen wurde B. vom Kongreß zum Dircctor, Langdon Cheves aber von den Direktoren, deren der Staat fünf, die Aclieninhaber aber 29 erwählten, zum Präsidenten dieses Instituts ernannt. Beide Männer besaßen ausgezeichnete Talente, doch ist das Wiederaufleben der Bank hauptsächlich das Werk des Präsidenten gewesen. Als 1821 Langdon Cheves seine Stelle niederlegte, wurde sie B. beinahe einstimmig übertragen, da dessen Ruf als Finanzmann bereits die ganze Union erfüllte. Damals verlangten die Anhänger der Vereinigten Staaten-Bank, daß die Noten derselben nur in Philadelphia, dem Hauptlocalc der Bank, eingelöst werden sollten. B. war dafür, 25 Branchen des Cemralinsiiruks zu er- richten und die Noten der Bank bei jeder derselben einlösbar zu machen, und die Ausführung 346 Bidpai dieses Planes tnig sehr dazu bei, den Curs zwischen den verschiedenen Städten der Union ul pari zu erhalten. Während der Präsidentschaft Monroc's und John Quincy Ädams' ging Alles gut. Das Vertrauen in die Bank war unbegrenzt; aber schon zu jener Zeit singen die Bankdircctoren und B. an, sich in die Angelegenheiten des Staats und in die innere Politik des Landes zu mischen, Zeitungen zu besolden, Politiker von Profession in Dienst zu nehmen und auf die Präsidentenwahl einzuwirkcn. Die Folge davon war ein Krieg zwischen der Bank und der demokratischen Partei, welcher damit endigte, daß General Jackson (s. d.) die Staatsdepositengelder, welche früher bei der Vereinigten Staaten- Bank deponirt waren, den Staatsbanken übergab und die Erneuerung des Freibriefs der Bank, welche bereits in beiden Häusern durchgegangcn war, verweigerte. Jetzt versuchte B. als Präsident der Bank, dieses Institut wenigstens als ein provinziales fortbestehcn zu lassen und verschwendete zu diesem Zwecke Millionen, um von der Gesetzgebenden Versammlung von Pennsylvanien einen neuen Freibrief zu erhalten. Die Bank war in diesem durchaus demokratischen Staate verhaßt, und man mußte die öffentliche Meinung durch jegliches Opfer zu versöhnen suchen. Es gab keine Eisenbahn-, keine Kanal-, Brücken- oder Straßenbau-Gesellschaft im ganzen Staat, die nicht ein Folio im Buch der Bank hatte. Die Bank lieh an diese Institute Millionen, obgleich vorauszusehen, daß von diesen Summen nie wieder auch nur die Hälfte zurückbezahlt werden würde. B. hatte nämlich noch immer die Hoffnung, einen Whig-Präsidenten am Ruder zu sehen, und unter einem solchen hoffte er die Bank wieder zur Nationalbank zu machen. Mit den Staatsdepositengcldern hoffte man die-Verluste zu decken, und so häuften sich Ausgaben und Verluste, bis endlich die Bank bald nach der Erwählung van Buren's zum Präsidenten der Vereinigten Staaten, gezwungen war, ihre Zahlungen einzustcllcn. (S. Vereinigte Staaten.) Ein anderer vielleicht nicht minder wichtiger Grund dieses unglücklichen Ereignisses war der Umstand, daß die Bank mit einem Capital von 35 Mill. Dollars, wofür sie keine Verwendung hatte, zu Baumwollenspeculationen ihre Zuflucht nahm, welche die Rivalität der Bank von England erzeugten und zuletzt durch das plötzliche Sinken der Baumwollenpreisc sehr unglücklich aussielen. Man hat B. häufig den Vorwurf gemacht, daß er diese ganze Spcculation nur behufs seiner eigenen Popularität unternommen, daß er die Absicht gehabt, Candidat für die Präsidentschaft zu werden, und daß er in dieser Absicht die Baumwollcnpflanzcr des Südens und Südwestcns für sich habe gewinnen wollen. Sei dem wie ihm wolle, es war klar, daß sich B. geirrt und svwol die Mittel der Bank als das Vertrauen oder vielmehr die Leichtgläubigkeit des Publicums zu hoch angeschlagen hatte. Im I. 1839 endlich zog er sich ganz von den Geschäften der Bank zurück, ein Umstand, welcher dem Credit des Instituts vier Schaden that und schon damals die Fähigkeit desselben, mit der Wiederaufnahme der Barzahlungen zu beginnen, in Zweifel setzen ließ. Ein Jahr später machte die Bank bankrott, und kurze Zeit darauf wurde B. des Betrugs und der Verschwörung gegen den Staat angeklagt und vor ein Gericht gestellt, das ihn jedoch für unschuldig erklärte. Seitdem lebt er zurückgezogen von allen öffentlichen Geschäften auf seinem Landgutc in der Nähe von Philadelphia. Unstreitig ist er ein Mann von ausgezeichneten, sowol finanziellen als literarischen und selbst wissenschaftlichen Fähigkeiten, von der großen Masse des Volks aber gehaßt. Bidpai oder Pilpai wird als der Verfasser einer Sammlung Fabeln und Erzählungen genannt, die seit fast zwei Jahrtausenden im Morgen- und Abendlande weit verbreitet als Inbegriff aller Lebensweisheit galten. Den genauen Nachforschungen Colebrooke's, Wilson's, Sylvestre de Sacy's und Loiselcur desLongchamps' (in dem „Lssai sur les lobles inckisnnes", Par. 1838 ), ist es gelungen, den Ursprung dieser Sammlung, ihr allmäliges Bekanntwcrden, die Veränderungen, die sie im Laufe der Zeit und bei verschiedenen Völkern erlitten, genau nrchzuwcisen. Die letzte Quelle ist die ind. Fabclsammlung „l'rmtsclm- tantrs", die unter dem pers. Könige Nuschirvan dem Großen, 531 — 579 , von seinem Arzte Barsuye unter dem Titel „Xslil» und I)i,»na" (Namen von zwei Schakaln, die in der ersten Erzählung auftreten) in die Pehlcwisprachc übersetzt wurde. Diese Pehlewiübcrsetzung ist wie die ganze Profanlitcratur des alten Persiens untergcgangen; doch unter dem Khali- fen Almansur, ^ 54 — 775 , wurde sie von Abdallah Jbn Almokaffa, gest. 769 , in das Arabische übersetzt (herausgeg. von Sylvestre de Sacy, Par. 1816 ; dann in Kairo, 1836 ; Bidpai 3-17 deutsch von Holmboe, Christiania 1832 und von Wolff, Stuttg. 1937), woraus alle übrigen Übersetzungen und Bearbeitungen im Orient und Occident geflossen sind. In der Einleitung zu dieser Übersetzung wird der Verfasser der Sammlung B idp ai, das Haupt der ind. Philosophen, genannt, und »ach der arab. Übersetzung des Zbn Almokaffa wurde dieselbe von mehren arab. Dichtern zu ausführlichen Gedichten bearbeitet, z. B- von Abdalmumin ibnHassan („Die Perlen der weisen Lehren") und nachgcahmt, z. B. von Abu Jaali al Ha- bariya, gest. I > I5 („Der Lautschreiende und der Leiscredcndc"); von dem ältesten Dichter aber in der neupcrs. Literatur Nudegi, gest. 914, zu einem großen Thierepvs umgestaltet. Zn neupcrs. Prosa gibt es übrigens mehrfache Bearbeitungen: von Abu 'l maali Nas- rallah, um 1150, von Hossain den Ali, genannt al Vaez, gegen das Ende des 15. Jahrh. unter dem Titel „.^nviiri 8ubail>", d. i. Die Lichter des Canopus (Kalk. 1805 und öfter; Bombay 1824; franz. von David Sahid, Par. 1044), und von Abu'lFasl im J. 1590 unter dem Titel „X^är-i >I5ni8cb", d. i. Prüfstein der Weisheit. Nach der pers. Bearbeitung des Vaez wurde das Werk in das Türkische übersetzt von Ali Tschelebi um 1540 unter dem Titel „Homnzun ldlamsb", d. i. das kaiserliche Buch (franz. von Galland, Par. 1778). Außerdem ist die Sammlung noch übersetzt in das Malaiische, Mongolische und Afghanische. Aus der arab. Übersetzung des Almokaffa wanderte das Werk nach dem Abendlande und wurde gegen Ende des 11. Jahrh. in das Griechische übersetzt von Simeon Sethus unter dem Titel „8tepkai>ites llui Icbnelstes", d. i. der Siegbckränzte und der Aufspürer (herausgeg. von Starck, Berl. 1697); ein Jahrhundert'später erschien eine hcbr. Übersetzung von Nabbi Joel, die Johannes von Capua, ein getaufter Jude, in der letzten Hälfte des 13. Jahrh. in das Lateinische übersetzte unter dem Titel „virec- tnrium lmmsnae vitne" (erste Ausg. 1450 und öfter). Eine deutsche Übersetzung lieferte Eberhard I., Herzog von Würtcmberg, gest. 1325, die unter dem Tttel „Beispiele der alten Weisen" (Ülm 1485 und öfter) erschien. In Spanien wurde die Arbeit des Almokaffa unter Alfons X. imJ. 1251 auch in das Castilische übersetzt und darnach wieder in das Lateinische von Naymond von Beziers, einem gelehrten Arzte, im Aufträge der Königin Johanna von Navarra, der Gemahlin des Königs Philipp des Schönen. Theils der Übersetzung des Johannes von Capua, theils der des Naymond von Beziers folgen die Übersetzungen in die neuern Sprachen Europas, in das Spanische (Burgos 1498), Italienische (Flor. 1548), Französische (Lyon 1556), Englische (Lond. 1570), Holländische (Amst. 1623), Dänische (Kopenh. 1618), Schwedische (Stockh. 1743) und Deutsche (neueste Übersetzung Lpz. 1802 und Eis- 1803). Oft ist mit dieser Sammlung des B. das Volksbuch der „Sieben weisen Meister" verwechselt worden, das wahrscheinlich ebenfalls ind. Ursprungs von Indien zu den Persern kam und als „8intlbi»cl KLmeb", d. i. Buch von dem Weisen Sindbad, wiederholt zu ausführlichen Gedichten verarbeitet wurde; so von Asraki, gest. 1123, und von einem Dichter zu Ende des 14. Jahrh., herausgegeben unter dem Titel „^nsHtical nccount ot' t!ie 8ii>- llibuä k^slneb" von Falconer (Lond. 1842). Aus dem Persischen wurde das Buch dann in das Arabische übersetzt („Die sieben Veziere"; deutsch in der breslauer Übersetzung der „Tausend und eine Nacht", Bd. 15), in das Griechische („8)ntij>r>s", herausgeg. von Boissonade, Par. 1828; deutsch von Sengelmann, Halle 1842), in das Hebräische („dlmckls 8oinlab<>r", Konstant. 1517 und öfter; deutsch von Sengelmann, Halle 1842), in das Lateinische („Historis Septem Lspiontum", Nom 1480), in das Französische („kninsil <1e5 sspt Par. >838) und in fast alle neuern Sprachen Europas, selbst in das Isländische. Noch jetzt ist das Buch unter dem Titel „Die Geschichte der Sieben weisen Meister" ein vielgclesenes Volksbuch (neueste Ausgabe von Karl Simrock, Berl. 1840). Im Oriente selbst wurde es mannichfach nachgcahmt, im Persischen als „1K,I0), im Arabischen als Geschichte der zehn Veziere (in Habicht's Ausgabe der „Tausend und eine Nacht", Bd. 6; deutsch in Wcil's Übersetzung derselben, Bd. 2), im Türkischen als Geschichte der 4V Veziere (herausgeg. von Belletete, Par. 1812; franz. von Petit de la Croix Par. 1707; deutsch in der breslauer Übersetzung der „Tausend und eine Nacht", Bd. I), und ebenso im Occident zu größer« Dichtungen verarbeitet, z B. von dem franz. Trouvere S48 Biel Bielski Hebert unter dem Titel „volopstiior", von einem Unbekannten unter dem Titel „lä ro- msns lies sept ssges" (herausgeg. von Keller, Stuttg. 1836) und im Deutschen von Hans von Bühel, im Anfänge des 15. Zahrh., unter dem Titel „Dioclctian's Leben" (herausgeg. von Keller, -Ouedlinb. 1831). Biel ist ein wohlgebautes, in einer freundlichen und fruchtbaren Gegend des CantonS Bern, am Fuße des Jura gelegenes, im II. oder 12. Jahrh. gegründetes Städtchen, mit etwas über 3066 E-, meist reformirter Religion. Die deutsche Sprache ist vorherrschend, doch wird schon in den Dörfern nächst der Stadt ein Patois gesprochen. Es war früher einer der zugcwandten Orte der Schweiz, über den die Bischöfe von Basel eine Art Oberherrlich, keit ausübten. In dem bis zu Anfänge des 18. Jahrh. fortgesetzten Streite mit ihnen schloß B. im 13. und zu Anfang des 15. Jahrh. mit Bern, Solothurn und Freiburg Bündnisse, wonach das bischöfliche Schloß geschleift wurde. In Folge der Revolution im Fcbr. 1798 mit Frankreich verbunden, siel es 1815 mit andern Thcilcn des ehemaligen Bisthums Basel an den Canton Bern. Die Stadt hat ein Gymnasium, eine Bürger- und eine Gewerbschule, Fabriken in Kattun, Leder, Draht und neuerdings auch in Uhren. In der Nähe ist der 3), Stunden lange,'/, Stunden breite und 1338 F. über dem Meere gelegene fischreiche Vieler See mit der durch I. I. Rousseau s Aufenthalt im J. 1765 bekannten Pctersinsel. Bielefeld in der prcuß. Provinz Westfalen, cbcmals die Hauptstadt der Grafschaft Ravensberg, liegt am Fuße des 312 F. hohen Sparcnbergs, auf welchem sich eine Bergfeste befindet, die jetzt zur Strafanstalt dient, und wird von der Lutter in die Alt- und Neustadt getheilk. Sie hat 6166 E., drei evangelische und eine katholische Kirche, eine Synagoge, ein Gymnasium, einen Gewerb- und einen Landwirthschastlichen Verein, sehr große Blei- chercien und eine der größten Lcggenanstalten, wo jährlich mehr als 2 Mill. Ellen Leinwand zur Schau gelegt werden, wozu B. allein gegen 866666 Ellen beisteuert. Übcrhawk ist es der Mittelpunkt des gesammten ravensberger Leinwandhandels, weshalb es auch mit zur Hansa gehörte. Außerdem gibt es ansehnliche Fabriken in Wolle, Leder, Taback, Ei- senwaaren und Meerschaumpfeifenköpfen. Ehemals war die Stadt befestigt; doch sind jetzt die Gräben ausgefüllt und in Spaziergänge verwandelt. Bielshöhle heißt die in der Nähe der BauINannshöhle (s. d.) auf dem Harz am rechten Ufer der Bode im Herzogthum Braunschweiz in einem Berge, der B i c l st c i n genannt, befindliche merkwürdige Höhle, die 1762 entdeckt und 1788 von einem gewissen Becker zum bequemen Besuche eingerichtet wurde. Ihr Eingang liegt 161 F. über der Sohle des Flusses- Sie zerfällt in clfHauptabtheilungcn. Unter den vielen Figuren, welche der Tropfstein und Stalaktit gebildet haben, sind das Orgelwerk in der achten und das wellenförmige Meer in der neunten Höhle die bemerkenswerthcsten. Über und neben der Decke der vierten, fünften und sechsten Höhlenabtheilung streicht noch eine Höhle weg, zu der man von der siebenten aus am bequemsten gelangen kann. Auf dem Bielstein soll ehemals der Götze Biel verehrt worden sein, bis Bonifacius dessen Bild zerstört habe. Bielski (Marcin), einer der ältesten poln. Geschichtschreiber, war um >365 auf dem ältcrlichen Stammgute Biala im fieradzcr Lande geboren. Er verlebte seine Jugend an dem Hofe des Wojewodcn Kmita, trat nachher in das Heer ein und befand sich >531 in der glorreichen Schlacht bei Obertyn, in welcher Peter Fürst der Walachei von dem Hctman Tarnowski überwunden wurde. Später lebte er wieder in Biala, wo er 1575-starb. Er ist der Verfasser zweier merkwürdiger satirischer Gedichte; in dem einen „8e„ msjon>" (Krak. 1596) beschreibt er die Zerwürfnisse Ungarns und sagt in einem Traumgesichte seinem Volke ein gleiches Loos voraus, wenn es sich nicht in Ritterlichkeit erhebe, in dem andern „8svm nweviesci" (Krak. 1595) schildert er in scharfen Zügen den damaligen Zustand Polens. Ein lehr wichtiges Werk von ihm ist „dPi-arvu rvcorsku" (Krak. 1569), das die Regeln der Kriegskunst nach alten und neuern Schriftstellern enthält und das damalige Kriegswesen, besonders in Polen und den Nachbarländern, darsielll. Am berühmtesten jedoch ist B- durch seine Chroniken geworden, welche für das Erstehen der poln. Prosa epochemachend, zugleich die ersten wahren Geschichlswerke in poln. Sprache waren. Seine„Kro- nilea 8ni-,tit" (Krak. 1556 und 1563), eine allgemeine Geschichte, die von der Schöpfung bis auf B.'s Zeit reicht, ist aus vielen Historikern zusammcngetragen und den Mangel an ' ä! n I E h fi s- d d ft d 6 n st z> n tl g n n b s s d o 5,07) heraus, die jedoch nach Ossolinski's Zeugnisse, obgleich sie des Vaters Namen trägt, fast gänzlich des Sohnes eigenes Werk ist. Die Sprache ist in derselben schon ausgebildeter, und die Darstellung, die nicht nur den lat. Chroniken folgt, sondern auch viel Selbständiges hat, treu und unbefangen. Ihrer Frcimüthigkcit wegen, besonders in kirchlichen Dingen, kamen beide B. in den Verdacht der Ketzerei, und von dem Bischof von Krakau wenden >617 ihre Chroniken verboten und unterdrückt, weshalb sie jetzt zu den seltenen Werken gehören. Außerdem hat man von Joachim B. auch einige panegyrische Gedichte, die einzeln erschienen sind. Bienen oder Immen. Diese durch Kunsttricb, Ordnungsliebe und Fleiß so merkwürdigen Insekten aus der Ordnung der Glasflügler sind von den Menschen schon früh unter die Hausthiere versetzt worden, werden aber auch noch in vielen Ländern, z. B in Polen, Rußland u. s. w., im wilden Zustande angctroffen, wo sie in hohlen Bäumen wohnen und sich durch ihre größere Stärke und dunklere Farbe von den zahmen unterscheiden. Der Haushalt der Bienen ist bewunderungswürdig, jedoch noch nicht genau genug beobachtet, um alle ihre Eiacntbümlichkciten, über die noch viele Widersprüche herrschen, genau angeben zu können. Sie leben in zahlreichen Gesellschaften (Stöcken oder Schwärmen) zusammen, von denen jede aus ungefähr 20000 Arbeitsbienen, >600 Drohnen und einem Weibchen, der Königin oder dem Weisel, besteht. Erstere, die kleinsten, sind mit einem Stachel, einer Schaufel und Haarbürsten an den Füßen versehen; mit letztern bürsten sie den Blumcnstaub, der sich an ihre, mit kleinem, blätterartigem Auswüchse versehene Haare gehängt hat, in die Vertiefung am Schenkel, daß er in Klümpchen hängt, verschlucken ihn und brechen ihn entweder mit dem cingesogencn süßen Safte der Pflanzen aus dem ersten Magen als Honig aus, oder schwitzen ihn, nachdem er durch den zweiten Magen gegangen ist, als Wachs aus den Ringen des Hinterleibes wieder aus. Sie bilden den Staat und verrichten die zu dessen Erhaltung nothwendigen Arbeiten, sammeln Wachs und Honig und erbauen aus, jenem mir wunderbarer Geschicklichkeit Zellen zur Aufbewahrung des Honigs und zur Ausbildung der Brut, die sic ernähren und pflegen. Die Drohnen sind größer als die Arbeitsbienen und haben weder Schaufel noch Stachel, aber Bürsten, begatten sich mit der Königin und werden darauf von den Arbeitsbienen getödtct und aus dem Stocke geworfen. Die Königin ist größer als die übrigen Bienen, hat einen Stachel, kürzere Flügel, doch keine Bürste und Schaufel an den Beinen; ihre Bestimmung ist, das Geschlecht fortzupflanzcn. Sie legt des Jahres wol 30—-tOOO» Eier, in jede Zelle eins, woraus nach drei Tagen fußlose Larven kriechen, die von den Arbeitsbienen bis zur völligen Ausbildung verpflegt werden. Diese erfolgt bei den Mutterbicncn in 16, bei den Arbeitsbienen in 20 und bei den Drohnen in 2a Tagen nach dem Legen des Eies. Die Königin ist die Seele des ganzen Stocks; ihr huldigen alle andern; neben ihr wird keine zweite geduldet; entstehen bei einer Brut mehre, so bilden sie entweder mit ihrem Anhänge neue Schwärme und wandern mit diesen aus, ober sie werden umgebracht. Regelmäßig entwickelt sich alle Jahre in einem jeden Stocke ein neuer Schwarm; entstehen aber zwei bis drei, so wird dadurch der Mukterstock nachtheilig geschwächt. Kommt die Königin durch irgend einen Zufall um, so stirbt oder zerstreut sich oft der ganze Stock. Ereignet sich jedoch dieses zu einer Zeit, wo sie Brut von Arbeitsbienen, die noch nicht drei Tage alt ist, haben, so können sie den Verlust der Königin dadurch ersetzen, daß sie mehre, gewöhnlich drei aneinander stoßende Zellen von Arbeitsbienen zu einer Königinzelle vereinigen, darin nur eine Larve lassen und diese mit vorzüglicher Sorgfalt verpflegen, woraus sich dann eine neue Herrscherin entwickelt. Es spricht dies für die Behauptung Einiger, daß die Königin nur zwei Arten von k,'. 850 VienenrechL Eiern, männliche (Drohncncicr) und weibliche lege, und cs bloS von der Zelle, worin letztere gelegt und von der Art, wie die Larven verpflegt werden, abhänge, ob aus ihnen eine Königin oder Arbeitsbienen entstehen sollen. Das Ei aus einer Arbcikszclle in cineKöniginzclle gelegt, gibt eine Königin, und so umgekehrt ein Ei aus einer Königinzelle in einer Arbeitszelle eine Arbeitsbiene. Sonach wären die letzter» nichts Anderes als Weibchen mit verkümmerten Geschlechtsorganen. In einen Korb cingczogcn, verkitten die Bienen zuerst alle Ritzen mit Vorwachs, das sie von harzigen Bäumen suchen, bauen dann Scheiben von Wachs mitAcllen, von denen die größten rund für die jungen Königinnen bestimmt sind und hundert mal mehr Wachs als gemeine Zellen crfodern. Für die Drohncnbrut bauen sie ungefähr 1200— 2000 kleinere Zellen und noch kleinere sechseckige mit zugespihten Endflächen für die Brut der Arbeitsbienen, außerdem noch eine große Menge zur Aufbewahrung des Honigs, die entweder offen oder mit einem Wachsdeckel verschlossen ist, von denen die letzter» dcnWin- tervorralh enthalten. Die Wände der Zellen sind dünner als Papier, am Eingänge aber stärker, die Wände stehen so weit auseinander, daß zwei Bienen sehr gut nebeneinander gehen können. Im Juli und Aug. werden alle Drohnen, als unnütz, aus dem Stock geworfen. Ein guter Stock wirft jährlich 2 — 3 Pfd. Wachs und 20 — 30 Pfd. Honig ab. Letzterer darf aber den Bienen nicht sämmtlich genommen werden, damit sie Wintcrfuttcr behalten, und wenn solches ausgcht, müssen sie mit allerlei süßen Sachen gefüttert werden. Die Arbeitsbienen sollen zehn Jahre leben, ein ganzer Stock aber 30 Jahre dauern können. Im Frühjahre fliegen die Bienen den ganzen Tag aus, im Sommer nur von 4—10 Uhr Morgens. Unter Bienenzucht versteht man die zweckmäßige Wartung und Pflege der zahmen Bienen. Man theilt sie in Wald- und Eartenbienenzucht und letztere wieder in die natürliche und künstliche ein. Die künstliche unterscheidet sich von jener dadurch, daß man bei ihr die Zahl der Stöcke nicht durch natürliche, sondern durch künstliche Schwärme, sogenannte Ableger, zu vermehren sucht. Zu einer guten und gedeihlichen Bienenzucht gehört Aufmerksamkeit, Sorgsamkeit und vorzüglich Liebe zu diesen nützlichen Thierchen. Die Geschäfte dabei sind nicht schwierig, oft angenehm, dürfen aber keinen Augenblick versäumt werden. Wichtig zu einem glücklichen Gedeihen sind vornehmlich: I) der Bienenstand, der trocken und von Störungen und Übeln Gerüchen fern und besonders gegen Zugluft geschützt sein muß; 2) das Bienenhaus, das geräumig, gehörig geschützt und mit seiner vordem offenen Seite wo möglich nach Südosten, niemals nach Westen gerichtet sein muß; 3) die Biencnwohnungen, die entweder von Holz oder von Stroh, auch wol Weiden, entweder stehend oder liegend sind und unter denen die sogenannten Magazinstöcke, die aus mehren gleich weiten aneinander zusetzenden Strohkränzen bestehen, den Vorzug vor allen andern verdienen; 4) die Nahrung, indem man besorgt sein niuß, daß in der Nähe des Bienenstandes Honigpflanzen in gehöriger Anzahl wachsen, oder solche besonders angesäet werden; 5) die Reinigung im Frühjahr von Motten, sobald die Bienen anfangen auszufliegen, und 6) das zweckmäßige Zeideln, das am besten in den ersten Maitagen an einen, trüben Nachmittage geschieht. Vgl. Huber, „8»r les sbeilles" (2 Bde., Par. 1814), Knauff, „Herbst-, Winter- und Frühlingsabende" (Jena 1820), Fr. von Ehrcnfcls, „Die Bienenzucht" (Prag 1820), Christ, „Anweisung zur angenehmsten und nützlichsten Bienenzucht" (Lp;. 1841) und Kritz, „Die aufgedcckten Brutgeheimnisse" (Lpz. 1842). Großes Aufsehen unter den rationellen Bie- nenwirthen machte in neuerer Zeit die von dem Engländer Tob. Nutt anempfohlcne Methode der Bienenzucht, welche auseine zweckmäßigere Vermehrung gesunder Bienenstöcke und leichter Gewinnung der Schwärme berechnet ist und schon jetzt viele Nachahmer gefunden hat. Trefflich besang der Florentiner Giov. Nucellai, gest. zu Nom 1526, die Bienen in einem kleinen ital. Gedichte „I^e spi", das zuerst 1539 in Druck erschien. Biencnrecht heißt der Inbegriff der zum Besten der Bienenzucht erlassenen landesherrlichen und obrigkeitlichen Gesetze und das darin gegründete Recht. Die Bienen werden nach dem röm. Rechte zu den wilden Thieren, nach dem alten Sachscnrechte zu den Gcwür- men und noch verschiedenen Provinzialgesetzen zu dem gezähmten Viehe gezählt, oder auch dem Geflügel angerciht. Bienen zu halten, ist auf seinem Eigenthume ein Jeder befugt, insofern den Nachbarn dadurch kein wesentlicher Schade zugefügt wird, oder von Andern ein VecbictungSrecht geltend gemacht werden kann. Zur Anlegung eines Bienenstandes auf Biener Bier 351 1 fremdem Grund und Boden ist allerdings die Einwilligung des Gnmdcigen thümers crfoderlich, doch der Ertheilung derselben können weder die Hutungsberechtigten noch andere Jmmeker ^ oder Bienenväter, welche in der Gegend bereits Bicncnstellcn haben, widersprechen, wenn die letztem kein besonderes Verbictungsrecht geltend machen können, das nur darin begründet sein kann, daß durch die zu nahe Anlage des neuen Bienenstandes ihren altern Stellen Schaden und Nachtheil zugefügt werde. Die Abgaben, Zehnten u. s. w., welche von den Dienen entrichtet werden, beruhen auf Herkommen und auf besonder» Gesetzen, nach welchen man auch die Strafe des Bienendiebstahls überhaupt sowie die verschiedenen künstlichen Arten desselben zu beurtheilcn hat. Wer sogenannte Heer- oder Naubbienen mit Gift oder auf andere Weise - tödtct, muß zwar den Eigenthümer derselben entschädigen; doch wird solches nicht unter die criminellen Vergehen gerechnet. Ebenso ist Der, welcher des Nachbars Bienen, weil sie um seine Stöcke schwärmen, verbrennt, zu Schadenersatz verpflichtet. Dagegen ist eine Klage auf Schadenersatz gegen den Herrn der Naubbienen von Seiten der Eigenthümer der beraubten Bienen nicht statthaft, weil nach den Erfahrungen und Beobachtungen verständiger Bienenkenner der Letztere gewöhnlich selbst Schuld an der Beraubung seiner Bienen ist. Auf die zahmen jungen Bienenschwärme hat der Eigenthümer des Mutterstocks ein ausschließendes Recht, und - kann sie auch auf fremdem Grund und Boden verfolgen und daselbst einfangen; doch muß er für die dadurch herbeigeführten Beschädigungen Ersatz leisten. Hat indeß der Eigenthümer des Mukterstocks die Verfolgung des jungen Schwarmes aufgegeben oder aufgeben müssen, weil er ihm gänzlich aus den Augen gekommen ist, so kann der Eigenthümer des Grundes und Bodens, auf welchem der Schwarm sich gesetzt hat, denselben einfangen, auch dessen unentgeltliche Herausgabe fodern, wenn ihn ein Dritter, ohne des Grundherrn Vorwissen oder wider dessen Willen, eingefangcn hat. Die Wäldbienenstöcke gehören zu den Waldnutzun- gen, daher nur der Waldeigenthümer darauf rechtlichen Anspruch machen kann. Vgl. Biener, „Ile upibus" (Lpz. 1773) und Busch, „Handbuch des Bienenrechts" (Arnst. 1839). ' Biener (Christian Gottlob), Jurist, gcb. zu Zörbig am l 9. Jan. 17-18, studirte in Wittenberg und Leipzig, an welchem letzter» Orte er 1776 als akademischer Docent auftrat, 180» in die Juristenfacultät kam, in der er bis zum Ordinarius aufrückte und am 13. Oct. 1828 starb. Seine Schriften gehören meist der Nechtsgeschichte, dem Staats- und Lehnrccht, dem Proccß und sächsischen Recht an. Die Bahn zu einer deutschen Neichsgeschichte brach er durch seine „ tüommentationes Bier noch außerdem gibt, und endlich 5) von der Leitung des Gährungsproccsses selbst. In i crsterer Beziehung ist zu bemerken, daß sich Weizen und vor Allen Gerste am besten zur Bierbcreitung eignen, daher denn Gerstcnbiere stets die üblichsten waren und gegen- f wärtig fast allein gebraut werden. Gerstenwein und Gerstentrank sind auch alte Synonyme für Bier. Noggenbicr und Haferbier taugen wenig und können nur als wohlfeile, wenigstens nicht schädliche Surrogate in Betracht kommen; aus Mais bereiten die Nordamcrikaner und auch die Mexikaner sehr gute Biere; das Sali der Japanesen ist aus Ncis, das Bcuza i der Nubier aus ägypt. Hirse, das Sasoir der Abyssinier aus Sesam und andern Getreide- ! arten bereitet. Das Tarasum der Chinesen ist dagegen gewöhnliches Gerstenbier. In der zweiten Beziehung unterscheiden sich die Weißbiere und Braunbiere; jene sind aus Luftmalz, dies: aus Darrmalz bereitet; letztere verdanken also ihre Farbe einer angehenden Zersetzung und Färbung des Malzes durch die Hitze, und je dunkler ein Bier ist, desto mehr Malz ist zersetzt worden. Hierin liegt der Grund, warum man jetzt die ganz dunkeln Biere wenig mehr braut. Sehr braunes Bier verdankt seine scharfe Bitterkeit zum Theil auch den Zersetzungsproducten des Malzes. Die verschiedenen hellbraunen Färbungen der meisten jetzt üblichen Biere werden durch passende Mischungen von Luft- und Darrmalz erzeugt, s Von der Quantität des Malzes, also der Concentration der Würze, hängt die Stärke des ^ Biers ab. Doppelbiere und Tripelbiere sind also solche, zu denen zwei-und dreimal f mehr Malz genommen wird, wodurch sich nicht allein die Nahrhaftigkeit, sondern auch der Gestalt an Weingeist, also die berauschende Kraft des Biers vermehren muß. Covent, Dünnbier oder Nachbier ist ein dünnes Bier, bereitet aus einem zweiten Aufgusse des schon einmal ausgczogcnen Malzes; der Name schreibt sich aus der Zeit her, wo die Bicrbereitung in den Klöstern blühte; da hieß das eigentliche Bier Paters bi er, und das Nachbier war für den Convent bestimmt. Was die Zusätze zum Bier anlangt, so sollen diese eigentlich blos Ertheilung eines Kittern Geschmacks bezwecken und daher nur bei den Kittern Bieren Vorkommen. Bittere Biere sind nie ganz weiß; in der Regel sind sie Hopfenbierc. Biere, deren Bitterkeit von andern Zusätzen abhängt, kann man im Allgemeinen Kräuterbiere nennen; unter die unschädlichen gehören das Wermuthbier, Wachholderbier, Fichtensprossenbier (spruce beer) und Jngwerbier (chnge,' bosr). Die letzter» beiden sind vorzüglich bei den Engländern beliebt, und das Sprosscnbier ist in der Thal eine Art Präservativ gegen den Skorbut zur See. Ganz verwerflich dagegen sind andere Zusätze zum Bier, namentlich berauschende und betäubende. Was endlich die Leitung der Gährung anlangt, so unterscheiden sich die durch rasche Gährung besonders im Sommer erzeugten und wenig haltbaren ^ Sommerbiere, zu denen fast alle Weißbiere und die meisten leichten hellbraunen und > dunkeln Biere für die tägliche Consumtion gehören, von den Lagerbieren oder Märzbieren. > Letztere sind stets ziemlich starke, durch Darrmal; gefärbte, durch sehr sorgfältig geleitete Gährung zu Ende des Winters bereitete Hopfenbierc, die man vor ganz vollendeter Gährung erkalten läßt, sodaß sie auf dem Fasse oder aufFlaschcn (Fla s ch enb ier) langsam nachgähren. Eben in diesem Gehalte an unzersetztem Zucker und in der langsamen Nachzählung liegt der Grund der Haltbarkeit der Lagerbiere und ihr Stärkerwerden durchs Liegen; doch gehören j allerdings auch gute Keller dazu. Obgleich hiermit die allgemeinen Verschiedenheiten der Biere erschöpft sind, so hängen doch die Abstufungen der einzelnen Eigenschaften noch von vielen andern, zum Theil noch gar nichtgehörig ihrem Einflüsse nach bekannten Umständen, von atmosphärischen Einflüssen, der Qualität des Wassers, den Localitäten, den besondern kleinen Abänderungen des Verfahrens ab, sodaß es von jeher fast so viel Biersorten gegeben hat als Brauereien. Zu jeder Zeit 353 Bier sind die Biere aus besonder» Orten und Gegenden besonders beliebt gewesen, wie z. B. im Mittelalter die bittern Biere von Wurzen, Merseburg, Goslar, Lüneburg; etwas früher schon die Biere von Grimma, Eimbeck u. s. w,, gegenwärtig besonders die bairischen Biere, dieköstritzer Lagerbiere, mehre der sächs. Lagerbiere, die danziger Biere, englische Ale (s. d.) und Porter (s. d.) u. s. w. Namentlich aus dem Mittelalter her schreiben sich auch schon die meisten der sogenannten Localbiere, d. h. Biere mit ganz besondern Eigenschaften, die nur an einem Orte gebraut und zum Theil mit ganz sonderbaren Namen belegt wurden. Viele dieser alten Localbiere tragen noch gegenwärtig ihre Namen, wie die Gose und der Breihan (diese jedoch ohne Beibehaltung der frühem beschränkten Localität), Braunschweiger Mumme, Breslauer Schöps, Leipziger Raster, der jetzt sehr in der Achtung gesunken ist, u. s.w.; andererseits sind wieder neue dazu gekommen, unter denen in Mitteldeutschland das Dresdener Waldschlößchenbier und das Lützschenaer Bier die bekanntesten sind. Indessen haben die Localbiere mit wenig Ausnahmen sehr an Beliebtheit verloren und sind in der allgemeinen Tendenz, starke Lagerbiere nach bair. Art zu brauen, die die vorwaltende ist, untergegangen. Ein gutes Bier soll ganz klar sein, beim Einschenkcn moussiren und einen weißen, feinen, in der Mitte einige Zeit stehen bleibenden Schaum bilden, dabei einen erfrischenden, aber durchaus nicht sauren Geschmack haben. Von seinen Haupteigensthasten verdankt es die berauschende Kraft seinem Weingeistgehalte, der jedoch in den leichten Bieren nur 2—3 Procent beträgt, sodaß man allerdings den Umstand, daß starke Biere häufig ungleich stärker berauschen als leichte Weine und namentlich einen sehr schweren und hartnäckigen Rausch erzeugen, in der cigenthüm- lichen Verbindung des Weingeistes mit den übrigen Bierbestandtheilcn zu suchen geneigt ist. Erfrischend ist das Bier vermöge seiner freien Kohlensäure; durch Aufbewahrung aber in schlecht verschlossenen oder offenen Gefäßen an warmen Orten wird cs daher schaal. Die nährende Kraft hängt von den fixen Bcstandtheilen ab, die man zusammengcnommcn wol das Bierextract nennt. Man hat verschiedene Methoden, das Bier aus den Gehalt an diesen Hauptbestandtheilen zu prüfen (Bierpro bcn). Bloße Bierwaagcn, die allein das specifischc Gewicht des Biers angcben,, erlauben darüber noch keinen gültigen Schluß, da das specifischc Gewicht des Biers ein zusammengesetztes Resultat ist. Besser sind die Methoden von Zenneck und besonders die hallymctrische Bierprobe von Fuchs, welche beide die Kohlensäure, den Weingeist und das Extract ziemlich genau zu bestimmen erlauben. Hauptfehler des Biers sind das Trübe- und Sauerwerden, jenes sucht man durch Klären mit Eiweiß, dieses durch Zusatz von Kreide und Pottasche zu bemänteln; beide an sich unschädliche Mittel helfen jedoch dem Übel natürlich nicht radical. Die meisten der sogenannten Bierkünste, d. h. solcher Mittel, wodurch man Fehler des Biers beseitigen oder dem Biere besondere Eigenschaften, z.B. Schäumen, Färbung, dursterrcgendeEigenschaftu.s.w., erthcilenwill, sind entweder müßige Spielereien uüd bloße Palliativmittel, oder wirklich schädlich. Gute Biere sind, mäßig genossen, im Allgemeinen für Alle gesund, denen nicht Geistiges überhaupt untersagt ist. Starke bittere Hopfenbiece erzeugen bei häufigem Genuß Congestionen, besonders nach Kopf und Brust und sollen außer den allgemeinen nachtheiligen Wirkungen des Trunkes, besonders gern zu Brnstwassersucht führen. Weiße Biere wirken mehr erschlaffend und zunächst die Verdauung benachtheiligend. Zunge, säuerliche Biere führen leicht ab und können dadurch gerade unter gewissen Umständen ein gutes diätetisches Mittel werden. Das Bier ist ein sehr altes Getränk. Am frühesten sollen es die Ägypter aus Gerste bereitet haben. Ärchilochus, um 7 Ott v. Ehr., und die griech. Tragiker erwähnen des Gerstenweins. Diodor von Sicilien, um 5l> v. Ehr., kennt es ebenfalls, auch Plinius erwähnt dasselbe. Bei den Griechen hieß cs im allgemeinen Xztllus (vi-xttms, d. i. Doppelbier), und sie unterschieden schon X. boi-tleucens (Gerstenbier) von 2.triticeus (Weizenbicr). Die Römer nannten es nach dem Vorgänge der Gallier cerevisia von 6eres und vis, In Spanien soll es celiu und ceria genannt worden sein. Die Deutschen hatten schon zu des Ta- citus Zeiten ihr Gerstenbier, und bis auf die neueste Zeit ist das Bier das Nationalgetränk der deutschen Stämme gewesen- Im ll. Iahrh. n. Ehr. begann in Deutschland die Anwendung des Hopfens, der in England erst nach 1500 bekannt wurde. Seit dem l3. Iahrh. Conv. - Lex. Neunte Aufl. H. 23 354 Biernackr braute man in Deutschland eigentliche Lagerbiere, und auch die Kräuterbiere, die man jeht nicht mehr liebt, scheinen damals sehr beliebt gewesen zu sein. Große Verdienste um die Aus- bildung der Biere scheinen sich die Klöster erworben zu haben. Die ältesten berühmten Biere waren die märkischen Hopfendiere; aber schon im 15. Jahrh. werden auch die bair. und fränk. Biere gerühmt. Aus dem Mittelalter schreiben sich die meisten Localbierc her. Weißes Bier wurde 1541 zuerst in Nürnberg gebraut. Die berühmten engl. Biere sind kaum ein Jahrhundert alt, doch sind die meisten der neuern durchgreifenden Verbesserungen in der Bierbrauerei von den Engländern ausgegangen. In Deutschland ist durch das Aufkommen des Branntweins, dessen Erzeugung durch die Fortschritte der technischen Chemie so sehr erleichtert und dessen Konsumtion durch den billigen Preis und andere Umstände begünstigt wurde, dem Biere viel Schaden gethan worden, sodaß allerdings in vielen Gegenden gar keine guten Biere mehr erzeugt wurden. Dieser Zustand hat jedoch, namentlich in Mitteldeutschland, in den letzten zehn Jahren eine Neaction hcrvorgcrusen, die einen neuen Aufschwung der Bierbrauerei und manche wesentliche Verbesserung zur Folge gehabt hat. Indessen dürfte die Aufgabe, durch möglichst allgemeine Herstellung kräftiger und gesunder, aber doch nicht zu theurer Biere den Branntwein für die arbeitenden Elasten zu ersetzen und zu verdrängen, nur zu einem sehr kleinen Theile bis jetzt erreicht sein, und zwar offenbar deshalb, weil man sich immer noch bestrebt, mehr den Luxusbicrtrinkern Genüge zu thun, als dem Bedürfnisse der niedern Elasten. Biernacki (Alois Prosper), ein Agronom, der sich um sein Vaterland Polen große Verdienste erworben hat und während derRevolution von 183V Finanzminister war, stammt aus einer alten poln. Familie und wurde 1778 im Palatinat Kalisch geboren. Seine Studien machte er auf der Universität zu Frankfurt an der Oder. Ganz besonders fühlte er sich zum Studium der Agrikultur hingezogen, dem er mit so großer Beharrlichkeit oblag, daß selbst die großen Ereignisse, die in seine Jugend fielen, ihn demselben nicht entfremden konnten. Seine Ausbildung als Agronom vollendeten mehre Reisen ins Ausland und sehr bald erhob er seine Besitzung Sulislawice bei Kalisch zu einer Musterwirthschaft für das ganze Land. Insbesondere erlangten seine Electoralschafe, die er >811 entführte, einen Ruf vor allen andern in Polen. Der Wunsch, sein Vaterland möglichst an allen Verbesserungen der neuern Zeit Theil nehmen zu lassen, bestimmte ihn, auf seinen Besitzungen eine Schule des gegenseitigen Unterrichts zu begründen, in welcher Agronomie, Gartcnkundc, Naturwissenschaft und Mathematik getrieben wurde. Auch trat er in der Folge als Schriftsteller auf und schrieb unter Anderm im Interesse der arbeitenden Elaste über die Nothwendigkeit der Frohnablösung gegen Zinsen in Getreide oder in Geld. Während der Dauer des Großherzogthums Warschau bekleidete er die Stelle eines Intendanten der Krondomainen. Im I. 1820 zum Mitglied des Gcneralconseils im Palatinate Kalisch erwählt, führte ihn sein Muth und sein Patriotismus sehr bald auf das Gebiet der Politik. Als damals der Kaiser Alexander, der fortwährenden Opposition des Reichstags überdrüssig, den Wunsch zu erkennen gab, daß Deputirte des Generalconseils des Königreichs sich nach Troppau verfügten, um dort im Angesichte des Kongresses gegen den factiösen Geist der repräsentativen Versammlung zu protestiren, waren es B. und seine Freunde, die das Generalconseil Kalisch bestimmten, dem Ansinnen des Kaisers nicht zu entsprechen. In der Folge zeichnete er sich als ein warmer Vertheidiger der Primairschulen aus, die das Gouvernement im Begriff stand aufzuhcben. Alles dies mußte nothwendig dazu beitragen, ihn mit Rußland zu entzweien. Russischerseits versuchte man Alles, um zu verhindern, daß B. zum Deputaten gewählt werde; daher erst im I. 1829 seine Wahl durchgesetzt wurde. Bald darauf schloß er sich den Unterzeichnern der Adresse an, in welcher das Palatinat Kalisch zur Zeit der Krönung des Kaisers Nikolaus im I. 1829 gegen die Verletzungen der constitutionellen Charte des Königreichs prote- stirfe. Während des Reichstags von I83V widersetztc er sich dem Anträge der Minorität, dem Kaiser Alexander ein Denkmal zu errichten, brachte eine Petition ein zu Gunsten der individuellen Freiheit und entwarf die Anklageacte gegen den Minister der Finanzen, den Fürsten Lubecki. Gleich auf die erste Nachricht von dem Aufstand in Warschau begab er sich nach Kalisch, wo er bei der Entwaffnung der russ. Truppen mitwirkte. In Folge eines Befehls des Dictators eilte er sodann nach Warschau, um den Vorsitz in der Rechnungskammcr 7 l i z i i < r 1 j c s d e <1 d b f s Biester Bignon 355 zu übernehmen. Als Mitglied des Reichstags gehörte er zu Denen, welche an die Stelle der Dictatur eine andere Regierungsform gesetzt wissen wollten. Auch gehörte er zu dem Co- mich welches mit der Nedaction des Manifestes des Reichstags beauftragt war, worin die Beschwerden Polens gegen Rußland weiter auseinandcrgefetzt werden sollten. Als die Nationalregierung an die Stelle der Dictatur trat, wurde ihm das Portefeuille der Finanzen übertragen, das er zwar sehr bald wieder abgab, jedoch nach dem Falle von Warschau, als sein Nachfolger dort zurückblieb, im Namen des Volks abermals übernehmen mußte. Nach längerm Umherreisen suchte er endlich in Frankreich einen Zufluchtsort. Auch im Exil bewies er sich durchgehend als einen rechtlichen Mann und freisinnigen Patrioten. Biester (Joh. Erich), der Mitbegründer der „Berlinischen Monatsschrift", geb. am I?. Nov. 1740 zu Lübeck, wo sein Vater ein wohlhabender Seidenhändler war, gebildet auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt, studirte in Güttingen die Rechte; doch waren vorzugsweise Literaturgeschichte, Sprachen, Kritik und Geschichte seine Lieblingsfächer. "Neben der juristischen Praxis arbeitete er, nach dem Abgänge von der Universität, in Lübeck an der „Ro- stockschen gelehrten Zeitung" und „Allgemeinen deutschen Bibliothek". Im I. 1773 ward er in Bützow Privatdocent an der Universität und > 774Doctor der Rechte, ging jedoch schon 1775 von Bützow wieder weg und nach Berlin, dann nach Mecklenburg und Lübeck, worauf er 1777 Privatsecrctair bei dem Minister von Zedlitz in Berlin wurde, durch den er mit den ausgezeichnetsten Männern Berlins und des Auslandes in Berührung kam. Am innigsten verband er sich mitGedike (s. d.), mit dem er 1783 die „Berlinische Monatsschrift" unternahm und die er von 1791 an allein fortsetzte. Namentlich durch B-'s Thätigkeit und Verbindungen wurde dieselbe sehr bald eine der gehaltvollsten Zeitschriften. Seit 17 84 als Bibliothekar an der königlichen Bibliothek angestellt, erwarb er sich nicht geringe Verdienste um dieselbe theils durch Ordnen, theils durch zweckmäßige Bereicherung, theils dadurch, daß er sie dem allgemeinen Gebrauch öffnete. Er starb 1810. Barthe'lemy's „Reise des jungen Anachar- sis" hat er übcrsetztund mit Anmerkungen begleitet (7 Bde.,Berl. 1792—93). Bievre (Mare'chal, genannt Marquis von), bekannt durchseine witzigen Calembours, geb. zu Paris 1747, war der Enkel des Georges Mare'chal, eines der berühmtesten Chirurgen des 17. Jahrh., und diente im Corps der Musquetierc, einer adeligen Leibgarde der Könige von Frankreich. Als er Ludwig XV. vorgestellt ward, äußerte dieser den Wunsch, einen Calembour von ihm zu hören, „vonnex-moi mi sujet, sirs", sagte B. — „bsitss-en uu sur inoi." — „8ire, Is roi n'est z>s5 UN 8 uj et", war die Antwort B.'s. Zur Wiederherstellung seiner Gesundheit reiste er 1789 in die Bäder nach Spaa und starb zu Ansbach 1792. Nachdem er das Trauerspiel „Vercin>;etorixe" (1770) und den „Vlmuuucb ckes calembourz" (Par. 1771) herausgegeben hatte, brachte er das Lustspiel in Versen „I-e söäucteur" (1783) auf die Bühne, welches sich lange auf dem Repertoire hielt, wiewol dasselbe in Plan und Ausführung ganz verfehlt war. Eine Sammlung seiner Witzspiele „IZievriclim" gab Dcville 1800 heraus. Bigamie heißt das Eingehen einer zweiten Ehe, während beide Theile oder doch der eine durch eine noch bestehende Ehe gebunden sind. Der Gesichtspunkt für dieses Verbrechen ist ein doppelter, der des Ehebruchs und der des Betrugs, wozu noch der unsittliche, gegen die Monogamie angehende Charakter hinzukommt. Die Bigamie ist stets strenger als Ehe- bruch bestraft worden, in dm neuern Gesetzbüchern meist mit Arbeitshaus oder Zuchthaus. In Frankreich wird sie mit zeitlicher Zwangsarbeit, in England seit 1829 nicht mehr mit Todesstrafe, sondern mit Transportation oder zweijährigem Gefängniß bestraft. Bignon (Louis Pierre Edouard, Baron), Pair von Frankreich und Mitglied des Instituts, einer der berühmtesten unter den neuern historischen und publicistischen Schriftstellern Frankreichs, war am 3. Jan. 1771 zu Guerbaville bei Meillcraye im Departement dcrNie- dcrseine geboren und studirte zu Paris im College Lizieux. Gleich vom Anfänge an feurig für die Revolution sich interessircnd, ohne deshalb deren Ausschweifungen zu billigen, trat er als gemeiner Soldat ein, als es galt, das Vaterland zu vcrtheidigen. Seit 1797 arbeitete er im diplomatischen Fache. Er war 1801 als Lcgationssecrctair und 1802 und 1803 als Geschäftsträger in Berlin, dann bis 1806 bevollmächtigter Minister am kasseler Hose, wo er L 56 Bigot Bilbao > noch am Tage vor der Schlacht bei Jena dem Kurfürsten einen Neutralitätsvertrag mit Frank- , reich vorschlug, den aber dieser ablehnte. Nach dem Einrückcn der franz. Truppen in Berlin wurde er zum kaiserlichen Cvmmissar bei den preuß. Behörden ernannt und leitete hierauf bis 1808 die Verwaltung der Domaincn und Finanzen in den besetzten Ländern. Nachdem er 1809 bevollmächtigter Minister hei dem Großherzog von Baden geworden, ward er noch in demselben Jahre zumGencraladministrator in Ostreich ernannt und erhielt dann eine schwierige Sendung mit geheimen Aufträgen nach Warschau, wo er fast drei Jahre blieb. Bei der Eröffnung des Feldzugs von 1812 wurde er kaiserlicher Commissar bei der provisorischen Regierung in Wilna, und nach dem Rückzüge aus Rußland löste er de Pradt in dem Gesandt- , schaftsposicn zu Warschau, den dieser inzwischen begleitet hatte, wieder ab. Später begab er - sich in das franz. Hauptquartier nach Dresden und blieb daselbst mit den übrigen Mitgliedern des diplomatischen Corps auch während der Belagerung bis zur Kapitulation. Nach seiner Rückkehr nach Frankreich, wo er zuerst am 7. Dec. 1813 dem Kaiser Murat's Abfall meldete, lebte er auf dem Lande. Während der ersten Restauration schrieb er sein „Expose comparatik de I'etat lmancisl, miiitairs, poütique et moral de la Kranes et des prin- cipales puissances de I'Kurope" (Par. 1815), in welchem er große Einsichten, sich aber auch als echten Franzosen aus der Napoleon'schen Schule zeigte. Während der Hundert Tage ernannte ihn Napoleon zum Unterstaatssecretair im Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten und nach der Schlacht bei Waterloo zum Minister dieses Departements. Nach der zweiten Restauration ward er 1817 zum Deputieren erwählt. Als solcher sprach er gegen die Ausnahmegesetze und für die Zurückberufung der Verbannten; auch war er ein eifriger Verthci- diger des-Wahlgesetzes. Viel Aufsehen machten zunächst seine publicistischen und politischen Schriften, z. B- „Loup d'oeil sur les deuielös des conrs de Laviörs et de Lade" (Par. 1818), „Des proscriptions" (3 Bde., Par. 1819—20), worin er den Kampf der Freiheit ! gegen jede Art der Tyrannei schildert, „Du conAres de Troppau" (Par. 1821), „Lettre j sur les dilkerends de la maison d'^nbalt avec laKrusss" (Par. 1821) und „Les ealiinots et Iss penples" (Par. 1822). Nach dem Wunsche des Kaisers Napoleon IN dessen Testamente schrieb er die „blistoire de Kranes, dspuis le I8lirumaire(1799) jusgii'ä la paix de Tilsit" (7Bde., Par. 1827—38; deutsch von Hase, 6 Bde., Lpz. 1830—31) und deren Fortsetzung, die „Lisloirs de Kranes, depuis la paix de Tilsit jnsrpi'en 1812" (3 Bde., Par. 1838; deutsch von Alvcnsleben, 6 Bde., Meiß. 1838—30). In den Julitagen 1830 i ward er von der provisorischen Regierung zum Minister des Auswärtigen und am II. Aug. von Ludwig Philipp zum Mitgliedc des Ministerraths ernannt; doch schon im Nov. 1830 schied er wieder aus dem Ministerium. Nach dem Siege der Doctrinaires trat er entschieden zur Opposition, und wiederholt erklärte er sich sehr energisch in der Deputirtenkammer, der er von 1817 bis zu seiner Erhebung zum Pair, im J. 1837, angehörtc, gegen die in der Leitung der auswärtigen Politik von dem Ministerium befolgten Grundsätze. Er starb in Paris am 7. Jan. 1841. i Bigot und Bigoterie stammt aus dem Französischen, wo es einen Scheinheiligen, > die Scheinheiligkeit bezeichnet, d. i. das scrupulösc Beobachten religiöser Gebräuche mit Verle- tzung der religiösen Moral. Im Deutschen bezeichnet Bigoterie nicht sowol die Scheinheiligkeit oder den Phgrisäismus, als vielmehr die übermäßige Strenge im Festhalten der kirchlichen Gebräuche und kirchlichen Vorstellungen, verbunden mit Unduldsamkeit gegen alle Andersdenkende. Der Ursprung des Worts ist ungewiß. Bilanz, vom ital. dilancia, d.h. Wage oder Gleichgewicht, nennt der Geschäftsmann die monatliche oder jährliche Schlußrechnung über Einnahme und Ausgabe, um Gewinn und Verlust, Federungen und Schulden gegeneinander zu halten und die Hauptsummen einander gleich zu machen, indem man Das, was der einen Hauptsumme fehlt, unter dem Ausdrucke pro saldo, d. h. zum Abschluß, hinzurechnet. Das Buch, worin diese Schluß- , rechnung oder der -Abschluß geführt wird, heißt Bilanzbuch. Bilbao, die Hauptstadt der baskischen Provinz Biscaya, eine deutsche Meile von der See, am schiffbaren Bilbao oder Dbaichalval, d. h. enger Fluß, wurde 1300 von Don Diego Lopez de Haro gegründet. Sic ist gut gebaut, hat etwa 15000 E., fünf Pfarrkirchen, eine -Schiffahrtsschule, einen schönen Quai, eine Wasserleitung, ein Arsenal, eine Segeltuch- 357 Bild manufaclur, viele Gerbereien mw Tauspinnereien, eine Ankerschmicde, vier Kupferhammer u. s. w. Ungeachtet ihrer Entfernung vom Meere ist der Handel in B. sehr bedeutend; die großen Schiffe gehen bei Portugalleta, drei Meilen weiter unten, und in Ölaviaja vor Anker, die kleinern aber fahren auf dem Maichalval bis B. Im Durchschnitte kommen jährlich 5—600 größere und kleinere Schiffe an. Hauptgegenfland der Ausfuhr ist span. Wolle; das nördliche Europa erhält von hier aus Kastanien, Öl und Wein. Mit den über B. ein- geführten fremden Fabcikartikeln wird ganz Nordspanien versorgt. Unter den dasigen Handelshäusern, deren man über 200 zählt, gibt es mehre deutsche, böhmische und irländische. B. hatte besonders in den Kriegen mit Frankreich zu leiden, so wurde es 1705 und dann wieder 1808 von den Franzosen genommen, die es bis 1813 besetzt hielten. Während des letzten Bürgerkriegs war es, nachdem cs 1835 tapfer gegen Zumala-Carreguy sich gewehrt hatte, der Punkt, von wo aus die Engländer den Spaniern hülfrciche Hand leisteten. Bild nennt man im Allgemeinen die Darstellung Dessen, als was ein Gegenstand erscheint, abgesehen von der Existenz desselben. So nennt man ein Portrait ein Bild, weil es die Gestalt, die Züge eines Menschen darstellt, ohne dieser Mensch selbst zu sein; in demselben Sinne spricht man von Spiegelbildern, Bildern der Gegenstände auf der Netzhaut des Auges u. s. w. Insofern also Bilder überhaupt den abgebildetcn Gegenständen (den Originalen) gegenüberfichcn, hält die gemeine Ansicht auch die sinnlichen Vorstellungen der uns umgebenden Dinge für Bilder der Gegenstände und spricht von sinnlichen Eindrücken der Objecte, durch welche diese Bilder entstehen. Da sich aber die Fortpflanzung dieserBilder durch die Organe der sinnlichen Wahrnehmung, z. B. durch die Sehnerven, physiologisch auf keinerlei Weise Nachweisen läßt, so hat die ältere Psychologie die Gestaltung der Sinnes- wahrnehmungcn aus ein besonderes Vermögen, die Einbildungskraft (s. d.), zurückführen zu können geglaubt. Dies schien um so nothwendiger, als die Gestaltung der Vorstellungen und Gedanken keineswegs ausschließcnd an die unmittelbare sinnliche Empfindung gebunden ist, sondern in den unwillkürlichen Verflechtungen der Gedankcn- spicle, wie in der Ausbildung wissenschaftlicher Gedankenreihen, in der freien Verfolgung selbstgebildeter Plane, wie in den künstlerischen Darstellungen aller Art von einer frcibil- denden, productiven Kraft getragen zu werden scheint, wie denn auch die Worte vorbildcn, umbildcn, ausbildcn auf eine solche freie Gestaltung Hinweisen. Zn der letzter« Hinsicht steht nun dasBild nicht der Sache, sondern als Abbild und Nachbild dem Ürbildc entgegen, d. h. dem innerlich in der künstlerischen Anschauung Vorgebildeten, der Idee, welche in der äußern Erscheinung dargestcllt werden soll. So aufgcfaßt ist eine Statue, ein Gemälde, selbst ein Gedicht ein Bild, dessen Vortrefflichkeit an einem idealen Maßstabe, dem Urbilde, gemessen wird. Vorzugsweise nennt man jedoch die sichtbaren Darstellungen räumlicher Gegenstände Bilder, daher unter den bildenden Künsten vorzugsweise die Plastik und Malerei verstanden werden. Bei der Beurtheilung ihrer Darstellungen wird daher vorzüglich zweierlei in Betracht kommen; die Treue und Naturwahrheit einerseits, die Schönheit und der ästhetische Werth des Bildes andererseits. Die erste ist möglich ohne die zweite; die zweite aber nicht ohne die erste, weil der Mangel derselben für den Auffassenden immer störend sein wird. Der bildliche Ausdruck in der Rhetorik ist dem eigentlichen entgegengesetzt und besteht darin, daß man sich der Vorstellung eines sinnlichen Gegenstandes, welcher wesentliche und gesetzmäßige Beziehungen auf einen andern hat, bedient, um entweder die Vorstellung gewisser Merkmale des letzter» mit desto größerer Leichtigkeit und Wirkung zu erregen, oder doch den Eindruck der durch die eigentliche Bezeichnung schon erregten Vorstellung desselben durch höhere Vcrsinnlichung zweckmäßig zu verstärken. Im weitern Sinne ist auch der sinnliche Ausdruck bildlich, und in diesem Sinne wird oft die poetische Sprache, weil sic das Concrete liebt, Bildersprache überhaupt genannt, obgleich die wahre Poesie nicht blos darin, am allerwenigsten aber in der Überladung von Bildern besteht. Oft bedienen wir Ms der bildlichen Darstellung zur Einkleidung von Wahrheiten und Begriffen, tim das Gemüth, indem es durch die bildliche Form auf eine anmuthigc Weise erregt wird und an der Schönheit der Rede sich ergötzt, für den Samen der Wahrheit empfänglich zu machen. Aus. diesir Quelle entspringen sinnbildliche Darstellungen, Metaphern, Parabeln, Fabeln und mehre rednerische Figuren. Bei der Wahl der Bilder muß man vorzüglich daraus sehen, 2ö>8 Bildende Künste Bilderdienst daß sie aus einem Kreise von Dingen hergenommcn werden, welcher Denen vollkommen bekannt ist, für welche man sic gebraucht, und daß eine wirkliche, dem Gebildeten sogleich einleuchtende Übereinstimmung zwischen ihren Merkmalen und den Merkmalen der eingeklcide- ten Sache herrsche, worin schon Homer als Meister erscheint. Das Bild muß überhaupt keine Wirkung hcrvorbringen, welche derjenigen, die man beabsichtigt, widerstreben würde; cs muß im Gegentheile Gefühle erregen, die mit demHauptgcfühle, welches man beabsichtigt, übercinstimmen. Man unterscheidet aber, als zwei Claffen poetischer Bilder, die Vergleichung und in ihrer Ausführung auch das Gleichniß und die Parallele, wo das Bild als Gcgenbild neben den Gegenstand gestellt wird, und das Bild, welches ganz an die Stelle des Gegenstandes tritt, den Tropus. (S. Tropen.) Bildende Künste heißen im weitesten Sinne die sämmtlichcn Künste, welche durch feste körperliche Formen oder durch die Andeutung solcher darstcllen; zu ihnen gehören somit die Baukunst (s. d.), die Bildhauerkunst (s. d.) und die Malerei (s. d.) nebst dem Zeichnen und ähnlichen Künsten. Im engern Sinne pflegt man die Baukunst von dem Begriff der bildenden Künste auszuschließen; auch hat man, obschon minder paßlich, diesen Begriff noch weiter cinzuschränken gesucht, indem man darunter nur die verschiedenen Gattungen der Bildhauerkunst verstehen wollte. Bilderdienst und Bilderverehrnng steht in genauer Verbindung mit Götzendienst, indem es für den ungebildeten Verstand sehr schwer ist, das Bild von dem durch dasselbe dar- zestclltcn, unsichtbaren Gotte zu unterscheiden. Nur wenige Männer des classischen Alter- rhums, wie Platon und Seneca, vermochten sich so weit über die herrschende Ansicht ihrer Zeit zu erheben, daß sic die Verehrung lediglich auf die im Bilde dargestellten Götter bezogen. Auch die Hebräer, obschon die mosaische Gesetzgebung es verbot, Iehovah unter einem Bilde zu verehren, huldigten während ihres Aufenthalts in Ägypten dem Bilderdienst. Darauf weisen auch hin das goldene Kalb, welches Aaron während desZugs durch dieWüste zur Verehrung aufstellte, und die eherne Schlange, die Moses fertigen ließ. Erst in Palästina erhoben sie sich, namentlich unter David und Salomo, zur reinen Verehrung des unsichtbaren Zehovah ohne bildliche Darstellung desselben. Als aber nach Salomo's Tode das Reich sich spaltete, führte König Jerobeam in Israel den Bilderdienst gesetzlich ein und ließ zu Bethel und Dan goldene Kälber aufstellen. Wenn auf solche Weise die Israeliten dem Götzendienst nahe kamen, so wurden sie doch auch wieder durch den Bilderdienst abgehal- ren, in Äbgötterei zu verfallen, was im Reiche Juda der Fall war, wo der Bilderdienst wenig Eingang fand. Die babylonische Gefangenschaft führte die Juden wieder der reinen Gottesverehrung zu, und ihre Scheu vor jeder Abbildung des Heiligen und Göttlichen ging auch in die erste christliche Kirche über, die die plastische Kunst geradezu als heidnisch verdammte. Mit dem vermehrten Übertritte der Heiden zum Christenthum wurde es allmälig Sitte, die Bildnisse berühmter Märtyrer und Lehrer als Andenken, sowie Darstellungen aus der biblischen Geschichte zum Schmucke der Kirchen in denselben aufzustellcn. Mit ihr war auch dem Bilderdienste der Eingang in die christliche Kirche geöffnet, der ungeachtet wiederholter Verbote, bereits im 6. Jahrh. in der morgenländ. Kirche in vollkommenen Götzendienst ausartete. Man stellte sogenannte Ewige Lampen vor den Bildern auf, beugte die Knie vor ihnen, erwies ihnen dieselbe Ehre, die man früher den Heiligen, die sie darstellten, erwiesen hatte, und erzählte Wunder, die sie bewirkt haben sollten. Bald füllten sich alle Kirchen und Privathäuser mit den Bildern der Heiligen, besonders mit Christus- und Marienbilder. Im Anfänge des 8. Jahrh., als der Bilderdienst seine höchste Ausbildung erhalten, verbreitete sich unter den orient. Griechen der höhern Claffen die Meinung, daß dadurch das alteHeidcn- thum unter der Maske der christlichen Religion sich einschleichcn wolle. Zu dieser Ansicht trugen vorzüglich die Araber sehr bei, welche nach den Grundsätzen Mohammed's alle Bilder verwarfen und die Christen der Abgötterei beschuldigten. Die größten Städte des orient. Kaiscrthums wurden nach der Reihe von den Arabern eingenommen, obschon jede derselben ein oder auch wo) mehre Bilder von Schutzheiligen besaß, die ihnen Sicherheit gegen die Ungläubigen versprochen hatten. Auch die noch immer mächtigen Gnostiker und Arianer trugen nicht wenig bei, daß der Bilderdienst, den sie als heidnisch verachteten, in immer liefern. Verfall gcrieth. Bilderdienst 359 Als Leo Hl., der Jsaurier, den Thron von Konstantinopel bestieg, ließ er, ein Feind alles Bilderdienstes, die Aufhebung desselben durch ein Concilium berathcn, wodurch der sogenannte Bilderstreit veranlaßt wurde. Das Concilium beschloß, die Unzahl von Bildern, die alle Kirchen füllten, zwar nicht wegzuschaffen, sondern zunächst so hoch zu hängen, daß sie von den Gläubigen kaum mehr gesehen werden konnten. Allein dieses hinderte Jene nicht, ihre Verehrung fortzusetzen, ja sie schien sogar durch dieses Hinderniß gesteigert zu werden. Nicht gewohnt, Widerstand zu ertragen, und durch den Pöbel gereizt, erließ der Kaiser im I. 726 ein zweites Edict, durch welches alle Bilder, mit Ausnahme der Christusbilder, aus den Kirchen weggebracht werden sollten. Die Statuen wurden zerschlagen, die Bilder verbrannt und die Wände der Kirchen übertüncht, um auch die letzte Spur der Bilderverehrung zu vertilgen. Die Gegner des Bilderdienstes wurden Jko- noklasten oder Bilderstürmer genannt, während jene Jkonodulen oder Jkonolatren, d.h. Bilderverehrer, hießen. Leo's III. Sohn, Konstantin Kopronymus, verfuhr mit noch größerer Strenge gegen den Bilderdienst als der Vater. Auf seinen Befehl versammelte sich das siebente allgemeine Concilium 754 in Konstantinopel und erklärte alle Bildnisse derHeiligen für Blasphemien und Ketzereien, trug auf eine allgemeine Zerstörung derselben im ganzen Lande an und belegte alle Widerspenstigen mit den härtesten geistlichen und weltlichen Strafen. Konstantin ging so weit, bei diesen Strafen persönlich gegenwärtig zu sein und mehre der Verurtheilten mit eigener Hand zu verstümmeln und zu Tode zu martern. Der allgemeine Haß seiner Unterthanen war der Lohn seines wüthcnden Eifers, und die Geschichtschreiber seiner Zeit können nicht Ausdrücke genug finden, ihren Abscheu gegen diesen Antichrist, blutdürstigen Tiger und giftigen Drachen, wie sie ihn nennen, auszusprechcn. Die Ausführung seiner Befehle war von häufigen Aufständen und Tumulten begleitet, bei welchen die kaiserlichen Beamten und der Kaiser selbst oft in große Gefahr kamen. Die über diese Bilderstürmerei erbitterten Griechen rüsteten Flotten und Armeen gegen ihren Monarchen aus, der eine Zeit lang vom Throne vertrieben, denselben sehr bald wieder mit Gewalt der Waffen eroberte. Die Mönche standen an der Spitze aller dieser Empörungen; deshalb wüthete auch der Kaiser gegen sie am furchtbarsten. Er ließ ganze Orden verjagen und ihre Mitglieder den schmählichsten Tod sterben. Endlich schienen die Griechen müde zu werden und sich unterwerfen zu wollen; nicht so die Christen im Abendlandc, besonders die Bewohner Italiens. Im Abendlande hatten die Päpste schon seit längerer Zeit nach Unabhängigkeit gestrebt, daher benutzten sie diese ihnen willkommene Gelegenheit, ganz Italien außerdem Bereiche des griech. Kaisers zu erklären, und zwar um so mehr, da der Kaiser in den Bildern das Heiligthum der wahren Religion angegriffen und sich als einen Schismatiker und Ketzer gezeigt hätte. Gregor II. und Hl. erklärten die röm. und die griech. Kirche für getrennt, und trennten dadurch zugleich auch in politischer Hinsicht den Westen von dem Osten. Konstantin überzog Italien mit Krieg, in Folge dessen die Republik Rom als unabhängig vom dem griech. Kaiser erklärt wurde. Konstantin s Sohn, Leo IV., der 773 zur Regierung gelangte, theilte hinsichtlich des Bilderdienstes ganz des Vaters Ansichten; seine Gemahlin und Nachfolgerin, Irene, die ihm 780 Gift befrachte, führte, dem Volkswillen nachgebend, die Bilder wieder ein. Nach der Verweisung Jrcne's im 1.802 sing der Bilderstreit unter ihren bigotcn Nachfolgern von neuem an. Jrcne's Nachfolger Nicephorus entfernte zwar die Bilder aus den Kirchen, doch durften die Bilderverehrcr nicht verfolgt werden. Endlich nach langem und blutigem Streite stellte die Kaiserin Theodora nach der 840 in Konstantinopcl gehaltenen Kirchenversammlung den Bilderdienst der griech. Kirche wieder her, welche Verfügung durch eine zweite Kirchenversammlung im 1.870 bestätigt ward. Vgl. Schlosser, „Geschichte der bilderstürmenden Kaiser" (Franks. 1812). Im occident. Reiche, das sich an den Ausspruch Papst Gregor's lll. hielt, der 732 alle Bildcrfeinde in den Bann that, fand der Bilderdienst, jedoch nie in so ausgedehnter Weise als im Oriente, insbesondere seit dem 0. Jahrh. größere Verbreitung, wo mehre Päpste denselben begünstigten. Übereinstimmend mit der griech. Kirche, unterscheidet die römische nach den Beschlüssen des tridcntiner Concils zwilchen Anbetung, welche blos dem Göttlichen allein gebühre, und Verehrung, welche als ein höherer Grad der Achtung den durch Bilder dargcstellken Heiligen zu erweisen sei. S6V Bildcrdijk Bildgießerei Übrigens duldet die griech. Kirche nur gemalte oder ausgelegte Bilder der Heiligen, von l denen aber auch in jedem Hause wenigstens eins vorhanden ist, während die röm. Kirche / auch Statuen und andere plastische Werke zuläßt. Luther erklärte sich anfangs entschieden gegen den Bilderdienst; doch sprach er dann bei Karlstadt's Bilderstürmern für die Beide- ! Haltung der Bilder zum Schmucke der Kirchen. Die Neformirtcn und Mohammedaner dulden durchaus keine Bilder in den Kirchen, wie denn bei Letzter« cs sogar verboten ist, ein lebendes Wesen zu einem ander» Zwecke als dem der Verehrung abzubildcn. Vgl. Wesscn- berg, „Die christlichen Bilder, ein Beförderungsmittel des christlichen Sinnes" (2 Bde., Konstanz 1827) und Grüneisen, „Über bildliche Darstellung der Gottheit" (Stuttg. 1828). Bildcrdijk (Willem), classischer holländ. Dichter, gcb. zu Amsterdam am 7. Sept. 1756, entwickelte trotz schwankender Gesundheit seine ausgezeichneten Anlagen sehr schnell und gewissermaßen als Autodidakt, was nicht ohne Einfluß auf sein ganzes Leben war. Er studirte in Leyden die Rechte namentlich unter der Leitung van der Kcessel's, und prakti- cirte dann im Haag. Ein enthusiastischer Anhänger des Erbstatthaltcrs, verließ er sein Vaterland nach der Besetzung desselben durch die Franzosen und begab sich nach Braunschweig und dann nach London, wo er Vorlesungen über Recht, Poesie und Literatur hielt. In dieser Zeit machte er sich als juristischer Schriftsteller durch die „Obsorvutionss ot omenckutiones juns" (Braunschw. 1806) bekannt, die er später neu bearbeitete und fortsetzte (2 Bdc.,Lcyd. 1820). Im I. 1806 kehrte er nach Holland zurück, wo ihn König Ludwig zu seinem Lehrer in der holländ. Sprache und zu einem der ersten Mitglieder des damals errichteten Nationalinstituts ernannte. Nach der Restauration verlor er seine Pension. In den letzten Jahren seines Lebens wendete er sich nach Hartem, wo er am 18. Dec. 1831 starb. Wie in der Jurisprudenz, so hatte er sich auch in den alten und mehren neuern Sprachen, in der Geschichte, Alterthumskunde, Geographie und Geologie, in der Theologie, ja sogar in der Mediän gründliche Kenntnisse erworben. In der Poesie sah er seinen Ruf begründet, nachdem er seit ' 1776 wiederholt durch Preise der Leydener gelehrten Gesellschaft geehrt worden war, und in der ' That zeichnen sich seine zahlreichen Dichtungen aus durch Rcichthum an Ideen und herrlichen dichterischen Bildern, ungewöhnliches Feuer, große Reinheit des Stils und seltene Eleganz der Diction. Er war Lyriker, Erzähler, Tragiker und versuchte sich in fast allen Dichtungsarten. Die berühmtesten seiner größer» Dichtungen sind „Do riolltou der gelooräeu", ein Meisterstück der Poesie; „1)s stiirrenbemsl"; das unvollendete Epos „Omleigang 6er eerstoii vrerelä", worin das Gebet Kain's bei der Geburt seines ältesten Sohns für unübertrefflich gehalten wird, und das nach der Befreiung Hollands 1813 geschriebene Gedicht „Hollands verlossing", dem an Feuer, Kraft und Begeisterung vielleicht kein Gedicht aus jener denkwürdigen Zeit gleichkommt. Die im Manuscript von ihm fast vollendete, im aristokratischen Sinne gehaltene Geschichte seines Vaterlandes wurde von seinem Freunde Tijdemannin Leyden untcrdemTitcl„I lolla»i>sc.I>« lästorie" (Bd. I — 12, Leyd. 1832—39) herausgegeben und mit vielen Anmerkungen im gemäßigt liberalen Sinne begleitet. — ! Seine zweite Gemahlin, Katharina Wilhelmina, ist ebenfalls eine der ausgezeichnetsten Dichterinnen. Ihre Poesien sind theils mit den seinigen, theils einzeln erschienen, Ihr Ge- i dicht auf die Schlacht bei Waterloo wurde mit dem Preise gekrönt, und ihre Übersetzung von Southey's „Lotlsrick" gilt für ein wahres Meisterstück. Bildgießerei oder Rothgießerei, eine Tochter der Plastik oder Bildformkunsi im engern Sinne des Worts, besteht darin, daß über dem aus einer weichen Masse mo- dellirten Bildwerke eine Form genommen und diese durch geschmolzenes Metall gefüllt wird, um auf solche Art das Bildwerk auf bequeme Weise in einem unvergänglichen Stoffe herzustellen. Die großen Vorthcile dieser Technik beruhen darauf, daß die eigentlich künstlerische Thätigkeit nur auf das weiche Material des Modells angewiesen bleibt, sich somit unbehindert und leicht entfalten kann, und däß bei den Darstellungen eine viel größere Lebhaf- ( tigkeit der Bewegung, überhaupt eine größere Freiheit, als etwa beim Steine, »erstattet ist, ^ indem man das Gewicht der Metallmasse im Gusse nach völlig freier Berechnung auf die angemessensten Punkte vertheilen kann. Das vortheilhafteste Material zum Gusse bildet die'Bronze, eine Mischung, die besonders aus Kupfer und einem Thcile Zinn besteht; bei den Griechen, welche die Bronzearbeit zu einer hohen Vollendung brachten, war die gewöhn» Bildhauerkunst 061 liche Mischung die, daß aus l 0U Pf. Kupfer etwa l 2'/, Pf. Zinn kamen. In der ältesten Zeit wurden die Metalle mit dem Hammer behandelt; allein schon in den Frühzciten der griech. Lunstübung kam der Brouzcguß zur Anwendung; seine Erfindung oder doch erhöhte Aus» dildung wurde dem Rhökus und Theodorus von Samos, im Zeitalter des Cyrus, bcige- mcssen. Man verfertigte zum Theil sehr große Bronzcwcrke; doch goß man zu Anfang nur einzelne Theilc, die man sodann durch eine Art Klammern, die sogenannten Schwalbenschwänze, zusammenfügte. Erst später gelangte man dazu, ganze Figuren in einem Gusse herzustellen. Seine vorzüglichste Blüte erreichte der Brvnzcguß in den peloponnesischen Schulen. Mit dem Verfall der antiken Kunst verschwand auch die höhere Ausbildung dieses Kunstzweiges; er kam zwar das Mittelalter hindurch noch häufig zur Anwendung, aber man vermochte weder größere Darstellungen in Einem Gusse zu fertigen, noch das Metall leicht und dünn in die Form zu fügen, noch auch die letztere in vollkommener Schärfe und Feinheit auszufüllen. Erst seit dein Ende des Mittelalters und namentlich in neuester Zeit hat man hierin wieder sehr vorzügliche Leistungen hcrvorgebracht. Außer der Bronze hat man sich auch, wiewol nur selten, der edlern Metalle zum Gusse bedient. In neuerer Zeit sind namentlich Eisen und Zink häufig zur Anwendung gekommen, zumeist aber nur für mehr decorative Zwecke; hierin liefert hauptsächlich Berlin ausgezeichnete Arbeiten. Des Eypscs, der mit der Dauerhaftigkeit der Metalle nicht verglichen werden kann, bedient man sich zur leichtern Vervielfältigung bildnerischer Arbeiten. Bildhauerkunst im weitern Sinne und in diesem auch Bildner ei genannt, bezeichnet die Kunst, welche cs nüt der räumlichen oder körperhaften Darstellung von Gegenständen zu thun hat, deren Vorbilder in der Natur vorhanden sind oder die den natürlichen Organismen gemäß erfunden werden. Diese Darstellung geschieht auf verschiedene Weise, indem die Gegenstände theils rund, in vollkommen freier, abgeschlossener Körperlich-" keit erscheinen (s. Bosse), thesls nur durch geringere oder stärkere Hervorhebung aus der Fläche angedeutet werden. (S. Relief.) Nach dem Material, dessen man sich zur Herstellung bildnerischer Werke bedient und nach dessen Behandlungsweise thcilt man die Bildhauerkunst ein in die Plastikfs.d.) oder Bildformkunst, in die Bildgießereifs. d.), in die Kunst getriebener Metallarbciten (s. Toreutik), in die Bildschnitzerei (s. d.), in die Sculptur oder Bildhauerkunst im cngern Sinne, in die S t e in sch n ei d e ku nst (s. d.) oder Glyptik, in dieStempelschneidekunst (s. d.) u. s. w. Es ist jedoch zu bemerken, daß für diese Benennungen, wie bei dem Worte der Bildhauerkunst selbst, der Sprachgebrauch nicht überall ganz feststeht, und daß man namentlich die Worte Sculptur und Plastik, selbst auch Toreutik, in demselben weitern Sinne gebraucht wie Bildhauerkunst. Die Ursprünge der Bildhauerkunst im weitern Sinne des Worts liegen außerhalb der Grenzen der Geschichte; wir baben darüber nur einzelne verlorene Andeutungen unter den alten Schriftstellern und können davon nur eine Anschauung aus den Werken solcher Völker gewinnen, die in jüngern Zeitaltern noch die niedrigsten Stufen der Cultur bewahrt hatten. Einer jugendlichen Phantasie genügt das einfachste Denkmal, ein roher oder vielleicht nur wenig bearbeiteter Stein, zur Bezeichnung der besonder«, göttlichen oder menschlichen, Individualität. Die Schriftsteller des Alterthums erzählen uns, daß man solchem rohen Gebilde zunächst eine Andeutung des menschlichen Hauptes, das Symbol des geistig individuellen Lebens, hinzugefüat habe. Darstellungen dieser Art wurden von den Griechen mit dem Worte Herme benannt, und sie erhielten sich, cigenthümlich ausgebildet, auch in den Zeiten einer höhern Kunstübung in Gebrauch. Charakteristische Versuche, zu einer bildnen- schen Darstellung zu gelangen, sind uns besonders in den Denkmälern auf mehren Inseln des Großen Occans, namentlich auf den Sandwichsinfeln, erhalten; auch bei diesen Versuchen ist die Darstellung des menschlichen Hauptes, oft zwar noch in seltsam phantastischer Andeutung, die Hauptsache. Weitere Stufen der Entwickelung gewahren wir bei den Bildwerken der alten Völker im südlichen und namentlich im Mittlern Amerika; cs scheint, daß man hier in einzelnen Fällen von der noch erst rohen Andeutung bereits zu einer bc- achtenswerthen Ausbildung vorgeschritten sei, sowie selbst schon die Ausartung einer national- alterthümlichen Richtung bei ihnen gefunden wird. Eine höhere, großartig umfassende Anwendung der Bildhauerkunst tritt uns zuerst, und zwar bereits in der Frühzeit der Ge» 362 Bildhauerkunst schichte, bei den Ägyptern entgegen. Höchst ausgebildet in der Technik, sodaß sie die größten Kolosse aus dem härtesten Stein in der reinlichsten und saubersten Behandlung herzustellen vermochten, erscheint bei ihnen zugleich ein sehr bedeutsames Gefühl für den körperlichen Organismus, das in einzelnen Theilen der menschlichen Gestalt, namentlich im Kopfe, und noch mehr in den Thicrbildungen wahrhaft bewundernswürdig ist. Dennoch waltet in der ägypt. Bildnerci durchweg ein architektonisch starres Gesetz vor; zu einem selbständig freien Leben, zu einer individuell gültigen Äußerung des Geistes vermögen auch ihre Werke sichnochnicht zu erheben. In der Kunst des ostindischen Alterthums erscheint mehr geistige Bewegung, mehr poetisches Leben, und einzelne von den Sculpturen der dortigen Felsentempel zeigen ebenfalls eine sehr bedeutsame Durchbildung; hier aber fehlt es wiederum an ^ Maß und Ruhe, und die Bildwerke gewinnen demzufolge meist ein schwülstiges, phantastisches, selbst barockes Wesen. Das westliche Asien hatte im Altcrthum einen reichen Betrieb an bildnerischen Arbeiten in kostbaren Metallen; erhalten ist uns hier jedoch kaum etwas Anderes als die allerdings sehr merkwürdigen Sculpturen an den Ruinen des pers. Reichspalastes von Persepolis, die durch eigenthümlich gemessene Bchandlungsweise anziehcn. Hoch über alle übrigen Leistungen des Alterthums stieg die Bildhauerkunst bei den Griechen empor. Die Richtung des griech. Volksgeistes, welcher das Irdische als unmit telbaren Ausdruck des Göttlichen nahm und durch Läuterung oder Jdealisirung des ersten das letztere darzustellen strebte, fand in dieser Kunst ein vorzüglich angemessenes Feld zur Thätigkeit. Schon in der noch mythischen Frühzeit der griech. Geschichte finden wir den Sinn für edle Naturbeobachtung in jenem Steinrelief der beiden Löwen an dem von ihnen benannten Löwenthor zu Mykenä. In den Jahrhunderten der spätem Entwickelung des ! griech. Lebens, nach der Einwanderung der Dorier, fehlt es uns vorerst an bestimmten Nachrichten und an erhaltenen Denkmale»; vom Ende des 7. Jahrh. v. Ehr. ab treten uns jedoch die umfassendsten Zeugnisse eines reichen und folgereichen künstlerischen Betriebs entgegen. , Derselbe besteht zunächst in der Anfertigung prächtiger Weihgcschcnke für die Tempel, zumeist Gefäße und Geräthe der verschiedensten Ärt. Hierin waren besonders die Künstlerschulen von Samos und Chios ausgezeichnet, welche die Technik der Metallarbeit durchbildeten. Die Lade der Kypseliden und der Thron des Apollon zu Amyklä, der letztere von Bathykles gefertigt, waren die berühmtesten Werke dieser Art. Dann schreitet auch die Bildung des menschlichen Körpers, besonders für die Darstellung von Göttern und Heroen, vor. Früher waren die Götterbilder roh aus Holz geschnitzt gewesen, jetzt fügte man ihnen Kopf und Hände aus dem edlem Stoffe des Marmors an, wobei das Holz ohne Zweifel vergoldet ward, oder man arbeitete das Nackte ausElfenbein und das Gewand ganz aus Goldblech. Mehr und mehr kam der Marmor in Aufnahme, ebenso auch der Bronzcguß. Die gymnastischen Spiele gaben dst Anschauung des nackten Körpers in seiner edelsten Entfaltung und Gelegenheit zum gründlichen Studium. Die Ehrenstatuen, welche den Siegern in den gymnastischen Spielen gesetzt wurden, führten zur freien Darstellung des nackten Körpers. Zu Ägina, Argos, Sicyon, Athen u. s. w. entwickelten sich bedeutende Schulen; Dipö- i nos und Skyllis, Kallon, Onatas, Kanachos, Agcladas u. A. werden uns als vorzügliche ' Meister genannt. Das 6. Jahrh. v- Ehr. und der Anfang des folgenden bezeichnen die Zeit der eigenthümlichen Entwickelung der griech. Bildnerei, in welcher sie die Bande eines architektonisch strengen, schematischen Stils mit immer steigendem Glück abzuwerfen bemüht war. Unter den wichtigsten Denkmälern dieser Zeit sind die Sculpturen der altem Tempel von Selinunt in Sicilien und die des Minerventempels auf Ägina, die letztem gegenwärtig in der Glyptothek zu München, anzuführen. Das Zeitalter des Periklcs ist die Epoche der ersten höchsten Entfaltung der griech. Bildhauerkunst, die Epoche, in welcher göttlich hoher Ernst und Majestät mit innigster Belebung sich zur geläuterten Harmonie verschmolzen hatten; in dieser Zeit wurden die ersten künstlerischen Typen für alle Folgezeit fest- , gestellt. Vor allen Meistern dieser Zeit ragt Phidias (s. d.) von Athen empor, dessen Pal- ^ lasbilder, besonders das Standbild im Parthenon und die Pallas Promachos aufdem Platze der athenischen Akropolis, und dessen Zeus zu Olympia in noch höherm Grade die unmittel- ' bare Nähe der Gottheit verkündeten. Unter seinen Schülern sind besonders Alkamencs und Agorakritvs ausgezeichnet. Als Werke seiner Schule haben sich zahlreiche Sculpturen, die zum ^ Bildhauerkunst 363 Tempelschmucke, besonders für das Parthenon, gearbeitet waren, für die Gegenwart erhalten. Im Peloponnes war gleichzeitig Polyklet, von Argos oderSicyon, höchst bedeutend und vornehmlich in der Darstellung jugendlicher Athleten berühmt. Als erhaltene Arbeiten peloponnesischer Sculptur sind die Bildwerke des Apollotempels von Bassä und die geringen Reste des Zeustempels zu Olympia zu nennen. Andere ausgezeichnete Meister dieser Epoche waren Myron (s. d.), Ktesilaos und Naukydes. Eine zweite Epoche der höchsten Blüte der griech. Sculptur fällt in das -1. Jahrh. v. Ehr. Zn dieser Zeit tritt an die Stelle jener ruhigen Erhabenheit die Darstellung einer stärkern Leidenschaftlichkeit, eines bewegter» Gefühls, eines lebhaftern sinnlichen Reizes. Hier ist zunächst Skopas von Paros zu nennen, f dessen Werke mehr das energische Moment dieser neuen Richtung, ein tieferes Pathos vergegenwärtigt zu haben scheinen. Aus seiner Richtung dürfte namentlich die Erfindung der berühmten Gruppe der Niobiden hervorgegangen sein. Etwas jünger ist Pr axiteles (s. d.) von Athen, der mehr den zartern Idealen zugewendet ist, daher die Bildungen der Aphrodite, des Eros und der lieblichem Gestalten des bacchischen Kreises ihm das für das Alterthum gültige Gepräge verdanken. Lysippus (s. d.), durch seine Portraitstatuen Alexander des Großen berühmt, bildete das Ideal des Hercules aus. In der spätem Zeit der griech. Kunst wurden die so gewonnenen Elemente auf mannichfache Weise, mit Modifi- cationen der einen oder der andern Art, nur mehr wiederholt als eigentlich neue Richtungen eröffnet. Doch strebte man in kunstreicher Gruppenbildung oder in feinster Naturbcobachtung die frühem Leistungen noch zu übertrcffen. Hierher gehören die von rhodischcn Künstlern gefertigte Gruppe des Laokoon in Vatican, die des farnesischcn Stiers zu Neapel, die Statuen sogenannter Fechter aus kleinasiatischen Künstlerschulen u. s. w. Die griech. Kunst in dieser ihrer spätem Gestaltung wurde nach N o m übertragen, nach- . dem bereits die Etrusker, die ältern Lehrmeister der Römer, ihre altcrthümlichc Strenge , und Herbigkeit nach dem Verbilde der griech. Kunst zu überwinden gestrebt hatten. Das erste Jahrhundert der röm. Kaiserherrschaft bezeichnet diejenige Periode, in welcher auch noch für den Luxus des Römerlcbens mannichfach edle und geistvolle Werke im griech. Charakter gearbeitet wurden, obgleich man es bei diesen Sculpturen doch schon bemerkt, daß die griech. Unschuld und Naivetät mehr und mehr zu verschwinden beginnt. Das vorzüglichste Werk dieser Zeit ist der sogenannte Apollon von Belvedere. Neben dieser Nachahmung der griech. Kunst entwickelte sich aber auch ein cigenthümlicher bildnerischer Stil bei den Römern, der zu sehr achtbaren Erfolgen führte. Derselbe betrifft die Bildwerke an ihren öffentlichen Monumenten, bei denen es im Ganzen ungleich weniger auf Jdealgcstalten als auf die Darstellung des realen, unmittelbar historischen Lebens ankam. Die Römer wußten hierbei das Leben der Gegenwart mit ebenso naiver Energie wie mit ruhiger Gemessenheit zu fassen, sodaß diese ihre Bildwerke, unter denen hier nur die des Titusbogens und der Trajanssäule genannt werden mögen, ihren edelsten Leistungen im Fache der Historiographie würdig zur Seite stehen. Die letzte Glanzzeit der antiken Sculptur fällt in die Zeit Hadrian's; nach > ihm sinkt sie schnell abwärts, und unter Konstantin erscheint sie bereits völlig roh und verdorben. , Gleichzeitig erscheinen die ersten Leistungen christlicher Bildnerei. Unter den erhaltenen Resten dieser Art sind besonders die Sarkophag-Sculpturen von Wichtigkeit; sie lassen in geistvoller Symbolik ein neues Lcbenöprincip erkennen, das selbst auch dem Äußern der Gestalten, mitten in den Zeiten der immer mehr schwindenden künstlerischen Kraft, auf kurze Zeit einen edlem Anflug gibt. Eifrige Pflege fand nunmehr die Bildncrei in Konstantinopel, während im Occident das selbständige Vermögen für alle bildnerische Darstellung unter den unausgesetzten Völkerstürmen immer mehr erlosch. Aber auch in der byzantinischen Kunst war kein eigentliches Lcbensgefühl mehr vorhanden; von den hochidcalcn undlcbcnsvollenTypen kehrte sie wiederum zu dem Gesetze eines starren Schematismus zurück, und bald war man , bis auf den Punkt gekommen, daß man statt auf den geistigen Adel der Form lediglich nur j aus den materiellen Adel des Stoffs sah. Wie in den Zeiten des orientalischen Alterthums strebte man besonders nach prunkvoll metallischen Zierden; im Zeitalter Karl des Großen waren auch die Hruptkirchen des Occidents damit überladen. Überhaupt scheint in Byzanz die Technik der Mctallarbeit geübt worden zu sein; eherne Werke, namentlich Kirchenportale YK4 Bildhauerkunst der Art, wurden von byzantinischen Meistern mehrfach für das Abendland, besonders für ! Italien gefertigt. Nach den dunklen Zeiten des früher» Mittelalters erwachte sodann auch im Occident aufs ^ neue der Trieb zu selbständigen bildnerischen Leistungen, und zwar zunächst in Deutschland, wo schon im It. Jahch. der heil. Bernward (s.d.) zu Hildeshcim bedeutende Erzarbeiten, die wenigstens für technische Übung zeugen, fertigen ließ. Bedeutender sind die deutschen Sculp- turen inStucco und Stein, welche im 12. und im Anfänge des 13. Jahrh. gearbeitet wurde». Die sächsischen Lande insbesondere enthalten mannichfach merkwürdige Werke solcher Art; die Sculpturcn von Wechselburg und von Frciberg im sächs. Erzgebirge sind Werke der groß- ^ artigsten Bedeutung. Dann folgt die Periode des gothischen Baustils, der zugleich die / regste Thätigkeit im Fache der Bildhauerei zur Folge hatte und dem entsprechend sich auch I im letzter» ein lebhafterer geistiger Drang, eine nwhr schwärmerische Auffassungsweise entwickeln mußte. Es fehlt nicht an interessanten Arbeiten dieser Zeit in Deutschland, wol aber an den Namen der Künstler; kaum sind andere als die Gebrüder Schonhofer in Nürnberg zu nennen. Um den Beginn des 15. Jahrh. findet man deutsche Sculpturcn, namentlich in Köln, von bewundernswürdiger Schönheit. Nach diesen tritt jener schärfere, mehr indivi- dualisircnde, zumeist aber auch mehr handwerksmäßige Stil ein, der besonders in Nürnberg an Adam Kraft (s. d.), um 1500, einen Vertreter findet; doch steht dem Letztem in höchst würdiger Richtung der Bronzegicßer Peter Bischer (s. d.) zur Seite. Eine sehr eigen- rhümliche Gattung deutscher Bildnerarbcit besteht in den aus Holz geschnitzten Altarwerken, an denen die Gewänder der Figuren vergoldet zu sein pflegen, während das Nackte, meist ganz vortrefflich, naturgemäß ist. Viele dieser Arbeiten sind nur mehr oder weniger handwerksmäßig gefertigt; neuere Forschungen haben jedoch auch unter ihnen Werke von hohem Kunstverdienst kennen gelehrt, so ist z. B. ein noch etwas alterthümlichcs Werk dieser Gattung der Schnitzaltar in der Kirche von Tribsees in Pommern, der sich durch wahrhaft ideale , Schönheit auszeichnet. Als namhafte Holzschnitzer im Anfänge des 16. Jahrh. sind Veit Stoß und Hans Brüggemann zu nennen. In Italien war ein höheres Leben im Fache der Bildhauerkunst erst um die Mitte des 13. Jahrh., vielleicht unter Einwirkungen von Deutschland aus, erwacht. Hier tritt Nicola Pisano (s. d.) als ein leuchtendes Gestirn plötzlich aus tiefer Nacht hervor; mit kühnen Schritten unternimmt er cs, sich der Antike zur Seite zu stellen. Sein Bestreben, das eigentlich außerhalb der geistigen Richtungen seiner Zeit lag, gewann zwar nicht eine umfassend persönliche Nachfolge, indeß hatteer den künstlerischen Trieb mächtig geweckt. Das 14. Jahrh. zählte in Italien bereits eine große Anzahl ausgezeichneter Künstlernamen Giovanni und Andrea Pisano (s. d.), Andrea Orcagna und viele Andere. Noch lebhafter war der Aufschwung der ital. Sculptur seit dem Beginn des 15. Jahrh., von welcher Zeit an sich ein energisches Studium der Natur sowol als der Antike geltend machte. Jacopo della Quercia, der berühmte Bronzegießer Lorenzo Ghibertiss. d.), Luca della Robbia und Donatello (s.d.) sind als die einflußreichsten Gründer dieser neuen Bestrebungen der ! Sculptur zu nennen. Ihnen schließt sich eine große Schar anderer, zum Theil ebenfalls sehr - verdienter Meister an. Ihren Höhepunkt gewannen diese Bestrebungen im Anfänge des! 6. Jahrh. In großartiger Würde erscheinen die Werke des Gio. Fr. Rustici und des Andrea Contucci, genannt Sansovino (s. d.); mächtiger noch, aber nicht frei von dem Ausdrucke einer schon gewaltsamen Sinnesart sind die Sculpturcn des Michel Angelo Buonarotti (s- d.). Dem Lchtcrn schloß sich die Mehrzahl der jünger» Bildhauer an, wie Benvcnuto C c l- lin i (s. d.), Jacopo Tatti, genannt Sansovino u. A. Wo diese Meister, bei solcher Nachfolge, ihre Individualität zu bewahren wußten, da waren ihre Arbeiten oft noch cigenthüm- lich anziehend, was namentlich der Fall bei denen des Jacopo Sansovino ist; beiweitem die s größere Mehrzahl und insbesondere die der Bildhauer in der spätem Zeit des 16. Jahrh. gab ^ sich jedoch blindlings der Richtung des Michel Angelo hin und sank auf diese Weise, außer- s dem durch die allgemeine Haltlosigkeit der Zeit angetrieben, schnell zu einer sehr unerfreulichen Manier hinab. Das 17. Jahrh., das in andern Beziehungen der Kunst mannichfach neue Förderung brachte, war doch in Italien einem edler» Aufschwünge der Bildhauerei nur ^ wenig günstig. Lorenzo Bernini (s.d.), Alcffandro Algardi (s d.) und alle ihre zahlrci- ! Bildhauerkunst 365 chen Nachfolger bis zur spätem Zeit des l 8. Iahrh. hinab vermochten es nicht, die eigentli- chen Gesetze bildnerischer Darstellung wiederum aufzufinden, und nur in den allerscltensteir Fällen lassen ihre Werke ein nicht manicristisches Bestreben erkennen. Die moderne Bildhauerkunst außerhalb Italiens war seit dem 16. Iahrh. zumeist den Schritten der dortigen Bestrebungen gefolgt. Es sind hier nur wenige bedeutsame Erscheinungen, unter denen einzelne aber doch ein größeres Interesse cinflößen als die italienischen,- namhaft zu machen. So find vornehmlich die Bestrebungen in Frankreich anzuführcn, wo schon in der spätem Zeit des 16. Iahrh. durch Jean Goujon, Germain Pilon u. A. treffliche Sculpturen geliefert wurden. Jüngere franz. Bildhauer, wie Pierre Pujet, Francois Girardon (s. d.), Antoine Coysevox (s. d.) u. s. w. blühten unter Ludwig XIV.; doch bemerkt man in ihren Arbeiten bereits entschieden die franz.-theatralische Manier, die im 18., Iahrh. in eine meist fade Zierlichkeit überging. Unter den Niederländern ist zunächst Franz du Qucsnoy, genannt il Fiammingo, zu nennen, der zur Zeit des Bernini in Rom lebte und dem manierisiischen Treiben der Italiener gegenüber einen sehr erfreulichen Eindruck macht. Noch bedeutender, noch naiver und reiner in der Auffassung der Natur sind die Arbeiten seines lange nicht genug geschätzten Schülers Arthur Quellinus, z. B. seine Sculpturen am Rathhause von Amsterdam. Ihnen reiht sich, ebenfalls über seineZeit mächtig emporragend, der Deutsche Andreas Schlüter, um 1700, an, von dem die Nciterstatue des Großen Kurfürsten zu Berlin herrührt. Einen höchst umfassenden und erfolgreichen W iederaufschwung nahm die Bild- haucrkunst seit der spätem Zeit des vorigen Iahrh. Der wicdererwachende Sinn für die Bedeutung- und für die Würde der Kunst trieb auf der einen Seite zu einem innigem und sorglichem Anschließen an das Vorbild der Natur, auf der andern führte derselbe zugleich zu jener höher» und geläuterten Auffassung der Natur, welche in den Denkmalen aus den Blütenepochcn der griech. Kunst vorlag und zu einem ernstlichen Studium dieser Werke zurück. Joh. Winckclmann(s. d.), der wie Keiner vor ihm in die Werke des klassischen Alterthums einzudringen und deren Bedeutung mit beredter Stimme klar zu machen wußte, bereitete für die neuen Bestrebungen das Feld vor; Studien in Griechenland selbst, bildliche Aufnahme der dortigen Überreste, Entdeckung neuer und Entführung derselben in die Museen des civilisirten Europa, endlich ihre mannichfache Verbreitung durch Gypsabgüsse gaben diesen Bestrebungen die angemessenste und günstigste Förderung. Sergel (s. d.) aus Schweden und Canova (s. d.)in Italien sind unter den ersten Meistern zu nennen, welche die Sculptur den reinem Gesetzen des klassischen Altcrthums gemäß neu zu gestalten suchten; Canova namentlich in einer großen Anzahl von Werken und mit ausgedehntem Erfolge, doch wiederum noch nicht frei von jenen italienisch-manierisiischen Elementen, daher oft, bei großer Meisterschaft in der Technik, nach Affectation oder süßlicher Sentimentalität haschend. Neben diesen Meistern und zum Thcil angeregt durch sie traten alsbald Andere in ähnlicher Richtung hervor; so eine bedeutende Anzahl Franzosen, unter denen es genügen möge, Chaudct's (s. d.) Namen zu nennen, so der Spanier Don Jose Alvarez (s. d.), so in Deutschland Trippcl und der liebenswürdige Dannccker (s. d.). Alle aber überstrahlte der Däne Bertel Thorwaldsen H. d.), dessen uncrschöpflichePhan- tasie sich überall in klassisch reiner, wahrhaft griech. Naivetät so erhaben und gewaltig wie in der zartesten idyllischen Anmuth zu verkörpern gewußt hat. Unter den Jüngern ist als der bedeutendste Künstler dieser gräcisircnden Richtung, dessen reiche Productionskraft ebenfalls die vollste Anerkennung verdient, L. M. Schwanthaler (s. d.) in München zu nennen. Minder entschieden der Antike zugewandt, mehr auf die künstlerische Gestaltung der Gegenwart bedacht und somit in historischen Monumenten vorzüglich ausgezeichnet, hat sich eine andere Richtung der Bildhauerkunst im nördlichen Deutschland, namentlich in Berlin, entwickelt. Als der Gründer derselben ist I. G. Schadow (s. d.) zu nennen, dem Chr. Rauch (s. d.) gefolgt ist, an welche Beide eine zahlreiche Schule sich anschlicßt. Unter Rauch's Schülern sind vornehmlich Rietschel in Dresden und F. Dracke in Berlin als Diejenigen, in denen sich diese Richtung am entschiedensten fvrtzusetzcn, scheint, hervorzuhebcn. Verwandte Bestrebungen, nur wiederum in einem größer« Realismus befangen, machen sich auch bei den jünger» franz. Bildhauern, als deren Repräsentant besonders I. P. Da- 366 Bildhauerkunst vid (s. d.) anzuführen ist, geltend. Die allgemein verbreiteten Unternehmungen der Gegenwart, das Andenken großer Männer durch bildnerische Denkmale zu ehren, bezeugen cs, wie volksthümlich diese Richtung ist, und es scheint, als ob wir gegenwärtig wiederum an der Schwelle einer neuen Entwickelung ständen. Was die Darstellung der Geschichte der Bildhauerkunst betrifft, so ist die des klassischen Alterthums bereits mannichfach gründlich behandelt worden, zunächst in Winckel- mann's Schriften, denen hier als übersichtliche Werke anzureihen sind H. Meyer's „Geschichte der bildenden Künste bei den Griechen und Römern", Hirt's „Geschichte der bilden- den Künste bei den Alten" und vornehmlich K. O. Müller's „Handbuch der Archäologie der Kunst". Für die Geschichte der Bildhauerkunst im christlichen Zeitalter ist Cicognara's „8toria «teils sculturs «lal suc> ri^orgimentn in Itslis lino sl secolo <1! Lsnovs" das Hauptwerk) doch enthält dasselbe wesentlich nur die ital. Bildhauerkunst und einige Andeutungen über die französische. Eine gedrängte, England und Frankreich beachtende Übersicht gibt unter Andern Memes in seinen „iVlemoirs „k /V. 6snovs". Die Geschichte der deutschen Bildhauerkunst ist seither über die Gebühr vernachlässigt worden, und erst die Forschungen der jüngsten Zeit haben es dargethan, daß auch hier ein dem wissenschaftlichen Studium sehr würdiges Material vorliegt. Eine Übersicht der Gesammtgeschichte der Bildhauerkunst nach dem Standpunkte der neuesten Forschungen enthält Kugler's „Handbuch der Kunstgeschichte". Im engern Sinne desWorts begreift die Bildhauerkunst oderSculptur nur diejenigen bildnerischen Darstellungen, welche aus Stein gehauen oder gemeißelt werden. In Bezug auf Material und Technik ist hierbei Folgendes zu bemerken. Bei der Auswahl des Steins kommt cs vornehmlich darauf an, daß die Textur desselben eine genügend und gleichmäßig feste Beschaffenheit habe. Zu den gebräuchlichsten Steinarten gehören demgemäß zunächst der Sandstein und verschiedene Gattungen des Kalksteins. Unter den letzter» ist wegen seiner Reinheit und Schönheit als der wichtigste Stein der Marmor, vornehmlich der weiße Marmor, anzuführen; die beliebtesten griech. Marmorarten waren der Pentelische und der Pansche; zu Cäsar's Zeiten wurden in Italien die lunensischen Marmorbrüche entdeckt, welche den jetzt sogenannten, durch seine völlige Weiße ausgezeichneten carrarischen Marmor lieferten. Des farbigen Marmors bedient man sich zumeist nur zu dekorativen Arbeiten, so auch des Alabasters. Außerdem sind aber auch härtere Steinarten, der Basalt, Granit und Porphyr, für die Zwecke der Bildhauerkunst zur Anwendung gekommen; in ihrer zum Theil so äußerst schwierigen und mühsamen Behandlung haben sich besonders die Ägypter ausgezeichnet. Für die Arbeit selbst fertigt man, che man an die Ausführung des Bildwerks in Stein schreitet, Skizzen und Modelle in einer wcichern Masse, gewöhnlich in Thon (s. Plastik), die man sodann.in Gyps abgießt. Diese Vorarbeiten sind deshalb nöthig, weil im Stein, wenn man einmal zu tief geschlagen, keine Berichtigung mehr möglich ist, ein Versehen, das ohne ein genügendes Vorbild so leicht möglich und das namentlich Michel Ängelo, der solche Vorbereitungen als kleinlich und gcisttödtend verschmähte, so oft begegnet ist. Die Skizze ist ein kleiner, zumeist nur flüchtig angelegter Entwurf, durch den man sich vorerst der Grundzüge der Composition versichert, und das Modell wird nach der Skizze in der beabsichtigten Größe des Werks ausgeführt und vollkommen durchgearbeitet. Bei kolossalen Arbeiten pflegt man vordem kolossalen Modell erst eins inLebensgröße zu fertigen, um so auf genügend sichere Weise die Verhältnisse bis in die feinsten Einzelheiten hinein festzustellen und sie hiernach auf die kolossalen Dimensionen übertragen zu können. Besondere Schwierigkeiten macht es sodann, für das Behauen des Steins die richtigen Maße zu gewinnen. Früher umgab man das Modell mit einem Nctzgitter sich rechtwinklig durchschneidender Fäden; dasselbe Netz zeichnete man sodann auf den Steinblock und schlug nun hier nach dem Augenmaße das Nöthige weg, eine Methode, die nur die oberflächlichste Nichtigkeit gewähren konnte und die man die praktische nannte. Später kam man auf die sogenannte akademische Methode. Man befestigte nämlich über dem Modell einen Rahmen und ließ von diesem Fäden mit Bleigewichten niedcrhängen, durch welche man die Bezeichnung der vorzüglichst erhabenen Punkte gewann und von denen aus man weiter nach den tiefer» Punkten messen konnte; doch gelangte man aber auch hierdurch zu keiner völligen Genauigkeit. Erst in jüngster Zeit ist eine eigentlich wissenschaftliche Methode Bildschnitzerei Bildung 367 allgemein geworden. Das gegenwärtig beobachtete Verfahren besteht darin, daß man durch ein Instrument vorerst drei der vorzüglichst erhabenen Punkte des Modells in ihrer gegenseitigen Entfernung und verschiedenen Tiefe oder Erhebung auffaßt und sodann dieselben Punkte, nach Maßgabe des Instruments, an dem Steine bezeichnet, indem man hier so viel von seiner Oberfläche wcgschlägt, bis die genügende Tiefe genau gewonnen ist. Von diesen drei feststehenden Punkten des Modells aus gewinnt man sodann neue Punkte durch com- plicirte Dreicckmessungen, die man auf dieselbe Weise auf den Stein überträgt; dies letztere Verfahren wiederholt man so lange, bis alle wichtigern Punkte im Steine nach der Lage, welche sie am Modell haben, angegeben sind. Zu diesen Messungen bedient man sich eines Krumm- oder Tastereirkels. Dann erst beginnt die eigentliche Ausarbeitung des Steins, zuerst in großem Massen, hernach immer feiner und mehr detaillirend. Die vorzüglichsten Instrumente, mit denen man arbeitet, sind der Meißel von verschiedener Form und Benennung, der mit dem Hammer getrieben wird, der Bohrer, dessen man für die scharfem Tiefen bedarf, und die Raspel für die zartere Ebnung des Steins. Die letzte Weichheit gibt man dem Bildwerk durch den Bimsstein. Politur wendet man nur bei dccorativen Arbeiten an. Bildschnitzcrei ist diejenige Gattung der Bildhauerkunst (s. d.), weiche sich zu ihren Darstellungen der mittelwcichen Stoffe des Elfenbeins und Holzes bedient. Das Elfenbein, das schon im oriental. Alterthum beliebt war, kam besonders in der Blütezeit der griech. Kunst auf eine großartige Weise zur Anwendung, indem hier die kolossalen Götterbilder häufig so gearbeitet wurden, daß das Nackte aus Elfenbeinplatten, die man auf einen festen Kern auflegte, bestand, während das Übrige aus Goldblech gefertigt ward. Später bediente man sich des Elfenbeins nur zu kleinen, meist decorativen Arbeiten. Aus Holz fertigte man in den Zeiten des griech. Alterthums in der Regel die Götterbilder; sie wurden dann zumeist bemalt, vergoldet, auch mit buntem Putze behängt. Eine vorzüglich hohe Bedeutung für den bildnerischen Betrieb erhielt das Holz in der spätem Zeit des Mittelalters, vornehmlich in der deutschen Kunst. Hier wurden die Altäre mit zum Theil sehr großräumigen und figurenreichen Bildwerken dieses Materials geschmückt, wobei man das Nackte in der Regel, und mit feinem, künstlerischem Sinne naturgemäß färbte und die Gewandungen zumeist vergoldete. Erst neuerlich hat man diese Arbeiten nach ihrem cigenthümlichen Werthe zu würdigen begonnen. Mehrfach kamen sie auch ohne Bemalung und Vergoldung zur Ausführung. Dieses Letztere geschah auch bei kleinen Holzschnitzereien und insbesondere bei den aus Buchsbaum gefertigten Portraitmedaillons, von denen die deutsche Kunst der ersten Jahrzehnde des 16 . Zahrh. wahrhaft bewundernswürdige Leistungen aufzuweisen hak. Des höchsten Ruhms in diesem kleinen Kunstfache erfreute sich zu jener Zeit Konr. Schwartz von Augsburg. Bildung mag ursprünglich nur vom Sinnlichen gebraucht worden sein, wird aber jetzt vorzugsweise auf den Geist bezogen. Durch die vermöge des Lebenstriebs allein vor sich gehende Entwickelung der im Menschen liegenden Keime und Anlagen würde dieser nur zu einem reinsinulichen Wesen cmporwachsen, nicht aber in das Reich des Geistigen sich erheben können. Seine Bestimmung als Glied der Geistcrwelt vermag er nur dadurch zu erreichen, daß er mit Selbstbcwußtsein und Freiheit, worin der Grundcharaktcr des Geistes liegt, in die natürliche Entwickelung eingreift, sie leitet und regelt, Einheit in ihre Mannichfaltigkeit bringt und sie so aus den engen Schranken der Sinncnwclt in die Sphäre des Geistigen cm- porleitet. Hierin besteht das Eigenthümliche der Bildung, welche mithin die durch den selbstbewußten und freithätigcn Geist geleitete Entwickelung ist, damit der Mensch seine Bestimmung erkenne und erstrebe, die keine andere ist, als in seinem ganzen Sein und Leben das Ebenbild Gottes darzustellen, oder, christlich ausgedrückt, Jesus Christus ähnlich zu werden. Hieraus ergibt sich von selbst, was Bildung in zuständlichem Sinne ist. Der Mensch kann aber seine Bestimmung nur in allmäligem Fortschritte und dadurch erstreben, daß er von Stufe zu Stufe aufwärts steigt und mannichsaltige untergeordnete Ziele und Zwecke vorher erreicht. Solche Stufen und Zwecke sind Wahrheit, Schönheit, Sittlichkeit, Wissenschaft, Kunst, Sinn für edle Geselligkeit, für Berufsthätigkcit u. s. w., welche alle in der Bildung ihren Gipfel und ihre Blüte finden. Das Wort Bildung wird daher auch sehr häufig in untergeordneter Bedeutung genommen, indem es auf jene Stufen und Zwecke und somit zuletzt aus fast alle einzelne Seiten und Zweige der geistigen Thätigkeit und auf alle Verhält- 368 Bildung ! niffe des geistigen Menschenlebens übergctragcn wird, und man redet nun sehr oft von Bildung des Verstandes, des Herzens, des Willens, von Bildung zu Wissenschaft, Kunst, von sprachlicher, mathematischer, musikalischer Bildung u. s. w. als einzelnen untergeordneten ! Seiten der Bildung im tiefsten Sinne. Sogar auf das feinere gesellige Benehmen im Um- - ^ gange mit Andern, auf die Abgeschliffenheit der äußern Sitte wird der Ausdruck übergctragen. ^ Hierdurch ist aber der Begriff des Worts so unbestimmt geworden, daß in der Sprache des , gewöhnlichen Lebens wie der Wissenschaft fortwährend Misverständnisse daraus entstehen. - Bildung in höchster, wie in untergeordneter Bedeutung ist nur möglich durch eigene ^ freie Thätigkeit des Geistes. Der Mensch kann nie von außen gebildet werden, er muß sich § selbst bilden. Jede Bildung ist daher Selbstbildung. Von außen kommen nur die zur Er- , rcgung und Richtung der geistige» Thätigkeit nothwendigen Mittel, welche von sehr verschie- ^ s dener Art und sehr verschiedenem Werthc sind. Sie liegen theils in den natürlichen Bedin- § Zungen des Lebens, wie Luft, Licht, Klima u. s. w., theils in den gesellschaftlichen Verhält- , nissen, wie Familienleben, Staaksverfafsung, Religion, Wissenschaft, Kunst, Erziehung, c Unterricht u. s. w. Alle Menschen sind der Bildung fähig; denn alle sind so organisirt, daß s sie im Stande sind, den Zweck ihres Lebens zu erkennen und nach seiner Erreichung zu streben, § wenn nur die erfoderlichen äußern Bedingungen gegeben sind. Bildung findet sich auch wirk- § lich in allen Elasten der Gesellschaft, und kein Stand kann ein ausschließendes Recht auf sie h geltend machen, obgleich man misbräuchlich gewisse Stände vorzugsweise die gebildeten zu n nennen pflegt. Sie ist mit jedem Berufe verträglich, wenn ihr auch der eine mehr, der andere d weniger günstig ist. Es gibt gebildete Handwerker, wie es ungebildete Gelehrte gibt. Dies tl ist natürlich; denn Zeder, der sein Verhältniß zu Gott, seine Würde als Mensch, die Be- dl stimmung seines Daseins erkannt hat und in dem von der Vorsehung ihm angewiesenen Kreise A als Mensch und Bürger, wie in der Ausübung eines Berufs seine Pflicht zu thun sich redlich L bestrebt, ist ein Gebildeter. Dabei gibt es aber verschiedene Grade der Bildung, mag man I st nun den menschlichen Geist im Ganzen oder nach seinen einzelnen Seiten und Thätigkciten s n 5ns Auge fassen. Nur wenige Menschen sind so glücklich organisirt und leben in so günsii- d gen Verhältnissen, daß sie eine vielseitige und gleichmäßige Bildung sich ancignen können, st was nur durch Benutzung zahlreicher Mittel und durch Erreichung vieler untergeordneter Ä Zwecke möglich ist. Jedoch bezieht sich diese Gradverschiedenheit niemals auf das innerste n Wesen der Bildung, welches rein praktischer Natur ist, sondern nur auf die einzelnen unter- st geordneten Seiten und die Klarheit der theoretischen Kenntniß derselben. st Der innere Gang der Bildung ist und bleibt bei einzelnen und ganzen Völkern im r« Wesentlichen stets derselbe. Die Bildung nämlich beginnt mit nieder» Stufen und geht vom b Äußern zum Innern, vom Sinnlichen zum Geistigen, vom Unwesentlichen zum Wesentlichen 8 fort. Dieser Gang offenbart sich in allen Verhältnissen des-Lebens, in der Wissenschaft wie d in der Religion, in der Kunst wie in der Politik, in höher» wie in niedern Berufsarten. d Niemand kann mit einem Male in die Tiefe eines Gegenstandes eindringen und dessen innerste Beziehungen erkennen; er muß erst im Durchbrechen des Äußern, in der Beschäftigung g mit dem minder Wesentlichen seine Kraft üben und steigern. Alle menschliche Bildung ist ^ daher von den rohesten äußern Anfängen ausgegangen und geht noch fortwährend davon ^ Z aus, wie dies die Bildungsgcschichte der Individuen und ganzer Völker beweist. So klar dies ' st am Tage liegt, so häufig wird es doch verkannt, indem man entweder mit dem Äußerlichen s! und Unwesentlichen bereits das wahre Wesen der Bildung ergriffen zu haben meint, oder ä noch ungebildete Menschen sogleich zur Erkenntniß des Innersten und Tiefsten führen will, 2 oder auch Bestrebungen zur Bildung Anderer ungerecht beurtheilt. Was den äußern räum- lichen Gang der Bildung betrisst, so ist es historisch ausgemacht, daß Bildung von den durch ^ die Natur begünstigten Gegenden Asiens ausgcgangen, aber erst in den Ländern zur Blüte ° gekommen ist, wo ein gemäßigtes Klima die Menschen zur Anstrengung und Übung ihrer ^ " Kräfte auffodert, ihre Anstrengung aber auch belohnt. Indien ist die Wiege der Bildung, , " welche von da aus vorherrschend nach Westen und später von Süden nach Norden ihren Weg > ^ nahm. In jenem Lande erzeugte die üppigreiche Natur eine glühende Phantasie, Tiefe des H Gemüths und trieb zur Entwickeüuig der geistigen Anlagen, welche aber eine vorherrschend phantastisch-poetische und mystisch-speculative Richtung annahm, die theils in der auf hoher l Bildung Stuft stehenden, aber an Überfülle mit Bildern leidenden Dichtkunst, thcils in der höchst einseitigen, nur auf das Jenseits gerichteten, auf Ertödtung des Fleisches durch unsinnige Bußübungen ausgehenden Neligionsphilosophie klar an den Tag tritt. Diese Richtung sowie der religiöse Aberglaube wurde der vielseitigen und liefern wissenschaftlichen Bildung hinderlich, ungeachtet die Sprache reich und biegsam war. Jndeß zeigen die Überreste einer uralten reichen Literatur, daß manche Wissenschaften und Künste, z. B. Mcdicin, Mechanik, Baukunst, vor Allem die Sprachwissenschaft sehr cultivirt wurden. Schon früh ging diese bei aller Einseitigkeit reiche Bildung in Indien unter und in neuerer Zeit strömt dieselbe geläutert und begeistigt von Westen dorthin als in ihre ursprüngliche Quelle zurück. In Chin a, wohin sicher von Indien aus die ersten Keime der Bildung getragen wurden, versteinerte dieselbe bald in äußere Formen, ohne für Wissenschaft und Kunst bemerkenswerthe Früchte zu tragen. Nur wenige Wissenschaften, wie Naturkunde und Medicin, wurden sehr mittelmäßig angebaut, und für die Künste gab es keinen Boden. So ist das Land seit einigen Jahrtausenden bis auf de» heutigen Tag das Bild einer lebenden Mumie geblieben. Noch jetzt wie vor 2000 Jahren geht alle geistige Kraft in dem Studium äußerlicher Regeln auf, und nicht einmal die mechanischen Künste sind trotz des dazu vorhandenen Geschicks zu einer nen- nenswerthen Ausbildung gelangt. In Ägypten drangen die ersten Strahlen der Bildung höchst wahrscheinlich aus Indien über Meroe ein; wenigstens erinnert hier Alles an Indien, namentlich das Kastenwesen und das Priesterthum. Die Priester waren allein im Besitze der Bildung, die nicht unbedeutend gewesen sein kann. Naturkunde, Chemie, Medicin, Ma- themarik, Astronomie und Astrologie, Philosophie, Baukunst, Bildhauerkunst, Musik wurden von ihnen getrieben, und ihre heilige Sprache scheint sehr ausgebildet gewesen zu sein. Die Abschließung dieser Bildung war indeß wol nicht so streng als in Indien; denn manche Kenntnisse, namentlich Lesen und Schreiben, fanden ihren Weg auch in das Volk, und nicht selten wurden auch Ausländer in die Geheimnisse der Priesterkaste eingeweiht. Dies gilt wenigstens von mebren griech. Weisen und Gesetzgebern. Einzig in der Kulturgeschichte steht das kleine Volk der Juden da. Inmitten heidnischer Völker hielten sie den Monotheismus fest, wodurch ihre Bildung einen streng religiös-praktischen Charakter annahm und von der Mannichfaltigkeit des äußern Lebens auf die Innerlichkeit des Gemüths zurückgedrängl wurde. Ihre ganze Bildung ging deshalb in der religiös-sittlichen auf, während die wissenschaftliche und ästhetische, mit Ausnahme der religiösen Poesie, ganz zurücktrat. Dieser Einseitigkeit ungeachtet kamen die Juden, wie ihre heiligen Schriften beweisen, der Idee der wahren Bildung weit näher als die frühern Kulturvölker, und wenn auch ihre religiöse Bildung bald nach der Zeit des Exils in äußern Ceremoniendienst, Aberglauben und rabbinisches Buchstabenwerk ausartete, so knüpste» sich doch später daran die Anfänge einer neuen Epoche der Bildung. Je näher die Bildung vonJndien aus durch Asien den Grenzen Europas rückte, desto mehr verlor sich ihr phantastisch-mystischer Charakter, desto freier wurde sie. Bei denGriechen in Kleinasien und Europa erreichte die Bildung eine hohe Stufe, begünstigt durch einen milden Himmel, eine reiche Natur, die Zertheilung des Volks in kleinere Staaten und die freien Verfassungen derselben, durch zahlreiche öffentliche Anstalten, religiöse Mysterien und Philosophenschulen. Durch die eigenthümliche Öffentlichkeit des Lebens wurde sie mehr oder weniger ein Gemeingut aller freien Bürger, und selbst die Unfreien nahmen daran einigen Theil. In Griechenland entwickelte sich die Bildung in der größten Vielseitigkeit des äußern Lebens. Wissenschaft und Kunst, besonders Mathematik, Geschichte, Philosophie, Dichtkunst, Malerei, Bildhauerkunst nahmen einen nie gesehenen Aufschwung; sse wurden gehoben und getragen durch heitere Lebensansicht und ästhetische Auffassung des Daseins. Diese ästhetische Richtung erreichte bei den Griechen die höchsteBlüte und steht unübertroffen da. Verkehrt erscheint es aber, diese antike griech. Bildung sogar über die Bildung der christlichen Welt zu setzen. Anmuth, Schönheit, ästhetischer Lebensgenuß sind doch nicht das Höchste, machen nicht den Kern und das wahre Wesen der Bildung aus. Den Griechen fehlte das tiefere Element, die Religion, welche der Bildung erst die höhere Weihe und tiefere Richtung chbt. Die religiöse und sittliche Bildung trat bei ihnen ganz zurück und ging in Ästhetik auf. Daher konnte auch die griech. Bildung keinen festen Halt haben. Es ging ihr, wie den Blü- C°nv.-Ler. Neunte Lust. t l. 24 370 Bildung ten; sie verwelkte, um erst später in veredelter Gestalt wieder zu erstehen. Die Römer, ob' gleich nach Besiegung der Griechen bemüht, griech. Sitte und Bildung unter sich aufzunchmen, hattcn.einen vorherrscbend kriegerischen Charakter, der mit Bildung wenig vereinbar ist. Ihr aufKriegsruhm und Eroberungen gerichteter Sinn schätzte das am meisten, was unmittelbar praktischen Werth und Beziehung auf Kriegsführung und Staatsverwaltung hatte. Daher haben sie auch nur in der Redekunst und Geschichtschreibung eigentliche Muster aufzuwciscn; die Dichtkunst blühte nur eine sehr kurze Zeit unter Augustus in cigcuthümlichcr Schöne, und blieb außerdem ebenso wie Philosophie und andere ernste Wissenschaften ein schwacher Nachhall der griechischen. Bon den bildenden Künsten war cs nur die Baukunst, welche gepflegt wurde, ohne daß sich dieselbe zu der Höhe wie bei den Griechen erheben konnte. Die Bildung durch Wissenschaft und Kunst blieb bei den Römer» mehr Sache äußerer Roch- ^ Wendigkeit und künstlicher Verhältnisse, als des inner» Bedürfnisses und der geistige» Freude am Schaffen. Dennoch haben die Römer durch ihren Ernst, durch ihre größere Innerlichkeit, welche sich unter Andern: auch durch Sinn für Familienleben und die höhere Stellung des weiblichen Geschlechts aussprach, und durch die dadurch begünstigte strengere Sittlichkeit der frühem Zeit wesentlich mitgcwirkt, daß die Bildung sich mehr dem Charakter des Westens anschloß, eine ernstere, tiefere Richtung nahm und von der Oberfläche mehr und mehr in das Innere des Geistes eindrang. Dieser Proceß wurde, nachdem in den spätem Zeiten der Römer die Bildung völlig ausgeartet und zur Dienerin der ausschweifendsten Sittenlosigkcii hcrabgcwürdigl worden war, durch den Zutritt des german. Elements zu dem römischen, ganz besonders aber durch das Christcnthum vollendet. War in Griechenland die Blüte der Bildung, so wurde dieselbe in der christlichen Weltzur Frucht gezeitigt. Bei allen ältern Culturvölkern, bis auf die Römer, konnte die Bildung nicht tiefere Wurzel schlagen, ihr eigentliches Heiligthum nicht finden und alle Lebcns- verhältnisse weihen, weil ihnen die wahre Religion fehlte; es waren daher immer nur unter- > geordnetere Seiten, welche oft in glänzendem Lichte hervortraten. Die Wcltreligion Jesu f dagegen war ganz geeignet, die Bildung in ihr innerstes Heiligthum cinzuführen, damit sie, von göttlichem Hauche beseelt, von hier aus den ganzen Geist, alle Verhältnisse des Lebens durchdringe und mit Geist und Leben erfülle. Durch das Christenthum ist die Bildung erschlossen und ein Gemeingut aller Menschen geworden. Alles Große wächst und erstark! aber nur langsam. So ging es auch der christlichen Bildung. Jahrhunderte hindurch schien ihr Gang gehemmt, ja zurückgelenkt. Erst mußten viele feindlich entgegengesetzte Elemente sich einen, zerrüttete Verhältnisse sich ordnen, der christliche Geist erst die Schale durchdrungen, ehe er in die Tiefen des Menschcngeistes steigen und lebensvoll in alle menschliche Verhältnisse überströmen konnte. Dieser Proceß ist noch immer nicht gcendet; aber wir sind bereits auf einen Punkt gelangt, wo wir schon Früchte schauen. In der german. Welt, wo Ernst mit Kraft und Tiefe sich vereinen, ist der Fortschritt am sichtbarsten. Wenn auch die christliche Bildung der europ. Staaten, welche zum Unterschiede von der Bildung der Alten, namentlich der Griechen, die neue genannt wird, im Einzelnen, z. B. in der ästhetischen Weltanschauung, der antiken nachsteht, so übertrifft sie doch diese in den meisten und wichtigsten Beziehungen unendlich weit. Sie ist in Paläste und Hütten gedrungen; sie zeigt sich in der . Anerkennung der Menschenwürde in jedem m-enschlichen Wesen, besonders in der höher» Stellung des Weibes; sie heiligt die Verhältnisse der Staaten und führt die Völker geistiger und politischer Freiheit entgegen; sie legt sich dar in dem tiefen wissenschaftlichen Strebe», das alle Gebiete,des menschlichen Wissens umfaßt und erweitert und in der verbesserten Erziehung, in dem gehobenen Unterrichte sich neue Kanäle gräbt; sie hat die Kunst in jeder Beziehung veredelt und auf ihr eigentliches Ziel hingelenkt; von ihr geht selbst die der Gegenwart eigenkhümliche industrielle Regsamkcit.aus, von der die alte Welt keine Idee hatte, die aber in ihrer Äußerlichkeit und Einseitigkeit für das wahre Bildungsmomcnt auch wieder gefahrbringend wird. Ihr Einfluß zeigt sich namentlich im religiösen und sittlichen Leben. ' Nicht mehr unter dem Jsisschleier der Mysterien verbirgt sich die tiefere Auffassung des Reli- ^ giösen; öffentlich werden die Geheimnisse des Göttlichen erschlossen, damit die Menschen den Herrn der Welt und seine Wege und seinen Willen kennen lernen und angetricben werden, ^ den göttlichen Geboten gemäß zu leben. Die wahre Bestimmung des Menschen ist gegen- > oben, > ihr bar her cn; »e, her ge- Dic ^ >th- ^ ude eit, des der ens in der keil sin, >en Sil- n§- ter- > jesu s si-, >cns mig arkt hie» entc gcn, )ält- ceits rnst rist- lten, Lell- isicn der ^ her» ^ liger den, Er- Be- gen- , die jeder ^ eben, t Reli- . den ^ rden, egcn- Bildunjistricb Bilin 371 wärtig selbst dem in trivialem Sinne so genannten Ungebildeten klarer, als den Weisesten der Griechen und Römer, und somit ist nicht zu zweifeln, daß die Bildung in der Gegenwart auf weit höherer Stufe steht als im Alterthume. Immerhin muß aber zugegeben werden, daß sie von zahlreichen Mängeln und Schattenseiten nicht frei sei. Die materiellen Interessen drohen das Übergewicht über die höher» geistigen zu erhalten; den Fortschritt christlicher Freiheit im religiösen und politischen Leben suchen Finsterlinge oft nicht ohne Erfolg anfzuhaltcn; durch bloße Routine erworbener geselliger Takt, todtes Wissen und müßige Spekulation gelten häufig für Bildung, und über die einzelnen Seiten derselben wird die Einheit und bas Ganze derselben nicht selten vergessen. Diese und andere Mängel dürfen uns indeß nicht zu ungerechtem Urtheilc oder zu trüben Besorgnissen verleiten. Unvollkommenheit ist ja einmal das Loos alles Menschlichen, und viele jener Mängel rühren allerdings davon her, daß der christliche Geist in vielen Verhältnissen noch nicht zum Durchbruch gekommen ist, was aber sicher im Verlaufe der Zeit mehr und mehr geschehen wird. (S. Cultur und Erziehung.) Bildungstrieb (nisus kormativus) nennt man diejenige Äußerung der Lebenskraft, durch welche der Organismus und seine Organe als solche aus der von ihr vorher organisirten Materie dargestellt werden. Es erscheint aber der Bildungstrieb unter einer dreifachen Form, l)als Erzeugung, wodurch die Entstehung eines neuen Organismus bewirkt wird (s. Zeugung); 2) als E r n ä h r u n g (s.d.), welche den gewordenen Organismus durch verähnlichende Aufnahme fremder Stoffe wachsen macht und in seiner Integrität erhält, und 3) als Reproduktion, welche die Zeugung zu Gunsten des Organismus selbst darstellt, indem sie völlig verloren gegangene oder beschädigte Theile desselben wiedcrherstellt und regenerirt, wodurch sie mit der Naturhcilkraft zusammenfällt. (S. Reproduktion.) Die Lehre vom Bildungstriebe, welche besonders von Blumenbach begründet und später von den Naturphilosophen weiter ausgebildct ward, hängt genau mit der Lehre von der Entstehung der organischen Wesen überhaupt zusammen, und der Begriff, welchen man sich von dem Agens desselben machte, hat eigentlich nur den Namen gewechselt, denn die Urkraft, Platon's schaffende Idee, Stahl's Seele, die ^nima plastica und lilea plastica oder seminalis bezeichnen nichts Anderes als den Bildungstrieb, bei deren Aufstellung man nur den Fehler beging, daß man die Kraft nicht nur von der Materie gesondert, ftndern auch als etwas von der allgemeinen Lebenskraft Verschiedenes, als eine besondere Kraft dachte. Der wesentlichste Vortheil, welchen die Ausbildung der Lehre von der Bildungskraft der Wissenschaft brachte, war unstreitig die richtigere Einsicht in die Entstehung der früher nur als Curiofität oder Product der Laune betrachteten Misgeburten (s. d.), indem sie dieselben als Bildungshemmungcn darstcllte. Biledulgerid, von den alten arab. Geographen Ca ft ilia genannt, ein dürres, wenig angebautes Steppenland in Nordafrika, im Süden des Atlas, welches den Übergang von der Berbcrei zur Wüste Sahara bildet und nördlich an Tunis, Algier und Marokko, westlich ebenfalls an Marokko, südlich an die Sahara und westlich an Tripolis und Fezzan grenzt, ist etwa 80 M. breit und gegen 270 M. lang. Es wird nur von einigen Steppcnflüssen durchzogen, deren salziges Wasser der Sand der Wüste und die glühenden Sonnenstrahlen zuletzt aufsaugen. Nur an den Ufern der Flüsse herrscht üppige Vegetation. Vor Allem gedeihen hier Gerste, Datteln und tropische Früchte. Die Bewohner sind Araber, Berbern und Neger; sie treiben Handel und reisen in Karavanen, wozu sie der Kameele, namentlich des hier einheimischen sehr schnellen Hairi, sich bedienen. Unter den wenigen Städten sind Tasilelt am Steppenflusse Ziz, der Hauptsammlungsort der Karavanen, und das unabhängige Gademes, wo sich die Karavanenwege von Tripolis, Tunis, Fez und Marokko kreuzen, die bedeutendsten. B. ist die Nu neidische Ebene des Altcrthums, die unter den Römern wie in der Blütcnperiode des Khalifats auf einer hohen Stufe der Cultur stand, die aber jetzt ganz verschwunden ist und nur noch durch zahlreiche Ruinen sich kund gibt. Bilin, berühmt als Brunncnort, eine Stadt an der Bila in der fürstlich lobkowihi schen Majoratshcrrschaft gleiches Namens im leitmcritzcr Kreise des Königreichs Böhmen, hat etwa 3200 E-, ein Schloß, ein Laboratorium, in welchem aus scidschützer und seidlitzer Bitterwasser die Magnesia gewonnen wird, und eine große Fabrik irdener Flaschen. Die Stadt ist von Basaltfelsen umgeben, unter denen sich besonders der Biliner Stein 21 * 372 Bill auszcichnck, ei» isolirt stehender Kegel, imposant durch seine Ansicht und mit schonen Fernsichten in die Thäler Böhmens. Von der königlichen Kammer wurde B. zu Lehen gegeben bis cs die Fürsten von Lobkowitz 1464 zum beständigen Besitz erhielten. Die Mineralquellen daselbst wurden wahrscheinlich erst zu Anfang des 18. Jahrh. entdeckt und um die.Mitte desselben Jahrhunderts gefaßt. Man zählt vier Quellen, von denen die Joscphs- quellc die vorzüglichste ist, dann folgen die Karolinenquclle, die Quelle im Gewölbe und die Seitenquclle. Das Wasser ist gqnz rein, hat einen kühlenden, säuerlichen Geschmack, eine Temperatur von 12"—I5°R. und perlt stark, vorzüglich mit Wein und Zucker ver- mischt. In Hinsicht der Bestandtheile sind die Quellen wenig unterschieden; sic gehören in die Classe der alkalischen Mineralwässer und zeichnen sich durch ihren Gehalt an kohlensaurem Natron aus, welches in ihnen unter allen deutschen Mineralquellen am reichlichsten , enthalten ist. Das Wasser wird ausschließlich zum Trinken benutzt und wirkt dann reizend und auflösend für die aufsaugcnden Gefäße und das Drüsensystem. Insbesondere regt es die Thätigkeit der Schleimhäute an und wird daher hauptsächlich bei Krankheiten der Harn- und Geschlechtswerkzeuge, welche auf Abnormitäten der Schleimhautfunctionen beruhen, bei ähnlichen Leiden der Lungenschleimhaut und bei Beschwerden im Drüsen- und Lymphsystem empfohlen. Obgleich ein besonderes Gebäude zur Aufnahme der Brunnengäste errichtet um die Gegend umher durch Kunst verschönert worden ist, so wird doch das Wasser weniger an Ort und Stelle als auswärts getrunken. Besonders wird es in die benachbarten böhm. Badeorte versendet und namentlich in dem nahegelegenen Teplitz zur Nebencur gebraucht. Auch machen die teplißer Badegäste öftere Au-sflüge nach B. Die Zahl der jährlich versendeten Flaschen beläuft sich fast auf 8V—100000, während 1779 nur 2700 versendet wurden. Untersucht wurden die biliner Wässer von Neuß, Struve, Steinmann u. A. Vgl. Reuß, „Die Mineralquellen von B." (2. Aufl-, Wien 1827). Zur Herrschaft B. gehört auch das DorfSeidschütz (s. d.). Bill (billg), welches man von llbellus ableitet, heißt in England vorzugsweise derpar- ^ lamentarische Vorschlag eines Gesetzentwurfs. In der engl. Rechtssprache bezeichnet Bill jeden schriftlichen Aussatz; so nennt man einen Wechsel Kill ok exclmiiFs, einen schriftlich aufgesetzten Kauf über bewegliche Dinge, wodurch nach engl. Rechte das Eigenthum sofort auf den Käufer übergeht, Kill ok ssls u. s. w. Wenn eine Criminalanklage von dem großen Schöffenrecht (grslicksuiy) bei den Assisen statthaft befunden wird, so ist die Antwort ^ true Kill (ehedem Hills vers), im entgegengesetzten Falle s true liill oder l>Iot kouull (ungegründet). In Civilrechtssachen bezeichnet Bill einen die Instanz einleitenden Act, wodurch der Beklagte von der Klage und ihrer Tendenz in Kenntniß gesetzt wird- Sie geht von dem in der Sache competenten Gericht aus und muß den für jede Art Klagen angenommenen Formeln jedesmal angepaßt werden. Privatbills, welche irgend eine Verfügung zu Gunsten einzelner Personen oder Corporationen betreffen, können nicht anders als durch eine Petition, d. h. ein schriftliches Gesuch, eingeleitet werden, das von einem Mitgliede des Hauses übergeben, wenn cs nöthig erscheint, durch eine Commission geprüft und dann entweder verworfen oder zum Einbringen der Bill »erstattet wird. Gcsetzvorschlägen über öffentliche Angelegenheiten l (public bills) hingegen muß eine Motion (s. d.) vorangehen, das ist das mündliche Gesuch eines Mitglieds um die Erlaubniß, eine solche Bill einzubringen. Ist diese crtheilt, so kann dann s" der Vorschlag schriftlich übergeben werden. Ein solcher schriftlicher Entwurf hat eine Menge leerer Stellen (blsnks) für die Bestimmungen, welche dem Parlamente überlassen werden müssen, z. B. der Zeit, der Summen und anderer quantitativen Punkte. Jede Bill muß in herkömmlichen Zwischenräumen dreimal verlesen werden. Bei dem ersten Verlesen ist hauptsächlich von ihrem Verwerfen im Ganzen die Rede. Nach dem zweiten Verlesen wird sie discutirt, entweder durch eine Commission oder in wichtigen Angelegenheiten durch das ganze Haus, welches sich in eine Comite verwandelt. Dabei verläßt, der Sprecher seinen Stuhl, spricht und stimmt mit, und es wird ein anderes Mitglied zum Vorsitzenden, tLsirmaa, erwählt. Die leeren Stellen werden ausgefüllt, Zusätze und Veränderungen (smemlments) gemacht, und oft die Bill ganz umgeschaffen. Ist diese Arbeit beendigt, so nimmt der Sprc- > cher seinen Sitz wieder ein, worauf der Chairman die berichtigte Bill zur Abstimmung über das Ganze wieder vorträgt. Erfolgt ihre Annahme durch die Mehrheit, so wird sic mit sehr Villaud-Varennes 373 a.sßcr Schrift ans Pergament geschrieben (enFrossecl) und dann zum dritten Mal verlesen. > Etwaige Zusätze beim dritten Verlesen werden auf ein besonderes Stück Pergament (Killer genannt) geschrieben und angeheftet. Alsdann wird sie dem andern Hause zugcbracht, wo dasselbe Verfahren, mit Ausnahme des Jngrossirens, noch einmal stattfindct. Wird sie hier verworfen, so bleibt die Bill unerörtert; werden aber Zusätze und Veränderungen beschlossen, so werden sie dem andern Hause mitgetheilt und nötigenfalls Konferenzen zwischen abgeord- orten Mitgliedern beider Häuser veranstaltet. Vereinigen sich die beiden Häuser nicht, so bleibt die ganze Sache ohne Erfolg, und die Bill ist durchgefallen (llroppell). Die königliche Genehmigung wird entweder in Person gegeben, oder schriftlich unter dem großen Staatssiegcl, . was unter Heinrich V11l. bei der Strafbill gegen die Königin Katharina zum ersten Mal geschah. ^ Zm erster» Falle erscheint der König oder die Königin im Oberhause, das Unterhaus wird an die Schranken gerufen, worauf die Überschriften der Bills mit der Antwort des Königs in den alten normännisch-franz. Formeln durch den Secretair abgelesen werden. Bei einer kublio Kill lautet die Bestätigung: 1.6 roi >6 vent; bei einer Urivnte l>ill: 8oit tsit 60 INM 6 il est ckesire; bei einer Lloneze 6ill, d. h. einer solchen, die Bewilligung von Steuern und Taxen oder Anleihen enthält: l.e roi remercis 868 lovuox 8»jet8, sccepte lenr benevolence et sussi le veut ; die höfliche Formel der Verweigerung ist: I.s roi s'svisera. Das Recht der Verweigerung übte insbesondere die Königin Elisabeth sehr häufig, die einst 48Bills in einer Session verwarf; zuletzt ward es 1692 von Wilhelm III. ausgeübt. Seitdem sucht die Negierung ihren Zweck durch Stimmenmehrheit in dem einen oder dem andern Hause zu erreichen. Blllaud-Varennes, ein Mann des Schreckens in der franz. Revolution, geb. zu Rochelle 1760, der Sohn eines Advocaten, war Mitglied der Congregation des Oratoriums, und in Folge dessen Professor an dem College zuJuilly, bis sein Geschmack am Theater ihn um sein Amt brachte. Sofort legte er nun auch das Mönchskleid ab und ging'1785 nach Paris, wo er die natürliche Tochter des Generalpächters von Verdun heirathete. Nach dem ^ Ausbruch der Revolution schrieb er eine Menge gehaltloser aber heftiger Broschüren; doch Niemand wollte sie beachten. Erst am 10. Aug. 1792 sing er an, eine Rolle zu spielen und war dann einer der Haupturheber der Septcmbermcheleien. Nachdem er in verschiedenen Departements als Kommissar der pariser Gemeinde fungirt hotte, wurde er in den Convent berufen. Im Processe gegen den König rief er hier wiederholt, man möge die Statue des Brutus zerschlagen, wenn man so viele Umstände machen wolle, einen Tyrannen zu treffen. Besonders interessirte ersich für die Errichtung des Revolutionstribunals. Nach der Rückkehr von einer Sendung in die Departements des Westens richtete er seine Anstrengungen gegen die Girondisten; er denuncirte den exccutiven Rath, Custine, Houchard und viele andere Generale und die meisten Magistratspersoncn, mit welchen er auf seiner Reise in Berührung gekommen war; doch hatten diese Anklagen damals noch keine Folgen. Als nach den Ausschweifungen in Paris am 31. Mai 1793 ein konnte von zwölf Männern ernannt wurde, welches B-'s Anhang überwachen sollte und als dasselbe Hebert verhaften ließ, Verbund sich B. mit den Empörern, um die Freilassung seines Genossen zu erzwingen. Er bekämpfte den Antrag Barere's (s. d.), sich mit dem Ausschlüsse der nach jener Katastrophe von der pariser Gc- ^ meinde angeklagten 22 Deputaten zu begnügen, und setzte es durch, daß der Convent in der That decimirt und die Schreckensherrschaft cingcführt wurde. Von dieser Zeit an entwickelte er im Convente eine einflußreiche Thätigkeit, und fast alle Anträge, welche er machte, waren Anklagen. Nachdem er den Präsidentenstuhl eingenommen, wurden auf seinen Antrag der Herzog von Orleans, die Königin Marie Antoinette und eine Menge anderer Schlachtopfcr vor das Revolutionstribunal geführt, das er stets ermahnte, der Köpfe nicht zu schonen. Als er indeß den Auftrag erhalten hatte, den Wohlfahrtsausschuß, als den obersten Wächter der Revolution, zu organisiren, nahm er plötzlich eine andere Richtung; er bekämpfte die Anarclüe, die er mit Ungestüm hervorgerufen, und that alles Mögliche, diesem Decemvirat Gewalt und Ansehen zu verschaffen. Er suchte den Einfluß der pariser Gemeinde und das Ansehen des Convents zu unterdrücken, und vor dem Wohlfahrtsausschuß verschwanden bald alle Parteien und Persönlichkeiten, die sonst im Convente den Ton angegeben harten. Als sich daher Ro bespicrre an den Convent wendete, um seine Absichten gegen den Wohlfahrtsausschuß durch- solchen, half B. denselben, als seinen gefährlichen Nebenbuhler, stürzen, in der Hoffnung, 374 Billigkeit Billington die Gewalt für sich und seine Freunde za retten. Allein der Anstoß, der zur Austilgung der Schreckensherrschaft gegeben war, zog auch den Fall B.'s und seines Anhangs nach sich. Fouquicr-Tinville mußte das Schaffst besteigen, und am 12. Vcndcmiaice wurden durch Legendrc B., Collot d'Herbois und selbst der schwankende Barere vor Gericht gezogen. Der Aufstand zu ihren Gunsten am 12. Germinal beschleunigte nur ihre Verurtheilung. B, wurde dcporcirt und in die Einöden von Sinnamari ausgesetzt, wo er zwei Jahre später die Opfer des 18. Fructidor empfing, die bis auf den Abbe Brotier- großen Abscheu vor ihm bezeigten. Von allen Amnestien ausgeschlossen, mußte er länger als 20 Jahre in den brennenden Wüsten von Guiana zubringcn. Im 1.1816 kam er nach Neuyork; allein auch hier wurde er mit solcher Verachtung empfangen, daß er sich schon nach einigen Monaten wieder entfernte und ein Asyl auf Haiti suchte. Hier bewilligte ihm der Präsident Pe'tivn eine kleine Pension; aber er genoß sie nicht lange, sondern starb zu Ende des I. 1819. Die Leiden dieses Mannes, die er während seiner Verbannung erduldete, würden Mitleid erregen, wenn er nicht seine kurze politische Laufbahn mit zu vielem Blute befleckt hätte. Seine über die Revolution hintcrlasscncn Schriften sind ohne alle Bedeutung. Billigkeit (uecpiitns) ist nach Aristoteles die Verbesserung oder Milderung des strengen Rechts. Die Gerechtigkeit nämlich spricht sich in Gesetzen aus; in der Natur der menschlichen Gesetzgebung aber liegt es, daß nicht alle besondere Fälle durch sic vollkommen umfaßt und bestimmt werden können, und es ist daher, soll eine vernünftige Anwendung des Gesetzes gemacht werden, eine Modifikation desselben nothwcndig. Diese vernünftige Ergänzung und Verbesserung des äußern Gesetzes oder des Rechts ist die Billigkeit. Schon das Sprüchwort sagt: 8n,nimim jus summa injuria, d. h. das strengste Recht wird oft zum Unrecht. Wer nämlich ein Recht hat und davon eine strenge, buchstäbliche Anwendung machen will, wird dadurch oft das Recht Anderer verletzen. Durch wohlwollende Berücksichtigung der bcsondern Umstände aber, und indem der gesetzlich Berechtigte, z. B. der Gläubiger, seine Rechte nicht zum Schaden des Andern anwendet, sondern etwas von seinem Rechte nachgibt, zeigt sich der billige Mann. Weil jedoch die Billigkeit im einzelnen Falle von der Freiheit und dem Wohlwollen abhängt, so kann mau nicht sagen, daß der Andere ein Recht auf Billigkeit habe. Nichtsdestoweniger kann der Gesetzgeber in gewissen Fällen schon im voraus auf Billigkeitsgründe Rücksicht nehmen und sie als gesetzliche Bestimmungen fesi- stellen. Von Seiten der Regierung zeigt sich die Billigkeit auch in dem Begnadigungsrecht (s. d.). In der geschichtlichen Entwickelung des Rechts tritt der Begriff der Billigkeit im Gegensatz zum strengen Rechte vorzüglich bei den Römern und bei den Engländern hervor; dort in dem prätorischen Edict (s. d.) und als uoguitss, obgleich dieses Wort nicht für gleichbedeutend mit Billigkeit gehalten werden darf, hier bei den 6ourts nk chiiit)-, den Bil- ligkeitsgcrichten, im Gegensatz zu den Lourts vk common law, den Gerichtshöfen des gemeinen Rechts: bei beiden mit dem Bestreben, eine durch Formeln zu stritt gewordene Gesetzgebung den fortgeschrittenen Rechtsverhältnissen anzupassen. Billinstton (Elisabeth), eine ausgezeichnete engl. Sängerin, die Tochter eines umherziehenden deutschen Musikus und tüchtigen Violinspielers, Weichsel, geb. zu London 1769, trat sehr jung öffentlich als Pianofortespielerin und sehr bald auch mit eigenen Compositioncn auf. Ihr Clavierlehrer, Thomas Billington, Mitglied des Orchesters vom Drurylane-Theater, verliebte sich in seine anmuthige Schülerin, vermählte sich heimlich mit ihr und entfühkte sie 1786 nach Dublin, wo sie mit dem glänzendsten Erfolge in der Oper auftrat, sich aber zugleich einem ausschweifenden Leben ergab. Nachdem ihr der Vater Verzeihung gewährt, kehrte sie nach London zurück und wurde hier am Coventgarden-Theatcr mit dem damals unerhörten Gehalte von 1 OVO Pf. für die Saison angestellt. Ihre höhere musikalische Ausbildung erhielt sie durch Sacchini in Paris, der auch 1794, als sie in Neapel sang, seine Oper „Iner 818. Sie war unstreitig die größte Sängerin Englands und wurde, wie selten eine ihrer Kunstgenossinncn, vergöttert. Einen Theil ihres Lebens beschrieb sie in ihren Memoiren, die >768 erschienen. Bilsenkraut (Ilz-oscxsmus) ist eine Pflanzengattung aus der Familie der Nachtschatten oder Solanaceen. Vorzüglich häufig wächst in Deutschland, namentlich auf Schutt- Haufen u. s. w. das schwarze Bilsenkraut, welches einen einjährigen, etwa zwei Fuß hohen Stengel treibt und ziemlich große auegebuchtete Blätter und gelbliche, brauncoth geaderte Blumen zeigt. Der Geruch aller Thcile dieser Pflanze ist widrig, Übelkeiten erregend und warnt im voraus vor ihrem sehr starken narkotischen Gifte. Ungeachtet dieses Umstandes sind Vergiftungen durch Bilsenkraut nicht selten, mehr jedoch durch Quacksalber als durch Verwechselung mit eßbaren Gewächsen herbcigeführt worden. Eine verhältnismäßig kleine Menge des Krauts, zumal aber der Same reicht hin, um einen Erwachsenen zu tödte». Die Zufälle gleichen denjenigen anderer narkotischer Vergiftungen, beginnen mit Schwindel, Kopfschmerz, Brennen im Munde und Störungen des Gesichtssinnes; heftige Convulsionen, Jrrereden treten im weitern Verlaufe ein, und der Tod erfolgt bald unter Rasereien, bald unter Symptomen des völligen Danicderliegens. Brechmittel sind, zeitig angewendet, von Nutzen, außerdem werden noch Pflanzensäurcn empfohlen, jedoch ist ärztliche Behandlung schon wegen der Nachkrankheiten crfodcrlich. Als inneres und äußeres Arzneimittel ist übrigens diese Pflanze nicht unwichtig, sollte jedoch von Laien nie angewendet werden. Binden nennt man in der Chirurgie ein aus Leinwand oder andern Stoffen bereitetes, verschieden geformtes Vcrbandsiück (Bandage); sie sind entweder einfach, ein drei- oder viereckiges Tuch oder ein langer schmaler Streifen (Rollbinde) oder aus mehren Stücken zusammengesetzt, je nach dem Zweck, zu welchem, und dem Theile, an welchem sic angewendet werden. Ihre Bestimmung ist im Allgemeinen durch Zug und Druck eine Heilwirkung her- vorzubringcn, daher sie besonders bei der Behandlung der Wunden und Geschwüre, Geschwülste u. s. w. an äußern Thcilcn den Haupttheil des Verbandes ausmachen, zu dessen Anlegung stets Geschick und Übung erfodcrt werden, indem der Chirurg dahin streben muß, Zweckmäßigkeit mit Eleganz zu verbinden. Bingen, Stadt im Großherzogthum Hessen, in der reizendsten Umgebung gelegen, am linken Üfcr des Rhein und am rechten der Nahe, über welche eine für römisch gehaltene Brücke, die sogenannte Drususbrücke, führt, zählt gegen 5360 E. Es hat bedeutende Barchent-, Leder-, Flanell- und Tabacksfabriken, in der Umgegend wichtigen Weinbau, der besonders den ausgezeichneten Scharlachbcrger auf dem gleichnamigen Berge in der Feldmark des Dorfes Rüdesheim producirt. In der Nähe der Stadt ist der Rochusberg, mit einer Kapelle, welche Goethe mit dem Bilde des heil. Rochus schmückte, und zu welcher jährlich gewallfahrtet wird. Am Abhange des jetzt mit schönen Parkanlagen gezierten Berges sieht man noch die Trümmer des 1689 gesprengten alten Schlosses, in welchem 1105 Kaiser Heinrich IV. von seinem Sohne gefangen gehalten wurde. Jenseit der Nahe ist der Ruppertsberg mit den Ruinen eines Klosters, wo die heil. Hildegarde im 12. Jahrh. lebte. Unterhalb der Stadt ist das berühmte Bingcrloch, ein für die Schiffahrt auf dem Rhein sonst sehr gefährlicher Punkt, wo Felsen unter den» Wasser am linken Ufer nur einen etwa 56 Schritt breiten Raum für größere Fahrzeuge und auf dem rechten einen noch nicht einmal so breiten blos mit Nachen zu befahrenden offen ließen; doch sind dieselben seit 1831 insoweit gesprengt worden, daß jetzt jede Gefahr beseitigt ist. Hier steht mitten in dem brausenden Strome auf einem Felsen der sogenannte Mäusethurm, wahrscheinlich ein aller Maukhthurm, in welchem aber der Sage nach der Erzbischof Hatto II. von Mainz 069 von de» Mäusen gefressen worden sein soll. B-, das alte Vincum oder Bingium, gehörte in der Römerzeit zum belg. Gallien; die Römer erbauten hier wahrscheinlich am Rochusbcrg ein Castell, an dessen Stelle im Mittelalter die Burg Klopp trat, deren Hauptthurm den Namen Driisusthuriii führt. Binglcy, der Earrick der Holland. Nationalbühne, geb. 1755 in Rotterdam von 876 Binocular-Telefkop Bion wohlhabenden engl. Altern, wurde nach vollendeten Schulstudicn für den Handel bestimmt und auf ein Comptoir gebracht, durch seine Neigung aber dem Theater zugeführt. Bei seinem ersten Auftreten auf der amsterdamer Nationalbühne im J. 1779 ward er, weil man ihn für einen geborenen Engländer hielt, bei dem Hasse, den damals die ohne Kriegserklärung von den Engländern erfolgte Wegnahme aller Schiffe unter niederländ. Flagge gegen Eng- laud erregt hatte, sehr ungünstig ausgenommen. Bald besiegte er indeß alle Vorurtheile, in- dem er sein Talent auf eine glänzende Weise zu entwickeln Gelegenheit fand. Obgleich die Tragödie stets sein Hauptfach blieb, so gelangen ihm doch nicht minder einzelne Darstellungen im Lustspiele. Seit 1796 dirigirte er eine eigene Schauspielergesellschaft, die vorzüglich in Rotterdam und im Haag spielte, und starb an letztcrm Orte 1818. Binocular-Teleskop nennt man ein doppeltes Fernrohr oder eine Verbindung zweier Fernröhre, durch welche man mit beiden Augen zugleich sehen kann. Schon der erste Fernrohrverfertiger, Hans Lippersein in Middelburg in Holland, gewöhnlich Lippersheim genannt, machte mehre solche Fernröhre. Nachdem er nämlich sein erstes Teleskop, welches einfach war, den Generalstaaten zur Ansicht und zum Verkauf vorgelegt hatte, erhielt er von ihnen den Auftrag, noch ein anderes zu fertigen, durch welches man mit beiden Augen zugleich sehen könnte, was er auch 1699 ausführte. Es ist daher irrig, was beinahe allgemein angeführt wird, daß der Kapuziner Nheita diese Erfindung zuerst gemacht habe, weil er sie in seinem sonderbaren Buche „Oculus bmocbi otblliue" (Antw. 1645, Fol.) zuerst beschrieben hat. Übrigens find diese doppelten Fernröhre schon längst und mit Recht außer Gebrauch und blos noch bei Theater- oder Taschenperspectivcn üblich, ja für diese in der neuesten Zeit unter dem Namen Binocle wieder sehr beliebt geworden, obschon sie auch für diesen Gebrauch keine besonder» Vorzüge vor den gewöhnlichen einfachen haben, etwa den abgerechnet, daß beide Augen zugleich in Thätigkeit erhalten werden und daher keines von beiden durch Verwöhnung leiden kann. Binomisch heißt in der Mathematik eine Größe, die aus zwei Thcilcn besteht oder als zweitheilig dargestellt wird, z. B. a -s- lr oder 5 — 3. Man nennt eine solche Größe auch ein Binom, sowie eine dreitheilige Größe, z. B. ab -j- c, ein Trinom heißt u.s.w. Der Binomische Lehrsatz oder das Binomial-Theorem ist diejenige merkwürdige Reihe oder analytische Formel, durch welche irgend eine Potenz eines Binoms ausgedrückt und entwickelt wird. Für ganze Exponenten haben schon die älter» deutschen Mathematiker, z. B. Stifel in seiner „^ritbmetica iiitsgra" (1544), die Reihe gekannt; wer sie erfunden, ist nicht ausgemacht, obgleich von Manchen Pascal als Erfinder genannt wird. Newton zeigte zuerst, daß der Lehrsatz für alle Arten Exponenten gilt, weshalb derselbe auch oft unter dem Namen des Newton'schen vorkommt. Ohne Zweifel ist diese Entdeckung, welche er im I. 1676 oder kurz vorher machte, eine seiner schönsten und wichtigsten, da dieser Satz einer der fruchtbarsten und folgenreichsten in der ganzen Mathematik genannt werden muß. Zu den zahlreichen Anwendungen desselben gehört, daß man mittels desselben auf eine weit bequemere Weise, als mittels des gewöhnlichen Wurzelausziehens geschehen könnte, die Wurzeln jeder Zahl von jedem beliebigen Wurzelexponenten oder Grade finden kann. — Binomial- co efficicnten sind die in der Reihe des Binomischen Lehrsatzes vorkommcndcn, lediglich von dem Exponenten abhängenden Factorcn der einzelnen Glieder, welche in vielen mathematischen Untersuchungen eine wichtige Rolle spielen. Biographie, s. Lebensbeschreibung. Biologie und Biometrie, s. Leben. Bion, ein griech. Jdyllendichter, aus Smyrna gebürtig, von dessen Lebcnsumständcn sich nirgend eine Nachricht findet. Aus der Elegie, welche sein Zeitgenosse und Freund Moschus auf seinen Tod gedichtet hat, scheint hervorzugehen, daß er mit Theokrit zugleich geblüht (um 284—246 v. Ehr.), daß er den letzten Theil seines Lebens in Sicilien zugebracht und seinen Tod durch bcigebrachtes Gift gefunden habe. Unter seinen auf uns gekommenen Gedichten ist der Klagegesang um Adonis das bedeutendste; die übrigen meist nur noch in Bruchstücken vorhandenen zeichnen sich mehr durch Feinheit des Ausdrucks und Zartheit des Gefühls als durch Einfachheit und Natur des Hirtenlebens aus. Erst durch Stephanus von denen des Theokrit getrennt, erschienen sie zuerst gesondert von A. van Mekkcrkc 377 Bist Viech-Pfeiffer »ul (Brügge 1565), dann von Heskin (Orf. 17-77-), F. Jacobs (Gotha 1795) und Wake- cm . ficld (Lond. 1795); mit Theokrit zugleich von Valckenaer, Brunck, Schäfer/Lpz. 1899), ihn Gaisfvrd in den ,,1'oet. gr-iec. minor." (Bd. 1) und Meineke (Lpz. 1825). übersetzt wur- mg den sie von Manso (Gotha 1781 und Lpz. 1897) und mit Theokrit von I. H. Voß (Lüb. ng- 1808) und Naumann (Prenzlau 1828). in- Biot (Jean Baptiste), Physiker und Astronom, gcb. am 2 1 . Apr. 1771 zu Paris, die machte seine Studien im College Ludwig's XlV. und trat dann in Artilleriedienste. Seine M Begierde nach höherm Wissen trieb ihn jedoch bald wieder nach Paris zurück, wo er nun die in Polytechnische Schule besuchte. Hierauf wurde er Professor in Beauvais; doch schon 189V kam er wieder nach Paris als Professor der Physik aml.)cee dskrsncs. Jm J. 1892 ür , zum Mitglied der ersten Classe des Instituts ernannt, war er es allein, der 1891 das Justi- m- tut bewog, nicht für Bonaparte's Ernennung zum Kaiser zu stimmen. Mit Arago ward er, ge- nachdem er Mitglied des Längenburcaus geworden, > 896 nach Spanien gesendet, um die in- Messung eines größern Bogens des Meridians fortzusetzen, mit welcher man die Einen führung eines neuen Decimalsystems vorbereiten wollte. Nach der Rückkehr von dort widmete er sich mit neuem Eifer tiefem Forschungen und suchte durch seine Vorlesungen nn vielseitig zu wirken. Im I. 1816 übernahm er das Fach der mathematischen Wissen- sie schäften für das „äonrnsl des suvsnts". Um noch streitige astronomische Beobachtungen de- durch Gradmessungen zu berichtigen, unternahm er1817 eine Reise nach den Orkueyinseln. >e- Im Gebiete der Physik hat er sich vornehmlich durch seine Untersuchungen über das Licht cn verdient gemacht. Sein Hauptwerk ist der ,,'IHte depk^sicpie experimentale et matiiema- m tigne" (1 Bde., Par. 1816; deutsch von Wolf, 2 Bde., Berl. 1818—19, und von Fechncr, lb- 2. Aust., Lpz. 1829); ein faßlich geschriebener Auszug daraus erschien unter dem Titel l>N „Lrecis elementaire de pü^sicpie experimentale" (2 Bde., Par. 1818). Unter seinen übri- !> gen Werken sind dievorzüglichsten der „Traite elementairs cl'sstroaämis pb^si<;ne" (2 Bde., cer Par. 1895; 2.Ausg., 3Bde.,Par. 1811; neuesteAusg. 1812), der^raite anal^tigue de« lch courbes et des «urkaces du sscoad degre" (Par. 1892 und öfter; deutsch von Ahrcns, er Nürnb. I817)und die„1iecberciiess»r les Mouvements des ineleeules t- moire sur la constrtution de l'stmosptiere terrestre" in der „Lonnaisssnce des temps" für 8. 1811, eine Frucht seiner ausführlichen Untersuchungen über die Strahlenbrechung. Jntcr- ist essant ist auch seine 1836 gelieferte Abhandlung über die periodischen Sternschnuppen des >te November, welche er aus dem sich zuweilen als Zodiakallicht zeigenden Sonstennebel er- m klärte, in dessen Durchschnittspunkte mit der Erdbahn die Erde sich um diese Zeit befinden soll. Z. Birch-Pfeiffer (Karoline), bekannt als Schauspielerin und dramatische Schrift- er stellcrin, ist zu Stuttgart 1809 geboren und die Tochter des dasigen Domainenraths Pfeiffer, cn oer 1806 in bair. Dienste und als Oberkriegsrath nach München ging. Körperlich und re geistig entwickelte sie sich ft schnell, daß sie bereits im 13. Lebensjahre von der glühendsten er > Neigung zur Schauspielkunst getrieben und nach dem hartnäckigsten Kampfe mit ihren wi- l - l derstrebenden Altern die Hofbühnc zu München betrat. Hof und Publicum zollten der so ch 1. jugendlichen Künstlerin reichen Beifall, der mit den Fortschritten wuchs, welche sie beson- e- f ders unter des Schauspielers Zuccarini Leitung in ihrer Kunst machte. Nach > 818 erhielt sie das ganze Fach der tragischen Liebhaberinnen, machte 1822 und >823 größere Kunstreisen durch Deutschland und heirathete 1825 den auch als Schriftsteller, namentlich durch eine Biographie König Ludwig Philipp's (Stutkg. 1811) bekannten v. Christ. Birch aus cn Hamburg, welcher bei der münchener Hoftheaterintendantur eine Anstellung erhielt. Seitdem o- erstreckten sich ihre Kunstreisen bis nach Petersburg und Pesth auf der einen und bis Am- c- sterdam auf der andern Seite; in München trat sie nur noch als Gastspielerin auf. Im I. ist 1838 übernahm sie die Direktion der jetzt stehenden Bühne zu Zürich, die sie mit seltener cn > Umsicht leitet. In ihrer Blütezeit gefiel sie allgemein durch das Feuer ihres Spiels, durch in ' Gewandtheit und poetische Auffassung; später that ihre zunehmende Körperfülle der Wir- cs i kung ihres Spiels um so mehrAbbruch, da sie mitVorliebe jugendlicheHeldinne» gab. Fast >s größern Ruf noch erwarb sie in späterer Zeit durch ihre Bühnenstücke, welche auf allen Thea- kc tcrn Deutschlands heimisch wurden, in denen sich auch wirkliche dramatische Anlage, Leiden- 378 Birckncr Birken schast und namentlich Kcnntniß der Bühncnaffecte, wie des vorherrschenden Geschmacks nicht verkennen lassen, die aber einen ästhetischen Standpunkt durchaus nicht festhalten und von aller künstlerischen Durchbildung entfernt sind. Ihre Stücke jedoch zogen das Pu- blicum um so mehr an, da sie nicht blvs derb, sondern zugleich sentimental sind. Wirkliche Lichtblitze des Talents schlagen indcß durch diese dichte Masse nicht selten aufs überraschendste hindurch. Den meisten Beifall erwarben „Schloß Greifenstein oder der Sammtschuh" (1833), „Pfefferrösel" (1833), „Hinko", „Die Günstlinge", vielleicht ihr gelungenstes Stück; ferner „Johannes Gutenbcrg" (1830), „Der Glöckner von Notre-Dame" und „Rubens in Madrid" (l 83 V). Auch in Nomanc», in denen das Derbstvffliche bedeutend verwaltet, versuchte sie sich; dahin gehören „Burrton Castle" (2 Bdc., Münch. 183-1), „Erzählungen" (Lpz. 1830) und „Romantische Erzählungen" (Bcrl. 1830). ^ Birckner (Mich. Gottlicb), ein Däne, geschätzt als hclldcnkcndcr Philosoph aus der Kantischen Schule und noch mehr als tüchtiger Stilist, war zu Kopenhagen 1750 geboren und starb als Prediger zu Korsöer 1708. Unter seinen Schriften, die nach seinem Tode gesammelt hcrauskamcn (1 Bdc., Kopenh. 1708 — 1800), machte besoi*>crs die durch Frci- müthigkeit, Scharfsinn und Sachkcnutniß ausgezeichnete Vcrlhcidigung der Preßfreiheit „Om Trykkesrihcdcn og densLove" (Kopcnh. 1707—08) großes Aufsehen, welche schnell nacheinander drei Auflagen erlebte und B. den ungethcilten Beifall der Nation erwarb. Bird, einer der ersten astronomischen Mechaniker Englands, gcb. in Durham zu Anfänge des 18. Jahrh., war anfangs Leinweber in seiner Vaterstadt. Nachdem er als solcher bei einem Uhrmacher die Art, Kreise und Näder in gleiche Thcile zu ehesten, kenncn gelernt hatte, gewann er sich seinen Unterhalt durch die Verfertigung von Sonnenuhrenblättern, die er viel genauer, als bisher geschehen war, eintheilte. Im I. 1715 kam er nach London, wo er sogleich von dem Mechaniker Sisson zur Eintheilung der astronomische» Quadranten gebraucht und durch ihn an den berühmten Graham empfohlen wurde. Wenige Jahre darauf arbeitete er schon als selbständiger Mechaniker mit einem eigenen Atelier. Insbesondere bc- ^ schäftigtc er sich mit der Verfertigung größerer astronomischer Quadranten, sogenannter ' Maucrquadrantcn, deren er einen für Greenwich von 8 F. Radius, zwei gleich große für Paris, zwei für Oxford und einen für Petersburg, sowie für Manheim und für Götliugen verfertigte. Seine Schriften ,,'1'Iie metllorl ob cvnstructing murul (jiMtl, iints" (Lond. 1708) und „T'lle metlxxl ok stivieliiiF astron. Instruments" (Lond. 1707) waren für ihre Zeit sehr schätzbar; gegenwärtig aber ist Rcichenbach's Theilung bciwcitcm vorzüglicher. Biren (ErnstJoh.von), s. Biron. Birken (Sicgmund von), vor seiner Erhebung in den Adclstand Betulius genannt, ein deutscher Dichter des 17. Jahrh., wurde am 25. Apr. 1020 zu Wildciisicin bei Egcr, wo sein Vater Prediger war, geboren. Zu Nürnberg, wohin er sich noch vor beendigtem akademischen Cursus gewendet hatte, gaben Harsdörfer und Klaj seinem poetische» Streben die Richtung, worauf er in den Blumenorden ausgenommen ward. Nachdem er sich in den I. 10-16 und 10-17 an dem Hofe des Herzogs August von Braunschweig- Wolfcnbüttcl, als Lehrer der beiden Söhne desselben, Anton Ulrich und Ferdinand Albrccht, aufgehalten und darauf zu Danncbcrg die Erziehung einer Mecklenburg. Prin- . zessin geleitet hatte, kehrte er nach Nürnberg, dem Sitze der damals zur Vollziehung des west f fäl. Friedens zusammengetrekencnNeichsversammlung, zurück. Nach vollzogenem Friedensschlüsse erhielt er von dem Fürsten Ottavio Piccolomini den Auftrag, die zur Feier desselben zu veranstaltenden Festlichkeiten zu ordnen, und wurde bald darauf vom Kaiser Ferdinand ll>. in den Adelstand erhoben. Der Blumenerden ernannte ihn nach Harsdürfer's Tode 1058 zum Oberhirtcn der Pegnitzschäfcr. Nicht unempfindlich gegen Auszeichnungen der Art, fühlte er sich doch am meisten durch die Liebe seines ehemaligen Zöglings, des Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig, beglückt, der ihm bis zu seinem Tode, welcher zu Nürnberg am 1 2. Juni 1 681 erfolgte, mit treuer Seele anhing. B. versuchte sich als dramatischer Dichter in allegorischen Festspielen, die von wirklichem dramatischen Talente zeugen, die jedoch ebenso ' wie seine lyrischen Gedichte geistlichen und weltlichen Inhalts, denen es,übrigens nicht an Gefühl und Phantasie fehlt, durch süßlich-pedantische Spielerei und künstliche Wortbildungen die Schule verrathcn, aus der sie hcrvorgegangcn sind. Eine nicht unrühmliche Virkenfeld Birkenstock 379 Stelle nimmt er als Schriftsteller in Prosa ein. Sein „Spiegel der Ehren des Hauses Ostreich" (2 Bde., Nürnb. 1668 , Fol.), eine im Aufträge Kaiser Leopold's l. unternommene Überarbeitung eines früher» gleichnamigen Werks von I. I. Fugger, gehört, ungeachtet der Beschränkungen, die ihm dabei von dem wiener Hofe auferlcgt wurde», zu den bessern deutschen Geschichtswerken des l7. Jahrh., und seine „Deutsche Rede-, Bind- und Dichtkunst", so wenig sie irgend neue Ansichten aufstcllt, verdient wenigstens in Hinsicht auf die Sprache einige Beachtung. Seine Gedichte sind ausgenommen in Müller's „Bibliothek deutscher Dichter des 17. Jahrh.", Bd. 9 (Lp;. 1826). Birkenfeld, das Fürstenthum, ist ein Theil des Großhcrzvgthums Oldenburg, der zufolge der wiener Congrcßacte, worin dem damaligen Herzog von Oldenburg ein Gebiet mit 20606 E. im ehemaligen Saardcpartemcnt zugesichert worden war, und vermöge eines am 0. Apr. 1817 zu Frankfurt am Main Unterzeichneten Staatsvertrags durch den prcuß. Hof dem genannten Fürsten überwiesen wurde. Nordöstlich grenzt cs an das landgräflich Hess. Oberamt Mcisenheim; sonst ist cs von den prcuß. Regierungsbezirken Trier und Koblenz eingeschlossen; die Landesgrenzen sind zur Zeit noch nicht definitiv regulirt. Es liegt zwischen den Flüssen Rhein, Saar und Mosel, und der Flächeninhalt beträgt 8—6 OM. Die Bevölkerung betrug nach der 1840vorgenommencuZählung 28666, während sie 1817 nur zu 26632 angenommen wurde. Ungeachtet der vielen Wälder, Berge und Felsen fehlt es doch nicht an gutem Ackerlande, selbst nicht an Weinbau. Was die Viehzucht betrifft, so ist nur die Cultur des Rindviehs und der Schweine bemerkenswerth. Der Getreidebau reicht nicht einmal für den eigenen Bedarf der Bewohner hin. Unter den Manufacturen verdienen die Steinschleifercien Erwähnung. Das Fürstenthum ist in drei Amtsbezirke Birkenfeld mit 8878 E-, Oberstem mit 11869 und Nohfelden mit 7982 E-, und jedes Amt in drei Bürgermeistereien cingetheilt. Das Negierungscollegium zu Birkenfeld, welches unmittelbar unter dem Cabinet zu Oldenburg ressortirt, hat die gesummte Civilverwaltung mit Einschluß der Justiz, wobei, wenn der Gegenstand sich dazu eignet, eine Appellation an das Ober- appellationsgericht zu Oldenburg stattfindet. Das civilgerichtliche Verfahren ist durch das Proceßreglcment von 1831 abgekürzt und modificirt. Statt der franz. Strafgesetze, die nur noch bei Policeiübertrerungen angewendet werden, gilt das 1814 publicirte oldcnbur- gische Strafgesetzbuch. Die vormals berühmten, in neuer Zeit als versiegt betrachteten eisenhaltigen Mineralquellen bei Hambach und Schwollen find wieder ein Gegenstand der Beachtung geworden. Das Pojiwcscn, welches früher unter fürstlich Thurn- und Taxis'- scher Verwaltung stand, ist seit 1836 von dem prcuß. Generalpostamt übernommen. Das protestantische Kirchenwesen steht unter dem im I 1823 errichteten Konsistorium, die zwölf lutherischen und zwei reformirten Pfarreien stehen unter einem Superintendenten, der zugleich Mitglied des Confistoriums ist. Die Union beider Confessionen ist bereits so weit vorbereitet, daß die landesherrliche Sanction nur erwartet wird, um sie ins Leben zu rufen. Die sieben katholischen Pfarreien werden von einem Dechanten beaufsichtigt, der unter dem Bischof von Trier steht. Ein Gymnasium ist zwar so wenig vorhanden, als eine höhere Bürgerschule; jedoch bestehen in B. eine Anstalt, welche für die ober» Classcn solcher Institute vorbereitet, und ein Schullehrerscminar. Zum Militairdienst werden jährlich 64 M.ausgehobcn. Vgl. Finckh, „DieVerfassung undVcrwaltung dcsFürstenlhumsB." (Oldenb. 1842). Birkensaft wird nicht nur frisch genossen, sondern gibt auch durch Gährung den Bir - kenn; eth und Birkenwein und dient zum Arzneimittel. Um denselben zu gewinnen, bohrt man zur Zeit, che noch der ganze Frost aus der Erde ist, in die Birke nach der Mittagsscitc zu etwa zwei Zoll tief ein schräges Loch und leitet mittels eines Röhrchens den Saft in ein Gefäß. Die Ausbeute eines einzigen Stammes beträgt binnen eines Tages oft zwei bis drei Kannen. Wird das Loch jedesmal durch einen hölzernen Pflock wieder verschlossen und mit Thon oder Har; überklebt, auch jährlich das Abzapfen an derselben Stelle vorgenommen, so leidet der Baum nur sehr wenig. Sehr wohlthätig wirkt der Birkensaft namentlich bei Kranken, welche an der Niere und an Blascnstcincn leiden. Bei mäßigem Genüsse ist auch der Birkenwcin nicht nachthcilig für die Gesundheit. Neuerdings hat man eine Art Champagner daraus gemacht. Der frische Saft enthält über zwei Procent Zucker. Birkenstock (Joh. Melchior, Edler von), ein um das Schulwesen in Ostreich hoch- 380 Birmanisches Reick verdienter Mann, war zu Hciligenstadr im Eichsfeld am l l.Mai 1738 geboren. Rach Vollendung seiner Studien ging er nach Wien, wo er in der Geheimen Staatskanzlci angestcllk, dann zum Hofrach ernannt wurde und bald großen Einfluß auf die Studien- und Censur- angelcgcnhcitcn gewann. Unter Joseph II. zum Mitglied der Studiencommission ernannt, war er unablässig bemüht, die Schulen zu verbessern und geläuterte Grundsätze eiuzuführen. Äls jedoch die Erziehung dem Piaristenvrdcn anheimsiel, ward er in den Ruhestand verseht. Er starb am 30 . Oct. 1 809 . Sein gebildeter Geschmack, richtiger Blick und seine humanistische Bildung zeichneten ihn unter den östr. Staatsdienern höchst vortheilhaft aus. Als Schriftsteller hat er sich durch die Gewandtheit, im Lapidarstile sich auszudrücken, berühmt gemacht. Birmanisches Reich oder Birma, das Reich der Maramas, Birmanen, Bur- mancn oder Burmesen, wie es neuerdings die Engländer nennen, ist das gewichtigste und größte Land der hinterind. Halbinsel, deren vierten Theil es bedeckt. Noch sind die Nachrich- tcn über die innern Landeszustände sehr spärlich, und erst die neuesten Berührungen der Briten mit den Birmanen und die Forschungen Crawfurd's haben einiges Licht in jene mythische Region einer historisch und natürlich merkwürdigen Grenzscheide hinduscher, mongolischer und malaiischer Elemente verschafft. Die Grenzen von B. sind im Norden die unbekannten Gebirgslandschaften des Sine-Shan und des Bor-Khamtilandes, östlich das westliche Grenzgebirge der chincs. Provinz Amman und der von Siam scheidende Saluän- oder Thaluänstrom, im Süden der Golf von Martaban und gegen Westen die arakanschen Kü- stcuketten und die unbestimmten Grenzen des Landes Katfchar. Innerhalb dieser allerdings thcilweise mit nur annähernder Gewißheit anzugebenden Grenzen, läßt sich das Areal des Reichsauf 10000 OM. schätzen, vvn denen 8000 auf das unmittelbare Birmanengcbiet und 2000 auf die tributasten Landschaften kommen. Das eigentliche Birmanenland nimmt nur den vierten Theil des ganzen Reichs ein; denn außer ihm sind noch das unmittelbare unterthänige Gebiet Koschan-pri oder Kasi-Shan undMrelap-Shan, die Thcile von Caffay oder Moitay und Jo-pri im Norden und Pcgu und die gebliebenen Reste von Martaban im Süden, und als tributaire Schützlandschaftcn das Gebiet der Bor-Khamti, Sinphos, Al- bors und Mischmis im Norden und Khiacn, Kungkys im Nordwesten um die Quellen des Arakan anzuführen. Das ganze Land ist eigentlich nur das Gebietsland des Jrawaddi- stroms, eines jener hintcrind. Ströme, der seine Quelle dem forschenden Europäer noch m räthselhastem Dunkel verschließt, der unterhalb Ava (s. d.) auf der rechten Seite den Kyen- duen aufnimmt und links den sich abgabclnden Panlaun entsendet, welcher sich in dem weiten Deltalande svwol wieder mit dem Hauptstrome, wie mit dem Setang oder Zittaun und mit dem Saluän vielfach verzweigt. Von den in unbestimmten Umrissen aus den sturmgepeitschten Wellen des Martabanschen Golfs auftauchenden Saume des peguanischen Delta steigt das birmanische Gebiet nordwärts terrassenförmig auf. Der Ankommende Fremde wird im Süden überrascht durch den Anblick eines Niederungslandes, in dem das flüssige und starre Element in ewigem Kampfe begriffen zu sein scheint. Er sieht zwischen den beiden Hauptmündungsarmen d.'s Jrawaddi, dem westlichen von Baffein und dem östlichen von Rangun, ein 500 H>M. großes Deltaland, das in der östlichen Erweiterung bis zum Saluän sein Areal verdoppelt. Es ist ein halbüberschwemmtes Niederungsland, in allen Richtungen von Wasseradern, Lagunen, Seen und Sumpfwaldungen bedeckt; die amphibische Heimat pcguanischer Völker, deren Hauptstadt Pcgu sich in den umgebenden Wasserflächen spiegelt, in natürlicher Großartigkeit und Bedeutung das Nildelta übertreffend, wenn auch nicht in Fülle und Tiefe seiner historischen Erinnerungen. Im nördlichen Hintergründe dieser Niederung erhebt sich zwischen den Ufern des Setang und Jrawaddi ein sanftes Bergland unter dem Gesammtnamen des Peguplateaus als allmäliger Übergang zum Mittlern Jrawaddi- laufe, den man von der Stromspaltung bis nach Bhamo verfolgen kann, wo die Schiffbarkeit beginnt. Diese mittlere Stufe schließt in dem kurzen westöstlich gerichteten Querthale die wichtigen Culturebcnen der Residenzen ein und ist mit höhern Berglandschaften umsäumt, welche zum nördlichen obern Gebiete führen. Dasselbe ist zwar ein zum Theil noch ganz unbekanntes Land, dessen schnecgekrönte Gipfel gewiß noch lange die Jungfräulichkeit eines vom Menschen noch nicht betretenen Bodens vertheidigen mögen; es scheint jedoch mit Gewißheit anzunehmcn zu sein, daß der Jrawaddi nicht identisch mit dem Dzang-bo-tsiu Birmanisches Reich Ü8I des tibetanischen Hochthalcs ist, sondern daß er seine Ouellwasser durch den schmelzenden Schnee des Lang-tau erhält. Von diesem südöstlichsten Vorsprunge des Himalayasystems aus lassen sich nun die meridiangerichteten Schcidegebirge verfolgen, welche den Jrawaddi von seinen Nachbarströmen trennen, und zwar östlich als birmanisch-siamesisches Scheidegebirge, westlich als arakanisches. Beide gliedern mit ihren Verzweigungen den birmanischen Boden mannichfach und würden ihn orographisch zersplittern, wenn ihn nicht das System des Jrawaddi zu einer hydrographischen Einheit verbände. Die Naturerscheinungen B.s tragen den allgemeinen ostindischen Charakter In den nördlichen und hohen Gebirgslandschaften herrscht die winterliche Strenge der höhern Regionen in scharfem Gegensätze zu den milden und segensreichen Verhältnissen der tiefen geschützten Thäler; indische Glut und Schwüle lagern dunstbeschwert über den südlichen Niederungen; nur zwei Jahreszeiten wechseln hier miteinander unter dem Gesetze des Passats, und der regelmäßige Eintritt der nassen Jahreszeit bestimmt jene Fruchtbarkeit, die in verschwenderischer Üppigkeit indischer Welt auf dem feuchten Boden der Flußniederungen wuchert. B. besitzt in Menge die schönsten und härtesten Waldbäume Indiens und vorzugsweise schönes Teakholz als einen Haupthandelsartikel, alle Cerealien Indiens, besonders Reis als das Hauptnahrungsmittel; die schönsten Tropcufrüchte, Zuckerrohr, Indigo, Baumwolle, Taback, Gewürze und auch Thee in den nördlichen Thälern. Das Land hat den hier in vollster Kraft entwickelten Elefanten, das Nhinoceros und den Königstiger Hindostans, wie dessen Ochsen, Büffel und Pferd» neben dem gezähmten Elefanten als Hausthiere; es besitzt das bunte indische Gefieder, aln indische Fische, den Seidenwurm und die Biene; dagegen fehlen Schaf, Schakal, Wolf und Hyäne. Der von den Chinesen betriebene Bergbau findet ein weites Feld reichster Ausbeuten ; nächst Gold, Silber, Eisen, Blei, Kupfer und andern Metallen, wie den herrlichsten Edelsteinen, ist auch durch Entdeckung eines engl. Kaufmanns, Lane, im I. 1830, Platina vorhanden, und Schwefel und Naphtha werden in Menge dem häufig durch Erdbeben erschütterten Boden abgewonnen. Das große Birmanengebict wird von 18 Nationen bewohnt, die zwar unter sich in Sitte, Sprache und Religion verschieden, im Ganzen aber doch durch einen gemeinsamen Typus verbunden sind, der sie ebenso entfernt von den Hindus wie von den Chinesen stellt. Hinter beiden Nationen stehen sie an Bildung weit zurück, sowol in den Zweigen der geistigen wie technischen Cultur. Ihr Industries! eiß bietet für den Ausfuhrhandel vornehmlich baumwollene und seidene Zeuge, Glas und Porzellan. Die Birmanen sind geschickte Weber, auch zeigen sie in ihren Bildwerken, besonders den marmornen Götzenbildern, die einen Ausfuhrartikel bilden, sowie in ihren Arbeiten in Gold und Silber ungemeine Kunstfertigkeit. Sie treiben mit China einen lebhaften Handel, welchen der gegen 300 M. ins Binnenland sich erstreckende Fluß Jrawaddi erleichtert, dessen Ufer mit volkreichen Städten bedeckt sind. Der Adel unterscheidet sich von den übrigen Volksclaffen durch Kleidung, Wohnung und Hausgeräthe, ist in verschiedene Rangstufen getheilt und wird von dem unumschränkten Beherrscher bei wichtigen Angelegenheiten um seine Meinung befragt. Jeder Birmane lernt lesen, schreiben und rechnen; das gewöhnliche Schreibmaterial sind Palmblättcr auf die man mit eisernen Griffeln schreibt. Die Bücher bestehen aus dünnen Elfenbeintüscln. Eine Hauptbelustigung des Volks ist das Theater, wo Rede, Tanz und Musik wechseln. Die herrschende Religion ist der Buddhaismus; die Priester sind Mönche, die in Klöstern wohnen, täglich nur einmal essen, zur Ehelosigkeit und Keuschheit verpflichtet sind und wegen ihrer Frömmigkeit und Gelehrsamkeit in hoher Achtung stehen. Die Gesammtzahl der kräftigen, schönen und kriegerischen Bevölkerung schätzt Crawfurd auf 3/2 Mill- Die Residenz des Boa oder Kaisers, welcher in vollkommener Despotie den Scepter führt, ist Av a fs. d.). Die Birmanen in Ava machten sich im 16 . Jahrh. unabhängig von Pcgu, mußten sich aber 1730 diesem Staate wieder unterwerfen, bis Alompra, ein tapferer Häuptling, 1733 das Volk wieder zu den Waffen rief, Ava frei machte und auch Pegu eroberte. Nach seinen, Tode im 1.1760 folgte ihm sein Sohn Namdodschi in der Herrschaft, der die von dem Vater begonnene Verbesserung der inner» Verwaltung fortsetzte. Gegen Ende des 18 . Jahrh. wurde Arakan und 1783 auck Siam zur Unterwerfung gezwungen und um gleiche Zeit zwischen B. und der Ostindischen Compagnie ein Freundschafts- und Handelsvertrag abgeschlossen. Der 382 Birmingham Boa Mindcradschi Prau, der 1819 zur Herrschaft kam und >832 starb, unterwarf die nördlichen gebirgigen Landschaften von Assam. EinThcil der Besiegten war inFolge davon im Verein mit birman. Empörern in das brit. Gebiet geflohen und hatte sich hier zu einem Angriffe gegen das Birmancnrcich gerüstet. Die brit. Regierung hatte sie entwaffnen lassen, sich aber geweigert, sie ausruliefern oder sie von der Insel Schapuri, wo sie sich festgesetzt hatten, zu vertreiben. Der Boa suchte nun die Mahratten und alle ind. Völker zum Kampfe gegen die Briten auszurcizcn, fodcrte endlich von der brit. Negierung die Abtretung des nördlichen Bengalen und siel 1823 in Kadschar ein, das sich unter brit. Schutz begeben hatte. Lord Amhcrst, der damalige Generalgouvcrneur, erkannte die große Gefahr, die dem brit. Reiche in Indien drohte, und erklärte den Birmanen den Krieg, welchen der Generalmajor Archibald Campbell so glücklich führte, daß die Feinde im Dec. 1825 einen für sie nachthei- f ligen Frieden schließen mußten. Als der Boa die Genehmigung der vorgeschriebcnen Bedingungen verweigerte, begann der Kampf im Jan. 1826 von neuem, der jedoch schon im Fcbr. damit endete, daß der Boa den Frieden anzunehmen gezwungen war. Er mußte der Ostindischen Compagnie einen ansehnlichen Theil seines Landes abtretcn, das Reich Assam als unabhängigen Staat anerkennen, der Ostindischen Compagnie das Recht einräumen, die Häuptlinge zu ernennen, welche unter ihrem Schutz die nördlichen Landschaften beherrschen sollten und die wichtige Handelsstadt Nagun für einen Freihafen erklären. So wu-rde der mächtigste ind. Staat getheilt und zugleich geschwächt. Vgl. Symes, „Account ok sn em- 1>3LS/ to tiie ok ^v->" (Lond. 18VV, 3.), Snodgroß, „Karrstive ok tilg burmesc evsr" (Lond. 1827 ; deutsch Hann. 1830) und John Crawsurd, „äournai ok an embass) krom tbe Governor in lncki» to tiie conrt ok,4va in tim z-esr 1826 — 27" (Lond. 1829). ^ Birmingham, die größte Metallwerkstätte und neben Manchester die größte Fabrikstadt Englands, liegt in der Mitte des Landes am Flusse Rea in der Grafschaft Warwick. j Zwar schon lange ziemlich bedeutend, indem schon Heinrich VIII. geschätzte Eisenarbciten und > Wilhelm III. Feuergcwehre hier fertigen ließ, verdankt B. sein rasches Emporblühen nächst - den unermeßlichen Kohlen- und Eisenminen in der Nähe der um 17 7 3 von hier ausgegan- gencn vervollkommneten Herstellung der Dampfmaschine durch Watt und Boulron. Die Stadt ist durch die Neformbill 1832 zu Sitz und Stimme im Parlamente berechtigt wor den und hat gegen 150600 E., von denen fast 60000 Fabrikarbeiter sind. Die Einfarbigkeit der Häuser, welche aus dunkelrothcn Mauersteinen erbaut sind, die man nicht übertüncht, gibt der Stadt ein trübes Ansehen, welches durch dm dicken Rauch aus den zahlreichen Mctallwcrkstättcn, der über die Stadt hinzieht, noch dunkler wird. B. hat 22 Kirchen und Bcthäuscr, zwei Synagogen, eine Bell-Lancaster-Schule, mehre Bibliotheken undWohl- thätigkcitsanstalten, einen schönen Sitzungspalast der Grafschaft, ein Theater, ein prächtiges Hospital, ein schönes Stadthaus und auf dem Markte die Bronzestatue Nelson's. Die Union, welche sich zu B. in neuer Zeit bildete, war zur Förderung volksthümlicher Zwecke sehr thätig. Zu Anfänge des 18 . Jahrh. war B. noch ein unbedeutender Ort von etwa 5000 E-, und blos durch Lcdermanufacturen einigermaßen bekannt, jetzt ist es der Hauptort für gröbere und feinere Arten von Stahl- und plattirtcn Maaren, für Knöpfe, Schnallen und Messingwaare», für Bijouterie, Quincaillcrie und lackirte Arbeiten. Schon im I. 1793 betrug der Werth der daselbst und in der Umgegend verfertigten Waaren 33'/r Mill. s Gulden und nicht mit Unrecht nennt man V. den Kramladen von Europa s'1'o>-sl»op »k klnrope). Die sogenannten birminghamer Waaren sind außerordentlich mannichfach, und bewundernswürdig die neuen Erfindungen, welche Einfachheit und Zweckmäßigkeit vcr binden und sämmtlich auf Nutzen, Genuß und Bequemlichkeit berechnet sind. Sehens- würdig ist besonders die Verfertigung der Flintenläufe. Ungeheure Hämmer, von einer Dampfmaschine in Bewegung gesetzt, welche die Kraft von 120 Pferden hat, zerschmettern die Eisenstäbe, wenn sie aus den Öfen kommen. Im Augenblicke sind sie in eiserne Bänder verwandelt, um einen metallenen Stab gewickelt, welcher das Flintenmaß bestimmt, die Enden zusammcngcschweißt, und so der Flintenlauf fast fertig. In der Nähe von B-, aber schon in der Grafschaft Stafford, liegt der Fabrikort Soho, 1763 noch bloßes Haidc- land, wo man jetzt Kupfermünzen sowol für England wie für die Ostindische Gesellschaft prägt. Mittels der Dampfmaschinen werden hier in -einer Stunde 30 — 30000 Stück gc- Birnbaum (Job von) Biron (Charlcö de Goirtaut, Herz, von) 383 schlagen. Auch ist daselbst eine große Fabrik plattirler Maaren und eine Fabrik von Dampfmaschinen, die Boulton auf den Gipfel der Vollkommenheit gebracht hat. Vier Ofen verschaffen flüssiges Eisen genug, um Güsse bis zu 200 Ctr. in einem Stücke auszuführen. B. liegt zwar nicht an einem schiffbaren Flusse, aber durch Kanäle steht es in Verbindung mit Hüll, Liverpool, Bristol, London und Oxford, auch mit den ersten vier Orten durch Eisenbahnen, sodaß es diesen Städten nicht blos seine Maaren, sondern auch den Bedarf ihrer Fabriken schnell und leicht zuführen kann. Birnbaum (Zoh. von), ein durch seinen Bildungsgang, wie durch seine Lebensschlck- sale merkwürdiger Mann, gest. alsApvellationsgerichtspräsident zuZweibrücken am 20. Mai 1832, war am 6. Jan. 1763 zu Queichheim bei Landau von armen Altern geboren. Er lernte das Barbieren und ließ sich zu Betreibung dieses Erwcrbzweigs in Landau nieder, beschäftigte sich aber daneben auch viel mit Lectüre und mit dem Studium der franz. Sprache. Beim Ausbruch der Revolution ward er Adjunct des Municipalsecrctairs daselbst, dann Gerichtsschreiber und 1700, obschon er des Aristokratismus verdächtig geworden, nach mehrfachem Amtswcchsel Departementsverwaltcr in Strasburg. Sehr bald auch hier wieder des Aristokratismus verdächtigt, ward er abgcseht, aber auf eine nachdrückliche Gegenvorstellung beim ersten Conseil alsbald 1800 zumPräfcctcn in Luxemburg ernannt. Je mehr er hier mit Lobsprüchen Seitens der Negierung überhäuft ward, desto auffallender war seine Entlassung im Nov. desselben Jahres. Einstweilen nahm er die Stelle eines Appellationsrichters in Brüssel an, studirte hier eifrig Latein und röm. Recht und ward um 1803 in gleicher Eigenschaft nach Trier verseht Seine so rasch erworbenen juristischen Kenntnisse brachten ihm einen Ruf nach Göttingen als Professor des 6«830 nach Gießen berufen wurde. Unter seinen Schriften erwähnen wir „Dcduction der Rechte des Herzogs von Looz-Corswaren auf das Fürstenthum Rheina-Wolbcck" (Aachen 1830), „Die rechtliche Natur der Zehnten" (Bonn >831), worin er die rücksichtslose Abschaffung derselben bestritt, und die „Cowmontatia cke üuxoins Lrotii in cleliiiieado jure lliUurilli vera Monte" (Bonn 1835, 3.). Biron (Charles de Gontaut, Herzog von), Sohn des bei der Belagerung von Epernay 1502 gefallenen Marschalls Armand de Gontaut, Baron von B-, ward 1562 geboren und zeigte schon von frühester Jugend an die entschiedenste Neigung zum Krie- gcrstande. Er war bereits in seinem 13. Jahre Oberst der Schweizcrgarde und wurde 1580 General, 1502 Admiral, 1503 Marschall und 1508 Herzog und Pair von Frankreich. Bei allen Gelegenheiten, wo cs entschlossene Tapferkeit galt, zeichnete er sich auf das Vor- tkeilhaftestc aus, so namentlich in den Schlachten bei Arqucs, Jvri, Aumale, sowie bei der Belagerung von Paris, daher man ihn „Lulmen Cullmo" zu nennen pflegte und Hein- 384 Biron (Ernst Joh. von, Herzog von Kurland) rich IV. ihr als eine Hauptstütze betrachtete. Allein desto gerechtem Tadel verdiente B. wegen seines Charakters. Er war als Calvinist erzogen worden; in seinem 16. Jahre hatte er Z bereits zweimal die Religion gewechselt. Ebenso charakterlos zeigte er sich gegen feinen Wohl- ^ il thäter Heinrich I V.; jähzornig, eigensinnig, anmaßend, wie er war, glaubte er sich für seine n Verdienste nie genugsam belohnt. Die span. Partei, die nach dem Frieden von Vervins u 1598 Heinrich IV. nur durch geheime Ränke schaden konnte, benutzte B.'s Misvergnügen; v> Heinrich hatte ihn zu seinem Botschafter am Hofe zu Brüssel ernannt, um den Erzherzog F den Frieden von Vervins beschwören zu lassen; berauscht durch Feste, Schauspiele, Ehren- bi bezeigungen und alle Künste der Verführung von Seiten oer Frauen versprach der schwache P B., sich mit den Katholiken zu vereinigen, wenn sie wieder aufstehen würden. Mit dem T Herzog Emanuel von Savoyen und dem Grafen von Fuentes schloß er 1589 einen Vertrag, - 2« die Waffen gegen seinen Wohlthäter zu führen. Inzwischen aber wurde dem Herzog von br Savoyen von Heinrich IV. i 608 der Krieg erklärt, sodaß sich B. genöthigt sah, das Heer ge- ih gen ihn zu führen. Aus Furcht, sein Einverständniß merken zu taffen, bemächtigte er sich fast ru aller Plätze des Hcrzvgthums, was um so leichter war, da Emanuel auf B- rechnen zu kön- V neu glaubte. Als hierauf Letzterer und Fuentes ihm die Auslieferung des Königs vorzu- I' schlagen wagten, verweigerte er zwar dieses; doch ihre Eingebungen machten ihn mit dem ab Verbrechen vertraut. Als er bei der Belagerung des Forts Santa-Catharina bei Genua ver- ur muthen konnte, daß der König die Laufgräben zu besehen kommen würde, ließ er Büchsenschüßen aufstellen, die auf ein verabredetes Zeichen Feuer geben sollten; doch im entscheiden- de den Augenblicke hinderte er den König, sich an den gefährlichen Ort zu begeben. Im 1.1681 zä> kam der Friede mit Savoyen zu Stande; dem Könige hatten die Verhandlungen B.'s mit ül dem Herzoge von Savoyen nicht ganz verborgen bleiben können, deshalb befragte er B. über - «o seinen Anschlag und versprach ihm Verzeihung. B. gestand Alles, erhielt Verzeihung und bei 1601 eine Sendung au die Königin Elisabeth von England, um ihr des Königs Vcrmäh- , bei lung mit Maria de' Medici anzuzeigen. Nichtsdestoweniger aber setzte er seine geheimen 1 üb Verhandlungen fort; sein Vertrauter Lafin aber wurde dem Grafen Fuentes verdächtig und > M entdeckte, da er für sich selbst zu fürchten anfing, die ganze Verschwörung. Ein freies Ge- D standniß und-Neue würden B. gerettet haben, da der König fortwährend geneigt war, ihm syj zu verzeihen. Er aber beharrte auf seinem stolzen Leugnen, schlug die ihm angebotene Gnade zu aus und ward endlich auf der Königin dringende Bitten der Strenge der Gesetze übergeben. au Beim Hinausgehen aus dem Zimmer des Königs ward er verhaftet, in die Bastille gebracht st und von dem Parlamente zum Tode verurtheilt und am 31. Juli 1602, weil man einen Auf- de, rühr fürchtete, im Innern der Basiille enthauptet. V, Biron oder Biren (Ernst Joh. von), Herzog von Kurland, geb. 1637, war der M Sohn eines kurländischen Gutsbesitzers, Namens Bühren. Er studirte zu Königsberg und me sein angenehmes Äußere und sein gebildeter Verstand verschafften ihm, nachdem er 1714 üb nach Petersburg gekommen, sehr bald die besondere Gunst der Herzogin von Kurland, An na nu Jwanownass. d.), der Nichte Peter des Großen. Als Anna 1730 den russ. Thron be- du stieg, fand sich auch B., ungeachtet sie in der Wahlcapitulation versprochen hatte, ihn nicht ei, nach Rußland kommen zu lassen, sehr bald an ihrem Hofe ein, wo er nun von ihr mit Eh- v rcn überhäuft wurde. Er nahm den Namen und das Wappen der stanz. Herzoge von Biron ^ in an und beherrschte durch seine Gebieterin ganz Rußland. Stolz und despotisch überließ er sich ceh allen Leidenschaften des Hasses gegen die Nebenbuhler seines Ehrgeizes. Die Fürsten Dol- de, gorucki und ihre Freunde waren die ersten Opfer, welche fallen mußten; mehre tausend W Menschen ließ er hinrichten und noch viel mehr schickte er in die Verbannung. Ost soll die u>, Kaiserin sich ihm zu Füßen geworfen haben, um ihn zu besänftigen, aber auch ihre Bitten V und Thränen vermochten nicht, ihn zu rühren. Doch läßt sich nicht leugnen, daß die Stärke do seines Charakters Thätigkeit und Kraft in alle Theile der Staatsverwaltung des großen hg Nuchs brachte. Im I. 1737 mußten die Kurländer ihn, der sich 1722 mit einer Kurlän- , un denn aus der Familie Trotta, genannt Trcyden, verheirathet hatte, zu ihrem Herzoge M wählen, und auf ihrem Sterbebette ward er von der Kaiserin nach seinem Wunsche während er> der Minderjährigkeit des zu ihrem Nachfolg er bestimmten PrinzenJwan zum Vormund und thi Regenten ernannt. Nach Anna's Tode am 28. Ott. >740 benahm sichB. als nunmehriger ge Bisamthier Biscaya 385 Regent mit großer Umsicht und Mäßigung. Bald aber entstand ein geheimer Bund gegen ihn; im Einverständniß mit der Mutter des jungen Kaisers ließ ihn der FeldmarschallMün- nich durch Manstein in der Nacht vom IN. zum 20 . Nov. 1740 in seinem Bette verhaften und auf die Festung Schlüfselburg abführen, wo ihm der Proceß gemacht und er zum Tode verurthcilt, das Todesurtheil aber, da die ihm bcigcmefsenen Entwürfe zu Gunsten seiner Familie nicht erwiesen werden konnten, in ewige Gefangenschaft verwandelt wurde, verbunden mit Confiscation seines Vermögens. Mit seiner Familie brachte man ihn nach Pelim in Sibirien in ein Gefangniß, dessen Einrichtung Münnich selbst angegeben hatte. Doch schon ein Jahr darauf, nachdem Elisabeth den russ. Thron bestiegen, ward er am 2». Dec. 1741 zurückberufen und dagegen Münnich nach Sibirien in sein Gefangniß gebracht. In Kasan trafen die Schlitten zusammen; Beide erkannten einander, setzten aber ihre Reise fort, ohne ein Wort zu wechseln. Hierauf lebte B. während Elisabeth's Regierung mit seiner Familie zu Jaroslaw in sehr guten Verhältnissen. Seine, sowie Münnich's Verbannung hob 1762 Peter III. auf. Als Katharina II. den Thron bestiegen, erhielt er 1763 das Herzogthum Kurland zurück, regierte nun mit Weisheit und Milde, übergab aber 1769 seinem ältesten Sohne Peter die Regierung und endete am 28 . Dec. 1772 sein unruhiges Leben. Vgl. „B.'s Leben" (Brem. 1742 ). Bisamthier oder Moschusthier (Uoscbus mosdiiler»»), ein Säugthier aus der Ordnung der Wiederkäuer, den Hirschen verwandt, aber ungehörnt und mit obern Eckzähnen versehen, ist von der Größe und Gestalt'eines Rehs, hat grobes braunes Haar und lebt auf den Gebirgen Asiens von Tibet bis an die Lena. Das Männchen trägt am Unterlcibe vor der Ruthe einen Hautsack, in welchem die bekannte Substanz, der Moschus, abgeson- dertivird, der als Parfüm und Heilmittel viele Anwendung findet. Im Handel unterscheidet man tibetanischen Moschus vom sibirischen, erhält den ecstern, der weit geschätzter ist, über China und England, den letztem über Rußland. Verfälschungen werden mit dem Moschus oft vorgenommen, indem das Quentchen an 5 Thlr. kostet, oft noch thcurer ist. Der Moschus dient in arzneilicher Hinsicht dazu, die gesunkene Lebenskraft des Nervensystems zu erregen und den Körper dadurch den nachfolgenden Arzneien desto empfänglicher zu machen. Da aber nach dem Gesetz der Natur nach jeder außerordentlichen, zumal von außen her bewirkten Aufregung eine um so größere Abspannung aller Lebensorgane einkritt, so ist deshalb und aus dem Umstande, daß der Moschus meist erst in großer Lebensgefahr den Kranken gegeben wird, derselbe beim nichtärztlichen Publicum sehr in Verruf gekommen. Vgl. Kühn, ,Moscbi suticzuitstos" (Lpz. > 833 ), worin der Verfasser Nachweis!, daß der Moschus bis zum 11. Zahrh. von keinem griech. und arab. Schriftsteller erwähnt wird, was man bisher irrig annahm, und daß Simeon Sethi in der Schrift „De slimeutornm kaculta- tibus"(Par. 1658 ) der Erste ist, der desselben gedenkt. — Die Bisamratte ist der Desman, eine Wasserratte des südlichen Rußlands, mit plattem, starkriechcndcn Drüsen bedecktem Schwänze; das Bisamschwein eine Art kleiner Wildschweine Südamerikas, die eine übelriechende Drüse mitten auf dem Rücken trägt. Biscaya oder Vizcaya, die nördlichste der drei baskischcn Provinzen (s. Baske n), in der Größe von 65 UM., wird im Norden vom Golf von Biscaya, westlich von Alt- castilicn, im Süden von Alava und ostwärts von Guipuzcoa begrenzt. Die Provinz liegt aus den terrassenförmigen, dicht bewaldeten und wildzerklüfteten Nordabfällen des Ostflügcls des cantabrischcn Küstengebirgs, welches die Küstenebenen oft zu schmalem Saume verengt, und wird nächst den kurzen Flußläufen des Abaichalval, Ncrva und Cadagun von wilden Wrldbächen durchrauscht. Das Klima ist unter dem Einfluß der See feuchtend nebelig, doch im Ganzen gesund und gemäßigt, wenn auch in den engen Thalschluchten die Sommerhitze manchmal unerträglich wird. Die Fruchtbarkeit des Bodens steht der vonAlava (s.d.) um Vieles nach; der Getreidebau deckt den Bedarf keineswegs, dagegen werden zur Genüge Mais, Hülsenfrüchte, Wein, Äpfel, Kastanien, .Pomeranzen, Citronen, Nüsse und Hanf erzeugt. Auch die Rindviehzucht steht der Schaf-und Ziegenzucht nach. Die Hauptrcicb- thnmcr bestehen in den Producten der See, in dem hinreichend vorhandenen Holz der üppigen Waldungen und in dem Überfluß an Eise», das neben Blei, Alaun und Schwefel, am Conv.-l-er. Neunte Äusl. II. 25 386 Bischof meisten und besten in den Bergen von Smnorrosiro ausgebeutet wird. Die läNNNV Bewohner echt baskischcn Stamms leben als kühne und erfahrene Fischer und Schiffer an der Küste, als fleißige Land-, Berg- und Hüttenlcute im Innern. Die Industrie liefert nächst Eisenfabrikaken auch Tauwerk, Wollen- und Lederwaaren, welche nebst Roheisen, Kastanien und Eider Gegenstände eines lebhaften Handels sind. Die Hauptstadt des Landes ist Bil- bao (s. d.). Das alte B-, das Vaterland der Basken, bildete während seiner Selbständigkeit eine mit Castilien vereinigte Herrschaft, deren Regent den Titel Herr von B. führte. Die gesetzgebende Gewalt hatten der Herr und die Junta der Volksdeputirten, die sich regelmäßig aller zwei Jahre, aber auch in außerordentlichen Fällen, unter dem Schatten eines alten Baums in der Nähe von Guernica versammelten. Sie wurden von allen Bürgern, welche das äroit koral hatten, gewählt, mit Ausnahme der Fleischer, öffentlichen Ausrufer und der Fremden, welche hier allein niedere Geschäfte treiben durften. Die vollziehende Gewalt hatten eine vom Herrn ernannte Magistratsperson und die von der Volksjunta auf zwei Jahre ernannten Deputaten. Die Richter ernannte der Herr; die Städte und Dörfer , wählten ihre Gemeindebeamten. Auch in Ansehung der Steuern, des Kriegsdienstes und der Truppenverpflegung hatte B. Rechte und Freiheiten (sneros), welche ähnlich denen der beiden andern baskischcn Provinzen waren und den Grund der Widersetzlichkeit gegen die Einführung der Cortes, wie zu den später« Zwistigkeiten bildeten. Bischof ist aus dem griech. t7r«r-m7io§ entstanden, das einen Aufseher bezeichnet. Bereits zu der Apostel Zeit wurden den Gemeinden an einzelnen Orten Vorsteher gesetzt, die von der Aufsicht über ihre Gemeinde, die sie zu führen hatten, den Namen Bischöfe erhielten, nicht selten aber auch Presbyter oder Älteste hießen. Sie bildeten anfangs keinen be- sondern Stand und waren auch an Rechten einander völlig gleich, obgleich schon früh die Vorsteher der Gemeinden in großen Städten an Ansehen und Einfluß die andern überwogen . haben mögen. Es dauerte aber nicht lange, so sah man sie nach Art der Priester und Le- . viten des Alten Testaments als einen besondern Stand an und unterschied nun Klerus ' und Laien. Nachdem im 4. Jahrh. die Kaiser Christen geworden waren, so bildete sich auch eine gesetzliche Unterordnung der Bischöfe, und der Bischof der Hauptstadt einer Provinz trat mit dem Titel eines Mrtropolitanbischofs an die Spitze der Bischöfe der ganzen Provinz. Einige, die Bischöfe von Rom, Antiochien, Jerusalem, Alexandrien und Konstantinopel, wurden durch das Ehrenprädicat der Patriarchen ausgezeichnet. Der Name kapa aber war noch auf kcinenBischof eingeschränkt, und der röm. Klerus gab diesen Ehrentitel unbedenklich dem Bischof Cyprian von Karthago. Da jedoch Rom die Hauptstadt des Römcrreichs war, so räumte man auch bald den Bischöfen von Nom den ersten Rang ein. Die Rechte der Bischöfe waren indeß noch wenig bestimmt, und sie blieben stets von den Kaisern abhängig. Die frühere Zertrümmerung des lat. oder abendländ. Reichs gab dem Bischofthume in der lät. Kirche bald eine höhere Bedeutung, während im griech. Reiche die Abhängigkeit der Bischöfe von den Kaisern unverändert blieb. Es gelang nämlich den Bischöfen von ! Nom, allmälig die weltliche Oberherrschaft über Rom zu erlangen, diesen Besitz gelegentlich zu erweitern und so den heutigen Kirchenstaat zu bilden; zugleich gelang es ihnen auch, ^ eine Theorie vom Bischofthum in Umlauf und allmälig in Geltung zu bringen, welche ihnen s unbeschränkte Herrschaft über die Kirche zusprach. (S. Papst.) Dieses ist das eigentliche Papal- oder Curialsystem, das jedoch von Bischöfen und Rechtsgelehrten immer Widerspruch , gefunden hat, welche behaupteten, alle Bischöfe hätten gleiche Rechte und der Papst sei nur ^ jirimus inter pgres, welchen Grundsatz man das Epis kvpalsystem (s. d.) nannte, das aber jetzt in der röm. Kirche fast ganz in Vergessenheit gekommen ist. Das System des Priesterregiments, welches den Bischöfen bei der allmäligen Ausbildung der Kirchenverfassung zu Theil wurde, die fast unumschränkte Herrschaft über die Geistlichen ihrer Sprengel, die Theilnahme an den Angelegenheiten der Staaten, denen sie sich bald durch ihre vorzügliche Bildung und als die ersten Reichsstände wichtig zu machen wußten, die Verwaltung der Kirchengütcr, die Verthcidigung ihrer kirchlichen Gerechtsame und ihre weit um sich greifende geistliche und weltliche Gerichtsbarkeit beschäftigten aber sie zu sehr, als daß ihnen zu.den Mich' ten des Lehramts und der Seelsorge noch Lust und Zeit übrig geblieben wäre. Sie behielten sich 387 Bischof daher nur gewisse, für besonders wichtig und heilig geachtete Amtshandlungen vor, z. B- die Weihe der Geistlichen, die Konfirmation der Jugend und die Verfertigung des heil. Salböls. Im Mittelalter hielten sie sich selbst für die nothwendig beizubehaltenden Geschäfte und für die Aufsicht über das Kirchenwesen eigene Vicarien, welche W e i h b i sch ö fe (s. d.) und Koadjutoren genannt wurden. Bischöfe, die selbst predigten und sich der Seelsorge annahmcn, gehören schon seit dem 7. Jahrh. zu den Seltenheiten. Es bewarben sich daher nicht nur der Adel, sondern selbst Fürsten- und Königssöhne um eine Würde, die ebenso ehrenvoll als einträglich war und auch ritterliche Lustbarkeiten und Lebensgenüsse aller Art erlaubte. Diese Bewerbung des Adels und der Fürsten, welche durch reichliche Schenkungen an die Kirchen und eine politische Begünstigung von Seiten der Kaiser unterstützt wurde, gab besonders den deutschen Bisthümern Glanz und Hoheit. Die deutschen Bischöfe wurden Reichsfürsten und ihr Einfluß auf alle öffentliche Angelegenheiten entscheidend. (S. Deutsches Reich und Kurfürsten.) Die Amtskleidung der Bischöfe kam zuerst unter Konstantin dem Großen auf und hat sich durch alle Jahrhunderte hindurch erhalten. Sie besteht in der eigenkhümlichen Bischofsmütze oder Insul (s. d.), dem Krumm- oder Bischofsstäbe (s. d.), einem goldenen Ringe zum Zeichen des Bräutigams oder der Vermählung mit der Kirche Christi, einem Kreuze auf der Brust, der Dalmatica (s. d.), der Tunica(s. d.), dem Rochetum (s. d.), derMozzeta (s. d.), dem Pallium (s. d.), besonder« Handschuhen und Fußbekleidungen. Für die durch die Eroberungen der Mohammedaner verlorenen Bisthümer, die besonders in den durch die Kreuzzüge eroberten Ländern gestiftet worden waren, werden von der röm. Kirche noch fortwährend Titularbischöfe IN purtibus inlitlelium, d. h. in den Ländern der Ungläubigen, aus der höher« Geistlichkeit bestellt. In Folge der Abtretung deutscher Länder an Frankreich wurden 23 Bisthümer aufgehoben; jedoch sind, besondern Verabredungen mit dem röm. Hofe gemäß, in mehren deutschen Staaten wieder Landesbischöfe eingesetzt. (S. Concordat und Deutsche Kirche.) Da die Päpste die beharrlichsten Feinde der Reformation waren, so mußte in allen Ländern, wo man reformirte, das Curial- oder Papalsystem aufhören; dagegen aber konnte das Episkopalsystem auch bei der Reformation bleiben, unter der Voraussetzung, daß die Bischöfe die Reformation annahmen. Dieses erfolgte am vollständigsten in England, wo das Bischofthum, wie es in der röm. Kirche nach dem Episkopalsystem war, beibehalten wurde und die Bischöfe ihr großes Einkommen und beinahe alle ihre Rechte behielten. Zwar wurden sie unter König Karl I. hart verfolgt, aber unter Karl II. 1662 in ihre Einkünfte und Rechte wieder eingesetzt, die sie auch in der engl. Staatskirche, die man die Hochoder die Episkopalkirche nennt, behalten haben. Der Oberherr der Kirche nnd der Bischöfe ist der'König, der die letzter» auch ernennt und ihnen Sitz und Stimme im Oberhause gegeben hat. Ihr sehr reiches Einkommen beruht aus Zehnten und liegenden Gründen. Überhaupt gibt es'in England 21 Bischöfe, von denen 17 unter dem Erzbischöfe von Cantcrbury und 4 unter dem von Jork stehen. Erstcrer ist Primas des Reichs, residirt in London, hat den nächsten Rang nach der königlichen Familie, krönt den König, weihet die andern Bischöfe und beruft auf Befehl des Königs Provinzialsynoden, in denen er präsidirt; doch ist er in Beziehung aus die andern Bischöfe nur primus inter psres. Der Erzbischof von Jork geht allen Herzogen, die nicht vom königlichen Geblüte sind, vor, krönt die Königin und hat in seinem Sprengel dieselben Rechte, welche der Erzbischof von Canterbury besitzt. Jeder Bischof hat das Recht, die Pfarreien seines Sprengcls zu besetzen, die ihm untergeordneten Geistlichen zu ordiniren, zu suspendiren und abzusetzen, und seine Befehle nicht in des Königs, sondern in seinem eigenen Namm zu erlassen. Die Ermordung eines Bischofs wird nach engl. Gesetzen wie ein Vatermord bestraft. Fast ebenso unverändert blieb das katholische Bischofthum inSchweden. Hier wurden die Bischöfe im I. 1531 protestantisch und behielten gleichfalls ihr Einkommen und ihre Rechte. Primas des Reichs, jedoch auch nur nach dem Episkopalsystcme als pi-iimis intsr piires, ist der Erzbischof von Upsala, der von den sammtlichen bischöflichen Konsistorien gewählt und vom Könige bestätigt wird. Er krönt den König, verrichtet alle geistlichen Handlungen in der königlichen Familie, weihet die andern Bischöfe, präsidirt in den Synoden der 388 Bischof Geistlichkeit und ist der Sprecher des geistlichen Standes auf den Reichstagen. Die andern Bischöfe werden von ihren Stiftern erwählt und dem Könige vorgeschlagcn. Sic präsidiren im Stiftsconsistorio, examinircn und ordiniren die Kandidaten und Pfarrer, weihen Kirchen und Kirchhöfe, halten Synoden, visitiren die Kirchen und wachen über die Reinheit der Lehre. Sie haben Sitz auf den Reichstagen und tragen noch den bischöflichen Ornat, den Mantel, den Hirtenstab, die Mitra und das Brustkreuz. Der König pflegt sie und ihre Kinder, wenn sie nicht schon vom Adel sind, in den Adclstand zu erheben. Schweden und Norwegen haben zusammen 16 Bischöfe. Mehr dem Namen als dem Wesen nach blieb das Bischofthum in Dänemark. Hier wurden die der Reformation widerstrebenden katholischen Bischöfe, welche ebenso große Macht als Güter besaßen, vom König Christian III. 1536 abgcsetzt, ihre Güter zum Fiscus geschlagen und dafür vom Könige neun andere evangelische Bischöfe ernannt, mit einem jährlichen Gehalt von ungefähr > 506 Speciesthalern. Der Bischof von Seeland ist dem Range nach der erste und königlicher Beichtvater. Zwar haben die dän. Bischöfe das Recht, die Streitigkeiten ihrer Geistlichen zu entscheiden, aber sie stehen ganz unter der Landesregierung zu Kopenhagen, welche die eigentlichen bischöflichen Rechte übt, obgleich sie nicht Einen geistlichen Beisitzer hat. In dieser Beziehung ist die dän. Kirche von den Laien abhängiger als alle andern protestantischen Kirchen, die durch Consistorien regiert werden, wo es doch wenigstens zwei geistliche Beisitzer gibt, denn auch die Streitigkeiten in der Lehre werden in Dänemark von dieser Laienbehörde entschieden. Die Absicht Luthcr's bei der Reformation in Deutschland war ursprünglich gar nicht auf die Abschaffung der Bischofswürde gerichtet; erklärte man sich doch wiederholt, namentlich auf dem Reichstage zu Augsburg im I. 1530, bereit, sich den katholischen Bischöfen unter gewissen Bedingungen, besonders wenn sie die Predigt des Evangeliums nicht hindern wollten, zu unterwerfen. Da aber die Bischöfe die Reformation mit aller Macht bekämpften, so mußte man ihnen endlich den Gehorsam ganz aufsagen; doch geschah dies nur allmälig. Noch lange blieben in Sachsen die Bischöfe von Meißen, Naumburg-Zeitz, Merseburg und Magdeburg; nur sorgte man bei Erledigung eines Bischofssitzes dafür, einen evangelisch gesinnten Bischof einzusetzen. Erst Kurfürst August von Sachsen säcularisirtc die Bisthümer Meißen, Naumburg-Zeitz und Merseburg und setzte statt der Bischöfe Superintendenten ein; Magdeburg aber kam im westfälischen Frieden als weltliches Fürstenthum an Brandenburg. Die bischöfliche Würde erlosch hierauf bei den deutschen Protestanten völlig; denn die zwei Fürstbischöfe zu Osnabrück und Lübeck, welche blieben, waren eigentlich nicht Bischöfe, sondern Rcichsfürstcn; sie verrichteten auch keine bischöfliche oder geistliche Function. Ihr besonderes, im westfälischen Frieden festgc- stelltes Verhältniß endete das I. 1803; Osnabrück kam an Hannover, Lübeck an Holstein. Im Herzogthume Preußen fanden sich, als es Herzog Albrecht 1525 säcularisirtc, zwei Bischöfe vor, der von Samland und der von Pomesanien, welche in ihren Functionen blieben, weil sie die Reformation annahmen. Später aber, und zwar im I. 1587, hob man auch in Preußen die Bischofswürde auf, die nur von Friedrich I. zum Behuf seiner Königskrönung imI. 1701 wieder erneuert wurde, indem er den Hofprediger Ursinus, der ihn salben sollte, mit dem Titel eines Bischofs schmückte. Nach Aufhebung des Bischofthums in Deutschland eigneten sich die Fürsten das Kirchenregiment in ihren Landen zu, das die katholischen Bischöfe gehabt hatten. (S. Territorialsystem.) Fürstliche Consistorien, die aus einem weltlichen Director und weltlichen Beisitzern bestanden, zu denen man aber überall einen oder einige Geistliche als Beisitzer berief, führten das Kirchenregiment im Namen und Aufträge der Fürsten. (S. Consistorien.) Da man aber doch für nöthig fand, den einzelnen Pfarrern Aufseher zu geben, so bestellte man die Pfarrer angesehener Städte unter dem Titel von Generalsuperintendcnten, Superintendenten, Ephoren oder Inspektoren zu Aufsehern über gewisse Sprengel, jedoch ohne ihnen irgend einen Theil der bischöflichen Rechte zu übertragen, ausgenommen das Recht, die Kirchen und Schulen ihres Sprengels zu visitiren und neue Kirchen einzuweihen. In Würtemberg, Baden und Hesscn-Darm- stadt führt der erste Geistliche den Titel Prälat; im Hannöverschen blieb ei» evangelischer Bischvff (Georg Friede.) 389 Abt von Lokkum, im Braunschweigischen der evangelische Abt zu Michaelstein. In den Reichsstädten führte der erste Geistliche der Stadt meist den Titel eines Seniors. Die erste Wiederherstellung des Bischofnamcns unter den deutschen Protestanten geschah bei der Brüdergemeinde im I. 1735, deren Bischöfe aber als solche keine besonder» Rechte und Functionen haben, sondern ganz abhängig sind von der Direktion der Brüdecunität, welche sie mit Aufträgen versteht. Seit dem 1.1816 hat auch Preußen de» Namen der Bischöfe wicderhergestcllt, jedoch blos als Ehrenprädicat und ohne alle bischöfliche Rechte. Den Bischoftitel führten imJ. >813 Eylert (s. d.) in Berlin, Ritsch! in Stettin, D. A. Neander (s.d.) in Berlin, Freymark in Posen, Dräseke (s.d.) in Berlin und Roß, der Generalsuperintendent der Rhcinprovinz und der Provinz West-- falen. Die preuß. Bischöfe tragen als solche ein Brustkreuz und bei Amtshandlungen einen seidenen Talar. Der evangelische Bischof zu Königsberg in Preußen, Ludw. Ernst von Bo- rowski, gest. am 1». Nov. 1831, war der Einzige, der >829 das Prädicat eines evangelischen Erzbischofs erhielt. Unter den übrigen deutschen Staaten ist nur Nassau neuerlich dem Beispiele Preußens gefolgt und hat für seine vereinigte evangelische Landeskirche einen Bischof ernannt. Überblickt man das Ganze und sieht man auf die Wirkung dieser Veränderungen, so muß man urtheilen, daß die engl. Bischöfe zu viel an Rechten und Einkünften des katholischen Bischofchums und die dän. zu wenig behalten haben, daß aber die deutschen Superintendenten und Gencralsupcrintcndenten am wenigsten geeignet sind, das christliche Bischofthum zu ersetzen. Es war schon ein unglücklicher Einfall, einen der Kirche so fremden Titel der Superintendenten zu wählen und den aus der Apostel Zeit herstammenden und der Kirche so ehrwürdigen und in ihr heimisch gewordenen Titel dcr'Bischöfe ganz in Abgang kommen zu lassen. Noch nachtheiliger aber war es, daß man von den reichen säcularistrten Kirchengütern ihnen nur einen ärmlichen, ja an manchen Orten gar keinen Gehalt bestimmte, und sie dadurch und durch eine Ranglosigkcit, die sie in monarchischen Staaten aus dem Umgänge der Fürsten, der Höfe und der vornehmen Geschlechter verwies, herabdrückte und tief unter die katholischen Bischöfe herabsetzte. Bischofs (Georg Friedr.), der Gründer der deutschen Musikfeste, wurde zu Ellrich am Harz, wo sein Vater Lehrer und Organist war, am 21. Sept. 1780 geboren und erhielt seine wissenschaftliche Bildung auf dem Gymnasium zu Nordhausen und auf den Universitäten zu Jena und Leipzig. Schon an letzterm Orte ward ihm nach des Vaters Tode die Musik Erwerbsquelle, bis er 1893 als Cantor und Lehrer am Lyccum nach Frankenhausen kam. Seit 1816 Musikdirektor an den vier evangelischen Kirchen und am Andreanum zu Hildeshcim, starb er daselbst am 7. Sept. 1841. Bereits in Frankenhausen veranstaltet, er 1894 eine Musikaufführung, welche in Betracht die ihm dort und damals zu Gebote stehenden Mittel für etwas Außerordentliches galt und nebst einigen größer» Aufführungen in Erfurt, die ihm von dem franz. Gouvernement in den I. 1898—12 übertragen wurden, als Vorläufer der spätem Musikfeste (s. d.) zu betrachten ist. Aus unbekannten Gründen lehnte B. den Auftrag zu der ersten Aufführung in Erfurt bei der Anwesenheit Napo- leon's und anderer Monarchen im I. 1808 anfangs ab, bis ihn die eröffnetc Aussicht auf ein militairisches Geleit gefügig machte. Nach der Aufführung wurde er durch kaiserliches Patent zum Musikdirektor ernannt und ihm die Erlaubniß ertheilt, im franz. Reiche nach Gefallen Musikaufführungen veranstalten zu dürfen. Schlimmer erging es ihm imJ. 1812, wo er zur Feier des Geburtstages Napoleon's ebenfalls auf Befehl des franz. Gouvernements in Erfurt eine große Musik aufführcn mußte, ungeachtet aller Reklamation aber seine Kosten nicht wieder erstattet bekam. Als das erste nach eigenem Willen veranstaltete Musikfest bezeichncte B. selbst das vom 29. und 21. Juni 1819 zu Frankenhausen, welches den Impuls zu allen ähnlichen Aufführungen gab, die nachmals am Rhein, in der Schweiz, in Thüringen ins Leben traten und bei denen allen er mehr oder weniger thätig war, theils anregend, theils rathend und helfend, namentlich hinsichtlich der Wahl der Lokalitäten, der Aufstellung und Anordnung des Orchesters u. s. w. Nicht minder thätig war B. in seinem cngcrn Wirkungskreise in Hildeshcim, die Musik zu pflegen und zu heben; mancher gehässiger Gegenwirkungen ungeachtet, gelang cs ihm, eine Singakademie, ein Orchesterverein und die dortigen Winterabonnemcntconecrte ins Leben zu rufen. Von 390 Bischofs (Ignaz Rud.) Bischofswerder seinen Kompositionen sind nur wenige ein- und mehrstimmige Gesänge bekannt geworden; ^ in seinem Nachlasse fanden sich indcß gegen 40 Nummern verschiedener Kompositionen, Cantaten, Chöre u. s. w.; auch hinterließ er zahlreiche Materialien zu einer Geschichte der deutschen Musikfeste. Im I. 1839 ward er vom Deutschen Nationalverein für Musik zum Ehrenmitglied ernannt; wol der einzige äußere Gewinn für seine unermüdeten, selbst mit Aufopferung seines Vermögens verbundenen Bestrebungen. Bischofs (Ignaz Rud.), Edler von Altenstern, Wirklicher Rcgierungsrath, Feldstabsarzt und Professor der Physiologie an der medicinisch - chirurgischen Zosephsakademie in Wien, geb. am 15.Aug. 1784 zu Kremsmünster in Oberöstreich, wo sein Vater Professor der neuern Sprachen an der Ritterakademie war, erhielt seinen ersten Unterricht in der Hauptschule zu Linz, besuchte dann das Gymnasium seiner Vaterstadt, wo er den philosophischen Kursus machte, und hierauf die Universität zu Wien, mit dem Vorsätze, die Rechte zu studircn. Doch bald führte ihn das Studium der Naturwissenschaften, mit denen er sich schon früher eifrig beschäftigt hatte, zu dem der Arzneikunde, der er sich nun ausschließend widmete. Er erlangte 1808 zu Wien die medicinische Doctorwürde und hatte daselbst > schon einen bedeutenden Wirkungskreis als praktischer Arzt, als er 1812 die Professur der medicinischen Klinik und speciellen Therapie an der Universität zu Prag erhielt. Die in selbigem Jahre in Prag, besonders in dem allgemeinen Krankenhause, ausgebrochene heftige Nervenfieberepidemie führte ihn auch hier vornehmlich der medicinischen Praxis zu. Nachdem er hier seit 1816 zugleich das Amt eines Primairarztes des allgemeinen Krankenhauses verwaltet, folgte er 1825 dem Rufe als Professor nach Wien, wo er später zum Wirklichen Rcgierungsrathe und 1836 in den Adelsstand erhoben wurde. In seinem amtlichen Wirkungskreise, wie als vielbeschäftigter praktischer Arzt fuhr er auch hier fort, seine Wissenschaft mit Eifer und Erfolg zu fördern und zu erweitern. Namentlich hat er die schwierige Lehre von den Nervenfiebcrn durch Hinweisung auf die so häufig mit ihnen verbundene und meist , verkannte Hüftdarmentzündung in ein neues Licht gesetzt. Die vorzüglichsten seiner Schriften sind „Beobachtungen über den Typhus und die Nervenfieber" (Prag 1815), „Die chronischen Krankheiten im weitern Sinne" (Prag 1817), „Grundsätze der praktischen Heilkunde durch Krankheitsfälle erläutert" (3 Bde., Prag 1823—25), „Grundsätze zur Erkenntnis und Behandlung der Fieber und Entzündungen" (Wien 1823; 2. Aust., 183«), „Grundsätze zur Erkenntniß und Behandlung der chronischen Krankheiten" (Bd. I, Wien 1830) und „Grundzüge der Naturlehre des Menschen" (4. Abth., Wien 1837 — 38). Bischöfliche Kirche, s. Hochkirche. Bischofsmütze, s. Insul. Bischofsstab oder Krummstab heißt der hohe, oben gekrümmte und mit Laubwerk gezierte Stab von Silber oder Gold, den die Bischöfe, Äbte und Äbtissinnen als Ehrenzeichen ihrer Würde bei Amtsverrichtungen neben sich tragen oder sich zur Seite aufstellen lassen und der bei dem Wappen der geistlichen Fürsten hinter das Schild gestellt erscheint, so- daß er über dasselbe hervorragt. Nur wenn der Bischof das Volk segnet, nimmt er den Stab selbst in die Hand. Derselbe war ursprünglich ein hölzerner Hirtenstab, der den Bi- ^ schüfen als Symbol ihres Berufs bei der Investitur überreicht wurde, indem man sie als : Hirten der Gläubigen betrachtete. Bischofswerder (Joh. Rud. von), General und Minister Friedrich Wilhelm's ll. von Preußen, war ein geborener Sachse und hatte in Halle studirt. Sehr jung wurde er ^ Kammerherr bei dem Herzoge Karl von Kurland und erhielt 1759 das Kommando einer neuerrichteten Jägercompagnie. Nach des Herzogs Tode trat er 1760 in preuß. Dienste > und ward 1779 Major. Die Zuneigung, die er Friedrich Wilhelm II., als dieser noch Kronprinz und ohne Einfluß war, bewiesen hatte, erwarb ihm dessen unbedingtes Vertrauen und dauernde Gunst. Äls bevollmächtigter Minister hatte er vielen Theil an dem Kongresse zu Szistowe; auch brachte er mit Lord Elgin die pilnitzer Convention zu Ergreifung von Maßregeln hinsichtlich der franz. Revolution zu Stande. Er begleitete 1792 den König während des Feldzugs in der Champagne und ward hierauf als Gesandter nach Paris geschickt, von wo er 1794 zurückkehrte. Nach des Königs Tode 1797 in Ruhestand versetzt, starb er im Oct. 1803 auf seinem Landgutc bei Berlin. B- war ein rechtschaffener, von aller niedern 391 - Bismark Biso» Rachsucht freier Mann; Feinheit des Geistes, bei aller anscheinenden Gutmüthigkeit und Plumpheit, kann ihm nicht abgcsprochen werden, doch hatte er als Staatsmann höchst beschränkte Ansichten. Sein Hang zum Mysticismus, der ihn auch in den Jlluminatenor- den führte, und seine Geistersehern waren indcß für das Land von sehr nachtheiligen Folgen. B. war cs, der den König zu Manchem verleitete, was man diesem zum Vorwurf gemacht hat. Bismark (Friede. Wilh., Graf von), würtemb. Gencrallieutenant und bevollmächtigter Minister an den Höfen zu Karlsruhe, Berlin, Dresden und Hannover, geb. am 28. Juli l 7 83 zu Windheim in Westfalen, aus einem altadeligen Geschlechts, nahm bereits 1766 als Cornet hannüverische und in Folge der Auflösung des hannöv. Truppencocps im J. 1803 nassauische Dienste. Im Aug. 1804 ging er nach England und trat in die Deutsche Legion ein, unter der er 1805 der Expedition in Norddeutschland beiwohnte. Ein Zweikampf nöthigte ihn 1807 England zu verlassen. Er wandte sich nach Würtem- berg, wo er bei der Cavalerie angestellt und sehr bald zum Rittmeister befördert wurde. Im Kriege von 1809 zeichnete ec sich namentlich im Gefecht bei Niedau aus. In Rußland nahm er mit dem Corps des Marschall Ney an allen Schlachten und Gefechten An- thcil, die dieses zu bestehen hatte, und war sehr oft an der Spitze der Avantgarde. In der Schlacht an der Moskwa, wo ihm drei Pferde unter dem Leibe erschossen wurden, übernahm er, nachdem das Regiment Prinz Adam seinen Commandanten verloren und auf 63 M. zusammengeschmolzcn war, den Befehl. Nach dem Übergange über die Be- reszina erhielt er den Auftrag den Nest der würtemb. Armee ins Vaterland zurückzuführen, wo er im Febr. >813 ankam. Beim Wiederausbruch der Feindseligkeiten erhielt er das Commando des ersten Chevauxlegersregiments, mit dem er der Schlacht bei Bautzen, dem Treffen bei Sciffersdorf und der Schlacht bei Jüterbogk beiwohnte. Wegen seiner Entschlossenheit bei Seiffersdorf ward er zum Offizier der Ehrenlegion ernannt. In Leipzig gefangen genommen, wurde er, als Würtemberg den Verbündeten beigetreren und Prinz Adam das Commando der Reiterdivision erhalten hatte, dem letztem als Chef des Generalstabs beigegeben, in welcher Eigenschaft er ein vorzügliches Talent, größere Massen Reiterei zu führen, entwickelte. Während des Feldzugs von >815 war er Generalquartiermeister der Reiterei des damaligen Kronprinzen. Er nahm Theil an den Gefechten bei Wcißenburg, Hagenau und bei Strasburg, und wie er schon vorher zum Obristen und Flügeladjutanten des Königs ernannt war, so wurde er jetzt auch in den Grafenstand erhoben. Nach dem Regierungsantritte Wilhelm's I. wurde er mit der neuen Organisation der Reiterei beauftragt, wobei er sich wesentliche Verdienste erwarb. Im I. 1819 ward er zum Generalmajor und Brigadier und 1820 zum lebenslänglichen Mitglicde der Kammer der Standesherren sowie zum außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister am Hofe zu Karlsruhe und 1825 auch an den zu Berlin, Dresden und Hannover ernannt, jedoch mit Beibehaltung des Kommandos der Neiterbrigade, und 1830 Gencrallieutenant und Commandanten der Reiterei. Wie er 1826 bei der Organisation der dän. Armee mitgewirkt, so berief ihn 1835 der Kaiser von Rußland, um die russ. Cavalerie zu inspiciren. Seine vorzüglichsten Schriften, deren mehre in fremde Sprachen übersetzt wurden, sind „Vorlesungen über die Taktik der Reiterei" (Karlsr. 1818; 3. Ausl., 1826), „Die Elemente der Bewegungskunst eines Reiterregiments" (Karlsr. 1819; 2. Ausl., 1826), „Felddienstinstruction für Schützen und Reiter" (Karlsr. 1820; 4. Aufl., 1835), „DerFeldherr nach Vorbildern der Alten" (Karlsr. 1820), „System der Reiterei" (Berl. 1822), „Schützensystem der Reiterei" (Stuttg. 1824), „Reitcrbibliothek" (6Bde., Karlsr. 1825—31), „Jdeentaktik der Reiterei" (Karlsr. 1829), „Die russ. Kriegsmacht im I. 1835" (Karlsr. 1836) und „Die preuß. Reiterei unter Friedrich dem Großen" (Karlsr. 1837). Bison (6os smk-ricsnus), der Buffalo der Nordamerikaner, heißt eine Art Ochsen, die ehedem über den größten Theil Nordamerikas verbreitet, jetzt nur noch in den Prairies jenseit des Missuri und bis Neumerico vorkommt und die Existenz der Jägervölkcr jener Gegenden so ausschließlich sichert, daß diesen bei der immer auffälligern Verminderung der Bisons ein trauriges Loos bevorstcht. Die rücksichtslosen Verfolgungen und muthwillige Vertilgung, derer sich die Indier schuldig gemacht, strafen sich jetzt selbst. Das getrocknete Fleisch der Bisons ist zwar wenig schmackhaft, macht aber allein die Wintervorräthe großer 392 Bistouri Bithynien Jndicrhorden aus, die sich in die gut gegerbten wolligen Felle kleiden und in der Jagd dieser , Thicre ihr höchstes Vergnügen setzen. Der Bison gleicht dem Auerochsen, ist aber niedri- , , ger als derselbe, 5 F. hoch, 8 F. lang, und hat 15 Paar Nippen; aus den Schultern > j trägt er einen großen mit langem krausen Haare besetzten Höcker. Das im Winter weich. . haarige Fell ist von hellbrauner Farbe und liefert gutes Leder. Die Hccrden sind zahlreich ! ^ und furchtsam; die Kuh ist bedeutend kleiner als der 2 — 3VVV Pf. wiegende Ochs. Zn x Kentucky und Illinois hat man seit 2V Jahren Versuche gemacht, den Bison zum Hausthier ^ zu machen, allein ohne günstige Resultate, jedoch ist durch Kreuzung der Bisonochsen mit ge- - § wöhnlichcn Kühen eine brauchbare Abart entstanden, die jedoch den Höcker verloren, ^die § Mähne indessen behalten hat. ' E Bistouri nennt man in der Chirurgie schneidende Instrumente, welche wie die p Taschenmesser entweder gefedert sind oder mittels eines Ringes oder Schiebers im Griffoder ' ; Hefte fcstgestellt werden können. Man bedient sich ihrer gewöhnlich da, wo man mit einem ^ Stich beginnende Schnitte bei zu eröffnenden Abscessen u.s.w. ausführen will; doch vertreten i sie auch überhaupt wegen ihrer leichtern Tragbarkeit die Stelle der chirurgischen Messer und ^ befinden sich als solche in den chirurgischen Bestecken. Behufs verschiedener Operationen ! z hat man ihnen verschiedene Formen gegeben, so z. B. für die Operation der Fisteln, und sie Z tragen dann die Namen ihrer Erfinder, wiedas Pott'sch e Fistelbistouri. ^ Bitaube (Paul Jeremie), ein talentvoller franz. Dichter, geb. zu Königsberg am 2t. f Nov. 1732, stammte aus einer franz. Familie, die sich nach Aufhebung des Ediets von ^ Nantes nach Preußen geflüchtet hatte. Von früher Jugend an zeigte er große Neigung zur § Literatur und studirte besonders mit großer Vorliebe die Meisterwerke der franz. Poesie. z Sein erster dichterischer Versuch, durch den er sich bekannt machte, war eine franz. Bearbei- ^ tung der „Ilias", durch die er auch die Aufmerksamkeit Friedrich des Großen auf sich zog, der j, ihn zum Mitgliede der Akademie zu Berlin ernannte und ihm die Mittel gab, seine Übersetzung ^ in Frankreich weiter auszuarbeiten, worauf dieselbe nebst der Übersetzung der „Odyssee" im ^ § Druck erschien (6 Bde.,Par. 1780—85; 12 Bde., 1787—88 und I81V). Während der ^ z Revolution lebte B. in Paris in tiefer Zurückgezogenheit, ward aber nichtsdestoweniger 1701 mit seiner Frau festgenommcn und verdankte erst dem 9. Thermidor seine Freiheit. Nachher ^ trat er mit seinem Gedicht „I^es Lutaves" (Par. 1797) hervor, ward Mitglied des Instituts ' z und starb am 22. Nov. 1898 zu Paris. Außer den erwähnten Werken hat er sich noch durch , ^ eine Übersetzung von Goethe's „Hermann und Dorothea" und besonders durch „äosepk, § poeme eil prose" (Par. 17 86), das für sein bestes Gedicht gelten kann, bekannt gemacht. ? Sein Stil ist nicht frei von Germanismen. Seine „Oeuvres completes" (9 Bde., Par. 1801) s wurden von seiner Witwe herausgegcben. e Bithynien ein Land im Nordwesten Kleinafiens, auch bisweilen nach den inwoh- k nenden Bcbryken Bebrykicn genannt, durch die Propontis und den thrazischen Bospo- ^ rus von Europa getrennt, grenzte gegen Norden an den Pontus Euxinus, gegen Osten an ^ Paphlagonien, von dem es der Fluß Parthenius schied, gegen Südwesten an Mysien, wo der !- ( Fluß Rhyndakus, gegen Süden an Phrygicn und Galatien, wo Gebirge die Grenze bildeten. e Die berühmtesten Städte waren die griech. Colonien Chalcedon, Herakles, Myklca (später i ^ Apamea) und Astakus, nach dessen Zerstörung durch Lysimachus Nikomedes I. in der , Nähe Nikomedia gründete, das die Residenz der Könige von B. und bald eine der ansehn- t lichsten Städte Kleinasiens ward; außerdem Nicäa und Prusa. Die Einwohner von B. l waren, wie es scheint, thrazischen Stamms; durch Krösus kam ihr Land 56V v. Ehr. in r die Gewalt der Lydier, beim Untergange des lydischen Reichs 555 an Persien. Nach der i Schlacht am Granikus im I. 3 ! t siel B-, wie ganz Vorderasien, an Alexander den Großen, s doch hielt sich Bias oder Bas, ein einheimischer Fürst, in den Gebirgen, worauf dessen Sohn ! Zipötes nach Alexander's Tode gegen Lysimachus die Herrschaft über B. erlangte, die sein z Nachfolger Nikomedes!., gest.216, unter dem griech. Sitte und Sprache besonders am Hofe >. s Eingang gewannen, namentlich dadurch gegen den syrischen König AntiochuK 1. behauptete, j daß er Scharen von Galliern, die Thrazien durchstreiften, 2 7 8 v. Ehr- zu Hülfe rief. Sein < Enkel Prusias I. vergrößerte den Staat durch einen glücklichen Krieg gegen das griech. Hc- l raklea im I. 196; er war mit Philipp III. von Maccdonien im Bunde gegen die Römer. Bitsch Bivvuac 3i)3 An diese schloß sich aber Prusias >!., sein Nachfolger, an, und Hannibal, der zu ihm vom An- tiochus geflohen war, konnte der Auslieferung an sie nur dadurch entgehen, daß er sich selbst im I. 183 den Tod gab. Seitdem war B., obwol unter eigenen Königen, doch in Abhängigkeit von Rom; zur röm. Provinz ward es nach dem Tode Nikomedes' >l>., der 75 v. Ehr. die Römer zu Erben seines Reichs einschte, um das sic jedoch noch mit Mithridates kämpfen mußten. Von den röm. Statthaltern, die B. mit Pontus vereinigt regierten, ist namentlich Plinius der Jüngere unter Trajan zu erwähnen. Unter Valerian ward das Land 26«) n. Chr. von den Gothen verwüstet; unter Diocletian war Nikomedia des Kaisers gewöhnliche Residenz. Im I I. Jahrh. war B. eine Zeit lang, 1673—97, im Besitz der Seldschuckcn, denen cs im ersten Kreuzzug wieder abgenommen ward. Nicäa, das während jener Zeit Residenz der seldschuckischen Sultane gewesen war, ward im 13. Jahrh., 1263—61, während der Dauer des lat. Kaiserthums in Konstantinopel, Sitz eines griech. Kaisers. JmJ. 1298 brach Osinan in B. ein, worauf das 1325 eroberte Prusa oderBrufsa 1323 Hauptstadt des osman. Reichs wurde. Bitsch, eine Stadt im sranz. Departement der Mosel, mit 2960 E-, am Fuße der Vogesen, in einer rauhen Waldgegend, auf dem Knoten der von Hagenau, Weißenburg, Saaralbe und Pfalzburg hcraufführenden Gebirgsstraßen, war früher eine elsassische Grafschaft, die 1358 an Lothringen und mit diesem 1738 an Frankreich kam. Sie ist stark befestigt und mit tiefen, in Felsen gehauenen Gräben versehen. Ein Überfall im I. >793, dm 1666 M. Preußen unter dem Obersten von Wartensleben im Verständniß mit einem Jngenieuroffizier der Besatzung unternahmen, schlug, nachdem sie schon bis in den nach dem Hause des Kommandanten führenden Gang gedrungen waren, dadurch fehl, daß der über dem Gange wohnende Artilleriecapitain, durch das ungewöhnliche Geräusch geweckt, sogleich die offen stehende eiserne Thüre zuwarf. Vergebens suchten die Preußen die immer stärker werdende Gegenwehr zu besiegen oder auf andern Punkten einzudringcn; bei Tagesanbruch mußten sie mit einem Verluste von 23 Offizieren und 539 M. wieder abziehen, worauf der Herzog von Braunschwcig B. verließ und eine Stellung bei Kaiserslautern wählte. Bittersalz (8ul smarum oder lAs^nesia suchinirieu) ist ein erdiges, aus Schwefelsäure und Talkerde zusammengesetztes, in zarten haarfvrmigen oder starken säulenförmigen Krystallen, Büscheln, Flocken, krystallinischen Körnern und als mehliger Beschlag vorkommendes Salz von weißer, graulicher oder gelblicher Farbe, welches aus den Heilquellen zu Seidschütz, Sedlitz, Bilin u. s. w. gewonnen und aus den See- und Kochsalzsoolen, z. B. zu Portsmouth, Kreuzburg u. s. w. künstlich bereitet wird. Die verschiedenen Sorten unterscheiden sich voneinander blos durch den mehr oder mindern Beisatz fremdartiger Salze, und es sind das englische, das seidschützer und andere Bittersalze in ihrer Natur und Wirkung völlig übereinstimmend, sofern keine Verfälschung stattfindet. Eine solche wird gewöhnlich mit Glaubersalz vorgenommcn, jedoch leicht erkannt, wenn man das Salz einige Zeit der warmen Atmosphäre aussetzt, wo sich ein weißer Staub auf der Oberfläche bildet, wenn Glaubersalz beigemischt ist. Das reine Bittersalz, welches als abführendes Mittel und etwas gelinder als Glaubersalz wirkt, muß völlig weiß sein, an der Luft trocken bleiben, bittersalzig schmecken und mit Schwefelsäure übergossen, keine salzsauren Dämpfe entwickeln. Bivvuac, entstanden aus dem deutschen Worte Beiwacht, nennt man das Lager der Soldaten unter freiem Himmel, ohne Zelte, wobei ein Jeder völlig angczogen bleibt und sein Gewehr bei sich hat. Schon während des Siebenjährigen Kriegs, wenn die Nähe des Feindes das Aufschlagen eines Lagers als gefährlich erscheinen ließ, blieb die ganze Armee auf diese Weise des Nachts in Reih und Glied liegen, um jeden Augenblick sich zum Gefecht stellen zu können. Seit dem franz. Revolutionskriege.verschwanden bei allen Armeen, die englische ausgenommen, die Zelte, statt deren sich nun die Soldaten Hütten von Stroh, Baumzwcigen u. s. w. bauten. Weil jedoch das Verweilen unter freiem Himmel in kalten und feuchten Nächten der Gesundheit der Truppen, wie der Gegend, wo sic bivouaquircn, gleich schädlich wird, die Wälder zu Grunde richtet und zu dem Ausplündcrn der nahm Orte Gelegenheit gibt, so hat man zuerst bei der preuß. Armee die Zelte wieder i» einigen Übungs- lagcrn anfgeschlagen. So verderblich aber die Bivouacs auch sind, so wird man bei der 394 Bizarrerie Björnstjerua gegenwärtigen Kriegführung sich ihrer niemals ganz entrathen können, weil sie das einfache Mittel darbieten, größere Heeresmassen in steter Bereitschaft zu halten. Bizarrerie heißt jene Art des ungereimt Seltsamen oder Wunderlichen, wobei man, um den Schein des Außerordentlichen zu gewinnen, die allgemeine Regel aus Willkür verläßt und eine gezwungene Eigenthümlichkeit an die Stelle seht. Der Bizarre ist einWahn- wihiger mit Bewußtsein und Freiheit, und die Eigenthümlichkeit, welche bei dem wirklichen Humoristen und dem Launenhaften Natur ist, ist bei ihm nur erkünstelt. Der bizarre Ge- sch mack unterscheidet sich von dem eigensinnigen (cspricieux) darin, daß dieser aus bekannten Formen willkürlich zusammenwählt und durch unüberlegte Wahl die Regeln der Kunst entstellt; jener aber diese Regeln verschmäht und durch den Gebrauch außerordentlicher Formen alle Regeln umzustoßcn sucht. Der bizarre Geschmack findet sich weder in der An- ^ tike noch bei den großen Meistern der neuern Zeit; er entsteht meist aus Überdruß des Bessern, öfters jedoch, sowol bei Nationen wie bei Einzelnen, aus dem Überdruß selbst. Überall, wo sich Bizarrerie zeigte, war sie ein Zeichen des sinkenden Geschmacks; oft aber vermittelt sie auch die Rückkehr zu dem Einfachen und Natürlichen, zumal wenn sie Gegenstand des Witzes und geistreicher Satire wird. (S. Barock.) Björnstähl (Jak. Jonas), bekannt durch seine Reisen, geb. am 23. Jan. 1731 zu Rotarbo in der schweb. Provinz Südermanland, studirte in Upsala, kam dann als Lehrer in das Haus des Baron Nudbeck und bereiste mit dessen Sohn seit 1767 Frankreich, Italien, die Schweiz, Deutschland, Holland und England. Während seines Aufenthalts in Paris studirte er mit Eifer die morgenländ. Sprachen. Nach der Rückkehr erhielt er von Gustav III, den Auftrag, Griechenland, Syrien und Ägypten zu bereisen, und den Titel eines Professors an der Universität zu Lund. Auf Kosten des Königs reiste er 1776 von London aus nach Smyrna und von da nach Konstantinopel, wo er sich zwei Jahre aufhielt, um die türk. Sprache zu erlernen. Auf der Weiterreise erkrankte er an der Pest zu Salonichi und starb , daselbst 1779. Die Beschreibung seiner Reisen in Briefform, herausgegeben von seinem , Freunde, dem Bibliothekar Giörwell (Stockh. 1783; deutsch von Groskurd, 6Bde., Rost. 1777—8-1), enthält gelehrte und gründliche Untersuchungen über Münzen, Handschriften und seltene Bücher, auch viele interessante Anekdoten, namentlich in Beziehung auf Voltaire, den er in Fcrney besucht hatte; aber seine Bemerkungen und Urtheile über Sitten, Gebräuche, Religion und Literatur sind oft oberflächlich und parteiisch. Er hatte mehr Gelehrsamkeit als Geschmack, mehr Eedächtniß als sichern Takt und Unterscheidungsgabe. Björnstjerna (Magnus Fried. Ferd., Graf) ,schwed. Gesandter am Hofe zu London, bekannt als Staatsmann wie auch als Schriftsteller, wurde am > 9. Oct. 1779 zu Dresden geboren, wo sein Vater, der später bevollmächtigter Minister am Reichstage zu Regensburg war, damals als schweb. Lcgationssecretair lebte. Seine Erziehung erhielt er in Deutschland; erst 1793 kam er nach Schweden, um in die Armee einzutreten. Beim Ausbruche des finnischen Kriegs bereits zum Hauptmann avancirt, bewies er während dieses Kriegs bei mehren Gelegenheiten ausgezeichnete Tapferkeit und erwarb sich den Majorsgrad. Nach dem Frieden wurde er im Apr. 1899 als geheimer Botschafter an Napoleon abgeschickt, bei dem er am Tage vor der Schlacht bei Eckmühl eintraf. Im Oct. 1812 unterhandelte er in ^ London wegen des Verkaufs der Insel Guadeloupe, und 1813 ging er als Oberst mit dec schweb. Armee nach Deutschland. Hier wurde er commandirt, Hamburg zu entsetzen und die Vierlande zu vertheidigen, mußte sich aber auf die große Nordarmee zurückziehcn und wohnte nun den Schlachten bei Großbeercn und Dcnnewitz bei. Er war der Erste, der beim Vorrücken der Armee nach der Elbe, den Übergang über dieselbe mit einem Dctaschement Cavalerie, Infanterie und Jäger, am 20. Sept., bewerkstelligte, worauf er in Wörlitz festen Fuß faßte, das er aber, vom Feinde überfallen, sehr bald wieder aufgeben mußte. Bei der Erstürmung der Stadt Dessau wurden ihm zwei Pferde unter dem Leibe gctödtct, auch erhielt er eine schwere Contusion durch eine Kanonenkugel. Nichtsdestoweniger konnte er der Schlacht bei Leipzig beiwohnen. Mit dem General Lallemand schloß er später die Kapitulation wegen Lübeck ab; auch unterhandelte er die Übergabe der Festung Mastricht. Nach der Einnahme von Paris kämpfte er in Holstein und darnach in Norwegen, bis er endlich mit dem Prinzen Christian Friedrich die Convention zu Moß abschloß, der die Vereinigung 39L Blacas d'Aulps Blackfisch Schwedens und Norwegens folgte. Zm I. >815 wurde er Generaladjutant und in den Freiherrnstand erhoben, 1820 Gcnerallieutenant, > 826 mit dem Grafentitel ausgezeichnet und >828 bevollmächtigter Minister am großbritannischen Hose. Als Schriftsteller bekennt er sich zu einem gemäßigten Liberalismus. Zn zwei Schriftchen empfahl er seinem Vaterlands die Anwendung des engl. Fonds- oder Stocksystems; doch fand die Sache, als -sie 1834 auf dem Reichstage zur Sprache kam, bei den Ständen wenig Beifall. Wie er >834 in einer besondern Schrift Vorschläge zu Verbesserungen der Repräsentation gemacht hatte, so bekämpfte er auch während des Reichstags von l 840 in einer Broschüre, und zwar mir vielem Talent, die auf allgemeine Wahlen sich gründende Repräsentation, welcher ein großer Theil der Reichsstände zugethan war. Blacas d'Aulps (Pierre Louis, Herzog von), einer der bemcrkenswcrthesten Diplomaten Frankreichs vor der Julirevolution, stammte aus einer altadeligen aber armen Familie und war am >2. Jan. 1771 auf dem Schlosse Ve'rignon bei Aulps in der Provence geboren. Er trat sehr frühzeitig in Militairdienste und war beim Ausbruche der Revolution bereits Capitain der Cavalerie. Nachdem er emigrirt, diente er in dem Conde'schen Corps, nachher focht er in der Vende'e. Später ging er nach Verona zu Ludwig XVlll. und ward vondem- selben als Gesandter nach Petersburg geschickt. Als aber im I. 1800 Kaiser Paul den Bourbons den Aufenthalt in seinem Reiche verweigerte, folgte er Ludwig XVlll. nach England. Im I. 1814 nach Frankreich zurü-xgekehrt, ward er Haus- und Staatsminister und nach d'Avaray's Tode des Königs reichtcHand, der sich daher auch aufB.'s Rath, als Napoleon von Elba zurückkehrte, nicht nach England, sondern nach Ostende und von danach Gent begab. Inzwischen hatte sich B. in der kurzen Zeit viele Feinde gemacht, sodaß der König nach seiner zweiten Rückkehr es nicht für gut erachtete, ihn wieder ins Ministerium ein- treten zu lassen. Er ward vielmehr als Gesandter nach Neapel geschickt und zeigte sich auch hier, wo er die Vermählung des Herzogs von Berri mit der Prinzessin von Neapel vermit- teltc, als gewandten Diplomaten. Im I. 1817 hatte er als Gesandter zu Nom großen Ankheil an dem berüchtigten in diesem Jahre abgeschlossenen Concordate. Als er 1820 von hier zurückkehrte, ward er erster Kammerherr des Königs und bekleidete dann abermals abwechselnd die Gesandtschaftsposten zu Nom und Neapel. Auch Karl X. schenkte ihm sein volles Vertrauen, obschon man ihm eine unmittelbare Mitwirkung bei den Ordonnanzen vom 24. Juli l 830 nicht Schuld geben kann. Er verweigerte indeß Ludwig Philipp den Eid, wurde deshalb aus der Pairsliste gestrichen und folgte nun Karl X. nach Holyrood, Prag und Görz. Nach dem Tode desselben lebte er mit dem Herzoge von Angouleme auf dem Schlosse Kirchberg in Niederöstreich und starb daselbst am 17. Nov. 1839. Er war im Laufe der Zeit zu großen Neichthümern gekommen und namentlich besaß er in Paris die vorzüglichsten Kunstsammlungen, besonders an oriental. Medaillen, über welche der Bibliothekar Rcinaud in der „Hescription cies monnmsnts wusulmuns <1n csbinet <>e 13." (2 Bdc., Par. 1828) berichtete. Eine Biographie B.'s lieferte der Vicomte Laboulaye (Par. 1840). Black (Jos.), Chemiker, geb. 1728 zu Bordeaux von schot. Altern, studirte zu Glasgow, wo er, für das Studium der Chemie durch Cullen gewonnen, 1756 dessen Nachfolger als Professor der Medicin wurde, wie er ihm denn auch 1765 als Professor der Chemie in Edinburg nachfolgte. Er war eines der acht auswärtigen Mitglieder der franz. Akademie der Wissenschaften und starb zu Edinburg am 16. Nov. 1799. Bei seinen Versuchen über die Wirksamkeit der Magnesia, des Kalks und anderer Alkalien entdeckte er eine luftförmige Flüssigkeit, die von ihm sogenannte fixe Luft und deren mildernde Wirkung auf Alkalien und Kalkcrden, und man kann diese Entdeckung als den Anfang der Lehre von den Gasen betrachten, welche dann Cavendish, Priestley und Lavoisier weiter ausbildeten. Nicht minder bereicherte er die Wissenschaft durch die Lehre von der gebundenen, latenten oder fixirten Wärme, welche zu wichtigen Ergebnissen führte. Seinem Ruf schadete er einigermaßen durch langen Widerspruch bei Einführung der neuen chemischen Theorien, wicwol er zuletzt ihnen Gerechtigkeit widerfahren ließ. Aus seinen hinterlassene a Manuskripten gab Robinson die, „l^ectnres on tke element» ok cbemistr)" (2 Bde., Lond. 1803, 4.; deutsch von Crell, 4Bde.,Hamb. 1804—5; neue Aust., 1818) heraus. Blackfisch, s. Sepia. 396 Blackstone Bläu Blackstone (William), engl. Nechtsgelchrter, geb. zu London am IO.Juli 1723, der Sohn eines Scidenwebers, wurde früh verwaist unter der Pflege eines Verwandten erzogen, bis er >738 nach Oxford ging, wo er sich bald durch Fleiß und Talente auszeichnete. Er zeigte viel Geschmack und Anlage für Poesie, entschied sich jedoch für die Rechtswissenschaften und trat >7 30 als Sachwalter auf. Da cs ihm aber aus Mangel an Talent für die öffentliche Beredtsamkeit nicht gelingen wollte, einen bedeutenden Ruf zu gewinnen, so ging er wieder nach Oxford, wo er >753 Vorlesungen über engl. Verfassung und Gesetzgebung eröffnete, die, als etwas bisher ganz Ungewöhnliches, bald allgemeinen Beifall fanden und einen gelehrten Juristen, Namens Vincr, auf den Gedanken brachten, in seinem Testament eine Summe zur Gründung eines Lehrstuhls für das gemeine engl. Recht auszusetzen, auf den B. nach Niner's Tode im 1.1758 berufen wurde. Doch hatte er denselben nur wenige Jahre innc. Nachdem er bereits >701 ins Parlament getreten, wurde er 1763 zum Solicitorgcneral der Königin und zugleich zum Beisitzer von Middle Temple ernannt, worauf er seine Stelle in Oxford >760 nicderlcgtc. Jm J. 1708 von neuem ins Parlament gewählt, wurde er dann Recorder ofWallingford und 177» Richter am kömglichen Gerichtshöfe nk tlle coininoi, ple-ls, in welchem hohen Amte er am 13. Febr. 178» starb. Aus seinen Vorlesungen in Oxford entstanden seine elastischen „Oommontuiivs »» tlle Inns of Luglilnä", die später von Rich. Brun (1783), Williams (>787) und Edw. Christian (3 Bde., Land. 1792; neueste Aust., 1813) herausgcgebcn wurden. B. begnügte sich in diesem Werke nicht mit einer bloßen Erklärung der Gesetze, sondern suchte die Aufgabe einer gründlichen Auslegung derselben zu lösen, und seine Leistung war um so verdienstlicher, da er keine Vorgänger hatte; doch lieferte er nicht sowol eine philosophische Erörterung der Grundsätze des engl. Civil- und Staatsrechts, als eine klare Darstellung und Vertheidigung des bestehenden Systems. Einzelne freisinnige Behauptungen abgerechnet, zeigt er sich darin im Ganzen als einen eifrigen Verfechter der Vorrechte der Krone und fast illiberal in seinen Ansichten über religiöse Duldung, daher er sich auch in dieser Beziehung in lebhafte Streitigkeiten verwickelt sah, besonders mit Bentham, dessen „kraAinem nn ^overnmeiit" gegen B.'s politische Grundsätze gerichtet war. Außerdem sind von ihm noch erschienen „I-aw traets" (2 Bde., Lond. 1702; deutsch Brcm. 1779) und „^naEsis of tlle lavvs ok LnAl-nnl" (Oxf. 1753 und öfter), eine An Encyklopädie und Methodologie des engl. Rechts. — Sein Sohn Henry B. ist der Herausgeber der „Reports of cases in tlle conrt of cnimnoi, pleas in tlle 28 ^ear of Oeorge Hl" (3 Bde., Lond. 1789, Fol.). Bläu oder auch Blauw und Blauw (lat. Oaesius), eine Holland. Gelehrten- und Buchdruckcrfamilie, welche nicht minder als die der Aldus, Giunta, Stephanus und Elzcvir um Literatur und Kunst sich bedeutende Verdienste erworben hat und deren Wirksamkeit fast ein volles Jahrhundert hindurch sich beinahe über ganz Europa erstreckte. — Wilh. B., Mathematiker, Landkartenverfertigcr und Verleger, war 1571 zu Alkmar geboren und nannte sich, weil sein Vater Johann hieß, nach holländ. Sitte auch Wilh. Ianson B-, in Folge dessen er mehrfach mit einem andern amsterdamer Buchhändler und Kartenverlegcr Namens Jansson verwechselt wird. Hervorgegangen aus der Schule Tycho's de Brahe, erwarb er sich als Mathematiker, Geograph und Astronom, besonders aber durch die Verfertigung von Erd- und Himmelsgloben, die an Schönheit und Richtigkeit alle vorherigen weit übertrafcn, und durch die Herausgabe sorgfältig bearbeiteter Landkarten anerkannte Verdienste. Im Bücherdrucke erreichte er zwar nicht die Eleganz und Vollendung der Elzcvir, allein seine meisten Verlagsartikel empfehlen sich doch durch ein höchst anständiges Äußere und eine lobenswerthe Correctheit. Er starb am 21. Oct. 1038 und hintcrließzwei Söhne, Joh. und Cornelius, welche das Geschäft des Vaters, bis nach Cornelius'Tode 105», gemeinschaftlich fortsetzten. Seine eigenen Schriften und Sammlungen sind „ 2 eespiegel" (1027, auch 1633, Fol.), „Ouclervvijs van 663, Fol.), Neapel und Sicilien (2 Bde., 1663, Fol.) und Savoyen und Piemont (2 Bde., >682, Fol.). Neben diesen großartigen Unternehmungen machte er, theilweisc auf den Namen fremder Firmen, große Spekulationen mit katholischem Bücherverlagc, hatte an mehren Orten bedeutende Niederlagen und selbst ein Etablissement zu Wien. Er starb um 1680, nachdem er am 26. Fcbr. 1672 das Unglück gehabt hatte, seine ganze Officin nebst dem größten Theile der Vorräthe in Feuer aufgehen zu sehen, wodurch mehre seiner Unternehmungen unterbrochen und vereitelt wurden. — Seine Söhne, Zoh. und PeterB., stellten die väterliche Ofsicin wieder her und setzten das Geschäft bis gegen 1700 mit Auszeichnung und ziemlich schwunghaft fort. Unter ihren Vcrlagsartikcln haben mehre Ausgaben klassischer Autoren, namentlich Cicero's „Oratinues" (3 Thle. in 6 Bden., 1699) noch jetzt ihren Werth. Blähungen nennt man die krankhafte Entwickelung von Gasen oder Winden im Darmkanal, welche entweder, wenn sie sich im Magen entwickeln, durch den Mund, oder wenn ihre Entwickelung in den Gedärmen stattfand, durch den After ausgetrieben werden. Die Gase werden allerdings nicht selten künstlich in den Magen eingebracht durch Kohlensäure haltende Substanzen, nicht ausgegohrene Biere, Weine, namentlich Champagner, u.s. w., allein in der Mehrzahl der Fälle erzeugen sie sich erst und sind ein Product der Absonderung der Schleimhaut des Darmkanals unter Vermittelung einer noch nichthinrcichcnd gekannten Alienation der Darmnerven. Daher finden wir die Blähungen auch vorzugsweise bei solchen Personen, deren Bauchnervcn alienirt sind, namentlich bei Hypochondrischen und Hysterischen, und die in den höhern Graden sie begleitenden Erscheinungen tragen alle Charaktere von Nervenleiden an sich, welche man mit Unrecht als die Folgen der Blähungen bewachtet hat, ein Jrrthum, der übrigens so alt wie die Medicin zu sein scheint und besonders tief in den Ansichten des Volks eingewurzelt ist. Auf diese Weise hatte sich schon frühzeitig eine eigene Blähungstheorie in der Pathologie gebildet, welcher eine blähungstreibende Curmethode und blähungstrcibende Mittel zur Seite standen. Schon im gesunden Zustande erzeugen sich während der Verdauung Gase; in größerer Menge jedoch stets unter den Erscheinungen des Krampfes, wobei sich Magen oder Darm aufblähen und der Kranke häufig einen schneidenden Schmerz in diesen Theilen empfindet (Windkolik), verbunden mit den Gefühlen von Angst, welche mitunter einen bedenklichen Charakter annehmen, sodaß selbst plötzliche Lähmung der gereizten Bauchnerven und dadurch der Tod herbeigeführt werden können. Was die Behandlung anbctrifft, so ist da, wo gährcnde Stoffe die Ursache der Gascntwickelung sind, Magnesia das beste Mittel, während in allen andern jFällen krampfwidrige Mittel, Aufgüsse von Chamillen, Lindenblüten, Anis, Pfeffermünze und in den torpiden Fällen deren ätherisches Ol anzuwenden sind, nur müssen die Aufgüsse kalt genossen oder in Klystiren applicirt werden, weil die Wärme die Ausdehnung der Gase begünstigen, somit die Aufblähung vermehren würde. Ist der Anfall vorüber, so sind adstringirende Mittel, kaltes Wasser, kalter Salbciaufguß oder Galläpfel anzuwenden und alle schwerverdauliche Nahrungsmittel, wie Kohlarten, Bohnen u.s.w., die ebendeshalb blähende Speisen sind, zu vermeiden. Sind die Blähungen habituell geworden, so muß gleichzeitig die Behandlung der Hypochondrie und Hysterie eintroten, und hier sind es die Kaltwasserkuren, welche ihre Stelle finden. Blair (Hugh), ein schot. Geistlicher und Schriftsteller, dessen Predigten noch jetzt als Muster der engl. Kanzelberedtsamkeit angesehen werden, wurde am 7. Apr. 1718 zu Edinburg geboren, wo er auch studirte. Seit 1743 als Prediger angestellt, gewann er seit N58 als erster Prediger an der Hochkirche in Edinburg großes Ansehen. Nachdem er1759 angefangcn hatte, die Ergebnisse seiner Erfahrungen über die Schönheit rhetorischer Com- Position in öffentlichen Vorlesungen mitzuthcilen, gründete die Regierung 1762 eine besondere Professur der Rhetorik und der schönen Wissenschaften in Edinburg, welche ihm übcrtra- 398 Blake ' Blanchard gen ward. Seine Theorie der Beredtsainkeit findet sich in seinen „I^ect^res <>n composi- ti»i>" (2 Bde., Land. 1783, 3.; deutsch von Schreiter, 3 Bde-, Liegn. 1785—89). Sxj„x Predigten, die 1777 zuerst erschienen, zeichnen sich durch klare und schöne Darstellung aus, sind aber nach gegenwärtigen Ansichten eher moralische Abhandlungen als eigentliche Predigten. Die beste deutsche Übersetzung derselben lieferten Sack und Schleiermachcr (5 Bde., : Lpz. 1781 — 1802 ). Vielfach unterstützte er Macpherson bei der Herausgabe der Ossian'schen Gesänge, deren Echtheit er 1763 in einer berühmten Abhandlung (deutsch, Hann. >735) vertheidigte. Im hohen Alter starb er zu Edinburg am 8. Jan. 1801. Blake (Nob.), einer der größten engl. Seehelden, der ganz besonders dazu beigetragen hat, daß die engl. Flotte die Herrschaft der Meere gewann, war 1599 zu Bridgewater ^ in Sommcrsetshire geboren und der Sohn eines Kaufmanns. Obschon ein eifriger Rcpu- / blikancr und ein Mann von unbeugsamem Wesen, stand er doch bei Cromwell in hohem Ansehen, wenn dieser ihn auch gern von sich entfernt hielt. Im 1.1652 lähmte er die Macht der Holländer vollständig, indem er deren Flotte unter Tromp, Ruyter und de Witt schlug. Von : 1655 verschaffte er der brit. Flagge in dem Mittelländischen Meere dauernde Geltung; er ? griff Tunis an, verbrannte die davor liegende türk. Flotte von neun Schiffen, erzwang dann die Landung und vernichtete mit einem etwa 1000 M. starken Corps ein Heer von 300» Türken. In den folgenden Jahren wandte er sich auch gegen Algier und Tripolis, landete daselbst und befreite alle Engländer, die sich dort in der Sklaverei befanden. Mit Venedig, ingleichen mit Toscana, schloß er für England vortheilhafte Bündnisse ab. Auch die Spanier schlug er 1657 bei Santa-Cruz. Sehr angegriffen kehrte er nach England zurück und starb 1657, während sein Schiff in den Hafen von Plymouth einlief. Cromwell ehrte seinAndenken durch ein feierliches Leichenbegängniß und ließ ihn in der Westminsterabtci beisehen. Blanc (Ludw. Gottfr.), zweiter Prediger an der Domkirche und ordentlicher Pro- ! fessor der romanischen Sprachen zu Halle, wurde am 19. Sept. 1781 von unbemittelten, i zur franz. Kolonie gehörenden Altern in Berlin geboren, wo er auch seine Bildung erhielt - und lebte, bis er 1806 bei der reformieren Gemeinde zu Halle angestellt wurde. Auf den Verdacht, daß er einer Verschwörung zum Umsturz der westfälischen Regierung beigetretcn, ward er181 l verhaftet und nach kurzem Aufenthalte zu Magdeburg nach Kassel gebracht, wo er als Staatsgefangener blieb, bis ihn am 28. Sept. 1813 das russ. Streifcorps unter Czer- nitschew in Freiheit setzte. Gleich darauf als preuß. Feldprediger angcstellt, erreichte er im Febr. 1813 unweit Bar-sur-Aube das Blücher'sche Hauptquartier. Mit diesem Corps wohnte er den Schlachten von Brienne und von Champaubert bei; dann kam er als Brigadeprediger zum Aork'schen Corps, mit dem er in den Schlachten von Laon und von Paris war. Nach dem Frieden kehrte er in seine frühem Verhältnisse in Halle zurück; doch schon 1815 folgte er abermals dem Heere, das er aber erst nach der Schlacht von Belle-Alliame erreichen konnte. Im 1.1822 wurde er zum außerordentlichen, 1833 zum ordentlichen Professor der romanischen Sprachen ernannt und 1838 zweiter Prediger an der Domkirche. Seine Sprachstudien sind ebenso umfassend als gründlich; namentlich aber hat er den Werken des Dante mit ihrer sehr reichen Literatur eine große Sorgfalt zugewendet und ^ manche der schwierigen Fragen, deren Dante's Werke so viele bieten, aufs glücklichste ge- , löst. Ihm verdankt der Dante-Verein zu Halle die Begründung. Auch ist er den bedeutsamsten Richtungen der neuern Zeit nicht fremd geblieben. Neben den „Predigten" (Halle >811) und „Die beiden ersten Gesänge der Göttlichen Komödie, mit Rücksicht auf alle frühem Erklärungsversuche erläutert" (Halle 1832) haben wir als sein Hauptwerk zu erwähnen das „Handbuch des Wissenswürtzigsten aus der Natur und Geschichte der Erde und ihrer Bewohner" (3 Bde., Halle >823; 3. Aust., 3 Bde., >830—31). Blanchard (Franx.), einer der ersten Luftschiffer, geb. 1738 zu Andelys im franz. Departement der Eure, beschäftigte sich von Jugend auf mi^Mechanik, vorzüglich zu dem Zwecke, die Kunst zu fliegen zu entdecken. Von besonderer, Wichtigkeit waren daher für ihn die Entdeckung des Aerostaten (s. d.) durch die Brüder Montgolfier und die Verbesserungen desselben durch Charles zu Paris. Nachdem er am 3. März 1783 die erste Luftreise versucht hatte, schiffte er 1785 mit dem Or. Jesscrics überden Kanal von Dover nach Calais, wofür er vom Könige von Frankreich durch ein Geschenk von 12000 und eine Rente von Blanc» Blankenburg 399 >200 Francs belohnt ward. Bei einer noch in demselben Jahre zu London unternommenen Luftfahrt bediente er sich zum ersten Male des von ihm, nach Andern aber von Eticnne Montgolfier erfundenen Fallschirms. Nachdem er viele Luftreisen auch in fremden Ländern angestellt hatte, ward er 1793 ans die Festung Kufstein in Tirol gesetzt, weil man ihm Schuld gab, revolutionaire Grundsätze verbreitet zu haben. Frei gegeben, machte er l 7 9Vzu Neuyork seine -10. Luftreise. Zu Rouen stieg er >798 mit >0 Personen in einem großen Luftschiffe i» die Höhe und ließ sich sechs Stunden von dieser Stadt nieder. Im I. 1807 zählte man 00 glücklich von ihm vollbrachte Luftreisen. Er nannte sich Aeronaut der beiden Hemisphären, Bürger der vorzüglichsten Städte beider Welten, Mitglied fremder Akademien, Pensionair des franz. Kaiscrthums und starb am 7. März 1809. — Seine Gattin, geb. 177-1, setzte die Luftreifen als Erwerbzweig fort und fand ihren Tod am 0. Juli 1819 in Paris bei ihrer 07. Ausfahrt, als ihr Ballon durch Feuerwerk, das sie inderHöhe abbrannte, in Brand gerieth. Blanco (kiunc«), s. Blanquet. Blandräta (Giorgio), der Stifter der Unitarier in Polen und Siebenbürgen, war ein Italiener, aus Saluzzo gebürtig, und Arzt zu Pavia, als er der Verfolgungen wegen, die seine protestantischen Gesinnungen ihm zuzogen, 1550 nach Genf zu fliehen sich genöthigt sah, wo er sich anfangs an Calvin anschloß. Im I. 1558 ging er nach Polen, und als er sich hier durch unitarische Ansichten verdächtig gemacht, 1563 nach Siebenbürgen, wo er Leibarzt des Fürsten Joh. Sigismund wurde, den er, gleichwie er durch seine Umsicht und Klugheit schon eine große Partei im Volke sich erworben, ebenfalls sehr bald für seine unitarischen Meinungen zu gewinnen wußte. Durch seinen Neffen, der der katholischen Kirche »»hing, ward er um 1590 ermordet. Sein „Antitrinitarisches Glaubensbekenntniß" sammt der Widerlegung des Flacius hat Henke (Helmst. 179-1) herausgegeben. Blankenburg ist der südöstlichste Theil des Herzogthums Braunschweig (s. d.), welcher im Bereiche des westlichsten Unterharzes und einzelner Theile des Oberharzes, die preuß. und hannöv. Harzantheile voneinander trennt und südöstlich an Anhalt-Bernburg grenzt. Mit Ausschluß der ehemaligen Abtei Walkenried, bildete B., das bis ins 12. Jahrh. der Hartinggau hieß, eine Grafschaft, welche nach dem Tode des letzten Grafen von B., Johann Georg, 1599 an Braunschweig fiel, 1693 Ludwig Rudolf, dem zweiten Sohne Anton Ullrich's von Wolsenbüttel, übergeben, 1708 zum Fürstenthume erhoben und bis 1731 selbständig regiert, von da an aber wieder mit Braunschweig vereint wurde und blieb. Gegenwärtig besteht der Kreis B- aus den Ämtern B., Hasselfelde und Walkenried, in der Gesammtgröße von 8 >HM. mit 20000 E. — Die Hauptstadt ist B l a n k e n b u r g, eine freundliche, dicht am Nordrande des Harzes gelegene Stadt mit 3500 E-, welche neben den gewöhnlichen städtischen Gewerben bedeutende Brauereien unterhalten. Die Stadt erhielt schon im io.Jahrh.Mauern, wurde I >02 und wiederholt 1386 verwüstet, auch 1625 durch Wallen- scein'S Belagerung hart bedrängt. Im Siebenjährigen Kriege gewährte ihre völlige Neutralität dem braunschweig. Hofe eine sichere Zuflucht, die auch später, vom 24. Aug. 1790 bis >0. Febr. 1798, Ludwig XVIll. nach seiner Flucht aus Dillingen, unter dem Namen eines Grafen von Lille, hier fand. Südlich von B. erhebt sich auf einem aus Thonschiefer her-vor- tretenden Kalksteinfelscn das in einfachem aber edlem Stile erbaute Schloß, welches als zeitweise Residenz des Herzogs von Braunschweig neuerdings geschmackvoll eingerichtet ist, eine reizende Äussicht gewährt und mehre KunstschLtze bewahrt. Die Umgebung von B. ist romantisch, natürlich und historisch höchst interessant und die Stadt ein beliebter Aufenthaltsort der Harzreisenden. Im Süden des Schloßbergs erhebt sich der noch höhere Kalviniusberg mit dem eine noch schönere Aussicht bietenden Luisenhause. Im Osten der Stadt ragt in schroffen Formen aus der Ebene die aus Quadcrsandstein bestehende Klippenreihe der Tcufelsmauer hervor, auf deren Gestein bedeutende Steinbrüche in Betrieb stehen und zwei Stunden südöstlich bricht die Bode durch die Granitfelsen derNoßtrappe (s. d.). Eine halbe Stunde nördlich von B. erhebt sich ebenfalls in den groteskesten Formen ein Quadcrsandsteinfelscn, welcher die geschleifte preuß. Bergfestung Regenstein oder Reinstein trägt. Im. I. 919 von Kaiser Heinrich l. erbaut, zog später Brandenburg die Feste nach Enthauptung des gegen Kaiser Leopold aufrührerischen Grafen von Tättenbach als halbcrstädtisches Lehen ein. De» Ms> Blankenburg (Christian Friedr. von) Blasenwnrm Franzosen, welche die Festung 1757 eroberten, nahmen sie 1758 die Preußen wieder ab, die dann die Werke schleiften. Die modernen Ruinen und in die Felsen gehauenen Kasematten s sind theilwcisc in Vergnügungslocalc der Blankenburgcr umgewandelt. — Blankenburg heißt auch das am Eingänge in das Schwarzathal des Thüringer Waldes freundlich gelegene Städtchen der Oberherrschaft des Fürstcnthums Schwarzburg-Rudolstadt. Es zählt gegen 1200 E., betreibt wichtige Papier-und Lederfabrikation, bedeutenden Lavendelbau in lerrasstrtcn Gärtchen und hat in neuerer Zeit durch eine Kaltwasserheilanstalt an Verschönerungen und lebhaftem Verkehr zugenommcn. Nördlich der Stadt liegt auf einem 500 F. hohen Kalkfelsen das Schloß Grcifenstein oder Blankenburg als eine der schönsten und größten Ruinen Thüringens. Schon von Heinrich I. erbaut, im Dreißigjährigen Kriege zer- ) stört, seit 1671 unbewohnt und durch einen Sturm im 1.1800 der schönen Zierde des Hauptthurms beraubt, ist das Schloß wichtig als die Wiege des Kaisers Günther von Schwarzburg. i Blankenburg (Christian Friedr. von), ein verdienter deutscher Gelehrter des 1 8. Jahrh., - geb. am 2t. Jan. >7-1-1 bei Kolberg, ein Verwandter des als Held und Dichter berühmten Kleist, sollte nach des Vaters Absicht den Wissenschaften sich widmen, wendete sich aber nach i dessen Tode 1750 dem Soldatenstande zu. Als Adjutant des Krokow'schen Dragonerregiments wohnte er im Siebenjährigen Kriege verschiedenen Schlachten bei. Wegen zerrütteter Gesundheit mußte er 1777 als Hauptmann seinen Abschied nehmen, worauf er in Leipzig ! und in dem nahen Dorfe Konncwitz in inniger Freundschaft mit Weiße und Zollikofer lebte. , In Leipzig starb er am -i. Mai 1706. Er beschäftigte sich vorzugsweise mit der schönen i Literatur und hat Vieles aus dem Englischen überseht. Besonders verdienstlich sind seine j „Zusähe zu Sulzer's Theorie der schönen Künste" (3 Bde., Lpz. 1796—08); sein „Versuch i über den Romail" (Lpz. und Liegn. 177-1) ist natürlich veraltet. j Blänkern heißt das Einzelgefecht der Reiterei, besonders mit Karabiner und Pistolen, > > wo der Säbel nur bisweilen als Nachhülfe gebraucht wird. Es findet besonders bei der Avant- ^ j garde und vor dem Beginn eines Treffens statt und Mt der leichten Cavalerie anheim. ' > Das Blänkern geschieht je zwei und zwei, mit einer kleinen Reserve. Von je Zweien reitet ; der Erste auf den Feind zu und feuert sein Gewehr ab, während der Zweite (der Secundant) > halten bleibt und den Feind im Auge behält, um, wenn jener gefeuert, durch sein Vorgehen i und Schießen dem Ersten Zeit zum Laden zu verschaffen. Zuweilen blänkert man in größer» > Abtheilungen anhaltend und absichtlich mit dem Feinde, um dessen Aufmerksamkeit von i einem gewissen Punkte abzulcnken, und hieraus entstehen die sogenannten Blänkerge- i fech te, welche blos Lärm machen, aber nichts entscheiden sollen. ! Blanguet, im Italienischen 6i»rta lnsnca, heißt eine minder förmliche, unvollständige, nur angedeutete und blos mit der Namcnsunterschrift, wol auch mit einem Siegel versehene Vollmacht, die der Bevollmächtigte nach dem Umfange des ihm aufgetragcnen Geschäfts in rechtlicher Form ausfüllt.. Nach dem preuß. Landrechte sind bloße Blanquete, auf welchen nur der Name des Machtgebers ohne Bestimmung des aufgegebenen Geschäfts sich befindet, zu Handlungen, die eine Specialvollmacht erfodern, niemals hinreichend, sowie es überhaupt ^ des möglichen Misbrauchs wegen gefährlich ist, Blanquete zu geben, auf welchen nicht genau I angegeben ist, in welcher Angelegenheit sie ausgestellt sind. — Einen Wechsel inblanco t lassen oder in blanco indossiren heißt in der Kaufmannssprache, auf der Rückseite des - Wechsels über der Namensunterschrift Platz lassen, sodaß der Name Desjenigen, an dessen ! Ordre er gegeben wird, eingeschrieben werden kann. Bei Wechselgeschästen heißt i n blanco stehen, die Tratten oder Wechsel eines Andern acceptiren, ohne dafür Deckung zu haben; oft auch Vorschuß leisten, ohne gehörig gedeckt zu sein. Blanke Waffen nennt man im Gegensatz zu den Feuerwaffen bei der Infanterie das Bayonnet, bei der Reiterei den Säbel oder Pallasch und die Lanze. Den Feind mit der blanken Waffe ««greifen, bezeichnet einen ehrenwerthen kriegerischen Act, weil dazu mehr Muth und Tapferkeit gehört, als sich auf weite Distanzen mit ihm herumzuschießen. Bei gleicher Bravour werden zuletzt alle Gefechte, mit seltenen Ausnahmen, durch die blanke Waffe zur Entscheidung gebracht. Blasenwurm (Uz-tiuti? I'uemu bei Linne) heißen zwei Gattungen Eingeweidewürmer, von Rudolphi t'vdtirorcus und genannt, deren Kopfbau mit dem der Blaffe» Blattern 401 > Bandwürmer (s. d.) üdercinstimmt. Sie bestehen aus einer Blase, auf welcher theil- nur ei», theils mehre Köpft oder Körper sitzen, und finden sich meist in häutigen Theilen und ^ im Zellgewebe. Von der einen Gattung (tH-uicereus) ist besonders die Art sehr bekannt und berüchtigt, welche vorzugsweise zwischen den Muskelsibern der Schweine als kleine Blase sitzt und diese Thiere krank macht; doch soll sie beim wilden Schweine sich nicht finden. Eine andere zur zweiten Gattung gehörige, nicht minder merkwürdige, höchst schädliche Art findet sich auf dem Gehirn der Schaft, das sie zum Theil zerstört, indem die Blase oft die Größe eines Eies erhält, auf welcher viele kleine, eine halbe Linie lange Würmer sitzen. Sie veranlassen die sogenannte Drehkrankheit (s. d.) der Schaft. Übrigens finden sich Blasenwür- mer auch in andern Thicren und selbst im Menschen. ^ Blaffe», s. Sanct-Blasien. Blattern, Pocken, auch Menschenpocken (Variols) nennt man eine ansteckende fieberhafte Krankheit, bei welcher auf der Haut sowie häufig auch auf den Schleimhäuten kleine Eitergeschwülste oder Pusteln entstehen, welche den Ansteckungsstoff mit seinem materiellen Substrat enthalten. Ungeachtet die ausgezeichnetsten ärztlichen Historiker sich mit der Geschichte der Blattern beschäftigt haben, seist der Beginn derselben doch noch immer in Dunkel gehüllt, daher denn Willkür und Conjectur hier ihr weites Feld gefunden haben. Krause läßt die ägyptische Erstgeburt unter Pharao durch sie tödten und als Athcniensische Pest Griechenland verheeren; mit mehr Wahrscheinlichkeit werden China und Indien, welches eine eigene Pockcngöttin (-luriutule Ustragali) verehrt, als das Vaterland der Blattern betrachtet ; doch waren es erst die Araber, denen wir einige Kenntniß von dem Dasein derselben verdanken. Masudi berichtet, daß sie die um 5 7 0 n. Chr. Mekka belagernden Abyssinier befallen; der syr. Arzt Aron, um 622, beschreibt sie als bekannte Krankheit, und Rhazcs, um 622, lieferte die erste Monographie derselben. Ob es auch Araber waren, welche die Krankheit > nach Europa brachten, oder ob sie hier bereits in jenen Zeiten epidemisch entstanden, darüber - läßt sich keine zweifellose Gewißheit geben; sicher aber ist, daß die Blattern seit dem l 3. Jahrh. unter den Völkern des Abendlandes unaufhörlich große Verwüstungen anrichteten, bis ihnen durch Jenner's Einführung der Kuhpo ckenimpfung (s.d.) ziemlich cngeErcnzcn gesetzt wurden. Von Europa wurden die Blattern, wie es scheint, nach Amerika gebracht, wo sie unter den Eingeborenen anfangs gräßliche Verheerungen anrichteten. Die Krankheit beginnt mit Fieber und Abgeschlagenheit, Schmerzen in den Gliedern und dem Nucken, die Ausdünstung des Kranken nimmt einen Geruch wie schimmliches Brot an, und es erscheinen gewöhnlich am Ende des dritten Tages nicht selten unter Erbrechen, selbst Convulsionen zuerst im Gesicht und von da sich weiter bis zum sechsten Tage von oben nach unten über die übrige Haut verbreitend kleine linsengroße etwas erhabene Flecke auf derselben, in deren Mitte sich ein kleines zugespitztes rothes Knötchen zeigt, welches zunimmt und aus seiner Spitze ein in der Mitte eingedrücktes fächeriges Bläschen (Delle) zeigt, das eine anfangs wasserhelle Flüssigkeit enthält. Dieses wird am dritten Tage des Bestehens des bis zur Größe einer Erbse wachsenden Knötchens (Pustel) molkig, am vierten und fünften Tage gelb und eiterig. Das ! mit dem Ausbruch der Pusteln nachlassendc Fieber erhebt sich am Abend des achten oder > neunten Tages von neuem oft unter Delirien und Schüttelfrost (Eiterungsfieber); die be- s fallencn Hautstcllen schwellen nicht selten bis zur Entstellung an, und die Dellen auf den Pusteln schwinden, indem die Eiterung die zelligen Fächer zerstört. Mit dem Auftreten des Ausschlags auf der Haut bilden sich ähnliche Erscheinungen auf den Schleimhäuten, besonders ihren Mündungen, in der Mund- und Nachenhöhle, Kehlkopf und Luftröhre (innere Blattern), wodurch diese Theile anschwcllen bis zur Erstickungsgefahr, ebenso die Augen, sodaß die Kranken die Augenlider nicht offnen können; auch Parotis und Halsdrüsen schwellen an, und ein übelriechender Speichel fließt aus dem Munde. Gegen den zehnten bis zwölften Tag beginnt die Eintrocknung der Pusteln auf der Haut, welche entweder platzen und ihren zu Borken trocknenden Inhalt nach außen ergießen oder welk werden und mit ihrem Inhalte und der Bläschendecke gleichfalls festhängcnde braune Borken bilden, unter denen sich aber anfangs noch immer etwas Eiter findet. Wenn sie abfallcn, hinterlassen sie gewöhn , ssich Narben, die anfangs roth, in der Kälte bläulich, später aber weißer als die übrige Haur Conv. -.Lex. Neunte Ausl. II. 26 402 Blattläuse werden, cingekcrbte Ränder, gerippten Grund mit schwarzen Punkten zeigen und wahrend des ganzen Lebens anhalten. Die Krankheit ist übrigens sehr vielen Verschiedenheiten unterworfen, welche theils vom Individuum, theils von dem herrschenden Conim, epülemicns ab- hängen; das Fieber hat bald den entzündlichen, bald den nervösen oder fauligen Charakter und danach gestaltet sich auch der Ausschlag verschieden. Bei den e n tz kindlichen Pocken fließen die Pusteln zusammen'(Varinlue conlluentos), die Borken bedecken das Gesicht wie eineLarvcund die Entstellungen durch die Narben sind oft furchtbar. Bei den nervösen Pocken sind Krämpfe und Delirien häufig, bei den faulig en kommen Blutungen vor und die Pocken selbst füllen sich mit Blut (schwarze Blattern). Die Krankheit kann anfangs verwechselt werden mit Masern und Varicellen, wo aber das ausgebildete Exanthem bald Aufschluß gibt; schwieriger ist die Unterscheidung von Varioloidcn, denen aber das Eitcrungs- sicber fehlt. Die Blattern entstehen allerdings epidemisch, nicht selten in Perioden von -1—ft —l 5 Jahren, werden aber gewöhnlich durch ein Contagium verbreitet, welches an der Aus« düustung und dem Inhalt der Pusteln haftet, daher durch Kleider u. s. w. verschleppt wird. Am meisten sind ihr Kinder und junge Leute ausgescht. Gewöhnlich befällt die Krankheit nur einmal im Leben, doch kommen auch unzweifelhafte Fälle von mehrmaligen Blattern bei einem und demselben Individuum vor. Mit Kuhpockengift Geimpfte werden in der Regel nicht davon befallen, odcrdicKrankhcit nimmt wenigstens die Form der Varioloidcn (s.d.) an. Daß die Blatterpusteln nichts als eine Affectiv» der Hautdrüsen und Schleimdrüsen darstcllcn, hatten bereits Cotonni und Hoffmann nachgcwicscn, Letzterer aber die Hautdrüsen Pocken drüscn genannt un- dadurch die Idee erregt, als wären sie erst durch das Blatterngifk hervorgerufen, was die Ansicht in Miscredit brachte, bis in neuester Zeit wieder Nosenbaum ihre Nichtigkeit auf das evidenteste bestätigte. Die Behandlung hat zunächst die Aufgabe, die Verbreitung des ConkagiumS zu hindern, was einerseits durch die in allen civili- sirtcn Staaten anbcfohlencn Quarautaine- und Sperrmaßregcln der angesteckten Orte, Dcsi»- sicirung durch Chlvrräucherungen, Waschungen mit Salzsäure u. s. w., andererseits durch Impfung der Gesunden mit Kuhpocken geschieht, statt deren man sich vor Jenner der künstlichen Einpfropfung der Blattern bediente, welche schon lange im östlichen Asien gebräuchlich, 1721 durch Lady Montague in Europa eingeführt ward. Die einfach normal verlaufenden Blattern bedürfen keiner Arzneimittel, wvl aber einer sorgfältigen Diät; die größte Aufmerksamkeit verlangt die umgebende Luft; diese muß stets rein und von kühler Temperatur erhalten werden, welche nur zur Zeit der Abtrocknung etwas erhöht wird, und erst wenn diese ganz vollendet ist, dürfen die Kranken das Zimmer verlassen. Den heftigen Durst stillt man durch säuerliches Getränk; Erbrechen durch Brausepulver. Um die Geschwulst der Haut, besonders im Gesicht zu mindern, hat man kalte Überschläge, Chlorwaschungen und Oleüireibmi- gcn empfohlen nnd um die Narbenbildung zu hindern, das Einreiben von grauer Quecksilbersalbe, Bedecken mit Mercurialpflaster n. s. w. Da das Zerkratzen der Pusteln nothwendig üble Narben hervorruft, so muß man den Kranken die Hände mit Tüchern verbinden, wenn sie es nicht von selbst lassen können. Vgl. Krause, „Über das Alter der Menschenpockcn" (Ham. 182.7), Pctzhold, „Die Pockenkrankheit" (Lpz. 1876, a.) und Heim, „Darstellung der , Pockcnseuchen u. s. w. in Würtcmbcrg" (Stuttg. 18.78). , Blattläuse (-4;,l,i),Bonnet(> 712), Neäumur (t 7 7 ft) und besonder: Davau(l825) haben es klar nachgewiesen, daß die Männchen der Blattläuse nur,i>» Herbst« erscheinen und sich begatten. Die im Frühjahr aus den überwinternden Eiern schlüpfende» Blattläuse sind nur Weibchen, die alsbald lebendige Junge gebaren, also im Keime schon befruchtet gewesen sein müssen; so folgen ohne Begattung wol 12— 17 Generationen aufeinander, bis im Herbst auch Männchen geboren werden, sich begatten und die Weibchen dn Blattwespe Vlaufarbenwerke 46?, letzten Generation Eier legen. Die Fruchtbarkeit der Blattläuse ist dabei so groß, daß nach Reäumur aus einem Weibchen in der fünften Generation schon ',»0-1 MN. Individuen entsprungen sind. Glücklicherweise haben die Blattläuse unter den andern Insekten sehr viele Feinde, unter welchen die Marienkäfer oder Gotteskühe (neII->) am bekanntesten sind. Am Hinterleibe tragen sie zwei, einen süßen Saft ausschwitzende Röhren; Ameisen suchen diesen Honig begierig auf und drücken ihn, ohne die Blattläuse zu verletzen, heraus, weshalb sie von Linne Kühe der Ameisen genannt wurden. Die zur Vertilgung dieser schädlichen Thiere vorgeschlagenen Mittel sind sehr unzureichend. Blattwespe bei Linnch heißt eine Gattung wespenartiger Jnsektm, die zu den Hymenoptere» gehört, mit starken Kiefern und die Weibchen mit einem äußerlich sichtbaren Legestachcl. Sie legen Eier, aus denen raupcnähnliche Larven entstehen^ welche sich von den eigentlichen Raupen dadurch unterscheiden, daß sie entweder nur sechs hornartige Füße dicht hinter dem Kopfe und sehr viele oder gar keine Bauchfüße haben, auch fast immer das Hintere Leibesende cinkrümmcn. Sie leben auf verschiedenen Gewächsen und richten oft, wenn sie häufig erscheinen, viele Verwüstungen an, weil die Gewächse, ihrer Blätter beraubt, absterben. Dieses gilt namentlich von der Fichtenblattwespc, welche oft ganze Fichtenwaldungen zerstört. Nicht minder schädlich wird die Nosenblattwespe den Rosen stocken, eine andere dem Getreide und dem Weizen, in dessen Stengeln sie lebt. Sehr häufig findet man auch die Stachclbeerbüschc, die Berberitzen u.s.w. von solchen Larven entblättert. Blaubart ist der Beiname des Ritters Naoul, welcher einem altfranz. Märchen zufolge mehre seiner Frauen ermordet. Eine Reise vorschützend, übergibt er der Gattin den Schlüssel zu einem Zimmer mit dem gemessene» Befehle, dasselbe nicht zu eröffnen. Die Frau kann ihre Neugier nicht bezähmen und öffnet das Zimmer, in welchem sic die frühere Gattin ibres Mannes ermordet findet. Aus Schreck läßt sic den Schlüssel fallen, der dabei einen Blutfleck bekommt. An ihm erkennt der zurückkehrende Gatte, was vorgesallen, und tödtet die Gattin. Später im Begriff, eine andere ihm Vermählte auf gleiche Weise für ihre Neugier zu strafen, wird er durch deren Brüder, die unerwartet zu Hülfe kommen, gctödtet. Blaue Berge heißen mehre wichtige Erhebungen, z. B. auf der Insel Melville im amcrik. Polarmecre, auf der westind. Insel Jamaica, in den Vereinigten Staaten Nord-. Amerikas und an der Ostküste des Australfestlandes. Die BlauenBerge in Amerika sind die östlichste Kette derApalachc n (s. d.), von den Qucllgegendcn des großen Catawba in Nordkarolina bis zu dem mittler» Laufe des Delaware auf der Grenze zwischen Pennsyl- vanien und Neujersey. Sie werden in tiefen Qucrspalten mehrfach gegliedert; ihr Südostabfall ist steiler und schärfer markirt als die Norwestabdachung, und ihre größte Gipfelhöhe beträgt im Otterpik >0«»0 F. Die Blauen Berge des Australfestlandes bilden im westlichen Hintergründe der Ebene von Sydney, zwischen den hohen Qucllgcgenden des Hawksbury in der Berglandschaft Argylc und dem von den nördlichen Livcrpoolketten kommenden Hunter, den 2 —3«>0» F. erhöhten plateauförmigen, steil geböschten und öden Ostrand der Hochebenen von Bathurst. Durch das Bedürfnis! einer lebhaften Verbindung Sydneys mit Bathurst, diesem Mittelpunkt reicher Hcerdcnzucht, sind die Blauen Berge bekannter geworden als undcre australische Gcbirgstheile. Von den zwci Hauptquerstraßcn ist die >813 entdeckte große Weststraße oder der Paß des Bergs Jork, zwischen dem Grosc und Cox, gebräuchlicher als die nördlichere >822 von Bell entdeckte und nach ihm benannte Bellstraßc zwischen dem Wolgan und Gross. Häufig wird der für oben bezeichncten Raum beschränkte Name derBlaucn Berge auf den ganze.-Gebirgsrand vom Cap-Howe bisLookout angewendet. Blauer Montag hieß ehedem der Montag vor Anfang der Fasten, wie cs scheint, deshalb, weil man im I «>. Jahrh. an diesem Tage die Kirchen blau auezuschlagen pflegte Während nun anfangs nur an diesem Tage die Handwerksgesellen feierten, fing man ssn bald an, alle Montage in der Fastenzeit und später überhaupt jeden Montag mit der Arbeit zu feiern. Wegen des häufigen Unfugs an den Blauen Montagen, namentlich im > 8. Jahrh wurde die Feier derselben immer mehr beschränkt und in den meisten Staaten durch Gesetze, welche an manchen Orten ziemlich harte Strafen androhen, verboten. Blaufarbcnwerkc heißen diejenigen Etablissements, in denen aus den Kobalterzcn die unter dem Namen Smalte, Zaffer, Safflor, Esshcl bekannten blauen Farben bereitet wer- 26 * 404 Blausäure den. Alle diese blauen Farben sind durch Kobaltoxyd blaugefärbte Gläser, und die Sorte» unterscheiden sich theils durch die verschiedene Sättigung, theils durch die Feinheit, bis zu wel- chcr das Glas zerrieben ist, wovon der Glanz und die Tiefe der Farbe abhängen. Die Pro- ceduren in den Blaufarbenwcrken erstrecken sich theils auf die mechanische Zerkleinerung und Zermahlung der Erze und später das Zermahlen, Sieben und Sortiren der Farben, theils aus das Rösten der Erze, die chemische Abscheidung des Nickels und anderer begleitender Metalle und das Zusammenschmelzen der Erze mit Pottasche und Sand zu Bildung des blauen Glases. Die Existenz der Blaufarbenwerkc ist an das Vorhandensein von Kobalterzen gebunden. Lange waren die vier Blaufarbenwerke in Sachsen, ein großes königliches und drei gewerkschaftliche, sämmtlich in der Gegend von Schneeberg, die einzigen; jetzt haben sie die Con- currenz mit einigen andern, besonders dem durch sächs. Hüttenleute eingerichteten Blaufar- bcnwerke zu Modum in Norwegen zu bestehen; nichtsdestoweniger machen sie noch sehr gute Geschäfte und produciren jährlich I l —12000 Ctr. Blausiarben. Die Bezugsvrte für die sächs. Blaufarben sind Leipzig und Schnecberg. Dadurch, daß das früher als unnütz erachtete Nickel jetzt von den Argentanfabriken sehr gesucht wird, ist die Darstellung reinen Nickels eine einträgliche Nebenarbeit für die Blaufarbenwerke geworden, deren Proceduren übrigens als Geheimnisse behandelt werden. Blausäure (^eiünm lloriissicum oder kiz elrnczsiüoiiii), eine aus Cyan (s. d.) und Wasserstoff bestehende Säure, gehört zu den sogenannten Wasserstoffsäurcn und nicht zu den organischen Säuren im altern Sinne, da nachgewicsen ist, daß sich Cyan aus Kohlenstoff und Stickstoff ohne Concurrenz eines Organismus bilden kann. Früher glaubte man, sie finde sich fertig gebildet in den bittern Mandeln, Pfirsichkcrnen, Kirschkernen, Kirsch- lorbcrblättern, dem Faulbaume (?runus psäus) u. s. w., weil man durch Destillation dieser Theile mit Wasser blausäurehaltige destillirte Wässer bekommt (^us »lle cs. cn. rk- on- ar- j ute die eilen ren md -u en- an, sch- !>on <>s>, ker- liNl- , »eile ung setzt aus »gen äure ure dem ares lltcn des muß urch ' >ieri- ödtct ! »mit, f rächt acht i hbc- sarl. iegen »erst Zu- räch, men. ,cgen iitze» ndete Blausucht Bleek 405 man vorzüglich das Kirschlorbcrwasser gegen diese und andere Krankheiten an; der Gehalt desselben an Blausäure bleibt sich jedoch nicht ganz gleich. Freilich aber verliert eine jede Auflösung derselbe», indem sich die Blausäure bei der Einwirkung der Lust und des Lichts zersetzt. Blausucht (l^rmosis oder iVlorlrus caerulbus) nennt man diejenige Krankheit, bei welcher sich eine anhaltende livide, blaue Färbung größerer Flächen der Haut zeigt. Gewöhnlich tritt diese Färbung plötzlich ein und zwar zuerst im Gesicht, an den Genitalien und an den Enden der Extremitäten, welche dünn und lang sind; an den Fingern ist das erste Glied kolbig aufgetriebcn, breit und dick und die Nägel gleichfalls breit und kolbig. Wie die äußere Haut so leiden auch die Schleimhäute, aus denen dissolutc Blutungen erfolgen. Anfangs sind die Anfälle selten, besonders im Sommer, sie werden aber nach und nach häufiger, namentlich im Winter, und die Kranken sterben während derselben plötzlich. Bei Neugeborenen dauert die Krankheit häufig nur wenige Tage, bei ältern Kindern und Erwachsenen zieht sie sich Jahre langhin; sie ist häufiger bei männlichen als beiweiblichen Individuen, zuweilen erblich und hat ihren Grund in einer gewöhnlich angeborenen, selten erworbenen regelwidrigen Com- municativn des arteriellen und venösen Bluts im Herzen und den großen Gefäßstämmcn. Die Krankheit ist unheilbar und es kann daher nur von einer symptomatischen Behandlung der Anfälle und deren Vermeidung durch höchste Ruhe und beständigen Aufenthalt in einer warmen gleichmäßigen Temperatur die Rede sein. Blaustrumpf ist in Deutschland ein Spott- und Schimpfname, mit welchem man eine» Vcrräthcr, Verleumder und gemeinen Aufpasser andcutct. Er soll daher rühren, daß einige Herren ihren Leibdienern ehemals blaue Strümpfe zur Livree gaben und daß in manchen Städten die Stadtdiener solche trugen. In England bezeichnet man mit Blaustrumpf (bI,E stoclliilgs) Frauen, die Gelehrsamkeit pedantisch zur Schau tragen. Der Name stammt hier von einem ums I. 1780 entstandenen Verein gebildeter Frauen in London, die sich in Abendgesellschaften versammelten, um sich mit gelehrten Männern zu unterhalten. Eins der ausgezeichnetsten Mitglieder, Stillingfleet, trug immer blaue Strümpfe, und ohne den Blaustrumpf ließ sich, wie man gewöhnlich sagte, nie etwas abmachen. Blühe, das alte feste Blavia oder Blavatum derSantoncn im aquitanischen Gallien, ist die Hauptstadt des gleichnamigen Bezirks im Departement der Gironde, an deren rechtem Ufer es liegt. Die Stadt besteht aus der offenen, vorzugsweise dem Handel und Gewerbs- verkchr gewidmeten Unterstadt und der auf einem Felsen liegenden stark befestigten Oberstadt. Diese vertheidigt den Eingang in die hier zwei Stunden breite Gironde und deckt das 3 Meilen entfernte Bordeaux, im Verein mit dem gegenüberliegenden Fort Le Medoc und dem zwischen liegenden insularen Fort Le Pate. Die Stadt hat ein Handelsgericht, eine Börse, ein Tribunal erster Instanz, eine Ackerbaugesellschaft, bedeutenden Schiffbau und 380«» E-, darunter viele Lootsen und Kaufleute, welche besonders mit Getreide, Wein und Branntwein lebhaften Handel treiben. Zu B. wurde die Herzogin von Bern von 1832 —33 gefangen gehalten, nachdem sie zu Nantes verhaftet worden war. Blech wird im Allgemeinen jedes Stück Metall genannt, welches im Verhältniß zur Länge und Breite sehr dünn ist; ganz dünne Bleche oder Metallblätter nennt man Folie (s. d.). Ein gutes Blech muß auf der Oberfläche vollkommen glatt und eben und an allen Stellen von ganz gleicher Dicke sein. Die Mittel, deren man sich zur Verwandclung der Metalle in Blech bedient, sind zweierlei Art, nämlich Hammer- und Walzwerke; durch erstere entsteht das geschlagene, durch letztere das gewalzte Blech, welches vor jenem den Vorzug hat. In Blech, das zu den verschiedenartigsten Gegenständen verarbeitet wird, können alle Metalle verwandelt werden, welche vermöge des gehörigen Grades der Dehnbarkeit zu einer solchen Verarbeitung geeignet sind; so gibt es Eisenblech, das für gewöhnlich auch Schwarz- blcch, wenn es aber verzinnt wird, Weißblech heißt, ferner Stahlblech, Kupferblech, Messingblech, Latun genannt, Tvmbackblcch, Bleiblcch, Zinkblech und Zinnblech, das, wenn es sehr dünn ist, Stanniol oder Zinnfolie genannt wird; endlich Silber-, Gold- und auch Platinblcch. Bleek (Friedr.), ordentlicher Professor der Theologie zu Bonn, wurde zu Arensboek im Holsteinischen am -1. Juli >703 geboren. Seine Studien, die er in Kiel begonnen hatte, setzte er von 18! 2 an in Berlin unter Schleiermacher, de Wette und Ncandcr fort. Ebendahin kekrtc er nach überstandenem Examen zu Elückstadt 1818 zurück, habilitirte sich und 406 Bier Ble.chen lehrte hier seit 1823 als außerordentlicher Profess bis zum I. > 828, wo'er »achBonn versetzt wurde. Wie seine Lehrer, so zeichnet sich auch B. durch kritischen Scharfsinn, exegetischen Takt und warme Begeisterung für das Christenthum aus; dafür sprechen seine Abhandlungen in den „Theologischen Studien und Kritiken" und die frühern in Schleiermacher's, de Wette's und Lücke's „Theologischer Zeitschrift". Unter den letztern ist namentlich die Untersuchung „Über die sibyllinischcn Orakel" zu erwähnen, worin er nachweist, daß diese Weissagungen allmälig vom 3. Zahrh. v. Chr. bis zum ö.Jahrh. n. Chr. von Juden und Christen verfaßt worden sind. Die bedeutendste von B.'s gelehrten Leistungen ist die Bearbeitung des nach seiner Ansicht von Ap o ll o s ss. d.) verfaßten Hebräerbriefs (2 Abth., Berl. t 828—m), in welcher seine dogmatische Unbefangenheit ebenso wie seine exegetische Gewandtheit klar hcrvortreten. Blei, bei den alten Chemikern Saturnus (h) genannt, ist wie Zinn und Kupfer eins der am längsten bekannten Metalle. In der Natur kommt es gewöhnlich mit Schwefel verbunden als Bleiglanz vor, der meist silberhaltig ist; bisweilen als Oxyd und mit Säuren vereinigt und zwar als schwefelsaures Bleioxyd, Blcivitriol, als phosphorsaurcs und arseniksaures, Grün- und Braunbleierz, und als kohlensaures, Wcißbieicrz ge- nannt. Das Verschmelzen der Bleierze findet entweder in Schachtöfen oder in Flammöfen (s. Ofen) statt. Das producirte Blei heißt Werkblei und wird, wenn cs so viel Silber enthält, daß es die Ausscheidungskosten lohnt, auf dem Treibhcrde geschmolzen. DaS hierbei abgeleitete Oxyd, die Bleiglätte, ist entweder ei» verkäufliches Product, oder wird von neuem durch Schmelz«» mit Kohle, durch das Glättefrischen reducirt. Nicht allein das Blei an und für sich, sondern auch mehre seiner Verbindungen mit andern Körpern sind technisch wichtig. Mit Antimon verbunden gibt es z. B. die Schriftgießermasse, mit Zinn wird es häufig zu Gefäßen u. s. w. verarbeitet. Auch die Oxyde und Salze des Bleis sind von vieler Wichtigkeit. Das graue Oxyd bildet die sogenannte Bleiaschc, die in Verbindung mit Kieselerde und Kali ein farbloses Glas, das Flintglas, gibt, welches schwerer, klarer und leichtflüssiger als das gewöhnliche ist, und das gelbe Oxyd die Glätte, die zur Glasur für feinere und gröbere Töpfcrwaaren genommen wird, und das Massicot. An der Luft gelind geglüht erzeugt sich aus der Glätte die Mennige, eine rothe Farbe, und glüht man vier Theile derselben mit einem Theil Salmiak, so erhält man das Kasseler oder Mineralgelb. Andere wichtige Darstellungen aus Blei sind das Bleiweiß, Schieferweiß oder Krcmserwciß, eine allgemein angewandte weiße Farbe, die häufig durch Kreide und Schwerspath verfälscht wird, rein aber im Wasser unauflöslich sein muß; ferner der Bleizucker, essigsaures Bleioxyd, eine klare, im Wasser leicht auflösliche, süß zusammenziehend schmeckende Substanz, die in der Färberei Anwendung findet, und endlich der Blei essig oder das Bleicxtract, wovon die Chirurgie Gebrauch macht. In den aufiöslichen Salzen äußert das Blei in etwas bedeutender Menge höchst nachtheilige Wirkungen auf den thierischen Körper; cs entsteht eine Art Verstopfung, Lähmung in den Gedärmen und das als Bleikolik bekannte fürchterliche Reißen. Bleichen heißt der Leinwand, Wolle, Baumwolle, Seide, dem Papier, Stroh, Wachs, Ol und andern Dingen ihren Farbestoff entziehen, sic von Unreinigkeiten befreien und ihnen den möglichsten Grad der Weiße geben. Alt ist die Erfahrung, daß organische Körper, wen» das Leben nicht mehr in ihnen wirkt und sie die nöthige Festigkeit und Trockenheit haben, durch die Einwirkung der Luft, des Lichts und der Sonnenstrahlen ihre farbigen Theile verlieren und weiß werden. Daher war die ältere Art zu bleichen, welche man dieSonnen- bleiche nennt, darauf beschränkt, daß man den Gegenstand eine Zeit hindurch dem Einflüsse der Atmosphäre und der Sonnenstrahlen aussehtc, und die Einwirkung derselben durch verschiedene Mittel zu befördern suchte. Zu den letztern gehört, bei leinenen und baumwollenen Gespinnsten und Geweben, das vorgängigc Einlaugen derselben oder das sogenannte Beuchen, Büggen oder Bücken und das öftere Besprengen und Waschen mit reinem weichen Wasser während des Bleichens. Das Bleichen an der Sonne, welches fast einen ganzen Sommer dauert, abzukürzen, schlug zuerst Bcrthollct > 7 8«, die von Scheele entdeckte oxydirte Salzsäure oder das Chlor vor. Berthollct's Methode ist seitdem von deutschen, franz. und engl. Chemikern verbessert worden, und man wendet jetzt das Chlor nicht sowol als Gas, sondern entweder in flüssiger Gestalt, oder in Verbindung mit Alkalien und Erben Blrichect Bleistifte ^07 zum Bleichen an, und zwar vornehmlich den Chlorkalk, weil dieser wohlfeiler ist als das Chlorkali. Bei dieser Bleichungsart ist cs das Chlor, welches die färbenden Kohlenstoffe der gebeuchten Zeuge zerstört und solche weiß bleicht, und da die Chlorcntwickelung sehr schnell stattfindct, so ist auch die sogenannte chemischeBleichc weit schneller als die Rasenbleiche. Später machte Chaptal auf den Ruhen der Alkalien in der Bleicherei aufmerksam, der vorzüglich in der Entfernung der fettigen Substanzen liegt. Die neuern chemischen Bleichmcthodcn bestehen daher in einer Aufeinanderfolge von Chlorkalkbädern, Säurebädern und alkalischen Bädern, die mit Waschungen in Wasser wechseln. Von dieser Bleichmcthode ist jedoch die Anwendung der schwefeligen Säure, zum Bleichen des Strohs, der Korbe, Federn u. s. w., verschieden. Die schwefelige Säure zerstört nämlich die Farbstoffe nicht, sondern verbindet sich nur damit zu farblosen Verbindungen, die sich bald wieder zersetzen, weshalb diese Bleiche nicht von großer Dauer ist. Vgl. Kurrer, „Die Kunst zu bleichen" (Nürnb. > 811 ). Bleichert, s. Rheinwein- Bleichsucht ((llüoro8>8, b'oliris alba 8. cunatoria) ist eine Krankheit, welche ihren Namen von der bleichen Gesichtsfarbe erhalten hat, die man an den daran Leidenden bemerkt. Sic beruht auf einem abnormen Mischungsverhältnisse der Bestandthcile des Bluts, indem bei einem Überschuß des Serum ein Mangel an Blutkügclchen und Blutroth vorhanden ist. Eine nothwendige Folge hiervon ist eine mangelhafte Ausbildung des MuSkcl- systcms und der davon abhängigen Functionen; der damit verbundene Mangel an Energie rrifft auch das Nervensystem, während die Fähigkeit, von äußern Reizen afsicirt zu werden, in geradem Verhältnisse zunimmt. Das blaßrothe gelbliche Blut, womit auch das Capillar- gesähsystem angefüllt ist, gibt der Haut das eigcnthümliche gclblichlivide, selbst ins Grünliche spielende Ansehen, und da das Serum leicht in die Maschen des Zellgewebes tritt und sich anhäuft, so erscheint die Haut, besonders des Gesichts, aufgedunsen. Bei Frauen treten hinzu Mangel der Menstruation oder Mcnstruanonsstörungen und die Symptome der Hysterie, bei Männern Hypochondrie. Wird die Krankheit nicht geheilt, so sterben die Kranken an Lungenschwindsucht, Wassersucht, Herzfehler, Milzleiden u. s. w. Die Bleichsucht ist Eigenthum des Nordens, befällt vorzugsweise das weibliche Geschlecht und erscheint hier gewöhnlich zur Zeit des Eintritts der Pubertät, welche aus Mangel an Energie nur sehr langsam oder gar nicht zu Stande kommt. Schlechte Nahrung und Aufenthalt in feuchter, dumpfiger Atmosphäre oder reizende Kost bei sitzender Lebensweise und häufiger Aufregung der Phantasie, besonders zu frühe Reizungen, Nomancnlectüre, Kummer, Liebesgram, unbefriedigte Sehnsucht u. s. w. sind die häufigsten Gclegenhcitsursachen. Der Verlauf der Krankheit dauert oft Jahre lang, und selbst geheilt macht sic leicht Rückfälle. Die Hauptsache der Behandlung besteht in strengem Vermeiden der Gclegcnheitsursachcn. Die Kranken müssen früh aufstehcn, sich viel in freier Luft bewegen, eine lcichtnährende Kost genießen, alle warmen erhitzenden Getränke meiden und eine große Sorgfalt auf ihre Hautcultur verwenden, dicHaut fleißig frottircn, bürsten und mit kaltem Wasser vorsichtig waschen. Das Heilbcmühen geht dahin, den Cruorgehalt des Bluts zu vermehren. Zur Nachcur dienen kalte Bäder und die Eisensäuerlinge, daher haben Driburg, Pyrmont und Schwalbach mit Recht seit lange einen großen Ruf als Curorte für Bleichsüchtige. Vgl. Grimm, „Die Bleichsucht" (Lpz. > 810 ) und Fox, „Beobachtungen über die mit dem Namen Bleichsucht be- zeichnete Störung der gesammtcn Gesundheit des Weibes u. s. w" (deutsch, Lpz. > 811 ). Bleiloth oder Loth nennen die Maurer dic mit einem Mctallstückbeschwerte Schnur, welche dazu dient, die pcrpendiculaire Richtung einer Mauer anzuzeigc», gleichwie die Setz-, wage die horizontale bestimmt. Auch wird zuweilen das Scnkblci (s. d.) Blciloth, Bleischnur oder Bleiwuxf genannt. Bleistifte in ihrer gegenwärtigen Form wurden, vbschon man sehr früh mit Blei zu zeichnen verstand, zuerst im I «>. Jahrh. in England, oder vielleicht auch in Italien gefertigt. Die Güte derselbe» hängt von der Qualität des Graphits oder Rcißblcis (s. d.) ab. Die besten Bleistifte sind die englischen, die sich an der meist aus guten Hölzern bestehenden Fassung, am zinnartigen Glanze des Reißbleis, am Zusammenrollcn der Spähnc beim Schneiden und an der Feinheit des Strichs beim Gebrauche erkennen lassen. Den englischen stehen die wiener 4vL Bleiweiß Bleu heim Bleistifte am nächsten j gröbere Sorten werden in Deutschland, namentlich in Nürnberg von den Bleistiftmachern oderBleiwcißschneidern, die dort eine Zunft bilden, gefertigt. Auch die Bleistifte unterliegen mancherlei Fälschungen. Sehr viele, nicht absolut unecht zu nennende Bleistifte werden aus einer gleichförmigen Mischung von Thon und Graphitstaub gemacht. Zum Spitzen der Bleistifte hat man eine kleine, recht sinnreiche Maschine, Blei- stiftspitzer oder -Anspitzer, erfunden, deren Wirkung auf einer rotirenden cylindrischen Feile beruht. Bleiweiß und Bleizucker, s. Blei. Blendung oder Diaphragma heißen bei den Fernröhren die kreisförmigen Ringe von Holz, Blech oder Pappe im Innern des Rohrs, die dazu bestimmt sind, die vom Rande herkommenden Strahlen, welche die Bilder der Gegenstände undeutlich machen, sowie das störende Licht abzuhalten, welches durch das Zurückstrahlen von den Glasflächen und von den Wänden der Röhre erzeugt wird. Sie werden gewöhnlich an der Stelle des Rohrs angebracht, wo die wahren Bilder stehen, welche die Linsen von den äußern Gegenständen erzeugen, und sind meist nur wenig größer als diese Bilder selbst, da eine größere Öffnung jenes Licht nicht ganz ausschlicßen und eine kleinere den Gegenstand nicht ganz übersehen lassen würde. Zugleich bestimmt dasjenige Diaphragma, welches dem Auge zunächst steht, das Feld des Fernrohrs oder die Fläche, welche man mit dem Fernrohre in einem Blicke übersehen kann. — Blendung, Blendglas oder Dampfglas nennt man auch die gefärbten oder geschwärzten Gläser, welche beim Fernrohr zwischen das Ocular und das Auge gehalten werden, um damit die Sonne zu beobachten, ohne den Augen durch das zu heftige Licht derselben zu schaden. Blendungen oder Blindagen werden im Festungskriege angewendet, um sich dem Auge und zugleich dem Kleingcwehrfeuer deS Feindes zu entziehen. In den Batterien wird zu dem Ende die Hintere Öffnung der Schießscharten mit einem hölzernen, in Kasematten auch wol mit einem eisernen Laden geschlossen, der nur in dem Augenblick geöffnet zu werden braucht, wenn das Geschütz feuern soll. In Ermangelung solcher Borrichtungen blendet man auch wol die Hintere Öffnung der Schießscharten dadurch, daß man einen Schanzkorb hineinstellt, der kurz vor dem Feuern hcrausgcnommen wird. Quer über die Hintere Öffnung der Schießscharten wird eine Faschine genagelt, welche Blendfaschine heißt und den Zweck hat, dem Feinde das Richten seiner Geschütze auf die diesseitigen zu erschweren. Einer andern Art Blendung bedienen sich die Sappenarbeiter, indem sie einen Roll- torb, d. h. einen 8 F. langen, 3 F. dicken, inwendig mit Wolle gefüllten Schanzkorb vor sich herschieben, hinter welchem sie mit Sicherheit arbeiten (sappiren) können. Sie bedienen sich auch wol zu demselben Zweck eines aus 3—4 Zoll starken Bohlen gezimmerten Schirms fmackrier), der auf zwei kleinen Rädern beweglich ist und den sie vor sich herschieben. Jmbc- sondern Sinne versteht man unter Blindagen starke, dicht ancinandergelegte Balken, welche mit dem einen Ende hinten auf der obern Kante der Brustwehr und mir dem andern auf der Erde ruhen, dadurch eine schräge Lage erhalten und im Innern der Batterie oder hinter den Wällen ein Schutzdach bilden, unter welchem die Kanoniere gegen fällende Bomben Sicherheit finden. Solche Blindagen heißen einfache; stoßen aber zwei dergleichen Halbdächer oben zusammen, so entstehen doppelte Blindagen. Noch eine Art Blendungen bestehen darin, daß ein hölzernes, etwa sechs F. hohes Gerüst gezimmert wird, zwischen dessen Ränder eine Anzahl Faschinen eingelegt wird, wodurch eine Art leichter Brustwehr entsteht, welche weder Flinten- noch Kartätschkugcln durchdringen können. Solche Gerüste werden Blcndleuchter oder Chandeliers genannt. — In der Jagdkunde versteht man unter Blendungen Vorrichtungen, um das Wild zu schrecken und es auf einige Zeit in einem bestimmten Distcicte zu halten. Zu diesem Behufe bedient man sich der sogenannten Federoder Tuchlappen und in einigen Gegenden dünner an Fäden gebundener Holzstäbchen, die man Flinkern nennt. Blenheim oder Blindheim, ein Dorf im Landgerichte Hochstädt des bair. Kreises Schwaben und Neuburg, wurde historisch merkwürdig durch den Sieg, welchen hier der Herzog von Marlborough im spanischen Erbfolgekriege am 13. Aug. l 70-1 über die Franzosen erfocht. (L. Hochstädt.) Die zum Andenken dieses Sieges in der Ortskirche aufge- Blessington Blicher 409 . hrngten sranz. Fahnen wurden I805 wieder nach Paris gebracht. Marlborough ward von -er Königin Anna und dem Parlamente zum Zeichen der Anerkennung seiner Verdienst- mit einem Schlosse in der Grafschaft Oxford beschenkt, welches nebst dem Marktflecken, ber welchem es liegt, den Namen Blenhcmhousc erhielt. Blesstngtvn (Marguerite, Gräfin von), eine der Modeschriftstellerinnen der fashio- nablen Welt in London, bekannt durch ihre Romane aus dem Hähern englischen Leben, ihre gesellschaftliche Stellung und den antik-classischen Geschmack, den sie in ihrem Hauswesen eingesührt, ist zu Curragheen in der irischen Grafschaft Waterford im vorletzten Decen- nium des vergangenen Jahrhunderts geboren. Schon im 15. Jahre heirathete sie den Capi- tain Leger-Farmer und, nachdem sie >817 verwitwet, im folgenden Jahre Charles John Gardiner, Graf von B-, der sie zuerst in die höhere Welt einführte. Mit ihm unternahm sie nachher mehre und lange Reisen auf dem Kontinent, wo sie, wie früher in London, die ausgezeichnetsten Geister um sich versammelte. In Genua schloß sie einen geistigen Frcund- schaftsbund mit dem mit der Welt zerfallenen Lord Byron und hielt sich auch bis 1829, wo ihr Gatte starb, in Paris auf. In England lebt sic in ziemlicher Absonderung. Sie hat ihren eigenen Hof in ihrem Familiensitz, dem Gorehouse zu Kensington, um sich und ihre berühmten Soireen werden von namhaften Zeitgenossen, wie Bulwer u. A., besonders aber von Ausländern besucht. Als Schriftstellerin trat sie zuerst durch ihre Schrift für Lord Byron auf; sie verschloß ihre Soireen seinen Gegnern und führte offen und ungescheut das Wort für den Verstoßenen. Man nimmt in Deutschland an, daß sie, wie dieser als Mann, so sie als Frau in Opposition gegen die conventionellen Gesetze der engl. Gesellschaft stehe; doch die Engländer wollen ihr auch diese Bedeutung nicht gönnen, und während die Franzosen ihr einen Platz neben der Stack und über der Lady Morgan und Mistreß Trollope einräumen, will man ihr in England kaum einen zweiten unter den einheimischen Schriftstellerinnen zugestehen. Wie die gesellschaftliche Stellung des George Sand in Paris auf die Richtung derselben als Schriftstellerin eingewirkt hat, so mögen auch die socialen Romane der Lady B. einen solchen Einfluß tragen, obschon der Riß, welcher sie von der londoner Welt trennt, ein beiweitem geringerer ist als der zwischen der genialen Französin und der pariser Gesellschaft. Sie ist eine fruchtbare Schriftstellerin von einer lebendigen Darstellung, die nur zu sehr in die Breite geht, und ihre Sprache ist von großer Eleganz. Von ihren Romanen „Hw conkessions ok »n elckerlx gentlemun" (deutsch, Berl. 1857), „Hw conkessions ok an elllerl^ laäz" (1837), ,,1'be repeulers, tvvo krieiicls", ,,'1'be lüler in brance", ,,'klis lüler in ltsl^" (deutsch, 2 Bde., Lpz. 1841), „'I'be Fnvernsss" (deutsch, 2 Bde., Braunschw. 1840) und „l'bs victims ot Society" (deutsch, 3 Bde., Lpz. 1837) ist der letztere am bekanntesten. Ihre „6onver»»tions witk lorck IHron" (Lond. 1834) liefern beachtenswerthe Studien zum Leben des Dichters. Blicher (Sten Stensen), einer der ausgezeichnetsten unter den neuern dän. Lyrikern und Novellisten, geb. 1782 in einem Dorfe des Stifts Viborg, gerade wo die Haide mit dem Ackerlande sich abgrenzt, war als Kind und Jüngling äußerst schwächlich und kam nur durch ungewöhnliche Anstrengung 1799 zur Universität. Durch Unbehutsamkeit beim Schwimmen zog er sich hier eine BrustschwLche zu, sodaß die Ärzte ihn als unheilbar hektisch aus- gaben. Doch B. ging 1801 als Hauslehrer auf die Insel Falster, wo er durch Flötenspiel seine geschwächten Lungen allmälig wieder zu stärken suchte. Nach zwei Jahren kam er, wirklich ausgcheilt, nach Kopenhagen zurück, wo er nun wieder fortstudirte; dann hielt er sich von 1807—8 bei seinem Vater auf, welcher Prediger in Jütland war, und machte erst 1809 das theologische Examen. Von 1811 —19 bildete er sich in seines Vaters Hause zugleich für die Landwirthschaft und als praktischer Geistlicher aus und bekam 1819 eine Pfarrstclle, die er 1825 mit einer einträglichcrn vertauschte, welche er noch bekleidet. Von Anfang an auf selbständige Bildung angewiesen, keiner der dichterischen Schulen oder wissenschaftlichen Kreise der Hauptstadt angchörig, war er lange nur als glücklicher Übersetzer Ossian'S (2 Bde., 1807 — 9) bekannt, obgleich zwei Gedichtsammlungen von ihm, die 1814 und 1817 erschienen, ein seltenes Talent und eine große Anschauungsgabe bekundeten. Erst durch das Taschenbuch „Snceklokken" (1828) und noch mehr durch seine Beiträge zu der Monatsschrift „Nordlyset" (12 Bde., 1827—29) wurde er bekannter. In derselben er- 410 Blindagen Blindenanstalten schienen nämlich zuerst seine „Jydske Romanzer", ein durchaus gelungener Versuch, den alten jütschen Dialekt, der mit dem Angelsächsischen am nächsten verwandt ist, für wahr- hast dichterische Gegenstände auszubeutcn. Noch populairer wurden die ebenfalls in derselben zuerst veröffentlichten „Nationalnovellcn", die sich durch ebenso treue als dichterisch wahre Auffassung des Volkslebens auf den Haiden Jütlands, sowie durch die poetische Farben- gebung auszeichncn. Als Lyriker ist B. ernst der Sehnsucht hingcgeben, von vaterländischen Gefühlen überströmend; dieselbe Betrachtung des Lebens waltet in seiner Ironie und Satire vor, wo nun allerdings der Mangel an Objektivität und das abgeschlossene Individuelle den Gesammteindruck hindert. Seine Novellen sind gesammelt in fünf Bänden (Kopenh. 1833 — 36 ), seine Gedichte in zwei Bänden (Kopenh. 1835 — 36 ), welchen noch mehre kleine Sammlungen gefolgt sind. Das poetische Ergebnis einer von ihm im Sommer > 838 von Hamburg längs der Westküste Jütlands bis Skagen unternommenen Reise enthält die Schrift „Vestlig Profil af dcn Cimbriske Halvö" ( 1830 ). Blindagen, s. Blendungen. Blindheit ist ein ebenso trauriges als häufiges Ercigniß. Sie ist sowol dem Grade als den Ursachen nach verschieden. Manche Blinde haben noch einigen Schein vom Lichte, könneü die hellsten Farben und die Umrisse der Körper unterscheiden, andere haben alles Sehvermögen verloren. Manche Menschen sind von Geburt an blind; andere sind es erst durch örtliche Krankheiten der Augen geworden, z. B. durch Entzündung, Vereiterung, Krebs des Augapfels, Flecke und Felle auf der Hornhaut, welche diese ihrer Durchsichtigkeit berauben, Verwachsen der Pupille, Trübung der klaren Flüssigkeit in den Augcnkammern, Lähmung der Augennervcn u.s.w., oder durch allgemeine Krankheiten des Körpers, z.B. heftige Fieber, Nervcnsiebcr, Vollblütigkeit und Andrang des Blurs nach dem Kopse, Nothlaus im Gesicht, Blattern, Scharlachsicbcr u. s. w-, oder endlich durch zu starke Anstrengung der Sehkraft und dadurch bewirkte Schwäche der Augennervcn, daher manche Handwerker und Künstler leicht um das Gesicht kommen, und in den lange mit Schnee bedeckten, vom Sonnenschein blendenden nördlichen Gegenden, sowie in den Sandwüstcn Afrikas, häufige Blindheit stattfindet. Im hohen Alter erfolgt zuweilen Blindheit vom Eintrocknen der feine» Flüssigkeiten im Auge, von der Trübung der Hornhaut, der Krystalllinsc, Atrophie der Sehnerven u. s. w. Bei den Blindgeborenen finden gleichfalls mehre Ursachen statt. Bei Einigen sind die Augenlider an den Rändern zusammengcwachsen oder mit dem Augapfel selbst verwachsen, oder cs ist eine besondere Haut über die Augen gezogen; bei Andern ist der Augenstern verschlossen oder zugleich an die Hornhaut gewachsen, oder die Pupillenöffnung nicht an der rechten Stelle, sodaß die Lichtstrahlen nicht in die Mitte des Auges fallen. Blindgeborene haben gar keinen Begriff vom Sehen, und alle von diesem Sinne ab- hängcnde Vorstellungen sind ihnen unbekannt. Sic fühlen sich deshalb auch minder unglücklich als Diejenigen, welche erst in später» Jahren in Blindheit verfallen. Die Erfahrung hat bei manchen Blindgeborenen oder Denen, die in früher Kindheit erblindeten, gelehrt, daß sie sich von den Gegenständen ganz andere Begriffe machen. Einen Blindgeborenen fragte man, wie er sich die Strahlen der Sonne denke; er antwortete: Ungefähr wie den Schall einer großen Posaune. Ebenso wunderte sich ein junger Mensch, welchen Cheselden am Grauen Staar operirte, da er sehen konnte, daß Diejenigen, die er am meisten liebte, nicht schöner waren als die Andern. Dagegen schärfen sich bei denBlinden die andern Sinne, namentlich das Gefühl und das Gehör, desto mehr, vielleicht weil die Zerstreuung wegfällt, welche bei Sehenden durch das Zugleichcrblicken so mannichfaltiger Gegenstände stattfindet. Daher mag es auch kommen, daß bei manchen Blinden das Talent sich auf bewundernswürdige Weise entwickelt. Da das Bewußtsein gleichsam das Licht des Geistes ist, so wird das Wort blind auch figürlich, z. B. blinder Trieb, blinder Glaube, blinder Gehorsam, von dem Mangel an Bewußtsein und sclbstthätigcr Vernunftkraft gebraucht. Blindenanstalten zur Erziehung und zum Unterrichte sind erst gegen das Ende des vorigen Jahrh. entstanden. Bis dahin hatte man fast allgemein die Blinden für nicht bildungsfähig, und solche, die durch eine unter besonders glücklichen Verhältnissen erlangte Geistesbildung diesem Vorurtheile widersprachen, für ganz außergewöhnliche Erscheinungen gehalten. Den ersten Gedanken zur Errichtung einer Erzichungs- und Unterrichts- l a> m «l s-> w A g- s-l dü re P de bi ril vc ve ar E in P re di> de g- m h- ei U! n 2 b U 2 ll u r ' r t i d ! r i l i Blindenanstalten 411 anstatt für Blinde faßte Valentin Hauy (s. d.) in Paris, der Bruder des berühmten Mi» neralogen. Mitleid mit dem Loose der armen Blinden, die damals in Frankreich meist verachtet, nicht selten in lächerlichem Aufputzc zu öffentlicher Belustigung dienen mußten, scheint zuerst jenen Gedanken in ihm angeregt zu haben, in welchem er noch bestärkt wurde durch die Bekanntschaft mit der berühmten Blinden Therese von Paradies aus Wien, welche in der Fastenzeit 1781 nach Paris kam und hier als ausgezeichnete Or- gelspielcrin auftrat. Mit Hülfe der damals in Paris entstandenen Philanthropischen Gesellschaft brachte Hauy noch im Z. 1781 seinen Plan in Ausführung, und so entstand die erste Anstatt, in welcher Blinde nicht nur zu angemessenen Handarbeiten, sondern - auch in der Musik, im Lesen, Schreiben, Rechnen und andern Wissenschaften unterrichtet wurden. Zum Lesen gebrauchte er erhabene Buchstaben aus Metall, womit zugleich auf Papier gedruckt werden konnte; zum Schreiben einen Rahmen mit Drähten zur Trennung der Zeilen, welcher über das Papier gelegt wurde; zur Erdkunde Landkarten, wo die Gebirge, Flüsse, Städre und Landesgrenzen auf verschiedene Art gestickt waren, welche Vorrichtungen er durch das Fräulein von Paradies kennen gelernt hatte. Schon im I. I79t wurde die Anstalt zur Staatsanstalt erhoben und mit dem Taubstummcninstitute vereinigt, von diesem aber >7!»', wieder getrennt und 1801 mit dem Blindenhospital (juinLe-vin<-ts verbunden, worauf Zuchtlosigkeit und Unordnung in der Unkcrrichtsanstalt cinriß, sodaßHauy aus Verdruß darüber sich zurückzog, zuerst eine Privatanstalt gründete, 1801» aber auf eine Einladung des Kaisers Alexander nach Petersburg ging, um dort ein öffentliches Blindeninstitut einzurichten. Erst 1810 wurde die pariser Blindenanstalt von dem Hospital wieder ! getrennt und ihrer ursprünglichen Bestimmung zurückgegcben. Nach dem Vorgänge Frank- ! reichs entstanden Blindenanstalten zunächst in England durch Privatwohlthätigkeit und mehr zum Unterrichte in Handarbeiten und im Kirchengesange, mit Ausschluß des wissen- 1 schaftlichen Unterrichts. Jndeß wird in neuester Zeit in den-engl. Anstalten etwas mehr für die geistige Bildung der Blinden gethan. In Deutschland wurde die erste öffentliche Blindenanstalt zu Berlin, bei Hauy's Durchreise im J. 1800, durch die Unterstützung des Königs gegründet und zum Director derselben Zeune ernannt, der sich seitdem um diese Anstalt und um Vereinfachung und Verbesserung des Blindenunterrichts große Verdienste erworben hat. Statt der sehr zusammengesetzten pariser Schreibrahmen mit Riegeln, Klappen und einem Drahtgitter führte Zeune einfache aus Pappe mit Schnüren ein; statt des langsamen und schwerfälligen Rechnens mit Metallziffern auf einem Rechenbrett suchte er das Kopfrechnen zu großer Fertigkeit zu bringen, und statt der gestickten Landkarten, die kein treues Bild der Erdoberfläche gaben, ließ er wirkliche Hochbildcr (Reliefs) der ganzen Erdkugel und besonders Deutschlands anfertigen, die vielfach, wenn auch mic gcriugcrm Nutzen, bei dem Unterrichte Sehender gebraucht worden sind. Zu Wien stellte schon seit 1 801 der damalige Armendirector und jetzige Director der Blindenanstalt, Klein, glückliche Versuche mit dem Unterrichte zweier blinden Knaben an; 1808 entstand daraus eine vom Staate genehmigte und unterstützte Anstalt, die 1810 zu einer öffentlichen erhoben wurde, und cs hat sich Klein um den Blindcnunterricht und dessen Verbreitung ungemein verdient gemacht. Außerdem s wurden in größerer oder geringerer Ausdehnung auf Kosten theils von Privatpersonen, theils von Staatsregierungen Blindenanstalten an mehren andern Orten errichtet, in Prag >808 durch die Bemühungen des Kreishauptmanns von Platzer; in Dresden 1809 durch Flemming, seit 1825 mit der Versorgungsanstalt für Blinde vereinigt; in Zürich > 800 durch die Hülfsgesellschaft und den menschenfreundlichen Cantonsarzt Hirzel, seit 1820 mit der Taubstummenanstalt vereinigt; in Breslau 1819; zu Gmünd in Württemberg >825, jetzt mit der Taubstummenanstalt vereinigt; in Linz 182-1 durch den Pater Engclmann, seit > 850 Provinzialblindcnanstalt; in Mariahof bei Donaueschingcn 1820 durch Franz Müller, seit 1828 zur Staatsanstalt erhoben und nach Bruchsal, später nach Frciburg verlegt; i» Freising 1820, nachher nach München verlegt; in Braunschweig 1829 durch die Tätigkeit des praktischen Arztes Lachmann; in Halle 1829 durch die Brüder Krause; in Hamburg >850; in Brünn 1857; in Bern 1857 und neuerdings in Frankfurt am Main. Gcgen- wärriq ist man beschäftigt/ auch in Hannover theils aus milden durch die Bemühungen des Pastors Schläger in Hameln gesammelten Beiträgen, theils aus Staatsmitteln, und in 412 Blindschleiche Blittersdorf Rheinpreußen auf Privatkostcn Blindenanstalten zu gründen. Außer Deutschland bestehen dermalen Erziehungs- und Unterrichtsanstalten für Blinde in Liverpool (1791), Edinburg (zwei, 1793 und >835), Bristol (1793), Dublin (1799), London (1799), Norwich (1805), Glasgow (1828), Dork(>835) und Manchester (>837); außer Paris in mehren Provinzialstädten Frankreichs, z.B. in Bordeaux, Nancy, Caen und anderwärts, und außer der zu Petersburg (1807), zu Stockholm (1808), Amsterdam (>808), Kopenhagen (t 81 l), Presburg(1825), die 1827 nachPesth verlegt wurde; zuNeapel(>8>8), Mailand (1837), Warschau (1817), Boston (1831) und Philadelphia (1832). Manche (etwa 6) der be- stehenden Blindenanstalten sind mit Taubstummeninstituten, andere (etwa 16) mit Be- schäftigungs- und Vcrsorgungsanstalten für erwachsene Blinde verbunden. So wohlthätig alle diese Anstalten wirken, so unzureichend sind sie doch zur Milderung des Looses einer zahlreichen Classe Unglücklicher. In den Blindenanstalten Deutschlands erhalten nur etwa 300 Blinde Unterricht, während die Gesammtzahl dieser Unglücklichen auf 30000 angenommen werden kann, wovon sicher 0000 noch im bildungsfähigen Alter sich befinden. Wegen der mit Errichtung von Blindeninstituten verbundenen bedeutenden Kosten ist auch nicht zu hoffen, daß durch eigene Anstalten dem Bedürfnisse nur irgend genügend abgeholfen werden könne. Deshalb verdient der Vorschlag eines erfahrenen Blinden- und Taubstummenlehrers in Würtemberg, des Stadtpfarrers Jäger, alle Beachtung, der dahin geht, die Blinden wenigstens bis zum zwölften Lebensjahre in den gewöhnlichen Volksschulen zu unterrichten. Er weist nach, daß dies in Bezug auf die meisten Unterrichtsgegenstände recht gut möglich und nur für Lesen und Schreiben Privathülfe nöthig sei; zugleich erklärt er sich aus se.hr beachtenswerthen Gründen gegen die Vereinigung Blinder und Taubstummer in derselben Anstalt. — Blindeninstitute nennt man solche Anstalten, worin erwachsene Blinde Beschäftigung und Versorgung finden, oder auch zur Heilung ausgenommen werden. Das älteste Blindenhospital wurde 1260 »ach dem Krcuzzuge Ludwig des Heiligen unter dem Namen Huiims-vingts in Paris gestiftet und 300 in Ägypten erblindete Krieger vorzugsweise darin ausgenommen. Es besteht noch gegenwärtig für erwachsene Blinde, die außerdem dem Mangel und der Noch preisgegcben sein würden. Als während des deutschen Befreiungskriegs Hunderte preuß. Krieger erblindeten, wurden von den für dieselben in Preußen gesammelten milden Beiträgen (27000 Thlr.) fünf Werkschulen, zu Königsberg, Maricnwcrder, Breslau, Berlin und Münster, eingerichtet, wo sie in Handarbeiten Unterweisung erhielten. Drei davon hörten nach Erreichung, des Zwecks bald wieder auf, die zu Königsberg und Breslau sind aber bleibend geworden. Ähnliche Arbeits- und Versorgungsanstalten für erwachsene Blinde entstanden später und bestehen jetzt, zum Theil mit Unter- richtsanstalten verbunden, in Wien, Prag, Dresden, Gmünd in Würtemberg, Dublin, Norwich, Glasgow, Neapel, Kopenhagen und Petersburg. Vgl. Zeunc, „Belisar, über den Unterricht der Blinden" (4. Äufl., Bcrl. 1234), Klein, „Lehrbuch zum Unterricht der Blinden" (Wien 1819), Jäger, „Uber die Behandlung blinder und taubstummer Kinder" (2. Aufl., Stuttg. 1831) und Klein, „Geschichte des Blindenunterrichts und der Blindenanstalten" (Wien 1837). Blindschleiche (itnguis fragilir bei Linne), ein im gemäßigten Europa und selbst in Schweden häufiges Thier, welches der äußern Gestalt wegen im gemeinen Leben für eine Schlange gilt, jedoch zu den fußlosen Eidechsen zu rechnen ist, die sich durch eigenthümlichen Bau von den Schlangen sehr unterscheiden. Ihr cylindrischcr, 12—18 Zoll langer Körper ist mit kleinen, glänzenden Schuppen bedeckt, von rölhlichgrauer Farbe, die bisweilen mit Hellern Längstreisen, besonders in jungen Individuen, wechselt. Ihr Maul ist eng und die Zähne sind sehr klein und giftlos, daher man Alles für Fabel zu halten hak, was von ihrem Bisse, vom Verschlingen von Fröschen u. s. w. erzählt wird. Ihre Nahrung besteht vielmehr in Würmern, Insekten u. s. w. Man findet dieses lichtscheue, furchtsame und ganz unschädliche Thier vorzüglich in steinigen Laubholzwäldern. Beim Änfaffen gerathen die Blindschleichen in eine eigenthümliche K,er so große Starrheit, daß sie fast von selbst in Stücke» zerfallen, weshalb man sie auch Elasschlangeoder Bruch schlänge genannt hat. Blittersdorf (Friedr. La idolin Karl, Freiherr von), bad. Minister des Hauses und der auswärtigen Angelegenheiten, gcb. am 10. Febr. 1792 zu Mahlberg im altbadischen 3 > 4 i a ! p b ' ei f> n st n 3 st ei ei ! tz l 6 dl > st l b> dl i> tt ! dl ! U ^ s l s d r ^ d > i 413 hen - urg oich i re» !ßer y, be- Le- itig ner wa 'Seien. uch ,°l- ub- eht, ju echt sich ! in > ene >en. l iter . >or- die hen in ! rg, ! tcr- ! zu ^ tttt, der ! per mit die id- id- cn nd en Blitz Theile des Breisgaus, katholischer Confession, kam sehr jung in das damalige Institut der Pagerie zu Karlsruhe, wo er im Lyceum auch seine ersten Studien machte. Von 1809 — 12 besuchte er die Hochschulen zu Freiburg und zu Heidelberg und beschäftigte sich außer dem Studium der positiven Jurisprudenz mit philosophischen und historischen Disci- plinen, sowie besonders mit neuer» Sprachen. Aus dieser akademischen Zeit datirt seine früheste Berührung mit dem Großhcrzoge Leopold, der sich gleichfalls auf der Universität zu Heidelberg aufhielt. Er wurde 1812 Rcchtsprakticant, 1813 Gesandtschaftssecretair zu Stuttgart und 1816 dem Kriegsminister, Freiherrn von Berstett, im Hauptquartier der Verbündeten beigcgebcn, wo er sich in diplomatischen Geschäften bemerkbar machte und mit vielen Notabilitäten einflußreiche Verbindungen knüpfte. Hierauf ward er1816 zum Legationsrath erhoben, bei Eröffnung der Bundesversammlung dem großherzoglichen Gesandten in Frankfurt als Sccretair beigcgebcn, >817 im geheimen Cabinet des Großherzogs angestellt, zu Anfang des folgenden Jahres zum Geschäftsträger am rufs. Hofe und 1821 zum Bundestags- gesandten in Frankfurt ernannt, wo er sich mit der Tochter des reichen Schöffen Brentano vermählte. In seiner Stellung zu Frankfurt zeigte er große diplomatische Gewandtheit. Als e§ sich >832 um die Aufhebung der bad. Preßfreiheit von Seite des Bundestags handelte, hätte er durch einigen Widerstand eine nicht unbedeutende Rolle spielen können; er opferte jedoch dm Ruhm der Popularität und folgte, wie auch später, mehr den Impulsen der von ihm hauptsächlich beachteten östr. Diplomatie. Nach dem Rücktritte des Freiherrn von Türkheim wurde er zum Staatsministcr ernannt, womit indcß die Volkskammer, die seit 1831 gegen die nacheinander erlassenen Bundesbeschlüsse Perwahrung eingelegt, über die Zustimmung des bad. Gesandten zu Frankfurt laute Klagen erhoben und die von der Regierung ihm zugedachten Gehaltszulagen gemisbilligt und verweigert hatte, um so weniger zufrieden war, als B. für den besonder,!Vertreter des aristokratisch-monarchischen Princips und als Gegner des Ministers Winter galt. Da dies nicht ohne Einfluß auf die Stimmung des neuen Staatsministccs bleiben konnte, so kam es schon auf dem Landtage von 1837 zu unsanften Berührungen und heftigen Auftritten, die sich in höherm Maße auf den spätern Landtagen wiederholten, da B. als Urheber der Urlaubsverweigerungen, sowie als Verfasser des die Opposition der zweiten Kammer vcrurtheilendcn Manifestes betrachtet wurde, auch das lebhaft angefoch- tene Circular vom 2. März 1812, mit der Auffoderung an sämmtliche Beamte zur beson- dern Einwirkung auf die Wahlen, unterzeichnet hatte. (S. Baden.) In aristokratischen Umgebungen und Tendenzen erzogen, mußte sich B. daran gewöhnen, die Dinge und Menschen von oben her anzusehen, was ihn jedoch keineswegs hindert, die Vorzüge des feinen Hofmanns zu entwickeln. Überdies ist er redefertig, sowie gewandt und erfahren in Geschäften, und wie groß die Zahl feiner Gegner ist, so halten ihn doch Alle in jedem unumschränkt monarchischen Staate einer hohen Stellung im Staatsdienste gewachsen. Blitz oderWettcrstrahlheißt der starke elektrische Funke, der aus einer Wolke in die andere oder aus derselben in einen andern Gegenstand, z. B. in die Erde, fährt, wobei er immer den besten Elcktricitätslcitern folgt. (S. Elcktricität.) Die streifenfömige Gestalt, die der Blitz dem Anschein nach hat, rührt blos von seiner schnellen Fortbewegung her; stillstehend würde er wahrscheinlich immer in Gestalt einer feurigen Kugel gesehen werden, und in der That ist er öfters in dieser Gestalt beim Einschlagen in der Nähe gesehen worden. Das Zickzack, welches er gewöhnlich in seiner Bahn beschreibt, erklärt sich am besten aus dem starken Zusammendrücken der Luft, welche der Blitz vor sich hertreibt und welche ihn wegen zu starken Widerstandes nöthigt, wiederholt von seinem Wege abzuspringcn. Dabei scheint er wenigstens in manchen Fällen eine innere spiralartige Bewegung zu zeigen. Über die Geschwindigkeit des BlitzeS läßt sich nach den bisherigen Erfahrungen nichts mit Sicherheit bestimmen. Hcllwig glaubt demselben nach seinen, jedoch nicht zulänglichen, Beobachtungen eine Geschwindigkeit von i»—50»t)tt F. in der Secunde beilegen zu können. Metalle ziehen den Blitz am leichtesten an, und er verläßt eine zusammenhängende Strecke von ' Metall nur dann, wenn er einen leichtern Weg zur Erde findet, wenn die Umwege der metallischen Leitung zu lang sind und er in der Nähe zu einem kürzcrn Elcktricitätsleiter gelangen kann, wenn die metallische Leitung zu dünn ist, sodaß sie nicht die ganze Elcktricität, welche der Blitz mit sich führt, fortzuleiten vermag und wenn zugleich eine reichlichere Lei- 414 Blitzableiter Blitzröhren tung sich in der Nähe befindet. Auch Rauch aus Schornsteinen und überhaupt alle Dämpft und feuchten Körper ziehen den Blitz an, nicht aber, wie mau sich öfters cinbildet, ein Lust, sirom, daher das Fenster ohne Gefahr bei einem Gewitter geöffnet werden kann. Auch Menschen und Thierc, welche verniöge der Beschaffenheit der in ihnen enthaltenen Flüssigkeiten sehr gute Elcktricitätslciter sind, trifft der Blitz leicht, wenn sic im freien Felde die einzigen hervorragenden Gegenstände sind oder sonst seiner Bahn im Wege stehen; auch springt er leicht von Bäumen oder Steinen nach ihnen ab. Selbst die Gestalt eines Körpers trägt zur Anlockung des Blitzes bei, indem cc in jeden Körper um so leichter fährt, je länger sich dieser in vertikaler Richtung ausdehnt und je spitziger er ist. Tödtcnd auf Menschen und Thicre wirkt der Blitz nicht durch innere Zerschmetterungen, die man in der That nach dem Tode nicht vorfindet, sondern, wie es scheint, nur durch starke Erschütterung, welche eine Lähmung des Nervensystems hernorruft. Öfters wirkt er nur betäubend oder partiell lähmend, und dann ist häufig Wiederbelebung des Getroffenen möglich, wozu Reizmittel jeder Art, das Eingrabcn in frische Erde u. s. w. empfohlen worden sind. Besonders merkwürdig aber ist es, daß nach verschiedenen Beobachtungen die Elcktricität selbst als sehr wirksames Mittel zur Wiederbelebung angewendcr werden kann, und zwar am besten in Form von Erschük terungsschlägen in der Gegend des Herzens. Übrigens sind auch die Fälle nicht zu selten, wo vom Blitz Getroffene Lähmungen, von denen sie vorher in Folge anderer Ursachen befallen waren, plötzlich verloren. Fr a n k li n (s. d.) war der Erste, welcher um 1770 eine bestimmte Nachweisung der Identität des Blitzes mildem elektrischen Funken gab; doch hatten schon vor ihm Wall, Rollet, Winckler u. A. diese Identität mehr oder weniger bestimmt vcrnmthet. Vgl. Reimarus' klassische Schrift „Vom Blitze" (2Bde.,Hamb. 1778) und dessen „Neuere Bemerkungen vom Blitze" (Hamb. 1794). Blitzableiter oder Wetterableiter nennt man die Vorrichtung, durch welche entweder die Elektricität der Wolken, als die Ursache des Blitzes, ohne Schlag zur Erde geführt, oder der entstehende Blitz aufgcfangcn und aus einem bestimmten Wege, ohne Schaden der Gebäude, Schiffe u. s. w. in die Erde oder in das Wasser geleitet wird. Der Erfinder des Blitzableiters wurde Franklin (s. d.), indem er bei seinen Versuchen über die Elektricität bemerkte, daß, wenn ein zugespitzter Metalldraht au einen elektrisirten Körper gebracht werde, eine solche Spitze diesem seine Elektricität allmälig, ohne daß dabei Funken erscheinen, entziehe, und daraus sehr richtig folgerte, daß, da die Wetterwolken elektrisch sind, mau ihnen ihre Elektricität, welche den Blitz und das Einschlagen verursacht, nehmen könne, wenn man eine zugespitzte Stange von Metall an den höchsten Theil des Gebäudes befestige und von der Stange einen Draht bis in die Erde hinunterführc, damit die Elektricität der Wolke, welche die Spitze an sich gezogen, in die Erde abgeleitet werde. Nachdem die Blitzableiter schon längere Zeit inNordamettka Eingang gefunden, wurde der erste in England durch den Bischof Richard Watson 1702 zu Payneshill und der erste in Deutschland 1769 zu Hamburg am Jacobithurm angelegt. Die ältere Einrichtung der Blitzableiter besteht in 5—6 F. langen auf der Dachfirste errichteten Auffangestangen mit vergoldeten Spitzen und sich daran schließenden bis zur Erde herabreichenden Leitungen von eisernen oder kupfernen Stangen oder Streifen, die durch Krampen von der Wand entfernt gehalten werden. Später hat man häufig die Streifen unmittelbar an die Wand befestigt und auch die Auffangestangen werden neuerdings häufig ganz weggelassen, weil sie allerdings zu Herbeiziehung des Blitzes dienen können, zur Ableitung aber bei sonst vorhandener continuirli- cher Ableitung nicht beitragen. Unter den anderweit vorgeschlagcncn Blitzableitern erwähnen wir den von Nicolai angegebenen wohlfeilen Blitzableiter aus Blechstreifeu, der z. B. in Lohmen bei Pirna ausgeführt ist, ferner den Blitzableiter aus Drahtbündeln, und den von Lapostolle empfohlenen Blitzableiter aus Strohscilen, die mit Metallspitzen versehen sind, welche letztere aber gegründeten Widerspruch fanden, da Strvhseile kaum zu den Halbleitern gerechnet und daher nicht als Blitzableiter gebraucht werde» können. Vgl.,Bi- got, „Anleitung zur Anlegung von Blitzableitern" (Glogau >80 i) undPlieninger,, Mer die Blitzableiter" (Stuttg. 1805). Blitzröhren, Vlitzsinter, auch Fulgurit nennt man durch den Blitz halb zu san'mengcschmolzene, röhrenförmige Zusammenhäufungc» von Quarzkörncrn, welche senk- Bloch Blockhaus 415 echt im Sande stehend an den Abhängen kleiner Hügel, in manchen Gegenden sehr häufig Vorkommen^ zuweilen eine beträchtliche Lange haben und einen Zoll weit find. Vgl. Rib- dentrop, „Über die Blihröhren" (Braunschw. 1830). Bloch (Markus Elieser), berühmt alsJchthyolog, geb. >723, war der Sohn armer jütischer Altern zu Ansbach, wo er fast ohne allen Ünterricht aufwuchs, sodaß er in seinem > 0. Jahre nicht einmal Deutsch verstand. Einige Bekanntschaft mit den rabbinischen Schriften verschaffte ihm indeß doch eine Hauslehrerstelle bei einem jüdischen Wundarzt in Hamburg. Hier erst lerwte er Deutsch; auch sing er das Lateinische an und beschäftigte sich mit Anatomie. Endlich trieb ihn das Verlangen, in der letztem Wissenschaft sich gründlichen Unterricht zu verschaffen, nach Berlin, wo cs ihm durch die Unterstützung seiner dortigen Verwandten möglich ward, sich ganz dem Studium der Mcdicin zu widmen. Mit grenzenlosem Eifer wußte er nun zunächst das durch frühere Vernachlässigung Versäumte nachzuholen, sodaß es ihm dann leicht ward, sich umfassende Kenntnisse anzueignen. Nachdem er zu Frankfurt an der Oder zum Doctor der Mcdicin promovirt war, wendete er sich als praktischer Arzt nach Berlin, wo er sowol wegen seiner Gelehrsamkeit als um seines edlen Charakters willen hochgeschäht wurde und am 0. Aug. >799 starb. Sein größtes Verdienst erwarb er sich durch die „Allgemeine Naturgeschichte der Fische" (>2 Bde., Berl. >782 — 95, 3., mit ->32 gemalten Kupfern), die lange Zeit das einzige umfassende Werk blieb und noch jeht, wo Cuvier n. A. der Ichthyologie eine veränderte Gestalt gegeben haben, der Abbildungen wegen brauchbar ist. Als der Aufwand, den dieses Werk erfodertc, sein Vermögen überstieg, ward er von fürstlichen und andern begüterten Personen unterstützt; den Namen jedes Gönners, auf dessen Kosten eine Platte gestochen wurde, findet man vom sechsten Bande an auf den Kupfertafeln angegeben cknvollendethinterlicßerdas „8)-8t«-n>a iebtb)«- b'Aiae icniiibus <7X ülustratum", welches von Schneider herausgegeben wurde (Berl. > 80>). Seine Sammlung von Fischen wurde nach seinem Tode von der Negierung angekauft und bildet einen Thcil des berliner zoologischen Museums. Block (Albr.), preuß. Amtsrath, Director des königlichen Kreditinstituts in Schlesien und Intendant der schlesischen Stammschäferei, geb. am 5. März 77 t zu Sagan, lernte von >789 an als Landwirth auf den Gütern des Staatsministers von Massow zu Neu- guth bei Polkirch, war dann auf mehren Gütern, bis er >790 Wirthschaftsamtmann des Gutes Nadichen wurde, das er zehn Jahre hindurch, erst als Amtmann dann als Pächter bewirthschastcte. Im I. >805 kaufte er das Gut Oberwittgendorf bei Haynau, das er bis 1810 besaß, und >81 t wurde er Besitzer des Gutes Schierau bei Haynau, das er 1838 verkaufte, worauf er Liegnitz zu seinem Wohnsitze wählte. Hier feierte er >839 sein 50jährigcs Amtsjubiläum. Seit >805 hatte er neben der Verwaltung seines eigenen Besitzes, noch die obere Leitung der Administration mehrer großer Güter und dabei bis zum I. >838 eiu kleines landwirthschaftliches Institut auf seinem Guts Schierau. Im I. >808 ernannte ihn der König zum Oberamtmann, >81-1 zum Amtsrath und >835 zum Director des königlichen Kreditinstituts für Schlesien. Große Verdienste erwarb er sich durch weitere Verbreitung der Fruchtwechselwirthschast, um die Verbesserung des Düngerwesens, den Kartoffelbau und die Schafzucht. Von seinen Schriften nennen wir die „Mit- theilungcn landwirthschaftlichcr Erfahrungen, Ansichten und Grundsätze" (3 Bde., Brcsl. >830; 2. Aust., >837 — 39), „über dcu thierischen Dünger, seine Vermehrung und voll- kommnere Gewinnung" (Brcsl. 1835), „Die einfache landwirthschaftliche Buchführung" (Brcsl. >837) und „Beiträge zurLandgüterschätzungskundc" (Brcsl. >830). Blockhaus heißt in der Befestigungskunst ein aus zusammengcschränktcn, oft doppelten Balken bestehendes, mit einer Decke und Schußspalten versehenes Haus für 25—> 00 M. das meist noch mit Erde überdeckt ist, um es völlig bomben- und feuerfest zu machen. Ec- wöhnlich ist es einige Fuß in die Erde gesenkt, doch gibt es auch deren von zwei Stockwerken, die selbst einige Geschütze aufnchmen können. Man baut die Blockhäuser iu der Regel in Form eines Vierecks oder Kreuzes. Ihr Zweck ist, einer schwachen Besatzung bei wichtigen, sehr exponirten Orten cs möglich zu machen, dem feindlichen Wurfgeschütz und Sturm bis zum Entsatz zu trotzen. Ebenso braucht man sie als bombenfeste Wachhäuser und letzte Rettungs- örter im Innern der Schanzen und in den Waffcnplätzen des Bedeckten Wegs der Festungen. 416 Blockircn Bloemart Auch in den Ansiedelungen an der Grenze Nordamerikas dienen Blockhäuser als Sicher- heitsörtcr, wohin sich die Pflanzer zurückziehen, wenn sic von den Indianer» mit Angriffen bedroht werden. Ebenso haben die Franzosen zur Sicherstellung ihrer Niederlassung in Al- gier Blockhäuser angelegt. Blockiren heißt eine Festung mit einzelnen, befestigten Posten, unterstützt durch gute und zweckmäßig aufgestellte Reserven, umgeben und ihr jede Verbindung mit außen ab- schneiden, um sic durch Mangel an Lebensmitteln und andern Bedürfnissen zur Übergabe zu nöthigcu. Auf diese Weise ist schon oft eine starke Besatzung durch ein weit schwächeres Einschlicßungscorps festgehalten und endlich kriegsgefangcn gemacht worden, wenn nur die Ortslage die Einschließung begünstigt und den Angriff der einzelnen Posten erschwert, denen es bei einem solchen nicht an hinreichender Unterstützung fehlen darf. Ist aber auch die Blockade selten erfolglos, so erfodert sie doch mehr Zeit als jede andere Angriffsweise. Man wendet sie daher gewöhnlich auch nur da an, wo die Umstände keine förmliche Belagerung erlauben, wenn das Armeecorps zu schwach ist, den Belagerungsarbeiten zu genügen, wenn es an den crfoderlichen Angriffsmittcln, Geschütz, Munition u. s. w. fehlt, wenn die Lage eines Platzes denselben unangreifbar macht, oder die Stärke der Festungswerke keine Hoffnung zeitiger Eroberung gibt, und endlich, wenn die weit vorgerückte Jahreszeit und der in nördlichen Gegenden gewöhnliche Frost die Eröffnung der Laufgräben verbietet. Ein Hafen wurde früher dadurch blockirt, daß der Feind eine Anzahl Kriegsfahrzcuge davor aufstcllte, sodaß kein Schiff ohne Gefahr aus- und cinlaufcn konnte. Im Kriege mit Napoleon singen die Engländer zuerst an, Häfen und ganze Küsten durch eine bloße Erklärung inBlockadcstandzu setzen, was in neuer» Zeiten in Frankreich und Spanien auch bei revoltirendcn großen Städten in Anwendung gebracht wurde. Blocklaffeten, im Gegensatz zu den Wandlaffeten, bestehen aus einem massiven hölzernen Block von der Länge der gewöhnlichen Laffetenwände. Vorn sind ein paar kurze Brusiwände angesetzt, worin sich die Schildzapfenlagcr befinden, um das Geschützrohr entlegen zu können. Die Blocklaffeten rühren von den Engländern her, von denen sie die Franzosen (seit 182«!) und einige andere Artillerien angenommen haben. Der Streit, ob Wandoder Blocklaffeten den Vorzug verdienen, hat die Artilleristen vielfältig und nicht ohne Parteigeist beschäftigt und ist noch in diesem Augenblick nicht entschieden. Daß durch die Block- laffete ein Geschütz leichter und handlicher wird, kann ebenso wenig bestritten werden, wie der Nachtheil, daß diese Lasteten eine Gabel- oder Kluftdeichsel'nothwendig machen, gegen welche sich wiederum viele Stimmen erheben. Man hat zwar mehrfach versucht, die Langdeichsel beizubehalten, wie in Frankreich, Piemont, Rheinhessen u. s. w., allein das Problem ist als noch nicht gelöst anzusehen, und die Schwierigkeiten, die Deichsel zu balanciren, sind bisher nur unvollkommen beseitigt worden. Eine noch größere Schwierigkeit besteht darin, für die Lasteten der schweren Geschütze so starke und dabei gesunde Hölzer zu finden, wie der Block sie erfodert, selbst wenn man ihn, wie es jetzt überall geschieht, aus zwei Langhälften zusammensetzt und durch eiserne Bolzen zu verbinden sucht. Blocksberg, s. Harz. Bloemart (Abraham), der sich bisweilen auch Blom nannte, ein niederländ. Maler, war um l 565 in Gorkum geboren und starb I6k7 in Utrecht. Er lernte die Anfangsgründe der Zeichenkunst bei seinem Vater, der Ingenieur, Baumeister und Bildhauer war, hatte Floris und Frank zu Lehrern, entfernte sich aber von ihrer Manier und schuf sich eine eigene. Seine Studien vollendete er in Paris, wurde hierauf Stadtbaumeistcr in Amsterdam, ließ sich aber dann als Maler in Utrecht nieder. Wir besitzen von ihm mehre große Historienbilder, z. B. den Tod der Söhne der Niobe; Thiere, Muschelwerk und besonders Landschaften, welche letztere am meisten geschätzt werden. Jm Portraitiren war er nicht stark, sowie man ihm überhaupt Untreue gegen die Natur, im Nackten sowol als in den Gewändern, vorwirft. Auch tragen alle seine Gemälde einige Spuren der Ungeduld. Dennoch ist er, vornehmlich in Rücksicht auf das treffliche Colorit und Helldunkel seiner Gemälde, den besten Malern seiner Zeit zuzuzählen. Auch war er Kupferstecher und Formschneider. — Von seinen vier Söhnen war Cornelius B., geb. zu Utrecht illOll, der geschickteste. Anfang- Maler, beschädigte er sich später fast ausschließcnd mit Kupserstechcrkunst. Er war ein« fen Al- ute ab- abe rcS die aen die isr. !la- uü- ;nn rkc zeit tet. damit R- uch i ren rze ln- an- nd- ^ar- -ck- ^ wie zm ng- em ind cin, der ten >!«. , gs. ' uer sich lm- oße wrs ark, än- .isi den )on ngs !int Blois Blondel 4!7 Zeit lang in Paris, dann lebte er in Nom, „wo er 1680 starb. Sein Stich zeichnete sich durch Reinheit und Schönheit, durch sanfte Übergänge der Lichter und Schatten, Verschiedenheit und Weichheit der Töne so musterhaft aus, daß er der Schöpfer einer neuen Schule ward, aus welcher Baudot, Poilly, Chasteau, Speier, Roullet u. A. hervorgingen. — Von den andern drei Brüdern erwarb sich Adrian B., der längere Zeit in Rom lebte und in Salzburg an den Folgen eines Duells starb, als Maler und Kupferstecher große Anerkennung; Heinrich B. malte blos Bildnisse, und Friedrich B. hat Vieles mit Beifall nach seinem Vater in Kupfer gestochen, namentlich ein Zeichenbuch in 119 Blättern. Blois, eine schön gelegene Stadt im ftanz. Departement Loire und Cher, am rechten Ufer der Loire, über welche eine 93V F. lange, 42 F. breite und auf elf Bogen ruhende steinerne Brücke zur jenseitlicgenden Vorstadt Vienne führt. Die Stadt ist schlecht und eng gebaut, hat aber einen schönen Quai, eine alte röm. in Felsen gehauene Wasserleitung unter den Namen Aron, eine alte Kathedrale, eine schönes Präfecturhotel, das einst bischöflicher Palast war, und ein Schloß, worin I -162 Ludwig XII. geboren wurde. B. ist der Sitz eines Bischofs, der Departementalbehörden, zweier Friedens- und eines Handelsgerichts und einer Ackerbaugesellschaft; es hat zwei Seminare, ein College, eine öffentliche Bibliothek, Börse, Fabriken in Fayence, Leder, Wolle und Teppichen und I360V E., welche in dem Rufe stehen, das reinste Französisch zu sprechen, und lebhaften Handel mit Wein, Branntwein und Holz treiben. Es war ftüher eine Grafschaft, welche bereits im S. Jahrh. unter den Merovingern entstand, als Pfalzgrafschast im 11. Jahrh. sehr erweitert wurde, 1230 an das Haus Chatillon und 1397 durch Kauf an Ludwig, Herzog von Orleans, kam, dessen Enkel Ludwig XII. es mit der Krone vereinigte. Die Stadt B. ist historisch merkwürdig durch mehre im 15. und 16. Zahrh. hier abgeschlossene Verträge, durch den 1588 von Heinrich III. berufenen Reichstag, in Folge dessen der Herzog Heinrich von Guise und sein Bruder, der Cardinal Ludwig von Guise am 23. Dec. desselben Jahres im Schlosse ermordet wurden, und durch die Stiftung des Bisthums im 1.1697 unter Papst Znnocenz XII., sowie als mehrmalige Residenz ftanz. Könige und im 1.1814 durch den kurzen Aufenthalt der Kaiserin Maria Luise, welche am 1. Apr. mit ihrem Sohne hier cin- traf, am 7. Apr. noch einen Aufruf an die Franzosen ergehen ließ, aber nach Abdankung des Kaisers nach Orleans ging. Blomsield (Charles James), Lord-Bischof von London, einer der gelehrtesten und einflußreichsten Prälaten der anglicanischen Klerisei, wurde 1785 zuBury St.-Edmunds in der Grafschaft Suffolk gebören, wo sein Vater, der verhältnißmäßig eine hohe wissenschaftliche Bil-. düng besaß, Schulmeister wär. Von diesem in den alten Sprachen gründlich vorbereitet, bezog V180-1 die Universität zu Cambridge und erhielt hier wiederholt die ehrenvollsten Auszeichnungen. Nachdem er seit 1810 mehre Pfarreien verwaltet hatte, ernannte ihn wegen seiner anerkannten philologischen und theologischen Kenntnisse 1819 der Bischof zu London zu seinem Hanskaplan; bald darauf erhielt er die Pfründe der St.-Botolphskirche und endlich 1824 den bischöflichen Sitz zu London. Seinen gelehrten Ruf verdankte er seiner Bearbeitung des Kal- limachus (Lond. 1815) und mehrer Stücke des Aschylus, namentlich des „Prometheus" (Cambr. 1810; 5. Ausl., 1829), der „Sieben gegen Theben" (Cambr. 1812; 3. Ausl., 1824), der „Perser" (Cambr. 1814; 2. Ausl., >818),der „Koephorcn" (Cambr. 1824) und des,-Agamemnon" (Cambr. 1825). Auch gab er in Verbindung mit Rennel die „Hlusas Lantnbrigienses", mit Monk 1812 die „kostbumous tracts ok korson" und 1814 die „^elversaria Lorsoni" heraus. — Edward Valentin« B-, der Bruder des Vorigen, ebenfalls ein geachteter Philolog, gcb. 1788, studirte zu Cambridge, reiste 1813 nach Deutschland und wurde hier mit F. A. Wolf in Berlin und-mit Schneiderin Breslau bekannt. Nach seiner Rückkehr erschienen von ihm im „Äluseum criticum «r Oambriiigs^IassicuI re- sesrcbes" (St. 2) interessante Bemerkungen über die deutsche Literatur. Hierauf wurde er Prediger an der St.-Marienkirche zu Cambridge, arbeitete an einer Übersetzung von Schneiders „Griechisch-deutschem Lexikon" und Matthiä's, „Griechischer Grammatik", starb aber im Oct. 1816, nachdem er kurz vorher von einer Reise in die Schwei; zurückgekchrt war. Blondel, der vertraute Diener und Musikmeister König Richard s l. (Löwenherz) C°nv. - Lex. Neunte Au fl. II, 27 418 Bloomfield Blücher von England, um 1 19V, durchwanderte, nachdem sein Herr, der heimlich von dem Herzog von Ostreich gefangen gehalten wurde, verschwunden war, um ihn aufzusuchen, Palästina und einen großen Theil Deutschlands. Nach Ostreich und in die Nähe des Schlosses Dur- renstei» kommend, hörte er, wie die Sage lautet, daß man daselbst einen vornehmen Gefangenen bewache. Nach vergeblichem Bemühen, ihn zu sehen, stellte er sich einst dem stark vergitterten Thurme gegenüber, in welchem der Gefangene sich befinden sollte, und sing an, eines der seinem Herrn wohlbekannten provenzalischen Lieder zu singen. Er hatte kaum die erste Strophe geendigt, als eine Stimme aus der Tiefe des Thurms die zweite ansing und bis ans Ende fortfuhr. So entdeckte er seinen König, bewirkte dessen Befreiung und erwarb sich den Namen des getreuen Blondel. Bloomfield (Robert), ein in England sehr geschätzter Naturdichter der neuern Zeit den man Thomson an die Seite setzt, war zu Honington am 3. Dec. 1766 geboren. Sein Vater, ein armer Dorfschneidcr, brachte ihn 1781 zu seinem Bruder nach London, wo er das Schuhmacherhandwerk lernte. Doch das Besuchen einiger Bethauser, des Coventgar- dcn-Theaters und das Lesen mehrcr Bücher führten ihn gleichzeitig in eine neue Welk ein. Ec ward Dichter, ohne es fast selbst zu wissen. Ein Volkslied, das er nach einer alten Weise gedichtet hatte, „Urs milk imüä", war das Erste, was von ihm durch den Druck ins Publicum kam. Gleichen Beifall, wie dieses, fand ein zweites „Hie suilor's retm-ti". Auf dem Lande, wo er sich 1? 86 kurze Zeit aufhielk, faßte er endlich die Idee zu dem Gedichte ,,'l'Ke larmer's box", welches zuerst durch den Ncchtsgelehrten Capel Lofft (Lond. 1806) in Druck gebracht, ihm nicht nur einige hundert Pf. St. einbrachte, sondern auch Gönner und nn! ihnen fernere Unterstützungen gewann. Es charakterisier sich aber auch darin B.'s eigen- thümliche Liebenswürdigkeit. Mit Thomson hat er die fließenden Verse, die Wärme der Empfindung, das richtige Gefühl des Natürlichen und Rührenden, die Kraft der Gedanken und die Lebhaftigkeit der Einbildungskraft gemein; doch herrscht in seinen Gedichten »och eine höhere Einfalt als bei Thomson. Neben seiner Schuhmacherei verfertigte er auch Windharfen. Später kam er in eine bessere Lage, verlor aber wieder das Erworbene durch seine Gutherzigkeit. Zuletzt erblindet starb er zu Shefford am > 9. Aug. l 823. Blüchrr (Gebhard Leberecht von), Fürst von Wahlstadt, prcuß. General-Fcld- marschall, wurde zu Rostock am 16. Dec. 1732 geboren. Beim Beginnen des Siebenjäh rigen Kriegs brachte ihn sein Vater, welcher Rittmeister in Hessen kasselschcn Diensten war, nach der Insel Rügen. Hier erregte der Anblick der schweb. Husaren in ihm den Drang, .Soldat zu werden. Vergebens riechen Altern und Verwandte ihn ab; er trat als Junker in ein schweb. Husarenregiment; doch gleich bei der ersten Affaire nahm ihn dasselbe prcuß. Husarenregiment gefangen, das er in der Folge so rühmlich befehligte. Der Lbks dieses Regiments, Oberst von Belting, bewog ihn, in preuß. Dienste zu treten. Es ward ein Tausch mit dm Schweden getroffen, und B. 1760 als Lieutenant bei demselben Regiments angestellt. Lange schon auf Avancement harrend, wurde ihm 1772 bei Verleihung der Schwadron, auf die er gerechnet, der Premierlieutenant von Jägcrsfeld vorgezo- gen; sofort schrieb er an Friedrich den Großen: „Der von Jägcrsfeld, der kein anderes Verdienst hat, als der Sohn des Markgrafen von Schwedt zu sein, ist mir vorgezogen: ich bitte um meinen Abschied." Doch dieser erfolgte erst, nachdem B. einen Arrest überstanden und auf sein wiederholtes Ansuchen mit dem kurzem Bescheide: „Der Rittmeister B. kann sich zum Teufel scheeren." B. widmete sich nun der Landwirthschaft, kaufte, durch das Vermögen seiner Frau unterstützt, das Gut Großraddow in Pommern und wurde 1793 Deputirter der Landschaftsdirection. Obschon er wiederholt, namentlich als der bairische Erbfolgekrieg auszubrechen drohte, Friedrich den Großen anging, ihn wieder in der Armee anzustellen, so geschah solches doch erst nach dessen Tode, indem ihn Friedrich Wilhelm II. zum Rittmeister ernannte und ihm die gewünschte Schwadron des Husarenregiments gab. Als Obrist dieses Regiments führte er dasselbe 1793 gegen die Franzosen an den Rhein, wo er als Ca- valerieführer ausgezeichnetes Talent bewährte, namentlich bei der Recognoscirung bei Bouvines und in dem Gefechte bei Kirrwcilcr am 28. Mai 1793. Als Generalmajor kam er im Scpt. 1793 zu dcmBeobachtungshecrc am Nicderrhein. Für den König von Preußen nahm er 1802 Besitz von Erfurt und Mühlhausen. Der Ausbruch des Kriegs >806 führte Blücher 419 ihn als Gcncrallieutenant auf das Schlachtfeld von Auerstädt. Dann folgte er mit dem größten Thcile der Cavalcrie dem Rückzuge des Fürsten von Hohenlohe nach Pommern in dessen linke Flanke, jedoch in einer Weise, die, weil dadurch die Kapitulation von Prenzlau veranlaßt ward, B. spater, wie es fast scheint, nicht ganz mit Unrecht zum Vorwurf gemacht wurde. Hohenlohe war bis Ruppin vorgerückt, als er über die Entfernung, worin B. sich von ihm hielt, besorgt zu werden anfing, indem er wohl einsah, daß er ohne den Beistand der Cavalcrie Stettin nicht erreichen werde. Hohenlohe bat ihn aufs dringendste, sobald als möglich zu ihm zu stoßen, aber B. entschuldigte sich mit der Ermüdung seiner Leute. Ge- nöthigt, seinen Marsch fortzusctzcn und durch die Nahe der Franzosen geängstigt, ließ der Fürst eine zweite Auffoderung an B. ergehen, worin er ihm befahl, derselben sogleich nachzukommen. Allein B. antwortete: „Ich fürchte einen Nachtmarsch, den ich, um zu Ew. Durchlaucht zu stoßen, machen müßte, weit mehr als den Feind, und bitte Sie, mich lieber der Gefahr bloßzustellcn, als mich zu einem Marsch zu zwingen, auf welchem meine Leute sich zerstreuen würden." So gerieth Hohenlohe in alle die Verlegenheiten, welche mit der Kapitulation bei Prenzlau endeten, da er ohne Cavalcrie wol eine Schlacht liefern, aber nicht siegen konnte. B- aber mußte, weil er von Stettin abgeschnitten war, ins Mecklenburgische rücken, wodurch er die beiden neutralen Herzogthümcr der Verwüstung prcisgab. Darauf rückte er in das Gebiet der freien Reichsstadt Lübeck ein. In Eile ward die Stadt zwar etwas befestigt; doch im Sturm nahmen sie die andringenden franz. Heere, worauf sich B. in Natkow bei Lübeck, wohin er sich mit einigen Truppen gerettet, am 6. Nov. ergeben mußte, was er jedoch nicht anders that als unter der ihm nach vielen Weigerungen zugestandencn Bedingung, bei seiner Unterschrift den Zusatz zu machen, daß „ihm die Kapitulation vom Prinzen von Pontecorvo angetragcn und von ihm nur wegen Mangels an Munition, Proviant und Fourage eingegangen worden". Sehr bald ward er indeß gegen den stanz. General Victor ausgewechselt und gleich nach seiner Ankunft in Königsberg, an der Spitze eines Corps, zu Schiffe nach dem schweb. Pommern gesandt, um Stralsund vertheidigen zu helfen und die Unternehmungen der Schweden zu unterstützen. Nach dem tilsiter Frieden arbeitete er in Königsberg und Berlin im Kricgsdepartement und erhielt dann das Militaircommando in Pommern. Später wurde er nebst mehren bedeutenden Männern, wie man sagt, auf.Na- poleon's Veranlassung in den Ruhestand versetzt. Auch an dem Zuge des preuß. Hülfscorps bei dem franz. Heere in Rußland, im Sommer 1812, nahm er keinen Theil; als aber das preuß. Volk sich gegen Napoleon erhob, da war B., obschon ein Greis von 7V Jahren, einer der Thätigstcn. Er erhielt den Oberbefehl über die Preußen und über das russ. Korps des Generals von Winzingcrode, welches letztere in der Folge wieder von ihm getrennt wurde. Mit Heldenmuth focht er in der Schlacht von Lützen am 2. Mai 1813. Die Tage bei Bautzen und bei Haynau waren nicht minder ruhmvoll für ihn; als Sieger feierte er die großen Tage an derKahbach und bei Leipzig. Dort schlug er das Heer des Marschalls Macdonald und reinigte ganz Schlesien von den Feinden, weshalb sein Heer den Namen des Schlesischen erhielt. Vergebens versuchte Napoleon selbst, den alten Husarengeneral, wie er ihn nannte, in seinem Siegeszuge aufzuhaltcn. Am 3. Oct. ging B. bei Wartenburg über die Elbe und zwang durch diesen kühnen Schritt auch das große böhmische Heer unter Schwarzenberg und die Nordarmee unter dem Kronprinzen von Schweden zu größerer Thätigkcit. In der Schlacht bei Leipzig errang er am 16. Oct. über den Marschall Marmont bei Möckern glänzende Vortheile und drang schon an diesem Tage bis an die Vorstädte Leipzigs vor. Am 18. hatte er, im Verein mit dem Kronprinzen von Schweden, großen Theil an der Niederlage des Feindes, und am 19. waren es seine Truppen, die zuerst in Leipzig eindrangcn. Seine cigenthümliche Schnelligkeit und die Art seiner Angriffe hatten ihm schon zu Anfänge des Feldzugs bei den Russen den Beinamen „Marschall Vorwärts" erworben, der von jetzt an sein Ehrenname im ganzen deutschen Volke ward. Allerdings hatten auch fast alle seine Angriffe einen und denselben Charakter. Mit Ungestüm auf den Feind losgchen, bei einem allzu heftigen Widerstande zurückweichen, sich in einiger Entfernung wieder aufstellen, die Bewegungen des Feindes genau beobachten, jede ihm gebotene Schwäche zu einem neuen Angriffe benutzen, mit Blitzesschnelle ansprengen, einhaucn, über den Haufen werfen, ei- 420 Bluhme »igc Hundert Gefangene machen und dann wieder zurückziehen, das war das gewöhnliche Manocuvre B.'s. Am 1. Jan. 1814 ging er mit dem Schlesischen Heere, das nun aus zwei preuß-, zwei russ., einem hessischen und einem gemischten Corps bestand, bei Kaub über den Rhein, worauf er am 17. Jan. Nancy besetzte und, nachdem er am 1. Febr. die Schlacht bei La Rochiere gewonnen, nun gegen Paris vordrang. Allein seine getrennten Corps wurden von Napoleon geworfen, und nur mit großem Verlust erkämpfte er sich den Rückzug nach Chalons. Hierauf ging er bei Soiffons über die Aisne, vereinigte sich mit der Nordarmee, siegte am 9. März über Napoleon bei Laon und drang am Ende des Monats, mit Schwarzenberg vereinigt, von neuem gegen Paris vor. Der Tag von Montmartre krönte die Grvßthatcn dieses Feldzugs, und am 31. März zog B. in die Hauptstadt Frankreichs ein. Sein König ernannte ihn, zur Erinnerung an den Sieg bei Wahlstadt, zum Fürsten von Wahlstadt und gab ihm eine angemessene Dotation. JnEngland, wohin er im Juni desselben Jahres den verbündeten Monarchen folgte, empfing ihn das Volk mit einer Begeisterung, wie sie wol nie einem Deutschen zu Theil geworden. Auch die Universität zu Oxford ernannte ihn damals feierlich zum Doctor der Rechte. Nach der Rückkehr lebte er auf seinen Gütern in Schlesien, bis er 1815 abermals den Oberbefehl übernahm, worauf er das Heer schnell in die Niederlande führte. Hier verlor er am 16. Juni die Schlacht bei Ligny, und durch den Sturz seines getödteten Pferdes, unter welches er zu liegen kam, gerieth er in Gefahr, Leben oder Freiheit zu verlieren. In dem entscheidendsten Augenblicke der Schlacht am 18. Juni traftB- auf dem Schlachtfelds ein; sofort nahm er Napoleon in Rücken und Flanke und erkämpfte im Verein mit Wellington den Sieg bei Belle-Alliance oder W a t e r l o v (s. d.). Er schlug den nachgesuchten Waffenstillstand ab, zwang Paris, sich zu ergeben, und wider- sctzte sich bei seiner zweiten Einnahme dieser Hauptstadt nachdrücklich dem im vorigen Kriege ausgeübten Schonungssystem. Für seine neuen Verdienste um Preußen und die allgemeine Sache beehrte ihn Friedrich Wilhelm III., da B. bereits im Besitz aller Würden und Ehrenzeichen war, mit einem eigenen für ihn allein bestimmten Ordenszeichen, das in einem von goldenen Strahlen umgebenen eisernen Kreuze bestand. Chef seines Gencralstabs war anfangs Scharnhorst (s. d.) und nach dessen Tode Gneisen au (s. d.), dessen Verdiensten er stets unumwunden volle Anerkennung zollte. Gneisenau's Verhältniß zu ihm bezeichnet am besten die Anekdote, daß B. einst, als er die Frage aufgeworfen: Wie kann man seinen Kopf sich selbst in den Arm legen, und Niemand dieselbe beantworten konnte, Gneisenau sich in seinen Arm legte. Nach dem zweiten pariser Frieden zog er sich wieder auf seine Güter zurück. Am 26. Aug. 1819, dem Jahrestage der Schlacht an der Katzbach, wurde ihm zu Rostock, seinem Geburtsorte, von der Gesammthcit seiner Landsleute, unter Anordnung des engern Ausschusses der Mecklenburg. Stände, noch bei seinem Leben ein von Schadow zu Berlin ausgeführtes Denkmal gesetzt, das aus dem in Erz gegossenen kolossalen Standbilde B.'s, auf einem hohen Fußgestclle von feinpolirtem Granit besteht. Er starb am 12. Sept. 1819 nach einem kurzen Krankenlager auf seinem Gute Kriettowitz in Schlesien. In Berlin ward ihm eine 12 F. hohe, von Rauch modellirte, von Lequine und Rci- singer in Erz gegossene Bildsäule am 18. Juni 1826, in Breslau eine andere ebenfalls von Rauch gearbeitete 1827 errichtet. Dem Belling'schen fünften Husarenregimente wurde von Friedrich Wilhelm I V. auf Veranlassung der hundertjährigen Geburtsfeier B.'s im 1.1812 der alte Name der Blücher'schen Husaren und die rothe Uniform wieder verliehen. Vgl. Varnhagen's von Ense meisterhafte „Lebensbeschreibung B.'s" (Berl. 1827) und Schö- ning's „Geschichte des preuß. fünften Husarenregiments mit besonderer Rücksicht auf B." (Berl. 1843). — B.'s ältester Sohn, Franz B., Graf von Wahlstadt, geb. 1777, der die Feldzüge von 1813 — 15 milmachte, starb als preuß. Generalmajor am 10 . Oct. 1829 zu Köpenick geisteskrank in'Folge der im Kriege von 1813 erhaltenen Kopfwunden. — Der andere Sohn Friede. Gebhard B-, Graf von Wahlstadt, geb. 1780, machte ebenfalls einen Theil der Feldzüge von 1813 — 15 mit, nahm später seinen Abschied als Oberstlieutenant und starb am 14. Jan. 1834. Bluhme (Friedr.), oder wie er sich als Schriftsteller schreibt, Blume, Professor der Rechte ander Universität zu Bonn, ein um die Quellenkunde des röm. Rechts sehr verdienter Rechtsgelehrter, wurde am 29. Juni 1797 zu Hamburg geboren. Er studirte in Göt- Blum Blumauer 421 tingen, Berlin und Jena und gab schon in seiner Doctordisscrtation „De gemiostis et siwi- libus, guae iixligvstis inveniuntur, cspitibiis" (Jena I82N) die Richtung seiner Studien wie seiner spätem wissenschaftlichen Thätigkeit kund; noch mehr aber war dies der Fall in der Abhandlung „Die Ordnung der Fragmente in den Pandcktcntiteln" (in der „Zeitschrift für geschichtliche Rechtswissenschaft", Bd. 4), in welcher eine der glänzendsten Entdeckungen vor- liegt, durch die in der neuesten Zeit seit der durch Hugo und Savigny erfolgten Restauration der rcchtsgeschichtlichen Studie» die historische Jurisprudenz bereichert worden ist. Im I. 1821 unternahm er eine wissenschaftliche Reise nach Italien. Die auf derselben durch genaue Durchforschung einer großen Anzahl bisher fast unbekannt gebliebener Bibliotheken gewonnenen Resultate liegen vor, theils in den vielfachen von B. für die, Monuments 6er- llisnise kistorics", für Schröder's Ausgabe des „Öorpus juris civilis", für Savigny's „Geschichte des röm. Rechts im Mittelalter" und für das „Archiv für ältere deutsche GeschichtSkunde" gelieferten Beiträgen, theils in dem „Iter itslicum" (4 Bde., Berl. und Halle 1824—36) und in der „Ilililiotliecs lidroriim msniiscriptorum itslics" (Gott. 1834), in welchen ein unerschöpflichcrNcichthum von literarhistorischen, archivalischcn und antiquarischen Nachrichten nicdergelegt ist. Eine Folge dieser fruchtbringenden wissenschaftlichen Thätigkeit war der schon früher beabsichtigte Übergang B.'s in die akademische Laufbahn, seine Beförderung zu einer juristischen Professur in Halle, welche er im I. 1831 mit einer gleichen Professur in Göttingen vertauschte. Im I. 1833 ward er, von Hamburg berufen, Oberappellationsgerichtsrath bei dem Gerichte der freien Städte zu Lübeck und 1842 folgte er dem Rufe nach Bonn. Von seinen übrigen Schriften erwähnen wir noch „Das Kirchenrecht der Juden und Christen, besonders in Deutschland" (Halle 1826; 2. Aust, 1831) und den „Grundriß des Pandektenrechts" (Halle 1829). Auch ist er Mitherausgeber des „Rheinischen Museum". Blum (Karl), Hofcomponist und Regisseur bei der königlichen Oper in Berlin, geb. daselbst um 1785, der Sohn eines dortigen Beamten, trat seit 1805 als Schauspieler, dann als Sänger auf, wendete sich aber, da ihm kein aufmunternder Beifall zu Theil wurde, unter Hiller's Leitung dem theoretischen Studium der Musik zu, welches er unter Salieri 1817 in Wien fortsehte. Hierauf bereiste er Italien und Frankreich, und namentlich trug der Aufenthalt in Paris zur Läuterung seines Geschmacks bei. Nach Berlin zurückgekehrt, verwaltete er einige Zeit die technische Dircction des Königsstädtcr Theaters, worauf er in seine noch gegenwärtige Stellung kam, in der er besonders durch geschmackvolles Arrangement sehr verdienstlich wirkt. Außerdem hat er sich durch eine große Anzahl gefälliger Jn- strumentalcompositionen, Gcsangstücke und Operetten und in neuester Zeit besonders durch gern gesehene Lustspiele bekannt und beliebt gemacht. „Claudine vonVillabella" componirte er bereits 1819; sein „Rosenhütchen" erlebte in Wien 39 Aufführungen hintereinander; sein „Gruß an die Schweiz" ist in der Schweiz und in Tirol säst populair geworden. In späterer Zeit componirte er noch „Mary, Max und Michel" und „Bergamo", eine zweiactige Opera buffa, verließ jedoch mehr und mehr das Gebiet der Composition und bearbeitete stanz., engl, und ital. Sujets mit großer Geschicklichkeit und Gewandtheit für die deutsche Bühne, so „Mirandolina" nach Goldoni's „I.ocgnüiers", „Die beiden Briten", „Ich bleibe ledig", „Metastasio", „Capricciosa", „Die Herrin von der Else", „Das laute Ge- heimniß" nach Carlo Gozzi, u. s. w. Zu seinen Originalstückcn gehören „Friedrich August in Madrid", „Der Ball zu Ellcrbrunn", „Lisette", „Schwärmerei nach der Mode" u. s. w. Er war auch der Erste, welcher das Vaudeville nach Deutschland verpflanzte, und namentlich haben sich sein „Bär und Bassa", „Der Spiegel des Tausendschön", „Gänserich und Gänschen" und „Kanonikus Schuster" lange auf der Bühne gehalten. Seine Stücke erschienen in folgenden Sammlungen: „Lustspiele für deutsche Bühnen" (Berl. 1824), „Neue Bühnenspiele" (Berl. 1828), „Neue Theatcrspiele" (Berl. 1839), „Jucundc, dramatisches Taschenbuch für 1836" (Berl.) u»d „Theatcr" (2 Bde., Berl. 1839—41). Außerdem schrieb er „Heinrich's Dichten und Trachten", Gedichte (Berl. 1819), und „Klagen Griechenlands", Sonetten (Berl. 1822). Blumauer (Aloys), deutscher burlesker Dichter, geb. am 21. Dc<^ 1755 zu Stcicr in Oberöstreich, trat 1772 in den Jesuitenorden zu Wien und privatiflete hier nach der Auf- 422 Blume Blnmenbach Hebung desselben, bis er als Censor angestellt wurde. Doch legte er später diese Stelle frei- willig nieder, als er die Gräffer'sche Buchhandlung übernahm, an der er schon seit 178? einigen Anthcil hatte. Er starb zu Wien am l 6. März 17!» 8. Seine zahlreichen Gedichte, in denen er Bürger zum Vorbild nahm und nachahmte, sind reich an Wih, nicht ohne Feuer und in einer schönen, reinen und männlichen Sprache geschrieben; doch artet freilich auch sein Wih in derbe, wol gar gemeine Spaßhaftigkcit aus, die Sprache wird unrein, und das Mechanische des Versbaus ist verfehlt. Der Jesuiten hat er darin, ungeachtet er dem Orden angehört hatte, keineswegs geschont. Nachdem er seine Gedichte zuerst meist in dem von ihm und Raschky herausgcgcbenen „Wiener Musenalmanach" (178t fg.) mitgetheilt, erschienen sie seit 1782 gesammelt in »viederholten Auflagen. Das meiste Aufsehen erregte er durch das poetische Zerrbild „Virgil's Äncis travestirt" (3 Bde., Wien 1784; 4. Auf!., Königsb. 1824). Seine „Sämmtlichen Werke" erschienen sehr oft (8Bde., Lpz. 1801—3 7 Bde., Königsb. 1832; 7 Bde. von Kistenftger, Münch. >827; 2. Aufl., 3 Bde., 1830; 5 Bde., Stuttg. 1839—40, und in Einem Bande, Stuttg. 1840). Blume nennt man im gemeinen Leben die Blüte derjenigen Gewächse, die man wegen ihrer Schönheit oder ihres Wohlgeruchs in Gärten zieht; dagegen gebraucht man Blüte vorzugsweise von Obstbäumen. In der Sprache der Wissenschaft wird Blüte und Blume entweder gleichbedeutend für den Inbegriff der Bcfruchtungstheilc der Pflanze mit ihren ei- genthümlichen Hüllen gebraucht, oder man bezeichnet durch Blume vorzugsweise die Blu- menkrone, den Mittlern oder inner», höher entwickelten und meist lebhaft gefärbten Kreis der Hüllen für die Geschlechtsorgane. Die Blüten, als die vollkommensten Organe der Pflanzen, bieten verhältnißmäßig die festesten Kennzeichen dar und sind demnach in den Systemen, den künstlichen sowol als den natürlichen, vorzugsweise zu berücksichtigen, da ohne diese Theile kein vollkommenes Gewächs mit Sicherheit sich bestimmen läßt. Vorzugsweise ist auf die Einfügung und Zahl und die Gestalt der Theile zu achten, indem Größe, Farbe und Geruch weniger sich gleichbleibende Merkmale liefern. In allen diesen Rücksichten aber bieten die Pflanzenarten die größte Verschiedenheit dar. Die größte bekannte Blüte ist die der R-Mesia ^rnolcki R lli-onn, eines ostind. blattlosen Schmarohergcwächses ausWurzelu der Cißusarten, welche 2 ^ F. im Durchmesser hat. Die Bl ütenzeit oder Blüte, d. h. die nach dem Klima sehr verschiedene, sonst aber ziemlich bestimmte Periode der Entfaltung der Blütenknospen, erfolgt entweder nur einmal im Leben der Pflanze und zwar im ersten Jahre, oder im zweiten, oder endlich, jedoch nur bei einigen Arten, z. B. dem Pisang, nach mehren Jahren, indem nach der Blütenentwickelung und erfolgter Samenreife die Pflanze abstirbt, oder öfter, wie bei den Gewächsen, die jährlich von neuem aus der Wurzel hervortreiben, den ausdauernden Gewächsen, den Sträuchern und Bäumen. — In der Chemie bezeichnet man im figürlichen Sinne mit dem Namen Blume die feinsten Theile der Körper in trockener Gestalt, nachdem solche das Feuer von den gröbern Theilen durch Sublimation ausgeschieden hat; so geben Laugcnsalz, Spießglas, Arsenik, Benzoe, Wismuth, Schwefel, Zinn, Zink u. s. w. Blumen. — In der Jägersprache heißt Blume der Schwanz des Roth- wildes und des Hasen, während man beim Fuchs und Wolf nur die Spihe des Schwanzes darunter versteht. — Beim Weine versteht man unter Blume den Wohlgeruch desselben, was die Franzosen, namentlich bei Burgunderweinen, durch bouguet ausdrücken. Blumen (künstliche) »verden aus Federn, Papier, feinem Pergamente, Leinwand, Sammet, Stroh, feinen Holz-und Hornspänen, Leonischen Gold- und Silberblättchen u.s.w., vorzüglich aber aus den Coconshäuten der Seidenwürmer verfertigt. Frankreich und Italien waren lange Zeit im Besitze des Alleinhandels mit künstlichen Blumen und vorzugsweise nannte man die aus den Coconshäuten fabricirtcn Italienische Blumen, weil sic in Italien zuerst auskamen; jetzt aber werden sie auch in Wien, Triest, Presburg, Prag, Berlin, Nürnberg, Fürth, Hamburg, Brüssel, Leipzig, Dresden und an andern Orten in großer Vollkommenheit verfertigt. Namentlich verstehen auch die Brasilier die glänzenden Blumen ihres Vaterlandes täuschend aus Federn nachzubilden. Blumenbach (Joh. Friedr.), geb. zu Gorha am 11. Mai 17.72, studirte in Jena und Göttingen, kvo er 1775 Doctor der Medicin, 1776 außerordentlicher Professor und Jnspector der Naturaliensammlung wurde und >778 eine ordentliche Professur verlangte. 42Z Blmncuvach Seit jener Zeit hielt er während 120 Semestern unausgesetzt Vorlesungen über Naturgeschichte, vergleichende Anatomie, Physiologie und Geschichte der Medicin und durste sich rühmen, während jenes zwei Menschenaltern gleichenden Zeitraums mehr Zuhörer gehabt zu haben als irgend ein akademischer Lehrer Europas, und unter seine Schüler sehr viele der bedeutendsten Männer der Vergangenheit oder Gegenwartzu zählen, so namentlich auch den König Ernst August von Hannover, die Herzoge von Sussex und Cambridge und später den König Ludwig von Baicrn. Er verstand es, selbst trockenen Gegenständen eine interessante Seite abzugewinnen und durch Mittheilung eigener Beobachtungen seine Zuhörer an sich zu fesseln, sodaß nicht leicht ein akademischer Bürger Göttingen verließ, ohne seine Vorlesungen treu besucht zu haben. B. verschaffte in Deutschland zuerst der Naturgeschichte die Achtung, die ihr als einer wissenschaftlichen Spielerei früher von Vielen versagt worden war, indem er lange vor Cuvier, schon seit 1785, sie von der vergleichenden Anatomie abhängig machte und nachwies, daß klare Anschauungen und feste Begriffe vom Wesen und von der Verwandtschaft der Thiere nur durch Untersuchung des innern Baus erlangt werden können. Dennoch war er als Systematiker nicht ganz glücklich, denn er band sich an die herkömmliche ältere Methode, sei es nun, daß ihn hierzu eine große Pietät gegen Linne veranlaßte, dessen Zeitgenosse er noch gewesen, oder daß er im späten Mannesalter mit der neuen Richtung sich nicht befreunden konnte, welche die Naturwissenschaften nahmen, als die anfangs etwas nebelhafte und dem Positiven wenig holde Naturphilosophie aufgetreten war. Von seinen Schülern verlangte er vor Allem sich an genaue Untersuchungen vorliegender Körper zu gewöhnen und sah es ungern, wenn sie sich zeitig der Speculation Hingaben. Mit Vorsicht und Schonung den in dieser Beziehung Andersdenkenden entgegentretend, innerlich mehr als er zu äußern für gut fand der neuen Schule abgeneigt, ging er dennoch in seinen physiologischen Entwickelungen ganz philosophisch zu Werke, vermied aber mit Ängstlichkeit den Schein des Gesuchten. Sein größtes und für alle Zeit beständiges Verdienst ist cs, daß er der vergleichenden Anatomie in Deutschland zuerst Eingang verschaffte theils durch Vorträge, theils durch sein „Handbuch der vergleichenden Anatomie und Physiologie" (Gött. 1801 ; 3. Aust., 1821 ), welches fast in alle Hauptsprachen Europas übersetzt worden ist. Die Naturgeschichte des Menschen war von frühester Zeit an sein Licblings- studium, wie dies auch seine Inauguraldissertation „Do gcueris bumani vorletzte nativa" (Gött. 1775) zeigte, die das für dergleichen akademische Schriften sehr seltene Schicksal mehrfacher Auflagen (1. Aufl., Gött. 1795) erfuhr, in das Französische von Chardel (Par. 1805), in das Deutsche von Gruber (Lp;. 1795) übersetzt wurde und den großen Haller in einer 1775 geschriebenen Kritik zu der Äußerung veranlaßte, daß von einem solchen Verfasser die Welt viel zu erwarten berechtigt sei. Behufs seiner fernem anthropologischen Studien fing er nun an, Schädel zu sammeln, worin er von allen Seiten her unterstützt wurde, und erlangte zuletzt die größte aller vorhandenen Collcctione», zu welcher der König Ludwig von Baiern zur großen Freude des Greises das seltenste Stück, einen altgriechischen Schädel von ungemeiner Schönheit, beitrug. Die Sammlung gab den Stoff zu den Abbildungen von Naceschädeln in der „tiulleetio crnniornm ckiversmnm gentium" (7 Decaden, Gott. 1790—1828, 1., nebst einer „kVttvn peutss coilectinnis sune crmiivrum etc.", Gött. 1 828, 1.), die ihren Werth immerdar behalten werden, obgleich auch in dieser Wissenschaft sich andere Ansichten ausgebildet haben. Als Physiolog zog er die Augen des gelehrten Europas durch feine Abhandlung „Über den Bildungstrieb und das Zcugungsgcschäft" (Gött. 1 78 1 ; 3. Aufl., 1791) auf sich, indem seine Ideen von den damals herrschenden sehr abwichcn, außerdem noch durch die „lnstitutiones pli^amlugice»:" (Gött. 1787; 1. Aufl-, 1821). Sein „Handbuch der Naturgeschichte" erlebte zwar zwölf Auflagen (Gött. 1780—1830), paßt aber nicht mehr zum gegenwärtigen Staude der Wissenschaft. Der Fleiß B.'s war sehr groß; sein Drang zur Lhätigkeit fand Unterstützung durch die ansehnlichen Hülfsmittel Göttingens und die eigenen, durch Sendungen seinerSchülcr aus allen Weltgcgcnden vermehrte» Sammlungen. Zu Anfänge der neunziger Jahre des letzten Jahrh. machte er eine wissenschaftliche Reise nach England, wo er nicht nur von Georg 111- und seiner Gemahlin mit Auszeichnung behandelt wurde, sondern auch mir Sir Joseph Banks, Solan- dcr und den andern hervorragenden Gelehrten seines Fachs in die vertrautesten Beziehun- 424 Blumenhagcn Blumenhandel gen trat, die bis zum Tode dieser Männer, die er fast alle überlebte, ununterbrochen fort- gedauert haben. Durch die Vermittelung derselben wurde ihm auch die große Vergünstigung zu Theil, mehre Mumien des Britischen Museums zu seciren, was damals in der Gelehrtenwelt großes Aufsehen erregte. Unter der größten Theilnahme stierte er am 19. Scpt. 1 825 sein fünfzigjähriges Dvctorjubelfest und empfing bei dieser Gelegenheit eine ihm zu Ehren geprägte Medaille, während Freunde und Verehrer ein Blumenbach'sches Sti- pendium gründeten, dessen Zinsen an junge Arzte und Naturforscher zur Beförderung wissenschaftlicher Reisen gegeben werden. Als kräftiger Mann feierte er 1787 das halbhun- dcrtjährige Jubiläum Göttingens, als gebückter Greis schloß er sich dem Fcstzuge der Säcu- larfeier 1837 an. Er hatte die glänzendste Zeit jener Universität erlebt und viel gewirkt, als zunehmende Altersschwäche ihn veranlaßte, gegen 1835 die akademische Thätigkeit aufzugeben. Mit einer Schwester des einflußreichen Cabinetsraths Brandes in Hannover ver- heirathet, hat er eine lange und glückliche Häuslichkeit verlebt; doch mußte er in den letzten Lebensjahren nicht nur drei seiner erwachsenen Kinder sterben sehen, während ein Sohn als verdienter engl. Artillerieoffizier bei Toulouse geblieben war, sondern hatte auch den Schmerz, seine gleich ihm hochbetagle Ehegattin gerade in den Tagen der göttinger Jubelfeier am Schlagfluß zu verlieren. Er selbst starb am 22. Jan. 1830. Nur ein Sohn, der als Geh. Kanzleirath in Hannover eine ehrenvolle Stellung in der Administration seines Vaterlandes einnimmt, hat ihn überlebt, und es sind daher seine großen und reichen Sammlungen zerstreut worden; doch ist ein großer Theil in Göttingen verblieben. Blumenhagen (Phil. Wilh. Georg Aug.), eine Zeit lang als Novellist und Erzähler ein Liebling des PublicumS, geb. am 15. Febr. 1781 zu Hannover, lebte später daselbst als ausübender Arzt bis zu seinem Tode, welcher am 6. Mai 1839 erfolgte. Seine Novellen sind fließend geschrieben, stofflich unterhaltend, mit Sentimentalität in ziemlichem Maße ausgestattet, aber ohne besondere Gedankentiefe, höhere Tendenz und poetischen Inhalt. Für umfassende Romanproductionen war er weniger befähigt, wie sich dies auch in dem Roman „Der Mann und sein Schutzengel" (Lpz. 1823) erwies. Gesammelt erschienen seine bessern Arbeiten unter dem Titel „Novellen und Erzählungen" (3 Bde., Hann. 1826—27) und „Neuer Novellenkranz" (2 Bde-, Braunschw. 1829—30). Er schrieb ferner „Akazienblüten ; Aufsätze, Vorträge und Gedichte für Freimaurer" (Hann. 1815), „Freia, romantische Dichtungen" (2 Bde., Erf. 1811) und „Gedichte" (2 Bde., Hann. 1817; 2.Aufl., 1826), für die Bühne die Tragödie „Die Schlacht von Thermopylä" (Hann. 1813), und das dramatische Gedicht „Simson" (Hann. 1816); doch scheiterte er in letzter Beziehung, wie jedes rein novellistische Talent, an den Klippen der schwieriger» dramatischen Poesie. Seine „Gesammelten Werke" erschienen in zwei Sammlungen (25 Bde., Stuttg. 1836 —3»; 2. Ausl., 1833 fg.). Blumenhandel. JnHolland Herrschtein denJ. 1 636 und 1 637 ein wahrer Blumen- schwindel; wie jetzt in Staatspapiercn, so speculirte man damals in Blumen, namentlich in Tulpen. Man verkaufte Zwiebeln, die man nicht besaß, für unerhörte Summen mit der Bedingung, selbige dem Käufer in einer festgesetzten Zeit zu liefern. Für eine einzige Semper ^u- xustug bezahlte man einmal 13000 Fl., und für drei dergleichen zusammen 30000 Fl. Als aber die Käufer nach und nach sich weigerten, die bedungenen Summen zu zahlen, und als die Gencralstaaten am27.Apr. 1637 bestimmten, daß dergleichen Summen auf dem gewöhnlichen Wege, wie jede andere Schuld, beigetrieben werden sollten, fielen die unerhörten Preise sehr schnell, und man konnte nun einen Semper ^ugustus um 50 Fl. haben. Gegenwärtig ist der Handel mit Tulpenzwiebeln, die man ehedem besonders aus Flandern bezog, in Verfall, obgleich in den harlemer Verzeichnissen gelegentlich noch Preise von 25—150 Fl. für einzelne seltene Zwiebeln Vorkommen. Sehr bald legte man sich aber in Harlem auch auf die Cultui anderer Zwiebelgewächse, setzte später Ranunkeln, Aurikeln, Anemonen, Nelken u. s. w hinzu, und jschuf auf diese Weise ein Geschäft, welches um 1776 auf seiner höchsten Stuf« stand und noch jetzt nicht unansehnlich ist, indem die Liebhaberei, zumal der Hyacinthen noch immer dauert. Letztere gelangten zuerst um 1730 in große Gunst, und man bezahlte damals für einen kasse non plng ultra 1850 Fl. Obgleich noch jetzt in den harlemer Ver zeichnissen einzelne neue Spielarten dieser Blumen zu Preisen von 25 —100 Fl. ausgebotcr- Blumenorden Blut 425 werden, so hat doch die großartige Cultur derselben in Berlin den Holländern vielen Schaden gethan. Indessen machen die harlemer Blumisten noch immer große Versendungen von Zwiebeln, Sämereien, Topfgewächsen und Obstbäumeu. Namentlich wird auch die Cultur der Rosen bei Noordwyll in Südholland auf ansehnlichen, längs der Dünen gelegenen Feldern als Erhaltungsmittel vieler Familien im Großen getrieben. Blumenorden, s. Pegnihordcn. Blumensprache, im Oriente Selam, nennt man die Kunst, durch natürliche, nach einer geheimen Bedeutung gewählte und geordnete Blumen sich einem Andern verständlich zu machen. Sie soll im Morgenlande durch die Frauen des Harems entstanden sein, um sich die Zeit ihrer Einsamkeit zu kürzen, auch vielleicht um dadurch Liebesintriguen einzuleiten. So schön und sinnig diese Sprache sein mag, so ist sie doch nothwendigerweise sehr eingeschränkt und willkürlich, und je nach Land und Sitte verschieden. Vgl. Müchlcr, „Die Blumensprache oder Symbolik des Pflanzenreichs", nach dem Franz, der Frau Charlotte de Latour (Bert. 1820 ); Symanski, „Selam oder die Sprache der Blumen" ( 3 . Aufl., Berl. 1823 ) und Eith, „Die Blumensprache" (Quedlinb. 1838 ). Die in dem Oriente jetzt übliche Blumcnsprache ist ganz anderer Art, insofern sie sich lediglich auf den Namen der Blume gründet. Auch gibt cs eine Blumensprache ohne Blumen; cs ist dies der an Bildern und Allegorien reiche Ausdruck. Da endlich das Sprechen durch die Blume im gewöhnlichen Leben so viel heißt als geheimnißvoll, nur Einzelnen verständlich reden, so würde auch ein solches Sprechen in einem gewissen Sinne eine Blumensprache genannt werden könne». Blumenstücke nennt man in der Malerei Darstellungen von Blumen, sodaß diese ein Kunstwerk für sich ausmachen. Solche Darstellungen, wobei täuschende Wahrheit das zunächst Erreichbare ist, werden zwar gewöhnlich nur zu den untergeordneten Arten der Malerei gezählt; allein sie können dennoch unter einem höher» Charakter als dem der Nachahmung erscheinen und durch sinnige Wahl, Beleuchtung und Anordnung ein wahres ästhetisches Verdienst erlangen. Die berühmtesten Blumenmaler sind van Huysum, Rachel Ruysch, Seghers, Verendael, Wilh. van Aclst, Mignon, Faers, Röpel, und unter den Neuern Z. F. van Dael in Antwerpen, Senfs in Rom, Knapp und Strentzel, Pctter und Wegmayer in Wien, Danner in Ludwigsburg, Meyerhofer, Nachtmann, Mattenheimerund Lcbschee in München, vor Allen aber Rcdoute in Paris. Blut (sanguio) nennt man den sich in den Adern des thicrischen Körpers bewegenden und das allgemeine Material zu seiner Ernährung darbietenden Saft. Er hat bei den Menschen und bei den Wirbelthieren eine schöne rothe, purpurähnliche Farbe, erscheint bei den Insekten gelb oder braun, bei Raupen und Schmetterlingen grün und bei den Mollusken gelblich, weiß oder braun; indessen wird bei allen diesen gewöhnlich weißblütig genannten Thieren von Vielen der allgemeine Nahrungssaft (weißes Blut) nicht für wirkliches Blut, sondern nur für gefärbten Chy l us (s. d.) gehalten. Das Blut hat die Wärme des übrigen Körpers, oder ist wol richtiger der wärmste Theil desselben; da der Wärmegrad aber bei den verschiedenen Thieren verschieden ist, so hat man diese darnach schon seit den ältesten Zeiten in warmblütige und kaltblütige gethcilt. Bei den Menschen schwankt die Temperatur zwischen 28"—30"N. im gesunden Zustande, sic kann aber in hitzigen Fiebern und bei Entzündungen bis auf 32 ° R. steigen. Das Blut der Männer ist dicker und wenigstens schwerer als das der Weiber, welche auch verhältnißmäßig weniger Blut haben als die Männer, deren Gefäße zugleich größer sind. Gewöhnlich schätzt man das im menschlichen Körper befindliche Blut auf 20 Pf., sodaß also der sechste bis achte Theil des ganzen Körpers Blut wäre. Man unterscheidet zwei Hauptblutartcn, das arterielle Blut, welches eine hellere Farbe hat, vom (rechten) Herzen aus den Athmungsorganen ausgenommen wird und in sämmtliche Körpertheile bis zur äußersten Peripherie durch die Arterien abströmt, und das venöse Blut, welches etwas dunkel von Farbe ist und aus den peripherischen Thcilen und sämmtlichen Organen durch die Venen zum (linken) Herzen zurückfließt, von wo aus cs in die Athmungsorgane gelangt, um daselbst wieder in arterielles Blut umge- wandclt zu werden. Hierbei ist das Pfortaderblut mit zu dem venösen gerechnet, obschon es sich durch mancherlei Eigcnthümlichkcitcn von diesem unterscheidet. In der mcchanp 426 Blutbrechen scheu Anordnung seiner Bcstandtheile, wie in seiner physikalischen und chemischen Beschaffenheit und in seinen lebendigen Eigenschaften zeigt das Blut sehr zusammengesetzte Verhältnisse, über welche man zum Theil erst in der neuesten Zeit etwas genauer, keineswegs aber ausreichend unterrichtet ist. Das frische Blut besteht im Körper aus sehr zahlreichen, kleinen rundlichen Körnchen, Blutkörperchen, Blut blas chen oder B lutsch ei bchen, welche in einer nur geringen Menge von farbloser oder schwachgelblicher, verschiedene Stoffe in Auf- lösung hastenden Flüssigkeit (B l u t w a s s c r, B l u t f I ü ssi g k e i t oder B l u t s e r u m, Ulazm») schwimmen. Neben den Blutkörperchen finden sich auch noch Lymphkörperchen im Ver- hältniß wie I zu 5 im Blute, welche kleiner als jene sind. Das Blut bleibt nur so lange flüssig, als es in den Gefäßen bcS lebenden Körpers circulirt; wird cs daraus entfernt, so geht cs in den festen Zustand über, und man unterscheidet dann den Blulkuchen (Llaceota oder Lriiar) und das Blutwasser (8er»m). Auch im Körper gerinnt das Blut, wenn cs aus den Gefäßen tritt, z. B. bei innern Blutungen, Contufionen u. s. w. Die chemische Analyse hat eine Menge verschiedenartiger Stoffe, aus welchen das Blut als Ganzes betrachtet besteht, nachgewiesen und zwar sowol zusammengesetzte als einfache. Letztere sind Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff und Kohlenstoff, Natrium und Kalium, Magnesium und Calcium, Chlor, Phosphor und Schwefel, Eisen, Mangan und Kieselerde. Aus den ersten vier Stoffen zugleich mit Phosphor, Schwefel, Kalk und Eisen sind die organischen Stoffe zusammengesetzt, die andern dienen in der Form von Salzen als Lösungsmittel jener im Wasser. Die rothe Farbe des Bluts wird durch das Blutroth (Hämatin) bedingt, welches stets mit einer bedeutenden Menge Eisen verbunden erscheint, das man für die Ursache der Färbung zu halten geneigt ist. Das Verhältniß der Bcstandtheile des Bluts ist verscbieden nach dem Individuum, dem Alter, Geschlecht und Temperament und wird besonders in Krankheiten mannich- fach verändert. Was die Blutbereitung (8i,i>Fui6catio) anbetrifft, so ist sie der Zweck der Verdauung (s. d.) und Assimilation (s. d.), und der Chylus sowie die Lymphe liefern das Material dazu. Da das Blut das Material zur Erhaltung des ganzen Organismus darbictet, gewissermaßen die Urflüssigkeit desselben ist, so leuchtet seine Wichtigkeit für das Leben und Sein von selbst ein und es kann nicht Wunder nehmen, daß die Philosophen des Alterthums den Sitz des Lebens und der Seele im Blute fanden und selbst neuere Physiologe« eine eigene Vitalität ihm zuerkannten. Man beraube irgend einen Theil des Blutzuflusses und bald wird alle Thätigkeit in ihm aufhören. (S. Blutung.) Darum ist cs aber auch im fortwährenden Kreisen begriffen (s. Kreis lauf), um vom Herzen aus nach den entlegensten Thcilen zu strömen und von ihnen wieder zum Herzen zurückzukehren, denn sein Stillstand bringt den Tod. Vgl. Scudamore, „Über das Blut" (Aus dem Englischen von Gambihlcr, Würzb. 1826) und Nasse, „Das Blut physiologisch und pathologisch untersucht" (Bonn >836). Blutbrechen (blitematomesis) nennt man diejenige Krankheit, in welcher sich Blut in den Magen ergießt und unter Würgen und Brechen durch den Mund nach außen geworfen wird. Gewöhnlich geht das Gefühl von Druck und Schwere im Magen vorher und wechselt nicht selten mit krampfartigen Beschwerden ab; dann ist es plötzlich dem Kranken, als würde eine warme Flüssigkeit in den Magen gegossen, und es wird die Magengegcnd aufgetrieben. Ist die Menge des ausgeleerten Bluts bedeutend, so treten die allgemeinen Zeichen der Blutleere ein. (S. Blutung.) Gewöhnlich kehrt das Blutbrechen mehre Male wieder, und die Kräfteabnahme ist dabei stärker als bei irgend einer andern Blutung. Die Genesung erfolgt, indem das Erbrechen aufhört und sich Stuhlgang entstellt, mit welchem nicht selten gleichfalls geronnenes Blut ausgclecrt wird. Meist bleiben jedoch noch längere Zeit gastrische Störungen zurück, und nicht selten kehrt die Krankheit später wieder. Zuweilen entwickeln sich Magenentzündung und Wassersucht. Der Tod erfolgt entweder in Folge des Blutverlustes unter Krämpfen, oder durch Erstickung während des Anfalls, oder später durch Wassersucht und die das Blutbrechen veranlaßten Ursachen. Diesesind nämlich häufig andere Krankheiten, besonders Degenerationen des Magens und der Milz, oft auch unterdrückte Blutungen in andern Organen, besonders der Hämorrhoiden und der Menstruation, daher die Krankheit häufig Frauen in den vierziger Jahren befällt. Die Krankheit ist immer gefährlich, besonders bei kachcktischcn, geschwächten Subjekten. Die Behandlung hat zu l nä ^ un me N- Ar dm dr« Ko e sich j bei grc in ein B, lich die G- wü Or leg> sau W , der ihn W lich leü lick Kl der sta nii lick A> in M Cl au wl O ch er de ar di in s-l sa de S 2 Blutegel 427 nächst für Ruhe in mehr sitzender Stellung zu sorgen, dann die Ursachen zu berücksichtigen und unterdrückte Blutungen wicderherzustcUen. Fallen die Kranken in Ohnmacht, so sehe man nach, ob nicht Blutpfrövfchcn den Schlund verschließen und entferne dieselben. Zur Nachcnr werden Weinsteinmolkcn, Obcrsalzbrunnen u. s. w. gebraucht. Blutegel nennt man eine artenreiche Gattung Wafferwürmer aus der Elaste der Annulata oder Ningelwürmer, welche vorn und hinten eine breite Saugscheibe besitzen und durch wechselndes Ansaugen nach Art der Spannraupen sich vorwärts bewegen. Sie haben drei Kinnladen, jede mit drei Reihen kleiner Zähne bewaffnet, zehn am Vordertheile des Kopfs stehende punktförmige Augen, rothes Blut und getrennte Geschlechter, deren Organe , sich am vordern Theile des Bauches befinden, und pflanzen sich durch Eier fort, welche j beim Legen mit einem schaumigen, bald erhärtendem und dann einen Cocon bildenden Schleime umgeben werden. Im freien Zustande nähren sic sich jedenfalls meist von kleinen Wastergeschöpfen, doch fallen sie alle in ihren Bereich kommende warmblütige Thiere mit großer Gier an, um ihnen Blut auszusaugen. Nicht alle sind Bewohner des Wassers; denn in Ceylon und auf den Philippinen hat man Arten entdeckt, die, in feuchten Wäldern lebend, eine große Plage der Reisenden sind. Am bekanntesten ist der eigentliche mcdicinische Blutegel (lllruäc, ineckicinulis) von olivengrüncr Farbe mit sechs rostrothen, oder gelblichen, schwarzpunktirten Längstreifen. Der Nutzen seiner Anwendung besteht darin, daß die durch ihn veranlaßte Blutentziehung die Capillargefaße der Haut, also nicht die großen Gefäße entleert, und an Stellen vorgenommen werden kann, wo Aderlaß unmöglich sein i würde. Sie ist daher bei Entzündungen, und wo es gilt, den Blutandrang nach bedrohten ! Organen zu vermindern, ein oft sehr heilsames Mittel. Die sicherste Art, Blutegel anui- I legen, ist es, die bestimmte Hautstelle zuerst ohne Seife rein zu waschen, um das schnelle Au- saugen zu befördern, sie mit Milch oder Zuckcrwasscr leicht zu befeuchten und dann den Wurm in einem umgestürzten Wcinglase ans jenen Ort zu bringen. Mit Blut erfüllt, fällt - der Blutegel von selbst ab; wünscht man ihn vor voller Sättigung zu entfernen, so hat man ihn nur mit Salz zu bestreuen; er läßt dann sogleich los, stirbt aber nach kurzer Zeit. Die Wunde pflegt noch einige Zeit zu bluten. Solche Nachblutung wird bisweilen absichtlich erhalten, oder durch aufgelegten Schwamm gestillt, jedoch ist Letzteres nicht immer ganz leicht. In einzelnen Fällen geht die Wunde in Entzündung über und bedarf dann ärztlicher Behandlung. Das Verschlucken lebender Blutegel beim Trinken kömmt in unser» Klimaten wol kaum vor; allein in gewissen Gegenden von Algier hat man seit 1841 unter dem Militair mehre Fälle von sehr gefährlichen Blutungen beobachtet, die nur dadurch entstanden, daß junge Blutegel in unreinem Wasser verschluckt worden waren. Der mcdicinische Gebrauch dieser Würmer ist nicht sehr alt, seit 35—40 Jahren aber immer gewöhnlicher geworden. Gewisse neue Theorien, z. B. von Broussais (s. d.), erheischten ihre Anlegung in vielen Krankheiten, die man ehedem aufsehr verschiedene Art behandelte, und in ungeheurer Anzahl. In den pariser Hospitälern sbllen von 1829—36 jährlich 5—6 Mill. Blutegel, die an 400000 Thlr. kosteten, verbraucht, und durch sie jährlich an 1 '00 Ctr. Blut vergossen worden sein. Der Verbrauch in ganz Frankreich beläuft sich im Jahre auf 30 Mill. Stück. Da der großen Nachfrage auf gewöhnlichem Wege nicht zu genügen war, selbst die Niederungen Ungarns nicht genug liefern konnten, so betreibt man an vielen Orten Deutschlands, Frankreichs und Englands die Blutegelzucht (s. d.) auf künstlichem Wege. Auch hat man wegen der steigenden Preise der natürlichen künstliche Blutegel erfunden. (S. Bdell omctcr.) Der Handel mit diesen Thicren ist von nicht geringer Bedeutung, und Deutschland allein führt mehre Mill. aus, theils in Deutschland gezogen, theils aus dem südlichen Rußland, Ungarn und sogar aus der curov. Türkei. Der Hauptplah dieses Handels ist jetzt die Stadt Rackacrz im Großherzvgthum Posen, wo drei Großhändler im 1. 1842 aus den genannten Ländern 2,150000 Stück Blutegel bezogen und mit Einschluß der überwinterten des vorhergehenden Jahres nicht weniger als 3,550000 Stück besaßen, von welchen bis Febr. 1843 über 3 Mill. im ungefähren Preise von 46 Thlr. für das Tausend verkauft waren. Auch in Frankreich macht man ansehnliche Geschäfte mit Blutegeln; von Bordeaux verschifft man sie nach Westindien, Brasilien und sogar nach Peru, wo die wenigen Überlebenden oft mit 3—5 span. Thlrn. für das Stück bezahlt wer» 428 Blntegelzucht Blutentziehnng den. Monographien sind mehre vorhanden; eine der besten gab Mocquin Tandon; außer- dem vgl. Scheel, „Der medicinische Blutegel" (Brcsl. 1833). Blntegelzucht. Um die Blutegel zu fangen, schlägt man in das Wasser, wo mar solche vermuthct, mit einem Stabe und fischt die herbeischwimmcnden Egel mit einem kleiner Kescher heraus. Am leichtesten fangt man sie unmittelbar nach einem Gewitter und die beste Jahreszeit zum Fang sind die Monate Mai, Juni, Sept. und Oct. Nur gesunde Thicre von mittler Größe taugen zur Zucht; ein Zeichen der Gesundheit aber ist es, daß sich der Blutegel, wenn man ihn sanft in der Hand drückt, sogleich in eine Kugel zusammenballt. Auch vollgesogene Blutegel sind zur Zucht sehr gut zu gebrauchen. Am geeignetsten zur Aufbewahrung derselben sind Teiche etwa 4 F. tief im Moore, wo man 6—S Zoll tief die Moorerde stehen läßt. Die Teiche müssen stets etwa 3 F. Wasserhöhe und Zufluß frischen Wassers Haber, - auch, um das Herausgchen der Blutegel zu vermeiden, mit einem 2—3 F. hohen Walle umgeben sein. Werden die Blutegel im Mai oder Juni in die Teiche gesetzt, so setzen sie bis zum Sept. ihre Brut in den moorigen Untergrund des Wassers ab, indem sie darein ein kleines trichterförmiges Loch bohren, worin sich nach einiger Zeit der Cocon entwickelt, aus dem nach wenigen Tagen 10—15 junge Blutegel schlüpfen, die sich so lange an den Alten festsaugen, bis sie sich selbst Nahrung suchen können. Zur Nahrung der Blutegel werden die Teiche mit Kalmus und andern schilfartigen Waffergewächscn umpflanzt und Meerlinsen, kleine Fische, Schnecken und Frösche in dieselben geworfen. Die Brut und die jungen, noch nichr brauchbaren Blutegel werden in einem besondern Teiche aufbewahrt; sind dicjun- ^ gen Blutegel 6—8 Monate alt, so läßt man sie Blut saugen, weil sie sonst nicht zur Vermeh- ! rung tauglich werden. Beim Herannahen des Spätherbstes versetzt man die Blutegel aus dcm Zuchtteiche in einen kleinern Teich, mit festem Hellen Lehm- oder Sandgrund. Am rathsam- ! sten ist es jedoch, den Weiterbcdarf in Gläsern und Bottichen aufzubewahren, die mit reinem Teich- oder Sumpfwasser bis zu ' s angefüllt und mit Leinwand zugebunden werden. Auf 1 Quart Wasser rechnet man 30 Blutegel, die keiner weitern Nahrung bedürfen, als öfterer Erneuerung des Wassers, im Sommer aller drei, im Winter aller acht Tage. Das frische Wasser muß mit dem abzugießenden gleiche Temperatur haben und wird mittels eines Trich- ^ tcrs, der bis auf den Boden des Gefäßes reicht, langsam in dasselbe gegossen. In dcm Zim- ^ mcr, wo die Blutegel aufbewahrt werden, darf übrigens kein Rauch und Dunst sein; allmä- lige Kälte und zuletzt strenger Frost schaden nichts. In Ermangelung von Teichen kann man die Blutegel auch in großen Kübeln ziehen. Bei der Versendung müssen die Blutegel gehörig feucht erhalten und täglich einmal auf eine halbe Stunde in fließendes Wasser gebracht werden. Auf 10—20 Meilen Entfernung befördert man sie am sichersten in Beuteln von nicht allzufestcr Leinwand, die in reinem Flußwaffer gewaschen und gehörig durchfeuchtet sein müssen. Auf der Reise werden die Beutel, überall, wo es nur die Gelegenheit gibt, in fließendem oder Sumpfwasser einige Male untergetaucht, sobald aber ein Gewitter cintritt, während der ganzen Dauer desselben ins Wasser gebracht. Blüte und Blütenzert, s. Blume. Blutentziehung nennt man die künstliche Entfernung von Blut aus dem lebenden thicrischen Organismus behufs einesHcilzwecks. Sie ist entweder allgemein oder örtlich. Die allgemeine Blutentziehung wird durch Öffnung eines an der Oberfläche gelegenen größcrn Gefäßzweiges vorgenommen; dieser kann entweder eine Vene oder eine Arterie sein. Die Eröffnung einer Vene nennt man gewöhnlich Aderlaß (Venaeseetio) oder Phlebotomie), die Eröffnung einer Arterie Arteriotomie, welche beide Arten schon im Alterthume an- gewendct wurden. Obgleich im Allgemeinen jeder größere oberflächlich gelegene Venenstamm geöffnet werden kann, so wählt man in der Regel doch nur die Venen in der Ellenbeuge und am Fuße, seltener die Jugularvene, wie z. B. bei Apoplexie oder bei Erdrosselten; dagegen wurden bei den Arabern und im Mittelalter mit ängstlicher Sorgfalt die meisten Venen zum Aderlaß benutzt. Die Eröffnung des Gefäßes geschieht entweder mit einerLanzcttc (s. d.), oder mit einem Schnepper (s.d.), und es ist in der Hand des Geübten die erstere vorzu- zichen, da sie eine reine Schnittwunde gibt, während der Schnepper quetscht. Bei dcm Aderlaß selbst wird zuvor zwei Zoll über der zu eröffnenden Stelle eine Binde, die Compressions- bindc, mäßig fest angelegt, damit die Venen zusammcngcdrückt werden und anschwcllcn könne tobe! V dri un B E, zal s° Bi do di« ill öß te> lä« fel bei str Pli re« n>« Lu da hä w« un rü de au in in in do de a> di ai A tv li di n 8 S d l. n v S !> 1 Blutentziehrmg 42li „en; nach dem Aderlaß wird auf die Wunde ein Stück 6—8fach zusammengelegter Leinwand, eine Kompresse, gelegt und mittels einer drei Ellen langen, I'/- Zoll breiten Binde man befestigt, welche man nach 3—4 Tagen, wo die Wunde geheilt ist, wegnehmen kann. Große n'mii Vorsicht crfodert die Eröffnung der Jugularvene, da leicht Luft in sie und so in das Herz bHx dringen kann, was augenblicklichen Tod zur Folge hat. Die Arteriotomieist künstlicher, - vv„ und gewöhnlich macht man sie nur an der Schläfearterie (^rteria temporal») mittels des egel Bistouri (s. d.). Sie wird nur selten angewendet, z. B. bei Ertrunkenen, Erstickten, heftigen »llge-' Entzündungen des Gehirns und der Augen, bei Schlagfluß und Manie, da sie in der Mehr- cunz zahl der Fälle durch den Aderlaß sich ersehen läßt. Was die Wirkung des Aderlasses betrifft, ehm so wird zunächst dem oberhalb der geöffneten Vene gelegenen Körpertheil das ausströmende iben Vcnenblut entzogen und es kann sich nun das in ihm noch befindliche ausdehnen und die Salle dort ihren Ursprung nehmenden Venenzweige ihre rückführende Kraft verstärken, wodurch > bis die etwa vorhandene Anhäufung von Blut vernichtet und die Aufsaugung verstärkt wird; klei- zugleich scheint aber auch eine rückgängige Bewegung des Bluts in den Venen zu der ge- dem öffneten Stelle hin stattzusindcn. Aus diesem Grunde wendet man den Aderlaß bei bedcu- sist- tender örtlicher Kongestion und Entzündung dem kranken Theile so nahe als möglich an, , die läßt bei Krankheiten oberhalb des Zwerchfells am Arme, bei Krankheiten unterhalb des Zwerch- ffcn, ftlls am Fuß zur Ader, ausgenommen bei Blutungen, wo man zur Ableitung (deriviren- gxn, der Aderlaß) umgekehrt verfährt. Beiweitem auffallender ist aber der Einfluß des aus- st,„. strömenden Bluts auf Herz und Lungen, denen die gewohnte Quantität der Blutmassc »eh- Plötzlich entzogen und so gewissermaßen eine Lücke in der Blutsäule gebildet wird. Da das dci» rechte oder Venenherz eine geringere Quantität Blut auf einmal hält, so verstärkt es seine Beim,- ! wegung, um desto öfter das Venenblut aufzunehmen, kann aber nicht zu derselben Zeit den mm Lungen das Blut zuführen und von diesen mit seinem linken Ventrikel wieder aufnehmen, Auf daher verlangsamen sich in demselben Maße die Athemzüge, als sich die Zahl der Herzschläge häuft, und wenn zu große Quantitäten Blut auf einmal aus einer großen Öffnung entzogen jsche werden, erfolgen Ohnmacht und selbst Tod, welche beide dann wol immer von den Lungen rich, und dem Herzen ausgehen; aus demselben Grunde schafft aber auch der Aderlaß bei Ent- jini- zündungen des Herzens und der Lungen so augenblicklich Erleichterung und bricht wol selbst n,ä< den ganzen Krankheitsproceß. Wird nur eine kleine Quantität Blut auf einmal oder nur aus einer kleinen Öffnung entzogen, so gewinnt der Organismus Zeit, die Blutsäule zu ersetzen, örjg indem durch verstärkte Resorption der Venen im ganzen Körper alles Flüssige und Stockende ach, in den Kreislauf übergeht. Dadurch wird aber das Verhältniß des Wassers und der Salze von im Blute bedeutend vermehrt, worin nur die noch vorhandenen Blutkügelchcn schwimmen, hkt das Blut wird Heller, dünner und kälter, verliert seine belebende Eigenschaft, was sich beson- , j„ ders am Muskel- und Nervensystem zeigt, indem Zuckungen und Krämpfe oder Konvulsionen ritt, austreten und Ohnmacht, selbst Tod vom Gehirn und Rückenmark aus cintreten. Durch diese verstärkte Resorption und Verdünnung des Bluts wird es auch vermittelt, daß von der angestochenen Vene entfernter liegende Organe von Kongestion und Entzündung, so wie von ,den Anhäufung abgelagerten Bildungsstoffes überhaupt befreit werden. Durch das Wässeriger- Die werden des Bluts wird zugleich die Kraft der Gefäße auf dasselbe geschwächt, und nament- ncii ' lich vermögen die Vcnenwände es weniger gut aufzuhalten, deshalb schwitzt es auch aus sei,,. denen, die sehr freiliegen, wie besonders an serösen Häuten, leicht durch, und so entsteht cbo- nach zu starkem Aderlaß Wasscrerguß in den Höhlen des Gehirns, Rückenmarks und der an- Brust. Endlich zeigt auch die Erfahrung, daß nach jedem Aderlaß die Quantität des Bluts mm größer wird, als sie früher gewesen, daher die sogenannten Gewohnheitsaderlässe, an uige denen das Volk noch so häufig hängt, wenngleich die rochen Tage, „an denen gut Aderlässen", :gen längst aus den Kalendern verschwunden sind, nicht nur nachtheilig auf den ganzen Körper zum wirken, sondern auch die Plethora oder den Blutüberfluß anstatt zu vermindern, vielmehr d.), vergrößern, und so die Aderlässe immer häufiger gemacht werden müßten, um das wallende rzu- Blut zu vermindern. Ähnlich verhält es sich bei organischen Herz- und Lungenkrankheiten, rkaß daher man bei ihnen den Aderlaß möglichst meiden muß. Über das wieviel und wicoft in >ns- Krankheiten zur Ader gelassen werden soll, lassen sich keine allgemeine Regeln geben; jedenfalls kön- ist aber, wenn einmal zur Ader gelassen werden muß, ein einmaliger starker Aderlaß besser als 430 Blmer Blutgeld wiederholte kleinere, welche offenbar störender cingreiftn und somit auch mehr Nachthcil stiften. Der Aderlaß bildet den wichtigsten Thcil des sogenannten antiphlogistischen Apparats (s. Entzündung), deshalb trieben auch Broussais (s.d.) und seine Schüler, welche überall Entzündung ahnen, damit einen argen Misbrauch. Allerdings gibt es Zeiten, wo ein entzündlicher kenius epiclemicus herrschend ist, und dann wird der größere Thcil der Krankheiten Aderlaß erfodern, so z. B. zu Sydcnham's Zeit und 181 l—23, wo auch Broussais' Lehren entstanden und an ihrem Orte waren; allein diese Zeiten gehen auch vorüber. Bei den ö rt- lichen Blutentziehungen wird das Blut nicht aus den größer» Gefäßstämmen, sondern aus den Capillargefäßcn und der Substanz der Organe unmittelbar entleert, entweder mittels kleiner Einschnitte oder durch Blutegel ss. d.). Die Einschnitte macht man z.B.in die Mandeln, das Zahnfleisch u. s. w. mit einem Messer (Scarification) oder mittels besonderer Instrumente, wie beim Schröpfen (s. d.). Bei allen ist es nothwendig, daß die Nachblutung einige Zeit unterhalten werde, entweder durch warme Bähungen wie beim Scarificiren oder den Blutegeln, oder durch Saugapparate, wie bei den künstlichen Blutegeln (s. Bdello- mete r) und dem Schröpfen durch Schröpfköpfe. Ihre Wirkung ist unmittelbare Entleerung des örtlich stockenden Bluts oder künstliche Heranziehung des Blutstroms, daher sie sowol bei vorhandenen Congcstionen und Entzündungen einzelner Theile an diese unmittelbar, als auch, wenn diese nicht zugänglich, an entferntere in Antagonismus, Consensus oder Continui- tät mit ihnen stehende behufs der Ableitung, sowie zum Ersatz unterdrückter oder stockender Blutungen angewendet werden. Sie haben mit Ausnahme des Schröpfens den Nach- thcil, daß man die Quantität des entleerten Bluts nicht bestimmen kann, wirken daher im Übermaß angewcndct gleich zu starken Aderlässen, die sie jedoch nie ersetze» können, weshalb, wo viel Blut entzogen werden muß, stets die Aderlässe vorausgehen müssen. Auch mit ihnen wird, besonders in Frankreich, derselbe Misbrauch wie mit den Aderlässen getrieben. Vgl. Mczler, „Versuch einer Geschichte des Aderlasses" (Ulm 1793), Schneider, „Der Aderlaß" (Tüb. 1827), Simon, „Der Vampyrismus des 19. Jahrh." (Hamb. 1839), Nopiksch, „Chronologie und Literatur der Blutentzichungen" (Nürnb. 1833) und Marshal Hall, „Über Blutentziehungcn" (deutsch, Berl. 1837). Bluter nennt man Individuen, bei welchen entweder ohne oder nach vorausgegangcnen meist sehr geringfügigen Verletzungen, wie Stöße, Stiche, Schnitte, Ausziehen eines ZahnS u. s. w. an den betreffenden Stellen das Blut hervorquillt, ohne daß irgend ein künstlich an- gcwcndetes Mittel im Stande ist, dasselbe zu stillen. Zwar vermitteln anfangs zuweilen Ohnmächten einen Stillstand; später aber sterben die Meisten bei den mehr oder weniger häufig wiederkehrcnden Recidiven unter den Zeichen der Blutleere. Die nächste Ursache der Krankheit ist dunkel, scheint aber in einer eigenthümlichen Blutmischung zu beruhen, wodurch das Blut die Fähigkeit zu gerinnen und die Gefäßendcn die sich zusammenzuziehen verloren haben. Die Krankheit ist meist angeboren und in einzelnen Familien erblich (Bluterfamilien), geht gewöhnlich aber nur auf die männlichen Nachkommen über. Die Meisten starben bis zum siebenten Jahre; Einige erreichten allerdings auch ein höheres Alter, indessen hatte hier sich die Krankheit vielleicht erst später entwickelt. Vgl. Ricken, „Neue Untersuchungen in Betreff der erblichen Neigung zu tödtlichen Blutungen" (Franks. 1829). Blutstuß, s. Blutung. Blutgeld nannte man die Belohnung, welche sonst in England Angeber und Zeugen in verschiedenen Crüninalsällen bekamen. Da es tief in dem Wesen der engl. Criminalver- faffung gegründet ist, daß die Strafrechtspflege ohne den Willen der Beschädigten und Zeugen ihren Zweck nicht erreichen kann, so wurden durch verschiedene Gesetze von 1692, 1694, 1699, 1707, 1720, 1741 und 1742 Belohnungen von 10—50 Pf. St. für Diejenigen ausgesetzt, durch deren Zeugniß Straßenräuber, Diebe und Falschmünzer überführt werden würden. Bei gewissen Diebstählen, z. B. Einbruch und Pferdediebstählcn, sollte nach dem Gesetze von 1699 Derjenige, welcher den Verbrecher ergreifen und überführen würde, außer baaren 40 Pf. St. noch ein Certificat erhalten, wodurch er von den Kirchspieldicnsten, z. B. als Armcnaufscher, Kirchenvorstehcr u. dgl., fvei wurde. Solche Frcischcine, auch Galgenscheine (l^ buri, ticlrets) genannt, konnten verkauft Werden, weil sie sonst Dem, der sie zum zweiten Male erhielt, nichts mehr geholfen hätten, und wurden in großen Städten, wie zu Bluthochzeit 46t Manchester, zu einem Preise von 250— 300Ps. St. verkauft. Die Smmne der Belohnungen, ohne dietickets, betrugt798in England 770», >813 war sic auf 1800»Pf.St. gestiegen. Für die zur Verurtheilung hinreichende Anzeige von dcm Ausgcbcn falscher Banknoten , worauf Todesstrafe steht, zahlt die Bank 30, und für die Anzeige falscher Münzen 7 Pf. St. Der Mißbrauch, welcher aus diesem System entstand, war unerhört, und eine Menge Menschen ist auf diese Weise geopfert worden; die Policcibcamten kannten die Verbrecher, die Verfertiger falscher Noten und Diejenigen recht wohl, welche sich ein eigenes Gewerbe daraus machten, arme, unwissende und leichtsinnige Menschen zum Ausgaben falscher Noten zu verführen; allein sie schonten die eigentlichen Urheber des Verbrechens als gute Kunden und gaben, um das Blutgeld zu verdienen, die Verführten an. So gestand 1756 ein gewisser M' Daniel ein, daß er 70 Menschen durch sein Zeugniß das Todesurtheil zugezogen habe. Durch eine Parlamentsacte (58.GeorgIII., c. 70) wurde l8I8 das Blutgeld im Allgemeinen abgeschaffr, in Rücksicht auf Banknoten besteht jedoch noch jcht das frühere Unwesen- Muthochzeit oder Bartholomäusnacht nennt man die entsetzliche Niedermetzelei der Ncformirten oder Hugenotten (s. d.) in Paris, kurz nach der Vermählung des Prinzen Heinrich von Bearn, in der Nacht des Bartholomäustags von 2t. — 25. Aug. 1572. Nach dem Tode Franz's II., 1560, hatte Katharina von Mcdicifs. d.) als Regcntin für ihren minderjährigen Sohn, Karl IX., dm Ncformirten, an deren Spitze der Prinz von Conde stand, der katholischen Partei des Herzogs Franz von Guise (s. d.) zum Trotz ein Duldungsedict gegeben. Beide Parteien griffen zu den Waffen, und so brach ein Kampf aus, der acht Jahre lang dauerte und dessen Grausamkeiten bei der gegenseitigen Erbitterung fast allen Glauben überstiegen. Der Herzog Franz von Guise ward meuchelmörderisch ermordet, und der Prinz von Conde in der Schlacht von Jarnac 1569 gefangen und als Kriegsgefangener erschossen. An die Spitze der Reformirtcn trat darauf neben dem Admiral Coligny (s. d.), den die Feinde übrigens für den Urheber des erwähnten Meuchelmordes hielten, der junge Prinz Heinrich von Bearn, der nachmalige König Heinrich IV., ein Neffe CondCs. Erst als die Kräfte gegenseitig erschöpft waren, kam am 8. Aug. 1570 der Friede zu St.-Germain-cn-Laye zu Stande, in welchem die Reformirtcn freie Religions- Übung erhielten. Allein derselbe war nur zum Schein geschlossen worden. Katharina von Medici erheuchelte zwar die besten Gesinnungen für die Reformirtcn, suchte dieselben sogar durch eine Vermählung des jungen Heinrich von Bearn mit ihrer Tochter Margaretha am >8. Aug. 1572 in Sorglosigkeit einzuwiegcn; ja auch den Admiral Coligny lockte man nach Paris, und der König machte ihm nicht nur kostbare Geschenke, sondern gab ihm auch eine bedeutende Stelle im Staatsrathc; aber alle diese Dinge waren nur die entsetzlichste Heuchelei. Ganz plötzlich starb zuerst in Paris Johanna, die Mutter Hcinrich's von Bearn; man ver- muthete, sie sei von Katharina durch ein Paar Handschuhe vergiftet worden. Nachdem man durch die Vermählung des jungen Prinzen Heinrich die vornehmsten Ncformirten nach Paris gelockt, wurde am 22. Aug. 1572 der Admiral Coligny durch einen Schuß aus einem Fenster im Schlosse verwundet. Zwar eilte der König zu ihm und schwor, ihn zu rächen; aber noch au demselben Tage ward der König von seiner Mutter überredet, daß der Admiral ihm nach dem Leben trachte. „Bei dem Tode Gottes!" soll er ausgerufen haben, „man tödte den Admiral, aber nicht ihn allein, sondern alle Hugenotten, damit auch nicht einer übrig bleibe, der uns beunruhigen könne!" Die Nacht darauf hielt Katharina Rath und bestimmte die Nacht des Bartholomäustags zur Ausführung. Nach der Ermordung Coligny's gab eine Glocke auf dem Thurme des königlichen Schlosses, in der Stunde der Mitternacht, den versammelten Bürgercompagnien das Zeichen zur allgemeinenNiedermehelung der Hugenotten. Der König selbst soll vom Schlosse herab auf die Vorübereilenden geschossen haben. Der Prinz von Conde und der König von Navarra retteten ihr Leben nur dadurch, daß sie in die Messe gingen und scheinbar zur katholischen Kirche übertratcn. Gleichzeitig wurden auch die Provinzen zu einem gleichen Blutbade aufgcfodert, und wenn auch in einigen die Beamten sich schämten, die ihnen zugegangcnen Mordbcfehle zu veröffentlichen, so fanden sich doch blutgierige, fanatische Menschen genug, welche mehre Wochen hindurch in fast allen Provinzen die größten Abscheulichkeiten begingen, sodaß man annehmen kann, daß an 30000 Menschen hingeopfcrt worden. Der Papst feierte die Bartholomäusnacht durch Kanoncnsal- 432 Blutrache Blutschande ven, feierliche Processio» nach der Kirche des heil. Ludwig, durch ein großes 1 e I)e»m und durch das Ausschrcibcn eines Jubeljahrs. Viele der Hugenotten flüchteten in unwegsame Gebirge und nach Röchelte, das der Herzog von Anjou belagerte, als er die Nachricht erhielt, daß ihn die Polen zum Könige gewählt hätten, worauf er am 6. Juli 1573 einen Vergleich abschloß und der König den Hugenotten Amnestie und in gewissen Städten Neligionsübung bewilligte. Vgl. Curths, „Bartholomäusnacht" (Lpz. 1814), Wachler, „Die pariser Blut- Hochzeit" (Lp;. 1826 ;2. Aufl., 1828) und Audin, „Histoire la 8te.-öartbelem^ tl'a- pres les ckronicjues et les mriniiscrit» ein löieme giede" (Par. 1829). Blutrache heißt die noch jetzt bei den Arabern und andern Völkern Asiens, Afrikas und Amerikas, auch vor kurzem noch in Corstca herrschende Sitte, einen Mord von Seiten der Verwandten des Ermordeten durch die Tödtung des Mörders oder seiner Verwandten zu rächen. Sie ist in der Regel die Pflicht des nächsten Anverwandten des Ermordeten; der Vater rächt den Sohn und dieser jenen, der Bruder den Bruder u. s. w. Oft wird sie Jahre lang gesucht und gegenseitig fortgesetzt und verwickelt nicht selten ganze Stämme in die langwierigsten Fehden, deren Aussöhnung meist höchst schwierig ist. Sie ist eine Folge des engern Bandes des Familienverhältnisses, welches im Naturstande einen überwiegenden Einfluß hat, und verschwindet deshalb auch in dem Maße, wie sich die bürgerlichen Verhältnisse befestigen und das Leben schützen. Daher finden wir fie auch fast bei allen Völkern in ihren rohcrn Zuständen, so bei den Griechen, Römern und Germanen. Gute Untersuchungen hierüber hat neuerlich Tobien angestellt in der Schrift „Die Blutrache nach altem ruff. Rechte u. s. w." (Dorpat 1840). Blutregen oder'Blutth au nennt man rothe Tropfen, oder im weitern Sinne auch andere Substanzen, welche entweder wirklich aus der Atmosphäre herabfallcn, oder deren Erscheinen doch vom Volke aus der Atmosphäre abgeleitet wird. Erscheinungen dieser Art finden sich schon seit den ältesten Zeiten ausgezeichnet. Mit besonderer Sorgfalt hat Ehrenberg alle bis jetzt bekannten Fälle dieser Art kritisch zusammengestellt in Poggendorf's „Annalen" (Bd. 18). Eine nähere Untersuchung hat ergeben, daß der Blutrcgen seinen Ursprung verschiedenen Ursachen verdanke. In manchen Fällen scheint durch die Luft fortgeführte rothe Erde, welche sich den atmosphärischen Niederschlägen beimengt, seine Farbe verursacht zu haben. Auch ist ziemlich bekannt, daß Bienen und Schmetterlinge, diese beim Auskriechen aus der Puppe, jene beim ersten Ausfliegen im Frühjahr oder nach lang anhaltendem rauhen Wetter, mehre Tropfen rothcr Flüssigkeit fallen lassen, deren Menge oft überrascht. Blutartiges Wasser wird zuweilen durch die kleinen rothen Wasserflöhe veranlaßt. Infusorien von rother Farbe haben in andern Fällen dieselbe Erscheinung hervorgerufen. In vielen Fällen hängt auch die rothe Farbe der Gewässer und des Schnees, die rothen Flecke auf Gewächsen, Brot u. s. w., die man nach oberflächlichem Anblick blutartiger Natur halten könnte, von der durch besondere Umstände begünstigten Erzeugung kleiner, pilz- oder schimmelähnlicher rother Gewächse ab, deren Organisation durch das Mikroskop erkannt wird. Vgl. Nees von Esenbeck, „Über das organische Princip in der Erdatmosphäre und dessen meteorische Erscheinungen" (Schmalk. 1825). Blutsauger, s. Vampyr. Blutschande oder Inee st kann im engern Sinne wie auch das deutsche Wort an- deutct, nur Beischlaf zwischen Ascendcnten und Descendenten, d. h. Altern und Kindern, Großältern und Enkeln, oder zwischen Geschwistern bezeichnen; doch pflegen die Gesetzgebungen häufig die Blutschande auch auf andere Grade der Verwandtschaft, insbesondere auch auf das analoge Verhältniß der Schwägerschaft, also zwischen Schwiegerältern und'Schwieger- kindern, Stiesältern und Stiefkindern, auszudehnen, sodaß man am richtigsten Blutschande im weitern Sinne als den Beischlaf zwischen denjenigen Personen bezeichnet, denen wegen der Nähe der Verwandtschaft oder der Schwägerschaft die eheliche Verbindung miteinander untersagt ist. Der Grund der Bestrafung der Blutschande liegt in der Verletzung sittlicher Ansichten, deren Aufrechthaltung der Staat nöthig hat; bei der Blutschande im engern Sinne liegen Roheit und Verletzung heiligster Pflichten klar vor, bei den übrigen Fällen treten mehr politische Rücksichten ein, oder die Wahrung der Zucht und Ordnung innerhalb des Familienkreises. Das kanonische Recht nahm bei seinen ausgedehnten Eheverboten sehr viele Fälle der Blutschwar Blutsturz 433 m- Blutschaiide an, aber nur zum Zwecke der Rechtfertigung kirchlicher Bußen. Das deutsche gemeine Recht und noch mehr die Particularrechte haben diesen Begriff richtiger aufgefaßt. Auch die früher in der Praxis, wenn auch nicht durch Gesetzgebung gerechtfertigte sehr harte und arbitraire Strafe ist in neuern Gesetzgebungen,auf Gefängniß- oder mehrjährige Zucht- hausstrafe„herabgesetzt worden. Der franz. (locke >><:n->I straft nur den Fall der Blutschande, wenn die Altern ihre Kinder unter 21 Jahren zur Unzucht mißbrauchen, an den erstem mit zwei- bis fünfjährigem Gefängnisse. Blutschwär oder Furunkel nennt man die zum Übergang in Eiterung neigende Entzündung des eine Haar- oder Hautdrüse umgebenden Unterhautzellgewebcs. Zuweilen mir, zuweilen ohne Fieber, welches gewöhnlich den gastrischen Charakter hat, beginnt die Entzündung unter brennendem, bohrendem Schmerz als erbsengroße, harte, tief in der Haut liegende Geschwulst, wobei die Hautdecke eine dunkclrothe, an dem Rande aber rosenrothe Farbe zeigt. Nach und nach nimmt die Geschwulst zu, wird immer dunkler, blauroth und violett, bis, da selten Zerthcilung stattfindet, die Entzündung nach 6—8 Tagen in Eiterung übergeht. Gewöhnlich entstehen mehre solcher Geschwülste auf einmal am Gesäße, an dem Oberschenkel, ani Bauche, auf dem Rücken, im Nacken u. s. w., besonders bei skrofulösen Subjecten, wo sie nicht selten habituell werden. Auch äußere Reize, scharfe Salben, namentlich die Krätzsalben, erzeu- gen sie. Gleich bei ihrem Entstehen kann man sie durch Atzen der Hautstelle mit Höllenstein oder Bestreichen mit Jodtinctur zur Zerthcilung führen; haben sie sich aber schon mehr entwickelt, so muß man sie dann durch lauwarme Chamillenüberschläge zur Eiterung führen und durch einen tiefen Schnitt durch die ganze Lederhaut öffnen. Sehr zweckmäßig ist cs, wenn man nach der Öffnung einigemal durch Kalomcl und Jalappe abführt. Bei habituellen Blutschwären wendet man mit Erfolg oft wiederholte Brechmittel sowie die Jobpräparate an. Blutsfreundschaft, s. Verwandtschaft. Blutstein, ein harter, schwerer, gewöhnlich braunrother Eisenstein, ohne bestimmte Form, wird von vielen Metallarbeitern als Polirmittel, ferner zu Tuschen auf Porzellan, zum Färben des Glases und zum Abschleifen feiner Stahlwaaren gebraucht. Man bricht ihn häufig in Böhmen, Schlesien, Sachsen, auf dem Harze und an andern Orten; der beste aber kommt von Compostella in Spanien. Blutsturz oder Lungenblutung (llsemoptxsis) nennt man die aus denRespi- rativnsorganen erfolgende Blutung. Die Kranken bekommen ein Gefühl von Brennen im Kehlkopf und in den Luftröhren, mit kitzelndem Reiz zum Husten, welcher kurz und stoßweiße erfolgt, und mit ihm wird in den gelinder» Fällen einiges Blut ausgcworfcn (Blutspeien); in den heftiger» entsteht aber zuerst ein Gefühl von Druck auf der Brust, plötzlich ist dem Kranken, gewöhnlich des Nachts, gegen Morgen, als würde unter dem Brustbeine eine warme Flüssigkeit ergossen und stiege vollends in die Höhe, worauf stoßweise eine größere oder geringere Menge gewöhnlich Hellrothen, schaumigen, mit Luftblasen gemengten Bluts meist ohne große Anstrengung ausgeworfen wird oder gleichsam hervorstürzt. Wird das Blut nicht nach außen geworfen, sondern ergießt es sich in das Innere der Lungen, so erfolgt Lun- gmschlagfluß. (S. Schlagfluß.) War der Blutverlust stark und kehrt, wie nicht selten, der Anfall wieder, so gesellen sich die Zeichen der Blutleere hinzu. (S. Blut u n g.) Bei kleinern Quantitäten aber häufiger Wiederkehr erfolgt Übergang in Lungenentzündung oder Lungenschwindsucht, besonders bei skrofulösen Subjecten. Die Krankheit findet sich am häufigsten in den Blütenjahren, zwischen dem 15 .- 55 . Jahre, besonders bei Männern, welche schnell wachsen oder Anlage zu Lungentuberkeln haben, nicht selten unter Vermittelung heftiger Anstrengungen, Einathmen scharfer Dämpfe u. s. w. Bei älter» Subjecten ist sie häufig eine Folge unterdrückter anderwciriger Blutungen, namentlich der Hämorrhoiden bei Männern, der Menstruation bei Frauen, bei welchen lehtern jedoch häufiger unter diesen Verhältnissen Blutbrechen (s. d.) eintritt. Die Hauptbedingung der Behandlung ist während der ganzen Dauer der Krankheit die höchste Ruhe des ganzen Körpers und der Lungen insbesondere und möglichste Abhaltung des Blutstroms von den Lungen. Man bringe den Kranken mit möglichster Vermeidung der starken Bewegung in eine mehr sitzende Lage, löse alle die Brust und den Bauch beengenden Kleidungsstücke, während man die Strumpfbänder nicht nur Conv. - Sex. Neunte Ausl. tl. 28 434 Bluttaufe Blutung sitzen läßt, sondern sogar noch fester anzieht. Ist ein Arzt nicht gleich zu erlangen, so gibt man bei starker Blutung sogleich I —2 Theelöffel voll Kochsalz und läßt den Kranken etwas Wasser trinken. Der Arzt sucht dann, nach Beseitigung der Ursachen, diesen gemäß dem Blutstrom eine andere Richtung zu geben, was in den heftigern Fällen durch Aderlaß ent- weder am Fuß oder am Arme geschieht, worauf man entweder auf den Darmkanal durch Neutralsalze und scharfe Klystiere, oder auf die Nieren durch Digitalis, welche zugleich die Herzthätigkeit beschränkt, oder aus die Haut durch Senfpflaster, Fuß- und Handbäder, Ter- penthinüberschläge u. s. w. wirkt, wobei eine streng antiphlogistische Diät zu beobachten ist. Bluttaufe nannte man den Tod der Märtyrer (s. d.) des Christenthums insofern, als er, wie zuerst Tertullian und nach ihm andere Kirchenlehrer behaupteten, entweder die noch nicht empfangene Waffertaufe ersetzt oder die nach derselben begangenen Sünden tilgt, daher er auch als zweite Taufe bezeichnet werden kann. Name und Begriff kamen ursprünglich aus dem Neuen Testamente, wo einige Mal Elend und Noch eine Taufe genannt werden. Blutung oder Blu t fluß (üaemorrkagia) nennt man den Austritt des unveränderten Bluts aus den für ihn bestimmten Kanälen, den Gefäßen. Da deren Wände so beschaffen sind, daß sie das Austreten der unveränderten Blutmasse verhindern und auch keine Gefäßmündungen vorhanden sind, so wird zu jeder Blutung eine Verletzung der Gefäßwände ersodcrt, und hierin ist zunächst auch der Unterschied der Blutung von der blutigen Secretion begründet, welche in einem Durchschwitzen des mit Blutroth gefärbten Plasma durch die unverletzten Gefäßwände besteht und daher mit einer Veränderung des Bluts verbunden ist. Je nach den Blutgefäßen unterscheidet man arterielle und venöse Blutungen; bei der Capillar- gcfäßblutung kommt das Blut aus den feinsten Verzweigungen beider Gefäßarten, welche das Capillargefaßsystem bilden. In Bezug auf die Schnelligkeit und die Menge des auf einmal ausfließenden Bluts, unterscheidet man Bluttröpfeln (Stillieiliium ssnguinis), Dlut- fluß (Lroüuvium sanguinis oder kluewatvrrlloes) und Blutsturz (Haemnriliggia); doch wird letzterer Ausdruck vorzugsweise für die Lungenblutung gebraucht. Die Blutungen sind entweder äußere, wie z. B. die Lungen-, Magen-, Darm-, Gebärmutterblutungen, oder innere, wo das Blut entweder in geschloffene oder natürliche Höhlen, z. B- der Brust, des Bauchs und des Kopfes ergossen wird, oder der Erguß in das Gewebe oder Parenchym der Organe erfolgt (parenchymatöse Blutungen). Die Blutungen werden veranlaßt durch Verletzung der Gefäßwände, was entweder direct und von außen durch mechanische und chemische Mittel oder indirect und durch innere Ursachen geschieht. Letztere mögen wirken wie sie wollen, stets rufen sie eine örtliche Anhäufung des Bluts in den Gefäßen hervor, welche dann außer Stande sind, den Druck der Masse zu gewältigen, und ihm also nachgeben müssen. Die Anhäufung des Bluts ist aber entweder Folge des vermehrten Zuströmens durch die Arterie oder des gehinderten Rückflusses des Bluts durch die Vene. Außer der Blutanhäufung trägt der Zustand der Gefäße nicht wenig zum Zustandekommen der Blutungen bei und darauf beruht auch zum Theil die Anlage zu Blutungen, welche sich am höchsten bei denBlutern (s. d.) ausgebildet findet. Da die dünnern Venenwände leichter als die dichter» Arterienwändc zerreißen, so sind venöse Blutungen beiweitem häufiger als arterielle, besonders bei Frauen, deren Venen verhältnißmäßig weniger Blut fassen als die der Männer. Je lockerer das Gewebe ist, welches die Gesäße umgibt, je weniger es ihrer Ausdehnung Widerstand zu leisten vermag, desto leichter kommen Blutungen zu Stande, daher die so häufigen Blutungen aus den Gefäßen der Schleimhäute der Nase, der Lungen im jugendlichen Alter und des Darmkanals im Mannesalter. Der Mangel an Widerstand ist es auch, welcher beim Ersteigen hoher Berge das Austreten des Bluts aus Nase, Mund, Ohren, Augen u. s. w. herbeiführt, indem mit der Entfernung von der Erde sich die Dichtigkeit und der Druck der Atmosphäre vermindern, während die mit dem Aufsteigen verbundene Anstrengung den Blutumlauf, besonders in der ober« Körperhälfte, bethätigt; dagegen bringen vermehrter Druck und Dichtigkeit der Atmosphäre Congestion zu inner« Theilen, besonders der untern Hälfte des Körpers und somit auch Blutungen aus denselben hervor. Da die Witterungsveränderungen einen ähnlichen Einfluß auszuüben im Stande sind, so kommen zuweilen auch Blutungen aus einzelnen Organen epidemisch vor. Überhaupt kann Alles, was Congestion (s- d.) >» einem Organ herbeizuführcn im Stande ist, auch Blutungen Hervorrufen; so geistige um k il n st ir V- L ei Z w O H ist gc gr ur un UN et bei Al S< un ten Ar gef ma hir sin son Ge M Hel sie sch fa- die we bes höi M za im sch drc fai 3° we I Blutzehent Bobbinet 435 M körperliche Aufregungen, erhitzende Speisen und Getränke u. s. w. Der Verlauf der Blutung oas ist immer acut, sie kann aber in Absätzen auftrcten und dadurch den Anschein eines chro- >em nischen Verlaufs annehmen; wirkliche chronische Blutungen gibt cs nicht, denn was man mk- so nennt, sind blutige Secretionen. Die Genesung, d. h. das Aufhören der Blutung, erfolgt, irch indem sich an der verletzten Gefäßstclle durch Gerinnung des Bluts und Ausschwitzung die plastischer Lymphe cm Blutpfropf bildet, welcher die Öffnung verschließt; da wo die ier- Blutung sehr heftig oder aus einem edlen Organe stattfindet, tritt nicht selten Ohnmacht i. ein, wodurch die Blutung gleichfalls zum Stehen gebracht wird. Meist gehen ihr dann ern, Schwindel, selbst Phantasiren, Übelkeit, Erbrechen und Krämpfe verschiedener Art vorher, loch welche den zu starken Blutverlust fast immer begleiten, wenn cs auch nicht immer zur chcr Ohnmacht kömmt. In diesen Fällen bleiben stets die Zeichen der Blutleere zurück, die chch Haut nimmt eine Wachsfarbe an, fühlt sich kühl an, der Kranke kann sich kaum erwärmen, „. ist matt, der Herzschlag ist häufig aber matt, der Puls ist kaum fühlbar und alle Functionen der- gehen träge von statten; Wassersucht, Lungenschwindsucht, Krankheiten des Herzens und der Hof- großen Gefäße sind nicht selten die Folge davon. Der Tod erfolgt entweder durch Erschöpfung eine unter Convulsionen oder später durch Hydrops; bei den parenchymatösen Blutungen aber indc unter der Form des Schlagflusses. Vgl. Meyer, „Systematisches Handbuch zur Erkenntniß tion und Heilung der Blutflüsse" (2 Bde., Wien 1 801 ) und Latour, „Listoire pliilosopkique die et mellicale erfolgreiche Anstrengungen, die Bobbinetstühle durch eine ähnliche Vorrichtung, wie j kW 436 Bobbiuet die Jacquard'fchc für Webestühlc, auch zur Fertigung gemusterter Gegenstände in Stand zu setzen. Die Übergänge dazu bildet der sogenannte b'anc^-net, von dem der Kreeisn-net, der Rosentüll (Rosesn tu»), das Hone^ comb <>>>er, worb u. s. w. die üblichsten Formen sind. Außerdem unterscheidet man glatten und Streife nbobbinet. Da man von der Bob- binetmanufactur die Ausdrücke Weben, Stuhl u. s. w. zu gebrauchen pflegt, so könnte daraus eine irrthümliche Verbindung dieses Industriezweigs mit der Maschinenwcberei entstehen. Man braucht indessen nur ein Stück Bobbinet genau anzusehen, um sich zu überzeugen, daß es hier auf etwas ganz Anderes als bei der Weberei ankommt, nämlich auf die Bildung regelmäßiger Löcher oder Maschen durch Verschlingung der Fäden. Es liegt also auf der Hand, daß der Proceß der Bobbinetcrzcugung vielmehr dem Strumpfwirken verwandt ist. Das Wirken hat aber weit größere Schwierigkeiten, wenn es durch Maschinen ausgeführt werden soll, als das Weben. Dennoch ist die Strumpfwirkern mit Maschinen sehr alt. William Lee von Nottingham, der 1589 den ersten Strumpswirkerstuhl aufstellte, ist auch als der Vater der Bobbinetmanufactur anzusehen, denn letztere hat sich ganz allmälig aus der Strumpfwirkerei entwickelt. Nachdem Lee lange vergebens gestrebt hatte, seiner Erfindung in England Eingang zu verschaffen, nachdem er, mismuthig darüber, in Rouen einen nicht unglücklichen, aber nach Heinrich's IV. Ermordung wieder aufgcgebcnen Einführungsvcr- such gemacht hatte, nachdem durch den bestochenen Meade die Erfindung nach Venedig über- gepflanzt, aber aus Mangel an Maschinenbauern dort wieder aufgegcben war, nachdem endlich auch mehre Versuche in Holland gescheitert waren, drang allmälig die gute Sache durch und bereits 1684 erhielten die Maschinenstrumpfwirker Englands vom Parlamente die Rechte einer Corporation. Im I. 1,669 zählte England 660 Stühle, von denen auf London allein 400 kamen. Drei Viertel derselben aber verarbeiteten damals nur Seide. Jm Z. 1695 zählte schon London allein über 1500 Strumpfwirkerstühle. Allmälig war auch eine bedeutende Zahl Stühle nach Frankreich und den deutschen Staaten ausgeführt worden, und die Ausländer fingen an, bessere und billigere Maaren zu liefern als die Engländer, was wenigstens in Bezug auf Sachsen zum Theil noch gegenwärtig gilt. Die steigende Anmaßung der Strumpf- wirkercorporation in England, welche ein Monopol zu erschleichen suchte, führte 1730 ihre Auflösung durch Parlamentsbeschluß herbei. Um dieselbe Zeit fing man an, auch Baumwolle zum Strumpswirken anzuwenden. Die Ausländer, namentlich die Franzosen, übertrafen damals die Engländer besonders durch die Schönheit der Zwickel (cloeks) an ihren Strümpfen; vermöge einer eigenen Einrichtung an ihren Stühlen waren sie nämlich im Stande, die Schlingen oder Maschen während des Webens in verschiedenen Richtungen zu verschieben und spitzenähnlichc Muster zu erzeugen. Bald darauf wurde die Petinetmaschim erfunden, welche zuerst nur ein Anhängsel an den Strumpfwirkerstuhl war und wol ein netzartiges Gewebe erzeugte, das aber die Beschaffenheit nur dann beibehielt, wenn es gesteift wurde. Hierauf wurden von Strukt (I759) und Horton (1776) Maschinen erfunden, um bobbinetartige Gewebe zu erzeugen, aber erst 1809 gelang es Heathcoat, eine Maschine herzustellen, welche ungefähr Dasselbe erreichte, was die jetzigen Bobbinetmaschinen leisten. Um indessen einen Begriff von dem Abstande zwischen dieser Maschine und den neuesten zu geben, genügt es anzuführen, daß jene zur Bildung einer einzigen Masche 24 Bewegungen und noch vier zur Befestigung der Masche brauchte, während die letzter« in Allem nur sechs Bewegungen brauchen. Die erste Maschine konnte in einer Stunde nur ein Stück von 240 Lächern Länge weben > gegenwärtig webt man in derselben Zeit sechsmal so viel und von doppelter Breite. Man steckte bald ungeheure Capitale in diesen neuen Industriezweig und innerhalb drei Jahren waren bereits 5000 Bobbinetstühle mit einem Anlagecapitale von ungefähr 3 Mill. Pf. St. aufgestellt. Sv reißend aber war in den I. 1833 und 1834 der Fortschritt der Verbesserungen, daß man bald die ältern Maschinen nur als altes Eisen verkaufen konnte. Jm J. 1836 waren in Nottingham von 3712 im I. 1831 bestandenen Maschinen nur noch 165, welche man zu Aufnahme nölhiger Veränderungen fähig befunden hatte, im Gange, alle übrigen waren neu. Die große Vermehrung des Werths der Waare, welche, trotz der Überschwemmung des Markts und der durch Concurrcn; gedrückten Preise, immer noch die Vermehrung der Fabrikationskosten überstieg, lag natürlich nur in der Verbesserung der Maschinen, wodurch man nicht allein die Qualität des glatten Bobbinets (klum-aet) und der Boccaccio 43? erst später eingeführten Streifen (Hm»,»;;?) sehr verbesserte, sondern auch die Erzeugung faconnirter Waaren (Kuncies) möglich machte. Letztere wurden bald so gesucht, daß im I. 1835 über »000 Stühle auf Erzeugung derselben eingerichtet waren und für 100000 Pf. St. Baumwollcngarn nur zu solcher Waare verarbeitet wurde. Daher ist auch gegenwärtig das Bestreben hauptsächlich auf die Ausbildung dieses Zweiges der Bobbinetmanufactur gerichtet. Überhaupt waren »836 in England 3537 Bobbinctstühle im Gange, von denen I l25 ?Ism-r>et, l »22 (jilillmAs und >000 L'rmcies erzeugten; in Nottingham allein 2 »62 Stühle. Außerhalb England hat die Bobbinetmanufactur noch keine bedeutende Entwickelung erlangen können. In Deutschland ist das einzige Etablissement, die große Bobbi- netmanufactur zu Harthau bei Chemnitz, wieder eingcgangcn, und die.Maschinen sind größten- theils nach Wien gekommen. Die Bobbiner Maschine selbst ist eine der complicirtesten Maschinen und einer der höchsten Triumphe der Maschinenbaukunst. Namentlich hat man drei dem Princip »ach verschiedene Hauptclasscn und eine unzählige Menge Varietäten derselben; ferner unterscheidet man Handstühle und eigentliche durch Elemcntarkraft bewegte Maschincn- stühle. Alle kommen indessen darin überein, daß die senkrecht verlaufenden Fäden wie beim Maschincnwcbstuhl senkrecht als Kette aufgespannt werden; während aber beim Wcb- stuhl ein einziges Weberschiffchen zwischen diesen Kettenfäden hin und her gleitet, und zwar von rechts nach links und umgekehrt, entsprechen hier den Kettenfäden besonders construirte Spulen, auf welche ein Eintragfaden aufgcwunden ist. Diese Spulen bewegen sich von vorn nach hinten und umgekehrt zwischen den Kettenfäden hindurch, noch jeder solchen Be wcgung machen sie cincSeitenbcwegung, wodurch sie einmal untereinander ihre Plätze wechseln, und dann, bei der nächsten Bewegung, zwischen andern Kettenfäden hindurchgehen als vorher. Die Reihenfolge dieser Bewegungen ist so berechnet, daß Maschen gebildet werden müssen und daß, wenn eine Anzahl Maschen, welche derHälfte der Kettenfäden gleichkommt, fertig ist, die anfängliche Ordnung der Spulen gerade umgekehrt, nach abermaliger Bildung einer solchen Anzahl Maschen, wiederhergestellt ist. Dadurch kommt es, daß die Ein- tragfädcn den oben beschriebenen Verlauf nehmen. Dies ist das Verfahren bei dem glatten Bobbinet. Streifen werden ebenso gewebt, aber in großer Zahl nebeneinander, damit sie die Breite des Stuhls füllen und sich nicht dehnen; sind sie fertig, so werden die Fäden ausgezogen, welche die einzelnen Streifen provisorisch verbunden haben. Wenn nun bei diesem Vorgänge eine ganz ähnliche regelmäßige Überspringung von Kettenfäden und andere Abweichungen angebracht werden, wie sie die Jacquardmaschine beim Webstuhl möglich macht, so muß natürlich statt des glatten Spitzengrundcs ein gemusterter entstehen. Boccaccio (Giovanni) war wahrscheinlich der außereheliche Sohn eines Kaufmanns aus Florenz und wurde 1313 zu Paris oder in Floren; geboren. Seine Familie stammte von Ccrtaldo, einem Flecken in Toscana, weshalb er sich selbst lt, cu- ielt äse ;cn kin :cr >cn che len im der me ldo der für gcr len >er- md am <>i Zeuch »s- ist ^ der lese ^ mit der un- cn, an- 'ist ins au, Boccage Boecheriui 439 die ital. Poesien Pctrarca's gelesen. Seinen fcstgegründetcn Ruhm verda-ikt er aber seinem „Veciimorvilv", den er ebenfalls der Fiammctta sowie der jungen Königin Johanna, die ihn in Neapel gütig aufnahm, zu Gefallen verfaßt haben soll, einer Sammlung von hundert, zum Theil aus provenzslischen Dichtern entlehnten Novellen. Er malte in demselben Menschen aus allen Ständen, von allen Charakteren und Altern, Ereignisse aller Art, die ausgelassensten und heitersten wie die rührendsten und tragischsten, und bildete dabei die ital. Sprache zu einem bis dahin noch nicht erreichten Grade aus. Vielfältig ist der „vecsmerone" übersetzt und von unzähligen Schriftstellern aus ihm geschöpft worden. Unter den neuern Ausgaben desselben zeichnen sich aus die von Poggiali (4 Bde., Livorno 1789—90), die zuPisa st Bde., 1815), die kritische Ausgabe von Biagoli mit historisch-literarischem Commentar (5 Bde., Par. 1823) und die von Ugo Foscolo mit einer geschichtlichen Einleitung (Lond. 1825); die beste deutsche Übersetzung ist von Witte (3 Bde., 2. Auss, Lpz. 18-13). Eine Übersicht der Ausgaben seiner Werke enthält Dibdin's „Ringrsptiic!,! vecameron". Seine „Opere complete" gab Moutier heraus (17 Bde., Flor. 1827 fg.). Über B-'s Leben schrieben in älterer Zeit Manetti (hcrausgcg. von Mehüs), Manni in der „8ioria ckel Decamerone" (Flor. 1742, 4.), Mazzuchclli und Tiraboschi, und GrafBadelli (Flor. 1806); neue Aufschlüsse gibt das Memorandumbuch B.'s, welches Ciampi in Florenz aufgefundcn hat, her- ausgcgcbcn unter dem Titel „iVlonumenti cl'un ms. autngrus» Oi Oiov. ö." (Flor. 1827). Boccage (Marie Anne Fiquet du), geborene de Page, franz. Dichterin, geb. zu Rouen am 22. Oct. 1710, erhielt ihre Bildung im Kloster l'Assomption zu Paris. Schon hier entwickelten sich ihre Anlagen zur Dichtkunst; allein sie verbarg dieses Talent sorgsam selbst dann noch, als sie sich mit Pierre Joseph Fiquet du Boccage vermählt hatte. Nachdem sic zuerst 1746 mit einem kleinen Gedichte öffentlich hcrvorgetreten, versuchte sic zunächst eine Nachahmung Milton's in dem „?»r»eterre, üollsntie et Il-riie" (deutsch, Dresd. 1776) gibt in nicht ganz uninteressanten Briefen Nachricht von den Huldigungen, welche sie auf einer Reise in den genannten Ländern emtete. Von ihren Zeitgenossen ward sie mit einem Feuer gepriesen, welches nur ihr Geschlecht und der Reiz ihres Betragens erklären können, „borum Venus, arte Ninervs" war der Wahlspruch ihrer Bewunderer, unter die selbst Voltaire, Fontenelle und Clairaut gehörten. Sie war Mitglied der Akademien zu Rom, Bologna, Padua, Lyon und Rouen, und die Gedichte zu ihrer Huldigung würden gesammelt mehre Bände füllen. Ihre poetischen Werke erschienen in Lyon (3 Bde., 1762 und öfter) und ihre „Oeuvres politiczuss" zu Paris (2 Bde., 1788); die meisten ihrer Schriften wurden ins Englische, Spanische, Italienische und Deutsche übersetzt. Sie starb am 8. Aug. 1802. — Ihr Gemahl Pierre Joseph Fi- quet du B., geb. 1700 zu Rouen, gcst. daselbst'1767, war ein geschmackvoller Schriftsteller und hat sich besonders durch seine Bearbeitung engl. Stücke bekannt gemacht. Wir erwähnen seine „blelsnAes cke ckitkerontes pieces »1e vers cle prose, truciuits 899, ist rühmlichst in des Vaters Fußtapfen getreten, der ihn von frühester Jugend an für seine Wissenschaft zu gewinnen wußte und dann in dieselbe cinführte. Nachdem er die Nikolaischule und die Universität seiner Vaterstadt besucht und >831 als Doctor der Medicin promovirt hatte, ging er sogleich nach dem Ausbruch der poln. Revolution nach War- ^ schau, von wo er jedoch bald wieder zurückkehrte. Hierauf ward er akademischer Docent an der Universität Leipzig und 1839 außerordentlicher Professor. Einen schnellen Ruf erwarb I er sich durch sein sehr praktisches „Handbuch der Anatomie des Menschen mit Berücksichki- ^ gung der Physiologie und chirurgischen Anatomie" (2 Bdr., Lpz. 1838; 3. Aufl., 1832), ^ das gleich seinem -,Anatomischen Taschenbuch" (Lpz. 1839; 2. Aufl., 1831) ins Dänische übersetzt wuitze. Nächstdem hat er einen „Handatlas der Anatomie des Menschen, nebst einem tabellarischen Handbuche der Anatomie" (7 Lief., Lpz. 1839—31 ; 2. Aufl., 1813) und „Gerichtliche Sektionen" (Lpz. 1833) herausgegeben. Böckel (Ernst Gottfr. Adolf), Generalsupcrintendent des Großhcrzogthums Olden- s bürg, Oberhofprediger und Geh. Kirchenrath zu Oldenburg, wurde zu Danzig am I .Apr. > 783 geboren und hier für die Universität vorgebildet, die er l 891 bezog. Er studirtc in Königsberg, wo er 1893 als Kollaborator an der deutsch-reformirtcn Schule und > 895 als Lehrer am Collegium Fridericianum angestellt wurde. Schon damals machte er sich durch einige 444 deine >nd »h- ffel >ge dc- tcr, >er na- en- !iße er er, etc, >cr >che >cr< cn- nf> en- >vir ten rs" ar- ach >nd eis- dcr «er- der mi- be- :br. an die Re- lar- an arb hki- sche ei- IY >en- 83 gs' >rer lige Böckh (Aug.) philologisch-theologische Schriftchcn bekannt. Nachdem er anderthalb Jahre lang Prediger ans einem ostpreuß. Dorfe gewesen, wurde er 1809 Prediger in seinem Geburtsorte. Zuerst an der Jakobi- und dann an der Johanniskirche, zugleich auch von 1814 an eine Zeit lang Militairprediger, und namentlich in dieser letztem Stellung, begründete er durch kraftvolle Gelcgenheitsreden seinen Ruf als Prediger. Im I. 1820 ging er als ordentlicher Professor der Theologie, Pastor an der Jakobikirche und Scholarch nach Greifswald, 1826 als Hauptpastor zu St.-Jakobi nach Hamburg und 1833 nach Dräseke's Abgänge als Pastor an der Ansgariuskirche nach Bremen, worauf er 1836 in seine jetzige Stellung nach Oldenburg kam. B.'s theologische Richtung ist biblisch-rational; als Prediger hat er neben dem Studium der Redner des elastischen Alterthums besonders nach Reinhard sich gebildet, daher das Textgemäße seiner Vorträge, die Gewandtheit im Beweise, die streng logische Anordnung des Stoffs und die edle, elegante Sprache, Vorzüge, die wie in früher erschienenen Sammlungen, so namentlich in seinen „Passionspredigten" (6 Bde,, Hamb. 1829—37; Bd. 1—3,2. Aust., 1835—40) und in den „Biblischen Sittengemälden" (2 Bde., Brcm. 1835—36) unverkennbar sind. Von seinem feinen Takte in Benutzung gegebener Umstände zeugen außer früher gedruckten Reden die „Predigten zum Theil bei besondern Veranlassungen" (2 Bde., Hamb. 1828—34) und namentlich seine „Traurede des Königs Otto von Griechenland" (Oldenb. 1836). Unter den Erbauungsschriften, die B. veröffentlicht hat, erwähnen wir vorzugsweise sein „Leben Jesu, ein Andachtsbuch"(2 Abtheil., Bert. 1838—40). Für die Sache der Union, als deren Freund er sich fort und fort gezeigt, gründete er 1821 die Zeitschrift „Jrcneon", von welcher jedoch nur zwei Bände erschienen sind. Unter seinen Arbeiten für gelehrte Theologie ist außer den Commentarcn zu einigen Schriften des Alten Testaments die Bearbeitung von Ersch's „Handbuch der theologischen Literatur" (Lpz. 1822) zu nennen; auch steht von ihm die schon früher vorbereitete Herausgabe der „Orae- coi nin Vet. Test, iiitor^rstum" sowie eines Wörterbuchs zu der Septuaginta zu hoffen. Als Kirchcnbeamter wirkt B. mit weiser Energie und hat namentlich den Stand des Oldenburg. Volksschulwesens seil 1836 bedeutend verbessert. Böckh (Aug.), Professor der Philologie an der Universität zu Berlin und beständiger Secretairder philosophisch-historischen Elaste der Akademie der Wissenschaften, geb. am 24. Nov. 1784 zu Karlsruhe, wo sein Vater Rechnungsrath war, wurde auf dem dasigen Gymnasium gründlich vorgebildet und studirte seit 1803 in Halle, wo F. A. Wolfs überwiegender Einfluß ihn sehr bald dem theologischen Studium abwendcle. Im I. 1806 ward er Mitglied des Pädagogischen Seminars in Berlin, von wo er sich in Folge der Kriegsunruhen nach Heidelberg wendete. Hier wurde er 1807 außerordentlicher Professor und erwarb sich als Lehrer und Schriftsteller, namentlich durch ein umfassendes Werk über die Literaturgeschichte der gricch. Tragiker (Heidelb. 1808) und die Arbeiten über Platon und Pindar, ein solches Ansehen, daß er 1811 als Professor der Bcredtsamkeit und alten Literatur nach Berlin berufen wurde. In Berlin ist seine Wirksamkeit als Lehrer und Director des Philologischen und des Pädagogischen Seminars seit seinem ersten Auftreten sehr bedeutend gewesen und hat bei einer großen Anzahl von Zuhörern die allgemeinen Ansichten über das classische Alterthum und den Zusammenhang der einzelnen Theile desselben wesentlich gefördc-t und sie auf dem Wege der historisch - grammatischen Interpretation zu gründlicher Bekanntschaft mit den einzelnen Schriftstellern angeleitet. Dabei ist B. freundlich, liebevoll, human und mit vielen seiner Schüler in das vertrauteste Verhältniß getreten. Als Schriftsteller haben seinen bleibenden Rufbcsonders fünf Hauptwerke begründet, die Ausgabe des Pindar (3 Bde., Lpz. 1811—21), mit neuer Anordnung der Pindarischen Versmaße und tief eingehenden Untersuchungen über die Musik der Griechen; „Die Staatshaushaltung der Athener" (2 Bde., Berl. 1817), ein Buch von großer Gründlichkeit und scharfer Combination, das über das Staatsleben Athens ein sehr Helles Licht verbreitet, für ähnliche Untersuchungen die Bahn gebrochen hat und für die neuere Zeit von praktischem Nutzen ist, daher es auch in daS Englische und Französische übersetzt ward; ferner die scharfsinnigen „Metrologischen Untersuchungen über Gewichte, Münßfüßc und Maße des Altcrthums in ihrem Zusammenhänge" (Berl. 1838); die „Urkunden über das Seewesen des attischen Staats" (Berl. 1840), voll erschöpfender Gelehrsamkeit, und endlich das umfangreiche und wichtige „Oorxus inscrsstiouum graec." 442 Böckh (Friedr. von) (Bd. 1, 1821 — 28 , Bd. 2, Heft 1,1832), welches er im Aufträge der berliner Akademie herausgibt, und in dessen Vorrede er die Grundsätze einer umfassenden, zeitgemäßen Behänd- - lung der Werke des klassischen Altcrthums lichtvoll entwickelt. Außer diesen größer» Werken gehören der heidclbergerZeit noch mehre Schriften über Platon an, der berliner die Sammlung der Fragmente des Philolaus (Berl. 1819). Als Mitglied der Akademie hat er verschiedene reichhaltige Abhandlungen in den Denkschriften der Akademie drucken lassen, z. B. über die kritische Behandlung der Pindarischen Gedichte (1825) und über Lcibnitz und die deutschen Akademien (1835), auch nimmt er regen Antheil an der neuen Ausgabe der Werke Friedrich des Großen. Seiner Obliegenheit als Professor der Beredtsamkeit, zweimal jährlich eine Vorrede zum Lcctionskatalog zu schreiben, verdankt man eine Reihe interessanter, kleiner Aussätze philologischen Inhalts, und seiner Verpflichtung, die öffentlichen Reden im , Namen der Universität zu halten, viele durch Form und Inhalt gleich ausgezeichnete lat. Reden, deren Sammlung gegenwärtig veranstaltet wird. In allen zeigt sich eine offene Meinung und eine liberale Beurtheilung der politischen Begebenheiten des In- und Auslandes. Dieselbe Liberalität hat B. in allen geschäftlichen Verhältnissen, in denen er sich mit vieler Leichtigkeit bewegt, gezeigt, namentlich bei der zweimaligen Verwaltung des Rektorats. Im I. 183V erhielt er den Titel eines Geh. Regierungsraths, dann neben andern Auszeichnungen den Orden pour le merite und 1810 die Dccoration der franz. Ehrenlegion. Sein Name gehört zu den gefeiertsten deutschen Namen im Auslande, und fast alle Akademien in und außer Deutschland zählen ihn unter ihre Mitglieder, so namentlich auch das franz. Institut. Böckh (Friedr. von), bad. Finanzminister, der Bruder des Vorigen, gcb. am 13. Aug. 1777 in Karlsruhe, studirte in Heidelberg die Kameralwissenschasten und trat wohl- vorbereitet am 1. Mai 1803 als Finanzaffessor beim Hofrathscollegium zu Manheim in den Staatsdienst. Zm J. 1807 wurde er Kammerrath, drei Jahre später als Finanzrath wieder nach Karlsruhe gezogen und 1815 zum Geh. Referendar ernannt. Als Ba- , Baden 1818 seine Verfassung erhalten, trat er beim ersten Landtage als Regicrungscom- missar auf und fortan öffnete sich ihm eine Laufbahn schneller Beförderung. Er wurde 1820 Direktor der Oberrechnungskammcr, 1821, nach dem Tode des Finanzministers von Fischer, Wirklicher Staatsrath und provisorischer Direktor des Finanzministeriums, 1521 definitiver Chef desselben, sodann 1828 Finanzminister, nachdem er schon 1821 den Adel erhalten hatte. In seinen Amtsverhältnisscn bewährte er sich als ausgezeichneten und tätigen Geschäftsmann; er bearbeitete mit besonderer Sorgfalt das direkte Steuerwesen, brachte strenge Ordnung und Klarheit in die Verwaltung und wurde der Schöpfer eines geordneten Staatshaushalts und eines wohlbegründeten Staatscredits. So ungünstig die Cabinets- regierung des Großherzvgs Ludwig allen auf Ersparnisse gegründeten finanziellen Reformen war, so herrschte doch in seinem Departement im Gegensatz zu der Verwaltung anderer Ministerien eine auf dem Landtage von 1831 ehrend anerkannte Ordnung und Sparsamkeit. Ein Gegner des Feudalwescns und des alten Abgabensystems, kam er den Vorschlägen der Volkskammer für Ablösung der Zehnten und Frohnen bereitwillig entgegen und unterstützte dieselben in der Adelskammer. Der von ihm am 10. Juli 1831 der Kammer vorgclcgte Gesetzentwurf der Zehntablösung entsprach im Allgemeinen den Ansichten der liberalen Partei. Bei den Verhandlungen über den Anschluß Badens an den Deutschen Zollverein ' auf demselben Landtage, erklärte sich B., der frühere Begründer eines Systems geringer Zollsätze, für diesen Beitritt und gab dadurch besondere Veranlassung, daß ihm die Volksmeinung wesentlich politische Absichten unterlegte und eine Zeit lang der entgegengesetzten Ansicht zuneigte. Im Anfänge der Reaktionen im 1.1832 zeigte sich B. als Vertheidiger der Verfassung und soll sich mit Winter und Nebenius entschieden gegen die Aufhebung des Preßgesetzes ausgesprochen haben. Allein schon 1833 und mehr noch 1835 kam er in Collision mit den freigesinnten Abgeordneten, als er sich einem Anträge für Wahrung der verfassungsmäßigen Rechte der zweiten Kammer in Beziehung auf die Ministerialrescripte widersctzte, die vor Eröffnung der Ständeversammlung den im Staatsdienste stehenden Deputaten zugekommen waren, und ihm der Abgeordnete von Rotteck, bei der eigenmächtigen Zinsreduction der Staatsschulden ohne Zustimmung des ständischen Ausschusses, eine Überschreitung seiner Competenz vorwarf. In noch stärkere Opposition mit der Mehrheit der Bockkäfer Bode (Ioh. Zoach. Christoph) 443 zweiten Kammer trat er aus den später» Landtagen, da er nächst dem Minister vonBlitters- ' doch von Vielen sogar vor diesem, für den hauptsächlichstenUrheber der Urlaubsvrrweigerungen gehalten wurde, und da er in seiner Vertheidigung des von ihm behaupteten angeblichen Rechts der Regierung wol mitunter einen nicht ganz parlamentarischen Ton anschlug. Übrigens zeigte er sich als gewandten Redner, und sein ausgezeichnetes Talent als Finanzminister wird ihm von keiner Seite bestritten. Im 1.1843 wurde der Tag, an welchem er vor 40 Zähren in den Staatsdienst getreten, unter vieler Theilnahme von Seiten des Großherzogs wie der höher» Beamten der Finanzvcrwaltung begangen. Bockkäfer bilden in der Classe der Käfer eine ausgezeichnete Familie und sind vornehmlich durch lange borstenförmigc Fühler erkennbar. Ihr Körper ist lang mit parallelen ' Seiten; das Bruststück meist cylindrisch geformt, häufig mit symmetrischen Austreibungen versehen oder auch mit Dornen bewaffnet, bringt bei Bewegungen, indem es sich gegen die Basis der etwas schmalen Flügeldecken reibt, einen Leut hervor, den man im gemeinen Leben für eine Stimme erklärt, die jedoch diesen Käfern, wie überhaupt allen Insekten, abgeht. ! Ihre Färbung ist bisweilen fthr angenehm, oft metallisch glänzend. Die deutschen Arten ! sind zahlreich und erscheinen meist erst im Spätsommer; mehre derselben kommen häufig in Holzhäusern vor. Die Larven aller Bockkäfer leben im Holze verschiedener Bäume, bohren lange mit Holzmehl erfüllte Gänge durch dasselbe und richten daher nicht selten Schaden an. Die ausländischen Arten sind bisweilen von sehr bedeutender Größe. Bocksbeuteleien nennt man das Halten an dem Herkömmlichen und Förmlichen auch dann, wenn der beabsichtigte Zweck diese Beibehaltung nicht mehr nöthig macht. Der Ausdruck soll sich von den Beuteln, im Niedersächsischen Booksbüdeln genannt, d. i. Buch- beutcln, herschreiben, in welchen im Mittelalter die Rathsherren, besonders in Hamburg, die Statuten auf das Nathhaus trugen. Da die spätere Zeit in den früher» Statuten manches I Veraltete und Unpassende fand, so nannte man das Dringen auf die Beibehaltung derselben und dann in weiterer Ausdehnung alles Pedantisch-Conservative Bocksbeutelcien. Bode (Ioh. Elert), Astronom, gcb. zu Hamburg am 19. Jan. 1747, zeigte früh Neigung für die mathematischen Wissenschaften, in denen ihn sein Vater und dann der berühmte Büsch unterrichteten. Den ersten öffentlichen Beweis seiner Kenntnisse gab er in der kleinen Schrift „Berechnung und Entwurf der Sonnenfinsterniß vom 5. Aug. 1766" (Berl. 1766). Der Beifall, welchen dieselbe fand, ermunterte ihn zu größer» Arbeiten, und bereits 1768 erschien seine „Anleitung zur Kcnntniß des gestirnten Himmels" (9. Aust., Berl. 1822), ein gemeinverständliches Lehrbuch der Astronomie, das zur Verbreitung richtiger astronomischer Kenntnisse sehr nützlich gewirkt hat. Einen Nachtrag dazu lieferte Oltmanns (Berl. >833). Im I. 1772 wurde er als Astronom der Akademie in Berlin angcstcllt und l782 als Mitglied derselben ausgenommen. Hier feierte er 1822 das 59jährige Jur biläum seiner Anstellung und starb, nachdem er 1825 in Ruhestand versetzt worben war, am23. Nov. 1826. Erbegründete 1776die„AstronomischenJahrbücheroderEphemeriden" (54 Bde., Berl. 1776— 1829), die nachher unter dem Titel „Berliner astronomisches Jahrbuch" von Encke fortgesetzt wurden und als Archiv von dauerndem Wcrthe bleiben. , Auch seine „Erläuterung der Sternkunde" (2 Bde., Berl. 1778; 3. Aust., 1808) enthält viel Werthvollcs. Sein Himmelsatlas in 20 Blättern, die „lärgnogrspdi» sive »strorum tlescrchtio" (Berl. 1801; 2. Ausl., 1818), umfaßt 17240Sterne und gegen 12000 Sterne mehr als die früher» Karten. Von seinen vielen übrigen Schriften erwähnen wir noch den „Entwurf der astronomischen Wissenschaften" (Berl. 1793; 2. Aust., 1825) und „Allgemeine Betrachtungen über das Weltgebäude" (Berl. 1801; 3. Aust., 1834). Bode (Ioh. Zoach. Christoph), vorzüglich als glücklicher Übersetzer bekannt, war zu Braunschweig 1730 geboren. Da sein Vater, welcher Soldat war und später in Schöppenstedt als Ziegelstreicher kümmerlich sein Leben fristete, ihn bei seinen Arbeiten nicht gebrauchen konnte, so ward er zu seinem Großvater gethan, um die Schafe zu hüten. Auch hierzu wollte B., den man nur den dummen Christoph nannte, nicht paffen. Sein Geist strebte über diese gewöhnlichen Beschäftigungen und Verhältnisse hinaus, besonders fühlte er sich zur Musik hingezoge^. Endlich wurde seinen ungestümen Bitten nachgegeben und er bei dem Stadtmusikus Kroll in die Lehre gebracht. Obgleich zu den niedrigsten Diensten verwendet, ent- 41t Bode (Wilh. Jul. Ludw.) wickelten sich seine musikalischen Anlagen doch rasch und bald spielte er mit Fertigkeit mehre Blas- und Saiteninstrumente. Als er nach sieben Lehrjahren die Stelle eines Hautboisten l erhalten, gcricth er wieder durch eine unüberlegte Heirath mit einem jungen Mädchen in große Verlegenheit. In Helmstedt, wo er sich dann musikalisch weiter ausbilden wollte, fing er bei einem Studenten Lateinisch, Französisch und Italienisch an, auch machte er sich mit dem Englischen und der Theorie der Künste vertraut. Dann ging er als Hautboist nach Celle, wo er zwei Sammlungen Licdercompositionen herausgab. Nachdem er in Celle Frau und Kind durch den Tod verloren, wendete er sich nach Hamburg, wo er >762—63 die Rc- daction des „Hamburger Korrespondenten" führte und sich vorzüglich aufÜbcrsetzungcn aus dem Englischen legte. Doch fuhr er fort, Musikunterricht zu erthcilcn, und heirathcte eine seiner Schülerinnen, die nicht nur schön, sondern auch reich war. Nachdem auch diese gestorben, mußte er zwar auf den größten Theil ihres Vermögens verzichten, doch behielt er noch genug, um ein unabhängiges Leben führen zu können. Einen alten Lieblingsgcdanken wieder auffaffend, wurde er nun Buchdrucker und vcrhcirathctc sich hierauf zum dritten Male mit der Tochter des Buchhändlers Bohn. Der mit Lcssing, dessen „Dramaturgie" das erste aus B.'s Buchdruckerci hervorgegangene Werk war, gefaßte Plan zu einer Buchhandlung für Gelehrte, in welcher deren Werke zu ihrem Vorthcil verlegt werden sollten, scheiterte an Lcssing's ungeschäftlichem Geist und an B.'s mangelhaften kaufmännischen Kenntnissen. Zn Weimar, wohin er 1778 die Witwe des Ministers Bernstorffals Geschäftsführer begleitet hatte, beschäftigte er sich dann bis zu seinem Tode mit literarischen Arbeiten. Er wurde hier vom Herzoge von Sachsen-Meiningen zum Hofrath, vom Herzoge von Sachsen-Gotha zum Lc- gakionsrath und vom Landgrafen von Hcsscn-Darmstadt zum Gehcimrath ernannt und starb 1793. Ein Hauptaugenmerk war für ihn in der letzten Hälfte seines Lebens der Freimaurerorden, welcher allerdings damals als Beförderungsmittel der Humanität und des Fortschrittes eine ungemeine Wichtigkeit und Bedeutung hatte. Er widmete sich den Angelegenheiten des Ordens mit höchstem Eifer, suchte ihn zu vergeistigen, zu beleben und zu einigen, wandte sich dem Studium seiner Geschichte zu und war als Dcputirtcr bei dem wilhclmsbader und pariser Convente thätig. Als Übersetzer nimmt er eine ausgezeichnete Stelle ein; nament- > lieh hat er seinen Übersetzungen der capricciösen Werke der Engländer, ihrer komischen Romane einen solchen Anstrich von Eigenthümlichkcit zu geben gewußt, daß sie eine wahre Volks- thümlichkeit erhielten. Die vorzüglichsten darunter sind „Aorik's empfindsame Reise" (Hamb. 1768; 5. Ausl., 1863), „Tristram Shandy's Leben" (9 Bde., Hamb. 1773) und Gold- smilh's „Dorfprediger von Wakcfield" (Lp;. 1776). Trefflich übersetzte er auch Montaigne's „Gedanken und Meinungen" (7 Bde., Berl. >793—97); weniger gelang ihm die Übersetzung von Ficlding's „Tom Jones" (6 Bde., Lpz. 1786—88). Vgl. K. A. Böttiger, ,',B.'s literarisches Leben" (Berl. 1796). Bode (Wilh. Jul. Ludw.), Director des Magistrats der Stadt Braunschweig, wurde am 18. Mai 1779 zu Königslutter geboren, wo sein Vater Stiftsprediger war. Schon zu Hause und auf den Üniversitäten in Helmstedt und Göttingen, wo er von 1798 —1861 die Rechte studirte, war Geschichte in Nebenstunden seine Lieblingsbeschäftigung, und mit noch größerer Vorliebe widmete er derselben, namentlich der vaterländischen Geschichte, seine Muße während der Zeit, daß er die richterlichen Ämter zu Königslutter (1862) und Bar- dorf(18II), zu Vorsfelde (1813) und Riddagshausen (1826) bekleidete. Proben seiner historischen Studien erschienen zuerst im „Braunschweigischen Magazin" (1822) und in seiner Schrift „Das Grundstcuersystem des Herzogthums Braunschweig" (Braunschw. > 823). Hierdurch und zugleich durch den Ruf seiner Geschäftskenntniß und Charakterfestigkeit auf ihn aufmerksam geworden, wußte der braunschwcig. Stadtdirector Wilmerding, dessen Lieblingsgedanke es war, der Stadt Braunschweig die frühere unbeschränktere Verwaltung ihrer städtischen Güter zu vindiciren, bei seiner Amtscntsagung die Wahl der Stadtdeputirken auf B. zu lenken, der auf diese Weise sein Nachfolger im Stadtdirectoramte wurde. Wirklich erreichte auch B-, trotz der sich ihm entgegenstellenden Hindernisse, bereits unter Herzog Karl nicht nur Einzelnes zur Concentrirung der städtischen Verwaltung, sondern auch die Reorganisation aller Stadtschulen und die Gründung der Realschule, reute aber hierbei durch sein kräftiges unerschrockenes Auftreten den Unwillen des Herzogs so, daß dieser ihm die Ämter und > Bodelschwrngh E , Einkünfte als Director des Anatomisch-chirurgischen Collegiums und als Mitglied der.Lan- desökonomie-Commission nahm. Dessenungeachtet zeigte sich B. beim Ausbruche der Unruhe» dem Herzoge ergeben und that zur Erhaltung der Ordnung, was er vermochte. Demgemäß überreichte er am I. Sept. 183» demselben, zunächst um einem Aufstande vorzubeugen, im Namen der Bürgerschaft eine Vorstellung, worin mit bescheidener Offenheit die allgemeine Verstimmung geschildert und um Erleichterung besonders für die arbeitenden Nassen sowie um Berufung der Stände gebeten wurde, erbot sich dann am 6. Sept., als der Herzog persönlich angegriffen wurde, einige hundert Bürger zu seinem Schutze herbei- zuführen, welche Maßregel jedoch der Herzog ablehnte, und wirkte auch am 7. Sept. und den folgenden Tagen möglichst für Abwehr der Anarchie und durch Entschlossenheit in Ergreifung ungewöhnlicher Maßregeln und Unabhängigkeit von den streitenden Parteien für schnelle Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ruhe. Als am l v. Sept. 183» Herzog Wilhelm eingetroffen war, um die Zügel der Regierung zu ergreifen, war er cs, der demselben über das Geschehene Bericht erstattete und mit Unparteilichkeit ihm manche zunächst zu nehmende zweckmäßige Maßregeln in Vorschlag brachte, und unter der neuen Regierung gelang cs ihm nun auch endlich, die alte Hauptfrage über das Stadtvermögen zu einer erwünschten Erledigung zu bringen und zugleich der Stadt für alle Zukunft die Mittel zu sichern, ihre Schulen, Kirchen, Armenpflege, Hospitäler und alle übrigen gemeinnützigen Anstalten auf das wirksamste zu unterstützen. Für seine Verdienste ertheilte Herzog Wilhelm B. seinen Orden gleich bei Stiftung desselben und ernannte ihn 1833 zum Präsidenten des Obersanitätscollegiums; ebenso ist er jetzt Mitglied des Ausschusses der Stände. In literarischer Hinsicht beschäftigt er sich seit längerer Zeit besonders mit der Geschichte des Münzwesens der Staaten und Städte Niedersachstns und der Geschichte des sächs. Städtebundes vom 13.—16. Jahrh., der im Norden eine fast ähnliche Stellung einnahm wie der schwäb. Bund im Süden. Neuerdings ließ er einen „Beitrag zu der Geschichte der Feudalstände im Herzogthum Braunschweig" (Braunschw. 1833) erscheinen, der gegen Grone'S „Geschichte der corporativen Verfassung des braunschw. Ritterstandes" gerichtet ist. Bodelschwingh (Ernst von), preuß. Wirklicher Geh. Rath und Staats- und Finanzminister, ist am 26. Nov. 179» zu Velmede bei Hamm in der Grafschaft Mark geboren. Seine Schulbildung erhielt er im Hause der Altern und auf dem Gymnasium in Hamm, worauf er die Forstakademie zu Dillenburg bezog, in der Absicht, sich dem Forstfache zu widmen, die er aber im Herbst 1812 mit der Universität zu Berlin vertauschte, um daselbst die Rechts- und Kameralwissenschaften zu studiren. Als König Friedrich Wilhelm I I I . im Febr. 1813 sein Volk zu den Waffen rief, trat B. als freiwilliger Jäger in das Deta- schement des achten Infanterieregiments, ward bald darauf Secondclicutenant und erhielt für seine Tapferkeit in der Schlacht bei Lützen mehrfache Auszeichnung und in der Schlacht bei Leipzig das eiserne Kreuz erster Classe. Eine schwere Verwundung in der Brust, die er im Treffen bei Freiburg an der Unstrut am 21. Oct. 1813 erhielt, machte ihn für einige Zeit dienstunfähig; nach der Heilung nahm er jedoch wieder am Kampfe Theil und ward 181-1 als Premierlieutenant verabschiedet. Hierauf studirtc er in GLttingen, kehrte aber >815 sogleich wieder zum Heere zurück und trat nach Beendigung des Kriegs als Offizier zur Landwehr über, in der er von 1815—32 bis zum Major und Führer eines zweiten Aufgebots stieg, worauf er 18-12 zum Obersten in der Landwehr befördert wurde. Während B. dem vaterländischen Institute der Landwehr eine so innige Anhänglichkeit bewahrte, war er schnell zu den höhcrn Stufen des Staatsdienstes emporgestiegcn. Seine Reserendariats- zeit brachte er bei der Regierung und dem Obcrlandgerichte in Münster zu und war nachher als Regierungsassessor in Kleve und Arnsberg, einige Zeit auch im Finanzministerium beschäftigt. Im I. 1822 ward er Landrath des Kreises Tecklenburg in Westfalen, um hier eine bedeutende unmittelbare Wirksamkeit zu haben, und erwarb sich in dieser Stellung das unbedingte Vertrauen und die Liebe seiner Kreiseingesessenen mit solcher Auszeichnung, daß er 1831 zum Oberregierungsrath bei der Regierung in Köln berufen wurde und schon »m Nov. desselben Jahres zum Präsidenten der Regierung in Trier. Von besonderer Wichtigkeit ist B.'s Verwaltung als Oberpräsident der Rheinprovinz (1831—12) gewesen, wo er durch Wort und Werk, durch Geradheit und Milde des Charakters und durch ausgezeichnete 446 Bodenkunde Bodensee Geschäftskunde, in Verbindung mit einer sehr gewinnenden Persönlichkeit, allgenieine Anerkennung gefunden und sie sich auch unter schwierigen Verhältnissen und selbst bei den Abgewendeten erhalten hat. Seine unbefangene Förderung aller Interessen der Provinz, der geistigen wie der materiellen, ist überall anerkannt worden, sein größtes Staat-verdienst aber, für das er kein Opfer gescheut hat, ist die Verständigung der Rheinprovin; über das ihr Nützliche und Eigenthümlichc, und die Pflege einer tüchtigen vaterländischen Gesinnung in der Liebe zum Könige und zu dessen Regierung. So gab B.'s Gegenwart in ihrer Würde und Anspruchslosigkeit dem Frciwilligenfestc zu Köln am 3. Febr. 1838 eine weithin reichende Bedeutung. Im Apr. 1842 erfolgte seine Ernennung zum Wirklichen Geheimrath und gleich darauf zum Staats- und Finanzministcr. Als solcher hatte er sogleich bei der Ber- sammlung der ständischen Ausschüsse zu Berlin im Oct. 1842 Gelegenheit, seine Offenheit, Festigkeit und Geschäftsgewandtheit zu bethätigen, sowie man in seiner männlichen Be- redtsamkeit bei der Feier des 3. Febr. 1843 zu Berlin mit gerechter Freude einen der ältesten Freiwilligen des Befreiungskampfes wiedererkannte. Bodenkunde oder Agronomie nennt man die Lehre von den chemischen Mischungen und der physischen Beschaffenheit des Bodens, und Bodcndie den Erdkörper deckende obere Erdschicht, die zumeist aus der allmäligen Verwitterung der den Erdkern ausmachenden Felsen entstanden, entweder schon an sich zur Erzeugung verschiedenartiger Pflanzen geschickt ist oder doch dazu fähig gemacht werden kann. Man theilt den Boden ein in Thon-, Lehm-, sandigen Lehm-, lehmigen Sand-, Sand-, Mergel-, Kalk- und humosen Boden, je nachdem die eine oder die andere Erdart vorherrschend ist, und benennt ihn entweder nach seiner Beschaffenheit oder nach den Früchten, die am besten in ihm gedeihen. In letzterer Beziehung wird er meist in zehn Elasten getheilt: I) Reicher Boden, 2) gewöhnlicher Weizenboden, 3) gewöhnlicher Gerstenbodeu erster Elaste, 4) Wcizenboden zwciterClasse, 5) Gerstenboden zweiter Elaste, 6) Haferland erster und zweiter Elaste und 7—10) Roggenboden erster bis vierter Elaste. Wichtig sind insbesondere auch der Untergrund, die Gestalt und die Lage des Bodens. Die Güte und Beschaffenheit desselben kann man schon einigermaßen durch die darauf wildwachsenden Pflanzen erkennen; die sicherste Auskunft aber gibt die chemische Untersuchung. Der reine Ertrag, den der cultivirte Boden gibt, heißt Bodenrente. Vgl. Sprengel, „Die Bodenkunde" (Lpz. 1837). Bodeirsee, auch Bodmansee, nach dem alten Schlosse Bodman so benannt, ist einer jener charakteristischen Flußseen am Nordfuße des Alpenlandes, welcher vom Rhein gebildet, von 27° 5^ östl. L. und 47° .35^ nördl. B- durchkreuzt wird und auf schweizerisch- deutscher Grenze fünferlei Staatengebiete miteinander vereint, indem Baden, Würtemberg, Baiern, Ostreich mit Tirol und die Schweiz mit den Cantonen St.-Gallen und Thurgau seine Ufer berühren. Die Abstammung des Namens von dem altdeutschen Bodan, d. h. Vertiefung, hat wenig Grund, weil alle Schweizcrseen nach den Orten benannt sind, welche an ihrem Ende oder Anfang liegen, und das Schloß Bodan am nordwestlichsten Ende liegt. Aus gleichem Grunde ist auch die häufig gebrauchte Benennung Konstanzer oder Bregenzer See gerechtfertigt, da Konstanz am nordwestlichsten Austritt des Rhein und Bregenz in der Südosteckc des Sees liegt; einen mehr poetischen Sinn hat der Name Schwäbisches Meer. Der Bodensee hat bei 26/4 M. Umfang, 8 '/, M. größter Länge, 2 M. größter Breite und 8 '- OM. Flächenbedeckung die von Südost nach Nordwest hakenförmig zugespitzte Gestalt eines Keils und ist der größte deutsche und nächst dem Eenfersee auch der größte schweizerische See. Der nordwestliche verengte Theil wird auch nach der bad. Stadt Überlingen Überlingersee genannt; unrichtig aber ist es, die kleinere Seebildung zwischen Konstanz'und Stein, den sogenannten Zellersee mit der Insel Reichenau unter dem Namen des Unterstes zum Bodensee zu rechnen und diesen den Oberste zu nennen. Der Seespiegel liegt nach den Angaben des Zngenieurhauptmanns Walker 1322 F. über dem Meere und die größte Wassertiefe zwischen Friedrichshafen, Romanshorn und Rorschach wird auf 984 F. angegeben. Außer dem eine Stunde, unterhalb Rheineck mündenden Rhein fließen neben vielen kleinern Gewässern dem Bodenste noch zu die Bregenzer Aach, Argen, Schüssen und drei Flüßchen unter dem Namen Aach, bei Friedrichshafen, Seefeld und Bodma» sStockach). Der schon unter Augustus von den Römern ge- Bodenstein Bodin (Jean) 447 kannte und an seinen Ufern zum Schuhe gegen die Alemannen und Nhätier mit Castellen besetzte See hatte früher unstreitig eine größere Ausdehnung nach Süden, die der erdige Niederschlag des Rhein und der Bregenzer Aach immer mehr beschränkt hat. Noch im 4. Jahrh. reichte der See bis Rheineck, jetzt aber liegt zwischen beiden eine fast stundenbreite Zone Landes, an dem Ufcrsaumc mit Rohrdickicht besetzt und südwärts nach allen Richtungen hin mi' Kanälen und Gräben durchschnitten. Die nur stellenweise schroff einragende Umgebung des Sees wird überall von Berg- und Hügelland, an den Mündungen vom Rhein, Schüssen und Stockach sogar von kleinen Tiefebenen gebildet; lachende Obsthaine und Weingärten (daher Seewein), schwere Getreidefelder, üppige Wiesenfluren und kräftige Waldungen um- gürten die Ufer; am südlichen Horizont thürmen sich die Alpengipfel bis zur Schneehöhe auf, im Nordwesten thronen auf den Stcilfelsen des Hegäu stolze Burgen und freundliche Schlösser, Landhäuser und Fischerhütten; reinliche Dörfer und belebte Städte spiegeln sich im bunten Kranze in den Uferwellen des reizenden Sees. Beim Eingang in den Überlinger- see liegt die sagenhafte liebliche Insel Meinau und im Südostcn auf drei Inseln, durch eine Brücke mit dem Festlande verbunden, Lindau (s. d.), das schwäbische Venedig. Außer dem bair- Lindau sind die wichtigsten Orte des Bodensees Bregenz in Tirol, Norschach im Canton St.-Gallen und Arbon im Thurgau, das badische Konstanz, Überlingen undMörs- burg und in Würtemberg Fricdrichshafen und Langenargen. Das Wasser des Sees ist dunkelgrünlich und klar, es schwillt oft sehr plötzlich zur Zeit der Schneeschmelze um Iv—12 F. an und wird durch den Föhn (Südwind), den Nordwest- oder Ostwind zu haushohen Wellen aufgewühlt; auch wird es ohne eine sichtliche äußere Ursache von merkwürdig schnellem Wechsel des Steigcns und Fallens beunruhigt, welche Erscheinung man Ruhß nennt; im Ganzen aber erfüllt der See jenen wohlthätigen Zweck der übrigen Alpenseen in der Beruhigung der tobenden Gewässer, welche mit zerstörender Wildheit eintreten und besänftigt ^ wie geläutert wieder abfließen. Sehr selten friert der Bodensee zu, und nur strenge Winter, wie in den I. 1435, 1573, 1648, 1695, 1830 und 1841 gewährten eine Passage auf fester Eisdecke. Schon lange ein Ziel der Naturforscher und Reisenden, hat man bis jetzt am Bodensee 60 Arten Schwimm- und Sumpfvögel, 26 Arten Fische, worunter schöne Salmen und Lachsforellen, und zwanzigerlei Conchilien entdeckt. Handel und Schiffahrt sind zwar wegen der natürlichen Gefahren und der Beschränkung durch den nahen Rheinfall bei Laufen nicht sehr bedeutend, jedoch durch die reiche Umkränzung blühender Ortschaften immer noch ziemlich lebhaft, seit dem Z. 1824 durch die Dampfschiffahrt von neuem im Schwünge und besonders auf Überführung von Getreide, Salz und Wein gerichtet. Vgl. Schwab, „Der Bodensee nebst dem Rheinthale" (Stuttg. 1827) und Söltl, „Der Bodensee mit seinen Umgebungen" (Nürnb. 18H8). Bodenstein (Andr.), s. Karlstadt. Bodin (Jean), franz. Publicist des 16. Jahrh., war 1529 oder 1530 zu AngerS geboren und studirte zu Toulouse die Rechte, die er auch einige Zeit daselbst lehrte. Um als Anwalt aufzutreten, begab er sich nach Paris, wendete sich aber nachher, da es ihm in dieser Laufbahn nicht gelang, die Aufmerksamkeit zu erregen, literarischen Arbeiten zu. Der Ruf seiner Gelehrsamkeit und seines Witzes bewog Heinrich III., ihn an seinen Hof zu ziehen. Allein da er durch Nebenbuhler der Gunst des Königs verlustig wurde, so schloß er sich an den Bruder desselben, den Herzog Franz von Alencon und Anjou, an, der ihn zu seinem Cabinetssecretair machte und ihn mit sich auf Reisen nach England und Flandern nahm. Als der Herzog gestorben, begab er sich, seiner Hoffnungen beraubt, nach Laon, heirathete daselbst, erhielt eine Gcrichtsstellc und wurde von dem dritten Stande in Vcrmandois 1576 als Abgeordneter zu der Ständeversammlung in Blois geschickt. Hier verlhcidigte er die Rechte des Volks und die Gewissensfreiheit der Bürger, wodurch er freilich bei dem Hofe sich viele Feinde zuzog. Er bewirkte, daß die Stadt Laon 1589 sich für die Ligue erklärte, indem er vorstellte, daß der Aufstand so vieler Städte und Parlamente zum Besten des Herzogs von Guise kein Aufruhr, sondern eine gewaltsame Staatsvcränderung (Revolution) genannt werden könne. Nachher unterwarf er sich jedoch Heinrich I V. Er starb 1596 zu Laon an der Pest. Sein Hauptwerk ist „V>s republi^us" (Par. 1577, Fol., lat. von ihm selbst, Par. 1586, Fol.), worin er den ersten vollständigen Vcr> ach einer wissenschastlichtN 448 Bodin (Jean Franx.) Bodmer (Georg) Bearbeitung der Staatslehre gab und, durch seine Erfahrungen bestimmt, zwischen den Anhängern der unbedingten Monarchie und der Demokratie einen Mittelweg einzuschlagen suchte. Unter Anderm behauptete er auch, daß der Fürst seinen Unterlhanen ohne deren Einwilligung keine Steuern auflcgen könne. Seine „vemonnmunie" (Par. 1579, 4. ; lat., Bas. 1581) und sein „lAeutrum imturae universae" (Lyon 1596; franz., Lyon 1 5 9 7) beweisen, wie sich in seinem Geiste Gelehrsamkeit und Aberglauben verbanden; den Vorwurf des Atheismus zog er sich vorzüglich durch sein „Heptuploineres «1s ulxlitis rermn sulilimiuin urcsnis" zu, das, eines der interessantesten Bücher jener Zeit, bis jetzt noch nie vollständig im Druck erschienen ist. Vgl. Guhrauer, „Das Hcptaplomeres des Jean B., zur Geschichte der Cultur und Literatur im Jahrhundert der Reformation" (Berl. 1841). Außerdem ist von ihm noch zu erwähnen die „iAetiiockus a821). Unter der Restauration verlor er seine Stelle; dagegen war er in den I. 1829—22 Deputirtcr seines Departements. Er starb >829 zu Launay. — Sein Sohn Felix B., der gleichfalls früher Mitglied der Depu- tirtenkammer war, hat sich als Publicist bekannt gemacht. Er war Redacteur des ,Merc»ro ckll INöme siede" und verfaßte in der von ihm gegründeten Sammlung der „kesnmes liistoriyues" den Abriß der Geschichte Frankreichs und Englands, die beide zahlreiche Auflagen erlebt haben. Von ihm ist eine Geschichte der Allgemeinen Stände unter dem König Johann (1355) angekündigt, die ein Supplement zu Thiers'Revolutionsgeschichte bilden soll, bis jetzt ist aber, mit Ausnahme einiger Fragmente, davon noch nichts erschienen. Bodlejanische Bibliothek heißt die Universitätsbibliothek in Oxford (s. d.). Bodmer (Georg), einer der ausgezeichnetsten Mechaniker, dem die Industrie in ihren verschiedensten Zweigen höchst einflußreiche Erfindungen und Verbesserungen verdankt, ist zu Zürich im Dec. 1786 geboren. Im 16. Jahre kam er zu einem geschickten Mechaniker zu Hauptweil im Canton Thurgau in die Lehre. Hier machte er bereits 1893 die Erfindung der Schrauben- oder Kreuzräder, die erst vor wenigen Jahren auf den Namen des Engländers Fairbairn patentirt wurde. Auch erwarb er sich schon 1895 weitere Verdienste um die Vervollkommnung der zur Baumwollenspinnerei dienenden Maschinen. Bald darauf legte er zu Küßnacht im Canton Zürich eine mechanische Werkstätte an und verfertigte daselbst 1808 die erste einpfündige, gezogene und von hinten zu ladende Kanone, aus welcher Granaten geschossen werden konnten, welche, vorn mit einer Kapsel und Knallpulver versehen, im Augenblicke des Eindringens in einen Gegenstand zersprangen. Die Wirkung seines Geschosses wurde constatirt durch die Berichte franz. und bad. Commissionen von Sachverständigen in den 1. 1819 und 1814 ; doch ging das Modell bei einem Brande zu Grunde. Später wurde B. durch die Förderung einer friedlichen Industrie vorzugsweise in Anspruch genommen, doch gebührt ihm die Ehre, auch der erste Erfinder eines sinnreichen Zerstörungs- Werkzeugs gewesen zu sein, das später einen andern Namen als den seinigen tragen sollte. Seit 1899 im badischen Fabrikorte Sanct-Blasten ansässig, wurde er 1816 als Capitain der Artillerie angestellt und mit der technischen Leitung der großherzoglichen Eisenwerke beauftragt, während er gleichzeitig, wie schon früher, der Gewehrfabrik an dem genannten Orte, sowie einer Spinnerei und mechanischen Werkstätte Vorstand. In dieser Zeit bis zum I. 1822 war er erfolgreich thätig für die Einführung von Ersparnissen und neuen Erfindungen zur Verbesserung des Materials des bad. Militairs, sowie für die Vervollkommnung der Spinnmaschinen. Um seine Kräfte dem Vaterlande zu widmen, verließ er > 822 den bad. Dienst und kehrte in die Schweiz zurück, wo er den zur Ausführung gekommenen Plan zu dem Bade zu Schinznach im Canton Aargau entwarf und durch Herzog in Aarau, Vater und Söhne, die Besitzer einer großen Spinnerei, in jeder Weise redliche Unterstützung fand. Minder zufrieden mit den andern noch allzusehr am Herkömmlichen Hangenden Industriellen seines Heimatlandes, suchte sich sein rastlos schöpferischer Geist einen ausgedehnter!! Wirkungs- 449 Bodmer (Joh. Jak.) kreis. Er siedelte l 824 nach Manchester über und gründete daselbst eine Werkfiätte für den Bau von Maschinen und die Verbesserung der gebräuchlichen Werkzeuge. Hier brachte er sein sogenanntes Bandbereinigungssystem, wozu er schon in Sanct-Blasien den Plan entworfen hatte und wodurch später das ganze Maschinenwesen für die Baumwollenspinnerei einen neuen Aufschwung erhielt, zur Ausführung und nahm Patente für Großbritannien, Ostreich, Frankreich, die Niederlande und Nordamerika; auch wurde ihm in dem erstem Lande 1840 ein? Verlängerung des Patents für sieben Jahre gewährt. England verdankt dem reichen Geiste B.'s noch eine Reihe bedeutender Werke der Mechanik und wichtiger Erfindungen. Dahin gehören der Bau des ersten größer« Wasserrades bei Bolton von 6t F. Durchmesser; die beinahe mathematisch genaue und praktisch richtige Bestimmung der Form der Zähne von Stirnrädern; die wahre Form der Zähne der Schraubenräder und des Schraubenganges; die Verbesserung der Locomotivc mit compensircnden Kolben; die Vervollkommnung der Maschinerie zmn Präpariren der Baumwolle und Wolle; eine ganze Reihe meist ganz neuer und anderntheus verbesserter Hülfsmaschinen und Werkzeuge zum Drehen, Bohren und Walzen ; vorzüglichere Land- und Marinedampfmaschinen u. s. w. So erwarb sich im Verlaufe von weniger als 20 Jahren der unerschöpfliche Scharfsinn und der rastlose Eifer B.'s zahlreiche Patente über etwa 80 verschiedene Maschinen und Werkzeuge, von denen jetzt schon der größere Theil in Anwendung ist. In seinem unablässigen Wirken und Schaffen fühlt sich B. durch die höhere Idee gehoben und getragen, daß es die Aufgabe des vorwärts dringenden Menschcngeistes ist, alle einförmig wiederkchrcnden Operationen der Industrie den verstandeslosen Naturkräften zuzuweisen, damit die Menschen durch die Arbeit m i t Maschinen von der geistig und sittlich niederdrückenden Arbeit a l s Maschinen mehr und mehr befreit werben. Bodmer (Joh. Jak.), deutscher Dichter und Literator, geb. zu Greifensee bei Zürich am 19. Juli >698, wurde von seinem Vater, welcher Pfarrer war, anfangs für den geistlichen, später für den Kaufmannsstand bestimmt, wendete sich aber dann entschieden der Poesie und den historischen Wissenschaften zu. Er hatte früh nicht nur die griech. und röm. Dichter, sondern auch die Meisterwerke der sranz., engl, und ital. Literatur kennen gelernt. Diese Studien machten ihm die Armuth und Geschmacklosigkeit der deutschen Literatur seiner Zeit noch auffallender, und er glaubte sich ebenso viel Verdienst als Ruhm zu erwerben, wenn er als Reformator derselben aufträtc. Er verband sich mit Br eit in g er (s. d.) und andern jungen Gelehrten und trat 1721 mit einer Zeitschrift, „Discourse der Maler" hervor, worin einige deutsche Dichter, die damals in großem Ansehen standen, vor den Richterstuhl einer neuen Kritik gezogen wurden. So gehaltlos und leer viele Urtheile dieser jungen Kunstrichter waren und so sichtbar befangen in mehrfacher Hinsicht sich auch Ä. zeigte, so machten doch schon die damals ungewöhnliche Keckheit des Tadels und der erweiterte Blick auf die ältere deutsche Poesie großes Aufsehen und regten zu weitern Nachforschungen an. Gottsched sprach sich anfangs zu Gunsten der jungen Schweizer aus, trat aber bald, als auch er ihren Tadel erfuhr, an die Spitze ihrer Gegner. So bildeten sich zwei Parteien, die Gottschcd'sche und die schweizerische, die sich seit > 740, wo B.'s Abhandlung „Vom Wunderbaren in der Poesie" und gleichzeitig zwei ästhetisch-kritische Schriften Breitinger's erschienen, und somit gleichsam ein Kriegssignal gegeben war, lange mit großer Erbitterung bekämpften. Wiewol es bei dieser Fehde nicht an Kleinlichkeiten auf beiden Seiten fehlte, so hatte sie doch nützliche Folgen und half eine glänzende Periode der deutschen Literatur vorbereiten. Namentlich wirkten die Schweizer günstig und kräftig aufregend durch ihre Hinneigung zu dem brit. Dichtergeschmack, ihr stetes Zurückweisen auf das klassische Alterthum und auf Opitz, Flemming, Eryphius u. A., sowie durch ihre Bekämpfung der Lohenstein'schen Schule wie der gallischen Kunsttheorie Gottsched's. B. erhielt 1725 den Lehrstuhl der helvet. Geschichte in seinem Vaterlande und ward 1737 Mitglied des Großen Raths in Zürich, in welchem er sehr gemeinnützig wirkte. Nach dem Tode seiner Gattin und seiner Kinder zog er sich auf ein Lan d - gut zurück und legte 1775 sein Lehramt nieder. Er starb in Zürich am 2. Jan. 1783. Sei ne schriftstellerische Thätigkeit war vielseitig und unermüdlich ; er trat nicht nur als ästhetisch er Kunstrichter und Literator, sondern auch als Geschichtschreiber und Dichter auf. In letzter er Eigenschaft leistete er allerdings am wenigsten, wie seine „Noachide"(Zür. >752; neueAufl^ E«nv.-Lex. Neunte Ausl. II. 29 4.',0 Bodmerei Boerhaave 178>^ seine dramatischen Arbeiten und seine Übersetzungen beweisen. Größere Verdienste erwarb er sich durch die Herausgabe alter vaterländischer Dichter, der Mancffe'schen „Sammlung der Minnesänger" (2 Bde., Zür. 1758, 4.), Borrers und Opih's, und durch zahlreiche kritische Schriften. Er war in seinen Sitten streng und patriarchalisch, doch wirft man ihm vor, daß er fremdes Verdienst nicht ohne Neid und Eifersucht habe ansehen können. Seine Verdienste sichern ihm ein ehrenvolles Andenken bei der Nachwelt, und die größten Namen der deutschen Literatur, Klopstock und Wieland, reihen sich als Pfleglinge dem seinigcn an. Bodmerei (im Engl, lbottomr^, im Franz, contrat i> In grosse oder pret ü In grosse »venture, im Italien, cawbro maritim») heißt ein Darlehen, welches auf ein Schiff oder dessen Ladung mit der Bedingung ausgenommen wird, daß der Darleiher, der Bodmerei- geber oder Bodmerist, die Seegefahr mitträgt, also bei gänzlichem Untergange seine ganze Federung verliert, bei partiellem Seeschaden einen Theil derselben einbüßt, dagegen bei glück- licher Fahrt eine Prämie, entweder höhere Zinsen oder in der Thal einen Theil des Gewinns, bekommt. Die Eigenthümer des Schiffs können ihre Schiffsantheile, die Befrachter ihre Antheile an der Ladung, der Schiffer aber nur im Nothfalle Schiff und Ladung verbodmen. Vgl.Beneckc, „System des Assecuranz-und Bodmcreiwcseirs"(4 Bde., Hamb. 1805—lv). Bodöni (Giambattista), ein ausgezeichneter Stempelschneidcr und der vorzüglichste Buchdrucker des 18.Jahrh., geb. am 16. Febr. 1746 zuSaluzzo in Piemont, wo sein Vater eine Buchdruckerei besaß, beschäftigte sich schon von Jugend auf mit dem Holzschneiden. Da seine Arbeiten Beifall fanden, ging er 1758 nach Rom, um sich zu vervollkommnen, und ward in der Druckerei der Propaganda als Setzer angestellt. Auf den Rath der Vorsteher, die ihn lieb gewannen, machte er sich mit den oriental. Sprachen bekannt, um vornehmlich bei Drucken dieser Art zu arbeiten. Er hatte die Absicht, nach England zu gehen, als ihn der Herzog Ferdinand von Parma 1768 für die Druckerei gewann, die er nach dem Muster derer von Paris, Madrid und Turin in seiner Hauptstadt errichtet hatte. B. hob diese Anstalt zu der ersten in Europa und erwarb sich den Ruhm, Alles, was seine Kunst früher an prachtvollen und Schönheitssinn bekundenden Werken geliefert, beiweitem übcrtroffen zu haben. Die Schönheit seiner Lettern, seiner Schwärze und des Papiers lassen ebenso wenig als die ganze Anordnung des Technischen,etwas zu wünschen übrig; doch kommt der innere Werth seiner Ausgaben dem glänzenden Äußern selten gleich. Seine „Jliade" des Homer (3 Bde., 1868, Fol.) mit einer Zueignung an Napoleon, der ihn begünstigte und unterstützte, ist ein wahrhaft bewundernswürdiges Prachtwerk, wie denn namentlich seine griech. Lettern unter allen neuern Versuchen am glücklichsten die Züge der Handschrift nachahmen. Außerdem gehören zu seinen elegantesten Drucken der Virgil (2 Bde., 1793, Fol.) und die „Oratio Dominica in dV linAuas versa et exoticis eliaraeteribus plerumgue express»" (1866, Fol.). Auch werden noch immer seine Prachtausgaben mehrer anderer griech., lat., ital. und franz. Klassiker ihrer äußern Schönheit wegen gesucht. Er starb zu Padua am 29. Nov. 1813. Ein „lllanuale tipograpbieo ckel 6iam. II." mit Proben seiner verschiedenen Typen erschien l 818 (2 Bde., 4.). Sein Leben und ein Verzeichniß seiner Drucke hat I. de Lama (2 Bde., Parma 1816) geliefert. Boedromros ist ein Beiname des Apollon in Athen, wo diesem zu Ehren ein gleichnamiges Fest, Boedromia, wahrscheinlich am 7. des Monats Boedromion, begangen wurde, welches seinen Namen von dem Siege der Athener über die Amazonen im Monat Boedromion, oder von dem Kriege unter Erechtheus gegen die Eleusinier haben soll. In letzterem nämlich soll Apollon den Athenern eingegeben haben, mit großem Geschrei gegen die Feinde anzurücken, wodurch sie siegten. Der Grund des Beinamens und des Festes liegt wol in der durch Apollon's Orakel in Kriegsgefahren geleisteten Hülfe. Boerhaave (Herrn.), einer der berühmtesten Ärzte des-18. Jahrh., geb. am 13. Dec. 1668 zu Voorhout bei Leyden, erhielt von seinem Vater, einen, Prediger, den ersten Unterricht. Um Theologie zu studiren, ging er 1682 nach Leyden, und obgleich sein Vater im folgenden Jahre, ohne Vermögen zu hinterlassen, starb, so wurden seine Studien doch nicht unterbrochen, da van Alphen, Bürgermeister von Leyden, ihm jede nöthige Unterstützung gewährte. In seinem 2 1. Jahre hielt er die akademische Rede „H»a probatur, bene urteile- ctsm u Oieerone et cynlututum esse sententiarn Lpicuri >le sirinino bono" (Leyd. >680, m- >che hm ier- der sse >der ei- »je ück- ms, hre >en. «)- hste ater Da und her, bei der crer lzu icht- ben. die crth , Zdc., ^ ein »ter dem stio ittö, und ZIZ. ^ hien )de., eich- i ngen onal ! Zn! n die ' w°l D-c. ^ nter- fol- nicht Kung e»e- 690, 4.), in der er Spiuoza's Lehre mit so viel Talent bestritt, daß die Stadt ihn mit einer goldenen Medaille belohnte. Nachdem er > 689 Doctor der Philosophie geworden, fing er im folgenden Jahre das Studium der Meinem an, ohne jedoch seine früher beabsichtigte Laufbahn aufzugcben. Drelincourt war sein erster und einziger Lehrer und auch von ihm erhielt er nur sehr wenig Unterricht, sodaß er fast allein eine Wissenschaft erlernte, auf die er nachmals einen so wichtigen Einfluß ausübte Er studirte zuerst die Anatomie, aber mehr in den damals gangbaren Werken eines Vesal, Bartholin u.A. als unter praktischer Anleitung. Dann las er die neuen Werke über die Medicin, wie die der Alten, indem er von seinen Zeitgenossen beginnend bis zum Hippokratcs Hinaufstieg, dessen hoher Werth und einzig richtige Methode ihm dadurch erst recht einleuchteten. Ebenso fleißig studirte er Botanik und Chemie und ward, obwol er sich noch immer dem geistlichen Stande widmen wollte, I993zuHarderwyckDoctor der Medicin. Nach seiner Rückkehr nach Leyden entschied er sich, da man in Folge eines Streites mit einem Gegner des Spinoza Zweifel gegen seine Orthodoxie erregte, völlig für die Medicin. Im 1.17 91 ward er nun zu Leyden Lector und Repetent der Theorie der Medicin; damals hielt er seine erste medicinische Rede „Ilo coinmonclundn 8t»is cognn8cencli8 et ciiranclio morbi.8 in U8nm ckootrinae meclicinue" (Leyd. 1799), welche an van Swieten einen ausgezeichneten Erklärer fanden. In dem erstern Werke, einem Muster von umfassender Gelehrsamkeit und Methode, entwickelte er sein System irr seinem ganzen Umfange; in letzterm unternahm er eine Eintheilung der Krankheiten und setzte ihre Ursachen, ihre Natur und ihre Behandlung auseinander. Der Lehrstuhl der Botanik, den er ebenfalls cinnahm, trug nicht minder dazu bei, ihn berühmt zu machen. Wesentliche Dienste leistete er der Botanik durch die beiden Verzeichnisse der in dem Garten zu Leyden gezogenen, wie durch die Beschreibung und Abbildung mehrer neuen Pflanzen und die Aufstellung einiger neuen Gattungen. Jm J. 1714 wurde er Rector der Universität; bei Niederlegung seines Amtes hielt er die Rede „I>o cnmpurando corto in pbzsicis", die zu seinen vorzüglichsten Reden gehört. Hierauf wurde ihm am Ende des I. 1714 an Bidloo's Stelle auch der praktische Unterricht übertragen, womit er sich schon seit länger als zehn Jahren beschäftigt hatte. Die großen Vortheile der klinischen Anstalten ahnend, und um die theoretische Anweisung mit der praktischen zu verbinden, ließ er ein Hospital eröffnen, wo er zweimal wöchentlich, die Krankheiten vor Augen, ihre Geschichte seinen Schülern vertrug, ohne etwas Anderm als allein der Beobachtung zu folgen. So beschäftigt B. bereits war, so übertrug ihm doch 1718, nach Lemort's Tode, die Universität auch noch den Lehrstuhl der Chemie, welche Wissenschaft er schon seit 1793 gelehrt hatte. Seine „bllementu cliomia^" (2 Bde., Par. >724 und öfter) sind vielleicht sein vorzüglichstes Werk und haben trotz der völlige» Veränderung der Ansichten noch für uns einen hohen Werth. Seine Versuche zeichnen sich durch eine große Genauigkeit aus, und besonders trefflich für die damalige Zeit ist der Abschnitt von den organischen Körpern. Ein so ausgebreiteter Wirkungskreis mußte B. noth- wendig einen Ruf erwerben, wie sich dessen nur wenige Gelehrte zu erfreuen gehabt haben. Von allen Gegenden Europas kam man, ihn um Rath zu fragen. Sein Vermögen betrug bei seinem Tode 2 Mill. Fl. Peter der Große unterhielt sich bei seiner Durchreise mit ihm, und ein chines. Mandarin, sagt man, schrieb an ihn unter der Adresse „An Herrn Bocr- haave, berühmten Arzt in Europa". Ein Anfall des Podagras, von einem Schlagfluffe begleitet, zwang ihn zuerst 1722, seine Thätigkeit zu unterbrechen. Neue Rückfälle in den I. 1727 und 1729 veranlaßten ihn,, das Lehramt der Botanik und Chemie, dem er 2 !> * 452 Boethius Bogdanotvicz 20 Jahre vorgestanden, aufzugeben. Ji»J. 1736 verwaltete er das Rectorat zum zweiten Male und hielt bei dessen Niederlcgung die Rede „He bonnre meOici, servitute", vielleicht die beste unter allen seinen Reden, worin er den Arzt als Diener der Natur darstellte, deren Bewegungen er zu erwecken und zu leiten habe. Er kehrte darin gewissermaßen zum Hip. xokrates zurück, von dem er sich überhaupt in der Ausübung nie entfernte. Er starb am 23. Sepk. 1738. Sein ausgezeichnetster Schüler war A. von Haller. Die Stadt Leyden ließ ihm in der Peterskirche ein Denkmal errichten, auf welchem man B.'s Licblingsdenk- spruch liest „Simpler si^iHum veri". Boethius (Anicius Manlius Torquatus Severinus), ein durch Gelehrsamkeit, Ver- dienste, Würden und durch sein trauriges Schicksal berühmter röm. Staatsmann und Philosoph, wurde zwischen -17» und 475 n. Ehr. zu Rom geboren, wo sein Vater die Consulwürde bekleidete und die ganze Familie durch Reichthum und Ehrenstellen ausgezeichnet war. Er studirte in Rom Philosophie, besonders die Aristotelische, Mathematik und Poesie, übersetzte und erklärte die Schriften des Aristoteles und der alten Mathematiker, des Euklides, Ar- chimedes, Ptolemäus u. A. Schon früher zu den ersten Ehrenstellen erhoben, erwarb er sich das völlige Vertrauen des Königs der Ostgothcn, Theodorich, der im J.500 in Nom den Sitz seiner Regierung aufschlug. Ihm verdankte Italien, daß es die Herrschaft der Gothen weniger drückend fand. Als aber der König in seinem Alter trübsinnig und argwöhnisch geworden, wußten die habsüchtigen und gewaltthätigen Machthaber, denen B. mit strenger Gcrechtig- keitsliebc widerstanden hatte, ihn zu verdächtigen; vcrrätherischcn Einverständnisses mit dem Hofe zu Konstantinopel angeklagt, wurde er seiner Würden entsetzt und seines Vermögens beraubt, von Rom, wie man glaubt, nach Pavia verwiesen, dann gefangen gesetzt und 521 oder 526 hingerichtet. Während seiner langen Gefangenschaft schrieb er sein berühmtes, in eine dialogische Form eingekleidctes Werk in fünf Büchern, die „Oonsolatio pliilosopkioe", worin er mit der Philosophie sich unterhält, die ihn über das Wandelbare alles menschlichen Glücks und über die einzige Sicherheit, die in der Tugend zu finden ist, belehrt. Das Ganze ist in einerden besten Mustern der klassischen Vorzeit glücklichnachgcbildeten, reinen Sprache verfaßt, und die darin häufig vorkommenden poetischen Stücke zeichnen sich durch natürlichen Fluß und metrische Genauigkeit aus. Vgl. Heyne's „(lensura v. 6e consolatinne pliiloso- pdise" in dessen „Opuscula acackewica" (Bd. 6). Seine übrigen Schriften sind theils phi< > losophischen, theils mathematischen Inhalts; auch zwei bisher unbekannte rhetorische Schriften hat A. Mai in den „(llsssici suctores e Vatic. cc>777) und gab 1778 oen „Petersburger Anzeiger" >6 Monate lang heraus, nachdem crschon >763 das Journal „Unschuldiger Zeitvertreib" veröffentlicht hatte. Von Katharina veranlaßt, schrieb er mehre kleine Dramen, auch ließ er eine werthvolle Sammlung russ. Sprüchwörter (3 Bde., Pctersb. 1785) erscheinen. Untcrdcß war er 1786 Mitglied und 1788 Präsident des Reichsarchivs geworden. Als solcher nahm er 1795 seine Entlassung und lebte nun in Kleinrußland, erst in Sumy, dann bei Kursk auf seinem Landgute, wo er am 6. Jan. 1863 starb, nachdem ihn Kaiser Alexander noch kurz vorher durch Übersendung eines kostbaren Ringes erfreut hatte. B. war ebenso bescheiden als talentvoll, dabei ein kindlichguter, heiterer Mensch ; in seinen Gedichten spiegelt sich sein ganzer Charakter. Seine Werke erschienen in sechs Banden in Moskau I86V—16 (2. Aust., -1 Bde., 1818). Bogen heißt in der Geometrie ein Theil einer krummen Linie. Der Bogen ist stets größer als seine Sehne, d. h. als diejenige gerade Linie, welche die beiden Endpunkte des Bogens verbindet. Zwei Kreisbogen, welche zu gleichen Winkeln am Mittelpunkte gehören, heißen ähnlich und stehen zu ihren Peripherien in gleichem Verhältnisse; liegen sie aber in demselben Kreise oder in gleichen Kreisen, so sind sie gleich. Die Länge eines Kreisbogens wird gefunden, wenn man die ganze Peripherie berechnet und denjenigen Theil derselben nimmt, welchen der Mittclpunktswinkel des Bogens von 366" bildet, z. B. den fünften, wenn der Winkel 72" beträgt, drei Fünftel aber, wenn der Winkel 216" beträgt u. s. w. Die Länge eines Bogens einer andern krummen Linie, d. h. die gerade Linie an- gebcn, welche dieselbe Länge mit dem Bogen hat, heißt den Bogen rcctificiren und ist Gegenstand der höhcrn Geometrie. — In der Baukunst bedeutet Bogen die Linie, nach welcher eine Wölbung oder ein Gewölbe aufgeführt wird. Sie bildet entweder einen vollen Halbkreis, oder das Stück eines solchen, oder einen elliptischen Bogen, der zumeist flacher als der Halbkreis und nur selten höher ist, oder sie besteht aus zwei, in einem Winkel zusammensto- ßcnden Bogenstückcn. Im letzter» Falle benennt man sie als Spitzbogen; derselbe erscheint in sehr verschiedenartiger Behandlung, zuweilen so, daß seine Bogenstücke geschweifte Linien bilden. Der Bogen ist für die ästhetische Ausbildung der architektonischen Formen von höchster Wichtigkeit, indem der Bewegung gemäß, welche in seiner Linie ausgedrückt ist, auch diejenigen Architckturtheile, von denen er ausgcht, ihre eigcnthümliche Gestaltung erhalten müssen. Diese Ausbildung hat in der Baukunst des klassischen Alterthums noch nicht statt- gesiindcn, da man hier die architektonischen Formen nur durch das Vcrhältniß von Säule und Architrav bestimmen ließ (s. SLule); sie erscheint erst im Mittelalter, aufs höchste vollendet in den sogenannten gothischcn Bauwerken, und nur an ihnen kann man die ästhetische Gestaltung des Bogcnbaus studircn. — In der Optik spricht man von einem gefärbten Bogen. Wenn man nämlich ein Glasprisma mit einer seiner drei Seitenflächen auf ein schwarzes Papier nahe an ein Fenster legt und das Auge etwas über und nahe an das Prisma bringt, so erblickt man die Basis des Prisma durch einen schön gefärbten, gegen das Auge concaven Bogen in zwei Thcile gethcilt. Der Theil, welcher von dem Auge der entferntere ist, erscheint sehr glänzend und lebhaft, und man erblickt in demselben die Bilder der äußern Gegenstände, z. B. der gcgcnüberstchenden Häuser, ungemein klar und deutlich; Verändere, dem Auge nähere Theil aber ist dunkler, und die Bilder der Gegenstände sind nur wie durch einen Nebel zu erkennen. — In dcrMusik hcißtBogen das bekannte Werkzeug, mittels des» 454 Boqeniilstnlmcnte Bogenschützen scn die Darmsaiten der Geigcninstrumcntc gestrichen und zum Tönen gebracht werden. Die Größe und Einrichtung desselben richtet sich nach der Grüße der Instrumente. — In der No- tenschrift dient der Bogen als allgemeines Verbindungszcichcn, das jedoch im Besonder« verschiedenartige Bedeutung hat. Bald bestimmt er die Zahl der Töne, die auf einen Bogen- strich, oder auf eine Silbe, oder auf einen Athem zu nehmen sind; bald ist er Zeichen des Portamento (s. d.); bald verbindet er mehre Töne gleicher Höhe so, daß sie ohne wiederholten Anschlag zu Einem verlängerten Alangc sich verbinden. Bogeninstrumente oder G e i g e n heißen die mit Darmsaiten bezogenen Instrumente, auf welchen durch Streichen mit dem Bogen die Töne hcrvorgebracht werden. Die gebräuchlichsten Arten sind die große Baßgeige oder Vi o lo n (s. d.), die kleine Baßgeige oder das Violonccllo (s. d.), die Bratschc (s. d.) und die eigentliche Geige oder Violinc (s. d.). Fast ganz verschollen ist die sonst sehr beliebte Gamb e (s. d.). Schon die gebildeten Völker des frühesten Alterthums, wie die Hindus, besaßen verschiedene Arten Bogeninstrumcntc, die jedoch insgcsammt nur als schwache Anfänge der im Mittelalter entstandenen Violengattung betrachtet werden können. — Einen Bo g en flü gel erfand 1757 der Mechaniker Hohlfeld; doch war es eigentlich nur eine Verbesserung des von Hans Haydcn zu Nürnberg 1610 erfundenen Gambenwerks. Der Verbreitung dieser und ähnlicher Instrumente standen die Schwerfälligkeit der Intonation und die Monotonie des Klangs im Wege. Bogenschuß oder Aufsatzschuß wird bei Kanonen derjenige Schuß genannt, bei dem man sich des Aufsatzes (Iisusse) bedient und wobei die Kugel, ohne vorher einen Aufschlag gemacht zu haben, das Ziel erreichen soll. Zuweilen schlagt die Kugel zwar kur; vor dem Ziele auf, trifft aber dasselbe dessenungeachtet, und in diesem Falle sagt man, der Schuß habe „mit einem Preller getroffen". Bei den Feldkanonen beträgt die kleinste Bogenschuß- weite 800 Schritt, die größte noch wirksame beim Sechspfünder 1500, beim Zwölfpfünder 1800 Schritt. Im Bclagcrungskricge wird der Bogenschuß selten angewendct, weil in der Regel die Distanzen kleiner als 800 Schritt sind. Bogenschützen hießen diejenigen Krieger zu Fuß oder zu Pferde, deren Hauptwaffen in Bogen und Pfeilen bestanden. Unter den alten Völkern, die sich durin auszeichneten, nennt man vorzugsweise die Thrazier, Kreter, Kureten, Parther und Numidier; später die Germanen, die hochnordischen Völker, die Araber und Sarazenen. Kaiser Friedrich I. bediente sich der sarazenischen Bogenschützen mit vielem Nutzen in der Lombardei, und ihnen schreibt man den Sieg bei Cortenuova im 1.1237 zu. Die Bogenschützen gehörten zu den leichten Truppen und wurden zur Eröffnung der Gefechte gebraucht. Kaiser Leo rühmt besonders die Fertigkeit der arab., und bei den röm. Legionen gehörten die Bogenschützen zur Claffe der Veliten. Später ging diese nützliche Waffe auf die Engländer über, deren Bogenschützen Archers hießen, einen leichten Harnisch trugen und ein kurzes Schwert und einen Köcher mit 21 Pfeilen führten. Anfangs fochten sie in zerstreuter Ordnung, später in Massen, z. B. in der Schlacht bei Crecy im 1.1316, wo sie in Abtheilungen von 1000 M., 200 M. in Front und 10 M. tief, standen. DieBogenschützen haben in vielen Schlachten den Sieg entschieden, namentlich bei Crecy, Poiticrs (1356), Azincolirt (1115), Crevant (1123), bei Verneuil (1121) und Rovernay (1120). Die franz. Bogenschützen standen beständig den engl, nach, so viele Mühe sich auch die Könige Karl VI. und VII. mit ihnen gaben. Der Letztere organi- sirte 1118 die sogenannten Freischützcncompagnien (trnnc ui-cbe-rs), zu deren Formirung jedes Kirchspiel einen Mann stellen mußte, allein mit geringem Erfolge, sodaß er sich gc- nöthigt sah, schot. Bogenschützen in Sold zu nehmen, um nur einigermaßen den englischen die Wage zu halten. Die franz. Bogenschützen trugen mitunter einen Waffenrock von Büffelhaut mit starker Leinwand gefüttert, auch wurden ihnen Schildträger beigesellt, nm sie zu decken. Zn der Heeresabtheilung des Grafen Foix kämpften auf diese Weise 200» Schützen mit ihren Schildträgern bei der Belagerung von Bayvnnc im I. 1151. Die Bogenschützen gehörten überall zu den Elitentruppen und bekamen höhern Sold als die übrigen. Im 15. Jahrh. wurde der Bogen durch die Armbrust(s. d.) verdrängt, allein noch lange nach Erfindung des Feuergewchrs kommen Pfcilgeschoffe vor, z. B. bei der Belagerung von Capua im I. 1500 und des Schlosses Peineburg im I. 1502; ja die Königin Elisabeth von England machte sich sogar noch im I. 1522 verbindlich, Karl IX. 6000 M. zu stellen, b S j' 3 v s- s- rl a i' 2 d, d b' L u C st w si u § h n d ll § f d « r z l ! Bogenstrich Bogota 455 darunter die Halste Bogenschüßen. Bei den Türken, Persern und den Völkern des asiat. ! Rußlands, den Baschkiren, in Mittelasien und im Innern von Amerika ist der Bogen noch jetzt eine gebräuchliche Waffe. Bogenstrich oder Bogenführnng. Die Schönheit und Abstufungsfähigkeit des Tons nicht nur, sondern auch, und hauptsächlich, Leben und Charakter des Vortrags hängen vorzugsweise von der Bogenführung ab. Denn wenn in erster Hinsicht, auf materielle Klangschönheit, der Spielende noch von der größern oder mindern Güte des Instruments abhängt, so ist andererseits das geistige Element, die Beseelung und Erhebung des Vortrags von der rein sinnlichen Klangwirkung zur articulirten Gemüthssprache, in technischer Hinsicht fast nur an die Bogenführung gebunden. Im Wesentlichen beruht die Kunst der Bogenführung auf zwei Hauptstricharten, der gebundenen, geschleiften oder langen (legato), welche zwei, drei, bis 20 und 3» Noten auf Einen Strich nimmt und der gelösten, kurzen oder gestoßenen (tietuclle), die zu jeder Note einen Strich verwendet. Die Vermischung aber beider Grundgattungen und die mannichfaltigen Gradationen, deren die detachirten Stricharten an sich schon fähig sind, bieten dem Spieler einen Reichthum, eine sprechende Klarheit des Ausdrucks, die nur in der Verschmelzung des Worts mit dem Klange, in der Menschenstimmc, sich übertroffen findet, und die den Streichinstrumenten von je die unbezweifeltc Herrschaft im Orchester sicherte. Eine eigenthümlichc Verschmelzung des Wesens beider Strichgattungen stellt sich im Stac- cato (s. d.) dar, dem lockern, scharfen Abstoßen einer Reihe von Tönen in Einem Striche. Statt Bogenführung sagt man auch kurz Bogen und spricht so von einem Spieler, er habe oder führe einen correctcn, langen oder reichen Bogen. Bogonnlen hieß eine den Pauliciancrn (s.d.) undKatharern (s.d.) verwandte Sekte des l 2. Jahrs)., die ihren Hauptsitz in Thrazien hatte. Der Name kommt von dem bulgarischen bog, d i. Gott, und mil»i, d.i. Erbarme dich, her und dient zur Bezeichnung ihrer Gebetsschwärmerei, die mit der Ansicht von einem zu bekämpfenden bösen Principe im Menschen zusammenhing. Die Grundzüge ihrer Lehre waren folgende: Aus dem göttlichen Ur- wescn sind zwei Principicn hervorgegangen, Satanael und Logos; jener, anfangs gut, empört sich und schafft im Gegensätze zu der ursprünglichen, geistigen Schöpfung die materielle Welt und die Menschen, welche letztere vom Vater zwar den Lebensgeist empfangen, aber von Satanael so lange bcknechtet werden, bis der Logos oder Christus in einem Scheinkörper herabkommt und die Macht jenes, der von nun an blos Satan heißt, zerstört. Die Bogo- milen foderten wie alle ähnliche Parteien strenge Ascese, verachteten das Kreuzeszeichen und die Bilder und verwarfen die Sacramente. Statt der Taufe, die eine bloße Waffertaufe sei, legten sie dem Einzuweihenden die Hand und ein apokryphes Johannesevangelium auf das Houpt und sangen dazu das Vater Unser, welches sie überhaupt siebenmal des Tags und fünfmal des Nachts beteten. In dem Abendmahle erblickten sie ein Opfer, das den Dämonen drrgcbracht wurde. Von der heiligen Schrift nahmen sie das Neue Testament ganz, vom Alten Testamente nur die Psalmen und Propheten an und rechneten so, daß sie eine Sicben- zahl heiliger Bücher erhielten, welche sie allegorisch ausdeuteten. Jm J. 1111 kam der eifrige Ketzerfeind, Alexius Komnenus, der Sekte in Konstantinopel aus die Spur und ließ ihren Anführer, Basilius, 1118 verbrennen und die Übrigen einkerkern. Dennoch erhielten sich die Bvgomilen, namentlich in der Gegend von Philippopolis, bis ins 13. Jahrh. hinein. Vgl. Engelhardt, „Kirchengeschichtliche Abhandlungen" (Erl. 1832). Bogöta oder SantaFödeBogota,die Hauptstadt der Provinz Cundinamarca und der südamerikan. Republik Neugranada, liegt am Flusse Bogota, am Fuße der Berge Montserrat und Guadeloupe, die auf ihren Gipfeln Klöster tragen und eine herrliche Aussicht über die Hochebene gewähren, in welcher die Stadt 86»v F. hoch über dem Meere sich ausbrcitet, und in der Nähe des Sees Satarita. Die Hauptstraßen der Stadt sind gerade, gepflastert und mit Trottoirs versehen, auch des Nachts beleuchtet; die öffentlichen Plätze sehr umfangreich und mit Springbrunnen geziert. Namentlich zeichnet sich der Marktplatz aus mit dem 182 ', erbauten Regierungsgebäude, dem Zollhause und der neuerbau. tcn Kathedrale, in welcher sich eine wegen ihres kostbaren Schmuckes an Edelsteinen berühmte Statue der heiligen Jungfrau befindet. Die Stadt hat zahlreiche Kirchen, mehre Klöster, eine Universität mit einer Bibliothek und einem Naturaliencabinete, eine National-, eine 4'-6 Boguslawsti (Adalbert) Bo.qnslawski (Palm Heinr. Ludw. v.) mcdicinischc und eine juridische Akademie, mehre Gymnasien, eine Bergwcrkschulc, eine Sternwarte, einen botanischen Garten, mehre Elementarschulen und ein Schauspielhaus. Sic zahlt 30000 E„ welche bedeutenden Handel treiben und einige Fabriken unterhalten. ' Erst im Z. 1538 gegründet, nahm sie bald an Größe, Wichtigkeit und Bevölkerung zu und wurde eine der wichtigsten Städte des ehemaligen Vicekönigreichs Neugranada. Durch ein furchtbares Erdbeben am 16. Nov. 1827 wurde sic zum großen Theile zerstört. Bis zu der Trennung des Freistaats Colombia in drei Staaten im I. 1831 war sie die Hauptstadt des ganzen Freistaats, der Sitz der Regierung und des Präsidenten. — Der Fluß Bogota bildet bsi der Meierei Tequendama einen der herrlichsten Wasserfälle, indem er seine Wassermasse, die bei niedrigem Stande über 706 Kubikfuß beträgt, von 130 F. Breite auf 35 F. zusam- mengcdrängt, gegen 600 F. senkrecht herabstürzt. In der Nähe von B. liegt das Thal von / Zcononzo, das von einem Wildbach zwischen steilen Fclscnufern durchtobt wird, über welchen die Natur zwei Fclscnbrückcn gebildet hat, deren eine 300 F. über dem Bache, 33 F. lang und 6 F. breit aus einem Blocke besteht, während die zweite 60 F. tiefer aus drei sich wechselseitig stützenden Massen zusammengewölbt ist. Boguslawski (Adalbert), einer der ersten poln. Dramatiker zur Zeit des Wicderauf- blühcns der Wissenschaften, wurde durch harte Schicksalsschläge, die ihn in der Blüte seines Alters trafen, bewogen, im I. 1778 die Bühne in Warschau zu betreten. Obsthon anfangs wenig Vorliebe für dieselbe hegend, söhnte er sich doch sehr bald mit seiner Lage aus. Er übersetzte mehre Stücke in das Polnische, auch brachte er die ital. Oper auf die poln. Bühne. Als 1780 das warschauer Theater sich auflöste und er bereits entschlossen war, der Bühne ganz zu entsagen, vermochte ihn der Graf Moszynski wenigstens dahin, seine dramatischen Arbeiten fortzusctzen. Jm J. 1783 übernahm er, wicwol ungern, die Direction der vom Fürsten Lubo- mirski begründeten poln. und deutschen Vorstellungen und des Ballets, und als erstcre sehr bald aufhörten, ward er Dircctor des mit dem Ballet vereinigten poln. Theaters. Während des Reichstags spielte er mit seiner Gesellschaft 1783 in Grodno, dann in Wilna, Dubno, Lemberg und wieder in Grodno, bis er 1789 auf königlichen Befehl nach Warschau zurückbcrufen wurde, wo er die Direction des Nationalthcatcrs erhielt. Jetzt erst sah er sich im Stande, seinen langgehegten Wunsch auszuführen und durch Aufführung der besten Stücke die poln. Bühne zu heben und ihrer Vollendung nahe zu bringen. Allein die inncrn Stürme, welche seit > 793 Polen zerrütteten, vernichteten bald wieder die Früchte seines rühmlichen Strebcns. Die Vorstellungen wurden geschlossen, und B. begab sich zunächst nach Krakau und von hier nach Lemberg, wo er im Sommer 1790 das Theater aufs neue cinrichtetc und vom Grafen Rzewuski freigebig unterstützt, in dem damals zahlreich besuchten Garten des Fürsten Jablo- nowski ein großes Amphitheater erbaute. Im 1.1799 ging er wieder nach Warschau und von hier nach neun Monaten nach Kalisch, wo er auf zehn Jahre das Privilegium erhielt, neben dem bestehenden deutschen Theater, poln. Vorstellungen geben zu dürfen. Doch schon 1807 begab er sich nach Posen und bald nachher, durch die franz. Schauspieler zu sehr beeinträchtigt wieder nach Warschau. Als ec sich auch hier im I. 1809 durch das Einrückcn des , feindlichen Heers verdrängt sah, wendete er sich nach Krakau, von wo er erst im folgenden > Jahre in die Hauptstadt zurückkehrte und wieder die Direction des Theaters übernahm. In Folge des Kriegs von 1812 sah er sich aufs neue genöthigt, die Vorstellungen zu schließen und die Direction niederzulegen, und lebte nun wissenschaftlichen Arbeiten bis zu seinem Tode, der 1829 erfolgte. Er hat das Verdienst durch seine Schriften die poln. Sprache in ihrer nationalen Reinheit erhalten und den guten Geschmack unter seinen Mitbürgern geweckt und all- l gemein verbreitet zu haben. Die Zahl seiner theils in Originalarbeitcn, theils in Übersetzungen bestehenden dramatischen Stücke beläuft sich auf 80, von denen die Mehrzahl unter dem Titel „Driolu Ul (9 Bde., Marsch. 1820) erschienen ist. ! Bo stuslawski (Palm Hcinr. Ludw. von), preuß. Artilleriehauptmann, außerordent- i sicher Professor der Philosophie an der Universität und Conservator der Sternwarte zu Breslau, geb. am 7. Sept. 1789 zu Magdeburg, erhielt in der Domschule zu Magdeburg seine erste Bildung, wo auch in ihm die Neigung zur Astronomie geweckt und auf vielfache Weise > nterstüht wurde. JmJ. >-896 trat er auf kurze Zeit in die Reihen der Vaterlandsvcrthcidigcr. Der Komet von >807 gab ihm die erste Gelegenheit, Beobachtungen anzustellen. JmJ. Bohle» 457 1899 zum Bombardier bei der fehles. Artillericbrigade bestimmt, bestand er in Berlin das Eramen so ausgezeichnet, daß er 18 lI zum Lieutenant ernannt wurde und zum Besuch der allgemeinen Kriegsschule in Berlin blieb, wo er an Bodc's Beobachtungen des großen Kometen Theil nahm. Die Feldzüge des Befreiungskriegs verschafften ihm durch seine Verbindung mit Bode den Zutritt zu den vorzüglichsten Observatorien und die Bekanntschaft mit den ausgezeichnetsten Männern. In der Schlacht bei Kulm wurde er verwundet und gefangen nach Pirna geführt; doch entkam er bald nachher nach Böhmen und stieß vor Erfurt wieder zu seinem Corps. Seine militairischc Laufbahn beschloß er in Folge cingetrctcner Augcn- schwäche mit der Schlacht bei Bclle-Älliance, bei der cs der Zufall wollte, daß er eigenhändig den ersten und letzten Kanonenschuß abfeucrte. Hierauf widmete er sich mit ebenso viel Glück l als Eifer der Landwirthschaft. Nach und nach besserte cs sich indeß mit seinen Augen und cs verlor sich endlich die Schwäche gänzlich. Seine Liebe zur Astronomie war dieselbe geblieben, nur hatte cs ihm an Gelegenheit gefehlt, sich selbstthäüg mit Astronomie zu beschäftigen. Seit 1829 nahm er seinen Wohnsitz wieder in Breslau und wurde hier im Ock. 1831 Con- scrvator der Sternwarte, wodurch endlich sein von frühester Jugend an gehegter Wunsch in Erfüllung ging. Trotz der schwachen tcleskopischen Hülfsmittcl seiner Sternwarte beobachtete er doch lichtschwachc Objecte, wie den Bicla'schen Kometen bei seiner Wiederkehr im 1.1832, den er bis zum 25. Dcc. dieses Jahres verfolgte, die Verfinsterung des sechsten Saturnus- trabantcn im Jan., Apr. und Mai l 833 und den Encke'scheu Kometen im Juli >835. Während der J. >835 und 1836 widmete B. besonders der Beobachtung des Halley'schen Kometen viel Zeit, den er am längsten beobachtete. Da mit seiner Stellung anfangs kein Lehramt verbunden war, so hielt er nur Vorlesungen vor einem größcrn Publicum über pvpu- laire Astronomie; im Juni 1836 wurde er zum Professor ernannt. Bohle» (Peter von), Orientalist, geb. zu Wüppels in der oldenb. Herrschaft Jever am 13. März >"96, brachte seine früheste Jugend bei der großen Armuth seiner Altern in sehr gedrückten Verhältnissen hin. Der Vater nährte sich von Handarbeit, ohne dem Sohne eine andere Zukunft bieten zu können. Sehr jung schon verwaist, kam er 1811 in das Gefolge eines franz. Generals und 1813 nach Hamburg, wo er drei Jahre in dienenden Verhältnissen zubrachtc. Endlich nahm sich seiner die Freimaurerloge an und gewährte ihm, als sie seine entschiedenen Anlagen, seinen Eifer und Sinn für Wissenschaft erkannt, die Mittel zu weiterer gelehrter Ausbildung. Er wurde >817 in das Gymnasium zu Hamburg auf- genommen, wo er bereits eine solche Vorliebe für die Poesie des Orients faßte, daß er sich diesen Studien ganz zu widmen beschloß. Er bezog 1821 die Universität zu Halle und 1822 die zu Bonn, wo er sich als Privatdocent habilitirte, und wurde hierauf 1825 außerordentlicher und 1839 ordentlicher Professor der morgenländ. Sprachen in Königsberg. Jm J. 1831 erhielt er von Seiten der Regierung eine Unterstützung zu einer gelehrten Reise nach England. Eine zweite Reise dahin unternahm er 1837, doch zwang ihn der leidende Zustand seiner Gesundheit einige Zeit im südlichen Frankreich zu leben; das Übel war aber schon zu tief ge- wurzelt, um durch kurzen Aufenthalt in einem mildern Klima gehoben werden zu können; er kehrte krank nach Deutschland zurück und ließ sich dann.in Halle nieder, wo er am 6. Febr. l 839 starb. B. gehört mit zu den seltenen Menschen, denen es gelang, aus den drückendsten, oft selbst gemeinen Verhältnissen sich edel cmporzuringen; sein Charakter war mild, gefällig und der Freundschaft treu sich hingehend; eine glückliche Anlage zur Poesie machte cs ihm möglich, die Schönheiten, die er auf fernem Boden gefunden, in glücklicher Form in Deutschland heimisch zu machen; sein Wissen war ausgedehnt, ermangelte aber oft der Gründlichkeit. Er selbst hat sein Leben mit liebenswürdiger Offenherzigkeit geschildert in einer „Autobiographie", herausgegebcn von Voigt (Königsb. 1831; 2. mit Briefen vcrm. Aust., 1833). ! Von seinen Schriften verdienen besondere Erwähnung seine „Lommentutio cle 5lonte»sb- > b><>" (Bonn 1823), „Das alte Indien mit besonderer Rücksicht auf Ägypten" (2 Bde., Königsb. 1839—31), Bhartrihari's „8entsr>tise" mit Scholien und lat. Kommentar, die deutsche poetische Nachbildung dieser „Sprüche" (Hamb. 1835) und „Die Genesis historischkritisch erläutert" (Königsb. 1835), ein Werk, das mit Recht vielfach getadelt, doch sehr anregend gewirkt hat. Sein letztes Werk war die Ausgabe eines beschreibenden Gedichts über die Jahreszeiten von Kalidasa „liitus »nllürs, i. e. tempestutum cxclus" (Lpz. 1839). 458 Böhme (Jak.) Böhme oder Böhm (Jakob), gewöhnlich kiiilosopkus teutemicis genannt, einer der berühmtesten Thcosophcn und Mystiker, geb. 1575 zu Altseidcnberg unweit Görlitz, der Sohn ^ eines armen Bauers, hütete in seiner frühesten Jugend das Bich und blieb bis in sein zehn. ^ tcs Jahr ohne allen Unterricht. Schon in dieser Zeit regte sich, in dem Anschauen einer reichen Natur, eine Fülle ungemeiner Geisteskraft, namentlich eine lebendige Einbildungskraft und ein tiefes frommes Gefühl in ihm, sodaß er sich einer höher« Eingebung theilhaflig hielt. Zur Entwickelung seines leicht reizbaren und auf das Überirdische gerichteten Sinnes wirkte nicht wenig der Unterricht, welchen ihm seine Älter«, um ihn zu einem Handwerke vorzubc- reitcn, in der Schule ertheilen ließen. Dieser bestand zwar nur in Lesen und Schreiben nebst Unterweisung imChristenthume, allein letztere schlug sehr bald tiefe Wurzel in seinem Herzen. Seine Altern ließen ihn darauf das Schuhmacherhandwerk erlernen, und die sitzende Lebens- , art scheint sein brütendes Nachdenken über höhere Gegenstände befördert zu haben. Auch auf seiner Wanderschaft überließ er sich der stillen Anschauung. Die damals in Sachsen herrschenden Streitigkeiten über den Kryptocalvinismus beschäftigten ihn sehr, wiewol sein religiöses Gemüth ihn über den Streit der Sekten erhob, ihm eine unaussprechliche Lust in der ungestörten Erhebung zu dem Unendlichen gewährte, ihn jedoch auch immer mehr in sich selbst zurückzog und von seines Gleichen absonderte. Iw seinem strengen, sittlichen Eifer und seinem religiösen Selbstgefühle mochten daher wol Andere einen ungeziemenden Stolz erblicken. Aber B. lebte bescheiden und schlicht, ohne die Lehrmeinungcn Ändcrer anzugceifcn oder ihnen die seinigen aufdringen zu wollen. Doch konnte es nicht fehlen, daß seine Absonderung ihn Täuschungen unterwarf. Dazu kam, daß B. aller höher« Bildung entbehrte, welche zur Ausbildung seiner religiösen, philosophischen und poetischen Anschauungen noth- wendig war. Nach Görlitz zurückgekehrt, ward er l59ü Meister daselbst und heirathete die Tochter eines Fleischers, mit welcher er 3ü Jahre lang in glücklicher Ehe lebte. Mehre Entzückungen und Gesichte, welche sein religiöses Gemüth einer unmittelbaren Einwirkung Gottes und Erleuchtung durch den heiligen Geist zuschrieb, bestimmten ihn, die Feder zu ergreifen, Seine erste Schrift nannte er „Aurora, oder die Morgenröthe im Aufgang" (16 l 2), weil n in ihr ein Licht anzündete für Die, welche erkennen wollen. Sic enthält seine Offenbarungen und Anschauungen über Gott, Menschheit und Natur, und aus ihr, wie aus seinen übrigen Schriften, leuchtet eine vertraute Bekanntschaft mit der Bibel hervor, namentlich mit den apokalyptischen Büchern, zu welchen ihn sein geheimnißvoller Sinn hinzvg. Doch scheint er auch einige gelehrte Schriften, namentlich die des Paracelsus und Valentin Weigel's, gelesen und den Umgang erfahrener und gelehrter Männer aus seine Weise benutzt zu haben. Die Geistlichkeit in Görlitz, namentlich der Pastor an der Hauptkirche, Georg Richter, ein sinn loser Polterer, feindete ihn wegen des Buchs an, ließ ihn vor Gericht ziehen und verdammte das Buch, während an B. selbst nichts Sträfliches erfunden wurde. Solche Verfolgungen mußten Bes Überzeugung noch mehr befestigen und seinen Ruf verbreiten. Vornehme Männer kamen aus der Nähe und Ferne, ihn zu sehen und zu sprechen; Vielen mußte er seine Schriften mittheilen, ja es scheint ihm auch manche Unterstützung zu Thcil geworden zu sein, denn mit seinem Handwerke schien es nicht recht zu gehen, seitdem er sich immer eifriger mit dem Höhern beschäftigte. Obschon von vielen Seiten aufgefodert, ließ er doch erst von IKIS an seine übrigen Werke, z. B. die „Beschreibung der drei Principien des göttlichen Wesens", i „8cx puuctu m^stica", „8«x punctu tkeosopbica" und viele andere, erscheinen. Seine darin mitgetheilten Ansichten von Gott, Schöpfung, Natur, Offenbarung und Sünde sind größtentheils auf die Lehren der Bibel gebaut, welche sein grübelndes Nachdenken, in Verbindung mit seiner poetisch-phantastischen Naturanschauung, aber auch mit Benutzung des aus mystischen und alchymischen Schriften Aufgefaßten eigenthümlich ausgebildet hat. Der Grundgedanke B.'s besteht darin, daß das Heraustretcn der Welt (der Creatur) aus der Einheit des göttlichen Wesens, welches in sich selbst als Dreieinigkeit unterschieden ist, durch mystische Erleuchtung ungeschaut und in Worte gefaßt werden könne. Der Gegenstand dieser ^ mystischen Anschauung ist daher theils Gott außer der Natur und der Creatur, das Mysterium, das in sich selber natur- und unterschiedlos ist, von ihm auch der Ungrund, das ewige Eine, die Stille ohne Wesen, das stille Nichts, der ungründliche Wille, das 'I'emper-unentum genannt, theils das Hcrvorgehen des Creatürlichen aus Gott. Dieses Herausgchcn der Crca- 459 Böhme (Jak.) liir, welches zugleich ein Jnsichgehcn des stillen Nichts ist, ist ihm das Princip der Negation, ^ der Diffcrenzirung, von ihm Widerwärtigkeit oder Widerwille genannt. „Alle Dinge", sagt er, „bestehen in Ja und Nein, es sei göttlich, teuflisch, irdisch oder was sonst genannt werden mag. Das Einp, als das Ja, ist eitel Kraft und Leben und ist die Wahrheit Gottes oder Gott selber. Dieser wäre in sich selbst unerkenntlich und wäre darin keine Freude oder Erheblichkeit, noch Empfindlichkeit ohne das Nein. Das Nein ist der Gcgenwurf des Ja oder der Wahr- heit, auf daß die Wahrheit offenbar und etwas sei, darinnen ein Contrarium sei, darinnen die ewige Liebe wirkend, empfindlich, wollend und das zu lieben sei." Das ewige Eine „urständct" also in sich, d. h. cs wird sich selbst zu Etwas, es substantialisirt sich dadurch, daß es sich cin- führt in die Zweiheit. „Das Nichts", sagt er einmal, „hat eine Sucht nach dem Etwas", es ' entwickelt den Gegensatz in sich, und ist somit die Quelle des Creatürlichen. Daher der Nus- ^ druck: es qualirt sich, d. h. es ist Quelle der einzelnen erscheinenden Qualitäten. Dieser Schci- . dungs- und Entwickclungsproccß wird von B. größtcntheils unter den mannichfaltigsten sinnlichen Bildern dargestellt; Licht und Finsterniß, Zorn und Liebe, Feucrsgual und Bren- ^ nm, Hitze, Herbe, bittere Qual, Pein und Schreck, Wort, Schall und Hall, Stechen und Brechen u. s. w. sind ihm aber nicht bloße Bilder, sondern diese Bilder setzt er geradezu an die Stelle des Begriffs, und daraus erklärt sich auch die Explication der sieben Eigenschaften, „in welchen die ewige Natur in ihrem ersten Grunde steht", gleichsam der primitiven Natur- Potenzen, die sich in den einzelnen Naturdingen, d. h. der sichtbaren Welt als dem dritten Principium, ins Unendliche ausbreiten. In dem ewigen Ungrunde ist damit zugleich das Prin cip des Bösen enthalten; das Böse ist die Schiedlichkeit, die Diffcrenzirung, der in der Eigenheit fcstgewordene, vopi Ganzen abtrünnige Wille; das Böse ist daher ganz eigentlich voll Qual und Pein, aber dennoch nothwendig und unvermeidlich, wenn überhaupt Etwas (Bestimmtes, Wirkliches) werden sollte. Es ist aber auch nicht etwas absolut Festes, nicht zu Überwindendes, sondern nur ein Durchgangspunkt, der immer nur eine relative Bedeutung, als Bedingung und Ausdruck der Wcltcntwickelung hat. Mancherlei Anfeindungen der Schriftgelehrten seiner Zeit beunruhigten B.'s letzte Jahre; doch ertrug er dieselben mit großer Sanstmuth. Wahrscheinlich gab dazu eine Schrift „Über die Buße" Anlaß, welche B.'s Freunde ohne sein Wissen hatten drucken lassen. Die Sache erregte so allgemeine Aufmerksamkeit, daß B. auf Verlangen Einiger vom Hofe und auf seiner Freunde Bitten 1624 nach Dresden reiste, um die von ihm mitgetheilten Lehren untersuchen zu lassen. Hier fand er selbst am Hofe Beifall und Schutz; nach seiner Rückkehr erkrankte er und starb am 27. Nov. 1624. Die erste Sammlung seiner Schriften besorgte Heinr. Betke (Amst. >675); eine vollständigere Gichtel (16 Bdc., Amst. 1682); eine andere Ausgabe erschien unter dem Titel „'Dkeologia revelstu" (2 Bdc., Amst. 1766, 4.); die reichhaltigste 17 66 zu Amsterdam (6 Bde.); die neueste ist von Schicbler (5 Bdc.,' Lp;. 1861—16). Auch in England, wo Will. Law eine Übersetzung seiner Schriften (2 Bde., 4.) hcrausgab, fand er viele Verehrer. Es bildete sich hier sogar eine Böhmistische Sekte, und schon 1667 stiftete Jane Leade, eine schwärmerische Verehrerin B.'s, eine eigene Gescll- . schast unter dem Namen der „Philadelphisten" zur Erklärung seiner Schriften. Auch ist ein engl. Arzt, John Pordage, als Erläuterer B.'s berühmt. B.'s erste Biographie lieferte Abraham von Frankenbcrg, gest. 1652. Daß B-, dessen Gedanken man sonst einfach als leere Mystik und Phantasterei bezeichnete, in neuerer Zeit auch von Seiten der speculativen Philosophie in Deutschland viele Aufmerksamkeit erregt hat, gründet sich auf eine innere Verwandtschaft seiner Grundansicht mit dem Geiste der Systeme Spinoza's, Schillings und Hcgcl's. Die intcllcctuale Anschauung des Absoluten, aus welchem die Gegensätze der Erscheinungswelt hervor- und in welches sie zurückgehen, hat nämlich B- mit diesen Systemen gemein; auch die immanente Negativität, das treibende Princip der Entwickelung, deren begriffsmäßiger Ausdruck dicMcthode derHegel'schenDialektik zuscinAnspruch macht, ist bei ihm, wie Hegel ausdrücklich bemerkt, der dunkle Hintergrund seiner Intuitionen, der nur zu keiner angemessenen Darstellung kommt; daher ihn Hegel geradezu an die Spitze der neuern Philosophie stellt. Vgl. Fouque, „Jak. B., ein biographischer Denkstein" (Greiz 1861 ), i Wullen, „Jak. B.'s Leben und Lehre" (Stuttg. 1836), Desselben „Blüten aus Jak. B.'s 460 Böhme (Joh. Gottlob) Böhmen (Geogr. u. Statist.) Mystik" (Stuttg. 1838) und die Darstellung seiner Lehre in L. Feuerbach's „Geschichte der neuern Philosophie" (Bd. 1, Ansb. > 833). Böhme (Joh. Gottlob), Professor der Geschichte zu Leipzig, geb. am 20. März 1717 zu Wurzen, wo sein Vater Gastwirth war, studirtc, nachdem er seine erste Bildung in Schulpfortc erhalten, seit 1731 in Leipzig, vorzüglich unter Mascov, Geschichte. Hier wurde er 1751 außerordentlicher, 1758 ordentlicher Professor der Geschichte und 1766, als er einen Ruf nach Utrecht abgelchnt hatte, Hofrath und Historiograph. Er starb daselbst am 3V. Juli 1780. Von seinen zahlreichen Schriften erwähnen wir die „Xcts paci.? <>H- ?eusis ineOit-i, ci»n oliservativnibus" (2 Bde., Bresl. 1763—65, 3.); das „Sächsische Groschencabinet" (2 Bde., Lpz. >765—68) und die „Opusoilu »cnckemicucle littei-Mum lipsiknsi sec. XVI." (Lpz. 177S). Seine latMcdichte, welche nach seinem Tode Eck (Lpz. 1780) hcrausgab, tragen ein unverkennbar röm. Colorit und athmen fast durchgängig echt klassischen Geist, und in seinen historischen Schriften, namentlich in denen über die sächs. und thüring. Geschichte, erweist er sich als gründlichen und scharfsichtigen Forscher. Länger und dauernder jedoch als diese Schriften werden die Stiftungen, durch welche er zugleich mit seiner Gattin sich verdient gemacht hat, sein Andenken erhalten. Nachdem er schon früher mehre Stipendien für Studirende gestiftet hatte, begründete er, als Erbhcrr des Dorfes Gohlis bei Leipzig, >773 einen Nachmittagsgvttesdienst für seine Gemeinde, welchen noch jetzt zwei vom leipziger Rath gewählte Vespcrtiner der Univcrsitätskirchc für ein aus einer Stiftung der Frau Professor Künhold gezahltes Honorar jeden Sonntag abwechselnd besorgen. Auch stiftete er eine Schloßbibliothek, die gegenwärtig in der Stadtbibliothck zu Leipzig aufgestellt ist. Wie sehr er sich das Wohl und die Bildung seiner Eingesessenen angelegen sein ließ, davon zeugt die von ihm gegebene Dorfordnung. In seinem Testamente bestimmte er 1000 Thlr., von denen die Zinsen zur Versorgung dürftiger Witwen und Waisen ange- wendet werden sollten. Seine auserlesene, aus 6513 meist historischen Schriften bestehende Bibliothek schenkte er durch Vermächtniß der Universitätsbibliothek zu Leipzig. Böhmen, Böheim oder Bvjenheim, das früher selbständige, jetzt der östr. Monarchie zugehörige Königreich, liegt, als ein mit Erfolg germanisirtes, bis in das Herz Deutschlands eingreifendes Bollwerk des mächtigen Slawengebiets, zwischen dem 38'//— 51" nördl. B. und dem 30" —33'//östl.L. In den Umrissen eines 051 lüM. großen verschobenen Vierecks wird es begrenzt im Südwesten von Baiern, im Nordwcsten vom Königreich Sachsen, nordöstlich von der preuß. Provinz Schlesien und südöstlich von der Markgrafschaft Mähren und dem Erzherzogthum Ostreich. Allerdings treffen diese politischen Grenzen auch auf den drei nicht östr. Seiten mit den natürlichen Grenzwällcn des Böhmer- Walds, Erzgebirgs und der Glieder des sudetischen Bergsystems fast überall zusammen, doch ist deshalb B. nicht als ein von allen Seiten geschlossenes und in der Mitte eingesenktes Kcsselland anzusehen. Keineswegs ist es von Mähren durch cin scharfausgcprägtes Gebirge geschieden, vielmehr mit demselben so innig verwachsen, daß man in dem Raume zwischen der Eger, Elbe und Donau einerseits und March und Naab andererseits ein gemeinsames böhmischmährisches hochummaucrtes Terrassenland verfolgen kann, dessen Trcppcnabsteigung von Süden nach Norden nur durch wenig kleine Binnenscnken gestört wird und eine natürliche Bahn vorzeichnete für das Verbreiten der Slawenmacht und den Anschluß an Ostreich. Nor durch sehr geringe Quellgebiete im Südosten und Nordostcn hat die Donau und Ober Anthcil am böhm. Boden, der fast ganz dem Elbgebiet zufällt, und zwar durch die Elbe selbst in ihrem obcrn Laufe bis zum Durchbruche der merkwürdigen Felsgcbildc des Elbsandstcin- gebirgs und durch den bei Melnik mündenden echt böhm. Fluß, die Moldau. Die Elbe, welche bei Melnik schiffbar wird, nimmt in B. unmittelbar auf, rechts die Cydlina, Jser und Pulsnitz oder den Polzen; links Aupa, Metau, Adler, Eger und Bicla; der Moldau fließen zu rechts Luschnitz und Sazawa und links Wottawa und Bcraunka. Für das eigentliche böhm. Tcrrassenland treten gliedernd auf, die Elbe und Eger, die Sazawa und Bcraunka, die tiefe Meridianfurche der Moldau und nördlich fortgesetzten Elbe. Die kleinen ringsumschlossenen Tiefebenen sind folgende. Im Norden die laun-saazcr Ebene an der Eger, 5 — 300 F. hoch, die ebenso hohe theresienstädter an der Egcrmündung gelegene Ebene »nd der südwestlich von Königgrätz eingesenkte Elbkessel, der von Sem und Teichen zerrissen 461 Böhmen (Geogr. u. Statist.) u„d 6—700 F. hoch ist. In der Mitte erhebt sich der kleine Tiefkessel von Pilsen zu 900 F. Zm Süden breitet sich weiter aus, ebenfalls von kleinen Seegruppen erfüllt, aber bis zu 1100 F. erhoben, die budweis - wittingauer Ebene. Dieselbe Überhöhung bei südlich zunehmender Lage behaupten auch die den genannten Ebenen südwärts anliegenden Stufen, unter einer zweiten allgemeinen Neigung nach Osten hin, sodaß das böhm. Bergland westlich der Moldau den östlichen Abschnitt immer um einige hundert Fuß an Höhe übcrtrifft. Die nördliche böhni. Terrasse erhebt sich in schroffen Rändern und einzelnen scharf mar- kirten Borsprüngen, wie z. B. dem Engelhäuser Berg (20-10 F.), Purberg (1776 F.) und Georgenberg (1211 F.) zur Mittelhöhe von 1200 —1000 F.; die mittlere Stufe steigt zu 16 — 1100 F. und ragt am Brdywald 1800 F. und Trzemszinberg 2528 F. empor und die südliche Terrasse schließt sich bei 2000—180» F. hohen Nordrändern an den Böhmer- und Ereinerwald. Die Bodenform des nördlichen B., am rechte» Elb-, Adler- und linken Egerufer wird durch das sächs. und sudetische Bergland bedingt. Östlich und nordöstlich des Elbkessels im Gebiete der linken Zuflüsse der obern Elbe übersteigt man kurze Absätze ziemlich scharf gezeichneter Bcrgformen, um entweder zu den Vor- und Hochketten des glatzer Gebirglandes (Böhmische und Habelschwerdter Kämme, Pölitzer Felsen und Adersbacher Sandsteinklippen) oder zu den steilen Kämmen des hohen Riescngebirgs zu gelangen; im Norden und dem Gebiete der rechten Zuflüsse aber führen breitere Plaleaumassen, wie das Gitschincr und das Daubaer Plateau, zu den Ketten des Jser- gebirgs und den Massen des Lausitzer Gcbirgs. Diesem liegen südwestlich Haufen dichtgedrängter Bergkuppen vor, welche zwischen Leitmeritz und Außig von der Elbe durchbrochen werden. Östlich sind es die unzusammenhängenden Gruppen des Kleis-und des Geltschbergs und westlich die gleichfalls basaltischen Massen des böhm. Mittelgebirgs, welches mit dem Donnersberg 2616 F. Höhe erreicht und im Norden durch die tiefe Furche der Biela vom sächs. Erzgebirge getrennt wird. Dieses begrenzt mit seinen Steilabfällen den nördlichen Egerabschnitt, trägt die böhm. Grenze ans seinem plateauförmigen breiten Scheitel und geht westlich zu den sanfter» Formen des Egerlandes über, das sich allmälig dem Fichtelgebirgs- plateau öffnet. Mit dem Wechsel der äußern Formen des Bodens steht auch vielfach die Änderung des geognostischen Bildes in Verbindung. Der höhere Süden ist aus den primitiven Massen des Granit, Syenit und Gneis zusammengesetzt; die westliche Mitte zwischen Prag und Klattau gehört mit Unterbrechungen von Urkalk, Quarzporphyr und Kohlengebilde der Grauwacke und Thonschicfergruppe und die östliche Mitte'in und um den Elbkessel der Kreidogruppe an; ein noch bunteres Bild zeigt der nördliche Abschnitt. Östlich der Elbe herrscht der Quadersandstein vor; westlich wechselt er mit Roth liegendem und mit obern Tertiärschichten der Molassegruppe, und überall brechen die Plutonischen Gebilde basaltischer und ähnlicher Massen durch, während im westlichen Anschluß an das Fichtelgebirge wieder die primären Formationen des Südens im Verein mit Glimmerschiefer vorherrschen. Die klimatischen Verhältnisse B.s schließen sich zwar den günstigen Beziehungen Mitteldeutschlands an durch das Vorhandensein einer Mittlern Temperatur von 6° R.; die Bodengestaltungen greifen jedoch sehr gewichtig zur Erzeugung eigenthümlicher Erscheinungen ein. Der höhere Süden ist rauher als der tiefere Norden, die Gebirgsgegend kälter als die geschützte Ebene. Die Volkszahl des Königreichs von 1,181000 Seelen spricht äußerst günstig für seine natürlichen und socialen Verhältnisse, nicht blos bei einem Vergleich mit andern östr. Landen, wornach es bei einer Dichtigkeit von 1100 auf einer OM., das viertbeste aller und das zweite bestbevölkerte der deutschen Antheile ist, sondern auch bei einem Rückblick auf die jüngstvergangenen Zeiten. Im Z. 1780 zählte B. wenig mehr als 2'/r Mill., im I. 1800 über Z Mill., 1821 über 0'/- und 1831 schon 1 Mill. E-, woraus eine jährliche Vermehrung von beinahe I s/r Procent erhellt. Am dichtesten sind die nordöstlichen, am lichtesten die südwestlichen Gegenden bewohnt. Der Kern des Volks ist slawisch, doch sind mit der Zeit auch andere Elemente eingedrungen. Die Czcchen nehmen in der Zahl von ungefähr 3 Mill. besonders die Mitte und den Osten des Landes ein und bewahren ihren eigenen slawischen Dialekt; Deutsche wohnen mehr als 1 Mill. ringsum, am meisten aber im Nordwesten, und ihre Sprache geht zu den benachbarten Mundarten über; Juden gibt es in Swßer Zahl; auch besteht noch ein kleiner Stamm Italiener in Prag, der zur Zeit Karl'-IV. 462 Böhmen (Geogr. u. Statist.) dahin gewandert ist. Die Bevölkerung vertheilt sich in 12585 Ortschaften, darunter 281 Städte, deren also eine auf 3°/s OM. kommt, wornach B. sowol in Hinsicht der Zahl der Orte als auch der Städte den ersten Rang unter allen östr. Ländern einnimmt. Diese günstige Stellung verdankt das Land den raschen Culturfortschritten der neuern Zeit, welche i aber vergeblich nach höherer Entwickelung streben würden ohne den natürlichen Segen eines ' bevorzugten Productenreichthums. Die Ausstattung des Mineralreich s ist sehr mannich. - faltig und ergiebig. Die Bergbauproduction liefert an Gold, zu Joachimsthal, 2 Mark; - an Silber 2295S Mark, also nächst Ungarn unter Ostreichs Landen das meiste, besonders ^ durch die Ausbeuten zu Przibam und JoachEimsthal; an Zinn, vorzugsweise aus dem Bezirke des Erzgebirgs, 923 Ctr., an Kupfer 26, an Bleierz 12833, an Verkaufblei 3144, an i Reißblei 1981, an Glätte 16594, an Roheisen 21.5-168, anGußcisen 87522, anKobaltZI, < an Arsenik 1266, an Alaun 2596, an Kupfervitriol 3435, an Eisenvitriol 29628, an Schwe- ^ fel 6546, an Steinkohlen 2,563962 und an Graphit, vorzüglich in der HerrschaftKrumau, 16788 Ctr. Ferner gewinnt man Galmei, Zinnober und Braunstein; Porzellanerde, schöne Bau-, Mühl- und Schleifsteinartcn und mehre Arten Edel-undHalbedelsteine, insbesondere die berühmten Böhmischen Granaten (Pyrop), Rubine, Sapphirc und Hyacinthe, viel Topase, Chrysolithe, Chrysoprase, Amethyste, Karneole, Chalcedone, Jaspis und Achate. Die immer mehr steigende Holzconsumtion hat in neuester Zeit zur bessern Würdigung der Braunkohlen- und Torflager geführt. Gänzlich fehlt es B. an Kochsalz, dagegen hat ihm ein Überfluß der kräftigsten Mineralquellen einen Weltruf verschafft. Die bedeutendsten Gesundbrunnen sind zu Karlsbad, Teplitz, Maricnbad, Kaiserfranzensbrunn bei Eger, Liebwerda, Bilin, Bilna und Scidschütz, deren Wasser in der Mehrzahl einen beträchtlichen Handelsartikel ausmachen. Die Produtte des Pflanzenreichs wuchern unter der thei- tigen Hand der Bewohner allerdings in einer segenreichen Fülle, jedoch sträubt sich noch gewaltig der wilde und rauhe Gebirgsboden gegen die Cultur, sodaß von den 9 51 OM. des ganzen Flächeninhalts, mit Einschluß der Wasser- und Wegeflächen u.s. w. 132 OM. als uncultivirt zu betrachten sind. Von den 819 OM. des benutzten Kulturbodens sind 469 zu Ackerland, 166 zu Wiesen und Gärten, 62 '2 zu Weiden, '/g zum Weinbau und 243 zur Waldcullnr verwendet. B. producirt über 24 Mill. Metzen Getreide, sodaß es zu den reichsten Ländern Ostreichs gehört; cs erzieht nächst Ungarn die meisten Hülsenfrüchte und viel Nübsamen, wie auch Küchen- und Gartengewächse aller Art. Die Obstzucht ist bedeutend und liefert Überfluß zu weitem Handel; Flachs wird überall gebaut, weniger Hanf; Taback gewinnt man in Menge; in besonderm Rufe steht der Hopfenbau, der eine Ausfuhr von 16—12669 Ctr. des schönsten Products gewährt und auf 9 OM. betrieben wird. Die Weincultur liefert wenig über 26666 Eimer und ist fast nur auf die Gegend bei Melnik, Außig und Prag beschränkt; die Waldungen dagegen geben eine Ausbeute von mehr als 2 Mill. Klaftern Holz. Der Landbau ist am blühendsten im eger, saazer und leitmeritzer Kreise; im ra- konitzer, also in der Mitte B.s, am dichtesten; am geringsten aber im gebirgigen prachiner Kreise. Unter den Thieren sind die wilden mit zunehmender Landescultur immer mehr den Hausthieren gewichen oder doch wenigstens die Gegenstände geregelten Jagdbetriebs geworden. Bär und Wolf sucht man, selbst in den höchsten Geblrgsthcilen, vergebens, wol aber trifft man noch die wilde Katze an; überall ist der Dachs verbreitet, der Hamster wird je weiter südöstlich schon seltener. Schwarz- und Nothwild gibt es in großer Menge in den Waldungen; Hasen sind so häufig, daß jährlich beinaheMill. Felle ausgc- führt werden, und dicZucht der böhm. Fasane, hauptsächlich zu Krzinecz im biczower Kreise, ist allgemein berühmt. Die Viehzuchtist im Allgemeinen in starkem, wenn auch in de» einzelnen Gegenden und in ihren verschiedenen Zweigen, in ungleichem Betriebe, und erst in neuern Zeiten ein Gegenstand höherer Sorgfalt geworden. Die Pferdezucht hat sich besonders aus Veranlassung militairischer Rücksichten unter Maria Theresia und Joseph U-ge' hoben. Außer mehren Privatgestüten gibt es ein Militairgestüt zu Nemoschitz; unter den Land- ! gestüten sind die zu Pardubitz und Nimburg die größten; ferner gibt es eines zu Kladrup und ein kaiserlichesHofgcstüt für Wagenpferde zu Sellmih. Der Pferdebestand des Landes wird auf mehr als 159666 Stück angegeben, der beste Schlag findet sich im saazer, leitim ! ritzer- und chrudimer Kreise. An Rindvieh zählt man gegen 1,465666 Stück, welche Zahl > 463 ^ Böhmen (Geogr. n. Statist.) für das Quantum des guten Futters viel zu hoch erscheint, daher mit wenig Ausnahmen, wie z. B- im Egerlande, der unkräftige Schlag nur eine sehr geringe Ausbeute der Milch- wirthschaft und guten Schlachtfleisches liefert. Die Schafzucht sieht vorzüglich durch die Fürsorge der Kaiserin Maria Thercstain bestem Flor; sie unterhält gegen i,8l 2000größten- thcils veredelte Schafe und bietet an 30000 Ctr. sehr schöner Wolle zur Ausfuhr. Die Schweinezucht zählt 303000 Stück; sie wird mit besonder», Vorthcil im südlichen und westlichen Theile betrieben und liefert jährlich an 50 — 60000 Stück zum auswärtigen Verkauf. Die Ziegenzucht findet viele Pflege in den Gebirgsgegenden und weist gegen 50000 Stück auf. In der Fcderviehzucht spielt die Gänsezucht eine sehr bedeutende Rolle, i vorzüglich in dem taborer, budweiser, klattauer und Pilsener Kreise, wo Heerdeu von vielen tausend'Gänsen weiden, von denen man jährlich an 2000 Ctr. Bettfcdern gewinnt zu einem einträglichen Handel, dessen Hauptsitz Neuern im klattauer Kreise ist. Die Seidencultur ist durch viele Aufmunterungen in neuesten Zeiten nichtohne Erfolg geblieben; dicBieneu- zucht liefert dem Handel ein gleich dem mährischen sehr geschätztes Wachs. Die Fischern wird in den vielen tausend Teichen mit großem Vorthcile getrieben und bühm. Karpfen und Hechte gehen in Menge nach Wien und andern Ländern. Die obere Moldau und die Wot- tawa liefern Perlmuscheln, deren Perlen an Schönheit den echten des Orients gleichen. Die Aufzählung der einzelnen Zweige der physischen Cultur in B. bestätigt zwar lrn Allgemeinen eine günstige, wenn auch noch mehrfach zu steigernde Benutzung der natürlichen Landesreichthümer, sie bleibt aber weit zurück hinter derGewerbsthätigkeit, in welcher Beziehung das Land zu einem der ersten Industrieländer Europas gehört und zwar vorzugsweise durch seine nördlichen Kreise. Die Leinenmaüutäctur liefert mehr Products als alle östr. Länder zum auswärtigen Handel, in ungefährem Werthe von 5 Mill. Fl. Sie erzeugt die verschiedensten Sorten Leinwand, auch Damaste, Batiste, Linons, Schleier, viele bunte Leinen und Zwilliche; sie hak ihren Hauptsitz in den nordöstlichen Kreisen und beschäftigt gegen 300000 Flachsspinner, über 50000 Weber und mehre tausend Menschen auf den vielen Bleichen, deren allein gegen 80 in der Gegend von Schönlinde im leitmeritzcr Kreise sind. Die Spitzenklöppelei der nordwestlichen Kreise ernährte früher an 30000, jetzt freilich kaum >5000 Menschen; doch ist ihr Product im Handel noch viel gesucht. DicBaum- wollenmanufactur wird in B. nächst dem Lande unter der Enns in ganz Ostreich am stärksten betrieben. Die Maschinenspinnerei liefert mit mehr als 350000 Spindeln jährlich über 80000 Ctr. Garn, zu denen die Dampfmaschinen zu Leibitschgrund im bunzlauer Kreise allein jede Woche 7000 Pf. beisteuern; die Weberei beschäftigt über 50000 Stühle; die Kattun- oder Kalikodruckcreien liefern beinahe IMill. Stück Druckwaaren aller Art, und zahlreich? Färbereien, besonders auch Türkischrothfärbereien, schließen sich den Fabrikanlagen an, welche am großartigsten und zahlreichsten im bunzlauer und demnächst in dem lcit- meritzer, saazer und elbogncr Kreise bestehen, welche letztere Bezirke auch noch durch baumwollene Strumpfwaaren ausgezeichnet sind. Der Hauptsitz der Wollenmanusactur in Garn, Tüchern, Zeugen, Strumpfwaaren u. s. w. ist Rcichenberg mit seiner Umgegend; jedoch auch hier verdrängt die Maschinenarbeit immer mehr die Handspiunerei. Ausgezeichnete Producte einer im Allgemeinen ziemlich beträchtlichen Lederfabrikation sind die Präger Handschuhe, deren nach franz. Art jährlich an 20000 Dutzend geliefert werden. Zu einem der wichtigsten Industriezweige gehört ferner die Papierfabrikation, die in und um Prag und Hohenelbe, zu Krumau, Ledetsch und Trautcnau am stärksten im Betriebe ist; den ersten Rang jedoch, nicht allein in B-, sondern auch unter allen Ländern, nimmt die GlassabrikatioN ein. Diese wurde von Venedig aus schon im 13. Jahrh. in B. begründet und in der Begünstigung des reichen Besitzes aller bezüglichen Mineralien, besonders des Quarzes, wie durch den Waldüberfluß und die Menge wohlfeiler Hände zur Arbeit bald zu einer hohen Blüte getrieben. Man zählt, besonders in den Hähern Grenzgegenden des Landes, an 75 Glashütten und 22 Etablissements, die sich blos mit dem Räffiniren gekaufter oder bestellter Hüttcnproducte befassen, und findet große Glashandlungen, zumal im leitmcritzer Kreise, die ' ihre Depots in allen Handelsplätzen Europas haben und bedeutende Geschäfte bis nach Amerika und der Levante machen. Die ausgezeichnetsten Fabriken für raffinirteS oder Kunstglas sind zu Haida, Stcinschönau, Krcibitz und Georgcnchal im leitmcritzer, bei Win- 464 Böhmen (Geogr. u. Statist.) lerbcrg im prachiner, zu Erahen und Josephsthal im budweiscr, zu Silbecberg im klattauer und hauptsächlich zu Ncuwald im biczower Kreise, woselbst die gräflich Harrach'sche Fabrik die prächtigsten Kunstwerke liefert. In Fertigung von künstlichen Edelsteinen, Luster- und Schmucksteinen, Perlen, Pasten und Glaskorallen hat Turnau im bunzlauer Kreise den meisten Ruf und demnächst Gablonz und Neuwald, während unter den 20 Hütten, welche Spiegel liefern, die zu Ncuhurkenthal im prachiner und Bürgstein im leitmeriher Kreise am berühmtesten sind. Gegen den Beginn des gegenwärtigen Jahrhunderts hat die Concurrenz anderer Staaten, zumal Englands und Frankreichs, den Productionswerth beinahe auf die Hälfte herabgesetzt, doch behauptet er sich noch immer in dem hohen Werthe von mehr als 6 Will. Fl. Auch in den einzelnen Zweigen der Fabrikation irdener Geschirre, in Porzellan-, Fayence-, Steingut-, Terralith- und Siderolithwaaren, liefert B. dem Handel beträchtliche Ausfuhrartikel, und zwar am meisten und besten in der Umgebung von Karlsbad. Die Menge und Güte des Holzes ladet zur verschiedensten Verarbeitung ein und hat unter den Tischlerarbeiten den karlsbader Schatullen eine Weltberühmtheit und in der Verfertigung von Kinderspielwaaren u. dgl. den Herrschaften Friedland und Rothenhaus einen Ruf verschafft, gleich Tirol und Berchtesgaden. Die Metallfabrikation, in ihren gröber» und feinem Zweigen, steht mit der reichen Ausbeute der bezüglichen Rohprodukte in gleich ausgezeichnetem Verhältnis Für die überall reichlich, aber besonders im berauner und pilscner Kreise dicht zusammengedrängten Eisenwerke hat os eine große Menge Werkstätten, welche Grobschmiedearbeitcn aller Art liefern und unter denen die Guß- und Hammerwerke zu Horzowitz obenanstehen; für die feinem Messerschmiedearbeiten verdienen besonders Karlsbad und die merkwürdigste Stahlfabrik der östr. Monarchie zu Nixdorf auf der Herrschaft Hainspach im leitmeritzer Kreise genannt zu werden. Für die Drahtfabrikation sind der Menge nach der elbogner und saazer Kreis am ausgezeichnetsten; die größte Drahtfabrik aber des ganzen Kaiserstaats besteht zu Schönbühel im leitmeritzer Kreise. Zn Zinn und Blech liefern vorzugsweise Karlsbad, aber auch Prag und die Umgegend um Eger,und Rumburg weit und breit berühmte Waaren; für mathematische Instrumente verdient Ncudeck und für optische Gläser Bürgstein genannt zu werden. Diesen Zeugnissen thätigster Gewerbsindustric schließt sich noch mancher Industriezweig an zur Belebung des Handels, so z. B. die bis zum I. 1838 bereits in 29 Fabriken betriebene Runkelrübenzuckerbereituug. Der Hand el B.s glänzt unter den östr. Landen mit der Ausfuhr von l 8,2 5,3000 gegen die Einfuhr von 15,078500 Fl.; er wird aber auch nicht nur durch die inner» natürlichen Kräfte des Landes unterstützt und durch die vermittelnde Lage zwischen dem Norden und Süden Ostdeutschlands begünstigt, sonder» auch vielfach durch Institute und Vereine man- nichfacher Art gehoben und durch fürsorglichste Straßenuntcrhaltung gefördert. Prag ist der Mittelpunkt eines nach allen Direktionen führenden Straßennetzes, in das sich bereits mehre Eisenbahnstrecken vortheilhaft einreihen. B. war eines der ersten Länder des Continents, welches eine Eisenbahn anlegte, nämlich die von Budweis nach Linz. Sie rentirte zwar anfangs keineswegs, entspricht jedoch jetzt allen Erwartungen und federt zur raschen Vollendung eines bereits an den verschiedensten Punkten angegriffenen und in Prag concentrir- ten Eisenbahnnetzes auf. Der Schienenweg von Prag nach Pilsen ist großentheils schon fahrbar; auch die Ausführung einer besonders für den Kohlentransport wichtigen Bah» von Pilsen nach Budweis und somit die Verbindung mit Linz und Wien gegenwärtig wol nicht mehr zu bezweifeln, und ebensowenig die Verbindung mit Dresden im Norden, wie der östliche Anschluß über böhmisch Trübau an die Bahnen von Olmüß und Brünn. Solche Einrichtungen eines Landes reden überall laut für den hohen Civilisations- stand seiner Bewohner, so auch in B., dessen technischer Culturzustand einerseits das Product der natürlichen Fähigkeiten des Landes und Volks, andererseits aber auch die Frucht einer wohlberechneten Verwaltung ist. Der geistige Bildungsstand des böhm. Volks bietet in den einzelnen Erscheinungen Ausgezeichnetes, in der allgemeinen Menge enger Begrenztes ; er bezeichnet die Einrichtungen in ihren Zielpunkten im Allgemeinen mehr auf das Praktische berechnet als auf das geistig Freie. (S. BöhmischeLiteraturundSprache.). Das Gemisch des deutschen und slawischen Elements ist zwar im Verlaufe derZeit immer innigergeworden, doch ist der slawische Grundzug inAllem nochhervorleucktend undkann sich mit ist lei ge S an Fe au vc> S nie gel an der N- ten die nia Ob B. zu erst der Kr y un! die II un! mn St «oi 5.! den kle sta Tc Bl 8t Ki H. un na R we de> no hä (S sti :utt brik und den llche am renz fdie als j)or- . !bc- ^ bad. ^ nter erti- Ruf . und > Ws- I cner ! :lche > ezn irls- haft :nge des fern und ische > ließ! nZ. i egen chen und ran- ider ehre mts, ,war )oll- trir- chon iah» irtig )!°r- und ons- pro- mcht lietct -enz- das he.). mni- !M>> Böhmen (Geschichte) 465 Recht um so eher behaupten, als die böhm. Nation die gebildetste aller slawischen Stämme ist und eine historische Selbständigkeit noch lange bewahrt hat. Der Czcche ist geweckt und lebendig, gelehrig und poetisch, wie das seine Liebe zurMusik beweist; er beharrt aber auch mit gewissem Starrsinn auf Erhaltung des Hergebrachten und erschwert mit roher Kraft den Sieg geistiger Reflexion. Der Deutsche ist biegsamer, tritt mehr belehrend als blos gelehrig auf, räumt aber dem slawischen Princip in Zahl und moralischem Übergewicht noch meist das Feld. Gegen die vorzugsweise auf den Nordosten und Nordwesten beschränkten, wol aber auch, nach Ausgleichung der religiösen Zwiespalte in B., ziemlich reichlich im ganzen Lande «crtheiltcn Protestanten uno Nesormirten ist die katholische Kirche die herrschende, unter dem Schutze einersehr einflußreichen Geistlichkeit und der Oberleitung drcierBöschöftinLeitmeritz, Königgrätz und Budweis und eines Erzbischofs zu Prag. Die Schulbildung ist, mit Einschränkung der hohem Grade, in neuerer Zeit um so mehr bemüht gewesen, volksthümlich zu werden und hat sich in ihren praktischen Seiten schon sehr erfreulicher Resultate zu erfreuen gehabt. Man zählt in B. einschließlich der Universität zu Prag und drei philosophischer Lehranstalten, zu Budweis, Leitomischl und Pilsen, 31 höhere und 22 mittlere Lehranstalten, an der Spitze einer großen Menge Bolksschulcn. B. ist außerordentlich reich an Vereinen für Natu.künde, Ökonomie, Industrie u. s. w- unter Führung ausgezeichneter Männer, die größ- kentheils dem mächtigen böhm. Adel angehären und darnach streben, den Nationalgeist auf die natürlichen Einsichten des materiellen Wohlstandes zu stützen. An der Spitze der guber- malen Landesverwaltung in allen politischen und policeilichen Angelegenheiten steht der Oberstburggraf zu Prag, unterstützt durch Kreishauptleute, welche den 16 Kreisen, in die B. gelheilt wird, unmittelbar vorstchcn. In militairischer Hinsicht bildet das Land ein eigenes zu Prag seßhaftes Generalkommando und in fortificatorischer Rücksicht sind als Festungen ersten Rangs Theresienstadt, Josephstadt und Königgrätz zu bemerken, als wichtige Reduits der natürlichen Verthcidigungslinien, die die umschließenden Gebirgswälle bilden. Die 16 Kreise des Landes sind im Nordwesten l)der Pilsener, 2) der etbogner, 3)der saazer und daselbst fast ganz vernichtet. Zwischen 871—804 wurde B. von dem großmährischcn Könige Swatopluk abhänzig und bekannte sich von nun an zum Christenthume. Die prager Herzoge, Nachkommen der in den Sagen des Landes berühmten Libuscha oder Lib ussa (s.d.) und ihres Gemahls Przcmysl, erlangten nach und nach das Übergewicht im Lande und traten, nach Swatopluk's Tode und dem durch der Magyaren Einbruch beschleunigten Sturze seines Reichs, am 15. Juli 895 zu Negensburg freiwillig in den deutschen Neichsverband, in welchem das Land fortan blieb. Der ehrgeizige und kräftige Herzog Bolcslaw 1.(036—967), der seinen ältern Bruder, den heil. Wenceslaw, aus Herrschbegier ermordet hatte, suchte alle noch übrigen Thcilfürsten B.s von sich abhängig, sich selbst dagegen von Deutschland unab> hängig zu machen; nur das Erste gelang ihm, das Zweite nicht. Sein Sohn Bolcslaw II. (S87—999) dehnte seine Macht über Mähren bis an die Weichsel und den Bug aus und Mete 973 das prager Bisthum; unter seinen uneinigen Söhnen gingen jedoch diese Er» Conv.-Üex. Neunte Äufl. ll. 60 466 Böhmen (Geschichte) oberungen an den tapfern Boleslaw Chrobry von Polen verloren, bis es Brzetistaw 1. (IV37 —55) gelang, Mähren wicderzugcwinnen und mit V. auf immer zu verbinden. Herzog Wratislaw II. (1061—92) erhielt von Kaiser Heinrich IV. 1086, und sein Enkel Wladislaw 11. (1140—73) von Kaiser Friedrich l. I l58 die Königskronc, beides für ge- leistete Hülfe. Von 1173—97, wo nicht weniger als zehn Prinzen des alten Herrscher- Hauses den schwankenden Thron einander streitig machten, war B.s Macht im tiefsten Verfall, bis der in der Schule des Unglücks gereiste Przcmysl Ottokar I. (l 197—123«) die alte Senioratcrbfolge änderte und die nunmehr erbliche Königskrone durch Politik und Schwert sicherte. Unter seinem Enkel Przcmysl Ottokar II. (s. d.) erhob sich B. (1253—78) zu ansehnlicher Macht, indem es alle sonst zum Deutschen Reiche gehörigen Länder der östr. Monarchie, mit Ausnahme von Tirol und Salzburg, umfaßte. Ottokar verlor zwar nicht nur diese Eroberungen, sondern auch das Leben im Kampfe gegen Rudolf von Habsburg; dagegen gelangte sein kluger Sohn Wenzel II. (1283—1395) durch Wahl zum Besitze von Polen und sein Enkel Wenzel 111. zum Besitze von Ungarn. Durch des Letztem Ermordung zu Olmütz am 4. Aug. 1306 erlosch das Haus der Przemysliden. Von I31V—1437 wurde B. von Königen aus dem Hause Luxemburg regiert. König Johann (1310—16) brachte Schlesien an sich gegen Verzichtlcistung auf die poln. Krone. Karl I., als deutscher Kaiser Karl IV. (1346—78), hob das Land durch jede Art von Bildung, die er weckte und beförderte, mehr als durch die Erwerbungen der Lausitz, eines großen Theils der Oberpfal; und der Mark Brandenburg, welche durch seine ausgeartcten Söhne und Neffen ohnehin größtentheils bald wieder verloren gingen. Unter Wenzel IV. (1378—1419) entwickelten sich durch Joh. Huß (s. d.) u. A. neue Religionsansichten im Lande, welche durch Huß's Flammentod in Konstanz im I. 1415 zur völligen kirchlichen Trennung führten; doch erst nach Wcnzel's Tode 1419 brach, durch Kaiser Sigismund's unkluge Maßregeln hervorgerufcn und genährt, der sechzehnjährige Hussitenkricg (s. d.) aus. Das entschiedene Übergewicht der hussitischen Waffen, verstärkt durch den kräftigen Nationalgeist, der diese religiös-politische Partei charakterisiere, verwandelte B. in ein Wahlreich (1429—1517). So gelangte, nach Ladislaw des Nachgeborencn (1453—57) Tode, der hussitischgläubige, kluge und kräftige Neichsverweser, Georg von Podiebrad, 1458 zum Besitz des böhm. ThronS, woraufer sich auch, trotz der päpstlichen Bannstrshlen und der Treulosigkeit seines Schwiegersohns, des Königs Matthias von Ungarn, sowie auch eines großen Theils seiner vornehmsten Vasallen, bis zu seinem Tode behauptete. Sein Nachfolger Wladislaw (1471—15>«) gelangte 1490 durch Wahl zum Besitze der ungar. Krone und verlegte hierauf seine Residenz nach Ofen, wo auch sein Sohn undNachfolgerLudwig(1516—26)residirte. Nachdem Ludwig 1526 in der Schlacht gegen die Türken bei Mohatsch geblieben, kam B-, sowie auch Ungarn, an den Erzherzog Ferdinand von Ostreich. Dieser wollte die Böhmen nöthigcu, in dem Schmalkaldischen Kriege wider den Kurfürsten von Sachsen die Waffen zu ergreifen; als sie aber dazu nicht geneigt waren, sondern es fast das Ansehen gewann, als ob sie dem Kurfürsten selbst beistehen wollten, so verfuhr er nach Karl's V. Siege bei Mühlberg sehr scharf wider sie und erklärte auf dem sogenannten Blutigen Landtage von 1547 B. für ein Erbreich. Ihm folgte in der Regierung 1564 sein Sohn Maximilian und diesem seine Söhne, Rudolf, 1576, und Matthias, 1611. Gegen das Lebensende des Letztem entstanden wegen gekränkter Religionsfreiheit der Protestanten Unruhen, welche das Haus Ostreich in Gefahr setzten, B. zu verlieren. Denn mit Übergehung Ferdinand's II., der schon bei Lebzeiten seines Vetters Matthias zum Könige von B. gekrönt worden war, wählte man 1619 den Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz. Als aber der Sieg am Weißen Berge bei Prag, am 5. Nov. 1620, zum Vortheil des Kaisers entschieden hatte, wurden 27 der Urheber und Theil- nehmer des Aufstandes hingerichtet, 16 verbannt oder zu ewigem Gefängniß verurtheiltund deren Güter eingezogen. Letzteres Schicksal traf auch die bereits gestorbenen und die 29 entwichenen, sowie die 728 begüterten Herren und Ritter, die sich als schuldig gestellt hatten. Die protestantische Kirche, zu der sich mehr als drei Viertel der Einwohner bekannten ward unterdrückt, die frühere Verfassung 1627 aufgehoben, B. in ein rein monarchisches und rein katholisches Erdreich verwandelt und so der ganze bisherige geistige und politische Entwickelungsgang der böhm. Nation, wie er sich durch daSHussitenthum und die großartigen 8- bö> nu M NU! iva cn> un lau xoi Ke 17 H- D- wo rer glä blei fan Ge St wr in) um ;» thu neh ein zu! Ko sod Ur> da ro> La au nu fm au lm Fl -e' K> an ßr de de I! !v l. den. nkcl c ge- her- Kn 30) »litik B. >gcn okar i idolf > ?ahl des onig one. nng, )eils ffen enl- urch ten; gtln ent- der . N). ! iige, ! onS, ger- ! hm- ! >6) lkesi- dem auch gc», erst sie s sehr i ein ^ hm, l caen ' fahr ines Kur- S. heil- und ent- tten. iten sch-< Böhmer Böhmerwaldgcbirgc 467 Endresultate desselben herausgebildet hatte, von Grund ans nmgcsiürzt, mit einem Worte das böhm. Volk und der böhm. Staat wie mit einem Schlage vernichtet. An 36000 Familien, darunter 1088 aus dem Herren- und Nitterstande, alle protestantischen Prediger und Lehrer, eine Menge Künstler, Kaufleute und Handwerker, die nicht katholisch werden wollten, wanderten aus nach Sachsen, Brandenburg, Polen, Schweden, Holland u. s. w. Durch diese Auswanderung und durch die Drangsale des Dreißigjährigen Kriegs, der in B. begann und endete, verödete das Land. Mehre Gegenden wurden nun deutschen Colsnistcn eingeräumk und die deutsche Sprache und die deutsche Bevölkerung in jeder Hinsicht vor der böhm. je länger je mehr begünstigt. Nach Karl's VI. Tode, 1730, machte Karl Albrecht, Kurfürst von Baiern, auf B. Anspruch und ließ sich in Prag von den Ständen huldigen; allein Maria Theresia behauptete das Land, das noch jetzt eins der reichsten Juwelen in Ostreichs Kaiserkrone ist. Böhmer (Joh. Friedr.), Vorsteher der Stadlbibliothek zu Frankfurt am Main, wo er 1795 geboren wurde und sein Vater Director der reichsstädlischen Kanzlei war, studirte in Heidelberg und Göttingen die Rechte. Nachdem er auf letzterer Universität die juristische Doctorwürde erlangt, ging er nach Italien, und gewiß hat der längere Aufenthalt in Nom, wo damals die neuere deutsche Kunst zu erwachen begann und die Anerkennung der so lange verkannten schönen und großen Productionen des Mittelalters mit der Hoffnung aus eine glänzende Entwickelung des deutschen Geistes in der nächsten Zukunft sich vereinigte, den bleibendsten Einfluß auf seine Bildung und sein Urtheil gehabt. Nach seiner Rückkunft fand er bald auch äußere Veranlassungen, die Liebe, welche er für Deutschlands Kunst und Geschichte in sich genährt, zu bethätigen. Persönliche Bekanntschaft mit dem Minister von Stein gewann ihn für die Arbeiten der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde; er ward Vorsteher der Stadtbibliothek und Mitadministrator des Städel'schen Kunstinstituts in Frankfurt, welches letztere Amt er jedoch nach zwölfjähriger Verwaltung freiwillig aufgab. am seine Thätigkeit ungestörter der Bibliothek und seinen Arbeiten für deutsche Geschichte zu widmen. Diese letztem waren in richtiger Erkenntniß Dessen, was hier vor Allem noch lhut, einzig und allein aufurkundliche Grundlegung gerichtet, und wie cs bei solchen Unternehmungen, die, außer einem unermüdlichen Eifer, einem festen, unbefangenen Urtheil und einer aufopfernden Hingebung an den Gegenstand, auch wesentlich eines längere Zeit fortgesetzten Sammelns bedürfen, natürlich ist, sind von B. immer vollendetere, reichere Arbeiten zu Tage gefördert worden. Zuerst erschienen „Die Urkunden der röm. Könige und Kaiser von Konrad I. bis Heinrich VII., 91 1 —1313, in kurzen Auszügen u. s. w." (Franks. 1831,-1.), sodann „Die Neichsgesetze von 90V—1300 nachgewiesen" (Franks. 1832, 3.), endlich „Die Urkunden sämmtlicher Karolinger" (Franks 1833, 3.), Documente, die als das sichere Fundament, auf dem jede Geschichte dieser Periode basict sein muß, für den Geschichtschreiber von höchster Wichtigkeit sind. Gegen B., als Herausgeber dieser Kaiser-Regesten, trat von Lang in seinem „Sendschreiben an B-, mit Beiträgen und Ergänzungen" (Nürnb. 1833) auf, worin er die Art und Weise der Behandlung tadelte und ihm Unvollständigkeit und Weglassung wichtiger Sachen vorwarf; doch konnte er zur Begründung seiner Ausstellungen nur Unbedeutendes Vorbringen. Hiernächst gab B. sein „Urkundenbuch der Reichsstadt Frankfurt" (Bd. I, Franks 1836, 3.) heraus, wodurch er sich um die Geschichte Frankfurts ein ausgezeichnetes Verdienst erwarb. Seine fortgcsetzten Bemühungen für vollständige Sammlung der alten Kaiserurkunden, zu welchem Endzwecke er mehrfach die Archive Deutschlands, Frankreichs und Italiens bereiste, haben in neuester Zeit schon wieder einen erfreulichen Erfolg Schabt, indem er „Die Urkunden Ludwig des Baiern, König Friedrich des Schönen und König Johann's von Böhmen nebst einer Auswahl der Briefe und Bullen der Päpste und anderer Urkunden, welche für die Geschichte Deutschlands von 1313—37 vorzüglich wichtig sind, in Auszügen" (Franks 1839, 3.) und bald darauf „Das erste Ergänzungsheft zu den Regesten Ludwig des Baiern und seiner Zeit" (Franks 1831, 3.), sowie die „Briefe des Königs Johann von Böhmen, seiner Verwandten und anderer Zeitgenossen" (Franks 1831, 3.) veröffentlichte. Böhmerwaldaebirge oder Böhmisch-bairisches Waldgebirge heißt der 30* 468 Bvhmcrwaldgebirge GebirgStheil in der Mitte Deutschlands, welcher sich mit nordwestlicher Streichung Mischen dem linken Donauuscr von Lin; bis Passau und dem Südfußc des Fichtclgcbirgs auf der bair.-böhm. Grcn;e und auf der Wasserscheide Mischen dem Gebiete der Nordsee und des Schwarzen Meers erhebt, in seinen Grundmasscn vorherrschend aus Granit und Gneis besteht und seine Wasser dem Elb- und Donaugcbiete zusendet. Die Quellen der Moldau und die bis zu 1500 F. eingescnkte Furche des zum Regen fließenden Chambachs scheiden das Gebirge in drei Theile. Der südliche Thcil bildet unter verschiedenen Specialnamen, wie Donauberge, Karlsberge u. s. w., eine vielfach zerspaltene Gebirgsmassc, welche mit steile» Rändern am linken Donauufer anhebt, eine größteGcsammterhcbung von 20«»»—2500 §. und im Dreisesselbcrge die Gipfelhöhe von 3800 F., im Plöckcnstcinc die von 3170 F. erreicht und in einer Verbreitung der Basis von 6—7 M. mit den 3357 F. hohen Gipfel» des Blanskerwaldes scharf an die Budweiser Ebene tritt. Der mittlere und höchste Theil tragt auf seinem schärfer ausgeprägten Wasserscheiderücken die erhabensten Gipfel des ganzen Gebirgs, wie den Kubani, 3239 F., den Schwarzen Berg, 3308 F., den Nachelberg, 3360 F. und den Großen Arber, 3853 F. hoch. Er geht südwestlich zu Platcauflächc» über, welche mit scharfen Rändern gegen die rechten Ufer des Regen und die oberpfälzischc Ebene absehen, während östlich 3—3 M. ausgedehnte Bcrgästc die Ebenen der bühm. Terrassen unterbrechen. Als eine südwestliche Verlagerung mit wildem rauhen Gcbirgschargkttr erscheint der Bairische Wald, zwischen Regen und Donau, deren Thalrändcr durch gleiche Steilheit markirt sind. „Das nördliche Drittel zeigt zwar in den Verhältnissen des westlichen und östlichen Abfalls Ähnlichkeit mit dem mittler» Theile; es treten jedoch an die Stelle eines fortlaufenden Schlußrückens mehre durch flache Sättel verbundene Bcrgzügc von geringerer Massen- und Gipfelerhebung. Zn, Nordwesten senken sich die bis auf 7600 und 1200 F. verflachten Höhen von Tirschenreuth zum Fuße des Fichtclgcbirgs ab, nordöfllick aber treten bedeutendere Erhebungen, wie der Kaiserwald und die 2580 F.hoheHerrenhaidc, bis auf drei Stunden dem Egcrthale nahe. Diese Verhältnisse des Nordwestendcs zeige» deutlich, wie falsch die Vorstellung ist, daß der Döhmerwald mit dem Frankcnwald und Erzgebirge sich im Fichtelgebirge, als einem südöstlichen Zweig desselben, verknüpfe. Der Charakter des ganzen Gebirgs ist ein rauher, wilder und ziemlich unzugänglicher; die Kuppen entblößen ihr nacktes Gestein in schroffen Formen; die Rücken sind bis zur Höhe von 3700 F. mit dichte», Wald bedeckt; die Gewässer durchrauschen als reißende Bcrg- ströme finstere, enge, felsige Spalten oder bilden in den breiter» Thalern unwegsame Ec- birgssümpfc. Die Zahl der Straßen, welche wilde Dcsilcen mit Schwierigkeit durchschreiten müssen, ist bei der Gesammtausdehnung des Gebirgs von 25 M. eine sehr geringe und auf folgende Hauptcommunicationen beschränkt: I) mehre Passagen zwischen Ege.r und Tirschenreuth, 2) den Fraucnberger Paß zwischen Pilsen und Nürnberg, 3) den Paß von Waldmünchen auf der Straße von Pilsen nach Ncgcnsburg, 3) zwischen Klattau und Rc- gensburg den Paß von Ncumarkt, 5) auf der Straße von Pilsen und Klattau »ach Passa» den Eisenstciner Paß, 6) zwischen Prag und Passau den Philippsrcuthcr Paß und im südöstlichen Theile einzelne Nebcnpassagen bis zur Linz-budwciscr Eisenbahnscnke. Der rauh: unzugängliche Charakter hat dem Böhmerwalde stets eine wichtige historische Bedeutung gegeben und sein scheidender Einfluß machte sich geltender als bei viele» höhcrn Gebirgen ; die Slawen fanden in ihm eine natürliche Grenze westlichen Vorschreitcns, und seine düster» Wälder und versteckten Schluchten boten in den kriegbewegtcn Zeiten Deutschlands dem Flüchtlinge Verborgenheit, aber auch von Zeit zu Zeit dem Verbrecher sichere Räuberhöhle»- Dic eigentliche Gebirgsnatur theilt nur karge Spenden aus; sie liefert an Getreide blosHafer- Flachs zum Spinnen und Weben, wenig Obst an den Abhängen, aber schöne Weiden zur Viehzucht und einen reichen Holzvorrath, der entweder unmittelbar verarbeitet, roh verstößt, oder im Verein mit mancherlei nutzbaren Mineralien in den Glashütten, Eisenhämmer» und verschiedenen Jndustriewerkstätten verwendet wird. Die Bewohner sind kräftig, genügsam, kühn, aber roh, verschlagen und starrsinnig, und bewahren Sitte und Brauch der Vorfahren. Die Sprache der Wäldler ist mit dem Übergriff deutscher Elemente auch vorherrschend deutsch, aber im volltönigcn, vocalreichen, cigenthünrlichcn Dialekte sehr von de, bair. Mundart verschieden. Zm Südwesten des prachiner Kreises ist ein großer District vo« de: Ki uu ist I» Sd H wc ha Ki ua vo> in du vo P» vei tin in au des bei mr gä st» Ei dei so, 8° hei hä sch rei du ei, sch »e >v> >h P g« dc s-l § E i» w L 6 b T 'chcn! '' der dcS s be- uiid das wie cilci, "'S. i- n- >stil iheil ga„. bcrg, ichcii >isch- T-r- ikicr eiche ichm -teile , ge- und stlick aide, ligen Er;- Der ; die höhe - >crg- Ec- hrei- und und !vO» Re- lffan siid- ach: ' timg s >;dik ' stew dem hlen. iaftr, azm flößt, mern müg- ) der ,vor- n der tvon Böhmische Brüder -!6S dm sogenannten Freibauern bewohnt, deren Stammväter größtenthcils angcsicdcltc bair. Kriegsgefangene sind, welche noch gegenwärtig viel freie Gerechtsame in griindbcsitzlichcr und obrigkeitlicher Beziehung genießen. Die bedeutendste Stadt des eigentlichen Ecbirgs ist Cham am Einfluß des Chambachs in den Nagen, l l 44 F. über dem Meere. Sie hat I!wn E-, welche Lcinweberci und Hvlzgcschäfte betreiben, und war früher Sitz der schon im I l.Jahrh. ausgestorbcnen Markgrafen von Cham. Böhmische Brüder oder auch Mährische Brüder nannte ma» die christliche Neligionsgesellschaft, die sich um die Mitte des I5. Jahrh. aus den Überbleibseln der strengen Hussiten (s. d.) zuerst in Prag bildete. Unzufrieden mir den Zugeständnissen, durch welche die Calixtiner (s. d.) sich zur herrschenden Partei in Böhmen zu machen gewußt halten, wollten sie die sogenannten Compactaren, d. h. die Übereinkunft derselben mit der Kirchenversammlung zu Basel vom .30. Nov. >433, nicht annehmen und zogen sich l>53 nach der Grenze von Schlesien und Mähren, meist auf die Güter des Statthalters Georg von Podiebrad. Hier traten sie seit t 457 unter der Leitung des Pfarrers Michael Bradacz in besondere Gemeinden zusammen, hielten eigene Versammlungen und unterschieden sich durch den Namen Brüder des Gesetzes Christi, Brüder oder Brüderunitat von den übrigen Hussiten; von ihren Gegnern wurden sie aber oft mit den Waldensern und Picarden vermengt und, weil sic während der Verfolgungen in Einöden und Höhlen sich verbargen, Gru benheimer genannt. Unter harten Bedrückungen von Seiten der Calix- kiner und der Katholiken gewannen sie, ohne Widerstand zu leisten, durch Beharrlichkeit in ihrem Glauben und Reinheit ihrer Sitten eine bedeutende Ausbreitung, namentlich auch in Mähren, und bald harten sie eine Menge meist eigener, unter Begünstigung der Gutsbesitzer erbauter Bcthäuser inne. Das Eigenthümliche ihres Glaubens zeigte sich besonders bei der Abendmahlslehre, in der sie die Transsubstantiation verwarfen und nur eine geistig- mystische Gegenwart Christi anwahmen. Übrigens bauten sic ihr Glaubensbekcnntniß durchgängig auf die heilige Schrift und fanden damit und noch mehr durch ihre Gemeindeverfas- sung und Kirchenzuchtbei den Reformatoren des l 6. Jahrh. Beifall. Diese Verfassung war den Einrichtungen der ältesten apostolischen Christengemeinden nachgebildet. Durch Entfernung der Lasterhaften aus ihrer Gemeinschaft und einen dreifach abgcstuften Bann, sowie durch sorgfältige Trennung der Geschlechter und Eintheilung ihrer Gemeindeglieder in Anfänger, Fortschreitende und Vollkommene, suchten sie die Lauterkeit des Urchristenthums unter sich hcrzustellen. Zur Erreichung dieses Endzwecks trug aber insbesondere die strenge, bis auf das häusliche Leben der Einzelnen ausgedehnte Aufsicht, zu oer sie eine Menge Beamte von verschiedenen Graden bestellten, sehr viel bei. Diese Beamten waren ordinirende Bischöfe, Senioren und Conseniorcn, Presbyter oder Prediger, Diakonen, Ädilen und Akoluthcn. Unter sie war die Leitung der kirchlichen, moralischen und bürgerlichen Angelegenheiten der Gemeinde auf eine sehr verständige Weise vcrthcilt. Ihr erster Bischof erhielt seine Weihe von einem waldcnsi- schen, obgleich sich ihre Gemeinden mit den Waldensern in Böhmen nicht vermengten. Da sie nach ihrem Grundsätze, nirgend Kriegsdienste zu thun, sich auch im Schmalkaldischcn Kriege weigerten, die Waffen wider die Protestanten zu ergreifen, nahm ihnen der König Ferdinand ihre Kirchen, daher wunderten > 548 gegen 1000 Glieder der Unität nach Polen und nach Preußen aus, wo sic sich zuerst in Marienwerdcr ansiedelten. Der Vergleich, den diese Ausgewanderten mit den Protestanten und Reformirten in Polen am 14. Apr. 1570 zu Sen- domir abschlossen, und noch mehr der Dissidcntenfriede der poln. Stände im I. 1 572 verschaffte ihnen Duldung in Polen, wo sie sich jedoch unter den Verfolgungen des Königs Sigismund Hl. den Reformirten näher anschloffen und in dieser Verbindung bis auf die Gegenwart Einiges aus der ursprünglichen Gemeindeverfassung beibehalten haben. Ihre in Böhmen und Mähren zurückgebliebenen Brüder gelangten unter Kaiser Maximilian II. wieder zu einiger Freiheit und halten ihren Hauptsitz zu Fulnck in Mähren. Ein Theil der Brüder in Böhmen wunderte zu Anfänge des 17. Jahrh. in Ungarn ein, wo sie sich in den Gespanschasten Presburg, Trentschin und an andern Orten nicderließen, den Namen H a da» er annahmen, unter Maria Theresia aber sich zur katholischen Kirche bekennen mußten. Die für die Protestanten in Böhmen unglückliche Wendung des Dreißigjährigen Kriegs hatte auch die gänzliche Vertilgung der Brüder in Böhmen zur Folge, die sich aber nachher, 470 Böhmische Literatur und Sprache wenn auch im Geheimen, doch wieder einigten. Ihr Bischof, Comenius (s. d.), der sich I durch die Herausgabe eines Katechismus große Verdienste um den Jugendunterricht erwarb, mußte damals nach Polen fliehen. Die Auswanderung Böhmischer und Mährischer Brüder um 1722 veranlaßt die Stiftung der erneuerten Brüdergemeinde (s. d.), während die alte Böhmische und Mährische Brüderunität als gänzlich erloschen zu betrachten ist. Bgl. Lochner, „Entstehung und erste Schicksale der Brüdergemeinde in Böhmen und Mähren und Leben des Georg Israel, ersten Ältesten der Brüdergemeinde inGroßpolcn"(Nürnb. 1832). Böhmische Literatur und Sprache. Die Böhmen besitzen unter allen Slawen, die Kirchensprache (s. Cyrill usvonThessalonich) als eine ausgestorbene nicht nutze- rechnet, die älteste Literatur, da die Denkmäler ihres Schriftwesens bis ins IO. Jahrh. hi», aufreichcn. Die werthvollsten Überreste der altböhm. Literatur sind erst in neuerer Zeit auf- gefunden worden. Dahin gehört vorzüglich der von Hanka 1817 zu Königinhof entdeckte Rest einer Sammlung epischer und lyrischer Gesänge aus dem 13. Jahrh., welche, da die Überschriften des Erhaltenen das 26.-28. Capitel des dritten Buchs anzeigen, sehr ansehnlich gewesen sein muß. An poetischem Gehalt, au Kraft und Adel, an Zartheit und Än- muth in Gesinnung, Gefühl und Sprache übertreffen diese Gesänge, 14 an der Zahl, viel- leicht alle poetischen Werke des Mittelalters; zudem ist ihre äußere Form eigenthümlich und rein national; um so mehr muß man bedauern, daß nicht die ganze Sammlung sich erhalten hat. Außer der königinhofer Handschrift haben die Böhmen aus der ältesten Periode ihrer Literatur, vor Joh. Huß, noch gegen 20 poetische und über 30 prosaische, größere und kleinere Werke, unter denen Dalimil's böhmische Chronik in Versen, von 1314, Thom. von Schtitny's Lehrbuch für seine Kinder, von 1376, und das gleichzeitige bis in die neuesten Zeiten vielgelesene Fabelwerk „Der Rath der Thiere", von einem Ungenannten; dann des böhm. Oberstlandrichters, Freiherrn Andr. von Duba Werk über die gerichtliche Ver- faffung Böhmens von 1402 und des Oberstlandschreibers, Freiherrn Smil Flaschka von Richenburg, gest. 1403, noch ungedrucktes politisch-didaktisches Gedicht; ferner die ebenso geistreiche als derbe Komödie „Der Quacksalber", aus dem Anfänge des 14. Jahrh., endlich mehre historische Gesänge, wie z. B. über die Schlacht bei Crecy im I. 1376, wo König Johann von Böhmen fiel, Satiren, Fabeln u. s. w. besonders hervorragen. Neben Ludw. Tkadleczek's breiter prosaischer Klage über den Verlust der Geliebten, aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrh. (frei übersetzt von Hagen in dem „Ackermann aus Böhmen"), sind aus dieser Zeit vieleÜbersehungen beliebter Werke des Auslandes vorhanden, z. B. die Alexandreis, aus dem 13. Jahrh., Arthur's Tafelrunde, die Sage von Tristam, Marco Polo's Reise u. s w. MitJoh. Huß (s. d.) begann in Böhmen eine neue Periode der Literatur (1409—1526). Er schrieb Mehres in Hexametern, revidirte und verbesserte die böhm. Bibelübersetzung und verfaßte gegen 2V größere und kleinere Schriften. Doch ist Huß in der böhm. Literaturgeschichte durch Das, was er anregte, weit wichtiger, als durch Das, was er schrieb. Zum großen Theile unbekannt und unbeachtet, aber auch fast unzählig sind die in Bibliotheken und Archiven noch vorhandenen dogmatischen, polemischen und ascetischen Tractätchen der verschiedenen hussitischen Sekten aus dem 15. Jahrh., deren einige, und zwar nicht die schlechtesten, von Handwerkern, Bauern und Frauen verfaßt wurden; doch sind auch mehre, die zu ihrer Zeit vorzüglich geschätzt waren, später untergegangen. Die Poesie sank allmälig zur bloßen Reimerei herab; doch zeichnen sich einige Kirchenlieder der Hussiten auch in poetischer Hinsicht vortheilhaft aus. Die nur unvollständig erhaltenen Gedichte des Prinzen Hynek von Podiebrad, eines Sohns des Königs Georg, sind zwar etwas breit, doch nicht ganz ohne poetisches Verdienst. Um so vielseitiger und kräftiger gestaltete sich im 15. Jahrh. die böhm. Prosa, da die Landessprache das alleinige Organ aller öffentlichen Verhandlungen wurde. Die böhm. Staatsschriften, sowie die Briefe böhm. Staatsmänner aus dieser Zeit sind wahre Muster eines kurzen, klaren, gediegenen und kräftigen Vortrags; leider verließ man diese die böhm. Kanzleien so rühmlich auszeichnende Bahn schon gegen das Ende des 15. Jahrh., indem man die deutsche ceremoniöse Breite und Weitschweifigkeit immer mehr nachahmte. Übrigens beschränkte sich der diplomatische Gebrauch der böhm. Sprache nicht blos . auf Böhmen und Mähren; durch den Einfluß der Universität zu Prag und des böhm. Hvst ! war sie bereits auf dem Punkte, die allgemeine Bildungssprache aller katholischgläubigen ^ Böhmische Literatur und Sprache L71 Slawen in Europa zu werden; selbst die Kanzlei der Großfürsten von Lithauen bediente sich ihrer häufig. Diese für die böhm. Sprache so günstige Aussicht wurde aber einerseits durch die Ergebnisse des Hussitismus, da nunmehr die katholisch-slawische Geistlichkeit dem Einflüsse des Böhmischen allenthalben wehrte, andererseits dadurch vereitelt, daß die böhm. Könige seit 1496 ihre Residenz außerhalb Böhmen verlegten. In ihrem Vaterlande gedieh jedoch die Cultur dieser Sprache immer fröhlicher. Die Zahl der nationalen Schriftsteller aus dieser Periode ist sehr bedeutend. Zizka (s. d.) selbsthat nicht blos ein Kriegslied, sondern auch eine Kriegsinstruction für seine Truppen verfaßt; doch ist ein ähnliches Werk von seinem Zeitgenossen, dem böhm. Landesunterkämmerer, Hajek von Hodetin, für die Kenntnis damaliger Kriegsführung ergiebiger; aber vor allen wichtig ist des vielerfahrenen Feldherrn Wenzel Wlczck von Czenow kurzes strategisches Werk aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrh., das erst neuerdings entdeckt, über die Kriegskunst der Hussiten ziemliches Licht verbreitet. Weniger wurde die gleichzeitige böhm. Geschichte gepflegt; das Vorhandene hat Palacky in den „8crij>tores renun vollem." (Bd. 3, 1829) herausgegeben. Vgl. dessen Preisschrift „Würdigung der alten böhm. Geschichtschreiber" (Prag 1830). Interessante Beiträge zur damaligen Länder- und Sittenkunde liefern die Reisen Albrecht Kostka von Postupic's nach Frankreich (1464), Lew von Noszmital's (>465) durch Europa, des böhm. Bruders Martin Kabatnik Reise in den Orient und nach Ägypten (>49l) und Johann von Lobkowicz's Reise nach Palästina (1493), welche letztere noch ungedruckt ist. Unter den politischen Schriften dieses Zeitraums zeichnen sich aus die Werke des Landeshauptmanns von Mähre», Ctibor von Cimburg und Tobitschau, gest. 1494, durch Geist und na- türlich kräftige Beredtsamkeit, und des Victorin Cornelius von Wschehrd, gest. 1529 (gedruckt in der „Neuböhmischen Bibliothek", Bd. 1 , 1 842), durch eine beinahe altclassische Eleganz, Präcision und Rundung des Stils. Dagegen ist des pragcr Domherrn Paul Zidek'S Regierungskunst von unerheblichem Werthe, gleichwie sein großes encyklopädisches Werk. An ökonomischen, populair medicinischen und andern Schriften ähnlichen Inhalts aus dieser Zeit ist kein Mangel. Die Periode von 1526—I62V nennen die Böhmen die goldene Zeit ihrer Literatur J:> dcrThat wurden damals, besonders unterRudolf ll. (1576 — 1611) alle Wissenschaften und Künste in Böhmen mit Fleiß angcbaut, und die Liebe zu denselben offenbarte sich bei allen Ständen. Obgleich man keine Eingeborenen aufzuweisen hatte, welche durch kühne, geniale Forschungen im Gebiete des menschlichen Wissens neue Bahnen eröffnet (Kepler auf der pragcr Sternwarte war kein Böhme), oder den schönen Künsten überhaupt neuen Aufschwung gegeben hätten, so war doch die durch alle Volksclassen verbreitete Bildung nicht minder achtbar und für des Landes Wohl auch viel wirksamer. Böhmen hatte in dieser Zeit ein blühenderes Schulwesen als irgend eines seiner Nachbarländer. Prag allein zählte, außer zwei Universitäten, noch 16 Lehranstalten, darunter auch Mädchenschulen, und in dem Lande waren Gymnasien und Pfarrschulen hinreichend vorhanden. Die böhm. Sprache, die in allen Verhandlungen allein herrschte, erreichte damals den höchsten Gipfel ihrer grammati- schen und socialen Ausbildung, und die Zahl der ans Licht tretenden Werke jeder Art und Gattung vermehrte sich sehr ansehnlich; aber dennoch ist es nicht zu verkennen, daß der innere Gehalt ber böhm. Literaturproducte dieser Zeit sich keineswegs in dem Maße gehoben hat wie deren Zahl und Umfang. Böhmen hat aus dieser Zeit keinen Dichter aufzuweisen, der würdig wäre, auch nur an die Seite des gleichzeitigen poln. Dichters Kochanowski gestellt zu wer- den, obgleich der Einfluß des Böhmischen bei Kochanowski selbst sichtbar ist. Georg Streyc, der böhm. Psalmsänger, und der Hofpoet Kaiser Rudolf s >>., Simon Lomnicky von Budccz, waren die vorzüglichsten Dichter dieses Zeitraums. Dagegen stieg die böhm. Beredtsamkeit in Staats- und Rechtsverhandlungcn um so höher, und die davon zufällig erhaltenen Neste lassen es lebhaft bedauern, daß sich deren nicht mehre erhalten haben. Einigen Ersatz gewähren die Denkwürdigkeiten des Landeshauptmanns in Mähren, Karl von Zcrotin (1594 - >614), und seine böhm. Briefe, die als Muster vollendeten Briefstils gelten können. Die Geschichte erhielt mehre Bearbeiter. An der Spitze steht zwar ein Mann von zweideutigem Wcrthc, Wenzel Hajek von Liboczan, gest. 15 5 3, dessen ausführliche Chronik von Böhmen nur als historischer Roman gelten kann, als geschichtliches Werk jedoch rein verwerflich ist. Höhere ^7 472 , - ? U 7 ^-- W! k<:.- 1 /. 1 Böhmische Literatur und Sprache Anerkennung verdienen fünf andere, bis jetzt noch ungedruckke böhm. Historiker dieser Zeit, der Notar Bartos; von Prag (>544), der die böhm. Religionsunruhcn im J. 152-1 nm lebhaften Farben schilderte; Sixt von Ottcrsdorf, der Kanzler der Altstadt Prag, gest. 1583, der über die Ereignisse, welche den Blutigen Landtag von 1537 herbciführtcn, sehr umständlich berichtete; Joh. Blahoslaw, gest. 1571, ein classischgebildcter Geist, der mutmaßliche Verfasser einer Geschichte der Böhm, und Mähr. Brüdcrunität; ein Ungenannter, von dessen allgemeiner Geschichte Böhmens jedoch nur der erste Band zu Stockholm vorhanden ist, und Wenzel Brzezan (zu Anfänge des 17. Jahrh.), ein vorzüglicher Genealog und Biograph, dessen Werke sich durch Klarheit, Gründlichkeit, Kürze und Reichhaltigkeit au§- zcichncn. Von den Historikern dieses Zeitraums, deren Werke gedruckt und bekannt sind, nennen wir nur den fleißigen, einsichtsvollen und patriotischen Dan. Adam von Weleflawin, gest. 1599, und den Polen Barthol. Paprocki. Für die Länder- und Völkerkunde interessant sind dieReisen und Schicksale desUlr. Prcsatvon Wlkanowa(1536), des Wenzel Wratislaw von Mitrowic (1599) und des Christoph Harant von Polzic (1698). Andere bemcrkens- wcrthe Schriftsteller dieses Zeitraums sind der Vicchoflehnrichter des Königreichs, Nik.Konci von Hodiskow, gest. 1536, der Bischof der Böhmischen Brüdcrunität, Joh. Augusta, gest. 1572, der Domherr Thvm. Baworowsky um 1569, der pragcrSenator Paul Christian von Koldin, gest. 1589, der Sprachforscher Matthäus Beneschowsky um 1587, der Kenner des classischcn Alterthums, Abr. von Eintcrrod, gest. 1699, der Appe-llationspräsidcnt Wenzel Budowcc von Budowa, gest. 1621, und die ausgezeichneten religiösen Schriftsteller, Man. Philadelphus Zamrsky, gest. 1592, und Gallus Zalansky um 1629. Ebenso wenig dürfen die acht gelehrten Herausgeber der Kraliccr Bibel, von der Brüdcrunität, unerwähnt bleiben die Joh. von Zcrotin auf seiner Burg Kralic in Mähren versammelte, wo dieselben binnen fünfzehn Jahren die ganze Bibel aus den Ursprachen neu übersetzten, erläuterten und iu sechs Quarlbänden (1579—93) Herausgaben, die ein vollendetes Muster der Reinheit, Elcgaiij und Correcthcit der Sprache ist. Mit dem Dreißigjährigen Kriege und der Schlacht am Weißen Berge trat die trau rigstc Periode der böhm. Literatur ei». Nie sank wol ein Volk von achtbarer Culturhöhe so schnell in die tiefste Barbarei zurück, als es hier der Fall war. Die vorzüglichsten Männci der Nation kamen durch Schwert, Krieg und Seuchen um; alle übrigen, die durch Geist und Bildung sich auszcichneten, wunderten aus dem Lande, zuerst die Geistlichen und Lehrer, dann der Bürgerstand, zuletzt, 1628, der Adel. Die Stellen der Verbannten wurden mit ital., niederländ., span, und irländ. Glücksrittern beseht, die scharenweise in das Land zogen und in alle Ämter und Würden sich drängten. Die böhm. Nationalität wurde dabei, wenn auch nicht politisch, doch moralisch gänzlich vernichtet; ein Böhme war nach dem neuen Tone gleichbedeutend mit Ketzer und Rebell, und mancher Eingeborene entsagte seiner Nationalität und verdeutschte sogar seinen böhm. Namen. Das traurigste Loos traf die Denkmale der altern böhm. Literatur. Missionare der Jesuiten wunderten, von Soldaten begleitet, von Ott zu Ort, von Haus zu Hauö, um dem Volke alle der Ketzerei schuldigen oder verdächtigen Bücher abzunehmen und sie zu verbrennen. Dabei galt es als Grundsatz, daß alle zwischen 1313 —1635 verfaßten böhm. Werke irrgläubig sein könnten, und so wurden denn alle böhm. Bücher ohne Unterschied den Flammen geopfert. Vergebens erhoben selbst aufgeklärtere Jesuiten, wie ein Boh. Balbin, ihre Stimmen gegen diesen Unfug. Diese unselige Büchervcrfolgung dauerte bis tief inS 18. Jahrh. hinein; noch der 1769 verstorbene Jesuit Ant. Konias konnte sich rühmen, 60999 böhm. Bücher verbrannt zu haben. Daher ist cs wahrlich ein Wunder, daß von der altböhm. Literatur sich noch so viel erhalten hat; freilich lag dieses meist in unbeachteten Archiven und Bibliotheken vergraben, wo zwei Jahrhunderte lang keine Menschenhand es berührte. So bemächtigte sich geistige Finsternis des ganzen Landes. Anfangs zwar ggb es noch einige gute Schriftsteller, welche ihre Bildung der frühem Periode verdankten. So schrieb z. B. der durch den prager Fenstersturz im I- 1618 berühmt gewordene Graf Slawata, gest. 1652, eine ausführliche documentirtc Geschichte seiner Zeit in böhm. Sprache in15 Foliobänden, die jedoch nicht gedruckt wurden; und der Exulant, Paul Skala von Zhor, anfangs zu Lübeck, dann zu Freiberg in Sachsen, aus guten, jetzt meist unbekannten Quellen, eine allgemeine Kirchcngeschichte in zehn sehr großen 473 Zeit, > mit ! zest. > sehr i all,- ! Ucr, > »an- j und ! ms- j ind, - »in, ant lan m§- mci lest. von des m. fcn >en !ict. chs INj ru :s° ^ »ci eist -er, iiit ;cn nn icn !a- nk- !ct, cr- i!!e !M , nf- IN- »e ,cr iki )r- >e§ ! »g > I. !e- nd ns cn Böhmische Literatur und Sprache Feliobändcn, die noch ungedruckt ist, mit vorzüglicher Rücksicht auf Böhmen bis zum I. I «24 herab. Joh. Amos Comenius (s. d.), der letzte Bischof der Böhmischen Brüderunität, war auch der letzte glanzende Stern der böhm. Literatur. Wenn auch sein lat. Stil fast barbarisch erscheint, so ist dagegen der böhm. ohne Vergleich reiner, lebhafter, kräftiger und an Eleganz der Diction und Kunst der Sprache ein unübertroffenes Muster. Seine Werke wurden zuerst zu Lissa in Polen, dann zu Amsterdam gedruckt; auch zu Pirna und Dresden, Berlin und Halle druckte man noch böhm. Werke für die Exulanten; ferner erhielt sich die böhm. Literatur in jener Zeit unter den protestantischen Slowaken Ungarns bei einigem Leben, wo mehre geistliche Schriftsteller, wie Tranowsky, Masnik, Pilarik, Hermann, Hru- schkowic und Dolezal sich auszeichneten; in Böhmen und Mähren jedoch erschien, außer Rosa's Versuchen in böhm. Hexametern, Beckowsky's böhm. Chronik und des Naturdichters Wolney Liedern, anderthalb Jahrhunderte lang nichts, was auch nur genannt zu werden verdiente. Endlich erschien amti.Dec. 1774 ein kaiserliches Hofdecret, dem zufolge in ganz Böhmen deutsche Normal-, Haupt- und Trivialschulen nach einem neuen Lehrplan eingeführt, die lat. Klosterschulcn entweder ganz aufgehoben oder neu eingerichtet werden sollten, worauf 1784 auch noch befohlen wurde, in den HLHcrn Schulen die Vorträge in deutscher Sprache zu halten. Von nun an konnte kein Böhme in seiner Muttersprache mehr, als höchstens dasLsscn, Schreiben, Rechnen und den Katechismus lernen. Es war dies gleichsam der Todesstoß für die böhm. Sprache und Literatur, um so gefährlicher für sie, als jene Decrcte wirkliche deutsche Aufklärung bezweckten, und damit folglich auch die Überlegenheit deutscher Bildung im Lande und den alleinigen Gebrauch deutscher Sprache in allen Geschäften hcrbciführtcn. Doch regte dieser Stoß auch die letzten bis dahin schlummernden Säfte und Kräfte im trägen Körper auf und ließ sie nach und nach zum Leben erwachen. Wackere Männer, denen der endliche Untergang der Muttersprache lebhaft vor die Augen trat, widmeten ihr nunmehr ihre Sorgfalt. Zuerst erhob der um Ostreichs Kriegswesen und um Böhmens Cultur gleich hochverdiente General, Graf Franz Kinsky in seinen „Erinnerungen über einen wichtigen Gegenstand" 77-1) seine Stimme; ihm folgte der vaterländische Historiker Pelzet (l 777); die Regierung selbst fand sich bewogen, 1775 den Unterricht im Böhmischen wenigstens in den höher» Militairschulen anzuordnen. Bei dem nun frcigegebenen Anbau der Wissenschaften und dem erweiterten geistigen Verkehr wurde auch die Landessprache ein Gegenstand des Studiums vaterländischer Gelehrten. Mehre namhafte Schriftsteller traten beinahe zu gleicher Zeit auf dem verwilderten Brachfelds sowol mit Originalwcrken als mit Übersetzungen auf. Auch die Überreste der Alten wurden fleißig hervorgesucht und hcraus- gcgcben. Die meisten Verdienste um diese Regeneration erwarben sich außer Pelzet, dessen „Nowa kronyka rzeska" (3 Bde., 1791 —96) das beste bis jetzt vorhandene Handbuch der böhm. Geschichte ist, namentlich der Paulanermönch Franz Faustin Prochazka (I777-- >804); Wenzel Matth. Kramerius, der seit >783 als ein vorzüglicher Volksschriftsteller austrat, gest. >808; Alex. Vinc. Parizek, der Verfasser und Übersetzer mchrcr guten Schul- m>d Jugendschriften, gest. 1823; Jos. Dobrowsky (s. d.), der größte Sprachforscher der Slawen; Franz Tomsa, der außer guten Sprachbüchern auch empfehlenswerthe Volksschichten herausgab, gest. 1814; Wenzel Srach, Joh. Nulik und die Brüder Tham. Auch unter den ungar. Slawen erwachte durch Lcska, Rybay, Tablic, Palkowicz, Noznay u. A. »euer Eifer für die Cultur der böhm. Sprache und Literatur. Der talentvolle und vielseitig gebildete Pfarrer Ant. Puchmayer, gest. > 82>», bestieg seit 1795 den verödeten böhm. Parnaß mit echt poetischem Schwünge; er war auch der Erste, der seine Landsleute mit der un- lerdeß weiter gediehenen Literatur der Polen und Russen bekannt machte. Ihm folgten mehre Freunde mit mehr oder minder günstigem Erfolge, insbesondere die beiden Brüder Adalbert und Joh. Negedly, Jos. Rautenkranz, gest. 1818, Franz Stcpniczka, gest. >832, Sebast. Hnjewkowsky, Franz Joh. Swvboda u. A. Einen noch höher» Schwung nahm seit 1805 der noch lebende hochverdiente pragcr Gymnasialpräfcct, Jos. Jungmann, geb. am 16. Juli 1773 zu Hudlitz in Böhmen. Doch zeigte dieses beharrliche Streben so vieler Mackern Männer noch immer wenig Erfolg. Denn da der Adel und die Gebildeten im Volke dcr Sprach- ihrer Väter bereits größtenthcils entfremdet waren, da von oben herab auch 474 Böhmische Literatur und Sprache nicht das Geringste geschah, was tatsächlich jenes Streben unterstützt hätte, so hatten diese Schriftsteller mit mehr Schwierigkeiten zu kämpfen als bei irgend einem andern Volke; allein ihr Eifer erkaltete nicht, ihre Ausdauer drang endlich durch, und nur ihr und einigen glücklichen Ereignissen, welche in diese Zeit sielen, hat man es zu danken, daß ihr patriotische- Bemühen nach und nach mehr Bestand gewinnt. Mit dem I. 1813 begann eine neue und bessere Epoche der böhm. Nationalliteratur. Die Bekanntmachung der von Hanka aufgefundenen herrlichen königinhofer Handschrift wirkte ebenso belebend auf den nationalen Sinn, als die durch den damaligen Oberstburg, graf Grafen Kollowrat veranlaßte Gründung eines Nationalmuseums in Prag, nicht minder auch mehre 1816—18 erlassene Hofdecrete, welche die Übung der Gymnasialschüler auch in der böhm. Sprache empfahlen, die jedoch I82i wieder außer Kraft gesetzt wurden. Seit jener Zeit hat die Bildung der böhm. Sprache und Literatur rasche, fäst zu gewagte Fortschritte gemacht; sie wurde in Form und Gehalt europäisch und fügte sich bereits fast allen Bedürfnissen der Zeit in Kunst und Wissenschaft. Nachdem nämlich Dobrvwsky's Scharfsinn den gesammten organischen Bau und die außerordentliche Bildsamkeit dieser Sprache ausgedeckt hatte, konnte man seit 1818 eine festbcstimmte, regelmäßige und klare Terminologie für die meisten wissenschaftlichen Fächer aufstellen; zugleich wurden die so lange vergessenen reichen Denkmäler altböhm. Literatur zu diesem Zwecke hervorgesucht und benutzt und auch auf die übrigen slawischen Dialekte Rücksicht genommen. Das Verdienst, diese schwierige Bahn zuerst und glücklich gebrochen zu haben, gebührt den prager Professoren Jos. Jungmann und Joh. Swat. Press. Auch die poetische Diction wurde durch die königinhofer Handschrift veredelt, und die mit vielem Erfolge gekrönte Empfehlung antiker metrischer Formen durch Schafarik und Palacky trug seit 1818 zu dem höhern Schwnnge bei, den die böhm. Dichtkunst seitdem genommen. Endlich wurden, nach Dobrvwsky's Vorschlag, auch einige Inkonsequenzen der alten böhm. Orthographie beseitigt. Freilich waren mit dieser schnellen Metamorphose der Sprache und Literatur nicht alle Böhmen zufrieden; die Anhänger des Alten und darunter vorzüglich die Professoren der böhm. Sprache, Negedly in Prag und Palkowicz in Presburg, erhoben heftigen Widerspruch und veranlaßten einm einheimischen Streit, der zwar an sich bald in bloße orthographische Mikrologie ausartete, aber auch gefährlich zu werden drohte, nachdem man sich nicht gescheut, das rein wissenschaftliche Streben argloser Männer bei höhern Behörden als staatsverderblich, ja selbst als eine die Religion und Sitten gefährdende Neuerung, und die Forschungen in andern slawischen Dialekten als einen politischen Russismus zu bezeichnen. Eine so geartete Opposition mußte indcß zuletzt an dem gesunden Sinne der Nation scheitern. Dagegen verbreitete sich die Liebe zur böhm. Literatur sichtbar bei allen Ständen und Classen in gleichem Maße, wie diese selbst an Gehalt, Mannichfaltigkeit und Bedeutsamkeit zunahm. Unter den in der neuern und neuesten Zeit sich auszcichnenden böhm. Dichtern und Belletristen nennen wir als die vorzüglichsten: Franz Ladissaw Czelakowsky, früher Bibliothekar beim Fürsten Kinsky in Prag, gegenwärtig Professor der slawischen Sprache und Literatur an der Universität zu Breslau, geb. am 7. März 1799 zu Strakonitz in Böhmen, ein kräftiges und gebildetes Talent, originell und volksthümlich zugleich; seine „Vermischten Gedichte" (2. Ausl., Prag 1839), sein „Nachhall russ. Lieder" (Prag 1829), „Nachhall böhm. Lieder" (1839) und seine „Centifolie" (1839) gehören zu dem Besten, was dic neuere Poesie überhaupt aufzuwcisen hat. Wenceslaw Klicpera, Professor in Königgra;, geb. 1792, lieferte über 39 zum Theil gelungene Schau-, Lust- und Trauerspiele und gab den ersten dramatischen Almanach heraus. Joh. Kollar, evangelischer Prediger in Pesth, geb. 1793 zu Thurocz in Ungarn, erwarb sich durch seine „Slawy Dcera", einen Kranz von 159 erotischen und patriotischen Sonetten (2. Ausl., Ofen 1823), die er in einer dritten Ausgabe (Pesth 1832) auf 615 vermehrte und in einer besondern „Auslegung" (Pesth 1832) erläuterte, sowie durch geistreiche Epigramme und Elegien, deren großer Theil der erwähnten „Auslegung" beigegeben ist, den Ruf des ersten böhm. Dichters. Holly, ebenfalls ein Ungar, steht als Epiker zunächst an seiner Seite; sein „Swatopluk", seine „Metho- diade" sind das Großartigste, was die ganze slawische Literatur bisher in diesem Fache geleistet hat. Jos. Jar. Langer, geb. 1896, ein originelles Talent, leistete Vorzügliches sowol in sei- s 475 >!tm rlke; ig-n sch-< >tur. hrist urg. uin- >üler den. ' agtc fast 'ky's ieser !lare wg! nutzt diese . oren öni- etri- bci, stag, mit > die edly inen tete, ,-lst- eine 'chen ußte siebe und blio- und mn, lisch- 1 die ;rä;, -sth' von itten >-sth r er< , falls ltho- l ästet «sei- Böhmische Literatur und Sprache „ea nationalen Idyllen und Märchen (Prag 1830), als in zerstreuten, meist satirischen Gedichten. Karl Sim. Machaczek, Professor zu Gitschin, geb. 1799, schrieb unter Andern das beste böhm. Lustspiel „Die Freier" (Prag 1826); ihm und W. Swoboda verdankt auch die böhm. Oper seit 182S ihren neuen Aufschwung. Der Rechtsgelehrte Karl Agnell Schneider, geb. 1766, gest. 1835, ein beliebter Volksdichtcr, dichtete unterAnderm diebesten Balladen (2 Bde., 1823—36). Joh. Nep. Stiepanek, Director des ständischen Theaters in Prag, geb. 1783 zu Chrudim, ward der Schöpfer und Förderer der neuern böhm. Bühne, für welche er selbst eine große Zahl von Schau- und Lustspielen lieferte, die, meist aus dem Deutschen überseht, sehr verschiedenen Werth haben. Kaj. Tyl, geb. 1808, ist gegenwärtig der thätigste böhm. Literat und der beliebteste Novellen- und Dramendichter. Als Fabeldichter war der Pfarrer Vincenz Zahradnik, geb. 1790, gest. 1836, ausgezeichnet. In Erzählungen und Liedern versuchten sich nicht ohne Glück Winaricky, Kamaryt, Chmelensky, Turinsky, Heinr. Marek, Schafarik, Hanka, W. Swoboda, Klacel, Wocel, Wacek, Maly, Tupy-Ja- blonfky, Picek, Skultety und die Frauen Magdalene Rcttig und die Elisabethinernonne Marie Antonie, gest. 1831. Für den Anbau der Wissenschaft in böhm. Sprache waren am thätigsten: Jos. Jungmann durch seine „Slowesnost" (Prag 1820), die „Geschichte der böhm. Literatur" (Prag 1825), meisterhafte Übersetzungen, vermischte Schriften und Aufsätze (gesammelt in der „Neuböhmischen Bibliothek",' Bd. I) und ein großes kritisches Wörterbuch der böhm. Sprache, das auf Kosten des Böhmischen Museums erschien (5 Bde., 1831—39); dessen Bruder, der Professor Ant. Jungmann, geb. 1775, durch seine Anthropologie und andere medicinische Werke; der Dechant Ant. Marek durch seine Schriften über Logik und theoretische Philosophie; Franz Palacky (s. d.); Joh. Swat. Presl, Professor und Director des Naturalicncabinets in Prag, geb. 1791, durch gediegene Werke über Botanik, Zoologie, Mineralogie, Chemie u. s. w. und die cncyklopädische Zeitschrift „Krok" (seit 1821); Paul Jos. Schafarik (s. d.); Karl Schadek, geb. 1783, durch geographische, physikalische und technologische, und der Professor Avalb. Sedlaczek, geb. 1785, gest. 1836, durch mathematische und physikalische Werke; Karl Ammerling, Lehrer an der böhm. Sonntagsschule, geb. 1809, durch seine ausgezeichneten Leistungen im Fache der Naturwissenschaften und der Technologie, besonders durch seinen periodischen „Gewcrbcboten"; K. Staniek, durch seine anatomischen Werke und seinen anatomischen Atlas; Jos. Sme- tana, Professor in Pilsen, geb. 1801, durch sein „Lehrbuch der Universalgeschichte", seine „Grundzüge der Astronomie" und vorzüglich durch seine „Physik" (Prag 1812) u. A. mehr. Abgesehen von den vielen böhm. Übersetzungen aus fremden Sprachen und der ziemlich zahlreichen populairen und theologischen Literatur bemerken wir nur, daß in lctzterm Fache absichtlich größere Ruhe zu herrschen scheint, da man es angemessen findet, daß bei dem ncuerwachten Streben der Nationalität nicht die alte Flamme der religiösen Zwietracht von neuem angefacht werde. Zeitschriften in böhm. Sprache erschienen 1813 in Prag überhaupt zwölf; in den andern Städten Böhmens waren drei neue angekündigt; in Ungarn erschienen zwei und eine politische Zeitung ward vorbereitet. Dies ist im Ganzen genommen nicht .sehr viel, allein den schwierigen Verhältnissen gegenüber, unter denen es sich entwickelte, nicht ohne Bedeutung. Nur allmälig ist die Literatur im Stande, in weitere Kreise des böhm. Volks zu dringen, und wenn auch die Zahl der Sprachgenosscn, welche in Böhmen, Mähren und Nordungarn das Böhmische als ihr gemeinsames Schriftidiom anerkennen, weit über 7 Mill. beträgt, so bleibt die große Masse doch immer noch sehr wenig berührt von ihr, wozu die strenge Censur, der höchst mangelhafte böhm. Buchhandel,! das Schulwesen und manche andere Hemmnisse wesentlich beitragen. Wenn daher die böhm. Literatur dennoch Fortschritte macht, so ist dies, nebst den bereits berührten Umständen, vorzüglich der ewig frischen und reichen Quelle des böhm. Volksgcistes zuzuschreibcn, die nur der ersten Anregung und Öffnung bedurfte, um fortan klar und kräftig zu strömen. Zwei Gegenstände sind es, welche auf die nächstfolgende Entwickelung der böhm. Nationalität entschiedenen Einfluß ausüben werden; erstens der bei dem Böhmischen Museum seit 1831 durch freiwillige Beiträge gegründete, durch spätere immer mehr erweiterte Theilnahme vermehrte Fonds zur Unterstützung der Nationalliteratur, welcher nicht blos die Herausgabe von Schafarik's „Slawischen Altcrthümcrn" und Jungmann's „Böhmischem Lexikon" möglich machte, sondern io 476 Bohnenberger Bohncnkönigsftst neuester Zeit auch durch Herausgabe einer „Altbühmischen Bibliothek" und einer „Ncu- böhmischenBibliothek" derböhm. Literatur eine wissenschaftliche Grundlage zu sichern»» Begriffe steht; und dann das neuerwachte Streben für die dramatische Literatur und das Theuterwesen, welches in dem neucrbautcn glänzenden böhm. Schauspielhause zu Prag einen wirksamen Centralpunkt finden wird. Die böhmische Sprache ist einer der vorzüglichsten Dialekte des westslawische» Sprachzweigs und mithin zunächst verwandt mit der poln. und lausitz-serbischen. Sie wird nicht nur in Böhmen, sondern auch in Mähren und mit unbedeutender Abweichung unter den Slowaken in Ungarn gesprochen. Unter ihren slawischen Schwestern zeichnet sic sich de- sonders aus durch Reichthum an Wurzelwörtern und außerordentliche Bildsamkeit; unvergleichliche sinnliche Anschaulichkeit und Präcision des Ausdrucks und feinen grammatische» Bau, der dcmder antiken Sprachen ähnlich ist und sic oft übertrifft; endlich durch freie Wortfügung und Bindung. Wie allen slawischen und den meisten neuern Sprachen mangelt ihr jedoch eine eigene Form für das passive Zeitwort. Eigcnthümlich ist ihr die Gedrungenheit und bedeutsame Fülle ihrer Wertformen; sie ist die kräftigste und männlichste, aber auch die härteste unter den slawischen Sprachen; ebenso eigcnthümlich ist auch die von Job. Huß in, > 5. Jahrh. zuerst eingeführte präcise und consequentc Orthographie, die bei dem Gebrauche lat. Schrift jedem Laute dennoch sein einfaches Zeichen anweist. Was sie aber von den meisten Sprachen Europas unterscheidet, ist der Umstand, daß in ihr wie in den antiken Spra- chen das Zeitmaß vorherrscht, während in allen neuern Sprachen das Tonmaß vorwallet, daher sie zur Bildung aller Formen des altgriech. und röm. Rhythmus wie geschaffen ist; auch vermag keine andere Sprache in Europa die alten Klassiker so vollkommen, kräftig, faß buchstäblich treu und dennoch so ganz ungezwungen wiedcrzugeben wie die böhmische. Dafür ist aber auch ihre Grammatik bedeutend schwieriger und complicirter als die der andern Sprachen. Brauchbare „Lehrbücher sind Burian's „Ausführliches Lehrbuch der böhm. Spracht kür Deutsche" (Aöniggrätz >830) und Koncczny's „Anleitung zur Erlernung der czechisid- slawischen Sprache" (Wien >832). Ein dcutsch-böhm. Wörterbuch hc-tTranta-Schumowsk» (Lief. >, Prag >833) begonnen; an einem böhm -deutschen und deutsch böhmischen klemm Stereotyplcrikon arbeitet Hanka. Bohncnberster (Joh. Gotllieb Friedr. von), der Erfinder der nach ihm benannte» Schwungmaschine und eines gleichfalls seinen Namen tragenden sinnreichen Elektrometers, war am 5. Juni >705 zu Simmoßheim in Württemberg geboren und erhielt seine Bildung zu Stuttgart und Tübingen. Nach beendigten Studien wurde er >78!) Psarrvicar, ging aber >7!«3 nach Gotha, wo er längere Zeit verweilte, dann auch nach Güttingen und erhielt 1798 eine Anstellung bei der Sternwarte zu Tübingen und >803 die außerordentliche Professur der Mathematik daselbst. Die Herausgabe der Karte von Schwaben (->0 Blätter) und seine anderweitigen wissenschaftlichen Leistungen gaben Veranlassung, daß er einen Ruf in den östr. Gcneralstab und glänzende Einladungen an die Universitäten zu Freiburg im Breisgau, Petersburg und Bologna erhielt; allein er konnte sich von dem ihm heimisch gewordene» Tübingen, wo er nun auch zum ordentlichen Professor der Mathematik er»annt wurde, nicht, trennen. Im1.1813 von einer schweren Krankheit befallen, genas er nie wieder vollständig und starb zu Tübingen am 19. Apr. >831. Seinen literarischen Ruf begründete er durch die „Anleitung zur geographischen Ortsbestimmung" (Gött. >795); nächstdem sind noch zu erwähnen seine „Astronomie" (Tüb. >8> >) und die „Anfangsgründe der höhcrn Analysis" , (Tüb. >8>2). Auch beschäftigte er sich mit andern Theilen der Naturwissenschaften, z. B- ! mit Physiologie. Mit Aurenrieth (s. d.) gab er die „Tübinger Blätter für Naturwissenschaft und Arzncikunde", mit Lin d e nau (s. d.) die „Zeitschrift für Astronomie und verwandte Wissenschaften" heraus. Über die erwähnte Schwungmaschine verbreitete er sich in ^ der „Beschreibung einer Maschine zur Erläuterung der Gesetze der Umdrehung der Erde um ^ ihre Achse und der Veränderung der Lage der letzter»" (Tüb. >8 >7.)— Auch sein Vater, , Go ttlicb Christoph B., geb. >732, gest. >807 als Pastor zu Kalw in Würtembcrg, hat durch einige Schriften, z. B. „Beiträge zur theoretischen und praktischen Elektricitätslchre" (5 Stück, Sluttg. > 793—95) sich bekannt gemacht. Bahllsllkölligsskst, ein namentlich in Frankreich und von da auch nach Dcutjch- flc»- i im das gcü chkn vird nter i bc- ver- chcn >ort- tihr iheii 1 dir ;i»> nchc mci- xra- Ilet, -sti fast asm eca- achc isid- rfl, inen aten rrs, img zing hielt pro- und lfm ceis- incii licht. ndig urch Hz» >ßs» sen- vcr- hin um >ker, hat )re" tfch- Bohrmuschcl Boileau Despre'aux 477 land übergcsiedeltcs, in geselligen Cirkeln übliches Fest, das man am Dreikönigstage zu begehen pflegt. Man bäckt zu dem Ende in einen großen Kuchen eine einzige Bohne, verthcilt darauf den Kuchen stückweise unter die Anwesenden und in dessen Stück sich die Bohne findet, der ist für das nächste Jahr Bohncnkönig und als solcher berechtigt, sich im Scherz einen Hofstaat zu wählen, wobei es an scherzhaften Huldigungen von Seiten der Anwesenden sowie an andern dergleichen Belustigungen nicht fehlr. Zugleich hat er aber auch die Obliegenheit, am nächsten Dreikönigstage ein kleines Fest und dadurch Veranlassung zu einer neuen Bohncnkönigswahl zu geben. In Frankreich war diese Sitte in der früher» Zeit so allgemein, daß selbst am Hofe solche Bohnenkönigsfcste gehalten wurden, obschon die Geistlichkeit namentlich im 17. Jahrh. vielfach dagegen ciftrte. Die Ansicht, daß diese Sitte den röm. Saturnalien ihren Ursprung verdanke, an denen, da sie das Carneval der Alten waren, cs nicht blos übcrallJubcl, Possen und Gelächter gab, sondern selbst die Kinder sich einen König zu wählen pflegten, dürfte wol die meiste Wahrscheinlichkeit für sich haben. Bohrmuschcl (l'li-Iss) heißt eine Gattung zwcischaliger Wcichthiere, die sich in Schlamm, Hol; und sogar in ziemlich harte Felsen einbohrt und am Ende dieser sclbstver- fcriigten Nähren sitzen bleibt. Die Aushöhlung so harter Körper kann nicht auf mechanischem Wege, mittels des Hin- und Hcrdrehens der Schale» geschehen, indem diese zu zerbrechlich sind, sondern nur durch chemische Einwirkung, also durch Erweichung des Felsen. Arten «onBohrniuschcln kommen in allen Meeren vor und werden ihres pftfferartigen Geschmacks wegen als Speise geschätzt; die hierhergchörende Dattelmuschel zieht man in Triest den Austern vor. — Der Bohrwurm (Tsiereclo), auch Pfahlwurm, ist eine der vorhergehenden nahe verwandte Gattung, mit cylindrischem, 5—6 Zoll langem Körper, der nach vorn ein paar gleichsam rudimentäre Schalen trägt, übrigens aber Kalk ausschwitzt und mittels desselben eine lange, in Holz ausgcgrabcne Röhre ausfüttert. Die Bohrwürmer stammen eigentlich aus den Meeren heißer Länder; die bekannteste Art, I'c-recln nnvulis, greift die ungekupfertcn Schiffe, Holzdämmc u. dgl. an, vermag sie ganz zu durchlöchcrn und hierdurch großen Schaden anzurichtcn und ist um 1786 »ach Holland verschleppt worden, wo sie durch Zerstörung der Scedämme ganze Provinzen in äußerste Gefahr brachte. Sie ist, wahrscheinlich in Folge des Klimas, später selten geworden, kommt aber immer noch einzeln in Venedig und an den holländ. und engl. Küsten vor. Boileau Despreaux (Nicolas), franz. Dichter, gcb. am I. Nov. 1636 zu Crosne bei Paris, erhielt eine gründliche, klassische Bildung und studirtc die Rechte, wendete sich aber dannausschließend den schönen Wissenschaften zu Schon seine Satire „l.es »ckieux ül'mis" erregte durch die Reinheit des Stils und die Zierlichkeit des Versbaus vieles Aufsehen, das die 1666 von ihm erschienenen sieben Sariren noch steigerten, deren Hauptvcrdicnst in der Gediegenheit des stets passenden Ausdrucks und in der Klarheit, womit er seine Grund- sähe vorträgt, besteht; neue, tiefe und cigenthumliche Gedanken sucht man vergebens darin, wiewvl es nicht an einzelnen feinen und anziehenden Zügen fehlt. Höher als die Satiren sind seine Episteln geschätzt. In seiner „^rtpoetchne" stellt er für alle Dichrungsartcn, mit Ausnahme des Apologs, nach den damals in Frankreich angenommenen ästhetischen Grundsätzen die Regeln auf, und es hat dieselbe lange, nicht nur in Frankreich, sondern auch im Auslande, als Gesetzbuch gegolten. Seine Gegner machten ihm Mangel an Fruchtbarkeit, Erfindungsgabe und Abwechselung zum Vorwurf; zu ihrer Widerlegung schrieb er den „l.»t,i,i", ein komisch-episches Gedicht, das noch jetzt bei den Franzosen für ein unerreichtes Meisterwerk gilt. Im Leben war B. ein sanfter und edler Mann. Ludwig X l V. ernannte ihn, nebst Racine, zu seinem Historiographen. So häufig er auch den Hof besuchte, so verlcugnete er doch nie eine männliche Freimüthigkeit. Da er die Mitglieder der Akademie in mebrcn seiner Schriften angegriffen, so wurde er erst 1684 durch besondere Vermittelung des Königs in dieselbe ausgenommen. Auf seinem Landsitz in Auteuil führte er in Gesellschaft Moliere's und anderer geistreicher Männer ein sehr heiteres Leben. Er starb am l 3. März 171 >. Lcfevre de Saint-Marc wurde um die Milte des >8. Jahrh. der Wortführer Derjenigen, welche den Dichterruhm B.'s zu vernichten suchten, indem er in seinerAusgabe dcrWerkcB.'s (5Bde., Par. 1747) alle ungünstigen Urthcilc über Hessen Satiren sammelte. Unter Andern vcrthei- bigte ihn später Daunou in der Schrift „Inlluonce cle v. s»r Is littör-nlure trammize", der 478 Boissard Boisserce auch dessen Werke (3 Bde., Par. 1809) 4 Bde., 1825) herausgab. Wie die einzelnen, so wurden auch die gesammelten Werke B.'s unendlich oft herausgegeben; in letzterer Beste- hung gedenken wir nur noch der Ausgabe von Saint-Saurin mit reichhaltigem Commentar (-1 Bde., Par. l 823). Eine „Vis 6s tt." lieferte Desmaizeau (Amst. 1712.) — Sein Bruder, Gilles B., versuchte sich gleichfalls als Dichter und ward >659 Mitglied der Akademie. Er gab eine Bearbeitung des Diogenes Laertes (2 Bde., Par. 1668) heraus, und seine Gedichte finden sich in seinen „Oeuvres pnstbumss" (Par. 167V). — Sein jüngerer Bruder, Jacques B., geb. am 16. März 1635, gest. am I. Aug. 1716, warDoctordcr Sorbonne und hat zahlreiche theologische Schriften verfaßt. Boissard (Jean Jacq. Franc.Marie), der fruchtbarste franz. Fabeldichter, geb. I73Z zu Caen, trat zuerst 1763 als Dichter auf und machte sich namentlich im „Nercure se krance" durch seine Fabeln bekannt. Im 1.1773 erschien die erste Sammlung derselben, der bald mehre andere nachfolgten. Er ist unter allen franz. Fabeldichtern derjenige, welcher Lafontaine am wenigsten nachahmtc und der doch, was Einfachheit und Naivetät der Erzählung anbelangt, die meiste Ähnlichkeit mit ihm hat. Die spätem Erzeugnisse seiner Muse finden sich in den „ksbies" (Caen 1803) und in den „blills etune ksdles" (Caen 1806). Er bekleidete schon sehr jung verschiedene Verwaltungsposten und war beim Ausbruche der Revolution Sccretair des Bruders des Königs. Als er durch die Auswanderung seines Herrn diese Stelle verloren, hielt er sich, da er den revolutionären Grundsätzen Feind war und doch mit seinen royalistischen Grundsätzen nicht hervorzntreten wagte, fern von allen öffentlichen Ereignissen. Auch unter der Restauration lebte er, ein alter Mann, in großer Zurückgezogenheit und starb fast ganz vergessen 1831. — Sein Neffe, Jacq. Franc. B-, geb. 1762 zu Caen, war Maler, vertauschte aber nachher den Pinsel mit der Feder und gab unler Anderm mittelmäßige Fabeln (2 Bde., Par. 1817—21) heraus. Boisseree (Sulpiz), ein in Verbindung mit seinem Bruder Mcl chior B-, geb.zu Köln um 1780, und mit Joh. Bapt. Bertram aus Köln um die deutsche Kunstgeschichte ausgezeichnet verdienter Gelehrter, wurde ebenfalls zu Köln um 1775 geboren. Eine Reise, welche alle drei im Herbst 1803 nach Paris machten, wo sie neun Monate verweilten, gab ihnen die erste Veranlassung, die Erforschung, Erhaltung und Belebung des deutschen Kunstalterthums zu ihrem Berufe zu erwählen. Durch die damals von Bonaparte aufgehäuftcn Meisterwerke antiker und moderner Kunst wurde ihr bereits vorgebildeter Kunstsinn auf bat günstigste entwickelt, dem gleichzeitig die Privatvorlcsungen F. Schlegel's über Philosophie und schöne Literatur, die dieser in Paris hielt, eine sichere Richtung gaben. Von Letztem insbesondere auf die im Museum aufgestellten altdeutschen Gemälde aufmerksam gemacht, deren ähnliche in Köln und anderwärts gesehen zu haben sie sich erinnerten, bewogen sie Schlegel im Frühjahre 1803 mit ihnen nach Köln zurückzukehren, wo sie nun unter der Leitung desselben anfingen, die damals aus den aufgehobenen Klöstern und Kirchen meist in die Hände von Trödlern übergegangenen Kunstschätze deutschen Altcrthums aufzukaufen. Zu gleichem Zwecke bereisten sie die Niederlande, wohin ihnen Schlegel folgte, und dann die Rheingegen- dcn. Im I. 1809 gingen sie nach Heidelberg, wohin sie seit 1810 allmälig ihre ganze Sammlung bringen ließen. Hierauf bereiste Sulpiz B. Sachsen und Böhmen, sein Bruder aber 1812 und 1813 abermals die Niederlande, wo sie jetzt sowie später viele der bedeutendsten Erwerbungen machten. Fortwährend auf zweckmäßige Vermehrung der Sammlung bedacht, waren sie zugleich für eine sorgfältige Herstellung und ganz besonders für eine belehrende Aufstellung der erworbenen Schätze sehr thätig, in welcher lehtern Beziehung vorzugsweise Melchior B. und Bertram sich vieles Verdienst erwarben. Da der König von Würtemberg im 1.1818 ihnen in Stuttgart ein geräumiges Gebäude zur freien Benutzung überwies, so wurde nun hier 1819 die Sammlung ihrem größer» und wichtigem Theile nach zuerst vollständig ausgestellt. Jetzt erst konnte man auf den wiederholt geäußerten Wunsch Rücksicht nehmen, Nachbildungen der vorzüglichsten Werke der Sammlung zu veranstalten, die, nachdem sich die Sammler zu diesem Zwecke mit dem Lithographen Strixner in München verbunden, seit 1821 in 38 Lieferungen erschienen. Unter günstigen Umständen war in kurzer Zeit bei dem rastlosen Eifer, den Einsichten und Mitteln der Sammler ihre Gemäldesammlung, die als Boisscröe'sche Gemälde- l" hatl mnj Du schu Km mit in § des von Sch den Cha W llbe ihre der! von ang von gan von We wie Hol ents von So so ei den wese Bes zu ii zu t Doe Zde. als! den zum ihre, rigt nur Kur 8a, darn kenn bau! Aus und wer! «eis jene, gele, s- sie- kur ru> ka- md rer dcr 13 >Ie >en, hcr äh> !use Er )!-> rrn wch hm cge> zeb. rler .zu chic cise, gab nst- stcu das chik erm >chh hl!- ung ind! hem gw- mze uder >stm rcht, ende oeift berg U° soll. sicht >ach- ver- hten de- Boissere'e 479 fammlung sehr bald die Aufmerksamkeit aller Künstler und Kunstkenner auf sich gelenkt hatte, zu der werthvollsten für die deutsche Kunst, auf die sich beschränkten, geworden. Sie umfaßte mehr als 200 Gemälde der bedeutendsten Maler des 11., 15. und 16. Jahrh Durch sie erst erkannte man, daß Deutschland seit dem l3. Jahrh. eine bedeutende Malerschule gehabt habe, welche, wie die italienische, von der Überlieferung der alten byzantinischen Kunstweise ausging, aber sich eigenthümlich und in der Färbung und malerischen Behandlung mit überwiegenden Vorzügen entwickelte. Ihr erst verdankt man die Bekanntschaft mit jenen in Vergessenheit gerathencn niederdeutschen Meistern und die wahre historische Würdigung des Johann van Eyck als Schöpfers der rein deutschen Malerei. In den Werken, welche sie von diesen Künstlern aufstellte, spiegelten sich Geist, Gcmüth und Natur mit einer Treue,- Schönheit und Klarheit, wie man es früher gar nicht ahnen konnte. Hier und in den Gemälden Dürer's, Holbein's und anderer meist dem 15. Jahrh. angehöriger Meister erschienen der Charakter und das Kunstvermögen der Deutschen in seiner ganzen Eigenkhümlichkeit; dahin- gegen bei den Nachfolgern der Einfluß der ital. Malerei des >6. Jahrh. und der allmäligc Übergang zu der modernen nieder!. Kunstweise sichtbar wurden, welche zu Ende des 16. Jahrh. ihren Anfang nahmen. Die Sammlung theiltc sich nach den drei Hauptperiodcn der Geschichte der deutschen Malerei in drei Abtheilungen. Die erste umfaßt die Werke aus dem Zeiträume vom Anfang des 1-1. bis zu Anfang des 15. Jahrh., die sämmtlich dcr altkölnischen Schule angehören, welche den Glanzpunkt der altern deutschen Malerei bildet; die zweite die Gemälde von Joh. van Eyck und den meisten mittelbar oder unmittelbar aus seiner Schule hervorgegangenen Malern des 15. Jahrh., von Memling oder Hcmling, Hugo von der Goes, Israel von Meckcnem, Michael Wohlgemuth, Martin von Schoen u. A.; die dritte endlich die Werke deutscher Maler, die sich zu Ende des 15. und zu Anfang des 16. Jahrh. auszeichnctcn, wie Dürer, Lukas von Leyden, Mabuse, Schoreel, Patenicr, Bernhard von Orley, Kranach, Halbem und die Werke ihrer Schüler und Nachfolger, bei denen die Nachahmung ital. Kunst entschieden sichtbar wird, wie bei Joh. Schwarz, Martin Heemskerk, Michael Cocxin, Karl von Mander, den kölnischen Malern Joh. von Melem und Bartholomäus Brüyn u. A. So nahe nun auch derWunsch lag, diese für die deutsche und für die gesammte Kunstgeschichte so eigenthümliches Interesse gewährende Sammlung der Hauptstadt Würtembcrgs, die 18-22 den Sammlern das Ehrenbürgcrrecht verlieh, zu erhalten, so standen doch diesem Verlangen wesentliche Hindernisse entgegen. Daher kam dieselbe im J. 1827 für 100000 Fl. in den Besitz des kunstliebenden Königs Ludwig von Baiern, worauf auch die Sammler München zu ihrem Aufenthaltsorte wählten. Die Sammlung selbst wurde zunächst in dcr Galerie zu Schleishcim aufgestellt, in neuester Zeit aber der Pinakothek in München einvcrleibt. Doch auch nach ihrer Einverleibung wird sie stets besondere Beachtung verdienen, da sie die Idee einer geschichtlichen Zusammenstellung altdeutscher Malerwerke befriedigender ausführt, als dies bis jetzt irgendwo der Fall ist. Die neuere kunsthistorische Forschung ist indcß auf den durch dieselbe eröffneten Bahnen bereits fortgeschritten. Man ist in Einzelheiten zu neuen, zum Theil auch zu abweichenden Resultaten gelangt. Die Benennung der Gemälde nach ihren Meistern, die zumeist in Ermangelung positiver historischer Quellen so überaus schwierig war, ist hier und dort angefochten worden; man hat cs erkannt, daß dieselbe zum Theil nur als Collectivname gelten könne und daß zur vollkommenen Ausbildung der deutschen Kunstgeschichte schärfere Distinctionen nöthig seien. Dies ist aber nur der naturgemäße Gang aller wissenschaftlichen Entwickelung; das Verdienst der drei genannten Männer bleibt darum nicht minder groß und ihr Anspruch auf den Dank dcr Zeitgenc-ssen und der Nachkommen nicht minder gültig. Ein anderes Verdienst hat sich Sulpij B. durch seine Forschungen über die alte Kirchen- baukunst erworben, welche ihm die Überzeugung gaben, daß der Dom zu Köln sowol der Ausführung als der Anlage nach eins dcr vollkommensten Werke dieser Kunst in Europa und vor allen geeignet sei, als Musterbild des reinsten und erhabensten Stils aufgestellt zu «crden. Der Gedanke, dieses Denkmal deutscher Größe vollständig, wie der geniale Baumeister es entwarf, zur Anschauung zu bringen und bildlich zu verewigen, begeisterte ihn zu jenen Arbeiten, welche die Aufmerksamkeit der ganzen gebildeten Welt auf diesen Wunderbau -tlenkt haben. Er selbst unternahm 1808 die sorgfältigsten Messungen und zeichnete die 480 Boissonade Boissy d'Anglas Entwürfe, die er dann durch den Maler Fuchs in Köln ins Reine bringen ließ. Hieraus! schloß crmitAretin, dem ersten Unternehmer des lithographischen Kunstinstituts in München, einen Vertrag zur Lithographirnng und Herausgabe des schon in großem Maßstabc, aber vorerst noch in einem beschränkten Umfange und auf die einfachste Ausführung in Umrissen angelegten Werks. Auch veranlaßte er den Architckturmaler Quaglio zur Ausführung der perspektivischen Zeichnungen nach Köln zu kommen. Schon 1810 war der größte Thcilder Zeichnungen vollendet. Doch der Versuch, eine derselben im bloßen Umriß zu lithographire», fiel so unbefriedigend aus, daß er den Vertrag mit Aretin aufhob, worauf noch im Sommer 1810 Cotta in Stuttgart die Hand bot zur Ausführung des Werks in Kupferstich. Mit der Ausführung der ersten Platten wurden nun Dulkcnhofcr in Stuttgart und Darn- städt in Dresden beauftragt. Der noch fehlende Theil der Zeichnungen wurde sodann I8l> und 1812 nächst dem Maler Fuchs unter Mitwirkung Jos. Hofmann's aus Köln, des Architekten Vierrodt aus Karlsruhe und vorzüglich des Oberbaurakhs Möller in Darmstadt vollendet. Doch erst eine Reise nach Paris im Herbst 1820 sicherte das Erscheinen des Werks War nämlich schon die Vollendung der Kupfcrplattcn, welche der Größe und Ausführung „ach Alles übcrtrafen, was bis jetzt im Architckturfach geliefert worden, mit einem unglaubliche» Zeitaufwand! und mit unsaglichenSchwicrigkcitcn verbunden gewesen, so mehrten sich dieselben noch dadurch, daß, um befriedigende Abdrücke zu erhalten, das Werk nach Paris verlegt und überdies auch franz. Künstler in Anspruch genommen werden mußten. Doch alle Schwierigkeiten wurden überwunden und cs erschienen die Kupfertafcln, welchen eine Reihe vergleichender Abbildungen der vorzüglichsten Kirchcngcbäude bcigegeben war, in Lieferungen nebst Text unter dem Titel „Geschichte und Beschreibung des Doms von Köln" (Stuttg. 1823—32; 2. Aust., 1832). Die Resultate seiner Forschung über alte Kirchenbaukunst im Allgemeine» gedenkt B. in einem besonder» Werke niedcrzulcgcn. Vorgearbcitet hat er demselben durch das lithographische Werk „Die Denkmale der Baukunst vom 7.— >3. Jahrh. amNiedcr- rhein", mit deutschem und franz. Text (>2 Hefte, Münch. 1831—33; neue Ausg., Heft I—0, >832—33, Fol.). Außerdem gedenken wir noch seiner interessanten Abhandlung „Über den heiligen Gral", die er in die Jahresberichte der bair. Akademie der Wissenschaften, deren Mitglied er ist, lieferte, die aber auch besonders erschienen ist (Münch. 1833, Ls. Schon früher zum Oberbaurath ernannt, wurde ihm 1835 vom Könige die Stelle als Ge- neralconservator der plastischen Denkmale des Reichs übertragen; jedoch 1836 die erbetene Entlassung aus dem Staatsdienste gewährt, um sich zur Wiedcrkräftigung seiner Gesundheil nach dem südlichen Italien zu begeben. Zu Anfänge des 1.1831 erhielt er den Michaelsorden. Boissonade (Jean Franc.), einer der vorzüglichem Hellenisten Frankreichs, geb. zu Paris am 12. Aug. 1773, war, bevor er sich ausschließend den Wissenschaften widmen, Secrekair der Präfectur im Departement Hautc-Marne. Im I. 1809 ward er adjungirNr Professor der gricch. Sprache an der Universität zu Paris und 1812 nach Larcher's Tode, an.dessen Stelle ec auch in das Institut trat, wirklicher Professor, 1813 unter Ludwig X VI» Ritter der Ehrenlegion und 1816 Mitglied der Akademie der Inschriften Außer mehre» schätzbaren Beiträge» in Journalen und cncyklopädischen Werken verdanken wir ihm du Ausgabe des Philostratus (Par. 1806), dcSTiberius Rhetor (Par. 1815) und des NieetaS Eugenianus (2 Bde., Par. 1819), eines Commentars des Proklus zu Platon's „1820) und des Eunapius (Amst. 1822); der;„>etur»>» (23 Bde., Par. 1823—26), die sich durch einen kritischen Text auszcichnet; des Neuen Testaments (2 Bde., Par. 1823), der „^»eellotu j;ri»6cu" (5 Bde., Par. 1829—30, die für die by;an- tin. Geschichte und für das Studium der griech. Grammatiker von großer Wichtigkeit sind, und.der „bl>>i.«t»>!,v" des Philostratus (Par. und Lpz. 1832), sowie mehre werthvolle Ausgaben franz. Classikcr. Seit Jahren arbeitet er an einem umfassenden Lexikon der franz. Sprache. In Allem, was B. geschrieben, findet sich ein außerordentlicher Fleiß in der Sammlung und Zusammenstellung des bereits Vorhandenen; doch vermißt man ein tieferes Eindringen in die Sprache und Wissenschaft, sowie ein scharfes Urtheil. Boissy d'Anglas (Franc. Antoine, Graf von), einer der hervortretendsten und dabei bedeutendsten Männer aus der Zeit der stanz. Revolution, geb. 1756 zu St.-Jean-Chambr« im Departement der Ardcchc, stammte aus einer protestantische» Familie. Anfangs Mail« dho« dinn besch diesi diese wclei Hier dieZ Best sehr Hier licht! prov Pari tun» spiel- hier! beha dert Hau Hund erwä Clul Porte zum zu di decz Pla( selbe Bcgl früh schuf „tte, umsi 182« und form lmß geil inehi Kiel land teigä B,n Bon imZ Anse ließe« Boje iniZ «her, Er 481 raus 1 che», aber isieii zdn lder ircn, lom- >am- 8I> rchi- ooll- crkt. nach iche» rlbm ^ und mg- uidcr Text -32; »neu nirch edcr> H-st »mg ^chas- l Ee- ekcne -.dhlit rden. b. u> melk, zirtn Lode, VI» ehre» n du icclaS >>us" Bde., nenli y;a,u sind, Ausranz. , bei eferrs dabei mb« lailrt Vojäk d Hotel beim Grafen von Provence (Ludwig XVIII), schien er sich nur dem friedlichen Studium der Wissenschaften überlasse» zu wollen, als er von Annonay aus zum Deputaten der Gcneralstaaten berufen wurde. Als Mitglied der Constituirenden Nationalversammlung beschuldigte man ihn mit einer politischen zugleich eine religiöse Reform zu beabsichtigen und die franz. Monarchie in eine protestantische Republik umwandeln zu wollen. Nach Auflösung dieser Versammlung ward er zum Generalprocurator des Departements derArdeche ernannt, welchen Posten er mit Festigkeit und Gerechtigkeit verwaltete, bis er in den Convent kam. Hier stimmte er in dem Processe des Königs nacheinander für Dctention, Deportation und die Berufung an das Volk. Während der Schreckensherrschaft hielt er sich, jedenfalls aus Besorgnis, daß die Bergpartei ihm wegen seiner Abstimmung Rechenschaft abfodern werde, sehr zurückgezogen, und erst nach dem 9. Thermidor erschien er wieder aus der Nednerbühne. Hierauf ward er Mitglied des Wohlfahrtsausschusses, in welchem er gleichfalls außerordent liches Talent und große Klugheit an den Tag legte. Ganz allein damit beauftragt, die Ver- proviantirung von Paris zu leiten, ward er später dem Volke als einer der Urheber der über Paris kommenden Hungersnoth bezeichnet, daher denn auch die Rolle, die er während der Uimultuarischen und blutigen Auftritte am 12. Gcrminal und I. Prairial des Jahres III zu spielen berufen war, um so schwieriger und gefährlicher sein mußte. Jndeß retteten ihn auch hier wieder seine unerschütterliche Festigkeit, Ruhe und Geistesgegenwart, die er selbst da zu behalten wußte, als er sich imSitzungssaalevon einem wüthenden Volkshaufen umgeben sah, der das Conventsmitglied Fe'raud in seiner nächsten Umgebung mordete und dessen blutiges Haupt ihm auf einer Stange entgegenstreckte. Nach der Zeit kam B. in den Rath der Fünfhundert, zu dessen Präsidenten er zuerst im Thermidor des Jahres lV und dann wieder 1795 erwählt ward. Dem Directorium feindlich gesinnt, wurde er des Einverständnisses mit dem Club von Clichy beschuldigt und am 18. Fructidor des Jahres V (-1. Sept. 1797) zur Deportation verurtheilt. Bonapartc rief ihn jedoch zurück und durch denselben ward er zuerst zum Tribunat und dann mit dem Erafcntitcl in den Senat berufen. Durch Ludwig XVIII., zu dessen Rückkehr er seine Zustimmung gegeben hatte, kam er in die Pairskammer. Nach der zweiten Restauration ward er, weil er während der Hundert Tage in der Pairskammer Platz genommen, aus der Pairsliste gestrichen, schon im Aug. >815 aber wieder in dieselbe ausgenommen. Bis zu seinem Tode blieb er den Grundsätzen treu, zu denen er sich sei» Beginn seiner Laufbahn bekannt hatte. Er verthcidigte das Wahlgesetz, die Jury, die Preßfreiheit und erhob sich mit Eifer gegen die Coterie. Er war Mitglied der Akademie der Inschriften und schönen Wissenschaften und starb zu Paris 1826. Sein Hauptwerk sind die „lieclierciiez snr In vie et les ecrits 82ü).- Er hinterließ zwei Söhne. Der ältere, welcher die Pairswürde erbte, Staatsrath und Präsident oder Mitglied einer großen Anzahl protestantischer Verbindungen ist, war fortwährend ein eifriger Vertheidiger der konstitutionellen Principicn, wie er sich auch bei vielen Gelegenheiten durch seinen menschenfreundlichen Eifer rühmlichst auszcichnete; der jün- gere, Militair-Jntendant, wurde 1828 von Tournon zum Deputieren ernannt und seitdem mehrmals wiedererwählt. Bojar ist dem Ursprünge nach mit Czech, Lech und Bolgarin, d. i. freier Grundbesitzer, gleichbedeutend. Die Bojaren waren nach den regierenden Knjazcn oder Knjcsen im alten Rußland der erste Stand ; sie bildeten die nächste Umgebung der Knjazcn, hatten ihre eigenen Parteigänger wie eine Art Leibwache und sagten nach eigener Wahl einem Fürsten ihren Dienst zu, welchen sie jedoch auch nach Gutdünken wieder verließen; daher die Großfürsten ihnen viel Vorrechte zugestanden, welche sie nicht selten mlsbrauchten. Sie hatten die höchsten Ämter im Militair- und Civildienste ausschließlich innc und standen bei dem Volke in ungemeinem Ansehen, svdaß die Großfürsten, selbst ein Johann der Grausame, in ihren Ukasen cs nie unterliefen, gleichsam als Bestätigung die Worte zu wiederholen „der Kaiser hat es befohlen, die Bojaren haben es gutgeheißen". Der Rang unter den Bojaren selbst ward nach dem Alter im Dienste des Staats bemessen und mit aller Strenge fcstgehaltcn, svdaß der Bojar, welcher gestern in den Dienst gekommen, mit stolzer Verachtung auf Den herabblickte, welcher Eon». - Lex. Neunte Ausl. II. 31 482 Boje Bojer heute ein Amt erhalten. Diese Nangabstufung erbte sich vom Vater auf Sohn und Enkel > fort. Man nannte dieselbe mlestnicrestwo, und sie bildet eine höchst cigenthümlichc Erscheinung im slawischen Wesen, ebenso fern vom Feudalismus wie von der neuern Aristokratie, rein national und cigenthümlich entwickelt. In ihrem Hauswesen liebten die Bojaren äußerste Pracht, und ihr Stolz gegen Niedere war unermeßlich. Zn der Folge nahmen sie sogar manche chinesische Gebräuche bei ihrem öffentlichen Auftreten aus. Die Macht und das Ansehen, das sie sich errungen, hielten die Zügellosigkeit der Großfürsten nicht selten im Zaume. Dafür aber wurden diese auch erbitterte Feinde der bojarischcn Gewalt und bemühten sich nicht selten, dicselbe.zu brechen. Erst Peter dem Großen gelang es, die Bojarcnwürde gänzlich aufzuheben und an ihre Stelle Rang und Titel, aber ohne Vorrechte und Macht zu sehen. Am 16. Jan. 1759 starb der letzte Bojar, Knjaz Iwan Jurjewicz Trubcckoj. Gegenwärtig gibt es Bojaren noch in der Moldau und Walachei, wo sie Sitz und Stimme im Rache des Fürsten haben und, wie die neueste Zeitgeschichte lehrt, bisweilen den durchgreifendster, Einfluß üben. Boje (Heinr. Christian), ein nicht sowol durch eigene dichterische Erzeugnisse als durch Anregung verwandter Geister in der Geschichte der deutschen Literatur rühmlichst bekannter Mann, war zu Mcldorf in Süderdithmarschcn ani 19. Juli 17-14 geboren und starb daselbst als Etatsrath am 3. März 1896. Voll Begeisterung für die Sache der vaterländischen Poesie und selbst Dichter, vereinigte er sich zu Göltingen, wo er studirtc, nrit Gatter 1779 zur Herausgabe des ersten deutschen „Musenalmanach", den er, nach des Letzter» Abgänge von Göttingen, von 1771—75 allein fortsehte. Zu festerer Begründung seines Unternehmens veranlaßte er Voß, der zu den ersten Jahrgängen Beiträge geliefert hatte, in Güttingen zu studiren und verschaffte ihm die nöthige Unterstützung. Bald war B. der Mittelpunkt, um den sich ein Kreis von Jünglingen sammelte, die, wie Bürger, Voß, Hülty, Miller, die Grafen Skolberg, Hahn, Cramer u. A., durch das Studium des klassischen AlterchumS angefeuert und von einer frommen Liebe für das Vaterland beseelt, unter dem Namen des „Hainbundes" die Zeit einer neuen rolksthümlichen Dichtung hcrbciführen halfen. Vgl. Prutz, „Der göttinger Dichterbund" (Lvz. 18-11). Nachdem B. die Besorgung des „Musenalmanach" an Göckiugk abgetreten hatte, übernahm er 1776 mit Dohm die Herausgabe des „Deutschen Museum", das er von 1778—91 (von 1789 an unter dem Titel „Neues deutsches Museum") allein fortführte. Ohne sich zu nennen, ließ er seine „Gedichte" (Brem. 1779) erscheinen, und 1779 führte er die Gedichte der Grafen Christian und Leopold von Stolbcrg zuerst in das Publicum ein. Seine Briefe an Knebel in dessen „Nachlaß", an Merk in der ersten Wagner'schen Sammlung, an Halem in der von Strackcrjan herausgegebenen Sclbstbiographie Halem's und an Voß sind ebenso für B.'s Charakteristik um für die Geschichte der Literatur jener Zeit von Interesse. — Sei» Sohn Heinrich B.,der in Heidelberg vorzugsweise Naturwissenschaften studirte und kurze Zeit dem naturhistorisckeu Museum Vorstand, worauf er einem Ruf nach dem Haag folgte, um zunächst lm Interesse des naturhistorischen Museums zu Leyden eine wissenschaftliche Reise nach Java zu unternehmen, starb dort, ein Opfer des Klimas, im Sept. 1827 in der Blüte der Jahre. Bojer nennt man namentlich in Niedersachscn und in Holland ein kleines Fahrzeug, dessen man sich beim Auslcgen der Bojen oderBaaken (s. d.), vorzugsweise aber zu kirim» Ladungen in der Küstenschiffahrt bedient. Bojer (6ojl) ist der Name eines keltischen Volks, das anfangs wahrscheinlich iw löblichen Belgien wohnte, von da aber weiter nach dem Süden Europas herabzog und sich an verschiedenen Orten niederließ. So kamen Bojer bereits um 599 v. Chr. nach Oberitalien, wo sie vielfache Kämpfe mit den Römern bestanden, von denen sie erst um 193 v.Chr.gänzlich zur Unterwerfung gebracht werden konnten, nachdem ihr Führer Bojorix gefallen war. Hierauf siedelte sich ein Theil der Besiegten im Süden der Donau an, ein anderer zog »ach Gallien; doch beide Haufen fanden einen frühzeitigen Untergang, der erste durch die Dauer, der andere durch Julius Cäsar. Jedenfalls die historisch wichtigste Wanderung der Bojer ist die nach dem Lande nördlich von der Donau, wo sie ein großes Reich, Bojehemum, stifteten, welchem erst die Markomannen unter Marbod, gest. 37 n. Chr., ein Ende machten. War indeß durch Marbod auch das Volk der Bojer vernichtet worden, so behielt doch das Land, in we ein un! Pö Keine etir wei M- nick die Bil grö Rei bra Arl zeit bist ten Pa> lern Her raft liehe erw pfal selig Leid als wirk sein. redt Ers Thä seit Zwei mit erd, fast aller o.c Bökel Boltngbrocke 483 rem >N- va m a'. :zc»g, leine» welchem sie. vordem gesessen, den alten Namen Bojehemum, woraus später der Name Böhmen (s. d.) entstand. Bökel (Wllh.), Buckelings oder Beukelsson, der Erfinder des HeringcinsalzcnS, ein Fischer zu Bicrvliet in Holland, soll um >417, nach Andern aber schon 1347, geboren und um > 349 gestorben sein. Von seinem Namen leiten auch Einige das Wort Bökel oder Pökel her. B. G. Camberlyn feierte B.'s Erfindung durch ein lat. Gedicht geni» (Gent 1827). Bokhära ist die Residenz des Großkhans der Bucharei (s. d.). Bol (Ferdinand), einer der ausgezeichnetsten Maler der Holland. Schule, warzuDor- drecht um 1610 geboren und starb zuAmsterdam 1681. Über seine Lebensumstände ist kaum etwas Näheres bekannt. Er war Schüler Rembrandt's und hat sich von der Behandlungsweise dieses Meisters, von der Wärme des Farbentons und der Zartheit des Helldunkels Manches mit Glück anzueignen gewußt. Rembrandt's kühne, ergreifende Phantasie ist aufihn nicht sonderlich übergcgangen; dafür ist er aber auch vor den manieristischen Ausschweifungen, die sich bei Rembrandt's Nachahmern nicht selten zeigen, bewahrt geblieben. Seine Bilder ziehen stets durch einen schlichten, edel außgebildeten Natursinn an. Sie bestehen zum größern Theil aus Bildnissen, und mit diesen behauptet er einen der ersten Ehrenplätze in der Reihe der großen Portraitmaler, durch welche die holländ. Schule berühmt ist. GleichRem- brandt hat er auch eine Folge geätzter Blätter geliefert, die wegen der tüchtigen und besonnenen Arbeit, die sich darin ausspricht, ebenfalls sehr geschätzt ist. Bolero, gleich dem Fandango (s. d.) ein span. Nationaltanz, meist im Menuett- zcümaß, doch mit eigenthümlichen rhythmischen Accenten, worin mehr als in besondern melodischen Wendungen sein Wesen beruht, wird gewöhnlich mit Gesang, Zither und Kastagnetten begleitet und ist dann von unbeschreiblich reizender Wirkung. Der Ausdruck des tanzenden Paares durchläuft in Pantomimen und Stellungen alle Grade von der zierlichsten Schüchternheit bis zum üppigen Taumel der Wonne. Der Bolero der Gegend von Cadiz, in welchem sich die Taktarten in der seltsamsten Weise mischen, wird vom Orchester gespielt. Boleyn (Anna), s. A nna Boleyn. Bolingbrocke (Henry Saint-John, Viscount), berühmt als Staatsmann und Schriftsteller, in beiden Fächern von ebenso großem Talente, Kühnheit und einer überraschenden und forlreißenden Beredtsamkeit, als von zweifelhaftem Charakter und verderblichen religiösen und sittlichen Grundsätzen, geb. 1672 aus einer alten ausgezeichneten Familie, erweckte schon in Oxford durch die Lebhaftigkeit seines Geistes, durch einnehmendes, kräftiges Wesen und seine Gewandtheit allgemeine Aufmerksamkeit. Beim Eintritt in die Welt empfahlen ihn eine verführerische Gestalt, Feinheit der Sitten, ein Gemisch von Stolz und Leutseligkeit und ein Reiz der Rede, denen Niemand zu widerstehen im Stande war. Nur seinen Leidenschaften fröhnend, erschien er, trotz der glänzenden Anlagen, bis in sein 23. Jahr nur als ein vollendeter Wüstling. Die Hoffnung der Ältern, daß eine Heirath heilsam auf ihn wirken würde, schlug fehl. Bald darauf trennte ihn eine unversöhnliche Zwietracht von seiner reichen, reizenden und gebildeten jungen Frau. Jetzt versuchte der Vater einen andern Weg und brachte ihn ins Unterhaus. Dieses Mittel schlug an. Seine ungewöhnliche Beredtsamkeit, sein tiefer Blick und seine scharfen Urtheile erregten allgemeine Aufmerksamkeit. Er schloß sich den Tories an, und seine bisherige Arbeitscheu ward plötzlich in die rastloseste Thätigkeit verwandelt. Zum Staatssecretair für das Kricgsdepartement ernannt, kam er seit 1704 in unmittelbare Verbindung mit Marlborough, der ihn aus allen Kräften unterstützte. Als die Whigs dieObergewalt erhielten, nahm er seinen Abschied. Die nun folgenden zwei Jahre widmete er sich ganz den Studien, doch blieb er in fortwährender Verbindung mit der Königin, die seinem Rathe vor Allen Gehör gab. Nach dem Sturze der Whigs erhielt n das Departement der auswärtigen Angelegenheiten, und er war es, der gegen den Willen fast der ganzen engl. Nation den Abschluß des Friedens von Utrecht bewirkte, wodurch sein Ruf allerdings nicht gewann. Als gleich darauf ein verderblicher Streit zwischen ihm und dem Großschahmeister Grafen Oxford ausbrach, wurde dieser von der Königin Anna abgcsetzt und B. an dessen Stelle zum ersten Staatssecretair ernannt; doch der Tod der Königin, welcher 31 * 484 Volivar vier Tage nachher erfolgte, veränderte Alles. B., dem es nicht gelingen wollte, sich gegen den Vorwurf zu rechtfertigen, für die Wiederherstellung des Hauses Stuart gearbeitet zn haben, wurde nun vom Könige Georg l. abgcsctzt und entfloh, als man gegen ihn die Anklage des Hochverrats erhob, nach Frankreich, wo nun der Prätendent sich bemühte, ihn zu gewinnen. Da B. einsah, daß er von seinen Gegnern in England keine Schonung zu erwarten habe, und große Hoffnung auf die kräftige Anstrengung, die zu Gunsten des Hauses Stuart gemacht werden sollte, setzte, so nahm er das Amt eines Staatssecretairs von Jakob UI. an. Doch als Ludwig XIV. gestorben, verlor B. das Vertrauen auf die Unternehmungen des Prätendenten, der ihn nun auch unter solchen Umständen sofort seiner Würde entsetzte, woraufwieder König Georg ihm Anerbietungen machte, um die Geheimnisse des Prätendenten zu entdecken. Nach einiger Überlegung ging B. auch insoweit darauf ein, daß er sich verpflichtete, der Sache , des Prätendenten, unter der Bedingung einer gänzlichen Vergessenheit des Vorgefallenen, einen entscheidenden Schlag zu versehen. Doch der Minister Walpole, B.'s Einfluß aufdas engl. Cabinet fürchtend, widcrsctzte sich der Rückkehr desselben, die aber dieser, wie man sagt, durch die Bestechung der Geliebten Georg's 1., der Herzogin von Kendal, sich ermöglichte. Nach der Auflösung des Parlaments, dessen sämmtlichc Mitglieder geschworene Feinde B-'s waren, erlaubte ihm der König 1723 nach England zurückzukchren. Erst nach Verlaufvoll zwei Jahren ward er indeß durch eine Parlamentsacte in den Besitz seiner Güter wieder eingesetzt. In England lebte er nun ganz in ländlicher Zurückgezogenheit zu Dawlcy bei Ux- bridge, in freundschaftlichem Umgänge mit Swift und Pope. Aber kaum hatte sich im Parlamente die Stimme der Opposition erhoben, so eilte er nach London und bekämpfte, daman ihm durch Walpolc's Einfluß fortwährend den Eintritt in das Oberhaus verweigerte, von nun an acht Jahre hindurch das Ministerium durch einzelne Druckschriften, welche die größte Wirkung auf des Volk machten, besonders auch in der Zeitschrift „Dke erastsmim". Neuen mächtigen Feinden stellte er seine „Dissertation on purties" entgegen, die als ein Meisterwerk betrachtet wird. Im 1. 1735 ging er zum zweiten Male nach Frankreich, um , sich, wie sogar Swift meinte, der Partei des Prätendenten abermals in die Arme zu werfen, wogegen ihn jedoch Pope vertheidigte, der öffentlich gestand, daß er seinen edlen Freund bewogen habe, ein undankbares Vaterland, welches ihn verkenne und anfcinde, zu verlassen. In Frankreich schrieb er die „Leiters on tkie stull^ ok iiistor^", worin er ohne alle Schonung die christliche Religion angriff, die er ehemals ebenso eifrig vertheidigt hatte. Sehnsucht und Ünruhe führten ihn aufs neue ins Vaterland zurück, wo er 17 38 seine „Illen oka Patriot Ling", und zwar unter den Augen des jungen Thronfolgers schrieb. Erstarb 1751 unter den Martern einer langenKrankheit, während welcher er Betrachtungen über den Zustand der Nation aussetzte. Seine sämmtlichcn Werke gab Dav. Mallct nach der von B. ihm hinterlassenen Handschrift (5 Bdc., Lond. 1753—5-1, 4.) heraus. Auf die allgemeine Anklage wurden sie von der großen Jury von Westminster, als der Religion, den Sitten, dem Staate und der öffentlichen Ruhe gleich gefährlich, einstimmig verdammt. B.'s „Nemoir-" sind brauchbar für die Geschichte Englands im ersten Viertel des 18. Jahrh. Boltvar (Simon), genannt el lübertullor, d. i. der Befreier, aus einer edlen und reichen Familie, geb.zu Caracas am 25. Juli 1783, ward von seinem Oheim, dem Marquis de Palacios, erzogen. Er studirte, mit besonderer Erlaubniß der Regierung, zu Madrid die ' Rechte und bereiste dann Frankreich, Italien, die Schweiz und einen großen Theil Deutschlands, zum Theil in Gesellschaft Humboldt's und Bonpland's, deren Bekanntschaft er in Paris gemacht hatte. In Paris hatten ihm seine persönlichen Eigenschaften Zutritt in die ersten geselligen Kreise verschafft, auch war er bemüht gewesen, durch Benutzung des Untcr- richcs in der Normalschule und Polytechnischen Anstalt sich die einem Krieger und Staats- mann unentbehrlichen Kenntnisse zu erwerben. Im Besitz eines Vermögens von 20 lwvl> ^ Francs jährlicher Einkünfte, hatte er mitten unter den Vergnügungen dieser Hauptstadt > den Vorsatz gefaßt, sein Vaterland unabhängig zu machen. Im I. 1803 vermählte er sich zu Madrid mit der schönen 1 tijährigen Tochter des Bernardo del Toro, Marquis von Ustariz, j und ging dann nach Amerika zurück, wo seine Gemahlin sehr bald ein Opfer des Gelben Fiebers ! wurde. Hierauf reiste er 1804 wieder nach Paris, wo der neugekrönte Kaiser Napoleon de» tiefsten Eindruck auf ihn machte. Auf der Rückreise »ach Caracas im I. l 800 besuchte er !gen > tz» läge vin- abc, acht ;als itc», önig ckc». ach- , N!N, 'da§ sagt, chte. 8/s von cin- Uk- par- man von t die ->n". - ein .um cfen, d be- ff-n. ! mng i sucht ! triot uitcr land ihm An- dem ms" und - :guiS ^ d die ' itsch- erin a die nter- rats- ,«Ui> stadt rsich äriz, ebcrS l de» >te-r Bolivar 485 die Vereinigten Staaten und hier reifte sein Befteiungsplan. In Venezuela angelangt, verband er sich mit den Patrioten, und als Caracas am l 9. Apr. 1810 aufstand, sandte ihn die Junta nach London, von wo er im Sept. I8I I mit einem Waffentransporte zurück- kehrte. Als Obristlieutenant kämpfte er nun unter Miranda, bis er nach der Unterwerfung Venezuelas durch die Spanier auf der Insel Curacao eine Zuflucht suchen mußte. Doch schon im Sept. 1812 trat er wieder unter den Insurgenten von Neugranada auf und wurde sehr bald die Seele des ganzen Befreiungskriegs, zumal da kein Unglücksfall das Vertrauen, das seine Mitbürger in ihn gesetzt, zu erschüttern vermochte. Über die Grausamkeit der Spanier entrüstet, erklärte er ihnen am 13. Jan. 1813 den Krieg auf Leben und Tod. Nach der Eroberung von Caracas am 3. Aug. 1813 ward er vom Heer als Befreier Venezuelas begrüßt und vereinigte in sich alle Civil- und Militairgewalt, was eine von ihm berufene Generalversammlung am 2. Jan. 1813 bestätigte. Im wildesten Kanipfe der Erbitterung bei La-Puerta von den Spaniern am II. Juni 1813 geschlagen, ging er nach Cu- mana. Bald darauf gab ihm der Congreß von Neugranada den Heerbefehl. Er besetzte Bogota und befreite die Provinz Cundinamarca; allein innerer Zwiespalt vereitelte die Belagerung von Cartagena, und als der span. General Morillo im März 1815 mit neuen Truppen landete, mußte sich B. am 10. Mai nach Jamaica cinschiffcn. Von Kingston, w» ein von den Spaniern gedungener Meuchelmörder statt seiner einen Andern erstach, begab er sich nach Haiti, sammelte hier die geflüchteten Insurgenten und landete mit ihnen im Dec. >8IK auf der Insel Margarita. Dahin berief er als Oberhaupt der Republik Venezuela einen Congreß; auch setzte er eine Negierung ein, nachdem er die Aufhebung der Sklaverei verkündet und zugleich seine eigenen Sklaven freigelassen hatte- In den beiden folgenden Jahren erfochten er, Paez und Santander so viele Vorkheile über Morillo, daß nun am 15. Febr. >819 der Congreß zu Angostura eröffnet werden konnte. B., zum Präsidenten mit diktatorischer Gewalt ernannt, führte nun das Heer im Juni über die fast unwegsamen Kordilleren nach Neugranada. Er eroberte am I. Juli Tunja und schlug dann die Spanier bei Bo- chica, sodaß ganz Ncugranada frei wurde, worauf er, zum Präsidenten des Freistaats ernannt, am 9. Sept. die Vereinigung der Staaten Venezuela und Neugranada zu einer Republik unter dem Namen Colombia aussprach. Demnächst zwang er den General Morillo zum Waffenstillstand zu Truxillo am 25. Nov. 1820, schlug nach dessen Ablauf den General La Torre bei Calabosa am 23. Juni 1821 und befreite das Land gänzlich vom Feinde. Noch im Juni desselben Jahres wählte der zu Bogota versammelte Congreß von Colombia den siegreichen Feldherr» ungeachtet der Weigerung desselben abermals zum Präsidenten. Zu Gunsten des öffentlichen Schatzes verzichtete B. nicht nur auf seinen Gehalt, der seit 1819 jährlich aus 50000 Piastern bestand, sondern auch auf seinen Antheil an den unter die Feldherren und Soldaten der Republik vertheilten Nationalgütern. Inden I. 1823 und 1823 vollendete er, namentlich durch den Sieg bei Junin und den Sieg des Generals Sucre bei Ayacucho, die Befreiung Nieder-und Oberperus, das ihn 1825 mit der dictatorischen Gewalt bekleidete. Letztere legte er 1826 nieder und versammelte einen Congreß zu Lima; auch schloß er Schuß- und Trutzbündniffe mit den verschiedenen amerik. Freistaaten und bewirkte die Zusammenkunft des freilich fruchtlosen amerik. Congresses zu Panama. Hierauf warb er im März 1826 aufs neue zum Präsidenten der Republik Colombia gewählt. Zwar wollte er 1827 seine Stelle niederlegen, indem er feierlich seinen Abscheu gegen alle Usurpation aussprach; allein im Aug. 1828 ließ er sich von seiner Partei abermals zum Präsidenten mit fast unumschränkter Gewalt ernennen. Eine Verschwörung bedrohte am 25. Sept. sein Leben; er unterdrückte sie; die Urheber wurden erschossen, der Vicepräsident Santander verhaftet und dieser nebst 70 andern Bethciligten verbannt. Da er sich auch m Peru am 17. Aug. 1827 zum lebenslänglichen Präsidenten hatte erwählen lassen, dem l-vngreffe von Bolivia (s. d.) einen im antirepublikanischen Geiste verfaßten „<üoUe Uoli- '>ii»o" aufdrang, in Colombia die Preßfreiheit unterdrückte und die Klostcrschulen wiedcrher- stellte, so beschuldigte man ihn monarchischer Plane. Peru erklärte den Dictator von Co- lombia den Krieg, und als dieser an die Grenze zog, sagte sich Venezuela von der colom- btsthen Union los. B. dankte daher am 27. Apr. 1829 ab; der Congreß von Bogota setzte W ein Jahrgeld von 30000 Piastern aus und im Namen der colombischen Nation ward 486 Bolivia ihm der Dank derselben feierlich dargebracht. Er verließ Bogota am S. Mai und wollte sich zu Cartagena nach England cinschiffen; allein seine Anhänger bewogen ihn zu bleiben. Neue Versuche, seine Macht herzustellcn, schlugen fehl. Schon krank, reiste er im Nov. nach Santa-Marta, dessen Bischof sein Freund war. Hier nahm seine Krankheit überhand; er sah seinem Ende mit Ruhe entgegen, diclirte noch einen Ausruf ganz im republikanischen Geiste, an Colombias Bürger und starb am I V. Dcc. 1830 zu San-Pedro mit den Worten: „Eintracht! Eintracht! sonst wird uns die Hyder der Zwietracht verderben." B. war mittlerer Größe, hatte regelmäßige und ausdrucksvolle Gesichtszüge, und sein Benehmen war in hohem Grade gewinnend. Er war beredt, thätig und lernbegierig, hatte eine reiche Phantasie, einen kühnen und unternehmenden Charakter, wenn er auch nicht zu allen Zeiten seines wechselrcichcn Lebens den gleichen persönlichen Muth bewähren mochte. Im Unabhängig- - keitskricge und in den Wirren nach dessen Beendigung zwangen ihn die außerordentlichen Umstände wiederholt die Dictatur und außerordentliche Maßregeln aus; wenigstens liegen keine Beweise des von seinen föderalistischen Gegnern ihm zugeschriebcncn Plans vor, daß er die Freiheit seinem Ehrgeize zum Opfer habe bringen wollen. So darf man ihn wol als den Washington Südamerikas bezeichnen, um so mehr, da er wenig bemittelt starb, vielmehr den größten Thcil seines bedeutenden Vermögens der Sache der Unabhängigkeit geopfert hatte. Auch wurde nach seinem Tode, in der überall einbrcchendcn Verwirrung, die Größe seines Verlustes immer mehr empfunden, und wie sich Frankreich dadurch ehrte, daß es die Asche Napoleon's auf seinen Boden zurückbrachtc, so wurde nach dem Beschlüsse des Congresses zu Neugranada I8ä2 auch die AscheB.'s unter dem Geleite von Abgeordneten sämmtlicher Republiken des ehemaligen span. Amerika mit großen Feierlichkeiten von Santa- Marta nach Caracas gebracht und hier ein Triumphbogen seinem Andenken gewidmet. Bolivra, eine der jüngsten Republiken in Südamerika, deren Name das Andenken - des südamerik. Befreiers Bolivar (s. d.) verewigt, zwischen dem 11"—25" südl. B. und ! 307" — 320" östl. L., ist im Westen und Nordwesten von der Südsee und von Peru, im Nordostcn und Osten von Brasilien und Paraguay und südlich von der Argentinischen Republik und Chile begrenzt. Das Land nimmt einen Flächenraum von 2 0000 IHM. een und wird im Bereiche der Stromgebiete des Maranon und des Rio-de-la-Plata von den höchsten Massm der neuen Welt erfüllt. Zwischen dem schmalen Küstenstrich der Wüste von Atacama und den nieder» Pampas von Moxos und Chiquitos erhebt sich der südliche Abschnitt des Hochlandes vonPcru, umkränzt im Osten und Westen von den l ä—15000 F. hohen Cordillereu- ketten und in den Umgebungen des Titicacasees zu beinahe 12000 F. erhoben. Die westliche Cordillere behauptet unter steilern Abdachungsverhältnissen nach Westen hin eine größere Masscnerhebung, aber nicht so bedeutende Gipfelhöhe als die östliche, welche den hohen Rand eines weit verbreiteten und vielfach verzweigten Berglandes bildet. Hier erhebt sich der höchste Gipfel der Anden, derPic von Sorate, zu 23600 F., der Jllimanni zu 2270»F., das Hochland von Potosi zu 12520 F. und als weithin leuchtende Schneepics trägt die westliche Kette den Jsluga und Anaclache. Unter den Querketten des östlichen Berglandes er- > scheinen am bedeutendsten die Sierren von Chichas, Cochabamba und Santa-Crnz, weih- ^ rcnd die Wasserscheide in den Pampas nur durch eine sanfte Bodcnanschwcllung bezeichne! ist. Unter den Gewässern sind hervorzuheben der Bcni, Mamorc und Guapore, als Quellarme des zum Maranon strömenden Madeira; ferner der thcilweise die Ostgrenze bildende Paraguay und der südliche Thcil des Titicacasees, dessen ganze Fläche 280 OM. umfaßt. Das Klima wird in seinem heißen tropischen Charakter in den östlichen zur Regenzeit überschwemmten und mit undurchdringlichen Wäldern b/dcckten Ebenen durch feuchten Einfluß gemildert und auf den Hochlandschaften durch die Höhe. Hier wie dort ist das Klima ungesund, denn die trockenen Plateaus werden oft von schneidenden Luftzügen und die Nächke l von empfindlicher Kälte heimgesucht; die Thäler dagegen bieten mildes gesundes Klima und üppige Vegetationsverhältnisse dar. In ihnen gedeihen Baumwolle, Indigo, Cacao, Vanille, verschiedene Gewürzarten, Färbe-, Balsam-, Gummi- und Arzneipflanzen, die herrlichsten tro- ! pischen Frucht- und Waldbäume ohne Pflege des Menschen; noch 1 2000 F. hoch baut man Gerste, Hafer und Kartoffeln, und aromatische Weideflächen ziehen in Begleitung menschlicher Wohnungen bis in die Nähe der Schneeregion. Die Tiefen und feuchten Wildnisse bl if tl 6 al d< tu °i ft T si. bl 3 ch l0 de T bl te de i" T pc m 3> I! st- ge 3. sic N re er E ha ba wl eil n: V r» N P la di> er w ka er s-t ne 8; er ollte >ben. nach csch eisie, Einlerer w in laste, :ineS >gig- l ichen egen daß lals viel- tge- i, die daß ^ :des ^ >eten > lnta- - nkcn und ,im , lepu- ! wird l affen und )l>ch- eren- wcsi- gr°- ohen -sich "F-, ^ west- ^ !scr- wäh- chnci well- >ende ^faßd über- Ein- 'lima dächte ^ und, nille, - itro- man ^ insch- ,niffe ^ Bolivia bergen das bunteste Gemisch der tropischen Thierwelt; aus den Berghängen und Hochebenen ist die Zucht des Lama und Vicuna Hauptbeschäftigung der Bewohner. Den größten Rcich- thum des Staats bieten die Schätze der Bergwerke, besonders der zu P o to siss.d.). Außer dem Gewinn an Eisen, Steinsalz, Schwefel u. s. w. ist der jährliche Gesammtcrtrag des Goldes aufSVUO und der des Silbers auf30»»0» Mark anzuschlagen. Zu den Hauptbeschäftigungen des Acker- und Bergbaus gesellt sich der Handel zwar noch immer in untergeordneter Bedeutung, da der einzige Hafen des Landes, Puerto-Lamar im Flecken Cobija, erst im Z. 1629 eröffnet worden ist; doch hat derselbe seitdem die technische und geistige Cultur so günstig unterstützt, daß B. verspricht, bald an der Spitze der gebildeten Staaten Südamerikas zu stehen. Die Zahl der Bevölkerung wird auf I,80»0VV angegeben. Dem größer» Thcile nach besteht sic aus Indianern, die aber schon längst durch das Christcnthum civilisirt wurden; minder beträchtlich ist die Zahl der Hispano-Bolivier und klein die der Neger und Mulatten. Die Indianer sprechen zwei Sprachen, die zu den ausgebildctsten der neuen Welt gehören, die Eui- chua- und die Aymarasprache. Vielerlei Völkerschaften, von denen die Chiquitos, die Zamu- cos, die Chiriguanos, dic Guaycurcs und dieMoxos die bedeutendsten sind, wohnen im Osten des Landes und sehen die katholischen Missionen unter sich zu kleinen Städtchen cmporblühcn. Die Regierungsverfassung ist eine repräsentative, gebildet durch die drei Kammern der Tribunen, Senatoren und Ccnsoren und geleitet durch einen lebenslänglich gewählten Präsidenten, den ein von ihm erwählter Viccpräsident un- ein Ministerium des Innern, der Finanzen, des Kriegs und der Marine unterstützen. Die inner» und finanziellen Angelegenheiten find zwar noch nicht fest begründet; sie erscheinen jedoch ziemlich geordnet und viel versprechend. Der Regierungssitz ist zu Chuquisaca. In administrativer Hinsicht ist das Land in die Departements La-Paz, Potosi, Chuquisaca oder Charcas, Oruro, Cochabamba, Santa-Cru; und de la Sierra und die Provinz Tarija mit Lamar gethcilt. Der westliche Theil des jetzigen Freistaats B. machte einen Theil des alten Reichs der Inkas von Cuzco aus, die ihre Herrschaft immer weiter auszudehncn suchten. Doch schon 1538 wagten sich Spanier auf die Hochebenen B.s, und obschon sie anfangs kräftigen Widerstand fanden, siegten doch bald ihre Waffen, worauf B. später zu dem Vicckönigreiche Peru geschlagen wurde. Seit der Bildung des Vicekönigreichs La-Plata oder Buenos-Ayres im Z. 178» wurde es ein Theil desselben und erhielt den Namen Charcas; um diese Zeit hatte sich daselbst die india». Bevölkerung zum furchtbaren aber fruchtlosen Aufstande erhoben. Nach dem Ausbruche der südamerik. Revolution bildete sich schon 1899 in La-Pa; eine rcvolutionaire Junta; doch wurde 1818 das Gebiet von den Spaniern stark besetzt und erst durch das Treffen von Tamasla am l. Apr. 1825 von der Herrschaft derselben befreit. Eine im Juli 1825 zu Chuquisaca gehaltene Versammlung sprach am 6. Aug. die Unabhängigkeit des Landes aus. Es traten die vier Provinzen Charcas oder Potosi, La-Paz, Cochabamba und Santa-Cruz zu einer Rcpräsentalivrepublik unter Bolivar's Schutz zusammen, worauf am 4. Aug. der junge Freistaat den Namen B. annahm. Am 25. Aug. 182» nahm kin neuer Congrcß die von Bolivar entworfene Constitution, den „Locke Suliviuno", an. Hiernach ward der colombische General Sucre, der sich um die Befreiung Südamerikas besondere Verdienste erworben hatte, zum lebenslänglichen Präsidenten gewählt, nahm aber nur für zwei Jahre die Würde an. Die nicht sehr demokratische Verfassung erregte bald unter dem Volke großen Widerwillen und nach wiederholten Aufständen zu Ende des I. 1827 in La- Paz und im Apr. 1828 mußte General Sucre mit seinen colombischen Truppen B. verlassen. Ein am 3. Aug. 1828 zu Chuquisaca eröffnet» neuer Congreß veränderte wesentlich die Verfassung und wählte den Großmarschall Santa-Cruz zum Präsidenten, der aber vorerst die Wahl nicht annahm. Velasco, der inzwischen die Präsidentcnwürde usurpirt hatte, ward von dem im Dcc. desselben Jahres versammelten Kongresse abgcsctzt. An seine Stelle kam General Blanco, der jedoch schon in der Neujahrsnacht auf 1829 bei einem Aufstande ermordet wurde, worauf eine provisorische Regierung an die Spitze trat, die dem Großmarschall Santa-Cruz nochmals die Präsidentcnwürde übertrug, der nun auch im Mai >829 nach La-Paz kam und die Republik beruhigte. Er gab 1831 das neue Gesetzbuch „Lockig» 8iiuti,-OuL", ordnete die Finanzen und schloß einen Friedens- und Handelsvertrag mit Peru; cr stellte zur Beförderung der Landeskultur, des Gcwcrbfleißcs und der Wissenschaften den Bollmann 488 Bollandisten Einwanderern günstige Bedingungen und stiftete >836 einen Orden der Ehrenlegion. Während nichrer Jahre halte sich B. einer wesentlich ungestörten Ruhe und einer gedeihlichen Entwickelung erfreut, als Santa-Cruz, der schon lange eine Cvnföderation B.s und Perus im Sinne hatte, auf eine an ihn ergangene Einladung zur Schlichtung des Streits unter den Bewerbern um die peruanische Präsidenlenwürdc in den nördlichen Nachbarstaat einrücktc. Ein Treffen unweit Cuzco am 8. Aug. 1835 entschied zu Gunsten der Bolivier gegen ihren peruanischen Gegner General Gamarra. Bis zum Frühjahre >836 war die Eroberung Perus vollendet, worauf nun Santa-Cruz als Pacisicalor von Peru zum Oberhaupt von Süd- und Nordperu ausgerufcn wurde. Er gab hierauf den drei Staaten eine Verfassung, wonach jeder Staat seine innern Angelegenheiten selbständig besorgen, der gesammte Bundesstaat aber einer Ccntralregierung unterworfen sein sollte, die für zehn Jahre ihm selbst unter dem Namen eines Protcctors übertragen wurde. Allein diese Fortschritte des neuen Eroberers weckten die Eifersucht der Nachbarstaaten, namentlich Chiles. Schon >836 kam es zu Feindseligkeiten, die nach längerer Unterbrechung in den J. >837 und >838 sich erneuerten und nach abermaligem Waffenstillstände zu einer Entscheidung führten. Am 26. Jan. >839 ward Santa-Cruz in einer mörderischen Schlacht bei Dungay von den Chilesen und dem ihnen verbündeten General Gamarra geschlagen, worauf Letzterer zum Präsidenten von Peru ernannt wurde. Auch der in B. commandircnde General Velasco erklärte sich inzwischen gegen Santa-Cruz und die Conföderation und wurde nun von dem am >6. Juni >839 zu Chuquijäca versammelten Congrcffe als provisorischer Präsident bis zur verfassungsmäßigen definitiven Wahl bestätigt, worauf er sogleich mit Chile Frieden schloß. Unter diesen Umständen hatte sich Santa-Cruz schon am > 3. März >85!) nach Guayaquil in Ecuador cingeschifft. Allein bald schienen in B. seine Anhänger wieder das Übergewicht zu gewinnen und durch ein eigenes Decret des Congrcsses ward seine frühere Verwaltung als tadelfrei erklärt. Später wurde der Präsident Velasco in Cvchabamba von der Partei des Generals Santa-Cruz gefangen und dieser zum Präsidenten ausgerufcn, während gleichzeitig der General Ballivian darauf Anspruch machte. Da Santa-Cruz nicht alsbald nach B. zurückkehrte, so vereinigten sich seine Anhänger mit dem nun einstimmig als Präsidenten anerkannten Ballivian. Indessen suchte der Präsident von Peru, General Gamarra, von den Zerwürfnissen in B. Nutzen zu ziehen und die Provinz La-Pa; loszurcißen. Er rückte im Herbst >831 in B- ein, besetzte La-Paz und nahm fünf Meilen weiter bei Viacha Stellung. Allein am > 8. Nov. wurden die 5266 Peruaner von den 3800 Boliviern unter Ballivian auf der Pampa von Jngavi unweit Viacha angegriffen und völlig geschlagen. Gamarra selbst war auf dem Schlachtfelde gefallen. Nach diesem Siege rückte Ballivian in Peru ein, worauf am 7. Juni 1812 unter Vermittelung und Garantie Chiles zu Paseo ein Friede abgeschlossen wurde, nach dessen Bestimmungen Ballivian acht Tage nach der Unterzeichnung das peruanische Gebiet räumen und im Wesentlichen der «tut,,.» qu<> vor dem Beginn der Feindseligkeiten hergestellt werden sollte. Bollandisten, eine Gesellschaft Jesuiten in Antwerpen, welche die unter dem Namen tu 8unct<>r„iii (s. d.) bekannte Sammlung aller Nachrichten über die Heiligen der röm.-katholischen Kirche herausgegeben hat. Unter ihnen, die diesen Namen von Joh. Bolland, geb. zu Tirlemont >506, gest. >665, dem ersten Bearbeiter der von Heribert Rosweyd dazu angelegten Sammlung, erhielten, befanden sich viele ausgezeichnete Männer, von denen wir nur Gottfr. Hcnsschen, geb. 1666, gest. >681, Dan. Papcbrock, geb. >628, gest. >713, und Konstant. Suyskens, geb. >713, gest. >771, namhaft machen. Das Einrücken der franz. Armee in die Niederlande im I. 1793 hatte die Auflösung der Gesellschaft zur Folge. Bollmann (Erich Justus), ein durch Kenntnisse, Charakter, Unternehmungen und Schicksale ausgezeichneter Mann, wurde >769 zu Hoya im Hannöverische» geboren, studirte in Götlingen die Arzneiwissenschaft und ging dann nach dem südlichen Deutschland. Der Wunsch, sich in der BHclt umzusehcn, zog ihn >792 nach Paris, wo er als Arzt seine Laufbahn nicht ohne Glück begann. Obschon den gewaltsamen Regungen der Revolution abgeneigt, wurde er doch von den Verhältnissen in dieselbe verwickelt. Mit vieler Gefahr rettete er den von den Jakobinern geächteten Grafen Narbonne nach England. In London kam er namentlich in demKreiseangesehenerAusgewandertcnmitTalleyrand, Montmorency, Lally» Bollwerk Bologna 489 Tolendal und dcr Frau von Stacl in nähere Berührung. In eigenen Angelegenheiten ging er dann wieder nach Paris; doch kehrte er bald nach London zurück, wo er mit Eifer dem Studium der Staatswisscnschaftcn, der Handels- und Gewerbsvcrhältnisse, sewie der gesellschaftlichen Zustände überhaupt sich widmete. Er thcilte die allgemeine Theilnahme, welche La- fayettc's Gefangenschaft unter Engländern, Amerikanern und Franzosen erregte, und ließ sich daher leicht bestimmen, eine desfallsige Sendung nach Berlin zu übernehmen. Mit Wissen Pitt's und Grcnville's reiste er 1793 nach Nheinsberg, wo der Prinz Heinrich sich aufhielt, und dann nach Berlin; doch unverrichteter Sache mußte er nach London zurückkehren. Dairch die Schwierigkeiten nur noch mehr angefcuert, gab er indeß die Sache nicht verloren und reiste, mit Empfehlungen und Wechseln versehen, im Sommer 179-1 abermals nach dem Fcstlandc " ab. Als naturforschender Reisender gelang es ihm endlich, nach Olmütz zu kommen, wo er auch sehr bald Gelegenheit fand, sich mit Lafayette in Einverständnis; zu setzen, worauf er in Wien an einem jungen Amerikaner, Namens Hugcr, einen Mann kennen lernte, der mit Eifer in seine Plane einging. Mit ihm reiste er nach Olmütz, und nachdem sie auf alle Weise die . Aufmerksamkeit zu täuschen gewußt hatten, ward der 8. Nov. zur Ausführung des Plans bestimmt. Bei einer Spazierfahrt, die Lafayette, wie gewöhnlich, in Begleitung eines vstr. Offiziers am Nachmittage machte, wurde er gewaltsam in ziemlicher Entfernung von der Festung befreit, worauf er, da das eine der Pferde während des Attentats sich losgerissen hatte und davongelaufen war, auf dem andern allein die Flucht zu ergreifen sich bewegen ließ. In Hof wollte man sich wieder treffen. Doch nur Hugcr, dcr gleich nachher von B- sich trennte, entkam glücklich. Lafayette, der Wege wie der Sprache unkundig, wurde, nachdem sein Pferd gestürzt und er zu Fuß weiter zu kommen suchte, angehaltcn, erkannt und nach Olmütz zurückgebracht. B. hätte wol entkommen können, zumal da ihm sehr bald ein Bauer das entlaufene Pferd brachte und der Weg nach Danzig ihm offen stand; allein nur für Lafayette in Sorgen, von dessen Schicksal er keine Nachricht erhalten konnte, kehrte ec nach der mähr. Grenze zurück, durchstcich die Gegenden, wo er den vielleicht Her- umirrcnden zu treffen hoffte und siel auf diese Weise in die Hände seiner Verfolger. In Ketten wurde er nach Wien gebracht und in oinen dunkeln Kerker geworfen; doch die bcson- dcrn Umstände des romantischen Unternehmens und die hochherzige Gesinnung des jungen Mannes wurden überall mit Anthcil vernommen, Personen von Rang verwandten ihren Einfluß zu seinen Gunsten, die Nichterstrenge selbst fühlte sich erschüttert, und so geschah cS, daß er nur mit Verweisung aus den östr. Staaten bestraft wurde. Er kehrte zunächst nach > England zurück, doch sehr bald ging er, wie er schon früher beabsichtigt hatte, nach Amerika, wohin ihm zwei Brüder vorausgegangen waren. Hier, wo dcr Ruf seiner That ibm zahlreiche Freunde erworben, trat er in kurzer Zeit in ausgebreitete Geschäftsverhältnisse und gelangte zu Ansehen und Vermögen, geschätzt von seinen neuen Landsleuten, in deren Mitte er auch sein häusliches Glück fand. Mehren Entdeckungen, die er im Gebiete der praktischen ^ Physik und Chemie gemacht, eine größere Anwendung zu geben, ging er >81-1 nach Paris und von da in Geschäften zum Congresse nach Wien, wo namentlich der Graf von Stadion ! bei den damals so schwierigen Finanzoperationen sich seines Natbs bediente. Uber Paris i und London kehrte er nach Amerika zurück, um seine Familie nach England zu bringen, wo er seiner Geschäfte halber seinen Aufenthalt zu nehmen sich veranlaßt fand. Bis an sein Ende blieb er mit Frau von Stael in sehr befreundeten Verhältnissen. Er starb ;u Kingston in Jamaica am 19. Dcc 1821. Von seinen schriftstellerischen Arbeiten ist mit Ausnahme Dessen, was er über die engl. Geldverhältnisse in engl. Sprache geschrieben, wenig unter seinem Namen erschienen. Bollwerk, s. Bastion. Bologna, eine nördliche Delegation des Kirchenstaats, zwischen Ferrara, Ravenna, Toscana und Modena, 67 UlM. groß mit 366999 E-, ist eine völlige, von vielen Gewässern, die von dcn Apenninen herab dem Po zueilen und durch Kanäle miteinander verbunden sind, durchschnittene, überaus fruchtbare Ebene, in welcher »eben Getreide namentlich Reis, Flachs, Hanf und Seidenzucht trefflich gedeihen. Die Delegation ist die wohlhabendste und ihre Bewohner sind die wohlgenährtesten und bestgekleideten im ganzen Kirchenstaate. Sie wird von einem Cardinal-Legaten landeshoheitlich, von dem Erzbischöfe kirchlich, von dem alle 490 Bologna zwei Monate neu erwählten Gonfalonicre, dem 50 Senatoren und acht Älteste aus der Bürger- schaft zur Seite stehen, republikanisch regicrr. — Die Hauptstadt der Delegation ist B o l o gnr, eine der ältesten, größten und reichsten Städte in Italien, die zweite Stadt des Kirchenstaats, mit 72000 E. Sie liegt am Fuße der Apennincn, zwischen den Flüssen Reno und Savcna, ist schön gebaut und hat breite Straßen. Die Häuser, etwa 8000 an der Zahl, meist drei Stocken, bilden nach der Straße zu Säulengängc, welche dem Fußgänger im Sommer erwünschten Schutz gegen die Sonnenstrahlen gewähren. Sie ist der Sitz des Cardinal- Legaten, eines Erzbischofs und eines Appellationshofes. Unter den öffentlichen Plätzen tritt besonders der Liarra maggiore oder «lei Kiganto hervor, der mit einem künstlichen Springbrunnen geziert und von herrlichen Palästen umgeben ist, unter dem der Lalir-reo publico mit schönen Fresken obenan steht. Das äußere Ansehen heben die Kirchen, deren ste über 70 zählt und unter denen nächst der Domkirche S.-Pclronio, mit einem von Cassini auf einer Kupfer- platte des marmornen Fußbodens gezogenen Meridian, besonders zu erwähnen sind die prächtige Dominicanerkirche mit den Erabmälern des Taddeo Pepoli und des Königs Enzio, S.- Stcfano, S.-Sepolcro, S.-Salvatorc, S.-Martino, S.-Giovanni in Monte und S.-Gia- como, die alle noch im Besitz reicher Kunstschätze sind. Eine schönere Aussicht als von allen dm Kirchthürmcn hat man auf dem Thurme Asinelli, der viereckig und in gefälliger Form aus der Erde sich erhebt bis zu einer Höhe von 330 F. Ein zweiter höchst merkwürdiger Thurm ist der 130 F. hohe schiefe Thurm Garisende, der wie jener nach seinem Erbauer genannt, drohend aber sicher über den Häuptern der Vorübergehenden schwebt. Den ausgebreitetsten Nus verschaffte der Stadt, namentlich im Mittelalter, die Universität, die schon Theodosius der Jüngere im I. 325 gestiftet haben soll. Sie ließ in den Jahrhunderten der finstersten Barbarei die Fackel der Aufklärung leuchten. Berühmt war vor Allem ihre Nechtsschulc, die besonders durch Jrncrius, der um I > 30 starb, gehoben wurde. Sie zählte in frühem Jahrhunderten oft mehre tausend Studircndc, jetzt freilich, obschon noch eine der bessern Hochschulen Italiens, kaum300. Bonden deutschen Kaisern, namentlich von Friedrich!., wie von den ital. Fürsten reichlich ausgestattet und mit Privilegien versehen, war die Stadt auf sie so stolz, daß sic deren Wahlspruch „Ununuia «locet" auf ihre Münzen setzte. Ihre Bibliothek, bei welcher früher Mezzofanti angcstellt war, zählt gegen 150000 Bücher und 1000 Handschriften. Der Graf Lodov. Fern. Marsigliss.d.) stiftete hier 1690 das Istituto «lelle scienre, das 1713 eröffnet wurde, in Folge der Wirren am Ende des vorigen Ja.hrh. in gänzlichen Verfall gericth, von Pius VII!. aber im Mai 1829, wie es schon von Leo XII. beschlossen war, wiedcrhergestellt ward, worauf cs, wie schon früher von 1731—91, so wieder seit I8Z1 Schriften im Druck erscheinen ließ. Auch gab Marsigli die Mittel zur Anlegung einer Sternwarte, eines anatomischen Theaters, eines botanischen Gartens und mehrer wissenschaftlicher Sammlungen. Nächst der Universität bestehen in B. noch mehre andere Akademien, eine Ingenieur- und Artillerieschule, ein spanisches Collegium, eine medicinisch-chirurgische, eine philarmonische, eine Ackcrbaugesellschaft nnd seit 1816 eine Sokratische Gesellschaft zur Förderung gesellschaftlichen Glücks, die 1821 in den Verdacht des Carbonarismus gericth. Papst Clemens XIII. stiftete die ^ccaileinia «ivlle belle srti, auch ^ccuilemis Llementina genannt, die im Besitze der schönsten Werke der sogenannten bolognesischen Schule ist, die im 16. Jahrh. von den Carracci, Guido Reni, Domcnichino, Albano und andern Meistern begründet wurde, sowie auch der altbyzantinischen Schule, und mit einer Untcrrichtsanstalt in Verbindung steht. Nächst der eigenen Sammlung Clemens' XIII. vereinigt sie namentlich auch die Kunstschätze, die aus den Kirchen und Klöstern von B. durch die Franzosen nach Paris und Mailand gebracht, 1813 zurückgefodcrt wurden. Außerdem gibt cs noch mehre Kunstsammlungen, welche Bestanhtheilc reicher Fideikommisse sind; so die Galerie von Marescalchi, Martincngo, Ercolani, Zambcccari, Lambertini, Tanari, Caprara und des verstorbenen Prinzen Bacciocchi; auch das alpe ehrwürdige Gebäude, der Rathspalast, am Hanxt- plahe der Stadt, enthält treffliche Kunstschätze und nebenher eine reiche Sammlung eigenhändiger Manuscripte von Aldrovandi. Unter den drei Theatern ist das Theater Zaproni seiner Größe wegen bemerkenswerth, das schönste aber ist das neue Theater an der Promenade am Walle. In großem Rufe stehen die bolognesischen Maccaroni, Salami, Liqueure, eingemachten Früchte, künstlichen Blumen und wohlriechenden Seifen. Auch die in eigenen Bologneserstein BoluS 491 Dressirschulen abgerichtcten Bologneserhündchen genießen noch immer einiger Berühmtheit. Eine halbe Stunde von B. liegt auf einer Anhöhe der Apenninen das Nonnenkloster Madonna di San-Luca, ein berühmter Wallfahrtsort, zu welchem ein bedeckter Säulengang von 651 Bogen führt. Auf dem nahen Berge Paterno findet man den sogenannten Bolognescrstein (s. d.). Die Stadt soll lange vor Roms Begründung schon bestanden haben. Unter den Römern spielte sic eine sehr wichtige Rolle. Nachher kam sie zum Exarchat, spater wurde sie von den Langobarden genommen, die sie an die Franken abtraten, worauf Karl der Große sie zur freien Stadt machte. Ihren größten Aufschwung nahm sie im >2. Jahrh., sodaß sie selbst dem Kaiser trotzen konnte. Innere Parteiungen des Adels führten im l 3. Jahrh. den Sturz der Republik herbei. Um ihren Besitz stritten sich, während abwechselnd die Päpste sich in der Herrschaft über sie behaupteten, nacheinander die Familien Jremei und Lampertazi, Pepoli, Bentivoglio u. A., bis sie 1513 freiwillig dem Papste sich unterwarf und nun zur päpstlichen Delegation wurde, wobei sie jedoch noch immer viele Freiheiten behielt, die erst in Folge der franz. Occupation zum größten Theile verloren gingen. Nachdem die Stadt 1796 von den Franzosen genommen worden war, wurde sic nebst ihrem Gebiete zunächst ein Bestandthcil der Cisalpinischen Republik, später des Königreichs Italien, bis sie 1815 wieder an den Papst kam. Im I. 1821 war sie, als der Mittelpunkt des Vereinigten Italiens, der Hauptherd des republikanischen Aufstandes, der hier den -1. Fcbr. ausbrach und schnell sich bis nach Ancona verbreitete, worauf der Cardinal- Legat flüchten mußte und eine provisorische Regierung eingesetzt wurde. Zwar wa-.d derselbe in Folge des schnellen Einrückens der Östrcicher unter dem General Frimont sehr bald unterdrückt,und die päpstliche Regierung wieder eingesetzt; doch brachen die Unruhen schon am 2I.Dcc. >831 von neuem aus, sodaß die päpstliche Negierung nochmals gestürzt wurde. Allein auch diesmal stellten schon im Jan. 1832 die östr. Waffen die Ruhe und Ordnung wieder her. (S. Kirchenstaat.). Vgl. Savioli, „^nrisli ckelle cittä <1,8." (3 Bde., Bas- sano 1788—95) und Eatti, „6>iüla lielle j>iü rare cnse cki 8." (Bologna 1813). Bolognescrstein heißt eine aus Schwerspath und Thon bestehende Steinart, welche in der Gegend von Bologna gefunden wird. Cascarivlo, ein Schuhmacher zu Bologna, der sich mit Alchemie beschäftigte, entdeckte an ihr die Eigenschaft, daß sie im Dunkeln leuchte, wenn sie vorher der Sonne ausgesetzt werde. Vorzüglich stark leuchtet sie, wenn man sie zu Pulver gestoßen und mit Leinöl durchknctet, calcinirt hat. Bolton, gewöhnlich Bolton - lc- Moor, ein ehemaliger unbedeutender Marktflecken, jetzt eine Stadt von -1 > 200 E. in der engl. Grafschaft Lancaster nordwestlich von Manchester in einer sumpfigen Gegend. Ein Bach theilt die Stqdt in G reat-B. mit 28300 E. und Little-B. mit 12900 E. Sie ist schön gebaut, hat Markthalle, Theater u. s. w., ist durch einen Kanal mit Manchester und Buri verbunden und seit 1756 ein Hauptsitz der Baum wollenmanufactur, die jährlich allein gegen 6 Mill. Stück Musselin liefert. Hier erfand Thomas Highs, nach Andern Jak. Hargreaves, die Spinnmaschine (das spinnende Hann- chen, tüe spiiuiiiiA-jonnz'), welche Sir Rich. Arkwright sehr verbesserte und allgemein ein- führte, und ein Weber, Samuel Crompton, die Mulemaschine. Bolus nennt man eine ftine eisenoxydhaltige Thonart, welche sich weich und fettig anfühlt, etwas glänzend, aber durchsichtig ist, abfärbt, im Wasser mit Geräusch zerfällt, sich aber nur langsam erweicht, einen muscheligen matten Bruch und verschiedene Farbe hat, je nachdem die mancherlei Grade der Eisenoxydation cingcwirkt haben. Man hat weißen Bolus, der häufig in Deutschland, Böhmen, im Salzburgischen u. s. w. gefunden wird und zur Verkittung der Gefäße, als austrockncndes Mittel bei wunden Stellen der kleinen Kinder, zu blutstillenden Umschlägen, zu Formen und andern Zwecken dient; rothcn, der mit dem weißen gleiches Vaterland hat und eine oft vorkommende rothe Farbe gibt; gelb- röthlichcn oder armenischen, der in den besten Sorten aus Armenien, in geringern aus Frankreich, Ungarn u. s. w. kommt und zum Unterlegen unter die Vergoldung oder Versilberung hölzerner Kunstsachcn dient, und endlich gelben, der am besten von Berri in Frankreich bezogen, zu gleichem Zwecke gebraucht wird und sich durch Calcination in eine ' rothe Farbe verwandelt, die unter dem Namen Englischroth bekannt ist. Die sogcnann- 492 Bolzano Bombay ten Siegclerden, die sonst nicdicinischen Ruf hatten und aus denen man Pfeiftnköpfe schneidet, sind nichts Anderes als Bolus. Bolzano (Bcrnh.), ein Philosoph und katholischer Thcolog von cigenthümlichen Ansichten und Schicksalen, wurde zu Prag am 5. Oct. 1781 geboren. Die frühe Beschäftigung mit Mathematik, welche auf seine philosophische Methode wesentlichen Einfluß geübt hat, förderte auch seine geistige Bildung. Bereits 1805 ward er Doctor der Philosophie, Priester und Professor der Religionswissenschaft an der Universität zu Prag. In dieser Stellung sah er sich als hclldenkcndcr Mann gleich anfangs unter dem Vorwände, als läse er nach Schelling's Katechismus, bedroht, doch wurde er damals durch den Erzbischof von Salm geschützt und wirkte segensreich 15 Jahre hindurch bis in die Zeit der allgemeinen Rcactioii. Im Jan. 1820 ward er aber nicht nur seines Amts entsetzt, sondern auch in seiner schriftstellerischen Thätigkeit und im Verkehr mit Freunden und Schülern durch Policcimaßregel» aus vielfache Weise gehemmt. Seitdem lebte er auf dem Landgute einer bürgerlichen Familie, mit der Durchbildung seiner zahlreichen Schriften beschäftigt. Unter diesen sind außer den vor seiner Entsetzung erschienenen Abhandlungen über einzelne Theile der Mathematik namentlich hervorzuheben „Athanasia oder Gründe für die Unsterblichkeit der Seele" (2. Aust, Sulzb. 1850), ferner das von seinen Schülern herausgegcbcnc „Lehrbuch der Religionswissenschaft" (-> Bde., Sulzb. > 85-1), worin die Vcrnunstmäßigkeit und der sittliche Nutzen jedes Dogma erörtert werden, vor Allem aber seine neue Darstellung der Logik odcr„Wissen- schastslchre" (1 Bde., Sulzb. 1857). B. geht in dem letzter» Werke von dem Unterschiede zwischen Vorstellung an sich und Vorstellung als Seelenzustand aus; jene als die Vorbedingung und den möglichen Stoff dieser zunächst zu untersuchen und den objectivcn Zusammenhang, der unter den Vorstellungen oder Wahrheiten an sich bestehe, zu erforschen, sei das Wesen der Philosophie. Gegen die Einreden von Krug u. A. sind B-'s Ansichten von seinen Schülern verthcidigt worden. Vgl. „B. und seine Gegner; ein Beitrag zur neuesten Literaturgeschichte" (Sulzb. >850). Bombardement heißt eine der fünf verschiedenen Arten, eine feindliche Festung «II- zugrcifen und in seine Gewalt zu bringen. (S.Angriff.) Bombardier ist eine Charge bei der Artillerie, welche den Übergang vom Kanonier zum Unteroffizier bildet und die Pflanzschulc für die höhern Chargen abgibt. — Bvmbar- diercorps heißt in der östr. Armee eine besondere Abtheilung des Artillcriecorps, deren Garnison Wien ist. Bombast, so viel als Schwulst der Rede, bezeichnet denjenigen Misgriff im Stile, wo die Geistesarmuth und Bcschrä'nktheit des Sprechenden oder Schreibenden sich hinter einer Menge geschraubter Rcdeformen und hochtrabender Worte zu verstecken suchen. Bombay, eine der vier Präsidentschaften des britischen Ostindien an der Westküste Vorderindiens, umfaßt an unmittelbaren Besitzungen 2200 OM. mit 2^2 Mill. E. Sie liegt mit Unterbrechung einzelner Schutzgebiete im Bereiche der ebenen und zum Theil morastigen Umgebungen des Golfs von Cambay, des südwärts verlängerten schmalen niedrigen Küstenstrichs, des nördlichen Abschnitts des steil aufsteigenden Gebirgs derWcst-Ghats und der östlich anliegenden Plateaus von Darwar und Aurungabad und enthält im Norden die untern Laufe und versumpften Mündungen von Nerbudda und Tapti, in der Mitte das Qucllgebiet des Godavery und im Süden den ober» Lauf des Krischna oder Kistna. Die sieben Provinzen der Präsidentschaft bilden I) die Insel Bombay, 2) die Insel Salsctte, 5) das Gebiet von Viktoria, 4) bas brit. Guzurate und Ashmir, 5) Khandefch, o)Aurun- gabad (s. d.) und 7) Bejapur. Die hauptsächlichsten Naturerzeugnisse derselben sind Pfeffer, Kardamomen, Reis, Baumwolle, Arak, Bambus, Perlmutter, Perlen, Karneole, Sandelholz, Elfenbein, Gummi und Bauholz. Gouverneur ist seit 1812 der Oberst Arthur. Die Politik der Engländer bezweckt, von B. aus immer mehr befestigte Niederlassungen am Arabischen Meere, wie z.B. Aden (s. d.), zu gründen, um dort Seehafen mit kleinen Flotten zum Schuß der brit. Flagge wider die Seeräuber zu besitzen. — Die Insel Bombay besteht aus zwei parallel laufenden Lagern von Serpentinstein und ist durch einen schmalen Mccres- arm von dem festen Lande getrennt. Sie ist klein, etwa vier Meilen im Umfange, unfruchtbar und mit ungefähr 200000 E- bevölkert, die in zwei Städten und einigen Dörfern wohin g> »i al K S- dr s° h- sti l! W UI eil D s-l V be ur w ft be T ge ft m 8 ! ge al stl ft lu UI be st be T de zn de hi A in h- h< de ! gl l ft 3l Bombelles 493 um. Von einem auf Salsette herrschenden ind. Fürsten wurde die Insel 1530 den Portugiesen überlassen. Als Mitgabe Katharinas von Portugal kam dieselbe 1661 an Karl II. von England, worauf sie 1668 gegen einen jährlichen Erbzins der Ostindischen Compagnie abgetreten wurde. — Die Stadt Bombay, die Hauptstadt der Präsidentschaft und nächst Kanton und Kalkutta der erste Handelsplatz Indiens, in reizender Umgebung, aber ungesund gelegen, wurde erst von den Portugiesen erbaut und zählt gegenwärtig über 180000 E-, zu drei Viertheilen Hindus, außerdem Perser und Mohammedaner, die in einer Vorstadt, der sogenannten Schwarzen Stadt, wohnen, gegen 4000 Juden, viele Portugiesen u. s. w. Sie hat einen guten Hafen, schöne Docks und Werste; zu ihrer Sicherung nach derMecres- seitc dient eine Citadelle an der Südostspitze der Insel. Nachdem ein großer Theil der Stadt 1863 in Feuer aufgegangen, ist sie zum Theil sehr schön und geschmackvoll wieder aufgebaut worden. Der große Marktplatz, tüs 6reen genannt, ist mit mehren prachtvollen Gebäuden umgeben, unter denen sich die englische Kirche und der Palast des Gouverneurs, der früher ein Jesuitencollegium war, durch schöne Architektur auszeichnen. Auch unter den vielen Moscheen und Pagoden gibt es sehr schöne Gebäude. B. hat eine Universität, einen botanischen Garten, der reich an acclimatisirten Pflanzen der südlichen Zonen ist und auf dessen Verschönerung und Bereicherung die Regierung sehr viel verwendet, und mehre Schulen; auch bestehen daselbst eine Asiatische Gesellschaft, einelüterar^vncietx und seit 1835 eine lVledical :md >,ll)'sicsl sneiet^, die ihre Berichte im Druck erscheinen lassen; eine Mjssionsgesellschaft, welche seit 1814 eine Buchdruckerei und Schulen für Knaben und Mädchen angelegt hat, sowie mehre Hospitäler nicht nur für Menschen sondern auch für Thiere. Die Fabriken beschäftigen sich besonders mit Bereitung von Baumwolle, Taback, Zucker, Indigo und Leder. Der Handel, mit dem sich vorzugsweise die Perser beschäftigen, ist sehr ausgebreitet; Hauptgeschäfte werden namentlich in Pfeffer gemacht. Die Bazars bieten nicht nur die mannich- faltigsten Erzeugnisse des Orients sondern auch alle europ. Maaren. Bombelles (Ludw. Phil., Graf von), östr. außerordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister bei der schweiz. Eidgenossenschaft in Bern, geb. am 1. Juli 1780 zu Negensburg, wo sein Vater Marc Marie, MarquisvonB., geb. 1744, franz. Abgesandter beim Reichstage war. Seine Mutter, eine geborene Baronin von Medon, stand als zweite Gouvernante der Kinder Ludwig's X Vl. in vertrauter Freundschaft mit der Schwester des Königs, der tugendhaften Elisabeth. Als die Revolution ausbrach, war sein Vater franz. Gesandter bei der Republik Venedig und wurde, als er den von der Nationalversammlung vorgcschriebenen Eid verweigerte, auf die Emigrantcnlistc gesetzt. Derselbe diente hierauf unter dem Corps des Prinzen Conde, ward nach dessen Auflösung Domherr in Breslau, bei der Rückkehr der Bourbons aber erster Almosenier der Herzogin von Bern, 1818 Bischof von Amiens und starb 1821. Der Sohn erbte die Gesinnung seiner ganz den Bourbons und dem alten Hofe ergebenen Familie. Seine erste Erziehung erhielt er als östr. Cadct; später kam er nach Neapel, wo die Königin Karoline, die schon seinem Vater eine Pension von > 600 Ducati verschafft hatte, ihm eine Lieutenantsstelle bei der Cavalerie auswirkte. Die Staatsumwälzungen in Neapel trieben auch ihn wieder nach Wie», wo er zunächst bei der geheimen Staatskanzlci angesiellt und dann der östr. Gesandtschaft in Berlin, an deren Spitze damals der jetzige Staatskanzler, Fürst Metternich, stand, bcigegeben wurde. Später zum Gesandtschastsrath und Geschäftsträger am Hofe zu Berlin ernannt, folgte er 1813 dem Könige nach Breslau, demnächst dem Fürsten von Hardenberg an den Rhein und erhielt hierauf eine Sendung nach Kopenhagen, um den König von Dänemark einzuladen, seine Allianz mit Napoleon aufzugeben. Im I. 1814 war er beim Einrücken der Verbündeten i» Paris gegenwärtig, dann wurde er von neuem nach Dänemark gesendet, um dort die Verhandlungen mit-Schwedcn zu leiten, woraus seine Ernennung zum östr. Gesandten in Kopenhagen erfolgte. In Kopenhagen vermählte er sich 18 l 6 mit Jda Brun, einer Tochter des dän. Conferenzraths Brun und der bekannten Schriftstellerin Friederike Brun (s. d.) und gleich daraus kam er als Gesandter an den sächs. Hof nach Dresden. Hier wurde sein Haus sehr bald der Mittelpunkt musikalischer und dramariscber Unterhaltungen der vornehmen Welt, wozu seine Gemahlin sehr viel beitrug, während er selbst durch sein Talent fürs franz. Schauspiel, aus einem von ihm belebten Gcsellschaftstheater, der Schaulust einen seltenen 494 Bomben Genuß gewährte. Im I. 1819 begleitete er den Kaiser von Ostreich auf dessen Reise nach Siebenbürgen und Galizien und hatte während derselben statt desStaatskanzlers das Portefeuille zu führen. Als Gesandter beim Congresse zu Karlsbad brachte ihn die strenge Erfüllung der ihm nach dem Wartburgfeste von Wien gegebenen Jnstcuttioncn in dem Verdacht, die scharfe Grenzlinie zwischen Politik und Police! nicht immer fest genug im Auge behalten zu haben, wicwol argwöhnisches Aufhorchcn mit seiner fröhlichen Gemüthsart wenig vereinbar schien. Von Dresden in gleicher Eigenschaft an den Hof zu Neapel verseht, verhinderte ihn die dort ausgebrochene Revolution seinen Posten anzutreten. Hierauf wurde er Gesandter an den Höfen zu Florenz, Modena und Lucca, 1829 bei der Königin Donna Maria da Gloria in London, 1834 am Hofe zu Turin und >837 in Bern. Er besitzt neben trefflichen diplomatischen Kenntnissen zugleich alle Anmuth echt franz. Geselligkeit. — Sein jüngerer Bruder, Karl Renatus, G raf von B., geb. 1785, ist östr. Kämmerer, Geh. Rath und Obersthofmeister der Herzogin von Parma; der jüngste Bruder, Heinrich Franz, GrafvonB., geb. 1789, ebenfalls östr. Kämmerer und Geh. Rath und Gouverneur der Söhne des Erzherzog-Thronfolgers Franz Karl. Bomben sind gegossene eiserne Hohlkugeln und unterscheiden sich von den Granate n (s. d.) durch nichts als den Namen. In einigen Artillerien werden sie nach dem Stein- gewicht, in andern nach ihrem Durchmesser in Zollen benannt. Die siebenpsündige, d. h. eine solche, welche, wenn sie eine massive steinerne Kugel wäre, 7 Ps. wiegen würde, ist die kleinste übliche Bombe und kommt in der Größe mit der 5'/- zölligen oder mit einer ^pfundigen eisernen Kugel überein; die zchnpfündige correspondirt mit der sechszolligen, die 25 pfündige mit der achtzolligen u. s. w. Die Maximalgröße der Bomben hat keine bestimmte Grenze, da es schon Bomben von wahrhaft monströser Größe gegeben hat. Die russ. Bomben werden nach Puden benannt; die viertelpudige kommt mit der siebenpsündigen, die halb- pudige mit der zehnpfündigen überein. Früher goß man die Bomben concentrisch, d. h. der Kreis der innern Höhlung hatte mit dem der äußern Gestalt einerlei Mittelpunkt; jetzt werden sie in fast allen Artillerien excentrisch gegossen, wobei der innere Kreis gegen den äußern so verschoben ist, daß die untere Eisendicke um Vieles stärker ausfällt als die obere, und wodurch man die Schwerachse in seine Gewalt bekommt, um darnach den Flug und die Rotation zu reguliren. Zuweilen befindet sich das Mundloch, d. h. die Öffnung, worin der Zünder eingctrieben wird, an der dünnsten Stelle der Bombe, zuweilen aber auch an einer Stelle, welche genau zwischen der dünnsten und dicksten mitten inncsteht. Lange Zeit hat man geglaubt, daß es vorthcilhaft wäre, den hintern der Ladung zugekehrtcn Theil der Bomben durch ein Segment (c»lnt) zu verstärken, um dem Stoße der Pulverladung mehr Widerstand leisten zu können, doch ist man jetzt ganz davon abgegangen. Übrigens gibt es zwei Arten Bomben. Die gewöhnlichen heißen Sprcngbomben; sie sind blos mit Pulver gefüllt, welches die Sprengladung heißt und den Zweck hat, die Bombe nach dem Niedersailen in mehre Stücke zu zersprengen und dadurch eine doppelte Wirkung zu äußern. Die zweite Art heißen Brandbomben, welche stets concentrisch gegossen werden, inwendig mit Brandsatz gefüllt sind und neben dem Mundloch noch 3—5 Seitenlöcher (Brandlöcher) haben, aus denen die Flamme des entzündeten Brandsatzes heftig «usströmt und alle erreichbaren brennbaren Gegenstände in Brand steckt, weshalb man sich dieser Gattung von Bomben-vorzugsweise zu Brandstiftungen bedient. Damit aber der Feind vom Löschen abgehalten werde, befindet sich im Innern eine besondere Sprengladung, welche ein Mordschlag heißt und sich erst später entzündet, worauf die Brandbombe, wie jede andere, in Stücke zerspringt. Im Gebrauch unterscheiden sich die Bomben von den Granaten dadurch, daß sie mit höherer Elevation, zuweilen mit 61» Grad, geworfen werden, um desto tiefer hcrabzu- sallen und durch das Gewicht ihres Falls feindliche Gebäude, Magazine, Blockhäuser u. s. w. zu zerschmettern und einzuäschern. Jede Bombe ist mit einem hölzernen Zünder versehen, dessen innere Röhre, die Bohrung, mit einem Brennsatze vollgeschlagen und so lang gemacht wird, daß der Zünder in dem Augenblicke ausbrennt und die Sprengladung entzündet, wenn die Bombe zur Erde niederfällt. (S. Tempiren.) Endlich hat man auch noch sogenannte Rollbomben, welchen man auf hölzernen Rinnen zur Verkheidigung der Bresche von der Höhe des Walls aus die Stürmenden Herabrollen läßt, nachdem vorher der Zünder ange- Bombenkanonen Bommel 495 zündet worden ist. Die Kunst, Bomben zu werfen, machte ehemals einen Hauptthcil de» Konstablerwesens aus, den nur die Eingeweihten verstanden; gegenwärtig gehört sie zu den gewöhnlichen Dienstvcrrichtuugcn eines jeden Artilleristen. Bombeilkanonen sind große unförmliche Geschütze, welche in neuester Zeit viel Aufsehen erregt haben, besonders nachdem der franz. General Paixhans ihnen eine eigcnthüm- liche Construction gegeben hat. Es sind nichts weiter als lange Haubitzen von schwerem Kaliber, die kleinsten von acht Zoll, die größten, in den Dardanellen, von 26 Zoll Mündungs- durchmesscr. Sic werden 8— in Kaliber lang gemacht, sind also kürzer als gewöhnliche Kanonen und länger als gcwöhnlicheHaubitzcn. Den Namen Bombenkanonen führen sie ganz uneigentlich, da sic nur mit geringer Elevation, höchstens bis zu 10 Grad, schießen, also weit eher Granatkanonen, wie bei den Norwegern, heißen müßten. Der Hintere Theil ihrer Seele endet in einer Kammer von conischer Gestalt. Sie erhalten sehr starke Ladungen, die großen türkische» sogar mehr als einen Centner Pulver, wodurch ihre Geschosse eine außerordentliche Treibkraft bekommen und Schußweiten von mehren tausend Schritten erreichen, weshalb diese Geschütze sich zum Bombardement starker Plätze von der Sec aus, wie vor Beirut und Acre, vorzüglich eignen. Überhaupt hat sich bis jetzt die Anwendung der Bombenkanone» nur auf den Dienst der Seeartillerie beschränkt; man geht aber damit uni, sie auch für die Küstenvertheidigung emzurichten. Die größte Schwierigkeit besteht jedoch in der zweckmäßigen Construction eines entsprechenden Schießgerüstes (Lastete), worin auch der Grund liegt, daß ihre Anwendung im Landkriege bisher noch zweifelhaft erscheint. Ihren Schicßgcrüsten Räder zu geben, hat man bisher noch nicht gewagt, weil man fürchtet, daß der Rücklauf alsdann zu groß ausfallen würde; man hat sie daher auf eine Art Mörserlaffete (Schlitten oder Klotz) gelegt, welche mit ihrer Unterfläche auf dem Schiffsverdeck ruht, wodurch beim Ab- seucrn eine starke Reibung entsteht, die den großen Rücklauf etwas ermäßigt. Die Besuche mit Bombeilkanonen werden in fast allen größcrn Artillerien eifrig fortgesetzt, daher ist auch diese Angelegenheit noch mcht als erledigt anzusehen. Unförmlichkeit der Maschine, Schwierigkeit der Handhabung und große Kostbarkeit der Munition werden der erweiterten Anwendung dieser monströsen Geschütze beständig in den Weg treten und sie auf größere Zwcckserrcichungen beschränken. Bommel (Cornelius Rich. Ant. von), Bischof von Lüttich, geb. am 5. Apr. 1790 aus einer begüterten und angesehenen katholischen Familie in Leyden, genoß eine sehr sorgfältige Erziehung. Er widmete sich dem geistlichen Stande, und mit vielen Kenntnissen auS- gestattet, beauftragten ihn schon sehr frühzeitig seine geistlichen Vorgesetzten mit der Leitung einer der vom Klerus der Niederlande zum Zwecke einer katholischen Erziehung errichteten Bildungsanstalten; dann wurde er Präsident des Seminariums von Haegeveld bei Leyden, und als dieses 1815 geschloffen werden mußte, zog er sich in das Privatleben zurück. An den hierauf über die Freiheit des Unterrichts erhobenen Verhandlungen soll er durch Herausgabe mehrer anonymer Flugschriften Antheil genommen haben; doch blieb er fortwährend in gutem Vernehmen mit der Regierung, die ihm 1829 den Bischofssitz von Lüttich übertrug, zu einer Zeit, wo schon die Richtung der unirtcn katholischen und liberalen Opposition einen baldigen entscheidenden Kampf ankündigtc. In dieser Lage, zwischen dem Vertrauen des Königs und den ihm befreundeten Interessen der ultramontanen Partei, suchte er mit der ihm eigenen Gewandtheit eine vermittelnde Stellung zu behaupten. Nach dem Ausbruche der Revolution in Belgien, soll ihm König Wilhelm die Verlegung seines Bisthums nach Mastricht vorgeschlagen haben; doch B. entschied sich für die Sache Belgiens, wo er die einflußreichste Stellung in der katholischen Partei behauptet. Er beschäftigte sich eifrig mit der Organisation der geistlichen Angelegenheiten seiner Diöcese, wendete besondere Sorgfalt auf Verbesserung des Unterrichts, zumal der Elementar- und Mittlern Schulen, und nahm thä- tigen Antheil an der Gründung der katholischen Universität. Von vielen Seiten einer sehr direkten Einwirkung auf den Erzbischof von Köln Droste von Vischering beschuldigt, erklärte er nicht nur in einem Briefe an den Minister de Theux, sich nie in direkten oder indirecten Verbindungen mit demselben befunden zu haben, sondern federte auch in einem Circular seine Geistlichen aus, sich jeder Einmischung in die kirchlichen Angelegenheiten ihrer Nach- 496 Bommelberg Vonald bar» zu enthalten. Dagegen ist er der hauptsächlichste Gegner der Freimaurer und wird des- halb auch von der liberalen Partei als ihr Hauptgegner betrachtet. Bömmelberg oder Bömmelburg, s. Boyneburg. Bona, östlich von Algier an der Küste des Mittelländischen Meers in einer schönen aber ungesunden Gegend gelegen und von den Arabern Anaba genannt, ist der Sitz eines und zwar des östlichsten der vier Militairgouvernemcnts, in welche die franz. Besitzungen in Nordafrika eingetheilt sind. Obgleich B. nur eine schlechte Rhede hat, so wird es doch zur Zeit der Korallenfischer«, die vorzüglich in den benachbarten Küstenorten Stora und Lacalle stark betrieben wird, vielfach von Schiffen besucht. Die Stadt zählt jetzt ungefähr 5000 E., wovon zwei Dritthcile Europäer sind. Sie zerfällt in die obere amphitheatralisch sich erhebende und in die untere Stadt, welche letztere schon ein ziemlich europäisches Ansehen hat. Auf einem isolirten Hügel liegt die Citadellc oder Kasbah, deren Einnahme durch die Franzosen im I. 1832 mit zu den interessantesten Kricgsereigniffen in der Occupation Algiers gehört. Sie flog 1837 durch die Entzündung eines in ihr befindliche» Pulvermagazins in die Luft, ist aber seitdem wiederhergestcllt worden. Eine Viertelstunde südwestlich von B. liegen die hauptsächlich in großartigen Cisternenbauten bestehenden Ruinen von Hipporegius, ocm Licblingsaufenthalte der numidischen Könige und dem Bischofssitze des heil. Augustinus. Diese Stadt, deren Hafen Aphrodisium, das heutige B-, war, bildete in den ersten Jahrhunderten n. Ehr. einen Mittelpunkt des Handels und der Civilisakion in Nordafrika, wo Kunst! und Wissenschaften wie in Italien selbst blühten, insbesondere berühmt durch seine öffentlichen Schulen und schönen Theater, Wasserleitungen, Paläste und Tempel, die später in Klöster und Kirchen sich umwandelten. Dons Des,, d. h. die gute Göttin, ein geheimnißvolles Wesen bei den Römern, war die Gattin oder Tochter des Faunus. Sie wurde nur von den Frauen verehrt; ja die Männer sollten nicht einmal ihren Namen wissen. Ihr Heiligthum war eine Grotte auf dem Aven- tinus; ihr Fest, welches aus den I. Mai fiel, wurde aber nicht hier, sondern im Hause des Konsuls begangen, der gerade die Fasccs hatte, und zwar in einem ahgesonderten Zimmer. Auch hier durfte kein Mann anwesend sein, ja es wurden sogar die männlichen Bilder, die im Hause waren, verhüllt. Der Wein bei diesem Feste hieß Milch, und das Gefäß, in dem er sich befand, Mellarium. Nach dem Opfer wurden bacchantische Tänze aufgeführt. Ein Symbol der Göttin war die Schlange, was auf sie als Hcilgöttin hinwcist. Auch wurden in ihrem Heiligthum Kräuter verkauft. Bonald (Louis Gabriel Ambroise, Vicomte de), Pair von Frankreich, bekannt als Publicist, war zu Monna in der Nähe von Milhaud 1760 geboren. Nachdem er beim Beginn der Revolution den liberalen Ideen kurze Zeit gehuldigt hatte, warf er sich in einem Cir- cular, das er 1791 in seiner Eigenschaft als Präsident der Administration seines Departements erließ, mit einem Male zum Vertheidigcr der alten Monarchie auf. Da ihn dieser Schritt zu cmigriren nöthigte, trat er in das Emigrantencorps und wendete sich nach der Auflösung desselben nach Heidelberg, wo er nun mit der Feder für die Sache, der er sich gewidmet hatte, kämpfte. Das erste größere Werk, mit dem er hervortrat, war seine „Illieono ,1» pniivoir pnliticpie et relitzsteux" (3 Bde., 1796), die vom Direktorium confiscirt ward. Der Charakter dieser und seiner spätern politischen Schriften ist dunkle metaphysische Abstraktion, die den Franzosen am allerwenigsten zusagt. Nach Frankreich zurückgekehrt, wußte er sich die Gunst der Familie Bonaparte zu erwerben und ward 1808 im Ministerium des Unterrichts angestellt. Ludwig Bonaparte wollte ihm die Erziehung seines Sohns, des damaligen Kronprinzen von Holland, anvertrauen, aber B. lehnte den Antrag ab. Fortwährend blieb er den legitimistischcn Grundsätzen getreu und nahm mit Chateaubriand eifrigen Antheil an dem royalistischen „lUeroire 751 «0N Aus> 8am Krice miesi in Ce >7U Äse! unter ' ter be Earle Ajac, Ehef lern eioc 75K, 4.; Par. 1809; herausgegeben vom Exkönig von Holland, LudwigB-, Flor. 1830); wn Niccolo B. kennt man „Ra veciova, commedia Iscetissims" (Flor. 1592; neue Außg., Par. 1303). Übrigens bemerkt Eiacomo B. in der obenerwähnten Schrift, daß seine Familie in der Republik San-Miniato im Toscanischen hohe Ämter bekleidet und sich im Kriege mehrfach ausgezeichnet habe. Ein Zweig derselben befand sich zu Sarzana im Ge- Mcsischen und siedelte sich 1612 durch Ludovico Maria Fortunata B. zu Ajaccio inCorsica an. Von Letzterm stammte Napoleon's Vater, Carlo B-, geb. am 29. März Nt8. Er focht mit P äo li (s. d.) für die Unabhängigkeit Corsicas und verließ mit ihm d ic Äscl, kehrte aber in der Folge auf Ludwig's XV. Einladung dahin zurück und war 177 6 «Mer den Adeligen, die diese Insel als Deputirte an den König von Frankreich schickte. Spa- begab er sich seiner Gesundheit wegen nach Montpellier, wo er am 24. Febr. >783 starb. Earl» B. hatte 1766 die schöne Maria L ä t i t i a geheirathet, geb. am 24. Aug. 1750 zu Rmio, aus dem ital., von den Grafen Colalto sich herleitenden Hause Ramolini. Aus dieser Ehestammten die acht Geschwister Giuseppe (s. Joseph Bon aparte), Napolione (s. Napo- üo»), Luciano (s. Lucian Bonaparte), Maria Anna, später Elise genannt (s. Bac- "°cchi), Luigi (s. Ludwig Bonaparte), Carletta, nachher Marie Pauline genannt ss Borghese), Annunziata, später Karoline genannt (s. Murat) und Girolamo (s.Hiero- Hmus Bon aparte). Nach dem Tode ihres Gemahls fand die junge vermögenslose Witwe mächtige Beschützer. Ihre Bekanntschaft mit dem Grafen von Marboeuf gründete Pas Mck der Familie. Die Corsen behaupteten, sämmtlich Edelleute zu sein, und weigerten sich, Steuern zu zahlen. Ludwig XV. befahl daher dem Gouverneur, 400 Familien aufzuzeichnen, allein als adelig betrachtet werden sollten, und in diese Liste setzte Marboeuf auch die Fa- Elie B. Als die Engländer 1793 Corsica eroberten, flüchtete Lätitia mit ihren Töchtern C«nv.-Lex. Neunte Anfl. II. 32 498 Bonaparte (Joseph) noch Marseille. Bald nach dem Sturze des Direktoriums im I. 1799 kam sie nachParis; allein erst nach ihres Sohns Napoleon Erhebung zur Kaiscrwürdc huldigte man der Kaiserin Mutter (iUsllumomLre), die dem Tone und der Sprache nach halb Italienerin, halb Französin war. Sie erhielt einen eigenen Hofstaat und ward Eencral-Superiorin der Barmherzigen Schwestern und der Hospitaliterinnen des franz. Reichs. Die Größe, die sie umgab, verblendete sie nicht, und sie stand deshalb bei den Franzosen in hoher Achtung. Nach dem Sturze ihres Sohns lebte sie seit 1314 zu Nom, im Sommer zu Albano, im Umgänge mit ihrem Stiefbruder, dem Cardinal Fesch (s. d.), der auch in ihren letzten Tagen ihr Bett nicht verließ. Die jüngern Glieder ihrer Familie sah sie nicht häufig bei sich. Während mchrec Jahre war sie blind und in Folge eines Hüftcnbruchs bettlägerig, ertrug aber mit Ergebung und Standhaftigkeit ihr Geschick. Sie starb zu Nom am 2. Febr. 1836. Während der Vater weder den Glanz noch den jähen Fall seines Hauses erleben sollte, war es dieser Mutter der Napoleoniden bcschiedcn, Alles zu ertragen, was das mütterliche Her; am tiefsten empfinden mag, den vollen tragischcnWechsel des Schicksals und eine schmerzlich reiche Ernte des Todes unter den Gliedern ihrer Familie. Bonden Gliedern des Stamms der Napoleoniden gehörten zur eigentlichen kaiserlichen Familie, für welche die Abstimmung der franz. Nation die Frage der Erblichkeit des ncugegründeten Kaiserreichs mit großer Mehrheit bejahend beantwortet hatte, nur die drei Brüder Napoleon, Joseph und Ludwig mit ihren Nachkommen. Die anschwcllenden Wogen der Revolution halten nach wenigen Jahrzehndcn diese Familie auf eine Höhe erhoben, auf der sie die Weltgeschichte für immer in ihre Jahrbücher eingetragen hat; aber plötzlicher noch hat der Völkersturm diesen Stamm aus dem Boden gerissen, aus dem er die Kraft zu schnellem Wachsthumc zog, und die einzelnen Zweige dahin und dorthin zerstreut.- Noch immer knüpfen sich indessen an ihren Namen mancheJntcrcssen, Wünsche und Hoffnungen, wie davon selbst der Beschluß des pariser Friedens ein Zeugnis gibt, der alle Glieder der Familie vom franz. Boden verweist und, obgleich in einzelnen Ausnahmen gemildert, selbst jetzt noch in Kraft besteht, während die Asche Napolcon's in der Hauptstadt Frankreichs ruht. Bonaparte (Joseph), Graf von Survilliers, Exkönig von Spanien, der älteste Bruder Napolcon's, geb. zu Ajaccio am 7. Jan. 1767, nach dem imperial" aber am 5. Febr. 1768, studirte in Pisa und begann die juristische Laufbahn als Gehülst eines Rechtsgelehrten. Die Natur hatte ihm Fähigkeiten, Verstand und ein einnehmendes Äußere verliehen; er sah seinem Bruder Napoleon sehr ähnlich, doch hatte sein Gesicht einen freundlichem Ausdruck. Im I. 1793 flüchtete er nach Marseille; aus seines Bruders Empfehlung ward er 1796 Kriegßcommiffar, dann Bataillonschef der Vnlontimes Nkwionaux und Chef der Administration bei der ital. Armee. Nach dem 18. Fructidor lrat er als corsischer Abgeordneter in den Gesetzgebenden Rath und 1797 ging er als Gesandter der Republik nach Nom, das er nach des Generals Duphot Ermordung verließ, worauf dai Directorium den Kirchenstaat zu besehen befahl. Auf seinem Gcsandtschaftsposten in Nom hatte er Fähigkeiten entwickelt, sodaß man ihn für höhere Staatsgeschäfte geeignet hielt. Im Rathe der Fünfhundert sprach er wenig, doch wählte man ihn am 21. Juni 1799 zum Se- crctair. Nach dem 18. Brumairc ernannte ihn sein Bruder zur» Staatsrathe und Tribim. . Der verschlossene Joseph zeigte auch in dieser Stellung Talent genug, um sich geltend ui machen, daher wählte ihn Napoleon im 1.1860 zu seinem Bevollmächtigten für den Abschluß eines Freundschafts- und Handelsvertrags mit de» Vereinigten Staate» von Nordamerika und gleich darauf zum bevollmächtigten Minister beim Friedenscongresse zu Linie- villc. Als solcher Unterzeichnete er daselbst den Frieden am 9. Febr. >8»1 und 1862 den mit England zu Amiens. Auch leitete ec nebst Cretet und Bcrnicr die Unterhandlungen mit dem Cardinal Consalvi, dem ErzbischofSpina und dem Pater Casclli wegen des nachher am 15. Juli 1801 abgeschlossenen Concordats. Als Napoleon Kaiser der Franzosen geworden, ward Joseph zum Senator und Inhaber der Scnakorie Brüssel, dann zum Großoffizier und Mitglied des Raths der Ehrenlegion und der eisernen Krone, endlich zum stanz. Prinzen und Großwahlhcrrn von Frankreich erhoben. Der Kaiser schien ihm unter isine» Geschwistern das meiste Vertrauen zu schenken, obgleich Lucian seinem Ehrgeize wesentliche» Dienste geleistet hatte. Übrigens war Joseph bei einem echt ital. Charakter mild und fürsich s-l des Ta «m fiu 15 kaij I" MI Er auf jüg cim schä Coi Re, Me thei woc Ab, die« als! seiin Nac sitze groß Cap leon aber kabi, leon Anu das schlu reich traf Im: ftüh jersei Wisi seine, Sep, dem. nach Rap, raun »och ,K»i Mar Serin »iedi Läli ris; erin i°si» ige„ vcr- lurze >nm vcr- chm üttiz der eitler > cm- ede§ üben ation d be- men. »iilic ingi- nge- >ahin essen, izniß Aus- ri der iltcße hülfe eiides fl-sicht seines tieiics r Mt mdter ifdai 3!m j r Zm ! , Ze< ribuL end ui »Ab- Md- Lu»e- >2 de» llNgi» achh-r cn ge- Graß- fta»; leinen lecke« lürH Vottaparte (Joseph) -199 selbst keiner durchgreifenden Maßregel fähig, obgleich er als Stellvertreter des Kaisers in dessen Abwesenheit der Negierung Vorstand; am wenigsten war er ein guter Soldat oder Taktiker. Dennoch gab ihm Napoleon den Oberbefehl über die Armee von Neapel und be stimmte ihn, als die bourbonische Dynastie daselbst durch Proklamation vom 2Dec. 1 80., für unwürdig zu regieren erklärt war, zum Beherrscher beider Sicilicn. Joseph hielt am >5. Febr. > 806 seinen Einzug in Neapel und am 30. März desselben Jahres erschien das kaiserliche Decret, das ihn zum Könige ernannte und die Verfassung des Reichs bestimmte. Zn seiner Verwaltung befolgte er ganz die Vorschriften Napoleon's, und obgleich er selbst wenig Thätigkeit bewies, hatte doch Neapel seiner Regierung nicht wenig zu verdanken. Er nahm die franz. Einrichtungen zum Muster, hob die Lehnsverfassung und Fideicommisse auf, trennte die Justiz von der Verwaltung, zog Klöster ein, stiftete Schulen u. s. w. Vorzüglich verbesserte sein Finanzminister Graf Rüderer das Finanzwesen durch Einführung cines neuen und allgemeinen Steuersystems. Im Ganzen überließ aber Joseph die Geschäftsführung dem geschmeidigen und feinen Salicetti, dessen ganzes Talent darin bestand, Cvmxlotte zu erfinden und die Schlachtopfer zu mehren. Neben trefflichen Anstalten für die Rechtspflege bestanden nämlich Kriegsgerichte und außerordentliche Commisstonen, die eine Menge Angeklagter, ohne Beobachtung der strcngcrn rechtlichen Formen, zum Tode verurteilten. Bevor indeß der neue Staat geordnet war, wurdeJoseph durch Napoleon's Macht- woct, am 6. Juni 1808, auf den noch wankendem Thron Spaniens versetzt; doch vor seiner Abreise von Neapel, am 23. Juni, machte er noch, ehe Joachim Murat an seine Stelle trat, die eiligst entworfene Constitution des Reichs bekannt. Hierauf reiste er nach Bayonne, und alsdaselbst Spaniens neue Constitution von der Junta beschworen war, hielt er am 20. Juli seinen Einrug in Madrid, gelangte aber nie zum ruhigen Besitze des Throns. (S. Spanie n.) Nach der Niederlage bei Vittocia am 21. Juni > 8 l 3 lebte er in Frankreich auf seinem Landsitze Marfontaine. Im I. 1S<4 befehligte er die Nationalgarde von Paris, zeigte aber dabei große Unentschlossenheit, gab endlich seine Einwilligung zu der von Marmont abgeschlossenen Kapitulation und folgte der Kaiserin nach Blois. Mit einem ihm zugestcherten Einkommen von 500000 Francs zog er sich nach Napo- leon's Absetzung in das Waadtland zurück, wo er das Landgut Prangin kaufte, erschien aber wieder 1815 bei des Kaisers Rückkehr von Elba in Paris als franz. Prinz, Conne- table und Pair des Reichs. Nach der Schlacht von Waterloo folgte er seinem Bruder Napoleon nach Nochefort, von wo aus sie die Absicht hatten, auf verschiedenen Schiffen sich nach Amerika zu begeben. Auf der Insel Aix, wo er Napoleon zum letzten Male sah, bot er diesem das für sich selbst gemiethete Schiff an. Erst als er durch den General Vertrank den Entschluß seines Bruders, sich den Engländern zu ubergeben, erfahren hatte, verließ er Frankreich und begab sich nach den Vereinigten Staaten von Amerika. Mir vielen Begleitern traf er im Sept. zu Neuyork ein und kaufte sich bald daraus in Trcnron in Neujerscy an. Im Besitz cines bedeutenden Vermögens lebte er sodann als Graf von Survilliers auf dem früher von Moreau bewohnten Landgute Point-Brecze am Delaware im Staate Neu- srrsey, in der Nähe von Bordentown. Er beschäftigte sich hier vorzüglich mit Landbau und Wissenschaften, ward der Wohlthäter seiner Landsleute und erwarb sich bald die Liebe aller stmer Nachbarn. In einer an die franz. Deputirtenkammer gerichteten Adresse vom > 8. Sept. 1830 protestirte er von Neuyork aus gegen die Thronbesteigung eines Prinzen aus dem Hause Bourbon zu Gunsten seines Neffen, des Herzogs von Reichstädt, dessen Rechte mch Napoleon's Abdankung die Repräsentantenkammer dadurch sanctionirt, daß sie ihn als Napoleon 11. ausgerufen habe. Im 1.1832 reiste er nach London und hielt sich fortan ge- raunie Zeit in England auf. Im Mai 183 l ging er nach Genua, wo er mit seinen beiden »och lebenden Brüdern zusammentraf, und später nach Florenz. Ihm wird der Roman iKoüm" (Par. 1190; neue Ausl., 1814) zugeschricbcn. Er verheirathete sich > -94 in Marseille mit Marie Julie Clary, der Tochter eines reichen Kaufmanns in Lyon, und Schwätzerin des Königs Karl XI V. Johann von Schweden. Als Königin von Spanien betrat sic "«dieses Land und lebte nach Napoleon's Stur; meist in Florenz. Seine älteste Tochter, "titia Zenaide, ist die Gemahlin des Fürsten von Canino, des ältesten Sohns Lu 32 * 50« Bonaparte (Lucian) cian Bonaparte's (s. d.); die jüngere, Charlotte, gcst. 1839, war mit Napoleon Ludwig, dem zweiten Sohne Ludwig Bonaparte's (s. d.), vermählt. Bonaparte (Lucian), Fürst von Canino, Napoleon's zweiter Bruder, geb. zu Ajaccio 1773, besuchte einige Zeit das College zu Antun, dann die Militairschule von Brienne und endlich das Seminar zu Aix in der Provence, worauf er nach Corsica zurückkehrte. Beim Ausbruche der Revolution ergriff er mit Enthusiasmus die Sache des Volks und begann seine Laufbahn nach dem Falle von Toulon am 16. Dec. 1793mitcinerStellebeide« Heerverpflegungswesen. Er hielt sich damals zu St.-Maximin im Departement Var auf und zeigte viel revolutionairen Eifer, daher mußte er nach Robespierrc's Sturz St.-Maximin verlassen und lebte nun zu Marseille in großer Dürftigkeit, bis der 13. Vendemiaire seinem Schicksale eine günstige Wendung gab. Im März 1797 wurde er zum Abgeordneten des Departements Liamone beim Rathe der Fünfhundert gewählt. Am 18. Juli desselben Jahres betrat er zum ersten Male die Rednerbühne; er sprach gegen die Verordnung, am Dccadi die Läden zu schließen, erhob sich gegen die Vergeuder des Staatsschatzes, foderte am Stiftungsfeste der Republik seine College« auf, für die Constitution des I. >>> zu sterben, half aber kur; darauf die Stützen derselben, Merlin, Larc'veillere und Treilhard, stürzen. Jetzt wuchs sein Einfluß, und man sah ihn schon die Partei bilden, die später die Absichten seines Bruders förderte. Kurz vor dem > T. Brumairc zum Präsidenten des Raths der Fünfhundert erwählt, war er der eigentliche Held dieses Tags. Als er die durch Napoleon's Eintritt entstandene Gährung nicht zu dämpfen vermochte, verließ er seinen Sitz, setzte sich zu Pferde, sprengte durch die Reihen der versammelten Truppen und foderte diese auf, ihren General, den mm ermorden wollte, zu retten. (S. Napoleon.) Hierauf zum Minister des Innern ernannt, förderte er als solcher eifrigsi die Künste, Wissenschaften und den öffentlichen Unterricht; er gründete ein zweites Prytaneum zu St.-Cyr, auch organisirte er die Präfecturen. Doch er wollte ernstlich eine Republik mit einer kräftigen vollziehenden Gewalt an der Spitze; als daher Napoleon sein System der Militairgewalt durchsetzte, entzweite er sich mit ihm und ging im Ort 1866 als Gesandter nach Madrid, wo er den König Karl IV. die Königin und den Herzog von Alcudia durch sein einnehmendes Betragen ganz gewann und den bisherigen brit. Einfluß auf den madrider Hof beseitigte. Auch war er bei Errichtung des Königreichs Etrurien und bei Abtretung Parmas an Frankreich thätig und soll zuletzt eine Vermählung Napoleons mit der Infantin Isabelle eingelcitet haben, die dieser erst genehmigte, dann aber, durch Zo- scphine's Thränen erschüttert, verwarf. Am 29. Sept. 1561 Unterzeichnete er nebst stimm vertrauten Freunde, dem Herzoge von Alcudia, zu Badajoz den Frieden zwischen Spanien und Portugal, und vermöge einer geheimen Bedingung zahlte der Prinz-Regent 36 Mll. Francs, die zwischen Spanien und Frankreich getheilt wurden. Davon erhielt Lucian, wie man sagt, 5Mill. und vergrößerte auf diese Weise sein bedeutendes Vermögen, wozu er schm früher den Grund gelegt hatte. Bei seiner Zurückkunft in Paris trat er am 9. März IM in das Tribunat. Er unterstützte den Plan zur Errichtung einer Ehrenlegion, deren Groß- offizier er wurde und erwarb sich das Wohlwollen des Papstes durch Förderung des Coneor- Lats von 1861. Das Institut nahm ihn am 3. Febr. 1863 zum Mitglied für die NH der politischen und moralischen Wissenschaften auf, und bald darauf erhielt er die Senatorii Trier, worauf er von den der Ehrenlegion in den Rheindepartements und in Belgien zuge- i theilten Gütern Besitz nahm. Sein steter Widerstand gegen Napoleon's Streben nah Alleinherrschaft verwickelte ihn jedoch in zunehmende Mishelligkeiten. Als er nach dm Tode seiner ersten Gemahlin die vom Kaiser ihm zugedachte verwitwete Königin von En« rien ausgeschlagen und sich gegen dessen Willen verheirathet hatte, ward die Spannung so stark, daß er sich auf eine Villa unweit Rom zurückzog und dort den Künsten und Wissenschaften lebte. Vergebens bot ihm der Kaiser den Thron von Italien und von Spanien an, indem er zugleich Trennung von seiner Gattin verlangte; ebenso verweigerte Lucian seine j Zustimmung zu der vom Kaiser ihm vorgeschlagcnen Vcrheirathung seiner Tochter mit dem Prinzen von Asturien. Napoleon wurde dadurch so erbittert, daß sich Lucian nach Nordamerika in Sicherheit begeben wollte. Er bat den engl. Gesandten am sardin. Hoft M Passe und schiffte sich, da ihm diese versprochen wurden, am 5. Aug. 1816 zu ,Civitavecwm rin, wurde jedoch durch einen Sturm genölhigt, in Cagliari einzulaufen, durfte aber M de ha P R >vl ur du T> 8« zu A< un fit g-> sei zn> IS sei si-i der Ki die wo Er Er Er au doe bei un die ms Hai Li Ar ein glr «o !en säll S- dai eri hei Er Icon . zu UM Me. > bc- dem und imin mm >des hres ü die ngs- kurz ! sein iders ählt, ebene engte man annt, t; er ich er daher iLn. g von ufluß umen lcons HZ°- einem lLirien Mll. n, wie ' schon I8V1 Gros- 0NM- Clrsse lakorie -M n nach h dm Ett»' ungft Lissem rn an, n seine, iit dem ^ N°rd-> ose uw ,vecch>a ,er h>^ Bonaparte (Lucian) 501 nicht einmal ans Land steigen, da das engl. Ministerium die Pässe verweigert hatte. Beim Auslaufen wurde sein Schiff angehaltcn uud nach Malta geführt, und er selbst sodann im Dec. nach England gebracht, wo man ihn, nach einigen Parlamcntsdebatten, weil er noch nicht der stanz. Senatorwürde entsagt habe, als Kriegsgefangenen, jedoch mit Auszeichnung behandelte. Napoleon's Sturz gab ihm seine Freiheit; er ging wieder nach Rom, wo ihn der Papst mit dem von ihm erkauften kleinen Fürstenthume Canino belehnte. Nach Napoleon's Rückkehr von Elba im I. 1815 begab sich Lucian auf die Bitten seiner Schwester Pauline Borghese ff. d.) zum Kaiser, in der Absicht, alsbald wieder nach Italien zurückzukehren, woran er indeß verhindert wurde. Er blieb nun in Paris, ohne jedoch sich seinem Bruder unbedingt anzuschließen, und trat in die Pairskammer, da Napoleon seine Ernennung in die Kammer der Repräsentanten aus Argwohn gegen ihn nicht gutgeheißen hatte. Einige Tage vor Napoleon's Abreise zur Armee wohnte er mit seinem Bruder Joseph, dem Cardinal Fesch, Fouche u. A., einem geheimen Nathe bei, worin er vorschlug, daß die von Napoleon zu Gunsten seines Sohns angebotene Abdankung angenommen; daß die Regentschaft der Kaiserin übertragen und der junge Napoleon an den Kaiser von Ostreich empfohlen werde, und daß Napoleon, auf Ostreichs Rechtlichkeit vertrauend, sich nach Wien begeben solle, um für die Vollziehung des Vertrags zu haften. Napoleon stimmte zu, änderte jedoch am folgenden Tage seinen Entschuß. Nach der Niederlage von Waterloo behielt Lucian allein seine Besonnenheit und ricth seinem Bruder, die Kammern aufzulösen und als Dictator an die Spitze zu treten. Nach der zweiten Thronbesteigung Ludwig's XVIII. wollte er nach Rom zurückkehren, ward aber auf Befehl des östr. Generals, Grafen Bubna, auf die Citadcllc von Turin gebracht. Im Sept. 1815 erhielt er die Freiheit wieder auf seine Erklärung, „daß er sich den ehrgeizigen Planen seines Bruders beharrlich widersetzt und nur, um ihn zu mäßigen Gesinnungen zu bewegen, sichin verletzten Zeit ihm angeschloffen habe", sowie aus die Fürsprache des päpstlichen Stuhls, der sich jedoch anheischig machen mußte, weder ihn, noch Jemand aus seiner Familie, ausdem - Kirchenstaate ziehen zu lassen. Hierauf lebte er längere Zeit in oder bei Rom, da ihm die Pässe, die er1817 für sich und einen seiner Söhne nach Nordamerika verlangt hatte, verweigertworden waren; nur seinem Sohne Karl ward später die Erlaubniß zur Reise dahin gestattet. Nach den Ereignissen von 1830 wurde dieser Bann aufgehoben und Lucian lebte nun geraume Zeit in England, von wo er 1838 auch Deutschland besuchte, später aber nach Italien zurückkehrte. Er starb am 29. Juni 1830 zu Vitcrbo bei Nom. Nächst Napoleon war er unstreitig das ausgezeichnetste Glied der Familie Bonaparte. Nicht ohne eigene Ruhmbegier setzte er doch seinen Ehrgeiz hauptsächlich darein, seinem Bruder gegenüber sich in Unabhängigkeit zu behaupten, und wie er zahlreiche Beweise von Festigkeit gab, so wußte er damit ein gefälliges und einnehmendes Wesen zu verbinden. Durch Energie und Geistesgegenwart entschied er die folgenreiche, von ihm und Sieyes cingeleitete Revolution vom 18. Brumaire. Als Minister griff er wol zuweilen zu rasch und willkürlich ein. Er zeichnete sich als Redner vortheil- hast aus und, nachdem er sich in die Stille des Privatlebens zurückgezogen, machte er seine Villen zum Sitze des ausgesuchtesten Kunstgeschmacks. Durch die von ihm veranstalteten Ausgrabungen erwarb er sich um die Alterthumskundc Etruriens besondere Verdienste, die in einer Denkrede des Professors Forchhammer in Kiel rühmend anerkannt wurden. Minder glücklich war er als Dichter und Schriftsteller.. Zuerst trat er mit einem Roman „Stellinn" 1 ^09) auf. Noch während seines ersten Aufenthalts in London schrieb er das mittelmäßige, typographisch reich ausgestattete und dem Papste zugeeignete Heldengedicht „6kar- M NU I'eglise clelivree" in 23 Gesängen (Land. 1813), worin er gegen seinen Bruder eiferte und die Bourbons erhob. Später lieferte er das Heldengedicht in 12 Gesängen, „I.u Oxrneicle, o» In 0>r86 8suvee" (Rom 1819), worin er die Vertreibung der Sarazenen aus Corstca besang. Bei der Aufnahme Aignan's, des Übersetzers des Homer, in das Nationalinstitut am 18. Mai 1815, las er eine Ode auf die „Odyssee" vor, worin er den griech. Dichter gegen seine Verkleincrer in Schuß nahm. Von den von ihm selbst ftrausgegebcnen „iVlemoires" (deutsch, Lp;, und Darmst. 1836) ist nur ein einziger Band erschienen, der bis zum I. VII der Republik reicht, jedoch dic darauf gerichtete gespannte Erwartung der Zeitgenossen nicht durchaus befriedigte. Die „Rlsmoire« secrets sur In. iW ß 502 Bonaparte (Ludwig) ,!«- pcivöo, >><>I>tis,ii<; et littörsirs elel^ucian 6 , etc." (2 Bde., Land. 1819), als deren Verfasser Alfonse de Beauchamp genannt wird, enthalten bei ziemlich unparteiischer Beur- theitung im Einzelnen manche Unrichtigkeiten. Lucia» ward der Vater einer zahlreichen Familie. Zm I. >795 hatte er sich mit der Schwester des Grundbesitzers und Gastwirths Bayer zu St.-Maximin und nach deren baldigem Tode gegen Ende des I. > 893 mit der schönen Witwe des Banquier Jouber- ton verbeirathet. Von seinen beiden Töchtern erster Ehe ist die älteste, Charlotte, uni deren Hand einst Ferdinand Vll. als Prinz von Asturien sich bewarb, seit 1815 mit dem Prinzen Gabrielli in Rom verbunden. Die jüngere, Christine, hcirathetc den schwcd. Grafen Posse und, nachdem diese Ehe für ungültig erklärt war, 1826 den engl. Lord Dudler; Stuart. — Der älteste Sohn ans seiner zweiten Ehe, Karl, früher Prinz von Mu- signano, jetzt als der Erbe des väterlichen Titels, Fürst von Canino, ist seit 1822 mit der am ! 8. Znli 1891 geborenen ältesten Tochter seines Oheims Joseph, Läkitia Zen aide, ver- ^ wählt. Er gehört zu den namhaftesten Gelehrten und ist ausgezeichneter Naturforscher. Wäyrcnd seines Aufenthalts in Nordamerika gab er ein Prachtwerk über amerikanisch! i Ornithologie heraus und neuerdings ließ er ein großes Weck über die Fauna Italiens ec- i scheinen. Er nahm lebhaften Anthcil an den in den letzten Jahren in Italien gehrltcncn ! naturwissenschaftlichen Congressen und wurde 18-13 zum Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin ernannt, wie ihm denn auch 1839 in Betrcffder Mitgliedschaft desfranz. Instituts der berühmte Agassi z (s.d.)nurmit der Mehrheit einer Stimme vorge- . zogen wurde. Seine Gemahlin unterstützte ihn bei seinen naturhistorischen Arbeiten, ist Kennerin der deutschen Sprache und übersetzte einige Stücke von Schiller. — Ein zweiter ! Sohn Lucian's, Paolo, starb am 5. Aug. 1827 bei Spezziaaufciner Seereise nach Griechenland. Die Tochter Lucian's aus zweiter Ehe, Lätitia, heirathete 182-1 den JrländcrWyse zu Waterford, lebt jedoch seit mehren Jahren getrennt von ihm in Paris und Brüssel. Ihr gemüthskranker Sohn, Alfred Wyse, wurde bei einem Arzte in der Nähe von Bonn und ^ später durch seinen Vater im Jrrenhause zu Mareville bei Nancy untergebracht, aus dem ihn aber seine Mutter zu befreien wußte, ein Ereigniß, daß von dem Vicomte d'Arlincourt, in dessen Schrift „l. 836 die Todesstrafe gegen ihn ausgesprochen, die der Papst in Verbannung verwandelte ; doch sind beide Brüder seit 1838 nach Europa zurückgekehrt. Bonaparte (Ludwig), Graf von St.-Leu, Exkönig von Holland, Napoleon's dritter . Bruder, geb. am 2. Sept. >778, kam jung nach Frankreich und wurde inderArtillcrieschule zu ChalonS unterrichtet, wo er antirepublikanische Grundsätze cinsog. Er begleitete seinen Bruder nach Italien, dann nach Ägypten, doch ohne sich auszuzcichnen. Im 1. 1798 auS > Ägypten mit Depeschen an das Dircctorium gesendet, erhielt er nach dem l 8. Brumaire M l Napoleon eine Sendung nach Berlin. Nachher wurde er Brigadegeneral, nach seines Bruders Thronbesteigung zum Connetable und Generalobersten der Carabiniers erhoben und darauf 1895 Generalgouverneur von Piemont, das xr aber wegen Kränklichkeit bald wieder verliest Als der batavische Großpensionair Schimmelpenninck seine Stelle nicderlegen wollte, zwang Napoleon seinen Bruder Ludwig, der vergebens seine Kränklichkeit und das Klima vorschütztc, zur Annahme der holländ. Königskrone. Bei dem besten Willen, sich nur seinem Lande zu weihen, konnte und sollte aber Ludwig nichts mehr als sranz. Statthalter sein. Dabei fehlte cs nicht an Verstößen gegen tiefeingewurzelte Nationalsitten, an zwecklosen, nachtheiligm ^ oder völlig unausführbaren Maßregeln und Entwürfen. Immer verdiente jedoch Ludwig S Widerstand gegen die von Frankreich ihm gemachten Ansinnen Anerkennung. Er schlug »ul Würde die von Napoleon ihm angebotene span. Königskrone aus und erklärte freimüthig bei einer ui st II S> Z vr C l re d- b- ni vi l» I Ber- ' stur- it der seren uber- uni dem !wld. rdley Mu- ram . ver- sch«. lische s er- cncn ^ emie ! Hast orge- li, ist ! seiter chcn- Wyse Nr rund . nihn ^ »essen »e,— srcnd sebe- einen l ent- agten n21. ;vcr- ritter > schule einen l> auS e«sn I uderS arauf erliest wang >ühte, ldezu fthltt iligen wig'S g mil i Äthig ander Bonaparte (Ludwig) 503 geworden sei. Doch die von Frankreich gebotenen Rüstungen in Verbindung mit den strengen Sperrmaßrcgcln gegen den brit. Handel machten ihm die Herstellung eines befriedigenden ZustandeS der Finanzen unmöglich. Gleichwol wußte er Holland gegen einen allgemeinen Bankrott zu schuhen, und mitten unter den dringendsten Handeln der auswärtigen Angelegenheiten ward die Abfassung eines neuen Criminal- und eines Civilcodex vollendet, und ein gleichförmiges, dem franz. nachgcbildctes Maß- und Gewichtssystem zu Stande gebracht. Persönlich zeigte er Mäßigung, Bescheidenheit, Versöhnlichkeit bei Beleidigungen und thä- ligc Menschenliebe, namentlich bei der Pulvcrcxplosion in Leyden und bei den Überschwemmungen im Winter 1808. Als er aber fortfuhr, das Continentalsystem nicht mit Strenge zu handhaben und die Interessen Hollands gegen die stets wachsenden Anfodcrungen seines Bruders kräftig zu vertreten, zerfiel er mit diesem gänzlich und wurde nach Paris entboten, wo er nur durch große Opfer die Fortdauer des holländ. Staats erkaufen konnte. Auch dies war von kurzer Dauer. Auf die Nachricht, daß zur Besetzung Amsterdams und der Küsten ein franz. Armcccorps unter Oudinot in Anmarsch sei, legte er am l. Juli 1810 die Negierung nieder, setzte verfassungsmäßig seine abwesende Gemahlin zur Regentin im Namen seines Sohns ein, verließ mit zwei Vertrauten Holland und begab sich unter dem Name» eines Grafen von St.-Lcu über Teplitz nach Grätz, wo er nun den Wissenschaften lebte. Ludwig hatte sich in Holland nicht bereichert; er ließ die Einkünfte der Civilliste vom Monat Juni seinem Sohne zurück; auch verbat er sich nach der Vereinigung Hollands mit Frankreich jede Apanage für sich. Dagegen überwies Napoleon der Gemahlin desselben die Besitzung St.-Leu bei Paris mit einem Einkommen von 2 Mill. Francs. In den I. 1813 und 1813 bot Ludwig dem Kaiser wiederholt seine Dienste an, jedoch mit Hinsicht auf Hollands Herstellung unter einer franz. Dynastie, was dieser aber bestimmt abschlug. Nach Wiedereinsetzung des manischen Hauses hielt sich Ludwig aller Verpflichtungen gegen Holland entbunden und ging am 1. Jan. 1813 nach Paris; doch die durch Marie Luise vermittelte Zusammenkunft mit Napoleon war kalt und steif. Er ermahnte indessen seinen Bruder beharrlich zum Frieden und begleitete am 30. März die Kaiserin nach Blois, hierauf begab er sich im Apr. nach Lausanne und von da im Nov. 1813 nach Rom. Napoleon's Einladung nach Paris, der ihn 1815 zum Pair von Frankreich ernannte, nahm er nicht an, sondern blieb in Nom, wo er sich nachher von seiner Gemahlin scheiden ließ. Seit 1826 nahm er seinen Aufenthalt in Florenz, von wo er nach dem Attentat von Boulogne (s. Napoleon Ludwig) am23.Aug. 1830 eine Reclamation zu Gunsten seines Sohns erließ, den er als das Opfer einer zum dritten Male sich wiederholenden schändlichen Jntrigue bezeichnete. Von ihm finden sich Briefe in dcr,,0nrresp>>nIe I» tlaliomle, z>ar II,. 11<,iniz>arte, ex-roi Va!ter 8cotr" (1829) bekennt er sich außerdem zu den „Neinoires sur la rersisicatin»", „kssai sur lu versiücaiion" (2 Bde.) und einer 1828 zu Floren; erschienenen Sammlung von Gedichten, worin eine Fortsetzung von Boileau's „I.utrin". Ludwig wurde 1802 nach dem Willen seines Bruders mit Hortensia Beauharnais, der Tochter des Gene- ralsBcauharnais (s.d.) und der nachmaligen Kaiserin Joscphine vermählt. Er verzichtete damit auf ein früheres Verhältnis;, und diese nachgiebige Resignation trug nicht wenig dazu bei, seinen Geist nicdcrzudrückcn; auch lag darin die erste Ursache seines später» Misverhält- niffcs mit seincr'Gcmahlin und seiner Scheidung von ihr. — Die liebenswürdige und geist- dolle Horten sie E u gen ic Beauharn ais, Napoleon's Adoptivtochter und von diesem besonders geliebt, Exkönigin von Holland, später Herzogin von St.-Leu, wurde am 10. Apr. NS3 zu Paris geboren. Nach der Hinrichtung ihres Vaters, bis zur Vermählung ihrer Mutter 504 Bonaparte (Hieronymus) mit Napoleon, wuchs sie unter ärmlichen Verhältnisscnheran und wurde später in Ecouen bt Madame Campan erzogen, worauf sie in das mütterliche Haus zurückkchrte. Sie war dem General Desaix bestimmt, schlug ihn aber aus und heirathete 1802, nach dem Wunsche ihres Stiefvaters, dessen Bruder Ludwig. Als Königinvon Holland lebte sie meist im Haag. Nach der Thronentsagung ihres Gemahls kehrte sic 1810 nach Paris zurück, wo sic auch nach der Scheidung ihrer Mutter von Napoleon mit diesem in ziemlich gutem Vernehmen blieb. Zm 1. 1814 war sie die Einzige unter den Napoleoniden, die Paris nicht verließ. Nach dm Hundert Tagen hielt sie sich anfangs zu Augsburg, dann in Italien und später zu Arenen- berg im Canton Thurgau auf, wo sie sich angckauft hatte, in stiller Zurückgezogenheit ihre letzten Jahre verlebte, Vielen eine Wohlthäterin und von Allen geliebt und geachtet, die ihr näher zu treten Gelegenheit fanden. Den Winter brachte sie jedoch häufig in Italien zu. Hier war sie zu Ende des Carnevals von 1831 Zeugin des zu Rom blutig unterdrückten Aufstandes. Später nahmen ihre beide Söhne, vielleicht nicht ganz ohne ihr Vorwisscn, an der Jnsurrection in den röm. Marken Thcil, wo der ältere starb und der jüngere erkrankte. Die Mutter wußte sich einen engl. Paß„zu verschaffen, reiste in die Marken, täuschte die Wachsamkeit der inzwischen vorgerückten Östreicher und brachte ihren Sohn, unter mancherlei Gefahren der Entdeckung, auf stanz. Gebiet. Sie entdeckte sich in Paris dem Könige, der sie sehr artig aufnahm, und Casimir Perier, ging, als sie dessenungeachtet sehr bald Frankreich verlassen mußte, nach England und begab sich später mit ihrem Sohne durch England nach dem Schloß Arenenberg zurück. Hier starb sie nach schmerzlichen Leiden am 5. Oct. 1837 ; ihre irdischen Überreste wurden zu Ruel bei Paris neben dem Sarge ihrer Mutter beigesetzt. Sie schrieb „n reine Lortense en Italic, en krsnce et en ^ngleterre pencksnt I'annee 1831" (1833); auch war sie Dichterin und mehre ihrer Lieder leben noch im Munde des franz. Volks. Aus ihrer Ehe stammten drei Söhne. Der älteste, Napoleon Karl, geb. 1802, starb schon am 5. Mai 1806. Der zweite, Napoleon Ludwig, geb. 1804, nach dem Tode seines ältesten Bruders Kronprinz von Holland und von Napoleon am 3. Mai 1809 zum Großherzoge von Kleve und Berg ernannt, starb zu Forli am 17. März 1831. Er hatte sich 1825 mit der liebenswürdigen und talentvollen Tochter seines Oheims Joseph, Charlotte, geb. am 31. Oct. 1802, vermählt, die nach seinem Tode meist in Florenz lebte und zu Sarzana, auf der Rückreise von Rom nach Florenz, am 2. März 1839 starb. Der dritte Sohn ist Napoleon Ludwig (s. d.). Bonaparte (Hieronymus oder Jcrome), Herzog von Montfort, Exkönig von Westfalen, Napoleon's jüngster Bruder, geb. am 15. Dec., nach Andern am 15. Nov. 1784 zu Ajaccio, ward im College zu Juilly erzogen, das er nach dem 18. Brumaire verließ, um sich dem Seewesen zu widmen. Als Schiffslieutenant diente er 1801 in S.-Domingo, von wo er mit Depeschen von Leclerc jzurückgesendet wurde. Als Fregattencapitain segelte er dann nach Martinique, kreuzte zwischen St.-Pierre und Tabago und begab sich, von den Engländern verfolgt, nach Nordamerika, von wo er erst nach einigen Jahren im Mai 1805 nach Frankreich zurückkehrte. Napoleon beauftragte ihn sodann mit der Zurückfoderung der gefangenen Genueser vom Dei von Algier; er befreite 250 derselben, erhielt darauf das Commando über ein Schiff von 74 Kanonen und führte später als Contreadmiral ein Geschwader nach Martinique, woher er gegen Ende Aug. 1806 nach Frankreich zurückkam. Zum stanz. Prinzen ernannt, befehligte er im Kriege gegen Preußen in Verbindung mit General Vandamme das zehnte Armeecorps in Schlesien, zog am 6. Jan. 1807 in Breslau ein und belagerte und eroberte mehre Festungen. Der Friede zu Tilsit gab ihm am 18. Aug. 1807 das neugeschaffene Königreich Westfalen. Am I. Jan. 1808 ward ihm mit großem Pomp in Kassel gehuldigt, wo er nun in üppiger Pracht lebte, um die Regierung sich wenig bekümmerte und nicht einmal Deutsch lernte, während er durch Franzose« den neuen Staat organisiren ließ. Zm Kriege Napoleon's gegen Ostreich im 1. 1809 brach S chill (s. d.) in die westfäl. Departements der Elbe und Oker ein, während im Fulda-Departement und an der Werra Dörn- berg (s. d.) Aufruhr erregte und die Kricgsereignisse in Sachsen den König selbst mit einem Theile seines Heers nach Leipzig und Dresden riefen. Bald nachher brach wieder der Herzog von Braunschweig-Ols aus Böhmen durch Sachsen in Westfalen ein und machte sich Bahn bis zu den Küsten der Nordsee. Durch den Aufwand des Kriegs, Verschwendung, Bonaventura 505 Msgriffe der Verwaltung, Störung des Verkehrs und öftere Plünderung der Staatskassen waren die westfäl. Finanzen völlig zerrüttet. Auch die Erwartungen von dem am Schlüsse des Z. 1809 berufenen Reichstage blieben unerfüllt, weil überall Napoleon dazwischentrat, der übrigens seinem Bruder über seine Lebensweise mehrmals Vorwürfe machte. Im I. >812 zog Hieronymus an der Spihe einer franz. Division nach Polen und lebte mit großem Aufwands zu Warschau. Er verschuldete später durch seine Fehler, daß sich Bagration am 8. Aug. 1812 mit Barclay de Tolly vereinigte, weshalb ihm Berthicr in Napoleon's Namen schrieb: „Da Sie, Sire, Alles verkehrt verstehen, so ist auch nicht zu verwundern, wenn Alles verkehrt geht", worauf Hieronymus nach Kassel zurückgeschickt wurde. Seinem Königreiche machte die Schlacht bei Leipzig ein Ende; schon vorher, am 30. Sept. 1813, war er durch Czcrnitschew aus Kassel vertrieben worden, wohin er zwar am 17. Oct. zurückkchrte, allein nur um mit den zusammengerafften Kostbarkeiten sogleich nach Paris zu flüchten. Nach dem pariser Frieden von 1814 verließ er Frankreich, hielt sich einige Zeit in der Schweiz, dann zu Grätz und zu Anfang des I. 1815 in Triest auf. Bei Napoleons Rückkehr von Elba begab er sich erst in Murat's Hauptquartier, hierauf gegen Ende Mai in Gesellschaft seiner Mutter und des Kardinals Fesch nach Frankreich und wurde am2.Zuni 1815 zum Pair ernannt. In den Schlachten von Ligny und Waterloo focht er an Napoleon s Seite, zeigte in letzterer viel persönlichen Muth und bemächtigte sich nach mehrmaligen Angriffen des Gehölzes von Hougaumont, wo er am Arme verwundet wurde. Nach Napoleon's Abdankung verließ er Paris am 27. Juni und ging in die Schweiz, übte dann als Graf von Montfort auf dem würtemberg. Schlosse zu Elwangen, nahm 1816 seinen Aufenthalt in den östr. Staaten und zwar seit Dec. 1819 gewöhnlich in Triest, dann in Schönau bei Wien, seit 1827 in der Mark Ancona, im Winter in Nom, später in Lausanne und endlich meist in Florenz. Er besitzt die Herrschaften Wald bei St.-Pölten, Krain- ^ bürg in Oberöstrcich und Schönau. Während seines Aufenthalts in den Vereinigten Staaten von Nordamerika hakte er sich am 27. Dec. 1803 mit der ältesten Tochter des Kaufmanns > Patterson zu Baltimore, Elisabeth, verehlicht, von der er sich aber auf Napoleon's Befehl 1803 ! trennte. Ein Sohn aus dieser Ehe, Hieronymus, geb. am 6. Juli 1805 bei London, ist seit 1829 zu Baltimore mit einer Amerikanerin verheirathet. Am 22. Aug. 1807 ward der neue König von Westfalen durch Napoleon mit Friederike Katharine Sophie Dorothea, der Tochter des Königs Friedrich I. von Würtemberg, vermählt. Sie war ihrem Gemahl eine treue Schicksalsgefährtin nach dem Falle seines Hauses. Als während ihres Aufenthalts in Triestseine Finanzen in großer Zerrüttung sich befanden, wendete sie sich an den Kaiser Alexander, der ihr die Summe von 150000 Fl. auszahlen ließ und ihr ein Jahrgehalt von 25000 Rubeln in Papier zusicherte. Bald darauf gewann sie ihren Güterproceß vor dem königlichen Gerichtshöfe in Paris, womit ihr eine Summe von 460000 Francs zuerkannt wurde. Sie starb zu Lausanne am 28. Oct. 1835. Aus ihrer Ehe stammen drei Kinder, Hieronymus Napoleon, geb. zu Triest am 24. Aug. 1814, würtemberg. Stabsoffizier, in Gesichtszügcn und Haltung dem Kaiser sehr ähnlich; Amalie Mathilde, geb. 1820, und Napoleon, geb. l 825. Die Tochter vermählte sich zu Florenz 1840 mit dem vom Großherzoge von Toscana in den Fürstenstand erhobenen reichen russ. Grafen Anatole Demidow. Nach einem päpstlichen Dispensationsrescripte vom 12. Oct. 1840 hatte Demidow die katholische Erziehung seiner Kinder eidlich angelobt, während ihm die Trauung nach dem Ritus seiner Kirche die Erziehung im griech. Glauben zur Pflicht machte. Daran knüpften sich Zerwürfnisse mit dem Papste; Demidow mußte Rom verlassen und wurde bald darauf vom Kaiser Nikolaus aus den russ. Diensten entfernt, aber nicht lange nachher wieder angestellt. Bonaventüra, eigentlich Joh. von Fidanza, einer der berühmtesten scholastischen Theologen, geb. 1221 zu Bagnarea im Toscanischen, ward I248Franciscanermönch, 1253 Lehrer der Theologie zu Paris, wo er auch studirt hatte, 1256 General seines Ordens, den er mit großer Thätigkeit und weiser Milde regierte, 1273 Cardinal, dann päpstlicher Legat auf der Kirchenversammlung zu Lyon, wo er am 15. Juli 1274 an den Folgen seiner asceti- schen Strenge starb und ein glänzendes Leichenbegängniß erhielt, dem Papst, Cardinäle und Könige beiwohnten. Wegen seines von Jugend auf unbescholtenen Wandels und einiger 506 Bonchamp ihm zugeschriebenen Wundcrthatcn genoß er schon während seines Lebens vorzügliche Verehrung. Papst Sixtus IV. versetzte ihn I -182 unter die Heiligen, und Sixtus V. zählte ihn 1587 den größten Kirchenlehrern als den sechsten imRange bei. Der religiöse Schwung in seinen Schriften verschaffte ihm den Titel Iloctnr Sernz.Iiicus. Die Franciscaner stellen ihn als ihren größten Gelehrten dem scholastischen Helden der Dominicaner, Thomas von Aquino, entgegen. Lyon, das seine Gebeine besitzt, wählte ihn zum Schutzpatron. Ein großer Theil seiner zahlreichen Schriften ist der Ehre und Veredelung seines Ordens gewidmet. Auch als Beförderer des Mariendienstcs, als Apologet des Cölibats, der Transsubstantiation, der Communion unter Einer Gestalt und anderer Satzungen des Mittelalters diente er der röm. Kirche, deren Lehren und Gebräuche er in seinem Commentar zu den „8entent>ae" des Petrus Lombardus und in vielen exegetischen und asketischen Schriften auch auf philosophische Weise zu unterstützen suchte. Die merkwürdigsten derselben, das „ki-evile»;»»»»^ und „<7«n- tilogiiiuin", sind eigentlich Handbücher der Dogmatik. Sein Bestreben, die Philosophie zur Unterstützung des Kirchenglaubens anzuwcndcn, und die fromme Mystik, sein vorzüglichstes Element, machen ihn oft dunkel, selbst in seinen populairen Schriften. Ihm ist die Theologie das Ziel aller Kunst und Wissenschaft, und die Vereinigung mit Gott, zu der die Liebe durch sechs Stufen oder Grade führt, das höchste Gut, wie er dies in dem „ltinerurnim inentis iu Lenin" und in der „Kellnerin urtinm in tiieoln^inin" darstcllt. Zur Begründung der mystischen Theologie als Wissenschaft hat er mehr geleistet als irgend einer der früher» Theologen. Seine „viülin pnupernm", eine Darstellung der biblischen Geschichte für Laien, entstellt durch allegorisch-mystische Deutungen den einfachen Inhalt der Bibel; doch zeichnet er sich im Allgemeinen durch Vermeidung unnützer Spitzfindigkeiten, Wärme des religiösen Gefühls und praktische Richtung vor andern Scholastikern aus. In dem erwähnten Com- mcnrar hat er die Ewigkeit der Welt scharfsinnig widerlegt und die Unsterblichkeit der Seele durch neue, noch jetzt brauchbare Gründe unterstützt. Seine Werke erschienen am vollständigsten zu Rom (8Bdc., l588—96, Fol.), unter ihnen finden sich aber viele unechte Schriften, wie der abgeschmackte Marienpsalter u. s. w. Bonchamp (Charl. Melchior Arthur, Marquis de), einer der tapfersten und der edelste, selbst von seinen Gegnern geachtctste Anführer der Vendeer in den Bürgerkriegen der ftanz. Revolution, wurde am 10. Mai 1760 zu Jouverdeil, in dem frühem Anjou, geboren. Er ging wie viele junge franz. Edelleute nach Nordamerika, um gegen die Engländer zu kämpfen, kehrte, nachdem die Vereinigten Staaten ihre Unabhängigkeit begründet, nach Frankreich zurück und war Capitain, als die Revolution ausbrach. Von streng royalistischcn Grundsätzen zog er sich sehr bald auf ein einsames Schloß im Maine- uud Loiredepartcment zurück, wo er 18 Monate in tiefer Melancholie brütete, da er die Greuel des Bürgerkriegs fürchtete, der in der Vende'e schon begonnen hatte. Der Ruf und die Achtung, die er allenthalben genoß, bewogen seine Landsleute, ihm das Commando der Insurgenten von Anjou anzukragen, das er namentlich mit Hinsicht auf den gefährdeten Thron, dem er dadurch zu dienen glaubte, annahm. Er vereinigte sich mit Laroche-Jaquclcin und Cathclineau, die damals Beaupreau genommen hatten, und bald darauf setzten sich die drei Anführer auch in Besitz der Städte Brcssuire und Thouars. Durch diese glücklichen Unternehmungen, ^ an welchen B. den grüßten Antheil hatte, erhielten die Haufen der Vendeer außerordentlichen Zuwachs, und es würde sich gewiß eine die Nationalversammlung bedrohende Armee gebildet haben, wenn man dem tapfern, kriegserfahrenen B. den Oberbefehl übertragen hätte. Obschon er überall tapfer focht und fast in jedem Treffen verwundet wurde, so beschuldigte man ihn jedoch, weil er jede unnütze Vergeudung der Kräfte sorgfältig vermied, der Furchtsamkeit und Schwäche und verkannte seinen militairischen Takt. Bei dem unglücklichen Angriffe der Vendeer auf Nantes wurde ihm ein Arm zerschmettert. Als das Treffen an den Ufern der Sevre bei Torfou mit dem General Kleber einen üblen Ausgang zu nehmen drohte, eilte er, den Arm in der Binde, herbei, und an der Spitze seiner Abtheilung entschied er den Sieg für die Vendeer. Da er sich über die Macht seiner Landsleute nicht täuschte, entwarf er hierauf l einen militairischen Operativnsplan; doch die andern Führer verwarfen denselben, singen an, selbständig zu operiren und erhoben, als er vollends vorschlug, sich bis zur allgemeinen, von ihm eingeleiteten Insurrektion der Bretagne hinter die Loire zu gehen, von neuem gegen ihn Bondi Boni 507 die Beschuldigung der Unentschlossenheit und Feigheit. Erst nach den dringendsten Vorstellungen B.'s sah man endlich die Nothwendigkeit dieses Schritts ein; allein cs war zu spät, die Republikaner hatten den Insurgenten den Abzug versperrt. Am 17. Oct. 179:; kam es zu dem blutigen Treffen bei Chollct, in welchem sich beide Parteien aufriebcn, d'Elbce blieb und B. einen Schuß in die Brust erhielt. Die über die Loire fliehenden Vendeer nahmen ihn mit und schworen seinen Tod an 50»" kricgsgefangcnen Republikanern zu rächen, als sich B. schon im Todeskampfe erhob und ausrief: „Gnade den Gefangenen, ich will cs, ich befehle es." Sein letzter Wunsch wurde beachtet, und die Gefangenen wurden gerettet. Als der letzte Nachen der Vendeer vom Ufer abstieß, gab B. seinen Geist auf. Bondi (Elemente), einer der geschätztesten neuern Dichter Italiens, wurde zu Miz- zano im Parmesanischen 1742 geboren. Er trat in den Jesuitenorden, den er in Versen feierte, wenige Jahre vor dessen Aufhebung und wurde noch sehr jung mit dem Vortrag der Eloquenz im königlichen Confict zu Parma beauftragt. Daselbst dichtete er die berühmt gewordene „6i«rm>ta Villcrscem <> in drei Gesängen (Parma 1773), eine nicht sehr witzige komische Schilderung der ländlichen Freuden der Convictualcn. Von der Kongregation angefeindet, weil er die Aufhebung des Ordens durch eine Canzone gefeiert hatte, mußte er sich eine Zeit lang in Tirol verbergen, fand aber dann am Erzherzog Ferdinand einen Beschützer, der ihn 1795 zu seinem Bibliothekar in Brünn ernannte und ihm die Erziehung seiner Söhne, namentlich des jetzt regierenden Herzogs Franz IV. von Modena übertrug. Durch dieses Verhältniß kam er nach Wien, wo er der Lehrer der 1816 verstorbenen Gemahlin des Kaisers Franz in Geschichte und Literatur wurde und eine zweite Vaterstadt fand. Er starb daselbst 1821. Unterstützt durch seine Gönner, trat er nach und nach als lyrischer, beschreibender, satirischer und elegischer Dichter, auch als poetischer Übersetzer auf und wußte durch zierlichen, leichtfließenden Vers, sowie durch seinen einfach edcln Stil gebildeten Männern, besonders aber zartfühlenden Frauen zu gefallen, deren Lieblingsschriftsteller er in Italien geworden ist. Don seinen größer» Gedichten ist noch zu nennen „I.a conversarione", „U-> tolicitä" und „II Aoverna zmcilico". Vorzüglichen Werth legt man in Italien auf seine Uebersctzung der „Äncide", die in einem Prachtdrncke (2 Bde., Parma >793) erschien. Seine sämmtlichen Dichtungen erschienen in einer Prachtausgabe (3 Bde., Wien 1808). Boiler oder Boncrius (Ulrich), einer der ältesten deutschen Fabeldichter, warPrc- digermönch zu Bern und kommt in denJ. 1324—49HLufig in Urkunden vor. Seine Blüte fällt gerade in die Zeit, als der Minnegcsang und die Ritterpoesie verstummten. Er hat hundert Fabeln oder mit dem alten Ausdruck Beispiele unter dem Titel „Der Edelstein" hinterlasscn, die sich durch reine Sprache und treuherzig anschauliche, heitere Darstellung auSzeichncn. Die erste Ausgabe seiner Fabeln erschien zu Bamberg 1461 (Fol.) mit Holzschnitten; sie gehört zu den seltensten Jncunabcln, da man bis jetzt nur ein Exemplar, in der Bibliothek zu Wolfcnbüttel, kennt, und ist zugleich der erste deutsche Druck. Später gab Scher; aus strasburger Handschriften 51 Fabeln in einer Reihe Dissertationen, die vollständige Sammlung aber Bodmcr und Breitinger (Zür. 1757) heraus. Eine musterhafte Bearbeitung des Textes mit Wörterbuch lieferteBenecke (Berl. 1816). In derSprache erneuert ist dieAus- ^ gäbe von Eschenburg (Berl. 1816). Bönhase, im Holländischen Beunhaasen, gleichbedeutend mit Pfuscher, nennt man in der Handwerkssprache Den, der sein Gewerbe nicht innungsgemäß erlernt und das Mci- sicrrecht nicht erlangt hat. Namentlich braucht man das Wort von Pfuschern im Schncider- bandwerke und im Mäklergeschäfte. Die Ableitung ist ungewiß; eS von dem altdeutschen Worte Bön oder Böhne, d.i. Boden, abzulciten, weil Pfuscher auf dem Boden ihre Werk- stätte aufschlugcn und, gleich Hasen, sich dort verbargen, ist gezwungen. Bvni (Onofrio), ital. Antiquar und Ästhetiker, geb, in Toscana um 1750, gest. 1820, stand in freundschaftlicher und wissenschaftlicher Beziehung zu den ausgezeichnetsten Altcr- thums- und Kunstkennern seiner Zeit, namentlich zu dem Cardinal Borgia, Marini, Lanzi und > d'Agincourt. Letzterer, der in B.'s Urtheil ein großes Vertrauen setzte, schickte ihm von Rom j aus die Blätter, ans welchen er seine Kunstgeschichte des Mittelalters bilden wollte, und V. fing an, einen Text dazu auszuarbeiten, unterließ aber die Fortsetzung, als sein Freund starb. Für seine beste antiquarische Schrift gilt die an Eherardo de Nossi gerichtete „Retters sopra 508 Bonifaz (der Heilige) 1e snticiiits <1! disnnnti", abgcdruckt in den „>leIdn^c-8 ä'VAssse" (Par. 18 IN). Seinen Freund Lanzi feierte er in dem „bilogio <111.. (.snri" (Pisa 1816); eine andere Biographie, „Llogio 394 gestorben war, wählte man dort Benedict XIII., der ebenso wenig als sein Vorgänger zur Herstellung des Kirchcnfricdens abzudankcn geneigt war. Aus Arger über den ihm von dem Gesandten Bencdict's XIII. mit Recht gemachten Vorwurf der Simonie starb er am I. Oct. 140-1. Der ihm zugesprochene Ruhm beständiger Keuschheit kann die Schande seiner Gewinnsucht und niedrigen Ränke nicht tilgen. Bonin-Jnseln oder Bonin-Sima, auch Munin-Sima genannt, bestehen aus 70 Inseln, deren nur wenige von den Japanern bevölkert und angebaut sind, und l!> Klippen. Sie liegen im westlichen Theile des Stillen Oceans zwischen den japanischen Inseln und den Ladronen und wurden früher von den Spaniern Mal-abrigos, d. h schlechte Zuflucht, später von den Japanern Bonin-Sima, d. i. menschenleere Inseln, genannt, 1828 von Capitain Beechey und 1829 von Lütke untersucht. Mehre derselben sind mit thätigen Vulkanen bedeckt; der Boden der meisten ist fruchtbar. Die zehn größern haben einen Flächeninhalt von etwa 90 IHM.; zu ihnen gehören die Nordinsel Parry, ein gebirgiges, 15 OM. großes Eiland, Staglcton, Burland und Peel, die Schwefclinsel, St.- Alexander, die Smiths-Inseln u. s. w. Die Einwohner beschäftigen sich mit Fischerei, Bienenzucht, Landbau und Handel. Bonitircir heißt in der Landwirthschaftskunde die Güte und Tragbarkeit von Äckern, Wiesen, Weiden u. s. w., nach vorgängiger Vermessung und Kartirung, beurtheilen. Auch hat man in neuerer Zeit diesen Ausdruck auf andere landwirthschastliche Gegenstände ausgedehnt. Vgl. Schmalz, „Versuch einer Anleitung zum Bonitiren" (Lpz. 182-1). Bonn, eine freundlich gelegene Stadt im Regierungsbezirk Köln der prcuß. Rhein- Provinz, am linken Nheinufcr, hat mit Ausschluß des Militairs 14640 E-, die sich zu mehr als fünf Sechstheilen zur katholischen Kirche bekennen. Nächst dem Nathhause verdient vorzüglich der Römerplatz bemerkt zu werden. Unter den vier katholischen Kirchen ist der im byzantinischen Stile erbaute Münster die älteste und ausgezeichnetste. Eine evangelische Kirche besteht seit 1817, faßt aber kaum mehr die Gemeinde, die gegenwärtig 1712 Glieder zählt. Die Stadt ist der Sitz eines Oberbergamts, hat eine Universität, ein Gymnasium und fünf Elementarschulen. Die 1652 in Wien gestiftete Leopoldinischc Akademie der Naturforscher wurde von dort 1808 hierher verlegt; auch besteht hier seit 1818 die Niedcrrhei- nische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde. Es hat bedeutende Fabriken in Baumwolle, Steingut (Fayence), Vitriol und Seife. Am Handel nehmen die Juden, deren es über 590 gibt, lebhaften Theil. Eine Universität erhielt B. 1786; während der franz. Herrschaft wurde dieselbe aufgehoben und 1802 in ein Lyceum verwandelt. Die Stiftungsurkunde der gegenwärtig bestehenden Universität ist am 18 . Oct. 1818 zu Aachen vollzogen. Sie hat ein jährliches Einkommen von mehr als 90000 Thlr. aus Staatskassen und etwa 2800 Thlr. aus eigenen Einkünften. Die Besoldungen der Professoren betragen jährlich gegen 50900 Thlr.; auf dir Bibliothek werden 4150 Thlr. und mehr verwendet. Bedeutender Zuschüsse hat sich 511 Bonn (Zkndreas) der Universitätsfonds neuerdings durch König Friedrich Wilhelm IV. zu erfreuen gehabt. Das ehemalige kurfürstliche Residenzschloß, welches der Universität geschenkt und mit großen Kosten neu eingerichtet wurde, dürfte an Ausdehnung und Schönheit von keinem Universitätsgebäude in Europa übertroffen werden. Es enthält sämmtliche Auditorien, die Bibliothek von bereits mehr als 100000 Bänden, das akademische Museum der Alterthümer, die archäologische Sammlung, das physikalische Cabinet, die klinischen Anstalten, die von seltenem Umfange und ausgezeichneter Einrichtung sind, und die Reitschule im Erdgeschosse unter der Bibliothek. Außerdem besitzt die Universität durch Schenkung Friedrich Wil- hclm's III. ein eigenes Anatomiegebäude und das ehemalige Lustschloß in Poppelsdorf, eine Viertelstunde von der Stadt entfernt, wo sich die zoologischen und mineralogischen Sammlungen, der botanische Garten und die dem ökonomischen Institute bestimmten Gebäude und Ländereien befinden. Die Sternwarte, für die früher der Alte Zoll, ein in ganz Deutschland wegen seiner Aussicht berühmter Punkt, bestimmt war, ist an noch geeigneter»! Orte, zwischen der Stadt und dem Poppelsdorfcr Schlosse, nicht minder geschmackvoll wie zweckmäßig neuerdings erbaut worden. Unter A. W. von Schlcgel's Leitung, der die Aufsicht auch über das durch vielfache Nachgrabungen sehr bereicherte Museum röm. Alterthümer führt, hat der König eine Sanskritdruckcrci anlegcn lassen. Seminaricn, Preisaufgaben, Freitische, Stipendien sind durch die Freigebigkeit der Negierung eingerichtet. Die Universität zerfällt in fünf Facultäten, nämlich eine katholisch- und eine evangelisch-theologische, eine juristische, eine mcdicinischc und eine philosophische, in welchen über 70 Professoren und Docenten lehren; die Zahl der Studirenden im Sommerhalbjahr 18-12 war 600 . Das evangclisch-theologische Seminarrum, mit einer homiletischen Abtheilung unter Nitzsch's und Sacks Leitung, das katholisch-theologische Convictorium, das naturwissenschaftliche und das philologische Seminar, letzteres früher von Heinrich und Näke, jetzt von Welckcr und Nitschl geleitet, haben schon jetzt reiche Früchte getragen. Außerdem sind Namen wie Scholz in der katholisch-theologischen Facultät, Walter, Blume, Böcking in der juristischen, Harleß, Nasse, Mayer in der mcdicinischen, A. W. von Schlegel, Hüllmann, Welckcr, Bischof, Locbell, Goldfuß, Delbrück, Freytag, Nöggerath, Plücker und Argclandcr in den verschiedenen Zweigen der philosophischen Facultät durch schriftstellerische Werke ehrenvoll bekannt. Bernd steht einem heraldisch-diplomatischen Cabinet vor. Erfreulich war es zu sehen, wie in neuerer Zeit Arndt (s. d.) nach zwanzigjähriger Suspendirung wieder rehabilirt und Dahlmann (s. d.) als Lehrer der Staatswissenschaften angestellt wurden. B. ist der Geburtsort Bcethoven's, mit dessen Denkmal, das der Professor Hähnel in Dresden arbeitet, die Stadt im J. 181-1 geschmückt werden wird. B-, bei den Römern vonns genannt, ist eins der von ihnen in Deutschland angelegten Castelle. Nachdem cs im -1. Jahrh. zerstört und durch Kaiser Julian wieder aufgebaut worden war, litt cs vorzüglich in den Kämpfen der Hunnen, Franken, Sachsen und Normannen. Zu B. ward 0-12 eine große Synode gehalten. Jm J. I27Z ward es Residenz des Kurfürsten von Köln, was es bis 1794 blieb. Hier hielten sich 1673 die Franzosen gegen Holländer, Spanier und Östrcicher. Nach einem heftigen Bombardement ward B. 1680 durch Kursürst Friedrich III. von Brandenburg eingenommen und >703 durch die Holländer unter Coehorn, worauf es erst 1715 wieder in den Besitz von Köln kam. Die Festungswerke, in welche die 1210 zuerst erbauten Stadtmauern nach und nach verwandelt worden waren, wurden zum großen Theil 1717 geschleift und auf ihrem Grunde sowie aus den gewonnenen Steinen das kurfürstliche Schloß aufgeführt. Im I. 1802 wurde die Stadt durch den lunevillcr Frieden französisch, im I. 1811 durch den wiener Congreß preußisch. Mit dem rechten Nhcinufer steht B. durch eine fliegende Brücke in Verbindung, wie mit Köln nun bald durch eine bereits in Angriff genommene Eisenbahn. 3n der romantischen Umgebung sind Godesberg, Nolandseck, die Insel Nonnenwerth und der Drachenfels vielbesuchte Glanzpunkte. Vgl. Hundeshagen, „Die Stadt und Universität B. mir ihren Umgebungen" (Bonn 1832). Bonn (Andreas), einer der berühmtesten holländ. Chirurgen, gcb. zu Amsterdam 1738, der Sohn eines Apothekers, studirtc Medicin und Chirurgie in Leyden, wo er 1762 M> Doctor promovirt wurde, bei welcher Gelegenheit er die als Vorläuferin der Arbeiten Bichat s und Meckel's wichtige Monographie „ve continuitatii-us wembrauarmn" schrieb. 512 Bonnet Bonnet (Charles) Nach einem längern Aufenthalte in Paris trat er 177 t als praktischer Arzt in Amsterdam auf wo er auch Vorlesungen hielt. Große Verdienste erwarb er sich als Vorsteher der Monnikhofs- schcn Stiftung zur Erforschung der besten Heilmethoden für die verschiedenen Brüche. Überhaupt war sein langes Leben ganz der leidenden Menschheit und der Bildung geschickter Ärzte und Wundärzte gewidmet. Er starb 1818. MitHovius gab er die „vescrchtio tliesaur! os- 5NIIN morbosornm Hoviani" (Ämst. 1763, 3.) heraus, und auf eigene Kosten ließ erden „'l'liessurus ossium inorbosoruin Hovisnus" in Kupfer stechen; doch sind davon nur drei Hefte erschienen (Leyd. 1785—88, Fol.). Seine „'Lubnluedoctrinsm liernlsrum illustrsn- tes" wurden nach seinem Tode von Sandifort (Lond. 1828, Fol.) hcrausgegeben. Bonnet heißt in der Fortification die Erhöhung der Brustwehr an den ausspringen- Len Winkeln einer Fcldschanze oder eines Festungswerks, welche den Zweck hat, das Enfili- ren der Front, an deren Ende sie liegt, zu hindern. BvNNet (Charles), Naturforscher und Philosoph, geb. zu Genf am 13. Mar; 172S, entschied sich sehr früh für das Studium der Naturgeschichte, obschon er auch die Rechtswissenschaften, für welche er bestimmt war, mit vielem Erfolge trieb. Durch seine erste Abhandlung über die Blattläuse, worin er bewies, daß sich dieselben ohne Begattung vermehren, ward er im 20 . Jahre Korrespondent der Akademie der Wissenschaften in Paris. Bald darauf nahm er an den Arbeiten und Entdeckungen Trembley's über die Polypen Theil und machte treffliche Beobachtungen über das Athemholen der Raupen und Schmetterlinge und über den Bau des Bandwurms. Dem Geiste seiner Zeit gemäß gab er seinen Untersuchungen zugleich eine teleologische Richtung, welche seinen Schriften großen Beifall gewann. In diesem Tone schrieb er den „Drsite d'insectologie" (2 Bde., Par. 1735) und die „kedierclies sur I'ussge des tenilles dsns les plsntes" (Leyd. 175-1,1.). Als eine durch zu anhaltendes Arbeiten herbeigesührte heftige Augenentzündung ihn über zwei Jahre am Schreiben verhinderte, benutzte er diese Ruhe, um über Gott und Natur und insbesondere über die Natur der Seele genauer nachzudenken. Er ward 1752 Mitglied des Großen Raths seiner Vaterstadt, was er bis 1768 blieb. Darauf zog er sich auf sein Landgut Genthod am Ufer des Gcnfersees zurück, wo er mit seiner liebenswürdigen Gattin ein eingezogenes, der Natur, dem Umgänge mit in- und ausländischen Gelehrten und seiner ausgebreiteten Korrespondenz gewidmetes Leben führte. B. war ein feiner, genauer Beobachter der Natur; von ihr ausgehend und mit Locke der Erfahrung huldigend, bildete er sich eine philosophische Ansicht, die er mit seiner religiösen Überzeugung in Verbindung setzte. In seiner Psychologie, die er in dem „blssai de ps^eliologie ou considerstioos sur les operstivns de I'Lms" (Lond. 1755; deutsch mit Anmerkungen von Dohm, Lemgo 1773) und in dem „Llsssi snrd>ti761 ; deutsch von Titius, Lpz. 1766) suchte er seine Ansicht über die Natur auf populaire Weise im Zusammenhänge darzustellen. In seinen Betrachtungen über die Fortdauer der Seele, die er in den „Idöss sur I'etat tuknr des etres vivant«, ou pslingeoesie xkilosvpliiczue" (2 Bde., Genf 1769) anstelltc, suchte er die Vernunftmäßigkeit der christlichen Offenbarung zu erweisen. Lavater übersetzte den letztem Theil derselben unter dem Titel „Philosophische Untersuchung der Beweise für das Christcnthum" (Zür. 1771) und legte dieselbe Mendelssohn vor, um eine Änderung in dessen religiöser Überzeugung zu bewirken, woran aber B. keinen Antheil nahm. Er selbst gab seine „Oeuvres d'Iustoire naturelle et de pidlosoplüe" (8 Bde. 4 . und 18 Bde. 8., Neufch. 1779 — 83) heraus und starb allgemein geachtet am 20. Mai 1793. Vgl. Trembley's „lUe'moire ;>nvr servir s l'iiistoirs üe ls vie et der ouvraZes de 6." (Bern 1794; deutsch, Halle 1795). — Unter mehren an- Bsnnet (Louis §erd.) Bonneval 513 dem Gelehrten, namentlich Ärzten, dieses Namens erwähnen wir Theophile B-, geb. 1820 zu Genf, gest. am 20. März 1680, dessen „^mitomia ^rarticu" (2 Bde., Genf 1670, Fol.) das erste Werk über die pathologische Anatomie ist und die Grundlage des Systems von Morgagni bildet, und Pierre B., geb. >668, gest. am >0. Dec. 1708 zu Versailles als Arzt der Herzogin von Burgund. Bonnet (Louis Ferd.), einer der berühmtesten Advocatcn Frankreichs, geb. 1760 zu Paris, legte schon im College Mazarin, das er besuchte, außerordentliche Redncrtalentc an den Tag. Er wählte die juristische Laufbahn und zog zuerst als Verthcidigcr der Madame Kornmann i» dem Proccß, in welchem Beaumarchais verwickelt war, die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich. Beim Beginne der Revolution war er eine der Hauptzicrdcn des stanz. Barreau. Als diese Institution mit den übrigen siel, wartete er ruhig ab, bis die Gerichtsordnung wiederhcrgcstcllt war, und nahm dann den Rang wieder ein, der ihm gebührte. Die glänzendste Handlung seines Lebens war die Vertheidigung des Generals Moreau. Die Rede», die er bei dieser Gelegenheit hielt, gehören zu den herrlichsten Proben der gerichtliche» Beredtsamkeit. Später hatte er Louvel zu vertheidigen. Im I. 1820 trat er in die Deputirtenkammer und wurde >826 Rath am Cassationshose. Eine Auswahl seiner Reden findet sich in den „stnnulos tlu burreii» tr.myai«" (Bd. 8). — Tein Sohn Julc s B., früher Sachwalter des Schatzes, ist als Advocat sowie als Übersetzer der Werke Mackenzic's >8 Bde., Par. 1826) bekannt. BoilNkval (Claude Alexandre, Graf von), auch Achmed Pascha genannt, einer der merkwürdigsten Abenteurer, aus einer angesehenen franz. Familie, geb- am 1-1. Juli 167» zu Coussacim Limousin, kam bereits in seinem 10. Jahre, da man ihn im Jesuiten- colleginm nicht mehr zu zügeln vermochte, in das königliche Marinecorps, wo er sehr bald Beförderung fand und wiederholt in den Berichten an den König mit Auszeichnung genannt wurde. Auf Zureden einiger Freunde trat er indeß nach einigen Jahren in die Garde, wo er nun mit seinem unbeständigen, flüchtigen Charakter auf einmal wieder in sein eigentliches Element versetzt, zumal da ihm der Ruf eines kühnen Offiziers vorausging, zum Helden galanter Abenteuer sich ausbildcte. Aber auch bei der Garde hielt er nicht lange aus. Im Regiment Latour machte er den ital. Feldzug von 17 01 unter Catinat mit, dann focht er unter dem Marschall von Luxembourg in den Niederlanden. Dort wie hier erwarb er sich vielen Ruhm; die berühmtesten Feldherren Europas, namentlich der Prinz Eugen, schätzten seine militairi- schen Talente und seine Tapferkeit und Kühnheit; er galt für einen glücklichen Parteigänger, und gern folgte ihm Jeder, wenn er einen Streifzug unternahm. Dabei war er ein Witzling, und wie er für Ruhm glühte, so ließ er auch keine Gelegenheit vorüber, sich als geistreichen Mann zu zeigen, wobei ihm freilich nichts heilig war. Als ihm der Kriegsminister Chamil- lard wegen im Kriege verübter Erpressungen sein Gesuch um Beförderung abschlug, reizte l er denselben durch die unbesonnensten Beleidigungen dermaßen, daß dieser ein Kriegsgericht berief, welches ihn als Verleumder zum Tode verurtheiite. Da er indeß diesen Ausgang vvrhersehen mußte, war er bereits nach Deutschland geflüchtet, wo er sehr bald auf 1 Empfehlung des Prinzen Eugen in östr. Diensten angestcllt und zum Generalmajor befördert wurde. Er diente nun gegen sein Vaterland, verwüstete mit Feuer und Schwert die Provence und Dauphine und zeichnete sich durch manche kühne That in den Feldzügen von 171o, NII und 1712 aus. Im Frieden zu Rastadt im J. 1710 wurde durch Vermittelung des Prinzen Eugen sein Proceß in Frankreich niedergeschlagen auch die Rückgabe seiner Güter jugesagt, die er aber, da sie einmal von seinem Bruder in Besitz genommen waren, niemals wieder erlangen konnte. Von Kaiser Karl VI. ward er zum Gencrallieutenant und zum Mitglied des Reichshofraths befördert, wodurch aber freilich sein unersättlicher Ehrgeiz nur kurze Zeit beschwichtigt werden konnte. An dem Kriege zwischen der Türke! und Ostreich hatte er, kurz zuvor zum Feldmarschall-Lieutenant ernannt, an des Prinzen Eugen Seite den entschiedensten Antheil an der Eroberung von Temeswar und an der Schlacht bei Peterwar- ! dein am 5. Aug. 1716, wo er schwer verwundet wurde. Mit neuen Lorbcrn geschmückt ging er, während sein Regiment die Winterquartiere bezog, zunächst nach Wien und, nachdem er genesen, nach Paris, wo er eine sehr ehrenvolle Ausnahme fand. Nach dem Frieden zu Pas- ! Sony.-Lex. Nennst Ausl. v. ' 33 514 VonneMe sarowitz lebte er wieder zu Wien, wo er sich aber durch Leichtsinn, Witzeleien und die Sucht, sich in des Prinzen Eugen häusliche Angelegenheiten zu mischen, so unangenehm machte, daß Letzterer, um ihn zu entfernen, 1723 dessen Anstellung als Generalfcldzeugmeister in den Niederlanden bewirkte. In Brüssel gerieth er sehr bald mit dem Gouverneur Marquis de Prie, vielleicht weil dieser bei dem Prinzen Eugen in hoher Gunst stand, in arge Zerwürfnisse wegen der Gemahlin des jungen Königs von Spanien, über die sich der Gouverneur, weil sie in Brüssel etwas von der strengen Etiquette abwich, tadelnd geäußert hatte. Als er durch Pamphlete denselben aus seiner scheinbaren Gleichgültigkeit nicht herauszubringen vermochte, sandte er, dadurch auf das äußerste erzürnt, ihm eine Herausfoderunq. Die Folge davon war, Laß er verhaftet und dann nach Wien beschicken wurde, um Rechenschaft zu geben. Dem Befehle zuwider ging er nach dem Haag, wo er fast einen Monat verweilte und mit dem franz. und dem span. Gesandten viel verkehrte. Auf der Reise nach Wien ward er sodann verhaftet, auf das Schloß Spielberg bei Brünn gebracht, ihm der Proceß gemacht und durch de» Hofkriegsrath das Leben abgcsprochen, welches Urtheil der Kaiser dahin abänderte, daß er ein Jahr lang ans dem Spielberg in Verhaft blieb. Dann ward er unter der Bedingung, nie wieder den deutschen Boden zu betreten, über die tiroler Grenze gebracht. Uber Venedig ging er nun nach Konstantinopel. Da ihm der Ruf seiner Thaten sowol als die Erzählung, wie menschenfreundlich er einst die gefangenen Türken behandelt habe, vorausging, nahm man ihn sehr gern auf. Vom Großvezier veranlaßt, weil er nur so zu einer öffentlichen Audienz bei dem Eroßsultan gelangen könne, ging er 1730 zum Islam über, unterwarf sich dcr Beschneidung und empfing den Namen Achmed. Über die Absicht seines Übertritts später befragt, antwortete er: „Ich habe den Islam angenommen, um meine Tage in Nachtmütze und Schlafrock hinbringen zu können." Gleich darauf wurde er vom Großsultan zum Pascha von drei Roßschwcifcn erhoben. Nachher zum General der Artillerie ernannt, organisirte er dieselbe auf europ. Weise. Sultan Mahmud I. war mit seinen Einrichtungen durchweg einverstanden und schenkte ihm sein volles Vertrauen; desto mehr Hindernisse legten ihm die Eifersucht mächtiger Paschen und die Abneigung der türk. Truppen gegen alle Einrichtungen der europ. Kridgszucht in den Weg. Als Befehlshaber einer Heeresabtheilung von 20V0U M. im Kriege der Pforte mit Rußland, führte er dieselben wiederholt zum Siege. Dann hielt er den wilden Usurpator des pers. Throns, Thamas Kulikhan, in seinen Siegen auf, sodaß derselbe von der beabsichtigten Unterjochung des osman. Reichs abstchen mußte. Zum Dank dafür ernannte ihn dcr Großsultan zum Statthalter von Chios. Doch B. wußte sich in dieser Gunst nicht zu behaupten; Unvorsichtigkeit und der Neid der Großen brachten ihn schnell in Ungnade; er ward seiner Würden beraubt und in ein Paschalik am Schwarzen M«n verbannt. Er hatte die Absicht, nach Europa zurückzukehren, als er in Konstantinopel am 27. März 1747 starb. Der Sultan ließ ihn prachtvoll in Pera bestatten und sein Grabmal mit türk. Inschrift schmücken. Die unter B.'s Namen erschienenen ,Mvmaires", welche von neuem durch Deshcrbiers (2 Bde., Par. 1806) herausgegeben wurden, sind unstreitig unecht. Vgl. „Merkwürdiges Leben des Grafen B." (Hamb. 1737) und „Leben und Begeben Heiken des Grafen von B." (4 Bde., Franks, und Lp;. 1738). Bonueville (Nicolas de), Publicist und einer der ersten Schriftsteller Frankreichs, welche der deutschen Literatur einige Aufmerksamkeit widmeten, wurde am 13. März 1761» s zu Evreup geboren und studirte in Paris. Von früher Jugend an zeigte er einen sehr beweg kichen Charakter und streifte der Reihe nach auf allen Gebieten des Wissens umher. Seine ersten Poesien waren ungeregelte Ergüsse seiner Begeisterung. Mit ganzem Eifer gab er sich dem Studium der ausländischen Literatur zu einer Zeit hin, wo die Kenntniß fremder Sprachen in Frankreich noch wenig verbreitet war. Als eine Frucht dieser Studien ließ er in Verbindung mit einem in Paris lebenden Deutschen, Namens Friede!, das „Nouveau tliestre L»em->n<1" (12 Bde., Par. 1782 — 85) erscheinen. Da diese Sammlung günstig ausgenommen wurde und namentlich die Aufmerksamkeit der Königin Marie Antoinette ihm zulenkte, so entschloß er sich nachher zur Herausgabe einer Auswahl deutscher Erzählungen, die er der , Königin widmete. Neben dcr deutschen Literatur suchte er auch die Meisterwerke anderer Län- , der in die franz. Literatur einzuführen. Die Übersetzung Shakspeare's, die er in Verbindung mit Letourneur herausgab, ist nicht ohne Verdienst und hat namentlich dazu beigetrageu, düstn l Vomiier d'Arco Vonpland 515 großen Dichter in Frankreich bekannt ;u machen. JmJ. 1786 machte er eine Reise nach England. Hier erwachte in ihm das Interesse an der Politik, das durch die beginnende Revolution bald noch mehr genährt ward. Er stiftete mit dem Abbe'Fauchct den „Cercle.--ncial" und gab erst den „l'rilmn <>» ;,828. Von seinen Schriften erwähnen wir noch die „HistniretIs.I'Lur<,),c>i>nrlsi'ns" (3 Bde., Genf l 789—82) und die Schrift „11s I'es;>rit «Iss roliginim" (Par. 1791). Beniner d'Arco (Auge), bevollmächtigter Minister der Republik Frankreich beim Kongreß zu Nastadt, war Präsident der Rechnungskammer zu Montpellier, als die Revolution ausbrach, die er durch eine Menge Flugschriften namentlich in den niedern Elasten förderte. Nach und nach wurde er Deputirter, Mitglied des Gesetzgebenden Körpers und des Convents, in welchem er mit den Worten: „Um des Wohls der Republik und um der Natur des Verbrechens willen" für den Tod Ludwig's XVI. stimmte. Unter dem Direktorium hatte er 1797 mit Lord Malmesbury wegen des Friedens zu unterhandeln und wurde hierauf mit Noberjot und Treilhard, den später Jean Dcbry ablöste, zum Congreß zu Ra- stadt gesendet, wo er durch seine Arroganz und Verachtung aller conventionellen Formen vielen Anstoß erregte und bei der Abreise der Gesandtschaft unweit der Stadt nebst Noberjot ermordet wurde. (S. Raftadt.) Bonpland (Aime), Naturforscher geb. zu La-Nochelle, begleitete als Zögling der Arzneischule und des botanischen Gartens zu Paris 1799 Alex, von Humboldt (s. d.) nach Amerika und sammelte dort über 6999 neue Pflanzenarten. Nach seiner Rückkehr ward er 189-l Vorstand der Gärten zu Navarre und Malmaison, die er in der „IlsocrPtion r. Francia, auf dem Gebiete von Buenos-Ayres überfallen und, nachdem diese die Theepflanzungcn zcr- l stört hatten, mit den meisten Indianern gefangen nach Paraguay abgeführt. Ilr. Francia schickte B. zunächst als Garnisonsarzt in ein Fort und beauftragte ihn dann mit der Anlegung eines Handelswegs; auch durfte er im beschränkten Kreise seine botanischen Wanderungen fortsetzen und seine Sammlungen bereichern. Seine Gefangenschaft hatte keinen andern Grund, als daß ihm die Anpflanzung des Paraguaythecs gelungen. Vergebens verwendete sich Alex, von Humboldt, unterstützt von Canning und dem brit. Geschäftsträger in Buenos-Ayres, Parish, bei 1)r. Francia selbst, um die Freilassung seines Freundes. Erst im Nov. 1829 erhielt er seine Freiheit, worauf er nach Buenos-Ayres sich wendete. Von hier aus schrieb er 1832 an Alex, von Humboldt, daß er nur seine Sammlungen aus Paraguay erwarte, um nach Europa zurückzukehren; doch nachher änderte er seinen Sinn und. kehrte nach Paraguay zurück. Von Montevideo aus berichtete er am Ende des I. > 839 an dl. von Humboldt, daß er nun nach Francia's Tode seine Forschungen in Paraguay jn er> 33* 516 Bonstetten Bootes weiterten Kreisen fortzusehen hoffe, und daß er für den Fall eines schnellen Todes Alles voraus bestimmt habe, daß sein Herbarium und seine Handschriften im besten Zustande seien. Seine Bemerkungen zu dem auf der Reise mit Humboldt gesammelten Herbarium hat Kunth in den „l^ov» Acncru et species planturum" (12 Bde., Pak. 1815 — 25, -1.) mitgctheilt. Bonstetten (Karl Victor von), ein ausgezeichneter Schriftsteller, wurde I735zuBern geboren, wo sein Vater, Karl Emanuel von B., Scckelmeister war. In Hverdun, dann vom 19. Jahre an in Genf erzogen und hier durch den Umgang mit Stanhope, Voltaire, Saussure und Bonnet, der ihm Geschmack für psychologische Untersuchungen einflößte, gebildet, studirte er zu Leyden, Cambridge und Paris und reiste dann nach Italien, das er später öfter besuchte. Im I. 1775 ward er Mitglied des Großen Raths von Bern, dann Landvoigt zu Sarnen, >787 in Nyon und später Oberrichter in Lugano, wiewol er wegen seines zerstreuten Wesens zum Geschäftsmann sich nicht eignete. Bei ihm lebten Matthiffon, Salis und Friederike Brun; bei ihm arbeitete Johannes von Müller die Geschichte seines Vaterlands. In dieser Zeit schrieb er seine gehaltvollen „Briefe über ein schweizerisches Hirtenland" (Bas. 17 82). Den Umwälzungen in seinem Vaterlandc ausweichend, reiste er 1799 nach Italien und folgte dann der Einladung seiner Freundin Brun nach Kopenhagen, wo er bis 1891 lebte. Während seines Aufenthalts daselbst erschienen seine „Kleinen Schriften" (1 Bdchn., Kopcnh. 1799—1891), die von vielseitigem Interesse sind. Bei seiner Rückkehr im I. 1892 wählte er Genf zu seinem Aufenthaltsorte. Die Resultate, seines Forschens über die besten Mittel der Volkserziehung erschienen unter dem Titel „Uber Nationalbildung" (2 Bde., Zür. 1892). Eine spätere Reise nach Italien veranlaßte ihn zu interessanten topographischen Untersuchungen über die zunehmende Verödung der Campagna di Roma, aus Mangel der Cultur und der daraus sich verbreitenden ungesunden Luft, in der sur Is seene du dermcr livre dc>, l'Llneide, suivi de guelcjues observstions sur I« l.atiuin maderns" (Genf 1813). Seine „Recbercbessur Io natnre etles lois de 1'imsFmution" (2 Bde., Genf 1897) wurden zum Theil durch die verwandten Schriften von Muratori und Bettinelli veranlaß!, i In seinen Schriften „l'ensees diverses s»r divers vbjets d» bien public" (Genf 1815), „Ltudes de I'komme «» recbercbes sur les fucultes de sentir et de pense, " (2 Bde., Genf ! 1821; deutsch von Gfrörer unter dem Titel „Philosophie der Erfahrung, oder Untersuchung über den Menschen und seine Vermögen", 2 Bde., Stultg. l 828) und „l.'bnmme du midi et du Nord" (Genf 1823; deutsch von Gleich, Lpz. 1825), welche beide letzter» durch eine Vergleichung der polarisch entgegengesetzten Länder veranlaßt wurden, die B. in kurzer Zeit nacheinander bereist hatte, spricht sich eine herrliche aufBeobachtung gestützte Lebenswcisheil in populairer Darstellung aus. Ein lebensfroher Greis starb er zu Genf am 3. Febr. >832. Er zeichnete sich durch eine lebhafte, bewegliche Phantasie und durch hohes Wohlwollen aus. Sei» Freundschaftsbund mit Johannes von Müller und Matthiffon wird durch deren Werke in ^ Andenken bleiben. Seine „Briefe an Matthiffon" von 1795—1827 gab Füßli (Zür. 1827) beraus; sein geistig fröhliches Walten bis zum I. 1828 schildern seine „Briefe an Friederike ^ Brun", herausgegeben von Matthiffon (2 Bde., Franks. 1829). Bonze» heißen bei den Japanesen die Priester des Fo oder Buddha (s. d.). Boot heißt das offene Fahrzeug, welches größere Schiffe mit sich führen. Das Boot wird gewöhnlich nur durch Ruder fortbewegt und führt selten ein Segel. Größere Schiffe, vorzüglich Seeschiffe, führen mehre Boote mit sich, die während der Fahrt in der Regel auf dem Verdeck mittels Tauen befestigt sind. Besondere Gattungen sind das Avis book, welches aus einem Hafen nach dem andern geht, das Kanonenboot und das Lootsen- oder Rettungsboot, welches, um das Sinken zu verhüten, wenn es bei heftigem Sturme Wasser schöpft, inwendig mit Kork ausgelegt ist. Die großen Boote der Kriegsschiffe nennt man Schaluppe (s. d.), Jolle u. s. w. Bootes heißt nach der Erzählung des röm. Mythographen Hyginus Philomelus, der Sohn der Ceres und des Jasion, der, als er sich durch seinen Bruder Plutus aller Güter beraubt sah, den Pflug erfand, welchen er mit zwei Stieren bespannte, und so den Acker be- j stellte, um sich Nahrung zu verschaffen. Zur Belohnung für diese Erfindung ward er von f seiner Mutter sammt dem Pfluge und dem Stiergespanne unter dem Namen Bootes, d. >- Sticrtrcibcr, an den Himmel versetzt. Nach Andern ist B. Jkarius, der Vater der Erigonh 517 Böotien Bopp nach noch Ander» Arkas, der Sohn des Lykaon und der Kallisto, den sein Vater schlachtete und dem Jupiter als Mahlzeit vorsetzte, um dessen Allwissenheit zu prüfen, den aber dieser wieder zusammen- und an den Himmel versetzte. (S. Sternbilder.) Böotien, eine Landschaft Mittelgriechenlands, welche gegen Norden an Phocis und dicopuntischen Lokrer, gegen Osten an den Kanal von Euböa, gegen Süden an Attika und Mc- garis, gegen Weste» an das Alcyonische Meer und Phocis grenzte, obwol diese Grenzen nicht immer dieselben blieben. Das Land ist im Ganzen, besonders im Südwesten, hoch gelegen; die im Süden vom Kithäron und Parnes, im Westen vom Helikon und den Ausgängen des Parnassus, im Norden von den opuntischen Gebirgen cingeschlossenen Thalebcnen zerfallen in drei Haupttheilc, in das Gebiet der copaischen Niederung, in das des Asopus und in das Küstenland am Kriffäischen Meere. Jene Gebirge werden neben dein Sphinxbcrg und dem Libethrms in der alten Poesie und Mythologie oft verherrlicht. Der Hauptstrom ist der Kephisus, der bei Chäronea aus Phocis in das Land fällt und im Frühjahr, durch unzählige Regenbäche angeschwcllt, die kopaische Niederung meist in einen See verwandelt. In den nördlichen Gegenden herrscht eine reine und gesunde Lust, dagegen ist der tiefer gelegene Theil von häufigen Erdbeben und schädlichen Nebeln heimgcsucht. B. war reich an Mineralien, namentlich an Marmor, Töpfcrerdc und Eisen, desgleichen an Getreide und Obst, auch im Altcrthume vorzüglich berühmt wegen des Flötcnrohrs, welches vielleicht zur musikalischen Ausbildung der Bewohner beitrug. Die frühesten Bewohner gehörten zu verschiedenen Stämmen, wurden aber schon frühzeitig von den aus Thessalien eingcwandcrtcn Aoliern thcils verdrängt, thcils mit ihnen vereinigt, und so entstand allmälig die Einheit des Landes und Volks. Die Böotier waren als Landbaucr kräftig, tapfere Streiter zu Fuß und zu Roß, aber plump, ungesellig und ohne Thcilnahmc an Verfeinerung der Sitten und geistiger Bildung, sodaß sic selbst einer sprüchwörtlichcn Verhöhnung nicht zu entgehen vermochten; doch fehlte cs unter ihnen nicht an ausgezeichneten Feldherren, wie Epaminondas, an Dichtern, Philosophen und Geschichtschreibern, wie Hcsiod, Pindar, Korinna, Plutarch u. A. Die größer» Städte nebst ihrem Gebiete, deren Zahl gewöhnlich auf 14 bestimmt wird, wohin Theben, Haliartus, Thespiä u. s. w. gehörten, bildeten den B ö o t i s ch c n Bund unter sich. Vgl.Klütz, „De foLtlere lioeotico" (Bcrl. 1821) und Ter Breujel, „De koecisre bnentico" (Gröning. 1844). An der Spitze desselben stand ein Archon, ihm zunächst die bcrathende Behörde, welche aus vier Personen bestand und ihren Hauptsitz in Theben hatte; die aus- führende Gewalt dagegen war den Böotarchen anvertraut, die von den einzelnen Staaten in den Volksversammlungen gewählt wurden und ihr Amt nur Ein Jahr verwalten durften. Von diesem Bunde war zur Kaiscrzeit nur noch ein Schatten übrig, denn seit der Schlacht bei Chäronca, wo Philipp den maccdon. Thron auf den Trümmern der gricch. Freiheit gründete, war die politische Bedeutsamkeit des Landes so rasch gesunken, daß um 4l» v. Chr. nur zwei Städte, Tanagra und Thespiä, einiges Ansehen genossen. Aber für immer denkwürdig werden in der Geschichte die Schlachtfelder von Platää, Leuktra, Koronäa und Chäronea bleiben. Ausführlich ist die Topographie und Geschichte B.s behandelt in Otfr. Müllcr's „Geschichten Hellen. Stämme und Städte" (Bd. I) und in Forchhammcr's „Helleinka" (Kiel 1841). Bvpp (Eduard Franz), ordentlicher Professor der oriental. Sprache an der Universität zu Berlin, gcb. zu Mainz I7lil, legte in Aschaffcnburg, wohin seine Altern dem Hofe des Kurfürsten von Mainz gefolgt waren, den Grund zu seiner wissenschaftlichen Bildung. Schon hier ward ihm besonders durch Mindischmann die Liebe für die oriental. Literatur kingeflößt. Entschlossen, sich ausschlicßcnd dem Studium derselben zu widmen, ging er im Herbst 1812 nach Paris, wo er an Chczy und Sylvestre de Sacy sowie in A. W. von Schlegel Freunde und Gönner fand. Mit einer kleinen Unterstützung des Königs von Baicr» lebte er fünf Jahre in Paris, später in London, dann in Göttingcn seinen Studien mit ausgezeichneter Beharrlichkeit und wurde hierauf in Berlin angestcllt. Als Schriftsteller trat er zuerst mit der Schrift „Über das Conjugationssystcm der Sanskritsprachc" (Franks. 18 l «i) auf. Die Grammatik der Sanskritsprache bearbeitete er in einer dreifachen Form: „Ausführliches Lehrgebäude der Sanskritsprache" (Bcrl. 1827), „Ornminnlica criticn Immune ssuscritae" (2Bdc-, Berl. 1820—42,4.) und „Kritische Grammatik der Sanskritsprachc" 518 Bvppard Bora (Berl. 1833), denen sich sein „<11<>---itrini» --cl»->ciitiim" (Bcrl. 1830; 2. Ausl., 1830,3.) anschlicßt. Auch gab cr mehre Bruchstücke des großen indischen Epos „Ulalmbimrata" im Originaltext, in Übersetzung und mit Anmerkungen heraus, nämlich „l>li>>us et Dunm- Zlababimrati ejnsockiimi" (Lond. 1819; 2 . Aust-, Bcrl. 1832; metrisch übersetzt, Bcrl. 1838); „Ardschuna's Reise zu Indra's Himmel" (Bcrl. l 823); „lliinvium c»m tn- dus aliis ltlallitbltar-eti e;>iso<>Hs" (Bcrl. 1829). Außerordentlich hat cr durch seine grammatischen Lehrbücher das Studium des Sanskrit in Europa erleichtert und befördert. Sein Hauptvcrdicnst aber, wodurch cr zugleich der Begründer einer neuen Wissenschaft, dcrsprach- vcrgleichendcn Grammatik, geworden ist, liegt in der Analyse der grammatischen Formen der verschiedenen Sprachen des indo-german. Sprachstamms, die cr mit großem Scharfsinn und tiefblickender CombinationSgabc bis in ihre letzten ursprünglichen Elemente zu zerlegen weiß. Sein Hauptwerk in diesem Fache ist die „Vergleichende Grammatik des Sanskrit, Zend, Griechischen, Lateinischen, Litthauischcn, Altslawischen, Eothischcn und Deutschen" (3 Abrheil., Bcrl. 1833—32, 3.), welche durch einige auch besonders gedruckte Abhandlungen in den Verhandlungen der Berliner Akademie der Wissenschaften, z. B. „Über die keltischen Sprachen" (Berl. 1839, 3.), „Über die Vevwandtschaft der malaiisch-polyncsischen Sprachen mit den indo germanischen" (Berl. 1831, 3.) und „Über das Albanesische" noch erweitert worden ist. Außerdem erwähnen wir sein Werk, „Vocalismus oder sprachvcrglei- chendc Kritiken über I. Grimm's deutsche Grammatik undGraffts althochdeutschen Sprachschatz, mit Begründung einer neuen Theorie des Ablautes" (Berl. 1836). Als Zeichen der Anerkennung seiner großen Verdienste um die Sprachkunde wurde ec zum Ritter des neu- gcstistcten Ordens;>u»r le mörits ernannt. Boppard, ein Städtchen am linken Ufer des Rhein im prcuß. Regierungsbezirke Koblenz, der Sitz eines Fricdcnsgcrichts, har drei Kirchen, eine Synagoge, ein Lyccnm und zählt 3000 E-, welche Baumwollenwaarcn-, Leder- und Tabackspfeisenfabrikcn unterhalten und Schiffahrt, Holz- und Kohlenhandel treiben. Schon zur Zeit des Kaisers Augusius war hier ein Castell Namens Bandobriga oder Bontoprica vorhanden, das Drusus erbaut haben soll. Später entstand in der Nähe desselben der Ort Boppard, der sich bald durch Handel und Schiffahrt hob und in den Zeiten der Hohenstaufen zur Reichsstadt wurde. Um 1312 schenkte Kaiser Heinrich VII. die Stadt seinem Bruder Balduin, welcher Kurfürst von Trier war. Die Bopparder, unzufrieden mit dieser Verfügung, schickten sich an, der Besitzergreifung durch den Kurfürsten Widerstand zu leisten; doch nachdem derselbe die Stadt überrumpelt und zum Theil niedergcbrannt hatte, mußte sic sich unterwerfen und blieb unter der Herrschaft der Erzbischöfe von Trier, obschon sic wiederholt versuchte, ihre frühere Selbständigkeit wiederzucrlangen. Bora heißt der scharfe, trockene und heftige Nordostwind, welcher meist im Winter, oft acht bis neun Tage anhaltend, von den kroatischen und illyrischen Gebirgen her das ganze Litorale und die istrischen Küsten bis Triest und weiterhin bestreicht und namentlich das Aus- und Einlaufen in die dortigen Häfen und Rheden hindert. In der Seestadt Zcngh weht die Bora oft so heftig, daß sic Fenster cindrückt und daß man, um nur gehen zu können, Leitseile über die Straßen ziehen muß. Bora (Katharina von), Luther's Ehegattin, war am 29. Jan. 1399 geboren, angeblich zu Löben bei Schweinitz in Sachsen. Ihr Vater soll Hans von Mergenthal auf Deutschenbora gewesen sein; ihre Mutter Anna war eine geborene von Hugewitz oder Haugwitz. Sehr jung kam sie in das Cistercienserkloster Nimptschen, unweit Grimma. Mit Luther's Ansichten bekannt geworden, fühlte sie sich hier bald höchst unglücklich und wandte sich, da ihre Verwandten sie nicht hörten, endlich mit acht andern Nonnen an Luther. Luther gewann einen Bürger zu Torgau, Leonhard Koppe, der, in'Vereinigung mit einigen Genossen, die neun Nonnen in der Nacht vom Charfteitag auf den Ostersonnabend, am 3. Apr. > 523, aus dem Kloster befreite und sie nach Torgau und von da nach Wittenberg brachte, wo Luther ihnen ein anständiges Unterkommen verschaffte. Auch erließ Luther ein öffentliches Sendschreiben an Koppe, worin er unverhohlen bekannte, daß cr die erste Veranlassung zu diesem Vorfall gegeben habe, und ermahnte die Altern und Verwandten der neun Jungfrauen, sie wieder zu sich zu nehmen. Einige derselben wurden von Wittenberg. Bürgern in Borax Borba 5l9 ihre H-ruser ausgenommen; die jungem aber verheiratheten sich. Katharina war in das Haus des Bürgermeisters Ncichcnbach gekommen. Luther ließ ihr durch seinen Freund, de» Prediger Nikolaus von Amsdorf in Wittenberg, den Doctor Kaspar Glaz, der alsPfar- rer in Orlamünde starb, zum Gatten antragen. Sie lehnte diesen Antrag ab, erklärte sich aber bereit, dem Nikolaus von Amsdorf, oder auch Luther selbst, ihre Hand zu reichen. Luther hatte zwar 1524 seine Mönchskleidung abgelegt, auch war er dem Ehestände nicht abgeneigt ; doch hatte er Katharina im Verdacht der Hoffart. Um so überraschender war seine Vcrheirathung mit ihr am I3. Juni 1525, welche seine Feinde natürlich zur Erfindung von allerlei gehässigen Gerüchten benutzten. So wenig Grund dieselben hatten, so scheint doch Luther nicht in allen Dingen mit seiner Käthe zufrieden gewesen zu sein; denn mit der ihm eigenen Treuherzigkeit spricht er ebcnsowol von de» Leiden als den Freuden seiner Ehe. Daß er aber sich nicht unglücklich mit ihr gefühlt habe, dafür spricht sein Testament, in welchem er sic, so lange sic nnverhcirathet bleiben würde, zur alleinigen Erbin aller seiner Habe ein- setzte, weil sic, wie er sich ausdrückt, stets ein frommes und treues eheliches Gemahl gewesen sei. Nach Luther's Tode unterstützte sie Johann Friedrich wiederholt mit Geldgeschenken und sorgte für ihre Söhne, auch der König Christian III. von Dänemark sandte ihr mehrmals kleine Geldsummen. Nach der Einnahme Wittenbergs im Mai > 517 ging sic nach Magdeburg und von dort mit Mclanchthon nach Braunschwcig, in der Absicht, sich mm Könige von Dänemark zu begeben. Doch kehrte sie nachher »ach Wittenberg zurück, bis sie 1552 durch die Pest vertrieben, schon krank sich nach Torgau wendete, wo sic bald darauf am 2«>. Dec. >552 starb. Ihr Gedächtnißstein in der Pfarrkirche zu Lorgau, auf welchem sie in Lebensgröße ausgehauen ist, ist noch vorhanden. Vgl. Walch's „Geschichte der Kath. von B." (2 Bde., Halle 1752-54). Borax ist ein Salz, welches aus einer cigenthümlichen Säure, der B o r a x sä u r e (s. d.), und Natron besteht und im Handel roh sowie geläutert vorkommt. Der rohe Borax, Tin- kal genannt, dessen beste Sorten China liefert, findet sich auch in Persien und Tibet im Schlamme großer Seen. Der aus Tibet kommende ist stets mit einer fettigen Masse überzogen. Derraffinirte oder gcläutcrtcBorax ist entweder blvs von seinen fremden Bestandtheilcn gereinigter Borax, was besonders in Holland geschieht, oder er ist wirklich künstlich aus Boraxsänrc und Natron dargestcllt, was neuerdings in großer Menge stattfindet. Er ist weiß und durchsichtig und krystallisirt ziemlich regelmäßig. Man hat zwei Sorten, eine cubisch und eine rhombisch krystallisirte, die sich durch den Wassergehalt unterscheiden. Gebraucht wird er bei Verfertigung des Glases, künstlicher Edelsteine, als Schmelzmittel und zum Löthen der Metalle, zum Emailliren, zur Bereitung mancher Farben und in der Färbckunst. Bvraxsäure heißt die im Borax an Natron gebundene Säure, die sich aber auch frei in der Natur findet, und zwar als Product vulkanischer Exhalationcn in einem Districtc Tos- canas nicht weit vom Gran-Sasso d'Jtalia, daher auch Sassolin genannt. Man hat seit einigen Jahren angefangen, aufsehr sinnreiche Weise die aus Erdspalten hervorkommcndcn Dämpfe in künstliche Lagunen zu leiten und das Wasser dieser letztem, nachdem cs sich mit Dämpfen gesättigt hat, abzudampfcn, wodurch man Bvraxsäure in so großen Mengen und zu verhältnißmäßig sehr billigen Preisen gewinnt, daß der Borax (s. d.) jetzt vorthcilhafter durch Sättigung dieser toscanischcn Boraxsäure mit Soda, als durch Reinigung des Tin- kal dargestellt wird. Die Boraxsäure selbst hat nur in der analytischen Chemie Anwendung. Borboriäner odcr B o rboriten werden als gnostischc Partei in den ersten Jahrhunderten von mehren Kirchenvätern erwähnt; doch scheint cs mehr ein Spottname zu sein, entstanden aus dem griech. Borboros, d. i. Koth oder Mist. Nach Epiphanias standen sic in Hinsicht ihrer Ansichten den Nikolaiten am nächsten. Spottwcise erhielten diesen Namen auch die Waterländer, eine mcnnonitischc Partei in Holland zu Ende des l 6. Jahrh. Borda (Jean Charl.), ein um die praktische Mathematik und Astronomie sehr vcr- dienter Mann, geb. zu Dax im Departement des Landes am 4. Mai 17.73, machte 177 k mit Verdun und Pingrc eine Reise nach Amerika, um die Secuhrcn zu prüfen, wobei er zugleich die Länge und Breite vieler Küsten, Inseln und Klippen berichtigte. Die Resultate dieser Reise machten die drei Gefährten in der „Vo^uge t»it zmrorürs cln roi en l77t 52V Bordeaux et 1772 en ckiverser Parties cke I'L»r«;>e et >Ie I'^merl^uc, etc." (2 Bdc., Par. 1718, I.) bekannt. In gleicher Absicht reiste B. l 771 nach den Inseln des Grünen Vorgebirgs und nach der Westküste Afrikas, welche Reise er einige Jahre später wiederholte. Sehr thätig war er, als 1787 die Sternwarten von Paris und Greenwich in nähere Verbindung traten, auch bei der großen Mcridianmessung Frankreichs neben Delambrc und Mechain eins der vorzüglichsten Mitglieder der damit beauftragten Commission. Während des amerik. Kriegs war er dem Grafen d'Estaing durch seine Kenntnisse im Seewesen sehr nützlich, und gleichzeitig wurde er der Gründer einer Schiffbauschnlc. Auch bei der Commission über die neuen Maße und Gewichte leistete er wesentliche Dienste. Er ist der Erfinder eines neuen Jnclinaloriums der Magnetnadel, und seine Correctionen des Secunden- pendels werden noch jetzt angewendet. Minder glücklich war er mit seinem Vorschlag einer neuen Wahlmethodc oder Stimmengcbung, deren praktischen Fehler zuerst Bonapartc als Consul nachwics. Am bekanntesten hat er seinen Namen gemacht durch die Verbesserung des Spiegelkreiseö (s. Sextant), über welches Instrument er in der „veacrlption et „-mge «lii csrcle ü retlexivl," (2 Bde., Par. l787, 1.) sich weiter verbreitete. Seine Eintheilung des Kreises in 1VV Grade zu IVO Minuten ü 100 Secunden wurde im übrigen Europa nicht angenommen, und selbst in Frankreich ist man wieder zu der alten gewöhnlichen zurückgekehrt. Erstarb zuParis am 20.Fcbr. 1790. Seine „l'ubles tr^o„oi„etri(,uc-! «lecim.ilcs, etc." wurden erst nach seinem Tode von Delambrc vollendet und herausgcgcbcn sPar. 1801). Bordeaux, die Hauptstadt des franz. Departements Gironde und eines gleichnamigen Bezirks von 77 IHM. mit 210000 E-, liegt am linken Ufer der Garonne, in der Landschaft Bordclais des ehemaligen Euyenne oder Aquitanien und hat 115000 E. Über die Garonne, welche 12 Stunden von B. mündet und hier schon ziemlich breit geht, führt eine Brücke von 17 Bogen, die unter Ludwig XVIII. gebaut wurde und über 2 Mill. Thlr. kostete. Die Stadt ist mit Mauern und festen Thürmcn umgeben. Die kleinen Forts Haa und St.-Louis oder St.-Croix und das stärkere Chateau Trompcttc vertheidigcn den Hafen, in welchen die größten Kauffahrteischiffe ohne Schwierigkeit mit der Flut, die oft bis 12 Fuß steigt, den Strom hcrauskommcn, der 1000 Schiffe aufnchmen kann. B. ist etwas alter- thümlich in seinem Äußern, eng und winkelig gebaut; es hat 19 Thore, wovon 12 nach dem Strome und 7 nach der umliegenden Gegend führen, zwei Vorstädte, Les Chartrons und St.-Scverin, mehre schöne öffentliche Plätze, darunter den Königsplatz, den Platz Dauphine, den Paradeplatz, den Platz St.-Germain und denkluce gruncks iiommes, angenehme Spaziergänge, 10 katholische und eine protestantische Kirche. Ausgezeichnete Gebäude sind die Kathedrale mit einem Gewölbe ohne Pfeiler, das Nathhaus Lambriere, worin die alten Herzoge von Euyenne residirten und später das Parlament seinen Sitz hatte, die Börse, das große Theater und der von Napoleon 1810 erbaute Palast. Aus der Römer Zeit stammen liebst vielen andern Überresten ein Thor, genannten porte l>u88e, ein schöner Springbrunnen, Welcher den Namen Dcge führt, und ein Amphitheater. B. ist der Sitz eines Erzbischofs, eines protestantischen Consistoriums und eines Präfcctcn; cs hat einen königlichen Gerichtshof, sechs Friedcnsgerichte, eine Handelskammer und ein Handelsgericht. Die dasige Universität wurde 1111, die Akademie der bildenden Künste, welche im Besitz eines schönen Museums ist, 1670 (erneuert 1768) die Akademie der Wissenschaften, mit einer Bibliothek von mehr denn 100000 Bänden, 1712 gestiftet; außerdem hatB. ein Lyceum, eine Linne'- sche Gesellschaft, ein Taubstummeninstitut, eine Handels-, eine Schiffahrtsschule u. s. w. Die Fabriken liefern namentlich Zucker, Glas, Töpfersachen, Wollenwaaren, Spitzen, Branntwein, Liqueur, Papier, Fayence, Hüte, Flaschen, Strumpfwaaren, Metalldraht, Wachs, Fußteppiche u. s. w. Äuch sind die Schiffswerste beständig in Thätigkcit. Nächst Nantes hat B. den größten Anthcil an dem franz.-amerik. Handel, eine Bank, welche für 10 Mill. Noten in Umlauf setzt, eine Affccuranz- und andere dergleichen Gesellschaften. Die beiden Messen zu B. im März und im Oct. sind für ganz Westfrankreich von der höchsten Wichtigkeit. Am Walfisch- und Stockfischfang nimmt die dasige Kaufmannschaft vorzüglich An- theil durch die Häfen von Bayonne, St.-Jean de Luz und St.-Malo. Mittels des Kanals von Languedoc versorgt B. das südliche Frankreich mit Colonialwaarcn. Die Ausfuhrartikel sind Wein und Branntwein, Weinessig, getrocknete Früchte, Schinken, Brennholz, Bordeauxweine Bordell 521 Terpenthin, Glasflaschen, Kork, Honig u. s. w. Eingeführt werden.besonders Colonialwaa- ren, engl. Zinn, Blei, Kupfer und Steinkohlen, Farbestoffe, Zimmer- und Schiffbauholz, Pech, Hanf, Leder, Heringe, Pökelfleisch, Käse u. s. w. Die von B. »ach Teste geführte Eisenbahn, deren Aktiengesellschaft wegen der geringen Rentabilität der Bahn bei der Regierung um Unterstützung nachgcsucht hatte, brachte den Minister der öffentlichen Arbeiten Teste in Conflict mit der Kammer der Deputirtcn, welche im März 1813 die von Seiten des Ministers beantragte Unterstützung verwarf. Bei den Römern hieß B. Hurckigsl-l; im 5. Jahrh. besaßen es die Gothen; die Normannen suchten es heim mit Brand und Plünderung. Durch die Vcrheirathung Eleonore s, der Tochter Wilhelm's X., letzten Herzogs von Guyenne, mit Ludwig VII. kam es an Frankreich. In Folge der Trennung dieser Ehe im 1.1152 und durch die Wicdcrvermählung Eleonore's mit dem Herzoge von der Normandie Wilhelm ll., der später den Thron von England bestieg, siel es diesem letztem Reiche zu. Erst unter Karl VN. kam cs >151 wieder an Frankreich. Als sich > 518 die Stadt wegen Einführung der Salztaxe empörte und der Gouverneur de Morcms ermordet wurde, nahm dafür der Connetable von Montmorcncy blutige Rache an den Bewohnern. Während der Revolution ward cs als Hauptsitz der Girondisten von den Schrcckcnsmänncrn fast wie Lyon und Marseille verheert. Unter Napoleon machte der Druck des Continentalsystems, dem der Handel von B. unterlag, die Einwohner der Regierung desselben abgeneigt, weshalb sie sich am 12. März 1811 unter alle» Franzose» zuerst für da§ Haus Bourbon erklärten. — l-un- !e u. heißen die Haidcstcppc» von Sumpf und todtcm Sande an der Küste, wo cs zur Zeit der Römer fünf Häfen gab, die jetzt bis auf den zu Teste ganz versandet sind. Bordeauxweine heißen nicht allein die im Bezirke der Stadt Bordeaux gewonnenen, sondern überhaupt die in Guyenne wachsenden, sowol rothe» als weißen und über Bordeaux versendeten Weine. Sie werden in verschiedene Elasten gctheill und zwar nach der Art in: ljMedvc und zwar n) baut, Lleckoc, z. B. Laffitte, Latour, Margaux, roth, Pontac, Barsac, Sauternes, weiß; b) Uns lUeckoc, die am linken Garonneuscr wachsen; 2) Orales in der Nahe von Bordeaux, z.B.Haut Brion, Rozau, Larose, St.-Julicn, sämmtlich roth; 3) Vius uucks er»s, ersu bourgeois und crus orclimüres scheidet, gehören den ersten beiden Elasten an; doch gibt cS auch unter den andern sehr gute Sorten. Von der ersten Elaste werden jährlich im Durchschnitt 16N»0ü Oxhoft erbaut. Die zweite und dritte werden vorzüglich ausgcführk, die geringsten Sorten nach Amerika, die besten nach England. Auch begreift man unter dem Namen Bordeauxweine verschiedene hochländische Weine, z. B. Gaillac, St.-Foi, Eahors, Fron- tignac und den Muscakcllcr von Besseres. Fast alle Bordeauxweine sollen einiger Zurichtung unterliegen, damit sic sich besser verfahren lassen, und insbesondere sind die ü I'ungluise zugcrichtetcn mit Weingeist verseht. Kein Bordeauxwein ist unter 18 Monaten genießbar, und manche müssen fünf bis sechs Jahre liegen, che sie die gehörige Güte erhalten. Zur Bezeichnung des Alters gebraucht man in Bordeaux statt Jahr das WortBlatt (leuille), und es ist z. B. Vin cke tzuutre loinlles ein vierjähriger. Außerdem führt Bordeaux viele Weine aus, die mit den schweren von der Rhone kommenden verschnitten sind; im Ganzen werden selbst in mittelmäßigen Jahren über 20MM0 Oxhoft Bordeauxwein ausgeführt. Bordell nennt man eine unter öffentlicher Aufsicht stehende, policeilich geduldete Wirth- schaft, in welcher Freudenmädchen gehalten werden. Man leitet das Wort von dem altsächs. Bord, d.i. Haus, ab. Die Bordelle haben oft Vcrthcidigcr gefunden, die sich darauf stützten, daß durch sie schlimmer» Ausbrüchen und Folgen des Lasters vorgcbeugt werde. Indes; liegt in dieser Ansicht das für die Gesellschaft wenig ehrenvolle Zugeständniß, daß sic gewisse llnsitt- lichkcitcn nicht im Zügel halten könne. Auch erwachsen aus den Bordellen wieder andere und vielleicht noch greulichere Mißbräuche durch die Versuchung, die sie leichtsinnigen Geschöpfen geben, sich dem unsittlichen und verderblichen Gewerbe hinzugcbcn und durch die Mittel, welche die Kuppler anwendcn, ihre Schlachtopfer in ihr Netz zu locken. Die Hebung der Sittlichkeit im Volke, ein verwaltendes edles Familienleben und überhaupt ein gewisser Schwung, eine begeisternde, das Gemüth auf edle Zielpunkte wendende Richtung, dazu eine 522 Wordene Borger solche Gestaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse, welche die Ehe erleichtert, sind die besten Mittel, den Vcrthcidigern der Bordelle den meisten Vorwand zu nehmen. Bordöne (Paris), ein berühmter Maler der vcnctian. Schule, war zu Trcviso um 1500 geboren und starb 1570. Er gab das Studium der Wissenschaften auf, um unter Tizian sich zum Maler zu bilden, und sehr schnell entwickelte sich sein außerordentliches Talent. Die Ausführung vieler Aufträge für seine Vaterstadt und für Venedig verbreiteten seinen Ruhm auch nach Frankreich, wohin er vom Könige eingeladen wurde. Das vorzüglichste Verdienst seiner Gemälde besteht in der harmonischen Ausbildung eines zartrosigen Colorits, daher besonders seine weiblichen Bildnisse sehr anziehend wirken. Boreas, der Nord-Nord-Ostwind, der über die thrazischen Gebirge nach Hellas zu weht, erscheint in der Mythologie als Sohn des Asträus und der Eos oder Aurora, als Bruder des Notus, Zcphyrus und Hesperus und wohnt in eincrHöhlc des thrazischcnHämus. Dorthin entführte er die Tochter des athenischen Königs Ercchtheus, Orcilhyia, mit der er den Zcles, Kalats, die als Symbol der Schnelligkeit gelten, und die Klcopatra, die Gemahlin des Phi- neus, zeugte. Außer jener entführte er noch andere, wie die Chloris. Nach der Homerischen Sage erzeugte er mit den Stuten des Erichthonius zwölf Füllen, womit, wie man gewöhn- lich glaubt, die Schnelligkeit dieser Rosse angcdeutet werden soll. Nach Voß beruhen diese Sagen auf einem veralteten Glauben an eine Windempfängniß. Der Raub der Oreikhyin war auf dem Kasten des Äypsclos abgebildet, wo B. statt der Füße Schlangenschwänze hatte. In Athen hatte er einen Tempel, weil er die Schiffe der Perser zerstört, und zu Megalopolis wurden ihm zu Ehren jährliche Feste gefeiert, weil er den Megalopolitanern einst gegen die Spartaner Hülfe geleistet hatte. Borelli (Giov. Alfonso), Astronom und Stifter der iatromathcmatischen Schule, gcb. zu Neapel 1608, erhielt seine Bildung zu Florenz und ward dann Professor der Mathematik zu Pisa. Später ging er nach Messina, hierauf nach Nom, wo er der Gunst der Königin Christine von Schweden sich erfreute, und starb daselbst 1670. Mit einem sehr guten Fernrohre von Campani beobachtete er die damals noch wenig gekannten Jupiterstrabanten, wobei er zugleich ihre Bewegungen mit den Tafeln Galilei's verglich. Auch scheint er zuerst die parabolische Kometcnbahn erkannt zu haben. Unter der großen Zahl seiner Werke zeichnet sich vor allen aus „De motu -mii»»Iium" (Rom 1680— 81, - 1 ., zuletzt Haag 17-13), welches, ein in seiner Art klassisches Werk, als die Grundlage des iatroma- thcmatischcn Systems zu betrachtcnist. Indem er die Gesetze der Mechanik auf die Muskelbewegung anwendete, hat er über die Kraft, welche die Muskeln ausübcn, wenn die Knochen als einarmige Hebel betrachtet werden, an deren längerm Hebelarme die zu bewältigende Last wirkt, sehr zahlreiche Untersuchungen angestellt, und alle spätere Schriftsteller, welche denselben Gegenstand behandelten, haben dieselben den ihrigen zum Grunde gelegt. Borger (Elias Annes), geb. am 26. Febr. 178s im Dorfe De-Joure in Friesland, gest. am 20. Oct. 1820, war eine jener reichbegabten Naturen, deren Holland im Vergleich gegen größere Länder so viele aufzuweisen hat. Mit einer lebhaften Phantasie und der eindringlichsten Schärfe des Verstandes verband er einen Fleiß und eine Beharrlichkeit, denen kein Hinderniß unbesiegbar blieb. Durch bloßen Privatunterricht, dessen Mangelhaftigkeit er durch das eifrigste Selbststudium zu ersetzen wußte, vorgebildet, begab er sich ohne alle Empfehlung nach Leyden, um sich dem üblichen Examen zur Aufnahme auf die Akademie zu unterwerfen, und entwickelte dabei so außerordentliche Kenntnisse, daß ihm eine ansehnliche Unterstützung aus dem Staatsfonds zu Theil wurde, um seine akademische Laufbahn ungestört vollenden zu können. Nachdem er fast sieben Jahre mit eisernem Flcißc insbesondere der Theologie obgelegen hatte, wurde er 1807 Doctor der Theologie, bei welcher Gelegenheit er das überaus gründliche und tief eingehende „8j,ecü»en liermeneiiticum exkibens intee- pretretionem epistolue ksuli i«I Oul-tins" (Lcyd. 1807) vertheidigte. In demselben Jahre noch wurde er Lector der biblischen Exegese, 1811 außerordentlicher und I8I-1 ordentlicher j Professor der Theologie, vertauschte 18 l 7 den theologischen Lehrstuhl mit dem der Geschichte § und Literatur, welchen er bis zu seinem Tode bekleidete. Auch als Kanzelredner war er ungemein beliebt, und seine Predigten „I.eerrmieneil" (2 Bde., 4. Aust., Haag 1825) gehören, trotz mancher Mängel, zu den besten in diesem Zweige der Literatur. In Allem, Borghese (Familie) Borghese (Camillo Filippo Ludovico) 523 was er that und trieb, in seinen Vorträgen wie in gewöhnlicher Unterhaltung sprühten goldene Funken aus seinem reichen, Alles umfassenden Geiste. Er war ausgezeichnet als Theolog, Philolog, Philosoph und Historiker, und nicht minder als Dichter, wie scinpoctischerNachlaß „Oicterlijlce nulutonsclmp vun /c. L. 13." (Leyd. 1836) beurkundet. Im lat. Ausdrucke hakte er sich eine solche Gewandtheit angceignet und sich, ohne gesucht zu sein, so in den Geist Ciceronianischer Sprache und Darstellung eingclcbt, daß er als Stilist unter den Neuern eine bedeutende Stelle einnimmt. Sein Hauptwerk, welches auch das meiste Aufsehen erregte, iß die Schrift „vc m^sticismo" (2.Aust., Haag1820; deutsch von Stange, Altona 1826). Borghese, eine röm. Familie, welche aus der Republik Siena stammt, wo sie seit der Mitte des >5. Zahrh. die höchsten Ämter bekleidete, gelangte besonders durch Camillo B-, der 1605 als Paul V. den päpstlichen Stuhl bestieg, zu Ansehen und Reichthum. — Francesco B., der Bruder Pauls V., wurde von diesem 1607 zum Anführer der Truppen ernannt, die zur Aufrechthaltung der päpstlichen Rechte gegen Venedig gingen. — Marco AntonioB-, der Sohn Giov. Battista B.'s, eines Bruders Paul's V., erhielt durch die Verleihung und den Einfluß des Letztem das Fürstenthum Sulmona und den Titel eines Granden von Spanien und starb 1658.— Scipione Caffarelli, der Schwestersohn Paul's V. wurde von diesem, nachdem er den Namen Borghese angenommen, zum Cardinal erhoben, namentlich mit den cingezogenen Gütern der Familie Cenci (s. d.) bereichert und ist der Erbauer der berühmten Villa Borghese unweit der 1'ortu cksl popol« in Rom. — Giov. Battista B., der Sohn Marco Antonio B.'s, verhcirathcte sich mit Olimpia Al- dodrandini, einer der reichsten Fürstinnen Italiens, und ward durch sie der Erbe des Fürsten- chums Rossano. — Marco Antonio II. B., der Sohn dcsVorigcn, gest. 1729, erwarb bedeutende Rcichthümer durch Verheirathung in die Familie Spinola. — Sein Sohn, Camillo Antoniy Francesco BaldasarreB.,gest. >763, verband sich durch Heirath mü dem Hause Colonna. — Der älteste Sohn des Letztem, Marco Antonio III. B-, geb. 1730, beendete 1769 den beinahe hundertjährigen Proccß mit der Familie Pamfili wegen der Aldobrandinrschen Erbschaft. Er wurde 1798 Senator der Republik Rom und starb 1800. — Sein Erbe war sein Sohn Camillo Filippo Ludovico Borghese (s. d.), einer der reichsten ital. Fürsten seiner Zeit. — Ihn beerbte sein Bruder Frances coB-, Fürst Aldobrundini, geb. zu Rom 1777, Generalmajor in franz. Diensten, vermählt mit einer Gräfin Larochefoucault, gest. am 29. Mai 1839. — Seine Erben waren seine drei Söhne, der Fürst Marco Antonio B., geb. zu Paris 1813, dessen liebenswürdige Gemahlin, eine geborene Gräfin von Shrewsbury, am 27. Oct. 1830 starb, und der ihre drei Söhne binnen wenigen Wochen in das Grab folgten; Camillo B-, Fürst Aldobrandini, geb. zu Florenz 1816, und ScipioB., Fürst von Salviati, geb. zu Paris 1823. Borghese (Camillo Filippo Ludovico), Fürst von Sulmona und Rossano, vormals Herzog von Guastalla, ital. Prinz und Prinz von Frankreich, wurde zu Rom am 19. Juli 1775 geboren. Als die Franzosen in Italien eindrangen, nahm er Dienste in ihrem Heere und zeigte viel Anhänglichkeit an Frankreichs Sache, insbesondere an den General Bonaparte, dessen zweite Schwester Pauline, die Witwe des Generals Leclerc, er 1803 hcirathere. Hierauf ward er 1803 franz. Prinz und Großkreuz der Ehrenlegion und beim Äus- bruche des Kriegs gegen Ostreich 1805 Escadronchef der kaiserlichen Garde, bald darauf Obrist und später Divifionsgcneral. Nach Beendigung dieses Kriegs erhielt seine Gemahlin das Fürstcnthum Guastalla, während er selbst zum Herzoge von Guastalla erhoben wurde. Er nahm an dem Feldzuge von 1806 Theil und erhielt dann eine Sendung nach Warschau, um die Polen zu einem Aufstande vorzubcreiten, worauf seine Ernennung jum Gcneralgouverneur der Provinzen jcnscit der Alpen erfolgte. In Turin, wo er seinen Hofstaat hielt, machte er sich bei den Picmontcscrn sehr beliebt. Nach Napolevn's Thronentsagung hob er alle Verbindung mit der Familie Bonaparte auf und trennte sich von seiner Gemahlin. Als der König von Sardinien 1815 die Piemont. Nationalgüier, mit welchen die franz. Regierung die Summe von 8 Mill. Francs für die von B- erkauften Kunstwerke aus der Villa Borghese bezahlt hatte, in Beschlag nahm, erhielt er den größten Theil der Äunstschätze zurück. Seit 1818 lebte er in Florenz. Während seines Aufenthalts in Rom, im 1.1826, wurde er von Leo X1I..mit großer Auszeichnung behandelt, indem man hoffte, 524 Borghesi daß er bei seinem Tode die frommen Anstalten bedenken werde. Ohne Leibcserbe» starb er zu Florenz am 8. Mai 1532. — Seine Gemahlin, Maric Pauline, Fürstin B., früher Carletta genannt, Napolcon's zweite Schwester, war zu Ajaccio am22.Apr. >781 geboren. Sie hatte sich, als die Engländer I7S3 Corsica besetzten, mit ihrer Mutter nach Marseille begeben und stand hier im Begriff, dcnConvcntsdcputirtcnFrcron, einen Sohn des Gegners Vol- taire's, zu hcirathen, als eine andere Frau dessen Hand in Anspruch nahm. Hierauf sollte sie dem General Duphot sich vermählen, der später i» Nom im Dcc. 1797 ermordet wurde; allein ganz nach eigener Wahl gab sie ihre Hand zu Mailand dem General Leckere, der 1795 Chef des Generalstabs der Division zu Marseille war. Als dieser als Generalcapitain nach S.-De- mingo geschickt wurde, befahl ihr Napoleon, mit ihrem Sohne ihren Gemahl dahin zu begleiten. Sie schiffte sich im Dec. >591 zu Brest ein, und man besang aufdem Admiralschiffe, der Ocean, die schöne Frau mit ihrem nicht minder schönen Knaben als Galathea der Grieche» und Venns murin-,. Sie zeigte sich sehr muthvoll und entschlossen. Als die Neger unter Christoph die Capstadt, wo sie wohnte, stürmten und Leckere, der die Andringenden nicht länger zurückzuhalten vermochte, Frau und Kind auf ein Schiff zn bringen befahl, konnte sic nur mit Gewalt dazu vermocht werden. Nach dem Tode Leclcrc's vermählte sie sich zu Mor- fontaine am 25. Aug. > 593 mit dem Fürsten B. Ihr einziger Sohn starb bald daraufzu Nom. Mir Napoleon, den sie zärtlich liebte, veruneinigte und versöhnte sie sich unaufhörlich, da sie sich nicht immer in die Launen seiner Politik finden wollte. Sic trotzte oft seinem Willen von Ncuilly aus, wo sic in solchem Falle in der Zurückgezogenheit sich aushielt. Doch dieser Stolz, mit dem sic von ihm fodertc, während ihre Geschwister bitten mußten, machte sie dem Bruder nur um so anziehender. Als sic sich aber einst gegen die Kaiserin, zu der sie keine Zuneigung hatte, vergaß, mußte sie den Hof meiden. Sic war noch in Ungnade bei Napoleon s Sturz im I. 1513 und befand sich in Nizza; allein sogleich handelte sie ganz als zärtliche Schwester. Statt ihren Palast in Rom zu beziehen, begab sie sich zu ihrem Bruder nach Elba und machte die Vermittlerin zwischen ihm und den übrigen Gliedern der Familie. Als Napoleon 1515 in Frankreich gelandet war, ging sic zu ihrer Schwester Karoline »ach Neapel und dann nach Rom. Vor der Schlacht bei Waterloo sandte sic ihrem Bruder zur freien Verfügung ihre sehr kostbaren Diamanten, die sich in Napolcon's nach dieser Schlacht erbeutetem Wagen befanden. Von ihrem Genialste getrennt, lebte sie dann zu Nom, wo sie einen Theil des Palastes Borghese bewohnte und seit 1510 die Villa Sciarra besaß. Ihr Haus, worin Geschmack und Kunstsinn herrschten, war der Versammlungsort des glänzendsten Kreises in Rom. Als sie von Napolcon's Krankheit hörte, suchte sie wiederholt um die Erlaubniß nach, sich zu ihm nach St.-Helcna begeben zu dürfen, die sic aber erst erhielt, als die Nachricht von seinem Tode cintraf. Sie starb zu Florenz am 9. Juni 1525. Außer vielen Vermächtnissen und einer Stiftung, von deren Zinsen zwei junge Leute aus Ajaccio Mcdicin und Chirurgie studiren sollen, setzte sie ihre Brüder, den Grafen von St.-Lcu und den Herzog von Montfort, zu Erben ihres an 2 Mill. Francs betragenden Vermögens ein. Ihr von Canova zu Rom in Marmor gearbeitetes Bildniß ist ein dem Künstler überaus gelungenes Werk. Borghesl (Bartolome», Graf), einer der ausgezeichnetsten Numismatiker und Epigraphen Italiens, geb. zu Savignano am >1. Juli 1751, ward von seinem Vater, Pietro B., einem der verdienstvollsten Gelehrten seiner Zeit, schon früh den Wissenschaften zugeführt, und seine Fähigkeiten entwickelten sich so rasch, daß er in seinem elften Jahre schon eine Abhandlung über eine Bronzcmünze herausgab. Er setzte nach dem Tode seines Vaters 1795 seine Studien im Collegia dei Nobili und von >798—1899 im Adels- collegium San-Luigi in Bologna fort. Nach der Rückkehr in seine Heimat stiftete er mit mehren, nachmals berühmten Gelehrten die 4cc-><>e„»i» SuviFn-lneso und begann seine antiquarische Thätigkeit mit ausgedehnten Urkundcnforschungen, um eine verbesserte Ausgabe der Muratori'schen Annalen zu besorgen, die jedoch seiner geschwächten Gesundheit wegen nicht zu Ende gelangte. Im I. 1892 ging er nach Rom und wendete dort, von Gactano Marini angeregt, seinen Fleiß derjenigen Wissenschaft zu, welche ihn vorzugsweise berühmt gemacht hat, nämlich der Inschriftenkunde; an diese knüpfte er die umfassendsten Untersuchungen über die röm. Familienmünzen. In Mailand, welches er zum ersten Male l 897 besuchte, s-k N lu fü pr ve m ur bä su A G da i» de fei sei iik L> L- m lvi ve tei w B s-i w> di ve m Nt S de N sei de s« di di L- de K Kt m »i I zt C A ih st 525 > er cher ccn. ege- lol- e sie lein bc- - lffe, he» Ner icht mte !or- om. > sie so» ol;, >bcr !>ei- -n's iche ach ilic. ^ ach zur rchi wo Ar nd- um !klt, ßer ccio >md ein. ins Epiker, >af- hre sci- cls- mit an- abe icht üni ^ ,cht ! zcn »tt, Borgia (Geschlecht) schloß er mit Labus Freundschaft und gewann diesen für die epigraphische Wissenschaft. Nach Pius' VII. Rückkehr übernahm er die mühsame Arbeit, die vaticanische Münzsammlung zu ordnen und zu katalogisiren, wofür zum Lohne er sich vom Papste nur Befreiung für sich und die Scinigen von den Fastenobservanzen erbat. Seit 1821 lebte er in der Republik San-Marino seinen gelehrten Arbeiten und zugleich als guter Bürger den ihm anvertrauten Staatsgeschäftcn. So ging er noch im Mai 18-12 als Abgesandter und Bevollmächtigter der Republik nach Nom, um mit dem päpstlichen Gouvernement wegen derSalz- und Tabacksstcuern zu unterhandeln. Seine Einsicht in alle Zweige der Staatsverwaltung hätte ihn zu Bekleidung der höchsten Ämter befähigt; doch nie hat er etwas der Art gesucht. Als Gelehrter wiederholt mit Berufungen ins Ausland beehrt, hat er sich durch diese Auszeichnung nie bewegen lassen, seine persönlich bescheidene Stellung aufzugeben. Seine Gefälligkeit und uneigennützige Theilnahmc an allen literarischen Zwecken seines Bereichs darf beispiellos genannt werden. Trotzdem daß seine eigenen ausgedehnten Arbeiten ihn zwingen sollten, jeden Augenblick zu Rache zu halte», schließt er sich dennoch mit einer wunderbaren Hingebung und aufopfernden Liebe jedem fremden Unternehmen an, für welches fein Beistand in Anspruch genommen wird. Sein Hauptwerk werden die „Consularfasten" sein, an welche er sein Leben gesetzt hat. Borgia ist ei» ursprünglich span. Geschlecht, das seit dem I 5. Jahrh. nach Italien übersiedelte. — Alfons B. bestieg >155 unter dem Namen Calixtus III., Nodrigs Lenzuoli B. unter dem Namen Alexander VI. (s. Alexander) den päpstlichen Stuhl. Letzterer zeugte vor seiner Erhebung zum Papste mit einer Römerin Vanozza (Eiulia Farnese) mehre Kinder, von denen vorzüglich Giovanni, Cesarc und Lucrezia ihre Namen auf die Nachwelt gebracht haben. — GiovanniB. ward auf Verwenden seines Vaters durch den König von Spanien mit dem Herzogthume Gandia in Valencia beschenkt. Als ihm 1197 sein Vater das Herzogthum Benevcnt nebst den Grafschaften Tcrrarina und Pontecorvo verlieh, ward deshalb sein jüngerer Bruder Cesare auf ihn eifersüchtig und ließ ihn acht Tage nach der Belehnung ermorden. — Cesare B-, eins der größten Ungeheuer seiner verdorbenen Zeit, schien zu einer Zeit, wo der röm. Hof eine Schule der schändlichsten Arglist und Sittenlosigkeit war und weder Verträge noch Eide Sicherheit gewährten, das Unrecht und die Falschheit aus die höchste Spitze der Möglichkeit treiben zu wollen. Andere Fürsten haben zwar mehr Blut vergossen, schrecklichere Rache geübt; gleichwvl ist B.'s Name mit größerer Schande gebrand- markt, da alle seine Ünthaten aus besonnener Überlegung und tiefer Niederträchtigkeit der Gesinnung hervorgingen. Das Heiligste gebrauchte er nach Willkür zu Erlangung seiner Zlvecke. Sein Vater bekleidete ihn bald »ach seiner Erhebung auf den päpstlichen Thron >183 mit dem Purpur. Als Karl VIII. von Frankreich auf seinem Eroberungszuge nach Italien in Nom einzog und Alexander mit ihm unterhandeln mußte, gab er B. zum Unterpfande seiner Treue; allein dieser entwich nach wenigen Tagen aus dem Lager des Königs. Nach der Ermordung seines Bruders erlaubte ihm sein Vater 1197 den Purpur abzulegen, um sich dem Kriegerstande zu widmen, und schickte ihn >198 nach Frankreich, um Ludwig XII. die erbetene Scheidungs- und Dispensationsbullc zu überbringen. Ludwig belohnte B. für die Willfährigkeit seines Vaters mit dem Herzogthume ValentinoiS in der Dauphine, einer Leibwache von 199 M., 29999 Livres jährlicher Einkünfte und versprach ihm Unterstützung bei seinen Eroberungsentwürfen. Hierauf vermählte sich B. 1-199 mit einer Tochter des Königs Johann von Navarra und begleitete Ludwig XI I. nachJtalien. Mil 2999 Reitern und 699" Fußsoldaten unternahm er zuerst die Eroberung der Romagna, verjagte die rechtmäßigen Besitzer des Landes, ließ sie zum Theil meineidigerweise ermorden und sich 1591 »on seinem Vater zum Herzoge von Romagna ernennen. In demselben Jahre entriß er Jakob von Appiano das Fürstenthum Piombino; auch versuchte er, jedoch vergebens, sich zum Herzoge von Bologna und Florenz zu machen. Sodann kündigte er 1592 an, daß er Camerino angreifen wolle und fodertc dazu Soldaten und Geschütz von Guidobald von Monteseltro, Herzog von Urbino. Aus Gehorsam gegen den heiligen Stuhl schickte dieser ihm, was er verlangte, und B. bemächtigte sich damit des ganzen Herzogthums Urbino. Ca- merino ward mit Sturm genommen, und Julius von Varano, der Herr der Stadt, nebst seinen beiden Söhnen auf B.'s Befthl erdrosselt. Inzwischen hatten sich alle ital. Fürsten W W S 526 Borgia (Steffano) verbunden und zu ihrer Verteidigung Soldaten gesammelt; aber B. wußte sie thcilsdnrch 3000 Schweizer, die er nach Italien berief, in Furcbt zu sehen, thcils durch vorteilhafte Anerbietungen einzeln wiederzugewinnen. So trennte er ihren Verein, machte Einige von ihnen zu seinen Bundesgenossen, besiegte mit ihrer Hülfe die Andern, ließ sie aber dann am Tage des Siegs zu Sinigaglia am 31. Dec. 1502 sämmtlich treulos ermorden. Hierauf bemächtigte er sich ihrer Länder und sah nun kein Hinderniß mehr, von seinem Vater zum König von Romagna, der Mark und Umbrien erhoben zu werden, als dieser am >7. Aug. 1503, vermutlich an Gift, das er zwölf Cardinälen bereitet hatte, starb. Auch B., der an dem Plane Theil nahm, hatte von dem Gifte genossen und siel in Folge dessen in eine schwere Krankheit, gerade zu einer Zeit, wo seine ganze Tbätigkcit und Geistesgegenwart nöthig waren, um sich zu behaupten. Zwar wußte er sich der Schatze seines Vaters zu bemächtigen, versammelte seine Truppen in Rom und knüpfte sein Bündniß mit Frankreich noch enger, aber allenthalben standen seine Feinde wider ihn auf. Als vollends einer der erbittertsten unter dem Namen Julius kl. den päpstlichen Stuhl bestieg, ward er verhaftet und nach Spanien auf das Schloß Medina-del-Campo gebracht, wo er zwei Jahre in Gefangenschaft blieb. Endlich entfloh er zu seinem Schwager, dem König von Navarra, zog mit diesem in den Krieg gegen Castilien und ward am l 2. März 1507 durch ein Wurfgeschoß vor dem Schlosse von Biano getödtet. Bei aller seiner Schlechtigkeit war B- mäßig und nüchtern; er liebte und beschützte die Wissenschaften und besaß eine so gewandte Beredtsamkeit, daß er selbst Diejenigen verführte, die gegen seine Täuschung am meisten auf der Hut zu sein sich Vornahmen. Eine Schilderung B.'s gab Macchiavelli in seinem „principe"; desselben Bericht über das Blutbad zu Sinigaglia, die abscheulichste unter allen Treulosigkeiten, die B. beging, ist ein merkwürdiges Aktenstück jener ruchlosen Zeit. — LucreziaB. war zuerst mit Giovanni Sforza, Fürsten von Pesaro, vermählt, der sie aber verließ, als sie mit ihren beiden Brüdern und dem eigenen Vater in unerlaubten Umgang trat. Hieraufverheirathete sie sich 1308 mit Alfons, Herzog von Biseglia, dem natürlichen Sohne Alfons' Ik. von Aragonien, und als dieser von ihrem Bruder Cesare 1501 ermordet worden war, mit Alfonsvon Este, der später Herzog von Ferrara ward. Verrufen als die ausschweifendste Frau ihres Zeitalters starb sie 1 520 . Sie war überaus schon und liebenswürdig und namentlich bezaubernd durch ihr goldenes Haar, das noch gegenwärtig in der Ambrosianischen Bibliothek zu Mailand aufbewahrt wird. Durch ihre Liebe zu dm Künsten und Wissenschaften zog sie mehre schöne Geister an ihren Hof, welche, wie z. B. Pietro Bembo, ihr auch in Gedichten huldigten. Victor Hugo hat in dem Trauerspiele „laicrLre kkorAia" (Par. 1832) die Hauptzüge ihrer Geschichte benutzt. Borgia (Steffano), Cardinal und Vorsteher der Propaganda, einer der edelsten Beschützer der Wissenschaften im 18. Jahrh., geb. am 3. Dec. 1731 zu Velletri, erhielt seine erste Erziehung bei seinem Oheim, Alcssan dro B., Erzbischof von Fermo, der >7lU starb. Nachdem er 1750 Mitglied der etruskischen Akademie zu Cortona geworden, begann er zu Velletri ein Museum von Alterthümern zu sammeln, das nach und nach eine der reichsten Privatsammlungen dieser Art wurde. Benedict XIV. ernannte ihn 1750 zum Gouverneur von Benevent, wo er durch die weisen Maßregeln, welche >763 Stadt und Gebiet vor der im Königreich Neapel herrschenden Hungersnoth bewahrten, sich Ruhm erwarb. Im Z. 1770 wurde er Secretair der Propaganda. Dieses Amt, das er 18 Jahre verwaltete, brachte ihn mit den in allen Wcltgegenden zerstreuten Missionaren in lebhafte Verbindung, die er zugleich für die Bereicherung seiner Sammlung an Handschriften und andern Denkmälern des Alterthums nutzbar zu machen wußte. Durch Pius VI. 1780 zum Cardinal und zugleich zum Oberaufscher der Findelkinder ernannt, erwarb er sich auch in dieser Stellung durch viele wohlthätige Einrichtungen große Verdienste. Als der Revolutionsgeist sich 1707 im Kirchenstaat zu zeigen begann, legte Pius VI. die Dictatur von Rom in die Hände B.'s, dem er noch zwei Cardinäle beigesellte. Nachdem aber bei dem Erscheinen der Franzosen vor den Thoren Roms am 15. Febr. 1708 der Papst sich entfernt und dieVolks- partei die Oberhand gewonnen hatte, ward B. verhaftet und dann aus den röm. Staaten verwiesen. Er ging nach Venedig und hierauf nach Padua, wo er nach Landessitte einen Gelehr- tenvcrein gründete. Mit Pius VII. kehrte er nach Rom zurück und widmete nun seine ganze Thätigkeit der Wiederherstellung einzelner Verwaltungszweige. Erstarb am 23 . Nov. >803 Borkenkäfer Börne 527 zu Lyon, auf dem Wege nach Paris, wohin er dem Papste folgen wollte. B. war im höchsten Grade wohlwollend, gefällig und offen; mit der größten Bereitwilligkeit verstattete er die Benutzung seiner kostbaren Sammlungen, die in einzelnen Partien Adler, Zoega, Georg!, Paulinus u. A. beschrieben haben. Die Arbeiten Anderer unterstützte er auf alle Weise und selbst mit Aufopferung; dagegen versagte er sich jeden Aufwand, um möglichst viel auf sein Museum verwenden zu können. Durch die „lstoria clells cittä Ui kenoventn" (3 Bde., >763—«9, 4.) begründete er sein Ansehen als Historiker und Alterthumsforscher. Außerdem schrieb er „ükoiniiimntn ,is Hpogrsxilms), der 1783 allein im Harze >'/- Mill. Fichtenstämme zerstörte, und wo er einmal überhand nehmend, mindestens im ersten Jahre nicht zu unterdrücken ist. In dieselbe Familie gehören noch der sogenannte Bücherwurm (ktilinus), welcher in alten Bibliotheken sehr häufig ist, die Todten- uhr s^nobinm pertinax), welche in altem Holze ein Geräusch, dem Picken einer Taschenuhr vergleichbar, hervorbringt, und endlich die großen Feinde der Herbarien und Jnsektcn- sanunlungen, Vnobium psniccum und I'tiniis kur. Born (Ignaz, Edler von), Naturforscher, geb. zu Karlsburg in Siebenbürgen am 28. Dec. >742, studirte bei den Jesuiten in Wien, deren Orden er >6 Monate angehörte, und widmete sich dann in Prag dem Studium der Naturwissenschaften. Zu seiner weitern Belehrung machte er hierauf eine Reise durch Holland und Frankreich. Im 1.17 7 0 wurde er Beisitzer in dem obersten Münz- und Bergmeisteramte zu Prag, hierauf Bergrath und N76 nach Wien berufen, um das Naturaliencabinet zu ordnen und zu beschreiben. Seit >779 Wirklicher Hofrath bei der Hofkammcr in Münz- und Bergwerkssachen, starb er daselbst am 28. Aug. 1791. Er war mit außerordentlichen Talenten ausgestattet, übersah jeden Gegenstand mit seltener Leichtigkeit, verstand und sprach mehre neuere Sprachen und besaß nicht nur in seiner Hauptwissenschast, der Mineralogie, sondern auch noch in vielen andern Wissenschaften mehr als gewöhnliche Kenntnisse. Den größten Ruhm erwarb er sich durch die Verbesserung und Erweiterung der Amalgamationsmethode, worüber er sich in dem Werke „Über das Anquicken der gold- und silberhaltigen Erze, Rohsteine, Schwarzkupfer- und Hüttenspeise" (Wien 1786; sranz. 1789) verbreitete. Seine Beobachtungen auf einer Reise in Ungarn und Siebenbürgen finden sichin feinen „Briefen überMineralgegenstände" (Wien 1770), die auch ms Englische, Französische und Italienische überseht wurden. Die Beschreibung des wiener Naturaliencabinets enthalten sein „InUex rerum nstnralium musei cses. vinUob., ?. I. ^estucen" (Wien 1778) und die ,,' 1 'estnce» mu 8 ei c» 68 . vinUoit." (Wien 1780). Von der reichen Ader des Witzes, die ihm zu Gebete stand, zeigen die von ihm anonym herausgegebene „Staatsperücke" (Wien,177 l) und das unter dem Nomen ävunnes kil^siopllilus erschienene„ 8 z,ecimonmonaclloIoFi 2 emetIlolIo I^innsesns" (Wien 1783), eineSatire auf den Geist und die Verfassung der verschiedenen Mönchsorden, welche auch deutsch unterdem El „Ignaz Loyola Kuttenpeitscher" (Münch. 1784), sowie engl, und sranz. gedruckt wurde. Börne (Ludw.), ein durch seine Stellung zur deutschen Literatur überhaupt merkwürdiger, wie als Publicist und Verfechter der modernen liberalen Ideen höchst beachtens- 528 Borneo werther Schriftsteller, wurde von jüdischen Altern 1783 zu Frankfurt am Main geboren, wo sein Vater, Jakob Baruch, Wechselgeschäfte trieb. Aus der Universität zu Berlin und dann zu Halle widmete er sich dem Studium der Arzneikundc, das er jedoch seit >807 aufgab, um zu Heidelberg und seit 1808 zu Gießen dem Studium der Staatswissenschaften mit Eifer und Erfolg obzulicgen. Nach seiner Rückkehr erhielt er in seiner Vaterstadt eine Anstellung als Policeiactuar. Als jedoch Frankfurt wieder in Besitz seiner alten Rechte und Freiheiten gelangt war, wurde er mit einem Jahrgehalt seiner Stellung enthoben, die ohnehin mit seinem Charakter und seinen Ansichten im ironischen Widerspruche stand. Aller Fesseln entledigt, konnte er sich nun seinem eigentlichen Berufe, der freien Schriftstellern und Publicistik, mit Energie und Liebe widmen. Nacheinander gab er das frankfurter „Staats-Ristretto", dann die „Zeitschwingcn" heraus, welcbc zu Offenbach erschienen, jedoch durch die großherzoglich Hess. Negierung unterdrückt wurden. Er selbst angeklagt, demagogische Flugschriften verbreitet zu haben, wurde bald hernach in Frankfurt verhaftet und in eine peinlich? Untersuchung verwickelt, jedoch gänzlich freigcsprochen. Im I. >817 trat er zur evangelischen Kirche überund vertauschte seinen Familiennamen mit dem Namen Börne. Von l 8 l 8—2 > gab er die „Wage, eine Zeitschrift für Bürgerleben, Wissenschaft und Kunst" heraus und lebte seit 1822 in gänzlicher Zurückgezogenheit abwechselnd in Paris, Frankfurt und Hamburg, bis die Julirevolution ihn nach Paris zog, wo er zu finden hoffte, was Deutschland seinem aufgeregten politischen Sinne nicht bieten konnte. Die großen Dinge, welche er erwartet, geschahen jedoch nicht, und obgleich er sich einem bestimmtern Wirkungskreise widmete und die „kislmice" gründete, in welcher er das deutsche Wesen mit dem franz. zu vermitteln die edle Absicht hatte, scheint sich doch eine ätzende Bitterkeit seines Innern immer m»hr bemächtigt zu haben, die nicht wenig zu seinem Tode am 13. Febr. >837 beigetragen haben mag. Die allgemeine Aufmerksamkeit des deutschen Publicums wurde besonders durch seine „Gesammelten Schriften" (8 Bde., Hamb. >820—31 ; 2. Aust., >835), die nach derJulirevo- lution eine noch höhere Bedeutung erhielten, aus ihn gelenkt. Obgleich es B., wie einige humoristische Skizzen und Genrebilder, namentlich seine treffliche „Denkrede aufJean Paul" (Erlang, und Hamb. 1826) beweisen, an Gemüth nicht fehlte, so war doch der kaustische Geist, der wesentlich negativ verfuhr, an ihm das Hervorstechendste. Als Prophet der politischen Stimmung, welche sich nach der Julirevolution auch in Deutschland entwickelte, war der Schlußpunkt aller seiner literarischen Bestrebungen die Bezugnahme auf Politik, die er sogar in seinen ästhetischen Bcurtheilungen, welche hierdurch eine einseitige aber interessante Färbung erhielten, nicht verleugnen konnte. Seine Consequenzen trieb er, besonders in seinen „Briefen aus Paris", und den „Neuen Briefen aus P.irK", welche den0.—13. Band seiner „Gesammelten Schriften" (Hamb. >832 und Par. 1833—33) bilden, bis zur Rücksichtslosigkeit auf die Spitze, indem er nichts scheute und nichts schonte und den Begriff der Ehrlichkeit mit dem der Grobheit häufig verwechselte. Zu leugnen ist indeß nicht, daß er sein deutsches Vaterland unter allen Auswanderern den Franzosen gegenüber am würdigsten vertrat, weil er ein Charakter war, nirgend der Frivolität huldigte und ebenso glühend zu hassen als zu lieben wußte. Es war nichts Gemachtes an ihm, sondern alles ursprüngliche Herzenswärme, die sich auch in seinem Zorncifer gegen Heine und noch in seiner letzten Schrift „Menzel, der Franzosenfresser" (Par. 1837) bewährte. Dabei zeichnen sich seine Schriften sämmtlich durch Fülle und Macht der Sprache und stilistischen Glanz aus; doch bestehen sie nur aus satirischen und witzigen Fragmenten, zu einer zusammcngehaltenen Production, zu einer systematischen Durchführung erhob er sich nicht. Über ihn schrieb Hein: sein ziemlich berüchtigtes Buch, „Heine über B." (Hamb. 1830); würdiger faßte ihn Gutzkow in seiner Schrift „B.'s Leben" (Hamb. 1830) auf. Seine Aufsätze aus der „vslnnce" wurden von Cvrmenin mit einer Einleitung hcrausgegeben. Von seinen deutschen Landsleuten in Paris wurde ihm 1833 auf dem Kirchhofe Pere-Lachaise ein Denkmal in Erz errichtet, welches der Bildkaucr David kostenfrei gefertigt hatte. Borneo, von den Eingeborenen Brunai oder Dayak-Waruni genannt, eine der zu den hinterindischen Inseln gehörigen Großen Sundainseln, ist eine der größten Inseln der Erde. Sie wird begrenzt im Süden durch die Sundasee, im Osten durch die Macaffar- straße und Celebessee, im Norden durch die Mindoro- oder Sulusee, im Westen und Nord- Borneo 529 westen durch das Chinesische Meer und ist, bei einem Küstenumfange von 670 M., 165 M. lang, 135 breit und 9000 lmM. groß. Nur an den Küsten hin haben sie die Europäer bis jetzt kennen gelernt. Wahrscheinlich zicht das krystallinische Gebirge der Nordostküste, welches im Kini-Balu endet, durch die ganze Insel fort. Von den wasserreichen Flüssen kennt man natürlich nur den untern Lauf. Unter de» Seen sind bekannt geworden der Danao-Ma- layü im Westen mit zwei Eilanden und der Kini-Balu am Gebirge gleiches Namens. Das Klima ist in den Küstengegenden feucht, heiß »nd daher für den Europäer sehr ungesund; cs herrschen Ruhr, Wechselfieber, Wassersucht, Gallcnübel, Rheumatismen, Pocken, Syphilis und Cholera. Die Temperatur ist im Ganzen gemäßigt, die Regenzeit dauert an der Westküste vom Nov. bis Mai, und das Thermometer schwankt Mittags zwischen 22"—26 ° R. Die Vegetation ist außerordentlich üppig und reich; neben gewaltigen Waldungen von Ei- senholz, Teakholz, Tambuse, Batu und Ebenholz sindFarbhölzer, Muskat, Sago, Kampher, Zimmt, Citronen, Betel, Pfeffer, Ingwer, Reis, Getreide, Bataten, Uams, Baumwolle, Nrmbus u. s. w. die wichtigsten Producte des Pflanzenreichs. Ebenso ist der Reichthum an Thieren bedeutend; cs finden sich hier Elefanten, Rhinocerosse, Leoparden, Bären, Ti-> ger, Unzen, Büffel, mehre Hirscharten, Babirussa und Affen, darunter der Orang-Utang, sowie Pferde, Schweine, Ziegen, Schafe, Hunde u. s. w., ferner Walfische, Robben, Seekühe, Kaschelots, Adler, Geier, Falken, Papageien, Eulen, Nashornvögel, Salanganen, Paradiesvögel, Flamingos und Pfauen; Schlangen, Eidechsen, Schildkröten, viele Fische, Schalthicre, auch Perlenmuscheln, Bienen, Seidenwürmcr u. s. w. An Mineralien findet man Gold, Spießglanz, Eisen, Zinn und Zink im Innern und im Westen, außerdem Kry- stalle und Diamanten, darunter zuweilen Stücke von 20—40 Karat. Die Zahl der Bewohner wird auf etwa 3 Mill. angenommen. Sie theilen sich in Malaien, Dayaks, Pa- pus, Chinesen und Buggisen, außerdem gibt cs noch in geringer Zahl Javaner, Hindus und Araber. Die Malaien, an den Küsten der herrschende und gebildetste Theil der Bevölkerung, sind sehr kühn, aber aus Habgier und Rachsucht höchst gefährlich. Theils Moslemen, theils Heiden, leben sie wie ihre Landsleute auf Malakka unter Sultanen und Radschas. Die Dayaks, mehr landeinwärts wohnend als jene, waren unstreitig die frühesten Einwanderer der Insel. Sie sind schön gebaut, von gelber Farbe, sehr grausam und wild. Nahrung gewähren ihnen Jagd, Fischerei und an der Ostküste auch Seeräuberei. Sie sind blos mit einem breiten Gurt um die Lenden bekleidet und bemalen oder vergolden sich die Zähne. Wild und rachedurstig sind sie mit ihren vergifteten Waffen furchtbare Feinde, aber auch, wenn man sie für sich gewonnen, zuverlässige Freunde. Zu ihren Vergnügungen gehört auch die Menschenjagd; dem Erlegten oder Gefangenen wird der Kops abgeschnitten, da es ruhmvoll ist, einen abgeschnittenen Kopf mit nach Hause zu bringen. Der mächtigste Stamm unter ihnen sind die Kajangs. Die Papus oder Ncgrillos sind wahrscheinlich die Urbewohner; sie leben in den tiefsten Wäldern und Einöden, in Höhlen und auf Bäumen, nackt, ohne Bildung und ganz ungesellig. Die eingewanderten Chinesen, etwa 250000 , die als sehr lasterhaft und heimtückisch und den Europäern, namentlich den Holländern, abgeneigt geschildert werden, beschäftigen sich mit Handel und Bergbau und kehren bereichert meist in ihre Heimat zurück. Die Buggisen endlich, meist aus Celebes eingcwanderk, leben unter den Dayaks; sie sind angesehene, durch Handel und mehr noch durch kühne Seeräuberei reichgewordene Leute. Nur das Land an den Küsten ist einigermaßen angebaut. Im Gebiet von Sambas und im östlichen Theil der Insel bauen die Chinesen auf Gold; die Dayaks graben nach Diamanten und treiben Goldwäscherei. Den Handel besorgen die Buggisen, die Ausfuhr die Malaien und Holländer, welche Letztere den Handel durch ihre Residentschaftcn immer mehr in ihre Hände zu bekommen suchen und gleich den Malaien und Chinesen Opium, Thee und einige Fabrikwaaren einführcn. Auf der Westküste liegt das Reich Sambas, dessen Sultan mehre Radschas unter sich hat. Es begreift die Goldgruben von Montradak und die Diamantgruben von Matan. Außer den chines. Colonien sind Sambas, die Residenz des Sultans und Handelsplatz für Opium, und Pontianak, der Mittelpunkt der holländ. Macht an dieser Küste, die wichtigsten Orte. Auf der Südwestküste liegt das Reich Succadany,, wcl- ches in mehre Staaten zerfällt, an die Holländer zwar abgetreten ist, aber von d'.eftn nicht Conv.-tzex- Neunte Ausl. II. 3ch 530 Bornhauser Bornholm eigentlich beherrscht wird. Der Hauptort ist Succadana, mit lebhaftem Handel der Chinese,; besonders in Opium. Auf der Südküste befindet sich das Reich Bendschcrmassin oder Ban- fermafsing unter einem bedeutenden Fürsten. Der Hauptort ist die Stadt Bcndschcrmas- sii^ mit -tÜOO E-, welche lebhaften Handel treiben, Diamantschlcifereien und andere Manufakturen unterhalten. In der Nähe liegen das Holland. Fort Tatis und südlich davon der Holland. Hafen Tibonio. Auf der Ostküste liegen die Reiche Passir, Kuti-Lama und Tirun; auf der Nordostküste das Reich des Sultans von Sulu und auf der Nordwestküstc das malaiische Reich Borneo oder Brunai, besten Sultan viele Radschas und Pendscherans unter sich hat. — Die Hauptstadt desselben istBorneo am Flusse gleiches Namens, eine bedeutende Handelsstadt besonders für Singapur. Sie ist Sitz des Sultans, hat 30000 E. und zählt über 3000 theils auf Flößen, theils auf Pfählen erbaute Häuser. Kanäle durchziehen der Verbindung wegen nach allen Seiten die Stadt, und meist auf ihnen wird der Handel mit Rohr, Salangannenestern, Kampher und Pfeffer abgemacht. Vor Alters mag sich das Reich von B. über die ganze Insel und einen Theil der Philippinen erstreckt haben; die Beherrscher sollen chines. Abkunft gewesen sein. Die Portugiesen, die 1627 hierher kamen, durften sich erst 1690 zu Bendschcrmassin niederlaffen, wo sie aber bald durch Verrath und Mord wieder vertrieben wurden. Nur den Holländern ist es gelungen, mit dem Fürsten von Bendschermassin einen Handelsvertrag zu schließen, 1643 ein Fort und eine Factorei bei dem Dorfe Tatis und 1778 eine zweite zu Pontianak und seitdem mehre zu errichten. Die Versuche der Engländer in den I. 1702 und 1774, in B. eine Niederlassung zu bilden, waren vergeblich. Die Holländer haben auch seit 1823 einige bisher unabhängige Staaten der Malaien sich unterworfen, wodurch sie zu Herren der östlichen Grenze des Staats von Bendschermassin bis zu der nördlichen Grenze von Sambas geworden sind, welches Gebiet alle Gold- und Diamantgruben der Insel enthält. An der Nordostküste hat sich der Sultan der Suluinseln eine ziemlich bedeutende Strecke Landes unterworfen. Zum Schutze des Landes gegen die Seeräuber von den nördlichliegenden Suluinseln, welche einen großen Theil der Küsten von B. beunruhigen, hat die niederländ. Regierung die Landungspunkte in der Nachbarschaft durch Militairposten gedeckt. Bornhauser (Thomas), ein eifriger Beförderer der politischen Umgestaltung der Schweiz, wurde am 26. Mai 1799 zu Weinfelden im Thurgau geboren, als der Sohn unbemittelter Altern. Nach vorbereitenden Studien widmete er sich in Zürich der Theologie sowie der Philosophie und Poesie und wurde dann Lehrer in Weinfelden und hierauf refvrmirter Pfarrer zu Matzingen. Gleichzeitig versuchte er sich als dramatischer Dichter und als politischer Schriftsteller, in welcher letztem Beziehung er für Revision der Verfassung seines Cantons wirkte. Er gewann Einfluß beim Volke, rief nach der Julirevolution, zumal durch seine Schrift „Über die Verbesserung der thurgauischen Staatsverfassung" zu kühnerm Handeln auf und war Mitverfasser einer zahlreich unterschriebenen Petition, wodurch Volksversammlungen und Verfassungsrath auch für andere Cantone das Losungswort wurden. Gegen die Bestimmung eines die Geistlichen ausschließendcn Gesetzes, aber auf ausdrückliches Verlangen des Volks ward er in den Großen Rath berufen, was den Haß der aristokratisch Gesinnten gegen ihn weckte; ein Fanatiker dieser Partei bedrohte sogar sein Leben. Im I. >831 trat er aus dem Großen Rathe aus, jedoch nach 1833, als die von ihm bekämpfte Sarnerpartei sich erhob, wieder ein und bewirkte 1835, durch seinen Antrag auf Aufhebung der Klöster,, daß diese unter Staatsverwaltung kamen und das Noviziat aufgehoben wurde. Als sich > 837 das thurgauische Volk, im Widerspruch mit B.'s Ansicht, für eine Revision der Verfassung erklärte, zog dieser sich vom politischen Leben zurück. Er schrieb eine beifällig aufgcnommene Sammlung „Lieder" (Trogen >832) und ein episches Gedicht „Heinz von Stein" (Zür. >836), sodann im Fache der Politik „Andr. Schwcizerbart" (Sanct-Gallen >834), war Mitarbeiter der Zeitung „Der Wächter" und erwarb sich ein Verdienst um das schweiz. Staatsrecht durch seine Sammlung der „Verfassungen der Cantone der schweiz. Eidgenossenschaft" (Trogen 1833). Borttholm, ein im Baltischen Meere gelegenes Eiland, welches ein Amt des dän. Stifts Seeland bildet, hat mit Einschluß der kleinen nahegelegencn Inseln einen Flächeninhalt von 12 OM., ohne dieselben von 10/2 OM. und 25000 E. Die Insel liegt >6 M. östlich Boroöino Borromeo 531 von Seeland, 7 M. südlich von der schweb. Provinz Schonen und 7 M. nördlich von Rügen; sie ist 7 M. lang und 3 M. breit, im Allgemeinen felsiger Natur und im Innern besonders gegen Norden hin ziemlich gebirgig. Hohe, steile Klippen, Sandriffe und gefährliche Bran- düngen umgeben das dadurch schwer zugängliche Eiland. Der Boden ist strichweise fruchtbar, besonders im Süden. Der Abhang des Höhenrückens aber, der sich von Norden nach Süden zieht, bildet die wüste Haide Lyngmark. Namentlich findet man auf der Insel Porzellanerde, mit welcher die Porzellanfabrik in Kopenhagen versorgt wird. Die Einwohner, welche ihrer Abstammung nach Dänen sind, treiben starke Fischerei, bedeutende Rindvieh-, Pferde- u»d Schafzucht, etwas Ackerbau und Bienenzucht, Vogelfang und Wollweberei; sie verfertigen Töpfergcschirr und Uhren, sind durch Handel und Schiffahrt meist wohlhabend und dabei muthige, genügsame und tüchtige Seeleute. Der Hauptort der Insel ist Rönna oder Rottum an der Westküste mit 4000 E., einem durch Batterien geschützten Hafen, einem Gymnasium und einem Magazin. Kleinere Orte sind Nexöe und Svanike. Der Ostküste B.s gegenüber liegen die sogenannten Erdholmen, d. h. die Eilande Christiansäe mit einem durch ein Castell geschützten Hafen, in welchem erster» Staatsgefangene bewacht werden, Zriedrichsholm mit einem 92 F. hohen Leuchtthurme und Gräsholm, auf welchem viele Eidergänse nisten. Im Mittelalter gehörte B., das damals Berongia oder Burgunderholm hieß, unter dän. Oberhoheit dem Erzbischof von Lund. Im Kriege zwischen der Hanse und Dänemark, welchen die erstere zu Gunsten Gustav Wasa's führte, wurde cs von den Hanseaten erobert, dann aber wieder an Dänemark zurückgegeben. Im roeskilder Frieden kam cs an Schweden; doch blieb es nicht lange schwedisch, indem sich die Einwohner gegen die Schweden auflehnten und ihr Eiland frei machten, worauf dasselbe im kopenhagener Frieden l 66V wieder an Dänemark zurückgegeben wurde. Borodmo, ein Dorf im Kreise Mosaisk in der russ. Statthalterschaft Moskwa, nach welchem die Russen die Schlacht an der M o s k w a (s. d.) nennen. Borrich (Olaf), eigentlich Borch, meist unter dem lat. Namen OIuus Svriicbius bekannt, der Stifter des von ihm selbst sogenannten Oollexium Llecliceum zu Kopenhagen, war zu Borch in Jütland am 7. Apr. 1626 geboren. Er wurde 1660 Professor der Chemie und Botanik zu Kopenhagen, wo er schon vorher als praktischer Arzt sich vielen Ruf erworben hatte, und ging dann 1661—67 auf Reisen durch Italien, Frankreich, Holland und England, die ihn mit den berühmtesten Männern seiner Zeit in Verbindung brachten. Seine Gelehrsamkeit machte ihn in der ganzen damaligen gelehrten Welt bekannt; sein heftigster Gegner war Herm. Conring. Im I. 1681 ward er des Königs Leibarzt und Uni- vcrsitätsbibliothekar, 1686 Beisitzer des Höchstengerichts, 1689 Kanzleirath und starb am S. Oct. 1690. Nach damaliger Sitte beschäftigte er sich auch mit Alchemie, und da er aus einem apmen Studenten ein sehr reicher Mann geworden war, glaubten Viele, daß er als Adept den Stein der Weisen inne hätte. Nach einer andern Sage rettete er während seines Aufenthalts in Italien eine Prinzessin aus dem Hause Medici bei einer gefährlichen Krankheit und verdankte der Erkenntlichkeit derselben sein Vermögen; ja die Prinzessin soll sich > sogar erboten haben, ihn zu heirathen, wenn er zur katholischen Kirche übertrete, was er jedoch abgelehnt. Der Belohnung eingedenk habe er seiner Stiftung den Namen jener Familie beigelegt. Seine Schriften sind sehr zahlreich, gegenwärtig aber veraltet. Borromeo (Carlo, Graf), der Heilige, aus einer alten mailänd. Familie, geb. am 2 . Oct. 1538 zu Arona am Lago-Maggiore, dem Stammschlosse seiner Vorältern, war schon als zwölfjähriger Knabe Commendaturabt. Er studirte zu Pavia'die Rechte, wurde 1559 Doctor und darauf in seinem 22. Jahre durch seinen Oheim, Papst Pius I V., nacheinander apostolischer Protonvtar, Referendar, Cardinal und Erzbischof von Mailand. Von Jugend an ernst, fromm und streng gegen sich selbst, widmete er sich den ihm übertragenen Ämtern und Regierungsgeschäften mit gewissenhaftem Eifer. Als Legat über die Romagna, Mark Ancona und Bologna hatte er einen großen Theil der Civilrcgierung, als Protector von Portugal, den Niederlanden und der Schweiz, sowie der Franciscaner, Karmeliter und Malteser mehre wichtige Zweige der Kirchenregierung des Papstes zu verwalten, der ihn zn ^ stinem Großpönitentiarius erhob und nichts Bedeutendes ohne seine Mitwirkung that. Die 34* 532 Borromeifche Inseln Wiedereröffnung und den für den päpstlichen Stuhl so glücklichen Ausgang deS Conciliumt zu Trient bewirkte B. großentheils durch seinen Einfluß. Durch den Papst zum Rücktritt in den weltlichen Stand veranlaßt, ließ er sich 1563 im Geheimen die Priesterweihe ertheilen und verdoppelte nun die Strenge seiner Lebensart, sodaß er sogar den Unterhaltungen entsagte, die die prosanen Wissenschaften ihm gewährt hatten. Er unterstützte den Papst bei dessen Bauten mit seiner Einsicht und verwendete einen großen Theil seiner Einkünfte ruf die Verschönerung der unter seinem Schutze stehenden Kirchen. Um die trienter Decrete, die er wörtlich memorirt und unter Beihülfe einiger Anderer in dem „L-ttecliismus romimuz" zusammengefaßt hatte, ins Leben einzuführen, hielt er in Mailand >565 als l^egatus a lutere seine erste Synode. Pius V. gestaltete ihm 1566, seine beständige Residenz in Mailand zu nehmen. Hier, wo seit 86 Jahren kein Erzbischof gegenwärtig gewesen und in Folge davon die kirchliche Disciplin im ärgsten Verfall war, trat er nun mit Umsicht und Entschlossenheit als Reformator auf, sodaß bei seinem Tode die Diöces von Mailand durch ihre trefflichen Anstalten, verbesserten Sitten und würdigen Priester allen bischöflichen Sprengel» ein Muster war. In Mailand selbst verschönerte er den Dom und die Feier des Gottesdienstes ; er zog das Volk durch gute Prediger und vorzügliche Kirchenmusik in die Kirchen, führte auch unter den Laien strengere Kirchenzucht ein und sorgte überhaupt für die Wohlfahrt und Sittlichkeit der Bewohner. So konnte es nicht fehlen, daß widerspenstige Geistliche und Mönche im Verein mit der auf die Erweiterung seiner bischöflichen Gerichtsbarkeit eifersüchtigen span. Regierung zu Mailand ihn verfolgten. Er wurde wegen Visitation eines exemten Chorherrenstifts bei dem Parste verklagt, als Hochverräter an den königlichen Rechten verdächtig gemacht; ja die Vorsteher der Humiliaten, eines Ordens, dessen Reform er betrieb, gingen in ihrer Wuth so weit, daß einer derselben 1569 nach ihm schoß und ihn verwundete. Zur Bildung tüchtiger Priester stiftete er 1576 zu Mailand das Helvetische Collegium; auch brachte er unter dem Namen des Gold enen Borromeisch en Bundes die Verbindung der sieben katholischen Cantons zu gemeinschaftlicher Verkheidigung ihres Glaubens zu Stande. Bei der Hungersnoth im 1.1576 und während der Pest in Mailand im 1.15 76 rettete er durch seine Aufopferung und durch schnelle Anordnung zweckmäßigcrHülfe einen großen Theil der Bevölkerung. Er starb am 3. Nov. 158-1 in hoher Achtung wegen der Reinheit seines Lebens, der Kraft seines Charakters und seiner musterhaften Amtsthätig- kcit. Mehre angebliche Wunder auf seinem Grabe vcranlaßten 1616 in der röm. Kirche seine Heiligsprechung. Am westlichen Ufer des Lago-Maggiore in der Nähe seines Geburtsorts steht seine mit Einschluß des Piedestals 56 F. hohe eherne Statue. Sein Leben beschrieben Guissano (franz. von Souflour, 1615), Godeau (Brüss. 168-1; Par. 17-17), Touron (Par. 1761) und Stolz (Zür. >781). — Seines Bruders Sohn, Graf Federico B., geb. 1563, der ebenfalls Cardinal und 1595—1631 Erzbischof von Mailand war, ist der Begründer der Ambrosianischen Bibliothek (s. d.). Borromeifche Inseln heißen mehre kleine Inseln im Lago-Maggiore (s. d.). Diesen Namen erhielten sie nach der Familie Borromeo, welche seit Jahrhunderten im Besitze der reichsten Ländereien in der Nähe des Lago-Maggiore ist. Auch werden sie zuweilen wegen der vielen auf ihnen befindlichen Kaninchen l-wle 788 die militairische Laufbahn im Kürassierregimenl von Jlow als Adjutant seines Vaters, welcher damals preuß. Generalmajor war. Er zeichnete sich 1793 in den Schlachten bei Pirmasens und Kaiserslautern ans und legte durch die Gunst, in welche er sich auf solche Weise bei dem Herzoge von Braunschwcig setzte, den Grund zu seiner schnellen Beförderung. Als Major im Regimente Garde du Corps machte er > 896 die Schlacht bei Jena mit. Dann gehörte er zu der kleinen Heerschar, welche im nordöstlichen Theile des preuß. Staats focht. Als zu Anfänge des 1.1897 gegen das ganz unbeschütztc Königsberg, wo sich die königliche Familie aufhiclt, zwei feindliche Armeecorps vordrangcn, wurde ihnen B. mit nicht mehr als 899'M. Cavalerie entgegengesandt, und in der That gelang es ihm, den Marschall Ney so zu täuschen, daß dieser in der Meinung, er habe cs mit der Avantgarde eines preuß. Corps zu thun, einen Waffenstillstand schloß. Nach dem tilsiter Frieden wurde er Mitglied der Commission für die neue Organisation des Heers, Flügeladjutant und 1819 General- adjutant des Königs. Er war im1.18 l 3 bis zum Generalmajor aufgesticgen und befehligte eine Brigade im dritten Armcecorps, als der Krieg gegen Napoleon ausbrach. Zuerst nahm er mit den Truppen des Bülow'schen Corps am Gefechte bei Dannigkow unweit Magdeburg am 5. Apr. Antheil, wo ihm ein Pferd unter dem Leibe getödtet wurde, und führte dann mit derselben Auszeichnung und Furchtlosigkeit die pommersche Brigade bei Hoyerswerda am 28. Mai; zum Gefecht bei Luckau kamen seine und Bülow's Brigade zu spät auf dem Kampfplatze an. Nach dem Waffenstillstände führte er die fünfte Brigade im Bülow'schen Corps, vom Könige ausdrücklich zum Führer der Avantgarde sowie zu jedem andern sich barbierenden selbständigen Kommando bezeichnet. So focht er fast in jedem Gefechte, welches die Nordarmee bestand, und entschied namentlich den Sieg in der Schlacht von Großbeeren durch den Angriff der rechten sranz. Flanke bei Kleinbeeren, sowie in der Schlacht bei Denne- witz dadurch, daß er von Kroppstädt nach dem Schlachtfelde eilte und, selbst einem Befehl des Kronprinzen von Schweden zuwider, vom Gang der Schlacht besser unterrichtet, sich dem linken Flügel Bülow's anschloß und Gölsdorf, den Schlüssel der feindlichen Stellung, nahm. Bei Leipzig befehligte er nach Verwundung des Prinzen von Hessen-Homburg den Sturm auf die grimmaische Vorstadt, und seineJäger und Grenadiers waren die Ersten, die in die eigentliche Stadt eindrangen. Bei dem Borrücken Bülow's nach der Schlacht von 534 Bory Bory-de-Saint-Vincent Leipzig erhielt er den Auftrag, Wesel zu blockiren, nahm von dort aus durch kühne Streif- züge Düsseldorf und Neuß und vereinigte sich, unterdessen zum Generallieutenant ernannt, zu Anfang des I. 1814 wieder mit dem dritten Armcecorps. Am 11. Jan. trug er viel zur Entscheidung des Gefechts von Hoogstraten, wo er leicht verwundet wurde, bei; später deckte rr die Einschließung von Antwerpen und blieb, als das Bülow'sche Corps nach Frankreich verrückte, mit 8000 M. Infanterie, 140V Pferden und 16 Kanonen, vereint mit den ander» in Belgien stehenden deutschen Truppen, unter dem Oberbefehl des Herzogs von Weimar bei Tournay zurück. Hier nahm er an dem Gefechte bei Courtray Antheil, half die Belagerung von Maubcuge decken und vereinigte sich endlich mit dem Bülow'schen Corps zur Einschließung von Soissons. Im I. 1815 erhielt er das Kommando des zweiten preuß. Armeecorps und war mit dessen Organisirung in Namur beschäftigt, als einige Bataillons sächs. Garde und Grenadiers in Lüttich, durch die bekannt gewordene Thcilung ihres Vaterlandes und durch den Befehl des Königs von Preußen die sächs. Truppen in zwei Abtheilungen zu sondern, sowie aus Unwillen und Wuth über eine solche Trennung unter den Fenstern des Fürsten Blücher sich zusammendrängtcn, wild tobten und subordinationswidrige Handlungen begingen. Blücher sandte die schuldigen Bataillons nach Namur und gab B. den Auftrag, sie zu entwaffnen, die Fahne desGardebataillons verbrennen und sicbenHaupl- meuterer erschießen zu lassen. B. bemitleidete die Sachsen; gewohnt, Leib und Leben für seine Fahnen zu opfern, fühlte er im Geiste der Sachsen, daß ihnen eine solche Schmach schlimmer als der Tod sein müsse, und dies verleitete ihn zu dem dienstwidrigen Schritt, den auf das bestimmteste ausgesprochenen Befehl, selbst als seine Fürbitte zurückgewiesen worden war, nicht zu befolgen. In Folge davon ward er seines Commandos enthoben und ihm mehrjährige Festungsstraft zuerkannt. Er litt dieselbe in Magdeburg, doch schon zu Ende des I. 1815 ward er vom Könige begnadigt und 1816 mit dem Eeneralcommando von Preußen zu Königsberg beauftragt, auch zum Chef des fünften Kürassierregiments ernannt. Im 1.1825 erhielt er das Generalcommando des achten Armeecorps zu Koblenz, wo er sich trotz strenger Beobachtung dienstlicher Vorschriften eine gewisse Popularität erwarb, auch wurde er zum General der Cavalerie befördert. Auf seinen eigenen Wunsch ward er 1846 dieses Amts enthoben und zur Disposition des Königs gestellt als Mitglied des Staats- raths. — Sein Bruder, KarlHeinr. EmilAlbrcchtvonB., ein verdienter Cavale- riegeneral, ist seit 1831 Generallieutenant und Commandant von Stralsund. Bory (Gabriel de), Gründer der Marineakademie in Frankreich, geb. zu Paris am 11 . März 1 720, diente in der Kriegsmarine und schwang sich durch alle Grade bis zum Chef einer Escadre auf. Im I. 1761 ward er zum Befehlshaber auf S.-Domingo und den Inseln unter dem Winde ernannt. Er that in dieser Stellung sehr viel, um das Schicksal der ihm untergebenen Sklaven erträglich zu machen, und gab, als er seine Versuche zur Milderung des Code noir nicht durchsetzen konnte, seine Entlassung. Nachdem er sich 1776 ganz aus dem Kriegsdienste zurückgezogen hatte, widmete er sich ausschließcnd den Wissenschaften, um die er sich schon früher durch seine Bestimmung der geographischen Lage von Madera, sowie durch wichtige astronomische Beobachtungen Verdienste erworben hakte. Er wurde 1708 Mitglied der Akademie und starb am 8. Oct. 1801. Sein Hauptwerk sind die anonym erschienenen ,chlömoires sur I'säministrstion 1iici>l trsnsactions" seine Reflexionsoctanten bekannt gemacht hatte. Ihm verdankt man auch die für die franz. Seefahrt so wichtige Bestimmung der Lage des Cap de Finisterre und d'Ortegal. In Verbindung mit mehren Seeoffizieren gab er ein „vic- lionaaire äs. marine" heraus. Dagegen ist seine „vescription ll'un instrument pliur ob- »erver ls latitulls «ur mer, sppels le nauveau gusrtier anjplais" (Par. 1751) nichts als die verbesserte Ausgabe eines schon früher herausgekommenen Werkckens von d'Apres. Bory-de-Saint-Vincent (I. B. G. M.), stanz. Naturforscher und Publicist, geb. zu Agen 1780, legte früh sowol einen großen Hang für die Naturwissenschaften, wie eine 535 Bose lebhafte Begeisterung für die liberalen Grundsätze an der, Tag. Kaum l 5 Jahre alt, be» üchtigre er in den Annalen der Naturhistorischen Gesellschaft zu Bordeaux einen Jrrthum Lmne"s durch sorgfältige mikroskopische Beobachtungen und lenkte durch diese und ähnliche Leistungen die Aufmerksamkeit der Regierung auf sich. Er ward 1788 dem Capitain Bau- diri beigegeben, der eine wissenschaftliche Sendung nach Neuholland batte, trennte sich aber von ihm, ehe sie am Ziele angekvmmen waren. Die Früchte dieser Reise waren sein „Lsssi Nie les lies lortuiiees cls I'sntchns Ktluuride, ou precis üb l'Iiistoire Acnerale de I'srcbipel «iss L-nmrics" (Par. 1802) und seine „Vc>)MAe dans les ynatre jiriiicipnlss lies des mer8 (I'^srigne" (3 Bde., Par. 1803), in der er namentlich sehr wichtige Beobachtungen über die Vulkane der Insel Bourbon niedergelegt hat. In sein Vaterland zurückgckehrt, ward er Capitain und wohnte den Schlachten von Ulm und Austerlitz unter Davoust bei. Im I. >808 ging er mit Ney nach Spanien, ward daselbst Militairintendant beim Gencralstabe des Marschalls Soult und bewies in dieser Stellung viel Strenge gegen die Kriegscommist sarien und Ordonnatcurs. Nach Napoleon's Rückkehr im I. 1815 diente er als Oberst und schlug, als die Schlacht bei Waterloo sich zum Nachtheil des Kaisers entschieden hatte, vergebens am I. Juli in beredter Rede seinen Collegen in den Kammern vor, sich dem Scepter der Bourbons, gegen die er zu gleicher Zeit im „Km» sänne" und im „.^ristargue" zu Felde zog, nicht freiwillig wieder zu unterwerfen. In Folge des Decrets vom 17. Jan. 1816 wandcrte er ruS und lebte in Aachen und Halberstadt, dann in Brüssel, wo er mit van Mons die ,,^n- mlles des Science- ybvschnes" (8 Bde.) herausgab. Auch schrieb er ein treffliches Werk über die unterirdischen Steinbrüche in dem Kalkgebirge bei Mastricht unter dem Titel „Voxage Souterrain" (Par. 1821). Nach seiner Rückkehr nach Frankreich im J. 182/1 nahm er an mehren Journalen der liberalen Partei Theil und schrieb zahlreiche Aufsätze für Courtin's „Knc^elaye- (i:e". Als 182 !1 die franz. Negierung eine wissenschaftliche Expedition nach Morea und den Cykladen absandte, stellte sie B. an die Spitze derselben. Er fand hierdurch Gelegenheit, das lange verschlossene Land nach allen Richtungen zu durchforschen und benutzte sie redlich, wie dieses nicht allein aus dem von ihm redigirten Werke „Lxpeditinn scientific,ne de Noree" (Par. und Strasb l 832 sg., 3., mit Atlas in Fol.), sondern insbesondere auch aus der von ihm allein verfaßten botanischen Scction des angeführten Werks („kartie botanique", mit 38 Kupf.) und einer mit Chaubard herausgegebenen Flora, „Kouvelle Lore «1u Peloponnes« et des Lzelmles, etc." (Par. 1838, Fol., mit 32 Kpftt.), sichtbar ist. Ein früher von ihm für das „Dictionnaire c!nssi«,ne de I'Instoirs naturelle" gelieferter Artikel wurde die Grundlage eines umfassenden Werks „Ifliomme, esssi roologicpis sur le genre bummn" (2 Bde., 2. Aufl., Par. 1827), das viele originelle Ansichten enthält. B. hat an einer großen Anzahl wissenschaftlicher Werke Theil genommen; so hat er für Duperrey's uutonr du munde", sowie für Belanger's „Vo)'SFs MIX Indes orientales" die Kryptogamen bearbeitet und sich durch die Redaction des „Dictionuaire classchue de l'lüstoire naturelle" um die Wissenschaft ein großes Verdienst erworben. Im 1.1832 wurde er zwar in die Deputirtcnkammer gewählt, aber seine Wahl annullirt. Trotz seines vorgerückten Alters übernahm er 1839 die oberste Leitung der wissenschaftlichen Commission, welche die stanz. Negierung nach Algier absendete. Er begleitete sie und leitete ihre Arbeiten mit vielem Erfolge, kehrte aber später nach Frankreich zurück. Boöc (Louis Augustin Guillaume), franz. Naturforscher, gcb. am 29. Jan. 1759 zu Paris, wo sein Vater, Paml B o sc d'Antic,gcb. I726,gest. 1783, königlicher Leibarzt war, machte sich zuerst von 1783—88 als Ncdactcur des „äournal des savants" bekannt. Geächtet zur Zeit der Schreckensregicrung imJ. 1793, fand er eine Zuflucht im Walde von Montmorency. Hier, obschon täglich der Entdeckung und dem Tode ausgesetzt, sing er an zu botanisiren und gewann dadurch Neigung zu den Naturwissenschaften, denen er sich, als er nach Nobespierre's Tode nach Paris zurückgckehrt war, mit vielem Eifer widmete. Im 1. 1796 sandte ihn das Dircctorium als Consul nach Wilmington und dann nachNeu- york; allein die Regierung der Vereinigten Staaten stellte es in Frage, ob das franz Dircctorium ein Recht habe, sich bei ihr durch einen Consul vertreten zu lassen. Ohne Amtsgeschäfte reiste er daher als Gelehrter in den nordamerik. Freistaaten und sammelte ein ansehnliches Cabinet für Botanik und Zoologie. Hierauf wurde er 1799 zum .^duniüstr-cksur 536 Boscan Almogaver Bosch (Zan van den) 6e» kdrpice« ernannt, welche Stelle er aber nach dem I8.Brumairc verlor. Genöthigt, sich die Mittel seiner Subsistenz als Schriftsteller zu schaffen, arbeitete er nun mit größter Thä- tigkeit in seinen Lieblingsfächcrn, der Pflanzenkunde und Naturgeschichte. Auch machte er wissenschaftliche Reisen durch die Departements Frankreichs und nach Italien. Mit großer Uncigennühigkeit überließ er den größten Theil seiner auf Reisen gesammelten Materialien zum Besten der Wissenschaft Andern zur Beschreibung. Nach der Restauration wurde er Jnspecteur der Gärten und Baumschulen zu Versailles, Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Ccntralsvcietät für den Ackerbau und zuletzt Professor am .I»r,lin slßiinss de kiareilasso . Juni 1811, war ohne Zweifel der ausgezeichnetste lat. Dichter der neuern Zeit und ein vielseitiger Philolog, der, ohne ein Lehramt zu bekleiden, in glücklicher Muße dem Studium der alten Literatur oblag und dasselbe auf vielfache Weise förderte. Auch um die Universität zu Leyden hat er als Curator lange Jahre sich verdient gemacht. Seine „Poem-Nu" erschienen zuerst in Leyden 1893 (2. Ausl., Utr. 1898) ; sein Hauptwerk ist die „äntllnlogi» graecs" mit der vorher ungedruckten metrischen Übersetzung des Hugo Grotius (1 Bde., Utr. 1795— 18IÜ, 1.), der van Lennep den fünften Band (Utr. 1822) hinzufügte. Auch seine größten- theils in holländ. Sprache verfaßten Reden und Abhandlungen über Gegenstände der Literatur zeugen von gründlicher Gelehrsamkeit, treffendem Urtheil und seinem Geschmack. Bosch (Graf Jan van den), niederländ. Generallieutenant und Staatsministcr, geb. 178V zu Bommel in der Provinz Geldern, ist der Sohn eines Arztes. In niederländ. Diensten ging er 17 97 als Lieutenant nach Indien, wo er sich bei mehren Gelegenheiten vortheil- hast auszeichnete und bis zum Obersten aufstieg. Ein Vorfall mit dem Generalgouvcrneur DaendclS nöthigte ihn aber, im 1.1819 seinen Abschied zu nehmen, worauf er im Nov. 1813 in sein Vaterland zurückkehrte, das nun sofort seine volle Thätigkeit in Anspruch nahm. Einer der Ersten in der Vereinigung zur Wiederherstellung des Hauses Oranien, nahm er von neuem als Oberst Dienste. Bei der Rückkehr Napoleon's imJ. 1815 hatte er die Vertheidi- gung von Mastricht zu leiten und wurde bald nachher zum Generalmajor befördert. Nach dem Frieden erwarb er sich ein besonderes Verdienst um die Stiftung der Gesellschaft für Begründung von Armencolonien (s. d.), die 1818 zu Stande kam. Er selbst richtete die Colo- nie FrederikSoord (s. d.) ein, für deren besseres Gedeihen er durch einen längern persönlichen Aufenthalt daselbst sorgte. Im 1.1827 wurde er als Gcneralcommissar wieder nach Indien gesendet und 1839 zum Generalgouvcrneur des niederländ. Ostindiens ernannt, in welcher Stellung er sich namhafte Verdienste erworben hatte, als er 1835 nach dem Vaterlande zurückkehrtc, um das Ministerium der Kolonien zu übernehmen. Freiwillig schied er am Ende des 1.1839 aus dem Ministerium, bei welcher Gelegenheit er in Ancrkenntniß seiner dem Staate geleisteten Dienste in den Grafenstand erhoben wurde. Boscovich Boscövich (Roger Jos.), berühmter Mathematiker und Astronom, ein Dalmatier -on Geburt, geb. zu Ragusa am 18. Mai 1711, von den Italienern aber, weil er unter ihnen erzogen und gebildet ward, zu den Ihrigen gezählt, war ein durch seine Gelehrsamkeit wie durch seinen Charakter gleich ausgezeichneter Mann. Früh wurde er, nachdem er schon 1705 m den Jesuitenorden getreten, zu wissenschaftlicher Wirksamkeit und zu großen öffentlichen Arbeiten berufen. Noch vor der Beendigung seines Studiencursus in Rom ernannte man ihn dort zum Lehrer der Mathematik und Philosophie am Collegium romanum; man zog ihn wegen der Restaurationsarbeiten an der Kuppel der Peterskirche neben Vanvitelli und Polen! zu Rache, und der Papst gab ihm, als er im Begriff stand, sich der portug. Expedition nach Brasilien anzuschließcn, den Auftrag, im Kirchenstaate einen Grad des Meridians zu messen, den er 1750—53 ausführte. In dem letzter»Jahre ging er im Aufträge derRepublik Lucca nach Wien, um lang genährte Grenzstreitigkeiten mit Toscana zu einem befriedigenden Ende zu führen, und erledigte dieses Geschäft zur größten Zufriedenheit der Republik, die ihm den Adel ertheilte und ihm eine Entschädigung von >000 Zechincn zuerkannte. Seit >760 bereiste er England und Frankreich, wo er ausgezeichnete Verbindungen anknüpfte, die Türkei, die Donauländer, Polen und ging dann durch Deutschland nach Italien zurück. Er erhielt 1703 eine Professur in Pavia, fand sich aber bald in seiner Eitelkeit gekränkt und reiste wieder nach Paris. Später lehrte er in Mailand und betrieb die Errichtung der Sternwarte bei dem Brera-Collegium, zum Theil, wie man sagt, auf eigene Kosten. Während er in Abano badete, erfuhr er, daß ihm seine Stelle in Mailand genommen und anderweitig beseht worden sei; nach vergeblichen Versuchen, dieses rückgängig zu machen, beschloß er, sich nach Ragusa zurückzuziehen. In Venedig aber ereilte ihn 1773 die Nachricht von der Auslösung seines Ordens und änderte seinen Entschluß. Er ging nach Paris und erhielt vom Könige ein Jahrgeld von 8000 Livres und den Titel eines Direktors der Optik bei der Marine. Einen Ruf nach Pisa lehnte er ab, fand sich aber doch bald durch Neid und Anfeindungen dÄlembert's und anderer franz. Gelehrten bewogen, sein dortiges Amt niederzulegen, um nach Baffano zu gehen und dort bei Remondini die Ausgabe seiner Werke zu besorgen, die in Paris vereitelt worden war. Nach Beendigung dieser Arbeit zog er sich nach Mailand zurück, verfiel in Schwermuth, die sich endlich bis zu Wahnsinn steigerte, und starb am 12. Febr. >787. Im Brera-Palaste wurde ihm neuerdings ein Denkmal errichtet. Unter seinen zahlreichen Werken ist die Dissertation „De maculis solaribus" (1736) bemerkcnswerth als erste Auflösung des Problems, den Äquator eines Planeten aus Beobachtungen eines Sonnenflecks zu bestimmen ; ferner dieSchrift „De exzieditinne ad dimetieadns 8ecnndi meridiani grudus" (Rom 1755; franz. mit Zusätzen des Verfassers, 1770). Seine gesammelten Werke erschienen unter dem Titel „Opera pertinentia ad opticam et astrooomism" (5 Bde., Bassano >785, 3.). Einen Theil seiner Reise beschrieb er in dem „äouraal d'un vn^-age de 6oi>stun- önnple en kologns" (Par.1772; ital., Bassano 1783; deutsch, Lpz. 1779). Er war auch Dichter und schrieb unter Andern: ein Lehrgedicht „De solis ac lunae dstectibus" (Lond. >7L3zfranz. vom Abbe de Barrucl, Par. 1779). Bose war ein früher in Leipzig und auswärts sehr verbreitetes Geschlecht. — Kasp. B-, kr als Rathsmitglied und Baumeister zu Leipzig 1650 starb, hinterließ drei Söhne. — Der älteste, Gottfr. Christian B., der 1671 als Ärchidiakonus an der Thomaskirche in Leipzig starb, stiftete für einen leipziger Predigerssohn ein Legat von 1012 Fl. — Der zweite, Ioh. Andr.B., geb. 1626 in Leipzig, studirte daselbst, zuWittenberg und zu Strasburg und war ganz vorzüglich der franz., ital., span, und engl. Sprache kundig. Er ward 1656 Professor der Geschichte in Jena, wo er als Rector 1661 sich ein großes Verdienst durch Abschaffung deiPennalismus (s. d.) unter den dortigen Studenten erwarb. Bei seinem Tode im I. >873 vermachte er seine zahlreiche Büchersammlung der dortigen Universitätsbibliothek. Unter silnen literarischen Arbeiten verdienen besonders die Ausgabe des Cornelius Nepos (Jen. 1875), desPetronius (Jen. >701) und des Tacitus „Vita .^z-ricnlas" (Jen. 1663) erwähnt i» werden. — Der dritte, Pau l B., geb. zu Leipzig 1630, gest. 1603 als Ärchidiakonus an der Kreuzkirche zu Dresden, ist Verfasser des schönen Liedes „Nun sich der Tag geendet hat". — Die Brüder Kaspar und GeorgB-, aus dem Gcschlcchte der Vorigen stammend »nd Beide im 1 . 1700 .verstorben, waren Kauftet»« und Mitglieder des Magistrats und R' 538 Böse verschönerten Leipzig durch neue Hauser und Gartenanlagen. Jener erweiterte den vor dem ! Grimmaischcn Thore liegenden Groß-Bose'schcn Garten, welcher hernach in den Besitz des Buchhändlers Reimer kam, dessen Erben denselben zum größten Theil parcellirt und zum An- bau neuer Wohnungsgebäudc verkauft haben; dieser den an der Barfußmühle liegenden ehe- mals Klein-Bosc'schcn, später Nichter'schen, jetzt Lehmann'schen Garten. Der Ruf des Groß-Bose'schen Gartens war so groß, daß selbst der Papst über die Einrichtung desselben Erkundigungen einzog. Hier blühten 1709, I7II und >755 amcrik. Aloen, damals die größte Seltenheit, auf deren eine auch l77l> eine Denkmünze geprägt ward. — Der letzte männliche Sprößling des B.'schen Geschlechts war Ernst GottlobB., geb. 1723 zu Leipzig, welcher als Professor der Therapie daselbst am 22. Sept. >788 starb und eine Tochter, Johanna Eleonora B., hintcrließ, mit der, da sie unverheirathet geblieben war, 18-12 auch die weibliche Linie erlosch. Sic hat bei ihrem Tode außer einem Vermächtniß von UM Thlr. für die Armenkasse, zugleich bei der leipziger Universität ein Capital an 12999 Thlr. zu drei Stipendien für Medicinstudirende und ein anderes von 6V99 Thlr. zur alljährlichen Unterstützung zweier akademischer Docenten, eines aus der juristischen und eines aus der philosophischen Facultät, aus den Interessen dieser Capitale, und >999 Thlr. für den Uni- Verfitäts-Witwen-Fiscus testamentarisch niedergelegt, nachdem sie schon früher zwei neue Convictstellen, die ihren Namen tragen, aus ihren Mitteln gegründet hatte. — Nicht zu verwechseln ist mit dem vorigen das altadelige Geschlecht Bose, aus welchem schon einige Ritter der Schlacht bei Merseburg im 1.93-1 unter Kaiser Heinrich beigewohnt haben sollen. Historisch gewiß ist so viel, daß ein Bose, der vorher Hofkaplan Kaiser Otto's l. gewesen, erster Bischof von Merseburg (968—79) wurde und das Dorf Bose bei Zeitz anlegke, dessen Besitz auf seine Verwandten überging. Eine Linie des Geschlechts, die Netschkauische, wurde von Kaiser Ferdinand Hl. in den Reichsgrafenstand erhoben. An der Spitze derselben stehtMalte Gust. Karl GrafB., geb. 1783, früher sächs. Gesandter in Spanien, vermählt in kinderloser Ehe mit der einzigen Tochter des verstorbenen Oberhofgerichtsrath Blümner in Leipzig, die 1832 starb. Böse (das), in seiner allgemeinsten Bedeutung, ist das Mangelhafte in den Dingen oder das Unvollkommene, welches in Beziehung auf die Empfindung des Menschen und seine besondcrn Zwecke auch das Schädliche, Verderbliche und das physische Übel heißt. Dieses physische Böse erscheint übrigens nur dem beschränkten Verstände als solches, im Zusammenhänge mit der Weltordnung aber als nothwendig und gut. Wenn wir das Böse dem sittlich Guten entgegensetzen, so ist das Böse das Unsittliche und die Unsittlichkcit oder die dem erkannten Guten feindselige Gesinnung, d. h. Das, was in sich selbst und ohne Beziehung auf Umstände und Folgen böse ist. Hierin liegt nun, daß das Böse nirgend anders seinen Sitz hat, als in der Beschaffenheit des Wollens. Die Entscheidung aber darüber, welches Wollen böse sei, hängt von der Bestimmung über den Inhalt der Begriffe und Ideen ab, durch welche der Begriff der Sittlichkeit bestimmt wird. Wie man auch die Principicn der absoluten sittlichen Werthbestimmung sich denken möge, das Böse ist in dem wirklichen Wollen der Menschen nur zu häufig eine Thatsache, welche sich blos dann würde verkennen lassen, wenn man den Unterschied zwischen der Güte und der Schlechtigkeit des Wollens aufhöbe. Die Frage nach den! Ursprünge des Bösen kann also zunächst rein psychologisch auftzesaßt werden und M l dann zusammen mit der Frage, wie es zugehe, daß das Begehren, Wollen und Handeln deS Menschen nicht ausschließend durch die sittlichen Federungen bestimmt wird, sondern oft geradezu in Feindschaft gegen dieselben befangen ist. Verwickelter wird diese Frage, wen» man das Böse nicht blos als Ausdruck des persönlichen Wollens, sondern zugleich im Zusammenhänge des Weltganzen betrachtet; denn dann scheint sich eine Weltordnung, in welcher das Dasein des Bösen als ein Factum vorkommt, nicht mit der Weisheit, Heiligkeit und Allmacht Gottes vereinigen zu lassen. Diese Schwierigkeit hat zu vielen Versuchen geführt, den darin liegenden Widerspruch aufzulösen. So haben die Religionen des Orients dem guten Princip ein böses (die Materie oder einen bösen Geist) entgegengcstellt, welche Meinung auch innerhalb der christlichen Kirche durch den Manichäismus (s. Manichäer) und durch den Glauben an die Existenz des Teufels Jahrhunderte lang eine weit verbreitete Geltung ^ gehabt hat. Andere haben das Böse durch einen ursprünglichen Abfall der Geister von Gott, - Bosheit Bosnien 539 1 p;>s, Z°- auch mig- >lltn. estn, egt-, ische, :rsel- nien, >rath ngen stink >iese§ men- ttlich mn- Um- l, als 'e sei, -Leichen schm > dm naä> fällt n deS n «st vcn» tZtl- wel- t und ührt, dem nung durch ltting Joch »lr dem Princip des Guten, erklären zu können geglaubt. Hiermit hängen die Vorstellung von der Erbsünde (s-d.), ebenso die Meinungen zusammen, welche das Böse auf einen Misbrauch der Freiheit zurückführen. Bei Kant, der das radikale Böse, die ursprüngliche Verdcrbniß der menschlichen Natur, als Äußerung der absoluten oder transscendentalen Freiheit auffaßte, ist der Ursprung des Bösen eigentlich schlechthin unerklärlich, wie jede Äußerung einer solchen absoluten Freiheit, für welche es ihrem Begriffe nach keine bestimmende» Gründe gibt. Noch Andere betrachten das Böse als Etwas, das bei der nothwendigen Unvollkommenheit der Geschöpfe unvermeidlich sei, das also seinen Grund nicht in dem Willen Gottes habe, sondern darin, daß die relativ beste Welt ohne sittliche Mängel nicht möglichgewesensei. So Leibnitz in seiner Theodicee. (S. d. und Optimismus.) Die neuesten pantheistischcn Systeme haben sich diese Auffassung in ihrer Weise ungeeignet, sodaß das Böse als Moment der Weltentwickelung ein nothwcndigcs Glied in dem Weltprocesse sei, »«durch die Bedeutung des Bösen oft bis zu dem Grade abgestumpft wird, daß man es für »was blos Negatives, Nichtiges erklärt. Beispielsweise vergleiche man außer den Schriften stber Religiousphilosophie und den Schriften, die die Frage nach der Freiheit des menschlichen Mens einer genauer» Untersuchung unterwerfen, Daub's „Judas Jscharioth oder das Böse im Verhaltniß zum Guten" (Heidelb. >817) und dagegen Herbart, „Gespräche über das Löse" (Königsb- >818) und Blasche, „Das Böse im Einklänge mit der Weltordnung" (Lpz. 132"). Fcstzuhalten ist, daß, wie auch die theoretische Frage über den Ursprung des Bösen beantwortet werde, die sittliche Verpflichtung, das Böse zu meiden, nicht im geringsten geschwächt wird; daher die wahre Theodicee nicht sowol dem Denken als vielmehr dem Wollen und der That des Menschen aufgegcben ist.' Bosheit nennt man die starke Neigung zum Bösen oder die Fertigkeit im Bösen, weshalb man unter Bos h eits sünden diejenigen versteht, welche mit Bewußtsein des Bösen oder mit Absicht begangen werden. Dann hat man auch den Ausdruck Bosheit insbesondere auf die Zustände des Zorns und der Rache bezogen, in welchen sich das Übelwollen und das Bestreben Andern zu schaden stark äußern. Bosio (Franc. Jos., Baron), Professor und Director der Akademie der schönen Künste «Paris, einer der vorzüglichem unter den neuern ftanz. Bildhauern, geb. zu Monaco 1768, machte seine ersten Studien in Paris unter Pajou. Neunzehn Jahre alt kehrte er nach Italien zurück, wo er nun selbständig eine Menge Aufträge ausführte. Seinen Nus erweiterten bedeutend die Arbeiten an der Vcndömesäule, die ihm Napoleon übertrug. Dieser, wie Ludwig XVIII. zeichnete ihn auf mehrfache Weise aus und wie er schon unter Napoleon Mitglied des Instituts geworden war, so ward er von Ludwig XVIII. zum ersten Bildhauer dks Königs und von Karl X. zum Baron erhoben. Unter seinen idealen Gestalten sind besonders sein Hyacinth, Hercules und Hermaphrodit sehr geschätzt und unter dem geschichtlichen Ludwig XVI., den er für die Magdalenenkirche arbeitete, Heinrich IV. als Kind (1823), der Herzog von Enghien zu Vincennes und Monthyon am Hötel-Dieu in Paris. Weniger Beisill fand seine Statue Ludwig XIV. auf der Ulacs ! dir? «.El Mst konit Sryi koni! Scyi B.e dieZ jkmc den. trn! Cher lern erhol 18 .! und derl iiistc der^ Zm Bad !78 ders rr di Sch> näui und unke SW tarck „Vo «cs" Sied dik tun. Flä> dir >ig!l »F. Heils Der osna Lust aßm und t der allen > ;m ean. und cs in Mi arme , und Ein- rlten- bfl-iß rigen aucht meist rbier, lts-h-, cnnen > und gierig > und rbau, nstnd lbschi rrigen c »der theili reiben stark, ußerst »d die sie der Zand- zza in erseheoffen, gegen Stadt Eisen- n und «kr d'S onichi- Bosporus Bosse M residiren die «blichen Häuptlinge, welche B. beherrschen, während der Pascha mit drei Roßschweifen seinen Sitz in Trawnik hat, welches etwa 10000 C. zählt und eine starke Festung ist. Andere ansehnliche Festungen sind Zwornik, Banjaluka undTürkisch-Gradiska. Zm 12. und 13. Jahrh. gehörte B. zu Ungarn. Im I. 1339 kam es an den serb. König Fttphan. Nach dem Tode desselben wurde es auf kurze Zeit selbständig, worauf der Ban Twartko 1370 den Königstitel annahm, doch schon 1401 den Türken zinsbar und seit >528 zur türk. Provinz. Den Ausruhr der Statthalter und der Miliz im 1.1832 unter- drückte der Großvezier Reschid-Pascha mit List und Gewalt. Bospöruö, die Meerenge, welche aus dem Schwarzen Meere in die Propontis oder das Mare di Marmora führt, soll ihren Namen, welcher so viel als Ochsenfurt bedeutet, daher «Halten haben, daß hier nach der Sage die in eine Kuh verwandelte Jo hinüberschwamm. Nachher, als andere Meerengen mit gleichem Namen belegt wurden, nannte man diese den ThrazischenB. In der Mitte dieses Kanals, wo er eine Breite von 2800 F. hat, schlug DariuS die Schiffbrücke, als er gegen die Scythen zog. Kimmerischer B. hieß bei den Alten die Straße von Kaffa (s. d.) oder Feodosia. Das Land zu beiden Seiten des Kimmrischen B. bildete im Alterthume das Bosporanische Reich, welches 470 v. Chr. dic Archäanaktidcn gründeten, die bis 437 regierten. Eine neue Dynastie begann 4U8 «. Chr. mit dem Könige Spartakus. Unter Satyrus I., gest. 393, ward das Reich auf die Mste von Asien ausgedehnt und unter Leukon I., nach dem sich seine Nachkommen die Leu- komden nannten, 360 Theodosia damit vereinigt. Der König Leukanor wurde 290 den Tiyihen zinsbar, und dieser Tribut später so drückend, daß Parisades, der letzte der Leu- komden, cs vorzog, sich dem Könige von Pontus, Mithridates, zu unterwerfen, der auch die Scythen unter Scilurus im I. 116 bezwang und seinen Sohn Machares zum Könige von B. einsetzte. Nachdem sich dieser ermordet und Mithridates ihm im Tode gefolgt war, gaben die Römer das Land 64 v. Chr. dem zweiten Sohne des Mithridates, Pharnaces, und nach seiner Ermordung verschiedenen Fürsten, die sich für Nachkommen des Mithridates ausga- ben. Als endlich der Stamm 239 n. Chr. gänzlich erloschen, bemächtigten sich die Sarma- tm des Reichs, denen es 344 die Bewohner des Chersones entrissen. Mit dem Taurischen Chersones gehörte es dann zum oström. Reiche, bis die Chazaren und später die Tataren unter mongol. Fürsten sich desselben bemächtigten. (S. Taurien.) Bosscha (Herrn.), ein geachteter holländ. Philolog und Dichter, der in seinen an erhabenen Ideen reichen Gedichten die reinste Latinität darstellte, wurde zu Leuwarden am 18. März 1755 geboren, in den Schulen seiner Vaterstadt und zu Deventer vorbereitet wd bezog dann die Universität zu Franeker. Hier erhielt er, kaum 20 Jahre alt, das Rectorat der lat. Schule und schrieb bei dieser Veranlassung die Rede „I)e csussig praecipuis, gm,e birtorism veterem incertsm recickitlerint et obscurrnn", die eine scharfsinnige Beurtheilung der Parteimänner des Alterthums, welche ihre eigenen Geschichtschreiber wurden, enthält. Zm I. t780 wurde er Rector der Schule zu Deventer, während der Parteiungen seines Vaterlandes aber 1787 wieder entlassen und lebte nun zwei Jahre ohne Anstellung, bis ihm l'89 das Prorcctorat des Gymnasiums zu Harderwijk angeboten wurde, das er 1795 mit der Professur der Geschichte und Alterthümer daselbst vertauschte. Im I. 1804 übernahm er die Professur der alten Literatur zu Groningen, wurde hierauf 1806 Rector der lat. Schule zu Amsterdam, noch in demselben Jahre Professor der Geschichte am dasigen Athenäum und starb daselbst mit dem Rufe eines trefflichen Patrioten, eifrigen Schulmanns und geachteten Gelehrten am 12. Aug. 1819. Sammlungen seiner lat. Gedichte besitzen wir unter dem Titel„lVlnsa vaventri-icn" (1786) und von seinem Sobne PetrusB. heraus- Mben (Deventer 1820). Von seinen Holland. Übersetzungen erwähnen wir die von Plu- turch's „Lebensbeschreibungen", von Schiller's „Abfall der Niederlande" und Denon's en ssg)'i>ts". Für die Jugend hatte er 1794 unter dem Titel „kibliottiecs clus- nca"ein brauchbares Handbuch der Mythologie, Alterthümer und Geschichte hcrausge- gkben. Weniger Beifall fand sein letztes Werk „6ezcbieüenis Oer staatstomwonteliag >1er K-uIei-Isnllen in I.et fu-cr >813" (Amst. 1817). Bosse oder Ron d eb oss e nennt man, im Gegensätze der aufeincmNeliefvorgestellten viguren, die Ausführung derselben in völlig raumerfüllcnder Gestalt, als Büsten, Statueq 542 Boss? (Carlo Aurelio) Bossi (Luigi) u. s. w. — Bossiren im engem Sinne bedeutet erhabene Bilder aus weichen Massen, z, B. Gyps, Thon oder. Wachs, formen. Bossi (Carlo Aurelio, Baron de), ital. lyrischer Dichter, geb. zu Turin am l 5. No». 17 5 8, der Sohn des Grafen BvssideSainte-Agathe, betrat früh die diplomatische Lauf, bahn im Dienste des sardin. Hofes und wurde Gesandter am Hofe zu Petersburg. Als Saldi- men seine Continentalstaaten an Frankreich abtreten mußte, besorgte er interimistisch die Ver- waltung Piemonts, bis dieses Frankreich einverleibt wurde. Hierauf ging er als franz. Consul nach Jassy, erhielt dann eine Sendung nach Genua und wurde demnächst Präfect im Departe- ment de l'Ain, später in dem de la Manche, auch zum Baron erhoben und Mitglied der Ehrenlegion. Nach der Restauration trat er wieder in sardin. Dienste, doch unterlag er vielen Anfech. tungen wegen seines Benehmens unter der franz. Herrschaft, da er entschieden für die Verbindung Piemonts mit Frankreich sich erklärt hatte, die er als höchst wohlthätig für sein Vaterland offen anerkannte. Im 1.1815 wurde er sogar aus dem Staatsdienste entla ssen und starb 1818. Durch seine Vorstellung am engl. Hofe veranlaßt er eine Verwendung für die unglücklichen Waldenser von Seiten des engl. Hofes in Turin, welche, vom König von Preußen unterstützt, die kirchlichen und Municipalrechte der Waldenser nicht blos hcrgestellt, sondern durch die Anerkennung der sardin. Negierung fest begründet hat. Frühzeitig trat er mit einigen Dramen auf, in denen eine lebhafte Darstellung, feurige Einbildungskraft und ein wahrer Luxus in Bilbern voll dithyrambischen Schwunges herrschte. In demselben Geiste war die Ode geschrieben, welche er dem Prinzen Leopold von Braunschweig widmete, der bei der Oderüberschwemmung in Frankfurt den Tod fand. Er gab zuerst der ital. Ode eine dramatische Form in Pindar's und Klopstock's Geiste. Sein großes Gedicht über die franz. Revolution, „Ort»ms8is", und die vollständige Sammlung seiner Poesien (2. Aust., Lond. 1811) kamen nicht in den Buchhandel, da nur wenige Exemplare abgezogen wurden. Bossi (Giuseppe), einer der bedeutender« Künstler der neulombard. Schule, geb. zu Buffo im Mailändischen am 17. Aug. 1777, verdient besondere Erwähnung wegen seiner Studim über Leonardo da Vinei. Sorgfältig erzogen ging er 1795 nach Rom und studirte die Meisterwerke, vorzüglich Nafael's; 23 Jahre alt kehrte er nach Mailand zurück, wo er seiner Jugend ungeachtet an des greisen Carlo Bianconi Stelle Secrctair der Akademie clslls belle urti wurde. Vom Vicekönig von Italien, Eugen Beauharnais, mit der Copie von Leonardo's Abendmahl beauftragt, widmete er dem Meister dieses Werks die gründlichsten Untersuchungen in der Schrift „l)sl censcolo s I'vn cnn 86 rvait s 6 enes 80N8 le nom eie 8ucn> cstino" (Tur. 1897); unter den historischen zeichnen sich aus die sehr bereicherte Bearbeitung sonRoscoe's„LebenLeo'sX." (!2Bde.,Mail. 1816—17), die „Untersuchungen über Christ. Colombo" (Mail. 1818) und die „lotorm d'Itslia" (19 Bde., Mail. >819-28). Außer zahlreichen Abhandlungen, welche er 1814—29 im Institute vortrug, undvielen Sluff dam besaß Uucli wvi nicht M/ Pari> schm Lock trag, dicsi Anne Metz Predi 1668 ihm i rhin hielt, «urd wand »nd I Artik zegcn der ft er S Me inirs, heben 8eiw mtZ iß vo zelten ihrer i Alles lisch» «isla große er in! «Ich «ierL zosm Behu Mqll öde., lchicht !8»z steile öel'k sorgte Baus 1821 NtZ 543 z.B. No». Lauf, -ardi- Vkr. onsul »arte- hrm- iftch. rbm- rlanb .818. lichen mter- durch uigen ahrn >r die :i der ama- .Re- 811) 8usfo udien ke die vo er dem,! Lopie ründ- 8IÜ, läldi, ^führl -d des n der 185 , »ähnlichen lebte lechen er die !min et der heolo- erischl ich jn ühw- Zscro arbei- >übcr -23). vielen Bosfuet Aufsätzen für die „Didlioteeca ituliana" hat er über 80 größere und kleinere Werke verfaßt, darunter auch einen Band Trauerspiele (Tur. 1805) und einige Lustspiele. In den Künsten besaß er mehr Gelehrsamkeit als guten Geschmack. Indessen ist seine„lntr»8 bei dem Übertritte des Marschalls Turenne zur katholischen Kirche hielt, erwarb ihm das Bisthum von Cordan. Nachdem ihm der König 1670 die Erziehung des Dau- rhin übertragen, legte er 1671 sein bischöfliches Amt nieder, weil er es für pflichtwidrig hielt, dasselbe bei seiner beständigen Abwesenheit von seiner Gemeinde beizubehalten, und wurde hierauf Mitglied der Akademie. Die Sorgfalt, die er aufdie Erziehung des Dauphin wandte, lohnte man ihm 1680 durch die Ernennung zum ersten Almosenier der Dauphine and 1881 durch die Verleihung des Bisthums von Meaux. Er war der Verfasser der vier Artikel, welche die Freiheit der gallicanischen Kirche und das Recht des Königs über dieselbe gegen päpstliche Angriffe sicherstellten, und durch seine Beredtsamkeit bei der Versammlung der stanz. Geistlichkeit im I. 1682 bewirkte er die Annahme derselben. Im 1. 1697 wurde u Staalsrath und im folgenden Jahre erster Almosenier der Herzogin von Bourgogne. Alle seine Zeit war unter seine Studien und die Ausübung seiner Amtspflichten getheilt; mr selten und auf wenige Augenblicke erlaubte er sich Erholungen. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er unter seiner Gemeinde, in deren Mitte er am >2. Apr. 1704 starb. Zeine Sitten und sein Glaube waren gleich streng; Letzteres zeigte sich vorzüglich im Streite mtFene'lon, den er wegen Vertheidigung des Quietismus (s. d.) verketzerte. Sein Stil ist voll Kraft und kunstreich. Wie er überhaupt als Kanzelredner ausgezeichnet war, so Mm namentlich seine Rede am Sarge der Herzogin von Orleans, die plötzlich in derBlüte ihm Jahre starb, und des großen Conde für Meisterstücke dieser Gattung der Beredtsamkeit. Alle seine Schriften fanden große Anerkennung. Zur Vertheidigung der Lehrsätze der katholischen Kirche, welche von der protestantischen verworfen werden, schrieb er die. „Exposition äela doctrins es vsriutions iles tzglises protest-mtes" (2 Bde., Par. 1688, 4.) dar, «lche noch jetzt den Katholiken als Angriffswaffe gegen den Protestantismus dient. Den »irr Artikeln der gallicanischen Kirche widmete er die „Dekeusio eleelar-rtioiiis celeltsrriinae, Zwin clo potestate ecelesiue synxit clerus AsIIicus s. 1682" (2 Bde., Luxemb. 1730, 4.). Schuss des Unterrichts des Dauphin schrieb er den „Disoours sur I'tüstoirs universelle, Mqii'L i'empirs <>e (illsrle I>s." (Par. 1661, 4.; deutsch von Cramer mit Fortsetzung, 7 "de., Lpz. 1757—86), der als erster Versuch einer philosophischen Behandlung der Gerichte besondere Beachtung verdient. Die Fortsetzung desselben bis zum Jahre 1661 (Par. ^>5) ist allerdings aus den Materialien seines Nachlasses geflossen, denen aber die letzte Me fehlt. Eine andere Fruchtseiner politisch-historischen Betrachtungen wardle„UoI!tchu--. »e I'e'critur« siünte" (Par. 1709, 4.). Die vollständigste Ausgabe seiner Schriften bellen die Benedictincr (46 Bde., Versailles 1815 —19). Das Leben B.'s vom Cardinal Muffet, welches sich in dieser Ausgabe befindet, wurde von Mich. Feder (4 Bde., Sulzb. 828—21) übersetzt. — Sein Neffe, Jacq. B., starb als Bischofvon Troyes am 12.Juli >13. Die sehr ausgedehnte Correspondenz desselben, die sich zum großen Thcil auf die 544 Bossut Boston Beleuchtung und Erörterung der Lehren Fe'ne'lon's bezieht, ist den Ausgaben der Werke seine? Oheims einverleibt. Bossut (Charl.), stanz. Mathematiker, geb. am 1 l. Aug. 1730 zuTartaraS bei Lyon, kam, nachdem er frühzeitig seinen Vater verloren hatte, in das Jesuitencollegium zu Lyon und dann nach Paris, wo er sich dem Studium oer Mathematik widmete und sehr bald in Clairaut und d'Alembert, dessen Werke er auf das eifrigste studirte, Gönner und Freunde fand. Schon 1752 wurde er Professor der Mathematik zu Mezieres und >768 in die Akademie der Wissenschaften ausgenommen. Dabei ein großer Verehrer des geistlichen Standes, für den er sich ursprünglich bestimmt hatte, erschien er nie anders als in der Tracht eines Abbe. Nachdem ihm die Revolution seine Stelle und seine Einkünfte genommen, lebte er mis- muthig, beinahe ein Menschenfeind, in großer Zurückgezogenheit. Unter dem Kaiserreich wurde er wieder aus seiner Verborgenheit hervorgezogen und altz Professor an der Polykech- nischcn Schule angestellt. Er starb am l 4.Jan. 1814. Seine Werke sind sehr zahlreich; als besonders gehaltvoll erwähnen wir seine „Uecbercbes sur 1» construction ln plus nvnnli,- geiise ckes ckiFuss" (Par. 1764; deutsch von Kröncke, Franks. 1788), „Rsctrerclies sur los nlterntions que In resistsnce cke l'etlier peutprockuirecknris lemonvemelitckesplniieO-s" (Par. 1766), worin er die säculare Gleichung des Mondes erklären wollte, eine Erscheinung, deren wahre Ursachen erst Laplace entdeckte, und „l^ouvelle expörience sur ln res>stn»cc ckes üiiickes psr ck'^Iemliert, Oonckorcot et 6." (Paris 1777); ferner den ,,'lrnile s.Ienieiiinüe cke niecsnique et cke «Hnnmique" (Charleville 1763), „Oours complete ckes matkeu^- tiqnes" (7 Bde., Par. 1795 —1861) und „Oonrs cke mntkemnticpie n kusn^e ckes «I'ickes militnirss (2 Bde., Par. 1782); endlich den „bissni sur I'tiistoire genernle lies mnibeu^- tiquss" (2 Bde., 2. Ausl., Par. 1810; deutsch, 2 Bde., Hamb. 1804), der eins der besten G» schichtswerke dieser Wissenschaft ist, da Kästner's und Delambre's bloße Compilationen sind, und ,,'1'rnite cku cnlcul ckickereutiel et integral", der sich durch dieselbe methodische Ordnung und Klarheit des Vortrags auszeichnet, die in allen übrigen Schriften B.'s herrscht. Auch gab er als ein großer Verehrer Pascal's dessen Werke heraus(15 Bde., Par. I77N), denen er einen „Oiscours sur l» vie et les ouvrsges cke Pascal" (5 Bde.) als Einleitung porausschickte, auf welchen er selbst einen sehr großen Werth legte. Bostandschi, d. h. Gartenwärter, ist der Name des militairisch organisirten Corps »on etwa 600 M., das die Wache im Serail des Eroßhcrrn zu versehen hat. Ihr Anführer ist der Bostandschi B asch i, der zugleich die Aufsicht über das Äußere, über die Gärten des Serails, den Kanal und die Lustschlösser zu führen hat und den Großherrn auf allen seinen Spazierfahrten begleitet. Boston, die Hauptstadt des nordamerik. Freistaats Massachusetts, an der Boston- ober Massachusettsbai, auf einer Halbinsel vor der Mündung des Charlesstroms, ist nach Philadelphia, Neuyork und Baltimore die schönste Seestadt der Vereinigten Staaken. Tie zerfällt in Nord- und Südende und West - oder Neuboston und zählt 93383 E. Drei hölzerne Brücken vereinigen die Stadt mit Cambridge und Charlestown. Wcstboston, wo die reichen Kaufleute ihre Wohnhäuser haben, ist schön und regelmäßig gebaut. Der befestigte Hafen, welcher über 500 große Schiffe faßt und selbst während der Ebbe noch Tiefe genug für die größten Schiffe hat, ist bis auf die etwas enge Einfahrt, die aber auch seine Reinigung sehr leicht macht, vortrefflich. Die Schiffswerste und Landungsplätze sind bequem, groß und in gutem Stande; die Straßen reinlich, gepflastert und durchgängig mit Fußwegen von Backsteinen versehen. Es hat 30 Kirchen und Belhäuser für die verschiedenen christlichen Confessionen, worunter jedoch, wie von den Puritanern zu erwarten, kein einziges Werk von architektonischer Schönheit sich findet. Unter den öffentlichen Gebäuden zeichnen sich aus das große aber im schlechten Stil mit hölzerner Kuppel gebaute Staatenhaus, das Athenäum mit der Bibliothek, das Massachusetts-Hosvital, das aus Granit aufgeführte Marktgebäude (Huincz? lVlnrleet), der neue Gerichtssaal (Oourttwuse), mehre Banken und das 'premont Hotel. Die Stadt hat zwei Theater und ein musterhaft eingerichtetes Ge- fängniß. Unter den gelehrten Vereinen sind vorzüglich zu erwähnen die amerik. Akademie der Künste und Wissenschaften, die Historische und die Medicinische Gesellschaft. Dicht an der Stadt liegen East-Boston, das erst seit >836 angelegt ist, und die FleckenRoxbury s un < ent blc gai ihr Ki N- lln am svä ' B- i St Kd das II»! am M W Ä dez > wel ' W z°, ksi «cg ml »m Phil Ra! i M I!im ma> sirs Uirl d«! dem Str «tl kebi f «0lh iU ' am mdl C Botanik 545 ms ^ >°n, yon d in >nd. mie für bbe. nis- ceich kcch- ais nti>- s«r t>-s" UNg, - >ies lxire ÜN!>- 'ttir'S '1UI1- >Gc- vr.cn Ord- csbt. -'ii), irung forxs An- r Sie !i aus »sion- nach sie Drei >, wo Der Tiefe seine d be- gM't denen ijiges chnen i, das Ährte nund s Ee» demie cht an rbury undCharlestown, mit zusammen mehr als 2-1 NONE-, und in einer Entfernung von 10—20 engl. Meilen die Städte Salem mit bedeutendem Handel, Lynn mit Schuhfabriken, Mar- blchead und Nantucket mit Walsischfängerei und Lowcll, die bedeutendste Fabrikstadt der ganzen Union. Die 26 Banken in B. gehören zu den solidesten in Amerika. Sie haben nie ihre Baarzahlungen völlig eingestellt und ihr Capital übersteigt 66 Mill. Dollars. Mittels Eisenbahnen ist B. mit Lowell, Springficld, Wertester, Quincy, Providence, Albany und Neuyork verbunden. Auch treibt es den stärksten Küstcnhandel unter allen Seestädten der Union. Die Stadt wurde 1630 von Eingewandertcn, zum Theil aus Boston in England, angelegt und hieß anfangs Trimountain nach den drei Hügeln, auf denen sie erbaut ist. Erst sväter erhielt sie, einem eifrigen Freunde der Freiheit, Cotton, zu Ehren, der Prediger zu Boston in England war und nachmals die Prcdigerstelle bei der ersten Kirche der neuen Stadt erhielt, ihren gegenwärtigen Namen. Durch ein Erdbeben im I. 1727 ward sie bedeutend beschädigt. Zu B. begann im Dec. 1773 zuerst die amcrik. Revolution, als das Volk den, trotz der Nichtcinfuhracte, aus England eingeführtcn Thecins Meer warf, imd später in der Nähe der Stadt auch zuerst der Kampf mlt der Schlacht bei Bunkcrshill am >7.Juni 177-1, zu deren Andenken nachher eine 200 F. hohe Säule von Granit errichtet «de, die jedoch noch nicht ausgebaut ist. Governors-Eiland, eine kleine zu B. gehörige Insel, ist als der Geburtsort Bcnj. Franklin's bcmerkcnswerth. Botanik oder Pflanzenkunde nennt man die wissenschaftliche Betrachtung des Hauzenreichs, ein Studium, dem cs weder an Umfang noch an Tieft und Wichtigkeit gebricht. Zn dieser Form tritt die Botanik jedoch erst seit einigen Mcnschcnaltern auf; denn früher bezweckte sie nur einen trockenen Schematismus, wurde sogar als eine Kunst besinnt, durch welche der Fleißige in Stand gesetzt werde, mit möglichst geringer Mühe den Namen einer Pflanze in systematischen Werken aufzufinden und den gefundenen im Gedächtnisse zu bewahren. Da kein tüchtiger Kopf ein Treiben, welches nur ein solches Ziel verfolgt, als Wissenschaft anerkennen kann, so ist cs geschehen, daß man ehedem die Botanik für eine gelehrt scheinende aber unersprießliche Spielerei erklärte, die einem ernsten, thätigen und tieferer Forschung geneigten Manne nicht zieme. Gemäß des jetzigen Standes der Wissenschaft ist ks der wesentlichste Vorwurf der Botanik, die Gesetze aufzusuchcn, nach welchen das Leben im »kgetabilischcn Organismus austritt, Stoffe zu Elemcntarorgancn verbindet, aus diesen durch Kombination und Umwandlung vielfache Formen hervorruft und endlich die Organe bildet, welche das kräftige Dasein sowie die Erfüllung des letzten Endzwecks des Daseins der Pflanze »ermitteln. Daß die Botanik, unter diesem Gesichtspunkte aufgcfaßt, eine erhabene und philosophische Wissenschaft und von jener ganz verschieden sei, welche man ehedem mit gleichem Namen belegte, bedarf nicht der Erläuterung. Die Übersicht der Botanik ist dadurch erschwert worden, daß man sie in eine Menge von Wissenschaften zcrfällte, die nicht wohl allein stehen lömen, meist incinandcrflicßen, oder nicht als botanische angesehen werden können. Da ^ Mn nothwendig einen Körper erst kennen muß, che man über seine Beziehungen zu andern forschen kann, so wird die Grundlage der Pflanzenkunde die allgemeine Botanik (Na- torlehre der Pflanzen, philosophische Botanik oder Phytonomic) sein müssen. Sie beruht , Ms mehren völlig untrennbaren Doctrinen. Zuerst wird mittels dcr Zerglicderungskunst dnPflanzen(Phytotomie), welche gewisse mechanische Fertigkeiten und Vertrautheit mit unentbehrlichsten Instrumente, dem Mikroskop, voraussetzt, eine freie Ansicht von der «tructurder GcwächSthcile erlangt; indem man diese bis in ihre Elcmcntarorgane verfolgt, »nd wiederum zu erkennen strebt, nach welchen Gesehen sich diese lctztcrn zu Formen veröden (Entwickelung der Pflanzen), tritt man zuerst in das Gebiet von der Formenlehre Morphologie) und der Lehre von den Organen der Pflanzen (Or ganologie), die Mhwcndig wieder hinüberführen zur Lehre von den organischen Tätigkeiten, welche im , «den der Pflanzen sich darlegcn (Phytophysiologic). Als Hülfswisftnschaft tritt hier j «och die Lehre von den in den Pflanzen vorgchendcn chemischen Processen oder den in den ^ Wanzen enthaltenen Stoffen (Phytochcmic) hinzu, die aber keine Wissenschaft für sich, wenigsten eine botanische, sondern ein Theil der Chemie überhaupt ist. Es versteht sich wdlich von selbst, daß zum gedeihlichen Arbeiten in diesem Theilc der Botanik, den man als Conv.-Lex. Neunte Ausl. II. 35 546 Botanik den Hähern anschcn muß, allgemeine Kenntnisse erfodert werden, wie der Physik und der Mathematik. Der zweite Hauptthcil der Botanik kann als die specielle Botanik bezeichnet werden. Er galt bis auf sehr neue Zeiten als der wesentlichste und wird, noch jetzt bevorzugt von Allen, die entweder in der Botanik nur eine Nomenklatur suchen, also sie in dem Sinne der oben gegebenen alten Definition betreiben, oder überhaupt tiefem Eingehen abgeneigt find. Die spccielle Botanik ist entstanden, sobald man das Bcdücfniß fühlte, eine Übersicht über das Pflanzenreich zu gewinnen; sie hat aber in ihren Lehren um so mehr schwanken und unaufhörlichen Veränderungen unterworfen bleiben müssen, als sic sich nicht aufgeuaucKenntniß despflanzlichcn Organismus, diePhytonomie, begründete. Unentbehrlich ist sie allerdings für die Wissenschaft von den Pflanzen, keineswegs aber der höchste Vorwurf derselben. Sie umfaßt die Kunstsprache (Terminologie oder Orismologie), die Systcm- kunde(Taxonomie), die Pflanzcnbeschrcibung (Phytographi e) und die Pflanzcngeo- graphie. Die Terminologie beschäftigt sich mit der Feststellung der Benennungen der verschiedenen Theile der Gewächse unter den Gesichtspunkten ihres relativen Vorkommens, ihrer äußern Verhältnisse (Form, Stellung, gegenseitige Verbindung u. s. w.'t und entstand aus de», Bedürfnisse von Ausdrücken, die mittels Übereinkommens bei allen Botanikern dieselbe Bedeutung haben und jene Begriffe mit solcher Schärfe bezeichnen sollten, daß eine Verwechselung unmöglich würde. Da die lat. und griech. Sprache bei allen wissenschaftlichen Männern als hinreichend geläufig vorausgesetzt werden, als tobte aber Veränderungen nicht mehr unterworfen sind, so hat Linne die Kunstausdrücke beiden, zumal der griech. Sprache, als der bildsamem, entnommen und, weil er hierbei streng logisch verfahren war, seiner Terminologie allgemeinen Eingang verschafft. Ehedem ward die Terminologie abgesondert gelehrt und bestand im Auswendiglernen; ein solches Studium ist aber ebenso langweilig als fruchtlos und hat viele der bessern Köpfe von der Botanik überhaupt zurückgcschreckt. Gegenwärtig wird die Kunstsprache meist nur in Verbindung mit Phytonomie vorgetragen und hierdurch sehr erleichtert. Die Systemkunde entwickelt die Gesetze, nach welchen das Pflanzenreich in gewisse Übersichten gebracht wird, und lehrt die von den Botanikern getroffenen Eintheilungen kennen. Unter dem letztem Gesichtspunkte ist sie ziemlich gleichbedeutend mit Geschichte der Botanik, unter dem erstem soll sie Anleitung geben zur richtigen Auffassung derjenigen Merkmale, aus welchen sich die Verwandtschaftsgrade folgern lassen, und zeigen, wie nach Maßgabe dieser Verwandtschaften die Pflanzen in größer» oder kleinern Gruppen zusammengestellt und diese wiederum so vereint werden können, daß ähnliche zu ähnlichen kommen und zuletzt eine Anordnung entsteht, die man System nennt. Die Nothwendigkeit einer solchen Anordnung wird Niemand in Zweifel ziehen, der da weiß, daß an 80000 Arten Pflanzen mit ziemlicher Genauigkeit bekannt, d. h. botanisch beschrieben sind, und an 60V00 Arten in den Herbarien sich vorfinden. Die Ausführbarkeit einer systematischen Anordnung und ihre Brauchbarkeit wird abhängen von den durch den Erfinder befolgten Grundsätzen. Es ist möglich, daß ein solcher sich nur der äußern Theile als Eintheilungspriucipe bediene, ohne die Möglichkeit zu erwägen, daß diese entweder für die Existenz oder die Lebensbestimmung eines Organismus unwesentlich sind, vielleicht auch in verschiedenen Wesen, der äußern Übereinstimmung ungeachtet, ganz verschiedene Zwecke erfüllen; oder es kann geschehe», daß der Beobachter das Unwesentliche oder Zufällige nicht berücksichtigt, sondern die Ünterschicdc nur in solchen Organen aufsucht, die sich auf die Erfüllung höherer Lebenszwecke beziehen. 3»> erstem Falle wird ein künstliches System entstehen, im letzter» ein physiologisches, oder wie cs mit einem leicht misverstandenen Namen auch bezeichnet wird, ein natürliches. Wen» man z. B. alle Pflanzen, deren Blumen fünf Staubfäden zeigen, in eine Gruppe stellt, so hält man sich an ein untergeordnetes Merkmal und trifft eine künstliche Anordnung, indem man eine große Zahl Gewächse vereinigt, die zwar in genannter Hinsicht Übereinkommen, sonst aber durch Blütenbau und Frucht sich augenscheinlich unähnlich sind. Wer hingegen , zu dieser mit fünf Staubfäden versehenen Gruppe diejenigen Pflanzen ohne Berücksichtig. gung ihrer Staubfädenzahl hinzufügt, die nicht durch ein einzelnes Organ, sondern in ' vielen Übereinstimmung gewahren lassen, diese Übereinstimmung aber nicht im Äußern allein, sondern hauptsächlich in den wichtigsten inner» Organen, zumal in dem Bau des ^ d, is kc zr w Pi T s-> tr >h w m w de m D U> s-k m al >v, tn st! di, i. de, Lä Oi d. ba! n>c ad« Za die Ei bis be< ba, bei for sch. mi, sich Mir tan dies Botanik 547 Samens darlcgen, ein solcher ordnet die Gewächse in natürliche Gruppen (z. B. Gräser, Palmen, Zapfentragende, Kürbisgewächse u. s. w.) oder nach dem natürlichen Systeme. Daß das letztere noch entfernt sein müsse von Vollendung, folgt aus der Nothwcndigkeit der genauesten, oft ziemlich schwierigen Untersuchung, welcher jedePflanze zu unterwerfen ist, ehe über ihre natürliche Stellung entschieden werden kann; daß es je zur höchsten Vollkommenheit gebracht werden könne, wird selbst von den schärfsten Pflanzcnphysiologcn und zwar darum bezweifelt, weil die Beziehungen der Pflanzenorganc untereinander höchst verwickelt sind, und zuletzt ebenso wenig wie die der Phytotomie gelungene Darstellung der pflanzlichen Elemcntartheile für Systematik irgend paßliche Anhaltepunkte liefern können. Dennoch ist dieses System ein vorzüglich philosophisches und jedem Geübter» allein zusagendes, deni Anfänger freilich schon darum ein weniger brauchbares, weil cs völlige Vertrautheit mit Phytonomic, Kcnntniß einer ansehnlichen Zahl Pflanzen und viele Übung in ihrer Zergliederung voraussetzt. Unter den künstlichen Systemen übertrifft das Linne'sche alle andere, indem es am wenigsten Willkürlich verfährt, verhältnißmäßig am ersten den natürlichen Gruppen sich nähert und vermöge seiner Klarheit und Consequenz selbst vom Anfänger sogleich gefaßt «erden kann. Schon im 16. Jahrh. hatte der Italiener Cesalpini erkannt, daß die Frucht der letzte Zweck der Vegetation sei, und sic zur Begründung einer Anordnung benutzt. Je mchr Pflanzen man kennen lernte, um so unzureichender fand man jene Grundlage, indem eine Menge übrigens sehr verschiedener Pflanzen Früchte tragen, die, wenigstens bei oberflächlicher Untersuchung und Ünkenntniß des Bildungshcrganges (der Morphologie), sich ganz zu gleichen scheinen. Man nahm daher nothgedrungen seine Zuflucht zu andern Organen, um die Merkmale der Unterscheidung festzustellen, und war conscquent genug, diejenigen zu wählen, die man als befruchtende erkannt hatte. Linne berichtigte die Ansichten über ihre Bedeutung und wendete sie als Eintheilungsgrund an für sein Geschlechts- oder Sexualsystem. Vor Allem trennt er die Pflanzen in zwei große Abteilungen, in die mit sichtbaren Geschlechtsorganen versehenen (Phanerogamen) und die derselben beraubten (Kryptogamen). Diese bilden die 2-t. Nasse, jene 23 Nassen. Als Eintheilungsgrund der Phanerogamen wird benutzt für die I— II. Nasse die Zahl der männlichenOrgane(Staubgcfäße); für die 12. und 13. die Zahl derselben aber mit Berücksichtigung ihres Anheftungsorts; für die I-I. und 15. ihre relative Länge, für die 16. —20. die Art ihrer Verwachsung untereinander oder mit den weiblichen Organen, für die 21 . —23. der Umstand, daß viele Pflanzen keine Zwitterblüten bringen, d. h. nicht in einer und derselben Blüte beiderlei Geschlechtsorgane enthalten, sondern bald männlich, bald nur weiblich sind. Solche Blüten getrennten Geschlechts können entweder auf demselben Individuum vermengt Vorkommen, oder auf verschiedenen Individuen, oder es ist auch möglich, daß ällc Zwitterblüten und die letztgenannten Formen vermischt an derselben Pflanzcnart beobachtet werden. Die Nassen zerfallen wieder in Ordnungen, nach Zahl der weiblichen Geschlechtsorgane, Beschaffenheit der Frucht und andern Merkmalen, die, wenn auch untergeordneter Art, immer den Fortpflanzungswcrkzcugen entnommen sind. Eine große Empfehlung dieses Systems ist es, daß trotz aller neucntdecktcn Pflanzen es bisher nicht nöthig gewesen, Hne neue Nasse ihm zuzusetzcn; außerdem erscheint es auch sehr begreiflich und für den Gebrauch geeignet. Indessen ist der letztere Vorteil nur ein scheinbarer, da die zu Grunde gelegten Zahlenvcrhältnisse von der Naturkcineswegs immer streng beibchalten werden, andererseits aber wegen eines geringen Zahlenunterschicdes Pflanzen- strmen, deren enge Verwandtschaft selbst der Anfänger erkennt, getrennt und in sehr verschiedene Nassen untergebracht werden. Doch die Systcmkundereicht allein nicht aus, wo esdarauf ankommt, den in der Wissenschaft feststehenden Namen einer Pflanze aufzufinden, da hierzu auch Kcnntniß der Synonymie, d. h. in vielen Fällen, Kcnntniß älterer Jrrthümer, oder doch der vorher dagewesenen Ansichten über die Beschaffenheit, und die aus dieser resnltirenden Stellung einer Pflanze erfodcrt Mird. Da diese Ansichten nach Maßgabe der individuellen Kcnntniß der beschreibenden Bo-- taniker und des zeitweiligen Standes der Wissenschaft sehr verschieden sind, so hat bisweilen dieselbe Pflanze nach und nach mehre Namen empfangen und ist öfters an sehr verschiedene 35 * 548 Botanik Orte des Systems verwiesen worden. Der systematische Botaniker muß Qucllenkenntniß und Geduld genug haben, um sich durch diese oft große Verwirrung hindurch zu arbeiten, und Scharfsinn besitzen, um festzustellen, was seine Vorgänger gemeint habe» können. Auf solche Weise befähigt, mag er mit der beschreibenden Botanik (Phytographie)sich beschäftigen. Sic gibt nach festgesetzten Formen, in Ausdrücken der Kunstsprache und mit möglichster Kürze, doch mit Vermeidung daher entspringender Dunkelheit, eine Definition der Gruppen, Gattungen oder Arten der Pflanzen und stellt hierdurch die Unterscheidungsmerkmale von allem Verwandten auf, liefert, wo nöthig, eine umständlichere Beschreibung, die dann, dem Stande der Wissenschaft angemessen, zu berücksichtigen hat, was ehemals mit Schweige» übergangen worden wäre, führt Synonyme auf, wo sie vorhanden, setzt die Stellung im System fest und gibt dem zuerst Beschriebenen einen Namen, über dessen Bildung sie die Gesetze verschreibt. Die Phytographie ist zwar ein unentbehrlicher Thcil der Botanik, allein keineswegs Das, wofür sie ehedem galt, das höchste Ziel der Wissenschaft, denn sie ordnet nur das Material, aus welchem cs vielleicht künftigen Generationen gelingt, ein mächtiges Gebäude zu errichten. Die Pflanzeugeographie endlich findet am passendsten ihren Ort als Thcil der Phytographie, indem sie bisher gewöhnlich mit dieser verbunden einherging und nichts weniger als eine sesibegründete Wissenschaft ist, sondern nur eine Menge klimatclogi- scher, hypsometrischer, geognostischer und sogar historischer Thatsachcn und Beobachtungen mit dem Vorkommen von Pflanzen in Verbindung zu setzen strebte, ohne es bis jetzt zur Feststellung großer und allgemeiner Gesetze über diese bringen zu können. Da die Botanik die Pflanze nur im Normalzustände, also in demjenigen der Gesundheit, zum Objecte hat, so kann auch die Lehre von den Krankheiten der Pflanzen und ihrer Hcilungsart (Pflanzenpathologie und Pflanzentherapie) nicht als einer ihrer Theile altgesehen werden. Die angewandte Botanik ^befindet sich in demselben Verhältnisse, denn da man hierunter die Kcnntniß der Pflanzen versteht, deren Gebrauch bereits gewöhnlich oder doch möglich ist für die vielfachen Zwecke des Menschen, so ist sic nur Wiederholung oder Auszug Dessen, was andere Zweige der Wissenschaft enthalten; oft erscheint sie sogar so untergeordnet, daß unter der Menge fremdartiger, auf Technisches bezüglicher Einzclnheiten das Botanische ganz verschwindet. Die ökonomische Botanik gehört daher zur Lehre vom Ackerbau, die technische Botanik in die Technologie, die medicinische oder pharmaceutische Botanik als Nebeutheil in die Arzneimittellehre. Die Kcnntniß vorweltlicher Pflanzen formen, ihrer Structur und ihrer Verhältnisse zur Vegetation der Zctztwelt kann ebenso wenig eine abgesonderte Wissen schaft bilden, als in der Zoologie die Kcnntniß vorweltlicher Muscheln, Korallen, Wirbelthierreste u. dgl. Die versteinerten Früchte und Hölzer, die schönen Abdrücke von Farrnkräuter» und palmcnartigen Gewächsen, die in verschiedenen Gebirgsformationen oft in unsäglicher Menge Vorkommen, liefern Stoff für phytonomische oder phytognostische Untersuchungen, indem dieselben Gesetze, welche in den genannten Hinsichten auf die noch existirende Pflanzenwelt Anwendung finden, auch in den Gebilden der unkergegangcnen Welt zu verfolgen sind. Erscheint diese Kcnntniß aber als Hülfsmittcl einer andern Wissenschaft, der physischen Geschichte der Erde, so mag sie als Pflanz enge ologie bezeichnet werden. Zwar erscheint die Botanik nur dann als wahre und ernste Wissenschaft, wenn sie unter den erwähnten Hähern Gesichtspunkten betrieben wird; indessen kann sie auch dann noch Gegenstand einer anziehenden und nützlichen, wenn auch nicht wissenschaftlichen Beschäftigung blei- bcu, wenn sie nur zur Auffindung systcmatischcrNamcn und bei der Anlegung lebender oder getrockneter Pflanzensammlungen nützen soll. Auf solche Weise wird sie gemeiniglich von Blumenfreunden, jungen Leuten und gebildeten Frauen betrieben, und selbst die Mehrzahl wirklicher Botaniker ging ursprünglich von demselben Punkte aus. Ihr Studium erfodcct dann nichts weiter als ein mittelmäßiges Talent der Auffassung und Vergleichung äußerer Zeichen und einige Gewöhnung an logisches Denken und wird durch eine große Menge populairgehaltener und in deutscher Sprache geschriebener Anleitungen und Handbücher, sowie durch entsprechende Abbildungen unterstützt. Mit allem Rechte hat man sie daher in bessern Schulen unter die Lehrgegenstände ausgenommen und sollte auch im Familienkreise sich bestreben, die Neigung zu pflegen, welche aus leicht begreiflichen Gründen Kinder in der Regel mehr der Pflan- 3 - b-s ter Di des btt kar a»' «4 bri so, ihr 16 Sr rm gcb am Sr klgl W bot aus G- ma dm abc Ml An Ra bol reu der, eine soi diel der ,,S deck Hz der' neri whe «ii Erf Botanische Gärten 549 liß l rid che en. ier en, »on em zcn im die ein net ges als md rgi- gen cst- die ann PL- rein ntcr stich ves- net, ische hni- theil und scn hier- tnn icher gen, Bulgen chcn lNter gen- blei- rge- Llu- icher ichtS und teuer spre- inter Nei- stanzen- als der Thierwelt zuwenden. Als Wissenschaft erscheint die Botanik erst seit hundert Jahren; ihre höhere Bedeutung erlangte sic kaum seit einem Mensihenaltcr. Im Alterthume bestand sie im Aufsuchen von Arzneipflanzen und befand sich also in den Händen von Kräu- tersammlcrn und Wurzelgräbern. Th c ophrast (s d.), ein Schüler des Aristoteles, hinter- licß zwei auf uns gekommene jetzt unbrauchbare Werke über die Naturgeschichte der Pflanzen z Dioskorides von Anazarbus in Klcinasicn bereiste im I. Jahrh. n. Ehr. viele Lander und beschrieb über 699 Pflanzen in einem Werke, dessen noch !m Mittelalter dauernde Verehrung beweist, wie arm jene Zeit an eigener Forschung gewesen sein müsse. Erst im 16. Jahrh. kamen Deutsche auf den Gedanken, daß ein meist von asiat. Pflanzen handelndes Werk nicht auf deutsche Gewächse passen könne, und begannen diese zu untersuchen. Als Väter der deut-. scheu Botanik gelten Otto Brunfels, gest. zu Bern 1534, Hicron. Bock, geb. im Zwei- brückischcn 1498, gest. 1554, Konr. Gcsner (s. d.),Joach. Camerarius (s. d.). An diese schlossen sich zunächst Niederländer, dann Franzosen an; allein während die Zahl der Pflanzen so wuchs, daß man um das I. 1699 schon über 5999 Arten kannte, scheiterten die Versuche ihrer systematischen Anordnung durch Math. deL'Obel, geb. inRyssel >538, gest. in London Ui16 und Kasp.Bauhin, geb. zu Basel 1569, gest. daselbst 1624, thcils an der verwirrten Synonymie, theils an der unvollkommenen Kenntniß der Organisation. Im 17. Jahrh. warm Andere, wie Rob.Morison, geb. zu Aberdeen 1629, gest. in Oxford 1683, und John Nay, geb. in der Grafschaft Essex 1628, gest. 1795, glücklicher. Indem sic von festem Grundlagen ausgingen und bereits die Wichtigkeit der Bcfruchtungswerkzengc ahneten, begründeten sic Systeme, welche Linne (s. d.) um die Mitte des 18. Jahrh. nur thcilwcise als Grundlage des eizenen benutzen konnte, da inzwischen eine große Menge Reisender die Zahl bekannter Pflanzen auf 7999 gebracht hatte, ihm ein reicheres Material als irgend einem Vorgänger zu Gebote stand und er dadurch in Stand gesetzt wurde, Vergleiche anzustellen und alte.Jrrthümcr aufzuklärcn. Mit diesem Heros der Naturwissenschaft begann die Botanik eine wissenschaftliche Gestalt anzunchmen. Auf der von ihm gebrochenen Bahn schritten Andere fort; ungeachtet manches lange verhallten Widerspruchs siegten Linnc's philosophische Ansichten und lagen auch dem natürlichen Systeme zu Grunde, welches er selbst zuerst (17 38) angcdeutet, hauptsächlich aber Antoine Laurent deIussieu (s. d.) errichtet hat. Durch dasselbe wurde der Anstoß zu jenen tiefen Forschungen gegeben, die gegenwärtig als Hauptzweck der Botanik gelten. Seit Anfang des 19. Jahrh. hat die Botanik Riesenschritte gemacht. Die Zahl geistreicher und fleißiger Forscher ist auf ihrem Gebiete so gewachsen, daß selbst eine bloße Namenlistc zu viel Raum crfodcrn würde und es hinreichcn muß, Männer wic Rob. Brown (s. d.), de Can- dolless.d.), Martius ss. d.) und Endlicher (s. d.) beispielsweise anzuführcn. Da in die neuesten Zeiten durch Pflanzenphysiologen, wie Link, Meier, Schleiden und mehre Ausländer, eine Menge merkwürdiger Entdeckungen gemacht worden, die entweder der Wissenschaft «ne neueGestalt geben, oder doch zu fernem noch ungeahnetcn Aufklärungen führen müssen, so ist schon jetzt das Umfassen ihres Gesammtgebicts eine schwer zu lösende Aufgabe und wird vielleicht in nicht sehr ferner Zukunft nur noch wenigen Begünstigten möglich sein. Vgl. Bischofs, „Lehrbuch der Botanik" (5 Bdc., Stuttg. 1834 — 41) und Sprengel, „Geschichte der Botanik" (2 Bde., Altenb. und Lpz. 1817—18), über Pflanzenphysiologie Mcycn, »System der Pflanzenphysiologie" (2 Bde., Bcrl. 1837—38) und über die neuesten Entdeckungen und Ansichten Schleiden, „Grundriß einer wissenschaftlichen Botanik" (2Udc., Lpz. 1841—43) und Endlicher und Unger, „Handbuch der Botanik" (Bd. 1, Wien 1843). Botanische Gärten unterscheiden sich von gewöhnlichen Gärten dadurch, daß sie in der Absicht, die Pflanzenkunde zu fördern, angelegt und erhalten werden. Die Verfolgung eines solchen ceinwisscnschaftlichcn Zwecks schließt an sich den Betrieb gewöhnlicher Blumcngärt- »erci aus, sowie das Streben, neue Spielarten und gefüllte Blüten zu erzeugen, hat mit der Mode, welche bald die eine bald eine andere Pflanzengattung bevorzugt, nichts zu thun und ^heischt umsomehr eine cigcnthümlichc, vielartige Kenntnisse voraussetzcndc Bcwirthschaftung des Gartens, als dieser einen möglich großen Rcichthum an Gewächsen der verschiedensten Kliniate enthalten soll. Diese Aufgabe sucht man, wenn auch nicht immer mit hinreichendem Erfolge, dadurch zu lösen, daß man den Pflanzen wcitcntlegcner Himmelsstriche auf künst- liche Weise angemessenen Standort, Boden und vor Allem die entsprechende Temperatur zu 55Ü Botanische Gärten , schaffen sucht. Ist hierzu einmal genaue Kenntniß der klimatischen Verhältnisse und desBa- j r terlands fremder Pflanzen »öthig, so wird auf der andern Seite Vertrautheit mit der eigen- e thümlichen Art, wie künstliche Vorrichtungen auf Pflanzen cinwirken erfodcrt. Die mate- r reelle Unterstützung des botanischen Gärtners bcstehtzucrst in den Gewächshäusern, die je nach ° Anlage und der in ihnen unterhaltenen Temperatur in mehre Classen zerfallen. Man unter- v scheidet kalte oder Cap-Häuser, deren Temperatur im Winter nicht über 8" R. sich zu erhc- d bcn braucht, und die zur Überwinterung der zartern nordamerik., ncuholländ. und südafrik. " Pflanzen, also dcrzwischcn 25.—4«), Breitegrad heimischen, hinzureichen pflegt; ferner warme E Hauser, die im Winker eine Temperatur von 10"—15" R haben müssen und bestimmt sind, t tropische Pflanzen aufzunehmcn; endlich Treibhäuser, die eigentlich mehr in der Treibgärt. 2 nerei von exotischen oder zur ungewöhnlichen Jahreszeit verlangten Früchten Anwendung ! 2 finden, indessen auch in botanischen Gärten zur Aufbewahrung der empfindlichsten, aus sehr v heißen Ländern stammenden Gewächse, besonders aber zur Vermehrung derselben nützlich d sind und von andern Glashäusern sich dadurch unterscheiden, daß sic tiefer unter die Erd- 6 oberfläche hinabrcichcn und selbst im Sammcr bei kühlerm Wetter geheizt werden. Wo größere Mittel vorhanden sind, errichtet man wol auch besondere Häuser für einzelne Familien, h z. B. Palmenhäuser oder Winterhäuser; die letztem sind zum Thcil wegnehmbar und dazu be- n stimmt, den im Boden wurzelnden, großen Exemplaren exotischer Gewächse im Winter Schutz § zu verleihen. Der nöthige Wärmegrad wird in diesen verschiedenen Häusern erlangt theils durch v die Lage nach Süden und Verglasung der Wand in dieser Richtung, theils bei äußcrerKälte d durch Heizung, die wiederum auf verschiedene Art eingerichtet sein kann, am unvollkommensten d aber mittels gewöhnlicher Öfen geschieht. Bei gut eingerichteten Glashäusern ist der Ofen au- a ßerhalb derselben angebracht, sodaß nur Kanäle, welche durch das Innere laufen und entweder i si aus Kacheln gemauert sind, oder aus thöncrnen Röhren bestehen, eine gleichmäßige Wärme ^ d verbreiten. In neuerer Zeit hat man Erwärmung durch heißes Wasser in Anwendung ge- > p bracht und guten Erfolg gesehen, indessen ist die erste Einrichtung kostspielig. Da Erwär- z» mung der Lust allein nicht hinreicht, wo es sich darum handelt, die Eigcnthümlichkciten eines ^ warmen Klimas nachzuahmen, so hat man verschiedene Vorrichtungen ersonnen, um den zi Boden gleichfalls mäßig zu erwärmen. Am bekanntesten sind die Lohbeete, deren Wärme durch Eährung der aufPfcrdemist liegenden Lohe entsteht und die eigentlich eine 20" N. d überschreitende Temperatur nicht haben sollten. Für Zwiebel- und Knollengewächse, welche l? unfern Winter im Freien nicht ertragen, bedarf man eigenthümlich angelegter Behälter, , n (Zwiebelkasten), während die bckanntern, jedoch in mehre Arten zerfallenden Mistbeete an- b dcre Zwecke, z. B. Keimung der Samen und Erziehung der jungen Pflanzen, zu erfüllen d bestimmt sind. Da viele Pflanzen eine besondere Erde verlangen, um zu gedeihen und in g botanischen Gärten auch Wasserpflanzen, parasitische Gewächse, Farrnkräutcr u. s. w. gezogen g werden, so wird auch Kenntniß der Erdarten und ihrer künstlichen Zubereitung, der verschiede- d nen Düngungen und gewisse Vorkehrungen erfodcrt, durch welche man den natürlichen g Standort eines Gewächses nachahmt, wie zumal bei parasitischen Orchideen, deren Kultur » besonders in England auf sinnreiche und durch Erfolg belohnte Art getrieben wird. Die Cul- n tur der mehre Winter aushaltenden oder doch nur leichten Schutz bedürfenden Gewächse g treibt man im freien Lande und ordnet sie entweder nach den natürlichen Familien, oder je n nachdem sie einjährig, mehrjährig oder ausdauernd sind, trennt aber Bäume und Sträuche j li von den übrigen, um äus ihnen gefällige Gruppen zu bilden. Je reicher an Arten ein botani- li scher Garten ist, um so nöthigcr wird dem Gärtner botanische Kenntniß sein, sollen anders n nicht große Verstöße in der Cultur Vorkommen. Geschickte und in der botanischen Garten- ti cultur sehr erfahrene Männer sind daher nirgend häufig und können sich auch nur in Stad- d ten ausbilden, wo die Negierungen große Gärten unterhalten und reiche Privatleute auf gleiche Zwecke ansehnliche Summen verwenden, oder wo Gärtncrschulen bestehen. So nützlich d botanische Gärten für die Wissenschaft sind, so wird ihre Unterhaltung doch kostspielig durch 3 das Bedürfniß von Häusern, Heizung, Ankauf neuer seltener Gewächse, sowie durch Aus- Z sendung von Sammlern nach fernen Erdgegendcn. Ihre Unterhaltung wird um so schwieriger, H je kälter das Klima des Orts ist, in welchem sic sich befinden, denn während man im königlichen 3 Garten bei Neapel sogar tropische Gewächse im freien Lande erzieht, ist man in Upsala ge- b ja- j cn- Ue- ach ler- hc- rik. me nd, irt- wg ! öhr lich ird- ;rö- ien, be- )uh uch alte sien au- :der ^ cme i ge- l sär- incs dm rme N. llche lter, an- lllkN d in >gcn cdc- chm ltur ftil- ichse - n je uche ^ ani- ders :ten- üäd- auf tzlich iurch llus- i igcr, chen r ge- Botanybai Botocuden 551 nöthigt, fast alle südeurop. Pflanzen im Glashause zu halten. Ihre Verwaltung wird sehr erschwert durch die Nothwendigkeit einer das Vielartige und Kleinste berücksichtigenden Aufmerksamkeit und wird zur mühsamen durch den unentbehrlichen Tauschvcrkehr, der, durch ökonomische Rücksichten geboten, Erziehung junger Pflanzen und Gewinnung von Samen voraussetzt. Theils aus diesen Gründen, theils weil die Botanik überhaupt eine Wissenschaft der neuern Zeit ist, haben eigentliche botanische Gärten vor dem Anfänge des 1-1. Jahrh. nicht existirt. Ihre ersten Spuren finden sich um 1309 zu Salerno, um 1333 zu Venedig. Später entstanden Anlagen zur Cultur von Heilpflanzen in andern ital. Städten und in Gärten zu Leyden(1577), Paris(l633) und in England und Deutschland. Zu eigentlicher Bedeutung sind sie erst gelangt seit Zunahme des Verkehrs mit fernen Ländern, also seit Mitte des 18. Jahrh. und seit Begründung der wissenschaftlichen Botanik (s. d.). Gegenwärtig ist fast keine größere Stadt ohne botanischen Garten und selbst die Colonien besitzen dergleichen, z. B. Capstadt, Mauritius, Ceylon, Madras, Serampore, Kalkutta, Batavia, Sydney, St.-Jago in Chile, Nio-Janeiro, Havana, Philadelphia, Neuyork u. s. w. Botanybai ist eine der bekanntesten und geräumigsten Baien an der Ostküste Neuhollands. Sie liegt unter 33° 33^ südl. B-, gehört zu der Provinz Cumberland in Neusüd- wales und hat, wenn auch einen bequemen Eingang zwischen den Vorgebirgen Bank und Solander, doch nur geringe Tiefe. Die Umgegend ist niedrig, sandig und morastig und wird von den Flüssen Cook und St.-George bewässert, welche sich in die Bai ergießen. Cook entdeckte dieselbe im1.1770 und machte von ihr in seinem Berichte eine so reizende Schilderung, daß die brit. Regierung 1787 beschloß, die Umgegend derselben Verbrechern zum Aufenthalte anzuweisen, um durch sie das Land anbaucn zu lassen und durch Thätigkeit und strenge Aufsicht bei den Verwiesenen Besserung ihres Lebenswandels zu bewirken. Jm J. 1788 landete Arthur Philipps, von England ausgesandt, mit 1011 Menschen, darunter 7,70 De- porlirtc, in der Botanybai, fand aber weder diese zu einem Hafen noch den Landstrich umher zu einer Niederlassung geeignet und verlegte daher die Colonie weiter nördlich an die Bai Port-Jackson, wo er die Stadt Sydney-Cove gründete. Seit dieser Zeit hat man oft der ganzen Küste von Ncusüdwales s. d.) den Namen Botanybai beigelcgt. (S. Australien.) Both (Andr.) und Johann B., zwei berühmte Maler, geb. zu Utrecht, jener I 60 L, dieser 1610 , erhielten den ersten Unterricht in der Zeichenkunst durch ihren Vater, welcher Glasmaler war, und bildeten sich dann in der Schule Abr. Blocmart's weiter aus, worauf sic nach Italien gingen. Hier wendete sich Andreas der Portraitmalcrei in der Weise des Bam- boccio zu, während Johann, durch den Anblick der Werke von Claude Lorrain angezogcn, diesen zum Muster wählte. Wenn demnach auch ihre natürliche Neigung sie zu entgegengesetzten Gattungen führte, so wußte doch die Freundschaft, welche sie beseelte, ihre Pinsel zu gemeinschaftlichen Werken zu vereinigen. So malte Andreas in die Landschaften seines Bruders die Figuren. Beide aber wußten sich mit so viel Übereinstimmung und Einsicht gegenseitig geltend zu machen, daß Niemand in ihren Gemälden die verschiedenen Hände zu ahnen vermochte. Ihre landschaftlichen Gemälde haben die mehr identische Schönheit, die großen Formen und den weichen Schmelz der ital. Natur zu ihrem Vorbilde. Sie sind vorzüglich ausgezeichnet iwder Gesammtwirkung, in dem allgemeinen musikalischen Einklänge des Ganzen, während die genauere Ausführung der einzelnen Thcilc nicht in ihrer Absicht lag. Ein herbstlich gelblicher Ton, der zuweilen nur zu stark erscheint, gibt diesen Bildern dabei einen eigcnthüm- lich elegischen Reiz. Andreas ertrank zu Venedig 1650; Johann, untröstlich darüber, kehrte nach Utrecht zurück, wo auch er noch in selbigem Jahre starb. Geschätzt sind auch ihre Blätter, welche sie selbst nach seinen Hauptwerken geätzt haben, insbesondere die von Johann B., darunter namentlich die fünf Sinne. Botocüden ist der Name eines noch ganz rohen Volks in Brasilien, welches zuerst der Prinz von Neuwied auf seiner Reise genauer kennen lernte. Sie leben in den Urwäldern Brasiliens, gehen nackt und pflegen ihre Ohren und Unterlippen zn durchlöchcrn, um so zum Schmuck große runde Pflöcke von Hol; zu befestigen. Geschickt verstehen sic mir Bogen und Pfeil umzugchcn. Ihre Bedürfnisse sind sehr gering; alle Anstrengungen, selbst Hunger und Durst, ertragen sic mit Ausdauer. Erlegtes Wild ist ihre gewöhnliche Speise; als Leckerbissen betrachten sie das Fleisch des erschlagenen Feindes. Nur gegen den Feind haben sie 552 Botta Nötiger . Anführer. Ihre Streitigkeiten schlichten die Männer durch blutige Schlägereien mit Stöcken, ! die Weiber durch Haarausraufen. Sic sind treulos aber kühn und wurden deshalb mehr- rnals den Portugiesen sehr gefährlich. Nur ein geringer Theil der Botocuden ist bis jetzt ^ einigermaßen civilisirt, selbst nachdem der Kaiser von Brasilien zu diesem Zwecke 1824 drei Dörfer angelegt hat. Botta (Carlo Giuseppe Guglielmo), ital. Dichter und Geschichtschreiber, geb. 1766 zu S.-Eiorgio-del-Canavcsc, einer kleinen Ortschaft im Picmontesischen, siudirte in Turin Medici». Unverholcn den Grundsätzen der franz. Revolution zugethan, ward er von der sardin. Regierung 1792 festgenommcn. Als er 1794 wieder in Freiheit kam, ging er nach Frankreich, wo er zuerst Feldarzt bei der franz. Alpenarmee ward. Dieser Dienst brachte ihn nach Korfu und 1799 neben Carlo Aurclio dc B ossi (s. d.) und Carlo Eiulio (daher il trinmvirat« cls' trc 6arli) in die provisorische Regierung von Piemont. Nach der Schlacht von Marcngo wurde er Mitglied der piemontcsischcn Consulta. Im Gesetzgebenden Körper misficl er Napoleon, weil er dessen Staatsverwaltung als Despotie bezeichnetc. Jm J. 1814 war er eins der Mitglieder im Gesetzgebenden Körper, welche Napoleon des Throns verlustig erklärten. Nach der Restauration ward er aus der Liste der Glieder des Gesetzgebenden Körpers gestrichen, weil er ein Ausländer und nicht naturalisirt worden war. Während der Hundert Tage ward er Rector der Akademie zu Nancy und nach der Rückkehr der Bourbons Rector an der Akademie zu Rouen, welche Stelle er später niederlcgte, um als Privatmann zu leben. -Von seinen Schriften der frühem Periode sind außer einigen über das Brown'schc System und eine über Schall und Ton folgende zu erwähnen, in denen sein vortrefflicher historischer Stil allmälig immer mehr hervortrat: „I)escrst>tion «!e I'ile „krecis liistoriijiie «lv In maison cke 8svoie" (Par. 1803) und „üistoire «Io I'^nieriyno" ! (Par. 1809). Auch sein Epos in zwölf Gesängen, „Il 6am,I!«> o Voss» conguistata" (Par. > 1816) wurde mit Beifall ausgenommen. Seine Meisterwerke sind aber die in vielen Aus- i gaben verbreitete „8toriu ck'Italii« «lal 1789 ul 1814" (Par. 1824; deutsch von Förster, 8 Bde., Qucdlinb. 1827—31), wofür er den vom Großherzog Ferdinand ll. >814 gestifteten fünfjährigen Preis der ^conckemiu «lolls 6r»sca zu Florenz von 1000 toscan. Thalern ! erhielt, der früher immer unter Mehre vcrtheilt worden war; die „ Ilistoiro «los ponjäes > ck'Itulio (3 Bdc., Par. 1825), worin er der christlichen Religion und der Philosophie das Verdienst absprach, Europa civilisirt zu haben, und cs der Wiederherstellung der Wissenschaften beilegte, und die „8torm «i'Italia «lnl 1490 sl 1814" (20 Bdc., Par. 1832), welche ^ Guicciardini's Werk (1490—1534), B.'s Fortsetzung desselben (1535—1789) und die obenerwähnte „8toriu il'Italm" enthält. Erst 1830, als sein Gönner, dem er auch in seinem Testament ein Denkmal der Dankbarkeit und Liebe errichtete, Karl Albert, Vicckönig von Sardinien geworden, erhielt er Erlaubnis, seine Vaterstadt wieder zu betreten; auch bezog er aus der Privatschatullc seines königlichen Beschützers eine Pension von 3000, später 4000 ital. Lire. Er beschloß sein Leben in Frankreich und starb in Paris am 10. Aug. 1837. Zwei Franzosen, zwei Italiener und zwei Amerikaner ließen ihm ein Monument errichten, dessen lat. Inschrift Carlo Bouchcron in Turin lieferte. , Nötiger (Joh. Friede.) oder Böttcher, auchBöttigcr, wie er sichzuwcilen schrieb, l der Erfinder des meißner Porzellans, wurde zu Schlciz im rcuß. Voigtlande 1681 oder 1632 / geboren. Sein Vater, der sehr zeitig starb, worauf sich seine Mutter mit dem Stadtmajor s Tiemann in Magdeburg verhcirathctc, war Münzmcister zu Magdeburg und zu Schleiz. Im 15. Jahre wurde er als Lehrling in der Zorn'schen Apotheke zu Berlin untergcbracht, zeigte bald viel Talent und Geschick für seine Kunst und widmete sich vorzüglich den chemischen Studien mit vorherrschender Neigung. Ein von dem Apotheker Köpke zu Heymers- leben ihm mitgetheiltes Manuskript über den Stein der Weisen, das dieser von einem Mönche aus Sanct-Gallcn erhalten haben wollte, brachte B. auf den Gedanken, das Goldmachen zu , versuchen. Ganze Nächte verschloß er sich in Zorn's Laboratorium, machte dort auf seines ! Herrn Unkosten chemische Experimente und zeigte sich dann gewöhnlich am Tage in Folge des entbehrten Schlafes zu jeder Arbeit verdrossen. Dieses zog ihm wiederholte Verweise zu und bewirkte endlich ein so gespanntes Verhältniß zwischen ihm und seinem Herrn, daß ! Böttger 553 I > B. gegen Michaelis 1699 cs gcrathen fand, sich heimlich aus dem Hause desselben zu entfernen. Als er aber bald darauf in große Noch gcrieth, kehrte er nach Berlin zurück und ward Ostern 1700 unter der Bedingung, seinem bisherigen Thun und Treiben zu entsagen, wieder in die Ofsicin ausgenommen. Dennoch unterließ er seine alchimistischen Versuche auch jetzt nicht ganz, gab namentlich einst seinen Kameraden, die ihn verspotten wollten, mehre Proben seiner Kunst zum Besten und mußte, als man dadurch auf ihn aufmerksam geworden war, sogar später in Gegenwart mehrcr Großen vom Hofe, namentlich des berühmten Adepten von Haugwitz, dieselben wiederholen. Sein Lchrhcrr hatte ihm hierzu l 5 Zweigroschenstücke gegeben, „welche er", wie er selbst sich ausdrückt, „durch eine Tinctur zermalmte und durch ein Pulver in Gold verwandelte, das seine tüchtige Probe hielt". Als er hierauf erfuhr, daß man Willens sei, ihn als Adepten festzuhalten, verschwand er auf einmal und lebte erst versteckt in einer Bodenkammer bei dem Kaufmann Röbcr, entwich aber dann im Ort. >701 nach Wittenberg, um, wie er vorgab, hier zu studiren. Kauni hatte die Behörde in Berlin seinen neuen Aufenthaltsort erkundet, so sandte sie einen Commissarius ab, der B. anfangs auf gütlichem Wege zurückzubringcn versuchte und, als dies nicht gelang, unter dem Vorwände begangener Veruntreuungen ihn verhaften ließ. Doch der kursächs. Hof nahm sich B-'s an, zumal da das geheimnißpolle Betragen des Flüchtlings in Verein mit dem Eingehen einer großen Anzahl auswärtiger theils geheimer theils öffentlicher Anträge an demselben die Aufmerksamkeit auf ihn spannte. Unter sicherer militairischer Bedeckung wurde er nach Dresden gebracht, wo ihn der Statthalter, Fürst Egon von Fürstenbcrg, erst in sein Palais aufnahm und dann eine Wohnung in dem Hofgarten mit allen Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten eines Mannes von hohem Stande einrichten ließ. Hier durste sich, ^ außer den zwei Eingeweihten, dem Grafen von Tschirnhausen (s- d.) und Pabst von > Ohaim, Niemand, der nicht zuvor vereidet worden war, ihm nähern; zugleich erhielt er zu seinen alchemistischen Versuchen von Zeit zu Zeit bedeutende Summen. Nachdem er drei ' Fahre lang die Geduld seines Beschützers, des Fürsten von Fürstenbcrg, mit leeren Versprechungen getäuscht, suchte er im Sommer 170-t nach Wien zu entfliehen, wurde aber in Ems , eingeholt und zurückgebracht und nun unter Drohungen bedeutet, wenn er nicht selbst Gold ^ zu machen versuchen wolle, sein Geheimniß wenigstens schriftlich zu offenbaren, i In Folge dessen übergab B. endlich im Herbste 1705 dem Könige von Polen und Kurfürsten von Sachsen August II. einen weitläufigen Aufsatz, dessen eigenhändige Ur- schuft in den Archivsactcn noch aufbewahrt wird, voll mystischen Unsinns, doch mit so an- ! scheinender Unbefangenheit abgcfaßt, daß man glauben sollte, er sei seiner Sache ganz gewiß gewesen. Der König jedoch, mit B.'s Aufsätze und Versuchsprobcn unzufrieden, äußerte, daß dessen Arcanum auf schlechtem Grunde beruhe. Dies veranlaßt den Grafen von Tschirnhausen, bei dem Könige mit dem schon längst gehegten Wunsche hervorzutretcn, eine Fabrik zu errichten, um die im Lande todt und unbrauchbar liegenden Gesteine und Erden zu nützlichen Dingen, z. B. Verfertigung des Porzellans, Borax u. s. w., zu verwenden und B., dessen Geschicklichkeit er kannte, dabei gebrauchen zu dürfen. Es wurde daher zu Ende des Z. >705 von verschiedenen Orten Thoncrde ungefähren undB. mit drei andernHandar- , bcitcrn angehalten, daraus, unter seiner Anweisung und Aufsicht, nach gehöriger Mischung, j Knetung und Gestaltung der Erdmassen, Porzellangefäße zu brennen. Die Unternehmung gelang, und B. brachte aus einem braunrothcu Thone der meißner Gegend ein Porzellan zu i' Stande, welches das Tschirnhausen'sche an Dauer und Schönheit weit übcrtraf. Der glückliche Erfinder ward nun mit Geschenken überhäuft, jedoch immer noch nicht auf freien Fuß gelassen, weil man die Fertigung des Porzellans als Geheimniß behandelt wissen wollte und > immer noch auf die Erfindung der Goldmacherkunst durch B. zuversichtlich hoffte. Als die Schweden 1700 in Sachsen einfielen, ward B. nebst seinen drei Gehülfen auf den König- stcin gebracht, damit sic und mit ihnen das Geheimniß, Porzellan zu machen, den Feinden nicht in die Hände fallen sollten. Man verfuhr dabei so gchcimnißvoll, daß man sic bei Nacht unter Cavalericbcdeckung abführte und B.'s wahren Stand und Namen nicht einmal iem Commandantcn wissen ließ. In dem an diesen gerichteten Schreiben nannte man ihn Herr von Drcydicnern oder Notus. Nur der Graf Tschirnhausen durfte ihn bisweilen besuchen, um die begonnene Unternehmung durch feine Aufsicht und Anweisung zu S54 Böttiger (Karl Aug.) fördern. Nach Entfernung der Schweden im 1.1707 ließ man B. und seine drei Gehüsten vom Königstein wieder nach Dresden kommen, richtete ihnen in der sogenannten Jungfer, einem Pavillon auf der Venusbastci (dem jetzigen Brühl'schcn Garten), eine große Werkstätte ein, fuhr Erde aus der Gegend von Meißen und Nossen an und fertigte Porzellan- gcfäße in so großer Anzahl, daß, nachdem man anfangs sie als Geschenke an auswärtige Höfe gesandt, zu Ostern 1709 die leipziger Messe mit glasurtem und unglasurtem (auch etwas weißem) Porzellan bezogen werden konnte, worauf 1710 die Albrechtsburg zu Meißen zu einer großen Porzcllanfabrik, auch Michaelis 1711 eine besondere Werkstatt für das weiße Porzellan, das bisher noch sehr selten war, eingerichtet wurde. Nach dem Tode des Grafen Tschirnhausen übernahm B. 1708 die Aufsicht und Leitung des Porzellanmachens und ward zuletzt Administrator der Porzellanfabrik. Schon um seiner unordentlichen Lebensweise willen nicht zum Director einer solchen Anstalt geeignet, hatte er überdies, wie es scheint, aus allerlei selbstsüchtigen Absichten ein Interesse, das Aufblühen derselben möglichst zu hindern, ja er ließ sich 1716 und 1717 mit Männern in Berlin wegen Mitthcilung seiner Künste für Geld in eine Corrcspondenz ein, die aber 1719 entdeckt wurde und seine Einziehung und Bestrafung zur Folge hatte, der er nur durch den Tod am 13. März 1719 noch zeitig genug entging. Obgleich er vom Könige nach und nach über 150000 Thlr. erhalten hatte, starb er doch ganz verschuldet. Die hier und da erwähnte Nachricht, daß B. zur Belohnung seiner Verdienste baronisirt worden sei, ist eine Fabel. Vgl. K. A. Engelhardt, „Joh. Friedr. B., Erfinder des sächs. Porzellans" (Lpz. 1837). Böttiger (Karl Aug.), einer der kenntnißreichsten und sinnigsten Archäologen und Literatoren Deutschlands, geb. am 8. Juni 1760 zu Neichcnbach im sächs. Voigtlande, wo sein Vater, Ioh. KarlB., damals Conrector war, wurde in Schulpforte gebildet. Nach Beendigung seiner akademischen Studien in Leipzig hatte er kurzeZeit die Stelle eines Hauslehrers in Dresden bekleidet, als ihm 1784 das Rcctorat in Guben übertragen wurde. Am Gymnasium zu Bautzen, wohin er bei Rost's Abgänge 1790 als Rector berufen wurde, blieb er nur sehr kurze Zeit und ging dann, vorzüglich durch Herder's Vermittelung, 1791 als Director des Gymnasiums und Oberconsistorialrath nach Weimar. So vorthcilhaft hier der Umgang mit Schiller, Herder, Wieland und Goethe im Allgemeinen und gemeinschaftliche Studien mit dem gelehrten Künstler H. Mcyer (s. d.) in Beziehtmg auf Archäologie auf B. wirkten, so ableitend vom ernsten Studium wurden die literarischen Arbeiten, die er für das Industrie-Comptoir übernahm. Wenn man erwägt, daß B. das „Journal für Luxus und Mode" unter Bcrtuch's Namen von 1795—1803 allein besorgte und sehr viele Aufsätze fortwährend selbst arbeitete, daß er von 1797—1809 fast der alleinige Herausgeber des „Neuen deutschen Merkur" war, zu welchem Wieland nur den Namen lieh, daß er sechs Jahre lang das Journal „London und Paris" allein herausgab und alle Kupfererkläcungen selbst besorgte, daß er in der „Allgemeinen Zeitung" seit ihrer Begründung durch Posselt 1798 die literarischen Übersichten, Biographien der Verstorbenen, welche bis 1806 ohne Ausnahme von ihm sind, die engl.'Miscellcn und die ausführlichen Meßberichte lieferte, so mußten schon deshalb, ohne noch seines ausgebreitcten Briefwechsels und vielfacher Bcrufs- geschäfte zu gedenken, die so dringenden Auffoderungen Heync's, Wolf's, Johannes von Müller's und seiner Weimar. Freunde, daß er sich sammeln und etwas Bleibendes unternehmen möge, fast durchgehende erfolglos bleiben. B.'s Hauptwerke in Weimar waren „Sabina, oder Morgenscencn einer reichen Römerin" (Lpz. 1803; 2. Aust., 2 Bde., 1806) und die nicht vollendeten „Griech. Vasengcmälde, mit archäologischen und artistischen Erläuterungen und Originalkupfern" (Heft 1—3, Weim. 1797—98 und Magdeb. 1800). Außerdem verdienen aus jener Zeit der Erwähnung die mit H. Meyer herausgegcbenen „Archäologischen Hefte"(Heft 1, Weim. 1801, 4.), das „Archäologische Museum" (Hst. 1, Weim. I80I)»nd „Die Furienmaske im Trauerspiel und auf den Bildwerken der alten Griechen" (Weim. 1801). Im 1.1804 folgte er dem Rufe als Hofrath und Studiendircctor des Pagenhauses nach Dresden. Schon 1805 begann er hier auch Vorlesungen über einzelne Zweige der Altcrthumskundc und alten Kunst. In Folge derselben erschienen die „Andeutungen zu 24 Vorträgen über Archäologie" (Abth. I, Drcsd. 1807), „Über Museen und Antiken- sammlungen" (Lpz. 1808), die „Aldobrandini'sche Hochzeit" (Dresd. 1810s 4.), „Ideen Völliger (Karl Wilh., Hofrath) Völliger (Karl Wilh.) 555 zur Archäologie der Malerei" (Th. I, Dresd. 181 l) und die „Kunstmythologic" (Abschn. 1—Z, Dresd. 1811). Als das Pageninstitut.1814 mit demCadettenhause vereinigt wurde, ward B. Studiendirector bei der Rittcrakademie und Oberaufseher über die königlichen Museen der antiken Marmors und der Mengs'schcn Gypsabgüsse. Aus dieser Zeit stammen die „Vorträge über die drcsdn. Antikengalerie" (Dresd. 1814), „Vorlesungen und Aufsätze zur Alterthumskunde" (Altcnb. und Lpz. 1817) und „Kosmographische Erläuterungen aus der grauen Vorwelt" (Frkf.,Altenb. und Lpz. 1818). Seine Verbindungen mit den ausgezeichnetsten Männern seiner Zeit veranlaßten ihn, Mehren nach ihrem Tode ein literarisches Denkmal zu stiften; wir erinnern nur an die Schrift „F.V. Reinhard literarisch gezeichnet von B., gemalt von Charpcntier" (Dresd. 1813; 2. Aust., 1816). Nachdem er früher die Mechanik des griech.und röm. Theaters beleuchtet und dasJffland'sche Spiel entwickelt hatte, behandelteer seit 1817 in der dresdner „Abendzeitung" die neuere Schauspielkunst. Auf seine Anregung ward seit 1816 dem „Morgcnblatt" das „Kunstblatt" als Beilage zugegeben. Nachdem er bei der gänzlichen Umgestaltung der Rittcrakademie im I. 1821 auch der Stelle eines Studiendirectors entbunden worden war, vermochte er noch ungestörter seinen literarischen Beschäftigungen zu leben. Seit dieser Zeit gab er heraus das die „Abendzeitung" begleitende „Artistische Notizcnblatt", „Amalthea, oder Museum der Kunstmythologie und bildenden Alterthumskunde" (3 Bde., Lpz. 1821 —25), das er unter dem Titel „Archäologie und Kunst" (Stück I, Brcsl. 1828) fortzusetzen begann; mit B. W. Seiler die „Erklärung der Muskeln und Basreliefs an Matthäi's Pfcrdcmvdcllen" (Dresd. >823) und „Ideen zur Kunstmythologie" (Dresd. und Lpz. 1826), die aus seinen hintcrlasscncn Papieren von Sillig in einem zweiten Bande (Dresd. 1836) fortgesetzt wurden. Nachdem er 1832 Mitglied des franz. Instituts geworden, starb er am17.Nov. 1835. Die von ihm in lat. und deutscher Sprache verfaßten, sehr zahlreichen Gelegenheitsschriften, sowie die mannichfachen in Journalen zerstreuten Aufsätze sind zusammengestellt und herausgegebcn worden von Sillig unter dem Titel „Höttigeri opuscula et curmiwc latina" (Dresd. >837) und „B.'s kleine Schriften archäologischen und antiquarischen Inhalts" (3 Bde., Dresd. 1837 — 38). Vgl. Eichstädt, „Öxliortatio scl cives ucuileimcos ex 6. .ä. Lvttigeri vita et stuclüs cluctu" (Jena 1836) und K. W. Völliger, „Karl Aug. B-, eine biographische Skizze" (Lpz. 1837). Völliger (Karl Will).), Hofrath und Professor der Literatur und Geschichte an der Universität zu Erlangen, der Sohn des Vorigen, wurde zu Bautzen am 15. Aug. 1796 geboren und, nachdem er in Weimar den ersten Unterricht genossen, seit 1804 aus dem Gymnasium zu Gotha für die Universität vorbereitet, die er 1868 bezog. Er studirte in Leipzig Theologie und ging dann 1812 nach Wien, wo er sich zuerst dem Studium der Geschichte zuwendetc. Um Heeren zu hören und die dortige Bibliothek zu benutzen, hielt er sich 1816 ein Jahr lang in Göttingen auf und habilitirte sich 1817 bei der Universität zu Leipzig, wo er 1819 außerordentlicher Professor wurde. Seiner Habilitationsschrift über Heinrich den Löwen ließ er die ausführlichere Biographie dieses berühmten Welfen (Hannov. >819) folgen. Zugleich fing er an, vielen Theil an Zeitschriften und Encyklopädicn zu nehmen. Im 1.1821 .folgte er dem Rufe nach Erlangen, wo ihm 1822 auch die zweite Stelle an der Universitätsbibliothek übertragen wurde. Durch lebendige Darstellung empfehlen sich seine „Allgemeine Geschichte" (9. Aust., Erl. 1842), die „Deutsche Geschichte" (8. Aust., Erl. >838), die „Geschichte Baierns nach seinen alten und neuen Bcstandtheilen" (2. Aust., Erl. >837), die „Geschichte des deutschen Volks und des deutschenLandes" (2 Bde., 2. Ausl., Stuttg. 1839) und die „Kurzgefaßte Geschichte des Kurstaats und Königreichs Sachsen" (Weiß. 1836). Außerdem lieferte er die „Geschichte des Kurstaats und Königreichs Sachsen" (2 Bde., Hamb. 1836—31, nebst Register von Möller, Hamb. 1836) für die von Heeren und Ukert herausgegebcne „Europäische Staatcngeschichte" und neuerdings die „Weltgeschichte in Biographien" (Bd. 1—7, Berl. 1839—42). Der „Biographischen Skizze" seines Vaters (Lpz. 1837) ließ er aus dessen handschriftlichem Nachlasse „Literarische Zustände und Zeitgenossen" (2 Bdchn., Lpz. 1838) folgen, die neben Interessantem auch Vieles enthalten, was nicht für die Öffentlichkeit bestimmt zu sein schien. Völliger (Karl Wilh.), einer der vorzüglicher» unter den jüngern Dichtern Schwe» 556 Bottnischer Meerbusen Botzen dens, gegenwärtig Adjunct für die moderne Literatur an der Universität zu Upsala, ist zu Westeräs am 15. Mai 1807 geboren und stammt von deutschen Großältcrn. Nach voll- endeten Studien wurde er 1833 zu Upsala Doctor der Philosophie und machte dann 1835 eine Reise durch Deutschland, wo er in Dresden bei seinem Verwandten, dem Hofrath K. A. Völliger, die freundlichste Aufnahme fand, Italien, Frankreich und Holland. Inzwischen von einer asthmatischen Krankheit befallen, kehrte er 1836 in die Heimat zurück. Jene zu heben, ging er im Sommer l 838, auf Kosten der Negierung, wiederum nach Italien. Zweimal erhielt er von der schweb. Akademie als Dichter den Preis. Seinen wiederholt gedruckten „UlnAckoms Älinnon Im» Künders 8t»»836) ließ er eine zweite Sammlung von Gedichten, die viele gelungene Übersetzungen Uhland'- scher Romanzen enthält, und >837 eine dritte Sammlung folgen. Jm J. 1831 gab er auch einen Musenalmanach heraus. Seine Dichtungen athmcn stille Sehnsucht, ernste Liebe und melodische Anmuth. Gegenwärtig ist er mit einer Übersetzung vonTasso's „Ooiu- 8-,!e»nne liberal»" beschäftigt. Noch gedenken wir seiner Gedächtnißrede auf Gustav lll., die 1837 mit verschiedenen vorher noch nicht veröffentlichten Aktenstücken im Druck erschien. Bottnischer Meerbusen wird der nördliche Theil der Ostsee imNorden der Alandsinseln genannt, der durch Schwedens nördlichste Provinzen, Ostbothnicn und Lappland, sowie durch das zu Rußland gehörige Finnland begrenzt, von 66"—66" nördl. B. sich aus- brcitet, 80 M. lang, 20—32 M. breit und 20—50 Faden tief ist. An seinen Gestaden und in seinem Innern befinden sich viele kleine Inseln, Sandbänke, Felsen und Klippen, Skären genannt, wodurch die Schiffahrt auf demselben und besonders an seinem Eingänge aus der Ostsee ohne gewandte Lootscn gefährlich wird. Der nördliche Theil des Meerbusens wird von den Anwohnern Uottcn-Vikcn, der südliche Botte n-Hafvet genannt; beide sind durch den schmälsten Theil des ganzen Busens durch die Quarkenstraßc zwischen den Orten Umea und Ncucarleby verbunden. Der Eingang aus der Ostsee in den Bottnischen Busen heißt zwischen Schweden und den Alandsinscln die Alandsstraße und zwischen diesen Inseln und Finnland die Straße Oster-Sjän. Die vielen fischreichen Gewässer, welche aus Schweden und Finnland sich in diesen Busen ergießen, bewirken, daß das Wasser desselben wenig salzrcich ist und im Winter gewöhnlich so zufriert, daß man aus Schweden nach Finnland auf Schlitten fahre» kann. Seit Jahrhunderten ist das Wasser an den Küste» Schwedens und Finnlands mehr und mehr zurückgctreten, weil der Boden Schwedens allmälig durch unterirdische vulkanische Kräfte eine Gesammterhebung erleidet. Botzen oder Bolzano ist der Hauptort des 63V- OM. großen und von 130000 E. bevölkerten Etschkreises in der Grafschaft Tirol, am Zusammenflüsse der Eisack, Etsch und Talfer in einem Gebirgskessel. Wegen der südlichen Abdachung des Thals ist die Hitze im Sommer fast unerträglich und der Sirocco bisweilen Gefahr bringend, die schönste Jahreszeit aber der Herbst. Unter dem Schutze einiger Winterbedcckungen gedeihen an der Mvr- genseite der Berge die edler» Früchte Italiens und eine vorzügliche Sorte rothenWeins und in den Thälern der Maulbeerbaum, weshalb sich hier die beste Seidenzucht in den deutschen Erblanden des östr. Kaiserreichs findet. Die Stadt, welche, obgleich »och deutsch, doch ganz auf ital. Art gebaut ist, hat Häuser mit platten Dächern, Balconen und engen, wenigen Fenstern, unebene, schmale, aber reinliche Straßen und ein alterthümliches Schloß. Sie ist der Sitz der Kreis- und Justizbehörden, eines Mcrcantilgerichts und hat mehre wissenschaftliche Anstalten. Die 0000 E. derselben beschäftigen sich mit Verfertigung von Seidenzcug, Woll- und Baumwollenwaare und Leder und ziehen reichen Gewinn aus dem Handel auf ihren nicht unbedeutenden Messen, deren jährlich vier gehalten werden, und der Spedition zwischen den nördlich und südlich gelegenen Ländern; doch schadet dem Meßvcrkehr sehr bedeutend der Schleichhandel über den Comersce aus der Schweiz in die Lombardei. Am wichtigsten waren die Messen zu B. zur Zeit, wo noch Tirol außer der östr. Zolllinie lag und der Handel mit der Schweiz und Italien frei war. Die 3 5 00 Bewohner desGrödenerThals in der Nähe von B. sind vorzüglich als kunstfertigeHolzschnitzler bekannt, deren Maaren sehr weit, selbst nach Amerika versendet werden. Unfern von B. an den Ufern des Finsterwildbachs sind die zahlreichen, natürlichen Erdpyramidcn von 60— 1 00F. Höhe merkwürdig. B. wird schon zur Zeit der Longobarden erwähnt, kam dann an die Franken und später an das Deutsche Boucanier Boucher (Franx.) 557 Reich. Durch Kaiser Konrad II. den Salier ward es dem Bisthum Trient verliehen, bei welchem es auch unter dem östr. Kaiscrhause verblieb. Im üstr.-franz. Kriege von 1809 wurde die Stadt von Tirolern und Franzosen mehrmals erstürmt und fast ganz zerstört; allein nach Beendigung desselben um so schöner wieder aufgebaut. Boucanier, s. Flibustier. Bouchardon (Edme), einer der berühmtesten franz. Bildhauer und Baumeister, geb. 1098 zu Chaumont, erwarb sich die erste Fertigkeit im Zeichnen und Malen unter der Leitung seines Vaters und widmete sich dann in Paris der Bildhauerkunst in der Schule des jüngcrn Coustou. Als königlicher Pensionair in Nom, studirte er theils die Werke des Alterthums, theils Nafael und Domcnichino. Er sollte das Grabmal Clemens' XI. aus- sühren, als ihn der König 1732 nach Paris zurückrief, wo er 1736 Zeichner an der Akademie der schönen Künste wurde. Der Springbrunnen in der Straße Ercnelle, welchen 17 39 die Stadt Paris anlcgen ließ, ist ganz sein Werk und wird für sein Meisterstück gehalten. Zm I. 1751 wurde ihm von der Stadt Paris die Ausführung des größten Denkmals der damaligen Zeit, der Statue Ludwig's XV. zu Pferde, übertragen, an der er zwölf Jahre mit dem angestrengtesten Fleiße arbeitete, die aber 1792 umgcstürzt und vernichtet wurde. Er starb zu Paris 1762. Ihm gebührt der Ruhm eines bedeutenden und genauen Zeichners. Seine Compositioncn sind unter den Leistungen seiner Zeit durch eine gewisse einfache Größe ausgezeichnet; doch wußte er in seine Zeichnungen mehr Geist und Ausdruck zu legen als in de» Marmor. Namentlich zeichnen sich seine in Nom gefertigten Zeichnungen durch Kraft und Kühnheit vorthcilhaft aus; später nahm er eine geziertere und feinere Manier an, um sich dem Zeitgeschmack anzupassen. Sein Leben beschrieb Caylus (Par. 1762). Boucher (Alexandre Jean), einer der merkwürdigsten Violinspieler neuerer Zeit, wurde zu Paris am 11. Apr. 1778 geboren. Schon als achtjähriger Knabe spielte er öffentlich, allein kein Weg wollte sich ihm öffnen, um eigentlichen Unterricht in seiner Kunst zu erhalten. Seit seinem zwölften Jahre gcnöthigk auf Tanzböden sich und seinen Altern Unterhalt zu verschaffen, später Bedienter in dem Hause des Violin- und Harfenspielers Vicomte de Marie, kam er endlich an das Tböätre ck« In Lite, wo er in einer sehr beliebten Posse die Nolle eines Fiedlers, die Niemand geben mochte, übernahm und durch die tolle Laune seines Spiels sich eine wunderliche Berühmtheit erwarb. Sein lebhafter Geist riß ihn in die Strudel der Revolution, an der er zu Anfänge wiederholt sehr thätigen Antheil nahm. Nach hergestclltcr Nuhe fand er eine Anstellung im Orchester des Theaters Feydeau. Als es ihm aber bei der Bewerbung um eine Stelle am Conservatorium nicht glückte, ging er knismuthig 1796 nach Spanien, wo ihn der König Karl IV., selbst ein leidenschaftlicher Violinspieler, zum ersten Solospicler seiner Kapelle ernannte. Nach mehren Jahren kehrte cr indcß nach Paris zurück, wo er nun mit seiner Gattin, Celeste B-, einer ausgezeichneten Harfenistin, als Privatmann lebte und von Zeit zu Zeit in Concerten spielte, so 1807 in dem der Catalani und 1808 in denen der Grassini und Giacomelli. Im I. 1821 machte ereilte großcKunstreise durch Deutschland, Polen, Rußland und die Niederlande; dann lebte er wieder mit seiner Familie in Paris, wo er Concerte und Unterricht gab, seit ungefähr 1831 aber nahm er seinen Aufenthalt in Spanien. Wunderlich wie sein Spiel, war oft sein Schicksal. In Bern schlug man 1813 ihm zu Ehren eine goldene Denkmünze, in Kiew dagegen lachte man ihn 1823 aus, nachdem er unmittelbar vorher in Warschau mit seiner Gattin glänzende Erfolge errungen hatte. In Petersburg nannte er sich Don Alessandro de B., sowie er sich in Frankreich I'VIexcinllrs ckes violnns zu nennen liebte. Mit Napoleon hatte er eine so außerordentliche Ähnlichkeit, daß man sich verwechseln konnte. Boucher (Franc.), franz. Historienmaler, geb. zu Paris 1704, war ein Schüler des berühmten Lcmoinc und studirte dann 1725 kurze Zeit in Rom. Nach Paris zurückgekehrt, ward er bald ein sehr beliebter Künstler, Mitglied der Akademie, 1744 Professor an derselben und dann erster Maler des Königs. In der letztem Zeit war er zugleich Director der Gobelins und starb 1770. Man nannte ihn den Maler der Grazien, eine Benennung, die er durch seine Gemälde nicht rechtfertigte. Er würde vielleicht etwas Großes haben leisten können, wenn ihn nicht der verdorbene Geschmack seines Zeitalters, der das Gezerrte und Schlüpfrige liebte, angcsteckt, und er nicht in der Kunst wie im Leben den verrufenen 558 Boudet Bouflers (Louis Kranx., Herzog von) . Sitten des damaligen franz. Hofes gcfröhnt hätte. Die Leichtigkeit, mit welcher er arbeitete, , n verleitete ihn zur Flüchtigkeit ohne Gründlichkeit und Studium. Seine Zeichnungen sind b verfehlt, seine Farben nicht gehörig verschmolzen, besonders ist er im Nackten so grell, als ob ll der Schein eines rothcn Vorhangs darauf siele; mit Einem Worte, er ist als der Zerstörer 3 der franz. Schule anzuschen. Mit welcher Leichtigkeit er gearbeitet habe, beweist die fast un- f gcheure Menge seiner Gemälde und Zeichnungen, von welchen letztere sich auf mehr als 10000 v belaufen mögen. Er selbst radirte einige Blätter; nach ihm aber hat man unzählige Kupfer- u stiche. Junge Künstler unterstützte er aus allen Kräften und in jeder Weise. f Boudet (Jean, Graf), franz. Divisionsgeneral, gcb. am 19. Febr. 1769 zu Bordeaux, nahm schon 1785 franz. Kriegsdienste, denen er aber nach einigen Jahren wieder ii entsagte. Bei Errichtung der Nationalgaroen trat er als Lieutenant in ein Bataillon ^ d der Gironde und zeichnete sich 1793 durch seltene Bravour in dem Gefechte gegen die ! a Spanier bei Chateau-Pignon aus. Als Hanptmann wohnte er der Belagerung von b Toulon und den Gefechten in der Vcnde'e bei. Im I. 1793 nach der von den Engländern g besetzten Insel Guadeloupe eingeschifft, eroberte er das hartnäckig vertheidigte Fort Fleue li d'Epce und die Stadt Point-ä-Pitre mit ihren Werken und zeigte hierbei so viel Muth und v Umsicht, daß er noch in demselben Jahre zum Brigadegeneral ernannt wurde. Er vollendete k sodann durch eine Reihe der kühnsten Waffenthaten die Eroberung der Insel und wurde a 1796 aus Dankbarkeit durch das Direktorium zum Divisionsgcneral erhoben. Zwei Jahre c später, nachdem er die Insel in Vcrtheidigungszustand gesetzt, kehrte er nach Frankreich zu- f rück, um unter Brune in Holland zu kämpfen. Nach dem 18. Brumaire, an dem er eben- r falls Theil nahm, erhielt er eine Anstellung in der Reservearmee unter Berthier, die für r Italien bestimmt war, wo er als Anführer der Avantgarde mit seiner Division, die zum z Corps Moncey's gehörte, eine Reihe der glänzendsten Waffenthaten verrichtete. Hierauf l ging er unter Leclerc zu Ende des I. 1801 nach S.-Domingo, und cs sind die Erfolge der l franz. Waffen auf dieser Insel ihm fast allein zuzuschreiben. Auch ist zu rühmen, daß sich c B. in diesen greuclvollen Kämpfen. keiner Grausamkeiten schuldig machte, vielmehr die s Schwarzen, wie die Farbigen mit Schonung behandelte. Nach der Rückkehr nach Frank- § reich im 1.1804 wurde er vom Kaiser nach Holland geschickt, um von da ans einen Einfall l in England zu versuchen; doch wurden die Vorbereitungen dazu dadurch unterbrochen, daß s er 1805 im Kriege gegen Ostreich an die Küsten von Deutschland gehen mußte. Jm Z. < 1807 war er unter Murat bei der Belagerung von Kolberg thätig, und nach dem tilsiter j Frieden nahm er die Festung Stralsund. Der Kaiser ertheilte ihm zur Belohnung seiner i ausgezeichneten Dienste den Grafentitel und in Schwedisch-Pommern eine Dotation Hon l 30000 Francs. Im östr. Kriege von 1809 war er bei der Einnahme von Wien; später leistete er bei Esling den Ostreichen: 36 Stunden hindurch den größten Widerstand, Am , 4. Juli 1809 Abends war seine Division die erste, die von der Insel Lobau aus die Östrei- cher auf dem linken Donauufer angriff und den Übergang bewerkstelligte, und am 5. Abends < setzte er sich mit dem Bayonnet in den Besitz von Esling und Groß-Aspern. Durch sein i Vordringen am 6. Abends und das Zurückwersen der Östreicher führte er, wie Napoleon , selbst gestand, den Sieg von Aspern herbei. Die außerordentlichen Anstrengungen, denen i B. fortwährend sich hingcgeben, hatte ihm die Gicht zugczogen, der er am 14. Sept. 1809 ! ! unterlag. Napoleon verlor an ihm einen seiner tapfersten und ergebensten Generale. l Boudoir nennt man ein kleines, gemüthliches, reich und elegant ausgeschmücktes j Zimmer namentlich für Damen, um hier allein zu sein und nur näher Bekannte zu empfan- i gen. Die Boudoirs kamen namentlich unter Ludwig XIV. in Frankreich in Aufnahme, wo l nach dem Vorgänge der Pompadour, Dubarri u. A. es zum guten Ton gehörte, daß jede Frau vom Stande ein solches haben mußte. l Bouffers (Louis Franc., Herzog von), Pair und Marschall von Frankreich, einer der ! ausgezeichnetsten Feldherren seiner Zeit, geb. 1644, stammte aus einem der ältesten und edelsten Geschlechter der Picardie. Er begann seine militairische Laufbahn alsLieutenant und stieg sehr schnell von einem Grade zum andern. Unter dem großen Conde, Turenne, Crequi, Luxembourg und Catinat focht er mit Auszeichnung in Deutschland und den Niederlanden. Berühmt sind seine Vertheidigungen von Namur 1695 und von Lille 1708 . Die vom Ko- ^ 559 Bonflers (Stamslas, Marquis de) Bougainville n'ig Wilhelm III. von England befehligte Belagerung des ersten Platzes kostete den Verbündeten mehr als 2000» M., und obscho» Ludwig XIV. eine eigenhändige Ordre wegen Übergabe des Platzes an B. ergehen ließ, so übergab er denselben doch nicht eher, bis alle Verthcidigungsmittel erschöpft waren. Nach der Niederlage von Malplaquct führte er die sranz. Armee so meisterhaft, daß der Rückzug eher ein Triumph als das Resultat einer verlorenen Schlacht zu sein schien. Er starb l 71lzu Fontainebleau, nicht minder durch Tapferkeit und Nedlichkeit wie durch militairischeTalente ausgezeichnet.—Sein Sohn, IosephMaric, Herzog von B., ebenfalls Marschall von Frankreich, geb. 1706, starb 1747 zu Genua. Bouflers (Stamslas, Marquis de), gewöhnlich Chevalier de B. genannt, geb. in Luneville 1737, der Sohn des Marquis Bouflers-Nemiencourt, welcher Capitain der Garde des Königs Stanislaus von Polen war, galt für einen der geistreichsten und im Umgänge anmuthigsten Männer seiner Zeit. Zum geistlichen Stande bestimmt, in welchem seine Geburt ihm Anspruch auf die höchsten Würden gab, erklärte er offen, daß sein Hang zum Vergnügen sich nicht mit den Pflichten dieses Standes vertragen würde, und trat daher in Mi- litairdienste. Er wurde sehr bald Gouverneur am Senegal und machte sich als solcher durch viele nützliche Einrichtungen verdient. Nach seiner Rückkehr widmete er sich jener leichten Literatur, die das Zeitalter Ludwig's XV. auszeichnete. Er ward der Abgott der Frauen und aller hohen Cirkel der Hauptstadt und fand auch an den auswärtigen Höfen, die er besuchte, eine glänzende Aufnahme. Sein Ruf brachte ihn in die erste Nationalversammlung, wo er sich durch Mäßigung und nützliche Vorschläge bemerkbar machte. Nach dem 10. Aug. 1702 verließ er Frankreich und wurde vom Prinzen Heinrich von Preußen in Nheinsbcrg und von Friedrich Wilhelm I I. gastfrei ausgenommen. In Polen erhielt er eine große Besitzung zum Geschenk, auf welcher eine Kolonie für franz. Auswanderer angelegt werden sollte. Nach Frankreich zurückgekehrt, widmete er sich seit 1800 wieder ganz der Literatur. Im Z. 1804 trat er als alter Akademiker in das von Napoleon neuorganisirte Institut. Er starb am 18. Jan. 1813; das Denkmal auf dem Grabe, an Delille's Seite, hat die von ihm selbst herrührende Inschrift „lVles um!s, erster gue je Oors". Eine Sammlung seiner Schriften wurde nach seinem Tode veranstaltet (8 Bde., Par. 1815). Eine gute Auswahl daraus geben die „Oeuvres eimisies Oe L." (Par. 1833). Besondere Erwähnung verdienen seine „Briefe aus der Schweiz", aus denen man sich einen Begriff von dem liebenswürdigen Charakter und der geistigen Beweglichkeit B.'s machen kann. — Auch seine Mutter, Marie Francoisc Katharine de Beauvau-Craon, Marquise von B-, gest. in Paris 1787, war lange Zeit durch die Grazie ihres Geistes und Körpers dieZierde und der Schmuck des heitern Hofes des Königs Stanislaus, während er zu Luneville residirte. Bougainville (Louis Antoine de), sranz. Neichsgraf und Senator, einer der berühmtesten Seefahrer Frankreichs, war der Sohn eines Notars, geb. zu Paris am I I. Nov. 1720. Er studirte aus der pariser Universität und machte in Sprachen und Wissenschaften gleich glückliche Fortschritte. Bereits in seinem 23. Jahre ließ er den „Iraite <1u calcul integral pour scrvir Oe suite ü I'un-uHse Oos iullnimeut petits 0» mnrqnis Oe I.'HuchtuI" erscheinen. Anfangs Rechtsgelehrter und Parlamentsadvocat in Paris, trat er später in Kriegsdienste und wurde 1754 Adjutant bei Chevert, welcher das Lager von Saarlouis befehligte. Noch in demselben Jahre ging er als Gesandlschaftssecretair nach London, von wo er, nach kurzem Aufenthalte, im Sept. 1755 zu Chevert in das Lager von Nichcmont zurückkehrte. Im I. 1756 ward er Adjutant des Marquis von Montcalm, dem die Ver- theidigung Kanadas übertragen war. An der Spitze eines Elitendctachements verbrannte er eine engl. Flotille, und sein Rath und Beispiel bewirkten im Juni 1758, daß ein Corps von 5000 M. Franzosen einem engl. Heere von 24000 M. mit Erfolg widerstand. Von dem Gouverneur von Kanada nach Frankreich gesendet, um Verstärkungen zu fodern, wurde er vom Könige zum Obersten ernannt. Als die Schlacht vom 10. Sept. 1759, in welcher Montcalm blieb, das Schicksal der Kolonie entschieden hatte, kehrte er nach Frankreich zurück und diente nun in dem Feldzuge von 1761 mit Auszeichnung unter Choiseul-Stainville in Deutschland. Nach dem Frieden trat er in den Seedienst, in welchem er sich sehr bald durch sein Genie hervorthat. Nachdem er sein Project, von St.-Malo eine Niederlassung auf den Falklandsinseln zu begründen, auf Befehl der Regierung, gegen welche die Spanier ei» 56l) Bouqner Bonille' früheres Recht auf dic Insel geltend machten, hatte aufgcbcn müssen, unternahm er mit einer Fregatte und einem Flütschiffe von St.-Malo aus vom 15. Dec. 1766 — I6. März 1769 eine Reise um die Welt, die erste, dic von Franzosen unternommen wurde. Er beschrieb dieselbe in der „üescription tl'un VOMFS autour ein Monde" (2 Bde., Par. l77I—>72; deutsch, Lpz. 1783), und cs ist durch sie die Erdkunde mit einer Menge neuer Entdeckungen bereichert worden. Im nordamerik. Kriege befehligte er mehre Linienschiffe und wurde >779 Chef d'Escadre, in dem folgenden Jahre aber Marc'chal de Camp in der Landarmec. Nach dem Ausbruche der Revolution zog er sich aus dem öffentlichen Dienste zurück, lebte nun ganz den Wissenschaften und starb am 3l.Aug. 1811. Er war von den liebenswürdigsten Sitten, dienstfertig, freigebig und in jeder Rücksicht der höchsten Achtung würdig. Bis in sein hohes Alter hatte er die Heiterkeit des Geistes sich ungcschwächt erhalten. Bouguer (Pierre), einer der vorzüglichsten franz. Geometer und Astronomen seiner Zeit, geb. zu Croisic in der Bretagne am 16. Febr. 1698, studirtc im Jesuitcncollcgium zu Bannes. Jm J. 1735, als die franz. Negierung zur Entscheidung des Streits der Gelehrten über dic Gestalt der an ihren Polen abgeplatteten Erde zwei große Messungen, die eine am Äquator und die andere an den Polen, ungeordnet hatte, ward er nebst Eodin und Condamine nach Peru gesendet, während Maupertuis, Clairaut, Camus und Lemonnicr 1736 nach Lappland gingen. B. und seine Begleiter hatten mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen und kehrten erst nach sieben Jahren, die nach Lappland gesendeten Gelehrten aber schon nach 15 Monaten zurück. B.'s und seiner Gefährten Forschungen finden sich in der von ihm herausgcgebcnen „Ueorie cko lu l>g»rs bcdi , Zns ' Et! ^ vier Eu! »in Me E-s zen! die ' Pri ken Er Bri auel tenc Zar Ro! den die drei mal dan der! die ' fehl Cor sein auel Nal Letz gew in i Aul leni lern dase Ne, Etc ab;> ! Nig< Pre b-gl W III, An Der in! ers , star ^ Zen 1 Bouillon 561 bedeutenden Unterstützungen für die Amerikaner anlangte, benutzte B. diese Macht, die Znscl Tabago wegzunehmen, wobei 900 M. und 59 Kanonen in seine Hände fielen. Nach Grasse's Abgang mit seinen Vertheidigungsmitteln der Antillen aus >0000 M. nebst vier Kriegsfahrzeugen beschränkt, nahm er durch einen kühnen Streich die engl. Insel St.- Eustache. Der Gouverneur, GeneralCockburn, eine Besatzung von 700 M., 68 Kanonen, vier Fahnen und sechs Handelsschiffe und nach einigen Tagen die Inseln Saba und St.- Martin fielen in seine Gewalt. Wie er sich überhaupt in diesen wilden Kämpfen gegen die Gefangenen mit Menschlichkeit und Edelmuth benahm, so verherrlichte er auch diesen glänzenden Sieg durch großmüthige Handlungen; er erstattete den Holländern 2 Mill. zurück, die ihnen der Admiral Rodney genommen, und lieferte auch dem General Cockburn dessen Privatvermögcn von 274000 Francs aus. Nachdem 1782 Admiral Graste mit einer starken Flotte nach Martinique zurückgekehrt war, ging er an die kühnste seiner Waffenthaten. Er landete mit 6000 M. auf der engl. Insel St.-Christoph und zwang die starke Festung Brimstone-Hill zur Übergabe, in der er H 00 M. Besatzung und l 7 3 Kanonen fand, worauf euch die Insel Newis sich ihm ergab. Zur Belohnung erhielt er den Rang eines Generallieu- tmants. Gleich darauf wurde er befehligt, im Verein mit den Spaniern einen Angriff auf Zamaica zu machen, was aber durch die Zerstörung der franz. Flotte durch den Admiral Rodney im März 17 82 vereitelt wurde. B. hatte, als er hierauf nach Frankreich zurückkehrte, dm weitkühnern Plan, an der engl. Küste selbst zu landen und Plymouth wegzunehmen; doch die ganze Aufmerksamkeit der franz. Regierung war vorerst auf die Belagerung von Gibraltar gerichtet, und der Friede von 1783 beseitigte denselben vollends ganz. Jm J. 1784 machte B. eine Reise nach England, wo man ihn mit außerordentlicher Achtung empfing, und dann nach Holland und Deutschland. In denJ. 1787 und 1788 vom Könige zumMitgliede der Notabeln ernannt, trat er hier allen Beschlüssen bei undwarzujedem Opferbereit, welches die absolute Monarchie, der er anhing, nicht antastete. Im 1.17 89 wurde er erster Befehlshaber in den drei Bisthümern, bald hernach auch in Elsaß, Lothringen und Franche- Comte und 1790 General en Chef der Armee von der Maas, Saar und Mosel. Durch seine Charakterfestigkeit verhinderte er damals die Auflösung der Armee und den Bürgerkrieg; auch stillte er den Aufruhr der Garnison zu Metz und den der drei Regimenter zu Nancy. Die Nationalversammlung und der König dankten ihm dafür; doch den Marschallstab, den ihm Letzterer verleihen wollte, schlug er aus, weil er ihn nicht durch den Sieg über franz. Bürger gewinnen mochte. Als Ludwig XVI. 1790 beschlossen hatte ^us Paris zu fliehen, wurde B. in das Geheimniß gezogen. Er schickte seinen 21 jährigen Sohn nach Paris, um die nähere Ausführung zu besprechen, sammelte, wie es der König wünschte, zu Montmedy eine bedeutende Streitmacht und stellte an mehren Orten, die die Flüchtenden passiren sollten, Cava- lnieabtheilungen auf. Er war neun Licues von Varennes entfernt, als er hörte, daß der König daselbst angehalten worden sei; mit dem Dragonerregiment Royal-Allcmand stürzte er zur Rettung herbei, kam aber zu spät und mußte unter den Kugeln der Republikaner mit seinem Stabe in die östr. Niederlande fliehen. Um den Zorn des Volks von der königlichen Familie abzulenkcn, schrieb er von hier aus an die Nationalversammlung, stellte die Flucht des Königs als eine Entführung und sich als den Urheber dar; und in der That wurde ihm der Proceß als Hochverräther gemacht und ein Preis auf seinen Kopf gesetzt. In Folge davon begab er sich nach Koblenz zu den Brüdern des Königs und 1791 zu der Confercnz nach Pillnitz. Noch in demselben Jahre trat er in die Dienste des Königs von Schweden, Gustav's III., und nach der Ermordung desselben diente er in dem Corps des Prinzen von Conde. Den Antrag, den ihm 1793 die franz. Prinzen machten, nach welchem er den Oberbefehl in der Dende'e übernehmen sollte, verwarf er und zog sich nach England zurück, wo er der Regierung in dem westind. Colonialwesen rathend zur Seite stand. In dieser Zurückgezogenheit schrieb er seine ,Mömoire8 sur la rövolution frsnh." (engl., Lond. 1797; deutsch, Hamb. 1798; stanz. 1801), die in ihrer Einfachheit und Geradheit viel Licht auf die Begebenheiten jener Zeit werfen. B. starb zu London im I. 1800. Bouillon, eine deutsche Standesherrschaft mit Herzogthumstitel im belg. Antheile des Eroßherzogthums Luxemburg, umfaßt einen waldigen und bergigen Strich in den Ardennen - Cenv.-Lex. Neunte Aufl. II. 36 562 Bouilly BoulainMierK von 7 OM. mit etwa 21000 E-, welche'sich in einer Stadt und 21 Flecken oder Dörfern . vertheilcn. Das Hcrzvgthum B- besaß einst Gottfried von Bouillon (s. d.), an den es, ' als eine von der Grafschaft Ardcnnc abgerissene Herrschaft, verschenkt worden war. Um die > Kosten zu seinem Kreuzzuge zu bestreiten, verpfändete er das Herzogthum >005 an den Bischof Albert von Lüttich. Nachdem das Hochstift viele Jahre dasselbe besessen, machten die Häuser Lamarc und Latour d'Auvcrgne ihr Erbrecht darauf geltend, traten jedoch > 0-11 ihre Ansprüche daran gegen 150000 brabant. Gulden dem Stifte Lüttich ab. Im Kriege von >672 eroberte Frankreich auch dieses Hcrzogthum, das nun Ludwig XlV. >078 an Latour d'Auvcrgne, seinen Obcrkammerherrn, verschenkte. Seitdem gehörte B. als ein souvecaincs Herzogthum unter sranz. Schutze dem Hause Latour, bis es während der Revolution >703 unter dem Herzog Godefroi Charles Henri Latour d'Auvcrgne, gest. im Dec. 1812, einge- ' zogen wurde. Durch den pariser Frieden von 1814 kam es größtentheils an das dem Könige der Niederlande zugefallene Grvßherzogthum Luxemburg. Hierauf ward in der wiener Congrcßacte von 1815 festgesetzt, daß derKönig der Niederlande, als Großherrog von Luxemburg, den Theil des Hcrzogthums B., welcher nach dem pariser Vertrage bei Frankreich nicht geblieben, mit voller Souvcrainctät besitzen, daß aber das Eigcnthumsrccht, nach schiedsrichterlichem Ausspruche, einem der Bewerber, unter der Oberhoheit des Königs der Niederlande, zuerkannt werden solle. Dieser Ausspruch erfolgte zu Leipzig am I. Juli 1810, und es entschied die Mehrheit von vier Stimmen gegen eine zu Gunsten des Fürsten Charl. Alain von Rohan-Guemenee, vermöge seines auf Geburt, Hausvcrträgc und Substitution beruhenden Erbrechts als Enkel der Schwester des letzte» Herzogs von B. Dieser aber verkaufte das Herzogthum 1821 an die Niederlande. Bei der Katastrophe im I. 1830 trennte sich B. mit Luxemburg, zu dem cs bis dahin gehört hatte, von den Niederlanden und wurde > 837 mit zu Belgien geschlagen. — Der Hauptort des Hcrzogthums ist die Stadt Bouillon, der Stammsitz der alten Herzoge von V., zwischen steilen Bergen am linken Ufer des Semoi, mit 2600 E- und einem festen Schlosse aus einem Felsen. Bvuilly (Jean Nicolas), einer der fruchtbarsten dramatischen Schriftsteller Frankreichs, geb. zu Boudraye unfern Tours >763, studirte anfangs die Rechte, widmete sich aber dann ganz dem Studium der schönen Wissenschaften. Im ersten Feuer der Revolution schloß er sich an Mirabcau und Barnave an und trat 1700 mit einem dramatischen Versuche, „Uierre ie Or:iii 8>>0), «leuxsouruees" (deutsch „Der Wasserträger"), „Kmielion" (deutsch von Kotzebue, Lpz. 1 805), ,,^AN6S 8nrol", „l.c-s 808), „Älmlmne mice", „C»u- ^ seilz ü m-a lille" (deutsch von Hain, 2. Aust., 2 Bde., Lpz. 1823; herausgeg. mit Wörterbuch von Kißling, 2 Bde., 2. Aust., Manh. 1841; von Schiebler, Lpz. 1838; für die weibliche Jugend von Kißling, 2. Aust., Ludwigsb. > 838) und jeunes semmos" (deutsch, 2 Bde., Lpz. 1 820). Er starb in Paris am 24. Apr. 1 842. Boulainvilliers (Henri, Graf), aus einer alten Familie der Picardie, geb. am I I. Oct. 1658 zu St.-Saire in der Normandie, machte seine ersten Studien auf dem Collegium von Juilly und widmete sich zuerst der militairischcn Laufbahn. Indessen ward er bald durch Familienangelegenheiten veranlaßt, dieselbe zu verlassen. Verhältnisse uölhig- ten ihn, die Archive seiner Familie sorgfältig durchzusehc», und dieses führte ihn auf ein gründliches Studium der franz. Geschichte. Er verfolgte in seinen Schriften vorzüglich die Genealogie der alten Familien Frankreichs und überhaupt spricht sich in ihnen ein aristokratischer ! chevaleresker Geist aus. Die alte Feudalität erklärte er geradezu für die schönste Schöpfung des menschlichen Geistes. Er selbst ließ keines seiner Werke drucken; sie eirculirtcn im Manu- > Boulevards Boulogne (Ctienne Antoine) 563 ern es, die den , die ihre von wur nies N>3 nge- uige cner ^em- üchl cich- nde. ent- von »den das nnt it zu der n:il ^ script und erschienen erst, jedoch nur ein Theil, nach seinem Tode im Druck. Von besonderer Bedeutung sind seine „blistoirede I'alicienA<)UVLri,omen3deI>'rni>ce"(3 Bde., Haag 1727) ^ die neben manchem Geistvollen die sonderbarsten Paradoxen enthält, die „Histoire de In zm-iris äe b'rsnce et du parleinent de karis" (2 Bde., Lond. 1753) und der „^brege cbronologici»? de I'Iiistoire de Trance" (3 Bde., Haag 1733). Er starb am 23. Jan. 1722. Boulevards, s. Paris. Boulogne, das Lononir» der Römer, eine alte befestigte Seestadt an der Küste der Picardie, im Departement Pas-de-Calais, an der Mündung der Liane, mit 2 57(10 E-, besteht aus Ober- und Unter-Boulogne, welches letztere Loulogne sur mer genannt wird und an Schönheit der Häuser und Straßen jenes beiweitcm übertrifft. Sie ist der Sitz eines Bi- ' schoss, hat sechs Kirchen, ein Hospital, eine Börse und ein Handelsgericht, eine Schiffahrtsschule, gut eingerichtete Seebäder, mehre Seifen-, Fayence-, Blech-, Leinen- und Wollen- manufacruren, Zuckersiedereien, lebhafte Fischerei, Herings- und Stockfischfang und bedeutenden Handel. Ausgcführt werden vorzüglich Heringe und Makrelen, die man in Menge längs der Küste fängt, Champagner- und Burgunderweine, Steinkohlen, Getreide, Butter, Leinwand- und Wollenzeuge. Die Verbindung mit England ist sehr lebhaft und täglich führen Dampfbootc in ungefähr zwölf Stunden nach London. Der Hafen, nach Einigen der portns ictins, in welchem sich Cäsar nach Britannien einschiffte, wahrscheinlich aber der Hafen Oosnri-ums im Morinerlande, ist zwar für große Kriegsschiffe zu seicht, doch können bei hoher Flut die größten Kauffahrteischiffe ohne Gefahr aus- und einlaufcn. B. war seit dem !l. Jahrh. eine besondere Grafschaft (Ooinitatus Lononiensis), die nach mancherlei Vererbungen nach dem Tode des Herzogs Karl des Kühnen von Burgund mit du Krone Frankreich vereinigt wurde. Auf der zu B. 1263 von dem Bischof und päpstlichen Legaten Guido gehaltenen Kirchenversammlung ward England, weil,cs die Friedens- bcdingungen, welche der König Ludwig IX. von Frankreich vorschrieb, anzunehmen sich weigerte, auf Befehl des Papstes mit Bann und Znterdict belegt. Da man von B. aus bei gutem Winde die Küste Englands in zwei bis drei Stunden erreichen kann, so ließ Na- roleon den damals sehr versandeten Hafen reinigen und eine Menge flacher Fahrzeuge zur Überfahrt eines Heers nach England daselbst erbauen, auch kleine Forts und Batterien mr Sicherstellung des Hafens und der Stadt anlegen. Schon stand ein zahlreiches Heer Monate lang in einem großen Lager zum Übersetzen bereit, als der Ausbruch der Feindseligkeiten mit Ostreich im I. >805 Napoleons Plane änderte. Zum Andenken dieses großen Lagers ward eine Säule errichtet. Im I. 1830 war B. das Ziel der verfehlten Expedition Ludwig Napoleon's. Boulogne (Etienne Antoine), eine der Hauptzierden des franz. Klerus, geb. zu Avignon am 26. Dec. 1737, machte die ersten Studien in seiner Vaterstadt und trat dann in das Seminar St.-Charles zu Paris. Hier zeichnete er sich so aus, daß er, obgleich ihm das gesetzliche Alter fehlte, >771 ordinirt ward. Schon während seines Aufenthalts im Seminar hatte er eine hohe Befähigung zur Kanzclberedtsamkcit gezeigt, daher konnte es nicht fehlen, daß er in Avignon und Villcneuve, wo er als Prediger auftrat, sehr bald die Aufmerksamkeit auf sich zog. Doch der Triumph) den er in der Provinz feierte, genügte ihm nicht, daher suchte er sich in Paris einen größer» Schauplatz. Hier hatte er indessen anfangs mit Neid und Mißgunst zu kämpfen; ja es verbot der Erzbisofch Charles de Beaumont, bei dem ihn seine Gegner verleumdet hatten, ihm sogar die Kanzel. Er suchte daher sich auf andere Art hervorzuthun, concurrirte bei mehren Preisaufgabcn und trug besonders 1780 durch seine Lobrede auf den Dauphin den Sieg davon. Der Erzbischof nahm sein Verbot zurück, der König zahlte B. ein Jahrgeld von 2000 Francs und bald darauf ward derselbe bei der Abtei Tonnay-Charente angestellt, doch predigte er auch häufig zu Versailles am Hofe. Zum Deputaten des Psarrsprengels St.-Sulpice gewählt, arbeitete er an den Cahiers für die allgemeine Ständeversammlung. Die Revolution raubte ihm zwar alle seine Würden und Ämter und bedrohte mehr als einmal sein Leben; aber er verließ sein Vaterland nicht. Kaum war die blutige Periode der Schreckenszrit vorüber, während deren er dreimal festgenommen war, so ließ er eine Schrift gegen die eonstitutionelle Kirche erschei- , 36 * 564 Boulogner Holz Bourbon (Geschlecht) ! neu. Um seinen Angriffen gegen dieselbe ein größeres Gewicht zu geben, übernahm er die > Redaction der von Sicard und Jauffret gestifteten „Xnnales rcligieuses", die er in „Zonales cstlwligiies" verwandelte. Dieses einflußreiche Blatt ward am 18. Fructidor unter- drückt, und B. entging der Deportation nur mit großer Mühe. Kaum erlaubte der 18. Brumairc ihm wieder aus seinem Verstecke hervorzukommen, so ließ er sein Journal, dessen Titel er in „Xnnsles plnlosnz>!nti»es morsles et littersires" veränderte, wieder erscheinen. Im 1.1801 sah er sich genöthigt, damit noch einmal eine Veränderung vorzunehmen, und es erschien nun unter dem Titel „bragments cke littersture et 769 eine , Fabrikfür Dampfmaschinen (s.d.) an, welche ausgezeichnete Maschinen für ganz Europa geliefert hat. Gemeinschaftlich trugen sie durch Errichtung einer Münzmühle wesentlich zur Verbesserung des Münzens bei; auch legten sie später in Verbindung mit ihren Söhnen zu Smetwick, nahe bei Soho, eine Gießerei an, wo sie durch viele neue Vorrichtungen die Dampfmaschinen vervollkommncten. Unter den andern Erfindungen B.'s gedenken wir nur noch des von ihm 1773 zuerst angegebenen mechanischen Verfahrens, Ölgemälde täuschend nachzubilden. Er starb zu Soho am 17. Aug. 1809. Sein langes Leben war der Beförderung nützlicher Künste und der Handclsinteresscn seines Vaterlandes gewidmet; im Umgänge war er sehr einnehmend und ein Mann von edler Gesinnung. , Bourbon, das alte sranz. Geschlecht, das durch seine Verwandtschaft mit dem könig- lichen Hause der Capetinger(s. d.) auf mehre Throne gelangte, führt seinen Namen von einer Burg im ehemaligen Bourbonnais, mit der eine nicht unbedeutende Herrschaft (8e,g- nearie) verbunden war- Der erste Herr (8ire) dieses Geschlechts, dessen die Geschichte gedenkt, j die >u- cr- > 8 . sen en. md lich ard l er >es. me nt- :m> neu ser- 'ge- zur mf- >°b, Nai ,en, ins ine von nitlach äh- eon mzt ang her, die Sir- ror- die rik- ;n ine opa zur >zu die nur und för- 1m- nig- von -ig- nkt, Bourbon (Geschlecht) 565 l war Adhcmar zu Anfänge des >0. Jahrh. Sein vierter Nachkomme, Archambaulb I., fügte seinem Namen den des Schlosses hinzu, wie denn auch die Stadt, die sich später um dasselbe ^ bildete, noch gegenwärtig Bourbon-l'Archambauld heißt. Unter seinen Nachfolgern gleiches Namens erweiterte sich die Herrschaft wie das Ansehen ihrer Besitzer bald sehr bedeutend. Lrchrmbauld VII. war schon angesehen genug, eincHeirath mit Agnes von Savoyen einzu- gchcn, wodurch er der Schwager Ludwig des Dicken und Neffe des Papstes Kalixtus' I I. wurde. Sein Sohn Archambaulb VIII. hatte nur eine einzige Tochter, Mahaut, und cs ging deshalb die Herrschaft nach langem Processe 1197 an Gui de Dampierre, ihren zweiten Gemahl, über. Beider Sohn, Archambaulb IX., war ein so bedeutender Herr seiner Zeit, , daß ihn die Gräfin Blanche von der Champagne zum lebenslänglichen Protector ihrer Grafschaft und der König Philipp August zum Connetable von Auvergne machte. Archambaulb X. hiuterlicß zwei Töchter, Mahaut und Agnes, die sich Beide an Glieder des Hauses Burgund vermählten. Nur die zweite, die ihrer Schwester in der Herrschaft Bourbon folgte, hiuterlicß einen Erben in ihrer Tochter Beatrix, welche um 1272 mit Robert, dem sechsten Lohne Ludwig des Heiligen von Frankreich, ein Ehebündniß einging. Auf diese Weise mit dem königlichen Geschlechte der Capetinger direct verwandt, hatten die B. als eine Seitenlinie dieses Geschlechts rechtmäßige Ansprüche auf den Thron von Frankreich, nachdem zuvor das Haus Valois, ein anderer Seitenzweig der Capetinger, in seinen männlichen Gliedern erloschen war. Der Sohn Robert's und der Beatrix, Ludwig I., genannt der Hinkende, folgte IZIV seiner Mutter in der Herrschaft Bourbon und 1811 seinem Vater in der Grafschaft Clermont, von der er nun auch den Namen annahm. Er war einer der ausgezeichnetsten Männer seiner Zeit, diente in allen Angelegenheiten des Kriegs und Friedens und starb IZII, nachdem für ihn Karl der Schöne schon 1927 die Herrschaft Bourbon in ein Herzogtum verwandelt hatte. Sein Sohn Peter l., der zweite Herzog von B., vor seines Vaters , Tode, wie alle seine Nachfolger, Graf von Clermont genannt, zeichnete sich ebenfalls in den Kriegen des 1-1. Jahrh. aus und wurde 1356 in der Schlacht von Poitiers, wo er den König Johann mit seinem Körper vcrtheidigte, getüdtet. Sein Sohn und Nachfolger Ludwig II., der Gute genannt, mußte sich zur größern Sicherung des Lösegelds als Geisel mit dem gefan- zmen König Johann II. nach England zu Eduard III. begeben und durfte erst nach dem Frieden von Bretigni, 1366, nach Frankreich znrückkehren. Nach dem TvdcKarl's V. im J. !Z8ü wurde er, als einer der vier Prinzen von Geblüt, die zu den Vormündern des jungen llarl's VI. bestellt waren, in die Bürgerkriege verwickelt. Dieser Unruhen überdrüßig, unternahm er 1396 eine mit 86 Fahrzeugen ausgerüstete Expedition gegen die räuberischen Staaten der nordafrik. Küste und starb 1369. Jean I., der vierte Herzog von B., zeichnete sich besonders durch ritterliche Galanterie aus. Er wurde in der Schlacht von Azincourt gefangen nachLondon gebracht undwilligte hier, nachdem er schon mehrmals vergeblich ein hohes Lösend gezahlt hatte, endlich in die Abtretung eines Theils seiner Güter an England. Allein hin Sohn verweigerte die Vollziehung des Vertrags, sodaß er als Gefangener 1333 starb. Charles I-, Herzog von V-, zeichnete sich schon als Graf von Clermont im Kriege aus und rahm dann Theil an der Friedensstiftung im Reiche, namentlich an dem Frieden von Arras 'i«Z. 1335, dem zufolge der Herzog von Burgund das engl. Bündniß aufgab. Später ließ er sich in mehre Verschwörungen gegen Karl VII. ein, wurde indessen begnadigt und starb >156. Jean II., Herzog von B., mit dem Beinamen der Gute, ein tapferer Krieger, der 1356 Mn die Engländer die Schlacht bei Formigny gewann, starb, 1387 ohne Erben, und cs ftlgte ihm sein Bruder Charles, Cardinal und Erzbischof von Lyon, der aber schon im folgenden Jahre starb, worauf alle Würden und Besitzthümer des erloschenen Hauptzweigs an die Seitenlinie der Bourbon-Beaujeu, und zwar zunächst an Pierre, Grafen von Bcaujeu, seien. Letzterer, der Vertraute und Günstling Ludwig's XI. heirathete dessen Tochter, Anne, "nd wurde demzufolge während der Minderjährigkeit Karl s VIII. auch Regent des Reichs. , Erstarb 1563 als der achte Herzog vonB., war aber berühmter unter dem Namen des Sire den Berujeu. Seiner einzigen Tochter, Susanne, wurden die Erbrechte von Charles von Bourbon (s. d.), Herzog von Bourbonnais, dem berühmten Connetable,-bestritten. Lud- ivigXII. vereinigte die Parteien, indem er eincHeirath zwischen Beiden zu Stande brachte, und d» Gemahl Susanne's ward nun, als Charles III., Herzog von B. Durch ihn erlosch aus 566 Bourvon (Geschlecht) längere Zeit das Heczogthum B., das, weil er sich gegen Frankreich mit Karl V. verband, , 1553 zn Gunsten der Krone durch Ausspruch des Parlaments mit allen Würden und Besitzungen des Hauptzwcigs «ungezogen wurde. Unter den Seitenlinien, die durch die Äch- > tung des Connctable ebenfalls hart betroffen wurden, erhielt die Linie Vendöme große ' Bedeutung. Dieselbe gelangte erstlich durch Verheirathung in der Person des Antoine von B., Herzog von Vendöme, zum Throne von Navarra, dann durch Erbschaft nach dem Ausstcrbcn des Hauses Valois in der Person Heinrich's > V. zur Krone von Frankreich und durch Sicgsglück zu den Kronen Spaniens und Neapels. Unter den übrigen zahlreiche» Nebenlinien sind hier nur zu erwähnen die von Montpcnsier, de la Marche, Conde, Conti, Soiffons und Orleans. Nur einzelne Glieder der Nebenlinien haben indeß den Namen Bourbon geführt, wie z. B- der Cardinal Charles von Bourbon, Herzog von Vendöme, der unter ! dem Namen Karl X. gegen Heinrich IV. austrat. Was die herzogliche Würde betrifft, so verlieh Ludwig XlV. dieselbe der Linie Conde zurück, sodaß jedesmal der älteste Sohn des Hauses vor dem Eintritt in die Erbschaft seines Vaters den Titel eines Herzogs von B. führte. Die Dynastie der B. auf dem Throne Frankreichs (s. d.) eröffnet sich mit Hein- rich lV. (s. d.), der nach der Ermordung Heinrich's Ul., des letzten Capetingers aus dem Hause Valois, in Folge des Salischcn Erbsolgcgesetzes, der directe Erbe des franz. Throns ward. Durch seinen Vater Antoine von B., Herzog von Vendöme und König von Navarra, stammte er von dem sechsten Sohne Ludwig des Heiligen, Robert, wclcherBeatrir, die Erbin von B., gchcirathet hatte. Bei seiner Ermordung im 1.1610 hinterließ er von seiner zweiten Gemahlin, Maria de'Medici, fünf rechtmäßige Kinder: I) Ludwig XUl. (s.d.), seinen Nachfolger auf dem Throne; 2) Z. B. Gaston, Herzog von Orleans, der keine männlichen Erben hinterließ und 1600 starb; 3) Elisabeth, die Gemahlin Philipp's kV. von Spanien; 4) Christine, verheirathet an Victor Amadeus, nachherigen Herzog von Savoyen, und 5) Henriette Marie, die Gemahlin Karls l. von England. Ludwig XIU., vermählt mit Anna von Ostreich, der Tochter Philipp's Ul. von Spanien, hinterlicß bei seinem Tode im 1.16tZ > zwei Söhne: I) Ludwig XlV. (s.d.), der ihm in der Regierung folgte, und 2) Philippe, der von seinem altern Bruder den Titel eines Herzogs von Orleans erhielt und der Stammvater der jüngern bourbonischen Dynastie wurde. Ludwigs XlV. Sohn aus seiner Ehe mit Marie Therese von Ostreich, der Tochter Philipp's lV., der Dauphin Louis, genannt Monßenr, starb schon am I -l. Apr. l 71l und hinterließ aus seiner Ehe mit Maria Anna von Baiern drei Sühne: I) Louis, Herzog von B o u r g o g n c (s. d.), 2) Philippe, Herzog von Anjou, der später König von Spanien wurde, und 3) Charles, Herzog von Bern, gest. >714. Der Herzog Louis von Bourgogne starb aber ebenfalls schon l 712; mit seiner Gemahlin Maria Adelaide von Savoyen hatte er drei Söhne gezeugt, von denen zwei in früher Zugend starben; der einzig lebende war Ludwig XV. (s. d.), der 1715 Ludwig'ö XlV. Nachfolger wurde. Ludwig XV. zeugte mit Maria Lesczynska. der Tochter des entthronten Königs Stanislaus von Polen, den Dauphin Louis. Dieser verheirathete sich mit Maria Therese von Spanien, starb aber schon 1765 und hinterließ drei Söhne: l) Ludwig XVI. (s.d.), der I774 seinem Großvater Ludwig XV. in der Regierung folgte, 2) Louis Stanislaus Lavier, Graf von Provence, der 1814 als Ludwig XVIll. (s. d.) den franz. Thron bestieg, und 3) Charles . Philipp, Graf von Artois, seines vorerwähnten Bruders Nachfolger in der Regierung von 1823— 30 unterdemNamen Karl's X. (s.d.). Ludwig XVI. zeugte mitMarie Antoinette von Ostreich I) den Dauphin Louis, gest. 1789, 2) Louis, genannt Ludwig XVII. (s. d.), gest. >795, und 3) Marie Therese Charlotte, genannt Madame royale, die jetzige Herzogin von Angou lerne (s. d.). Ludwig XVlll. hatte keine Nachkommen; Karl X. aber zwei Söhne: 1) Louis Antoine de Bourbon, Herzog von Angouleme (s. d.), bis zur Zulirevo- lution Dauphin, jetzt unter dem Namen Ludwig's XIX. das Haupt der altern und in der Verbannung lebenden Linie derB-, und 2) Charles Ferdinand, Herzog von Berri (s.d.), der 1 820 ermordet wurde. Der Herzog von Angouleme hat keine Nachkommen; der Herzog von . Berri aber zwei Kinder himerlasscn: >) Marie Louise Therese, genannt Mademoiselle d'Arwis, und 2) Henri Charles Ferdinand Marie Dicudonnc, Herzog von Bordeaux, von den politischen Anhängern der vertriebenen Linie Heinrich V. genannt. Der in Frankreich seit der Revolution von l 830 durch den Volkswillen auf den Thron Bourbon (Geschlecht) 567 berufene Familienzweig der B. stammt von dem zweiten Sohne Ludwig's Xlll. uns einzigen Bruder Ludwig's XIV., dem Herzoge Philipp I. von Orleans (s.d.), gest. >71)1. Er hinterließ aus seiner zweiten Ehe mit Elisabeth Charlotte von der Pfalz Philipp II. Herzog von Orleans (s.d.), vor dem Tode seines Vaters Herzog von Chartres genannt, der während der Minderjährigkeit Ludwig's XV. Regent von Frankreich war. Sein Sohn Louis Philippe, Herzog von Orleans, gcb. 1703, vermählt mit einer Prinzessin von Baden, starb von der Welt zurückgezogen 1752 und hinterließ einen Sohn, Louis Philippe, Herzog von Orleans, geb. >725, gest. >785. Des Letztem Sohn war der in der Revolution bekannt gewordene Louis Joseph Philipp, Herzog von Orleans (s.d.), der 1793 auf dem Schaffet starb, nachdem er das Jahr vorher seinen fürstlichen Namen abgelegt und dm des Bürger Egalite angenommen hatte. Er hinterließ vier Kinder: I) Ludwig Philipp (s. d.), vor der Revolution Herzog von Chartres, nach seines Vaters Tode Herzog von Orleans, und seit der Julircvolution von 1830 König der Franzosen, 2) den Herzog von Montpensier, der 1807 in England starb, 3) den Grafen von Beaujolais, gest. zu Malta 1808, und 3) eine Tochter, Adelaide, Mademoiselle d'Orleans, geb. 1777. Ludwig XIV. setzte 1700 seinen Enkel, Philipp, Herzog von Anjou, auf den span. Thron (s. Sp ani en), und dieser stiftete unter dem Namen Philipp V. die span., sowie die Dynastie beider Sicilien, von Parma und Piacenza. Diese Dynastien regieren noch gegenwärtig und haben nur durch die Politik und die Waffen Napoleon's eine vorübergehende Unterbrechung erlitten. Auf Philipp V. folgte 1736 auf dem span. Throne sein Sohn Ferdinand VI., der 1759 ohne Erben starb und die span. Krone seinem Bruder Karl III., geb. 1716, hinterließ. Dieser vermählte sich mit Marie Amalie von Sachsen und hinterließ 1788 die Krone seinem Sohne Karl IV., welcher 1808 dem span. Throne zu Gunsten eines von Napoleon ernannten Nachfolgers entsagte und I8II zu Rom starb. Aus seiner Ehe mit Marie Luise von Parma hat er folgende Kinder gezeugt: I) Don Fernando, den Prinzen von Asturien, der nach dem Sturze Napoleons unter dem Namen F erd in and VII. (s. d.) auf den span. Thron gelangte, 2) Don Carlos (s. d.), der Prätendent des span. Throns, 3) Jsabella Marie, geb. >789, verwitwete Königin von Sicilien, und 3) Franz de Paula Anton Maria, geb. 1793. Ferdinand VII. hinterließ bei seinem Tode im I. 1833 aus seiner dritten Ehe mit Christine (s.d.), der dritten Tochter des Königs Franz's I. von Sicilien, zwei Töchter: 1) Jsabella Maria Luise, die ihm in Folge dessen, daß er zu ihren Gunsten das Salischc Gesetz in seinem Hause aufgehoben, unter dem Namen Jsabella II. (s. d.) aus dem Throne folgte, und 2) Luise Marie Ferdinande, gcb. 1832. Zu bemerken ist noch, daß die span. Linie der B. durch Familienvcrträge in Frankreich der Dynastie Orleans in der Erbfolge nachsteht. Nicht wie die spanische vermochte sich Philipp V. die Krone beider Sicilien (s. d.) zu bewahren, wo das Haus Habsburg seine Restauration in der Person eines Sohns Leopold's I. bewirkte, der 1720 unter dem Namen Karl III. den Thron bestieg. Erst in Folge des wiener Friedens wurde der Sohn Philipp s V., ebenfalls unter dem Namen Karl III-, König beider Sicilien. Als Karl III. 1759 seinem Bruder Ferdinand VI. aufdem span. Throne folgte, überließ er den von Sicilien seinem dritten Sohne, Don Fernando, genannt Ferdinand IV., mit der ausdrücklichen Bestimmung, daß diese Krone nie wieder mit Spanien vereinigt werden solle. Ferdinand IV. mußte >806 den franz. Waffen weichen; nach dem Sturze Napoleon's dagegen wurde er unter dem Namen Ferdinand I. (s. d.) König beider Sicilien. Ihm folgte >825 sein Sohn Franz I., der 1830 starb und den Thron seinem Sohne Ferdinand II. (s. d.) überließ. Die Herzogthümcr Parma und Piacenza hatte Ostreich im aachener Frieden von 1738 an Don Philipp, den jüngsten Sohn Philipp's V. von Spanien, abgetreten, jedoch mit der Bedingung des Rückfalls an Ostreich im Falle der Mannsstamm des Jnfantcn erlöschen oder auf den Thron beider Sicilien oder Spanien gelangen sollte. Diesem folgte 1765 sein Sohn Ferdinand I. Des Letztcrn Sohn, der Erbprinz Karl Ludwig Ferdinand, wurde unter der Vormundschaft seiner Mutter, Marie Luise, Infantin von Spanien, 1801 König von Etrurien; doch mußten Beide sehr bald, als Etrurien Frankreich einverleibt wurde, auf diese Krone verzichten, wie sie schon vorher auf die erblichen Hcrzogchümerverzichtet hatten. Durch 568 Bourdon (Charles) den wiener Kongreß wurden die Herzogtümer der Gemahlin Napoleon's, Marie Luise zugesprochen; die Infantin Marie Luise von Spanien aber für sich und ihre männliche» ! Nachkommen einstweilen mit dem Herzogthum Lucca entschädigt. Nach dem Tode der Erzherzogin Marie Luise fielen Parma und Piaccnza wieder der bourb. Linie zu, Lucca aber an Toscana. Der Infantin Marie Luise folgte bei ihrem Tode am 13. März 1824 ihr Sohn, der frühere König von Etrurien, Karl Ludwig von B., gcb. 17 09, vermählt mit der Prinzessin Therese von Sardinien, mit der er 1823 den Thronerben Ferdinand zeugte. Vgl. Coiffier- Demoret, „llistnirs reich, geb. zu Bourges am 26. Aug. >632, erhielt, nachdem er 16 Jahre alt in den Jesuitenorden getreten, nach und nach den Lehrstuhl der Humaniora, der Rhetorik, der Philosophie und der theologischen Moral an der dasigen Akademie. Als Kanzelredner glänzte er um so so mehr, als er, ganz im Gegensätze der geschmacklosen Prediger seiner Zeit, mit kraftvoller und echt religiöser Beredtsamkeitdie Leidenschaften, Schwächen und JrrthümerderMenschen bekämpfte. Die Würde seines Vortrags und das Feuer seiner Rede machten ihn berühmt mitten unter den Siegen eines Turenne, unter den Festen zu Versailles und unter den Meisterwerken der Kunst und der Literatur in den Zeiten eines Corneille und Racine. Auch an dem Hofe Ludwig's XIV., wohin er zuerst im Advent 1676 gerufen wurde, find er ungemeinen Beifall. Nach der Zurücknahme des Edicls von Nantes ward er 1686 nach Montpellier geschickt, um die Protestanten für die katholische Kirche zu bearbeiten. Auch bei diesem so mislichen Geschäfte gelang es ihm, sich würdig zu halten. Namentlich verstand er es, seinen Vortrag stets dem Fassungsvermögen Derer anzupassen, denen er Rath und Trost ertheilte. Einfach mit dem Einfachen, gelehrt mit dem Gelehrten, Dialektiker mit dem Geistlichen, ging er siegreich aus allen Verhältnissen hervor, in welche ihn die Pflichten seines Standes j versetzten. Von allen gleich geliebt, übte er eine Art Herrschaft über die Geister. Keine Rücksicht konnte ihn je der Freimüthigkeit und Rechtschaffenheit untreu machen. In den letztem Jahren seines Lebens entsagte er der Kanzel und widmete seine Sorgfalt den Hospitälern, Gefängnissen und frommen Anstalten. Er starb in Paris am 13. Mai 1764. Seine „Oeuvres" erschienen in mehren Ausgaben (16 Bde., Versailles 1812) und neuerdings im „kuntkeun litteritire" (3 Bde., Par. 1838). Die beste Ausgabe seiner „Sermons" besorgte Bretonneau (16 Bde. 8. und 18 Bde. 12., Par. 1767—34 ; deutsch, 14Bde.,Prag 1766—68). Sein Leben beschrieb Mad. de Pringy (Par. 1763, 4.). Bourdon (Sebasticn), ein berühmter franz. Maler, geb. zu Montpellier oder zu Marseille 1616, wandte sich, nachdem er durch seinen Vater, welcher Glasmaler war, den ^ ersten Unterricht im Zeichnens und Malen erhalten hatte, zuerst nach Bordeaux, dann nach Toulouse, wo ihn seine dürftigen Umstände nöthigten, Soldat zu werden. Nachdem erseinen Abschied erhalten, ging er nach Italien und cvpirte hier namentlich Andr. Sacchi's und Claude Lorrain's Werke. Nach seiner Rückkehr nach Frankreich malte er für die Kirche Notre- Dame zu Paris die Kreuzigung des heil. Petrus, die für sein bestes Werk gilt und gegenwärtig im königlichen Museum aufbewahrt wird. Ein anderes berühmtes Werk von ihm ist Simon der Zauberer in der Kathedrale zu Montpellier, das, nachdem es 86 Jahre auf einem Boden gelegen, durch einen Restaurator übel zugerichtet wurde. Als er in Folge der religiösen i und bürgerlichen Streitigkeiten 1652 Frankreich verlassen mußte, ernannte ihn die Königin Christine von Schweden zu ihrem Hofmaler. Nach ihrem Tode ging er wieder nach Paris, ^ wo er eine Menge größerer Gemälde ausführte. Mit den Deckengemälden in den Tuilerien beschäftigt, ereilte ihn der Tod im 1.1671. Er war ein rascher, handfertiger Maler, besaß indeß keinen eigenen Stil, sondern malte nur in Anderer Manier. Auch lieferte er über hundert geätzte Blätter, unter denen seine „Werke der Barmherzigkeit" in sieben Blättern berühmt sind. Bourges, die Hauptstadt des franz. Departements Cher, an den Flüssen Auron und I Eure, auf einem Bergabhange, ist eine alte Stadt, mit gewaltigen Mauern umgeben, die eine Menge hoher Thürme tragen. Sie ist der Sitz eines Erzbischofs, eines Friedens- und eines Handelsgerichts, hat eine Universitätsakadcmie, ein königliches College, ein Seminar Bourgoqne (Louis, Herzog von) 571 für Geistliche, eine Musik- und eine Eewerbschule, ein Hebammeninstitut u. s. w. Unter die sehenswerthen Gebäude gehören die Kathedrale, der schöne gothische Dom mit unterirdischer Kapelle, das Rathhaus und das Schloß, das sonst die Residenz der Herzoge von Berri war, und das dem Prätendenten von Spanien, Don Carlos, als Aufenthaltsort von Seiten der Regierung angewiesen ist. Die Stadt zählt 28000 E., welche einige Tuch-, Eisenwaaren, und Baumwollenfabrikcn unterhalten. In der Nähe derselben liegt der eisenhaltige Gesund- brunnen St.-Firmin. B. ist eine altgallische Stadt imLandeAquitanien und wurde anfangs Avaricum nach dem Flusse Avara (dem jetzigen Eure), später Biturigä nach seinen Bewohnern genannt. Nach der Eroberung durch Julius Cäsar wurde es einer der festesten röm. Plätze im westlichen Gallien und durch Augustus zur Hauptstadt der röm. Provinz Aquitania prima erhoben, durch die Franken aber beinahe ganz eingcäschcrt und erst nach Karl des Großen Zeiten von neuem aufgebaut. Seitdem durch Vicegrafen regiert, kam es nach deren Aussterbcn um 1100 durch Kauf an die Krone Frankreich und wurde svätcr zum Herzogthum erhoben. In B. fand 1412 zwischen Herzog JvhanndemUnerschrockenen von Burgund und dem König Karl VI. von Frankreich eine Aussöhnung statt. Karl VN. hatte hier, zur Zeit, als fast ganz Frankreich ihm von den Engländern entrissen war, seine Residenz. Während der Hugenottenkriege war es abwechselnd in der Gewalt der katholischen und der calvinischen Partei; später trat es auf die Seite der katholischen Ligue; nach der Einnahme von Paris mußte cs sich dem König Heinrich lV. unterwerfen. Unter den zu B. gehaltenen Kirchenversammlungcn ist unstreitig die vom I. 1438 die wichtigste, auf der die sogenannte pragmatische Sanction der gallicanischcn Kirche mit Genehmigung des Königs Karl's V11. und die Beschlüsse der bascler Kirchenversammlung in Bezug aufdie Beschränkung der päpstlichen Macht und die Sicherstellung der königlichen Rechte bestätigt wurden. Bourgogne (Louis, Herzog von), der Enkel Ludwig's XIV. von Frankreich, geb. zu Versailles 1682, nach dem Tode seines Vaters, Louis, Dauphin von Frankreich und als solcher unter dem Namen des Großen Dauphin bekannt, zeigte in seiner ersten Jugend einen Charakter, der für die Zukunft Jedermann mit Schrecken erfüllte. Er war unbändig, überaus heftig, im höchsten Grade hochmüthig und allen sinnlichen und groben Leidenschaften preisgegeben. -Dabei machte ein glänzender Verstand alle diese Eigenschaften nur um so gefährlicher. Namentlich durch den Abt Fenelon ward er aber in so erfolgreicher Weise erzogen, daß man ihn in dem Alter von 18 Jahren als einen wahren Engel pries. Ein über den Prinzen nicht lange vor seinem Tode abgcfaßtcs „Alemoire" des Herzogs von Saint-Simvn beweist indessen, daß B. durch die Bemühungen Fc'nclon's bigot geworden, und daß mit den Leidenschaften auch der Geist und der Charakter des Prinzen überhaupt erstickt waren. Wie Bossuet aus dem Sohne Ludwig's XIV. einen frommen, trägen und sinnlichen Menschen geschaffen hatte, so erregte in der That auch der Enkel keine Hoffnung auf künftige Auszeichnung. Er war von Natur mißgestaltet, und eine Haltung und ein Benehmen ohne Würde ließen diesen Naturfehler nur um fv mehr hervortreten. Als ein Mann von 30 Jahren unterhielt er sich damit, daß er Fliegen in Ol erstickte, Wachs schmolz, lebendige Frösche mit Pulver füllte und dann zersprengen ließ. Schon 1607 hatte man ihn mit der Prinzessin Adelaide von Savoyen verhcirathet, und er gefiel sich bald in der Gesellschaft seiner heitern Gemahlin, die er kindisch liebte und öffentlich liebkoste, so ausschließend, daß er jede Theilnahme am öffentlichen Leben aufgab und verweigerte; man sah ihn stets unter einer Heerde von Hofdamen, mit denen erspielte. Jm J. 1701 wurde er dessenungeachtet zum Generalissimus der Armee in Deutschland und 1702 in Flandern ernannt, in der That aber stand er unter dem Befehle des Herzogs von Vendöme, der das Vertrauen des Königs besaß. In einem Cavaleriegcfecht bei Nimwegen soll er ziemlich Stand gehalten haben; auch die Kapitulation von Breisach im J. 1703 setzt man auf seine Rechnung. Seine Hauptthate» aber bestanden in Werken der Frömmigkeit. Untröstlich darüber, daß er einmal sein Hauptquartier in einem Frauenkloster aufschlagen mußte, zerfiel er nach und nach ganz mit dem Herzoge von Vendöme und verlor nun auch die Achtung der Armee. Die vielen Demüthigungen, denen er ausgeseht war und die zum Theil aus den Jnkriguen hcrvorgingen, die sein Vater, der Dauphin, aus Neid gegen ihn anzctteltc, machten ihn nach der Rückkehr an den Hof nur um so bizarrer, dumpfer und menschenscheuer. Als er nach dem Tode seines 572 Bourgogne Bourgoing Vaters die zweite Person des Reichs wurde, befahl Ludwig XIV., ihn in die Regierungsge» schäfte einzuweihen. Alle die so sehr bespotteten Fehler des Herzogs verschwanden jeht in den Augen der Höflinge, und Jeder suchte sich seines Vertrauens zu bemächtigen. Plötzlich starb er im I. 1712. Einige Tage vorher waren die Herzogin und sein Sohn, der Herzog von Bretagne, gestorben, und derselbe Wagen führte Vater, Mutter und Kind nach St.-Denis. Der Herzog von Orleans, der spätere Regent, und die Herzogin von Berri, seine Tochter, wurden beschuldigt, diese drei Todesfälle durch Gift hcrbeigeführt zw haben. Bourgogne, s. Burgund. Bourgoin (Therese Etiennctte), eine der berühmtesten franz. Schauspielerinnen, war zu Paris am 5. Juli I78l geboren. Da ihre Altern in großer Dürftigkeit lebten, so mußte sie früh für ihren Lebensunterhalt selbst sorgen. Sie betrat zuerst auf dem U'beLtre ,Ie >a 6uiete die Bühne und hatte das Glück, sich in Antoine, der mit dem berühmten Lekain genau bekannt war, einen Freund zu erwerben, der ihre theatralische Ausbildung aufs trefflichste leitete. Durch Letztere ward sie mit Madame Vestris bekannt, deren Freundschaft ihr von großem Vortheil war. So gelang es ihr, kaum 18 Jahre alt, auf dem Theätre francais aufzutreten, bei dem sie indessen erst einige Jahre später ein festes Engagement erhielt. Sie verdankte dies weniger ihrem eigenen Talente, das sich erst später entwickelte und das namentlich vom einflußreichen Fcuilletonisten Geoffroy lebhaft bestritten ward, als der Protection des Ministers Chaptal, der ihr sehr wohlwollte. Sehr bald ward sie ein besonderer Günstling der hohen Aristokratie und erntete namentlich auf ihren Kunstreisen nach London und Petersburg reichlichen Beifall. Wie die Mars und wie Talma konnte sie sagen, daß sie zu Erfurt vor einem Parterre von Königen gespielt habe. Ihre Witzworte machten viel Glüch obgleich sie nicht selten die Grenzen des Anstandes verletzten. Im I. >829 trat sie von der Bühne ab und starb am II. Aug. 1833. Als ihre beste Rolle wird die der Rosine im „Barbier von Sevilla" genannt. Bourgoing (Jean Franc., Baron de), ein wegen seines vortrefflichen Charakters und seiner ausgebreiteten Kenntnisse geschätzter Gelehrter, war zu Revers am 20. Nov. 17-18 geboren und wurde 1767 Offizier im Regimente Auvergne und bald darauf Attache bei der franz. Gesandtschaft zu Regensburg. Einige Jahre nachher trat er wieder bei seinem Ne- gimente ein und diente in demselben sieben Jahre, bis er >777 dem Gesandten Montmorin am Hofe zu Madrid beigegeben wurde. Hier erwarb er sich während seines neunjährigen Aufenthalts die genaueste Kenntniß von Spanien, wovon seine „Xouveau vo^ags «m Ls- psgne, »ii tilblssii sctiid 6 ebLtelet eil kortliAal" (2 Bde., Par. 1808). Auch lieferte er mehre franz. Übersetzungen deutscher Werke. — Sein Sohn, Paul de B., franz. Gesandter am Hofe zu München, geb. 1792, ein gleichfalls sehr gebildeter und kenntnißreicher Mann, als Schriftsteller und Kunstkenner rühmlich bekannt, war früher Legationssecretair in Berlin, in München und in Kopenhagen und wurde 1832 Gesandter in Dresden, von wo er 1834 in gleicher Eigenschaft nach München kam. In seinem Romane „I.e prisnnnier Haft Sachsen verlassen und lebte hierauf in Frankreich in ziemlicher Verborgenheit, bis ihn 17 9 7 sein ehemaliger Mitschüler zu seinen» Secretair ernannte. Er begleitete denselben in i Ägypten und Italien und erhielt 1891 den Titel eines Staatsraths. Obschon er sich indes j durch seine Kenntnisse und Gewandtheit das Vertrauen des ersten Consuls in hohem Grade ! erworben hatte, so gelang es doch seinen Feinden, ihn 1892 aus seiner Stelle zu verdrängen. ! Auf Fauche"s Verwendung ward er 1895 zum Gesandten bei den Ständen des nicdersächs- Kreises ernannt. Als solcher erwarb er sich vorzüglich die Liebe der Hamburger Bürger durch i mildes Handhaben seiner strengen Instructionen und freundliche Behandlung der stanz. Ausgewanderten, sowie überhaupt in Deutschland durch sein Betragen gegen den gefangenen General Blücher. Merkwürdig war es, daß er schon 1819 die Wiedereinsetzung des bourboni- schen Herrscherstamms in Frankreich für möglich hielt, ja sogar so weit ging, daß er dem russ. General Driescn einen Aufruf an das stanz. Volk zu Gunsten der Bourbons aushändigte, l ohne jedoch in unmittelbare Verbindung mit irgend einem Gliede dieser Familie zu treten- Dieses Benehmen blieb auch seinen Feinden in Frankreich nicht unbekannt, selbst Napoleon hielt ihn eines Einverständnisses mit den Engländern für fähig, und nur der Zuneigung desselben zu ihm, als eineneJugendsteunde, hatte er cs zu verdanken, daß er nach seiner Rück- , Boursault 575^ kehr nach Frankreich im I. l 61 1 nicht zurVcrantwortung gezogen wurde; allein das frühere Vertrauen des Kaisers konnte er nicht wieder gewinnen. Gekränkt dadurch, nahm er gegen das Ende des I. 1811 den Antrag Napoleon's nicht einmal an, mit den Verbündeten in der Schweiz zu unterhandeln, sondern ergriff noch vor dessen Sturze offen Partei gegen ihn, indem er und seine Familie cifrigst bemüht waren, bourbonische Proclamationen zu fertigen und unter das Volk zu verbreiten. Während der provisorische» Regierung ward er General- director der Posten; doch kurz nach der Rückkehr Ludwig's XVIU. mußte er seine Stelle einem Andern abtreten. Er blieb unbeachtet, bis die Nachricht von Napoleon s Landung in Paris anlangte, worauf er zum Policeipräfecten von Paris ernannt wurde. Bei der Flucht des Königs folgte er demselben nach den Niederlanden und ward hierauf Geschäftsträger in Hamburg. Seine Rückkehr nach der zweiten Thronentsagung Napoleon's brachte ihm nur neue Demüthigungen; er erhielt zwar den Titel eines Staatsministers und Sitz im Staatsrathc, mußte aber letzter» als unvereinbar mit seinem Titel sehr bald aufgcben. Als Abgeordneter des Uonnedepartements in den I. 1815 und 1821 trat seine Charakterlosigkeit in den grellsten Farben hervor, indem er als Widersacher aller liberalen Staatsein- richtnngen und selbst den Anstalten für Wissenschaft und Volksbildung feindlich sich bewies. Nachdem er durch die Julirevolution vollends alle seine Plane vernichtet sah und durch den Verlust seines Vermögens, kam er um seinen Verstand und starb zu Caen in der Normandie, wo er die letzten Tage seines Lebens in einem Gcsnndheitshause zugebracht hatte, am 7.Febr. 1834. Seine „Alemoires sur i>lapoIöon, ltz dirertoire, I«; consulat, l'empire et In restsu- ration" (10 Bde., Par. 1820) geben über viele Verhältnisse Napoleon's neue Aufschlüsse, wurden aber in manchen Beziehungen durch Zeitgenossen als unzuverlässig bezeichnet. Vgl. „B. und seine freiwilligen und unfreiwilligen Jrrthümer" (deutsch, 2 Bde., Lpz. 1830). Mit Unrecht hat man ihm die „klistoire de Uonriparte pur UN komme, tpn ne I's PL8 czuitte äepiiis 15 an;" zugeschricben. Dagegen ließ er 1792 ein Drama „INnconnu" erscheinen, das aus dem Deutschen übersetzt ist. Boursault (Edme), franz. dramatischer Dichter, geb. zu Mussi-l'Eveque in Burgund im Oct. 11,38, stammte aus einer ziemlich begüterten Familie, wurde abervon seinem Vater, der sich als früherer Soldat ein sehr unordentliches Leben angewöhnt hatte, in der Erziehung und im Unterrichte so vernachlässigt, daß er, als er 1651 nach Paris kam, auch nichts verstand als seinen burgundischen Dialekt. Bei seinen trefflichen Anlagen brachte er cs hier aber in wenigen Jahren durch regen Fleiß in der reinen franz. Sprache so weit, daß er sogar als Schriftsteller austreten konnte. Namentlich gab er ein Journal in Versen heraus, welches Ludwig XIV. und den ganzen Hof sehr belustigte und ihm eine Pension von 206» Livres verschaffte. Auf Anregung des Herzogs Montanster schrieb er das Buch „l)s In veritaide etnil«- «los snuverains" (Par. 1671), welches dem Könige so gefiel, daß er den Verfasser zum Unterlehrer des Dauphin ernannte. B. schlug jedoch die Stelle aus, weil er kein Latein verstand, und aus demselben Grunde lehnte er auch die Aufnahme in die Akademie ab. Als er nachher in seinem Journale ein lustiges Abenteuer, welches einem Kapuziner begegnet sein sollte, zum Besten gab, bewirkte der Beichtvater der Königin, ein Franciscanee, nicht nur die Unterdrückung des Journals und die Einziehung derB. gewährten Pension, sondern cs würde derselbe auch in die Bastille gekommen sein, wenn nicht der große Cvnde sich seiner angenommen hätte. Ein anderes Journal B.'s, „km muss enjunse", wurde wegen einiger boshaften Verse aus den Erbstatthalter von Holland Wilhelm Ul., als der franz. Hof mit diesem in Friedensunterhandlungcn getreten war, unterdrückt. Glücklicher war B. als Bühnendichter. Mehre seiner Stücke wurden mit anhaltendem Beifalle gegeben, so „Vlsrcure ^ul-mt", „Lsupe 5 ls ville" und „simopo L lu cour". Seine Tragödien und Romane sind vergessen. Er kam mit Moliere und Boilcau in Streit; mit Ersterm durch eine boshafte Kritik der „Lcole des leinmes" und die Tragödie „Ue Portrait chi peintre", mit Letzter»! durch das Lustspiel „Satire des satires". Jener züchtigte ihn dafür in dem „Impromptu de Versailles", dieser durch Satiren auf ihn und dadurch, daß er die Aufführung des vorerwähnten gegen sich gerichteten Stücks verhinderte. Mit Boileau söhnte er sich in der Folge, nachdem er denselben aus einer großen Geldverlegenheit befreit, völlig aus. Seine „heitres de respect, d'vblixation et d'rnnvur" (Par. 1666), die später unter dem Titel „I^ettres.ü 576 Boussole Bouteselle ^ Labet" erschienen, sind besonders interessant wegen der Briefe der geistreichen Babet, der Geliebten B.'s, die von ihren Altern um dieser Zuneigung willen in ein Kloster gebracht wurde, wo sie sich jung zu Tode härmte. B. siarb zu Montluxon am 15. Sept. 1701. Boussole ist im Allgemeinen gleickbcdeutcnd mit Compaß (s. d.); im engern Sinne versteht man darunter den beim Fcldmessen und Aufnehmen zur Anwendung kommenden, zur Messung von Winkeln dienenden Jngenieurcompaß, der gewöhnlich mit Dioptern oder einem Fernrohre versehen ist. Dieses Instrument ist zwar weder genau und sicher, noch dauerhaft und allgemein anwendbar, aber dennoch da, wo keine große Genauigkeit erheischt wird, seiner leichten Anwendung wegen sehr ;cyatzbar. Der Name desselben kommt vermurh- lich von dem Holland. Worte Bosse, d. i. Büchse, her. > Bouterwek (Friede.), ein verdienter deutscher philosophischer und ästhetischer Schriftsteller, geb. am 15. Apr. 1766 zu Oker, einem Hüttenwerke unweit Goslar, wurde zuerst durch den Unterricht im Carolinum zu Braunschweig, nachdem durch Lesen von Nomanen und andern schöngeistigen Schriften seine Begriffe vielfach verwirrt worden waren, zu ernsterer Beschäftigung und gründlichem Studium angeleitet. Er widmete sich dem Studium der Rechtswissenschaft, wurde jedoch im zweiten Jahre seiner akademischen Laufbahn von demselben abgeleitet durch den nähern Umgang mit einigen Freunden, welche in ihm den Gedanken eines Berufs zur Dichtkunst erregten. Aus der nächstfolgenden Zeit, die er später selbst für eine Periode jugendlicher Verirrung erklärte, stammt die Mehrzahl seiner Gedichte und der Roman „Graf Donamar" (3 Bdc., Eött. 1791—93; 2. Aust., 1798—1806). Bereits 1787 hatte er Göttingen verlassen, aber weder in Hannover noch in Berlin, wohin ihn Gleim s Empfehlungen begleiteten, das Glück gefunden, das er suchte, weshalb er 1789 nach Göttingen zurückkehrte. Hier erwachte in ihm das Gefühl der Unzulänglichkeit seiner bisherigen Bestrebungen und führte ihn auf das Feld der Literaturgeschichte und Philosophie, denen er seit dieser Zeit, wenn auch unter dem Einflüsse wechselnder Grundsätze und mit verschiedenem Erfolge, doch immer mit gleichem Eifer treu blieb. Er ward sehr bald ein eifriger ! Verehrer Kant's, über dessen Philosophie er seit 1791 in Göttingen Vorlesungen hielt. Noch einmal verließ er Göttingen, kehrte aber nach einigen Jahren dahin zurück. Er wurde 1797 außerordentlicher, >802 ordentlicher Professor der Philosophie, 1806 Hofrath und starb am 9. Aug. 1828. Sein philosophisches Streben hatte bei Kant begonnen und fand in Jacob! seinen Abschluß. Seine „Ideen zu einer allgemeinen Apodiktik" (2 Bde., Gött. 1799) wurden später durch sein „Lehrbuch der philosophischen Wissenschaften" (2 Bde., Gött. 1813; 2. Ausl., 1820) und die „Religion der Vernunft" (Gött. 1824) verdrängt, in welchen Schriften er an einen unmittelbaren Glauben verweist, der aber gegen die Zweifel der ^ Reflexion nicht gesichert ist. Hier sowol als in seiner „Ästhetik" (2 Bde., Lpz. 1806) hatte er es mit bedeutenden Gegnern zu thun; und wußte er auch in diesem Kampfe gegen Ideen, die die Zeit bewegten, sich nicht siegreich zu behaupten, so gereicht es ihm mindestens zum Ruhme, trotz aller Verunglimpfungen einer zahlreichen Schule, dem redlichen Weiterforschm nie entsagt zu haben, wie feine spätem Schriften, namentlich die in den Principien umgearbeitete Ausgabe seiner „Ästhetik" (3. Ausl., 2 Bde., Lpz. 1824) beweisen. Ein bleibendes Verdienst erwarb er sich durch die „Geschichte der neuern Poesie und Beredtsamkeit" (>2 Bdc., Gött. 1801 —19), ein Werk, das, obwol in einzelnen Theilen ungleich bearbeitet und in einzelnen Punkten, zumal in den ersten Bänden, einseitig und oberflächlich, dennoch bei der sorgfältigern Bearbeitung der spätem Abtheilungen, sowie überhaupt als reiche Sammlung brauchbarer Notizen und selbstgewonnener Urtheile und Ansichten damals zu dem Besten gehörte, was die deutsche Literatur in dieser Gattung aufzuweisen hat. Seine „Geschichte der span. Poesie und Beredtsamkeit" ward von Jos. Gomez de la Cortina und Nie. Hugelde de Molincdo ins Spanische übersetzt und sehr vermehrt (3 Bde., Madrid 1828). Unter seinen „Kleinen Schriften" (Gött. 1818) findet sich Manches, was seinen größer« systematischen Werken vorzuziehen sein dürfte, namentlich auch ein einleitender Aussatz, in welchem B. mit rührender Offenheit und fast übertriebener Strenge gegen sich selbst von seinem literarischen Streben Rechenschaft gibt. Bouteselle heißt bei der Cavalerie das Morgersignal, zum Wecken (bei der Infanterie die Neveille) und stammt von den Franzosen her, welche dieses Signal zum Auflegen Bouvet Bowditch 57 ? der Sättel geben ließ«». In den deutscbcn Cavalerien hat man aber für das Satteln ein ek- genes Signal eingeführt und das Bouteselle ausschließlich für das Wecken,bestimmt. Bouvet (Joach.), ein gelehrter Jesuit, wurde von Ludwig XIV. nach China gesendet, um dieses Land zu studiren. Er reiste im März 1685 mit fünf andern Missionaren von Brest ab und langte im Juli >687 am Ziel seiner Reise an. Nach Peking berufen, erhielte" sie, mit Ausnahme B.'s und Gerbillon's, die im Gefolge des Kaisers bleiben mußten, die Erlauvniß, sich im ganzen chincs. Reiche zu zerstreuen. Die beiden Genannten erwarben sich sehr bald die Achtung und das Vertrauen des Kaisers, des berühmten Kang-Hi, im hohen Grade. Derselbe übertrug ihnen die Ausführung großartiger Bauten und ließ namentlich von ihnen innerhalb seines Palastes eine Kirche und eine Residenz anlegen, die >702 vollendet wurden. Der Kaiser war mit ihren Leistungen so zufrieden, daß er B. beauftragte, nach seinem Vatcrlande zurückzukehrcn und so viele Missionare anzuwcrbcn, als er nur immer auftrciben könne. B. langte in Frankreich >697 an und überbrachtc dem Könige gegen 50 chines. Werke, die der großen Bibliothek einverleibt wurden. Hierauf schiffte er sich wieder nach China ein, wo er mit zehn neuen Missionaren, unter denen sich der gelehrte Parrenin befand, >699 ankam. Er starb zu Peking am 28. Juni >732, nachdem er 50 Jahre lang auf einem zu fernen Schauplatze im Dienste der Wissenschaft unermüdlich gearbeitet hatte. Man hat von ihm vier verschiedene Reiseberichte und ein „Von prösent >!e la LIlille, en ligm-es Aruveos z»ar 6rilkart" fPar. 1697,Fol ). DieBibliothek desSarthe- departements besitzt, wie cs heißt, noch ungcdrucktc Manuskripte von B-, unter denen namentlich ein wichtiges Lexikon der chines. Sprache erwähnt wird. Bvwdich (Thom. Edward), bekannt durch seine Reifem in Afrika, geb. >793 zu Bristol, der Sohn eines angesehenen Fabrikanten, trat nach Vollendung seiner Studien ^n Oxford in das Geschäft seines Vaters, fand aber diesen Beruf bald seiner Neigung so wenig angemessen, daß er eine andere Laufbahn zu wählen beschloß. Durch den Einfluß eines Verwandten, der in der brit. Niederlassung auf der Goldküste angestcllt war, gelang cs ihm, als Schreiber in die Dienste der Afrikanischen Gesellschaft zu komme», die ihn >816 nach Cap- Coast-Castle sandte, wohin seine junge Frau, eine geschickte Zeichnen», ihm bald folgte. Als man einen Gesandten an den König der Aschanti schicken wollte, erbot sich B. zu dem gefahrvollen Unternehmen, welches er mit Unerschrockenheit und glücklichem Erfolg ausführte. Nach einem zweijährigen Aufenthalt in Afrika kehrte er nach England zurück, um der Gesellschaft seinen Bericht vorzulegen und sich die Mittel zu einer umfassendcrn Erforschungsreise im inner»Afrika zu verschaffen. Die Ergebnisse scinerRcise finden sich in seinem schätzbare» Werke ,Mission ti'om (Üijio-Vosst-Oastle to VsIlk>ntee"(Lond. >8>9, 1.). Gewohnt, seine Überzeugung entschieden auszusprechcn, beleidigte er die Afrikanische Gesellschaft durch freimüthige Darlegung der eingcrisscncn Misbräuche, die später die Auflösung derselben hcrbciführten, und zog sich die Feindschaft eines einflußreichen Mannes zu, der zu dem Ausschüsse der Gesellschaft gehörte. Man verweigerte ihm eine angemessene Belohnung für seine geleisteten Dienste und versagte ihm die Mittel, nach Afrika zu neuer Erforschung zurück- -ukehren. Entschlossen, sich selbst zu verschaffen, was das Vaterland ihm versagte, ging er nach Paris, wo er viel Aufmunterung fand und durch schriftstellerische Thätigkcit sich in den Stand setzte, >822 mit seiner Frau und zwei Kindern zu Havre nach dem Ziele seines Ehrgeizes einzuschiffen. Bald nach seiner Ankunft am Gambiastrom erlag er im Jan. >824 einer Krankheit, die er durch Anstrengungen und Sorgen sich zugczvgcn hatte. Bowditch (Nathanicl), der einzige bedeutende Astronom, den Amerika bis jetzt hcr- vorgcbracht hat, wurde am 26. Nov. >773 zu Salem im Staate Massachusetts geboren und legte schon früh eine große Neigung zur Mathematik an den Tag, in welcher er sich nachher als Autodidakt mit Hülfe von Büchern ausbildcte, ohne je eine Universität zu besuchen. Seine Verhältnisse führten ihn z» praktischer Anwendung der Wissenschaft; er widmete seine Kenntnisse einer Handelsgesellschaft, ging später als Factor auf einem Kauffahrteischiffe nach Indien und wurde nach seiner Rückkehr Präsident einer Versicherungsgesellschaft. Seinem Werke über SchisfahrtSkundc, »meric.an practical Navigator", das mit dem allgemeinsten Beifall ausgenommen wurde, und der trefflichen Übersetzung von La- §onv k Ler. Neunte Allst. II. 37 578 Bowles Bowring place's„IUecsoigne celsste" (2 Bdc., Boston 1829, 4.), die cr mit werthvollen Anmerkun gen versah, verdankte er die Ernennung zum Mitgliede der gelehrten Gesellschaften in Lori don, Edinburg und Dublin, sowie die Berufung zum Professor der Mathematik und Astro. norme an der Universität Cambridge im Staate Massachusetts, die er aber ausfthlug, um in den Vollziehungsrath dieses Staats zu treten. Später übernahm er das Direktorium der Massachusetts-Lebensversicherungsgesellschaft, wurde Vorsteher des Athenäums, Präsident des mechanischen Instituts und Präsident der Akademie der Künste und Wifsenschas- len in Boston und starb am 16. März 1837. Bowles (William Lisle), bekannt als Dichter und 'ein unermüdlicher Vertheidiger der Episkopalkirche, der er als Geistlicher angehört, ist um 1776 in Wiltshire geboren und studirtc in Oxford, wo cr sich zuerst durch ein lat. Gedicht auf die Belagerung von Gibraltar hervorthat. In den glücklichsten Lebensverhältnifsen eines engl. Landgeistlichen verwaltet cr sein Rectorat, dazu eine Magistratsstelle in Wiltshire, auch bewirthschaftet er selbst sein Landgut Bremhill, mit besonderer Vorliebe für den Gartenbau. Als polemischer Schriftsteller hat B. Pope's Ansehen als Dichter angegriffen, damals etwas sehr Gewagtes, und gegen den „Llckinburgch reviavv" und Brougham die Mangelhaftigkeit der ältern engl. Schulcirrrichtungen zu vertheidigcn gesucht; doch mußte er, im letzter« Felde entschieden geschlagen, zurücktreten. Übrigens ist er ein Mann von dem mildesten, liebenswürdigsten Charakter. Diesen verrathcn auch seine Gedichte „8onuets" (1788), „Vorseo on tion-arä'» ckescription on prisons", „6ruve ok Hovvurck", „8nrrovrs nf 8rv!tL<-rIun<1" (I 806) und „l'ko Spirit ok ckircovsr)- l»x ssa", wol das vorzüglichste derselben. Sie sind insgcsammk Schöpfungen eines tugendhaften und edlen Geistes, der wenig von Leidenschaften bewegt, zart aber nie ergriffen schreibt, und launig, aber angestcckt von der Correcthcit eines Gelehrten und, nie fortreißend, noch selbst stürmend, seinen Pfad durch den ruhigen Sonnenschein. im Schritt verfolgt, dessenungeachtet aber die Gefühle des Lesers anzuregen weiß, indem kr ihn von der menschlichen Seite erfaßt. Bowring (John), ein berühmter engl. Radicalreformer, ist zu Ereter in Devonshire am I7.Oct. 1792 geboren. Die Gabe der Sprachen, die ihm in hohem Maße zu Theil geworden, benutzte er auf seinen zahlreichen Reisen, um überall wichtige Bekanntschaften anzuknüpfen und sich der Eigenthümlichkeit der Völker mehr und mehr bewußt zu werden. Namentlich zog ihn die Nationalpocsie vielfach an. Große Verdienste erwarb er sich durch die Sammlung und Übersetzung von ältern und neuern Volksliedern aus fast allen Ländern Europas, wie der „8pscimsi,s vktüe riissiim poets" (2 Bde., Lond. 182 l —23), „llutuvian sntk»- (Lond. 1821), „8pscimen8 ok tbe zrolisb z>oets" (Land. 1827), „8ervisn populär poetr)" (Lond. 1827), „t^besleisn untlloloF)" (Lond. 1832), „l'oelrv ok tbe Uslars" (Lond. 1836) und „^licient pnetrz on<1 rnmuncso ok 8j>a!i>" (Lond. 182-1). Er stand in engem Verhältnisse zu I. Benkham, der ihm die Vollstreckung seines Testaments, sowie die Herausgabe seiner gesammten Schriften, nach Dumont's Tode, übertrug, und theilte im Wesentlichen dessen politische Ansichten. Als Abkömmling der alten Covenanters und bei seiner Übereinstimmung mit dem Glaubensbekenntnisse der Unitarier, erhob cr sich früh in Schrift und Rede gegen die politische Zurücksetzung der Dissenters. Da ein unbegründeter Argwohn in ihm, dem bekannten Radicalreformer, den Emissär fremder Aufwiegler zu entdecken meinte, ward cr auf einer Reise nach Frankreich am 7. Oct. 1822 zu Calais verhaftet und dann zu Boulogne in hartem Gefängniß gehalten, bis er auf Canning's Veranlassung wieder freigegeben werden mußte. Sein Interesse für durchgreifende Reform bcthätigte cr bald darauf durch die Theilnahme und von l 825 an, da er sich von den früher betriebenen Handelsgeschäften zurückgezogen hatte, durch die Redaction des im Geiste der Bentham'schcn Schule seit 182-1 gegründeten „VV«>st,ni„5lee reriew", die er erst kurz nach der Julirevolution niederlegte. Jm J. 1828 besuchte erHolland und erwarb sich durch die im „dlormng Hera!<>" erschienenen und bald darauf ins Holländische übersetzten Briefe von Seite der Universität zu Groningen das juristische Doctordiplom. Im folgenden Jahre sammelte er in Kopenhagen Materialien für eine skandinav. Anthologie. Eine größere Bedeutung aber erhielten seine spätern im Aufträge der Regierung zur Erforschung der Handelsverhältnisse mehrer Staaten unternommenen Reisen. Er ward Mitglied einer gemischten Commission für Be- Boxeu Woyardo 579 gutachtung der kommerziellen Verhältnisse Englands und Frankreichs, und die beiden 1834 und >835 dem Parlament vorgelegten, von ihm und Villiers verfaßten Berichte gelten durch die Fülle genauer Thatsachen als Meisterstücke ihrer Art. In gleichem Geiste suchte er im „Bericht über Handel, Fabriken und Gewerbe der Schweiz" (deutsch, Zür. 1837) dem Prohibitivsystem gegenüber die Vortheile der Handelsfreiheit zu entwickeln. Seine Reisen nach Italien, insbesondere nach Toscana im Z. 1838, dann nach Ägypten und Syrien gaben ihm Materialien für weitere Mittheilungen ans Parlament. Endlich durchreiste er auch die Länder des deutschen Zollverbands. Sein „Bericht über den deutschen Zollverband" (deutsch, Berl. >830) enthält manches Schätzbare, sucht jedoch im sichtlich brit. Interesse die Behauptung zu rechtfertigen, daß der Verein die Fabriken zum Nachtheil des Landbaus befördert habe. Zum Mitglied des Unterhauses gewählt, gab er, ungeachtet seiner besondern Stellung zum Ministerium, mehrfache Beweise seiner Unabhängigkeit, wofür auch seine Erklärung gegen die seit 1830 vom Whigcabinet in der oriental. Frage befolgte Politik als Beleg angeführt werden kann. Boxen heißt eine Art Faustkampf, der zu den Volkseigenthümlichkeiten Englands gehört. Das Boxen besteht in der Fertigkeit, dem Gegner Stöße mit der Faust, besonders auf den Unterleib, beizubringen und dabei zugleich sich selbst zu decken. Es wird kunstgerecht geübt und hat gewisse Regeln und Gebräuche, die allgemein beobachtet werden müssen. So lange z. B. der Eine auf der Erde liegt, darf ihn der Andere nicht schlagen. Wer zuerst den Wunsch ausspricht, aushören zu wollen, ist der Überwundene. Wie das Boxen in England eine allgemeine Sitte ist, so gibt esauch Boxer, die aus ihrer Fertigkeit ein Gewerbe machen und für Bezahlung nicht nur die Fehden Anderer ausfechten, sondern auch zur Schaustellung untereinander sich bekämpfen. Vgl. Pierce Egan, „Hoxmna, or slletcbes vkuucient »ncl modern pttjsilism" (3 Bde., Lond. 1823, mit Kupf.). Boyardo (Matteo Maria), Graf von Scandiano, der berühmte Nachfolger Ariosto's in eigcnthümlicher Behandlung derRolandssage, ein echter Dichter, dessen Ruhm die neueste Zeit aus mancher Verdunkelung wiederhergestellt hat, stammte aus einem cdeln Hause, dessen Mitglieder in langer Reihe fast alle den Markgrafen von Este ergeben und dienstbar waren. Sein Großvater, Feltrino Il./erhielt für die dem Markgrafen abgetretene Besitzung Nubiera unter andern Lehen die kleine am Fuß der Apennincn in der Nähe von Reggio gelegene Herrschaft Scandiano. Hier wahrscheinlich wurde B. 1333 geboren. Nachdem er in Ferrara die classischen Sprachen studirt hatte, trat er 1381 in den Hofdienst. Er erhielt zunächst dm Titel eines geheimen Kämmerers und verschiedene ehrenvolle Aufträge, ward 1378 Statthalter von Reggio und 1381 Gouverneur von Modena, trat aber 1387 wieder in seine frühere Stellung zu Reggio, die er bis an seinen Tod, am 21. Dec. 1393, beibehielt. Er war einer der liebenswürdigsten Menschen, voll Herzensgüte und Wohlwollen, ein Vater seiner Unterthanen, ein milder Richter und abgesagter Feind der damaligen barbarischen Crimi- ualjusriz. Seine Wohlthaten und seine Leidenschaft für einheimische Alterthümer, die erden Entdeckern reichlich bezahlte, riefen das Volkswort hervor: „Gott sende Dir die Boyardi ins Haus!" Durch die Staatsgeschäfte ließ er sich nie den Musen entfremden und kehrte nach jeder Unterbrechung, welche das Schicksal seines Vaterlandes herbeiführte, immer wieder zu seinen poetischen Arbeiten zurück. Seine lyrischen Gedichte, welche Muster von Zartheit und Anmuth ßnd, wurden, da sie in den ersten Ausgaben, deren keine vor dem Tode des Dichters erschien, äußerst selten geworden waren, erst von Venturi in den „koesie <1i 6. scelte et illnstinte" (Modena 1828) gesammelt. Diese Sammlung, in welcher die veraltetenWortformcn durch jetzt übliche ersetzt sind, aber nicht ohne dieses jedesmal anzumerken, enthält in der ersten Abtheilung Sonette und Canzonen (von etwa 180 aber nur 53), die von natürlicher Empfindung und rührendem Ausdruck sind, voll reicher, neuerBilder und Wendungen, denen des Petrarca als singbare Lieder verwandt, aber ohne Nachahmung dieses Musters; in der zweiten ital. Eklo- gen, in der dritten ein bukolisches Gedicht in zehn lat. Eklogen, in der vierten das Schauspiel,,'17,„<>,»" u.s.w., in der fünften endlich den „Orlnnäo innnmornto". Auch als Übersetzer u>ar B. sehr thätig; unter Anderm erschien von ihm eine Übertragung des Herodot. Sein berühmtestes Werk ist der „Orlnuclo iimnmorsto", welchen er, wie cs scheint, 1372 begann, U82 abbrach, 1383 wieder aufnahm und bis zu dem franz. Einfall im I. 1194 kurz votz 37 * D . ^ > 58V Boyaux Boyeldien seinem Tode fortsctztc. Zu diesem Werke zweier Deccnnien, das im Ganzen aus 68 Gesängen besteht, entnahm B. den durch die Volkssänger beliebt gewordenen Stoff aus der Karlssage, den schon vor ihm andere Dichter, aber in roherer Weise behandelt hatten, z.B. Durante da Qualdo in der „I^eanclru", auch noch Pulci in „Norg-mte muggiore". B.'s Erfindung ist es, die Ariosto später fortgesetzt hat, den Noland verliebt vorzuführcn. Sie- benzchn Auflagen, die in den ersten 5Ü Jahren erschienen, zeugen von dem Bcifallc, den dieses Epos fand. Später verdrängte Berni' s (s. d.) Bearbeitung das Original. Neuerdings erst gab dasselbe A. Wagner im „kurm^so itslisno" (Lpz. 1833) heraus. Deutsche Übersetzungen des „OrlsnUn innamorut»" lieferte Gries (3 Bde., Stuttg. 1835 — 37) und Negis (Berl. 1830); in dem der letzter» bcigesügtcn Glossar findet sich eine sehr gute Zusammenstellung aller erfodcrlichen Notizen über B.'s Leben und Werke und deren Ausgaben und Bearbeitungen. Boyaux oder Z i ck z a ck s heißen die kurzen Schläge der Laufgräben. (S. B e l a g er u n g.) Boydell (John), ein Mann, der durch seine großen Unternehmungen einen Einfluß aufdie Fortschritte der Künste in England geübt hat, war zuDorrington am lO.Jan. >730 geboren. Früher Kupferstecher, wurde er später Sammler und Kupferstichhändler. Sein Kunstmuseum in Cheapside war eine der größten Zierden Londons. Er starb als Lordmayor von London am II.Dcc. 1803. Seine wichtigste Unternehmung war die „Simle,»,,«»« greller)-", für welche die bedeutendsten Zeichner und Kupferstecher arbeiteten, die ihn auch zu einem der reichsten Kunsthändler Europas machte. Unter seinen andern Sammlungen von Kupferstichen zeichnet sich die „Uougliton guller)" aus, deren Originale die Kaiserin Katharina kaufte. Auch verdankt man ihm das „lKier veritutis" (2 Bde., Land. >777, Fol.), ein Facsimile des kostbaren Werks, in welchem Claude Lorrain Zeichnungen von allen seinen Gemälden nicderlcgte, und dessen Original der Herzog von Dcvonshire besitzt. Von seiner „(HIectil»l <>1' ;>r!nts, angruvoU ul'ter tbe inost eupitnl jmiiitiiigs in lHiiglinnI" (l ll Bde-, Lond. 1772 fg.) sind die beiden ersten Bände ausgezeichnet. Einen Katalog seines reichhaltigen Lagers ließ er 1779 erscheinen. Boye (Johannes Kaspar), dän. Dichter, gcb. zu Kongsbcrg in Norwegen 1791, ward 1818 Lehrer am Jonstrup'schcn Schullehrcrscminar und schrieb hier eine Reihe dramatischer Arbeiten, z. V. „Elisa", „Konradin", „Inka", „Floribclla", „Svcnd Grathc", „Kong Sigurd", „Will. Shakspcare", „Erike" und „Hugo og Adelheid", die zum Thcil sehr beifällig ausgenommen und auf die Bühne gebracht wurden. Im I. 182«, trat er in ein geistliches Amt zuSüllcröd ein, von wo er 1835 nach Hclsingör befördert wurde. I» seinen geistlichen Gedichten und Liedern (1833) zeigte er ein bedeutendes Talent für diese Gattung, während seine Umarbeitung früherer Psalmen an den gewöhnlichen Gebrechen leidet, die mit diesem Unternehmen verbunden sind. — Ein anderer dän. Gelehrter, Johannes B-, geb. >75», lange Zeit Rector der Gclehrtenschulc zu Fricdcricia in Jütland, gest. zu Kopenhagen > 83», machte sich, wie durch viele andere Schriften, so insbesondere durch eine Darstellung und Widerlegung des Systems der kritischen Philosophie von Kant und das Werk „Statcns Ven" (3 Bde., Kopcnh. 1793—1813) bekannt, das großes Aufsehen erregte, ihm aber auch viele Gegner zuzog. Boycldieu (Adrien Franc.), einer der beliebtesten sranz. Opcrncomponisten, geb. am >6. Dcc. 1775 zu Rouen, erhielt den ersten Unterricht bei dem Organisten Brochc, an da sigcr Kathedrale, der sich jedoch wenig von seinem Schüler zu versprechen schien. Dieser aber suchte sich durch das Studium theoretischer Werke selbst zu helfen und componirtc sehr bald eine Oper, mit deren Partitur er, wenige Francs in der Tasche, nach Paris wandcrte. Freilich mußte er hier anfangs durch ziemlich mechanische Arbeiten seinen Unterhalt erwerben. Bald indeß erregte er als Clavicrspielcr sowie durch die Composition mchrcr anmuthiger Roman zen die Aufmerksamkeit des Publicums und der Kunstheroen. Schon im I. > 800 ward er Professor an dem Conservatorium, wo er namentlich mit Cherubim ein inniges Freund- schastsverhältniß schloß, das für ihn von entschiedenem Einfluß war. Eine Umarbeitung einer frühem Oper „Ilenjoevsk)", die jetzt als „<7ulilc: «Io llu^clucl" in Scene ging, siel, sowie eine zweite Oper „lU-r tunte ^nrnre" so glücklich aus, daß sein Ruhm für immer gegründet war. AufHimmel's Veranlassung ginger 1803 nach Petersburg, wo er mehre Boym 581 Ppern schrieb, die mehr oder minder Beifall fanden, jedoch über den nächsten Kreis ihrer Bestimmung nicht hinausdcangen, etwa „I.es voitures versees" ausgenommen, die später umgearbeitet in Paris zur Aufführung kam. Aus dieser Zeit sind überhaupt nur einige mili- tairische Musikstücke und die Chöre zu Racine's „Athalia" von Bedeutung. Obschon er sehr bald zum kaiserlichen Hofkapcllmeistcr ernannt wurde, so sah er sich doch-dcs strengen Klimas wegen, das seiner Gesundheit nicht zusagen wollte und namentlich auf seine Augen sehr nachthcilig wirkte, genöthigt, seine Stellung wieder aufzngcbcn und nach Paris zurückzu- kchren. Hier nun trat er >812 mit „3e-n, 813 mit „lh,e nouveau seigneur ,lu villa^e" hervor, von denen namentlich die erstcre Oper einen so entschiedenen und nachhaltigen Erfolg hatte, daß sic zum stehenden Opcrnrepertoire wol aller nicht ganz nnbcdeu- 1 lendcr Bühnen sich zählen darf. Gleichwol wollte es ihm lange Zeit nicht gelingen, sich ci-ne günstige Lebensstellung zu sichern, und schon hatte cs das Ansehen, als habe der Unmuth alle Kraft B.'s gelähmt, als er an Mehul's Stelle die Direktion des Conservatoriums erhielt. Die Opern „I.e cliuporon rou^e", I.U lliime blanolu'.", „I>(UX nuits" waren Zeugen seiner noch frische» Erfindungskraft. Seit 182» hatte ihn eine Krankheit ersaßt, deren Opfer er nach mancherlei Wechsel wurde. Er starb auf seinem LandhauscJarey bei Paris am ».Oct. >83-1. Sein Herz wurde in seiner Vaterstadt bcigcsetzt und ihm daselbst ein Denkmal errichtet. Botzen (Hcrm. von), preuß. Kricgsministcr, ein ausgezeichneter echt populaircr Mann, stammt aus einer altadcligcn Familie und ist in der Mitte des I. >771 zu Kreutz bnrg in Ostpreußen geboren. Sein Vater starb als preuß. Obristlieutcnant. Nachdem er im ältcrlichcn Hause seine erste Erziehung erhalten hatte, trat er am 7. Apr. >781 als Gefreiter Corporal in das Infanterieregiment Anhalt und stieg auf den verschiedenen Stufen des Dienstes 17»» bis zumStabscapitain. In diese Zeit sielen für ihn die wichtigsten gcisti gen Bewegungen, die für seine ganze Zukunft von dem bedeutendsten Erfolge waren, einmal durch das Studium der Werke Fricdrich's 11. und die Nähe des großen Kant in Königsberg, dann durch den Krieg in Polen von > 7» I, wo V. bis in die Mitte des I. >7»«, als Adjutant des commandircndcn Generals von Günther den belehrenden Umgang desselben in einem solchen Maße genoß, daß er sich mit Recht als dessen militairischer Schüler betrachte» konnte und die größte Befugniß halte, später „Erinnerungen aus dem Leben Günthcr's"(Bcrl. > 83 >) zu schreiben. Als Stabscapitai» verfaßte er >7»» seinen Auffaß über die militairische» Ersetze, die erste Grundlegung ,zur humaner» Behandlung der gemeinen Soldaten, neun Jahre früher als Scharnhorst und Gneiscnau, und als der Krieg Preußens mit Frankreich drohte, gewann eine von ihm auf höhere Veranlassung cingcrcichtc Schrift über den zu erwartenden Krieg die Aufmerksamkeit des Königs so sehr, daß er beim Auömarsch gegen die Franzosen als Offizier -> In --»itc den König in daS Feld begleitete. In der Schlacht bei Ancrstädt am Fuße verwundet, fand er in der von Stein'schcn Familie zu Äcimar die gastlichste Pflege und Herstellung, sodafi er wieder nach Preußen zur Armee des Königs gelangen konnte, wo er zum wirklichen Capitain in der Armee avancirte, im Jan. > 808 dem Gcncralstabc attachirt und schon am 31. Jan. desselben Jahres zum Major befördert ward. Bereits vor dieser Er ucnnung und gleich nach dem tilsitcr Frieden war B. von Scharnhorst zu den Arbeiten der § militairischcn Rcorganisationscvlinmssion gezogen worden und bestand den schweren Kampf mit den Verfechtern des abgelebten Alten. Im I. >81» erhielt er als Dircctor der ersten ^ Dwision im Kriegsdepartement den Vortrag in Militairangclcgcnhcitcn bei dem Könige und ! trennte sich mit Schmer; von dieser segensreichen Thätigkeit, als >812 daS Bündniß mit I Frankreich zu Stande kam, er aber nicht unter Napoleon dienen wollte. Als Oberst am > >. März > 812 entlassen, ging er nach Rußland. Aber kaum nach einem Jahre fand er sich in Breslau beim Könige wieder ein und sah in patriotischer Begeisterung Das sich vcrwirkli- l chen, was er seit sechs Jahren weislich vorbereitet hatte. Er ward Oberst im Gcncralstabc, ^ dann Chef des GencralstabS im dritten Armcccorps und wohnte nun allen Schlachten bei Luckau, Großbeeren, Denncwiß, Leipzig, zur Befreiung Hollands, bei Laon und Paris bei, nachdem er schon am Ende des Jahres Generalmajor geworden. Nach dem Frieden von Paris trat er als Geh. Staats- und Kricgsministcr an die Spitze der Militairangclcgcnhcitcn in ^ Preußen und eine Reihe organischer Gesetze, unter denen wir nur das Gesetz vom 3. Scpt. 18 > 1 über die allgemeine Verpflichtung zum Kriegsdienste erwähne», bezcichnete seine praktische 582 Boyer (Alexis, Baron de) Boyer (Jean Pierre) Weisheit zum Wohl des stehenden Heers und der Landwehr, deren Vater und Beschützer er war. Zum Dank dafür beförderte ihn der König 1818 znm Generallieutenant. Äls aber 1819 eine Principienfragc über das Wesen der Landwehr schwebte, brachte B. als Mitstister derselben sich ihr zum Opfer, indem er seine Dimission aus dem königlichen Dienste nach- suchtc, und dadurch bewirkte, was sein Bleiben nicht vermocht hätte. Am Weihnachtstage 1819 erhielt er den Abschied mit Pension und zog sich nun in die Ruhe des Privatlebens zurück, wo er 21 Jahre lang der Gegenstand der allgemeinsten Verehrung und ein Mittelpunkt patriotischer Gedanken blieb. Geschichte und Poesie erheiterten und beschäftigten ihn; hiervon zeugen die „Beiträge zur Kcnntniß des Generals von Scharnhorst" (Berl. 1833) und die Gegenschrift gegen Haugwitz's Memoiren in der „Minerva" (Oct. 1837), beides sehr interessante Schriften, und der zum 3. Fcbr. 1838 gedichtete Gesang „Der Preußen Losung", der zum Nationalliede geworden ist. König Friedrich Wilhelm IV. berief sogleich nach seiner Thronbesteigung 1819 B. wieder in den Staatsrath, gab ihn als den „Gründer der Landwehr" noch vor der Huldigung dem activen Kriegsdienste zurück und erhob ihn zum General der Infanterie. Am I. März > 811 ward B. Geh. Staats- undKricgsnüni- stcr und seinem frühern Patente nach Chef des Staatsministeriums, auch 1812 Inhaber des ersten Infanterieregiments, desselben, in welchem er 1781 seine ersten Dienstjahre gcthan hatte. Als Minister hat B. die Lebendigkeit und Geistesfrische, welche das Ergebnis der Körperübung und Studien sind, bereits durch eine Anzahl wichtiger Einrichtungen bewährt. Seine Thätigkeit ist jugendlich energisch und rastlos, große Reisen an die östlichen und westlichen Grenzen des Staats haben ihm überall eigene Anschauungen und die zweckdienlichsten Mittel an die Hand gegeben. Endlich ist B. auch recht eigentlich ein Mann des Volks und vom Volke geliebt; das Ehrenbürgerrecht, welches ihm der Magistrat von Berlin im Jan. 1813 überreichte, war ein aufricktiges Bekenntniß ungeschminkter Hochachtung und Verehrung. Boyer (Alexis, Baron de), einer der ausgezeichnetsten Chirurgen Europas, geb. am 39. März 1757, nach Andern aber 1760, zu Uzerche in Limousin, von armen Altern, arbeitete erst einige Jahre bei einem Notar, ehe er sich der Chirurgie zuwendete, der er sich seit 1779 unter der Leitung des berühmten Default widmete, den er bei seinen anatomischen Arbeiten unterstützte. Im I. >787 wurde er Wundarzt an der Charite, dann Professor der Chirurgie und später der Klinik an der blcole de «ante. Seit 1891 erster Wundarzt des Kaisers, der ihn auch haronisirte, begleitete er denselben aus seinen Reisen. Nach der Restauration wurde er Professor der praktischen Chirurgie an der Universität zu Paris und erster Wundarzt an der Charite, 1823 consultircnder Wundarzt des Königs und 1825 Mitglied des Instituts. Er starb am 25. Nov. 1833. Seine vorzüglichsten Werke sind der „UVsdte complst d'ima- tonne" (1 Bde., Par. 1797—99 und öfter) und „Trsitc des nndudies ckirurAicsIes et des «perutions 792Militairdienste nahm. Er wurde sehr bald Bataillonschef in der Gleichheitslegion und focht bei der Invasion der Engländer auf S.- Domingo gegen dieselben. Nach der Einnahme von Porl-au-Prince folgte er den stanz. Com- missaren Santhonax und Poverel nach Jacmcl, schloß sich dem Mulattenhaupte, General Ri- gaud, an und nahm an allen glänzenden Unternehmungen desselben gegen die Engländer rühm» Bohle 583 lichen Antheil. Als die Schwarzen unter Toussaint-l'Ouverture gegen die Farbigen und Weißen zugleich austraten, focht er nochmals unter Rigaud und mußte nach der Niederlage der Far- Ligen mit demselben zugleich die Insel verlassen und in Frankreich Zuflucht suchen. Von hier kehrte er 1802 mit der Expedition des Generals Leclerc in sein Vaterland zurück, kämpfte anfänglich gegen die Jnsurrection der Schwarzen, sah aber sehr bald ein, daß man nicht allein auf die Unterdrückung der Neger, sondern auch der Farbigen ausging. Während Rigaud nach Frankreich zurückkchrte, trat deshalb B. in die große Verbindung, die den Zweck der Vereinigung beider Racen und einer vollständigen Befreiung der Colonie hatte. Mit Pethion trat er nach der Thronbesteigung des Negers Dessalines an die Spitze der Farbigen; Beide halfen mit Christoph 1806 den blutigen Tyrannen stürzen, verließen aber dessen Sache, als sie sahen, daß dieser sich selbst zum Herrscher machen wollte. Pethion stiftete jetzt im westlichen Theilc der Insel eine unabhängige Republik, und B. machte sich ihm dabei durch sein Talent und seine militairischen wie administrativen Kenntnisse unentbehrlich, sodaß er von dem neuen Präsidenten mit der Cvmmandantur der Hauptstadt Port-au-Prince und der Würde eines Generalmajors der Armee bekleidet wurde. Er suchte als solcher seine Truppen europäisch zu discipliniren, schlug mehr als einmal die rohen schwarzen Horden Christoph's zurück, rettete Port-au-Prince dadurch vor dem drohenden Untergange und wurde wol mit Recht vom sterbenden Pethion am 29. März l8I8 dem Volke als sein würdigster Nachfolger empfohlen. B. ward hieraufauch einmüthig zum Präsidenten der Republik erwählt. Er ordnete das Finanzwesen derselben, sammelte einen Schatz, verbesserte die Verwaltungen und ermunterte Künste und Wissenschaften. Er vereinigte nach dem Tode Christoph's 1820 den monarchischen Theil der Insel mit der Republik, 1821 das östliche, unter span. Herrschaft gebliebene Gebiet und betrieb die Unabhängigkeitserklärung des jungen Staats von Seiten Frankreichs, die auch 1825 um den Preis von I I>0 Mill. Francs Entschädigung erfolgte. B. verwaltete von nun an die Republik mehr als 15 Jahre im tiefsten Frieden, zog sich aber durch seine Politik, die ziemlich eigenmächtig und auf die Unterdrückung der Schwarzen zu Gunsten seiner Race, der Farbigen, gerichtet gewesen zu sein scheint, viele verborgene und heftige Feinde zu. Diese Feindschaft trat endlich zu Anfänge von 1843 in der Opposition der zweiten Kammer hervor, und B. sah sich veranlaßt, den heftigsten Redner gegen seine Verwaltung, den Vertreter der Provinz Aux-Cayes, Namens Dumeille, mit Gewalt aus- treiben zu lassen. Durch Wiedererwählung kehrte Dumeille triumphirend zurück, worauf B. die Autorität der Kammer fast auf Nichts zu rcduciren wußte. Zu Dumeille's Anhängern gehörte auch Riviere-Herard, der Oberbefehlshaber der Artillerie; dieser zog die Truppen an sich, nahm Aux-Cayes mit Gewalt, wendete sich in der Mitte März 1843 gegen den Sitz der Negierung, und die Einwohner von Port-au-Prince thaten nichts für ihren Präsidenten. B. erkannte auch bald die Nutzlosigkeit jeder Anstrengung, flüchtete am 13. März mit ungefähr 30 seiner Anhänger auf ein engl. Kriegsschiff, das ihn nach Jamaica brachte, und übersandte dem permanenten Ausschüsse des Senats eine Adresse, in welcher er seine Verdienste um die Republik aufzählte, sein Amt nicderlegte und sich zu einem freiwilligen Ostracismus verur- theilte. Aus der Proclamation der provisorischen Regierung ist zu ersehen, daß er das Opfer seiner aristokratischen Politik wurde, die sich jedoch, nachdem sie die Oberhand gewonnen, gegen die besiegte Partei sehr mäßig benahm. (S. Haiti.) B. gilt für den eigentlichsten Repräsentanten der Mulattennatur; er ist listig und verschlagen, dabei beharrlich und von zuvorkommenden Sitten, gegen Untergebene grausam. Bohle (Robert), ein berühmter brit. Naturforscher mit theosophischer Tendenz, war in Irland 1626 geboren, der siebente Sohn des Grafen Richard von Cork. Seine Studien machte er vorzüglich in Genf unter der Leitung eines Franzosen. Nach dem Tode seines Vaters zum Besitz eines beträchtlichen Vermögens gelangt, beschäftigte er sich zuerst aus seinem Landgute, dann in Londossmit Physik und Chemie. Wie Baco hieft er den Weg der Erfahrung für den einzig zuverlässigen, um die Wahrheit zu finden, und unausgesetzt stellte er neue Versuche an. Er verbesserte Gucrickc's Luftpumpe und machte mit Hülfe derselben mehre wichtige Entdeckungen; auch verdankt man ihm die erste genaue Kenntniß von der Einsaugung der Luft bei den Verkalkungen und Verbrennungen und von der Zunahme des Gewichts der Mctallopyde; überhaupt war er der Erste, der die chemische Beschaffenheit der U 584 Boyneburg Braackc Lust in den Bereich seiner Forschungen zog und so der Vorläufer eines Mayow, Hales, Ca« vendish und Priestley. Dabei besaß er eine lebhafte, bewegliche, zu überspannten Ideen sich hinneigcnde Phantasie. Der Einfluß der Lccture des „Aniadis von Gallien" ans früher Jugend blieb selbst in seinem wissenschaftlichen Wirken sichtbar. Seine natürliche Schwer- muth ward durch mehre Ereignisse vermehrt. So machten der Anblick der Karthause zu Grenoble, die Wildheit der Gegend und das einsiedlerische Leben der Mönche einen tiefen Eindruck auf ihn. Der Teufel, wie er behauptete, hatte ihm Zweifel gegen einige Hauptlehren der Religion cingcflößt, und dieser Zustand war ihm so unerträglich, daß nur die Furcht vor dcrHöllc ihn am Selbstmord hinderte. Um sich im Glauben zu stärken, las er die heilige» Schriften in den Ursprachen, und seine dadurch gewonnene Überzeugung legte er theils in theologischen Schriften, theils in wohlthätigcn Handlungen zu Tage. Er stiftete öffentliche Lehrvorträge zur Erhärtung der Lehrsätze der christlichen Religion, welcher Stiftung man die schönen Reden Sam. Clarke's über das Dasein Gottes verdankt; auch beförderte er die Missivnsanstalten in Indien und ließ die Bibel auf seine Kosten ins Irische, und Galischc übersetzen und drucken. Mit seinen befestigten religiösen Grundsätzen verband er die reinste» Sitten, eine seltene Bescheidenheit, Wohlthätigkcit und Uncigcnnützigkcit. Er starb zu London 1691 und ward in der Westminstcrabtci begraben. Seine gesammelten Werke gab zuerst Birch heraus (5 Bde., Lond. 1744, Fol.). Boyneburg, ein ftcihcrrliches, indem einen Zweige gräfliches Geschlecht, welches man von einem Brudcrssohne des Grafen Siegfried von Bomeneburg zu Nordhcim, gest. I 141, ablcitct, der das Schloß Boyneburg unweit Eschwcgc von Kaiser und Reich zu Lehen trug, welches seine Nachkommen 1460 als ein Hess. Neichsaftcrlchn annahmcn und noch besitzen. Im 13. Jahrh. thcilte sich dieses Geschlecht in die weiße und schwarze Fahne, die sich spater in sehr viele Linien trennten, die in Hessen, Sachsen, Franken, Baicrn, Schwaben, am Rhein, Westfalen und in den Niederlanden reich begütert waren. — Ludwig vonB. von der schwarzen Fahne, gest. >536, der Stammvater des noch jetzt in vielen Linien blühenden Hauses, war Landhofmeister in Hessen und Vormundschaftsregent während der Minderjährigkeit des Landgrafen Philipp des Großmüthigen. — Einer seiner Söhne, Gcorg von B., gest. 1561, stand als Hess. Gesandter bei Karl V. in großem Ansehen und machte später zwei Reisen in das gelobte Land. — Sigismund von B. von der weißen Fahne, gest. I486, war Geh. Rath Philipp des Großmüthigen und während dessen Gefangenschaft Statthalter von Niederhesscn. — Konrad von B., auch der kleine Hesse genannt, gest. 1567, der Stifter der 1816 erloschenen Linie, die sich Bömmelb erg nannte, machte sich einen berühmten Namen durch die Eroberung Noms im I. 1527. — Ioh. Christi an von B. von der schwarzen Fahne, gest. 1672, war in seinem 23. Jahre Hess. Geh. Rath, dann Gesandter bei der Königin Christine von Schweden, später Geh. Rath und Kämmerer der Kurfürsten von Mainz und von der Pfalz. Er ward zu allen diplomatischen Verhandlungen damaliger Zeit zugczogcn und stand mit allen berühmten Männern seiner Zeit in Verbindung. Sein Briefwechsel mit Prüschenk wurde von Struvc 1766, der mit Dicdcrich von Meclsührer 1763 und der mit Conring von Gruber 1745 (2 Bde.) herausgegebcn. Bei ihm bekleidete Lcibnitz bis zu dessen Tode die Stelle eines Privatsecretairs. — Sein einziger Sohn Phil. Wilh. G raf zu B-, gest. 1716, der den Domcapiteln zu Mainz, Trier, Spcier und Würzburg an- gchörte und zu Gunsten söjnes Verwandten, des Grafen Franz Lothar von Schönborn, bei der Wahl aus den kurfürstlichen Stuhl verzichtete, erlangte später vom Kaiser die Erneuerung der alten reichsgräflichcn Würde seines Geschlechts.— Karl von B., gest. <738, Hess. Generallieukcnant, nahm in dex Schlacht von Hochstädt am 14. Aug. >764 den franz. Marschall von Tallard gefangen, wofür er von der Königin Anna von England aus der Hand Marlborough's einen goldenen, mit Edelsteinen geschmückten Degen erhielt. — Die im Fürfienthum Korvei begüterte Linie Bömmelbukg wurde durch den Bruder des Fürstabts Hermann von Korvei, gest. 1504, gestiftet, der ihm die Besitzungen des ausgcstor- benen Geschlechts von Boffescn ertheilte. Boz, s. Dickcns (Charles). Braacke nennt man eine durch Überschwemmung nach einem Deichdurchbruche, gemeiniglich nahe hinter dem Durchbruche entstandene große Vertiefung, Braackdeich den Brabtliisoilue Braban» 585 bon Fluten durchbrochenen Deich und Braackmann den Eigcnthümcr des Landes, in welchem die Braacke eingerissen ist. Brabansvnne heißt der patriotische Gesang der Belgier, der während der Revolution im Sept. 1830 aufkam und unter dessen Anstimmung sich die Insurgenten begeisterten. Ein junger franz. Schauspieler, Namens Jcnncval, zur Zeit der Insurrektion Mitglied des Theaters zu Brüssel, war der Verfasser des Liedes; componirt wurde es von dem Sänger Campenhout. Jcnncval fiel in einem Gefechte mit de» Holländern bei Berchem; seiner Mutter wurde von Belgien eine Pension von 2 300 Francs bewilligt; Campenhout erhielt vom Könige Leopold eine goldene Dose und wurde zum Director der königlichen Kapelle ernannt. Zeder Vers der Brabanconnc endigt sich mit dem Refrain „I.u mitraills a Krise I'crnn^e — l 8ur I'arkre . mit Lothringen vereint und nach dessen Theilung im I. 870 zu Frankreich geschlagen, von welchem es aber zu Ende des I o. Jahrh. wieder an Ost-Lothringen und somit an Deutschland siel. Mit dem Beginn des II. Jahrh. wurde cs von Lothringen getrennt, als der Herzog Otto im 1.1 005 kinderlos verstarb. Nachdem cs hierauf mehre Grafen von den Ardennen bis zum I. l 076 und Gottfried von Bouillon bis 1 087 besessen, verlieh es Kaiser Heinrich IV. an Gottfried aus dem Geschlcchtc der Grasen von Löwen, deren Dynastie bis zur Mitte des > 3. Jahrh. daselbst herrschte. Schon 1186 erhielt GrafHcinrich I. von Friedrich Barbarossa den Hcrzogstitcl. Unter eigenen Herzogen gewann das Land schnell an Macht und Selbständigkeit; doch war cs vielfach in Fehde mit den Nachbarn und sehr schwankend in dem Hinneigcn zu Deutschland und zu Frankreich. Von den sechs Hcr- jvaen von B., Heinrich I., II., III. und Johann >., II., III., sind besonders merkwürdig Johann I I., der Limburg mit B. vereinigte, und Johann II I., der 1339 von Kaiser Karl I V. § unter dem Namen der Brabantcr goldenen Bulle das wichtige Privilegium freien Gcrichts- ° slands erhielt, zufolge dessen sich seine Untcrthancn vor keinem auswärtigen Gerichtshof 586 Brache zu stellen brauchten. Mit Johann III. erlosch 1355 der gräflich Löwen'sche Mannsstomm und durch das Vermächtnis seiner bis > 306 regierenden und mit Wenzel von Luxemburg vermählten Tochter Johanna kam B. an das burgund. Haus und zwar zunächst an deren Großneffen Anton von Burgund. Als dieser in der Schlacht von Azineourt > 3 > 5 gefallen und seine beiden Nachfolger, sein Sohn Johann IV. 1322 und dessen Bruder Philip» um 1330 kinderlos gestorben waren, wurde das Land als Erbtheil Philipp des Guten förmlich dem burgund. Reiche einverleibt. Bei diesem blieb es jedoch nicht lange, indem es durch die Verheirathung der Marie von Burgund mit Kaiser Maximilian an das Haus Ostreich kam, somit auch auf Karl V. überging und von diesem seinem Sohne Philip» II von Spanien übergeben wurde. Gegen das Religionsedict des Letztem und Alba's Grausamkeiten empörte sich V. bald; aber nur der nördliche Theil (Herzogenbusch) erkämpfte seine Freiheit und wurde 1638 unter dem Namen der Generalitätslandc der nie- dcrländ Union eingcrciht, wie sich in der Folge auch Antwerpen und Mccheln losrissen, währeno Südbrabant bis 1713 der span.-östr. Linie verblieb. Beim Aussterben dieser Linie kam B. mit den übrigen südlichen Provinzen der Niederlande an das deutsch-östr. Kaiserhaus zurück. Doch auch dieses konnte sich nicht lange eines ruhigen Besitzes freuen. Als unter der Regierung Kaiser Joseph's II. ein heftiger Streit über die Auslegung der provinziellen Rechte, welche B. in der entree (s. d.) besaß, entspann, in Folge dessen die Stände von B. und Limburg aufgehoben wurden, versammelten sich die Brabantcr eigenmächtig und sprachen kühn die Trennung B.s von der Landeshoheit des Hauses Ostreich aus. Den Streit schlichtete nach Joseph's II. Tode Leopold II. dadurch, daß er den Brabantern die alten Vorrechte zugestand. Wie schon 1736 das östr. B. durch die Franzosen erobert, im Frieden zu Aachen von 1738 aber zurückgegeben worden war, so ward es von ihnen >793 von neuem erobert und im Frieden zu Campo-Formio 1797 mit Frankreich vereinigt. Das nördliche östr. B. wurde nun Ddpsrtement des deux idietkes, das südliche Departement de D)de genannt. Als Napoleon 1810 auch das holländ. B. mit dem franz. Reiche vereinigte, ward aus demselben nebst einem Theile von Geldern das Departement des bouckes du Kinn gebildet. In Folge des pariser Friedens von 1813 und der Beschlüsse des wiener Congreffes wurde B. ein Haupttheil des Königreichs der Niederlande und bildete die drei Provinzen Nordbrabant, Antwerpen und Südbrabant. Die letztere mit der Hauptstadt B.s, Brüssel, war > 830 der Herd des belg. Aufstandes und wurde in Folge desselben, reich an Erinnerungen vielfachen Herrschaftswechsels und blutiger Schlachten, das Stammland des neuen Königreichs Belgien (s. d.), während Nerdbrabant Holland verblieb. Brüche heißt ein Stück Land, das einige Jahre hintereinander Früchte getragen hak und nun ein Jahr unbestellt (brach) liegen bleibt, um während des Sommers mehrmals bearbeitet (gebracht) und für eine neue Herbstsaat vorbereitet zu werden. Hauptzweck der Brache ist Lockerung und Reinigung des Bodens von Unkraut, Anschwängcrung der Ackerkrume mit den in der Atmosphäre enthaltenen, düngenden Theilcn und Bereicherung des Bodens durch die Fäulniß der freiwillig hervorgesprvßtcn und dann untergepflügtcn Gewächse; Nebenzweck ist, dem Vieh eine dürftige Weide zu geben. Man macht daher auch einen Unterschied zwischen ganzer und halber odcrHegebrache. Bei jener wird der Hauptzweck fast allein im Auge behalten, bei dieser dem Nebenzwecke oft eine zu große Rücksicht geschenkt, indem man sie erst spät im Sommer umbricht. Man hielt ehedem die Brache für unentbehrlich zum Fruchtbau, nach neuern Erfahrungen wird sie durch sorgfältige Bearbeitung, zweckmäßige Fruchtfolgc und hinreichende Düngung des Bodens überflüssig. Nur dann stellt sich die Brache noch als nothwendig heraus, wenn die Dreesch- und Luzerncfelder bei derKoppcl- wirthschast gleich nach dem Umbruch zu Wintergetreide vorbereitet werden sollen; wenn man den Anbau der Winterölgewächsc im Großen betreibt und wenn man für die Schafheerde Weideland braucht; doch muß man in diesem Falle den Brachacker stets mit weißem Klee besäen. — Brach früchte werden solche Früchte genannt, die man an die Stelle der Brache setzt. Man rechnet zwar dazu häufig alle landwirthschaftlichen Gewächse, die keine Halmfrüchte sind, z. B. Klee, Erbsen u. s. w., aber eigentlich kommt dieser Name nur solchen zu, die während ihres Wachsthums regelmäßig mehrmals behackt werden und deshalb eine die Brache ersetzende Bearbeitung des Bodens möglich machen, wie die sogenannten Hackfrüchte, Kartoffeln u-.s- w, Brachmann Bracteaten 587 Eine so bestellte Brache heißt bcsömmert, im Gegensätze der reinen, d. i. unbestellten, Brache. (S. Dreifelderwirthschaft.) — Brachmonat wird der Juni genannt, weil man m demselben gewöhnlich zu brachen pflegt. Brachmann (Luise Karoline), alscrzählende und lyrische Dichterin rühmlichst bekannt, wurde am 9. Febr. 1777 zu Rochlitz geboren, die Tochter eines dortigen Kreissecretairs, dem sic l 7 87 nach Weißenfels folgte, wo derselbe eine Anstellung als Eeleitscommissar des thür. Kreises erhielt. Ihr poetisches Talent wurde seit 1793 besonders durch die Bekanntschaft mit Novalis (Freiherrn von Hardenberg) geweckt, durch welchen sie mit Schiller in Verbindung kam, der zuerst 1799 einige ihrer Gedichte in die „Horen" und den „Musenalmanach" aufnahm und sich schon damals über die junge Dichterin schrvortheilhaft aussprach. Bereits am 7. Sept. 1890 faßte sie, in Folge jugendlicher Schwärmereien, den Entschluß, sich das 'Leben zu nehmen, sprang vom Corridor des väterlichen Hauses hinab, ohne sich jedoch tödtlich zu verletzen, genas langsam und lebte sodann in Wcißenfcls unter mehren harten Schicksalsschlägen in stiller Zurückgezogenheit den Musen., Mit einem in Weißenfels sich aufhaltenden jungen Manne, zu dem sie 1820 eine unglückliche Neigung faßte, besuchte sie Wien und ließ sich überhaupt zu Schritten verleiten, welche bei Freunden und Verwandten keine Billigung finden konnten. Getäuscht in vorgespicgeltcn Hoffnungen und nachdem ein Entsagungsschreiben an den Gegenstand ihrer Liebe nicht die gehoffte Erwiderung fand, endigte sie bei einem Besuche in Halle am 17. Sept. 1822 zur Nachtzeit freiwillig ihr Leben in den Fluten der Saale. Sie war als Dichterin und namentlich als erzählende Schriftstellerin sehr productiv und kaum erschien zur Zeit ihrer Blüte ein Taschenbuch, welches nicht einen Beitrag von ihr aufzuweisen gehabt hätte. Ihre Erzählungen und Novellen sind anmuthig, gefühlvoll und unterhaltend, spiegeln aber in ihrer mehr ruhigen Haltung die excentrischcn Em- pfindungen, die ihr Leben charakterisirten und ihren Tod veranlaßten, durchaus nicht wieder; auch erheben sie sich nicht über das gewöhnliche Maß derTaschenbuchnovellistik. Höher stehen ihre lyrischen „Gedichte" (Lpz. 1800; neue Aufl., 1808), welche von lebhafter Einbildungskraft zeugen und rein und gut versificirt sind, ohne deshalb auf Tiefe und Originalität Anspruch zu haben. Unter ihren Erzählungen und übrigen poetischen Arbeiten sind zu nennen „Romantische Blüten" (Wien 1817), „Novellen und kleine Romane" (Lpz. >8 >9), „Schilderungen aus der Wirklichkeit" (Lpz. 1820), „Verirrungen, oder die Macht der Verhältnisse" (Lpz. 1822), „Das Gottesurtheil" (Lpz. 1818), ein von Ad. Müllner eingeleitetes Nittcr- gedicht in fünf Gesängen? „Novellen" (Nürnb. 1822) und „Romantische Blätter" (Wien >823). Ihre „Auserlesene Dichtungen" (1 Bde., Lpz. 1821; neue Ausg., 1831) gab mit einer Biographie und Charakteristik der Dichterin Schütz heraus, denen Methusalem Müller „Auserlesene Erzählungen und Novellen" als fünften und sechsten Theil (Lpz. 1825) hinzufügte. Brachyaräphie heißt die Kunst, mit Abbreviaturcn (s. d.) zu schreiben. Brachyratalektisch, s. Katalexis. Brachylögie nennt man überhaupt die gedrängte Kürzein dem Ausdrucke der Vorstellungen durch Worte, vorzugsweise aber diejenige rhetorische Figur, nach welcher ein zur Darstellung eines Begriffs oder Gedankens erfoderliches Element nur scheinbar ausgelassen ist, indem dasselbe auf irgend eine Weise im Satze versteckt liegt. (S. Ellipse.) Besonders reich an solchen Brachylogien ist die gricch. Sprache. Bracteaten, Hohlmünzcn oder Blechm ünzen, abgeleitet von dem Lat. lii-ncte«, d. i. Blech, ist eine neuere Benennung für die Münzen aus meist sehr dünnem Silberblech, die vom Ende des 11. bis zum Ausgange des 11. Jahrh. in Deutschland vorzüglich in Gebrauch waren und für gewöhnlich cleimrii oder Pfenninge genannt wurden. Sie sind wol schwerlich nach dem Muster derbyzantin. Hohlmünzcn geprägt, sondern entstanden aufganz natürlichem Wege aus den immer dünner geschlagenen sogenannten Denaren; im l l.und z» Anfänge des 12. Jahrh. haben sie auch, wie diese, zweiseitiges, obwol wegen ihrer Dünne, ziemlich un- deutliches Gepräge; von da ab wurden sie so dünn, daß sie nur einseitig ausgeprägt werden konnten. Man hat dieser Münzgattung ziemlich allgemein besonder» Knnstwerth abgesprochen; doch mit Unrecht, denn eine große Anzahl Bracteaten aus dem > 2. und 13. Jahrh. zeigt eine sehr bedeutende Kunstfertigkeit und Zierlichkeit im Stempelschnitt. Die früher sehr verbreitete Ansicht, daß man die Bracteaten mit hölzernen Stempeln geschlagen habe, ist 5P8 Bradley Braga längst widerlegt. Nach der Mitte des l 3. Jahrh. wurde das Gepräge schlechter und endlich so roh, daß man sich kaum eine ungestaltetere Münze denken kann. Die Größe der Münze ist sehr verschieden; gewöhnlich ist sie von Vier-oder Achtgroschcnstückgröße, obgleich auch unförmliche Bracteatcn von der Größe eines Zwcithalcrstücks Vorkommen, wie z. B. in Sachsen und Thüringen am Ende des l 3. Jahrh.; in andern Ländern dagegen wurden sie im Verlaufe der Zeit immer kleiner, und man hat die Bracteatcn von Sechser- und Drcier- größe, welche letzter« man öfters vorzugsweise Hohlmünzen genannt hat. Die Brac- teaten sind durchgängig bald in feinerm bald in geringhaltigerm Silber ausgeprägt; nur in Dänemark hat man einige wenige Bracteatcn in Gold, nirgend in Kupfer aufgcfunden. Ihren Ursprung haben die Bracteatcn nach der wahrscheinlichsten Ansicht in Thüringen am Harze genommen, und ihr Gebrauch beschränkte sich meist auf das mittlere, nordöstliche Deutschland, und Polen; weniger häufig finden sie sich im südlichen Deutschland und selten nur in Dänemark, Schweden u. s. w.; Italien, Frankreich, Spanien und andere Länder kennen sic gar nicht. Mit dem Anfänge des > -1. Jahrh. hömen in Sachsen und bald darauf auch in den benachbarten Ländern, als in Freiberg Groschen geschlagen wurden, die größern Bracteatcn auf; die kleinern Bracteatcn oder Hohlmünzon verschwanden aber in Sachsen erst im Anfänge des 16., im Braunschweigischen gar erst in der Mitte des 17. Jahrh. Die Anzahl der Bracteatcn ist nach aller Vcrmuthung sehr groß, da wegen ihrer großen Zerbrechlichkeit mit jedem Jahre die alten cingezvgen, zerbrochen, eingcschmolzcn und neue geprägt zu werden pflegten. Größere Aufmerksamkeit hat man dem Sammeln und Beschreiben dieser Münzgattung erst in neuester Zeit gewidmet; die ältcrn Werke von Olearius, Ehr. Schlegel, Leuckfcld, Schmid, Nie. Sceländcr u. A. haben einzelnes Gute neben vielem Falschen; weiter förderten die Bractcatenkunde die neuern Werke von W. E. Becker, „Zweihundert seltene Münzen des Mittelalters" (Lpz. 1813, 3.) und vorzüglich von Mader, „Versuch über die Bracteatcn" (Prag 1808, -1.). Bradley (James), unter den Astronomen, dicsich durch feine und genaue Beobachtungen auszcichneten, einer der ersten, gcb. 1602 zu Shireborn in England, hatte zu Oxford Theologie studirt und war bereits als Pfarrer angestellt, als seine Neigung zur Astronomie das Übergewicht gewann. Ein Oheim unterrichtete ihn in den Anfangsgründcn der Mathematik, amd in Folge großen Fleißes wurde er schon 1721 Professor der Astronomie zu Oxford. Im I. 1727 machte er seine Entdeckung über die Abirrung d es L ichts (s. d.)bekannt. Aber so bedeutend auch die Genauigkeit in den astronomischen Beobachtungen durch diese Entdeckung befördert wurde, so entgingen doch die noch bleibenden, wiewol sehr geringen Unterschiede B.'s Bcobachtungsgcistc nicht. Er verfolgte sie 18 Jahre lang mit bewundernswürdiger Beharrlichkeit und fand endlich, daß man sie vollkommen erklärt, wenn man der Erdachse eine geringe schwankende Bewegung beilegt, welche nicht mjt derjenigen zu verwechseln ist, diedas sogenannte Vorrücken der Nachtgleichen zur Folge hat, von der Wirkung des Mondes auf die von der Kugelgestalt abweichende Erde, herrührt und daher genau in der Umlausszcit der Mondsknotcn, d. h. in etwa 18 Jahren, vollendet wird. Er nannte dies das Wanken der Erdachse (s. Nutation) und machte die daher entstehende scheinbare Bewegung der Fixsterne mit ihren Gesetzen 17-18 bekannt. Schon >726 hatte er in einer Abhandlung gezeigt, wie man mittels der Verfinsterung des ersten Jupitcrstrabantcn die Längen messen könne. Nach Halley's Tode erhielt er 1731 die Stelle eines königlichen Astronomen und bezog die Sternwarte oon Greenwich, deren Beobachtungsapparat durch seine Sorgfalt Ansehnlich vermehrt wurde. Hier verlebte er den Nest seiner Tage ohne andern Verkehr als mit dem Himmel. Er starb am 13. Juli 1762. Aus seinen hinterlasscnen Handschriften gaben Horesby die „^strnnnmicsl nkservstiuns Iiiscke st tlie oliservstoriiiiii st (Ireeiivvick >750—62" (2 Bde., Oxf. >708—1805, Fol.) heraus, aus denen man Tausende von Beobachtungen der Sonne, des Mondes und der Planeten gezogen hat, die, geschickt miteinander verbunden, in die astronomischen Tafeln Genauigkeit gebracht habe», und Nigaud „Niscellsneous rvorlcs sml corre^omlcuce" (Oxf. > 832, 3.) Braga, die Hauptstadt der portug. Provinz Entre-Minho°c-Douro, mit 20000 E., ist eine sehr alte, auf einer Anhöhe am Flusse Este gelegene Stadt, der Sitz eines Erzbischofs, des Primas von Portugal und eines Domcapitclö. Sie hat reizende Umgebungen besonders a s< li s- n n 2 b d h d § u « s> § d s g l « ! » ! ! c e § ^ f t s t t l t > c l t I I > I < > Bragansa Brahe (Tycho de- 589 am nahgelegenen Flusse Cavado, wird durch ein Castell beherrscht und enthalt mehre ansehnliche Plätze, eine an historischen Monumenten reiche Domkirche, einengroßen, erzbischöflichen Palast, ein Seminar und ein Collegium. Ihre Bewohner sind sehr betriebsam; sie beschäftigen sich mit Wachsbleichen, Talg- und Wachslichtergicßcn, fertigen Messer, Nägel, Leinwand, Hüte und Gewehre und treiben Viehhandel. An die Zeit der Römer erinnern noch mancherlei Altcrthümer, z. B. die Ruinen eines Tempels, eines Amphitheaters und einer Wasserleitung. Unweit der Stadt liegt auf einem Hügel das berühmte Kloster Snnrtnurio m Z U (! >r v! gl kr n L u di 6 >r z !i ö b> » li d s- l- kl d N si V n 8 u zi u h Z n r 8 d si d 4 g Brahma Brahmaputra 591 trafen an Genauigkeit alle früher« beiweitem. Seine zahlreichen astronomischen Werk« sind in lat. Sprache geschrieben. Die kostbare Sammlung seiner astronomischen und andern Instrumente, die Kaiser Rudolf II. kaufte, wurde nach der Schlacht am Weißen Berge größtentheils vernichtet, nur ein großer Sextant befindet sich noch in Prag. Die große messingene Himmelskugel, welche 5000 Thlr. gekostet haben soll, kam nach mancherlei Schicksalen wieder nach Kopenhagen, wo sie beim Brande des Schlosses im I. 1720 ihren Untergang fand. Sein Leben haben Wandal in seinem „Mindesmärker paa Jägersprüs" (Bd. >, Kopcnh. 1783) und Helfrecht (Hof 1787) beschrieben. Brahma ist ein ind. Wort in der Sanskritsprache, womit dashöchste Wesen bezeichnet wird. Die Bedeutung des Worts ändert sich, je nachdem es in der Neutralform Brahma, oder in der Masculinform Brahma gebraucht wird. Brahma in der Neutralform, heißt die göttliche Substanz überhaupt ohne alle Beimischung von Pcrsonification, und ist daher auch bei den Indiern kein Gegenstand des Cultus, sondern nnr der frommen andächtigen Be- irachtung. Dieses Göttliche ist die letzte Ursache aller Dinge, der Grundqucll des Daseins, zu dem einst Alles zurückkehrt, das allein wahre Sein; es läßt sich durch irdische Begriffe nicht bezeichnen, aber Alles was ist, ist nur durch dieses Göttliche, welches selbst unendlich ist. Brahma in der Masculinform ist einer der specicllcn Götter der Indier, der mit Vishnu und Siva die Trias der höchsten Gottheiten bildet. Er ist der Schöpfer der Welt, welcher das Menschengeschlecht in das Dasein rief und die heiligen Schriften der Vedas und die Gesetze des Manu, als die Richtschnur für das Leben der Menschen, bekannt machte. Er wird abgebildet auf einem Schwane ruhend und hat vier Antlitze, mit welchen er nach allen Weltgcgcndcn schaut. Nur in der altern Zeit Indiens war Brahma der Gegenstand öffentlicher Verehrung, gegenwärtig sind ihm in Indien keine Tempel mehr geweiht; es ist der öffentliche Cultus an Siva, Vishnu und andere Götter gerichtet. Brahmancn, im Indischen Brahmana, d. h. Söhne des Brahma, die Göttlichen, bei den griech. Schriftstellern Br ach manen und nach franz. Schreibart oft auch Braminen genannt, heißen die Gottesgclehrten der Indier. Sie bilden die oberste der vier erblichen Kasten Indiens. Ihre Bestimmung ist, die Religion Brahma's rein zu bewahren; daher müssen sie die Vedas studiren und die Opfer und den Tcmpeldiensi besorgen, Auch sollen sic den Fürsten als Nathgcber und Beisitzer des Gerichts dienen und als Ärzte die leidende Menschheit trösten. Die alten ind. Gesetze heben ihre Heiligkeit und Unverletzlichkeit mit den stärksten Ausdrücken hervor, und die ind. Sage bezeichnet die Würde derselben durch den Bericht, daß dieser Stand aus dem Haupte des Gottes Brahma hervorgcgangcn, während die drei andern Stande, der Krieger, Bürger und Diener, aus den untern Theilcn seines Leibes entsprossen seien. Das Leben des Brahmanen zerfällt den Gesehen gemäß in vier Stufen; nachdem der junge Brahmane durch die feierliche Änlegung einer Schnur als wirkliches Mitglied seiner Kaste ausgenommen worden, beginnt er das Studium der heiligen Bücher, und wird Brahmatschari; im Beginn des Mannesalters soll er sich vermählen, und als Grihastha einen Hausstand gründen; hat er einen Sohn erzeugt und diesen bis zum Jüngling unter seinen Augen für den heiligen Beruf gebildet, so soll er die Welt meiden, und als Vanaprastha in der Einsamkeit eines Waldes sich der Betrachtung der Gottheit biugebcn, bis er von allem Irdischen gereinigt zum Anschauen der Gottheit gelangt, und als San yasi rein zu dem Urquell alles Daseins zurückkehrt. Noch jetzt genießen die Brahma- uen in Indien großes Ansehen und bekleiden an den Höfen ind. Fürsten wichtige Stellen. Doch gibt cs unter ihnen auch Viele, welche in Dürftigkeit leben und dadurch gezwungen werden, Erwcrbszweige zu ergreifen, die ihrer ursprünglichen Bestimmung nicht entsprechen. Brahmaputra ist der große asiat. Zwillingsstrom des Ganges, mit dessen geheiligtem Wasser er sich südlich von Dakka in seiner Hauptadcr kurz vor der tausendspaltigen Mündung in den Bengalischen Golf vereinigt. Sein oberer Lauf ist zwar noch nicht in einem bestimmten Anschluß an den mittler« bekannt; die größte Wahrscheinlichkeit spricht jedoch für dessen Übereinstimmung mit dem tibetanischen Dsang-bo-tsiu, dessen Quellen im Norden des Himalaja nicht weit von denen des Indus liegen. Hiernach zerfällt der Lauf des B. in folgende drei Abschnitte: >) der obere B. unter dem Namen Dsang-bo-tsiu auf dem Hochlande s»n Tibet, als Begleiter der Nordabdachung des Himalaja in der Richtung von West nach LS2 Brahmaputra Ost 2V0 M. lang; 2) der mittlere Lauf durch Assam von Ost nach West in Ausdehnung ! r von 75 M., als eigentlicher B., als Lohitiya, d. i. rothcr Strom, Bori-Lohit, d. i. alter f Strom oder oberer Assamstrom; 3) der untere 50 M. lange Lauf im bengalischen Tieflande, § von Norden nach Süden, unter dem Namen des Mcgnastroms. Die genauere Kenntniß des s Mittlern Laufs verdanken wir vorzugsweise erst den nach dem Birmanenkriegc in den I. 1825 und l 826 eingesammelten Nachrichten und persönliche» Forschungen Bedford's, Wil- t cox's und Burlton's, welche in ihren Resultaten in James Horsburgh's „lmliu» .^»«"(Lond. L 1 830) sich sinken und in Folgendem bestehen. Drei Hauptquellströme, der Dihong, Dibong 3 undLohit, vereinen sich zwei Meilen unterhalb Sodiya unter 27" 50^ nördl.B. und 90" 3lN ^ >, östl. L. zum B., der Assam bis nach Goalpara durchströmt. Nach den ersten 18 Meilen seines b Laufs bildet er in der Gegend von Rungpur die Insel Majuli, mit dem Südarmc Dihing l d und dem Nordarmc Bori-Lohit dieselbe umklammernd, und von Süden her aus den Nora- ii bergen die großen Zuflüsse des Bori-Dihing, Disung, Nuddi und Dikho, von Norden her I d den Subunschiri ausnehmend. Nachdem sodann am Wcstende der Insel der große aus Kat- ' r schar kommende Dhunsiri cingcmündet, bildet der Strom sechs Meilen abwärts wieder eine j große 17 Meilen lange Insel, die Kulung-Aue, deren Südarm Kulung unter andern bedeutenden Flüssen den Kopili aufnimmt. Von Gohati bis Goalpara finden sich nur kleinere 6 Jnselspaltungen und alsdann wendet sich der Strom nach Süden zu seinem untern Lauft. ß Won den drei genannte» Quellströmen ist der bekannteste der nordöstlichste, der Lohit. Er § ? heißt im obern Laufe Taluka, entspringt auf dem Schneegcbirge Dung-dju-gangri, als dem ! Ostende des Himalajasystems, und vereint sich bald mit dem aus Osten kommenden Talu- ^ s ding. Von da an strömt er südsüdwcstlich an Lamadörfern vorüber, betritt das Land der ^ I Mismis, wo er links de» Ghulum-Ti und Lat-Ti aufnimmt; wendet sich nördlich und dann ! e wieder »ach Süden, durchbricht die hohe Langtankette in tiefem, wildem Fclsthale bis zum j -s Dorfe Dilling, in dessen Nähe der als Wallfahrtsort berühmte, gcheiligteFelskesscl Brahma- e Kund, das Pruhbu-Kulhar der Eingeborenen, liegt, und erhält von nun an eigentlich erst den k geweihten Namen Brahmaputra. Über diesem heiligen Wasserbecken, das 1826 Capitain s Bedford als erster Europäer besuchte und für die Erdkunde entdeckte, steigt in unübersteig- i baren Felsklippcn der Dco-Bori, d. i. Wohnung der Gottheit, auf, und südlich erhebt sich der ^ Dupha-Bum der Langtaneberge bis zur Höhe von 13633 F. Westwärts wird das Thal d offen; der Strom spaltet sich noch vor Sodiya, die Sukato-Aue umschließend, in den nörd- ^ lichen Bori-Lohit und den südlichen durch Katarakten und Stromschnellcn schwer zu beschissen- § den Sukato. Hierauf betritt der B. Assam und nimmt noch oberhalb Sodiya aus dem Lande ^ der Sinhphos den Tcnga-Pani und den Noh-Dihing auf, von dessen oberm Lauf sich der > schon obengenannte Bori-Dihing abgabelt, und aus der rechten Seite den Kundil-Pani, an > welchem Sodiya, als Residenz des Gouverneurs von Obcrassam, liegt. Unterhalb derselben ^ vereinigt sich mit dem westlichsten Quellstrome Dihong, der mittlere Quellarm des Dibong. ^ Bedford befuhr seinen untern Lauf im I. 1825, fand ihn in einem wilden, unbewohnten i Gebirgslande voll Klippen, Sandbarren, Inseln und Stromschnellen, bis zum Austritte aus s einem 7000 F. hohen Gebirge, an dessen Fuße sich fünf Dörfer der Mismis befinden und § oberhalb dessen er noch nicht besucht worden ist, wol aber in einer Quelle vermuthet werden muß nicht weit nordwestwärts der Talukaquellc. Der Dihong ist im Lande der Aborstämme ebenfalls nur wenige Tagereisen weit beschifft und auch im wildesten Charakter angetroffcn worden; seine den Lohit um das Doppelte übcrtreffendc Wasserfalle aber läßt nächst andern Gründen, wider die frühere Annahme Klaproth's, die Übereinstimmung mit dem tibetanischen Dsang-bo-tsiu mit ziemlicher Bestimmtheit annehmen und in ihm die Hauptader des obcrn .B. erkennen. Der untere Lauf des B. im bengalischen Tieflande beginnt unterhalb Goalpara und nach Umströmung des Garrowgebirgs schon oberhalb Shirpur eine sich immer mehr vervielfältigende Stromspaltung, im Bereiche eines weithin überschwemmten und mit dem Ganges mannichfach verknüpften Deltalandcs, dessen Wasseradern ihre Richtung häufig verändern. Der bisherige Hauptstromarm Mcgna wird immer seichter, sodaß er vom Dec. bis Apr. die Schiffahrt oberhalb Dakka immer mehr beschränkt; dagegen erweitert sich der schon von Shirpur aus zum Ganges abflicßendc Jencye jährlich mehr und wird bald als Hauptsurslader des Brahmaputrawasscrs anzuschen sein. Wie der Ganges als weibliche Gotthcil Brailow BranchoS 593 verehrt wird, so dcrB. als männliche, als der Sohn des Brahma, aus dessen Munde er strömen soll; der Hindu wallfahrtet zu den Quellen, der Tibetaner zu den Mündungen der Ströme; und wo beide ihre Fluten miteinander mischen, da liegt bis auf den heutigen Tag für alle Tibetaner eine der heiligsten Pagoden auf der Insel Ganga-Sagar. Bmtlvtv, Braila oder auch Jbrail, mit 25000 E-, nächst Giurgewo die wichtigste Festung in der Walachei auf dem linken Donauufer, liegt an der Einmündung des Screth in die Donau, welche sich hier in sechs Arme theilt, die ein zwischen den Russen und Türken neutrales Land umfassen. Einer derselben bildet den Hafen der Stadt. Von hier wird viel walachisches Getreide nach Konstantinopel verschifft, auch ist der Hausenfischfang im Schwarzen Meere sehr bedeutend. B. wurde in den Türkenkriegcn in der letzten Hälfte des 18. Jahrh. von den Russen mehrmals belagert und eingenommen, und nach der Einnahme von 1770 niedergebrannt. Zn dem Frieden zu Kutschuk-Kainardschi von 1774 an die Türken zurückgegeben, ward es nun auf europ. Weise befestigt. Auch in dem letzten russ.-türk. Kriege mußte es fich 1828 nach tapferer Vertheidigung ergeben; doch im Frieden zu Adrianopel im I. 1829 erhielten es die Türken abermals zurück. Drakenburg (Regner), ein niederländ. Maler, geb. zu Harlem 1650, war der Schüler A. von Ostade's. Der Richtung seines Meisters gemäß ist er in der Darstellung von Gemessenen, die sich in den Kreisen des niedcrn Lebens bewegen, und besonders durch die Frische und Tüchtigkeit seiner Färbung ausgezeichnet. Er starb 1702. Bramante, eigentlich Donato Lazzari, einer der berühmtesten ital. Baumeister, auch als Maler ausgezeichnet, wurde zu Monte-Asdroaldo im Herzogthum Urbino 1444 geboren. Seine frühere künstlerische Thätigkeit gehört vornehmlich Mailand an, wohin er, schon als ausgebildeter Künstler, im Z. 1476 gekommen war und wo er bis 1499 blieb. Hier wird er zunächst als einer der vorzüglichsten Maler genannt, die fich in der Lombardei, che die Schule des Leonardo da Vinci das Übergewicht erhielt, ausgezeichnet haben; doch ist es für jetzt noch schwer, die ihm zugehörigen Gemälde mit Sicherheit zu bestimmen. Die Erfolge, die er im Fache der Architektur erlangte, verdunkelten aber seinen Ruhm in der Malerei. In Mailand wurden von ihm der Chor von Santa-Maria belle Grazie, die Kirche Santa-Maria presto San-Satiro und andere Bauwerke aufgeführt; die Wiederaufnahme der antiken Bauformen zeigt sich an diesen Gebäuden mit einem lebendig freien Sinne verbunden und in liebenswürdigster Anmuth durchgeführt. Nach dem Sturze des Lodovico Sforza ging er nach Rom, wo er zuerst durch Papst Alexander VI., sodann aber besonders durch Julius II. die umfassendste Beschäftigung erhielt. Das erste große Unternehmen, das ihm durch den Letzteren aufgetragen ward, betraf die Verbindung des vaticanischen Palastes mit den Gärten in Belvedere und die Umgestaltung beider zu einem großartigen Ganzen; doch sind diese Anlagen in späterer Zeit mehrfach verändert worden. Das zweite Unternehmen war der Neubau der Peterskirche, wozu im 1.1506 der Grund gelegt wurde. Doch B. starb zu Nom 1514, als erst einzelne Theile des Baus begonnen waren, und seine Nachfolger in der Bauführung wichen von seiner Idee vielfach ab. Sein ursprünglicher Plan bestand in der Anlage einer mächtigen Kuppel über einem griechischen Kreuz. Zu seinen wichtigsten Bauwerken in Rom gehören außerdem der Palast der Cancelleria und der Palast Giraud (jetzt Torlonia). Er erscheint in diesen seinen späterst Architekturen strenger der Antike zuge- wandt und zugleich etwas nüchterner im Gefühle, wenn er auch immer die ihm eigenthüm- liche Grazie zur Erscheinung zu bringen wußte. Bramarbas nennt man einen Menschen, der, um sich geltend zu machen oder Andere in Furcht zu jagen, mit Thaten prahlt, die er nie auSgeübt hat und deren er unfähig ist. Der'Ausdruck kommt von einer Person dieses Namens in einem Lustspiele Holberg'S her. Branchos, der Sohn des Smikros, wurde von Apollon mit der Gabe der Weissagung beschenkt, welche er dann zu Didyme im milesisshcn Gebiete übte. Seine Nachkommen waren die Branchidä, welche nach ihm das Apollon-Orakel zu Didyme verwalteten. Als sie an ikerxes die Tcmpelschätze ausgeliefert hatten, wurden sie auf ihre Bitten von diesem bei seinem Rückzuge aus Griechenland, um vor der Rache der Griechen gesichert zu sein, nach Baktnana verseht. Später soll ihre Nachkommen für jenen Vcrrath Alexander der Große, als er in jene Gegend kam, durch Zerstörung des Orts und der Heiligthümer gestraft haben. Conv. - Lex. Neunte Ausl. 11. ^ 594 Brand Brandet« Brand nennt man das Abstcrben eines Theils des thierischen Körpers. In den meisten Fallen entsteht der Brand l) als Folge der Entzündung (s. d.), und es ist besonders die so. genannte nervöse Entzündung am meisten geneigt, in Brand überzugehen; 2) aus Mangel des Zuflusses arteriellen Bluts, bei bedeutenden Arterienverlctzungen durch Quetschungen u. s. n>., pder bei Verknöcherungen der Blutgefäße, wodurch der Brand bei Greisen nicht selten bedingt ist, und endlich 3) wenn aus großer Lebensschwäche die Empfindlichkeit aufhört. Meist geht dem Brande eine örtliche Entzündung voran, welche, che er selbst eintritt, auf den höchsten Grad steigt. Die Schmerzen werden brennend und stechend und der leidende Theil wird dunkelroth. Diesen Punkt der Entzündung, wo fie im Begriff ist, in Brand überzugchen, kann man den heißen Brand (6anAraeim) nennen, im Gegensatz zu dem ausgebildeten, welchen man deshalb auch den kalten (Splmceliis) nennt. Plötzlich lassen die Schmerzen nach, der Kranke fühlt sich scheinbar besser, was besonders bei innern Entzündungen der Fall ist, wo man den angegriffenen Theil nicht sieht; allein der Puls wird klein, weich und schwach. Bei äußern Thcilen sieht man, daß die Geschwulst ihre Nöthe und Spannung verliert, dagegen bleifarbig, grau und endlich schwarz wird. An dem brandigen Theile entstehen Blasen von dem Absondern des Oberhäutchens, welche zuweilen mit wässeriger, zuweilen auch mit bluti- ger Feuchtigkeit angefüllt sind. Der vom Brand ergriffene Theil wird endlich kalt und verhält sich als tobte Masse. Im glücklichen Falle, wenn das Lebmde noch Kraft genug hat, bildet sich nun eine Grenze (Demarcationslinie), welche der Brand nicht überschreitet, und eine von den noch lebenden und entzündeten benachbarten Thcilen bewirkte Eiterung stößt das Abgestorbene von sich. Ist aber die Lebenskraft zu schwach dazu, so schreitet der Brand weiter und verbreitet seine verderbliche Wirkung über das ganze Gefäß- und Nervensystem, indem zugleich ein Theil der Zauche durch Resorption m den Kreislauf mit ausgenommen wird und wie ein septisches Gift die Nervenkraft zerstört, daher der Kranke unter stets zunehmender Schwäche mit Ohnmächten, Jrrereden und andern Nervenzufällen dem Tode cntgcgengeht. Bei der Behandlung kommt Alles darauf an, die den Brand herbeiführenden Ursachen zu entfernen und wenn er sich einmal nicht verhüten ließ, seinem Weiterschreiten wenigstens Grenzen zu sehen, da, sobald Resorption der Jauche stattgefunden, jede Kunsthülfe unmöglich wird, welche auch gegen den Brand der Greise ohnmächtig ist. — In der Botanik und Landwirthschastskunde versteht man unter Brand die in den Fruchtknoten mehrer Getrcidc- arten sich bildenden und die Entwicklung derselben hindernden Staubpilze. Insbesondere unterscheidet man Flugbrand, Schmierbrand undKappenbrand. Dercrstere, der sich als ein geruchloses, schwarzes, leicht verstäubendes Pulver zeigt, befällt vorzüglich Weizen, Gerste und Hafer, wenn die Ähren aus der Scheide treten, und ist an der dunkelvioletten oder auch ganz schwarzen Farbe derselben zu erkennen. Der Schmierbrand, in einem stinkenden, schwarzen, schmierigen Pulver bestehend, das sich statt des gesunden Mehls bildet, kommt nur bei dem Weizen vor. Der Kappenbrand zeigt sich gewöhnlich nach der Blüte der Weizcnartcn, hauptsächlich auf feuchten, unkrautrcichen Feldern. Die brandigen Ähren erkennt man an dem sperrigen dunkeln Aussehen und später an kleinen pomeranzengelben Häutchen am Grunde der Kelchspelzen. Die Ursachen des Brandes liegen wenigstens was den Schmicr» brand anbelangt, darin, daß der Boden nicht zum Weizenbau sich eignet, der Acker nicht hiu- lgnglich bearbeitet ist, und vorzugsweise, daß der Same nicht die gehörige Reife gehabt hat. Ähnliche Staubpilze befallen den Mais, Hirse und Buchweizen. Von gleicher Beschaffen- heit ist der sogenannte Rost der Cerealien, der aber nur Blätter und Halme angreist. Brandkaffen, s. Feuerversicherung. ... . .rüuöess, im Böhmischen Branny-Hrad, eine Stadt im kaurzimcr Kreise des Königreichs Böhmen, am linken Ufer der Elbe in einer fruchtbaren Ebene, mit 2566 E, ist der Sitz einer Dechantei und hat ein Gymnasium und ein altcrthümlichcs Schloß, das der bohm. Herzog Boleflaw im 16. Jahrh. gebaut haben soll. Später war B. zuweilen der Aufmthaltsort der Kaiser Rudolfs, Leopold's I. und Karl's VI. Während des Dreißigjährigen Kriegs kämpften hier die Schweden mit den Kaiserlichen am 3». Mai 1639, wobei die Letzter« besiegt wurden.— Das zum Kreise Königgrätz gehörende Brand eis ist eine grässlich Trautmannsdorfsche Herrschaft, mit etwa 1009 E. Brandeln, Bränder oder Zünder, s. Bomben. Brandenburg (Provinz) 595 Brandenburg, die erste Provinz des preuß. Staats, welche auf? 31 mM. 1,840000 E. ' in 150 Städten, vielen Flecken und Dörfer» zählt, liegt zwischen 51" 22^ — 53° 34^ nördl. B. und 28" 5>., 1184—1205, der dem Erzstifte Magdeburg entweder die ganze Altmark, oder doch einen bedeutenden Theil derselben, sowie einzelne Theile der Mittelmark schenkte, jedoch unter der Bedingung, daß sie nach dem Abläufe eines Jahres von B. wieder als magdeburgischcs ! Lehen erworben werden und bei dem Abgänge des brandenburg. Mannsstamms selbst auf dessen weibliche Nachkommenschaft übergehen könnten. Mehr Kraft entwickelte dessen Bruder Albrecht II., 1296—20, der an den Kämpfen zwischen den beiden Gcgenkönigcn Deutschlands, Otto IV. und Friedrich II., lebhaften Antheil nahm und dafür endlich die ältere Anwartschaft seines Hauses auf Vorpommern bestätigt erhielt. Albrecht II., der Berlin gegründet haben soll, hinterließ bei seinem Tode zwei unmündige Söhne, Johann I. und Otto 111., für die ihre Mutter Mathilde bis 1226 die vormundschaftliche Negierung führte. Von >226 — 58 regierten beide Brüder gemeinschaftlich. Sie waren tapfer und fehdelustig, wie es die sturmvolle Zeit der letzten Hohenstaufen foderte. Vom Kaiser Friedrich II. erhielten sie die Belehnung über die Mark B. und über Pommern 1231, und im Kampfe gegen den Markgrafen Heinrich den Erlauchten von Meißen behaupteten sie sich 1244 in dem Besitze der Städte Köpenik und Mittenwalde. Gleichzeitig brachte Johann bei seiner zweiten Vermahlung mit Hedwig von Pommern die Ukermark, die von Pommern erobert worden war, an sem Haus zurück, während Otto bei der Vermählung mit der böhm. Prinzessin Beatrix ! Brandenburg (Provinz) 597 die Städte Bautzen, Görlitz, Lauban und Löbau als Mitgift erhalten hatte. Außerdem erhielten die beiden Brüder durch den GcgcnkLuig Wilhelm von Holland 12-18 die Anwartschaft auf das Herzogthum Sachsen, und >250 gelangten sie auch zur Oberhoheit über das Wsthttm Lebus. Den Polen entriß Johann das Land an der Warthe, wo er 1257 die Stadt Landsbcrg gründete. Im I. 1258 thcilten die Brüder, und die neuen Regierungssitze der beiden Linien wurden Stendal und Salzwedcl; die Hauptstadt B. dagegen und die Lehns- hohcit über die Bisthümcr B. und Havclberg blieb gemeinschaftlich. Ihre Negierung war eine höchst segensreiche, viele neue Städte, wie Frankfurt an der Oder, Neu-Drandenburg, Bärwalde, Friedland, Königsberg in der Ncumark u. s. w. wurden von ihnen gegründet, namentlich hob sich unter ihnen auch Berlin. Johanni., gcst. 1266, wurde der Stifter der e.ltern brandenburgisch-askanischcn Linie zu Stendal, Otto III-, gest. 1267, der Stifter der jüngern Linie zu Salzwedel. Beide Linien erloschen aber bald, die jüngere 1317, die ältere 1320. Schon Johann 1. sing an, sich allmälig den Kurfürstentitel bcizulegen. Die bedeutendsten Regenten dieser Dynastie waren Hermann und der auch als Minnesänger bekannte Otto IV. mit dem Pfeile, die 1303 die Nicdcrlausitz kauften, und der kriegerische Waldemar seit 1308. Der letzte dieser Dynastie war Heinrich der Jüngere, welcher > 320 unvermählt starb, kurz nachdem ihn der Kaiser für volljährig erklärt hatte. Während der Unruhen und Fehden, die nun ausbrachen, wurde die kaum gegründete bürgerliche Ordnung in V. wieder ganz untergraben. Die Verwirrung steigerte sich, als Kaiser Ludwig >V. oder der Baicr 1322 seinen unmündigen Sohn Ludwig mit der Markgrafschaft belehnte, der nur erst nach langen Kämpfen mit den benachbarten Fürsten und mit übermüthigcn Vasallen in den Besitz derselben gelangen konnte. Er trat seit 1324 als Kurfürst und Neichserzkämmercr auf, entfremdete sich aber durch seine Vcrheirathung mit Margarethe Maultasch, die ihm Tirol zubrachtc, dem Interesse V.s dermaßen, daß er 1352 die Marken seinem Bruder, Ludwig dem Römer, den er schon 1319 zum Mitregentcn angenommen hatte, ganz überließ. Veranlassung gaben ihm auch insbesondere dazu die Wirren, die seit 1348 der sogenannte falsche Waldemar erregte, der sich für den verstorbenen Markgraf Waldemar ausgab, mit dem er viele Ähnlichkeit hatte, und wie schon der größte Theil des Landes ihm zugefallen war, wahrscheinlich in den ruhigen Besitz der Kurmark gelangt wäre, wenn nicht Kaiser Karl IV., der ihn anfangs unterstützte, sich nachher von ihm losgesagt hätte. Ludwig der Römer nahm wieder seinen Bruder Otto VII. zum Mitregenten an, der später alleiniger Kurfürst wurde und mit Kaiser Karl IV. und dem luxemburg. Hause eine Erbvcrbrüderung schloß, wodurch Letzterer das Recht der Nachfolge in der Kurmark erhielt und später, da Otto selbst ein träger und verschwenderischer Regent war, Antheil an der Negierung bekam. Otto verkaufte dem Kaiser 1368 die Niedcrlausitz, welche dieser mit Böhmen vereinigte, und schon >373 ward er vom Kaiser genöthigt, die Kurmark völlig abzutrcten, wofür ihm dieser 200000 Goldgulden zu bezahlen versprach und einen Jahrgehalt nebst einigen Schlös- ! fern in der Oberpfalz zusichcrte. Hieraus belehnte Karl IV. seinen Sohn Wenzel, den König von Böhmen, und als dieser röm. König geworden, seinen zweiten Sohn Sigismund § mit der Kurmark B., die unter der Regierung dieses elfjährigen Fürsten in große Verwirrung gerieth. Der Adel, der ihn verachtete, bekriegte sich untereinander, besonders war es die Familie von Oduitzow, welche die größten Unordnungen verübte; die angrenzenden Fürsten machten ungescheut Einfälle, und die öffentliche Sicherheit wurde gänzlich zerstört. Sigismund gerieth endlich in eine so große Schuldenlast, daß er 1388 die Kurmark seinem Vetter, dem Markgkafen Jodocus oder Jobst von Mähren, zum Unterpfand überlassen mußte. Jobst aber konnte der inncrn Zerrüttung des Landes so wenig als sein Statthalter Einhalt thun. i Nach seinem Tode im 1.1411 siel die Kurmark an den König Sigismund zurück, der zu selbiger Zeit zum Kaiser erwählt worden war. Sigismund setzte nun dcnBurggrafcn vonNürn- berg, Friedrich VI., aus dem Hause Hohenzollern, zu seinem Statthalter in der Kurmark ein, der für seine dem Kaiser geleisteten Dienste, dem ec namentlich auch gegen 400000 Goldguldcn geborgt hatte, 14 l 5 die Mark B., die Kurwürde und das Erzkämmercramt, und 1417 die Belehnung darüber zu Konstanz erhielt, worauf er sich als Kurfürst zu B. Friedrich l. nannte. (S. Preußen.) Vgl. Riedel, „Die Mark B. im I. 1250, oder hesto- i rische Beschreibung der brandend. Lande und ihrer politischen und kirchlichen Verhältnissp 598 Brandenburg (Stadt> Brandes (Heinr. Wilh.) um diese Zeit" (2 Bde., Bert. 1831 —32) j Desselben „Diplomatische Beiträge zur Geschichte der Mark B." (Berl. > 833), welche einen Anhang zu dem vorigen Werke bilden ; den „<7o- «iex iiiplomnticus brrilickenburj-. coiitiimstiis", hcrausgcg. von G. W. von Raumer (2 Bdc., Berl. 1831 — 33, 3.), den „i^tovus coclex cliplomrcticus brsntlellliiir^.", hcrausgcg. von Riedel (2 Bdc., Berl. 1838—32, 3.), und Ohncsorge, „Geschichte des Entwicklungsganges der preuß. Monarchie" (Lpz. 1831). Ein Verein für die Geschichte der Mark B. bildete sich i.n 1.1838, und es hat derselbe in den von ihm herausgcgcbenen „Märkischen Forschungen" (Bd. I. Berl. 1831) die erfreulichsten Beweise seiner Thätigkeit zu Tage gefördert. Brandenburg, das alte Brennaborch, eine Stadt im Regierungsbezirk Potsdam, liegt zu beiden Seiten der Havel und wird durch dieselbe in die Alt- und Neustadt getheilt; einen dritten Thcil bildet der sogenannte Dom, welcher nebst der Burg Brandenburg auf einem Werder des Flusses liegt. Sie ist der Sitz dreier Superintcndenturen in jedem der drei Stadtthcilc, eines Hauptstcueramts, einer Bauinspection, eines Land- und Stadtgerichts und hat ein Domcapitel mit einer alterlhümlichen, im Innern reichverzierten Domkirche, eine-Ritterakademie, welche 1703 für junge märkische Adelige gestiftet und 1829 in ein Lyceum für alle Stände umgewandelt wurde, ein Gymnasium, eine höhere Bürgerschule und mehre Elementarschulen und wohlthätige Anstalten. Die 13009 E. unterhalten Woll- waaren- und Lederfabriken und treiben Brauerei, Brennerei, Fischerei und Schiffahrt. Die Burg Brennaborch wurde im Winter 927 auf 928 von König Heinrich 1- den Hevcller» abgcnommcn und von ihm stark befestigt. Kaiser Otto l. stiftete hier 938 ein Bisthum, das zuerst dem Erzbischof von Mainz untergeordnet, 968 dem ncuerrichtctcn Erzbisthum Magdeburg zugetheilt,.im Verlauf der Zeit durch die heidnischen Wenden wieder vernichtet und dann durch Albrecht den Bär 1161 wiederhergestellt wurde. Nachdem 1539 der Bischof Matthias von Zagow zur protestantischen Kirche übergetreten und 1533 der katholische Gottesdienst im Dom eingestellt worden war, wurde 1560 der Kurprinz Johann Georg erster Administrator des Domstifts, dem 1571 der Kurprinz Joachim Friedrich als Administrator folgte, der, als er 1598 Kurfürst wurde, dasselbe einzog und die Stiftsgüter theils in kurfürstliche Domainen verwandelte, theils an Adelige veräußerte. Doch blieb das Domcapitel, das aus dem Dompropst, sechs Domherren und sechs Kanonici bestand, deren erle-, digte Stellen von den Landesherren aus dem stiftsfähigcm Adel besetzt wurden. Gleich den andern geistlichen Stiftungen wurde auch dieses Stift 1810 aufgehoben, 1827 aber wiederhergestellt. Jni Dreißigjährigen Kriege war die Stadt vielfacher Verwüstung preisgegeben, bis der große Kurfürst Friedrich Wilhelm ihr Rettung brachte. Vgl. Hcffter, „Geschichte der Kur - und Hauptstadt B." (Potsd. und Brandenb. 1838). Brandenburg oder Neu-Branden bürg, auch Brandenburg an derTol- lcnse genannt, der Hauptort des stargardischen Kreises im Großherzogthum Mecklenburg- Strelitz, liegt nicht weit vom Tollensec an dem Flusse Tollense und am Stargarder Bache, in einer bruchigen, wiesenreichcn, von Hügeln fast rings umgebenen Fläche. Die Stadt ist mit Wällen und Mauern umgeben, kreisförmig gebaut, zählt 6200 E. und hat ein Schloß, zwei Kirchen und ein Gymnasium. Es befinden sich hier eine chemische und eine Kartenfabrik; außerdem beschäftigen sich die Bewohner mit bedeutendem Ackerbau, Kattundruckerei, Damast-und Wollweberei, Gerberei, Papier-und Krappfabrikation; auch unterhalten sie lebhaften Handelsverkehr. In der Nähe der Stadt liegt das Lustschloß Belvedere. Brander nennt man ein mit brennbaren Stoffen kunstmäßig ungefülltes Fahrzeug, welches man entweder angezündet mit günstigem Winde gegen die feindlichen Schiffcschwim- men läßt, oder welches so eingerichtet ist, daß cs sich erst entzündet oder in die Luft fliegt, wenn es bei den feindlichen Schiffen ankommt. Zuweilen zündet auch die Mannschaft dm Brennstoff nach Art der Minen an und entfernt sich dann schnell auf Böten. Schon die Tyrcr gegen Alexander, die Karthager gegen die Römer und die Kreuzfahrer bei Ptolemgis bedienten sich solcher Brand- und Feuerschiffe; in der neuesten Zeit aber die Griechen während ihres Befreiungskampfes, in welchem Konst. Kanaris außer zwei Admiralschiffen noch viele andere auf solche Weise vernichtete. Brandes (Heinr. Wilh.), ehemaliger Professor der Physik an der Universität zu Leipzig, geh. am 27, Juli 1777 zu Groden, im Hamburg. Amte Ritzcbüttel, wo sein Vater Brandes (Joh. Christian) 599 Prediger war, kam in seinem 1 6. Jahre zu dem Wasserbaudirc-ctor Weltmann, um von ihm den praktischen Wasserbau zu erlernen, während er zugleich sich in seinen Mnßcstunden mir den mathematischen Wissenschaften eifrig beschäftigte. Im I. 179V bezog er die Universität zn Güttingen, wo er sich besonders an Lichtcnberg anschloß, und zwei Jahre später verband er sich.mit Vcnzcnbcrg (s. d.) zur gemeinschaftlichen Beobachtung der Sternschnuppen. Hierauf wurde er 1891 Deichconductcur im Herzogthume Oldenburg, wo er sich viel mit Mathematik und der Strahlenbrechung beschäftigte. Im I. 1811 folgte er dem Rufe als Professor der Mathematik nach Breslau und von hier 1826 an die Univc-rsität Leipzig, als deren Rector er am 17. Mai 1834 starb. Wie als Lehrer im Kreise zahlreicher Schüler, so erwarb er sich auch als Schriftsteller namhafte Verdienste sowol um die Erweiterung der Mathematik und Meteorologie als auch um die Verbreitung populaircr Kenntnisse in der Physik und Astronomie. Seine vorzüglichsten Schriften sind das „Lehrbuch der höhern Geometrie"(2 Bde., Lpz. 1822—21), „Beobachtungen über die Strahlenbrechung" (Oldenb. I8Ü7), „Beiträge zur Wittcrungskunde" (Lpz. 1829), „Briese über Astronomie" (2 Bdc., Lpz. 1811),diedann unter dcm Titel„Vorlesungcn über Astronomie" (Lpz. 1827) erschienen; „Lehrbuch der Gesetze des Gleichgewichts und der Bewegung fester und flüssiger Körper" (2Bde.,Lpz. 1817—18) und „Vorlesungen über die Natnrlehre" (3Bdc.,Lpz. >839—32). Für die neue Auflage des Gehlcr'schcn „Physikalischen Wörterbuchs" (1825 sg.) lieferte er unter andern namentlich die optischen Artikel. — Sei,, Sohn, Karl Wilh. Theod. B., gcb. zu Breslau am I V.Dcc. 1811, starb als akademischer Doeent und Lehrer an derNikolai- schulc zu Leipzig am 25. Jan. 1813. Er erhielt seine Bildung in Leipzig, wurde hier 1837 ^ Amanucnsis an der Sternwarte und machte 1837 eine Reise durch das nördliche Deutschland, Frankreich und England. Als er >819 an der Nikolaischule angestcllt wurde, ging er von der Sternwarte ab und übernahm noch in demselben Jahre an der Stelle des durch fortwährende Augenkrankhcit behinderten Professor Fcchner (s. d.) dessen Vorträge bei der Universitär, bei der er sich im nächsten Jahre habilitirte. Aus den hintcrlaffenen Papieren seines Vaters gab er die „Aussätze über Gegenstände der Astronomie und Physik" (Lpz. >835) heraus. Brandes (Joh. Christian), durch seine Schicksale wie als dramatischer Dichter merkwürdig, war am 15. Nov. 1735 zu Stettin geboren. Als Handlungslchrling einer entdeckten Veruntreuung wegen flüchtig geworden, kam er bettelnd nach Polen, wo er zunächst Lchr- bursche bei einem Tischler, dann durch Hunger und Elend gezwungen, Schweinehirt, Ausrufer bei einem Zahnarzt, Tabackskrämer, endlich Bedienter eines Holstein. Edelmanns wurde, der ihm einigen Unterricht crtheilcn ließ und durch den er Gelegenheit erhielt, das Theater zu besuchen. Letzteres machte sehr bald einen so mächtigen Eindruck aus ihn, daß er beschloß, sich der Schauspielkunst zu widmen, wozu er sich mit allem Fleiße vorbereitete. Im I. 1757 machte er seinen ersten theatralischen Versuch bei der berühmten Schönemann'schen Gesellschaft in Lübeck, als er jedoch hier keinen Erfolg hatte, trat er zur Koch'schen Truppe über. Nachdem er hierauf einige Zeit in der Zeitungscxpedition des esecrclairs und Dichters Dreyer gearbeitet hatte und in Dänemark Bedienter des Generals Schenk gewesen war, trat er 1769 bei der Schuch'schen Truppe in Stettin wieder auf, wo cs ihm nun besser glückte. Abwechselnd spielte er später in München, Leipzig, Hamburg, Hannover, Dresden und an andern Orten. Der schnelle Tod seiner Gattin und Tochter machte ihn schwermüthig; er hielt sich seitdem als Privatmann in Stettin, dann in Berlin auf, wo er mit Lcssing bekannt wurde I und am 19. Nov. 1799 arm und fast ganz verlassen und vergessen starb. Als Schauspieler I war er nur mittelmäßig, aber sehr fruchtbar als Bühnendichter. Seine ernsten Stücke, wie das bürgerliche Trauerspiel „Miß Fanny", sind nur unbedeutend; dagegen haben seine Lustspiele Werth, indem sie sich durch Bühncnkenntniß, lebendige Handlung, gelungene Charakteristik und fließenden Dialog vor den meisten andern ihrer Zeit auszcichnen. Zu den besten gehören „Trau, schau, wem", wofür er den in Wien ausgesctzten Preis erhielt, „Die Entführung", „Der geadelte Kaufmann" und der „GrafOlsbach". Sein Melodrama „Ariadne auf Naxos", eine Bearbeitung der Gerstenbergk'schcn „Ariadne", machte mit den Musiken von Benda (1778) und Neichardt (1789) auf den deutschen Theatern großes Glück. Er selbst veranstaltete eine Ausgabe seiner „Sämmtlichen dramatischen Schriften" (8 Bdc., 600 Brandes (Rud.) Brandis (Christian Aug.) ^ Hamb, und Lpz. 1790—91). Kurz vor seinen, Tode schrieb er mik höchst anziehender Nal- » z vetät und Auftichtigkeit seine interessante, inhaltreiche und belehrende Selbstbiographie r (3 Bde., Berl. 1799 —1800; 2. Aufl., 1802 — 5). — Seine Frau, Esther Char- ( lotte, geb. Koch, 17-16 in Lithaucn geboren, war eine ausgezeichnete Schauspielerin, ö überall der Liebling des Publicums, eine treffliche Gattin und Mutter, die besonders in dem 1 von ihrem Manne für sic geschriebenen Melodrama „Ariadne auf Naxos" ihre Triumphe „ feierte, aber schon 1786 zu Hamburg starb. — Seine Tochter, Charlotte Wilhelmine ( FranciscaB., gewöhnlich Minna B. genannt, geb. zu Berlin 1765, entwickelte ein ! § ungemeines Gesangstalent und versuchte sich auch in eigenen Kompositionen, welche nach ! s ihrem Tode erschienen. Sie trat zuerst 1782 zu Weimar auf und starb, tief und allgemein l betrauert, l 7 88 als erste Sängerin zu Hamburg. l k Brandes (Nud.), einer der vorzüglichsten Pharmaceuten Deutschlands, wurde am ! t 18. Oct. 17 9 5 zu Salzuflen im Fürstenthume Lippe-Detmold geboren, wo sein Vater Ave- - theker war, und auf dem Gymnasium zu Osnabrück gebildet, worauf er als Apotheker lernte. t Seit 18 l 5 studirte er in Halle und dann in Erfurt unter Bucholz insbesondere Expcrimen- k talchemie. Im I. 1819 mußte er die väterliche Apotheke in Salzuflen übernehmen, wo er sich sehr bald einen schönen Wirkungskreis, namentlich in den, von ihm gegründeten Apo- d thekerverein im nördlichen Deutschland, einem Institut, welches der deutschen Pharmacie r zur größten Ehre gereicht, verschaffte, und dem er als Oberdirector bis zu seinem Tode vor- r stand. Er starb als Hof- und Medicinalrath am 3. Dec. 1812. In Verbindung mit « Meißner, Trommsdorf, Schräder und Staberoh gründete er die Hagen-Bucholz'schc Stif- t tung, indem Freunde und Verehrer von Bucholz und Hagen ein bedeutendes Capital zusam- e menbrachtcn, von dessen Zinsen jährlich eine goldene Prcismcdaille an Apothekergehülfen ( ausgetheilt wird, die eine von Seiten des Vorsteheramts der Stiftung aufgegebene Preis- ( frage angemessen gelöst haben. Seine zahlreichen chemischen und pharmaceutischcn Arbeiten I finden sich zum Theil in dem von ihm gegründeten „Archiv der Pharmacie des Apotheker- ! Vereins im nördlichen Deutschland", das er vom I61. Bande allein, vom 65.—82. mit ^ > Heinr. Wackenroder (Schmalk., dann Lemgo 1822—12) herausgab, und in der ebenfalls von ihm herausgegebenen „Pharmaceutischcn Zeitung des Apothekervereins im nördlichen l Deutschland" (Lemgo 1827—37), in verschiedenen Journalen, zum Theil auch in einzelnen t chemischen Schriften, wie die über Pyrmont, Tatcnhauscn, Meinberg u. s. w. Besondere Er- ^ ; wähnung verdienen auch sein „Repertorium für die Chemie" (1 Bde., Hannov. 1827—33) ; e und die von ihm und Cap herausgegebenen „Elemente der Pharmacie" (Hannov. 1811). > Brandgranaten sind ebenso eingerichtet wie die Brandbomben (s. Bombcn) und > unterscheiden sich von diesen nur dadurch, daß sie aus Haubitzen, jene aber aus Mörsern geworfen werden. Brandts (Christian Aug.), preuß. Geh. Regierungsrath und ordentlicher Professor j der Philosophie zu Bonn, geb. am 13. Febr. 1790 zu Hildesheim, widmete sich den philolo- l gischen und philosophischen Wissenschaften auf den Universitäten zu Kiel und Güttingen, hielt j sich dann seiner Gesundheit halber eine Zeit lang in Dresden auf und promovirte l 813 zu Kopenhagen mit seinen „ Oommentstiones eleuticac Xenopbontis " (I.Abth., Altona ^ - 1813). Später vertauschte er Kopenhagen mit Berlin, wo er kaum seine Vorlesungen begonnen hatte, als ihn 1816 Niebuhr bewog, ihm als Secretair der preuß. Gesandtschaft nach Rom zu folgen. So theuer dieses Verhältniß ihm war, so konnte er doch eine noch ehren- - vollere Wahl, die ihn traf, nicht ablehnen, als es galt, die umfangreichen, mühseligen For- schungen, Sammlungen und Sichtungen zu übernehmen, welche bei der von der königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin beabsichtigten großen kritischen Ausgabe der Werke des Aristoteles (1 Bde., Berl. 1831 —36, 1.) erfoderlich wurden. Er widmete sich in den nächsten Jahren dieser Aufgabe ganz und ausschließlich und bereiste mit Immanuel Bekker zu diesem Zwecke die wichtigsten europ. Bibliotheken. Erst 1821 kehrte er zur akademischen Thätigkeit zurück, indem er eine ordentliche Professur zu Bonn antrat, wo er bald ganz heimisch ! wurde. Hier besorgte er die Ausgaben der „Metaphysik" des Aristoteles und der „8ckolia xraeca in Lristotelis wetspli^sicsin (Berl. 1837). Nur Schelling's Vermittelung und die Größe und Schönheit des Zwecks vermochten es über ihn, im 1. 1837 sich als Lehrer des jun- Brandis (Joach. Dietrich) Brandt (Sebast.) 601 gen Königs von Griechenland Urlaub zu erbitten. In dieser Stellung verweilte er alsCabi- neksrath des Königs von Griechenland mehre Jahre. Die Früchte seines Aufenthalts in Griechenland hat er in den „Mittheilungcn über Griechenland" (3Bde., Lpz. 18-12) veröffentlicht, die als Reiscskizzen, Beitrage zur Geschichte des griech. Befreiungskriegs und zur Kenntniß des gegenwärtigen Zustandes von Griechenland sehr belehrend sind. In seinem „Handbuch der Geschichte der griech.-röm. Philosophie" (Bd. 1, Berl. 1835) hat er für die Erkenntniß des griech. Denkens durch Feststellung des Thatsächlichen eine wahrhaft historische Basis gelegt. Inwiefern aber B. nicht blos durch die gründlichsten Arbeiten über die Geschichte der Philosophie, deren Verdienst allgemein anerkannt ist, sondern auch durch Darlegungen seiner eigenen philosophischen Denkweise auf eine bedeutende Stelle unter den Denkern würde Anspruch machen können, darüber laßt sich nicht urtheilen, da er noch keine systematische Untersuchung veröffentlicht hat. Nur durch eine ausführliche Kritik über Herbart's Metaphysik, die aber nicht frei war von Misverständnissen, hat er bis jetzt ap den spccula- kiven Verhandlungen der neuern Zeit Theil genommen. Einen Beweis öffentlicher Anerkennung erhielt er 1832 durch seine Ernennung zum Geh. Rcgierungsrath. Brandts (Joachim Dietrich), Conferenzrath und Leibarzt des Königs von Dänemark, der Vater des Vorigen, geb. zu Hildeshcim 1762, erhielt 1786 die medicinische Doctorwürde und wurde darauf Professor der Medicin zu Kiel, von wo er 1809 dem Rufe als Leibarzt nach Kopenbagcn folgte. Als praktischer Arzt hat er sich in Dänemark großen Ruhm erworben, und die Literatur kennt ihn als einen Schriftsteller von gediegener, kräftiger Eigen- thümlichkeit. Die Mehrzahl seiner Werke ist in deutscher Sprache geschrieben; unter ihnen erwähnen wir seine ^Pathologie" (Hamb. 1808;Kopenh. 1815), „Über humanes Leben" (Schlcsw. 1825), „Uber den Unterschied zwischen epidemischen und ansteckenden Krankheiten" (Kopenh. 1831), „Erfahrungen über die Anwendung der Kälte in Krankheiten" (Berl. 1833), „Nosologie und Therapie der Kachexien" (2 Bde., Berl. 1833—39) und „Über Leben und Polarität" (Kopenh. 1830). Von seinen kleinern Schriften in dän. Sprache erwähnen wir „Om Industrien og Midlerne til dens Befordring" (Kopenh. 1812). Brandkugeln hießen sonst in der Artillerie elliptische Geschosse, aus einem eisernen Gerippe, Kreuz genannt, bestehend, über welches ein zwillichener Sack, der Mantel, gezogen, das Innere aber mit Brandsatz vollgestopft wurde. Ein solches Geschoß erhielt alsdann einen Zünder und wurde sowol aus Haubitzen als aus Mörsern geworfen, gegenwärtig ist es fast ganz außer Gebrauch gekommen und durch Brandgranaten und Brandbomben (s. Bomben) ungleich zweckmäßiger ersetzt worden. Der Hauptvorwurf, der die frühem Brandkugeln traf, war die durch ihre unförmliche Gestalt erzeugte unregelmäßige Flugbahn. Brandraketen, s. Raketen. Brandschwärmer sind gewöhnliche von Papier rollirte Schwärmer, an deren Ende statt des sogenannten Schlags eine Flinten- oder Karabinerkugel befestigt ist, um dem leichten Geschoß die crsoderlichc Schwere zu geben und das Eindringen desselben in feste Gegenstände zu erleichtern. An den Kopf des Schwärmers wird eine gewöhnliche Pulverpatrone befestigt. Die Brandschwärmer werden, in Ermangelung der Artillerie, aus Flinten, Karabinern oder Pistolen gegen Strohdächer und andere leicht entzündliche Gegenstände abgeschossen. Brandt (Enewald, Graf von),s. Struensee und Brandt. Brandt (Sebast.), geb. zu Strasburg 1358, studirte in Basel die Rechte und mit nicht geringerm Eifer die classischcn Schriftsteller. Jm J. 1383 erwarb er die Erlaubniß zu lehren und wurde I389 Doctor beider Rechte und durch seine Vorträge einer der einflußreichsten Lehrer der baseler Hochschule. Auf Empfehlung Geiler's von Kaisersberg (s. d.) erhielt er in seiner Vaterstadt 1501 die Stelle eines Rechtsconsulentcn und zwei Jahre darauf die eines Stadtschreibers. Kaiser Maximilian bewies ihm seine Hochachtung dadurch, daß er ihn zu seinem Rath und zum Pfalzgrafen ernannte. Mit dem Franciscanermönche Wigand Wirth gericth er wegen des Dogma der unbefleckten Empfängniß der Jungfrau Maria in Streit, der sich 1513 zu seinen Gunsten entschied. Im I. 1520 ging er als Abgeordneter der Stadt an Kaiser Karl V. nach Gent und starb am 10. Mai 1521 zu Strasburg. Seinen Ruf als Dichter haben weniger seine zahlreichen lat. Poesien, als sein deutsch geschriebenes „Narrenschiff oder das Schiss von Narragonia" (Bas 1393,3.) begründet, in welchem s-. - 602 Brandtücher Branicki er die Laster und Thorhciten seiner Zeit, die er einzeln als Narren darstellt, in I l 3 Capiteln oder Schiffsladungen mit Witz und Frcimuth züchtigt. Der Bortrag ist im Ganzen wenig poetisch, oft zu gelehrt, kurz und dunkel; doch fehlt cs sonst nicht an glücklichen und treffenden Wendungen. Als ein Buch voll gesunden Verstandes, tüchtiger Moral, geraden und freien Sinnes, vieler Welt- und Menschenkenntniß war es lange ein echtes Volksbuch und so bekannt und geehrt bei allen Classen, daß der erwähnte Prediger Geiler von Kaiscrsberg zu Strasburg daraus die Texte zu seinen Predigten nahm. Es ward sehr oft aufgelegt, zugleich aber auch intcrpolirt und nicht nur in das Lateinische von Jak. Locher (Bas. 1107), sondern fast in alle europ. Sprachen übertragen. Eine neue Ausgabe des Werks mit dem Leben des Dichters haben wir von A. W. Strobel (Quedl. 1838). Eine Sammlung seiner lat. Gedichte, wegen literarhistorischer Notizen beachtenswcrth, erschien zu Basel (1108,3.). Außerdem haben wir von B. noch eine Bearbeitung des „Freidank" (Strasb. 1508) und des „Renners" von Hugo von Trimberg (Franks. 15-10). Brandtücher heißen drei Fuß lange Stücken grober Leinwand, welche in einem aus zerlassenem Pech, Blasenholz, Talg, Lein- und Kienöl bestehenden Brandsatz getaucht und dann in Nahmen von trockenem Kiefernholz gespannt werden. Um die Brandtücher noch entzündlicher zu machen, werden sic mit Schießpulver bestreut und Stücke von Zündlichtern in einzelne eingestochene Löcher gesteckt und dort befestigt. Die Brandtüchcr dienen dazu, um an die Verkleidung der feindlichen Batterien angehängt und angczündct, diese in Brand zu sehen. Auch um eine hölzerne Brücke schnell zu verbrennen, umwickelt man die Pfeiler und Pfosten mit Brandtüchern und zündet diese an. Brandung nennt man sowol das schäumende Brechen der Wellen als auch den Ort selbst, wo die Strömung mit großer Gewalt, mit Schäumen und Toben an verborgene Klippen oder felsige Ufer schlägt. Brandung findet nicht allein in der Sec, unfern des Ufers, sondern auch oft an den Mündungen der Flüsse statt. In den Meeren, welche Passatwinde haben, sind die Brandungen am gefährlichsten, so namentlich an der Küste von St.-Helena. Brandwache hieß sonst beim Militair die Wache hinter dem Lager, der vornehmlich die Aufrechthaltung der Police!, die Aufmerksamkeit auf die Lagerfeuer, die Bewachung der Arrestanten und Gefangenen und nächstdem auch die Sicherstellung gegen Überfälle im Rücken des Lagers oblag.— In der Sccsprache heißt Brandwache ein Schiff, welches in einiger Entfernung von der Flotte als Wacht-, auch als Kundschaftsschiff ausgestellt wird Branicki (Jan Klemens), poln. Großhetman der Krone, gebi 1688, war von mütterlicher Seite ein Enkel des berühmten Czarniecki und der letzte Sprößling der edlen und mächtigen Familie der Branicki des Wappens Gryf. In der Jugend diente er im franz. Heere. Nachdem er 1715 in das Vaterland zurückgekehrt war, gehörte er zu der Conföderation gegen August ll., wodurch dieser genöthigt werden sollte, sein sächs. Heer aus Polen zu entfernen. Er sah mit Schmerz das immer mehr hereinbrechende Unglück seines Vaterlands und doch wollte er keine der alten Freiheiten, in welchen der Grund des Verfalls lag, aufgeben. Nach dem Tode August's III. trat B-, damals erster Senator und Oberanführer des Heers, mit Karl Nad.stwill an die Spitze der republikanischen Partei, die ihm sogar die Krone anbok. Doch die monarchische Partei der Czartoryiski hatte das Übergewicht auf dem Reichstage von 1761, und B. als Vaterlandsverräther angeklagt, wurde verbannt und aller Würden für verlustig erklärt. Anfangs wollte er sich diesem Urtheil widersehen; aber von dem rnss. Militair verfolgt, flüchtete er nach Ungarn, wo er im zipser Comitate eine Zuflucht fand. Nachdem Poniatowski den Thron bestiegen, dessen geistvolle Schwester B. zur Gemahlin hatte, kehrte er, noch ehe der Ürthcilsspruch aufgehoben war, auf Poniatowski vertrauend und unter dem Schutze von 300 Bewaffneten nach Polen zurück und blieb ruhig auf seiner Herrschaft Bialystok, zumal als sich Frankreich für ihn verwendete. Seitdem lebte er zurückgezogen und bemühte sich, sein Bialystok in ein poln. Versailles umzuschaffen; er erbaute hier ein Schloß im ital. Stile und legte einen weitläufigen Park an. An der barer Konföderation konnte er keinen thätigen Ankheil mehr nehmen, doch förderte er sie mit Geld und Rath. Er starb am 0. Oct. 1771. — ckawery B., aus einer andern Familie, war ebenfalls Großhetman der Krone. Nachdem er schon gegen die barer Confödcrirten als Anführer deS königlichen Heers zu Felde gezogen war, gehörte er 20 Jahre später zu den Häuptern der targowiczer ! C dr 2 til K f° Lc zu P ih! S ! N da S ha au s°> kia D >vl in M G, dei Gl üb hä C, der S-1 wi sei! M > dci K! die au Sl wi »n de< P- B> bei ris die ! r>« D, Brauch Branntwein 603 Confsderation, welche der Constitution vom 3. Mai l 7 9 l entgegentrat und unter dem Schutze der Kaiserin Katharina II. die Vorrechte des Adels aufrecht erhalten wollte. Nachdem sich Poniatowski dieser Konföderation angeschlofscn hatte und alle Bestimmungen des Constitu- tionsrcichstags aufgehoben worden waren, trat B. an die Spitze der Deputation, die der Kaiserin in Petersburg für die Wiederherstellung der Adclsprivilegicn im Namen der Con- ftdcrirten ihren Dank darbrachten. Nach den Theilungcn Polens verlebte er den Nest seines Lebens als rufs. Unterthan auf seiner Herrschaft Bialocerkicw. Braniß (Christlieb Jul.), ordentlicher Professor der Philosophie an der Universität zu Breslau, geb. daselbst am l 8. Scpt. 1792, studirtc 1819— 16 zu Berlin und zu Breslau Philologie und Philosophie und machte sich zunächst durch die Preisschrift „Die Logik in ihrem Vcrhältniß zur Philosophie, geschichtlich betrachtet" (Berl. 1823) und eine andere- Schrift „Über Schleiermacher's Glaubenslehre" (Berl. 1824) sehr vortheilhast bekannt. Nachdem er sich 1826 an der Universität seiner Vaterstadt habilitirt, wurde er unmittelbar darauf zum außerordentlichen und 1833 zum ordentlichen Professor der Philosophie ernannt. Zeine philosophische Ansicht, welche er selbständig und doch auch in wesentlichem Zusammenhänge mit der durch Fichte, Schilling und Hegel bczcichneten Richtung der Speculation auszubilden bemüht war, bezeichnen sein „Grundriß der Logik" (Bresl. 1839) und sein „System der Metaphysik" (Bresl. 1834), denen er neuerdings die „Geschichte der Philosophie seit Kant" (Bd. I, Königsb. 1842) folgen ließ. Branntwein heißt die aus Wasser und Weingeist und häufig auch noch aus dem kigcnthümlichcn Arom der angcwendctcn Substanz bestehende Flüssigkeit, die man durch Destillation von Substanzen erhält, welche der sogenannten weinigen Gährung unterworfen worden sind. Er trägt diesen Namen zunächst nur, insofern er zum Getränk brauchbar ist, da in Bezug auf andere Zwecke die verschiedenen Verdünnungsgrade des Alkohols (s. d.) den Namen Weingeist tragen. Aus allen reinen Branntweinen kann man aber Alkohol darstellen. Man bereitet den Branntwein theils aus solchen Substanzen, die unmittelbar der weinigen Gährung fähig sind, also zuckerhaltigen Säften aller Art, die dann blos mit Hefe versetzt, der Gährung überlassen und dann destillirt werden, oder aus stärkmehlhaltigen Körpern, Gctrcidearten und Kartoffeln, die dann vorläufig durch einen andern Proceß erst in Zucker iibergeführt werden müssen, oder endlich aus Flüssigkeiten, die schon gebildeten Weingeist enthalten, also nur zu distelliren sind. Der letzter» Art gehört der Franzbranntwein oder Cognac an, der aus Franzweinen destillirt wird und dessen Güte sich nach der GüteundStärke des angewendeten Weins richtet. Die zweite Art umfaßt die in Deutschland fast allein dar- gestellten und von den nieder» Classcn fast ausschließlich consumirten Kartoffelbrannt- weine und Getreidebranntweine; zu letzter» sind alle Getreidearten und selbst Hülsenfrüchte anwendbar, doch werden vorzugsweise nur Roggen (daher Kornbranntwein) and Gerste verwendet. Der ersten Art gehören alle Obst- und Bcerenbranntweine an, unter denen nur daS aus mit den Kernen zerquetschten und gegohrnen Schwarzkirschen destillirte Kirsch wasser und allenfalls die aus Pflaumen bereitete Slibowiha einigen Ruf hat; ferner die aus gegohrnen Weintrauben bereiteten schlechten Franzbranntweine; der Rum oder Tafia (nicht mit Ratafia, einer Art Liqucur, zu verwechseln) welcher eigentlich aus Zuckerrohrsaft destillirt wird, doch werden auch die gcringern, aus den Melassen und Tyrupen der Zuckersiedereien und Runkelrübenzuckerfabrikcn bereiteten Zuckerbrannt- wcin e häufig unter diesem Namen verkauft (auch reine, durch gebrannten Zucker gefärbte Md durch Lagern auf eichncn Fässern oder Zusatz von buttersaucem Äther mit dem Arom des Rums versehene Branntweine); endlich der Arak, welcher eigentlich aus zuckerhaltigen Palmensästcki in Ostindien bereitet, aber häufig dadurch nachgcmacht wird, daß man reinen Branntwein mit Reis macerirt. Eine ganz besondere Ärt ist der durch Gährung von Milch bereitete Kumiß oder Arki der Tataren. Allen diesen Branntweinarten ist der Weingeistgehalt wesentlich, und nach seiner Größe uchket sich die Stärke des Branntweins, die man deshalb durch die Branntweinwagen oder die Aräo metcr (s. d.) bestimmen kann. Bei der ersten Destillation wird gewöhnlich ein Milich verdünnter (einfacher) Branntwein gewonnen, den man dann durch nochmalige Destillation roneentriren kann (Doppelbranntwein), indessen hängt auch die anfänglich« 604 Branntweinbrennerei Stärke sehr von dem Verfahren ab. Archer Weingeist und Wasser enthalten die meisten und > unmittelbar nach der Gewinnung alle Branntweine ein besonderes, riechendes Öl, die Zucker- branntwcinc auch noch einen vom angebrannten Zucker herrührenden Farbstoff. Zenes Ol, das sogenannte Fuselöl, welches keineswegs in den angewcndetm Körpern schon enthalten ist, sondern sich erst während der Gährung bildet, ist bei den verschiedenen Branntweinarten von verschiedener Natur und bedingt den unterscheidenden Geschmack und Geruch, wol auch die nicht immer gleiche Einwirkung auf den Körper. Wo jene unterscheidenden Eigenschaften angenehm sind, da scheidet man das Öl nicht ab, wol aber ist diese Wcgschaffung des Fusels aus dem Getrcidebranntwein und besonders dem Kartoffelbranntwcin nöthig, da die Fuselöle dieser Branntweinarten unangenehm riechen und nachtheilige Wirkungen auf den Körper haben. Man kann sich, da das Fuselöl weniger flüchtig und brennbar als der Weingeist ist, von dem Fusclgchalte leicht durch den schlechten Geruch überzeugen, den der beim Verdunsten einer Probe in der flachen Hand oder beim Verbrennen des Branntweins bleibende Rückstand hat. Starker Fuselgehalt färbt auch den Branntwein etwas und macht den Geschmack scharf und beißend. Die Anwendungen des höchst wahrscheinlich von den Arabern im t Z. Jahrh. erfundenen Branntweins sind bekannt genug. Reine Branntweine in kleinen Quantitäten genossen, sind allerdings ein diätetisches Mittel, besonders für die arbeitende Classe und alle Die, welche rauher Witterung häufig preisgegeben sind. Leider aber reizt kein Getränk so wie der Branntwein zu unmäßigem Genüsse, wie die Indianer beweisen, und dann hat er die verderblichsten Folgen für Geist und Körper. Das Überhandnehmen des Branntweingenusses unter den arbeitenden Elasten, besonders in den letzten 50Jahren, hat die Mäßigkeitsvcrcine (s. d.) hervorgcrufen; die Hauptsache aber ist, ein allgemeines Ersatzmittel, und da hier das Bier (s. d.) am nächsten liegt, ein billiges aber kräftiges Bier zu erzeugen. Das Streben nach diesem Ziele einerseits, die Mäßigkeitsvereinc und die Verbreitung besserer Bildung andererseits haben in vielen Gegenden der Branntweincvnsumtion schon einen starken Stoß gegeben; indessen liegt das Eingehen vieler kleinern Brennereien in den Zollvereinsstaaten mehr in den Steuerverhältnissen und der Concurrenz, welche nur großen, mit vorzüglichen Apparaten versehenen Brennereien die Arbeiten mit Vortheil möglich macht. Aus den Branntweinen werden dadurch, daß man sic über aromatischen (äthcrischöligen) Pflanzcn- theilen umdestillirt (abzieht), oder kürzer neuerdings unmittelbar durch Vermischung starken fuselfrcicn Branntweins mit dem entsprechende» ätherischen Öle die abgezogenen Branntweine (gebrannten Wässer, Aquavite) dargestellt, welche ihre Namen nach den angewcndetcn Pflanzen erhalten, z. B. Kümmel, Citronen u. s. w.; Curacao ist so viel als Pomeranze» (über Pomeranzenschalen von Curacao destillirt), Maraschino ist über zerstoßene Kirschkerne abgezogen u. s. w. Lästman in den abgezogenen Wässern Zucker auf, so werden sie zu Liqueu- ren (s. d.) und Ratafias (s. d.). Die Kittern Liqueure werden durch Extraction der bittern Pflanzen mit Branntwein gewonnen, z. B. Oxtr-üt ck'sli8mtüe aus Wermuth u. s. w. Branntweinbrennerei. Ziehen wir zuerst die Branntweinbrennerei aus Getreide in Betracht, so ist zunächst der Stärkmehlgchalt des Getreides in gährungsfähi- gen Zucker zu verwandeln. Es geschieht dies durch das sogenannte Malzen und das darauf folgende Einmaischen. Das Malzen besteht in einem Keimenlassen des Kerns bis zu einem gewissen Grade, worauf der Kcimungsproceß durch Trocknung des Malzes an der Lust oder i auf Darren unterbrochen wird. Dabei entwickelt sich, wie man freilich erst in neuerer Zeit ^ ermittelt hat, in dem keimenden Kerne (besonders reichlich in der Gerste) eine Substanz, die man Diastase nennt und welche die Fähigkeit hat, Stärkmehl, mit dem sie unter Concurrenz einer hinreichenden Waffermenge bei 6ü"—7V° Wärme zusammcnkommt, schnell in Gummi (Dextrin) und sogenannten Stärkezucker überzuführen. Man schrotet also das Malz und rührt es dann mit heißem Wasser an (Einmaischcn), wobei in größer« Etablissement die Mischung durch sogenannt? Maischmaschinen, die sich in den Maischbottichen befinden, unterstützt wird. Nach 2—3 Stunden ist die Verwandlung des Stärkmehls in Zucker und Gummi vor sich gegangen. Man muß nun dieMaische stellen, d. h. mit so viel kaltem Wasser verdünnen, daß sie sowol auf die zur Gährung günstige Temperatur von 18"—20" abgekühlt (was durch Abgießen in Kühlschiffe oder besondere Kühlapparate beschleu- I ylgt wird), als auch -uf den zur Destillation bequemsten Consistenzgrad gebracht wird. Die ! und cker- Öl, 'ist, von ) die flcn iscls usel- rper iisi, >sien land harf hrh. age- Oic, eder wrb- mter ine das eben ,ung Ltoß akcn chen den >;cn- >rken nnt- >etcn uze» eruc leu- ter» Ge- ähi- rauf nem oder Zeit , die renz inmi »alz enls ldcn, und lttm 20 " lleu- Die Brarrtöme 6V5 gestellte Maische wird dann mit Hefe versetzt und in den Desiillationsapparat gebracht. Dieselben Arbeiten sind bei der Kartoffelbrennerei nöthig, nur gestalten sie sich da anders: die Kartoffeln enthalten nämlich weder Diastase, noch bildet sich beim Keimen solche in ihnen, ja man darf gekeimte Kartoffeln gar nicht anwenden, da die Keime eine giftige Substanz, dasSolanin, enthalten, welches wenigstens in die Schlempe übergehen und sie als Vich- siitter unbrauchbar machen würde. Die in besondern Maschinen gewaschenen, mit Dampf gekochten, zwischen Walzen zerquetschten Kartoffeln werden daher beim Einmaischen mit einem angemessenen Zusatze von Gerstenmalz versehen, dessen Diastase auch das Stärkmehl der Kartoffeln umwandelt. Das Weitere ist dann wie oben. Es liegt nun nahe, daß man auch den aus Stärkmchl für sich durch Diastase oder auch durch Schwefelsäure bereiteten Der- tmisyrup oder Stärkesyrup unmittelbar mit Hefe versetzen und dcstilliren kann. Bei allen Zuckcrbranntweincn u. s. w. fällt das Einmaischen weg, da die süßen Säfte unmittelbar die Maische bilden. Die Destillationsapparate, welche sonst aus einer einfachen, über einer Feuerung eingcmaucrten kupfernen Blase bestanden, auf welche ein sogenannter Helm aufgesetzt war, der die Weingeistdämpfe in das mit seinem Schnabel verbundene, durch Wasser stets kalt gehaltene, spiralförmig gewundene Kühlrohr leitete, aus dessen Ende dann die Dämpfe zuBranntwein condensirt hcrvorsiossen, haben in neuerer Zeit beträchtliche Verbesserungen erfahren, die allerdings, gerade wie die zu den Vorbercitungsarbeitcn dienenden Maschinen, wegen der Kostspieligkeit und Umfänglichkeit der Apparate ihren vollständigen Nutzen nur bei größern Brennereien gewähren. Der Zweck dieser Apparate ist ^Vermeidung des Anbrcnncns der Maische durch zweckmäßige Feuerungsanlage, Anbringung von Rührwerkzcugen in der Blase oder Erhitzung durch Dampf (Dampfbrennerei); 2) möglichst vollständige Benutzung der mit den Dämpfen entweichenden Wärme, zu Ersparung an Brennmaterial; hierher gehört besonders die Einrichtung der Vorwärmer, d. h. die Benutzung der Maische zu anfänglicher Condensation der Dämpfe statt des Kühlwaffers, wobei sich die Maische selbst vorläufig durch die den Dämpfen entzogene Wärme erhitzt; 3) möglichst vollständige Gewinnung des Weingeistes und zwar in möglichst concentrirtcr Gestalt gleich bei der ersten Operation; dies geschieht kheils durch Anwendung zweier oder mehrer Destillir- gefäße, deren folgendes das Product des vorhergehenden allemal wieder aufnimmt, theils durch verbesserte Condensatorcn und Kühlapparate. Die neuere Zeit hat viele solche Apparate aufzuweisen, unter denen wir nur als allgemeiner bewährte den einfachen Dorn'schcn, den zusammengesetztem Pistorius'schen und den für Anwendung von Dampf bestimmten Gall'schen nennen wollen. Sehr häufig ist die Vorrichtung zur Entfuselung des Branntweins gleich mit dem Destillationsapparate verbunden, doch kann man den Branntwein besser nachher durch Digestion mit Kohle und Ähkalk (welche Mittel wol noch die besten Dienste leisten) in angemessenen Verhältnissen und darauf folgendes nochmaliges Umdcstilliren cnt- suseln. Vollständige Entfuselung, wenn sie nicht das Product zu sehr vertheucrn und Verluste durch Zersetzung von Weingeist herbeiführen soll, ist überhaupt eine schwierige Aufgabe. Der Rückstand in der Destillirblase ist die sogenannte Schlempe, bestehend aus Wasser, wenig Weingeist und den der Zersetzung entgangenen Antheilen von Stärke und Zucker, sowie dem Dextringummi; sie ist ein zu Bereitung des Viehfuttcrs im Allgemeinen sehr geeignetes und geschätztes Nebenprodukt. Brantöme (Pierre deBourdcilles, Seigneur de), gcb. zu Perigord in Eascogne um 1527, machte als Kammerhcrr des Königs Karl's IX. und Heinrich's III. viele Reisen und Feldzüge; er focht seit 1562 gegen die Hugenotten, 1564 in der Berberei und ging 1566 nach Malta, um an den Türken seine Tapferkeit zu erproben. Nach seiner Rückkehr an den Hof zog er sich, da man ihn nicht weiter beförderte, auf sein Gut zurück, wo er, mit sich und der Welt zerfallen, seine „5lemoires" (6 Bde., Leyd. 1666—96) schrieb. Ungeachtet dcS unsteten Lebens, das er geführt hatte, war er gebildeter als die meisten seiner Waffengefähr-- ten. Er starb am 15. Juli 1614. Den Namen Brantöme führte er nach der ihm vom Könige erkheilten franz. Abtei gleiches Namens. Seine Memoiren enthalten bei allem Sclbstlobe naiver Eitelkeit viel Anziehendes; sie sind ein lebendiges, sehr dctaillirtes Gemälde ihres Zeitalters und zeigen ganz den Charakter des Geburtslandes und Standes ihres Verfassers, den Recht und Unrecht nicht kümmern, der als Hofmann nie die Großen tadelt, aber ihre 606 Brasilien (Geogr. n. Statist.) Fehler und Verbrechen um so freimüthiger erzählt, weil er selbst nicht gewiß ist, ob sie gut oder böse sind. B.'s „Oeuvres" erschienen im Haag (10 Bde., 17-10), in Mastricht (15 Bde., >779), in Paris (8 Bde., 1787) und neuerdings im „Uantlienn litteraire" von Buchon (2 Bde., Par. >837). — Sein älterer Bruder, Andre de B., zeichnete sich in der diploma- tischen Laufbahn aus. Karl IX., Heinrich II. und Katharina von Medici vertrauten ihm wichtige Sendungen an. Auch hat er mehre militairische Abhandlungen hinterlasscn, die zum Theil in die Werke seines Bruders mit ausgenommen sind. Brasilien, das ausgedehnteste und am meisten gesegnete Reich der neuen Welt, begreift das Ostland Südamerikas und reicht vom Occan bis an den Fluß Aavari unter 7tk wcstl. L. und von -1° 3«0—33" südl. B. Nach Norden grenzt eS an das engl, und franz. Guiana, an Venezuela und Ecuador, nach Westen an Peru, Bolivia und Paraguay, nach Süden an Montevideo. Zwar sind diese politischen Grenzen durch Verträge mit Spanien in den I. >777, 1778 und >801 festgesetzt, allein wegen der großen Wildheit des Innern an so wenigen Orten wirklich vermessen, daß in Beziehung auf sic viel Ungewißheit herrscht, sodaß der gesammte Flächeninhalt des Landes, nur annähernd, bald zu >35000, bald zu 1-12000 mM. angegeben wird; die erstere Zahl dürfte indessen die richtigere sein. Der Oberfläche nach zerfällt B. in drei deutlich verschiedene Regionen, in ein ebenes Küstenland von meist geringer Breite, in ein inneres, durchschnittlich 2500 F. erhöhtes, von zahlreichen Berg- zügen überragtes Tafelland und meine große, wenig geneigte und vom Amazonas oderMa- ranon (s. d.) durchströmte Ebene, auf welcher nur an einer Stelle geringe Hügel sich erheben. Den ungemein fruchtbaren, an den unangebauten Orten meist mit Urwald bedeckten Küstenstreif trennt das Küstcngebirge, Scrra do mar, von 3000 F. mittlerer Höhe vom Hochlande. Ihm parallel, also in der Richtung von Süden nach Norden, verlaufen andere zahlreiche Ketten, unter welchen die Serra de Mantiqueira die höchste ist. Keine erreicht aber bedeutende Höhen, denn selbst der höchste Berg B.s, der Ztacolumi, 5700 F. hoch, bleibt weitunterhalb der Schneegrenze. Die ehemalige Ansicht, daß diese den Anden parallelen Ketten zu dem System derselben, gehörten und die Vorstufen derselben bildeten, hat sich als falsch erwiesen, indem daß brasilische Hochland nach Westen bedeutend absinkt und durch große Ebenen von oen Anden getrennt ist. Unter sich stehen diese Gebirge durch querlaufendc Äste nicht selten jn Verbindung und umschließen überaus zahlreiche Thäler und mannichfach gestaltete Vertiefungen. Als Folge dieser Bödenbildung fällt zunächst der sehr verlängerte Lauf der meisten Flüsse auf, welche, obgleich sie unfern von der Küste entspringen, genöthigt sind, in nördlicher oder südlicher Richtung manchen Breitegrad zu durchströmen, ehe sie zu einem der beiden großen Kanäle, dem Amazonas und Plata, gelangen, die fast allein alle jene Gewässer aufnehmen, deren Quellen zwischen der Serra domarund den Anden liegen. Außerdem bedingen aber auch diese Gebirgszüge eine große Verschiedenheit der Thier-und Pflanzenwelt. Der tropische Urwald, dessen Anblick seit den frühesten Zeiten die Verwunderung aller Reisenden erregte, und in dem nördlichen Flachlande, von der Mündung des Amazonas bis auf die Vorberge der Anden ununterbrochen sich fortzicht und nicht minder das Küstenland Hit weit nach Süden hin bedeckt, weicht im inncrn Hochlande lichten Gehölzen, die durch Wachsthum, landschaftlichen Charakter und botanische Verschiedenheit ihre geringe Verwandtschaft mit jenen Forsten sogleich verrathen, aufgewissen ausgedehnten Flächen (Onm,,«,-) sogar in eine Buschvegetation zusammenschwinden. Auch fehlt es nicht an dürren, bisweilen sogar mit Sand überschütteten Gegenden zwischen jenen Bergen oder an ihren Abhängen, wo die Pflanzenwelt so armselig ist oder doch während der trockenen Jahreszeit so leidet, daß Viehzucht der einzige, oft wenig lohnende Betrieb der sparsam angesiedelten Einwohner bleibt. Indessen sind völlig unfruchtbare Gegenden, außer in den nördlichen Provinzen (Ceara), selten, denn auch in dem nur Geringes verheißenden Boden schlummert dort iene solche Kraft, daß der Eintritt der Regenzeit Wunder bewirkt, und völlig unbewohnbare, in ewiger Unfruchtbarkeit Afrikas daliegende Wüsten nirgend gefunden werden. Da B. sich von Norden nach Süden über einen Raum von mehr als 500 Meilen in gerader Linie erstreckt, so muß sein Klima nothwendig Verschiedenheiten darbieten, indessen sind diese bei- weitem nicht jö bedeutend wie auf einem gleich großen Raume, z. B. vom nördlichen Lappland bis Ägypten, unter höher» Breiten, indem der größte Theil jener Ausdehnung in die Brasilien (Geogr. n. Statist.) 6l>7 I Aquatorialregion fällt und Schnccgebirge nirgend Vorkommen. Überall kennt man nur dm Gegensatz der trockenen und der nassen Jahreszeit, deren Einlrittszcitcn allerdings nicht aller Orten gleich sind, und die in ihren reinsten Typus in dem nördlichen Flachlande des Amazonas und an den Küsten beobachtet werden. EinzclneProvinzen, zumal Ceara, leiden, ungeachtet ihrer Nähe zum Äquator, von Zeit zu Zeit an Dürre; man hat dort Jahre erlebt, wo die Regen der nassen Zeit völlig ausblieben, der größte Wassermangel cintrat und Verlust der Hecrdcn und der Ernten die unabwendbare Folge war. Nirgend in B. gibt cs sehr niedrige Temperaturen; selbst in den höchsten Gegenden der Provinz Minas sind leichte Nachtfröste Seltenheiten. Auf den baumlosen Campos herrscht durchschnittlich ein rauheres Klima, indessen wird dieses dem an Kälte nicht gewöhnten und aus der Küstenregion kommenden Reisenden mehr durch das körperliche Gefühl als durch erhebliche Veränderungen des Thermometerstandes angedeutet. Ziemlich warm sind allerdings die Küstenprovinzen, indessen kennt man keinen Ort, wo die Hitze den unerträglichen Grad erreichte, wie in vielen Ufer- gcgcnden um den Golf von Mexico, in Panama oder Acapulco. Regelmäßig cintrctende Passatwinde kühlen die Luft bedeutend ab. In seiner größten Herrlichkeit erscheint das äquatoriale Klima in dem Flachlande des Amazonas; es begeisterte von jeher alle mit lebendigem Gefühl und Phantasie versehene Europäer, und dieser Einwirkung verdanken wir einige der gelungensten und treuesten Naturschilderungen. Vgl. Martius, „Reise in B." (Bd. 3). Ein großer Vorzug B.s ist es, daß selbst der noch nicht eingewohnte Fremde fast ohne alle Ncsorgnisse sich dem Naturgenusse hingebcn darf, denn unter dem Glanze und der Pracht '! der Tropen verbirgt sich dort nicht das Verderben, vielmehr ist B. im Allgemeinen ein gesundes Land und zumal ganz frei von der furchtbaren Geißel Westindiens und der benachbarten Gegenden, dem Gelben Fieber. Besteht sonach in B. nicht die Mannichfaltigkeit der Klimate, die in den Gebirgslandern von Peru, Quito und Cundinamarca gleichsam stufenweis übereinander lagern, so besitzt cs doch einen noch größern Neichthum an Naturproduc ten. Fast mit Übermacht herrscht in vielen Provinzen die Pflanzenwelt vor; sie tritt dem Ansiedler durch ihre Üppigkeit und unverwüstliche Lebenskraft nicht selten schwer besiegbar und hindernd entgegen, allein sie bietet zugleich für alle Zwecke des Lebens die reichlichsten Hülfsmittel und unerschöpfliche, zum größten Thcile noch ungenutzte Quellen bürgerlichen Wohlstandes. Martius, der ausgezeichnetste llnkersuchcr der brasil. Flora, versichert, an I',000 Pflanzcnarten jenes Landes nach und nach gesehen zu haben, obgleich manche, zumal die westlichsten Provinzen, kaum den Botanikern bekannt sind. Berühmt ist B. seit der Entdeckung durch Reichthum an kostbaren Holzarten, die sswoi zur gewöhnlichen Verarbeitung als auch in der Färbekunst dienen, durch die Menge seiner Palmen und mannichfacher Nahrungspflanzen; viele andere, dem Pflanzenreiche entnommene Stoffe, Harze, Balsame, Heilmittel (unter welchen Jpecacuanha und Sarsaparille» besonders wichtig), Gewürze u. s w. sind nur erst in späterer Zeit in Europa bekannt worden. Dem Rcichthnme deS Pflanzenreichs entspricht das Thierreich; fehlen B., ebenso wie Südamerika überhaupt, jene kolossalen Thierformen Afrika , so ist dafür die Mannichfaltigkeit der Formen und Schönheit der Färbung ausfallend. B. ist das Land der Affen, Papageien, Kolibris und goldglänzender Insekten, und ist von wilden, in seltenen Fällen gefährlichen Thie- rcn überall dicht bevölkert, wo der Mensch seine Herrschqft noch nicht ausschließlich begründet hat. Einzelne Provinzen sind durch ihre mineralischen Reichthümcr berühmt, zun» Theil nur wegen derselben ursprünglich colonisirt worden. So liefert Minas eine bedeutende Menge Gold und würde in seinem Überflüsse an Eisenerzen eine noch weit ergiebigere Quelle des Neichkhums finden, mangelte es nicht an Brennmaterial. Die Provinz San-Paulo besitzt ein cigcnthümlicheS Magnetcisen (Martit), welches mit vielem Vortheil ausgebeutet wird; Goya; ist die Fundgrube der in neuern Zeiten iinWerthe gesunkenen Diamanten, Nirgend aber ist in B. die Gewinnung dieser unterirdischen Neichlhümer so vyrtheilbringend als der Feldbau und die Viehzucht, denn die Art des Betriebs ist eine solche, daß theils viel verloren geht, theils die fernere Ausbeutung unmöglich gemacht wird. Die Bevölkcr ung belief sich zufolge genauester Berechnungen im I. 1835 auf ! 1,050«»vv Seelen, Indier und Sklaven eingcschloffcn, und kann daher 1843 schwerlich 5Mill. l übersteigen. Sie besteht, wie in allen tropischen Ländern Südamerikas, aus Ureinwohnern 608 Brasilien (Geogr. u. Statist.) (Indiern), Negern und Weißen und den vielfach abgestustcn Kasten, welche durch Vermischung dieser Urracen und ihrer nächsten Nachkommen entstehen. Die Ureinwohner sind aus den meisten Küstcnprovinzen verschwunden, mehr indessen dadurch, daß man sic zurück- drängte als durch Verwendung zu Zwangsdienstcn, welche in den mctallrcichcn Colonicn Spaniens die Entvölkerung zunächst verursachten. Eine nicht unbedeutende Zahl dieser Indier lebt im Zustande einer halben Civilisation in den Dörfern des Innern und beschäftigt sich mit Aufsuchung roher Naturprodukte oder mit dem Feldbauc, doch nur für die eigene Erhaltung. In den nördlichen Provinzen, zumal am Amazonas, besteht die Bevölkerung fast allein aus solchen Indiern, die im Ganzen sehr friedlich, ohne erhebliche Bedürfnisse, aber auch ohne dem Staat von Nutzen zu sein, ihr Leben verbringen. Unabhängige Stämme nehmen viele von den Weißen noch nicht besetzte Gegenden im Norden und Westen rin, stehen zum Thcil mit jenen im Tauschhandel, befinden sich indessen auch nicht selten in ununterbrochener Feindseligkeit und verhindern so lange sic können das Eindringen der Fremde» in ihre Wildnisse. Die amcrik. Urbevölkerung hat sich bekanntlich in unendlich viele Stämme zerspalten, von welchen nach annähernden Berechnungen mehr als einhundert aufB. kommen, die sich als verschiedene Völker betrachten, nicht selten cigcnthümliche Sprachen reden, allein nach und nach ausstcrben, sodaß viele von frühem Schriftstellern erwähnte jetzt nicht mehr aufzufindcn sind. Die Neger sind der Mehrzahl nach Sklaven. Wie überall ist diese überwiegend große Sklavenbevölkcrung ein Fluch des Landes. Obwol man nun in Provinzen wie Pernambuco, Bahia u. s. w. schon lange ihre Gefährlichkeit erkannt hat, und zahlreiche Aufstände der Sklaven Warnungen sein konnten, so fährt man gegenwärtig doch noch fort, Neger aus Afrika, trotz der Verträge mit England, in so großer Zahl c inzuschmuggeln, daß allein Pernambuco im I. I8äl über 5000 neue Sklaven erhielt. Die Mulatten wiegen vor in den Küstcnprovinzen, die Mestizen in den innern. Beide Kasten stehen auf einer nieder» Bildungsstufe, und zumal sind die erstem dem Staate sehr gefährlich, wie die von ihnen in Bahia u. s. w. in den letzten Jahren angestifteten furchtbaren Aufstände nur zu deutlich bewiesen haben. Die weißen Brasilier find mit verhältnismäßig wenigen Ausnahmen Nachkommen porrug. Auswanderer. Nähern sie sich nun in vielen Hinsichten ihrem Stammvolke, so haben sich doch in ihnen, durch Einfluß des veränderten Lebens, einer andern Betriebsamkeit und der politischen Lage mancheCharakterzüge ansgebildet, die beim Portugiesen vermißt werden, oder sogar diesem widerwärtig auffallcn. Im Ganzen stehen auch sie nur auf einer niedern Bildungsstufe, wenn auch in den höhern Ständen gewisse Kenntnisse und gesellige Formen angctroffen werden. Die Sitten der Weißen B.s sind nicht weniger als streng; Fanatismus und Intoleranz herrschen zwar nirgend, dafür aber um so öfter völlige! Unglaube und Verachtung der Religion, beides als Folge der Bekanntschaft mit einer Classt der franz. Literatur, die in der neuen Welt sicher mehr Schaden angerichtct hat als in Europa. Die Erziehung wird vernachlässigt, und das von Vielen ergriffene Mittel, die Söhne in Frankreich erziehen zu lassen, hat verderbliche Folgen gehabt, indem es daS ehemals friedliche Land mit einer Menge junger Männer versah, die aus Mangel an bessern Beschäftigungen zu Schriftstellern wurden und, als Demokraten auftretend, zu politischen Verwirrungen Veranlassung gaben. In dem Volkscharakter der einzelnen Provinzen herrscht übrigens viele Verschiedenheit. Im äußersten Süden (Rio-grande-do-Sul) wohnt ein rauhes, den berüchtigten Gauchos der Pampas ähnliches, Viehzucht treibendes Volk, welches von den Ideen seiner Nachbarn angesteckt, erst l8ä3 nach langem Kampfe wieder zum Gehorsam zurückgeführt worden ist. Einen kräftigen, das Abenteuerliche liebenden, offenmüthigcn, unabhängig gesinnten aber thätigen Stamm stellen die Bewohner von San-Paulo dar. Durch milden Ernst, strengere Sitten, Bildung und Liebe zum Wisse» ragt der Bewohner der Provinz Minas über alle andern Brasilierhervor. Gleichgültigkeit gegen geistige Fragen, aber großer Eifer in Verfolgung alles auf materielle Verbesserungen Bezüglichen charakte- risiren den Eingeborenen der Provinz Bahia, wo allerdings auch die Industrie seit einigen Jahrzehndcn einen glänzenden Aufschwung genommen. Der Pernambucaner scheut die Verletzung der Form und des Gesetzes noch weniger als seine Nachbarn, hat von jeher sich in Hervorbringung von Unruhen gefallen und sichtbarlich am meisten durch das Leben in der Mitte 'einer unverhältnißmäßig großen Sklavcnmenge gelitten, deren dauernde Ber- 609 Brasilien (Geogr. u. Statist.) Mehrung er allein mit Eifer betreibt. So bieten die Weißen auch in den übrigen Provinzen Verschiedenheiten dar, und leicht begreift man, welche schwierige Aufgabe es sein müsse, über so ungleiche Elemente zu regieren, Fortschritte zu befördern und den dort im Ehrgeize Weniger und der Habsucht und verkehrten Wcltansichten Vieler wurzelnden Hang zur Revolution zu zahmen. Die Bodcncultur und der Handel mit ihren Erzeugnissen haben sich in B. erst seit der Zeit gehoben, wo große politische Veränderungen dem Lande theils die Aufmerksamkeit der Negierung, theils Befreiung von manchen drückenden Beschränkungen der Vorzeit verschafften. Die Größe des Landes, die unverhältnißmäßig geringe Bevölkerung, die Gewöhnung an Sklavenarbeit und die angestammte Liebe zum Nichtsthun haben indessen immer noch die Ausbreitung der Cultur gehindert, denn nicht selten liegen selbst in der Nähe der größer» Städte weite und fruchtbare Ländereien unbenutzt. Man schätzt das Verhältniß des angebauten Bodens zum nichtangebauten wie 5 zu 835. Für den auswärtigen Handel insbesondere sind folgende Producte von Wichtigkeit, deren aus Nio-Janeiro im I. 1810 und der ersten Hälfte des Z. 1831 exportirten Werth wir aus dem Bulletin des franz» Ministeriums des Handels, welches sich hierbei auf Berichte der Handelsconsuln stützte, entnehmen. Die Ausfuhr im genannten Zeiträume bestand aus Kaffee, 73,200000 Francs (5'/, Mill. Arrobas zu 32 Pf.); Gold und Diamanten 7 Mill.; Zucker, dessen Ausfuhr im stetigen Abnchmen ist 6,100000; Häuten -1,490000; Rum 2,300000; Holz und Droguen 1,250000; Hörnern 290000 Francs. In den Nordprovinzen ist außer Zucker und Kaffee noch Baumwolle als wichtigstes Erzeugniß zu erwähnen. An allgemeinen Angaben brasil. Seite fehlt es zwar, indessen ergibt sich aus gedruckten Documentcn, daß.Großbritannien im Z. 1835 144063 Ballen; 1836 149223 Ballen brasil. Baumwolle erhielt und von da an in immer abnehmender Zahl bis 1842, wo nur noch 85660 Ballen in England eingeführt wurden, indem.die Cultur, Reinigung und Verpackung statt sich zu verbessern in B. schlechter wurde, und Misvergnügen der engl. Manufacturisten erzeugt hatte. Para führt allein Cacao in einiger Menge aus; Hauptsitz des Tabackbaus sind die Provinzen Pernambuco und Bahia, welche gleichfalls die Farbchölzer liefern. Die südlichen Provinzen betreiben besonders Viehzucht, und zwar auf die in den Platastaatcn gewöhnliche Art; Häute, Hörner, Talg und luftgetrocknetes Fleisch (DuZs-ijn), welches in Wcstindien als Nahrungsmittel der Sklaven einen guten Markt findet, sind die wichtigen Ausfuhrartikel von Nio-grande-do-Sul, indessen bringen auch die Provinzen Pernambuco und Ccarä sic in ansehnlicher Menge hervor. Wie unvollkommen aber im Ganzen die Hülfsquellcn des reichen Landes benutzt werden, ergibt sich am ersten daraus, daßman die Sklavcnbevölkcrung zur Gewinnung einiger weniger Hauptproductc verwendet, und sich hinsichtlich der gewöhnlichsten Lebensbedürfnisse vom Auslande abhängig macht. Obgleich nur die hühern Elasten und die Städter an Brot gewöhnt sind, so reicht doch der in den milden Provinzen des Südens erzeugte Weizen nicht für den Gebrauch aus; Rio-Janeiro consumirt monatlich gegen 10000 Fässer Mehl, und erhielt im I. >841 128000 Fässer von Nordamerika und Europa. Seife, Bier, Salz Käse, Thcer, Taue, Lcderwaaren und andere im Lande selbst leicht zu gewinnende Bedürf- . niffe sind ebenfalls wichtige Artikel der Einfuhr, die außerdem noch fast alleZeuge undFabrik- ^ arbeiten bis auf die unbedeutendsten Kleinigkeiten herab lieferte, indem gewerbliche Industrie i» B. ganz daniederliegt, und die Handwerke meist nur in den Städten und zwar durch Ausländer betrieben werden. Der Einfuhrzoll beträgt auf die meisten Maaren 20 Procent vom Werthe; England genießt vermöge eines >827 abgeschlossenen, 1844 ablaufenden Handelsvertrags den Vortheil, nur 15 Procent von allen brit. Erzeugnissen zu erlegen; die Hanse städte, Preußen, Ostreich u.s. w. haben gleichfalls, jedoch später Verträge dieser Art geschlossen. Allen Nationen freigcgebcn ist der brasil. Handel erst seit dem 18. Febr. 1808; verboten istzwar der Negerhandel, dennoch aber gingen im I. 1841 aus brasil. Häfen 47 Schiffe nach Afrika, deren Einfuhr nicht angegeben wird, und die daher fast Alle mit Sklaven beladen zurückkchr ten und diese heimlich landeten. Man rechnet, daß seit Abschluß des Vertrags mit England zur Unterdrückung des Sklavenhandels im I. 1831 über 390000 Neger auf diesem Wege nach B. gebracht worden sind. Conv.-Lex. Neunte Aufl. II. blü Brasilien (Geschichte) Trotz einer sehr schlechten Colonialregicrung war B. wegen seines unermeßlichen natürlichen Reichthums ehemals ein reiches Land; Bedürfnisse des von Lissabon geflohenen Hofes Iohann's VI. erzeugten gewisse Finanzspeculationen, und diese hatten die Folge, daß bei Rückkehr des Hofes nach Europa im I. 1822 Gold und Silber verschwanden, Papier und Küpfcrgeld, dem man durch nachträgliche Stempelung doppelten Werth geben wollte, allein vorhanden waren. Die Finanzen B-s sind in so großer Unordnung, daß ein jährliches Deficit von 8—900000 Pf. St. sich hcrausstellt, welches der gesammicn Staatseinkünfte gleich kömmt. Die Ursachen dieses Zustandes sind zahlreich; die wesentlichsten sind die Kriege mit den Plata-Staaten und den revoltirenden Provinzen, das Aufhören einträglicher Zölle auf die jetzt verhinderte Einführung afrik. Sklaven, der verderbliche Handelsvertrag mit England, welches seinerseits manche brasil. Producte mit 20N Procent besteuerte und die 1823 abgeschlossene Anleihe von 2'/,Mill.Pf.St.,diespäterum700000 Pf. St. vermehrt und nur mit 75 Procent baar gezahlt wird, dennoch aber mit 6 Procenk verzinst werden muß. Zm amtlichen Budget des Finanzjahres vom I. Juli 1842—43 sind die Ausgaben auf 21,798800 Milrcis, die Einnahme auf 16,503000 Milreis geschätzt. Unter den Ausgaben sind die bemerkcnswerthcrn die Interessen der Staatsschuld 6,141200 Milreis; das Ministerium dcrJustiz, 1,124709; des Auswärtigen, 560832; der Marine, 2,618296; des Kriegs, 5,675686; der Finanzen, 3,142281 ; die Civilliste des Kaisers, 809000; der Prinzessinnen und Witwe Dom Pedro's I., 92000; die beiden Kammern, 497656; Akademien, Bibliotheken, Gärten, Sammlungen, Schulen, 242745; Brücken und Straßen, 70000; Postwesen, 380000 und Provinzialvcrwaltungen 108600 Milreis. Daß die Verwirrung der Finanzen zunehmen müsse, ist nur zu klar; die Summe des in Umlaufe befindlichen Papiergelds beträgt 40 Mill. Milrcis, und hat den Curs zwischen B. und England sogedrückt, daß der Milreis, statt wie ehedem 55 Pence wcrth zusein, nucmit25—30Peme berechnet wird, also D. dem engl. Gläubiger die Interessen von 6 Mill. Staatsschulden und 8 Mill. Handelsschulden doppelt entrichtet, und in erncucten Anleihen keine dauernde Abhülfe finden kann. Vgl. Sturz, „Ileviecv, liimnciol etc. ns tlie cnipirc nkU. etc." (Lond. >837). Ein Zufall warf im 1.1500 den Portugiesen Pedro Alvarez Cabral an die Küste des bis dahin unbekannten Landes. Portugal nahm nun zwar das Land, das 800 Meilen Küstenausdehnung hatte, in Besitz, schickte aber jährlich nur zwei Schiffe mit Verbrechern, Inden und Lustdirnen dahin ab, welche Holz und Papageien zurückbrachten. Auch verwies man dahin die von der,Jnquisition Verurtheilten, die dasvonMadeirauachB.verpflanzteZuckerrohr mit solcher Betriebsamkeit anbauten, daß cs bald ein Gegenstand der Ausfuhr wurde. Endlich beschloß König Johann III. das Land zu colonisiren. Auf seinen Befehl gründete Thomas de Sousa 1549 daselbst die Stadt Bahia (s. d.) und Jesuiten bemühten sich, die Eingeborenen zu civilisircn. Zugleich erlaubte der König dem Adel, Strecken Landes für sich zu erobern und anzubauen, worauf die Cultur des Landes schnelle Fortschritte machte. Im I. 1624 eroberten die Niederländer die Stadt Bahia und 1630 die ganze Landschaft Bahia mit Pernambuco, worauf der nicderländ. Statthalter daselbst, der Fürst Moritz von Nassau, 1637 und in den folgenden Jahren von den > 4 Provinzen, aus denen B. bestand, die an der Küste gelegene Hälfte der Republik unterwarf. Nach der Thronbesteigung des Hauses Braganza in Portugal, im I. 1640, schloß die Republik mit Portugal einen zehnjährigen Waffenstillstand, nach welchem sie im Besitze,B.s blieb. Doch schon >645 unternahmen die weltlichen Grundbesitzer einen Jnsurrectionskrieg gegen die Niederländer, heimlich unterstützt von Cromwell und von der portug. Regierung. Ein kühner Abenteurer, Cavalcante, nöthigte nach mehren glücklichen Gefechten die Niederländer, am 28.Jan. 1654 zu capituliren und B. zu räumen, woraufdie Republik 1661, unter Englands Vermittelung, gegen eine Summe von 350000 Pf. St. auf alle Ansprüche an B. verzichtete. Zwar geschah jetzt etwas mehr für die Civilisation des Landes; nllein die Jesuiten hielten den Geist der Eingewandcrtcn in Fesseln und die Eingeborenen in einer steten Unmündigkeit. Dazu kam, daß die Negierung den letzter» Frohndienste auferlegte, und daß sie durch die 1679 am La-Plata, Bucnos-Ayres gegenüber, gegründete Colonie San-Sagramento des von hier aus in die span. Provinzen getriebenen Schleichhandels wegen mit Spanien in Streitigkeiten gerieth. Die Spanier bemächtigten sich dieser Colonie, in deren Besitz sie nach mannichsachem Brasilien (Geschichte) KN Wechsel der Herrschaft INI verblieben. Unterdessen war der Werth B.s für Portugal immer höher gestiegen, da man daselbst seit 1698 Gold und um 1750 Diamanten entdeckt hatte. Das Land lieferte bis zum I. >810 nach Portugal 14280 Ctr. Gold und 2 l 00 Pf. Diamanten. Rio-Janeiro war der Stapelplatz für den Ertrag der brasil. Bergwerke und der einheimischen Erzeugnisse. Allein die Verwaltung war nichts weniger als zweckmäßig, um Land und Volk zu einem in sich wachsenden Wohlstände zu erheben, sondern glich vielmehr der in den span. Colonien gewöhnlichen, indem sie allein die Ausbeutung der Gold- md Diamantenwäschen und Erhebung von Handelszöllen in den Hafenstädten bezweckte. Der Grund des Widerwillens, welchen der Brasilier zu allen Zeiten gegen Portugiesen gefühlt hat und der endlich Revolutionen nach sich zog, wurde zeitig gelegt. Die Könige aus dem Hause Braganza vcrtheilten, wie dies schon Johann III. gethan, an nachgcborene Adelige Portugalsund an ärmere Günstlinge große Landstreckcn B.s, odcrschlossen auch mitAben- tenrcrn Verträge, welche die Eroberung unbekannter Striche auf eigene Kosten übernahmen. Sowol jene, die Donatarios, als diese, die Conquistadores, herrschten mit großer Willkür, bürgerten sich vollkommen ein und erhielten zum Lohne ihrer Dienste, besonders der Abzahlung der erwähnten Abfindungssumme, die Zusicherung noch größerer Privilegien. Indessen wurde jene nicht nur nicht erfüllt, sondern der 1808 in Rio eingetroffene Hof bevorzugte Portugiesen dunkler Herkunft, während man die vornehmen, von den Konquistadoren ab- stammendcn Brasilier gleichgültig behandelte, die Abgaben erhöhte, die Sklavcneinfuhr erschwerte, Gold und Edelsteine, welche auf Privatländereien vorkamen, allem Herkommen entgegen, als Regal in Anspruch nahm und sogar in der Nechtsverwaltung keineswegs unparteiisch verfuhr, wenn Klagen gegen curop. Portugiesen vorgcbracht wurden.,. Daß der Aufenthalt der Königsfamilie im Lande selbst die Abstellung gar manches alten Übclstandes nach sich zog, daß der Handel frei wurde, Verbindungen mit der übrigen Welt sich bildeten, Fremden die Ansiedelung und Reisen gestattet und hierdurch Civilisation heimischer wurde, dies Alles vermochte nicht eine heimliche aber festwurzelnde Unzufriedenheit mit der Regierung zu verhindern, die zwar gute Absicht verrieth, allein die freilich schwer zu regierenden Brasilier richtig zu nehmen nicht verstand. Das Beispiel der ehemaligen span. Colonien blieb nicht ohne Folge, während eine Menge glücksuchender Fremder sich dem neu cröffneten B. zuwendeten und rcvolutionairc Ideen möglichst verbreiteten. Mit den freigewordenen Bewohnern der Plata-Staaten kamen die brasil. Truppen in eine nachwirkende Berührung, als Johann VI., um sich wegen der von Spanien im I. 1815 verweigerten Rückgabe von Oli- venza zu entschädigen, Montevideo besetzte. Ein in Pernambuco im Apr. 1817 ausgc- brochcner republikanischer Aufstand, den man jedoch unterdrückte, war der Vorläufer rasch folgender Ereignisse. Die revoltirendcn portug. Truppen ertrotzten die Ausdehnung der im Aug. >820 in Lissabon durch Aufstand erzwungenen Constitution auf B., und wirklich beschwor sie der Kronprinz Dom Pedro für sich und seinen Vater am 20. Febr. 1821. Geldverlegenheiten, entstanden aus gewohntem asiat. Luxus und schlechter Wirthschast, zwangen den König, die schon angcordnctc Einschiffung des Hofes und der brasil. Cortcsglieder aufzuschieben. Blutige Auftritte folgten, und am 21. und 22. Apr. ließ der König die Wahl- männcr, welche die span. Constitution verlangten, durch Soldaten auseinander treiben. Müde des Landes, welches er nie gern bewohnt hatte, schiffte er sich am 26. Apr. nach Portugal ein, indem er Dom Pedro als Prinz-Regenten zurückließ. Die portug. Cortes folgten trotz der geschichtlichen Warnung dem Beispiele der spanischen von Cadiz, versagten den brasil. Deputirtcn den Zutritt und verlangten, daß B. sich auf gewohnten Fuß als abhängige Colonie solle regieren lassen. Schon war die brasil. oder nationale Partei so mächtig, daß man von ihr eine Unabhängigkeitserklärung befürchten mußte. Der Prinz-Regent, der überhaupt B. anfangs geneigter war als Portugal, und den ernstesten Willen hatte, das Land seiner Wahl vor Anarchie zu schützen, weigerte sich durch die Erklärung vom 0. Jan. 1822, dem Befehle zur Rückkehr nach Lissabon zu gehorsamen, und zwang die portug. Truppen, B. zu verlassen. Er berief im Juni eine Nationalversammlung behufs der Entwerfung einer eigenen Verfassungsurkunde und nahm endlich am I8.Dcc. 1822 die Kaiserwürdc B.s an, welche ihm am 12. Oct. die Deputirtcn angetragen, nachdem sie am l. Aug. die Trcn- 39 * V" 612 Brasilien (Geschichte) nung B.s vom Mutterlande ausgesprochen. Inzwischen hatte sich der republikanische Geist immer weiter verbreitet, und zumal waren die geheimen unter dem Namen der in Amerika sehr ausgearteten Maurcrei bestehenden Gesellschaften in dieser Hinsicht sehr thätig. Die Brüder Andra da (s. d.), aus einer alten Familie in Minas Geraes stammend und Minister des Kaisers, versuchten umsonst durch Verschmclumg der republikanischen Partei mit der portugiesischen sich eine Grundlage zu bilden. Als sie in der vom Kaiser beruscnen, am 3. Mai l §2:! eröffneten Versammlung der Deputaten nur Widersprüchen und absichtlich bereiteten Hindernissen begegneten, ließen sie sich hierdurch zu Gewaltmaßrcgeln gegen die heimlichen Republikaner verleiten, die hinwiederum den Kaiser zwangen, diese Energischen Minister am l I. Juli >823 zu entlassen. Die brasil. Partei feierte einen großen Triumph, zumal da kurz vorher die noch vorhandenen portug. Truppen durch Waffengewalt gezwungen worden waren, sich einzuschiffen, und brasil. Regimenter sowol Montevideo im Dec. l 822, als Bahia im Juli 1823 erobert hatten. Während Dom Pedro sich umsonst bemühte, dem neuen Reiche nach außen Ansehen zu verschaffen, und nicht einmal die Anerkennung desselben in Europa erlangen konnte, vermehrte sich im Innern die Zwietracht. Die Herstellung der absoluten Königsgewalt in Portugal, durch die Revolution vom Mai 1823, erfüllte die Brasilier mit größtem Mißtrauen gegen die unter ihnen lebenden Portugiesen, die zum Theil in der Verwaltung und im Heere bedeutende Stellen cinnahmen, und veranlaßt eine entschiedene Erklärung gegen Wiedervereinigung mit dem Mutterlande. Aus solcher Misstimmung entsprangen Reibungen, die, anfangs nur zwischen Einzelnen vorkommend, bald auf die Parteien im Ganzen sich ausdehnten und im Congreß selbst zu Kämpfen führten, während zügellos heftige Journale und Zeitungen das Volk so aufreizten, daß in Rio am 10. Nov. ein ernster Tumult ausbrach, die Minister abdanken mußten und der Kaiser sein Lustschloß San-Chri- stovaö mit Truppen umgab. Indessen schon am 12. Nov. ließ er diese gegen Rio vorrücken, wo sie den Versammlungsort des Congresses umzingelten und die Deputirten zwangen, einem gleichzeitig übergebenen Auflösungsdecrcte Gehorsam zu leisten. Wie redlich Dom Pedro es mit B. meinte, ergab sich zwei Wochen später, als er eine neue Nationalversammlung berief und statt der am 10. Aug. von ihm zurückgcwiesenen fast republikanischen Constitution, am >>. Dec. einen Verfassungsentwurf vorlegte, der nach geschehener Abstimmung am 9. Jan. 1823 in Rio beschworen wurde. Dieses Grundgesetz war im hohen Grade liberal, legte eine ungewöhnliche Macht in die Hände der Deputirten, beraubte sogar den Kaiser eines absoluten Veto und hob alle Privilegien auf; es war die Frucht einer wahrhaft edel» und großmüthigen Neigung und wurde von dem muthigen und freisinnigen Kaiser im festen Glauben an das Heil gegeben, welches aus ihm für B. entspringen würde, keineswegs aber ihm, wie sich die Partei der Anarchisten später gerühmt hat, durch Furcht abgezwungen. Solches zu erkennen, war aber der rohe Haufe weder befähigt noch geneigt und daher brach in Pernambuco ein republikanischer Aufstand aus, der erst dann sein Ende fand, als nach mehrmonatlicher Belagerung durch Lord Cochrane und General Lima die Stadt am l 7. Sept. 1823 mit Sturm genommen worden. Nach langen Unterhandlungen, welche in London eröffnet, in Lissabon fortgesetzt und in Rio durch den außerordentlichen brit. Botschafter Sir Charles Stuart und den brasil. Minister Luiz Joze de Carvalho e Mello beendet wurden, gelang es, die Ausgleichung zwischen B. und Portugal zu Stande zu bringen. Durch diesen von Johann VI. am 15. Nov. 1825 genehmigten Vertrag wurde B.s Unabhängigkeit vom Mutterlande und Dom Pedro's Souverainetät anerkannt, der Friede und derVerkehr wicder- hergestellt, allein eine Frage nicht gelöst, die sogleich nach dem Tode der Königs von Portugal, am >0. März 1826, entstand und die Nachfolge auf den Thron betraf. Da der Kaiser, laut der Constitution, ohne Erlaubniß des Congresses B. nicht verlassen durfte, so trat er zwar die Regierung Portugals an, gab diesem Reiche eine liberale Verfassung, verzichtete aber auf die Krone durch Acte vom 2. Mai 1826, zu Gunsten seiner Tochter Donna Maria La Gloria. (S. Portugal.) Der Kaiser mußte aber durch so gctheilte Interessen von B. abgezogen werden und die republikanische Partei in diesem neuen Verhältnisse zum Mutter- lande reichen Stoff zur Verdächtigung finden, den sie so eifrig und mit so vielem Erfolge benutzte, daß die Thätigkeit Dom Pedro's von jener Zeit an in Bekämpfung der Anarchie aufging. Das weitschichtige, aus so ungleichen Theilen zusammengesetzte Land bedurfte vor Brasilien (Geschichte) 613 Mein einer geregelten Verwaltung. Die meisten Versuche, solche herzustellen, scheiterten theils an dem Übeln Willen der Brasilier, theils am Mangel großer administrativer Talente. Als nothwcndigc Folge nahm die Zerrüttung der Finanzen zu; die Unzufriedenheit aber legte sich dar in einer Menge kleiner Aufstände und in der immer deutlicher hcrvortretenden Neigung zu provinzieller Sonderung. Am meisten schadete der Regierung ein sehr kostspieliger und fast immer mit Verlusten und Niederlagen begleiteter Krieg, den Dom Pedro, nach am >». Dcc. 1825 geschehener Erklärung, gegen die Plata-Staaten begann, die aufHcrausgabe der von B. l 8 l 5 in Besitz genommenen Banda-oriental drangen. Um sich von diesem mit Starrsinn und aus Haß gegen die unruhigen Republikaner fortgesetzten Kriege zu befreien und Zeit für Sorgen anderer Art zu gewinnen, schloß Dom Pedro am 27. Aug. >828 einen wenig ehrenvollen Frieden; allein er fand seine gefährlichsten Feinde in dem von Süden her rückkehrenden, meist aus Fremden bestehenden Heere, welches sich wegen ausbleibender Löhnung dem Rauben ergab, während eine in Rio stehende Abtheilung in offenen Aufruhr ausbrach. Ausgejchifftc Seesoldaten der stcmdcn Kriegsschiffe siegten erst nach einem förmlichen Gefechte, in welchem besonders einige deutsche Bataillons den hartnäckigsten Widerstand leisteten. Die Erklärung des Kaisers, die Rechte seiner Tochter in Portugal mit Waffenmacht vcrtheidigen zu wollen, misfiel nicht ohne Grund den Brasiliern, die eine Verwendung der brasil. Staatsmittel zu Gunsten des Familienintcrcffcs Dom Pcdro's fürchteten und ohnehin in dec zunehmenden Zahl fremder Offiziere Ursache zur Beschwerde fanden. Der Kongreß von 1829 bestand fast nur aus Oppositionsmänncrn, die sich nicht schcuetcn, des Kaisers Privatleben zum Gegenstand ihrer öffentlichen Kritik zu machen, und überhaupt ihren bösen Willen so unverholcn darlegtcn, daß die am 3. Sept. ausgesprochene Aufhebung der Versammlung gerechtfertigt erscheint. Noch gab Dom Pedro nach, als er am Ende des 1.182!» sein Ministerium fast allein aus geborenen Brasiliern zusammensetztc; allein auch dieser Schritt vermochte nicht, ihm die Gunst und das Zutrauen der blinden, durch Demagogen geleiteten Masse wieder zuzuweuden, vielmehr trieb die Presse cs zügelloser als je und siel mit verdoppelter Wuth über ihn her, als er, wenn auch ohne Erfolg, den am 3. Mai 1839 cröff- neken Kammern eine Prcßbcschränkung vorschlug. Als auch eine Reise nach Minas, wo er sich eine Partei zu bilden gehofft hatte, erfolglos geblieben, sein Einzug in Rio am I ä. März >831 kaum vom Volke beachtet worden und am 6. Apr. eine Empörung ausgebrochen war, da entschloß sich der wohlwollende aber energische Mann zu einem Schritte, der ihm in den letzten Jahren mehrmals als letzter und wichtigster erschienen sein mochte; er dankte am 7. Apr. zu Gunsten seines Sohns ab und schiffte sich am 13. Apr. nach Europa ein, dem Wclttheile, dem er seine Neigung zugewcndct, seil er mit zunehmender Verbitterung gewahren mußte, wie sein redliches Streben nicht erkannt, das Übermaß der den Brasiliern gemachten Zugeständnisse und die vorschnelle Emancipation des Reichs, sein eigenes Werk, nur verderbliche Früchte gebracht habe. Für den neunjährigen Dom Pedro II. ernannten die Kammern eine Regentschaft, deren bedeutendstes Mitglied Francisco de Lima war. Von dieser Zeit bis auf die Gegenwart haben die politischen Kämpfe in B. niemals ein Ende erreicht. Sie in ihren Einzelnheitcn zu schildern, würde wenig fruchten, da sie ihre Färbung und Richtung immer von vorübergehenden Zuständen und Charakteren erhielten. In seinen constitutionellen Versammlungen hat sich B. nie eines hervorragenden Mannes zu rühmen gehabt, vielmehr macht sich überall Mangel an Erfahrung, an umfassender Kcnntniß und klaren politischen Ansichten bemcrklich. Nicht mit Unrecht hat man das Verwaltungssystcm des jungen Kaiserreichs einen Compromiß von übelverstandcnen liberalen Ideen und Traditionen des altportug. Schlendrians genannt. Auf das Volk haben die erster» nicht vorthcilhaft cingcwirkt, denn sie sind misverstanden worden und haben zu Federungen und Erwartungen Veranlassung gegeben, welchen keine Regierung genügen kann, noch freiwillig genügen würde. Hierin liegt die Ursache der häufigen Unruhen, die, bisher von der Regierung meist durch Waffengewalt und bisweilen durch Bci- hülfe europ. Mächte unterdrückt, beweisen, daß dort ein Feuer glimme, welches, plötzlich an vielen Orten zugleich ausbrechend, den Kaiserthron vernichten kann. Zwischen den zwei Parteien der Republikaner (Faroupilhas) und Monarchisten (Caramuros) stehend, hat die Regentschaft nur mit Mühe sich erhalten, allein durch schwankendes Handeln ihre Rathlosigkeitz 614 Brasilien (Geschichte) und ihre Unmacht oft genug verrathen. Der Plan der Regierung, B. in eine Föderativ. Monarchie umzuschaffen, scheiterte an den in Pcrnambuco und Bahia ausbrechcnden Kämpfen der Parteien, von welchen die eine sogar Dom Pedro's l. Rückkehr zu veranlassen beabsichtigte. Häufig wechselten die Minister und die Glieder der Regentschaft, da bald die eine, bald die andere Partei das Übergewicht gewann; Menschen, von welchen man vorher nie gehört, der Mulatte Montezuma, der in England erzogene weiße Brasilier Calmaö u. A. erlangten eine vorübergehende Berühmtheit durch den Erfolg ihrer Jntriguen. Solche Unordnungen beschränkten sich nicht auf die Hauptstadt, sondern wiederholten sich in den meisten Provinzen, so in Ouro-Prcto in Minas am 23. Febr. 1833 und in Parä am 20.—22. Apr. 1833, wo viel Blut floß. Ein Aufstand in Rio bezweckte und veranlaßte die Absetzung des Jose Bonifacio d'Andrada e Silva, des bisherigen Erziehers des Kaisers, und brachte den Marquis de Jtanhaem an seine Stelle. Der >833 zusammengetretene Congreß nahm aus eigener Machtvollkommenheit am 6. Aug. >833 eine wichtige Veränderung der Verfassung vor, durch welche jede Provinz, nach dem Vorbilde der Vereinigten Staaten von Nordamerika, einen Gesetzgebenden Körper erhielt, dessen Wirkungskreis sich auf alle kirchliche, politische und Municipalcinrichtungen ausdehnt. Diese neue Verfassung rettete mindestens die sehr bedrohte Einheit des Reichs und die Erblichkeit der Monarchie und fand in der Hauptstadt und einigen Provinzen Beifall, regte aber in andern den Parteihaß um so mehr auf. In Parä brach anr 7. Jan. >835 ein blutiger Aufstand aus, der zwar periodisch rückkehrender Ruhe zu weichen schien, allein von den brasil. Republikanern von neuem erregt, in einen anarchischen Zustand überging. Die Parteihäupter hatten Mestizen und Mulatten, welche an den Ufem des Amazonas wohnten, für sich gewonnen und führten sie gegen die unglückliche Stadt, die am 23. Aug. mit Sturm genommen und ein Schauplatz des Mordes und zügelloser Ausschweifungen blieb, bis im Jan. > 838 eine in Rio ausgerüstete Expedition, mit Hülfe einer engl. Flotte sich der verödeten und halb zerstörten Stadt wieder bemächtigte. Ähnliche, wenn auch nicht so furchtbare Unordnungen ereigneten sich im Juli > 835 in Bahia, wo man, von Negern unterstützt, die Republik proclamirtc. Doch gelang es durch Hülse treugebliebc- ner Städte, die Rebellen einzuschließen, die sich aus Gnade und Ungnade ergeben mußten und in großen Massen hingcrichtet oder nach Afrika transportirt wurden. In Nio-grandc-do-Sul hatten die politischen Ansichten der Bewohner der nahen Platastaaten so viel Eingang gefunden, daß schon um die Mitte des I. >837 nur noch die Hauptstadt und der Hafcnort Pocio- Allegre die Autorität der Regierung anerkannten, in den übrigen Gegenden der Provinz aber nach gelungener Vertreibung der Truppen Unabhängigkeit proclamirt worden war. Daß im März l 838 die Letzteren einen Sieg erfochten, brachte keinen bleibenden Vortheil, denn bis Ende des I. >832 sind dort noch viele Versuche gemacht worden, jene Absicht zu erreichen, sodaß diese Provinz, eine der wichtigsten des Reichs, nie zur Ruhe gelangte, sondern der Kriegszustand fast ununterbrochen fortdauerte. Mit großer Stimmenmehrheit ernannte >835 eine Generalversammlung Diejo Antonio Feijo (s. d.) zum Regenten des föderativen Kaiserthums, schloß die Königin von Portugal von der Nachfolge aus und übertrug diese, für den Fall, daß Dom Pedro II. ohne Kinder stürbe, an seine Schwester Donna Januaria. Auch unter Feijo trieben die Parteien ihr altes Unwesen so arg, daß dieser schon im Sept. >837 abdankte. Ihm folgte durch Wahl der Deputirten der zeithcrige Kriegs- minisier Pedro Araujo de Lima, der sich bis zum Juli >830 behauptete, wo er die Auflösung der Deputirtenkammcrn auszusprechen unternahm, die sich aber sogleich rächten, indem sie durch eine völlig rcvolutionaire Beschlußnahme den Kaiser für volljährig erklärten. Im 15. Jahre bestieg dieser den schwankenden Thron B.s und erschien bisher nur als Werkzeug in den Händen der Parteien, die um die Herrschaft ringen. Die Brüder Andrada aber, welche diese Revolution veranlaßt hatten, wurden nun wieder zu Ministern ernannt. Sie hielten sich aber nur kurze Zeit, denn als Vertreter der brasil., dem Republikanismus sehr geneigten Partei entbehrten sie die Unterstützung der sogenannten portug. oder richtiger aristokratischen Partei, in deren Händen vorzugsweise das Geld des Landes und somit das einzige Mittel liegt, durch welches man in jenem zerrütteten Reiche regiert und der Anhänglichkeit der Beamteten und Truppen sich versichert. Diese Partei kam nun an das Ruder, und die gutgewählten Kammern sprachen sich im Oct. >832 zu Gunsten der neuen Brasilienholz Brauen 615 Minister aus, während die Andrada, in ihre Provinz zurückgezogen, daselbst einen Aufstand anzettelten, der, immer mehr um sich greifend, die Sicherheit der Hauptstadt selbst bedrohte und nur mit großer Mühe unterdrückt werden konnte. Welches das Schicksal B-s sein werde, im Falle die großen Mächte Europas des einzigen Monarchen der neuen Welt sich nicht annehmen, ist unschwer vorauszusagen. Amerika hat, obwol gewiß nicht überall zu seinem Vortheilc, die Bande abgestrcist, die es an Europa knüpften. Nirgend hat das Vorschnelle und Gewaltsame dieses im Übrigen natürlichen Schritts sich so gerächt, wie in der , Mehrzahl der ehemaligen span. Colonien, wo ein Häuptling dem andern folgt, je nachdem ihn die Laune einer habsüchtigen Soldateska unterstützt oder das Glück ihm wohl will. Dreißigjährige Erfahrung hat gelehrt, daß eine endlich eintretende Entwickelung aus solcher Anarchie nicht zu hoffen sei, aber dennoch sind solche Mahnungen in B. um so mehr verloren, als dort die Farbigen an Zahl und Einfluß zunehmen und gerade sie an allen Orten es sind, die, obwol vor Allen unfähig, der Durchführung republikanischer Verfassungen nachstreben. Bricht der höchst zerstörte Staatshaushalt B.s zusammen, tritt Zahlungsunfähigkeit offen hervor, so steht auch der junge Kaiser des schönsten Landes der Welt verlassen da und wird für sich allein nicht hindern können, daß das Reich in eine Menge kleiner Republiken zerfalle, die mit farbigen Präsidenten an der Spitze sich in denselben Strudel stürze», in welchem noch jetzt Mexico, Colombia und Peru ohne Aussicht auf Rettung herumtrciben. Die Literatur über B. ist ungemein reich; vgl. die Neisewcrke von Maximilian Prinzen zu Wied-Neuwied (2 Bde., Franks. >821 — 22, 4., mit Atlas) und von Spix und Martins (3 Bde., Münch. 1823 — 30, 4., mit Atlas); ferner Eschwcge, „Journal von B." (2 Bde., Wenn. I8l8), Frcireis, „Beiträge zur nähern Kenntniß des Kaiserthums B." (2 Bde., Franks. ! 1524), Rob. Southey, „llistor)' <>s 8." sLond. 18 > 0, 4.), Grant, „Ilistory <>t 6. etc. (Lvnd. 1809, deutsch Weim. 1814) und Guts-Muths, „Erdbeschreibung von Guiana und B." (Wcim. 1827). Brasilienholz oder Nothholz ist ein dunkclrothes oder auch gelbbraunes Farbe- Holz, welches in großer Menge in Brasilien, von dem cs den Namen hat, wächst und einen - bedeutenden Ausfuhrartikel bildet. Die vorzüglichsten Sorten sind das Pernambuk-, gewöhnlich Fernambuk-, das Allerheiligen- und das St.-Marthaholz. An Güte kommt ihm so ziemlich gleich das ostindische Siams-, Sapan- oder Japanholz; viel geringer dagegen ist das Bcasilettholz, welches von den Antillen kommt. Der rothe Farbstoff des Brasilicnholzes, das Brasil in, hat viel Ähnliches mit dem Farbstoffe des Campechcholzcs. Bratsche oder Altgeige, ital. Viola tli braccio, nennt man eine größere Geige, auf welcher in der Regel die zweite Mittclstimmc gespielt wird. Brauen heißt die kunstgcmäße Bereitung des Biers (s. d.). Das Brauen ist dem Branntweinbrennen darin sehr ähnlich, daß es ebenfalls die Erzielung einer weingcisthal- tigen Flüssigkeit durch Gährung zuckerhaltiger Stoffe bezweckt und daß es sich diesen zuckerhaltigen Stoff häufig oder, wenn wir von der fast nur in Frankreich üblichen Bierbrauerei aus fertigem Dcxtrinsyrup absehen, stets erst durch dieselbe Vorbereitung des Getreides erzeugt, die auch bei der Branntweinbrennerei (s. d.) vorausgchen mußte. Wir haben also auch hier erst das Malzen des Getreides, darauf das Darren an der Luft oder auf der Darre, wovon die Farbe und größtentheils die Haltbarkeit des Biers abhängt, ferner das Schrecken des Malzes und endlich das Einmaischen im Maischbotticheznbetrachten. Hier tritt nun eine Abänderung ein; da man nämlich das Bier nicht dcstillirt, sondern in ihm eine Vereinigung der fixen und flüchtigen Stoffe haben will, so muß die Flüssigkeit durch Abziehen von den ausgezogenen Malztheilen getrennt und geklärt werden. Dieses geschieht durch mehrmaliges Aufgießen des Malzes in einem Bottich mit durchlöchertem Boden. Alle Aufgüsse werden vereinigt, etwas eingekocht, in der Seigerbutte durchgcseiht und stellen nun die Würze dar, d. h. eine mehr oder weniger conccntrirte Auflösung von Stärkezuckcr, Dextrin, nebst etwas Stärkmehl und Kleber. Nun wird die Würze, bei Bereitung bitterer Biere, gehopft, was am besten durch Zusatz eines besonders bereiteten Hopfcndccocts geschieht, und dann in große flache Kühlschiffe abgclassen, in denen es, häufig mit Hülfe eigener Ventilatoren, der sogenannten Kühlmaschinen, so weit abgekühlt wird, daß man es nun mit frischer Hefe versetzen und der Gährung überlassen kann. Nie darf man die Gährung so weit gehen lassen, daß jede 616 Braun Bräune Spur von Zucker in Weingeist verwandelt ist, da ein gewisser Gehalt von unzcrsctztcm Zucker im Biere bleiben soll. Man wartet daher, wie bei den untergährigcn Bieren, höchstens das Ende der lebhaften Gährung auf dem Eährungsbottichc ab, füllt dann das Bier in Fässer und verspündct es, oder man füllt, wie bei den obcrgährigcn Bieren, das Bier sogleich nach Beginn der Gährung auf Fässer, deren Spund man offen läßt und die erst dann, wenn das Vorqucllcn der Oberhefc aufgchört hat, verschlossen werden. In beiden Fällen erleidet das Bier beim Lagern noch lange eine unmerklichc Nachzählung, deren Resultat der Gehalt an cingcschlossencr freier Kohlensäure ist. (S. Hefe und Gährung.) Vgl. Otto, „Lehrbuch der rationellen Praxis der landwirthschaftlichcn Gewerbe" (2. Aust-, Braunschw. 1810 ). Braun (Joh. Wilh.Jos.), ordentlicher Professor der katholischen Theologie und Docent des Kirchcnrechts zu Bonn, einer der bedeutendsten Wortführer der Hermcsischen Schule, wurde am 2 7. Apr. 1801 auf dem Hause Gronau bei Düren geboren. Mit tüchtigen Vorkenntnissen,"die er thcils durch Privatunterricht, theils auf dem Gymnasium zu Düren erlangt hatte, ging er 1820 nach Köln, um für den geistlichen Stand sich vorzubcreiten, wäre jedoch durch die veraltete dogmatische Lehrmethode, welche in Köln herrschte, der Theologie ganz entfremdet worden, wenn er nicht in Bonn, wohin er l82l sich wendete, durch Hermes' (s. d.) Vorträge und Umgang die theologischen Studien wieder liebgewonnen hätte. Auf den Vorschlag Hermes' und Rittcr's, die B-'s Beruf namentlich für das kirchcngeschichtlichc Fach erkannten, erhielt er vom Staate eine Unterstützung, um in Wien, wo er 1827 auch die Priesterweihe empfing, und dann in Rom seine Studien fortsctzen zu können. Nach Bonn zurückgekehrt, wurde er Repetent am katholisch-theologischen Convictorium und habilitirte sich zugleich als akademi- ! scher Privatdocent der Kirchcngeschichte und Exegese des Neuen Testaments, für welche Fächer > er 1820 eine außerordentliche, 1833 eine ordentliche Professur erhielt. Um ein wissenschaftliches Organ für Norddeutschland zu haben, gründete er in dieser Zeit in Verbindung mit ! Hermes und von Droste-Hülshoff, die leider zu früh für das Unternehmen starben, eine „Zeitschrift für Philosophie und katholische Theologie". Je kräftiger darin die blindgläubige Partei bekämpft wurde, desto mehr suchte diese durch geheime Machinationen in Rom ein Verbot der Schriften von Hermes zu erwirken. Im I. 1835 bald nach dem Tode des Erzbischofs Graf Spiegel erschien das Vcrdammungsbrevc, dessen Ungerechtigkeit um so mehr einleuchtete, als nicht lange zuvor die im Hermcsischen Geiste abgefaßte Schrift des strasburgcr Bischofs gegen Bautain (s. d.) vom Papste gutgeheißcn worden war. Dadurch und durch die feindseligen Schritte des neuen Erzbischofs Droste in seiner Wirksamkeit gehemmt, wünschte B. eine Revision des Urtheils in Rom zu erzielen, allein das Ministerium Altcnstein gewährte ihm den nachgesuchten Urlaub zur Reise erst dann, als die Verhältnisse in Köln sich immer mehr verwickelten und man in Rom selbst eine Beilegung des Hermcsischen Streites wünschte. Im Mai >837 kam er mit Elvcnich (s. d.) in Rom an, wurde überaus günstig auf genommen und hätte die Sache gewiß glücklich beendigt, wenn nicht in Folge einer auswärtigen Warnungsnote die Verhandlung abgebrochen worden wäre. Trotz dieses Ausgangs und trotz verschiedener Anregungen blieb B. seiner Überzeugung unerschütterlich treu und kehrte in seine frühere Stellung zurück, in welcher er neben theologischen Vorlesungen seit 1830 auch Kirchenrecht lehrt. Von seinen Schriften erwähnen wir „Die Lehren des sogenannten Hermesianismus über das Verhältniß der Vernunft zur Offenbarung" (Bonn 1835), die gemeinschaftlich mit Elvcnich in Rom verfaßten „51eIot romana" (Hann. 1838), und die Vollendung der von Ritter begonnenen neuen Ausgabe des Pelliccia „Ile cbristianae ecclo-äus politia" (3 Bdc., Köln 1820—38). Bräune (anchna) nennt man im Allgemeinen die Entzündung des Halses, eine Krankheit, welcher sowol Menschen als Thiere unterworfen sind. Nach den Thcilen des Halses, welche die Entzündung besonders ergreift, erhält sie auch verschiedene Namen. Sie heißt Kehlkopf- und Luftröhrenentzündung (a. lar^ngea), wenn Kehlkopf und Luftröhre, Schlundbräune (a. ptiarii>F6k>), wenn der Schlund, Mandelbräune (a. tonsillaris), wenn die zu beiden Seiten des innern Halses liegenden Drüsen, die sogenannten Mandeln, und an-sina uvularis, wenn die weiche Gaumendecke und das sogenannte Zäpfchen entzündet sind. Elpe besondere Art der zuerstgenannten ist der Croup (s. d.). Die vorzüglichsten Zufälle der Bräune sind je nach Verschiedenheit derselben schmerzhafte Erschwerung des Schluckens, Sprechens und L. Braunfels Braunschweig ((Zeogr. u. Statist.) 617 Akbemholcns, Trockenheit im Halse, welche besondere nach dem Schlafen sehr oft bis rum Gefühle des Erstickens zunimmt, Rothe und Geschwulst der inncrn Theile des Halses, vor- änderte.Stimme und vermehrte Absonderung von Speichel und Schleim. Dazu gesellen sich mehre andere Zufälle, theils in Folge dazu kommenden Fiebers, theils in Folge der Hemmung des Athcmholens und der Verbreitung des Reizes auf die benachbarten Theile. Eine besondere Art stellt die brandige Braune (o. maligna oder gangraenosa) dar, welche von Vielen für eine Abart des Scharlachs gehalten wird, wahrscheinlich aber wol nur die erysipclo- töse Natur mit ihm gemein hat und derselben epidemischen Krankhcitscvnstitution ihr Dasein verdankt, daher beide auch meist gleichzeitig vorhanden sind oder aufeinander folgen und sich ablösen. Uber die Behandlung der Bräune lassen sich keine allgemeinen Regeln aufstel- lcn, da sic nicht nur nach den Thcilen, sondern auch nach dem Charakter und der Natur verschieden ist. In vielen Fällen bleibt eine große Neigung zur Wiederkehr zurück, welche man jedoch durch fortgesetzte kalte Waschungen des Halses und bei Männern durch Wachsenlassen der Barthaare unter dem Kinn in der Mehrzahl der Fälle zu beseitigen vermag. Eine gefährliche Art dieser Krankheit kommt bei den Schweinen vor und heißt dasWilde Feuer. Braunfels, im Kreise Wetzlar des prcuß. Regierungsbezirks Koblenz, am Jsarbachc, die Residenz des Fürsten von Solms-Braunfels, mit einem auf einem Felsen erbauten Schlosse, welches eine ausgezeichnete Bibliothek und Antiguitätensammlung enthält, ist der Sitz der fürstlichen Regierung und hat zwei evangelische Kirchen und eine Synagoge. Die Stadt wird durch eine Wasserleitung mit Trinkwasscr versorgt und zählt I ül>t> E, die meist von Land- und Gartenbau sich nähren. Auch befindet sich hier eine Feuerspritzcnfabrik. Das Schloß wurde während des Dreißigjährigen Kriegs wiederholt von den Truppen des Grafen Ernst von Mansfeld und den liguistischen unter Tilly, sowie später von den Franzosen unter Turennc und den kaiserlichen Truppen erobert und wiedcrgenommcn. Braunkohle, Lignit oder Bituminöses Holz, ein fossiles Brennmaterial, unterscheidet sich von der Steinkohle dadurch, daß sic stets in oder unmittelbar unter dem auf- geschwemmten Lande, dem Diluvium, vorkommt und immer in ihrer Structur, sowie in zahlreich vorhandenen Blättcrabdrücken, Resten von Früchten u. s. w. den pflanzlichen Ursprung deutlich erkennen läßt, sodaß darüber kein Zweifel sein kann, sic sei durch allmälige, ohne Mitwirkung der Hitze erfolgte Zersetzung und Verkohlung großer Ablagerungen von Bäumen unter dem Drucke des bedeckenden Diluviums entstanden. Wahrscheinlich waren diese Holz- masscn nur angeschwemmte, da sich die Braunkohlenlager fast nur in dem am Fuße langer Gebirgszüge abgesetzten Diluvium befinden, wie z. B. die Ungeheuern Braunkohlenlager, die den nördlichen und südlichen Abhang des Erzgcbirgs in Sachsen und Böhmen verfolgen. Obgleich im Allgemeinen die Braunkohlen gcognostisch sehr jung sind und den spätem tertiären Bildungen oder dem Diluvium angehörcn, so hat sich doch die Holzstructur in ihnen in sehr verschiedenem Grade erhalten und auch die Menge des durchdringenden Bitumens ist sehr ungleich. Fast ganz der Steinkohle ähnlich ist die Pechkohle oder der Gagat, ganz erdig und zcrreiblich dieErdkohlc und Moorkohle, ganz holzartig die faserige Braunkohle. Der Werth der Braunkohlen als Brennmaterial richtet sich ganz nach ihrem Gehalte an brennbarer Substanz, der zuweilen bis !w Proccnt beträgt; die geringem Sorten enthalten aber ^0 und mehr Proccnt erdige Bestandthcile, die als Asche Zurückbleiben. Von dem Gehalte an Bitumen hängt das Brennen mit Flamme, zugleich aber auch der üble Geruch beim Verbrennen ab, den man allerdings durch eine vorläufige Abschwefelung oder anfangende Verkokung beseitigen kann. Die Consumtion der Braunkohle als Brennmaterial hat bei den hohen Holzpreisen und der immer allgemeinem Einführung der Rost- stuerungcn nicht allein zu technischen Zwecken, sondern auch zur Zimmerheizung sehr zuge- nommcn. Unter den deutschen Braunkohlen nehmen die böhmischen in Quantität und Dualität einen der ersten Plätze ein. Braunschwcig, das Hcrzogthum, liegt in drei größern und drei kleinern voneinander getrennten Thcilen auf der Übergangszonc von der centralen Berglandschaft Deutschlands zu dessen nordwestlichen Tiefebenen, in der Gesammtgrößc von 10 UlM. Von den drei grö- ßcrn Thcilen, welche den Ost- und Wcstthcil Preußens voneinander trennen und den Süden Hannovers zersplittern, bildet der nördliche und westliche das Fürstcnthum Wolfcnbültcs i!I8 Braunschwcig (Geogr. u. Statist.) und der südöstliche das Fürstcnthum Blankenburg mit der ehemaligen Abtei Walkenried; von den drei kleinern Parcellcn liegt im Osten das Amt Kalvörde an der Ohre innerhalb der prcuß. Provinz Sachsen, bas Amt Thedinghausen im Westen an der Weser unweit Bremen als Enclave von Hannover und in gleicher Eigenschaft zwischen dem nördlichen und westlichen.Haupttheilc im Süden von Hildcshcim der Flecken Groß-Bodenburg. Die Grenzen sind, mit geringer Ausnahme einer Berührung des Südosten mit Anhalt-Bernburg und des Westen mit Waldcck-Pyrmont, überall und zu größtem Theilc hannoversche oder preußische und zwar östlich die Provinz Sachsen, westlich Westfalen. Das Fürstenthum Blankenburg liegt, mit unbedeutender Ausnahme im Norden der gleichnamigen Stadt, ganz im Bereiche des Harzes (s. d.), der von der Fclsenpforte der Noßtrappe bis zurAchtcr- mannshöhe und dem Wormberg im Süden des Brocken auf 8 OM. braunschweigisch ist und die merkwürdige B a u m a n n s h ö h l e (s. d.) und B i c l s h ö h l c (s. d.) in den Wänden des Bodcthals enthält. Der südliche Thcil des Fürstenthums Wolfenbüttcl reicht mit seinen östlichen Gegenden, im Süden von Goslar und westlich von Klausthal wiederum auf die finstcrbcwaldetcn Höhen des Obcrharzes, welcher aber in diesen seinen Nordwcsträndern Braunschweig und Hannover gemeinschaftlich gehört und der Communionharz genannt wird. Der größte Theil dieses Abschnitts von B. wird von den mannichfach gruppirten Hügeln erfüllt, welche zwischen Har; und Weser das ostfälische Bergland ausmachen und im Sollin gcrwald (s. d.) am hervorragendsten erscheinen. Im nördlichen Theile des Fürste>sthums Wolfenbüttcl wird das bei der Residenz B. zu 300 F. erniedrigte Flachland nur theilweise von niedrigen Verbergen des hercynischen Bergsystems unterbrochen und noch am erheblichsten durch den Elmwald zwischen Schöningen und Königslutter im Tieflandscharakter gestört, da dieser im Kuksbergc bei Lucklum l098F.Höhe erreicht. Mit Ausnahme des Fürstenthums Blankenburg und des Amts Kalvörde, welches crstcre durch die Bode und letzteres durch die Ohre zum Elbgcbicte gehört, liegt das Hcrzogthum im Bereiche des Wesergebiets. Die Weser selbst ist im Westen größtenthcils nur Grenzfluß, wie im Nordosten die Aller; den grüßten Antheil hat jedoch die bei Wolfenbüttcl und Braunschweig vorüberfließende Oker, denn die Leine ist nur zu kleinem Theilc braunschweigisch. Unter den stehenden Gewässern ist der Wipperteich hervorzuhcbcn, als größter der in Zahl von 6üü das Land bedeckenden Teiche, ferner im Amt Kalvörde das Süstostendc des großen Dröm- lingbruchs und im Süden von Schöningen das bereits lange trockcngelegte Große Bruch. Das Klima ist für Wolfenbüttcl ein sehr mildes, für Blankenburg aber wegen der hohen Lage ein viel rauheres, weshalb man hier vier Wochen später als im Flachlande erntet. Die Betriebszweige der producirenden Landesindustrie finden in allen drei Naturreichen vortreffliche Stützen. Der sehr bedeutende Bergbau liefert mit Einschluß der Ausbeuten des Communionharzes, dessen Ertrag mit Hannover und mit'/? B. zufällt, jährlich 4'/? Mark Gold, 1600 Mark Silber, beides aus dem Communionharz, 1-120 Ctr. Kupfer, 2320 Ctr. Blei, 2560 Ctr. Glätte, 65000 Ctr. Eisen aller Art, 40 Ctr. Zink, 3750 Ctr. Vitriole aller Art, 790 Ctr. Schwefel und 105000 Ctr. Salz aus den Salinen zu Schöningen und Salzdahlum und den Antheilcn an den hannöv. Werken zu Juliushall und Licbcnhall bei Salzgitter. Nächst einigem Torf, ungefähr 50000 Ctr. Braunkohlen und der Ausbeute der helmstedter Kohlengrube besitzt das Land auch vortreffliches Baumaterial, besonders in dem schönen bunten Marmor bei Rübeland, den Sandsteinen bei Blankenburg, bei Velpke im Kreise Helmstedt und in den sollinger Sandsteinen, die bei Holzminden gebrochen und dort in Schleifmühlen zu Platten verarbeitet und geschliffen, aber auch zu Quadern und Bauornamcnten gehauen werden. Von dem ganzen Areal des Landes sind kaum 3 UlM. unbenutzter Boden, indem der Betrieb gediegenster Landwirthschaft und Forstcultur Alles sorgfältig benutzt. Der Ackerboden verbreitet sich über 23^ OM., aus welchen, nächst den gewöhnlichen Getreidearten, Hülscnftüchte und Kartoffeln in besonderer Güte gezogen werden; gegen l 00000 Stein Flachs, 2500 Mispel Nübsamen, an 7000 Ctr. Taback und beinahe 8000 Ctr. Hopfen. Die üppigsten Frucht- gesilde sind im nördlichen Flachlande; der Harz muß von da aus mit Getreide versorgt werden. Der Gartenbau nimmt IV» UlM. ein und wird größtenthcils von den Städtern betrieben. Die Waldungen bedecken 22'/d mM. und gestatteten früher im Besitze sorgsam ge- Braunschweig (Geogr. u. Statist.) 619 pflegter Laub- und Nadelholzbestände eine reiche Holzausfuhr, die nur leider vor einigen Jahren durch übereiltes Niederschlagen auf längere Zeit gestört ist und an deren Stelle jetzt bedenklicher Holzmangel gefürchtet wird. Die schön cultivirten Wiesen bieten im Verein mit den kräftigen Weiden und Triften der Viehzucht einen Futterraum von 2« lüM. dar; dieselbe wird daher auch mit glücklichem Erfolge betrieben. Man schätzt die Zahl der Pferde auf 51 »00 Stück, die des Rindviehs auf 75000, die der zum Theil veredelten Schafe auf 120000 Stück, der Ziegen zu 8500, der Schweine auf 47000, der Esel und Maulesel auf 120 Stück und zählt an 10000 Bienenstöcke, wornach verhältnißmäßig die Schweinezucht gering, die Pferdezucht dagegen ziemlich beträchtlich erscheint. Der in den Forsten gepflegte Wildstand ist seit einigen Jahren auf Veranlassung der immer häufiger werdenden Klagen über Wildschaden bedeutend vermindert. Zur Förderung der physischen Cultur bestehen mehre in der Residenz conccntrirte Institute und Vereine. Auch die technischc Cultur reiht sich würdig der physischen an und hat Flachsspinnerei und Weberei zu Hauptgegenständen einer auch auf dem Lande verbreiteten Industrie, während außer den Bergfabrikbezirkcn nur Braunschweig, Holzminden und wenig andere Städte eigentliche Fabriken haben. Die Leinweberei hat ihren Hauptsitz in den Kreisen Holzminden, Gandersheim und Wolfenbüttel, die Strumpfstrickerei in und um Ottenstein liefert jährlich mehre tausend Dutzend Strümpfe zur Ausfuhr; Tuch- und Zcugwcberei ist fast nur auf Braun- schweig beschränkt. Gute Gerbereien bestehen vielfach und am ausgezeichnetsten zu Königslutter im Kreise Helmstedt und zu Braunfchwcig, woselbst auch bedeutende Handschuhfabrikeu sich befinden. Papier wird in großer Menge gefertigt; Papiermache'waarcn, Tapeten und lackirte Blechwaaren liefern Braunschweig und Wolfenbüttel in vorzüglicher Güte. Cichorien, Rohr- und Runkclrübenzuckerfabrikcn sind zu Braunschweig, Tabacksfabriken ebendaselbst und zu Wolfenbüttel und Holzminden, und Holzwaaren werden verfertigt in verschiedenen Orten im Harze. Die Metallfabrikation bildet einen Hauptzwcig der Industrie und erstreckt sich auf die mannichfachsten Gegenstände. Silber-, Kupfer-, Zink-, Galmei-, Messing-, Blei-, Schwefel- und Vitriolhüttcn bestehen bei Oker im Harze und bei Langelsheim und Astfeld im Kreise Gandersheim, Eisen-, Blech- und Drahthüttcn nebst Hohöfen bei Zorge, Rübeland und Tanne im Harze, woselbst auch Eisengießerei, Schleif-, Dreh - und Bohrwerke und Sägcschmiede; zu Zorge ist eine großartige Maschinenfabrik, und in Holzminden arbeiten aufs thätigste verschiedene Eisen-, Stahl-, Messer-, Feilen-, Stecknadel- und andere Kurzwaarenfabriken. Noch verdienen einer besondern Erwähnung die herzogliche Porzellanfabrik zu Fürstenberg im Solling, die Fayencefabrik, die Spiegel-, die chemische und Farbenfabriken, z. B. in Braunschweiger Grün, zu Braunschweig, und dis Glashütten am Harze, (die Sollingshütten sind wegen Holzmangels eingegangcn), der Betrieb der Sollin- gcr Sandsteinbrüche, verschiedene Mühlwerke und wichtige Brauereien, welche die bekannte Mumme liefern. Alle die genannten Roh- und Kunstproducte liefern in mehr oder minderer Entbehrlichkeit des eigenen Bedarfs dem lebhaftesten Handelsverkehr nach außen einträgliche Posten, unter denen das Garn allein mit I Mill. Thlr. sich darstcllt; cs wird aber auch der Handel des Herzogthums sehr begünstigt durch dessen centrale und in wichtiger Vermittelung ausgezeichnete Lage in Deutschland, durch die jährlich zweimaligen Messen der Hauptstadt und durch eine vortreffliche Straßenvcrbindung. Das Land hat jetzt etwa 70 M. Kunststraßen, also auf jede lüM. des Flächenraums eine Meile. Nachdem die hauptsächlich zu Gunsten der Harzproducte angelegte Eisenbahn von Braunschweig über Wolfenbüttcl nach Harzburg beendigt und jetzt auch die Eisenbahnverbindung mit Halbcrstadt und Magdeburg über Aschcrslcben hergcstellt ist, wird B. durch die weitere Fortsetzung dieses Bahnsystems theils in westlicher Richtung über Hannover nach Bremen und Minden, thcils in nördlicher über Celle nach Hamburg bald ein wichtiger Eisenbahnknotcn werden und das Land seine alte hohe Bedeutung für den deutschen Handelsverkehr wieder gewinnen. Der braunschw. Handel hat zwar neuerlich bedeutend gelitten durch den einseitigen und bis jetzt noch unvollständigen Anschluß des Herzogthums an den Deutschen Zollverein; er würde aber unstreitig wieder viel glänzender werden, wenn erst der Deutsche Zollverein seine Grenzen bis zum Meere erweitert hätte. L 620 Braunschweig (Geogr. u. Statist.) Die Bewohner, deren man 265500, also beinahe 3800 auf einer UM. zahlt, sind echt safsischer Abkunft, kräftigen Schlags, sprechen mit Ausnahme der niedern Classen, welche sich sehr dem Plattdeutschen zuneigcn, ein äußerst reines Hochdeutsch und wohnen in 539 Ortschaften, unter denen 15 Städte sind. Mit Ausnahme von I300Rcformirten und wenigen Herrnhutern, 2300 katholischen Christen und 1500 Israeliten, bekennen sich alle Braunschwciger zur protestantischen Kirche, deren Angelegenheiten von einem Consistorium zu Wolfcnbüttel und sechs Generalsupcrintendenten in ebenso viel Generalinspectionen geleitet werden. In allen Richtungen der geistigen Bildung hatB. stets gleichen Schritt mit dem Wciterstreben seiner deutschen Nachbarstaaten gehalten, ja dieselben zum Theil, wie namentlich im Landschulwcsen, überflügelt, und wenn cs auch einer eigenen Landesuniversität entbehrt, als solche vielmehr die zu Göttingcn benutzt wird, so besitzt es neben den gut eingerichteten Volksschulen doch eine Menge Institute zur Förderung von Wissenschaft und Kunst. Unter ihnen müssen hervorgehoben werden das jetzt zu einer polytechnischen Anstalt umgebildcte Collegium Carolinum, das Anatomisch-chirurgische Collegium und das herzogliche Cadettencorps zu Braunschwcig, die Baugewerbschule zu Holzmindcn, das Pre- digerscminar zu Wolfenbüttel und die weltberühmte Bibliothek zu Wolscnbüttcl, wie das Museum in Braunschwcig. Die Verfassung des Staats ist eine monarchisch-consiitutionelle, durch das Landes- grundgesctz oder die Landschaftsordnung vom 12. Oct. 1832 näher bestimmt. Die Stände, welche die Gcsammtheit der Landesbewohner vertreten, haben hiernach das Stcuerbcwilli- gungsrccht, die Mitaufsicht über das vom Privatgute des Herzogs geschiedene Kammergut und das Recht der Berathung und Zustimmung zu allen Landesgesetzen. Sie werden vom Herzoge berufen, können sich aber auch in gewissen Fällen ohne landesherrliche Anordnung versammeln, sind stets durch einen aus sieben Mitgliedern bestehenden Ausschuß vertreten und bestehen aus 10 Abgeordneten der Ritterschaft, 12 Deputirten der Städte, 10 von den Landbewohnern und aus 16 gemeinschaftlichen Abgeordneten der drei Standcsclassen, im Ganzen also aus -18 Mitgliedern. Der Herzog ist das Oberhaupt des Staats; die höchste Verwaltungsbehörde bildet das Staatsministcrium und die in sechs Sectionen getheilte begutachtende Ministerialcommission, zunächst unterstützt in Ausführung aller Zweige der administrativen Verwaltung durch die sechs Krcisdirectoren, welche sich nebst den Stadtdi- rectoren von Braunschweig und Wolfenbüttel jährlich zweimal zu einer Landesdirection versammeln. Der höchste Gerichtshof ist das gemeinschaftliche Oberappellationsgcricht des Herzogthums B. und der Fürstenthümer Waldeck-Pyrmont, Lippe und Schaumburg-Lippe in Wolfenbüttel. Die Staatseinnahmen beliefen sich imZ. 1843 auf 1,250000 Thlr., einschließlich des Beitrags zu 164600 Thlrn. vom Kammereinkommen, dessen Etat außer diesem Uberschuß den Gesammtbetrag des Staatseinkommcns auf 1,814000 Thlr. stellt, was die Ausgaben insoweit übcrtrifft, als es die Tilgung der Schuld erheischt. Die auf dem Domainengute ruhende Kammerschuld beträgt in Münze 3,265000 Thlr., die Landesschuld mit Einschluß der bedeutenden Ausgaben für (etwa 16 Meilen) Eisenbahnen 5,770000 Thlr.; auf jene müssen verfassungsmäßig jedes Jahr 30000 Thlr. abgetragen werden, der Abtrag auf die Landesschulden beträgt in der gegenwärtigen dreijährigen Finanzperiode 250000 Thlr., also jährlich etwas über 80000 Thlr. In der deutschen Bundesversammlung hat B. in der engcrn Versammlung mit Nassau die dreizehnte Stimme, im Plenum aber zwei Stimmen. Das zum zehnten Armeecorps zu stellende Bundescontin- gent beträgt 162 5 M. Infanterie, 2 99 M. Cavalerie und 17 2 M. Artillerie mit 4 Geschützen, zusammen also 2096 M.; die Truppenstärke des sogenannten Feldcorps ist jedoch eine höhere von beinahe 2500 M., ohne die Reservemannschaften, vertheilt in ein Regiment Infanterie, ein Jäger- oder Lcibbataillon, ein Husarenregiment und eine Batterie. Ein besonderes K riegscollegium leitet die Militairangelcgenheiten und unter Zulässigkeit der Stellvertretung besteht eine allgemeine Dienstpflichtigkeit von 20.—25.Jahre. An Orden und Ehrenzeichen hat B. den Orden Heinrich des Löwen und das Vcrdienstkrcuz, das Kreuz für den Feldzug von 1809, eine Medaille für den Feldzug in Spanien, eine gleiche für die Schlacht bei Waterloo, das Kreuz für25jährigeDicnstzeit und eine Rettungsmedaille. Das 38OM- ßroße als preuß. Standcsherrschaft in Schlesien gelegene Fürstcnthum Ö l s (s. d.) gehört >r si fl U! 3 F gl st Ü! de w di g' li 8 w L er 4 °< A N ö E gi ül l > st n tz> vi U! L L dl Ü! hl V> W kt A b> st d« 4 U! Braunschwelg (Geschichte) 621 mit einem jährlichen Ertrag von 100000 Thlr. dem Herzog von B. und steht mit dem Hcr- zogkhum B. und dessen Negierung nicht in Verbindung. Das Land ist nach den Hauptstädten in folgende sechs gleichnamige Kreise gethcilt: I) Braun schweig (s. d.), 2) Wolfenbüttel (s.d.), 3)Helmstedt (s. d.), 3)Holzminden (s.d.), 3)Gandcrsheim(s.d.) und 6) Blankenburg (s. d.). Alles Land, das zu dem gegenwärtigen Herzogthum B- gehört, war in der frühesten Zeit ein Theil des alten Sachsenlandes, welches Karl der Große sich unterwarf und mit dem Frankenreiche vereinigte. Erst unter Ludwig dem Deutschen ward Sachsen zum Schutz gegen die benachbarten Normannen und Slawen unter einen eigenen Herzog gestellt und dieser war Ludolf, der bereits unter Ludwig dem Frommen das Grafenamt in Sachsen ausgeübt hatte. Ihm wird der Bau des Klosters Brunshausen zugeschrieben, sowie er der Gründer der Abtei Gandersheim ist. Er starb 863, und von seinen drei Söhnen Bruno, Tankwart und Otto folgte ihm im Herzogamte der ältere, und als dieser 880 bei einem Zuge gegen die Danen geblieben, der jüngste, Otto, der 903 das Kloster auf dem Kalkberge zu Lüneburg gründete. Otto starb 912 und hatte Heinrich zum Nachfolger, der nach Konrad des Sa- liers Tode 9l9 zugleich die deutsche Krone erhielt. Sein Sohn Otto I. oder der Große setzte S5I Hermann Billung zum Markgrafen über Sachsen, der zum Schuh gegen die Slawen die Burg zu Lüneburg erbaute, vom Kaiser Otto I. 961 die jenseit der Elbe gelegenen Srchsenlande sowie die Umgegend von Lüneburg und Bardewik zum erblichen Eigcnthum erhielt und zum Herzöge über das östliche Sachsen erhoben wurde. Der letzte Sprosse des Hauses der Billungen, der Herzog Magnus, starb 1106. Kaiser Heinrich V. gab das cr- öffnete Herzogthum Sachsen an Lothar vonSupplinburg, der 1128 nach Heinrichs V. Tode Kaiser ward. Als aber Lothar im Kampfe mit dem Herzoge Friedrich von Schwaben, seinem Nebenbuhler um die Kaiserwürdc, an Herzog Heinrich dem Stolzen von Baicrn, aus dem Hause Welf, einen Genossen fand, gab er diesem nicht nur seine Erbtochter Gertrud zur Gemahlin, sondern belehnte auch denselben >127 mit Sachsen. Von Heinrich dem Stolzen ging die Herzogswürde in Sachsen 1139 auf dessen Sohn Heinrich den Löw cn (s. d.) über, der geächtet das Herzogthum Sachsen wieder verlor und erst nach hartnäckigem Kampfe > 193 seine braunschweig. Erblande als Allodium zugesichert erhielt. Nach seinem Tode im J. >195 beherrschten seine Söhne, Heinrich, Otto und Wilhelm, das welfische Erbe gemeinschaftlich, bis sie 120:; zu einer Theilung in Paderborn sich vereinigten. Dabei erhieltHcin- nch Dithmarsen, Hadeln und Wursten, Stadt und Grafschaft Stade, die väterlichen Besitzungen in den Hochstiftcrn Bremen und Verden, Hannover mit dem Lande jenseit der Leine von dieser Stadt bis Güttingen, den westlichen Theil des Lüncburgischen bis Celle, Eimbeck und das Eichsfeld; Otto dagegen, der nach Heinrich's VI. Tode imJ. 1198 neben dessen Bruder Philipp zum deutschen König (Otto IV.) gewählt worden war, das eigentliche Braunschweig mit der Umgegend bis nach Hannover, den Unterharz und die Besitzungen an dem dem Antheile Heinrich's gegenüberliegenden Ufer der Leine; Wilhelm endlich die Lande über der Elbe, den östlichen Theil des Lüneburgischen mit der Stadt Lüneburg und den Ober- Harz. Wilhelm starb 1213 und hinterließ einen einzigen Sohn, Otto das Kind; Kaiser Otto IV. starb 1218 kinderlos; Heinrich hatte nur zwei Töchter. So fielen die Allodien von Braunschweig-Lüneburg wieder an Einen Herrscher, den einzigen Stammhalter des welfischen Hauses. Doch galt cs harte Kämpfe, ehe Otto das Kind in "den Besitz seines Erbes kam, namentlich in Folge der Erbansprüche der beiden Töchter Heinrich's, welche letztere ihre Ansprüche an Kaiser Friedrich II. verkauft hatten, der auch sofort die Stadt Braunschweig besetzte. Den Streit zu endigen, gab Otto l 238 das Schloß zu Lüneburg mit seiner Herrschaft dem Kaiser und Reich zu eigen, worauf der Kaiser aus der Stadt Braunschwcig und deren Zubehör, dem Bergschloffe zu Lüneburg mit seinen Landen, Burgen und Leuten ein Herzogthum schuf, mit demselben Otto belehnte und ihn zum Reichsfürstcn erhob, also daß seine Söhne und Töchter ihm im Lehen folgen sollten. Seit dieser Zeit gab Otto sich in friedlicher Ruhe der Sorge um seine Untcrthane» hin. Mit weiser Umsicht hob er der Bürger Gewerbe, er gründete Städte und Schlösser und ertheilte den Bewohnern von Lüneburg große Freiheiten und Privilegien. Erstarb 1282,und das Herzogthum kam anseine Söhne Albrecht und Johann. Diese regierten gemeinschaftlich bis 1267, wo sie auf dem Fürstentage zu 622 Braunschweig (Geschichte) Quedlinburg dermaßen theilten, daß Johann außer dem Herzogthum Lüneburg die Stadt Hannover und die Schlösser Lichtenberg und Twiflingcn, Albrccht dagegen das Herzogthum Braunschweig, das Land zwischen Deister und Leine, das Fürstenthum Oberwald, den We- serdistrict und den Harz erhielt. Die Stadt Braunschweig aber, die dortigen Präbenden, das von Mainz abgetretene Giselwerder und die Gerechtigkeit an Hameln blieben beiden Brüdern gemeinschaftlich. Albrccht residirte aus derBurg Dankwardervde zu Braunschweig, Johann auf dem Bergschlosse zu Lüneburg; jener begründete die ältere wolfenbütteler, dieser die ältere lüneburger Linie. Was die ältere wolfenbütteler Linie anlangt, so suchte Albrccht, der Große genannt, nicht nur im Innern seines Staats Friede und Ordnung zu erhalten, sondern nahm auch dem Kuno von Gruben, Burgmann zu Dassel und Grubenhagcn, sein durch Felonie verwirktes Burghaus Grubenhagen, wohin er später seine Residenz verlegte. Er starb am 15. Aug. 1279, und es erfolgte nun durch seine drei Söhne eine neue Theilung des Landes. Der älteste Sohn, Heinrich, erhielt Grubenhagen; der andere, Albrccht der Feiste, das Land Oberwald mit den Städten Göttingen und Münden; der dritte, Wilhelm, die Burgen Braunschweig und Wolfenbüttel, Asseburg u.s.w. Die erste Linie, die Linie Grubenhagen, erhielt sich bis 1596. Der Stifter derselben, Heinrich, hinterließ bei seinem Tode, 1321, drei Söhne, Heinrich, Ernst und Wilhelm, die das väterliche Erbe von neuem theilten, aber schon >361 war ganz Grubenhagen wieder unter Ernst vereinigt. Nach Ernst's Tode im I. 1361 ging Erubenhagen wiederum in zwei Linien auseinander durch seine Söhne Al- brecht II. und Friedrich. Albrccht II. erhielt Grubenhagcn und nahm sein Hoflager in Salz der Helden, Friedrich bekam Osterode und Hcrzbcrg. So entstanden d^e Linien Grubenhagen und Ostcrod e-Grubenhagen, welche letztere jedoch schon mit Fricdrich's Sohne, Otto, um 1339 ausstarb. Die Linie Grubenhagcn ging von Albrccht II. über auf dessen einzigen Sohn Erich und von diesem wieder 1327 auf dessen drei Söhne, Ernst II., Heinrich III. und Albrccht III., die anfangs unter der Vormundschaft ihres Vetters Otto von Osterode-Grubenhagen standen, dann aber gemeinschaftlich regierten. Nach dem Tode Ernst'sll. undHeinrich'slll. regierte Albrccht III. allein bis zu seinem Tode 1386. FürAl- brecht's lll. noch unmündige Söhne, Philipp I. und Erich, führte der Sohn Hcinrich's III., Heinrich IV., als Vormund und Mitrcgent die Negierung. Philipp k. kam wieder zur alleinigen Negierung, als Heinrich IV. 1525 gestorben und Erich Bischof zu Osnabrück und Paderborn geworden war. Er trat >533 nicht nur selbst der Reformation bei, sondern trug auch für die evangelische Bildung seines ältesten Sohns und Nachfolgers, Ernst, Sorge. Am Hofe des Grasen von Mansfeld erzogen, begab sich Ernst frühzeitig von hier an den kurfürstlichen Hof zu Wittenberg, und hier war es, wo er durch eifriges Studium der heiligen Schriften und enges Anschließen an Luther den Grund zu jener Frömmigkeit legte, die ihm bis an sein Ende Trost und Beruhigung in allen Stürmen seines vielbewegten Lebens gewährte. Er war es, den der Kurfürst Johann Friedrich wie seinen eigenen Sohn liebte und in seinen wichtigsten Berathungen zuzog. Gleich dem Vater war er bereit, die Sache des Schmalkaldischen Bundes zu verfechten, und in den gleichzeitigen Kämpfen war er fortwährend einer der Tapfersten. Mit dem unglücklichen Kurfürsten Johann Friedrich wurde er bei Mühlberg 1537 gefangen; diesem jedoch auch im Unglück treu, war Ernst in dieser Zeit des Kurfürsten einziger Trost. Ernst war es auch, der mit dem Kurfürsten Schach spielte, als diesem das Todesurtheil verlesen ward. Nicht lange darnach ward er gegen Auslieferung des bei Rochlitz gefangenen Markgrafen von Brandenburg-Kulmbach wieder frei und trat 1551 die Regierung an. Auch als Regent gehört er zu den vorzüglichsten. Unverdrossen sorgte er für das Wohl der Seinen, besonders auch für die Verbesserung der ihm zustehenden Bergwerke des Harzes. Er starb am 2. Apr. 1567 kinderlos, und ihm folgten in der Negierung seine Brüder, Wolfgang und Philipp, die sich aber bald dahin einigten, daß der ältere, Wolfgang, der Regierung allein Vorstand, der ebenfalls eifrig der evangelischen Lehre zugethan war. Wolfgang starb 1595, und die Regierung kam nun an seinen Bruder Philipp, mit dem 1596 die grubenhagensche Linie erlosch, worauf das Land von Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel in Besitz genommen wurde, jedoch später nach einem reichsgerichtlichen Erkenntniß an die cellesche Linie abgetreten werden mußte. Braunschweig (Geschichte) 623 Die zweite von Albrecht dem Feisten gestiftete Linie Göttingen verschmolz 1292, als dessen Bruder Wilhelm, der Stifter der Linie Wolfenbüttel, starb, auf einige Zeit mit der wolfenbütteler Linie. Diese Vereinigung dauerte bis zum Tode Otto des Milden, des ältesten Sohns Albrecht des Feisten, im I. >344. Otto's Söhne, Ernst und Magnus, theilten das Land abermals; Ernst erhielt Göttingen, Magnus Wolfenbüttel Als 1367 Herzog Ernst starb, folgte ihm sein Sohn Otto, mit dem Zunamen des Herzogs an der Leine, ein Mann, der rasch mit dem Schwert, zu jedem kühnen Unternehmen immer bereit und der fehdelustigcn Ritterschaft seines Landes ebenso befreundet war, wie er den ausblühenden Städten ihr kräftiges Leben mißgönnte. Seine Regierung war eine Kette von Fehden und Kämpfen theils mit den Grasen von Thüringen, theils mit dem Landgrafen von Hessen, ja selbst mit der Stadt Göttingen gerieth er in blutigen Streit. Er starb >394 und hintcrließ einen einzigen Sohn Otto, den Einäugigen (Lodes), der die ersten Jahre nach des Vaters Tode unter der Vormundschaft Friedrichs von Braun- schweig stand, und sobald er die Regierung selbst übernommen hatte, sich als strengen Beförderer der Zucht und Ordnung im Lande, als unerbittlichen Feind gegen jeden Friedbrecher, als Schützer der Städte und ihrer aufblühenden Macht zeigte. Fortdauernde Kränklichkeit bewog ihn indessen, 1459 seine sämmtlichen Besitzungen mit Ausnahme der Stadt und des Gerichts Uslar und dem Schlosse zu Münden an HerzogWilhelm den Siegreichen von Kalenberg abzutreten, und als er >463 kinderlos starb, erlosch mit ihm die ältere Linie Göttingen. Die dritte von Albrecht des Großen Sohne gestiftete Linie Wolfenbüttel verschmolz nach des Stifters Tode im J. >292 mit der Linie Göttingen, bis sie >344 durch Magnus I. oder den Frommen wicderhergestellt wurde. Er hatte durch seine Vermählung mit Agnes, der Tochter Heinrich's, des brandcnburgischen Markgrafen von Landsberg, im Z. >327 die schönen Besitzungen von Landsberg, der Pfalz in Sachsen, Lauchstädt und Sangerhauscn zur Mitgift erhalten und dadurch eine ungewöhnliche Macht erlangt, der er sich mit Nachdruck in inner» und äußern Fehden zu bedienen wußte. Fortwährend lebte er aber in Zwist mit seinem rauf- und fehdelustigen Sohne Magnus II., der sogar, als er >367 in einen Krieg gegen Hildcsheim in Gefangenschaft gcrathen war, für seine und der Scinigcn Freiheit die Herrschaft Sangerhauscn an den Markgrafen von Meißen, Friedrich den Strengen, verkaufen und seinen Antheil an der Münze zu Braunschweig dem dortigen Rache versetzen mußte. Magnus I. starb l 369, und sein Sohn und Nachfolger Magnus II. oder mit der Kette (1'<>rtj,mt»s) fand, da in demselben Jahre die ältere lüneburger Linie ausstarb, gleich bei seinem Auftreten als Regent Gelegenheit, seine Besitzungen um ein Bedeutendes zu vergrößern. Dann obschon die Herzoge von Sa.'bsen, die früher die Belehnung mit Lüneburg erhalten hatten, gleich nach erhaltener Nachricht von dem Aussterben der lüneburger Linie sich von Kaiser Karl IV. die Belehnung mit Lüneburg noch einmal ertheilen ließen, so blieben doch bei Magnus die kaiserlichen Befehle unbeachtet, vielmehr wartete er, immer schlagfertig, nur auf den Augenblick, wo die streitige Sache mit dem Schwerte entschieden werden sollte. So kam es zu dem lüneburger Erbfolgekriege, in welchem das Land auf das entsetzlichste verheert und fast ganz erschöpft ward. Er blieb während dieses Kriegs >372 in der Schlacht bei Leveste gegen den Grafen Otto von Schaumburg, und die endliche Entscheidung der langen Fehde erfolgte erst unter seinen Söhnen, welche nach dem über die Herzoge von Sachsen errungenen Sieg bei Winsen imJ. 1388 und nach der Eroberung Lüneburgs das Land theilten. Friedrich erhielt das Land Braunschweig, Bernhard und Heinrich Lüneburg gemeinschaftlich; ihr Bruder Otto, welcher Erzbischof von Bremen war, blieb unberücksichtigt. Als Friedrich auf dem Heimwege von Frankfurt, wo er an der Stelle des abgcseßten Kaisers Wenzel die Krone hatte empfangen sollen, am 5. Juni 1409 auf An- stisken Johann's von Nassau, Erzbischofs von Mainz, vom Grafen von Waldeck und Kunz- mann von Falkcnberg ermordet worden war, herrschten seine Brüder Bernhard und Heinrich eine Zeit lang über die Lande Braunschweig und Lüneburg gemeinschaftlich, bis sie sich > >99 zu einer Theilung verstanden. Heinrich nahm das Land Lüneburg, Bernhard Wolfenbüttel und Kalenberg; die Städte Braunschweig und Lüneburg aber sowie der Zoll von Schnakenburg blieben gemeinschaftlich. r-- 6^4 Braunschwekg (Geschichte) In der von Albrecht des Großen Bruder, Johann, >267 gestifteten altern lüne- burg er Linie folgte nach des Stifters Tode im I. 127 7 dessen Sohn Otto der Strenge, der sein Land durch den Ankauf vieler im Innern gelegener Grafschaften vergrößerte und I330 starb. Diesem folgte» wieder seine zwei Söhne, Otto'und Wilhelm mit dem langen Beine, welche bis 1352, wo Otto kinderlos starb, gemeinschaftlich regierten. Auch Wilhelm hatte keinen Sohn, sondern nur zwei Töchter, von denen die eine an des Herzogs Magnus' I. Sohn, Ludwig, die andere mit Herzog Otto von Sachsen Wittenberg vermählt war. Ludwig, dem die Nachfolge bereits zugesichcrt war, starb aber vor dem Schwiegervater, und als dieser dessen Bruder, den wilden und verhaßten Magnus Torquatus, zum Nachfolger bc- stimmte, erhoben die Herzoge von Wittenberg, von Kaiser Karl I V. begünstigt, Widersprüche dagegen, in Folge deren der lüneburger Erbfolgckrieg entstand. Als Wilhelm 136!» starb, erlosch mit ihm die ältere lüneburger Linie, worauf das Land nach Beendigung des Erbfolgekriegs an Wolfenbüttcl kam. Die in Folge der Theilnng des mit.tlern GesammtHauses Braun schweig im I. 1409 durch Bernhard begründete jüngere Linie Braunschwcig-Wolfenbüttel wurde fortgesetzt von dessen Neffen, den Söhnen Herzog Heinrich's vonBraunschwcig-Lüne- burg, Wilhelm und Heinrich, die sich durch die Theilung von 1409 beeinträchtigt glaubten und 1428 eine neue Theilung oder vielmehr einen Tausch veranlaßten. Bernhard uahin Lüneburg und Celle, seine Neffen aber Wolfenbüttcl, Kalenberg und Hannover, daher denn nun die jüngere lüneburger Linie von Bernhard, gest. 14 34, die wolfenbüttelcr Linie ab« von dessen Neffen, und da der eine derselben, Heinrich, 1473 ohne Erben starb, von dem andern, Wilhelm, allein fortgepflanzt wurde. Wilhelm, der das Glück hatte, daß er schon, als er noch Herzog von Kalenberg war, 1450 von seinem Vetter Otto dem Einäugigen von Göttingen alle dessen Besitzungen abgetretenerhielt und dieselben >463 erbte, starb 1482 und hinterließ zwei Söhne, Wilhelm II. und Friedrich den Unruhigen. Letzterer, mit seinem Bruder im Streite, wurde von diesem gefangen gehalten und starb >495 ohne Erben; Wilhelm II. aber, der 1503 starb, theilte sein Land unter seine zwei Söhne, Heinrich und Erich, und es trennte sich sonach die jüngere Linie Braunschweig-Wolfenbüttel wieder in zwei Linien, in die kalenbergischeund wolfenbüttelcr. Die kalenbcrgische Linie hatte blos zwei Vertreter und starb schon 1584 wieder aus. Der erste derselben war Erich 1., bekannt als Kampfgenosse Kaiser Maximilian's I. und als thätiger Theilnehmcr an der Hildesheimer Stiftsfehde (1519—23), gest. 1540; der andere, sein Sohn Erich II., der, obschon in der protestantischen Lehre erzogen, zu der katholischen Kirche übertrat, gegen den Schmalkaldi- schen Bund und gegen Moritz von Sachsen focht und 1584 kinderlos starb, daher sein An- theil an den braunschwcig. Landen an Wolfenbüttcl, die zweite der genannten Linien, siel. Der Begründer der wolfenbüttelcr Linie, Heinrich I. oder der Ältere, gest. 1514, hintcrließ zwar sechs Söhne; doch kam vsnihnen nur der älteste, Heinrichll.oder der Jüngere, zur Negierung, der ein Fürst voll Energie nnd Herrschsucht, kaum ein anderes Gesetz als den eigenen Willen anzuerkcnnen geneigt war, wie er denn auch seinen Bruder zwölf Jahre lang in strenger Gefangenschaft hielt. Während er thcils aus Politik, thcils aus Überzeugung sich den kirchlichen Neuerungen entgegensetzte, so gab er doch auch dem Lande ungeachtet der unruhigen Zeiten viele zum Thcil nöch dauernde zweckmäßigeEinrichtungen. Fast seine ganze Negierungszeit hindurch war er in Kriege verwickelt. Berüchtigt ward er wegen seines Umgangs mit Eva Trott, einem Hoffräulein seiner Gemahlin, worüber er in manche verdrießliche Händel gerieth. Er starb 1568, und ihin folgte sein Sohn Julius, der ein eifriger Protestant und unermüdlich thätig für die weitere Verbreitung seines Glaubens, sein Land 1584 durch den Anfall der Besitzungen der kalenbcrgischen Linie um ein Bedeutendes vergrößert sah. Seine Lebensbeschreibung von Franz Algermann, einem Zeitgenossen, wurde von Strombeck (Helmst. 1822) herausgegeben. Bei seinein Tode im 1.1589 kam sein ältester Sohn Heinrich Julius zur Regierung, ein an hoher Bildung weit über seine Zeit emporragender und an Gelehrsamkeit seinen Vater weit übertreffcnder Fürst. Durch kräftige Maßregeln suchte er seine Macht und sein Ansehen zu erweitern, auch fielen ihm 1596 nach Aussterben der grubenhagenschcn Linie deren Besitzungen zu. Untes ihm bildeten sich nicht nur die Verhältnisse der Landleute gegen ihre Gutsherren inehr aus, durch ihn trat auch das I»» > sch! ricl der ^ kin vo> , sch §ie Ta j Ha wo wo dai Sc s° wo crß Ml! wa W ach ! stii ! voi der Mi! Sc Li! »m He Re die seir dcn Ec De Hc nicl Ka Li . als Da sim als Ge des Al! wu auj dm die bra Brauilschwcig (Geschichte) -,-r.—--»/LtS'kV» 625 Institut dcsSchatzcollcgiums, das nachher die Functionen eines engem landständischen Ausschusses versah, ins Leben. Er starb Ni 13, und sein Nachfolger war sein ältester Sohn Friedrich Ulrich, ein Fürst von zwar gutem Willen, aber schwach und den siurmbewegtcn Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs nichts weniger als gewachsen. Mit ihm erlosch Ni3-t, da er kinderlos starb, die Linie Braunschweig-Wolfenbüttel, und sein Land siel an August, Herzog von Braunschweig-Lüneburg-Dauncnberg. In der mit 1-10!» durch Herzog Heinrich beginnenden jünger« Linie Braun- schweig-Lüncburg machten nach des Stifters Tode im J. 1416 dessen ihm in der Neuerung folgende Söhne, Wilhelm und Heinrich, >428 mit ihrem Oheim Bernhard einen Tausch. Dieser regierte bis 1434 und hinlerlicß zwei Söhne, Otto den Lahmen oder von der Haide und Friedrich den Frommen, die bis zu Otko'S Tode 1445 gemeinschaftlich regierten, worauf Friedrich die Regierung allein übernahm, die er, bis auf eine kurze Unterbrechung, wo er wegen Streitigkeiten mit der Geistlichkeit zu Gunsten seiner beiden Söhne, Bcm- liardt's II. und Otto des Großmüthigen, resignirte, bis zu seinem Tode imJ. 1478 führte. Sein Nachfolger ward sein Enkel, Otto deö Großmüthigen Sohn, Heinrich der Mittlere, so genannt zum Unterschiede von Heinrich dem Altern und Heinrich dem Jüngern aus der wolfcnbütteler Linie, seinen Zeitgenossen. Er war beim Tode des Großvaters ein Knabe von crst zehn Jahren, daher ihm dieser geistliche und weltliche Stände der Landschaft Lüneburg und den Nath dieser Stadt bis zu seinem 18. Jahre zu Vormündern bestellt hatte. Nachmals war er in die Hildesheimer Stiftsfehde verflochten und gegen seinen Vetter Hcinricy von Wolfcnbüttel im Bunde mit dem Bischof Johann von Hildcsheim. Als ihn darauf 1520 auf dem Reichstage zu Worms des Reichs Acht traf, die crst 1530 aufgehoben wurde, trat er seinen Söhnen Otto, Ernst und Franz seine Lande ab, lebte abwechselnd am Hofe Franz's l. von Frankreich und auf dem Schlosse zu Winsen und starb 1532, nachdem bereits 1527 der eine seiner Söhne, Otto, der Mitregierung gegen die Abtretung von Harburg entsagt und so eine neue Linie, Braun sch weig-Harburg, gestiftet hatte, während der dritte Eohn, Franz, sich 1539 mit dem Amte Gifhorn abfinden ließ, und so ebenfalls eine neue Linie, Braunschweig-Gifhorn, stiftete. Die erste dieser beiden neuen Linien erlosch mit Otto's Enkeln 1642 und die zweite schon 1549 mit ihrem Stifter selbst. So war nun Heinrich des Mittlern Sohn, Ernst der Bekenner, der alleinige Herr in Lüneburg. Die Reformation fiihrte er mit einer Ruhe und Sicherheit im Herzogthum Lüneburg ein, wie dies, außer Sachsen, in nur wenigen Ländern Deutschlands der Fall war. Er hiutcrlicß bei seinem Tode im I. 1546 vier Söhne, Friedrich, Franz Otto, Heinrich und Wilhelm, von denen jedoch die beiden erster» bald starben. Mit den beiden letztem beginnt die neuere Geschichte von B., indem dieselben sich am 10. Sept. 1569 dahin verglichen, daß die Ämter Dannenberg, Lüchow, Hitzacker und Scharnebeck sowie Jagd und Schloß zu Göhrde an Heinrich, das Hcrzvgthum Lüneburg aber, in dessen Nachfolge jedoch der Bruder die Rechte nicht aufgab, an Wilhelm kommen sollten, eine Übereinkunft, die im folgenden Jahre durch Kaiser Maximilian bestätigt wurde. Letzterer, der Herzog Wilhelm, wurde der Stifter der Linie Braun schweig-Lüneburg, welche später die Kurwürdc erhielt und seit 1815 als Königreich Hannover (s. d.) besteht. Heinrich, der sich Herzog von Braunschweig-Lüneburg-Dannenberg nannte und zu Dannenberg residirte, wurde der Begründer des neuenHauses Braunschweig. Er starb 1598, und ihm folgte sein ältester Sohn Julius Ernst, der die Grafschaft Wustrow als erledigtes Lehen cinzog. Von weit größerer Bedeutung aber als dieser erscheint in der Geschichte dessen jüngerer Bruder August, wissenschaftlich tief gebildet und ein Mann, dessen Name in der gleichzeitigen curop. Welt überall mit Auszeichnung genannt ward. Als daher 1634 mit dem schwachen Friedrich Ulrich die wolfcnbütteler Linie ausstarb, wurden von dem kinderlosen und nach Ruhe sich sehnenden Julius Ernst die Ansprüche auf das wolfcnbütteler Erbe gegen 100000 SpccieSthaler an August abgetreten, .der dadurch am 14. Dec. >635 die Regierung antrat und 1636, als Julius Ernst starb, auch die danncnbergischen Besitzungen erhielt, sodaß er als der eigentliche Stammvater des braunschweig. Hcrzogshauses zu betrachten ist. August kam in ein Land, das 30 Jahre der Conv.-Lcr. Neunte Aufl. II. -Ul 626 Braunschweig (Geschichte) Krieg verheert und die Unfähigkeit seines Vorgängers dem Verderben zugeführt hatte. Me Hülfsqnellen waren versiegt, das Volk verwildert, nirgend etwas anderes als Jammer und Elend. August schuf ein neues Leben, er ward im eigentlichsten Sinne Vater seines Landes, daher ihn auch schon sein Zeitalter den göttlichen Greis («enex ckivinns) nannte. Er starb 1.666 im 88.Jahre und hinterließ drei Söhne, Rudolf August, Anton Ulrich und Ferdinand Albrecht. Letzterer erhielt Bevern, und so entstand die apanagirte Nebenlinie Braunschweig- Bevcrn, aus der sich der Herzog August Wilhelm von Braunschweig-B evern (s. d.) als prcuß. General im Siebenjährigen Kriege hervorthat. Die wolfenbüttelcr Linie setzte Rudolf August fort, abermals ein Mann von hoher Würde und Auszeichnung. Als zwanzigjähriger Jüngling hatte er eine Reise durch verschiedene europ. Länder gemacht und dadurch sowie durch fortgesetztes wissenschaftliches Studium und einen länger» Aufenthalt in Berlin am Hofe des Großen Kurfürsten sich eine Bildung erworben, wie man sie an den gleichzeitigen kleinern deutschen Fürstenhöfen nur selten fand. Ec trat die lüneburgischen Ämter an die lüneburger Linie ab, die dagegen aufdie Gemeinschaft an der StadtBraunschweig verzichteten, deren Landsässigkeit erst jetzt nach einem Kampfe von mehren hundert Jahren entschieden ward. Er starb 1705, nachdem er bereits seit 1685 seinen Bruder Anton Ulrich zum Mitregenten angenommen hatte, der 1706 das Amt Campen erhielt, die Grafschaft Blankenburg zum Fürstenthum erheben ließ, 1710 zur katholischen Kirche übertrat und bis >714 regierte. Von seinen beiden Söhnen, August Wilhelm und Ludwig Rudolf, erhielt der letzte Blankenburg, der erste aber folgte dem Vater in der Regierung des Herzogthums B. Da aber August Wilhelm 1731 kinderlos und der ihm folgende Bruder Ludwig Rudolf, ohne Söhne zu hinterlassen, 1735 starben, so gelangte die Linie Braunschwcig-Bevern zur Regierung in B. in der Person Ferdinand Albrecht's, dem Sohne des gleichnamigen Stifters dieser Linie. Ferdinand Albrecht starb indeß noch in demselben Jahre, und ihm folgte in der Regierung sein ältester Sohn Karl, der erst 22 Jahre zählte. Die Liebe desselben zu Vergnügungen und fürstlichem Aufwands, der Glanz der Hofhaltung, die außerordentliche Vermehrung des Militairs, der Unterhalt schöner Frauen, große Reisen u. s. w. erschöpften die ganze Kraft des Landes. Zwar ist nicht zu verkennen, daß Karl, der 1753 seine Residenz nach Äraunschweig verlegte, durch eine gewisse Gutmüthigkcit sich auszeichncte, und daß sein Bestreben, die Lasten der Unterthanen zu vermindern, manche das Land noch jetzt beglückende Anstalt ins Leben gerufen hat, wie er denn auch daß Collegium Carolinum in B. stiftete; allein es fehlte ihm die gehörige Thatkraft, und so ward unter ihm der Staat mit einer Schuldenmasse belastet, die sich auf nicht weniger als > i — 12 Mill. Thlr. belief. Jedenfalls wäre ein reichsgerichtlicher Lehnsconcurs unvermeidlich gewesen, wenn nicht seit 1773, nachdem der Minister Schliestedt gestorben, der Erbprinz tbätiger in die Regierung eingegriffen und neue Ordnung in den Finanzen zu schaffen gesucht hätte. Als daher 17 80 Karl starb und ihm der bisherige Erbprinz KarlWilhelm Ferdinand (s. d.) folgte, war allerdings ein Theil der Schuldenlast des Landes bereits wieder getilgt; indeß hatte er noch unendlich viel zu schaffen, wenn anders das unglückliche Land wieder gehoben und namentlich das Vertrauen des Auslandes wieder gewonnen werden sollte; doch er war auch der Mann dazu. Er hauchte seinem Staate neues Leben ein und gab ihm eine zeitgemäßere Gestaltung. Als Obercommandeur der preuß. Heeresmacht in der Schlacht bei Jena tödtlich verwundet, starb er 1807 zu Ottensen bei Altona, wohin er geflüchtet war, wenige Tage nachher, als Napoleon es ausgesprochen, daß seine Dynastie aufhören solle, in B. zu regieren. In Folge des tilsiter Friedens wurde das Herzogthum B. ein integrirender Theil des neugeschaffenen Königreichs Westfalen (s. d.), und erst die Schlacht bei Leipzig hatte die Refiaurai-on des alten Regentenhauses in B. zur Folge. An die Regierung kam zu Ende des I. 1813 Karl Wilhelm Ferdinand'« Sohn, Friedrich Wilhelm (s. d.), der 1805 von seinem Oheim, dem Herzoge von Braunschweig-Ols, das rchlej. Füriienthum Öl« (s. d.) ererbt hatte, welches 1792 an Friedrich August von Braun- icywetg-Wolfenbüttel, den Sohn des Herzogs Karl, durch seine Gemahlin Friederike Sophie gekommen war. Doch Friedrich Wilhelm regierte zu kurz und unter zu stürmischen Umstan- ven, als daß er, selbst bei dem besten Willen, zum Wohle des Landes viel hätte beitragen können. Die Rückkehr Napoleon's rief ihn 1815 von neuem ins Feld, wo er den Tod in der Kl ' »o S>> voi Ä, wil i wc ! in gie , böl Ar wil St Ar La, die El des du wa ftil ! säs die we Ei fas ere M eht Gi ^ pu hei »0! H- setz fti> sick Rl die we un Dl stei l ihr Ar air rul . Sst ' nie ! la. Me .md )e§, arb nid eig- alS )olf iger wic am gm die tm, ard. itm ,nm wte. lan- Da >°lf, zur igen ihm icbe die stei- !arl, sich »che olle- >ard I — rlich rin; >ge- :lm ceits liche verein acht II er asm , B. t die An nch das aun- phie ään- agen i der Braunschweig (Geschichte) 62 ! Kchlacht bei Quatrcbras am 15. Juni 1815 fand. Da seine Söhne, Karl und Wilhelm „ach minderjährig waren, so machte am 7. Juli 1815 das herzogliche Gcheimrathscolle- gium bekannt, daß der Prinz-Regent von Großbritannien (nachmals König Georg IV.) die vormundschaftliche Regierung für den ältesten Sohn Karl übernommen habe. Hierauf führte der Grafvon Münster (s. d.) von London aus dieLeitung der öffentlichen Angelegenheiten B.s, in einer Weise, welche ihm ebenso die heftigsten Angriffe seiner Gegner wie die unbedingtesten Lobeserhebungen seiner Anhänger zugezogen hat. Beide Auffassungs- Weisen sind übertrieben, obgleich sie beide Wahres enthalten. Im Ganzen wurde Ordnung in der Staatsverwaltung hergestellt, namentlich das Schuldenwesen regulirt, aber die Regierung trug zu sehr den Charakter einer väterlichen Bevormundung, und es fehlte ihr der kichere Schwung, dessen das Land nach den Leidcnsjahrcn bedurfte, um sich neu zu kräftigen. Auf das Drängen der Ritterschaft wurde nach einigen Jahren die landständische Verfassung wiederhergestellt und im I. 1820 kam im Einverständnisse mit den zusammenberufenen Ständen die revidirte Landschaftsordnung zu Stande, ein Werk, welches weit hinter den Ansichten und Bedürfnissen des Zeitalters zurückblieb, deshalb auch ohne Theilnahme im Lande ausgenommen wurde und erst später durch äußere Umstände eine Wichtigkeit erhielt, die ihm seinem eigenen Wesen nach gar nicht gebührte. Nachdem hinterher mit den neuen Ständen noch einige specielle Zweige der Staatsverwaltung regulirt waren, trat der unterdessen mündiggewordene Herzog Karl (s. d.) am30.Oct. 1823 die Regierung an, während das Fürstenthum Öls seinem Bruder Wilhelm durch testamentarische Bestimmung zugefallen war. Sehr bald zeigten sich bei dem jungen leidenschaftlichen Fürsten Spuren einer Unzufriedenheit mit dem Geschehenen, welche die Keime einer trüben Zukunft enthielten. Hauptsächlich verdroß ihn die Umänderung der Verfassung während seiner Minderjährigkeit, sowie die Verlängerung der Vormundschaft um ein Jahr über sein achtzehntes Lebensjahr hinaus, welche der Graf von Münster bei der Unbestimmtheit der braunschweig. Hausgesetze, jedoch im Einverständnisse mit dem Herzoge, für nöthig gehalten hatte. Dies veranlaßte ihn, der Verfassung seine Anerkennung zu versagen und zugleich die im letzten Jahre der Vormundschaft ergangenen Gesetze und Verordnungen für ungültig zu erklären, insoweit er sie nicht specicll guthcißen würde. Hierdurch gcrieth er in einen ärgerlichen Streit mit seinem Oheim und ehemaligen Vormunde, dem nunmehrigen Könige Georg IV. von England und mit dem Grafen von Münster, welcher Streit als das wichtigste Element und der bedeutendste Stütz'- xunkt aller später« Differenzen betrachtet werden darf. Die frühem Mitglieder des Ge- heimrathscollcgiums wurden größtcntheils entfernt, in auffallendster Weise der Geh. Rath von S chmidt - P hiscld eck (s. d.), welcher sich seinen Verfolgungen durch die Flucht nach Hannover entzog, und durch neue Günstlinge, meist unfähige, charakterlose Menschen ersetzt, dazu verschiedene fremde Abenteuerer in die Nähe des Herzogs gezogen. Die Unzufriedenheit, welche durch seine Maßregeln geweckt wurde, rief ein planmäßiges, bis zur rücksichtslosesten Härte gesteigertes Verfolgungssystem hervor; Starrsinn, Leidenschaftlichkeit, Rachsucht und Geldgier waren die hervorstechendsten Eigenschaften, welchen feile Augendienern der Creaturen bei dem jungen, verblendeten Fürsten noch neue Nahrung gab und welchenselbst die Unabhängigkeit der Rechtspflege (namentlich in der Sierstorpsschen Sache) unterliegen mußte. Aus Liebe zum Gelbe wurde der Staatsdienst vernachlässigt, wurden Domainen, selbst nach der ältern Verfassung rechtswidrig, veräußert und die dringendsten Ausgaben beschränkt. Nachdem wiederholte Anträge auf Anerkennung der Verfassung von 1820 fruchtlos geblieben waren, traten am 21. Mai 1829 die Landstände kraft des ihnen zustehenden Convocationsrechts zusammen, um die Hülfe des Bundes für dieselbe in Anspruch zu nehmen. Die Verhandlungen darüber zogen sich jedoch sehr in die Länge, bis am 7. Sept. 1830 die schon lange in den Gemüthern herrschende Gährung in offenen Aufruhr ausbrach, das Residenzschloß des Herzogs in Braunschweig erstürmt und in Brand gesteckt wurde und der Herzog entfloh. Die Geschichte dieses Aufruhrs ist allerdings noch nicht in allen feinem Verzweigungen aufgeklärt und weder das schlechtgeschriebene Buch »Herzog Karl und die Revolution in Braunschweig, aus den Papieren eines verstorbenen fangeblichen) Staatsmanns" (Jena 18-13), welches unter der angenommenen Maske der 828 Brannschweiq (Geschichte) ! ,. ' ^ lb'kl Unparteilichkeit doch nur die Gegner des Herzogs Karl verlästert, ohne ihn selbst zu recht- ^ M fertigen, noch die neueste Broschüre „Eine Stimme aus dem Volke über den Aufstand in ! m> B. imJ. 183«" (Magdeb. 1813), welche im entgegengesetzten Sinne und zugleich »er- / an söhnend wirken soll, verbreiten ein vollständiges Licht über die Entstehung und den Fortgang Li, der Revolution; so viel aber ist gewiß, daß diese nicht hätte gelingen können, wenn ihr nicht üb die Sympathie des ganzen Landes zum Stützpunkte gedient hätte. Drei Tage nach dem ^ Dl Schloßbrandc kam der Bruder des vertriebenen Fürsten, der damals in Berlin sich aufhal- > we tendc Herzog Wilhclm (s. d.); er übernahm provisorisch die Regierung und führte dieselbe s S anfangs im Einverständnisse mit seinem Bruder, späterhin jedoch, nachdem dieser einige mis- j glückte Versuche zu Gegenrevolutionen gemacht hatte, bei der am Tage liegenden Nothwcn- gc> digkeit selbständig. Die Ruhe wurde bald wiederhergcstcllt, auch nahm der Bundestag nun - die nicht länger Anstand, die Ncchtsgültigkeit der Verfassung von 182« auszusprechcn. Aber leb auch der Regierungswechsel mußte festgcstcllt werden, der Bund ersuchte den Herzog Wil- m Helm (2. Dcc. 183«) die Negierung einstweilen fortzuführen, indem er die definitive Regu- an lirung der Sache den Agnaten übertrug. Diese erklärten den Herzog Karl der Regierung für Fl unfähig und verlustig und nun erfolgte am 2',. Apr. 1831 die Huldigung des Herzogs im Wilhelm, nachdem dieser die Verfassung anerkannt und die Rcversalen ausgestellt hatte. »u Allein die Unvollkommenheit und Schwäche dieser Verfassungsform war ebenfalls durch V die jüngsten Erfahrungen klar geworden, und wie sehr auch ein Thcil des Adels geneigt bü schien, den Thronwechsel nur als seine eigene Emancipation auszubcutcn, sich selbst an die ch Spitze zu drängen und übrigens Alles beim Alten zu lassen und zu erhalten, so lag doch die ne Nothwendigkeit einer Verfassungsform zu offen vor, als daß nicht der Widerstand hätte da- von zurückwcichen müssen. Noch im I. 1831 wurde ein neues Landesgrundgesetz entworfen er und den Ständen vorgclcgt, welche zu dessen Prüfung eine Commission niedcrschte; diesem a> neuen Entwürfe fehlte aber noch zu sehr die Einheit des Grundgedankens, als daß nicht we- lu scutlichc Änderungen nöthig gewesen wären, und so ging »ach Verlauf etwa eines Jahres aus j di dem gemeinschaftlichen Zusammenwirken der Negierung und der ständischen Commission ein ! T neuer Entwurf hervor, welcher im Oct. 1832 von den Ständen angcnommeu und als Landes- 1 m grundgesctz nebst den damit zusammenhängenden wichtigen Umänderungen im Staatsorga- hi nismus publicirt wurde. Die erste rcformirte Ständcvcrsammlung trat am 3«. Juni 1833 >«. Zusammen und blieb nach mehrmaligen Vertagungen bis zum Mai l 83in Wirksamkeit. L Maßlose Ängstlichkeit-vor dem Überschlagen des deutschen Liberalismus bildete damals den di Charakter der Zeit und sprach sich auch in den Resultaten des Landtags aus. Die freisinnige m Partei, zum größten Theile aus ncueintretenden Mitgliedern bestehend, wurde von den Über- „> resien der vorigen Versammlung und dein Adel mit Mistrauen ausgenommen und auch die Re- ft gicrung gegen sie gestimmt. Dies wirkte ungünstig auf die Geschäfte des ganzen Landtags ein h und vereitelte selbst solche Fortschritte, an deren Heilsamkeit späterhin nicht mehr ge;wcifelt I wurde. So wurde dcrAntrag auf Öffentlichkeit der ständischen Verhandlungen, selbst nurauf den Druck der Protokolle mit den Namen der Redner, wozu sich die Regierung selbst im An- Z fange geneigt erklärt hatte, durch Stimmenmehrheit beseitigt und dadurch das Vertrauen jj des Publicums auf seine Vertreter bedeutend erschüttert. Unter einer großen Menge neuer d Gesetze, welche die ständische Zustimmung erhielten, zeichneten sich besonders die Ablösungs- p ordnung und die Städteordnung aus, und ihren jetzt allmälig mehr hcrvortrctendcn wohl- n thätigcn Einwirkungen verdankt das Land hauptsächlich die Entwickelung eines tüchtige» i d Mittelstands. Die Verhandlungen über das erste dreijährige Budget nach den neuen grund- j z gesetzlichen Bestimmungen gaben zu heftigen Debatten Anlaß und zogen sich sehr in die h Länge, doch wurden besonders durch die Ausdauer der freisinnigen Partei am Ende noch „ mehre nicht unbedeutende Ersparungen durchgesetzt. Am meisten aber regte die Präposition ^ der Negierung wegen Verbindung des Herzogthums mit Hannover zu einem Stcucrvercine h die Leidenschaften auf; bei der ersten Abstimmung wurde der am 1. Mai 1833 vorläufig n abgeschlossene Vertrag mit geringer Stimmenmehrheit verworfen, nach dem Schlüsse der j ^ unmittelbar darauf eingetretenen etwa zweimonatlichen Vertagung gelang cs jedoch, die An- j s nähme mit einer ebenfalls nur sehr geringen Mehrheit zu bewirken. In der nun folgenden ' z Zeit der Ruhe wurde die Ausführung der gefaßten Beschlüsse und erlassenen Gesetze eingc- ' in s er- "g cht eni al- lbe i >is- ! cn- un - bcr Zil- l,U- für sgs tte. rch igt die die da- fen ein >ve- uis ! ein ! »es- I ga- eit. den üge scr- »e- cin feit auf ue» uer >gs- gen - nd- j die >och ion eine nsig der j Bmlmschwcig (Geschichte) ' 629 leitet, mehre günstige Ernten und das unerwartete Sinken des Zinsfußes wirkten besonders vorthcilhast auf die Ablösungen, welche meist sehr rasch zu Stande kamen. Unter Zustimmung des hierzu spccicll beauftragten permanenten ständischen Ausschusses erfolgte dann auch der Anschluß des Großherzogthums Oldenburg und des Fürstenthnms Schauwburg- Lippc an den Stcucrvcrein, womit dieser den Höhepunkt seiner Blüte erreichte. Die etwas übereilte Einführung des 2 l-Guldensüßes am 28. Dec. 1835 und die damit verbundene Devalvation des Convcntionsgcldes verursachte unangenehmes Aufsehen im Auslände, welches die Folge hatte, daß die Regierung sich späterhin noch zur Einwechselung bedeutender Summen ihrer Landesconvcntionsmünze genöthigt sah und dadurch einen bedeutenden Verlust erlitt. Der zweite Landtag, welcher am 27. Nov. 1836 eröffnet und nacheini- gc» Vertagungen am 27. Juli 1837 geschlossen wurde, hatte außer dem Budget, welches diesmal weniger Schwierigkeiten machte, meist nur Gesetze von minderer Wichtigkeit zu erledigen ; das bedeutendste war das Gesetz über die Aufhebung (Allodisication) der Feudal- rechte, dessen Grundsätze in Ganzen zweckmäßig sind. Außerdem wurde diesmal auch die angcsodertc Summe zum Baue einer Eisenbahn von Braunschwcig nach Harzburg (am Fuße des Harzes) bewilligt, ein Unternehmen, dessen Zweckmäßigkeit freilich von Unbefangenen immer mehr bezweifelt wird, je bestimmter sich herausstcllt, daß die ursprünglichen Berechnungen über die Rentabilität der Bahn irrig gewesen find. Eine kurze außerordentliche Versammlung der Stände am !>. Nov. — 16. Dec. 1837 hatte de» Anschluß einiger Ge- bietsthcile des Hcrzogthums (Blankenburg, Walkenricd und Kalvörde) an den Deutschen Zollverein zum Gegenstände, außerdem wurde von den Ständen auch die Gelegenheit benutzt, der gestörten staatsrechtlichen Verhältnisse in dem NachbarlandeHannovcr zu gedenken, was seitdem bei jeder Wiederversammlung geschehen ist. Die wenigen politischen Gefangenen erhielten im Apr. >83» Amnestie. Auf den 13. Mai 183» wurden die Stände nochmals außerordentlich zusammcnbcrufcn, weil man bei der Veranschlagung der Kosten der Harzburger Eisenbahn sich so sehr verrechnet hatte, daß die verwilligten Gelder schon nach Beendigung der ersten (am 21. Nov. 1838 cröffneten) Strecke bis Wolfenbüttcl verbraucht waren. Die Nachverwilligung der fehlenden Summe erfolgte nicht ohne kräftigen Widerstand mehccr einsichtsvoller Mitglieder, welche die Fortsetzung der Bahn über Wolfenbüttcl hinaus bis Harzburg nicht für räthlich hielten. Der dritte ordentliche Landtag begann am ».Dec. 183» und währte mit mehren Unterbrechungen bis zum Jan. 1832. Das wichtigste Werk der Legislation, welches hier angenommen wurde, war das neue Criminalgesctzbuch, dessen Gültigkeit mit dem l. Oct. > 83» begann. Die Frage der Öffentlichkeit wurde abermals an die Regierung gebracht, blieb jedoch auch diesmal ebenso, wie ein nur gegen die verneinende Stimme eines einzigen Mitgliedes angenommener Antrag anfErwirkung der Preßfreiheit beim Deutschen Bunde, ohne Folge. Zur Ausführung einer Eisenbahn von Wolfen- büttel bis Oschcrsleben wurde die von der Regierung angefoderte Summe von I,6UV»VV Thlr. bewilligt, unter der Bedingung, daß die Fortsetzung derselben bis Magdeburg durch ein Acticnunternehmen gesichert werden würde, was bekanntlich bald darauf geschehen ist. Das Wichtigste, was auf diesem Landtage vorkam, war der Gang, den die Verhandlungen über die Zoll- und Stcucrvcrhältnissc des Landes nahmen, welche durch den mit dem Schlüsse des 1.1831 bevorstehenden Ablauf der Verträge nöthig wurden. Nachdem bereits die Hauptpunkte derselben durch Vertrag festgcstellt und den Ständen zur Annahme vorgelcgt waren, traten Differenzen zwischen den Negierungen von Braunschweig und Hannover cm, welche den völligen Abbruch der Unterhandlungen zur Folge hatten. Hieraus wandte die braunschw. Regierung sich an den Deutschen Zollverein und trug auf die Ausnahme des Landes in demselben an. Derselbe wurde auch im Wege des Vertrags erreicht und von den Ständen genehmigt, doch blieb der südliche Thcil des Landes noch auf ein Jahr mit Hannover vereint, welches bis zu dessen Abläufe seinen Beitritt ebenfalls zu bewerkstelligen versprach. Die Unterhandlungen über diese Frage führten zu einigen Mißverständnissen zwischen der Regierung und den Ständen, welche auf die nächsten Wahlen cinwirktcn, zugleich aber von einer adeligen Cotcrie benutzt werden sollten, um durch eine Verbindung mit einem Theile der freisinnigen Partei das im Ganzen dem vernünftigen Fortschritte geneigte Ministerium zu stürzen. Doch wurde die Stellung der Verhältnisse von den Einsichtsvollem sehr bald durch- 630 Brannschweig (Stadt) ^ schaut, und die Regierung, indem sic bei der Eröffnung der Ständcvcrsammlung im Nov. ii 1832 von den drei zum Amte eines Präsidenten ihr präscntirtcn Candidatcn dem Advocakcn ^ ^ Steinackcr (s. d.) die Bestätigung erthciltc, sprach damit unzweideutig aus, daß sie in 2 ihrem Vertrauen^» derjenigen Partei, in welcher sie nach deren eigenem Vergeben bisher ihre b sicherste Stütze zu finden geglaubt hatte, bitter getäuscht sei. Wie lebhaft der Landtag begann, t, so blieb, ungeachtet mchrer Versuche zur Störung der Eintracht, das Vcrhältniß zur Regie- o rung doch fortwährend ein friedliches. Der Anschluß Hannovers an den Zollverein war noch ß nicht zu Stande gekommen, und es wurde deshalb das Provisorium in Ansehung der süd- s lichen Landesthcile nochmals auf ein Jahr verlängert, obgleich die Zweifel an der Aufrich- ! s tigkeit Hannovers sich bereits vermehrten. Wegen größerer Öffentlichkeit der ständischen ^ 8 Verhandlungen ging ein wiederholter Antrag an die Regierung ab; auch jetzt wurde er ab- - gelehnt, aber in einer Weise, welche zu der Hoffnung berechtigt, daß in nicht gar langer Zeit > d diesem dringenden Wunsche der Stände und des Landes werde entsprochen werden. Nach v kurzen Verhandlungen wurde die Ständeversammlung vertagt, um den Commissionen Muße s zu ihren Vorarbeiten zu gewähren, und sie trat am Ende des Jan. 1843 wieder in Thätigkeit, d Das Budget wurde (diesmal mit einigen Ersparungen am Militairctat) bewilligt, ebenso i> die erfvderliche Summe zur Anlegung einer Eisenbahn bis zur hannöv. Grenze in der Mich- j ( tung nach Hannover, sowie zur Anlegung eines zweiten Schienengleises zwischen Braun- ^ ! schweig und Wolfenbüttel und zu einigen Verbesserungen der Harzbahn. Am 25. März waren die vorgelegten Geschäfte erledigt, und die Stände wurden bis zum l 6. Oct. vertagt. r Ihre Aufgabe bei ihrer demnrchsiigen Zusammenkunft besteht theils in der Regulirung : der Zollverhältnisse der südlichen Landesthcile, welche mit dem Anfänge des I. 1833 un- > widerruflich von Hannover getrennt werden, theils in einigen rein innern Angelegenheiten, l von welchen eine Communalordnung für die Landgemeinden, ein Gesetz über den Normal- - gehalt der Staatsdiener und der selbständige Antrag des Abgeordneten vr. Mansfeld aus > s Einführung des Landwehrsystems die wichtigsten sein dürften. Auch wird, wie es heißt, ein ä Antrag auf Einführung der Öffentlichkeit und Mündlichkeit in der Rechtspflege gestellt ! s werden. Die Geschichte B.S ist fast stets mit der Lüneburgs zusammen dargestellt worden. ; (S. Hannover.) d Braunschweig, die Haupt- und Residenzstadt des Herzogthums Braunschweig, f mit 3725V E. und 3500 Häusern, an der Oker in einer angenehmen Gegend, der Sitz des s Staatsministeriums, der Regierung und anderer Landcscollegien, steht unter einem Magi- t strate und zerfällt in sechs Bezirke. Sie ist mehrentheils unregelmäßig gebaut, hat enge und z krumme Straßen, unter denen der Bohlweg noch am bemerkenswerthestcn, viele öffentliche « Plätze und schöne Spaziergänge auf den alten im 1.1797 geschleiften Festungswerken, oer- r ziert durch den im I. 1822 den beiden letztgefallenen Herzogen Karl Wilh. Ferdinand und l Friedrich Wilhelm errichteten 60 F. hohen eisernen Obelisk, zwischen dem August- und Stein- ! lhvre. Die vorzüglichsten Plätze sind der Schloß- und der Burgplatz und der Altstadt-Markt. f Unter den Gebäuden zeichnen sich aus der von Heinrich dem Löwen erbaute Dom, die Mar- f tins-, die Brüder-, die Katharinen- und die Andreaskirche mit einem 3 l 8 F. hohen Thurm, i das landschaftliche Haus, das Zeughaus, das Opernhaus, das Altstadt-Rathhaus oder der I sogenannte Autorshos, der jetzt theilweise zum Meßgebrauche dient, übrigens restaurirt und i besonders zu einer Landcsbibliothek werden wird; das Neustadt-Nathhaus, das Gewand- j Haus, da* Zucht- und Werkhaus, das Mosthaus, die alte herzogliche Residenz, jetzt eine i Kaserne, vor welcher der berühmte eherne Löwe Heinrich des Löwen steht; die neue Kaserne l vor dem Fallersleber Thore, das Waisenhaus, das Armenkrankenhaus und mehre sehr schöne ! Privathäuser. Neben den Protestanten haben Katholiken und Reformirte eigene Kirche» und die Juden eine Synagoge. Das schöne fürstliche Residenzschloß ward während deS Aufruhrs , im Scpt. 1830 cingeäschert; das neue 1833—36 nach dem Plane des Hofbauraths Ottmer ^ auf das geschmackvollste und in der großartigsten Weise aufgeführt. Vor mancher größer,: ! Stadt genießt B. der Bequemlichkeit trefflicher, mit großen Steinplatten gepflasterter Fußwege und eines Reichthums an Fluß- und Quellwasser. Das Museum, welches die aus I ^ Paris zurückerhaltenen Gemälde der ehemaligen salzdahlumschen Galerie enthält, ist reich j i an Kunstsachen und Antiken, das berühmte mantuanische Onyxgesäß aber bei der Revolution Braunstein Brauwer 63L im 1.1830 abhanden gekommen. Das Collegium Carolinum, welches im 1 . 1735 durch Herzog Karl als eine höhere, zwischen den gelehrten Schulen und den Universitäten in der Mitte stehende Lehranstalt gegründet wurde, ist seit 1835 in der Umbildung zu einem Polytechnischen Institute begriffen, dessen Leistungen aber mit den jährlich darauf verwmde- tcn Kosten in keinem Verhältniß stehen. Vgl. Uhde, „Die höhere technische Lehranstalt oder die technische Abthcilung des Collegium Carolinum zu B." (Braunschw. 1836). Außerdem hat B. ein Gesammtgymnasium, ein Realinstitut, eine 1825 errichtete Cadetten- schule, eine Taubstummenanstalt, eine Blindeninstitut, eine anatomisch-chirurgische Anstalt und trefflich eingerichtete Arbeitsschulen. Auch ist es reich an mil den Stiftungen; ausgezeichnet sind die nach dem Muster der Hamburger eingerichtete Armenanstalt und das Waisenhaus. Die Industrie der Stadt ist sehr bedeutend; besonders sind hervorzuheben die Farben-, Wollen-, Garn-, Papiertapcten-, Lackir-, Papiermache-, Taback-, Salmiak- und Cichoricnfabrikcn, denen sich manche eigenthümliche weitberühmte Betriebszweige anschließen, unter denen wir nur der Bierbrauerei, namentlich der sogenannten Mumme, sowie der Schlackwurst und des Honigkuchens gedenken. Die im 1.1392 gestiftete Messe macht insbesondere Geschäfte in Leder, Tuch, baumwollenen Zeugen und kurzen Maaren. Ein Glanzpunkt in der reizenden Umgebung B.'S ist das mit schönem Park versehene herzogliche Lustschloß Nichmond sowie die neue herzogliche Villa. Der Villa Brunswick wird zuerst um >031 in Urkunden gedacht, und wahrscheinlich wurde sie vom Herzoge Ekbert I., der in dieser Gegend die Schlösser Hohewort,Dankwarderode und Melwerode besaß, angelegt und von ihm nach seinen Ahnherren, den Brunonen, benannt. Was Leibnitz und später Büsching von des Orts hohem Alter sagen, hat keinen historischen Beweis für sich. B. lag als ein offener Ort unter den Mauern des Schlosses Dankwardcrodc, als Heinrich der Löwe zur Regierung gelangte. Diesem Fürsten hat es seine Vergrößerung, Befestigung und sein städtisches Recht zu verdanken, worauflwr Name Dankwarderode aus der Geschichte verschwindet. B. wuchs schnell empor unter den braunschweig. Ottonen, trat 1237 zur Hanse und wurde eine Quartierstadt derselben. Von dieser Zeit an strebte cs eine Reichsstadt zu werden; deshalb kaufte es von den Fürsten die Münze, den Zoll und fast alle Regalien in ihren Stadtmauern, und pfandweise die Gerichte Eich, Affeburg, Campen, Wendhausen und Neubrück. Nur die wiederholten Fehden zwischen dem Rache und den Gilden hinderten die Stadt, sich jur Neichsunmittelbarkcit zu erheben. Indessen schloß sie doch, nach einer blutigen Fehde mit Herzog Heinrich dem Jüngern, in der zweiten Hälfte des I6.Jahrh. einen vorthcilhaften Frieden, welcher ihr eine gewisse Unabhängigkeit sicherte. Als aber im 17. Jahrh. die Hanse in Verfall gerieth, sank auch B. Es ge- rieth in eine drückende Schuldenlast, da Rath und Bürgerschaft gegeneinander in steter Fehde lagen; Herzog Rudolf August benutzte diese Schwäche, und es unterwarfsich ihm 1671 die Stadt, die sich nun ziemlich schnell wieder hob. Sehr vortheilhaft für dieselbe war cs, daß sie 1753 der Herzog Karl zur beständigen Residenz seines Hauses erklärte. Noch mehr that für ihre Verschönerung sein Nachfolger, Karl Wilhelm Ferdinand, während gleichzeitig die Zeitumstände ihren Wohlstand außerordentlich vermehrten. Unter der westfälischen Herrschaft von 1807 —13 wurde sie zur zweiten Residenz dieses Königreichs erklärt. Am 7. Sept. 1830 erhob sie sich zum allgemeinen Aufstande gegen den Herzog Karl, aus dem sie siegreich hervorging. Vgl. die von Tob. Olfens, gest. 1653, verfaßten „Geschichtsbücher der Stadt B.", herausgegeben von Vechelde (Braunschw. 1832), Ribbentropp, „Beschreibung von B." (2 Bde., Braunschw. 1789—91) und Schröder und Aßmann, „Die Stadt B., ein historisch-topographisches Handbuch" (Braunschw. 1831). Braunstein ist der deutsche Name für das Metall Mangan (s. d.), auch der abgekürzte und im Handel und gewöhnlichen Leben übliche Name des häufigsten Manganerzes, oder des Grau braunste! nerzes, welches eine sehr verbreitete Anwendung zur Darstellung von Sauerstoff und Chlor hat. Brauwer (Adrian) oder Brouwer, ein Maler der niederländ. Schule, gcb. 1608 zu Oudenarde (nach Andern zu Harlem), wo sein Vater Tapetcnmaler war, wurde durch die Armuth seiner Altern frühzeitig darauf hingewiescn, sich selbst seinen Lebensunterhalt zu schaffen, was er zunächst damit versuchte, Blumen und Vögel zum Nachsticken zu malen. Brawe <>32 Bravi Dcr bekannte Maler Frau; Hals (s. d.) kn Harlcm nahm ihn sodann in die Lehre und wußte dessen Talent zu nutzen. In einer Bodenkammer, so gut wie cingcsperrt, mußte er ohne Unterlaß und bei schlechter Kost für seinen Lehrer kleine Gemälde fertigen, die dieser sehr thcucr verkaufte. Aus Anrathcn seines Mitschülers Adrian von Ostade entfloh er endlich nach Amsterdam, wo er zu seinem Erstaunen hörte, daß seine Bilder geschätzt würden. Er verdiente nun ansehnliche Summen, aberstatt sich mit Eifer der Kunst zu widmen, machte er das Wirthshaus zu seiner Wcrkstätte und acbeitete nicht eher, als bis dieWirthin gewaltsam auf Bezahlung drang. Dabei aber trieb er seinen Eigensinn so weit, daß er das Gemälde, wofür er den gefodcrten Preis nicht erhielt, ins Feuer warf und ein neues mit mehr Sorgfalt malte. Als er während des nicderländ. Kriegs nach Antwerpen kam, hielt man ihn für einen Spion und brachte ihn auf die Citadclle. Er erklärte, daß er ein Maler sei, berief sich auf den ebenfalls hier verhafteten Herzog von Aremberg, und nachdem er auf dessen Verwenden mit dem Röthigen versehen worden war, malte er die ihn bewachenden Soldaten, wie sic sich in der Wachtstubc mit dem Spiele beschäftigten, mit so viel Kraft und Wahrheit, daß Rubens bei dem Anblick des Gemäldes ausrief: „Das ist R.'s Werk; nur ihm können diese Gegenstände gelingen!" Rubens bewirkte seine Loslassung gegen Bürgschaft, kleidete ihn und gab ihm Wohnung und Tisch. B. aber, statt für diese Großmuth dankbar zu sein, entwich heimlich, um ungestörter seinem Hange zu Ausschweifungen folgen zu können. Er machte sehr bald mit einem Becker, Craesbekc, der imscinen Neigungen ganz mit ihm übereinstimmte, Bekanntschaft, zog in dessen Wohnung, bildete ihn zu einem geschickten Maler, trat aber auch mit dessen hübscher Frau, ohne es dem Manne zu verheimlichen, in ein so nahes Verhält- niß, daß alle Drei wegen des dadurch gegebenen Ärgernisses sich zur Flucht gcnöthigt sahen. B. ging nach Paris, fand aber keine Beschäftigung und kehrte nach Antwerpen zurück, wo er 1640 im Hospital starb. Rubens, der in B. nur das Talent ehrte, ließ ihn ehrenvoll in dcr Karmeliterkirche beerdigen. Allen Gemälden B.'s, die sich insgesammt durch die Kraft und Harmonie der Farben und durch die Leichtigkeit des Helldunkels auszeichncn, sicht man an, welche Orte und Gesellschaften er besuchte; dafür athmen sie aber auch eine joviale Laune, wie sie bei keinem andern nicderländ. Gcnremaler sich findet. Bravi nennt man in Italien eine Art für Geld mordender Banditen, in der Türkei die in der Reiterei freiwillig Dienenden, in Amerika die vor den Europäern landeinwärts geflüchteten Ureinwohner. lirltVO, d. h. brav, trefflich, und in der Steigerung bravissimo, istcin aus dem Italienischen entlehnter Zuruf des Beifalls. Fälschlich gebraucht man dabei das Work ohne Beugung nach Zahl und Geschlecht. Der Italiener ruft mehren Personen bravi, einer weiblichen brava zu. Bravour wird zur besondern Bezeichnung von Musikstücken und deren Vortrag gebraucht, um anzudeuten, daß sie außer dcr von jedem Kunstwerke zu fodernden spirituellen Tendenz auch hauptsächlich auf Darlegung eines hohen Grades technischer und ästhetischer Ausbildung des Vortragenden berechnet find; so spricht man von Bravourarien, Bra- vourvariationen,Bravourgesangu. s. w. Daß diese Absicht bei vielen Erzeugnissen die einzige wurde, hat die ganze Gattung bei vielen in unverdienten Miscredit gebracht, da die hicrhergehörigen Compositionen Mozart's, Beethoven's, Spohr's, Mendclssohn's, Chopin's u. A. sattsam beweisen, daß beide Tendenzen sich wohl vereinigen lassen. Brawe (Joachim Wilh., Freiherr von), einer der Tragödicndichtcr Deutschlands, welche den Weg zum Bessern bahnten, geb. 1738 zu Weißenfels, erhielt seine erste Bildung zu Schulpforta und studirte zu Leipzig. In seinem 18. Jahre bewarb er sich mit dem in Prosa und im Geiste der engl. Dramatik geschriebenen Trauerspiele „Der Freigeist" (Berl. l 758) um den von Nicolai bei Stiftung der „Bibliothek der schönen Wissenschaften" aus- gesetzten Preis für das beste Trauerspiel und erhielt das Acccssit, während Cronegk's „Kodrus" mit dem Preise gekrönt wurde. Noch ehe er den Urtheilsspruch der berliner Kritiker erfahre», bearbeitete er seinen „Brutus", merkwürdig dadurch, daß dieses Trauerspiel keine weiblichen Rollen enthält und das erste deutsche in reimlosen fünffüßigen Jamben geschriebene Original- trauerspicl ist. Obgleich es an einiger Schmuckrede und rhetorischer Üppigkeit leidet, entwickelt cs doch eine für jene Zeit bcmerkcnswerthe Kraft des Ausdrucks und Sinn für Freiheit und Breccie Brechung der Lichtstrahlen tM Heroismus; auch trug es nicht wenig dazu bei, dem steifen Alexandriner die Alleinherrschaft zu schmälern. Zn früh starb B. am 7. Apr. >758, gerade, als er nach Vollendung seiner ' Studien im Begriffe stand, in die Regierung zu Merseburg einzutreten. Lessing widmete beiden Trauerspielen so viele Aufmerksamkeit, daß er sie (Bert. 1768) herausgab. Breccie, s. Sandstein. Brecher nennt man die unter dem Wasser verborgcnen-Klippen. (S. Br an du n g.) Brechmittel, s. Emetica. Brechschraube hieß die l55U von Joh. Donner in Nürnberg erfundene, denWagen- windcn nicht unähnliche Maschine, mit welcher man früher die Thore der Festungen, die ^ Stadtmauern u. s. w. zu sprengen pflegte Brechung der Lichtstrahl?» heißt die Ablenkung der Lichtstrahlen von ihrer frühen, ! Richtung, welche immer dann eintritt, wenn sie aus einem durchsichtigen Körper oder Stoff in einen andern von größcrcr oder geringercrDichtigkeit übergeht und zwar in schiefer Richtung, indem senkrecht auffallende Strahlen ungebrochen durchzugehcn oder ihren frühem Weg 'ortzusetzen pflegen. Denkt man sich auf der Oberfläche des brechenden oder zweiten durchsichtigen Körpers in dem Punkte, wo sie von einem Lichtstrahl getroffen wird, eine senkrechte s Linie errichtet, welche das Einfallsloth genannt wird, so heißen die beiden Winkel, welche der Lichtstrahl vor und »ach der Brechung mit diesem Lothe macht, der Einfalls- und der Brechungswinkel. Die Hauptgesche, nach welchen die Brechung stattsindct, sind folgende: >> der Strahl bleibt auch nach der Brechung in derjenigen Ebene, welche durch das Einfallsloth und den cinfallendcn Strahl gelegt werden kann; 2) wenn der Körper, aus welchem der Strahl kommt, und derjenige, in welchen er übergeht, unverändert bleiben, so blcibtauch das Verhältnis zwischen dem Sinus des Einfalls-und dem des Brechungswinkels immer dasselbe, i jener Winkel mag nun größer oder kleiner sein. Dieses Vcrhältniß heißt das Brechung s- verhältniß; bei dem Übergange des Lichtstrahls aus Luft in Glas ist es ungefähr 3 zu 2, umgekehrt aber (2 zu 3) bei dem Übergange aus Glas in Luft. Der Quotient aus dem i Sinus des Einfalls- und dem des Brechungswinkels heißt der Brechungscxponent und ist also in dem angegebenen Beispiele ^/-. Im Allgemeinen wird jeder Lichtstrahl vom Einfallslothe hinwcggebrochen, wenn er aus einem dichtem in einen dünnem Körper übergeht, und gegen das Einfallsloth zu im entgegengesetzten Falle, oder im erstem Falle ist der Brechungswinkel größer, im letztem kleiner als der Einfallswinkel. Man glaubte früher, das Brechungsverhältniß sei immer von der Dichtigkeit des brechenden Körpers abhängig, und der Sinus des Brechungswinkels unter übrigens gleichen Umständen desto kleiner, je dichter der brechende Körper, dies hat sich jedoch als »»gegründet gezeigt, namentlich bei brennbaren durchsichtigen Körpern, welche das Licht weit stärker brechen, als ihrer Dichte angemessen zu sein scheint, wiewol es richtig ist, bei solchen Körpern, die verschiedene Dichtigkeit annehmen können, z. B. die Luft. Diejenigen Körper, welche das Licht am stärksten brechen, sind kohlensaurcs Bleh Schwefel, Spießglanzglas, Phosphor, Diamant, Realgar und chromsaures Blei. Bei allen diesen ist der Sinus des Einfallswinkels, wenn der Lichtstrahl aus der atmosphärischen Luft kommt, mehr als doppelt so groß als der des Brechungswinkels. Die spccifische Brechungskraft, d. i. diejenige Zahl, die das verschiedene Brechungs- : vermögen der einzelnen Körper ausdrücken würde, wenn alle Körper gleiche Dichtigkeit batten, ist unter allen Körpern beim Phosphor am größten, dann folgen Schwefel, Diamant, Wachs u. s. w. Aus der Brechung des Lichts lassen sich viele, zum Thcil sehr bekannte Erscheinungen erklären, ;. B. die, daß ein mit einem Thcil seincrLänge ins Wasser gehaltener Stab gebrochen erscheint, daß an einer Stelle, wo man den Boden eines leeren Gefäßes nicht mehr sehen kann, nach Einfüllung von Wasser in dasselbe, der Boden und somit auch auf demselben liegende im Wasser nicht schwimmende Körper, z. B. ein Geldstück, zu sehen sind u. s. w. Auch beruhen auf Anwendung der Gesetze der Brechung des Lichts alle optischen Werkzeuge, Fcrnröhre, Vergrößerungsgläser und Brillen. Von der erklärten gewöhnlichen ! Brechung ist die ungewöhnliche, welche einige Körper zeigen, zu unterscheiden. Diese Körper ^ wirken nämlich auf einige Lichttheilchcn mit einer andern Kraft als auf andere ein, sodaß der ' anfallende Strahl in zwei Strahlen gespalten wird, welche im Innern des brechenden Körpers einen ganz verschiedenen Weg nehmen; dieses hat aber zur Folge, daß Gegenstände, die man 634 Brechweinstein Breda durch solche durchsichtige Körper sieht, doppelt erscheinen. Diese Eigenschaft der doppelten Brechung besitzt in vorzüglich hohem Grade der Kalkspath, auch Doppelspath oder Zsländi- scher Krystall genannt, an welchem sie zuerst von Bartholin in der Mitte des 17. Jahrh.be- mcrkt wurde; außerdem findet sie sich noch bei gewissen andern Krystallcn, bei dünnen Stücke» Turmalin, Perlmutter u. s. w., auch dem Glase und andern Stoffen kann man sie künstlich crcheilen, und zwar jenem durch schnelle Abkühlung nach starker Erhitzung, sowie durch starken Druck. Der ungewöhnlich gebrochene Strahl liegt im Allgemeinen mit dem Einsallslothe und dem einfallcnden Strahle nicht in derselben Ebene; auch das Gesetz, daß der senkrecht cinfallende Strahl ungebrochen fortgeht, gilt für die ungewöhnliche Brechung nicht. Schon den Alten war die gewöhnliche Brechung der Lichtstrahlen bekannt; Ptolc- mäus stellte Versuche über den Übergang des Lichts aus Luft in Wasser, aus Luft in Glas und aus Glas in Wasser an. Nach ihm gab sich zuerst Alhazen im l2. Jahrh. mit ähnlichen Versuchen ab; später thaten dies Kepler, Schciner, Kirchcr, aber erst Snellius, gest. 1626, fand das richtige Gesetz der Brechung, das jedoch auch Descartes als von ihm erfunden, darstcllte. — Brechbarkcit heißt die Eigenschaft der Lichtstrahlen, vermöge welcher sie fähig sind, die erklärte Brechung zu erleiden. Das Sonnenlicht besteht aus verschiedenfarbigen Strahlen, welche ungleiche Brechbarkeit und bei gleichem Einfallswinkel verschiedene Brechungswinkel haben. Der einfachste Versuch, durch welchen man sich davon überzeugen kann, besteht darin, daß man die Sonnenstrahlen durch eine kleine Öffnung in ein finsteres Zimmer cintreten und hier durch ein dreiseitiges Glasprisma gehen läßt; man sicht dann auf einer jener Öffnung gegenüber befindlichen weißen Wand oder Tafel ein längliches, an beiden Seiten durch parallele gerade Linien, an beiden Enden aber mit Halbkreisen begrenztes Sonnenbild, in welchem man deutlich die bekannten Regenbogenfarben unterscheidet. An dem einen Ende erscheint die rothe Farbe, dann folgen Orange, Gelb, Grün und Blau, Violett macht den Beschluß, woraus erhellt, daß die rothcn Strahlen am wenigsten, die violetten dagegen am meisten gebrochen oder von ihrer frühern Richtung abgelenkt werden. Di: ungleiche Brechbarkeit der Farbenstrahlen hat zuerst Newton nachgewicsen. Brechwernstein (Utarus einetious), ein von Mynsicht 1631 zuerst dargestelltes, sehr wichtiges Arzneimittel, ein Doppelsalz von Weinsteinsäurc, Kali und Antimonoxyd, wird erhalten durch Digestion von Weinstein (Lremor mrtsri) mit Antimonoxyd. Der Brechweinstein ist bekannt durch seine sichere brechenerregcnde und gelind abführende Wirkung; in kleinern Gaben ist er ein sehr wirksames Reizmittel der Schleimhäute und der äußcrnHaut. Breda, die Hauptstadt des gleichnamigen Bezirks in der niederländ. Provinz Nord- brabant, an der Dintel, und durch die schiffbare Merk mit der Maas in Verbindung, ist gut gebaut und hat I5VVV E., ein sehenswerthes Schloß, einige ansehnliche Plätze und mehre Kirchen, darunter die Hauptkirche mit zwei ausgezeichneten Orgeln und den Grabmalen mchrcr Grafen von Nassau. Die Einwohner beschäftigen sich hauptsächlich mit Fertigung von Hüten, Tapeten, Karten und Leder. Eine Militairschule für Land- und Seecadetten besteht daselbst seit 1828. Ehemals war B. eine starke Grenzfcstung, und noch jetzt hat es als Hauptpunkt der vor der Maas gelegenen Festungslinie großen militairischen Werth. Die Befestigungen bestehen aus I S Bastionen, ebenso viel Ravelins und fünfHornwerkcn; dic Citadelle ist bedeutend. Die Hauptstärke der Festung aber liegt in der morastigen, leicht untcrWasscr zu setzenden Umgebung, zu welchem Behufe große Jnundationsschleusen angelegt sind. Die Festung wurde unter Heinrich von Nassau 1534 angelegt und war seitdem häufig der Zankapfel zwischen den Niederländern, Spaniern und Franzosen. Am merkwürdigsten waren die Überrumpelungen durch die Spanier unter Barlaimont im1.1581 und durch Moritz von Oranien im I. 15!>v mittels eines Torfschiffs, in welchem man 76 Niederländer verborgen hatte. Spinola eroberte B. im Z. 1625 nach zehn-, und Heinrich von Oranien im 1.1637 nach vicrmonatlicher Belagerung, worauf die Befestigung verstärkt und die Citadelle angelegt wurde. Während des Nevolutionskriegs bemeisterte sich am 25. Febr. 1763 Dumouriez der Stadt und Festung, und würde sich dadurch zur Eroberung Hollands schon damals denWcg gebahnt haben, hätte ihn nicht die bei Neerwinden am 18. März verlorene Schlacht genöthigt, am 4. Apr. B. wieder aufzugebcn. Im Sept. 1764 wurde die Festung von der Armee Pichcgru's berannt; doch fiel sie erst, nachdem ganz Holland im Winter 1785 erobert war. am we Be der nac den sch, der Chi gen Alt der er! setz, Ae, bis zul gra, Her Frei an;, eine übe, heit, von benl nach ten" wer, Sch, Den Ath, heil. Nnd sehr 8l°t, in A 3m! »°!h Brcdow Bree 635 Als im Dcc. 18 l 3 bei der Annäherung der russ. Avantgarde, unter dem General Bcnkcndorf, die franj. Garnison einen Ausfall machte, benutzte dies die patriotisch gesinnte Bürgerschaft, erhob sich in Masse, verschloß die Thore und machte den ausgezogenen Truppen dieNückkehr in die Festung unmöglich; auch mißlang der Versuch der Franzosen, am 20. und 21. Dcc. dieselbe von Antwerpen aus wicdcrzunehmcn. Zu B. wurden zwei C on g r e sse gehalten; der erste >575, zwischen Spanien und den abgefallenen niederländ. Provinzen, führte durch die Hartnäckigkeit Spaniens, das nur Katholiken zu Untcrthanen in den Niederlanden haben wollte, zu keinem Resultate; der andere in den I. 1736 und 1737, zwischen Frankreich, England und Holland zur Vermittelung des Friedens, löste sich auf, als in Holland ;u Gunsten des Prinzen vonOranicn eineRegicrungsveränderung eintrat. Der Friede zuB. am 31. Juli 1667 zwischen England, Frankreich, Holland und Dänemark, der den Krieg wegen Guineas und gegenseitiger Handelseifersucht beendete, sicherte jeder dieser Mächte den Besitz der von ihr eroberten Länder. Bredow (Gabriel Gottfr.), ein bekannter deutscher Geschichtschreiber, geb. am I3.Dec. 17 7 3 zu Berlin von armen Altern, besuchte das Joachimsthaler Gymnasium unter Meierotto, der das aufstrebende Talent des Jünglings wahrnahm und ihm eine Freistelle verschaffte. Mit dem Vorsatz«, Theologie zu studiren, ging er nach Halle, vertauschte aber sehr bald, nachdem er in das unter Wolfs Leitung stehende Seminar getreten, dieses Studium mit dem der Alterthumswissenschaften. Er ward 1793 Mitglied des von Gedike geleiteten Pädagogischen Seminars und ging 1796, durch Voß veranlaßt, als Lehrer der gelehrten Stadtschule nach Eutin. Hier wendete er sich mit Eifer dem Studium der Erd- und Himmelskunde der Alten zu; eine Frucht desselben war das „Handbuch der alten Geschichte, Geographie und Chronologie" (Altona >803; 6. von Klinisch verbesserte Aust., 1837), dem die „Untersuchungen über einzelne Gegenstände der alten Geschichte, Geographie und Chronologie" (2 Abkh., Altona 1800—2) folgten. Nach Voß's Abgänge im I. 1802 übernahm er das Rcctorat der Schule in Eutin, ging aber 1803 als Professor der Geschichte nach Helmstedt. Hier gab er die „Chronik des 19. Jahrhunderts" (5 Bde., Altona 1808— I I) heraus, deren Fortsitzung er wegen der Schwierigkeiten, die man ihm seiner Wahrheitsliebe wegen machte, an Vmturini überließ. Zur Weltkunde der Alten zurückkehrend, faßte er den Plan, von Honicr bis auf die Mittlern Zeiten herab eine geschichtliche Darstellung aller geographischen Systeme zu liefern. Hierzu bedurfte es jedoch einer kritischen Berichtigung der kleinern gricch. Geographen. Den Stoff dafür zu sammeln, reiste er im Febr. 1807 nach Paris, wo er bis zum Herbst blieb und eine reiche Ausbeute machte. Nach seiner Rückkehr verwickelten ihn seine Freimüthigkcit und sein Eifer, womit er in der deutschen Jugend den vaterländischen Sinn anzuregen suchte, in Untersuchungen und Unannehmlichkeiten. Gern folgte er daher 1809 einem Rufe an die Universität zu Frankfurt an der Oder, mit der er 1811 nach Breslau übersicdelt wurde. Am meisten verbreitet sind seine Schulbücher „Merkwürdige Begebenheiten aus der allgemeinen Weltgeschichte" (Altona 1810; 21. Aust., 1838; fortgesetzt von «on Bames, Reutlingen 1836) und „Umständliche Erzählung der merkwürdigsten Begebenheiten aus der allgemeinen Weltgeschichte" (Altona 1810 ; 12. Aufl., 1830). Er starb nach vielen Leiden zu Breslau am 5. Scpt. 1813. Vgl. Kunisch, „B.'s Leben und Schriften" (Berl. 1816). Bree (Matthäus Jgnazius van), Dircctor der Akademie der schönen Künste zu Antwerpen, geb. 1773 zu Antwerpen, wurde theils hier, theils unter Vincent in Paris gebildet. ! Schon 1798 trat er mit Cato'sTode hervor, ein Bild, das ihm die Aufmerksamkeit zulcnkte. Demselben folgten die Ziehung des Looses unter den dem Minotaurus geweihten jungen Athenerinnen, der Abschied des nach Karthago zurückkehrenden Regulus, die Taufe des heil. Augustin, der Fischzug der Apostel, der Herzog von Braunschweig auf dem Todbette und der Einzug des ersten Konsuls und seiner Gemahlin in Antwerpen. Da B. seine Ideen sihr schnell zu skizziren pflegt, so lieferte er nach wenigen Stunden dem Kaiser Napoleon das Slottenmanoeuvre vor Antwerpen auf der Schelde und fast ebenso rasch Napoleon's Einzug >» Amsterdam im Augenblicke, da ihm der Magistrat die Schlüssel der Stadt überreicht. 5m1.1816 malte er den leydener Bürgermeister van dcr Werff, der 1576 bei derHungers- u°:h dem murrenden Volke zurief: „Nehmt meinen Leichnam und theilt euch darein!" ein 636 Bregenz Breguct großes Bild, jetzt im Stadlkau,e zu Leyden, das durch die Stellung der Gruppen, den kühnen Pinsel und das lebhafte Colorit in Rubens' Manier ihm großen Beifall erwarb. Andere - berühmte Gemälde von ihm sind die bei der Rheinflut dem Tode sich weihende Johanna ' Sebus, der Graf Egmont, wie er vor der Hinrichtung durch einen Bischof getröstet wird, Rubens, wie er sterbend sein Testament dictirt (1823), letzteres jedoch weniger ausgezeichnet, als eine andere Darstellung des Rubens, wie er von der Frau des Moretus dem Jnstns Lipsius vorgesiellt wird (im Besitz des Großhcrzogs von Sachsen-Weimar), und endlich das Grabmal des Nero bei Rom mit einer Gruppe Lazzaroni und Musikanten (1830). Auch i in dcp Lithographie und in der Bildhauerkunst hat er rühmliche Proben seines Talents ge- > geben; namentlich lieferte er 1820 ein großes Zeichenbuch in lithographirten Blättern. — ! Sein Bruder und Schüler, Phil. Jak. van B., ebenfalls berühmt als Historienmaler, geb. zu Antwerpen 17 86, ging frühzeitig nach Paris und dann nach Nom, von wo er 1818 »ach ^ Paris zurückkehrte, das er zu seinem Aufenthaltsorte wählte. Seine vorzüglichsten Gemälde sind die oriental. Reisende», die er 1811 lieferte; die span. Nonne, die aber nicht ausgestellt werden durfte; die von Pater Aubry gefundene Atala, nach Chateaubriand (l 812); die Königin Bianca mit ihrem Kinde, dem nachherigen Könige Ludwig dem Heiligen von Frankreich; des Königs Stanislaus von Polen einjährige Tochter, Maria Lcsczynska; Maria von Niedici mit ihrem Sohne Ludwig Xlll. vor Rubens (I81"l); Maria Stuart in der Todesstunde; der an der Quelle beiVaucluse von seiner Laura überraschte Petrarca; die Abdankung Kaiser Karl's V.; der Maler Albani und seine Familie; die Darstellung zweier Könige von Frankreich, wie sie Kaiser Konstantin im Theater zu Trier den wilden Thicrcn vorwerfen läßt, und daß etwas heterogene Bild, der Aufgang der Sonne auf Novaja-Semlja (1828). Bregenz ist derHauptort im vorarlbergcrKrcise der östr. gefürsteten Grafschaft Tirol, weshalb man auch dem Kreise den Namen Bregenzer Kreis beizulegen pflegt. Die Stadt breitet sich am Bodensee und am kleinen Flusse Bregenz, der sich bei derselben in den See ergießt, sowie am Fuße eines Bergs aus, auf welchem ein altcrthümliches, zum Theil in Trümmern liegendes Bergschloß emporstcigt, und von wo aus man eine reizende Aussicht ^ über den See und dessen schöne weinbekränztc Umgebungen genießt. Sic ist der Sitz eines ! ostr. Policeicommissariats, eines Bergamts und eines geistlichen Generalvicariats für Borarlberg und zählt 2500 E., welche sich mit Acker- und Obstbau, mit Viehzucht, Baumwollen- spinnerei, Weberei, Wachsbleicherei und Verfertigung von Holz- und Eisenwaarc» beschäftigen und einen bedeutenden Handel mit Getreide, Nutzvieh, Fettwaaren, Holz und Holz- waacen, namentlich auch mit hölzernen Häusern und Alpenhütten treiben. In der Nähe süd- / lieh von der Stadt befindet sich die Bregen; er Klause, ein ehemals stark befestigter Bergpaß, welcher den Eingang nach Tirol vom Bodcnsec und Schwaben her beherrschte. B. ist einer der ältesten Orte Deutschlands und war ehemals einer der festen Plätze im südlichen Theile desselben. Jetzt sieht man nur noch Überreste von den ehemaligen Festungswerken und auch das feste Schloß, welches auf dem südwärts gelegenen Pfannenbcrge Herzog Hermann von Schwaben auf das Geheiß Kaiser Otto des Großen erbauen ließ, liegt in Trümmern. Während des Dreißigjährigen Kriegs imJ. 1636 erstürmten die Schweden die Feste B. und die dabeigelegene Klause, die sie beide schleiften und sprengten. Zur Zeit der salischen und hohenstaufischen Kaiser war B. derHauptort einer sehr bedeutenden Grafschaft gleiches Namens, deren Besitzer zu den einflußreichsten in der Schwei; und in Schwaben gehörten. Nach ihrem Ausstcrben und nach mancherlei Wechselstellen und Veränderungen kamen dann durch Kauf im 15. Jahrh. Grafschaft und Stadt an das Habsburger Haus. Breguct (Abraham Louis), ein ausgezeichneter franz. Mechaniker, geb. zu Neuf- chatel am io. Jan. 1737, aus einer in Folge der Aufhebung des Edicts von Nantes aus- gewanderten franz. Familie, kam sehr jung nach Frankreich, wo er bei einem Uhrmacher in Versailles lernte. Er vervollkommnete die Uhrmacherkunst, Mechanik, Physik u. s. w. durch eine Menge wichtiger Erfindungen; fertigte zuerst doppelte astronomische Uhren, doppeln Chronometer, Seeuhren, sympathetische Pendelwerke, metallische Thermometer u. s. w., und verbesserte auch die Telegraphen. Wie in Frankreich, wo er als Uhrmacher und Mechaniker bei der Marine angestellt war, so genoß er auch im Auslände, namentlich in England, den Ruf eines der ausgezeichnetsten mathematischen Genies der neuern Zeit. Er starb 1623 637 Vrehm Breisach BrehiN (Christian Ludw.), bekannt als Ornitholog, gcb. am21.Jan. 1787 ;u Schönau bei Gotha, studirte 1807 in Jena Theologie und wurde >813 Pfarrer zu fttenthcndorf bei Neustadt an der Orla. Schon als Knabe ein Sammler, legte er sich als Mann besonders aufOrnithologic und brachte durch eigenen Fleiß sowie durch Verbindung mit andern Naturforschern, zumal des Nordens, eine ansehnliche Menge eurvp. Vögel zusammen, die dadurch Werth hat, daß sie dieselbe Species in einer großen Menge Individuen verschiedenen Alters, Geschlechts, Heimatlands u. s. w. enthält und also zur Bcurthcilung der gelegentlichen Abweichungen von der anerkannten Normalform nützlich wird. Viele dieser zum großen Theil höchst unbedeutenden Abänderungen hat B. für Arten erklärt, hierdurch das Verzeichnis deutscher Vögel allerdings sehr vermehrt und sonst noch manche Neuerungen in den Benennungen vorgeschlagen, jedoch bei den übrigen Ornithologen keinen Beifall gefunden. Man verdankt ihm nianchc gute Beobachtungen über die Lebensart einheimischer Vögel, die er in der „Isis", den „Beiträgen zur Vögelkundc" (3 Bde., Neust, a. d. O. 1821—22), dem „Lehrbuch der Naturgeschichte aller europ. Vögel" (2 Bde., Jena 1823—23) und in der Zeitschrift „Ornis" (3 Hefte, Jena 1823—27) nicdcrgelcgt hat. Brehmr, eine kleine Stadt im Regierungsbezirke Merseburg der preuß. Provinz Sachsen, mit nicht ganz 1300 E-, bildete im Mittelalter die gleichnamige Grafschaft. Die Grafen von B., die zu den namhaftesten deutschen Geschlechtern gehörten, werden von den Grafen von Wettin hcrgeleitet, und ihr Ahnherr war Graf Gero, der Sohn Dietrich's von Wettin und der Mcchtild, einer Tochter des Markgrafen Eccard von Meißen. Er besaß zugleich die Grafschaft Kamburg und stand bei Kaiser Otto in großem Ansehen. Von ihn: kam die Grafschaft an seinen Sohn Dietrich, 1079 an dessen Bruder Wilhelm und hierauf an Gero's Brudersohn, den Markgrafen Konrad den Großen von Meißen, der, als er 1 > 50 die Regierung nicdcrlegtc, bei der Thcilung seiner Länder dieselbe seinem fünften Sohne Friedrich zuthcilte. Friedrich vererbte sie an Otto l., der das Kloster Brehna stiftete und 1203 starb, und dieser an seinen Bruder Friedrich H., der sich im Morgenlande auszcichnete und 1221. kurz vor seinem Tode, in den Tempelhcrrnorden trat. Er hatte nach dem Erlöschen der Linie Wettin imJ. 1217 die Grafschaft Wettin ererbt, bieder Letzte seines Stamms, der Graf Otto, l288 an das Erzstift Magdeburg schenkte. Nachdem > 290 die Linie der Grafen von B. erloschen, kam die Grafschaft als crösfnetcs Rcichslchn durch den deutschen König Rudolf!. an die Herzoge von Sachsen und nach deren Erlöschen imJ. >322 mit der Kur- würdc an Markgraf Friedrich den Streitbaren von Meißen. Bei der Thcilung Sachsens im I. 18 l 5 siel sie Preußen zu. Breihan oder Broihan ist eine Art Weißbier, bereitet aus Weizen- oder Eersten- Lustmal; mit einem griugcn Zusatz von Hopfen, der öfters auch ganz fehlt. Der Breihan wurde zuerst von Konrad oder Cord Breihan oder Broihan in Hannover 1720 gebraut und nach diesem genannt; nach Anderer Meinung aber soll er viel älter sein. Er blieb lange Zeit Localbier; später wurde er auch an andern Orten gebraut. Breisach, auch Altbrcisach oder Brisach, im bad. Obcrrheinkreise, eine uralte Stadt, am rechten Ufer des Rhein auf einem isolirtcu Basaltbcrge gelegen, war ehemals eine freie Reichsstadt und bis um die Mitte des vorigenJalnch. eine der wichtigsten Festungen des Deutschen Reichs, weshalb sic auch des Deutschen Reichs Kissen und Schlüssel genannt wurde. Die Stadc hat einen schcnswcrthe» Münster, Stephanskirchc genannt, mit vielen Grabmälcrn berühmter Generale und anderer Personen, eine Brücke über den Rhein und zählt 3200 E., welche Landwirthschaft, Handel, städtische Gewerbe und Rhcinschiffahrt treiben. Da der steile, hart am Rhein sich hinziehcndc Berg, auf welchem zum Theil die Stadt liegt, ringsum eine unbeschränkte Aussicht auf den Fluß darbietet und dessen Umgegend völlig beherrscht, so war es natürlich, daß man schon früh die militairisch wichtige Lage dieses Felsens erkannte und benutzte. Daher wird derselbe schon zur Zeit des Julius Cäsar als ein fester Ort der Scquancr unter dem Namen 51ni,s llrisiacus erwähnt, dessen sich Ariovist bei seinem Einfall in Gallien bemächtigt hatte. Später wurde der Ort zur Verthcidigung der Rhcin- grcnze gegen die das röm. Reich bestürmenden german. Vülkcrstämme stark befestigt und bald der bedeutendste Ort der Gegend, nach dem auch der benachbarte Gau seinen Namen erhielt. (S. Breisgau.) Als die Römerherrschast am Rhein vernichtet war, kam B. in die Ge- 638 Breisach Walt eines german. Geschlechts, der Harelunge». Im Anfang des I«>. Jahrh. gehörte es nebst l mehren andern Orten des Elsasses und Breisgaus dem Bruder des Königs Konrad's I., dem , Herzog und Pfalzgrafcn der Franken am Rhein, Eberhard. Derselbe empörte sich, bald nach- dem Otto I. deutscher König geworden war, gegen denselben und legte deshalb eine starke Besatzung in das damals vom Rhein völlig umflossene und sehr feste B. Von hier aus beim- ruhigtc er Otto's Anhänger und unterwarf sich einen großen Theil des Elsasses. Zugleich trat er mit König Ludwig IV. von Frankreich in ein Bündmß, der, in der Hoffnung, Lothringen dem Deutschen Reiche zu entreißen, den Elsaß mit Krieg überzog. Daher wandte steh Otto I. gegen den König von Frankreich, um denselben aus dem Elsaß zu vertreiben und ! belagerte 93!) B-, während Herzog Eberhard an Nicderrhein das rechte Rheinufer überfiel, aber Andernach gegenüber von des Königs Truppen überfallen und erschlagen wurde, worauf sich B. an Otto I. ergab. Im l 2. Jahrh. kam cs durch einen Vertrag in den gemeinschaftlichen Besitz des Kaisers und des Bisthums Basel, worauf cs noch stärker befestigt wurde. Kaiser Otto IV. übergab cs dann dem Herzog Vcrthold V. von Zähringen, welcher zur gro- ßcrn Befestigung des Orts einen hohen und dicken Thurm erbauen ließ, der noch bis in die Mitte des 18. Jahrh. stand. Nach Berthold's V. Tode im I. 1218 bestätigte Kaiser Friedrich II. dem Bischof von Basel seine geistlichen Rechte aufB., und 1253 gelangte das Bisthum wieder in den vollen Besitz der Stadt. Aber schon 1262 entstand um dieselbe zwischen dem Grafen Rudolf von Habsburg und dem Bisthum Krieg, Elfterer nahm B. mit List, trat es aber dann nebst seinen Ansprüchen gegen Erstattung von 96«» Mark Silber an das letztere wieder ab. Rudolfs Sohn, König Albrecht 1., entriß B. von neuem dem Bischof und vereinigte es unmittelbar mit dein Reiche, sodaß den Bischöfen nur einige Hoheits- rcchte in der Stadt verblieben. Im 1.1331 verpfändete es Kaiser Ludwig der Baier an die ! Herzoge von Ostreich und 1369 Herzog Sigismund von Ostreich nebst der Landgrafschast an Herzog Karl den Kühnen von Burgund. Damals wurde B. auf Befehl des burgund. Landvogrs Peter von Hagenbach überfallen, geplündert und ein Theil der Bewohner ermordet, der übrige schrecklich bedrückt. Auf die Nachricht hiervon brachte Herzog Sigismund, ^ gerührt von dem Elend seiner ehemaligen Unterthanen, den Pfandschilling zur Auslösung des Breisgaus herbei. Da sich aber Herzog Karl der Herausgabe widersehte, so griff der ganze Breisgau zu den Waffen und der grausame Landvogt, nachdem er vor Gericht geschleppt und zum Tode verurtheilt worden, wurde am 9. Mai 1373 vor dem Kupferthore zu B. Nachts beim Scheine der Fackeln enthauptet, worauf die Stadt wieder unter die Herrschaft Ostreichs kam. Während des Dreißigjährigen Kriegs wurde B. wegen seiner großen Festigkeit als ein Hauptbollwerk der kaiserlichen Macht angesehen. Erst im I. 1633 versuchten es die Schweden unter dem Nhcingrafen Otto Ludwig den Ort einzunehmen. Nachdem sie die Kaiserlichen in einem blutigen Gefecht vor demselben besiegt hatten, begann der schweb. Feldherr die Belagerung und zwang die tapfere Besatzung, einige Außcnwerke zu räumen. Allein als der Herzog von Feria mit einem bedeutenden Heere zum Entsatz heranzog, wurden die Schweden genöthigt, am I I.Oct. 1633 die Belagerung aufzugeben. Zwei Jahre darauf wurde B. abermals von den Schweden und Franzosen bedroht, weshalb die Kaiserlichen die Stadt noch weit stärker als vorher befestigten. Nachdem jedoch Herzog Bernhard von Weimar alle oberrheinischen Festungen eingenommen hatte, rückte derselbe im I. 1637 vor B. und setzte sich nach langwieriger Belagerung, während deren er drei kaiserliche zum Entsatz heranrückende Heere zurückgeschlagen hatte, am I9.Dec. 1638, durch Kapitulation der ganz zusammengeschmolzenen Besatzung, in den Besitz desselben. Schon im nächsten Jahre versuchte Kaiser Ferdinand II1., im Bunde mit Spanien, B. und den Elsaß wiederzuerobern. Allein seine Bemühungen mislangen, und die Festung wurde kraft des westfälischen Friedenschlusses an Frankreich überlassen. Seit dieser Zeit wurde sie als einer der drei Hauptschlüssel des franz. Reichs angesehen, bis Ludwig XIV. durch den ryswijker Frieden 1697 gezwungen wurde, sie an das Deutsche Reich wiederzurückzngeben. Dafür ließ er durch Vauban zum Schutz des Elsasses dem Altbreisach gegenüber 1699 Neubreisach und das Fort Monier erbauen. Im span. Erbfolgekriege wurde B. von den Franzosen unter dem Herzog f von Burgund und dem Marschall Vauban angegriffen und an dieselben durch Verrätherei oder Feigheit der Commandanteu, der Grafen von Arco und von Marsigli, ohne alle Gegen- Brcisga« 6M ! wehr übergeben, worauf es troh einiger Versuche von Seiten der Kaiserlichen, sich desselben wieder zu bemeistcrn, von Frankreich bis >715 behauptet wurde. In diesem Jahre gab es > der rastadtcr Friede an Ostreich zurück. Sogleich ließ Kaiser Karl VI. die Festungswerke noch vergrößern und auf dem in der Nähe befindlichen Eggersberge ein wichtiges Fort erbauen. , Als jedoch im östr. Erbfolgekriegc 1743 die Franzosen den Breisgau bedrohten, ließ die Kai- ! strin Maria Theresia einen Theil der Festungswerke sprengen und zur größer» Verthcidigung Frciburgs die Kriegsvorräthe dorthin bringen. Nachdem hierauf die Franzosen Freiburg belagert und erobert hatten, nahmen sic auch B. weg, schleiften die noch übrigen Fcstungs- j werke und sprengten bei dieser Gelegenheit den durch sein Alterthum und seine Festigkeit berühmten Thurm Herzog Berthold's V. Während der franz. Nevolutionskriege im I. 1703 zerstörten die Franzosen vom linken Nhcinufcr aus die ganze Stadt, besetzten dieselbe, legten neue Verschanzungen an und schnitten sie von der deutschen Nheinseite ganz ab. Endlich im Frieden von Lunevillc wurde die Stadt an den Herzog von Modena, bald darauf dem Erzherzog Ferdinand von Ostreich und zuletzt im J. 1806 durch und nach dem presburger Frieden dem Großherzogthum Baden zugctheilt, bei welchem sie seit dieser Zeit geblieben ist. Sämmt- lichc Festungswerke aber wurden geschleift und in Gartenland umgewandelt, wodurch Deutschland eine bedeutende Festung und B. seine militairische Wichtigkeit eingebüßt hat. — Brei- sa ch oder Ncubreisach, franz. Neuk-Lrisscti, eine starke, I69S erbaute Festung im franz. Departement des Oberrhein, bildet einen der wichtigsten Waffenplätze des Elsasses, liegt am Kanäle zwischen Rhone und Rhein in der Nähe des letzter» und Altbrcisach gegenüber. Sie ist in einem Achteck gebaut und zählt etwa 200«» E. Breisgau (der) bildet nebst der Landvogtei Ortenau einen der schönsten und gcscgnct- > stcn Theile des Großherzogthums Baden, zu dessen Ober- und Mittelrheinkreise cs gehört. ! Er umfaßt etwa 60 lüM. und zählt 150000 E.in 17 Städten, 10 Flecken und über 440 Dörfern. Das Land ist größtentheils gebirgig, besonders um Triberg, Sanct-Peter und Sanct- ^ Blasien; und enthält die höchsten Gipfel des Schwarzwalds, die sich stufenartig gegen den , Nhein hinabscnken, fruchtbare reizende Vorberge und Hügel. Zwischen ihnen liegen tiefe, , meist enge Thäler, welche angebaut und stark bevölkert sind. Überall ist das Land von kleinen Nheinzuflüssen bewässert, unter denen die Elz, Treisam, Glotter, Wiesen und Neumageu die bedeutender» sind; auch befinden sich mehre kleine Seen zum Theil hoch im Gebirge. In den Ebenen wird blühender Ackerbau getrieben, und herrlicher Wein, ausgezeichnetes Getreide, Obst, Hanf und vielerlei Küchengewächse gedeihen in üppiger Fülle; in den Gebirgen dagegen bilden die ausgedehnten Nadelholzwaldungen und die rcichbewässertcn Wiesen der Thäler den Hauptreichthum der Schwarzwälder, welche sich mit Viehzucht, Holzverkauf und Flößerei und mit Verfertigung von Holz- und Eisenwaaren, besonders mit der Fabrikation der weithin berühmten und geschätzten Schwarzwälder Uhren beschäftigen. Außerdem wird ziemlich ergiebiger Bergbau auf Eisen, Blei, Kupfer und Silber getrieben. Zur Zeit der röm. Herrschaft, an welche noch eine Menge Alterthümer erinnert, gehörte der Breisgau zu dem Lande der Allcmanncn, deren hier wohnender Stamm die Brisigarer waren; im Mittelalter standen Grafen dem Gaue vor, zuletzt seit dem 11. Jahrh. die Bestilonen, die nachhcrigen Herzoge von Zähringen. Nach dem Erlöschen ihres Stamms mit dem Herzog Berthold V. oder dem Neichen im1.1218 kam der Breisgau theils an die Markgrafen von Baden, welche von dem > Herzoge Berthold I. von Zähringen abstammten, theils an die Schwiegersöhne des letzten Grafen, die Grafen von Kyburg und Urach. Durch die Erbtochter des letzten Grafen von Kyburg, Hedwig, die Gemahlin des Grafen, nachhcrigen Kaisers Rudolfs I. von Habsburg, wurde ein Theil des Brcisgaus dem Habsburg. Hause zugebracht. Nachdem Ostreich von dem Grafen von Urach durch Kauf im I. 1370 die Hauptstadt des Breisgaus, Freiburg, erworben, wußte es sich allmälig die Landeshoheit über den noch übrigen Theil zu verschaffen, sodaß schon Herzog Friedrich von Ostreich 1386 fast den ganzen Breisgau mit Ausnahme Badenweilers und einiger kleinen Gebiete, die an Baden kamen, unter seiner Herrschaft vereinigte. Anfangs ließ Ostreich den Breisgau durch Landvögte verwalten, bis die Unbilden des Land- > Vogts Peter von Hagenbach im I. 1470 die Veranlassung wurden, Landstände zuzulassen, um mit diesen gemeinschaftlich die Angelegenheiten des Gaues zu verwalten. Seit dieser Zeit ! theiltc der Brcisgau das Schicksal Ostreichs und der oberrheinischen Länder bis zum Ende des lenau, mit Ausnahme des Frickkhals, das auf etwas mehr als 5 OM. gegen 20000 E. > zählte und von Frankreich zur Helvetischen Republik geschlagen wurde, an den Herzog von ' Modena ab. Diesem folgte bei seincmTodc im Oct. 1803 in der Negierung sein Schwiegersohn, der Erzherzog Ferdinand von Ostreich, mit dem Titel eines Herzogs von Breisga». Im prcsburgcr Frieden von 1805 aber mußte er sein Hcrzogthum an Baden und an Wür- tcmbcrg abtreten, welches letztere gegen Entschädigung den ganzen Breisgau Baden überließ. Brcislak (Scipio), einer der genialsten Geologen der neuern Zeit, gcb. zu Nom 1768, ^ der Sohn eines Deutschen, war ursprünglich für den geistlichen Stand bestimmt. Als Pro- > fester der Physik und Mathematik zu Nagusa angestellt, ließ er sich durch den Abbe Fortis ^ für das Studium der Naturkunde gewinnen. Nachdem er sqdann Professor am Collegium ^ururenm» geworden, bereiste er zu wissenschaftlichen Zwecken Neapel und Frankreich, wo er in Paris mit Fourcroy, Charta!, Cnvicr u.A. in Verbindung trat. Später ernannte ihn Napoleon zum Inspektor der Salpeter- und Pulverfabrikation im Königreiche Italien. Schon seine ersten Schriften, durch welche er sich als Naturforscher bekannt machte, z. B. die Abhandlung über die Svlsatara bei Neapel, die er Jahre lang als Director der Alaun- stedercicn und als Lehrer der ^rtigleria reale in Neapel vielfach zu untersuchen Gelegenheit hatte, gaben Andeutungen der Ansichten, welche er später in seinem Systeme der Geolog ic (s. d.) ausbildctc. Er trat der Ansicht der Ncptunistcn entgegen, ohne jedoch unbedingt das vulkanistische System anzunchmen. Sein erstes größeres Werk war die ,,1'opo- grulia lisica ckellu Lkunpuniu" (Flor. 1798). Nachdem er seine Untersuchungen über die in diesem Werke beschriebenen Gegenden noch einige Zeit fortgesetzt und die Communication der Vulkane Latiums mit denen Campaniens entdeckt hatte, ging er nach Nom zurück, dessen Umgegend er ebenfalls untersuchte, wobei er seine frühere Meinung bestätigt fand, daß der größte Theil der sieben Hügel Überbleibsel eines eingcstürzten Vulkans seien. Wegen der politischen Unruhen seiner Vaterstadt begab er sich dann nach Frankreich, wo er das zuletzt erwähnte Werk, mit neuen Bemerkungen, Nachträgen und Berichtigungen, sowie mit einer topographisch-mineralogischen Beschreibung der Umgegend Roms bereichert, unter dem Titel „Vovuges pbzsüpies et litbnlogigues clsns In Cumpunie" (2 Bde., Par. 1801; deutsch von Neuß, 2 Bde., Lpz. 1802) hcrausgab. Seinen Aufenthalt i» Frankreich benutzte er zur Untersuchung der erloschenen Vulkane in Auvergne. Nach seiner Rückkehr nach Italien ließ er seine „Introclurions ullu geologia" (2 Bde., Mail. >811), die er in einer zweiten Ausgabe in franz. Sprache unter dem Titel „Institutions geologicpies" (3 Bde., Mail. 1818; deutsch von Strombeck, 3 Bde., Braunschw. 1819—20) gänzlich umarbcitetc, und dic„»escri2ioi>egeoIoFicuilell2Ooinburtliu"(Mail. 1822)erscheinen. Seit derGründung der „Uililintecu italisnu" war er einer derHauptmitarbeiter an derselben. Erstarb zu Turin am I5.Febr. 1826. Nach seinem Tode wurde in der „Nem. lomb.-ven." (1838) noch eine ausführliche Abhandlung „ 8 opru i terreni tru il muggiore e cjiiello <>i Unfall«" bekannt gemacht. Sein berühmtes Mincraliencabinct überließ er der Familie Borromco. Breite (geographische) nennt man den nördlichen oder südlichen Abstand eines Orts auf der Erde vom Äquator, gemessen durch den zwischen dem Orte und dem Äquator enthaltenen Bogen des entsprechenden Mittagskreises. Diese Breite ist das Maß des Winkels, welchen die zum Erdmittelpunkte führende Schcitellinie des Orts mit der Ebene des Erdäquators macht. Die verlängerte Scheitellinie trifft am Himmel das Zenith des Orts, die verlängerte Ebene des Erdäquators aber den Äquator der Himmelskugcl; mithin wird die Breite eines jeden Orts auch durch den Abstand des Zeniths vom Himmelsäquator, oder durch das Complement der Äquatorhöhe, d. h. die Ergänzung derselben zu 90 Grad, ausgc- drückt. Da nun das Complement der Äquatorhöhe diePolhöhe genannt wird, so ist die Breite eines Orts seiner Polhöhe gleich. Orte im Äquator selbst haben, weil ihre beiden Pole , im Horizont liegen, weder Breite noch Polhöhe. Die Breiten dienen nebst den Längen (s.d.) dazu, die Lage der Orte auf der Erde gegeneinander zu bestimmen. Auf dieser Bestimmung beruht die Geographie und die richtige Zeichnung der Landkarten. — In der Astronomie - versteht man unter der Breite derG esti rne den Abstand eines Gestirns von der Ekliptik, welcher durch den zwischen der Ekliptik und dem Gestirne enthaltenen Bogen eines aus — Breitenfeld Breithaupt (Zoh. Aug. Friede.) 641 der Ekliptik senkrecht stehenden, folglich durch ihre Pole gehenden größten Kreises, des Brei tenkreiscs, gemessen wird. Man unterscheidet auch hier nördliche und südliche Breite. Ein Gestirn in der Ekliptik hat gar keine Breite, mithin hat auch die Sonne nie eine Breite, der Mond und die Planeten aber meist nur eine geringe, weil die Flächen ihrer Bahnen mit der der Ekliptik nur sehr geringe Winkel bilden. Den Stand der Fixsterne geben neuere Sternkataloge nach der Polardistanz, nicht mehr nach der Breite an. Bei den Planeten muß man heliocentrische und geocentrische Breite unterscheiden; erstere ist diejenige, welche von einem im Mittelpunkte der Sonne, letztere diejenige^, welche von einem im Mittelpunkte der Erde befindlichen Beobachter beobachtet würde; bei den Fixsternen fällt dieser Unterschied wegen ihrer unermeßlichen Entfernung von der Erde und dem Sonnensysteme überhaupt weg. Breitenfeld, ein Dorf und Rittergut ungefähr I '/< Stunde nördlich von Leipzig, zwischen der landsberger und dclihscher Chaussee und der preuß. Grenze, ist historisch merkwürdig durch drei Schlachten, welche in seiner Nähe geliefert wurden. Die erste derselben, am 7. Sept. 1631 von den Schweden und Kaiserlichen geschlagen, obschon eigentlich nur ein Treffen, war insofern von den wichtigsten Folgen, als sie die Fortdauer des Protestantismus und Deutschlands Freiheit sicherte. Tilly's Stolz hatte sich nach dem Falle Magdeburgs aufs höchste gesteigert, als ec im Anfänge des Sept. 1631 mit ungefähr 40000 M. gegen Sachsen vordrang, um den Kurfürsten Johann Georg!., der sich dem Restitu- tionsedicte nicht unterwerfen wollte und mit Gustav Adolf unterhandelte, durch die Gewalt der Waffen zum Bündnisse mit dem Kaiser zu zwingen. Dem Kurfürsten blieb kein anderer Weg, als sich unter Gustav Adolfs Schuh zu begeben, und dieser willigte ein, als jener die Entscheidung durch eine Schlacht verlangte. Vor der Schlacht hielt Tilly in Leipzig, nach Schiller's Erzählung in der Wohnung des Todtengräbers, Kriegsrath. Die Kaiserlichen wurden vollkommen geschlagen, die drei vornehmsten Generale Tilly, Pappenheim und Fürstenberg verwundet, und Tilly war sogar nahe daran, durch einen schweb Rittmeister getödtet zu werden. Auf dem höchsten Punkte der Wahlstatt erhebt sich jetzt in einem von acht Fichten gebildeten Kreise ein Denkstein mit sinniger Inschrift, den der jetzige Besitzer des Ritterguts B., der Kaufmann Ferd. Grüner in Leipzig, am 7. Sept. 1831 zum Andenken Gustav Adolfs weihen ließ. — Die zweite Schlacht am 23. Oct. 1642 war zwar von minderer Wichtigkeit als die erste, aber nicht weniger blutig. Diesmal waren die Führer der schweb. General Torstenson, der bei Torgau über die Elbe gegangen war und Leipzig belagerte, und der Erzherzog Leopold von Ostreich und General Piccolomini, die von Dresden ,her zum Entsätze der Stadt anrückten. Der Gang der Schlacht hatte mit der ersten große Ähnlichkeit; die Kaiserlichen verloren ihre ganze Artillerie von 46 Kanonen, l 21 Fahnen, 6 9 Standarten und alles Gepäck; die Reiterei floh, von den Schweden drei Meilen weit verfolgt, in größter Unordnung nach Böhmen, daher denn nachher der Erzherzog Leopold über dieselbe ein strenges Gericht halten ließ, wobei das Regiment Madlo, das zuerst geflohen war, aufgelöst, die Standarten zerbrochen, alle Offiziere und Mannschaften für ehrlos erklärt, auch mehre Offiziere und von den übrigen Mannschaften der zehnte Mann nach dem Loose hingerichtet wurden. — Die dritte Schlacht war ein Theil der großen Völkerschlacht bei Leipzig (s.d.) am l6.Oct. 1813. — Über die Hügel, welche sich gegenwärtig auf dem Platze befinden, wo die Schlachten geliefert wurden, und die sich über das ganze Schlachtfeld hinziehen, sind die Meinungen gethcilt. Einige halten dieselben für frühere Grenzhügel zwischen dem Stift Merseburg und den sächs. Erblanden, nach der Sage sind sie Leichenhügel der beiden ersten Schlachten, was sich wenigstens bei denen, die bei Anlegung der Straße nach Delitzsch geebnet wurden, bestätigte. Breithaupt (Joh. Aug. Friedr.), erster Professor der Oryktognosie an der Bergakademie zu Freiberg, geb. am 18. Mai 1791 zu Propstzella im Fürstenthume Saalfeld, besuchte bis > 898 das Gymnasium zu Saalfeld und unterzog sich dann dem gewöhnlichen Dienste des Berg- und Hüttenmannes. Von 1809— 11 studirtc er in Jena und ging hier» auf nach Freiberg, wo er sich bald das Wohlwollen Werner's erwarb, aess dessen Empfehlung er 1813 als Edclstcininspector und Hülfslehrer bei der Bergakademie angestellt wurde. Im I. >827 erhielt er die Professur für Oryktognosie. Nach Werner's Wunsche setzte er Cvnv.-.Lex, Neunte Lust. 11. 41 642 Breithaupt (Lrrdw. von) Breitkopf das größere Hvffmann'sche „Handbuch der Mineralogie" fort, zu dessen drei Abheilungen er noch fünf hinzufügte. Seine ersten Bestimmungen von Mineralspecien, wie die des Ani- blygonites, Skoroditcs, Kupfermanganerzes u. s. w., fanden allgemeinen Beifall. Gleichzeitig trat er als selbständiger Forscher auf durch die Schrift „Über die Echtheit der Krystalle" (Freib. 1816) und die „Vollständige Charakteristik des Mineralsystems" (Freib. 1820; 3. sehr bereicherte Aust., Dresd. 1832). B. führte in die krystallographische Nomenklatur viele zweckmäßige Ausdrücke ein und versuchte in seiner Progressionstheorie, aus tesseralen Gestalten alle andere monoaxe Primairformen abzuleiten; doch haben weder seine Behand- lungswcise der Krystallographie, noch sein ihm eigenthümliches System und seine Nomen- clatur bis jetzt allgemeinen Eingang gesunden. Sein Hauptverdienst ist, fast alle Mineralien fleißig untersucht zu haben, und es hat sich bei diesen Untersuchungen nicht nur eine größere Mannichfaltigkeit der Krystallisationsgesetze, sondern auch eine viel größere Menge von Mineralspecien ergeben, die freilich zum Theil subtile Grenzen haben. Die Resultate aller dieser Forschungen hat B. angefangcn in einem „Vollständigen Handbuche der Mineralogie" (Bd. 1 und 2, Dresd. 1836—41) niederzulegen, dem er die „Übersicht des Minc- ralsystems" (Dresd. 1830) vorausschickte. Seine Schrift „Die Bergstadt Freiberg" (Freib. 1825) ist eine der besten Topographien sächs. Städte. Seine einzelnen Abhandlungen finden sich zum großen Theil in Erdmann's „Journal für praktische Chemie". Breithaupt (Ludw. von), ein verdienter Militair und bekannt als militairischer Schriftsteller, geb. zu Kassel 1783, erhielt hier seine erste Bildung und studirte dann auf der Bergakademie zu Freiberg. Nachher trat er in würtemberg. Militairdienste und machte I80S als Adjutant den Feldzug gegen Ostreich mit. In den Feldzügen von 1812—IS befehlgte er als Hauptmann eine reitende Batterie und that sich bei mehren Gelegenheiten rühmlich hervor. Er wurde 1816 Major, 1822 Oberstlieutcnant und starb pensionirt zu Winnenden am 3V. Aug. 1838. Er erwarb sich mannichfache Verdienste um die Herstellung der metallenen und eisernen Geschützrohren, sowie durch sein unablässiges Bestreben, die Manoeuvrirfähigkeit der würtemberg Artillerie mit den übrigen curop. Artillerien auf gleicher Stufe zu erhalten. Als Schriftsteller trat er zuerst 1819 mit der „Zeitschrift für Kriegs- Wissenschaft" auf. Unter seinen nachfolgenden Schriften sind zu erwähnen „Technisches Handbuch für angehende Artilleristen" (2 Bde., Stuttg. 1823), „Materialien für ein neues System der Artillerie" (Ludwigsb. > 826) und „Die Artillerie für Offiziere aller Waffen" (3 Bde., Ludwigsb. 1831—34). Nach seinem Tode erschienen seine „Vorlesungen über die Systematik der Artillerie für Offiziere aller Waffen" (Stuttg. 1841). Breitinger (Joh. Jak.), vorzüglich bekannt durch sein Bestreben im Vereine mit Joh. Jak. Bodmer (s. d.) für Verbreitung eines bessern Geschmacks in der deutschen Literatur zu wirken, war am I. März 1701 zu Zürich geboren, wo seine Familie zu den ältesten Geschlechtern gehörte, und erhielt eine klassische Bildung. Während er Bodmer an Genie, nicht aber an Gelehrsamkeit nachstand, war er auf der andern Seite auch beiweitem nicht so eitel und ruhmsüchtig als Jener und kämpfte mehr für die Sache selbst als um Aufsehen zu erregen. So sah er es auch ohne Neid und Eifersucht, daß Bodmer ihm fast immer vorgezogen wurde. Auf seine „Oiatribe in versus obscurissimos a ?. Stativ citatos" (Zür. 1723) folgte die Ausgabe der „Septuaginta" (4 Bde., Zür. 1731 — 32, 4.). Er wurde 1731 Professor dcr hebr. und 1745 der griech. Sprache an dem Gymnasium zu Zürich, später auch Kanonikus daselbst. Vom Magistrate unterstützt, konnte er manche Änderung in dem Gymnasium und den andern Lehranstalten seiner Vaterstadt bewirken. Er unterstützte das Latent und munterte zuerst Haller (s. d.) auf. Zahlreich sind seine kleinern Schriften, unter denen sich auch einige über schweiz. Alterthümer befinden. Seine „Kritische Dichtkunst" (3 Bde., Zür. 1740) gab die nächste Veranlassung zu dem Ausbruche des Streits zwischen den Schweizern und den Anhängern Gottsched's. Wesentlichen Antheil hatte er auch an der Herausgabe des „lAesaurus belveticus". B. starb am 14. Dec. >776. , Breitkopf (Joh. Gottlob Immanuel), einer der gelehrtesten Kenner und eifrigsten Förderer dep Buchdruckerkunst, geb. am 2 3. Nov. 1710 in Leipzig, wo sein Vater, Bern h. Christo pH B., in selbigem Jahre mit sehr geringen Mitteln eine Schriftgießerei, Buchdruckerei und Buchhandlung angelegt hatte, der es ungern sah, als sich der Sohn später für den ge- le ch di L Ä st L l>! k- g> A m dl g> u> C «> ui U st ai ta j 1 ,' er 1 hi h' st 8 ll ui LI V! u dl § C gl 1 st di gi U! T w ir ir E Bremen 643 ! lehrten Stand bestimmte. Nach einigen Jahren seiner akademischen Studien, während welcher er den Vater in den Geschäften unterstützen mußte, faßte er eine besondere Vorliebe für ^ die Mathematik, ohne dabei zu ahnen, daß gerade die Mathematik ihn mittelbar wieder zur ^ Buchdruckerkunst zurückführen und ihm in der praktischen Anwendung auf dieselbe von . großem Nutzen sein würde. Dürer's sinnreiche Idee einer geometrischen Construction der Buchstaben, um ihnen eine gleichmäßige und angenehme Form zu geben, veranlaßte ihn zu ähnlichen Bestrebungen für die Verbesserung der deutschen Type, die in Gefahr war, als geschmacklos verbannt und der lat. aufgeopfert zu werden. Er suchte ihr das Steife und l Eckige abzustreifen, konnte sich selbst aber auch hierin nie ganz befriedigen. Seine unablässigen Bemühungen haben ihn zu einem Wiederhersteller der typographischen Kunst und Schönheit in Deutschland gemacht. Ihm verdankt man auch seit 1755 die Kunst, Noten mit beweglichen Typen zu drucken. Von weniger praktischemNutzen war seine Erfindung, Landkarten, Bildnisse und chinesische Charaktere mit beweglichen Typen zusammenzusctzen. Obgleich ihm wegen der letzter» Erfindung der Papst selbst Glück wünschen ließ und die pariser Akademie ihren Beifall bezeigte, so sind doch die von ihm dargestellten chines. Charaktere so misgestaltet, daß kein Chinese sie wiedererkennen würde, weshalb man auch nie Gebrauch davon machte. Ihm gelang es ferner, die Metallmasse zu den Typen zu verbessern und ihr ! größere Härte zu geben, das Schmelzen und Gießen durch eine neue Methode zu erleichtern und an den Pressen Manches zu verbessern. Eine Frucht seines eifrigen Studiums war die Schrift „Über die Geschichte der Erfindung der Buchdrnckerkunst" (Lp;. 1774), der die vorläufige Anzeige einer „Geschichte der Buchdruckcrkunst" folgte, deren Ausarbeitung ihn unablässig beschäftigte, ohne daß er jedoch damit zu Stande kam. Von dem „Versuch, den Ursprung der Spielkarten, die Einführung des Leinenpapiers und den Anfang der Holzschneidekunst in Europa zu erforschen" erschien (Lpz. 1784,4.) der erste Theil, welchem Roch aus den hinterlassenen reichhaltigen, aber gänzlich ungeordneten Papieren eine fragmentarische Materialienlcse als zweiten Theil (Lpz. I8ttl, 4.) folgen ließ. Auch schrieb er über „Bibliographie und Bibliophilie" (Lpz. 1793, 4.). Gegen Ende seines Lebens arbeitete er an einer „Buchdruckergeschichte", kam aber damit nicht weit. Er starb am 28. Jan. 1794 mit dem Rufe eines deutschen Biedermannes im ganzen Umfange des Worts und hinterließ eine der größten Buchdruckereien und Schriftgießereien nebst Buch- und Musikhandlung. — Sein Sohn, Christoph Gottlob B., der im Verein mit Gottfr. Christoph Härtel, geb. zu Schneeberg 1763, unter der Firma Breitkopf und Härtel das Geschäft fortsetzte, das durch eine Stein- und Zinndruckerei, sowie durch eine Fabrik musikalischer Instrumente erweitert wurde, starb im I. 1800, worauf Härtel alleiniger Vorsteher ^ und Eigenthümer des Geschäfts wurde, das nach seinem Tode, auf seinem Nittergute Cotta am 25. Juli 1827, auf seine Söhne überging, die es noch gegenwärtig rüstig fortführen. Bremen an der Weser, eine der vier freien Städte Deutschlands, mit einem Gebiete ^ von 5 OM., dessen Haupttheil, in die Landherrschaften am rechten und am linken Weser- ! ufer zerfallend, die Stadt umschließt, während die Ämter Vegesack und Bremerhaven mit den Flecken gleiches Namens, jenes 2 M., dieses 7 M. unterhalb der Stadt, getrennte Hafenplätze bilden. Die Gesammtbevölkerung beträgt nach der Zählung von 1842 72820 Seelen protestantischer Confessio«, mit Ausnahme von 1600 Katholiken. Von jener Zahl gehören 49700 E. der Stadt selbst an, 3440 nach Vegesack, 2380 nach Bremerhaven und >7300 in 58 Dörfern zum übrigen Gebiete. Die Stadt zerfällt in Alt-, Neu- und Vorstadt, von denen die letzte, durch Wall und Graben von der Altstadt getrennt, mit dieser, als dem Kern, einen weiten Halbkreis am rechten Ufer der Weser beschreibt. Der Altstadt gegenüber am linken Ufer liegt die Neustadt, zu welcher zwei Brücken über den Hauptstrom und einen an dieser Stelle mündenden Arm desselben, die sogenannte Kleine Weser, führen. Die Festungswerke sind seit Anfang dieses Jahrhunderts in öffentliche Spaziergänge umge- wandelt, die namentlich zwischen Alt- und Vorstadt von der Weser bis wieder zur Weser I in voller Breite sich über Wall und Contreescarpe erstrecken und an geschmackvoller Anlage 1 in dieser Art ihres Gleichen suchen. Bemerkcnswerthe Bauwerke sind der um 1050 vom - ErzbischofAdalbert gegründete Dom und das 1405 begonnene gothische Rathbaus, mit dem 4b* 644 Bremen berühmten Weinkeller darunter und dem Steinbilde des Roland vor demselben; der Schütting, die Börse, die Seefahrt, die beiden Waisenhäuser, und unter den neuern das Stadthaus, das Arbeitshaus, das Museum mit seiner Naturaliensammlung, das neue Schauspielhaus, die neue Kaserne und die große Weserbrücke. B. ist reich an milden Stiftungen aller Art, an Schulanstalten und an Anlagen zum Besten des Handels und der Schiffahrt. Die letztgenannten haben von jeher den ersten Anspruch auf die Pflege des Staats behauptet, dessen Ursprung und gedeihlicher Fortbestand vor Allem auf dem regen Seehandelsgeiste seiner Bürger beruhte». Die Stadt liegt an dem Anfangspunkte der Unterweser, da wo der Wechsel von Ebbe und Flut noch schwach empfunden wird, IO M. von der Küste, 15 M. von der offenen See entfernt. Sie ist noch zugänglich für Küstenfahrer und andere Seeschiffe von breitem Bau und geringem Tiefgang, wie sie in alter Zeit gewöhnlich waren; jetzt ist indeß die große Mehrzahl genöthigt, weiter unterhalb der Stadt zu ankern. Nachdem man deshalb schon im Anfänge des 17. Jahrh. den Seehafen zu Vegesack angelegt, nachher die noch weiter abwärts belegenen oldenburg. Hafenplätze, besonders Brake, vielfach benutzt hatte, machte sich später, als auch diese Erweiterung dem Handel und der Schiffahrt der Stadt nicht mehr genügten, die Gründung vom Bremerhaven nothwendig. Diese neue Schöpfung, begonnen 1827 auf einem von Hannover abgetretenen Bezirke am Ausflusse der Geeste in die Weser, damals noch uneingedeicht und jeder Sturmflut bloßgestellt, jetzt ein in stetigem Wachsthum begriffener Ort mit großartigen Hafenwerken, zu deren Herstellung B- über hr Mill. Thlr. aufgewandt, hat den in sie gesetzten Erwartungen vollständig entsprochen. Der halbverwischte Stempel eines Seestaats ist durch sie für B. wieder aufgefrischt und die Entwickelung seines größern Seelebens, welches hier seitdem vornehmlich con- centrirt ist, ungemein gefördert worden. Es hat übrigens diese Trennung der Stadt von ihren Häfen die natürliche Folge, daß jene, wiewol die Seele des Ganzen, mehr als Binnenplatz erscheint und daß, um ein der Wirklichkeit entsprechendes Bild von B.s Bedeutung als Seeplatz und Weltmarkt zu gewinnen, die ganze Uferstrecke von der Stadt bis Bremerhaven in Einem Überblick zusammengefaßt werden muß. Der neuere Aufschwung des brem Seehan- dels ist außerdem den zahlreichen Niederlassungen seiner Bürger in fast allen den deutschen Flaggen zugänglichen Hafenplätzen Amerikas u. s. w., sowie dem Umfang und der anerkannten Tüchtigkeit seiner Marine, die zu Anfänge des I. 1843 215 Schiffe von zusammen 31000 Lasten, ungerechnet die Küstenfahrer und Flußschiffe, zum großen Theil beizumessen. Sein Eigenhandel überwiegt die Commissions- und Speditionsgeschäfte, ebenso seine transatlantischen Verbindungen die europäischen. In erster Reihe stehen die Vereinigten Staaten von Amerika, dann Westindien und der vormals span, und portug. Continent von Amerika; neuerdings hat es auch vermehrte Beziehungen mit Ostindien, China u. s. w-, und neben den nordischen Fischereien zeigt es lebhafte Theilnahme an dem Südseewalfischfange, den unter den Deutschen B. zuerst und bis jetzt noch allein betreibt. Die Hauptartikcl der Einfuhr sind Taback, Thran, Zucker, Kaffee, Wein, Reis, Baumwolle, Häute, Farbehol; und Getreide; die der Ausfuhr deutsche Manufacturwaaren, Glas- und Eisenwaaren, Nürn- bergerwaaren, Bergwerksproducte, Getreide, Lebensmittel und Spirituosen. Der Werth der Ein- und Ausfuhren zur See betrug in den letzten Jahren durchschnittlich über 24 Mill. Thlr., die Zahl der Mit Ladung seewärts angelangten Schiffe zwischen 15—1700. Außerdem dient B. der deutschen Auswanderung seit 1827 als Hauptvcrschiffungsplatz. Seine Fabrik- thätigkeit wird durch den Seehandel bedingt und herbeigeführt; theils sind es Hülfsge- werbe der Schiffahrt, unter denm der auf 13 Werften blühende Schiffsbau obenansteht, theils Verarbeitungen überseeischer Rohstoffe, oder auch Fabriken, die lediglich für die Ausfuhr über See berechnet sind, wie Dampfmühlen, Bierbrauereien und Geneverbrennereien in größerm Maßstabe u. s. w. Am ausgedehntesten wird jetzt die Ctgarrenfabrikation betrieben, mit der sich zu Anfänge des I. I843naheandrittehalbtausendPcrsonen beschäftigten. Nach der deutschen Bundesverfassung bildet es mit den andern freien Städten am Bundestage die 17. Stimme; es besitzt mit ihnen gemeinschaftlich das Oberappellationsgericht zu Lübeck und steht mit Hamburg und Lübeck noch außerdem in näherer militairischer Verbindung als Glied der zweiten Brigade der zweiten Division im zehnten Bundesarmeecorps. Zu der Bremen 645 zweiten Brigade, welche durch die Contingcnte Oldenburgs und dek Hansestädte formirt wird, ! hat B. ein halbes Bataillon und eine halbe Schwadron, zusammen 483 M. zu stellen. Unabhängig von dieser durch den Deutschen Bund herbcigeführtcn Vereinigung, lebt unter den drei Schwesterstädtcn, zumal in Betreff der auswärtigen Handelsverhältnissc, aus alter Zeit noch das hanseatische Bündniß fort; so der gemeinschaftliche Grundbesitz in London und Antwerpen, gemeinschaftliche Schiffahrtsverträge, Konsulate u. s. w. An der Spitze der öffentlichen Angelegenheiten steht in B. ein Senat von 39 Mitgliedern, vier Bürgermeister mit halbjährlich wechselndem Vorsitz, 21 Senatoren und zwei Syndikern, bei deren Wahl die j Bürgerschaft concurrirt. Gesetzgebung und Verwaltung thcilt der Rath mit dem Bürger- ! convcntc, wie die Versammlung der stimmberechtigten Bürger genannt wird, und den aus ^ dessen Mitte errichteten Ausschüssen, den Deputationen, wobei das Collegium der Altermänner (ursprünglich Vorsteher der Kaufmannschaft) eine vorragende Stellung einnimmt. Ungeachtet der beibchaltcncn aristokratischen Formen ist Charakter und Entwickclungsgang der brem. Verfassung wesentlich demokratisch zu nennen. Die jährlichen Einnahmen betragen 6—7V0U00 Thlr, die Staatsschuld lZ'/i Mill. B.s urkundliche Geschichte beginnt mit dem I. 788, in welchem Karl der Große daselbst ein Bisthum stiftete, welches, später mit dem 834 errichteten Erzbisthum Hamburg vereinigt und, nachdem die Vorsteher des letzter» ihren Sitz nach B. verlegt hatten, dann seinerseits zum Erzbisthume erhoben wurde. Die Immunitäten des Bischoffitzes kamen dem sich bildenden städtischen Gemeinwesen früh zu statten, das unter der geistlichen Pflege zu eigener Selbständigkeit heranwuchs, die die Stadt seitdem Anfänge des 13. Jahrh. auch im Kampfe mit den Erzbischöfen immer erfolgreicher geltend machte, svdaß sie zu Ende des > 4. als anerkannte Reichsstadt dastand. Inzwischen war dieselbe, nachdem sie schon auf eigene Hand sich Privilegien im Bereiche ihrer damaligen Schiffahrt, von Flandern bis Norwegen ! und von England bis zu den Küsten Licflands, erworben, wie denn um ll 58 Riga von B. > aus gegründet wurde, das auch bei der Stiftung des Deutschen Ordens mitwirkte, ein Glied des Hansabundes geworden, und nahm, wicwol zu Anfang lässig, doch nach und nach immer thäciger Theil an dessen Planen und Unternehmungen. Aus den Bürgerzwisten und Fehden des Mittelalters mit den Fürsten und Herren der Umgegend, besonders aber mit den räuberischen Friesen, gekrästigt hcrvorgegangen, Herrin der Unterweser sowie aus längere oder kürzere Zeit beträchtlicher Strecken an beiden Ufern, ergriff B. früh und mit Wärme die Sache der Reformation. Unter den sächs. Seestädten die erste und eifrigste im Schmalkal- dischen Bunde, trug sie durch männliches Ausharren auch nach der Schlacht bei Mühlberg nächst Magdeburg zur Rettung des Protestantismus vor gänzlichem Untergänge nicht wenig bei. Doch von jetzt an begannen die Zeiten ihres politischen Verfalls und mit ihnen des kommerziellen Zurückbleibens. Wiederholte Religionsunruhen, in deren Folge die Melanch- thonisch gesinnte Stadt sich genothigt sah, zum Calvinismus überzugchen, zerrütteten ihren Wohlstand und entfremdeten sie den strengluthcrischen Nachbarn und Bundesgenossen unter Fürsten und Städten. Hierzu kam, daß sie in der Periode ihres factischcn Vollbesitzes der Unabhängigkeit versäumt hatte, durch Besuch der Reichstage und selbständigen Beitrag zu den Reichslastcn sich die Reichssiandschaft auch formell zu sichern. Daher wurden, als zu Anfang des > 7. Jahrh. das Erzstift zu B. in mächtigere Hände gelangte und B. endlich mit dem westfälischen Frieden ein weltliches Hcrzogthum unter Schwedens Hoheit wurde, gleichzeitig die Freiheit der Stadt durch die Schweden und ihr Handel durch die Grafen von Oldenburg, namentlich durch den Elsflether Zoll u. s. w., bedroht. Schwedens Ansprüche vererbten sich auf Hannover, welches erst >731 die Reichsstadt anerkannte und erst I8V3 sie Herrin im eigenen, durch frühere Abtretungen sehr geschmälerten Gebiete werden ließ; während der Elsflether Zoll gar erst l82ü fiel. Nach den Blütejahren seines mit dem Versailler Frieden von >783 beginnenden neuen Handelsaufschwungs hattcB. die Drangsale der Fran- zosenhcrrschaft und der schließlich«» Einverleibung in das franz. Reich (>8I V->3) zu überstehen. Im Nov. >813 wieder frei geworden, erwarb es sich durch rasche Theilnahme an dem gemeinsamen Befreiungskriege schon im Dec. die Anerkennung seiner alten Selbständigkeit. Vgl. Roller, „Versuch einer Geschichte der Stadt B." (4 Bde., Brem. >799 — 189 1 ); Miescgaes, „Chronik der freien Hansestadt B." (3 Bde., Brem. > 828—32) und 646 Bremer Bremse Heineken, „Die freie Handelsstadt B. und ihr Gebiet in topographischer u. s. w. Hinsicht" (2Bde.,Brem. 1836—37). Bremer (Frederike), schweb. Romanschriftstellerin, geb. 1802 bei oder zu Äbo in Finnland, kam in ihrem dritten Jahre mit ihren Altern, nachdem ihr Vater seine Besitzungen in Finnland verkauft hatte, nach der Provinz Schonen, lebte dann in Norwegen bei ihrer Freundin, der Gräfin Svnnerhjetm und ist gegenwärtig Lehrerin in einem Töchtererziehungsinstitut in Stockholm. Aus ihren Geständnissen über sich, vor der zweiten Auflage der deutschen Übersetzung ihres Romans „Die Nachbarn" (Lpz. 1841),geht hervor, daß sie mit ihrer Familie den Winter in Stockholm zubrachte, wo sie Unterricht genoß, und daß sie namentlich aus deutschen Dichtungen ihre geistige Bildung schöpfte. Ihre Lieblingslccture scheint Schiüer's „Don Carlos" gewesen zu sein. Sie hat als Schriftstellerin in kurzer Zeit sich sehr fruchtbar gezeigt, und cs mag wol dieser Fruchtbarkeit beizumessen sein, daß ihre jüngsten Romane an Interesse ihren frühern nicht gleichkommcn, wenigstens nicht wie die frühem so bedeutende Aufmerksamkeit in Deutschland gefunden zu haben scheinen. Nichtsdestoweniger spiegeln sich auch in ihnen die liebenswürdigen Eigenschaften, welche die Verfasserin im Allgemeinen auszeichnen, aufs angenehmste wieder: echt weibliche Reinheit, tüchtiger Verstand, ein unverbildetes Gemüth, welches nicht selten eine leise humoristische Färbung annimmt, treue ungeschminkte Auffassung des Lebens, tiefe Kcnntniß des menschlichen Herzens und anschauliche, oft ergreifende Darstellungsgabc. Ihr Gebiet, auf dem sie ganz zu Hause ist, ist das Familienleben, das Haus und was an Dienerschaft zur Familie, was an Hof, Wald und Flur zum Hause gehört. Ihre Darstellungen auf diesem Gebiete sind, wenn auch zuweilen zu minutiös, doch höchst anziehend und einzig in ihrer Art. Weniger möchte ihr die Gabe einer reichen Erfindung zuzuerkennen sein, obgleich auch diese einigen ihrer Romane, namentlich den „Nachbarn", in keiner Weise abzusprechen ist; auch zeichnet sich der letztgenannte Roman durch eine treffende, durchweg gelungene Charakteristik vorzüglich aus. Weniger Bindung und Zusammenhang eines Romans haben „Das Haus" und „Streit und Friede"; doch hat letzterer den Vorzug, auf einem in Romanen bisher wenig rultivirten Boden, in Norwegen zu spielen und die malerischen Scencrien des Landes in meisterhafter Schilderung dem Leser vor das Auge zu stellen. Schon ihr erster Roman „Die Töchter des Präsidenten" erregte mit Recht die allgemeine Aufmerksamkeit, welche bei dem Erscheinen des Romans „Die Nachbarn" den Gipfel erreichte; doch auch „Die Familie H." und die Erzählung „Nina" sind mit Anerkennung zu erwähnen. In letzter Zeit hat sie ihr religiöses Glaubensbekenntniß in einer Schrift „ülorgonvülrter", welche deutsch unter dem Titel „Morgenwachen; einige Worte in Veranlassung der Schrift Strauß und die Evangelien, Glaubensbekenntniß" (Hamb. 18-12) erschienen ist, niedergelegt. Ihre gesammelten Novellen tragen im Schwedischen den Titel „l'eclruinFar ur ktvarciagslisvet", deutsch, „Skizzen aus dem Alltagsleben" (10 Bde., Lpz. 1811—12). Bremervörde, ein Flecken im hannöv. Landrosteibezirke Stade, mit 2000 E-, ist der Mittelpunkt im Verkehr des Herzogthums Bremen, wozu besonders der Kanal beiträgt, welcher von hier aus der Oste zur Schwinge und weiter nach Stade führt. Branntweinbrennereien bilden einen Hauptzweig der ziemlich lebhaften Industrie. B. war einige Zeit Sitz der Erzbischöfe von Bremen, welche in dem vom sächs. Herzog Lothar im I. 1122 erbauten Schlosse residirtcn, und hat einen vielfachen Herrschaftswechsel erlebt, indem es IS-17 dem Erzbischöfe von den Bremern abgenommen, 1628 von den Kaiserlichen erobert, 1632 aber den Erzbischösen durch die Schweden wiedergegeben wurde. Die Schweden nahmen es -1615 ein und verbrannten cs, verloren es dann an die Dänen, erhielten es jedoch durch den roeskilder Frieden im J. 1658 wieder, mußten es aber 1675 den Braunschweigern überlassen. Bremse (Oestrus). Die Bremsen bilden eine besondere Familie unter den zwei- flügligen Insekten (I)ipters), gleichen kleinen Hummeln und sind besonders am Hintcrleibe stark behaart. Im Larvenzustande sind sic sehr unangenehme, häufig wol auch gefährliche Parasiten. Die Weibchen, welche vorzüglich auf Viehweiden herumfliegen, legen ihre Eier zwischen die Haare der weidenden Thicre; die auskriechende Larve begibt sich entweder von selbst an ihren künftigen Aufenthaltsort in den Körperhöhlen, oder die Eier gelangen dahin durch das eigene Ablecken, wie beim Rindvieh. Andere Arten von Bremsen durchbohren e n v v b ! ^ ' u ! ! d ! r ! ä r s s e l r ^ r r r e k r e c t l s ! l r < 1 ! I ! I Brennbare Lnst Brennqlas 647 . die Haut und legen ihre Eier dorthin. In beiden Fällen Ehrt sich die Larve geraume Zeit > von den Säften des Thiers, in oder auf welchem sie sich befindet, sitzt entweder frei oder in einer Beule (Dasselbeulen des Rindviehs) und gleicht einem kurzen aber dicken Wurme von weißer Farbe, der an den Körperringcn mehr oder weniger zahlreiche steife Borsten trägt, welche seine Bewegungen vermitteln. Gehörig erwachsen kriecht sie entweder heraus, oder wird mit den Excrementen ausgeleert und verpuppt sich dann unter der Erde, oder sie bleibt und verpuppt sich unter der Haut des angegriffenen Thiers. Wo solche Larven in Menge auf einem Individuum Vorkommen, in der Zahl von 800— l 000 Stück, können sie ^ Abzehrung verursachen. Die Larve der Schafbremse lebt in den Stirnhöhlen des Schafs ^ und bringt die Drehkrankheit hervor; die Rindviehbremse hält sich unter der Haut auf; Kühe kennen das Sumsen der trächtigen Bremsen und laufen, wenn sie es hören, wiewüthend davon; das Pferd ist dem Angriffe drei verschiedener Arten Bremsen ausgesetzt, deren Larven im Mastdarme erwachsen; andere kommen am Rennthiere vor. In den Niederungen des äquatorialen Südamerika, in Guiana und bis Peru lebt eine Bremse/ die vorzugsweise den Menschen angreift und in die Haut der Schlafenden ihre Eier versenkt, aus welchen dann zolllange Larven entstehen, die man vorsichtig aus der an der Spitze offenen und nässelnden Beule herausdrückt. Brennbare Luft, s. Gas arten. Brenner (»lons kr-maius) nennt man die Spitze der Rhätischcn Alpen in der Grafschaft Tirol, zwischen Innsbruck und Sterzing und den Flüssen Inn, Aicha und Etsch, die sich über 6400 F. über die Meeresfläche erhebt. Über sie führt in einer Höhe von 4350 F. eine vier Stunden lange Straße, welche Deutschland mitJtalien verbindet. Auch den Brenner sowie alle Pässe über die Tiroler und Rhätischcn Alpen begriffen die ältern Schriftsteller unter Noris p^reimeus. Der Brenner war die Hauptstellung für die Vertheidigung Tirols während des letzten Aufstandes der Tiroler im I. 1809. Brennglas nennt man ein Linsenglas, welches die darauf fallenden Sonnenstrahlen in einem so engen Raume, dem Brennraum, vereinigt, daß sie einen daselbst befindlichen verbrennlichen Körper, aus welchen sie fallen, entzünden. Gewöhnlich bedient man sich zu Brenngläsern solcher Linsen, die auf beiden Seiten erhaben sind, weil diese wegen ihrer kurzen Brennweite die Strahlen in einem nähern Brennpunkte vereinigen; doch könnte man auch ein nur an der einen Seite erhaben, an der andern eben geschliffenes, sogenanntes plancou- vexes, Glas anwenden, ja selbst einen Meniscus, d. h. ein an einer Seite hohl, an der ander» erhaben geschliffenes Glas, wenn dasselbe nämlich in der Mitte dicker als am Rande ist oder die erhabene Oberfläche einen kleinern Halbmesser als die hohle hat, überhaupt jedes Glas, das als Vergrößerungsglas dienen kann. Die Wirkungen eines Brennglases sind um so stärker, je größer seine Oberfläche und je kürzer seine Brennweite ist. Soll ein solches Glas seine gehörige Wirkung thun, so müssen die Sonnenstrahlen senkrecht darauf fallen, welches dann der Fall ist, wenn das dadurch entstehende Sonncnbild völlig kreisrund erscheint. Setzt man zwischen das Brennglas und seinen Brennraum noch ein zweites Linsenglas von einer kürzer» Brennweite mit dem ersten in gleicher Richtung, so concentrirt man die Sonnenstrahlen in einen viel enger» Raum, wodurch die Wirkung ungemein verstärkt wird. Diese zweite Linse heißt das Collectivglas. Schon die Griechen und Römer scheinen Brenngläser, oder doch denselben ähnliche helldurchsichtige Steine und das Brennen mittels gläserner und krystallener Kugeln gekannt zu haben. Am Ende des l 3. Jahrh. wurden sie bekannter, aber erst gegen Ende des 17. ließ Tschirnhausen (s. d.) die größten, aus einem Stücke bestehenden Brenngläser, welche man kennt, mit unglaublicher Mühe schleifen. Zwei davon, die sich noch in Paris befinden, halten 33 Zoll im Durchmesser, und das Gewicht des einen beträgt 160 Pf.; das eine hat 7, das andere 12 F. Brennweite. Beide wirken dermaßen, daß sie selbst nasses und hartes Holz im Augenblick entzünden, Fichtenholz selbst im Wasser verkohlen und kaltes Wasser in kleinen Gefäßen sogleich zum Sieden bringen; Metalle schmelzen und verglasen sie auf einer Porzellanplatte oder ausgehöhlten Kohle; Dachziegel, Schiefer und ähnliche Dinge glühen augenblicklich und verglasen. Da indeß die Tschirn- hausen'schen Gläser nicht völlig rein und durchsichtig sind, wodurch die Wirkung beträchtlich vermindert wird, so unternahmen cs 1774 Brisson und Lavoisicr, zwei hohle, den Uhrgläseru ' »t ß '; 4, ^ l '.-'4 A 648 Brennlinie Brennpunkt ähnliche Linsengläser zu einer Linse zusammenzusetzen, deren inner« Raum sic mit einer durch, sichtigen Flüssigkeit (Terpenthinöl) ansüllten. Hier lassen sich, bei ungleich geringcrn Kosten, ! viel leichter Blasen und Adern vermeiden. Sie brachten auf diese Weise ein Brcnnglas von vier Fuß Durchmesser zu Stande, dessen größte Dicke in der Mitte acht Zoll betrug, und welches schon für sich viel stärker wirkte als Tschirnhausen's Glas, mit einem Collectivglasc ! verbunden aber die außerordentlichsten Wirkungen hervorbrachte. Es schmolz in einer halben ! Minute Kupfermünzen, wozu jenes Glas drei Minuten brauchte, brachte Eisen «uf einer ' Kohle fast augenblicklich zum Schmelzen u. s. w.; die Brennweite betrug ungefähr > > F. Für die Chemie und Physik sind die Versuche mit den Brenngläsern von hoher Wichtigkeit. ! Übrigens vermag das Brennglas, bei gleicher Oberfläche und gleicher Krümmung, dennoch weniger als derBrcnnspiegel(s. d.), welcher mehr Licht zurückwirft, als das Glas durchläßt, und von der Farbenzerstreuung frei ist. Dagegen ist das Brennglas, der Lageseines Brennpunkts wegen, der sich hinter dem Glase befindet, weit bequemer. Wegen der Schwierigkeit des Gießens und Schleifens großer Linsen hat man kürzlich nach Brewster's Vorschlag Buffon's Gedanken, sie zonenweise anzufertigen und hernach zusammenzusetzen, realisirt; hierbei braucht man nicht so große ganz reine Glasmassen, einzelne beschädigte Stücke können durch andere ersetzt werden, die Linsen können schon gebraucht werden, bevor noch alle Stücke fertig sind u. s. w. Von dergleichen zusammengesetzten oder Zonenlinsen hat Becqucy nach Fresnel's Vorschläge eine sinnreiche Anwendung für die Lichtverstärkung der Leuchtthürme gemacht. Mehre Ereignisse in der letztem Zeit haben auf die Erfahrung geführt, daß convexe, die Form der Brenngläser nachahmende Fensterscheiben, Wasserflaschen u. s. w. Fcucrsbrünste veranlassen können, wenn sie die Sonnenstrahlen auf entzündliche in ihrer Brennweite befindliche Substanzen concentriren. Brennlinie oder kaustische Linie. Eine polirte krumme Linie wirft, wenn sie z. B. von der Sonne beschienen wird, die Lichtstrahlen von jedem ihrer Punkte nach dem Gesetze der Reflexion zurück. Statt der Lichtstrahlen braucht man sich auch nur gerade j Linien zu denken, die nach demselben Gesetze wie Lichtstrahlen zurückgeworfen werden. Von diesen zurückgeworfenen geraden Linien schneidet die erste die zweite in irgend einem Punkte, die zweite wieder die dritte in einem andern Punkte u. s. w., und alle diese Durchschnittspunkte bilden zusammcn^die Brennlinie. Die nähere Bestimmung dieser Linie gehört der höher» Geometrie an. Ähnliche Curven entstehen durch die Durchschnittspunkte der aufeinander l folgenden gebrochenen Strahlen oder der nach Art der Lichtstrahlen gebrochenen Linien. Die I erstem heißen katakaustische und die letztem diakaustische Linien. So ist z. B. die Katakanstik des Kreises für parallel einfallende Strahlen eine Epicykloide. Brennpunkt- Wenn die Sonnenstrahlen auf eine durchsichtige convexe Linse, z. B. von Glas, auffallen, so werden sie auf der andern Seite der Linse in einem engen Raum vereinigt, den man wegen der in ihm herrschenden hohen Temperatur den Brennpunkt der Linse nennt. Dieser Raum ist kein eigentlicher Punkt, sondern ein kleiner Kreis, dessen Durchmesser die Sehne von 32 Minuten (so viel mißt der scheinbare Durchmesser der Sonne) eines andern Kreises ist, der seinen Mittelpunkt im Centrum der Linse hat. i Hohlgläser und convexe Spiegel vereinigen die gebrochenen oder reflectirten Strahlen' nicht, daher auch bei ihnen keine eigentlichen oder wirklichen Brennpunkte möglich sind; sie zerstreuen vielmehr die Strahlen, und zwar so, als ob sie alle aus einem Punkte vor dem Glase oder hinter dem Spiegel herkämen. Man pflegt jedoch diesen imaginairen Punkt nach der Analogie ebenfalls Brennpunkt, zum Unterschiede einen eingebildeten Brennpunkt, wol auch Zerstreuungspunkt zu nennen. — In der Geometrie ist bei mehren krummen Linien, nämlich der Ellipse, der Hyperbel und der Parabel, ebenfalls von Brennpunkten die Rede. Diese liegen immer in der großen oder Hauptachse dieser Linien, und zwar haben die beiden ersten zwei Brennpunkte, während die Parabel nur einen hat. Die Brennpunkte einer Ellipse liegen so, daß zwei von ihnen aus nach einem beliebigen Punkte der Ellipse gezogene Linien zusammengenommen immer derselben Linie, nämlich der Hauptachse, gleich sind, daher ist die Entfernung eines jeden derselben von jedem Endpunkte der kleinen Achse gleich der Hälfte der Hauptachse. Die Brennpunkte der Hyperbel liegen so, daß, wenn man aus beiden nach einem beliebigen Punkte der Hyperbel Linien zieht, der Unterschied dieser beiden Linien Brenuspiegel 649 immer gleich groß und zwar der Hauptachse gleich ist. Bei beiden Linien werden, wenn sie in " spiegelnden Flächen liegen, die von dem einen Brennpunkte ausgehenden und jeneckrummen ^ Linien treffenden Lichtstrahlen so zurückgeworfen, daß sie bei der Ellipse sich im andern Brennpunkte vereinigen, bei der Hyperbel aber von dem andern Brennpunkte auszugehcn j scheinen. Der Brennpunkt einer Parabel liegt so, daß er von jedem Punkte der Parabel ebenso weit entfernt ist, als dieser von einer gewissen geraden Linie, welche die Direktrix der Parabel heißt. Denkt man sich die Parabel als einen Spiegel, so werden alle mit der Achse parallelen Strahlen, welche die Parabel treffen, im Brennpunkte vereinigt. Hieraus ergibt 1 sich auch der Begriff der Brennpunkte solcher Körper, die durch Umdrehung der gedachten krummen Linien um ihre Hauptachse entstehen. , Brennspiegel heißen Spiegel, deren glatte oder polirte innere Oberfläche die auf sie 1 fallenden Sonnenstrahlen in einer solchen Richtung zurückwirft, daß sie sich in einer gewissen Entfernung von dem Spiegel in einem engen Raume vereinigen und auf Dinge, die man in diesen Raum, densogenannten Brcnnraum oder, wie man gewöhnlich sagt, den Brennpunkt, bringt, wie das heftigste Feuer wirken. Nur parabolische Hohlspiegel vereinigen die parallel mit der Achse einfallenden Strahlen genau in einem Punkte; sphärische oder kugelförmige Hohlspiegel, deren Oberfläche einen Theil einer Kugelfläche bildet, vereinigen wenigstens die in der Nähe der Achse (welche die Mittelpunkte des Spiegels und der Kugel verbindet) einfallenden Strahlen in einem engen Raume. Selbst Planspiegel kann man wie Hohlspiegel brauchen, wenn mehre derselben in geeigneter Weise verbunden werden. Soll ei» Brennspiegel die gehörige Wirkung thun, so muß seine Achse genau gegen die Sonne gerichtet sein. Dies ist der Fall, wenn das im Brennraumc mit einer aufder Achse des Spiegels lothrechten Ebene aufgefangene Licht ein völlig kreisrundes Sonnenbild hervorbringt. Schon die Alten waren mit den Brennspiegeln bekannt. So erzählt Plutarch im „Leben des Numa", daß die vestalischen Jungfrauen sich zum Anzünden des heiligen Feuers eines Brennspiegels > bedient hätten. Daß Archimcdes die röm. Flotte bei der Belagerung von Syrakus durch l die Römer unter Marcellus im I. 214 v. Ehr. durch Brennspiegel oder auch durch eine Ver- ! bindung ebener Spiegel in Brand gesteckt habe, wie Zonaras und Tzetzes erzählen, ist an ! sich zwar nicht unmöglich, aber darum zweifelhaft, weil die ältern Geschichtschreiber, wie ! Livius und Polybius, nicht das mindeste davon erwähnen; jedenfalls war wol der den Römern l dadurch zugefügte Schade nicht sehr bedeutend, da sie die Schiffe leicht aus dem Bereiche j der Brenuspiegel entfernen konnten, und wenigstens minder erheblich als derjenige, den ihnen Archimcdes durch seine mechanischen Vorrichtungen zufügtc. Die Erzählung gewinnt übrigens an Wahrscheinlichkeit dadurch, daß Archimcdes über Brenuspiegel geschrieben hat. Eine ähnliche Anwendung der Brennspiegel gegen die Flotte des Vitalianus, welcher im I. 51 l n. Ehr. Konstantinopcl belagerte, wird dem Proclus zugeschricben. Daß sich mit Hohlspiegeln sowie mit verbundenen Planspiegeln große Wirklwgen in beträchtlichen Entfernungen Hervorbringen lassen, haben vielfache Versuche in neuerer Zeit bestätigt. Im 17. und 18. Jahrh. wurden unter Andern: in Italien mehre große Brennspiegcl verfertigt, einen davon hat man in Paris, einen andern zu Kassel. Billette brachte mit einem Brennspiegcl von 30 Zoll Durchmesser und 3 F. Brennweite die schwerflüssigsten Metalle zum Schmelzen, verglaste Schmelztiegel, Erden, Steinen, s. w. Auch Tschir nhausen (s.d.)brachte >687 einen zu Stande, der drei Ellen im Durchmesser und zwei Ellen Brennweite hat, aus einer dicken, sehr gut polirten Kupferplatte besteht und gegenwärtig im mathematischen Salon zu Dresden sich befindet. Außer Metall kann man auch Holz, Pappe und andere Materien zu den Brennspiegeln nehmen, nur muß die Oberfläche mit einem polirten metallischen Überzüge versehen sein. Buffon schnitt aus Spiegelgläsern kreisrunde Stücke, denen er mittels eines durch Schrauben bewirkten Druckes eine Krümmung gab, und entzündete mit solchen' ! Scheiben von 3 F. Durchmesser Gegenstände in 30— 00 F. Entfernung. In neuerer Zeit hat man die Brennspiegel als Revcrberen (s. d.) benutzt, um Licht in große Entfernungen zu werfen, weshalb sie sich zumal für Lcuchtthürmc eignen. Sreht nämlich im Brennpunkte eines parabolischen Spiegels eine Lampe, so werden die von derselben «ufden Spiegel fallenden Lichtstrahlen sämmtlich der Achse parallel zurückgeworfen, aus welchem Grunde man z. B. die Lenoir'schen Re'verberen über drei Meilen weit noch einem Sterne erster Größe gleich sehen 650 Brennstoff Brentano (Clemens) konnte. Je weiter das Auge von der Richtung der Achse entfernt ist, desto schwächer erscheint das Licht; daher muß man, um den Nutzen des Lcuchtthurms zu erhöhen und sein Licht ^ möglichst vielen und entfernten Gegenden sichrbar zu machen, entweder dem Spiegel eine drehende Bewegung geben, vermöge welcher er sein Licht nach und nach in verschiedene Gegenden werfen kann, oder eine größere Zahl von Nc'verbcren anbringen. ! Brennstoff, s. Phlogiston. Brennus ist der Name mehrer gallischer Feldherren, den man nicht unwahrscheinlich von dem keltischen Worte Brenn, d. i. Oberhaupt, ableitet. Brennus hieß der Anführer der Sennonen, einer galt. Völkerschaft in Oberitalien, die um 390 v. Chr. in das röm. Ge- > bict einfielc». (S. Gallien.) — Ein anderer Brennus fiel mit Akychorius als Air- ^ führer der Gallier 280 v. Chr. mit einem Ungeheuern Heere, man sagt 150000 zu Fuß und 30—30000 zu Pferde, in Macedonicn ein. Er schlug und tödtete erst den König Ptole- mäus Keraunus, dann den Sosthcnes, durchzog Thessalien, drang bei Thermopylä in Griechenland ein und rückte auf Delphi los, um Stadt und Tempel zu plündern. Aber ein her- beigeeiltes gricch. Heer und der Schrecken, den eine Erderschütterung, begleitet von furchtbarem Ungewitter, unter den gall. Scharen verbreitet haben soll, zwang sie, nachdem B. selbst gefallen, zur Rückkehr nach Thrazien, wo sie ein Reich, Tyle genannt, stifteten, das lange mächtig, zuletzt den Thraziern unterlag. Brennweite heißt der Abstand des Brennpunkts von der Mitte des Brennglases oder Brennspiegels. Bei einem Brennglase, dessen beide Oberflächen Theilc gleicher Kugel- flachen sind, ist die Brennweite ungefähr dem Halbmesser jeder Kugelfläche gleich. Bei einem sphärischen Hohlspiegel ist sie gleich dem halben Halbmesser der Kugel, von deren Oberfläche die Spiegelfläche ein Theil ist. Brentano (Dominicus von), der Übersetzer des Neuen Testaments für die Unker- thancn des Hochstifts Kempten, geb. 1730 zu Rappersweil am Zürichersee, studirte im Helvetischen Collegium zu Mailand, war dann einige Zeit im Hause des Grafen Truchseß- Wurzach und erhielt durch den Fürstabt von Kempten, Honorius, die Anstellung als Hofkaplan und geistlicher Rath. Im Z. 1793 ward er Pfarrer zu Gebratshofcn, welches zum Hochstift Kempten gehörte, und erhielt den Titel eines Geheimraths; hier starb er im Juni 1797 in Folge der Schrecknisse des Kriegs, der damals in jenen Gegenden wüthete. B. war ein philosophisch gebildeter, aufgeklärter Theolog, der durch keine Anfeindungen und Verketzerungen sich abhalten ließ, die einmal erkannte Wahrheit frei auszusprechen. Angeregt durch die Vorgänge in der Joscphinischen Periode schrieb er „Das Majestätsrecht, die Bischöfe zu ernennen" (Franks, und Lpz. 17 83) und in Folge der deutschen Nuntiaturstreitigkeiten den „Katechetischen Unterricht über die Frage: Wie verhält sich die bischöfliche Macht zur päpstlichen?" (Kempt. 1787), nachdem er schon früher die sranz. Schrift des Abts von Vertot „Über den Ursprung der weltlichen Macht der Päpste" übersetzt und in einem Anhänge von den Rechten der deutschen Kaiser auf das päpstliche Gebiet gehandelt hatte (Ravenna und Pentapolis sKempten) 1781). Sein Hauptverdienst aber erwarb er sich durch die Übersetzung des Neuen Testaments (2 Bde., Kempt. 1790 — 91; 3. Aust., 3 Bde., Franks. 1799), welche er auf Befehl des Abts Rupert's II. von Kempten besorgte und unter Anderm gegen die Angriffe des Pfarrers Schäfler vertheidigen mußte. Sehr verdienstlich war auch sein „Andachtsbuch für die katholische Eidgenossenschaft" (Bregenz 1793). Seine Übersetzung des Alten Testaments zu beendigen, hinderte ihn der Tod; cs erschienen davon die fünf Bücher Mosis (Franks. 1798). Brentano (Clemens), bekannt als novellistischer und dramatischer Dichter, der Bruder der Bettina von Arnim (s. d.), geb. zu Frankfurt am Main 1777, studirte zu Jena und hielt sich nachher abwechselnd zu Jena, Frankfurt am Main, Heidelberg, Wien und Berlin auf. Jm J. 1805 verhcirathete er sich mit der von ihrem ersten Manne geschiedenen Dichterin Sophie Mercau, die ihm jedoch schon im nächsten Jahre durch den Tod entrissen wurde; später aber im 1.1818 entsagte er aus Unzufriedenheit mit sich und den Menschen der Welt gänzlich und wählte das Kloster Dülmen im Münsterschen zu seinem Aufenthalte. In seinen letzten Jahren hielt er sich zu Regensburg, München und Frankfurt am Main aus, wo er halb einsiedlerisch lebte und durch seinen sarkastischen Witz ein gewisses Ansehen Brera Brescia 651 behauptete. Er starb zu Aschaffenburg am 28. Juni > 842. Anfangs schrieb er seine Ge- i dichte unter dem Namen Maria, so seine „Satiren und poetische Spiele" (Lpz. 1800) und ! seinen „Godwi, oder das steinerne Bild der Mutter" (2 Bde., Franks. 1801), den er selbst > auf dem Titel einen verwilderten Roman nannte. Der Roman hat allerdings einen wüsten ! Charakter und treibt die Bizarrerien der sich damals entwickelnden romantischen Schule auf - die Spitze, doch hat er einzelne sehr schöne Partien, wie sich denn auch durchgehend in ihm eine tiefpoctische Anschauung ausspricht. Gleich originell, gleich bizarr, zum Theil mit ge- lungencm Witze und schönen lyrischen Klängen ausgestattet sind seine dramatischen Produc- ! tionen „Die lustigen Musikanten", ein Singspiel (Franks. 1803), „Ponce de Leon" (Gött. ! 1804), ein mit den glücklichsten Einfällen ausgestattetes Lustspiel, „Victoria und ihre Geschwister mit fliegenden Fahnen und brennender Lunte, ein klingendes Spiel" (Berl. 1817), worin mancher sehr treffende, aber auch gesuchte Witz mit barock wunderlicher Laune sich vereinigt findet. Ein hoher poetischer Geist spricht sich in seiner umfassenden dramatischen Komposition „Die Gründung Prags" (Pesth 1816) aus, worin Tiefe der Gedanken und Gewalt des Ausdrucks Hand in Hand gehen, wenn schon die Wirkung zum Theil durch Willkürlichkeiten und Bizarrerien, wie durch die Formlosigkeit des Ganzen vernichtet oder wenigstens beeinträchtigt wird. Außerdem schrieb er noch Gelegenheitsgedichte wie die Cantate auf den 15. Oct. 1810 „Iliüversitutis literariue" (Berl. 1810) und „Der Rheinübergang, ein Rundgcsang für Deutsche" (Wien 1814). Seine Schriften „Die Philister vor, in und nach der Geschichte" (Berl. 1811) und „Schneeglöckchen" (Hamb. 1819) soll er selbst aufgekauft und vernichtet haben. Am glücklichsten erscheint er in seinen kleinern Novellen, besonders in seiner „Geschichte vom braven Kaspar und dem schönen Annerl", welche ein Meisterstück im Kleinen zu nennen ist. Sein letztes Werk war das Märchen „Gokbl, Hinkel und Gakeleia" (Franks. 1838), worin er mit der glücklichsten Ironie und Satire die Lächerlichkeiten oder ihm widerstrebenden Richtungen der Zeit verspottete. ' Die dankbarste Anerkennung verdient er durch die Erneuerung der alten gutgearbeiteten Ge- ! schichte Georg Wickram's aus Kolmar unter dem Titel „Der Goldfaden" (Heidelb. 1809), welche schon Lessing einer neuen Ausgabe werth erachtet hatte, und durch seine mit seinem Schwager Achim von Arnim (s. d.) unter dem Titel „Des Knaben Wunderhorn" (3 Bde., Heidelb. 1806—8; 2.Ausl., 1819) hcrausgegebene berühmte Sammlung deutscher Volks- lieber, obschon manche willkürliche Änderungen die Treue des Textes verletzen. Brera heißt das ehemalige Jesuitencollegium in Mailand (s. d.). Bresche oder Sturmlü cke nennt man eine im feindlichen Wall durchGeschützfeuer oder Minen bewirkte Öffnung, durch welche die Sturmcolonnen des Belagerers einzudringen versuchen. Die Breite der Bresche richtet sich nach der Länge der Face, in welche sie ge- legt wird, und pflegt den dritten Theil dieser Länge, wo möglich 80 F. zu betragen, damit man mit 30—40 Rotten in Front den Sturm ausführen kann. Die Bresche darf nicht zu steil sein, weil dies das Stürmen sehr erschweren würde. Bei tapfern Vertheidigern ist der Kampf auf der Bresche heftig und blutig, während verzagte Commandanten schon anCa- pitulation denken, sobald der Feind eine gangbare Bresche zu Stande gebracht hat und Anstalten zum Sturm macht. Diejenigen Batterien, welche die Bresche bewirken, heißen Bresckbattericn. (S. Belagerung.) Brescra, die Hauptstadt der Delegation gleiches Namens von 57'/r mM. Mio 346000 E. in dem Gubernium Mailand des lombard.-venetian. Königreichs, an den Flüssen Mella und Garza, wclchedic Stadt durchschneiden, liegt sehr romantisch in einer weiten, ge- segneten Ebene am Fuß einiger Hügel längs der genannten Flüsse und ist größtcntheils regelmäßig gebaut. Von ihren ehemaligen Festungswerken sind nur noch einige verfallene Mauern vorhanden, die Wälle hat man in Promenaden umgewandelt; indessen befindet sich an der Nordseile ein festes Schloß, il kalcons ckil^ombardis, welches von einem hohen und steilen Fel- ' sin herab die Stadt beherrscht. Dieselbe ist der Sitz der Delegationsbehörde und eines Bischofs, hat ein Handelsgericht, zwei Friedcnsgerichte und einen Gerichtshof und ist mit vielen schönen öffentlichen Gebäuden und Privatpalästen geschmückt. Dahin gehören die alte Dom- kirchc oder Kathedrale, ein prächtiges, mit vielen Statuen verziertes Gebäude; der neue, noch nicht ganz ausgebaute Dom mit herrlicher Kuppel und kostbaren Reliquien; der bischöfliche 652 Brescia Palast mit einer bedeutenden Bibliothek, welche die Stadt dem Cardinal Quirini verdankt; der Zustizpalast auf dem Marktplatze, sehr berühmt wegen seiner Größe und Bauart, sowie wegen seiner Fresco- und Ölgemälde; ferner die Paläste der Familien Martenigo (vonPal- ladio erbaut), Gambara, Uggcri, Salini, Fcnaroli, Barbisoni, Sigola und Suardi, welche auch wegen ihrer Gemäldesammlungen sehenswerth sind. Außer den beiden Domkirchen hat die Stadt noch zehn Kirchen, unter denen Santa-Maria di Miracoli, San-Lazaro-mit Gemälden von Alessandro Bonvicino und Santa-Afra die berühmtesten sind, mehre Anhalten der Wohlthätigkcit, ein neu- und geschmackvoll gebautes Theater, ein Athenäum, mehre Gymnasien, ein Naturalien-, ein Münzcabinet und einen botanischen Garten. Auch bestehen daselbst mehre Akademien, darunter die ^caelemi-t 769 wurde ein Pulverthurm durch einen Blihstrahl entzündet und in die Luft gesprengt, wobei sehr viele Gebäude zerstört und eine Zahl Einwohner getödtet wurden. Zn den franz. Rcvolutionskriegen entriß Bonaparte >796 den Venetiancrn B. und schloß daselbst mit Neapel Waffenstillstand. Bald daraus wurde die Stadt zwar durch die Östreicher unter Wurmser genommen, die ste aber wieder an Augereau übergeben mußten. Durch den Frieden von Campo-Formio kam sie zur ital. Republik und 1814 an Ostreich. Breslau, im Slawischen Wratislawa, die Hauptstadt der preuß. Provinz Schlesien und des Regierungsbezirks gleiches Namens, welcher die Mitte dieser Provinz einnimmt, den obern Theil von Niederschlesien und die Grafschaft Glaz enthält, 248 lüM. groß ist und 1 , 1 00600 E- zählt, ist ihrer Bevölkerung nach die zweite Stadt der preuß. Monarchie und wird als dritte königliche Residenz betrachtet. Sie liegt in einer großen und weiten, fruchtbaren und gut angebauten Ebene an dem Einflüsse der Ohla in die Oder, welche letztere die Stadt in mehren Armen durchströmt und somit mehre Werder umschließt, und besteht aus der Alt- und Neustadt und fünf Vorstädten, der Ohlauer-, Schweidnitzer-, Nikolai-, Odervorstadt und dem Sand, welcher die Sandinsel, den Dom und Ncuscheitnig begreift. Die Vorstädte, die l 806 bei der Belagerung niedergebrannt wurden, sind größtentheils schön, freundlich und regelmäßig gebaut. Von den zahlreichen Brücken, welche die verschiedenen Stadttheile miteinander verbinden, ist die Königsbrücke von Eisen, neun sind von Stein, die übrigen von Holz gebaut. Von ihnen führen fünf über die Ohla, 14 über die Oder und vier über den Stadtgraben, welcher die eigentliche Stadt von den Vorstädten absondert. Die Hauptbrücke ist die hölzerne Oderbrücke, welche 534 F. lang, in zwei Abtheilungen zerfällt und beide Ufer der Oder nebst den dazwischen liegenden Werdern verbindet. Die Stadt hat eine große Zahl öffentlicher Plätze, unter denen der Hauptmarkt oder Ring, in dessen Mitte das Rathhaus sich erhebt, der alte Salzring oder Blücherplatz, auf welchem das dem Fürsten Blücher von der Provinz Schlesien errichtete eherne Standbild sich befindet, der Neumarkt mit dem Neptunus-Springbrunnen, der Tauenzienplatz mit einem Marmordenkmale Tauen- zien's, welcher Breslau im Siebenjährigen Kriege tapfer vertheidigte, der Ritterplatz, der Platz an der Kpnigsbrücke und der Exerzierplatz die merkwürdigsten sind. Von den zahlreichen, zum Theil hochbethürmten Kirchen gehören zehn der evangelischen, die übrigen der katholischen Confessio« an. Unter jenen zeichnen sich aus die Elisabetkirche, welche 1253—57 durch die Bürgerschaft erbaut wurde, mit einem schönen 324 F. hohen Thurm an ihrer Seite, welcher eine 220 Ctr. schwere Glocke neben vielen andern trägt, einer großen prächtigen Orgel, vielen Denkmälern und der an Handschriften reichen Rhediger'sche» Bibliothek; ferner die Maria- Magdalencnkirche, welche ebenfalls eine schöne Orgel und eine beträchtliche Bibliothek und Gemäldesammlung besitzt und von der die Reformation für B. und einen großen Theil Schlesiens durch den an ihr angestcllten Prediger Johann Heß von Hessenstein aus Nürnberg ausging; die rcformirte oder die Hofkirche, die durch ihre edle Einfachheit und zweckmäßige Bauart ausgezeichnet ist; die St.-Bernhardinkirche mit einer kunstvoll gemalten Hedwigstafel und die im Zwölfeck mit Kuppel erbaute Kirche der Elftausend Jungfrauen. Unter den katholischen Kirchen sind die merkwürdigsten der Dom oder die Kathedrale zu St.-Johannes, welche 'angeblich vom Bischof Walther I. 1148—76, größerer Wahrscheinlichkeit nach aber erst im >3. Jahrh. aufgejÄhrt wurde, mit zwei durch Feuer in den 1.1540 und 1759 ihrer Spitzen beraubten Thürmen, vielen Kapellen, einem aus gediegenem Silber kunstreich gearbeiteten Hochaltar und vielen andern sehenswerthen Kunstwerken und Denkmälern; die gothische Kreuzkirche, mit der Krypta zu St.-Bartholomäus, 1288—95 gebaut; die Kirche Unserer lieben Frauen auf dem Sand oder die Sandkirche von 1330 — 69 gebaut; die ehemalige Jesuitenkirche und die Dorothecnkirche, das höchste Gebäude der Stadt. Außerdem sind in B. neben der großen Synagoge noch 16 andere. Zu den übrigen merkwürdigen Gebäuden gehören das Rathhaus mit kunstvoller Bildhauer- und Steinmetzarbcit, ein Bau aus dem 14. Jahrh. mit hohem, mehrmals durchsichtigem Thurme, einer schönen Uhr und alten Glocke auf demselben; die Börse am Blücherplatz, die 1824 vollendet wurde, die Münze, das königliche Schloß, das unter Kaiser Leopold l. erbaute Jesuitencollegium, 654 Breslau das in neuerer Zeit der Universität überlassen worden ist; ferner das Regierungsgcbäude, ' das Landschastshaus, das Gebäude des Obcrlandesgcrichts, die fürstbischöfliche Residenz ! auf dcni Dom, das Allerheiligenhospital, die Bürgerschule, das städtische Theater, wel- ! chcs ganz neu aufgcführt, erst l 8-11 vollendet und das Eigenthum einer Gesellschaft von Kunstfreunden ist; daß Gebäude der königlichen Intendantur und das des Generalcom- niandos, das Bibliothekgcbäude und der Palast des Grafen Henkel von Donnersmark. B. ist der Sitz des schles. Obcrpräsidiums, der Regierung, des Oberlandesgerichts, eines Gcneralcommandos und Gouverneurs, eines evangelischen Oberconsistoriums, eines katholischen Fürstbischofs mit Domcapitel, welcher unmittelbar unter dem Papste steht, eines Provinzial-Landschaftsdirectoriums, eines königlichen Bankcomptoirs, eines Münzamks u. s. w. An der Spitze der wissenschaftlichen Anstalten steht die. Universität. Dieselbe wurde I71>2 vom Kaiser Leopold!, als katholisch-theologische« und philosophische Facultät auf Betrieb der Jesuiten gestiftet, nach ihm Leopoldina genannt. Erst als die Universität zu Frankfurt an der Oder mit ihr im I. 181 l vereinigt worden, ward sie zur vollständigen Universität mit vier Faeultäten, von denen die theologische in die katholisch- und die evangelisch-theologische sich thcilt. Die vorhandenen Fonds wurden auf 8600V Thlr. jährlicher Einkünfte von Grundstücken und Erbzinsen erhöht, das Lehrcrpcrsonal vermehrt, und bald beseelte, wie auf der neuen Universität zu Berlin, ein reger Eifer für Wissenschaft svwol Lehrer als Studirende. Der Freiheitskrieg mußte nothwendig eine Stockung herbeisühren; aber der Friede brachte auch dieser Anstalt neues Gedeihen. Die Zahl der Studirenden schwankte in neuester Zeit zwischen 6—700. Unter den einflußreichsten und thätigsten Professoren sind zu erwähnen in der evangelisch-theologischen Facultät Dav. Schulz, Hahn und Middeldorpf; in der katholisch-theologischen Ritter; in der juristischen Abegg, Huschke und Gaupp; in der medicinischen Remer, Wendt, Otto und Purkinje; in der philosophischen Nees von Esenbeck, zugleich Direktor des botanischen Gartens; Schneider, Director des philologischen Seminars; Geh. Archivrath Stenzel, Elvenich,Braniß und von Boguslawski, Director der Sternwarte; unter den Verstorbenen erinnern wir nur an Bredow, Büsching, von Cölln, Joh. Gottlob Schneider, Passow und Wachlcr. Zur Universität gehören eine Bibliothek von 300000 Bänden, welche unter dem Oberbibliothekar Elvenich steht, der Wächters Nachfolger wurde; ein botanischer Garten und Anstalten und Sammlungen für Physik, Chemie, Mineralogie, Zoologie und Astronomie; eine Sternwarte auf dem Universitätsgebäude, ein anatomisches Theater und Museum, zwei klinische Institute und ein Altcr- thums- und Kunstmuseum, welches von Büsching eingerichtet und von Passow fortgeführt wurde. Ferner bestehen bei der Universität ein theologisches und ein philologisches Seminar Unter den übrigen Lehranstalten sind zu bemerken vier stark besuchte Gymnasien, nämlich drei evangelische, das Elisabetanum, das Magdaleneum und das Friedrichs-Gymnasium, und ein katholisches; ein evangelisches und ein katholisches Schullehrerseminar, ein Seminar für Gymnasiallehrer, eine medicinisch-chirurgische Lehranstalt, ein Taubstummen- und ein Blindeninstitut, eine Kunst-, Bau- und Handwerksschule und eine eigene jüdische Bürgerschule. In B. bestehen sechs öffentliche Bibliotheken, mehre gelehrte Gesellschaften, darunter die Schlesische Gesellschaft für vaterländische Cultur, welche sich in mehre Sektionen theilt, und besonders durch die Unterstützung, die sie der zeichnenden Kunst und der Technik angedeihen läßt, sich sehr verdient macht; eine Missions- und eine Bibelgesellschaft, eine Philoma- thische Gesellschaft, die Lcopoldinische Akademie der Naturforscher, die mit ihrem Präses Nees von Esenbeck 1830 von Bonn hierher kam; ferner ein Kunst- und Gcwerbverein, mehre Gemälde- und Alterthümersammlungen, ein Münzcabinct und das schles. Provinzialarchiv. Die Stadt zählte im I. I8I I 63237 E-, 1820 74330 E-, 1821 76992 E-, ohne das Militair, und 1843 92305 E. und mit dem Militair 97921 E-, von denen 63552 zur evangelischen, 28636zur katholischen Kirche und 5733 zumMosaismus sich bekennen. Sie unterhalten viele Fabriken, von denen die Stückgießerei und die in Zucker, Taback, Öl, Eisen, Gold und Silberwaaren, Kattun, türkisch Garn, Tuch, Leder, Spitzen, Nähnadeln, Branntwein, Steingut, Strohhüten, Bleistiften, Siegellack und Leinwand die wichtigsten find; außerdem gibt es große Bier- und Essigbrauercien. Der Handel mit Leinwand, Tuch, Liqueuren, überhaupt mit Landesprodutten, mit den Erzeugnissen des Bergbaus und Hüttenbetriebs und Breslau 655 vor Allem mit Wolle auf den großen Märkten und Messen ist sehr lebhaft und die Schiffahrt auf der Oder, die durch eine Stromaffecuranzgescllschaft, sowie durch den Breslauer Schifferverband, welcher eine beinah tägliche Communicativn mit Hamburg unterhält, sehr bedeutend. Die Eisenbahnverbindungen anlangend, so ist die oberschles. von B. nach Oppeln vollendet, die Breslau-Schweidnih-Freiburger begonnen und die von B. über Licgnitz nach Frankfurt an der Oder projectirt. Schon ums I. 1000 wird B. unter dem Namen Wrozislavia als eine große Stadt erwähnt. Als nach der Vertreibung des Herzogs Wladislaw imJ. 1143 durch die Polen Schlesien durch Vermittelung des Kaisers Friedrich's I. I l63 von Polen abgetrennt und an die Söhne des Herzogs, Konrad und Boleslaw l., abgetreten wurde, ward B. durch sie die Haupt- und Residenzstadt eines unabhängigen Herzogthums. ImZ. 1241 bei dem Einfall der Mongolen wurde cs von der eigenen Besatzung niedergebrannt, nach dem Tode des letzten Herzogs Heinrich's Vl., der 1335 kinderlos verstarb, kamen Stadt und Fürstenthum als unmittelbares Lehen in den Besitz des Königs Johann von Böhmen und so an das Luxemburgische Kaiserhaus. Zwei große Feuersbrünste in den 1.1342 und 1344 verzehrten fast die ganze Stadt. Kaiser Karl I V. ließ sie hierauf nach seinem eigenen Plane wieder aufbauen und im Umfange über die Ohla hinaus bedeutend erweitern; auch verlieh er, und gleich ihm seine Nachfolger, ihr bedeutende Rechte und Privilegien, sodaß sie bald an Wohlstand und Macht ansehnlich zunahm. Unter König Wenzeslaw erhob sich 1418 die Bürgerschaft im blutigen Aufstande gegen den aristokratischgesinnten Rath, und mehre Mitglieder desselben wurden in und vor dem Rathhause ermordet. Kaiser Sigismund bestrafte zwar 1421 diese Greuel durch Hinrichtung von 23 der hauptsächlichsten Unruhstifter; dagegen setzte er aber auch vier Mitglieder aus den Zünften oder der Bürgerschaft in den Rath. In dem Hussitenkriege erklärte sich B- gegen die Hussiten, und als Georg Podiebrad König von Böhmen wurde, auch gegen diesen, der sich jedoch durch Vertrag in den Besitz der Stadt zu setzen wußte. Später schloß sich B. an den König Matthias Corvinus von Ungarn an, um Schutz und Hülfe gegen die Böhmen zu erhalten. Dieser setzte zwei königliche Statthalter, Stein und Dompnig, ein, welche die städtische Selbstherrschaft brachen und das Ansehen des Raths fast vernichteten. Allein nach des Königs Matthias Tode suchte der beleidigte und wieder mächtig gewordene Rath Rache an den Statthaltern zu nehmen; Stein entkam indcß gerade noch zur rechten Zeit, Dompnig dagegen wurde durch Henkershand hingerichtet. Nach dem Tode des Königs Ludwig's II. von Ungarn in der Schlacht bei Mohatsch .kam B. mit Ungarn 1527 an des Königs Schwager, Ferdinand von Ostreich. Einige Jahre zuvor hatte der größte Theil der Bewohner die protestantische Lehre angenommen; jedoch der Bischof, das Capitel und die Klöster und Stifter verharrten bei der katholischen Kirche. Während des östr. Erbfolgekriegs wurde B. am 10. Aug. 1741 durch den König Friedrich II. von Preußen im ersten Anlauf und durch Überrumpelung erobert und erhielt durch denselben mancherlei Rechte und Privilegien. Daselbst wurde am 1 l. Juni 17 4 2 der Friede zwischen Preußen und Ostreich geschlossen, der jenem den Besitz Schlesiens zusprach. Zm Siebenjährigen Kriege siegten hier die Östrcicher unter dem Prinzen Karl von Lothringen am 22. Nov. 1757 über die ungleich schwächer» Preußen unter dem Herzog von Braun- schweig-Bevern, der in Gefangenschaft gerieth, worauf am 24. Nov. B. sich dem Sieger ergeben mußte. Bald darauf kam indeß Friedrich II. nach dem Siege bei Leuthen am 5. Dec. >757 wieder in den Besitz der Stadt, in der 18000M. Östrcicher sich gefangen ergeben mußten. Im I. 1760 versuchte Laudon durch einen unvermutheten Angriff und ein Bombardement B. zu erobern, allein Taucnzicn vertheidigte dasselbe so tapfer, daß die Feinde die Belagerung aufgeben mußten. Während des franz.-preuß. Kriegs wurde B. vom 6. Dec. > 806 — 7. Jan. 1807 von den Franzosen und Baiern unter Vandamme belagert. Der Kommandant von Thiele ließ damals die Vorstädte in Brand stecken, übergab aber nach mehrwöchent- licher Beschießung die Festung, deren Werke von den Franzosen geschleift und zerstört, später vollends abgetragen und in herrliche Anlagen und Promenaden umgewandelt wurden. Im 3> 1813 erließ der König Friedrich Wilhelm III. von B. aus den Aufruf „An mein Volk", der die Erhebung des preuß. Volks gegen die Napoleonische Awingherrschaft zur Folge hatte, chvar wurde B. im Juni 1813 noch einmal von den Franzosen beseht, aber in Folge des Waffenstillstands wieder verlassen. Nach dem Frieden nahm es an Wohlstand, Größe und 656 Bresson Brest Wichtigkeit schnell zu und wurde somit nächst Berlin die volkreichste und wichtigste Han dclsstadt der preuß. Monarchie. — Wann das Bisthum zu B. gestiftet worden sei, läßt sich nicht genau Nachweisen; doch ist so viel gewiß, daß es bereits im I. lVON-bestanden habe. Durch Jaroslaw, den Sohn Herzog Boleslaw's I., der 1198—1201 Bischof war, erhielt das Bisthum das Fürstenthum Neiße und durch Kaiser Karl IV. mehre Städte und Schlösser, z. B. Grottkau, weshalb auch die Bischöfe den Titel Fürsten von Neiße und Herzoge von Grottkau führten, und das Bisthum das goldene Bisthum genannt wurde. Zn den hussitischen Unruhen kam das Bisthum zwar sehr herab; doch hob es sich später wieder zu früherm Glanze. Nachdem in Folge des Friedens zu B. im Z. 1742 der Bischof preuß. Vasall geworden, indem nur ein Theil seiner Besitzungen unter östr. Hoheit verblieb, wurde 181 l unter dem Bischof, Fürsten Joseph von Hohenlohe-Bartenstein, die weltliche Herrschaft des Bisthums aufgehoben. Im I. 1832 wurde nach des Bischofs Schimonski Tode der' GrasLeopold von Sedlnitzky zum Bischof erwählt, der 1835 zum Fürstbischof erhoben, 184k seine Würde niederlegte und in den Staatsrath des Königs von Preußen eintrat. An seiner Stelle wurde im Aug. 1841 der Dechant Jos. Knauer erwählt, dessen wirklicher Antritt aber in Folge seiner von Rom aus verzögerten Bestätigung erst im Apr. 1843 stattfand. In der Nähe von Breslau liegt das Dorf Krieblowitz, wo Blücher den 12. Sept. 1819 starb und unter drei Linden begraben liegt. Sein Grab wird jetzt durch ein prachtvolles Denkmal aus Granit geschmückt. Vgl. Eschenloer's „Geschichte der Stadt B. von 1449—79", herausgegeben von Klinisch (2 Bde., Bresl. 1827), Menzel, „Topographische Chronik von B." (Bresl. 1805—8) und Nösselt, „B. und seine Umgebung" (2. Ausl., Bresl. 1833). Bresson (Charl., Graf), Pair von Frankreich, außerordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister am Hofe zu Berlin, gcb. 1798 zu Paris, wurde von seinem Vater, der Divisionschcf im Ministerium des Auswärtigen unter Napoleon war, schon früh für die diplomatische Laufbahn bestimmt. Unter der Restauration vertraute ihm Hyde de Neuville eine Sendung nach dem Freistaate Colombia an. Nach der Julirevolution zeigte er in außerordentlicher Sendung der eidgenössischen Tagsatzung die Thronbesteigung Ludwig Philipp's an und kam hierauf als erster Legationssecretair nach London. Hier erhielt er zu Ende des I. 1830 mit dem engl. Legationssecretair Cartwright den Auftrag, die Ergebnisse der londoner Conferenz der provisorischen Regierung in Belgien mitzu- theilen, bei welcher Gelegenheit er eine große Geschicklichkeit entwickelte, den verschiedenen Parteien die Beschlüsse der europ. Diplomatie annehmbar zu machen. Auch scheint er bei einigen weitern Unterhandlungen, namentlich in Hinsicht des Anerbietens des belg. Throns an den Herzog von Nemours, sowie später hinsichtlich der Vermählung der Prinzessin Luise von Orleans mit dem Könige Leopold, betheiligt gewesen zu sein. Zu Anfang des I. 1833 ward er zur Stelle eines Botschafters ersten Rangs erhoben und zum Gesandten in Berlin ernannt, wo er als ein echter Schüler Talleyrand's unterssehr schwierigen Verhältnissen für die Herstellung freundschaftlicher Beziehungen zwischen beiden Mächten alle Kunst ausbot und namentlich auch der allzu engen Allianz Preußens mit Rußland entgegenzuarbeiten suchte. Durch die Berufung zum Ministerium des Auswärtigen, am 12 . Nov. 1834, die B. jedoch ausschlug, bewies ihm Ludwig Philipp, wie sehr er die in Berlin geleisteten Dienste anzuerkennen wisse. Als ein erstes Zeichen des wiederkehrenden Vertrauens zwischen beiden Höfen konnte die Reise der beiden franz. Prinzen nach Berlin im I. > 83k betrachtet werden. Ein Jahr daraus kam die Vermählung des Herzogs von Orleans mit der dem preuß. Künigshause naheverwandten Prinzessin von Mecklenburg zu Stande, wofür Ludwig Philipp B. im Mai 1837 mit der Pairswürde und Erhebung in den Grafenstand belohnte. Vieles Aufsehen erregte seine Rede in der Pairskammer von 1841, wo er dm Plan der Befestigung von Paris vertheidigte. Brest, der Hauptort des Bezirks gleiches Namens, des westlichsten im franz. Departement Finisterre und einer der bedeutendsten in der Bretagne, gehört zu den wichtigsten Kriegshäfen Frankreichs am Atlantischen Ocean. Es ist gebaut in amphitheatralischer Form, an dem Abhange eines Bergs aus der Nordseite der Rhede von Brest, einem tief ins Land eindringenden Busen, dessen enger Eingang Goulet durch die Pointe-Porzic und Pointe-des- Espagnvles geschlossen und durch starke Batterien gedeckt wird. Die Rhede kann 500 Schiffe- tz b I v b ö d § d I " !« 6 ! f- ! c- te § ü 4 sc w C 4 di li ' zi . ' ft ft IN UI la de be de ab lii gc ri, sine E' de d'^ w> de ve fai tis 0! Bretagne 657 fassen und ist tief und sicher, indem die umliegenden Anhöhen vor Sturm und Wogen schützen. Der eigentliche Hafen bildet einen langen, schmalen Kanal, welcher in die Stadt eindringt und sie in zwei Theile trennt, das eigentliche Brest auf der linken und die Vorstadt Recouvrance auf der rechten Seite, und faßt mehr als hundert Schiffe. Die Stadt selbst wird von dem kleinen Flusse Penstl durchströmt und ist mit bedeutenden Festungswerken umgeben, aus welchen drei Thore führen. Sie ist im Ganzen unregelmäßig gebaut und hat in Folge ihrer Lage abhängige,-enge, dunkle und schmuzige Straßen; nur das Neue Quartier, der Paradeplatz und die Kaien am Hafen machen eine Ausnahme. Es haben daselbst ein Handelstribunal, eine Marineintendanz, eine Direction der Marineartillerie und mehre Frie- dmsgerichte ihren Sitz. Auf einem Felsen an der Ostseite des Hafens liegt das alte Schloß mit mehren Thürmen, deren einer den Namen Cäsar führt. Unter den übrigen öffentlichen Gebäuden sind neben mehren Kirchen und Kapellen, das Rathhaus, die Börse, das Seeprä- fecturgebäude und Schauspielhaus zu erwähnen. B. hat eine Sternwarte, ein Naturalien- cabinct, eine medicinisch-chirurgische und eine pharmaceutischc Schule, einen botanischen Garten, eine Secakademie, eine Schiffahrtsschule, ein Seearsenal, große Magazine, Werste und Docks, mehre Hospitäler und 30000 E., welche hauptsächlich für die Marine arbeiten, Segeltuch, Taue und Leder verfertigen, auch starke Fischerei, besonders Sardcllenfang, und einigen Handel treiben. Der Bagno faßt 3—4000 Galeerensklaven. B.ist zwar ein alterthümlicher Ort; seine Wichtigkeit begann aber erst im l 7. Jahrh. Schon zu Anfänge der fränkischen Herrschaft stand hier ein altes Schloß, das ein Werk der Römer gewesen sein soll. Im 11. Jahrh. wurde dasselbe von dem Herzoge von Bretagne stark befestigt und der Ort selbst erweitert. Später bcmeisterten sich die Engländer B.s auf lange Zeit, bis cs wieder in den Besitz der Herzoge von Bretagne kam. Bedeutung erlangte es erst, als 1631 der Cardinal Richelieu den Hafen reinigen und befestigen und ein Arsenal und Werste für Kriegsschiffe erbauen ließ. Der Minister Colbcrt, der die hölzernen Werste in steinerne verwandelte, erhob B. zum königlichen Kriegshafen, welchen Ludwig XIV. in den I. 1680—88 durch Vauban in starken Vertheidigungszustand setzen ließ, sodaß die Engländer, als sie 1604 denselben bei einer Landung wegzunehmen suchten, mit bedeutendem Verluste zurückgeschlagcn wurden. Während des stanz. Revolutionskriegs wurde auf der Rhede bei B. am 1. Juni 1794 die stanz. Flotte unter Villaret Joyeux von den Engländern unter Howe geschlagen, wobei sechs stanz. Linienschiffe genommen wurden und ein siebentes in den Grund gebohrt ward. Bretagne (llrit-innm Minor) heißt die nordwestlichste Halbinsel Frankreichs, welche im eigenthümlichen Naturcharakter eines nieder« Berglandes wie eine Bcrginsel erscheint, umschloffen im Norden, Westen und Südwesten vom Meere (dem Kanal und offenen Atlantischen Ocean), im Südosten und Osten von den Landniederungen Anjous, Maines und der Normandie, jenseit einer Terrainscnkung, welche die Küstenflüffe Vilaiuc, Ille und Rancc bezeichnen. Es ist nicht die Höhe, welche diesem Lande ein rauhes Gebirgsanschcn verleiht, denn die größten Erhebungen im Nordwesten steigen nur bis zu 950 und 970 F. auf, wol aber die Natur eines Landstrichs, der in seinem Kern aus Thonschiefer und nördlich wie südlich aus Granitmaffen besteht, der nackte Kämme und Gipfel in allen Richtungen über magere Bergterrassen emporragen läßt, der im Innern durch tiefe Schluchten und Spalten zerrissen und an den Küsten zu steilen felsigen Buchten und Klippen zersplittert ist, an denen sich die ungeheuren Wellen einer stürmischen Sec gewaltsam brechen oder zu merkwürdig pohcr Flut aufthürmen. In der Ordnung von Ost nach West erscheinen als die markirtesten Erhebungen auf der der Nordküste näher liegenden Wasserscheide die Montagnes du Menez, der Foret de Lorge, die Montagncs de Fenbusque, der Mont-Menebre und die Montagncs d'Arree mit ihren südlichen Vorketten der Montagnes-noires. Unter den zahlreichen Gewässern erscheinen am bedeutendsten die südwestabgcdachtcn Vilainc, Vlavet und Aulne, deren Gebiete zur Communication zwischen Brest und Nantes durch einen Kanal miteinander verbunden sind. Die westlichen Buchten von Brest und Douarncnez sind die tiefsten der gefahrvollen und im Norden mit Sanddüncn besetzten Küste. Im weitem auf historisch-politische Verhältnisse begründeten Sinne, nach welchem die Bretagne ein eigenes, 640 OM. großes Herzogthum bildete, gehört zu ihr auch noch die Gegend der Loiremündung mit Conv. - Lex. Neunte Aull. II. '42 e--. A 658 BretagneS Nantes und die Gegend des östlichen Vilaincgcbicts und nordöstlich bis zu dem in die Bai von Cancale mündenden Couesnon, also die heutigen Departements Finisterre, Cötes du Nord, Morbihan, Ille und Vilaine und Niederloire. Die Natur der eigentlichen Bretagne ist düster und wild; nebelige Luft, heftige Winde sind gewöhnlich; große Strecken Haide und unangcbautes Land, nur mit Brombeersträuchern und Haidckraut bewachsen, sind weit verbreitet; der Wein gedeiht nicht mehr, und auf den Höhen findet man mehr Hanf und Flachs als Getreide, dagegen entfaltet in den geschützten und'wohlbcwässerten Thälcrndie Vegetation eine kräftige Fülle und prangt in einträglicher Getreide-, Obst-, Wiesen- und Forstculkur. Die Bretagne bildete im Altcrthume den Mittelpunkt des armorischcn Völkerbundes, war also von rein-keltischen und kymrischcn Stämmen bewohnt, an die noch gegenwärtig die alte kymrische Sprache der drei westlichsten Departements und die große Zahl roher Denkmäler des Drnidenthums erinnern. Der Name Armorica (s. d.) verschwand und wurde vertauscht mit Bretagne in Folge der wiederholten und zahlreichen Einwanderungen der im 3. Jahrh. aus England vertriebenen Briten, denen der Kaiser Chlorus ansehnliche Landstriche anwies. Die eigenthümliche abgeschlossene Lage, die innere Zerklüftung und wechselnde Fruchtbarkeit, die Auffoderung zu ausgedehnter Seethätigkcit und die düstere Landesnatur spiegeln sich in dem Charakter des einzelnen Bewohners wie in der Geschichte des ganzen Volks getreulich ab. Der Bretagner hat eine traurige melancholische Gcmüths- stimmung, eine lebhafte, poetische Einbildungskraft, innere Empfindsamkeit und oft große Leidenschaftlichkeit, verborgen hinter äußerer Roheit und Fühllosigkeit; er ist kühner Seefahrer und muthiger Krieger, stolz aus seine Abkunft, anhänglich an das Alte, freisinnig und schwer zu zügeln. Daher ist es natürlich, wenn die Masse der Landlcutc noch in rohen Sitten, in Armuth und Unwissenheit lebt, daß die Industrie auf das Nothwendige beschränkt, das Land aber ein williger Schauplatz ist für hartnäckige Freiheits- und Parteigängcrkämpfc. Das früh zur Selbständigkeit erwachte bretagnische Volk hat Frankreich übrigens sehr tüchtige Männer geliefert. Für den Handel und Verkehr mit den Kolonien, für die Ausrüstung weiter Fisch-,Walfischfang- und anderer Scecxpeditionen ist die Bretagne gut gelegen, und in Nantes, Bannes, Quimper, Morlaix, St.-Brienc und St.-Malo besitzt es lebhafte Handelshäfen, wie in Brest und Orient wichtige Kriegshäfcn, während im Innern Rennes und Dinan als Hauptstädte erscheinen. Die Nömerherrschaft, unter welcher die Bretagne seit dem I. 58 v. Chr. als krovincia lu^Uunensis tei'tin stand, war beinahe nur eine nominelle; im -1. Jahrh. gänzlich befreit, thcilte sich das Land in mehre republikanische Staaten, die aber zum Schutze nach außen im engsten Verbände standen. Sehr bald traten indcß an die Stelle der Republiken kleine Monarchien, indem unter verschiedenen Titeln sich Einzelne an die Spitze derselben stellten. Unter Karl dem Einfältigen verloren sie zwar insgesammt ihre Selbständigkeit; doch wußten sie sich nachher auch wieder frei zu machen. Der Mannsstamm der Herzoge von B., welchen Titel sie seit 125« beständig führten, erlosch 1488 mit dem Herzoge Franz II., der, verbunden mit dem Herzoge von Orleans, im Kampfe gegen Karl VIII. unterlag und kurze Zeit darauf starb. Seine Tochter Anna, die Verlobte des Erzherzogs Maximilian von Ostreich, war Erbin; nokhgedrungcn mußte sie 1491 sich dem verhaßten König Karl VIII. vermählen, und nach seinem Tode wurde sie >499 die zweite Gemahlin seines Nachfolgers Ludwig's XII. Ihre einzige Tochter Claude vermählte sich 1514 mit dem Herzoge Franz von Angouleme, der im folgenden Jahre als Franzi, den Thron bestieg. Hierauf wurde das Hcrzogthum B. mit Einwilligung der Stände, nachdem ihnen die Aufrcchthaltung ihrer Gerechtsame versprochen worden war, 1532 Frankreich einverleibt, dessen Geschichte es fortan theiltc; doch behielt es bis zur Revolution ein eigenes Parlament. Während der Ncvolutionskricge war die Bretagne der Schauplatz blutiger Kriegsscenen und der Bewegungen der Chouans (s. d.), die im I. 1832 von neuem auftauchten. Vgl. Daru, „llistoirn cls 6." (3 Bde., Par. 1826) und Roujoux, „Histoira äes r»i» et <1es üb ha na na Di erk im na Ri oh> thc z» de> sch an wi vir wiche dis lies de» 18 cm lee t^ los U» Ge ein eat Bretenil Breton de loS Herreros 659 häufig in Schlesien, Böhmen, Sachsen und anderwärts unter demselben Namen verfertigt, har zwar nickt die Güte der franz., übertrifft sie aber öfters im äußern Ansehen. Vreteuil (Louis Auguste le Tonnelier, Baron von), franz. Minister, geb. 1733 zu Preully in Touraine, trat zuerst in den Kriegsdienst, wo er sich sehr bald durch Entschiedenheit des Charakters, Scharfsinn und unermüdliche Thätigkeit so hervorthat, daß Ludwig XV. aufmerksam auf.ihn wurde und ihn 1758 als Gesandten an den Hof des Kurfürsten von Köln schickte. Erst seit 1760 aber, wo er die Gesandtschaftsstelle am ruff. Hofe erhielt, wurde er in die Geheimnisse der Hofpolitik eingeweiht. Während seines Aufenthalts in Petersburg leistete er 1761 dem Abbe Chappe d'Auteroche, den die Akademie der Wissenschaften zu Paris nach Sibirien schickte, um den Durchgang der Venus zu beobachten, wesentliche Dienste. Als Gesandter in Stockholm wirkte er bei den wichtigen Verhandlungen des Reichstags von 1766 mit Erfolg für das Interesse der franz. Partei. Bald nachher ging er als Gesandter nach Holland, dann nach Neapel und 1775 nach Wien. Nach Frank- reich zurückgekehrt, ward er 1783 Minister des königlichen Hauses und machte sich anfangs dadurch, daß er mehre der Staatsgefangenen in Freiheit setzte, sowie durch mehre nützliche Einrichtungen in Paris, wie z. B. am Hötel-Dieu, einigermaßen populair. Allein sehr bald zeigte er sich auch als den eifrigsten Vertheidiger der absoluten Gewalt, sowie der Königin, wodurch er sich so viele Gegner zuzog, daß er 17 87 sein Amt niederlegen mußte. Nach Necker's Fall ward er wieder auf kurze Zeit Minister, als aber Ludwig XVI. seinen Rath verwarf, sich mit den Truppen nach Compiegne zurückzuziehen, verließ er Frankreich und ging nach ! Solothurn, wo er 1766 von dem Könige die Vollmacht erhielt, mit den nordischen Höfen , über die Maßregeln zur Wiederherstellung des königlichen Ansehens in Frankreich zu unterhandeln, weshalb ihn der Convent in Anklagestand versetzte. Von allen Parteien vergessen, I nahm er seit 1762 seinen Aufenthalt in Hamburg, bis er 1862 die Erlaubniß zur Rückkehr nach Frankreich erhielt, wo er 1867 starb. Breton de los Herreros (Don Manuel), vielleicht der populairste und beliebteste > Dichter des gegenwärtigen Spaniens, geb. im Dec. > 866 zu Ouel in der Provinz Logrono, erhielt seine erste Bildung in Madrid und diente 1813 — 22 im Heere. Hierauf wurde er im Finanzdepartemcnt angestcllt, dann Secrctair bei der Intendanz von Jativa und bald nachher bei der von Valencia. Stets der Sache der Freiheit ergeben, mußte er sich nach der Restauration der absoluten Herrschaft zurückziehen. Erst 1833 wurde er wieder, und zwar ohne sein Ansuchen, in Madrid angestellt und später zum Bibliothekar der Nationalbiblio- thck ernannt, welche Stelle er jedoch 1816 verlor, weil ein von ihm im Aufträge der Junta zu Ehren Espartero's gedichtetes Gclegenhcitsstück keinen Beifall gefunden hatte und, trotzdem daß man ihm zur Abfassung desselben kaum so viel Zeit gelassen, als blos zum Abschrecken nöthig gewesen wäre, dieser Erfolg von seinen politischen Kritikern einem Mangel an gutem Willen zugeschrieben wurde. Dagegen nahm ihn die Königliche span. Akademie zum wirklichen Mitgliede auf. Schon in seinem 17. Jahre schrieb er das Lustspiel „X Is vcjcr viniel-iz", das 1823 zur Aufführung kam und mit entschiedenem Beifalle ausgenommen wurde. Seitdem hat er bei seiner ungewöhnlichen Fruchtbarkeit und der Leichtigkeit, mit welcher er dichtet, über 13V Stücke, theils Originale, theilS Überarbeitungen älterer vaterländischer, theils Übersetzungen aus dem Italienischen und Französischen, der span. Bühne geliefert, wovon die meisten auf den Theatern der Residenz wie auf den Dorfbühnen entschiedenen Beifall gesund n haben. Überdies hat er „Loeslas sueltas" (Madr. 1831 und Par. l^16) herausgegeben und die satirischen Gedichte „kontra ei tnror lllsrinonico, 6 mas die» contra los desprocio» ei tsatro espano>"(Madr. 1828), „Contra los bombres en de- leosa de la mugeres" (Madr. 1826), „CI carnaval" (Madr. 1833), „Contra In mania con- tugiosa de escr!I,irz>ara ei piiblico" (Madr. 1833), „l.a Iiiziocresi'a" (Madr. 1833), „Contra io» sdusos) desziropositos introducidos en ei arte de la declainacion teatral"(Madr. 1833) und „Recuerdos de nn baile de Mascaras; enentn en verso" (Madr. 1833). Alle seine Gedichte zeichnen sich durch eine ungemein anmuthige und dabei doch kräftige Diction und «ne harmonische, fließende und selbst in den künstlichern Cvmbinationen zwanglose Versifi- kativn aus. Das Komische und Satirische ist sein eigentliches Element, in welchem er sich 660 Bretschneider (Heinr. Gottfr.) leicht, originell und mit nationaler Selbständigkeit bewegt. Zeichnen sich auch seine Lustspiele mehr durch gelungene Ausführung und brillantes Detail als durch Originalität der Ersin- düng und Rcichthum der Composition aus, so sind sie doch fast alle von der ersten bis zur letzten Scene unterhaltend; auch hat er in seinen neuesten Dramen sich vom franz.-classischm Einflüsse freier zu erhalten und mit Glück den großen Mustern der alten Nationalbühne an- zuschlicßen gewußt. Proben aus seinen lyrischen und satirischen Gedichten enthält Wolfs „Lloresta «1e rima« moüernas castillanus" (Bd. 2). Bretschneider (Heinr. Gottfr.), ein durch sein unstetes Leben, seine Freimüthigkeitund satirische Schriften merkwürdiger Mann, geb. am 6. Mär; 1739 zu Gera, wo sein Vater Bürgermeister war, kam von dem herrnhutischen Institute zu Ebersdorf, wo er durch-Hunger stehlen, durch aufgezwungene Andächtelei an Allem zweifeln lernte, auf das Gymnasium za ^ Gera. Nachher Cornet, später Rittmeister bei einem preuß. Frcicorps, gerieth er in Gefangenschaft und blieb, seinen Studien überlassen, bis 1763 in einer franz. Festung. Auf Empfehlung des Reichshofraths von Moser wurde crLandcshauptmann in Nassau-Usingen, legte aber, als Einschränkungen in den Finanzen ihm diese Stelle verkümmerten, dieselbe nieder und unternahm nun bis l 7 7 3 abenteuerliche Reisen nach Frankreich, Holland und England. In Mainz durch den holländ. Gesandten mit dem Aufträge beehrt, die Herzogin von Northumberland nach dem Continente zu begleiten, begab er sich, von diesem mit Geld versehen, nach London, reiste aber plötzlich nach Versailles ab, wo er vom Grafen Vcrgennes geheime Aufträge und durch eine von ihm selbst für unecht gehaltene Urkunde Geld erhielt, wodurch er sich in den ! Stand gesetzt sah, in Deutschland seine Frau und Kinder wieder aufzusuchen. Die von ihm ' 1801 verfaßte und in Nicolai's Nachlaß gefundene, später in Blackwood's „Liiinbnr^ii ,-w.- j ga-iilie" ins Englische übersetzte Beschreibung dieser Reiseabenteuer gab Göckingk, nebst biographischen Nachrichten unter dem Titel „Reise nach London und Paris, nebst Auszügen aus B.'s Briefen" (Bcrl. 1817) heraus. Nachdem B. einige Zeit unter dem Minister von ^ Hohenfeld in Koblenz gearbeitet, fand er eine Anstellung als östr. Vicelandeshauptmann zu ! Wersche; im Banat, dann als 1778 das Banat Temeswar dem Königreiche Ungarn einvec- leibt wurde, als Bibliothekar an der Universität zu Ofen, wo er von den Anhängern der ihn wüthend hassenden Jesuiten verfolgt wurde. Gerade hierdurch aber kam er in Bekanntschaft mit Joseph II., der ihm 1782 eine Anstellung bei der Studiencommission zudachte. Da in- ! deß sein Umgang mit Nicolai, bei dessen Besuch zu Wien im I. 1781, der nicht ungegnw- l dete Verdacht, daß er die meisten Materialien zu dessen „Reisen" geliefert habe, iyn dm j Wienern verhaßt gemacht hatte, so war ihm eine Anstellung an der ncuerrichtetcn Universität zu Lemberg mit dem Charakter eines Gubernialraths sehr gelegen. Kränkelnd und von Jesuitenchikanen verfolgt, wurde er 1809 mit Hofrathscharakter in den Ruhestand versetzt und begab sich nach Wien. Von einem Franzosen nach der Schlacht bei Wagram niedergerannt und dadurch am Arme, nachher durch wiederholten Schlagfluß gänzlich gelähmt, verschied er, noch in seinen letzten Stunden in der Phantasie mit seinen Feinden sich herumhauend, auf dem Gute seines Freundes, des Grafen Wrtby, zu Krzini; bei Pilsen am I. Nov. 18 lv. Meusel veröffentlichte die ihm übergebenen handschriftlichen Aufsätze und den Anfang einer Selbstbiographie B.'s, wie die Mitthcilungen des Sohns desselben, des ösir. Generals von B-, in den „Vermischten Nachrichten und Bemerkungen" (Erl. 1816) und den „Historischen und literarischen Unterhaltüngen" (Kob. 1818) mit vielfachen eigenen Bemerkungen und Ergänzungen. Unter B.'S frühern Schriften erwähnen wir das komische EpoS „Graf Esau" (1768), „Papilloten" (Franks. 1769) und „Fabeln, Romanzen und Sinnge dichte" (1781). Das bedeutendste Verdienst aber erwarb er sich als unerschrockener Bekämpf» alles Unwahren und Unechten, alles Lugs und Trugs in seinen satirischen Schriften, wie in seinem vom Kaiser Joseph veranlaßten „Almanach der Heiligen auf l 7 88, mit Kupfern und Musik, gedruckt in Rom mit Erlaubnis der Obern", worin Pfafferei und MönchS- legenden verspottet und beleuchtet werden, und in „Waller's Leben und Sitten, wahrhaft oder doch wahrscheinlich beschrieben von ihm selbst" (Berl. 1793), worin er Leben und Sitten der damaligen wiener Welt, die Ränke der Rcichshofräthc und ihrer Agenten, das Unwesen der dortigen Afterlogen und die Umtriebe der unechten Freimaurerei mit den lebendigsten Farben schilderte. Dasselbe kernige Streben bekunden seine Aufsätze in der „Berliner Mo» «61 iclt sin- zur chen an- lfs und ater iger nzu gen- f-h- iber, tter- ainz land don, und de» ihm nv.- bio- igen von nzu ivcr- ihn in- dm von rsttzt erge- vec- cum- m>. den ösir. den in oder tken esen sten or». Bretschneider (Karl Gottlieb) natsschrift" und seine treffenden Recensionen in den „Frankfurter Anzeigen", vorzüglich die durch die Cyiffer F. f. kenntlichen in der „Allgemeinen deutschen Bibliothek". Er sympa- thisirte mit Nicolai auch darin, daß er wie dieser das damalige Werther-Fiebcr persifflirte, was ihm in seinem Bänkelsängerliede „Eine entsetzliche Mordgeschichte von dem jungen Wer- ther" auf das ergötzlichste gelang. Bretschneider (Karl Gottlieb), Oberconststorialdirector und Generalsuperintendent in Gotha, einer der vorzüglichsten Theologen Deutschlands, geb. am I l.Febr. 1776 zu Gersdorf im sächs. Erzgebirge, erzogen zu Lichtenstein, wohin sein Vater, der 1789 starb, 1789 als Pfarrer versetzt worden war, erhielt durch diesen die Vorbereitung für das Gymnasium. Im I. 1799 ging er auf das Lyceum zu Chemnitz und 179-1 auf die Universität zu Leipzig, wo er Theologie studirte. Als Führer zweier Barone von Kotzau begleitete er diese 1798 auf das Gymnasium zu Altenburg und 1892 auf die Universität zu Leipzig. Seinen Plan, sich dem akademischen Lchramte zu widmen, weshalb er 1804 zu Wittenberg ! als Privatdoccnt auftrat, mußte er, als der Krieg im J. 1806 eine völlige Auflösung der ! Universität herbeiführte, wieder aufgeben. Durch Reinhard's Empfehlung, der ihn seiner Talente und Kenntnisse wegen schätzte, ward er 1807 Oberpfarrer zu Schneeberg und im nächsten Jahre folgte er dem Rufe als Superintendent nach Annaberg. Einen Ruf im I. 1812 als Professor der Theologie nach Königsberg schlug er aus, dagegen ging er 1816 als Gmcralsuperintcndent nach Gotha. In Gotha erhielt er bei der Stiftung des sächs. Ernesti- nischen Hausordcns das Ritterkreuz und 1841 bei seinem 25jährigen Jubiläum als Gene» ralsupcrintendcnt das Comthurkreuz dieses Ordens, nachdem er ein Jahr vorher zum Obev- consistorialdirector ernannt worden war. B. ist ebenso ausgezeichnet durch gründliche uns vielseitige Gelehrsamkeit, wie durch scharfes und klares Auffassungsvermögen, ein vorzüg. > licher Prediger, fruchtbarer Schriftsteller und stets gerüsteter Kämpfer für Denk- und Lehrfreiheit. Seine Schriften sind sehr zahlreich. Die Politik betreffen das 1806 anonym er» " schienene „Deutschland und Preußen, oder das Interesse Deutschlands am preuß. Staate", das die Franzosen nach ihrem Einrücken in Berlin confiscirten, „Der vierjährige Krieg der i Verbündeten gegen Napoleon in den J. 1812—15" (2 Bdchn., Annab. 1816) amd eine 1 Anzahl einzelner Aufsätze in Pülitz's „Jahrbüchern für Geschichte und Staatskunst" sowie mehre Aufsätze und kleine Schriften über das Verhältniß der Kirche zum Staate und die ! Kirchcnverfassung. Der praktischen Theologie gehören an eine ziemliche Anzahl einzeln gedruckter Predigten, dann die „Predigten an Sonn- und Festtagen" (2 Bde., Lpz. 1823 — 24), die „Casualpredigtcn und Reden" (Gotha 1834) und das „Lehrbuch der Religion und Geschichte der christlichen Kirche für Gymnasien" (Gotha 1824; 2. Aust., 1827). In der Exegese und biblischen Kritik gab er heraus „17>exici in Interpreter grase. V. 17, maxirne script. apncr^plr. spicileginm postLiel et 8elilsussner (Lpz. 1805), „Inder les„8iri>cickae, graece" (Regcnsb. 1806), die „Historisch-dogmatische Auslegung des Neuen Testaments" (Lpz. 1806), die „krobabilia cke evangelii et epistolarinn loannis evangelistae inckole et vrij-ine" (Lpz. 1820), welche großes Aufsehen erregten und eine Menge Gegenschriften ver- anlrßten, und sein lb-exicon grase.-Ist. io libros l>l. 17 (2 Bde., Lpz. 1824; 3. Aust., 1840, 4). Zur Reformationsgeschichte gehören die Ausgabe der „loa. Calvin,, Tkeock. Le-iae etc. epistolae czuaeckam nonciuin eäitae" (Lpz. 1835), eine Festgabe zum Reformationsjubiläum in Genf, welchem B. beiwohnte, und das „Corpus retorwatorum" (I I Bde., Halle 1834 —43, 4.), das zunächst Mclanchthon's Briefe, Bedenken, Gedichte und Reden enthält, die hier zum ersten Male vollständig nach der Zeitfolge geordnet und aus Handschriften vielfach ergänzt und berichtigt erschienen sind. Die Dogmatik betreffen seine „Systematische Ent- Wickelung aller in der Dogmatik vorkommenden Begriffe nach den symbolischen Büchern" (Lpz. 1805; 4. Aust., 1841), die „Dogmatik der Apokryphen des Alten Testaments" (Lpz. 1895), die „Cspitatlleologiae»logmatic»e jnilsieae e klavii losepin scriptis" (Lpz. 1812), die er 1812 bei seiner Doctorpromotion in Wittenberg vertheidigte; das „Handbuch der Dog- matik der evangelisch-lutherischen Kirche" (2 Bde., Lpz. 1814—18; 4. Aust., 1838) und endlich „Der religiöse Glaube nach Vernunft und Offenbarung, dargestellt für denkende Leser" (Halle 1842), in welcher letzten, Schrift B. sein theologisches System, das Resultat seiner Forschungen, zuerst im Zusammenhänge dargestellt hat. Außerdem lieferte er eine si6L BrcHner Breughel nicht geringe Anzahl einzelner Aufsätze in Zeitschriften, namentlich inder„OpPositionsschrist" von Schröter und Klein und in der „Allgemeinen Kirchenzcitung". Einen lebhaften Anthcil nahm er jederzeit an den wichtigen kirchlichen Zeitereignissen, über die er seine Stimme bald in einzelnen Aufsätzen in Zeitschriften, bald in bcsondcrn Schriften abgab. Zu den letztem gehören die „Aphorismen über die Union der beiden protestantischen Kirchen in Deutschland" (Gotha l 819), wofür er vom prcuß. Ministerium die große goldene Ncformationsjubclmcdaille erhielt; „Über die Unkirchlichkeit dieser Zeit im protestantischen Deutschland" (Gotha 1820; 2. Aust., 1822); „Heinrich und Antonio oder die Proselytcn der röm. und evangelischen Kirche"(Gotha 1826; 5. Aust., 1813), worin er dcrProselytcnmachcrei cntgegentrat; „Sendschreiben an einen Staatsmann, ob eine evangelische Negierung gegen den Rationalismus einzuschreiten habe" (Lpz. 1830), bei Gelegenheit dcrDenunciation des hallcschcn Nationalismus in der „Evangelischen Kirchenzcitung"; „Der Sinionismns und das Christenthum" (Lpz. 1832), wegen welcher Schrift er vom Professor Hahn in Breslau angegriffen wurde, dem er in den „Grundprincipicn der evangelischen Theologie" (Altcnb. 1832) begegnete. Der übcrhandnchmende Pietismus vcranlaßtc ihn, „Die Grundlage des Pietismus oder die Lehre von Adam's Fall, der Erbsünde und dem Opfer Christi" (Lpz. 1833) nach der Schrift und Vernunft zu untersuchen und zu bcurthcilen. Dem Vorwurfe, als ob die theologische Aufklärung die Revolutionen befördere, trat er in der Schrift entgegen „Die Theologie und die Revolution" (Lpz. 1833). Der Streit mit dem Erzbischof von Köln gab ihm Veranlassung zu der vortrefflichen Schrift „Der Freiherr von Sandau oder die gemischten Ehen" (Halle 1830), die schnell nacheinander vier Auflagen erlebte. Den Versuchen, die Verpflichtung aus die kirchlichen Symbole zu verschärfen, stellte er die Schrift entgegen „Die Unzulässigkeit des kirchlichen Symbolzwangs in der evangelischen Kirche" (Lpz. 1811), und das Treiben der frommen Partei unserer Zeit schilderte und bcurthciltc er in „Clcmentine oder die Frommen und Altgläubigen unserer Tage" (Halle 1811). Seit 1832 führte er nebst demHof- prcdigcr Zimmermann in Darmstadt die Nedaction der „Allgemeinen Kirchenzeitung", in der er sich vielfach über die kirchlichen und theologischen Erscheinungen der Zeit aussprach. Bretzner (Christoph Friedr.), als Lustspicldichter bekannt, wurde am 1 0. Sept. 1718 zu Leipzig geboren, wo er als pünktlicher, redlicher Geschäftsmann angesehen, als angenehmer Gesellschafter beliebt, bis zu seinem Tode, am 3 l. Aug. 1807, Mitinhaber einer Handlung war. Sein komisches Talent kam nicht zur Reife, weil er sich nur in seinen Nebcnstun- dcn und aus Liebhaberei mit literarischen Arbeiten beschäftigen konnte; Geschmack und clas- sische Bildung fehlten ihm, und wenn auch seine Lustspiele gut angelegt, erheiternd, mit großer Bühncnkenntltiß geschrieben und mit glücklichen Zügen und muntern Einfällen ausgestattct sind, so fehlen ihnen doch eine höhere Tendenz und Idee und die poetische Weihe. Am längsten hielten sich auf der Bühne, trotzdem daß Manches in ihnen veraltet ist, die Lustspiele „Der argwöhnische Liebhaber" (Lpz. >783), „Das Räuschchen" (Lpz. 1786) und „Dcr Eheprocurator". Unter seinen Singspielen wurde „Belmonr und Constanze, oder die Entführung aus dem Serail" (Lpz. 1788) durch Mozart's Musik populair und unsterblich; auch bearbeitete er frei nach (7c>s> 6>n t»tt« „Die Wcibcrtrcue oder die Mädchen sind von Flandern" (Lpz. 1701). Gesammelt erschienen von ihm „Schauspiele" (2 Bde., Lpz. >792 —06; neue Aust., Altona 1820) und „Singspiele" (Lpz. 1706). Sein Roman „Leben eines Liederlichen, ein moralisch-satirisches Gemälde nach Hvgarth und Chodowiecki" (3 Bdc., Lpz. 1787 — 88; 2. Anfl., 1700) ist nicht ohne Verdienst. Breughel (Peter), das Stammhaupt einer berühmten nicdcrländ. Malcrfamilie, nach dem Charakter undJnhalt seiner meisten Darstelümgcn auch dcr lustige oder Bauern- Brcughel genannt, war 1510, nach Andern 1530 in dem unweit Breda gelegenen Dorfe Breughcl, nach welchem er sich nannte, geboren und ein Schüler des Peter Koeck van Aelst. Er reiste in Italien und Frankreich, nahm überall Ansichten und was ihm sonst von Natur- gegenständen gefiel auf und wählte nach seiner Rückkehr Antwerpen zu seinem Aufenthaltsorte, wo er in die dasige Malcrgesellschaft ausgenommen wurde und die Tochter seines Lehrers Koeck hcirathete. Darauf zog er nach Brüssel, wo er 1 570 , nach Andern 1590, starb. In seinen Bauernhochzeiten, ländlichen Festen und Tänzen schilderte er die Lust des rüstigen Landmanns, wie er sie mit frischem Blick beobachtet hatte, in kräftigen Farben und in ziem« Breve Brevier 663 lich derber Weise. Berühmt ist besonders sein Thurmbau zu Babel mit der Jahrzahl 1563, in der Galerie zu Wien. Viel ist von Andern nach ihm in Kupfer gestochen worden; aber auch er selbst radirtc. — Sein Sohn, Peter B-, der Jüngere genannt oder der Höllen - Brcughcl, weil er Gegenstände liebte, in denen grelle Contrastc darzustellcn waren, und daher viele Teufel-, Hexen- und Räuberscenen malte, starb 1625. Besonders ausgezeichnet sind sein Orpheus, welcher die Höllcngötter durch sein Leierspiel bethört, in der Galerie von Florenz, und die Versuchung des heil. Antonius. — Der Bruder desselben, Joh. B-, »ach seiner gewöhnlichen Tracht der Sam me t-Breughel genannt, war nach Einigen 1568, nach Andern 157 5 geboren und starb 1646, nach Andern schon 1625. Er war ein sehr fruchtbarer Künstler und ausgezeichnet in Landschaften und im Malen kleiner Figuren, welche Gegenstände er meist mit einer minutiösen Genauigkeit ausführte. Auch malte er für andere Meister landschaftliche Gründe, für andere kleine Figuren in dieselben. Gemeinschaftlich mit Rubens, der die beiden Hauptfiguren lieferte, arbeitete er Adam und Eva im Paradiese. Dieses und seine vier Elemente, sowie Vertumnus und Bellona, die er ebenfalls in Gemeinschaft mit Rubens arbeitete, gehören zu seinen Hauptwerken. — In seiner Manier malte auch sein Sohn, Joh. B., der 1626 Mitglied der Brüderschaft des heil. Lucas in Antwerpen war. — Andere Glieder dieser Familie waren Ambros B-, der zwischen 1635 und >670 Dircctor der Malcrakademie in Antwerpen war und als Blumcnmaler sich auszeichnete; Abraham B-, genannt Nhyngraf oder der Neapolitaner, ein vortrefflicher Früchte-, Blumen- und Vögclmaler in Antwerpen, der sich lange in Nom und Neapel auf- hiclt, in welcher letztem Stadt er 1686 starb; dessen Bruder, Joh. Bapt. B-, ebenfalls Blumen- und Früchtcmaler, jedoch weniger bedeutend als jener, gest. in Nom nach dem I. >766, und des Abraham Sohn, Kaspar B-, der sich gleichfalls als Blumen- und Frucht- nialer auszcichncte. Breve, woraus das deutsche Wort Brief entstanden ist, bezeichnet ursprünglich jede an eine oder auch an mehre Personen gerichtete kürzere Schrift; jetzt aber wird cs nur von dergleichen päpstlichen Schreiben gebraucht. Von der Bulle (s. d.) unterscheidet sich das Breve außer seiner Kürze auch durch die mindere Wichtigkeit, jedoch ist cs keineswegs mit dm 5l»tus prnprü oder den Privatschreibcn des Papstes zu verwechseln. Das Breve enthält Entscheidungen und Verordnungen; cs spricht in demselben der Papst, abgesehen von dem Cardinalscollegium, in seiner eigenen Person ohne weitere Curialien, weshalb er sich in der Überschrift nennt und Den, an welchen das Breve gerichtet ist, mit Dilocte 6!i anredet. Auch wird das Breve nicht vom Papst unterzeichnet, sondern blos vom Sekretärin üe' Lrevi contrasignirt und statt des Bleisiegcls nur mit dem Geheimsicgel des Papstes, dem Fischerringe in rolhcm Wachs und in einer blechernen Kapsel, versehen, weshalb es auch die Unterschrift hat: Datum kinmas 8„b muml» piscatnris. Gleich den Bullen wird das Breve jetzt in der Regel auf Pergament geschrieben; doch findet wieder der Unterschied statt, daß man jene auf die rauhe Seite des Pergaments mit alterthümlichen Buchstaben, dieses aber auf sie glatte Seite mit moderner lat. Schrift schreibt. Brevier oder Ilrsviarium (Dreviarimn Ivmnniiin) heißt das für den Gebrauch des röm.-katholischen Geistlichen bestimmte Andachtsbuch, welches aus kurzen Abschnitten (daher der Name) der heiligen Schrift und der Kirchenväter, Hciligcngeschichten, Gebeten, Hymnen und andern beim Gottesdienste vorgeschriebenen Formeln besteht, in lat. Sprache abgefaßt ist und aus sehr früher Zeit stammt. Die ursprüngliche einfache Einrichtung desselben, in der es die Psalmen, auf die sieben Wochentage vertheilt, enthielt, war bereits von den Päpsten vielfach verändert worden, als mit Genehmigung Clemens' Vll. der span. Franciscancr, Cardinal Quignoncs, dasselbe einer Revision unterwarf und cs durch Hinzufügen von Bibelabschnitten vermehrte. Paul UI. verschaffte diesem rcvidirtcn Breviarium allgemeine kirch- lichc Geltung. Auch PiuS V. ließ das Breviarium von neuem bearbeiten und schrieb dann dasselbe in einer Bulle allen Geistlichen zum täglichen Gebrauche vor. Neue Veränderungen erhielt es >662 unter Clemens Vlll. und zuletzt 1631 unter Urban VIII. Seitdem ist es im Wesentlichen unverändert geblieben. Nach den vier Jahreszeiten zerfällt es in die vier Thcile biemulj«, vernalis, aestiva und auctumiullis. Nach den päpstlichen Verordnungen ist jeder Inhaber einer geistlichen Pfründe, jeder Ordcnsgeistliche und Jeder, der mehr als die Hl 664 Lrevi« Bnanxon ! vier kleinern Weihen empfangen hat, zum Gebrauche des Breviarium verpflichtet, und die Auslassung eines der acht Stücke, aus welchen die tägliche Andacht besteht, eine Todsünde, d. h. eine solche, welche, wenn sie nicht bereut wird, allein schon den Anspruch auf die Selig, keit verwirkt. Nach der Revision unter Urban VIII. wurde die Ausgabe des „krevisnmv romooum" zu Antwerpen in der Plantin'schen Druckerei 1675 veranstaltet; seitdem ist dasselbe unendlich oft gedruckt worden (4 Bde., Wien 1833; 4Bde., Mecheln 1836; 4 Bde., Kempten 1836 fg.; in einem Bande, Regensb. 1840; Wien 1842—43). Zwar haben einige Mönchsorden mit Bewilligung des Papstes eigene Breviaricn, doch ist zwischen diesen und dem römischen kein wesentlicher Unterschied. Lrevis heißt in der altern Notenschrift eine Note, welche zwei ganze Takte gilt; sie wird bezeichnet entweder durch s—j oder > oder auch Was jetzt eine ganze Taktnote, welche > vier Viertel hält, genannt wird, hieß früher 8emil,rev!s. Im Tripeltakt hielt die Srevis drei 8ewibreves. Brewster (Sir David), einer der gelehrtesten brit. Physiker, geb. um 1785 in Schottland, widmete sich anfangs der Apothekerkunst, wendete sich aber dann mit ungemeinem Eifer der Optik zu und wurde später seiner literarischen Verdienste wegen zum Baronet erhoben. Schon seit vielen Jahren Secretair der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften, lebt er abwechselnd in Edinburg und auf seinem Gute Allerly am Tweed. Vorzüglich hat er sich um die Lehre von der Polarisation des Lichts oder der doppelten Strahlenbrechung verdient gemacht, und in Beziehung auf die elliptische Polarisation, inwiefern sie durch Zurückweisung von Metallen hervorgebracht wird, wichtige Untersuchungen geliefert, theils in den „Irsnssctinns" der vorerwähnten Gesellschaft, theils und hauptsächlich in dm von ihm besorgten Zeitschriften „Hie bickinlnirxb ptulosopliical journal" und ,,'I'be Lckin- burxli jourusl", das später den Titel,,'I üe I.onckoll Sllck Lckinburxli pbilosopliicsl jouriml, sin! journsl ot Science" erhielt. Die wichtigsten seiner Abhandlungen sind deutsch in Pog- gendorsss „Annalen" übergegangen. Die „Lckinburxli enc)-clopseckis", deren Herausgeber er ist, verdankt ihm vorzüglich im naturwissenschaftlichen Theile vortreffliche Aufsätze. Die natürliche Magie hat er in seinen „I.etters on natural maxie" (Lond. 1831) ebenso gelehrt als unterhaltend dargestellt und besonders die auf optischen Täuschungen beruhenden Erscheinungen befriedigend erklärt. Eine gründliche Darstellung der Lehre vom Lichte gab er in seinem „4?reatise on nptics" (Lond. 1832). Newton's wissenschaftliche Forschungen und Entdeckungen schilderte er trefflich in der „Inte o58ir Isaac IXervton" (Lond. 1832; deutsch von Goldberg, Lpz. 1833). In weitern Kreisen wurde sein Name bekannt durch die Erfindung des Kaleidoskops (s. d.). Brianxon, im franz. Departement der obern Alpen, ein militairisch wichtiger Punkt wegen Vertheidigung des Eingangs nach Italien an der Straße über den Mont-Genevre, liegt ! zwischen hohen Alpen an der Durance und Euisanne, über welche erstere eine Brücke führt, ^ die aus einem einzigen Bogen besteht, der 120 F. Spannung und 168 F. Höhe hat. Die Stadt ist von sieben Forts umgeben, die durch unterirdische Gänge miteinander in Verbindung stehen, und so stark befestigt, daß sie einen der bedeutendsten Waffenplätze Frankreichs bildet. Sie ist unregelmäßig gebaut und nächst dem Hospiz auf dem Bernhard und dem Gasthause auf dem Faulhorn einer der höchsten beständig bewohnten Orte Europas, indem er im Fort L'Jnfcrnet 7374 F. über dem Mittelmeere liegt. Sie zählt 4000 E., welche sich mit Verfertigung von kleinen Eisenwaaren, Nägeln, Hanfhecheln und mit Baumwollspinnerei beschäftigen und einen lebhaften Transitohandel nach Italien treiben. Die Thäler und Um- gedungen von B. bieten äußerst malerische und romantische Ansichten. Die sogenannte Brianconer Kreide, welche man von B. ausführt, ein grüner, gewöhnlich in viereckige Stücken in den Handel kommender Talkstein, welcher zur Bereitung der Schminke, und namentlich für die Schneider zum Aufzeichnen dient, wird bei Fenestrelles in Piemont gebrochen. Das Brianconer Manna ist ein Harz, das man von den Lerchcnbäumcn ein- sammelt. Im Mittelalter wurde B-, nachdem es lange Zeit wegen seiner hohen Berge fast ganz unabhängig gewesen, mit der Dauphine und dann nebst dieser 1349 mit Frankreich verbunden. Im ryswijker Frieden von 1697 erhielt es der Herzog von Savoyen. Während ! Briarens Brief 6l,5 des span. Erbfolgckriegs wurde» hier >709 die Ostrcichcr von den Franzosen geschlagen und imI. 1713 mußtc.Savoycn die Skadt wieder an Frankreich zurückgekun. Briäreus, s. Ägäon. Bricke, s. Lamprete. Bricolschuß heißt ein Schuß, wenn eine Kanonenkugel schräg gegen eine Mauer so abgeschosftn wird, daß sie von derselben abprallt und seitwärts ihre Bahn fortsetzt. Diese Schußart wurde zuerst 1644 bei der Belagerung von Gravelines angewendet, und auch jetzt noch bedient nian sich derselben, jedoch nur gegen gemauerte Werke mit zurückgezogenen Flanken, denen man von vorn nicht beikommen kann. Der Erfolg eines Bricolschusses ist aber stets sehr zweifelhaft, sodaß man sich keinen erheblichen Vortheil davon versprechen kann, i Bridgewater (Francis Egerton, Herzog von), gcb. 1716, gest. 1803, ist bekannt ! durch die Anlegung des Bridge water-Kanals (s. d.). — Francis Henry Egerton, GrafvonB., geb. am II.Nov. 1756, ein jüngerer Sohn des Hauses, wurde zum Geistlichen bestimmt und hielt sich die meiste Zeit in Paris auf. Im I. 1823 erbte er, nachdem ^ der Herzogstitel in seiner Familie schon vorher erloschen war, den Erafentitel und starb zu Paris am 12. Febr. 1829. Er war ein kenntnisreicher Mann, in seinem Leben aber ein Sonderling ohne Gleichen, namentlich ein Freund von Hunden und Katzen, die er im wunderlichen Anzuge umherfahren ließ, und ein leidenschaftlicher Jäger. Berühmt hat er sich gemacht durch sein 1825 verfaßtes Testament, in welchem er seine Handschriften und 500V Pf. St. dem Britischen Museum und der Londoner Akademie 8000 Pf. St. überwies, behufs der durch mehre Schriftsteller zu besorgenden Herausgabe eines umfassenden Werks, dessen Tendenz die Nachweisung der Macht, Weisheit und Güte Gottes in der Schöpfung sein sollte. In Folge dieser Stiftung erschienen die unter dem Namen der Bridgcwater- bücher bekannten, auch ins Deutsche übersetzten (9 Bde., Stuttg. 1836—38) Monographien mehrer namhaften Gelehrten, in denen die religiöse Beziehung der Naturwissenschaft zum - Theil sehr ausgezeichnet behandelt ist und unter denen besonders Buckland's „Geologie und . Mineralogie" sich großen Ruhm erworben hat. Außerdem behandelten Whewell die Physik und i Astronomie, Prout die Chemie und Meteorologie, Kirby die Sitten und Jnstincte der Thiere, ^ Roget die vergleichende Physiologie der Thiere und Pflanzen, Charl. Bell die menschliche Hand, Kidd das Verhältniß der äußern Welt zur Körperlichkeit des Menschen und Chalmers die ! allgemeine Betrachtung über die Offenbarung der Macht, Weisheit und Güte Gottes in den Beziehungen der äußern Welt zur moralischen und intellectuellen Natur des Menschen. Bridgewater-Kanal, in der Grafschaft Lancaster, einer der älteste» Kanäle in Großbritannien, hat seinen Namen von dem Herzoge Francis Egerton von Bridgewater, der bei Worsleymill, etwa 1'/-M. von Manchester, sehr reiche Steinkohlengruben besaß, die aber für ihn wegen des beschwerlichen und kostspieligen Landtransports fast ohne Nutzen 'waren, daher er einen Kanalbau nach Manchester beschloß, wozu er auch vom Parlamente die nöthige Erlaubnis erhielt. Die Ausführung des Baus übertrug er dem berühmten Jakob Brindley (s. d.), der das Werk 1758 begann und 1772 vollendete. Der Kanal geht durch Berge, über Thäler und Flüsse; an mehren Stellen ist er durch Felsen gehauen und sonach der älteste Tunnel; vermöge eines 39 F. hohen Aquäducts führt er über den schiffbaren Jrwell und Mcrsey. Auf demselben fahren Kähne mit einer Last von 120—I60Ctr., die besonders Kohlen und Steine nach Manchester bringen. Später ließ der Herzog denselben noch bis Liverpool fortsetzen. Durch das Gelingen des Bridgewater-Kanals wurden mehre Gesellschaften in verschiedenen Gegenden Englands zu ähnlichen Unternehmungen angeregt; auch ließ der Herzog selbst noch einen andern Kanal ausführcn, welcher 19 deutsche Meilen lang ist, durch 90 Schleusen zu einer Landhöhe von 525 F. gehoben wird, durch einen Berg geführt ist und Hüll mit Liverpool, also die Nordsee und das Irische Meer mitten durch England miteinander in Verbindung setzt. Brief, entstanden ans dem lat. breve, nennt man jede an eine oder mehre bestimmte Personen, und Schreiben aber vorzugsweise die officiclle oder an eine öffentliche Behörde gerichtete schriftliche Mitthcilung. Beide unterscheiden sich durch ihre äußere Einrichtung, z. B. durch die Anrede, Überschrift, Unterschrift u. s. w., von jedem andern schriftlichen Aufsätze. Ein Brief kann entweder eine bloße Zuschrift an Jemanden sein oder auf eine Cr 666 Brief widcrung Anspruch machen, die dann Antwortschreiben heißt; werden diese beiden mehr- mals wiederholt, so entsteht ein Briefwechsel oder eine Correspondcnz. Der Stoff des Briefs kann ebenso verschiedenartig sein wie der des Gesprächs und so selbst auf die geringfügigsten Gegenstände sich erstrecken. Da aber der Brief in Beziehung auf unser Verhältnis zu andern Personen die Stelle des Gesprächs vertritt, so bcstchtdas Hauptkennzeichen desselben in dem treuen Abbilde des menschlichen Charakters, sowie des gewöhnlichen Verkehrs der Menschen untereinander. Daher muß man bei der inner« Anordnung oder Disposition eines Briefs, die übrigens den Gesehen jedes andern Aufsatzes unterworfen ist, allen Anschein künstlicher oder absichtlicher Abfassung zu vermeiden suchen und nur dem natürlichen Zuge der Gedanken und Gefühle folgen. Hieraus ergibt sieb ferner, daß die Sprache des Briefs der Lebendigkeit der mündlichen Unterhaltung sich annähern muß, sodaß man den Schreibenden vor sich zu sehen und zu hören glaubt. Die Leichtigkeit und Natürlichkeit der brieflichen Mitthcilung besteht daher in dem einfachem und fließender» Ausdrucke der Gedanken, dem man Vorbereitung und Anstrengung nicht ansieht, in jenem Ausdrucke, der die Gegenstände der Mitthcilung und die.Lage der Mitthcilenden ungcsucht und klar bezeichnet, und in dcm leicht verständlichen Zusammenhänge der Gedanken, durch welchen sich der Brief zu einer musterhaften stilistischen Darstellung erhebt. Nach den vier Hauptzwecken des Briefs hat man auch vier Arten desselben angenommen, deren Grenzen sich aber nicht immer gcnaa ziehen lassen, da oft zwei oder mehre Zwecke vereint erscheinen, nämlich den freundschaftlichen oder vertraulichen, den Höflichkcits- oder Anstands-, den Geschäftsbrief und endlich den belehrenden oder didaktischen Brief. An letzter» grenzt die poetische Epistel (s. d.), sowie diese umgekehrt in den didaktischen Brief übergeht, wovon die „blpistol.» sei kisones" des Horaz ein Beispiel liefert. Bei den Alten bildete die Epistolographie einen eigenen Zweig der Literatur; doch wurde sic bei den Griechen mehr als eine rhetorische Übung betrachtet, wobei man sich in die Lage und Darstcllungsweise ausgezeichneter Männer der frühern Zeit versetzte und so in ihrem Geiste zu schreiben suchte, wie dies bei den angeblichen Briefen des Sokrates, Platon, Lhcmistokles, Phaleris u. A. der Fall ist. Bei den Römern erlangte der Brief im eigentlichen Sinne des Worts den höchsten Grad der Vollkommenheit durch Cicero; die Briefe des jüngern Plinius sind zu gesucht, um schön zu sein. In der Periode nach Augustus sing man au, der brieflichen Form sich zur Mitthcilung wissenschaftlicher Gegenstände zu bedienen, >v>c dies in den Briefen des Seneca geschieht. Zn der spätem Zeit ist der Brief nach allen Seiten hin immer mehr vervollkommnet und ausgebildet worden, sodaß wir in den Literaturen aller gebildeten Nationen treffliche Muster besitzen, wie in der franz. Literatur die Briefe der Frau von Se'vignc, der Ninon de l'Enclos, der Badet, Racine's, Voltairc's und Rouffeau's, die von Richelet gesammelten Meisterbriefe und andere; bei den Engländern zeichneten sich in dieser Hinsicht aus William Tcmple, Addison, Pope, Swift, Bolingbroke, Uorik (Sterne), Chesterfield, Gray und Cowper; in der ital. Literatur werden die Briefe des Manutius, des Cardinals Bcmbo, Bentivoglio, Bemardo Taffo, die von Lodovico Dolce und Annibale Caro gesammelten, die des Pietro Aretino, Algarotti und Gasparo Gozzi gerühmt. Auch die Deutschen haben ausgezeichnete Muster, wie Lcssing, Winckclmann, Bonstctten, Klopfiock, Wieland, Gcllert, Weiße, Jacobi,Garve,Abbt, Gleim, Bürger, Kant, Lichtcnberg, Johannes von Müller, Goethe, Schiller, G. Förster, Weber, Zcan Paul Friedrich Richter, Matthiffon und viele Andere. Unter den didaktischen Briefen behaupten die von Mendelssohn, Jacobi, Herder, Johannes von Müller und Joh. Georg Müller einen vorzüglichen Platz. Selbst für die Behandlung reinwissenschaftlicher Gegenstände hat man die Briefform gewählt, wie dies Bolingbroke in seinen „Utters cm tiie stuck/ ok iiistor/" gethan. Ruhnken und Wyttcnbach lieferten in Briefform (Lpistola cri- tica) Beiträge zur Kritik und Erklärung alter Schriftsteller; Demoustier schrieb „I^ettres» Lmilie sur In m/tünlngie" (6 Bdc.) und Röhr „Briefe über den Nationalismus". Häufig namentlich hat man nach dem Vorgänge des Griechen Aristänetus, der erotische Erzählungen in dieser Form hinterlassen hat, den Brief zur Einkleidung des Romans benutzt. In neuester Zeit hat auch die Sitte mehr und mehr überhand genommen, den Briefwechsel von verstorbenen ausgezeichneten Gelehrten herauszugebcn, wobei man indcß nicht immer weder quf den Verstorbenen noch insbesondere auf noch Lebende die nöthigc Rücksicht genommen hat. ^8 Briefsteller Brienue 667 Briefsteller heißt die schriftliche, durch Formulare und Beispiele erläuterte Anleitung zum Briefschrciben. Dahin gehören Hcynatz's „Handbuch zur richtigen Verfertigung und Beurtheilung aller Arte» von schriftlichen Aufsätzen des gemeinen Lebens überhaupt und insbesondere der Briefe" (5Bde., Berl. > 780 —1800), Moritz's „Anweisung zum Brief- schreiben" (Berl. >795), sowie dessen „Allgemeiner deutscher Briefsteller" ( 10 . Aust., Berl. 1832), Claudius' „Allgemeiner Briefsteller" (18. Ausl., Lpz. >833), Sternberg's „Neuer deutscher Briefsteller" (Lpz. >825) und Dicffcnbach's „Gemeinnütziger Briefsteller" (Gieß. 182 5). Die fast zahllosen Anleitungen aus der neuesten Zeit sind meist nur Compilationen aus diesen frühem Werken. Brieftaube, s. Taube und Taubenpost. Briest, die Hauptstadt des gleichnamigen Kreises im Regierungsbezirke Breslau der xreuß. Provinz Schlesien am linken Ufer der Oder, der Sitz eines Oberbergamts für Schlesien, ist gut gebaut und hat ein Schloß, welches ehemals die Residenz der Herzoge von Liegnitz war, mehre Kirchen, darunter die sehenswerthe evangelische Nikolaikirche in gothischcr Bauart mit zwei Thürmen, eine Synagoge, ein Gymnasium, ein Krankenhaus, eine Jrrcnvcr- svrgungsanstalt und Zuchthaus. Auch befindet sich daselbst ein landwirthschaftlichcr Verein. Die Stadtzählt 11000 E-, welche sehr fabrikthätig und industriös sind und lebhaften Handel und Kahnfahrt auf der Oder betreiben. Der Verkehr hat sich neuerdings dadurch noch beträchtlich gehoben, daß B. der Mittelpunkt der Breslau-Oppelnschen Eisenbahn wurde. Im >3. Jahrh. wurde B. zur Stadt erhoben und >329 Residenz einer eigenen fürstlichen Linie, worauf 13-t l die Fürsten von Bricg das Schloß erbauten. Während des Hussiten- kricgs wurde B. zerstört, später wieder aufgcbaut und stark befestigt. Auch im Dreißigjährigen Kriege hatte es viel zu leiden. Im ersten schlesischen Kriege wurde cs >73> nach heftigem Bombardement, wobei das Schloß abbrannte, von den Preußen genommen. Durch die Franzosen, welche es 1800 belagerten und eroberten, wurden die Festungswerke zerstört. Brieg oder Brigue, ein sehr freundlich gelegener Ort im Canton Wallis am Rhone, mit 800 E-, mehren Kirchen und Klöstern und einem Jcsuitencollegium, hat ein sehr nertes Aussehen, indem die Häuser durchgehend mit blendcndweißcm Schiefer gedeckt find. Die Bewohner treiben im Lhalc Wein- und Safranbau, graben Lavczstcin und suchen Krystalle auf, mit denen sie Handel treiben, während sie zugleich in dem lebhaften Verkehr der hier beginnenden Simplonstraße eine wichtige Erwerbsquelle haben. Eine Meile von B. befindet sich das Bricg erb ad, eine Schwefelquelle. Brienne, ein Städtchen im franz. Aubc-Departement, besteht ausBriennelaVille und Bricnnc le Chateau, welche zusammen 3300 E. zählen, Fabriken in Baumwoll- uud Stahlwaarcn unterhalten und Weinbau treiben. In der ehemaligen Militair-Adels- schulc zu Bricnnc lc Chateau machte Napoleon die ersten Studien in der Kriegskunst. Die Schlacht bei B. am >. Febr. >81-1 war die erste, welche die Verbündeten auf altfranz. Boden gewannen. Durch sic wurde der Weg nach Paris und zum Sturze des Kaiserthrons gebahnt. Nach dem Gefechte bei Bar-sur-Aube, am 23. Jan. >8>3, dem ersten Widerstande, den die Verbündeten feitihrem Eindringen von der Schweiz her in Frankreich gefunden, rückten sie schnell vor. Napoleon, der Blücher am 26. bei Vitry zurückgedrängt hatte, sammelte am 28., wo Schwarzenberg in Chaumont, Blücher in St.-Dizier, Wrcde in Andelot und Wittgenstein in Vassy standen, feine sämmtlichcn Streitkräfte bei B. und griff am 29. mit Macht die verbündeten Heere an. Hartnäckig und blutig war der Kampf. Die Finsterniß brach ein, und die Flammen des in Brand gesteckten B. erleuchteten das Schlachtfeld. General Chateau hatte mit zwei Bataillons das bricnncr Schloß genommen, es aber bald wieder räumen müssen. Erst mit der elften Stunde endete der Kämpf, der am nächsten Morgen von neuem begann und das Resultat hatte, daß sich Blücher bis Tranncs zurückziehcn mußte. Am 3>. hatte Napoleon seine Strcitkräftc in den Ebene» zwischen La Rochiere und Tranncs entwickelt. Als hierauf am I. Febr. die Corps des Kronprinzen von Würtembcrg, des Grafen Giulay und die russ. Grcnadicrrcscrven zu Blücher gestoßen waren, befahl der Fürst Schwarzenberg die Schlacht wiedcrzubcginncn. Um Mittag rückte Blücher in drei Co- louncn vor, und zwar General Tacken gegen La Rochiere, Giulay gegen Dicnvillc und der Kronprinz von Würtembcrg gegen Chaumreil, während General Wredc indessen von Dou- 608 Brienne (Lomeuie de) Brrgadestellung levcnt gegen B. zog. Daß Terrain erlaubte nur wenig Geschütz wirken zu lassen; doch der Muth der Truppen ersetzte diesen Mangel. Der Kronprinz von Würtembcrg wars zuerst den Feind aus seiner Stellung am Walde und entriß ihm den wichtigsten Posten von La Gibrie,'den zwar die Franzosen sogleich wieder angriffen, nach langem Kampfe aber dem Sieger überlassen mußten. Giulay nahm Unicnvillc, und Sacken drang bis La Rochiere vor. Um drei -Uhr waren alle Schlachtlinicn in Wirksamkeit. Ein heftig fallender Schnee konnte zwar das Feuer einen Augenblick zum Schweigen bringen, aber die Thätigkeit der Kämpfenden nicht lähmen. Napoleon leitete fortwährend die Schlacht selbst und kämpfte, sich oft persönlich der Gefahr aussetzend, mit allem Muthe, welchen das Gefühl der Wichtig, keit, hier zu siegen, geben konnte. Aber auch die verbündeten Monarchen begeisterten ihre Heere durch ihre Gegenwart auf dem Felde der Entscheidung. La Rochiere wurde mehrmals genommen, verloren und wieder genommen, bis es endlich, nachdem Blücher dem General Sacken mit frischen Truppen zu Hülfe geeilt war, in den Händen der Verbündeten blieb. Der Kronprinz von Würtembcrg nahm Petit-Masnil, Wrede Chaumreil, Giulay die Stellung von Dienville, und der Sieg der Verbündeten war entschieden. Die Franzosen zogen sich während der Nacht auf der Straße von B. zurück und ließen daselbst nur eine schwache Nachhut, welche am andern Morgen das Schicksal des Hauptheers theilen mußte. Der Verlust war auf beiden Seiten ziemlich gleich groß an Tobten und Verwundeten in der Zahl von etwa 5000; dagegen hatten die Verbündeten noch an 0000 M. Gefangene gemacht und 70 Stück Geschütz erbeutet. Brienne (Lomenie de), s. Lome'nie. Brigade nennt man eine größere, unter einen eigenen Führer gestellte Truppenab- thcilung. Noch im Kriege von 18 l 5 bestanden in der preuß. Armee die Brigaden aus allen Waffen, nämlich aus neun Bataillonen Infanterie, vier bis acht Schwadronen Cavalerie und einer leichten Fußbatterie. Diese Einrichtung ist aber aufgehoben und findet nur noch bei den Divisionen (s. d.) statt. Dagegen bestehen die Brigaden gegenwärtig in allen Armeen nur noch aus Einer Waffengattung. Es gibt Znfanteriebrigaden zu vier, höchstens zu sechs Bataillonen, Cavaleriebrigaden zu zwei oder drei Regimentern; Artilleriebrigadcn zu drei, zuweilen auch zu zwei Batterien. Nicht zu verwechseln find solche Artilleriebrigaden, welche die Stelle von Regimentern vertreten, wie in Preußen, und dann l 6 Compagnien stark sind. Die Hauptwaffen in den Armeen haben auch wol in sich abgeschlossene Waffenbrigaden, z. B. Grenadier-, Füsilier-, Kürassier-, Dragoner-, Husarenbrigaden u. s. w. In Preußen bilden je zwei Cavalerieregimenter eine Nciterbrigade, gleichviel aus welcher Specialwaffe sie bestehen. Bei der Infanterie wird die Eintheilung in Brigaden zu sechs Bataillonen nicht für vortheilhaft gehalten, weil sie zu wenig Stärke besitzen, dagegen den Brigaden (Divisionen zu neun Bataillonen) der Vorzug gegeben, wie überhaupt alle Gliederung größerer Truppenabtheilungen in drei Theile Vorzüge hat. Man zieht es daher auch vor, die Cavaleriebrigaden aus drei Regimentern bestehen lassen, ebenso wie die Artilleriebrigaden aus drei Batterien bestehen. Auch die Gendarmerie ist in Brigaden getheilt, deren Stärke jedoch von localen Verhältnissen abhängt. Brigadestellung oder Brigadeaufstellung ist eine taktische Formation, eine primitive oder vorbereitende Gefechtsstellung, in welcher die verschiedenen Waffen so geordnet sind, daß sie in zweckmäßige Wechselwirkung treten und sich gegenseitig unterstützen können, sowol bei der Vertheidigung als beim Angriffe. Gustav Adolf ist als der Erfinder der Brigadestellung anzusehcn, indem er die Aufstellung der röm. Legionen zum Vorbilde nahm und die aus Pikeniercn gebildeten Massen mit den aus Musketieren bestehenden Linien aus eine angemessene Weise in Verbindung brachte, wobei die 2016 M. starke Brigade in fünf Treffen zu stehen kam. Im I. 1632 vereinfachte jedoch der König diese allerdings etwas complicirtc Fechtordnung. Die franz. Brigadestcllungen unter Turenne waren wesentlich verschieden von der schwedischen und ahmten die röm. Cohortcnstellung nach. Gewöhnlich waren die Brigaden sieben Bataillone stark, von denen vier im ersten Treffen mit front- gleichen Zwischenräumen (togsr>tbmoru,ii ctuliss primu" heraus, einige Jahre nachher aber in seiner „^ritllmeticn logaritbmica" (Lond. 1623) die Logarithmen der natürlichen Zahlen von I—20000 und von 90000—100006 mit 14 Decimalstellen, die Frucht eines vieljährigen unermüdlichen Fleißes. Er foderte andere Rechner auf, ihn bei Ausfüllung der gebliebenen großen Lücken zu unterstützen, und bot ihnen zu diesem Zwecke sowol seine Anleitung als das schon liniirte Papier an, während er sich selbst mit einer Tafel der Logarithmen der Sinus und Tangenten durch alle Hundcrt- theile eines Grades, auf 13 Decimalstellen, beschäftigte, die, zugleich mit einer Tafel der natürlichen Sinus, Tangenten und Secanten, nach seinem Tode zu Gouda in Holland 1633 erschien. Er starb zu Oxford am 26. Jan. 1631. Brighella, s. Masken. Brighton, ursprünglich Brighthelmstone, kt der Grafschaft Sussex an der Südküste Englands, früher ein unbedeutender Fischcrort, den nur wenige Fremde bei der Überfahrt nach Dieppe berührten, ist jetzt eine bedeutende Stadt und eins der besuchtesten und glänzendsten Seebäder Englands. Die Stadt breitet sich theils in einem kleinen Thale am Steyne nach Lewes hin, theils zu beiden Seiten der Meeresküste aus. Sie zählt gegenwärtig -18600 E-, welche Fischerei, Handel und Schiffahrt treiben, und hat viele schöne Prachtgebäude. Namentlich zeichnet sich der sogenannte Crescent oder Kcmp-Town aus, ein imposanter Halbcirkel der schönsten Gebäude an einem schönen freien Platze, auf dem die zwar ähnliche, aber geschmacklose Statue Georg's IV. in Dragoneruniform steht. Die Badeanlagen, namentlich die geschmackvollen Alsliammeck buttis, sind in engl. Weise sehr großartig ausgeführt. Auch ist in B. ein Telegraph. Ihr schnelles ^mporkommen verdankt die Stadt der Vorliebe Georg's IV., der als Prinz-Regent auf den Einfall kam. hier das Seebad zu gebrauchen, und sich daselbst so wohlgesiel, daß er alle Jahre zurückkehrte i"V 87V Brigitteuorden Brille und sich eine prachtvolle Sommerwohnung im orient. Stil, Norme pavilion genannt, erbaute, sodaß auch die Großen seines Hofes veranlaßt wurden, daselbst ihren Sommeraufenthalt zu nehmen. In der Nahe von B. ist der 1134 F. lange, wie eine Brücke gebaute Damm merkwürdig, der von einer starken Eisenkctte getragen wird, die auf jeder Seite vier aus Gußeisen bestehende hohle Säulen halten. Auch findet sich bei B. eine Mineralquelle. Von B. aus versuchte König Karl I. nach der unglücklichen Schlacht bei Worccster nach Frankreich zu entfliehen, wurde aber hier ergriffen und nach London zurückgeführt. — Unter dem Namen Brighton gibt es noch zwei Orte in den Vereinigten Staaten von Nordamerika und einen auf Vandiemcnsland. Brigittenorden oder Orden von St-Salvator hieß ein ans Nonnen und Mönchen gebildeter geistlicher Verein, welchen Birgitte, gewöhnlich Brigitte genannt, eine schweb. Heilige aus königlichem Geschlechte, nach dem Tode ihres Gemahls zu Wad- stena in Ostgothland zu Ehren des Erlösers um 1363 stiftete. Es war eigentlich ein Nön- nenorden, der unter einer Äbtissin stand, dem aber zum Dienste in der Kirche eine Anzahl Mönche beigegeben war. Brigitte wollte unmittelbar durch Christus zur Stiftung dieses Ordens aufgcfodert worden sein und von ihm über die ganze Einrichtung desselben, die der des Ordens von Fontes raud (s. d.) ähnlich war, Belehrung erhalten haben. Nach der Zahl der Apostel, mit Einschlußdes Paulus, solltejedes Kloster 13 Priester, nach der der vier Hauptlehrer der alten christlichen Kirche vier Diakonen, und damit die Zahl der Glieder jedes Klosters, ohne die 13 Priester, mit der Zahl der Jünger Christi übereinstimme, 60 Nonnen und 8 Laienbrüder zählen. Um aber bei dieser Vereinigung beider Geschlechtcrzum beschaulichen Leben Zucht und Ehrbarkeit aufrecht zu erhalten, wohnten die Mönche in einem vom Kloster abgesonderten Gebäude und mußten auf jeden geselligen Umgang mit den Nonnen verzichten. Später ging Brigitte nach Rom und stiftete daselbst das Hospiz für Wallfahrer und studirendc Schweden. Im I. 1371 machte sie eine Wallfahrt nach Jerusalem und starb nach ihrer Rückkehr zu Nom am 23. Juli 1373; ihre Gebeine aber wurden nach Schweden in das Kloster Wadstena gebracht. Ihre Kanonisation erfolgte 1301 durch Bonisaz Vlll. und 1415 durch die Kirchenversammlung zu Kostnitz. Großen Ruf erhielten die „Usvelstiones 8t.-Lrigittae", namentlich auch die zu Gunsten der unbefleckten Em- pfängniß Mariä; sie sind sehr oft (zuerst Rom 1488, 4.) gedruckt und in neuere Sprachen übersetzt worden. Ihr Orden fand im Ganzen wenig Beifall; in den nordischen Neichen ward er bei der Reformation aufgehoben, länger erhielt ersieh im Süden Europas, wo er bis ins 17. Jahrh. bestand. Ihre Tochter war die sogenannte schwedische Katharina (s. d.). Brillant heißt überhaupt ein geschliffener Edelstein, insbesondere derDiamant (s. d.). Brillat-Savarin (Anthelme), ein geistreicher franz. Schriftsteller, geb. am I. Apr. 1755 zu Belley, bekleidete eine kleine Gcrichtsstelle, als die Revolution ausbrach. Von seinen Mitbürgern zur allgemeinen Ständeversammlung gesendet, nahm er nur an unwichtigem Verhandlungen Theil. Sehr bald wurde er Präsident des Gerichts zu Ain, verlor aber diese Stelle durch die Revolution vom 10. Aug. 1792. Nachdem er dann einige Zeit Maire von Belley gewesen war, ward er als Federalist vor das Tribunal gezogen und entging der ihm drohenden Gefahr nur durch eine schleunige Flucht. Nach einem kurzen Aufenthalte in der Schweiz begab er sich nach den Vereinigten Staaten. Während seiner Abwesenheit wurden seine Güter mit Beschlag belegt; doch gelang es ihm, nachdem er >796 nach Frankreich zurückgekehrt war, seinen Namen wieder von der Liste der Emigranten streichen zu lassen Hierauf ward er Secrctair im Stabe der Armee in Deutschland, dann Commissar dcs Direktoriums. Im I. 1800 erhielt er einen einflußreichen Posten am Cassationshofe, den er bis zu seinem Tode am 2. Febr. 1826 rühmlich verwaltete. Fast alle seine Werke waren anonym erschienen, sodaß er erst nach seinem Tode, namentlich durch seine geistreiche siologie «iu goüt" (Par. 1825; herausgcg. von Nicherand, 2 Bde., Par. 1834, und von Balzac 1840) als Schriftsteller bekannt ward. Von seinen übrigen Schriften erwähnen wir die „Vues et projels ck'ecvnomie politique" (Par. 1802) und „lössui tiistorihue et eritique L»r >e >Inel" (Par. 1819). Brille, entstanden aus Beryll, d. i. Edelstein, welches Wort im Mittelalter für jedes Glas gebraucht wurde, nennt man diejenigen Gläser, die von kurz- und weitsichtigen Perso- n w si il u di L w di hi r> a kl I- zl di b a d s ki e> s> v h » b g b n d n t, d L I cl v 8 v h k n § 8 L i ( a t' Brillen 671 ner. vor den Augen getragen werden, um die Fehler des Gesichts zu verbessern. Kurzsichtige, welche sie für entfernte Gegenstände brauchen, müssen concavc, Weitsichtige dagegen, welche sich ihrer bei nahen Gegenständen bedienen, müssen convexe Linsengläser anwcndcn. Je großer der Fehler des AugeS in beidenFällen ist, desto schärfer müssen die Gläser, d.h. desto kleiner ihre Brennweite, sein; doch muß bei der Auswahl derselben mit großer Vorsicht verfahren werden, um sic gerade nur so scharf als nöthig ist zu nehmen, da die Augen sich leicht an diese Gläser gewöhnen, und ihr Fehler durch zu scharfe Gläser leicht noch größer werden kann. Die Brillengläser müssen geschliffen und gut polirt, rein von Ungleichheiten und Ritzen und, was die gewöhnlichen Brillen betrifft, völlig farblos sein; kreisrunde etwas größere sind für die Augen zweckmäßiger, als die jetzt beliebten kleinen ovalrunden, über welche man leicht hinaussehen kann; die Fassung ist am besten von dunkler Farbe. Gewöhnlich nimmt man zu denselben Krön- oder Spiegelglas, das dem Flintglase jedenfalls vorzuziehen ist; Brillen aus brasil. Bcrgkrystall, welches Manche empfehlen, haben ihres hohen Preises ungeachtet keine wesentlichen Vorzüge. Die gewöhnlichsten Brillengläser für Kurzsichtige haben zwischen 4—30 Zoll, die für Weitsichtige zwischen 15—80 Zoll Brennweite. Die Optiker bezeichnen die verschiedenen Grade der Schärfe der Brillengläser durch Nummern und zwar die schärfsten Gläser mit den niedrigsten, die schwächsten mit den höchsten, verfahren aber dabei nach sehr verschiedenen Grundsätzen und oft ganz willkürlich. Die beste Bezeichnungsart ist die, wo die Nummer die Brennweite des Glases in Zollen bedeutet; hierbei ist die doppelt so große Nummer auch immer halb so scharf u. s. w. Unter der Benennung Con - servations- oder auch wol Präservativbrillen sind nicht etwa Brillen von besonderer Einrichtung zu verstehen, sondern solche / welche die Augen angeblich in ihrem Zustande erhalten und einer Verschlechterung derselben Vorbeugen sollen. Indessen gibt es eigentlich solche Brillen gar nicht, am wenigsten für gesunde Augen, da diese durch concave und convexe Gläser, wenn deren Brennweite auch noch so groß ist, nur verdorben werden können, und ganz flache Gläser, sogenannte Plangläser, keine, andere Wirkung haben können, als höchstens den Staub und andere das Auge afficirendc Körper abzuhalten, welche Bestimmung die stets mit dünnen Plangläsern, deren Oberflächen parallel sind, versehenen Staubbrillen haben. Farbige Brillen werden von solchen Personen, deren Augen sehr reizbar sind, getragen, um die zu große Helligkeit beleuchteter Gegenstände zu mildern; hierzu ist himmelblaues oder grünes Glas am besten, während Bernstein, woraus man in England Brillen zu verfertigen angefangen hat, wegen der dem Auge weit weniger zuträglichen gelben Farbe nicht empfohlen werden kann. Sie sind namentlich auf den Schncefeldern der Polargegen- dcu, z. B. in Sibirien, wohlthäiig. Als besondere Arten Brillen haben wir noch zu erwähnen: l) Periskop!sehe, d.h. umsichtige, Brillen, welche zum Durchsetzen nach allen Seiten, ohne die sonst nöthigc Wendung des Kopfes, da man bei gewöhnlichen Brillen nur durch die Mitte des Glases oder geradeaus ganz deutlich sehen kann, eingerichtet und auf der einen Seite hohl, auf der andern erhaben geschliffen sind. Sic wurden zuerst von dem Engländer Wollaston angegeben, von Peter Dollond in großer Vollkommenheit verfertigt und von Cau- chvix in Paris noch verbessert. 2) Staarbrillen, d.h. sehr convexe Brillen, für Solche, die vom Grauen Staar glücklich operirt worden sind und nachher fast immer in hohem Grade an Weitsichtigkeit leiden. 3)Brillcn für Schielende, welche den Zweck haben, die Augen vom Schielen zu entwöhnen, und gar keine Gläser, sondern nur zwei kurze und leere Röhren haben, nach deren Richtung sich der Augapfel wenden muß. Den Alten, Römern und Griechen, waren die Brillen nicht bekannt, wiewol sie die vergrößernde Kraft einer hohle», mit Wasser angefülllen Glaskugel kannten. Der berühmte Roger Baco (s. d.) scheint die Wirkung der concaven und convexen Gläser bereits gekannt zu haben. Gewiß ist, daß die Brillen im Anfänge des l4. Jahrh. in Italien bekannt waren. Gewöhnlich setzt man ihre Erfindung zwischen 1280 und 1310 und schreibt sie dem Mönche Alex, de Spina aus Pisa zu, welcher 1313 starb; dagegen wird auf einer Grabschrift in Florenz der florenlimsche Edelmann Salviano dcgli Armati, gest. l3I7, als Erfinder der Brillen genannt. Wie dem auch sei, für ausgemacht ist wol so viel zu halten, daß diese so überaus nützliche und wvhl- thätige Erfindung in Italien gemacht worden sei. Briüen oder Lünetten nennt man alle einer Festung im Hauptgraben vordem 672 Brindisi Brinkman Ravelin (s. d.) auf oder vor dem Glacis des Bedeckten Wegs vorgelegte Werke, theils mit, theils ohne Flanken, aus zwei Facen bestehend, zu dem Zwecke, die Belagerung der Fe- stung zu verzögern und zu erschweren. Sie haben gewöhnlich 150 — 200 F. lange Facen und 50 — 60 F. lange Flanken, sodaß sie 2 — -100 Mann und einige Geschütze fassen können. Dient die Brille zur Verschanzung einer Vorstadt oder offenen Stadt, wo dann ihre offene Kehle durch Palissaden oder eine crenelirtc Mauer verschlossen wird, so nennen sie die Franzosen auch Redoute (s. d.). Brindisi, das alte Brundusium oder Brundisium, ist eine sehr alte, von Kretern, nach Andem von Äoliern gegründete Stadt in Calabrien, am Adriatischen Meere, zwischen zwei Vorgebirgen und den Flüßchen Patrico und Mastna gelegen, die ursprünglich eigene Fürsten hatte, dann aber von den Römern genommen und zur Colonie gemacht wurde. Seit dieser Zeit hob sich die Stadt außerordentlich, wozu besonders der treffliche Hafen und der Umstand beitrugen, daß man von da, wie noch jetzt geschieht, gewöhnlich nach Griechenland und Asien überfuhr, weshalb auch die Appische Heerstraße bis hierher ausgedehnt wurde Als Pompejus der Große im Hafen zu B. eine Flotte zu sammeln im Begriff war, suchte Cäsar ihn hier cinzuschließen, allein jener entkam mit der Flotte nach Griechenland. Der Hafen wurde zuerst durch die Römer, nachher durch den Herzog Johann Anton von Tarent, welcher aus Furcht, es möchten vcnetian. oder neapolitan. Schiffe in denselben einlaufcn und sich der Stadt bemächtigen, ein mit Steinen geladenes Schiff versenken ließ, und später durch die Venetianer zerstört, sodaß er für größere Schiffe nicht mehr zu gebrauchen war Zu Ä. wurde der Trauerspieldichter Pacuvius geboren, Virgil starb daselbst. Das jetzige B. gehört zur neapolitan. Provinz Terra di Otranto, ist eine alterthümliche, schlecht gebaute Stadt, mit Wällen und Bastionen umgeben, und wird durch das auf einer vor dem Hafen liegenden Insel befindliche Fort St.-Andrea beschützt. Es zählt etwa 6000 E-, während es im 12. Jahrh. 60000 hatte. Der Hafen ist noch immer der einzige Kriegshafen an der neapolitan. Küste des Adriatischen Meers. Eine engl. Gesellschaft hat zu Anfänge des I. 1843 bei der neapolitan. Negierung um die Erlaubniß nachgesucht, denselben reinigen und wiederherstcllen zu dürfen. Brindley (James), einer der berühmtesten engl. Wasserbaumcister, wurde 1716 zu Tunsted in der engl. Graftschaft Derby von armen Altern geboren. Nachdem er einen nur dürftigen Unterricht erhalten hatte, kam er, 17 Jahre alt, zu einem Mühlenbauer in die Lehre. Eine Wasserhebungsmaschine, die er für eine Steinkohlengrube arbeitete, brachte ihn 1752 zuerst in Ruf. Eine nach einem ganz neuen Plane gebaute Seidenspinnmaschine und andere ähnliche Werke erwarben ihm die Gunst des Herzogs von Bridgewater, der ihm die Ausführung seines großartigen Plans einer Kanalverbiudung zwischen seinen Besitzungen zu Worsley und den Städten Manchester und Liverpool übertrug. (S. Bridgewater- Kana l.) Seitdem wurde bis zu seinem Tode keine Unternehmung dieser Art in England wenigstens ohne seinen Rath begonnen. Unter Anderm machte er auch den Plan zur Trockenlegung der Marschen in Lincolnshire und zurEntschlämmung der Docken zu Liverpool, auch beschäftigte ihn ein Plan, England und Irland durch eine Schiffbrücke zu verbinden. So mannichfaltig und sinnreich seine Erfindungen waren, so einfach waren die Mittel, durch welche er seine Zwecke erreichte. Er hatte selten ein Modell oder eine Zeichnung vor Augen, und wenn er auf eine wesentliche Schwierigkeit stieß, pflegte er sich zu Bette zu legen und, ohne etwas zu genießen, oft mehre Tage über die Beseitigung derselben nachzudcnken Er starb 1772. Brinkman (Karl Gust., Baron von), schweb. Staatsmann und Dichter, geb. am 24. Febr. 1764 auf dem väterlichen Gute im Kirchspiele Brannkyrka in der Landcshaupk- mannschaft Stockholm, studirte zu Upsala und besuchte dann die Universitäten zu Halle, wo er mit Schleiermacher in sehr innige Verbindung trat, Leipzig und Jena. Erst >790 kehrte er nach Schweden zurück, wo er sich nun der diplomatischen Laufbahn widmete. Er wurde 1792 Legationssecretair der schweb. Gesandtschaft in Dresden und 1798 Geschäftsträger in Paris, das er nach dem 18 . Brumaire verlassen mußte. Hierauf, kam er 1801 in gleicher Eigenschaft an den prcuß. Hof, wo er in seiner diplomatischen Function sich suspendirt sah, als sein König die prcuß. Orden zurücksendete. Sehr bald wurde er indeß in Berlin Vrinvillierä 673 r von neuem accreditirt und folgte > 8N6 dem preuß. Hofe, als dieser flüchtete. Im I. I8V7 ging er als Gesandter nach London, wurde aber von hier 1810 nach Stockholm zurückberufen , wo er noch gegenwärtig als Mitglied des Collegiums zur Berathung der allgemeinen Neichsangelegenheiten wirkt. Jm J. 1829 ernannte ihn die Königliche Akademie zu ihrem Mitglieds. Im I. 1835 vermachte er seine 10000 Bände starke, täglich sich mehrende Bibliothek, die besonders in der gricch. und modernen Literatur, sowie an schweb. Geschichtsquellen sehr reich ist, der Universität zu Upsala, deren philosophische Facultät ihn 1839 zum Ehrendoktor promovirte, während gleichzeitig der König ihn zum Baron ernannte. B. hat gründliche Studien gemacht und namentlich ausgezeichnete Sprachkenntnisse sich erworben. Gleich gewandt wie in der klassischen Sprache des alten Roms, ist er in seiner Muttersprache, in der franz., deutschen und engl. Sprache. Seine ersten „Gedichte" (2 Bde., Lpz. 1789) ließ er unter dem Namen Selmar erscheinen; auch gab er in Paris ei» Bändchen Gedichte für seine Freunde heraus, dann folgten die „Philosophischen Ansichten und Gedichte" (Bcrl. 1801), die er anonym herausgab. Für das Gedicht „Die Welt des Genius" erhielt er 1821 von der Königlichen Akademie den ersten Preis. Lange Zeit hielt man ihn für den Verfasser der „Memoiren des Herrn von S—a", die aber von Weltmann (s. d.) herrühren, der jedoch Manches aus seinen Unterredungen mit B. niedergeschric- ben haben mag. In der Zeisschrift „8vea" (Heft 11) ließ er 1828 „Hkbilcker" abdrucken. Viele Jahre stand er mit Frau von Stack in lebhaftem Briefwechsel, wie er es denn überhaupt liebt, sich in Briefen mit seinen Freunden über die interessantesten Gegenstände der Literatur und praktischen Philosophie auszusprechen. Brinviüierö (Marie Madelaine, Marquise von), jene berüchtigte Giftmischerin, die zur Zeit Ludwig's XIV. Frankreich in Furcht und Schrecken setzte, war die Tochter Dreux d'Aubray's, Lieutenants bei der Stadt Paris, und erhielt eine sorgfältige Erziehung. Noch jung wurde sie an den Marquis de B. verheirathet, der später Mestre de Camp bei dem Regiment Normandie ward. Beide Gatten lebten bei großem Vermögen sehr verschwenderisch und hatten einen Rittmeister, Jean Baptiste de Godin, Seigneur de St.-Croix, zum gemeinschaftlichen Freunde, der bald über den Marquis eine unbedingte Herrschaft auszuüben wußte und mit dessen jungen Frau in ein verbrecherisches Verhältniß trat. Auf Ansuchen der Familie d'Aubray wurde deshalb St.-Croix in die Bastille gesetzt, nach einem Jahre aber wieder entlassen. Während dieser Gefangenschaft lernte er einen Italiener, Namens Exil!, kennen, der ihn in die Geheimnisse der Bereitung und Anwendung eines furchtbaren Giftes einweihte. St.-Croix setzte nach seiner Befreiung den Umgang mit der Marquise B. fort und theilte ihr sein Geheimniß, wahrscheinlich auch die Plane, die er darauf gründete, mit. Mit Hülfe eines Bedienten, Jean Amelin, genannt Chaussee, vergiftete nun die Marquise ihren Vater, ihre zwei Brüder und ihre Schwestern, um sich zur Fortsetzung ihres schwelgerischen Lebens mit St.-Croix das ganze Familienvermögen anzueignen. Auch gestand sie später, daß sie ihrer Kammerfrau, mehren andern Personen ihrer Umgebung und verschiedenen Kranken in den Hospitälern, denen sie sich trostbringend näherte, das Gift gereicht habe, besonders um die Wirkungen desselben zu beobachten. Man hatte bei allen diesen Personen Zeichen der Vergiftung wahrgenommen, konnte aber nicht auf den wahren Urheber derselben kommen. Ihren Gemahl vergiftete die Marquise mehre Male, aber St.- Croix gab ihm, aus Furcht, er müsse nach dessen Tode das fürchterliche Weib heirathen, stets Gegengift, welches die Wirkung aufhob. St.-Croix starb plötzlich im I. 1672 an den Folgen seiner Giftbcreitung; vor seinem Tode hatte er verordnet, der Marquise 31 an ihn gerichtete Briefe und ein versiegeltes Kästchen auszuhändigen, oder Beides uneröffnet zu verbrennen. Man untersuchte indeß diese Gegenstände und fand in dem Kästchen eine Menge Gift, in den Briefen Andeutungen über sein verbrecherisches Verhältniß zur Marquise. Fast zu gleicher Zeit hatte man den verdächtigen Chaussee eingezogen, der seine Theilnahme an den Verbrechen auch eingestand, die Marquise vielfach anschuldigte und 1673 hingerichtet wurde. Die Marquise hatte jedoch Gelegenheit gefunden, sich durch die Flucht zu retten; sie floh nach England, von da nach Deutschland und dann nach Lüttich. Schon in ihrer Abwesenheit war sie in Frankreich zum Tode mit dem Schwert verurthcilt worden; in Lüt- Conv.-Lex. Neunte Ausl. II. ^3 -^1 674 Vriseis Vrifsac tich plötzlich festgcnommcn, wurde sie nach Paris gebracht. Unter ihren Papieren fand man einen Aufsatz, der eine Gcncralbeichtc ihres Lebens, die Bestätigung der erwähnten und vieler anderer Vergiftungen und die Enthüllung von Ausschweifungen und fleischlichen Vergehen seit ihrer frühesten Zugend enthielt. Sonderbar genug war die Marquise auch als die Beschützerin der gedrückten Unschuld aufgetreten und hatte aus Mitleid für ein junges Mädchen, das wegen Vermögensrücksichten in ein Kloster gesperrt wurde, deren ganze Familie vergiftet. Dabei war sie bigot und besuchte fleißig die Kirchen. Anfangs leugnete sie Alles und gab vor, die bei ihr Vorgefundene Eeneralbeichte im Anfalle eines hitzigen Fiebers geschrieben zu haben; aber mittels der Tortur, die sie übrigens mit großer Standhaftigkeit aushielt, bekannte sie endlich alle ihre Missethaten. Sie wurde darauf, weil sie von Adel war, am 16 . Juli 1676 enthauptet und erlitt diese Strafe, ohne irgend eine Bewegung zu verrathen, nur daß sie dabei über den religiösen Eifer der Geistlichkeit spottete. Weil sich die Anwendung ihres Giftes, das man mit dem Namen Successionspulver belegte, zu verbreiten schien, so ließ Ludwig XIV. einen besonder» Gerichtshof, dietlllambre arllente (s. d.), einsetzen, der sich vorzugsweise mit der Entdeckung und Bestrafung dieser Art Verbrechen befassen sollte. Briseis, die Tochter des Brises, der nach Dictys König zu Pedasus und Priester in Lyrnessus war, wurde vom Achilles erbeutet, nachher aber dem Agamemnon zu Theil, als :r die Chrvseis zurückgeben mußte, jedoch später dem Achilles (s. d.) zurückgcgeben. Brissac (Charles de Cosse, Graf von), Marschall von Frankreich, geb. um 1505, that sich von früher Jugend an durch glänzende Waffenthaten hervor. Er wurde 1540 Großfalkonier und 1542 Generaloberst des franz. Kriegsvolks zu Fuß. Im folgenden Jahre commandirte er die leichte Cavalerie in Piemont und focht auch tapfer in Flandern. In den I. 1544 — 46 kämpfte er mit ebenso viel Tapferkeit als Geschick gegen die Englän- der und die Kaiserlichen in der Champagne und in Flandern, und 1547 wurde er Großmeister der Artillerie. Von sehr wohlgefälligem Äußern, dabei von Ehrgeiz entbrannt, wußte er sich auch bei Hofe Einfluß und Ansehen zu verschaffen; er war besonders der Günstling der Diana von Poitiers, die ihm bei jeder Gelegenheit Vorschub zu leisten suchte. Jm Z. 1556 wurde er, nachdem er schon vorher Haushoftneister geworden, zum Marschall von Frankreich erhoben, und Heinrich II. verlieh ihm das Generalcommando in Piemont. Mit wenigen Truppen, von Gelde entblößt, wußte er hier glücklich den Kaiserlichen zu widerstehen. Um die schlecht besoldeten Kriegsknechte unter den Fahnen zu erhalten, opferte er aber auch einen Theil seines eigenen, nicht unansehnlichen Vermögens. Sein würdiger Gegner war lange Zeit der Marquis von Gonzaga, mit dem er sich nicht allein in den Waffen, sondern auch in der Politik zu messen strebte. Doch machte man ihm in dieser Stellung den Vorwurf, daß er sich in zu ausgedehnter Weise der Spionerie bedient und mit einem Haufen italien. Banditen umgeben habe, die seine Politik unterstützen mußten. Im 1.1559 ernannte ihn Heinrich II. an Coligny's Stelle zum Gouverneur der Picardie; Karl IX. gab ihm 1562 die Commandantur von Paris und 1563 das Gouvernement der Normandie. Er starb am 3I.Dcc. 1563. — Sein Bruder, Arthus de Cosse, Grafvon B., vor seiner Erhebung zum Marschall von Frankreich unter dem Namen Gonnor bekannt, leistetc Karl IX. wichtige Dienste in den Kämpfen gegen die Hugenotten. Auf Befehl der Katharina von Medici wurde er 1574 gefangen gesetzt, weil er verdächtig war, der Partei dei Herzogs von Alencon anzugehören, und erst nach siebzehnmonatlicher Gefangenschaft von Heinrich III. wieder freigelassen. Erstarb 1582. — Ti mole'on de Cosse, Grafvon B-, der Sohn Charl. de Cosse"s, wurde mit dem Könige Karl IX. erzogen, der ihn später mil Gunstbezeigungen überhäufte. Er kämpfte in den königlichen Heeren gegen die Hugenotten und ging dann 1565 nach Malta, um die Insel gegen die Türken vertheidigen zu helfen. Auch nach der Rückkehr fuhr er fort, die Partei des Hofes und der Katholiken eifrigst zu unterstützen. Er siel 1569 bei der Belagerung von Mucidan inPerigord. — Sein Bruder, Charl. de Cosse, Graf von B., hielt sich in den Religionskriegen an den Herzog von Guise und war besonders während der Unruhen in Paris sehr thätig. Heinrich III. ließ ihn zwar einmal verhaften, doch wurde er sogleich wieder sreigegeben. Im I. 1594 erhielt er das Gouvernement von Paris, welche Stadt er dann Heinrich IV. übergab, der ihn dafür Bristol 675 zum Marschall von Frankreich erhob. Im Z. 16 lI verlieh ihm Ludwig XIII. die Würde eines Pairs und Herzogs. Er starb 1621. — Von den übrigen Familicnglicdern erwähnen wir noch Lo uis HerculeTimole'on de Cosse, Herzog von B., der Pair und Groß' Würdenträger von Frankreich war und im Sept. 1792 zu Versailles mit vielen andern gefangenen Adeligen vom wüthenden Pöbel ermordet wurde, und dessen Sohn, Timole'on deCosse, Herzog vonB., der unter Napoleon Kammerherr der Kaiserin Mutter, bei der Rückkehr der Bourbons einer der Ersten war, die sich Ludwig XVIII. zuwendetcn, dafür ,um Pair erhoben wurde und sich seitdem unausgesetzt als Anhänger der absoluten Monarchie gezeigt hat. Bristol (Jean Pierre), nach dem Dorfe, in welchem er erzogen wurde, de Quarville oder Warville genannt, einer der Männer, die auf die erste Entwickelung der franz. Revolution, deren Opfer er später ward; den größten Einfluß gehabt haben, war zu Chartres 1754 geboren, der Sohn eines Gastwirths und zwar der dreizehnte. Nach Vollendung seiner Studien in Paris trat er in die Dienste eines Procurators, bei dem auch Robespierre arbeitete; doch sehr bald entsagte er der juristischen Praxis, um sich der schriftstellerischen Laufbahn zu widmen. Gleich durch sein erstes Werk, „Hicoi-W des lois criminelles", fand er den Beifall und die Ermunterung Voltaire's und d'Alembert's, und seine „Hibliotlieque des lois criminelles", ein zu Paris angcfangenes, zu London beendetes und zu Ncufchatel gedrucktes Sammelwerk brachte ihn bei den angesehensten Gelehrten und Juristen in Achtung. Da er aber ohne Mittel war, faßte er, um seine Lage zu sichern, den auch von d'Alembcrt gebilligten Plan, nach London zu gehen und daselbst unter dem Titel „Ii.)ce,im" eine gelehrte Zeitschrift zu gründen, in der er die Kräfte der ausgezeichneten Geister aller Nationen zu con- centriren gedachte. Es gelang ihm auch in der That, die Zeitschrift ins Leben treten zu lassen; allein zu wenig unterstützt, mußte er sie bald wiederaufgeben, worauf er nach Paris zurückkehrte. Hier wurde er, da man ihn für den Verfasser eines gegen die Königin gerichteten Pamphlets, das der Marquis de Pcllcport verfaßt hatte, hielt, in die Basiille gesetzt und erst nach vier Monaten auf Verwenden der Frau von Genlis und des Herzogs von Orleans freigegeben. Mit Klaviere gab er sodann unter Mirabeau's Namen mehre Schriften über die Finanzen heraus, die große Theilnahme fanden. Um diese Zeit wurde er auch durch Du- crest, den Bruder der Frau von Genlis, mit dem Herzoge von Orleans bekannt, der die Verbindung mit ausgezeichneten Publicisten für seine Ncformprojecte und Angriffe gegen die Minister suchte, und ließ sich sogar willig finden, in dessen Kanzlei im Palais-Noyal Dienste zu nehmen. Hier lernte er die ganze Verdorbenheit jener Männer und Hofleute kennen, die dem schon wankenden Staate von ihrer Höhe aus durch Reformen zu Hülfe kommen wollten. Zeitig genug von der lettre decaciiessdie wegen des in der Kanzlei des Herzogs von Orleans vorbereiteten Complots, das im Parlament ausbrach, gegen ihn ausgefertigt war, in Kenntniß gesetzt, floh er nach London, wo er sich in die Gesellschaft für die Abschaffung des Negerhandels aufnehmen ließ. Später kehrte er nach Frankreich zurück und gründet? hier 1788 einen ähnlichen Verein unter dem Namen „8ociete des smis des noirs", der schnell alle die eifrigen Freiheitsfrcunde in sich vereinigte und ihn behufs des Gesellschaftszwecks nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika sendete. Bei seiner Rückkehr brach die Revolution aus, die er nun mit allen seinen Wünschen und Kräften unterstützte. Er veröffentlichte eine Menge Flugschriften, welche große Wirkung hatten und die Aufmerksamkeit auf ihn lenkten, und gründete namentlich das Journal „4.« pstriote Iran^ms", das bald der Mittelpunkt der ersten Freiheitsmänner und ihrerJdeen wurde. Der Einfluß, den er dadurch als Publicist auf die öffentliche Meinung und die Entwickelung der Ereignisse erhielt, war unberechenbar. Zwar mangelten ihm mit seinen Freunden Sieyes und Pe'thion einige Stimmen, um in die Generalstaaten treten zu können, allein er hatte doch die Eenugthuung, daß man ihn in der Versammlung bei Entwerfung der Constitution wiederholt als Autorität anzog. Als er nachher, ungeachtet des heftigsten Widerstandes des Hofes, von der pariser Gemeinde für die Nationalversammlung gewählt wurde, sammelte er hier weniger durch seine Persönlichkeit als durch seine gründliche juristische und publicistische Bildung bald alle die jungen und glänzenden Geister um sich, die ihr Talent und ihre Opposition gegen den 43 * U. 676 Bristol Hof und den absoluten Thron richteten. So gewann er, ohne eigentlich das Haupt einer poli. tischen Partei zu sein, auf alle Acte der ersten Revolution den entschiedensten Einfluß, wurde aber auch vom Hofe und der Reactionsparkei so bitter gehaßt, daß man für alle Anhänger der Reform den Schimpfnamen ttrissolir, erfand. Da sich später dieselben Männer wirklich zu einer politischen Partei unter dem Namen der Girondisten, zu denen auch B. gehörte, vereinigten, so entstand die Gleichbedeutung beider Benennungen. Für den Convent wurde B. vom Departement der Eure und Loire gewählt. Seine Opposition hatte indeß durch die Maßregeln der cxaltirten Partei eine andere Richtung erhalten, und der Hof fing an, ihn als seinen sichern Freund zu betrachten. Er widcrsetzte sich sowol den Septembermännern als dem Processe und der Verurtheilung des Königs. Als Ludwig XVI. sein Urthcil vernahm, rief er aus: „Ich glaubte, B. würde mich gerettet haben." B. hatte indessen, in der Ansicht, daß es der geeignetste Weg sei, den König zu retten, für dessen Tod, aber mit der Appellation ans Volk gestimmt. Eifrig betrieb B. die Kriegserklärung der neuen Republik gegen England und Holland, und es war dies sein letzter politischer Act. Fortwährend von der täglich an Macht und Ansehen zunehmenden Bergpartei angegriffen, bald des Ro> yrlismus, bald des Federalismus beschuldigt, unterlag er am 31. Mai mit seinen übrigen Freunden, den Girondisten. Er wurde des Einverständnisses mit dem Hofe beschuldigt, zu Moulins verhaftet und in die Abtei gebracht, wo er, sein Todesurtheil voraussehend, unter dem Titel „V>eM L mes enfantt" seine Memoiren schrieb. Am 30. Oct. 179-1 mußte er mit 20 seiner gleichgesinnten Genossen das Schaffet besteigen. Man hatte ihn beschuldigt, vom Hofe große Summen erhalten zu haben, um sein Talent gegen die Revolution zu wenden, man hatte sogar das Gerücht verbreitet, England habe ihm Millionen gegeben, um die Revolution in Frankreich zu erwecken und zu nähren; aber der gründlichste Gegenbeweis dafür ist wol, daß er, der nie ein Verschwender war und die strengsten Sitten bewahrte, seine Familie in der größten Dürftigkeit zurückließ. Er war weder ein Genie noch ein großer Redner-, aber ein gebildeter und stets milchiger Charakter, der mit Unrecht und nur darum verleumdet worden ist, weil ihn seine Ansichten und Grundsätze gegen beide Parteien trieben. Bristol, eine der wichtigsten Handelsstädte Großbritanniens, bildet ein eigenes Ge. biet in der Grafschaft Somerset und liegt an den schiffbaren Flüssen Avon und Farne welche bedeutend erweitert, mit Uferstraßen versehen und für Schiffe von 1000 Tonnen tragbar gemacht sind, beinahe zwei Meilen vom Meere. Es hat einen für Seeschiffe geräumigen Hafen, auf dessen Ausbauten man von 1803—9 mehr als 600000 Pf. St. verwendethat, und mehre Vorstädte, welche besser gebaut sind als die mehr unregelmäßige Altstadt, so namentlich die schöne Vorstadt Clifton mit den öffentlichen Plätzen Noyal-Vork- Crescent und Lower-Crescent. Die Stadl ist der Sitz eines Bischofs, hat eine große Anzahl Kirchen, Kapellen und Bethäüser, unter denen die gokhische Kathedrale (vgl. Britton, „8>- stor^ anck sntiquitie» okDristol cslkeclral", Lond. 1830, 3., mit Kupf.), die Kirche der heil. Maria Nadcliffc und die Lordmayors-Kapelle die sehenswerthesten sind, einen prachtvollen bischöflichen Palast, eine im griech. Stil erbaute Börse, sieben Privatbanken, ein Theater, einen Handelspalast mit einem großartigen Porticus, wo die Kaufleute täglich von 3—1 Uhr zusammenkommen und alle inländischen Zeitungen, Schifferlisten sowie eine kleine Bibliothek vorfinden, und eine 210 F. hohe und 30 F. breite Kettenbrücke über den Avon, unter welcher Fahrzeuge mit vollen Segeln durchfahren können. Unter den öffentlichen Gebäuden zeichnen sich ferner noch aus die Gcrichtshalle, der seit 1825 bei dem Kirchhofe St.- James eröffnete und bedeckte Bazar und das 1826 vollendete großartige Rathhaus. Zn der Stadt befinden sich eine Blindenanstalt, eine Brunnenanstalt, ein Bcsscrungshaus für verirrte Mädchen, ein Armenhaus, eine große Anzahl Hospitäler und andere wohlthatige Anstalten. Es bestehen daselbst eine auf Subscription gegründete und 1829 eröffnete Universität, ein Gymnasium, eine Seeakadcmie und viele andere Schulen, ein literarisches Institut und eine öffentliche Bibliothek. Die zahlreichen Fabriken liefern namentlich Teppiche, Wollen-und Baumwollenwaaren, Spitzen, Segeltücher, Seidenwaarcn, Hüte,Leder,Steingut, Nadeln, Messing, Zinnwaaren, Vitriolöl, Terpcnthin und Farbewaaren; außerdem gibt es viele Kupfermühlcn, Zuckersiedereien, Bierbrauereien, Brennereien, Twistspinncreien und Seifensiedereien. Die Nähe bedeutender Kohlengruben hat sowol in B. wie in dessen i z ! c 0ll- irde lger ürk- irde die ihn >ern o erber der PU- 2 nd N°> igen , zu nter mit som Sen, Re. ifür Fa- «red- vcr- !N. Ge. rrne inen raunen- Alt- !ork- zahl ,«i- heil. sllen ater, leine von, Ge- St.- Zn ifür ätige Uni- Jn- >iche, teingibt ceien esse» Brisüre Britannia 677 Umgebung die Anlage vieler Glashütten, Kupfer-, Messing-, Eisen- und Bleiwcrke, Fa» yencefabrikcn u. s. w. veranlaßt. Die Stadt handelt vorzüglich mit Irland und Westindier» und beschäftigt gegen 2000 Schiffe, deren sie selbst mehr als 300 besitzt. Auch sendet sic jähr- lich viele Schiffe nach Neufundland auf den Fischfang. Den Verkehr beleben noch insbesondere eine 35 '/2 M. lange Eisenbahn von hier nach London und eine 6 M. lange nach Cheltenham, die bis Birmingham fortgesetzt wird. Die Stadt zählt jetzt 115000 E. Bon zahlreichen Fremden werden diebristolerHeilbäder, Hot besucht, die zwischen B- und Clifton am Avon in reizender Umgebung liegen. Bekannt sind auch die Bri- sioler Steine oder Diamanten, unechte Edelsteine, die sich in der Nähe von B. finden. Der Kanal von B. ist ein Busen des Atlantischen Occans, der zwischen den Küsten von Südwales und Devon und zwischen Hartlands und St.-Gavers-Point in das Land eindringt und in seiner Böschung die weite busenähnlicke Mündung der Sevcrne hat. Die Flut steigt in demselben 10 — 12 F., ja bei hohem Wasser 17—24 F. hoch und trägt dann Seeschiffe bis nach B. selbst. Nach der Sage stand B. schon im 4. Jahrh. v. Ehr.; bereits um 430 n. Ehr. wird es schon unter den befestigten Städten aufgeführt. Gegen Ende des 12. Zahrh. galt es für eine reiche, sehr ansehnliche Stadt. Das Bisthum daselbst wurde durch Heinrich VIII. gestiftet. Seine mercantilische Wichtigkeit erlangte cs aber erst durch die Schiffbarmachung des Avon im 1. 1727. In neuerer Zeit gab am 28. Oct. 1831 der Ein- zug des dem Pöbel verhaßten Gegners der Parlamcntsreform und gewesenen Parlamcnts- gliedes Sir Charles Wetherell als Recorder zu einem furchtbaren Tumulte in B. Veranlassung. Das Volk erstürmte das Rathhaus und die Gefängnisse, zerstörte das Zuchthaus (Bridewell), die Zollhäuser, den bischöflichen Palast und verbrannte und plünderte mehre andere Häuser. Erst am 31. Oct. vermochten die herbeigezogcncn Truppen nach hartnäckigem Gefechte die Ruhe herzustellen. Der angerichtete Schade ward auf 300000 Pf. St. geschätzt. — Bristol heißen mehre Districte und Städte in den nordamerikan. Freistaaten, unter denen ein Canton Bristol im Staate Rhode-Island mit der gleichnamigen Stadt, welche einen guten Hafen, bedeutende Rhederei und 3300 E. hat, ferner der Ort Bristol im Canton Hartford des Staats Connecticut, mit 1750 E-, und endlich der Can- tonBristol im Staate Massachusetts von 27 OM-, mit 55000 E., die wichtigsten sind. Brisüre nennt man beim bastionirten Umriß das Stück der gebrochenen Courtine, auf dessen Ende die zurückgezogene Flanke steht. Die gegenüberliegende Linie, welche die zurückgezogene Flanke mit dem Schultcrpunkt verbindet, heißt die äußere Brisüre. Britanma hieß bei den Römern seit Julius Cäsar das heutige England und Schottland; Aristoteles führt sowol diese Insel unter dem Namen Albion, als die westliche unter dem Namen Jerne (bei den Römern Hibernia, jetzt Irland) als brelanische Inseln an, ein Name, der sich bei ihm überhaupt zuerst findet. Die erste Kunde von B. hatten die Phönizier, die von ihren span. Pflanzstädten Tartcssus und Eades aus nach den Kassiteridcs, den jetzigen Scillyinseln an der südwestlichen Spitze von England fuhren, um daselbst Kassitcros, d. i. Zinn, von den Eingeborenen einzutauschen. Um das I. 360 v. Ehr. gab der Karthager Hi- milko, um 320 der Massilier Pytheas Nachrichten von B., das sic besucht hatten; nach der Insel Jctis (vermuthlich das jetzige Wight) fuhren des Zinnhandcls wegen massilische Kaufleute von der nördlichen Küste Galliens. Die Unterstützung, welche brit. Völker ihren Stammgenossen in Gallien gegen Julius Cäsar gewährt hatten, gab diesem zuerst unter den Römern Anlaß, im I. 55 v. Chr. nach B. mit Hceresmacht überzusehen; bei seinem zweiten Zuge im folgenden Jahre unterwarf sich Cassivellaunus, ein brit. König, nach tapferer Vertheidi- gung, doch führte Cäsar seine Truppen wieder aus B. weg, zwischen dessen Bewohnern und den Römern seitdem Handelsverkehr bestand. Erst im I. 43 n. Chr. unternahm Kaiser Claudius die Unterwerfung B.s. Von Camalodunum, dem jetzigen Colchester, aus wurde zunächst das südöstliche B. zur röm. Provinz eingerichtet, welcher anfangs A. Plautius, nach ihm P. Ostorius Scapula Vorstand, der ihre Grenzen durch Kriege erweiterte. Einen allgemeinen Aufstand der Briten, an dessen Spitze die heldenmüthige Königin Boadicea stand, veranlaßten die Härte der röm. Verwaltung, die Bedrückung durch Auflagen und der Wucher der röm. Kaufleute; 70000 Römer wurden ermordet; doch gelang es dem Statthalter Suetoniuö Paulinus im I. 61 die Briten nach verzweifeltem Kampfe wieder zu unterwer» 678 Britannia fen; Boadicea aber tödtctc sich selbst. Durch siegreiche Kämpfe mit den Völkern in den west» > „ lichen Gebirgen befestigten Petilius Cercalis (70—75) und namentlich Cn. Julius Agri- § cola (s. d.), der vom I. 78—85 unter Vespasian und Domitian B. verwaltete, die röm. 2 Herrschaft; der Letztere dehnte sie bis zu den Meerbusen des Clyde und Forth aus, der nörd- lichsten Grenze, welche sie überhaupt erreicht hat, und ordnete das Innere. Hadrian gab im „ I. 120 jene Grenze auf und zog als solche zwischen dem Solwaybuscn und der Tynemün- dung einen Wall, dessen Reste noch jetzt in dem sogenannten Pictenwall bestehen. Die Mäa- ten im südlichen Schottland, welche dieselbe durchbrachen, wurden von dem Statthalter h Lollius Urbicus besiegt, der die Grenze des Agricola durch einen nach dem Kaiser Antoninus e, dem Frommen benannten Erdwall befestigte und so das röm. B. von 8 . Ksrbara oder Kale- donia schied. Gegen die Bewohner des letztem, die Kaledonier, war, als sie in die Provinz z eingefallen waren, der Statthalter Ulpius Marcellus (ISO—197) siegreich; doch nöthigten ! „ neue Einfälle derselben schon den Kaiser Septimius Severus selbst nach B. zu gehen, wo er, . nachdem er den Wall Antonin's durch eine Mauer verstärkt hatte (mnrus Severi), im1 .2 lI c zu Eboracum, dem heutigen Jork, starb. jl Damals zerfiel das röm. B. in folgende Theile: 6 . prim», der südliche Theil, 8 . se ! ^ ounels, das Land westlich von der Scvernc, östlich davon Vlavis 6 ässrieosis nördlich bis § zum Humber, jenseit dieses Flusses Naxima 6 ä 8 aricnsis, der nördlichste Theil zwischen 0 den beiden Wallen, immer ein unsicherer Besitz, Valencia. Der Menapier Carausius, ein « röm. Befehlshaber, nahm durch sächs. und fränk. Krieger unterstützt, den Kaisertitel in z B. an im I. 287 und herrschte anerkannt von dem röm. Kaiser Maximinian kraftvoll sieben Jahre lang, bis ihn sein Gefährte Allectus tödtete, der selbst durch Konstantins j, Chlvrus im I. 296 besiegt ward. In Eboracum, wo dieser im I. 306 starb, ward sein ^ Sohn Flavius Konstantinus, der Große, zuerst zum Kaiser ausgerufen. Unter seiner ? Regierung genoß B. noch der Ruhe, aber bald nach seinem Tode begannen die räuberischen ^ Einfälle der Picten, die vielleicht, und der Scotcn, die gewiß aus Irland in das nördliche Schottland eingewandert waren. Selbst nach dem großen Siege, den Theodosius, der ( Vater des Kaisers Theodosius des Großen, im I. 368 über beide Völker, da sie bis Lon- x don vorgedrungen waren, erfocht, wiederholten sich bald ihre Einfälle. Auch Gcgenkaiser x traten in B. auf, unter denen Maximus, hingerichtet 388, und Konstantin, ermordet IN, s ihre Herrschaft über Gallien ausdehnten. Endlich gab Kaiser Honorius die röm. Herrschaft ! r über B. ganz auf, nachdem er noch einmal im I. 421 eine Legion gegen die Picten und 5 Scotcn den Briten zu Hülfe gesendet hatte; als der röm. Feldherr Aetius 446 ihnen den i Beistand verweigerte, suchte diesen ein brit. Fürst in Kent, Vortiger, bei den Sachsen, die r schon lange durch Seeräuberei die Küsten beunruhigt hatten, und die nun verbunden mit den ^ Angeln in der zweiten Hälfte des 5. Jahrh. selbst ihre Herrschaft in B. gründeten. (S. Angel- s sa ch se n.) Die gemeinsame Benennung der Völker, die bis gegen Caledonien wohnten, § warBritanni oder Britones, vermuthlich von dem keltischen Worte brith, d. h. bunt oder x gefärbt, nach der Sitte der Einwohner, sich bunt zu bemalen, deren Cäsar gedenkt. Sie ge- j hörten zu dem großen keltischen Völkerstamm und waren am nächsten mit der Abtheilung i desselben, welche Gallien bewohnte, verwandt. Unter den einzelnen Stämmen, in welche sie z zerfielen, sind namentlich die Kantii, deren Name sich im heutigen Kent erhalten HOt, die , Trinobanten, in deren Gebiet Londinium, ein seit der ältesten Zeit ansehnlicher Handelsort, j lag, und wegen tapferer Gegenwehr gegen die Römer die Brigantes im Norden, die Ordo- vici und Silures in den westlichen Gebirgen und die Damnonii im Südwesten zu erwähnen. , Die Bewohner des jetzigen Wales, die Kymren, die sich selbst auch Brython nennen, sind z Nachkommen der alten Britannier. Mit den übrigen Kelten gemeinsam war diesen ein ei- : genthümlicher Priesterstand in den Druiden, mit welchen die Barden, Dichter, nahe verbunden waren. In der Hörigkeit des Priesterstandes und des Standes der Häuptlinge oder > Ritter befand sich schon zu Cäsar's Zeit, wie in Gallien, das übrige Volk, und auch die Kö- ^ nige, die über die einzelnen Stämme herrschten, waren durch sie beschränkt, hatten nur im , Kriege, bei dem man sich der Streitwagen (esoeclae) bediente, freiere Gewalt. Viehzucht, , Jagd, Bergbau, Getreidebau und Tauschhandel mit den Producten trieben die Einwohner , Von alter Zeit her; unter den Römern, bei deren Abzug 28 Städte, nebst vielen Castellen ! Britannicus (Cäsar) Brocchi 679 und kleinen Orten in der röm. Provinz bestanden, vervollkommnctcn sic sich bald in den Künsten des Friedens, und auch das Christenthum verbreitete sich früh, schon zu Ende des 2. Jahrh. in B.; die Verfolgungen Diocletian's trafen auch die brit. Christen und auf dem ersten Concilium, das unter Konstantin dem Großen 4 ll zu Arles gehalten wurde, erschienen die drei brit. Bischöfe von Aork, London und Lincoln. Britannicus Cäsar (Tiberius Claudius Germanicus), der Sohn des Kaisers Claudius und der Messalina, wurde wenigf Tage nach des Vaters Regierungsantritte geboren. Als erstgeborener Sohn war er der rechtmäßige Thronerbe; allein Claudius, von seiner zweiten Gemahlin, der herrschsüchtigen Agrippina, überredet, nahm ihren Sohn erster Ehe, Dvmitius Nero, an Kindesstatt an und erklärte diesen, da er drei Jahre älter war als B., zu seinem Thronfolger, worin der feile Senat zustimmte. Agrippina aber suchte dessenungeachtet, unter dem Vorwände mütterlicher Zärtlichkeit, B. in möglichster Unmündigkeit zu erhalten. Sie gab ihm nur Diener, die ihr ergeben waren, ließ seinen treuen Lehrer So- sibius ermorden, erlaubte ihm nicht, außerhalb des Palastes zu erscheinen, ja sie wußte sogar ihn seinem Vater zu entfremden, indem sie diesen überredete, daß B. blödsinnig und epileptisch sei. Der alte schwache Kaiser gab zwar zu verstehen, daß er Agrippina's Ränke durchschaue; aber sein durch sie bewirkter Tod hinderte ihn, den begangenen Fehler wieder gut zu machen. Nero ward zum Kaiser ausgerufen, und B- blieb fortwährend unter strenger Verwahrung. Als Agrippina später sich mit Nero selbst veruneinigte und ihm drohte, statt seiner B. auf den Thron zu setzen, ließ Nero denselben 56 n. Chr. vergiften. Britiniäner nannte sich eine besondere Congregation der Augustinermönche nach ihrem ersten Wohnsitze, Britin, in der Mark Ancona. Sie hatten eine sehr strenge Lebensart, und ihre Kleidung bestand in einer grauen Kutte, jedoch ohne Gürtel, wodurch sie sich von den Minoriten unterschieden. Auch sie traten der 1256 von Alexander IV. zu Stande gebrachten allgemeinen Vereinigung der verschiedenen Kongregationen der Augustinermönche bei. Briren, 'eine von Bergen rings umschlossene Stadt und starke Festung in der Lstr. Grafschaft Tirol, am Einflüsse der Rienz in die Eisack, ist der Sitz eines Bischofs und hat mehre Klöster, ein Stift vom Orden der Englischen Fräulein, einen Don, mit einem Capitel, ein Gymnasium und ein Taubstummeninstitut. Sie zählt 6566 E-, welche sich von dem lebhaften Verkehre auf der hier durchführenden Hauptstraße von Deutschland über den Brennerpaß nach Italien nähren, einige Fabriken unterhalten und mit Eiscnwaarcn, Wein und Taback handeln. Die Umgegend ist freundlich und das Klima mild. Nicht weit vonB. liegt das durch seine Eisen- und Stahlfabriken berühmte Fulpmcs, dessen Handel bis nach Amerika reicht. In B. wurde im 1.1668 ein Concil gehalten und auf diesem Clemens lll. zum Papst gewählt. Im 12.Jahrh. gehörte cs zur Partei der Guelfen; seine Einwohner verwüsteten das Gebiet der kaiserlichgesinnten Stadt Crcmona, mußten aber nach der Eroberung Mailands durch Friedrich I. des Kaisers Gnade nachsuchen und demselben huldigen. Das hier schon im - 1 . Jahrh. von St.-Cumanus gestiftete Biskhum war theilweise reichsunmittel- bar, theilweise von Ostreich abhängig, wurde aber seit dem luneviller Frieden gänzlich dem östr. Kaiserhause unterthan. Die Stadt wurde 1865 an Baiern abgetreten, 1816 aber an Ostreich zurückgegeben. Im I. 1838 wurde sie, um die tiroler Hauptstraße und den Bren- ncrpaß, sowie die übrigen Pässe Tirols gegen einen Angriff von Italien aus zu schützen, durch Maximilianische Thürme befestigt. Brvcat (franz. brncart) heißen alle Gold- und Silberstoffe, sowie reich mit Gold und Silber durchwebte Seidenzeuge. Die schönsten Arbeiten dieser Art werden in Lyon gefertigt. Ein ähnliches Zeug geringerer Sorte, in welches Wolle eingewebt ist, heißt Bro- catello. Der Handel mit solchen Artikeln nach dem Orient ist noch immer sehr beträchtlich. Brocchi (Giovanni Battista), berühmter Naturhistorikcr und Reisender, aus alter adeliger Familie, geb. zu Bassano am 18. Febr. 1772, sollte eigentlich in Padua die Rechte studiren, fand aber mehr Wohlgefallen an dem Mineraliencabinet, dem botanischen Garten und der Bibliothek als an den juridischen Vorlesungen. Daher ging er auch, statt zu pro- moviren, nach Rom und dann nach Venedig, wo er als eine Frucht seiner Studien in den röm. Museen die Abhandlung „8»IIa structnru (I7S2) herausgab. Er befreundete sich mit Lanzi, ordnete das Mineraliencabinet des Patriziers Ascanio Molia und bald 680 Brocken nachher in Bassano das Museum Zanuzzi's; auch schrieb er „»«Ile pisnt« ockariscre" und geistvolle Briefe über Dante (>797; Mail. >835). Jm J. >891 ging er nach Brcsciq, wo ' er am Lyccum den Lehrstuhl der Botanik und die Inspektion des botanischen Gartens über- nahm, zugleich mit dem Auftrag, ein Naturaliencabinet zu bilden. Von hier wurde er, nach, dem er seine mineralogische Schrift über die Minen von Mclla und Valtrompia (2 Bde., Brescia >898) hatte erscheinen lassen, als Inspektor des Bcrgamts >899 nach Mailand berufen. Er begnügte sich mit einem geringen Einkommen, um seiner Forschbcgierde, die ihn zum Reisen trieb, in Freiheit nachzuhangen. Mit seinem College« Malacarne durch, wunderte er >819 die an Fossilien reiche Gegend der Valle di Fassa an der obern Etsch, worüber er auch schrieb (Mail. >8> l). Um für eine umfassende Ouclüologiir fossil« zu sammeln, durch welche er die Urgeschichte des Erdballs aufzuhellen gedachte, unternahm er von > 8 > I — l 3 fast unausgesetzt Reisen in die fossilienrcichcn Gegenden Italiens und schrieb seine „f-'oncliilioIoAia fossile subaziemnna" (2 Bde., Mail. >8>4). Als >8>4 unter der östr. Herrschaft das Bcrgamt, dem er seine Sammlungen überwiesen hatte, aufgelöst wurde, ging er wieder nach Rom und unternahm von hier aus neue Wanderungen und Forschungen, deren Resultate in zahlreichen Aufsätzen der „vibliotecs italianii" vorliegen; demnächst arbeitete er sein auch in philologisch-antiquarischer Hinsicht bcmerkcnswerthcs Buch „Oello ststo tisico clel siiolo cli Roma" (1829). In Mailand machte er >821 dieBekannt- schaft Forni's, der aus Kairo zurückgekommen, ihn für die Dienste des Vicekönigs von Ägyp- > ten gewann. Nachdem er am I. Dcc. >822 in Kairo angelangt, besuchte er die Wüste, den Libanon und >825 Kordofan. Auf dieser Reise ereilte ihn der Tod; er starb zu Kartoum am 23. Sept. >826. Seine Sammlungen, sammt seiner Bibliothek und >9999 Lire zur Unterhaltung eines Aufsehers hatte er schon > 822 testamentarisch seiner Vaterstadt vermacht. I Brocken, in der Volkssprache auch Blocksberg, heißt der in der standesherrlichen vreuß. Grafschaft Stolberg-Wernigerode gelegene höchste Gipfel des Harzgcbirgs, welcher 3599 F. über dem Meere liegt und den Mittelpunkt einer Granitmasse bildet, die das Thonschiefcr- und Erauwackcngebirgc durchbrochen hat und das Brockeng cbirgc ge- nannt wird. Der Berg hat seinen Namen von den vielen großen Granitblöcken oder Bro- cken, welche auf der sanftgewölbten und mit Torferde bedeckten Kuppel verstreut sind und als Bruchstücke einer eingestürzten dereinst höhern pyramidalen Spitze des Gipfels crschei- nen. Die bedeutendsten Erhebungen des nordwärts jäh abfallenden und auf den andern Seiten mit den Plateaumasscn des Harzes mehr verwachsenen Brockengebirgs sind in der nächsten Umgebung der höchsten Kuppel folgende: nördlich die Brandklippen, östlich die Zeterklippen, der Kleine Brocken und die Heinrichshöhc und die Hohneklippen, südlich die Feuerstein- und Schnarcherklippen, der Wormberg und die Achtcrmannshöhe, der Königs- berg und die Hirschhörner und westlich das Brockenfeld und die Abbensteiner Klippe. Die zahlreichen Bäche und Abflüsse der Bergmoore senden ihre Wasser entweder dem Elb- oder Wesergebiete zu und sammeln sich in den Hauptadern der Radau, Ecker, Ilse, Holzemme, der Kalten und Warmen Bode und Oder. Von Elbingerode und Jlscnburg aus führen ziemlich bequeme Fahrwege bis auf den Gipfel des Bergs; sie, wie noch mehre andere Fuß- und Saumwege, führen den Wanderer schon 4—599 F. unter dem Gipfel aus den kräftigsten Nadelholzwaldungen in die Region des Krummholzes, bis denn endlich auch die Zwerggestalten der Fichte verschwinden; indessen erstirbt die Pflanzenwelt bis zum höchsten Punkte nicht. Der Botaniker findet dort außer verschiedenen Orchisarten das l-icken islanckicum oder Brockenmoos, welches arme Leute hier zum Verkaufe sammeln, die Anemone alpina oder Brockenblume u. s. w., und besonders die jetzt seltene Letula immi, welche man in einzelnen Exemplaren am Brocken in der Gegend des Langenwerks findet. Die Atmosphäre umhüllt den Berg gewöhnlich mit Nebel- und Wolkenschichtcn, die ein fast beständiger Luftzug hin und her peitscht, um die Phantasie vielfältig mit unheimlichen Bildern zu nähren, wie sie sich aussprechcn in den verschiedensten Volkssagen vom Hexentanze in der Walpurgisnacht, in den Namen Hexenbrunnen, Teufelskanzel u. s. w. Einen sell- samen Eindruck macht die Erscheinung des Brockengespenstes, das in weiter nichts besteht, als in den Schattenbildern von Haus und Menschen in einer östlichen Nebelwand zur Zeit detz Sonnenuntergangs. Bei heiterm Himmel genießt man eine entzückende Aus» Brockes Brockmann 681 sicht; man überschaut eine Gegend von 17 M. im Umkreise und erblickt durch Fernröhre da- Zifferblatt am Dome zu Magdeburg. Aus dem höchsten Gipfel hat der Graf von Stolberg-Wernigerode im 1.1800 an die Stelle des kleinen unbequemen Hauses auf der Heinrichshöhe ein großes einstöckiges Gebäude aufführen lassen, welches den Fremden alle Bequemlichkeiten bietet, ununterbrochen von einem Kastellan bewohnt wird und vor dem gegenwärtig ein hölzerner Thurm errichtet ist, zum bequemern und bessern Genuß der Aussicht. Die Zahl der Brockenbesucher beläuft sich jetzt jährlich auf 2000—2500. Brockes (Barthold Heinr.), seiner Zeit ein gefeierter Dichter, gcb. am 22. Sept. 1880 zu Hamburg, der Sohn eines Kaufmanns, studirte zu Halle die Rechte und bereiste sodann Italien, die franz. Schweiz und Holland. Nach seiner Rückkehr wurde er 1720 in das Rathscollegium seiner Vaterstadt ausgenommen, zu mehren wichtigen Sendungen und Ämtern gebraucht und erhielt, seiner geschickten Geschäftsführung wegen, 1735 die Amtmannsstelle in Ritzcbüttel. Zuletzt Befehlshaber des Bürgermilitairs, Protoscholarch und kaiserlicher Pfalzgraf, starb er zu Hamburg am 16. Jan. 1747. Sein „Irdisches Vergnügen in Gott" (!>Bde.,Hamb. 1721—38) enthält eine Sammlung religiöser Naturbctrach- tungen in selbständigen Gedichten, die, für ihre Zeit von Bedeutung, selbst von Geßner und Wieland der Benutzung nicht unwerth gehalten und von den Kritikern der damaligen Zeit als Muster in ihrer Gattung empfohlen wurden. Der Naturbetrachtung, welche sich mehr in äußerer, besonders in spielender oft kindischer Wortmalerei gefällt, folgt bei ihm stets eine moralische Nutzanwendung oder breite religiöse Betrachtung. Doch besaß er eine erstaunliche Reimfertigkcit, und obgleich seine Gedichte jetzt veraltet sind, überraschen sie doch im Ganzen durch Reinheit des Ausdrucks und einzelne gelungene Naturschilderungen. Auch schrieb er ein Passionsoratorium „Der für die Sünde der Welt gemarterte sterbende Jesus" (Hamb. >712), das von mehren berühmten Componisten der damaligen Zeit in Musik gesetzt und bis 1727 mehr als 30 mal neu aufgelegt wurde. Als Übersetzer, besonders von Thomson's „Jahreszeiten", der ihm vielfach als Muster vorschwcbten, während er andererseits ebenso oft die damals verweichlichten ital. Dichter nachahmte, war er nicht unverdienstlich. Brockmamr (Joh. Franz Hieronymus), unter den deutschen Schauspielern einer der berühmtesten, geb. am 30. Sept. 1735 zu Grätz in Steiermark, wurde von seinem Vater, welcher Zinngießer war, zunächst zu einem Barbier in die Lehre gegeben. Um die Welt zu sehen, entfernte er sich indeß sehr bald heimlich von seinem Lchrherrn und wurde Bedienter eines Offiziers, dem er, schlechter Behandlung wegen, ebenso schnell entlief wie den Mönchen, die ihn aufgefangcn und für das Kloster bestimmt hatten. Bei einer Seiltänzcrtruppe, welche auch kleine Schauspiele gab, betrat er zuerst 1760 zu Laibach die Bühne, kehrte jedoch dann wieder in das väterliche Haus zurück, wo er sich nachher abermals von einer her- umziehcnden Schauspielcrtruppe anwerben ließ, mit der er mehre Jahre lang in den östr. Staaten umhcrzog. Im I. 1765 heirathete er die Tochter der Dircctricc, Maria Theresia Bodenburg, dcbutirte 1768 bei der Kurz'schen Gesellschaft als Crispin, während sie die Co- lombine gab, und kam nach mancherlei Kreuz- undQuerzügcn 1771 nach Hamburg, wohin ihn Schröder gezogen hatte. Obgleich er anfangs nicht recht gefallen wollte, bildete er sich doch unter Schröder's Leitung zu einem solchen Grade von Vollendung aus, daß er mit Lekain und von Engländern sogar mit Garrick verglichen werden konnte. Besonders begründete er seinen Ruf als Hamlet in Shakspeare's Stück gleiches Namens, welches 1776 in der Schröder'schcn Bearbeitung zuerst in Hamburg zur Aufführung kam. Im I. 1778 mit dem für damals bedeutenden Gehalt von 2000 Fl. von Joseph II. nach Wien berufen, wollte er auch hier anfangs nicht gefallen; doch traten die Cabalen vor seinem mächtigen Talente sehr bald zurück; er wurde der Liebling des Publicums, was er bis zu seinem Ende blieb. Vor seinem Abgänge nach Wien trat er zu Anfang des 1.1778 als Gast in Berlin auf, wo ihm die in den Theaterannalen bis dahin unerhörte Ehre widerfuhr, nach der Darstellung des Hamlet hervorgerusen zu werden. Von 1789—91 war er Direc- tor der wiener Hofbühne; zu Anfang des jetzigen Jahrhunderts trat er in das Fach der Väter, sowol der komischen als tragischen, über, die er mit gleicher Vollendung gab, und starb zu Wien am 12. Apr. 1812. In seiner Glanzzeit war er nächst oder neben Fleck der erste Heldenliebhabcr- und Charakrerspielcr Deutschlands. Seinem ausgezeichneten Talent«. 682 Bröder Brodziniki kam ein ausdruckvollcs Gesicht, ein sprechendes feuriges Auge, ein sonores und außerordent- § lich biegsames Organ zu Hülfe. Er stand an hinreißendem Feuer Fleck, an Gewalt der Lei- j denschaft Schröder nach; aber er übertraf namentlich jenen durch ein bis in die leisesten j Nuancen durchdachtes Spiel, diesen durch den liebenswürdigen Ausdruck zarter, sich ein- , schmeichelnder Empfindung. Die Eigenschaften der Eckhof-Schröder'schen Epoche, Wahr- , heit und Natürlichkeit, fanden in ihm ihren vollendeten Repräsentanten, und nichts konnte > ehrenvoller für ihn sein, als Jffland's Ausspruch, daß er die personificirte Wahrheit sei. Keine j Ausgabe war ihm zu hoch, keine Nolle zu schwierig, aber auch die scheinbare und weichlichste ; wuchs mir ihm und gewann in seiner Darstellung eine nie geahnte Bedeutung. , , Bröder (Christian Gottlob), Verfasser der bekannten lat. Grammatik, wurde 174t l zu Harthau bei Bischofswerda geboren und war anfangs Diakonus in Dessau, zuletzt Pa- j stör und Superintendent zu Beuchte im Hildesheimischen, wo er am l 4. Febr. l 819 starb. < Ein großes Verdienst erwarb er sich um die gründliche Erlernung der lat. Sprache durch z seine Grammatiken und Lehrbücher, die wegen ihrer wahrhaft praktischen Richtung und trefflichen Beispielsammlung fast ein halbes Jahrhundert lang beim Unterrichte in dieser s Sprache mit dem besten Erfolge angewendet wurden und ziemlich als einzig sichere Norm dienten. Namentlich scheint auch F. A. Wolfs Empfehlung für die überaus schnelle und l weite Verbreitung dieser Lehrbücher viel beigetragen zu haben. Zuerst gab B. die „Prak- < tische Grammatik der lat. Sprache" (Lpz. 1787; 18. Aufl., 1828) und später die „Kleine j lat. Grammatik mit leichten Lectionen für Anfänger" (Lpz. 1795; 26. Aufl. vonL.Nams- > Horn, 1835) heraus, nebst einem „Wörterbuche" dazu (22. Aufl., Lpz. 1835). Nächstdcm > schrieb er ein „Elementarisches Lesebuch der lat. Sprache" (Hannov. 1806; 9. Aufl., 1829), j dann „Die völlige Gleichheit der griech. und lat. Sprache in der Rangordnung oder Stel- , lung der Wörter" (Halberst. 18 l 3; 2. Aufl., 1822) und „Die entdeckte Rangordnung durch , eine Regel bestimmt" (Lpz. 1815; 2. Aufl., 1817), welche beide letztere Schriften aber nicht , so günstig ausgenommen wurden. ! s Brody, eine sehr wichtige, freie Handelsstadt im Kreise Zloczow des östr. Königreichs , Galizien, unfern der russ. Grenze des ehemaligen Volhyniens, in einer waldumgrcnzten > Ebene, ist der Sitz einer kaiserlich-königlichen Kammer, eines Haüptzollamts, eines Handels- s und Wechselgerichts und hat fünf Vorstädte, mehre Marktplätze, wie den Ring- oder Alt- , markt, den Schloß- und Ncumarkt, ein herrschaftliches Schloß mit Garten, das dem Gra- l fen Potocki gehört, eine katholische und zwei griech. Hauptkirchen, drei Synagogen, eine jü- < dische Realschule, eine katholische Haupt- und Mädchenschule und ein reiches Hospital. Sie ! zählt 26000 E, darunter 22NVV Juden, im Übrigen Polen, Deutsche und Beamte und ist die erste Handelsstadt des Königreichs und nächst Lemberg auch die bevölkertste. B. ist der große Tauschhof zwischen den östr. Staaten und dem russ. Reiche, ja man kann sagen, zwi- s schen dem Occident und Orient. Vierzig Großhandlungen und mehr als 290 kleinere Kauf- j leute, fast insgesammt in jüdischen Händen, betreiben die großartigsten Geschäfte in Schlacht- j Vieh, Pferden, Wachs, Honig, Talg, Häuten, Pelzwerk, Ungar-, Rhein- und franz. Weinen, j Anis, eingemachtem Obst, Seide, Glas, Porzellan und Salz. Außerdem gibt es daselbst ! Gerbereien und Leinwebereien. j Brodzinfki (Kazimierz), einer der vorzüglichsten poln. Dichter der neuern Zeit, war zu Krolowko in der ehemaligen Starostei Lipna 1791 geboren. Zur Zeit des Herzogthums < Warschau trat er 1899 zu Krakau in die Reihen der vaterländischen Streiter und ward ! Unteroffizier bei der Artillerie. Schon damals ließ er seine ersten Gedichte, „Uieni-r n-iejskie" , (Krak. 1811), erscheinen, die zuerst wieder darauf hinwiesen, daß eine reiche Quelle für die j Poesie aus dem Leben des poln. Landvolks zu schöpfen sei, und in denen der volksthümliche i Ton und Charakter trefflich wiedergegeben waren. Nachdem er eine Zeit lang in Warschau - und Modlin gestanden hatte, zog er > 812 mit den Franzosen gegen Rußland. Mit den Re- ! sten des poln. Heers kam er >813 als Artillerieoffizier nach Krakau zurück und folgte dann , dem Zuge durch Ostreich und Sachsen. In der Schlacht bei Leipzig gefangen genommen, , wurde er auf sein Ehrenwort entlassen und lebte nun ein Jahr in Krakau. Dann begab er ! sich nach Warschau, wo er Professor der Ästhetik an der Universität wurde. Schon vor Mi- i ckiewicz hatte er versucht, die in Nachahmung ausländischer Muster erschlaffte poln. Poesie ! Broekhuyzen Broglie (Familie) 683 zu einem neuen volksthümlichen Leben zu erwecken; daher konnte es nicht fehlen, daß er, als dieser auftrat, einer seiner rüstigsten Vertheidiger war. Durch seine Gedichte, besonders aber durch seine in Zeitschriften erschienenen Abhandlungen trug er sehr viel zum Siege der neuen romantischen Dichterschule bei. Sehr bald schwang er sich unter die ersten Kritiker Polens auf. Seit Auflösung der Universität lebte er amtlos in Warschau, an einer Brustkrank- heit leidend. Mit Mühe erlangte er endlich die Erlaubniß, zur Herstellung seiner Gesundheit sich in die böhmischen Bäder zu begeben; doch kehrte er nicht wieder in die Heimat zurück. Er starb am 10. Oct. 1835 in Dresden, wo seine Landsleute ihm aus seinem Grabe einen einfachen Denkstein gesetzt haben. Der Hauptgrund seines Todes war der Schmerz über das Unglück des Vaterlandes, der sich selbst in seinem Antlitz ausprägte. Er war ein überaus sanfter, gefühlvoller Mensch; Vaterlandsliebe und Religion waren die Grundtypen seines Lebens. Viele seiner Gedichte konnten bisher der Zeitverhältnisse wegen nicht veröffentlicht werden; eine Sammlung seiner Schriften hat neuerdings begonnen (Bd. 1 —1, Wilna 1842). Auch als Übersetzer des Hiob, der „Leiden des jungen Weither" und serbischer und böhm. Volkslieder war er thätig. Broekhuyzen (Jan van), gewöhnlich äamis Vrvukkusius genannt, ein bekannter holländ. Dichter und Philolog, geb. am 20. Nov. 1640 zu Amsterdam, stammte aus einer ansehnlichen Familie und genoß den Unterricht in der Schule seiner Vaterstadt, wo ein von ihm verfertigtes Gelegenheitsgedicht wegen der reinen Latinität, die er namentlich der Unterweisung des gelehrten Adrianus Junius verdankte und wegen der schönen Gedankenentwickelung Aufsehen erregte. B.'s Absicht, sich ganz den Wissenschaften zu widmen, wurde durch seinen Vormund vereitelt, der ihn für die Apothekerkunst bestimmte, die er jedoch später mit den vaterländischen Kriegsdiensten vertauschte. Als Capitainlieutenant schiffte er sich unter dem Admiral Ruyter 1674 nach den Westindischen Inseln ein. Auch im Sturm und Ungewitter blieb ihm hier die Poesie getreu. Auf der Höhe der Insel Dominica übersetzte er David's 44. Psalm in lat. Verse und dichtete seinen „Celadon oder das Verlangen nach dem Vaterlande". Als er im Herbste desselben Jahres zurück und nach Utrecht kam, knüpfte er mit mehren Gelehrten, besonders mit Grävius, Bekanntschaft an und veranstaltete hier eine Sammlung seiner lat. Gedichte (Utr. 1684; Prachtausgabe, Amst. 1711, 4.), die auch in das Holländische übersetzt wurden. Bald nachher ward er als Offizier nach Amsterdam verseht; 1607 erhielt er als Hauptmann seinen Abschied und starb am 15. Dec. 1707. Seine vielseitige gelehrte Bildung bewies er durch die Ausgabe der Gedichte des Sannazar, noch mehr aber durch die Bearbeitung des Properz (Amst. 17 02; neue Aust., 1726, 4.) und des Tibull (Amst. 1708; 2. Aust., 1727, 4.). Broglie, eigentlich BrogliooderBroglia,ist eine Piemont. Familie, welche dem ftanz. Staate mehre im Kriege und der Diplomatik ausgezeichnete Männer geliefert hat. — Frans. Marie, Herzog vonB., Marschall von Frankreich, geb. zu Paris am II. Jan. 1671, nahm seit 1680 an allen Feldzügen in den Niederlanden, in Deutschland und Italien ruhmvollenAntheil, wurde vielfach in diplomatischen Geschäften gebraucht und stieg durch alle Grade 1734 zum Marschall auf. Im östr. Erbfolgekriege hatte er zuletzt den Oberbefehl über die Armeen von Baiern und Böhmen, zog sich aber dadurch, daß er das Heer aus die ftanz. Grenzen zurückführte, die Unzufriedenheit des Hofes zu. Er starb am 22. Mai 1745. — Sein ältester Sohn, Victor Franc., Herzog vonB., ebenfalls Marschall von Frankreich, geb. am 10. Oct. 1718, begann in der Schlacht von Guastalla und Parma 1734 seine militairische Laufbahn, auf der er aber bei allem seinen Muthe nicht immer glücklich war. Im Siebenjährigen Kriege kämpfte er unter d'Estre'es bei Hastenbeck und unter Soubise bciRoßbach. Als Oberbefehlshaber war er um so glücklicher bei Bergen. Zur Belohnung für den hier erfochtenen Sieg ward er zum deutschen Reichsfürsten ernannt. Mishelligkeiten zwischen ihm und dem von der Pompadour begünstigten Soubise vcranlaßten aber seine Zurückberufung und die Verweisung vom Hofe. Beim Ausbruche der Revolution ernannte ihn Ludwig XVI. 1780 zum Kriegsminister. Er befehligte die Truppen, welche Paris im Zaum halten sollten; als jedoch der Abfall derselben alle seine beabsichtigten Maßregeln vereitelte, wandcrte er aus. In dem Feldzuge von 1702 stand er an der Spitze einer Abtheilung Ausgewanderter, und 1794 errichtete er ein Corps im engl. Dienste. Nach der 684 Broglie (Achille Charles Leontius Victor, Herzog von) Auflösung desselben trat er 1796 in russ. Dienste, zog sich aber später ganz aus dem öffcni- lichen Leben zurück und starb in Münster 180-1. — Der zweite Sohn, Charles Franc., Graf von B., geb. am 20. Aug. 1719, ist in der Geschichte der franz. Diplomatik dadurch berühmt, daß ihm Ludwig XV. die Leitung seines geheimen Ministeriums anver- trautc. Obgleich er das schwierige Geschäft mit vieler Gewandtheit führte, so entstanden doch, da dieses geheime Ministerium dem öffentlichen nicht selten geradezu entgegenwirktc, die größten und oft lächerlichsten Verwirrungen. Er ward deshalb vom Könige der Form nach verbannt, zugleich aber insgeheim beauftragt, in der Verbannung seine Geschäfte wie zcither fortzusctzen. Unter Ludwig XVI. hatte er keine Anstellung und starb 1781. — Der dritte Bruder, ClaudcVictor, ErafvonB-, geb. 1758, ging ganz in die Ideen ein, welche die Revolution herbeiführten, und war bei den Ecneralständen Abgeordneter des Adels von Kolmar. Nach der Auflösung der Constituirendcn Versammlung erhielt er als Marechal de Camp bei der Rheinarmce eine Anstellung. Als er aber sich weigerte, die Dekrete vom 10. Aug. anzuerkennen, wurde er außer Thätigkeit gesetzt, später deshalb vor das Revolutionstribunal gefodert und am 27. Juni 1791 guillotinirt. Broglie (Achille Charles Leontius Victor, Herzog von), Pair von Frankreich, der Sohn des Zuletzterwähnten, geb. 1785, wurde trefflich erzogen und folgte anfangs seiner Neigung für die schöne Kunst. Bald aber zogen ihn ernste Wissenschaften und praktische Staatsverwaltung mehr an. Er genoß der belebenden und bildenden Gesellschaft der Frau von Stael und vermählte sich mit ihrer Tochter. Unter der Kaiserregierung war er Staats- cath, Auditor, Militairintendant in Jllyrien und in Valladolid und franz. Gesandtschafts- cath in Warschau, Wien und Prag. Seit der Restauration nahm er Sitz in der Pairs- kammer und gab glänzende Beweise seines tiefen Studiums der gesellschaftlichen Verhältnisse in den höher» Ständen und der für die jetzige Civilisation geeigneten Gesetzgebung. Im Processe des Marschalls Ney war er einer der Pairs, die das Nichtschuldig ausspra- chcn. Er erklärte sich mit Nachdruck gegen die Ausnahmegesetze und gegen die Proskriptionen. Als das Ministerium die Macht der Police! zu erweitern strebte, fand seine den modernen Beamtenstaat betreffende Behauptung viel Beifall, daß jetzt die Regierungen Alles und überdies allein versehen wollten, woraus die doppelte Unbequemlichkeit entstände, daß das Publicum die Thatsachen nicht kenne, welche die Regierung zu außerordentlichen Beschlüssen bestimmten, und daß zugleich die Regierung die öffentliche Meinung nicht erfahre. Bei Gelegenheit der Debatten über die Censur der Zeitschriften bemerkte er: „Jede neue Regierung kann um so unbedenklicher die freie Rede gestatten, je weniger sie die Misbräuche der vorigen zu vertreten sich berufen fühlt. Die Preßbeschränkung verhüllt den Ministern durch ihre eigene Schuld die wahre Kenntniß der Lage, worin sie sich zur Nation befinden. Unter Anderm schwächt sie ungemein die günstigen Vorurtheile des Publicums für die Verwaltungsfähigkeit der hohen Angestellten der Krone. Die Preßbeschränkung hat nur Werth für Minister, die sich einer Partei im Staate leidenschaftlich in die Arme werfen und dieser Partei Willkür und Überschreitungen gestatten wollen." B. hat schwerlich an einem Plan zum Umsturz des Throns der ältern Bourbons Theil genommen. In der Thatsache der Julirevolution aber glaubte er einen Parallelismus mit der engl. Thronrevolution vonl688 zu entdecken, trat hiermit in die Ansichten Guizot's und derDoctrinaires ein und galt selbst eine Zeit lang für das Haupt dieser Fraktion. Er ward am 30. Juli 1830 von der provisorischen Regierung zum provisorischen Minister des Innern und im Aug. vom Könige zum Minister des Cultus und Unterrichts, sowie zum Präsidenten des Staatsraths ernannt, im Nov. aber, bei dem Eintritt Dupont's de l'Eure ins Ministerium, nebst den übrigen Doc- trinaircs entlassen. Jetzt stellte er sich in der Pairskammer dem Andrange der Volkspartei entgegen und vertheidigte im Geiste seiner Vorliebe für die brit. Verfassung die Erblichkeit der Paine; er sprach für das Sühnfest der Hinrichtung Ludwig's XVI. und bestritt in den Verhandlungen über die Verbannung der ältern Linie der Bourbons den auf Karl X. angewandten Ausdruck Exkönig. Vom Oct. 1832—Apr. 1831, dann vom Nov. 1831— Febr. 1836, war er Minister des Auswärtigen und vom März 1835 bis zu seinem Austritte zugleich Conseilspräsident. In dieser Eigenschaft unterhandelte er mit England die in neuester Zeit wieder zur Sprache gekommenen Verträge über das gegenseitige Durchs»' Broihan Bröndsted 685 ! chungsrecht zur See, zum Zwecke der Vernichtung des Sklavenhandels; auch präsidirte er am 9. März 1842 einer zu Paris gehaltenen Abolitionistenversammlung. Seit 1836 ward er wiederholt, zuletzt noch im J. 1840, für Bildung eines Ministeriums in Anspruch genommen, lehnte aber stets diese Anträge ab. Gegenüber der einseitig negativen und hemmenden Politik der Doctrinaires, entfernte er sich in den letzten Jahren von Euizot und seinen frühern Meinungsgenossen und schien mehr zu Thiers oder selbst zu den Ansichten O. Barrot's Hinzuneigen. B. besitzt ausgezeichnete Kenntnisse im ganzen Gebiete der Staats- wirthschaft, ist ein gewandterRedner und weiß sogleich) wie wenige andere Geschäftsmänner, i in die Sache einzudringen. WieManches auch die wechselnden Parteien desTags an seiner politischen Handlungsweise im Einzelnen mit Recht, oder Unrecht zu tadeln hatten, so > steht er doch geachtet und in seinem öffentlichen wie in seinem Privatleben vorwurfsfrei da. Broihan, s. Br ei Han. Brom ist ein von einem Franzosen Balard 1826 entdeckter einfacher, allen seinen physischen und chemischen Eigenschaften nach zwischen Chlor und Jod mitteninne stehender Stoff, welcher nicht nur im Meerwasser und in Seepflanzen, sowie in einigen Seethiercn (äantbiim violscea, Mcerschwamm) vorkommt, sondern auch in sehr vielen andern salzigen Wässern, besonders den Salzsoolen von Schönebeck und Kreuznach, ja selbst in einigen Erzen gefunden worden ist. Der Name ist vom griech. Lromos, d. h. Gestank, entlehnt, wegen des Übeln Geruchs, den das Brom verbreitet. Es stellt bei gewöhnlicher Temperatur eine dunkel- rothe tropfbare Flüssigkeit dar, färbt die Haut stark gelb und wirkt giftig auf Thiere. Es hat ein specifisches Gewicht von 2,966, verflüchtigt sich leicht, bildet mit Sauerstoffund mit Wasserstoff Säuren (Bromsäure und Bromwasserstoffsäure), die sich den entsprechenden Chlor- oder Jodverbindungen analog verhalten, und geht auch mit andern einfachen nichtmetallischen und metallischen Körpern sehr ähnliche Verbindungen wie Chlor und Jod ein. Vgl. Löwig, „Das Brom und seine Verhältnisse" (Heidelb. 1829). I Bromms, ein Beiname des Bacchus (s. d.). Brömsebro, ein Dorf in der schweb. Hauptmannschaft Kalmar, ist historisch bekannt durch den hier 1645 abgeschlossenen Frieden zwischen Dänemark und Schweden, in welchem ersteres mehre Provinzen abtreten mußte. (S. Dänemark.) i Bronchitis nennt man die Entzündung der Schleimhaut, welche die Verzweigungen der Luftröhre (Bronchien) auskleidet. Sie tritt entweder als einfacher Brustkatarrh oder als einfache Entzündung oder endlich als mit Ausschwitzung verbundene, sogenannte 8r»n- ciiitis muligns auf, wo sie stets mit der größten Gefahr verbunden ist. (S. Croup.) Bröndsted (Peter Oluf), ein durch gründliche archäologisch-philologische Bildung ausgezeichneter Mann, wurde am 17. Nov. 1781 zu Horsens in Jütland geboren, wo sein Vater Prediger war, und fiudirte in Kopenhagen. Mit seinem Freunde Kors ging er 1806 nach Paris und von hier nach zweijährigem Aufenthalte nach Italien, wo sich ihnen zur Reise nach Griechenland im1.18 > 0 der Architekt Haller von Hallerstein aus Nürnberg, Linckh aus Würtemberg und von Stackelberg aus Esthland anschlossen, mit denen im Verein sie hier, namentlich durch Ausgrabungen, Ausgezeichnetes für das Studium des classtschen Alterthums leisteten. Im I. 1813 nach Kopenhagen zurückgekehrt, ward er hier als Professor der griech. Philologie an der Universität angcstellt. Da er indeß glaubte, die Herausgabe des Werks, das die Ergebnisse seiner Untersuchungen darlegen sollte, in Dänemark nicht gehörig fördern zu können, so ernannte ihn die dän. Regierung zu ihrem Agenten am päpstlichen Hofe, wohin er 1818 abging. Von Nom aus bereiste er in den 1.1820 und 1821 die Ionischen Inseln und Sicilicn und, nachdem er die artistischen Beilagen seines Werks hatte ausführen lassen, mit Erlaubniß der dän. Negierung nach Paris, um hier den Druck beginnen zu lassen. Von Paris aus unternahm er 1826 eine Reise nach England; auch besuchte er >827 Dänemark, wo er zum Geh. Legationsrathe ernannt wurde. Im 1.1832 kehrte er wieder nach Kopenhagen zurück, wo er als Direktor des königlichen Antikencabinets uni> ordentlicher Professor der classtschen Philologie und Archäologie an der Universität einen angemessenen Wirkungskreis fand. In Folge eines unglücklichen Sturzes mit dem Pferde, starb er als Rector der Universität am 26. Juni 1842. Sein Hauptwerk sind die „Reisen und Untersuchungen in Griechenland, nebst Darstellung und Erklärung vieler neuentdeckten 686 Brongniart (Alexandre) Brongniart (Adolphe Theodore) Denkmäler griech. Stils" (2 Bde., Par. 1826—30, 4.), die gleichzeitig französisch erschien nen. Dieselben gaben Anlaß zu einem Angriffe im „Hermes" (Bd. 32), worin dem Verfasser vorgeworfen wurde, daß er Villoison's zahlreiche Papiere in der königlichen Biblio- thek zu Paris, besonders in Beziehung auf die Insel Ceos, auf eine ungebürliche Weise, ohne die Quelle zu nennen, benutzt habe. B. suchte diese Beschuldigung in der Schrift „Über den Aufsatz im Hermes unter dem Titel: Villoison und B.z ein Beitrag zur Geschichte der Plagiate, lies: Ein Beitrag zur Geschichte der Pasquille" (Par. 1836) abzu- wcisen, nachdem schon früher Hage in der Schrift „B. und Villoison" (Kopenh. 1828) die Vertheidigung desselben unternommen hatte. Außer mehren kleinen archäologischen Schriften, z. B. ,,^ll sccount of some Arselr. vases tound near Vulci" (Lond. 1832) und „Die Bronzen von Siris" (Kopenh. 1837, 4.), lieferte er namentlich schätzbare „Beiträge zur dän. Geschichte aus nordfranz. Manuscripten des Mittelalters" (2 Hefte, Kopenh. 1817 —18). Auch gab er die „Denkwürdigkeiten aus Griechenland in den Z. 182? und 1828, besonders in militairischer Beziehung" (Par. 1833) aus den Papieren des ehemaligengriech. Majors, Friedr. Müller aus Altdorf, heraus. Brongniart (Alexandre), Mitglied der Akademie, Ingenieur en chef der Bergwerke, Professor der Mineralogie am äardin des plante- und Director der Porzellanfabrik zu Scvres, ist zu Paris am 5. Febr. 1776 geboren. Schon frühzeitig Schriftsteller, machte zuerst seine Abhandlung „8»r la collios de Lkampi^ox" in dem „ävurnsl ries mines" (1787) größeres Aufsehen, der er die „(llsssikcation des rsptiles" folgen ließ. Im Fache der eigentlichen Mineralogie schrieb er den „Irsite elementsire de Mineralogie »vec des applications am arts" (Par. 1807), „Introduktion a la Mineralogie" und das „lableau wetbodigue et cbaracteristigue des principslss especes minerales" (Par. 182 4), in welchem er ein chemisches, dem damaligen Stande der Wissenschaft gemäßes System durchsührte. Vorzüglicheres leistete er in der Geognosie, wo vor Allem seine mit Cuvier herausgegebene »vescription geologicjiis des environs de ksris" (Par. 1811; 3. Aust., 1835) hervorleuch- tel, welche unter den Hauptgrundlagen für eine bessere Kenntniß der neuern, bis dahin vom aufgeschwemmten Lande nur wenig unterschiedenen, über der Kreide liegenden, sogenannten tertiären Gebirgsformationen gehört, deren untere Glieder sich in dem pariser Becken ausgezeichnet entwickelt finden. Obgleich seit jener Zeit die Gegend um Paris mehrmals und genau untersucht ward, so blieb doch der von B. festgestellte Befund unangefochten, wenn auch gegen die Theorie der Bildung andere Ansichten ausgestellt wurden. Auch gab er höchst werthvolle geognostische Beobachtungen über den Bau der Apenninen und Alpen (1821 und 1823) und über die skandinavischen Felsblvcke, welche sich über die norddeutsche Ebene verbreiten (>828), sowie eine Menge hierher bezüglicher anderer interessanter Abhandlungen heraus. Mit Desmarest lieferte er ein wichtiges petrefactologisches Werk über die Trilobi- ten(Strasb. 1822). In der systematischen Geognosie verfolgte er stets einen doppelten Gesichtspunkt; er gruppirte die Gesteine, welche die Erdrinde bilden, einestheils blos mine- ralogisch, ganz abgesehen von ihren Lagerungsbeziehungen, dann aber wieder blos in Hin sicht ihrer Lagerungsverhältnisse, oder in der Art, wie sie Formationen bilden. In der erste» Hinsicht haben wir seinen „Lsssi dune classilicstion minerslvAigue des roebes melangees^ (Par. 1813) zu erwähnen, den er in der „(ülsssikcation et caracteres mineralogstgues de» rocbes bomozenes et keterogenes" (Par. 1827; 3. Ausl., 183») weiter ausgejührt- Ein vollkommenes System der Geognosie, nach den Formationen und Lagerungsverhält nisten, lieferte er in dem „lableau des terrains gui composent 1'ecorce du ^lobe" (Par 1828; deutsch von Kleinschrod, Strasb. 1830), dem ein „Imbleau de la distributiv» ms tkodigu« des especes minersles, suivie dsos le c urs de Mineralogie lait au Uuseua» d'bistvire naturelle" (Par. 1833) folgte. Brongniart (Adolphe Theodore)^ Mitglied der Akademie und Professor der Botanik am äardin des plante«, der Sohn des Vorigen, geb. zu Paris am 14. Jan. 1801, hat sich sowol um die Physiologie der Pflanzen der Jetztwelt als um die Kenntniß der vorweltlichcn Vegetation große Verdienste erworben. Als Redacteur der botanischen Section der ausgezeichneten „Zonales des Sciences naturelles" hat er theils in diesem Journale, thcils in den älter» ,,^onai-« de la societe d'liistoire naturelle de ksris^ theils in den ,,/innales du wuse« Bronikowsti Bronkhorst 687 dliistoire naturelle" eine Menge sehr wichtiger Aussätze niedergelegt. Kaum 20 Jahre alt, ergriff er das Studium vorweltlicher Pflanzen mit besonderer Vorliebe, wußte sich große Vorräthe zu verschaffen und gab schon I82l einen Versuch ihrer Classification heraus, dem er einen „krodrome d'une distoire Oes vegetaux fossiles" (Par. 1828) folgen ließ. Sein Hauptwerk ist die auf 24 Lieferungen mit 160 Kupfern berechnete, noch nicht beendete „Uistoire Oes vegetaux fossiles, ou reckercilss botaoiynes et geologiquss sur les vege- tsux renscrmes dsns les diverses couclres du globe" (Lief. I —15, Par. 1828—42), worin er eine systematische Zusammenstellung aller ihm bekannt gewordenen Arten und seine , Ansichten über ihre Aufeinanderfolge in vorweltlichen Perioden lieferte. Er stellte Vergleichungen dieser untergegangenen Formen mit den jetztlebenden an und zog hieraus manche auf die Physische Geschichte der Erde gerichtete Folgerungen. Als Pflanzenphysiolog lieferte er gründliche Untersuchungen über die Oberhaut der Pflanzen, über die Molcculen im Pollenkorne (Blutenstäube), deren selbständige Bewegung R. Brown entdeckt hatte, und die daher von B. für Jnfusionsthiere, den Spermatozoen der Thiere analog erklärt wurden, was einen Streit mit Raspail veranlaßte. Auch als Phytograph war er thätig, indem er mehre Monographien, unter Anderm eine Classification der Pilze (Par. 1825) herausgab. Bronikowski (Alex. Aug. Ferd. von Opeln-), bekannt als deutscher Romanschriftsteller, geb. zu Dresden am 28. Febr. 1783, der Sohn eines aus Polen stammenden Generaladjutanten des Kurfürsten, trat zuerst in preuß. Dienste, nahm jedoch, in Breslau 1807 gefangen, seine Entlassung und lebte nun abwechselnd zu Breslau, Prag und Dresden. Im I. 1812 trat er in poln. Dienste, wurde Major der Eardeulanen und kam zum Generalstabe des Marschalls Herzogs von Belluno. Nach beendigtem Kriege lebte er, auch nachdem er als Major seinen Abschied erhalten, in Warschau, bis er sich 1823 nach Dresden wendete. Von 1830—32 war er in Halberstadt, dann wieder in Dresden, wo er am21.Jan. 1834 starb. Erst in seinem42.Lebensjahre trat er nothgedrungen als Schrift- > steiler auf und entwickelte sehr bald eine außerordentliche Fruchtbarkeit. Da er sich aber bei seiner Lebensweise, nach Art der Genies, gleich vom Anfänge an genöthigt sah, seine Thä- tigkeit förmlich zu verkaufen und gefangen zu geben, so konnte es bei ihm zu keiner besonnenen gründlichen Production kommen. Seine Romane bezeugen die Flüchtigkeit, mit welcher er schrieb; er dehnte den Stoff in die Breite, statt ihn, Hähern künstlerischen Gesetzen folgend, zusammenzudrängen und zu begrenzen; er wählte im Stofflichen, statt sich in eine Gedankensphäre zu erheben, obgleich es an breiten Reflexionen in seinen Romanen nicht fehlt. Doch mögen gerade diese Eigenschaften dazu beigetragen haben, seinen Romanen, Novellen und Erzählungen, denen es keineswegs an Talent, Interesse und geschickter Anordnung fehlt, das große Publicum zu verschaffen, dessen sie sich eine Zeit lang zu erfreuen hatten. Vorzugsweise wählte er Stoffe aus der poln. Geschichte, so in seinen Romanen „Hippolyt Boratynski" (4 Bde., Dresd. 1825—26), „Olgierd und Olga oder Polen im U. Jahrh." (5 Bde.; 2. Aufl., Dresd. 1832), „Polen im 17. Jahrh. oder Johannes III. Sobieski und sein Hof" (5 Bde., Dresd. 1829) und „Die Frauen Koniecpolski" (4 Bde., Dresd. 1833—35). Auch schrieb er eine „Geschichte Polens" (4 Bde., Dresd. 1827). Die erste Sammlung seiner „Schriften" umfaßt 21 Bände (Dresd. 1825—35) und seine „Sammlung neuer Schriften" 28 Bände (Halberst. und Lpz. 1829—34). Bronkhorst (Peter van), ein holländ. Maler, geb. 1588 in Delft, stellte sehr gelungene Perspectiven von Tempeln und Kirchen dar und belebte diese durch kleine, schön gearbeitete Figuren. Auf dem Rathhause seiner Vaterstadt befindet sich von ihm das Urtheil des Salomo, ein vorzügliches Gemälde. Er starb 1661. — Jan van B., gleichfalls ein berühmter Maler, geb. 1648 in Leyden, war Pastctenbäcker und trieb die Malerei, welche er ohne irgend eine Unterweisung erlernte, blos zu seinem Vergnügen, brachte es aber durch sein Genie zu einem hohen Grade von Vollendung. Er malte vorzugsweise Thiere und mit be- sonderm Fleiße Vögel, bei denen er vorzüglich das Leichte und Glänzende der Federn sehr täuschend drrzustellen wußte. Er starb zu Hoorn 1726. — Ein andererJan van B., geb. zu Utrecht 1603, gest. um 1680, ist besonders als Glasmaler berühmt; schätzbare Glasmalereien von ihm befinden sich in der Nieuwe Kerle zu Amsterdam. Auch hat er MehreS nach Poelemburg gestochen. 688 Bromrer Bronzino Brouner (Franz st'aver), deutscher Jdyllendichter, geb. am 23. Dec. 1 758 zu Hoch, städt an der Donau, wo sein Vater als Knecht in einer Ziegelbrennerei diente, genoß zunächst einen sorgfältigen Unterricht durch den Cantor des Orts, der das Talent des Knaben für den Gesang bemerkt hatte, und kam dann als Chorknabe in das Jcsnitencollegium nach Dillin. gen. Nach beendigten Schuljahren wurde er Benedictinermönch in Donauwörth und erhielt als solcher den Namen Bonifaz. Von jetzt an widmete er sich mit dem größten Eifer dem Studium der Physik, Mathematik und Philosophie, der Musik und Poesie und dichtete besonders Schäferspiele und Fischeridyllen. Da ihm aber das Klosterlebcn nicht gefiel, so ent- floh er und kam unter dem Namen Johann Winfried 17 84 nach Basel und dann nach Zürich, wo er durch Füßli's Verwendung als Notensetzer in einer Druckerei Anstellung erhielt. In Zürich gab er nicht nurseine „Fischergcdichte und -Erzählungen" (3 Bde., Zür. 1787—94), die Sal. Geßner mit einer Vorrede begleitete, sondern auch seine „Lebensbeschreibung" heraus (3Bde., Zür. 1795—97). Inzwischen ließ er sich doch wieder bewegen, nach Augsburg in ein Kloster zurückzukehren. Aber man hielt nicht, was man ihm versprochen; er ergriff daher zum zweiten Male die Flucht und wurde von seinen sthweiz. Freunden auch gern wie- der ausgenommen und sehr bald als Lehrer an der Cantonschule zu Aarau angestellt. Während der Revolution ging er nach Frankreich, und 1819 folgte er einem Rufe als Professor nach Kasan. Im Herbste 1817 kehrte er indeß nach Aarau zurück, wo er 1830 Rc- gicrungssecretair und Archivar wurde und noch gegenwärtig lebt. In Aarau gab er außer der „Abenteuerlichen Geschichte Herzog Werner's von Urslingen" (Aarau 1828), einem ,Ausführlichen Rechenbuche" (Aarau 1829) und der „Anleitung, Archive und Registraturen nach leicht faßlichen Grundsätzen einzurichten" (Aarau 1832) auch die „Lustfahrten »ns Jdyllcnland" (2 Bdchen., Aarau 1833) heraus, welche gemüthliche Erzählungen und neue Fischergedichte enthalten. Bronze nennt man eine mehr oder weniger graugelbe, zu Gußarbeiten geeignete Metallmischung von Kupfer und Zinn, oder auch von Kupfer, Zinn und Wismuth, die mit der Zeit an der Luft durch Oxydation eine grünliche Farbe annimmt. Bronzen nennt man auch solche Gegenstände, welche aus bronzeähnlichcn Metallmischungen gegossen und nachher im Feuer vergoldet sind. Endlich versteht man unter Bronze ein feingeriebencs Pulver, welches, auf Holz, Stein, Gyps oder Metall aufgetragen, demselben ein bronzeartiges Ansehen gibt, und unterBrorniren die Kunst, Bildsäulen, Büsten und andern Gegenständen einen solchen bronzeartigen Überzug zu geben. Dieser Überzug besteht entweder aus einem zu Pulver geriebenen Metalle, z. B. Kupfer, oder Kupfer und Messing, oder ähnlichen goldfarbigen Metallmischungen, aus Musiv- oder echtem Golde. Noch besser ist es, wenn man dieses Metall aus einer seiner Auflösungen regulinisch niederschlägt. Das Bronziren des Holzes und Eisens erfodert eigene Vorrichtungen. Das Holz muß polirt, mit einem mit Lampenruß versetzten Firnisse überzogen und durch eine Farbe, die aus Berlinerblau, Schüttgelb, Umbererde, Lampenruß und Pfeifenthon besteht, Grund erhalten haben; das Eisen taucht man zuvor in eine Auflösung von schwefelsaurem Kupfer, wodurch dasselbe mit Kupfer überzogen wird. Die ersten vollkommenen Arbeiten in Bronze lieferte Paris, und auch noch gegenwärtig haben die pariser Bronzearbeiten den Vorzug vor allen übrigen; ihnen zunächst stehen die wiener; doch auch Berlin, Leipzig und andere Orte liefern jetzt gute Bronzearbeiten. Vgl. d'Arcet's „Die Kunst derBronzcvergoldung" (deutsch Franks. 1823). — Beider Artillerie wird unter Bronze das Stückmetall verstanden, woraus die metallnen Geschütze gegossen werden. Die Composition pflegt aus 90 Procent Kupfer und 10 Procent Zinn zu bestehen. Mehr Zinn macht die Masse zu spröde, weniger Zinn läßt sie zu weich. Auch die Radebüchsen werden in den meisten Artillerien von Bronze gemacht, wobei aber der Zinnanthcil 16 Procent beträgt, und diese Mischung heißt Hartguß. Wegen des hohen Preises der Bronze werden manche Geschützarten auch von Eisen gegossen, besonders für den Dienst in den Festungen und zur See, ja die schweb. Artillerie führt sogar eiserne Feldgeschütze und kein einziges von Bronze. Bei den Franzosen werden alle Geschütze mit Ausnahme der Schiffskanoncn von Bronze gegossen. Bronzino (Angela), ein Maler der florentin. Schule, um die Mitte des 16 . Jahrh-, gehört zwar zu den talentvollern Nachahmern des Michel Angela, erscheint jedoch in seinen h ! ti S s ci s d b st a n L ii (' ? ii u F r di r sc „ ft dl de A ll! hi di sa ro M S A sti N öch. ächst den llin- hielt dem e beeilt- "ch, Zn Sy, Herburg griff wie- iellt. Pro- Rc- ußer nein straften und zneke ! mit man hher lver, An- nden >n r» ;°ld- man l des mit jükt- iisen Kli- auch i-n- zear- :ider hütze Zinn Luch c der ohen -den ^cld- llus- hrh-, inen Broschiren Brot 68!) historische» Bildern bereits frostig und studirt. Sein Hauptwerk dieser Art, Christus im Linibus, befindet sich in der Galerie von Florenz. Ungleich anziehender ist er in seinen Por- traitbildcrn, unter denen sich vortreffliche Arbeiten finden. Erstarb um 157». — Sein Neffe iinKSchülcr, Aleffandro Allori (s.d.), nahm des Oheims Richtung und Namen an. Broschiren, eigentlich brochiren, heißt bei den Seiden- und Musselinwebcrn, vielfarbige Blumen und erhabene Figuren, zuweilen auch Gold und Silber, in Seidenstoffe ciinvebcn. Man unterscheidet in dieser Beziehung genauer lancirtc und eigentlich drosch irte Sto ffe. Bei erstem gehen die die Figuren bildenden Fäden durch das ganze Zeug durch und liegen nur in den gehörigen Stellen auf der rechten Seite flott, bei den letztem kehrt der Figurfadcn an der Grenze der Figur um und das Ganze wird dann der Platt- stichsiickerei ähnlich. Zu letzterer Arbeit bedient man sich besonderer mit dem Webstuhl zu verbindenden Einrichtungen, unter denen die in Deutschland namentlich von Elberfeld aus verbreitete Broschirladc zu nennen ist. — Broschirte Stoffe heißen auch im weitern Sinne alle solche, deren Muster oder sonstige Eigenthümlichkcit durch flottlicgende Schußfäden gebildet wird; daher drosch irt er Atlas solcher heißt, auf dessen rechter Seite nicht die Kettenfäden, wie beim gewöhnlichen Atlas, sondern die Schußfäden flott liegen. (S.Wcbcn.) — Der Buchbinder bezeichnet mit Broschiren das Heften der Bücher in Papier oder dünne Pappe im Gegensätze des Bindens. Das Heften in dünne Pappe nennt man stcifbroschircn, das bloße Heften mit schmalem Rückenfalz, ohne Umschlag, fälzen und derartige geheftete Schriften fieifbroschirte und gefälzte. Während früher nur England, Frankreich und Belgien die Bücher broschirt versendeten, hat man neuerdings auch in Deutschland mehr und mehr, namentlich bei allen in Lieferungen erscheinenden Werken, diese Sitte nachgeahmt. Brosses (Charl. de), ein sehr gründlich gebildeter franz. Geschichtsforscher, geb. zu Dijon am 8. Febr. 1709, studirte die Rechte, dabei aber auch mit besonderer Vorliebe Geschichte. Im I. 1739 machte er eine Reife nach Italien; ein Ergcbniß derselben waren seine „flettres s»r 1'etstds Is ville U'Uerciilanum" (Dijon 1750). AufBuffon's, seines Jugendfreundes, Veranlassung schrieb er dann die ,,H!stnire des naviAutinns nux terres austrides" (2 Bde-, Dijon 1756, - 1 .), in der er dem südlichen Festlande, an welches man damals glaubte, den Namen Magellanicn gab, das er aber auch zum ersten Male Australien und Polynesien nannte. Hierauf arbeitete er die Abhandlung ,,v» culte ries dieux tätiebes »» pnrsüsle a repudUtp.is r»ni!imL «Inns le oours du septieme siecls pur 8rduste" (3 Bde., Dijon 1777, 4.) zusam- mensehte, die noch mehrBeifall gefunden haben würde, wenn der Stil mit der Tiefe und dem Scharfsinne der Nachforschungen übereingestimmt hätte. So zeitraubend diese verschiedenen Arbeiten waren, so hinderten sie ihn doch nicht, auch seinen öffentlichen Ämtern treu vorzustehen. Er starb als Präsident des Parlaments zu Bourgognc am 7. Mai 1777 auf einer Reise in Paris. Vgl. Fvisset, „I>e President de 8., lnstoire des Isttres et des pgrlemeiit» >!>I I Siems siecls" (Par. 1832). — Sein Sohn, Nene, Graf von B-, geb. zu Dijon am 12. März 177 >, der mehre Präsecturstellen bekleidete und am 2. Dec. 1833 starb, besorgte eine neue Ausgabe der Briefe seines Vaters aus Italien, die unter dem Titel „Italis i> ^ a eent aas" (2 Bde., Par. 1833) erschien. Brot aus mehlartigen Substanzen bereitet, finden wir schon im frühesten Alterthume erwähnt. Zwar kannte man das gesäuerte Brot.zur ZeitAbraham's noch nicht; allein schon Moses untersagte solches den Israeliten beim Genüsse des Osterlamms. Die Griechen hatten der Sage nach das Brotbacken vom Gott Pan gelernt; unstreitig lernten sie es durch Phöniz. und ägypt. Colonisten, welche nach Griechenland kamen, in deren Heimat die Kunst, die Conv.-Lex. Neunte Ausl. II. 44 690 Brotfruchtbaum Vronckere Körner durch Handmühlcn zu mahlen und aus Mehl Brot zu backen, schon sehr früh ,'m Gebrauche war. Die Römer lernten das Brotbacken von den Macedoniern, und schon früb- zeitig gab es, nach des Plimus Bericht, in Rom öffentliche Bäcker, obgleich das Getreide noch in Mörsern zermalmt wurde. Von Nom aus theiltc sich der Gebrauch der Brotbackens zunächst dem westlichen Europa mit, von wo aus cs sich dann nördlicher verbreitete. Während früher das Roggenbrot allgemein verbreitet war, hat seit dem l 8. Iahrh. das Weizenbrot eine so außerordentliche Verbreitung gefunden, daß jenes fast nur in Deutschland noch das Vorrecht behauptet. Brot aus andern Getreidcarten hat entweder nur eine locale Verbreitung gefunden, wie z. B. das Maisbrot, oder es dient, wie das Haferbrot, das Brot mit Zusatz von Hülscnfrüchten, in neuerer Zeit auch von Kartoffeln, in den Zeiten der Hungersnoih von Baumrinde, u. s. w. nur als billiges Surrogat für Arme und in den Zeiten der Theuc- rung. Alle diese Surrogate aber ersetzen keineswegs das Roggen- und Wcizenbrot; sic sind mehr oder weniger schwer, unverdaulich und unschmackhaft. Die Gährung des Teigs des Roggenbrots wird durch Sauerteig, die des Weizenteigs durch Hefen bewirkt. In neuerer Zeit hat die Brotbäckerei besonders durch zweckmäßige Einrichtung der Backöfen und durch mechanische Vorrichtungen zum Kneten (Knetmaschinen) manche, jedoch zum Thcil nur auf umfangreiche Bäckereien großer Städte anwendbare Verbesserungen erfahren. Vgl. Otto, „Lehrbuch der rationellen Praxis der landwirthschaftlichcn Gewerbe" (2. Aufl., Braunschw. 1840). — Brottaxen, d.h. obrigkeitliche Bestimmungen über den nach dem Gewicht und der Güte bestimmten Preis des Brots, wie solche noch in vielen Gegenden und Ländern, vorzüglich Deutschlands, des Zunftzwanges wegen festgesetzt werden, haben für das Gemeinwohl nicht den Nutzen, den man sich gewöhnlich davon verspricht. Denn wenn der Bäcker nicht um des eigenen Vorthcils für die innere Güte und richtiges Gewicht zu sorgen sich genöthigt sähe, so könnte er dieselben auf die verschiedenste und leichteste Weise umgehen. Brotfruchtbaum (^rtocarpun). Die Brotfruchtbäume gehören in die Familie der Artocarpeen, haben einhäusige, in Kätzchen gestellte Blüten und tragen kuglige, äußerlich , höckerige, inwendig mit Mark erfüllte Früchte (Scheinbeercn), die in manchen seit uralten Zeiten cultivirtcn Varietäten samenlvs sind. Für die Eingeborenen Polynesiens sind sie die vorzüglichsten Nahrungspflanzcn und den Kartoffeln oder dem Getreide unserer Länder vergleichbar. Die vor der Reife abgenommcne, ein weißes mehliges Mark enthaltende Frucht wird, geschält und in Blätter eingewickelt, zwischen heißen Steinen gebacken und liefert eine angenehme, jedoch hinsichtlich des Geschmacks dem Wcizenbrot ganz unähnliche, mehr den Bananen (Pisang) sich nähernde Speise. Die reife Frucht schmeckt faulig; die öligen Kerne sind eßbar, der Bast liefert Zeuge wie der Papiermaulbeerbaum, das weiche leichte Hol; dient ! zu Hausgeräthen und der Milchsaft der Rinde zu Vogcllcim. Die frühem Secreisenden ! haben mit etwas übertriebenem Enthusiasmus von diesen Gewächsen gesprochen, die in unfern - botanischen Gärten Vorkommen tlnd nach Wcstindien und Südamerika verpflanzt worden sind. In Polynesien pflanzt man besonders den Brotfruchtbaum mit eingeschnittenen Blättern (,V. mcis»), einen schlanken 40—50 F. hohen Baum, dessen Frucht 3—4 Pf. schwer wird; in Südasien und seinen Inseln hingegen den ganzblätterigen Brotfruchtbaum, der eine 25— .30 Pf. schwere Frucht trägt. Brotwasser nennt man einen Weißen, starken Neckarwein, der bei dem Marktflecken Stetten im Remsthale unweit Stuttgart erbaut wird. Brouckere (Charl. de), einer der Hauptförderer der belg. Revolution, geb. in Ma- siricht 1791, stammt aus einer in den Provinzen Limburg und Lüttich begüterten Familie. Sein Vater bekleidete unter der franz. Herrschaft ansehnliche Ämter und war im Anfänge der Regierung König Wilhelm's I. erst Gouverneur der Provinz Limburg, dann Mitglied der ersten Kammer der Eeneralstaaten. B. empfing seine Bildung in der Polytechnischen Schule zu Paris und verrieth früh vielseitige Anlagen, aber auch einen raschen, ungezügelten Geist- Er betrat anfangs die militairische Laufbahn, ging aber dann in den Civilstaatsdienst über. Als Deputirtcr der Provinz Limburg bei der zweiten Kammer der Eeneralstaaten beantragte rr in der Session von 1827—28 die Abschaffung zweier, die Freiheit der Presse und der Person beschränkender Decrete vom I. 1815 und erwarb sich dadurch den Ruf eines Vor» kämpfers für die Volksrechte. Er nahm Thcil an der Nedaction mehrer liberaler Blatter, Brougham and Vaux 691 ken wirkte für die Annäherung der liberalen an die katholische Partei und erklärte sich hier» nach als Mitglied eines 1827 eingesetzten Ausschusses für die auch von den Katholiken verfochtene unbedingte Freiheit des Unterrichts. Gegen 1830 hin näherte cr'sich wieder mehr dcrRcgicrung, die ihm lockende Aussichten im Staatsdienste cröffnetc, als die Julirevolution denAnstoß für die Trennung Belgiens vonHolland gab. Nach dem Kampfe in Brüssel kam er aus dem Haag, wo die Gcneralstaaten außerordentlich versammelt waren, nach Brüssel. Er unterhielt auch von hier aus noch Verbindungen mit dem Prinzen von Oranien in Antwerpen, stimmte jedoch bald darauf im Nationalcongresse für die Ausschließung des Hauses Oranien und schloß sich nun entschieden der neuen Ordnung an. Unter der provisorischen Regierung war er Chef des Finanzausschusses und dann Finanzminister; im ersten Ministerium des Königs Leopold ward er Minister des Innern. Nach dem kurzen unglücklichen Feldzüge gegen Holland kam er an die Spitze des Kricgsdepartcments, wo er sich um die Reorganisation des Heers große Verdienste erwarb. Da jedoch seine Federungen für das Kriegsbudget gekürzt wurden und die Debatten über einen im Drange der Umstände abgeschlossenen Licferungscontract selbst ein nachteiliges Licht auf seine Unbestechlichkeit zu werfen drohten, gab er im März 1832 seine Entlassung. Bald darauf wurde er Generaldirektor der Münze; zugleich aber trat er aus der Kammer mit der Erklärung, daß er für immer auf die parlamentarische Laufbahn verzichte. Im 1.1833 übernahm er an der neugegründeten liberalen Universität zu Brüssel eine unentgeltliche Professur. Sehr bedeutend vergrößerte sich sein Wirkungskreis, als er zu Anfang des I. > 835 mit dem Projecte der Belgischen Bank hcrvortrat. Als Director derselben trug er wesentlich zur Entwickelung des Associationsgeistes bei, bis er nach der 1838 eingetretenen Bankkrisis auf wiederholtes Ansuchen seine Entlassung erhielt. Durch seinen Scharfsinn, verbunden mit großer Gewandtheit in der Sprache, erregteer in der Kammer allerdings Aufsehen; allein seine oberflächliche Bildung, sein Stolz und der Mangel an höhern Grundsätzen befähigten ihn nicht zur Verwaltung höherer Staatsämter. Brougham and Vaux (Henry Brougham, Baron), der frühere Lordkanzler von Großbritannien, ist 1770 in London, nach andern Angaben in Edinburg, geboren. Unter dem Veirathe des Geschichtschreibers Robertson, des Oheims seiner Mutter, erhielt er seine erste wissenschaftliche Bildung. Fünfzehn Jahre alt, begann er seine Studien auf der Universität zu Edinburg und schon im 17. Jahre schrieb er einen Versuch über die Geschwindigkeit des Lichts in den „kbilosoplncul trunssctinns". Obschon er sich so in die Tiefen der Mathematik verlor, war doch eine Wirksamkeit im öffentlichen Leben früh das Ziel, dem er nachstrebtc. Er las die Musterreden der Griechen und Römer, lernte die Kunst des mündlichen Vortrags nach der Sitte junger Briten in einem berühmten Privatvereine, dem 8z»e- culLtive clnl), und widmete sich mit Eifer der Rechtswissenschaft. Nachdem er schon 1803 in Gesellschaft des Lords Stuart de Rothesay eine Reise durch einen großen Theil Europas und namentlich in Paris die Bekanntschaft Carnot's gemacht hatte, trat er als Sachwalter vor den schot. Gerichten auf. In seinem „lngiüiy intn tlie colvnml polic^ »s tlie «uroycLn poerers" (2 Bde., Land. 1803), worin er den Ursprung und die Verbreitung des Negerhandels nachwies, gegen den er sich schon damals aufs entschiedenste erklärte, gab er Beweise seiner umfassenden Kenntnisse und seines scharfen praktischen Blicks. Das 1802 entstandene „blckmburFi, roviecv" verdankt großentheils seiner Mitwirkung den Einfluß, den es auf die Richtung des literarischen Strcbens gewann. Sein Ruf als gerichtlicher Redner war bereits in Schottland begründet, als ihn einige von ihm übernommene wichtige Rechtssachen, namentlich ein Proceß der Herzoge von Noxburgh, vor die Schranken des brit. Oberhauses führten. Ein weiteres Feld öffnete sich ihm hierdurch und wies seinem Ehrgeize ein höheres Ziel. Er ließ sich nun in London nieder; doch sein Wunsch, in das Parlament zu kommen, ward erst 1810 erfüllt, wo er für den vom Herzoge von Bcdford abhängigen verfallenen Flecken Camclford einen Sitz erhielt. Einer seiner ersten Schritte in dieser neuen Laufbahn warsein 1811 von beiden Häusern angenommener und zum Gesetz erhobener Antrag, den Sklavenhandel für ein Hauptvcrbrechen zu erklären. Er nahm seitdem an allen wichtigen Verhandlungen Theil und zeigte besonders 1812 , in der Bekämpfung der den Handel der Neutralen vernichtenden Geheimrathsverordnungen von 1807, seine glänzenden Redner- 44 * L.v K 092 Brougharn and Baut gaben. Nach dem Schlüsse des Parlaments bewarb er sich um die Vertretung der Stadt Liverpool, wo aber Canning, von Pitt begünstigt, den Sieg errang. Er war zwei Jahre lang nicht im Parlamente, bis er abermals für einen verfallenen Flecken, Winchelsea, gewählt wurde. Als England zur Theilnahmc an der Heiligen Allianz cingcladcn ward und dies im Hause der Gemeinen zur Sprache kam, erklärte er sich unumwunden gegen einen Bund zur Verthcidigung der mit keinem Angriffe bedrohten Christenheit. Nach der Vertagung des Parlaments machte er 1816 eine Reise auf das Festland und besuchte in Cvmo die Prinzessin von Wales, die ihn zu ihrem Sachwalter wählte. Als die Prinzessin 1820 nach England zurückkchrte, um ihre Ansprüche auf die Rechte einer brit. Königin geltend zu machen, war B. ihr beredter und glücklicher Vcrtheidiger im Oberhause und reizte dadurch den König zu noch leidenschaftlicherer Erbitterung. Verdienten Ruhm erwarb er sich auch durch seine vielfältigen Bemühungen zur Verbesserung der Volkserzichung in England. Schon 1818 war auf seinen Antrag ein Ausschuß des Hauses der Gemeinen zur Untersuchung dieses Gegenstands ernannt worden, der unter V.'s Vorsitze bis >818 thätig war und in mehren Berichten die Wurzel des Übels aufdccktc. Die Rede, die er in demselben Jahre zur Begründung seines Antrags auf eine eingreifende Verbesserung der Volkserzichung hielt, gehörte zu den glänzendsten Beweisen seines umfassenden Geistes. Seine Bemühungen aber scheiterten an dem Versuche, die reichen Stiftungen der Hähern Lehranstalten zur Beförderung der Volksbildung zweckmäßiger zu benutzen. Ebenso erfolglos war 1820 sein Antrag auf Einführung der KirchspielAulcn in England, den er aufgeben mußte, da sein vermittelnder Vorschlag, diese Schulen der bischöflichen Aufsicht zu unterwerfen, die zahlreichen Anhänger der andern protestantischen Glaubensparteien dagegen einnahm. Desto thätiger suchte er außerhalb des Parlaments für die Bildung des Volks zu wirken. In Verbindung mit patriotischen Freunden gründete er 1819 eine Kleinkinderschulc in London und seinem uncrmüdetcn Eifer verdanken auch die so wichtig gewordenen Bildungsanstalten für Handwerker ihre Entstehung. Seine Grundsätze über Volkserziehung machte er durch seine treffliche Schrift „?ractical ol>- rervutions uz,on tke sllucatioii ok tlie psopie" (Lond. >825) zu einem Gemeingut. Mit ! diesen Bemühungen stand die durch ihn beförderte Stiftung einer Gesellschaft zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse in Verbindung, die seit 1825 eine Reihe Volksschristcn herausgab, deren einige er selbst verfaßt hat. Jm J. 1825 ward er Lord-Nector der Universität Glasgow; auch bethätigte er eine eifrige Theilnahmc an der Gründung der londoner Üniversität. Während er als vielbeschäftigter Sachwalter wirkte, blieb er im Parlament der standhafte Wortführer für die wichtigsten Volksinteressen; besonders war er bemüht, eine durchgreifende Verbesserung der brit. Gesetzgebung und Rechtspflege herbeizuführen, deren Noth- wcndigkcit er 1828 mit siegender Gründlichkeit entwickelte. Für die Aufhebung der Cor- porations- und Testacten, für die Emancipation der Katholiken war er einer der eifrigsten j Kämpfer. Als sodann der Lordkanzlcr Lyndhurst mit Wellington's Ministerium gefallen war, rief die Stimme des Volks B. auf diesen Ehrenplatz, den er, weder durch Herkunft noch ^ durch Familienverbindungen begünstigt, sich selbst gewonnen hat. Unter dem Titel B. and > Vaux ward er zum Baron und Lordkanzler ernannt. Auch auf diesem neuen Schauplätze bewährte er seinen Ruhm bei den Verhandlungen über die Neformbill im I. 1831, in einer seiner kräftigsten Reden. In dem mit seinem Amte verbundenen richterlichen Geschäftskreise zeigte er die ihm eigene unermüdliche Thätigkeit, indem er alsbald verjährte Misbräuche aufhob, die seine nächsten Vorgänger geschont hatten, und im Laufe eines Jahres alle einer- . ledigten Rechtssachen zlir Entscheidung brachte. Eine seiner ersten Maßregeln war die Verbesserung des gerichtlichen Verfahrens bei Bankrotten, die er trotz dem heftigen Widerstande der Sachwalter durchsetzte und wobei er einen rühmlichen Beweis seiner Uneigennüßigkeit gab, da die neue Einrichtung sein Diensteinkommcn jährlich um mehr als 7000 Pf. St. verminderte. Als zu Ende des I. 1831 ein Toryministerium an die Spitze der Verwaltung gestellt wurde, kam wieder Lord Lyndhurst an B.'s Stelle, und da sich der Letztere durch einige Jndiscrctionen das Misfallen der Häupter der Whigs und König Wilhelm's IV- zugezogen hatte, so ward er auch in das > 835 zu Stande gekommene Whigcabinet nicht ausgenommen. So kam B., ohne zu dem System der Tories übcrzutreten, in eine oppositionelle Stellung gegen die Whigs und ließ sich zu einigen Schritten hinrcißen, wie >838 zu dem Broussais 69Z gegen die Verwaltung Durham's (s. d.) in Canada ausgesprochenen Tadel, die sich nur als Ausflüsse persönlicher Gereiztheit bezeichnen lassen. Doch blieb er in den Hauptftage» der Politik, wie in Beziehung auf Wahlreform, Getreidegesetze, Volksbildung und Eman- cipation der Neger, den sters von ihm befolgten Grundsätzen treu. Ein Aufenthalt zu Paris im Z. >839 gab ihm Veranlassung zu einer anonym herausgegebencn, interessanten Flugschrift über die Parteien in Frankreich. Im I. 1 84« sprach er in einer merkwürdigen, die Zustände Englands hell beleuchtenden Rede zum Thcil gegen O'Conncll und mittelbar gegen das Whigministcrium, wodurch er sich den Beifall der großen Mehrheit der Mitglieder des Oberhauses gewann; dann aber, was von Tories und Whigs mit gleichem Schweigen auf genommen wurde, über die schmerzlichste Wunde, woran Großbritannien leidet, über die ! gesellschaftliche und politische Stellung der arbeitenden Elasten. Er bemerkte, wie die große ^ Masse derselben nicht länger durch Bande der Freundschaft oder nur der Neutralität mit den andern Ständen verknüpft sei, wie jetzt das Eigenthumsrecht in Reden vor Tausenden und Hunderttauscnden fort und fort bestritten werde, wie sich die Kluft zwischen dem rcprä- scntirten und nicht repräscntirten Theile der Nation immer mehr erweitere. Als Mittel der endlichen Herstellung eines befriedigendem Zustands bezeichnte er die Abschaffung der Korngesetzc und die Ausdehnung der Repräsentation auf eine größere Bevölkerung, im Gegensätze der jetzigen auf das geistlose Metall gegründeten Verfassung. Auch im I. 1842 erklärte er sich wiederholt für die gänzliche Aufhebung aller Beschränkungen des Kornhandels, die wol nach und nach erfolgen möge, aber endlich eine totale sein müsse; zugleich erhob er sich gegen die vom neuen Toryministerium vorgcschlagcne und durchgeschte Einkommentaxe, indem er eine Vermögenssteuer nur in außerordentlichen Fällen, dann aber mit Unterscheidung zwischen Capitaleinkommen und Arbeitseinkommen, so wie ohne Neid erregende Exemtionen für zulässig hielt. Auch der Besuch des Königs Friedrich Wilhelm's IV. von Preußen in England gab dem geistvollen Staatsmanne zu fehl merkwürdigen Äußerungen Anlaß. B. ist ! nicht blos einer der größten Nechtsgelehrten, die England je besaß, sondern auch mit den man- nichfachfien Kenntnissen in fast allen andern Bereichen der Wissenschaft ausgerüstet. Durch die Fülle seines Geistes, durch treffenden und oft in schneidenden Spott übergehenden Witz, durch glänzenden Vortrag, durch die Kraft und Biegsamkeit seiner Stimme einer der ersten l Redner, ist ihm im Wettstreite der parlamentarischen Debatte kein Gegner überlegen. Bei ^ einigen Gelegenheiten schien er in seinen Ansichten zu schwanken und seinen Ruf als öffentlicher Charakter vor den Augen der schnell urtheilenden Menge mit einer gewissen Keckheit aufs Spiel zu sehen. Allein in der Hauptsache söhnte sich bald wieder die öffentliche Meinung mit ihm aus und glaubte die Triebfeder seiner erst getadelten Handlungen in einem gesunden i Ehrgeize zu entdecken, der es im Bewußtsein hervorragender Kraft nur unwillig erträgt, sich durch schwächere Talente den angemessenen Wirkungskreis versperrt zu sehen. Wie B. auf dem Schauplatze des öffentlichen Lebens glänzend hervorragt, so ist er im Privatleben liebreich und wohlwollend gegen seine Angehörigen, treu in der Freundschaft, geistreich und lebendig anregend im geselligen Verkehr. Neuerdings gab er seine „Szioecims" (4 Bde-, Edinb. >838) und „LIretdies ok 8t-»tesmen in tlre time ak Lleorge III" (Edinb- 1839) heraus. Broussais (Franc. Jos. Vict.), der Begründer des nach ihm genannten mcdicinischcn Systems, geb. am 17. Dcc. 1772 zu St.-Malo, trat frühzeitig, nachdem er das Collo- gium zu Dinon besucht hatte, als Schiffswundarzt in die franz. Marine und vollendete dann seine medicinischen Studien in Paris, wo er auch bis 1895 prakticirtc. Hierauf trat er wieder bei der Landarmee in Militärdienst, ging mit dieser nach Holland, Deutschland, Italien und Spanien, wurde 1814 amMilitairhospitale Val-de-Eräce und 182« als erster Professor an demselben angestellt. Im 1.1832 kam er als Professor der allgemeinen Pathologie und Therapie in die medicinische Facultät, später als Mitglied in das Institut und starb am 17. Nov. 1838 auf seinem Landsitze zu Vitry. Sein Leichcnbegängniß wurde mit großem Pomp gefeiert und ihm 1841 im Hofe des Val-de-Gräce eine Statue gesetzt. Seine „üistoire lies plilegmssies ou intlummutious ellroni^uW" (2 Bde., Par. 18«8; 3. Aufl., 3 Bde., 1826), ein sehr gediegenes Werk, und das „Lxuinen 6« la cloctiöne meckwsle göue'rulement süoptee" (Par. 1816; 4. Aufl., 4 Bde., 1829—34) sind als die Haupc- schriften anzusehen, worin er sein System, den Bro ussai s is m u s, niedergclegt hat, dessen 694 Broussonet Hauptsätze folgende sind: Das Leben erhält sich nur durch Erregung; diese kann bald zu stark, bald zu schwach, bald eine Surexcitation, bald eine Adynamie sein, doch ist jene bciwcitcm häufiger als diese. Diese Zustände reflcctiren sich aber ursprünglich immer nur in einem bestimmten Organe des Körpers, von welchem aus die übrigen Organe und Systeme durch Syn> pathien mit afsicirt werden können. Allgemeine Krankheiten ohne primaire Organcnlcide», die sogenannten essentiellen Fieber, Dyskrasicn u. s. w., sind Undinge, und die Arzte, welche seit Hippokrates dergleichen angenommen haben, Onkologisten. Am häufigsten unter allen Organen sind der Magen und Darmkanal der Ncizung ausgesetzt, und daher die Magen- Darmentzündung, mit ihren Sympathien, namentlich im Herzen und Gehirn, die Basis der Pathologie. Zwei Gri'mde waren es namentlich, welche der raschen Verbreitung dieser Lehre, die ein theilweises Gemisch von Brown'schen und Bichat'schcn Ansichten darstellt, Vorschub leisteten, ihr Zusammentreffen nämlich mit dem Hervortreten des rcinentzündlichcn Genius der Krankheiten seit dem I. 1811 , für welchen die Curregeln der B.'schen Lehre nothwcn- dig die geeignetsten waren, und sodann die Einfachheit der von V- gelehrten Curmethvde. Seiner Lehre von der Magen-Darmentzündung ganz consequent, mußte er namentlich örtliche Blutentziehungen, durch zahlreiche Blutegel auf den Unterleib applicirt, als Univcr- salmittel am Krankenbette empfehlen. Vergebens bestrebten sich ruhigere Praktiker, das Thörichte zu beweisen, das in dem Erheben des B.'schen Cardinalsatzes zu einem Grundpfeiler der Heilkunst lag, und die schädlichen Folgen des Misbrauchs der B.'schen Curmethode aufzudccken; das Publicum, welches so gern nack dem ärztlich Neuen hascht, bevorzugte die Broussaisisten mit seinem Vertrauen. Erst als allmälig die herrschende Krankheitscon- stitukion ihren Charakter vom entzündlichen zum gastrisch-katarrhalischen, gastrisch-nervösen änderte und die früher in der Mehrzahl heilsamen, ja nothwcndigen Blutentziehungen je weniger und weniger von den Kranken vertragen wurden, auch die Sache aufgehört hatte, etwas Neues zu sein, da sank der Broussaisismus mehr und mehr von seiner Höhe, ohne indessen ganz um seinen Credit zu kommen. So wenig auch B.'s Lehre in ihrem ganzen Umfang vor dem Nichterstuhl der Kritik zu bestehen vermag, so hat sie doch unverkennbar auf den Gang der Ausbildung der Medicin im Allgemeinen einen wohlthätigen Einfluß in mehr als einer Hinsicht ausgcübt, indem sie nämlich ein sorgfältiges Studium der pathologischen Anatomie, der physiologischen und pathologischen Sympathien und eine sorgfältigere Beobachtung des Verlaufs und der Systeme, besonders der sogenannten specifischen Krankheits- proceffe, deren Vorhandensein B. und seine Schüler leugneten, hervorgerufen hat. Daher mag es denn auch gekommen sein, daß B.'s Lehren, wenn sic auch im Auslande überhaupt und namentlich in Deutschland niemals allgemeine Geltung erlangt haben, doch auch hier in mancherlei Einzelheiten angenommen worden sind und ganz neuerlich von den Vertretern der physiologischen Heilkunde empfohlen werden, wie denn auch B. sein System I-u »>e- ckecine plstsioloAicjiie nannte. Vgl. Montegre, „k^utice bistorchuo sur In vie, les truvuux, les oziillions tle i;." (Par. 1839), Casper, „Charakteristik der franz. Medicin" (Lpz. 1822), Conradi, „Kritik der Vorlesungen B.'s über die gastrischen Entzündungen" (Hcidelb. 1821) und Spitta, „l^ovue cioctriiiuc ;>utbolo^icüe anctnre l). e;,itome" (Gött. 1822). — Sein Sohn, Casimir B., geb. 1803 zu Saint-Servan in Ille et Vilaine, seit 1833 Arzt und Professor am Val-de-Grace, zeigte sich als eifrigen Schüler seines Vaters, dessen Lehren c> noch jetzt vertheidigt. Broussonet (Pierre Marie Auguste), franz. Arzt und Naturforscher, geb. zu Montpellier am 28. Febr. 1761, promovirte in einem Alter von noch nicht 18 Jahren mit seiner Abhandlung „Varise tbsses circa resziirationem" und studirte hierauf zu Paris Naturgeschichte, namentlich Zoologie, welche er zuerst in Frankreich in der während seines Aufenthalts in London herausgegebenen „Icbtk)-ol»j;me elecas l." (Land. 17 82) nach dem Linnc"- schen Systeme cintheilte. Nach seiner Rückkehr nach Paris ließ ihn Daubenton, obgleich ein Gegner Linne's, zu seinem Stellvertreter am (lcdlegc de krsnce und 1781 zu seinem Gehüsten in der Thierarzneischule ernennen; auch wurde er Mitglied der Akademie. Die pariser Ackerbaugesellschaft, deren Secretair er seit >787 war, bekam durch ihn einen neue» Aufschwung. Außer den Arbeiten für diese Gesellschaft gab er das für den Landmann so nützliche „I-'-uinee rurale ou caleuckrier ä l'usa^e des cultivateiirü" (2 Bdc., Par. 1787—88) Brown (John) heraus. Durch sein Verwenden wurden die erste Merinoheerde aus Spanien und aus der Levante Angoraziegen nach Frankreich gebracht. Im I. 1789 ward er Mitglied der Nationalversammlung, doch machte er sich wenig bcmerklich. Nach Eröffnung des Convents zog er sich nach Montpellier zurück. Als er hier nach dem 31. Mai als Girondist verhaftet wurde, rettete er sich nach Madrid, wo die Botaniker Ortega und Cavanilles ihn freundlich aufnahmcn, die außgcwanderten Royalisten aber auf seine Wegweisung drangen. Durch seinen Freund Sir Joseph Banks erhielt er in dieser bedrängten Lage einen Kreditbrief von l 999 Louisdor, um auf einem engl. Schiffe nach Indien zu gehen. Ein Sturm zwang das Schiff, in den Hasen von Lissabon cinzulaufcn. Ungeachtet der Fürsprache des Herzogs Lafoens, der ihn verborgen hielt, trieben ihn neue Verfolgungen auch aus diesem Zufluchtsorte. Nachdem er Algsrvien und Andalusien durchirrt, ging er endlich, unter dem Titel eines Arztes des amerik. Gesandten zu Marokko, nach Afrika. Hier beschäftigte er sich wieder mit der Botanik und sendete namentlich an Banks mehre Sammlungen. Von der Enügrantcnliste gestrichen und nach Frankreich zurückgekchrt, ward er zum Konsul zu Mv- gadvr und zum Reisenden des Instituts ernannt, dessen Mitglied er, den Statuten zuwider, trotz seiner Abwesenheit geblieben war. Nachher kam er als Konsul nach den kanarischen Inseln und später in gleicher Eigenschaft nach dem Cap, bis der Minister Chaptal, sein Verwandter, ihn zum Professor der Botanik zu Montpellier ernannte. Hier schrieb er seinen „kilemlms pllilititriiin mou^pbllonsium" (Msntp. 1805). Durch Napoleon ward er 1895 zum Mitgliede des Gesetzgebenden Körpers ernannt. Er starb am 27. Juli 1807 in Folge eines Falles, der die Wirkung bei ihm hervorgebracht hatte, daß er alle Namen und Sub- stantiva vergaß, während die Adjectiva, mit deren Hülfe er die Gegenstände bezeichnete, sich ihm leicht und in Menge darbotcn. Brown (John), der Stifter des nach ihm benannten mcdicinischcn Systems, gcb. 1735 zu Buncle in der schot. Grafschaft Berwick, zeigte schon früh ungewöhnliche Talente, weswegen ihn seine Altern, die von geringem Stande waren, von einem Weber, bei welchem er lernte, Wegnahmen, um ihn studiren zu lassen. In seinem 16. Jahre ward er auf die lat. Schule in das Städtchen Dunst gebracht, wo er durch außerordentlichen Fleiß alle seine Mit. schüler übertraf. In der Erntezeit freilich mußte er als Schnitter arbeiten, um sich dadurch die zu seinem Studiren nöthigen Mittel zu verschaffen. Ausdauer uyd Geschicklichkeit erwarben ihm aber sehr bald die Stelle eines Untcrlehrers an der Schule. Damals,ging sein Plan dahin, Religionslchror der Separatisten zu werden, zu deren Sekte seine Altern sich hielten. Ein Besuch des Gottesdienstes zu Dunst zog ihm indcß den Unwillen der Separatisten zu und veranlaßte seinen Übertritt zur herrschenden Kirche. Um Medicin zu studiren, ging er endlich nach Edinburg. Hier erwarb er sich durch Übersetzen sowie durch Unterrichtgeben in der lat. Sprache seinen Lebensunterhalt; auch vcrheirathcte er sich 1765. In der ersten Zeit nach seiner Verheirathung lebte er in sehr angenehmen Verhältnissen; allein bald gerieth er in die größte Noch. Vorzüglich freundlich nahm sich indeß seiner der Professor Cullcn an, indem er ihm nicht nur den Privatunterricht in seiner Familie übertrug, sondern ihm sogar erlaubte, Abcndvorlesungen zu halten und in diesen seine eigenen Morgen- vorlcsungen zu wiederholen, wozu er ihm selbst seine Hefte anvertraute. Im Laufe der Zeit entstanden jedoch zwischen Beiden Mishelligkeiten, welche, obschon erst nach Jahren, zu offener Feindschaft führten. Nachdem B. seine „Llemenra metlie.iime" (Edinb. 1779) herausgegebcn hatte, worüber er Vorlesungen hielt, zerfiel er wegen der darin ausgestellten neuen Theorie der Heilkunde mit allen Lehrern der Medicin )n Edinburg, und cs wurden nach und nach die Reibungen zwischen den Professoren und Ärzten in Edinburg und B.'s Anhängern in den I. 1782 und 1783 so arg, daß es den Studenten verboten wurde, in ihren Dissertationen Stellen aus B.'s Schriften anzuführen. Durch übermäßige Lebendigkeit beim Vortrag und durch die üble Gewohnheit, sich dabei durch Opiumtinctur zu ermuntern, wurde er bis zum Wahnsinn erhitzt und seine Gesundheit gänzlich untergraben. Schulden wegen kam er >776 ins Gefängniß, wodurch jedoch seine Vorträge nicht unterbrochen wurden. Auch nachdem er sich 1786 nach Londomgewcndet, wo er aber wenig Anhänger fand, setzte er sein unregelmäßiges Leben fort, sodaß sich endlich seine besten Freunde von ihm zurückzogen. Er starb in London am 7. Oct. >788 am Schlagflusse. Edinburg nahm sich seiner E'- 696 Brown (Rob.) hinterlassencn Familie an. Der üble Nuf, in welchem V. in seinem Vaterlande stand, seine Feindschaft mit Cullcn, Monro, Duncan n. A., von deren Urthcil das ärztliche Publicuni geleitet wurde, seine unordentliche Lebensart, die Verworrenheit seines Stils, sowie das schwerfällige Latein seiner ersten Schrift erschwerten seinem Systeme, dem Brownismus (s. Errcgungstheori c) den Eingang wenigstens bei den gebildeten Ärzten Eng. lands, und seine Anhänger bestanden größtentheils nur aus seinen eigenen Schülern. Mehr Verbreitung gewann dasselbe außerhalb Englands, namentlich in Italien. In Deutschland ward es zuerst durch Weickard, seit 1791, seinem ganzen Umfange nach bekannt; doch erregte es auch hier den Kampf zwischen den Brownianern und ihren Gegnern, welcher in der Folge auf eine Art geführt wurde, die der Wissenschaft weder Ehre noch Gewinn brachte.— Sein Sohn, Will. Cullcn B-, gab des Vaters Werke mit dessen Biographie heraus, i (3 Bde., Land. 1804). Brown (Nob.), der Stifter einer religiösen Sekte, der Brownisten, die wegen der seit 1573 eintrctenden strengem Maßregeln gegen die Puritaner von der Hochkirche sich > ausschied, war um > 550 zu Northampton geboren und auf der Universität zu Cambridge - gebildet. Im 1.15 81 trat er in Norwich, wo die Holländer eine Anabaptistcngemcinde hat- , tcn, als Prediger auf und gewann unter Mitwirkung des Schulmeisters Rich. Harrison nicht unbeträchtlichen Anhang. Seine stürmischen Angriffe galten der bischöflichen Kirche ebenso- , wol als den Presbyterianern, denn obgleich er mit den letzter« in der Lehre übereinstimmte, > so verwarf er doch ihre Synodal- und Prcsbyterialvcrfaffung als unapostolisch. Nach seiner ^ Idee sollte jede einzelne Gemeinde eine für sich bestehende Gesellschaft oder Congregation (daher der Name Congregationalisten) bilden und unabhängig von allen andern sich selbst regieren. Diese Selbstrcgierung war, da er allen Gemcindeglicdern gleiches Recht und gleiche Gewalt beilegte, nur durch Beschlüsse nach Stimmenmehrheit möglich. Nach demselben Modus wurde der Geistliche jeder Gemeinde frei erwählt und nach Gutdünken wieder entlassen, überdies auch nicht ausschließlich mit dem öffentlichen Lehramtc betraut, denn alle Brüder durften weissagen. In liturgischer Beziehung erklärte er sich gegen alle Gebetsfor- j mein, gegen die gangbare Form der Sacramentsverwaltung sowie gegen den kirchlichen Act der Trauung. Wegen ungcmcsscncr Polemik verhaftet, wurde er auf Verwendung seines Verwandten, des Lordschatzmeisters Cecil, wieder frcigegcben und setzte nun zuerst zu Middelburg in Seeland, wo er eine Gemeinde gründete und eine Schrift über schnelle Reformation (Middelb. 1582) herausgab, später wieder in England sein leidenschaftliches Treiben so lange fort, bis er vom Bischof von Pcterborough in den Bann gethan ward. Jetzt unterwarf er sich wenigstens äußerlich der Hochkirche und erhielt eine Pfarre, deren Einkünfte cr jedoch nur zu einem lockern, ausschweifenden Wandel benutzte. Noch im 80. Lebensjahre war er so heftig, daß er einen Steuerbeamtcn prügelte und ins Gefängniß gebracht werden mußte, wo er 1630 starb. Seine Anhänger, die sich unter ihrem zweiten Obcrhaupte, dem Rechtsgelehrten Henry Barrowe (daher auch Barrowisten genannt), eher vermehrten als verminderten, wurden endlich durch harte Maßregeln gezwungen, größtentheils nach Holland zu flüchten und in Amsterdam, Middelburg und Leyden sich niedcrzulaffen. Hier war cs, wo sie John Robinson, gcst. 1626, als Vorsteher ihrer Gemeinde zu Leyden, an gemäßigtere Grundsätze gewöhnte und zu der auch politisch wichtig gewordenen Gemeinde der Independenten umbildete. (S. Cromwcll.) Um 1 643 gingen sie dann theils nach England zurück, theils nach Nordamerika. Die heutigen Independenten unterscheiden sich von den andern protestantischen Parteien nur durch Verwerfung jeder Glaubcnsformel und dadurch, daß sie ihre Prediger nicht ordinircn lassen. — Nicht zu verwechseln ist B. mit Th ounas Brown e, dem Verfasser einer deistisch gefärbten „Ideligin me", der 1682 starb. Brown (Rob.), der unter den jetztlebendcnBotanikern einen hervorragenden, wo nicht den ersten Platz einnimmt, indem cr in allen Theilen seiner Wissenschaft mit ebenso unermüdlichem Fleiße als glänzendem Erfolge seit seinem 20. Lebensjahre gearbeitet, ist >781 ge- borcn. Von Sir Joseph Banks empfohlen, erhielt er die Ernennung als Botaniker der Expedition, welche 1801 unter Befehl des Capitain Flinders zur Erforschung eines Theils der Küste von Neuholland von der brit. Negierung abgeschickt wurde. Flinders wurde vom Unglück verfolgt, mußte wegen des unbrauchbaren Zustandes seines Schiffs nach Europa zu- Browne (Georg, Reichsgraf von) 6! 7 rückkchren und siel den Franzosen in die Hände, die ihn mehre Jahre aufJslc-dc-France gefangen hielten. B. war nebst dem Pflanzcnmalcr Fcrd. Bauer in Ncuholland zurückgeblieben, besuchte manche Gegenden zuerst, die damals im Naturzustände, jetzt mit blühenden Kolonien beseht sind, ging nach Vandicmcnsland und dann auf die Inseln der Baß-Straße und kehrte >805 mit einer Sammlung von 4000 Arten neuholländ. Pflanzen nach England zurück, wo ihn die Bearbeitung dieses Materials, des reichsten, das bis dahin aus jenen entlegenen Ländern nach Europa gebracht worden, mehre Jahre beschäftigte. Von Banks zum Bibliothekar der berühmtesten Privatsammlung naturhistorischer Werke, die es je gegeben, gewählt, genoß er nicht nur eine sorgenfreie Lage, sondern auch den freien Gebrauch aller vorhandenen Hülfsmittel und gab einen „?roclrc>mus tlorae idiovue Hollan- «liae etc." (Lond. 1810 ) heraus, den er selbst, mit der eigenen Arbeit, ihrer Vortrefflichkeit ungeachtet, nicht ganz zufrieden, später unterdrückte, den aber Oken in der „Isis" abdruckte > und Nees von Escnbcck (Nürnb. 1827) vermehrt erscheinen ließ. Diese phytographische Arbeit ist nicht nur durch Rcichthum an vergleichenden Beobachtungen von allgemeinem Jn- ! teresse, sie stellt auch ein Muster auf, wie solche Werke abgcfaßt werden sollen, und beweist, daß selbst bei einer systematischen Aufzählung höhere Gesichtspunkte verfolgt werden können; der Phytographie hat sie sicherlich eine neue Richtung gegeben. Von einem höhern Standorte aus die Pflanzenwelt betrachtend und großen Rcichthum an geistreichen Naturan- schauungen verrathend, verbreitete sich B. in den „Oenerul remsrks nn tke bot«nz' «f terra cmstralis" (Lond. 18! 1 , 1.) und auch in einer spätcrn Schrift über die Vertheilung der Pflanzenfamilien in Neuholland. Mit besonderer und leicht erklärlicher Vorliebe für jenes Land erfüllt, in welchem er einen Schah wissenschaftlicher Erfahrungen gesammelt hatte, gab er endlich ein „8u^>Iei»entiim j>ri,num llorae idiorae Ilollaiilliae etc." (Lond. 1830) heraus, zu welchem die von andern Reisenden dort zusammengcbrachtcn Herbarien den Stoff lieferten. Sein großer und gegründeter Ruf vcranlaßte auch andere Reisende, ihn > für die Bearbeitung ihrer Sammlungen zu gewinnen. So lieferte er die botanischen An- ! hänge zu den Berichten der Polarrcisenden Roß, Parry und Edw. Sabine, auch unterstützte er den Chirurg Nichardson, der als Frauklin's Begleiter Vieles aufgcfunden hatte. Er beschrieb nach und nach das von Horssicld auf Java 1802 — 15 gesammelte Herbarium, die von Salt in Abyssinien, von Oudney und Clapperton im Innern Afrika und von Christen Smith, dem Begleiter Tuckey's während der Expedition nach dem Kongostromc, zusammengebrachten Pflanzen. Als Erbe der reichen Sammlungen und Bibliothek des l 820 gestorbenen Banks, die dereinst an das Britische Museum übergehen sollen, und von einer erstaunlichen Menge Pflanzen der verschiedensten Erdgegendcn umgeben, wurde er nicht nur der größte Pflanzcnkcnncr, sondern benutzte auch dieses Wissen für höhere Zwecke. Das natürliche System verdankt ihm zumal sehr Vieles, denn obgleich er aus Grundsatz sowol in Einthcilungen als in Sprache möglichst einfach zu sein stets gestrebt hat und allen unnäthigen Neuerungen abhold geblieben ist, so that er doch sehr Vieles für Begrenzung älterer und Aufstellung neuer Familien. Auch im Felde der Pflanzenphysiologie hat er viele Thätigkeit entwickelt. Er wieS zuerst nach, daß die Pollenkörper bis zu den Eichen der Pflanzen gelangen, und eine seiner wichtigsten Entdeckungen ist die noch immer nicht genügend erklärte selbständige Bewegung der Moleculartheilchcn im Pollen. Seine von Nees von Escnbeck übersetzten „Vermischten botanischen Schriften" (4 Bde., Lpz. 1825—20 uns Nürnb. >827-34) sind eine wahre Schatzgrube für wissenschaftliche Botanik. Browne (Georg, Ncichsgraf von), russ. Feldmarschall, von Geburt ein Irländer, aus einem alten katholischen Adelsgeschlechte, geb. am 15. Juni 1608, machte seine Studien zu Limerick und trat 1725 in kurpfälzische und 1730 als Capitainlieutenant in russ. Kriegsdienste, wo er sehr bald Gelegenheit fand, bei einer Meuterei durch Muth und Entschlossenheit sich hervorzuthun. An allen Kriegen, die Rußland von jener Zeit an bis 1762 führte, nahm er ehrenvollen Theil. Bei Krozka gericth er in türk. Gefangenschaft und ward dreimal als Sklave verkauft, bis ihm endlich der franz. Gesandte in Konstantinopel seine Freiheit wieder verschaffte. Als Generalmajor ward er im Siebenjährigen Kriege bei Zorndorf von den Preußen gefangen, denen er aber wieder entschlüpfte, und später so schwer verwundet, daß er nicht wieder zur Armee gehen konnte. Peter III. ernannte ihn zum Feldmarschall, lM Browne (Müxim. Ulysses, Reichsgraf von) um unter ihm in dem gegen Dänemark beschlvssencn'Kriegc zu commandiren. B. erkühnte sich, dem Kaiser zu sagen, daß dieser Krieg ebenso ungerecht als unpolitisch sei, worauf ihm dieser befahl, seine Würde nicderzulegcn und das Reich zu verlassen. Doch noch che B. abgcrcist war, ließ ihn der Kaiser rufen und bestätigte ihn nicht nur in seinen Würden, sondern ernannte ihn überdies zum Gouverneur von Licfland, wo er 30 Jahre blieb und viele nützliche Anstalten traf. Durch Joseph l!. ward er 177!) zum deutschen Ncichsgrafen erhoben. Einige Jahre vor seinem Tode fodcrte er Alters wegen von Katharina II. seinen Abschied, allein sie gab ihm die Antwort: „Herr Graf, nichts kann uns trennen als der Tod." Er starb zu Riga am 18. Sept. 1792, nachdem er 20 Jahre zuvor sich schon seinen Sarg hatte machen lassen, den er öfters besah, sowie er sich auch jährlich sein Testament vorlesen ließ. Browne (Maxim. Ulysses, Neichsgraf von), östr. Gencral-Feldmarschall, ein Verwandter des Vorigen, war zu Basel am 23. Oct. 1705 geboren. Sein Vater hatte als Anhänger des Königs Jakob's II. sein Vaterland verlassen müssen und kaiserliche Kriegsdienste genommen, in denen er, nachdem er 1716 in den Reichsgrafcnstand erhoben worden war, 1721 starb. B. trat ebenfalls in östr. Dienste, nahm zuerst 1734 an dem ital. Feldzuge gegen die Franzosen und Sardinier Thcil, machte dann 1737—39 die drei Feldzüge gegen die Türken mit und wurde, da er sich stets rühmlich ausgezeichnet hatte, zum Feldmarschall- Licutenant und Beisitzer des Hofkricgsraths ernannt. Beim Einbrüche Fricdrich's II. in Schlesien gegen Ende des I. 1740 stellte man ihn diesem zuerst entgegen; zwar mußte er vor dessen Übermacht zurückweichcn, doch vereinigte er sich hierauf mit dem indeß herange- komnicnen Feldmarschall Neipperg, führte in der Schlacht bei Molwitz am 10. Apr. >741 den rechten Flügel, mit welchem er den Preußen am längsten Stand hielt, und leitete endlich, als ältester Fcldmarschall-Licutcnant, in der Schlacht bei Chotusitz unweit Czaslau am 17. Mai 1742 den Oberbefehl. Während des östr. Erbfolgckriegs war er zuvörderst in Böhmen und Baiern unter Khcvenhüller bald da bald dort militairisch beschäftigt und hatte an der Vertreibung der Franzosen aus Baiern großen Antheil. Hierauf diente er unter dem Fürsten von Lobkowitz in Italien, wo er namentlich den glücklichen Angriff von Veletri am 11. Aug. 1744 ausführte, und wurde sodann wieder nach Baiern und von da nach dem Rhein geschickt. Im I. 1746 ging er von neuem mit einem Heere von 30000 M. nach Italien, wo er gleich anfangs sehr glücklich agirte. Er trug namentlich sehr viel zum Siege über die vereinigte franz. und span. Armee in der blutigen Schlacht bei„Piacenza bei, eroberte die berüchtigten Engpässe der Bocchetta, worauf sich Genua den Ostrcichcrn unterwerfen mußte, das jedoch hernach in seiner Abwesenheit wieder verloren ging, und war bereits im Begriff, Genua aufs neue cinzunehmen, als die Nachricht von den aachcner Friedenspräliminarien cintraf. Zur Belohnung seiner Verdienste wurde er 1749 zum Gouverneur von Siebenbürgen ernannt; zwei Jahre darauf erhielt er das Generalcommando in Böhmen und 17 54 die Feldmarschallswürdc. Als Friedrich II. 1756 den Krieg aufs neue begann, fehlte es freilich der kaiserlichen Ar-mee zur Eröffnung eines Feldzugs an Geschütz, Pferden und andern Bedürfnissen, da man zu Wien ungeachtet aller Vorstellungen B.'s den Angriff des Königs für unmöglich gehalten hatte. Mil gewohntem Eifer betrieb indes B. die nüthigcn Vorkehrungen, sodaß er sehr bald dem König entgcgentretcn konnte. Zwar verlor er die Schlacht bei Lowositz am I.Oct. 1756, doch kostete den Preußen dieser Sieg viel Leute. Trotz des erlittenen Unfalls drang er sieben Tage spater gegen Sachsen vor, um die zwischen Pirna und dem Königstein cingeschloffene sachs. Armee zu befreien. Obschon er seine Absicht nicht erreichte, so zwang er doch die Preußen, Böhmen zu verlassen. Nach Wien zur Theilnahme an den Bcrathungen des Hofkricgsraths berufen, stimmte er für Ergreifung der Offensive und rieth, Friedrich II. in Sachsen anzugreifen, aber weder hier noch später, als er dem Entschlüsse des Herzogs Karl von Lothringen, ein festes Lager bei Prag zu beziehen, lebhaft widersprach, ward er gehört. So kam cs am 6. Mai >757 zur unglücklichen Schlacht bei Prag. B. war unter den Feldherren zuerst auf seinem Posten, wendete durch rasch getroffene Anordnungen die von den Preußen versuchte Überflügelung ab und schlug ihren ersten Angriff unter Schwerin mit großer Tapferkeit zurück. Bei dieser Gelegenheit erhielt er jedoch am linken Schenkel eine schwere Verwundung, in Folge deren Broxtermann Bruce (James) 609 er am 26. Juni >757 zu Prag starb. Außer der Achtung und Liebe, die das Heer für ihn hegte, folgte ihm der Ruhm, daß ihn Friedrich II. seinen Lehrer in der Kriegskunst nannte. Broxtermann (Theobald Wilh.), ein durch seine Schicksale und Schriften der Aufmerksamkeit würdiger Mann, geb. im Juni 1771 zu Osnabrück, wo sein Vater Advocat war, studirte, nicht aus Neigung und Wahl, sondern durch den Willen des Vaters bestimmt, seit 179» die Rechte in Göttingen, worauf er in seiner Vaterstadt als Jurist zu prakticiren anfing. Der Widerwille jedoch, den er hierbei kundgab, führte mit seinem strengen Vater manche Conflicte herbei, welche sich zuletzt so steigerten, daß B. 1795 heimlich die Flucht ergriff und ohne bestimmten Plan und Zweck nach Holland ging. Für den Wohlfahrtsausschuß der Provinz Geldern schrieb er nun, jedoch meist ohne seinen Namen, Memoiren zur Belehrung des Volks über Tagesinteressen, auch erhielt er den Preis für seine Concurrcnzschrift über die Theilung der Marken. Da jedoch die ihm gemachte Hoffnung auf Anstellung sich hinausschob, trat er 1797 als Archivar und Kanzleirath in die Dienste des Herzogs Wilhelm von Baiern, bei dem er erst in Landshut und seit 1799 in München lebte, wo er schon am 14. Sept. 18»» starb. Unter seinen Schriften nennen wir die Ballade „Benno, Bischof von Osnabrück" (Münst. 178!»), „Gedichte" (Münst. 1794), neu aufgelegt unter dem Titel „Poetische Erzählungen" (Lp;. 1808) und das Trauerspiel „Ehrgefühl und Liebe, oder der Eid" (Brandend. 1799). Lange Zeit vergessen, wurde er wieder in Erinnerung gebracht durch Wedekind, der dessen „Sämmtliche Werke" (Osnabr. 1841) sammelte. In seinen Dichtungen neigte er sich hauptsächlich dem Epischen zu, doch versuchte er sich auch im Dramatischen und bearbeitete mit selbständiger Auffassung de» „Cid". Am populairsten wurde sein Lied „Mit Eichenlaub umkränzt die Scheitel". Bruce, ist der Name einer berühmten schot. Familie, diemitRobcrt I. den schot. Thron bestieg (s. Schottland) und später nach England übcrsiedelte. Bruce (James), berühmt durch seine Reisen, geb. am 14. Dec. >73» zu Kinnaird in Schottland, studirte zwar in Edinburg die Rechte, gab jedoch den Plan, Sachwalter zu werden, bald auf und trat in das Geschäft eines Weinhändlers, dessen Tochter er heirathetc. Nach dem frühen Tode seiner Frau besuchte er das Festland. Nach England zurückgekehrt, ward er durch Vermittelung des Lords Halifax 1763 als Consul in Algier angestellt, wo er sich eifrig mit dem Studium der morgenländ. Sprachen beschäftigte. Nach mehren Reisen sowol in das innere Afrika als an den Küsten des Mittelländischen Meers, ging er in Begleitung eines geschickten Zeichners 1767 nach Asien und besuchte Baalbek und Palmyra, wo er von den wichtigsten Denkmälern des Alterthums Zeichnungen machte, die er der königlichen Bibliothek zu Kew in der Grafschaft Surrey schenkte. Im Frühling 1768 kam er nach Kairo und verfolgte gegen Ende des Jahres den Lauf des Nil stromaufwärts. Er kam jedoch zu Wasser nicht weiter als nach Syene, kehrte hierauf nach Kenne zurück und reiste mit einer Karavane bis Koffeir am Rothen Meere, von wo er nach Dschcdda segelte. Von hier steuerte er dann an der Küste hin und kehrte im Sept. > 7 69 nach Masua, an der afrik. Küste des Rothen Meers, zurück. Unter Beschwerden und Gefahren kam er endlich bis Gondar, Abyssi- niens Hauptstadt, wo er sich bei der hier ausgcbrochenen Blatternkrankhcit durch Anwendung der europ. Behandlungsart sowol am Hofe als beim Volke großes Ansehen erwarb. Er blieb über drei Jahre in Abyssinien, besuchte die Quellen des westlichen Nilarms und brachte ein ganzes Jahr damit zu, seine Reise nördlich durch Nubien und die Ungeheuern Wüsten, welche dieses Land von Ägypten trennen, nach Alexandrien fortzusctzen, das er im Mai 1773 erreichte. Nach einer Abwesenheit von elf-Jahren kehrte er nach Schottland zurück, heirathetc zum zweiten Mal und schien sich allen literarischen Arbeiten entzogen zu haben, als der Tod seiner Gattin 1785 ihn veranlaßtc, durch die Ausarbeitung seiner „Travels int» ^lHssiniu" (5 Bde., Edinb. >79», 4.; deutsch von Volkmann, 5 Bde.,Lpz. 179»—92) sich Zerstreuung und Trost zu verschaffen, die sogleich von vielen Seiten her bitter angegriffen, ja sogar für ersonnen erklärt wurden. Ein Sturz von der Treppe endete sein Leben im Apr. 1794. Obgleich mit Kenntnissen mancherlei Art ausgerüstet und mchrcr neuern und ältern Sprachen kundig, entbehrte er doch den ruhigen, unbestechlichen Blick, der den Mann von tieferm Gehalte verkündigt. Mehre seiner Behauptungen sind zwar sehr abenteuerlich, allein die früher gegen ihn vorgebrachte Anklage großer Unzuverlässigkeit, wo nicht Lügenhaftigkeit, 700 Bruch ist durch das Zeugniß der neuesten Reisenden in Abyssinien genügend beseitigt, indem düse «icht allein viele seiner Angaben bestätigen, sondern auch zugebcn, daß er unter günstigen Umständen weiter vorgedrungcn sei als irgend einer seiner Nachfolger. Vgl. Hcad, „läse osL."(Lond. 1832). Bruch heißt das in seinem Mischungsvcrhältniß von Erde und Wasser zwischen Sumpf und Moor stehende Wcichland, das zuweilen mit Sumpf- und Moorstellen abwechselt, auch oft von klarem Wasser durchströmt wird. Ihre Entstehung verdanken die Brüche nicht ganz abgelaufencn Seen oder dem Zurück- wie Übertritt des Meers oder fließender Wasser. Sie sind gewöhnlich lang und schmal, begleiten oft größere Flüsse, wie die Oder, Netze, Warthe, Havel u. s. w., trocknen zuweilen im Sommer ganz oder stellenweise aus und sind am häufigsten mit Erlen, aber auch mit Birken, Eschen, Weiden, Pappeln und anderm Gesträuch bewachsen. Die durch Abzugsgräben entwässerten Brüche liefern größtentheils ein gutes Weide- und Ackerland; für die Gangbarkeit und besonders militairi- sche Benutzung bieten sic jedoch immer noch viele Hindernisse. Brüche, welche einen von leichter Pflanzendecke überzogenen sehr weichen schlammigen Untergrund haben, nie austrocknen, in fauligem Wasser abfließen und gewöhnlich mit Moosen und einzelnen verkrüppelten Nadelhölzern bedeckt sind, heißen Fe cnbrüche oder Vehnenbrüche, hohe Veen u. s. w. Wenn der Boden aus sich nicht zum Brennen eignender Moorerde besteht und stärker mit Bäumen und Gesträuch bewachsen ist, so heißt der Bruch ein Mvorbruch, finden sich jedoch statt der Bäume nur Moose, so wird er ein Moor, in Franken auch Lohr oder Lohe, in Obcrbaiern Moos, ebendaselbst und in Thüringen Nied, in Norddeutschland L u ch und am Niederrhcin PelloderPeel genannt. Nicht zu entwässernde Brüche können nur als Fettwcide benutzt werden, indem sich in ihnen das Vieh bald faul frißt, weshalb es schnell geschlachtet werden muß. Trocken gelegte und gegen Überschwemmungen gesicherte Brüche bieten als Ackerland eine unerschöpfliche Quelle der Fruchtbarkeit. Solche trocken gelegte Brüche sind der Oder-, Netze- und Warthcbruch. Bruch heißt in der Mathematik ein bestimmter Theil der Einheit. Man erhält einen Bruch, wenn man ein Ganzes oder die Einheit in eine gewisse Anzahl gleicher Theile thcilt und einen oder mehre dieser Theile nimmt. Theilt man z. B. die Einheit in vier gleiche Theile und nimmt drei derselben, so hat man drei Viertel oder Viertheile, was durch ausgedrückt wird. Sowie in diesem Falle besteht jeder Bruch aus zwei Zahlen, die bei den gewöhnlichen Brüchen übereinandergesetzt und durch einen horizontalen oder schrägen Strich getrennt werden; die untere Zahl heißt der Nenner und gibt an, in wieviel gleiche Theile die Einheit gctheilt wird, die obere Zahl dagegen heißt der Zähler und gibt an, wieviel solcher Theile der Bruch enthält. Man unterscheidet eigentliche oder echte Brüche, bei denen der Zähler kleiner, und uneigentliche oder unechte, bei denen er ebenso groß oder größer als der Nenner ist; jene sind kleiner, diese, je nachdem der eine oder andere der beiden angegebenen Fälle stattsindet, ebenso groß oder größer als die Einheit. Noch unterscheidet man gewöhnliche oder gemeine und Decimalbrüche. Letztere sind solche, bei denen der Nenner immer aus I und einer oder mehren Nullen besteht B. 10, 100, 1000 u. s. w.) und zwar aus so vielen Nullen, als der Zähler Ziffern enthält; da nun hiernach der Nenner sich immer sogleich aus dem Zähler ergibt, so wird jener gar nicht beigcfügt oder hingeschrieben. Man erkennt einen Decimalbruch an einem dem Zähler Vorgesetzten Zeichen (Komma oder Punkt), vor welchem eine ganze Zahl oder in deren Ermangelung eine Null steht, z. B. 7,433 bedeutet I*"/,»»»; 0,3789 bedeutet E/io>ioo. Sehr häufig werden die den Zähler bildenden Ziffern noch durch kleinere Schrift ausgezeichnet, wol auch zuweilen etwas höher, über die Zeile, gesetzt. Zuweilen ist auch von Brnchsbrüchen und Doppelbrüchcn die Rede. Ein Bruchsbruch entsteht, wmn man nicht von der Einheit, sondern von einem Bruche einen Bruchtheil nimmt, z. B. ^/> von dies bedeutet, daß der dritte Theil von */» zweimal genommen werden soll, und ist einerlei mitMan kann jeden Bruchsbruch in einen gewöhnlichen Bruch verwandeln, wenn man sowol beide Zähler als beide Nenner miteinander multiplicirt und jenes Product als Zähler, dieses als Nenner des neuen Bruchs schreibt. Ein Dopp elbruch ist ein solcher Bruch, dessen Zähler und Nenner, beide oder einer von ihnen, Brüche sind oder Brüche enthalten, z. B. Vs, V-, Ein solcher Bruch r »" V. 7/- -1°/. wird in eine» gewöhnlichen verwandelt, wenn man Zahler und Nenner mit dem Pr», ducte der Nenner der in beiden verkommenden Brüche oder mit dem Nenner des in einem von beiden vorkommendcn Bruchs multiplicirt. Demnach sind die angegebenen Brüche der Reihe nach einerlei mit folgenden gewöhnlichen oder einfachen Brüchen: '^5. Eine eigcnthümlichc Art Brüche sind endlich noch die Ketten brüch e (s. d.). Bruch nennt man in der Mcdicin sowol das widernatürlicheHervortrctcn eines Eingeweides aus irgend einer der geschlossenen Höhlen des thicrischcn Körpers durch eine anomale Öffnung in eine andere natürliche oder ncugebildcte Höhle, sodaß cs stets von den allgemeinen Bedeckungen umschlossen bleibt (Eingeweidebruch), als auch die Verletzung des Zusammenhangs der Knochen (Knochenbruch). Die Eingeweidebrüchc (klernia) stellen weiche, mehr oder weniger elastische, gewöhnlich schmerzlose Geschwülste dar, welche, wenn sic äußerlich sind, von der unveränderten Haut bedeckt werden. Sie bestehen aus den äußern Integumenten, gewöhnlich, aber doch nicht immer, aus der vorgetriebenen und sackförmig ausgedehnten serösen Membran, welche die Höhle des Organs auskleidcte (Bruchsack) und endlich aus dem verlagerten Organe, welches durch eine Öffnung der Höhlenwandung (Bruchpforte oder Bruch ring) hervortrat. Solange der Zurücktritt des Vorgelagerten aus dem Bruche durch Druck u. s. w. in die normale Höhle möglich ist, nennt man den Bruch bcw eglich, ist der Zurücktritt aufgehoben, unbeweglich; ist die Bruchpsorte zu eng für das durchtretende Organ und schnürt dasselbe ein, so entsteht der eingeklemmte Bruch. An jeder der drei großen Höhlen kommen Brüche vor, und man unterscheidet darnach Kopf-, Brust- und Unterleibsbrüche. Bei den Kopfbrüchen treten das Gehirn, bei den Brustbrüchen die Lungen, bei denUnterleibsbrüchen die Eingeweide des Unterleibs vor, doch sind letztere die häufigsten und unter ihnen die Leistenbrüche (Iler- niae inguinales), Schcnkclbrü che (kk. criiraies) und Nabel brüch c (kl. unilnlicales) die bekanntesten. Bisweilen ist nur ein Eingeweide ganz oder thcilweise im Bruch enthalten, bisweilen sind cs aber auch mehre; am häufigsten findet man jedoch das Netz und den Darm entweder allein oder beide zusammen darin. Ein Darmbruch (II. intestinalis, Lutero- cele) kann an allen Stellen des Unterleibes Vorkommen und enthält am häufigsten einen Theil des Dünndarms; mit ihm sind sters mehr oder weniger bedeutende Störungen in der Darmexcrction vorhanden, welche ganz aufhört, sobald das Darmstück eingeklemm t ist. Da in diesem Falle das Darmstück sich entzündet und brandig wird, so kann der Tod, wenn nicht schnell zweckmäßige Hülfe kommt, in wenigen Stunden erfolgen, oder es entsteht im günstigem Falle ein Durchbruch der brandigen Partie und eine Kothsistcl. Der Netz bruch (kl. „mentalis, Lpiplocele) hat einen Theil des Netzes zum Inhalt, ist weniger empfindlich als der Darmbruch und weniger von Störungen der Darmexcrction begleitet. Bei dem Darmnctzbruche finden sich Darm und Netz gleichzeitig im Bruche und die Zeichen beider vereinigt. In Bezug auf die ätiologischen Verhältnisse sind die Brüche entweder angeboren oder erworben. Die Erwerbung der Brüche begünstigt Alles,.was den Widerstand dcrHöh- lenwände zu vermindern oder die Expulsivkraft der Organe zu vermehren im Stande ist; so geben schlcchkverheiltc Wunden, häufige Schwangerschaften, Wassersucht, häufig wiederholtes Herabdrängen des Zwerchfells beim Stuhlgang, Aufheben von Lasten, Reiten, Springen, Schreien, Husten, Blasen u.s.w.gewöhnlich zu denUnterleibsbrüchen Veranlassung die sich häufiger bei Männern als bei Frauen finden; dagegen leiden die Frauen häufiger an Schcnkelbrüchcn, während wieder bei den Männern die Leistenbrüchc am meisten Vorkommen. Im Allgemeinen sind die Brüche immer schlimme Krankheitszustände, welche stets mehr oder weniger die Functionen des verlagerten Theils sowie die freie Thätigkcit des Individuums hindern und durch die Möglichkeit der Einklemmung das Leben des Kranken gefährden. Die Behandlung hat zunächst daraus zu sehen, daß zumal, wo erbliche Anlage oder schon früher ein Bruch vorhanden war, durch Beseitigung dcrUrsachcn das Zustandekommen desselben gehindert werde. Ist es aber einmal zum Bruch gekommen, so muß das verlagerte Organ so zeitig und vollständig wie möglich in seine normale Lage zurückgeführt werden^ was man Reposition nennt. Gelingt die Reposition nicht, weil der Bruch unbeweglich oder tingeklemmt ist, so muß man zur Vruchoperation oder dem Bruchschnitt (kkerni„- 702 Bruch j lomis, (7slotomis) schreiten, wodurch nach Durchschneidung der bedeckenden Haut, die Ver> > wachsungen und Einschnürungen mit dem Messer gelöst werden. Dies ist weder eine ge- s fahrlose noch leichte Operation, da sie eine sehr genaue Kenntniß der anatomischen Verhältnisse im gesunden wie im kranken Zustande erfodcrt, verbunden mit großer Umsicht und Ge- > schicklichkeit, indem sich der cinzuschlagende Weg nie im voraus genau bestimmen läßt und > Verletzungen der Nerven, Gefäße und des Bauchfells bei Leisten- und Schcnkelbrüchen fast j immer den Tod herbeiführen. Das Wiederkehren des Bruchs sucht man durch die Retention l zu verhindern, welche entweder durch Bruchbänder oder die Nadicalcur erzielt wird. Die ! Bru ch b ander (IZi-nebei-imn) sind eigenthümlich geformte Vcrbandstücke, an welchen man i den Kopf(Pclotte) und den Befestigungsapparat unterscheidet; letzterer ist nach der Art ' des Bruchs verschieden, wirkt aber im Allgemeinen mit oder ohne Federkraft, und man , t theilt hiernach die Bruchbänder in elastische und unelastische, von denen in der Regel i die ersten vorzuziehen sind, da sie allein hinlänglich freie Beweglichkeit mit sicherm Zurückhal- ken des Bruchs verbinden. Der Kranke muß anfangs jede starke Bewegung und Anstren- s gung meiden, eine leichte, nicht blähende Diät führen und sorgfältig darauf achten, daß das < Bruchband in seiner richtigen Lage sich befindet. Auch wenn sich die Bruchpforte geschieh i scn, muß er das Bruchband mindestens noch ein Jahr hindurch tragen und darf es erst i allmälig anfangs blos des Nachts ablegen. Die Nadicalcur sucht die Verschließung des < Bruchrings und des Bruchsackhalses durch dynamisch oder mechanisch wirkende Mittel her- < bcizuführen. Die Arzneimittel, welche häufig als .^rcsna gepriesen werden und besonders ! aus adstringirendcn und aromatischen Substanzen bestehen, sind von sehr zweifelhafter Wir- e kung; dies gilt auch von den Ätzmitteln, Vesicatoren u. s. w., sowie von den Compressionen; ; ja auch die Operation, welche für jede Bruchart verschieden ist, hat bisher verhältnismäßig t wenig günstige Resultate geliefert, da sie nur die Verschließung des Bruchsackhalses, nicht des i Bruchrings herbeizuführen pflegt, weshalb man sie nur da, wo kein Bruchband anzulegen s oder Einklemmung zu fürchten, vornehmen darf. Vgl. die Schriften über Brüche von A. ! G. Richter (1785), A. Coopcr (I80l und 1827), Scarpa (1813 und 1822), Lawrence > (1818), Cloquet (1817), Hesselbach (I82!>) und Brünninghausen, „Über die Brüche, den Gebrauch der Bruchbänder und über das dabei zu beobachtende Verhalten" (Würzb. 18ll). ! UntcrKnochenbruch oder Beinb ruch (b'ractura) versteht man die plötzliche Treu- - nung des Zusammenhangs eines Knochens durch eine äußere mechanische, drückende oder zcr- z rende Gewalt, Stoß, Schlag, Fall u. dgl. Doch vermag auch eine übermäßige Contraction eines l an dem Knochen gehefteten Muskels allein denselben zu brechen. Je nach der Richtung, in welcher die Gewalt cinwirkte, erhält auch die Trennung des Knochens eine verschiedene Rich- f tung, und man unterscheidet daher Ouerbrüchc, schiefe Brüche und Längenbrüche, e wo der Knochen der Länge nach gebrochen ist. Wirkt die Gewalt nur auf eine Stelle des < Knochens, so entsteht der einmalige Knochenbruch, wirkt sie aber auf mehre Stellen zu- l gleich und hebt hier den Zusapimenhang auf, so erfolgt ein zwei-, dreifacher Knochenbruch. l Geschieht die Trennung in dem ganzen Durchmesser des Knochens gleichmäßig scharf und i gerade, so hat man einen einfachen Bru ch, ist sie dagegen ungleich und zerspringt das e Knochengewcbe in Splittern, so nennt man dies einen Splitterbruch; wenn die Treu- r nung vollständig erfolgt und die ganze Dicke des Knochens bricht, so ist es ein vollkomme- ^ k ner Bruch. Für die Behandlung der Knochcnbrüche ist es von der größten Wichtigkeit, e daß der Arzt den Kranken möglichst zeitig in einem solchen Zustande finde, daß das gebro- c chenc Glied keine weitern Veränderungen nach dem erfolgten Bruche erlitten hat, daher l muß der Transport nach der Behausung des Kranken, wenn er überhaupt nicht zu um- e gehen ist, auf eine solche Weise geschehen, daß sich der gebrochene Theil dabei möglichst we- i nig verändert. Das erste Geschäft des Arztes ist, den Bruchenden ihre normale Lage wie- k dcrzugeben (Einrichtung des Bruchs); ist solches geschehen, so kommt Alles darauf an, die f Bruchflächen in fortwährender inniger Berührung zu erhalten, was durch eine zweckmä- l ßige Lagerung des Thcils auf Kissen, Polster, Pappschienen u. s. w., bei Brüchen der im- > tcrn Extremitäten auf besonders dazu eingerichteten, mit einem Apparat zur fortdauernden c Extension versehenen Betten geschieht. So lange Entzündung, Geschwulst, Wunden vor- d Händen sind, muß jeder feste Verband vermieden werden, und auch bei ganz einfachen Brü' c Bruchsal Brücke chcn wird er erst dann nöthig, wenn die zur Vereinigung der Beuchenden bestimmte Ausschwitzung der Knochcnmasse oder des Callus beginnt, was gewöhnlich erst gegen den 7. — 12. Tag der Fall ist. Der Verbandapparat ist sehr verschieden, das gewöhnlichste Material dazu sind Binden, Cvmpressen, Schienen von Pappe, Filz, Leder, Hol; u. s. w. Für Split- tcrbrüche hat man sich des nassen Sandes oder des Gypscs bedient, womit das ganze Glied in einem Kasten umgosscn wird und bis zur gänzlichen Heilung unbeweglich bleibt; auch die übrigen Verbände dürfen nur dann vorsichtig erneuert werden, wenn sie locker geworden, da sonst leicht Verschiebungen Vorkommen, in deren Folge dann der Knochen in krummer Richtung verwächst und das Glied verunstaltet, was sich dann nur durch künstliches Wicderzerbrechcn verbessern läßt. Die Verwachsung erfolgt bei den einzelnen Knochen in verschiedener Zeit, zwischen I0—70 Tagen, und ost müssen auch künstliche Mittel angcwen- det werden, um den Verknöcherungsproceß zu unterstützen. Bruchsal, im bad. Mittelrheinkreise, an der Salzach im Bruchrain, einem Landstrich des Kreichgaues, wird in die Alt- und Neustadt und in die Vorstädte St.-Paul und St.-Pcter eingetheilt. Es befinden sich hier ein schönes, in der ersten Hälfte des 18. Jahrh. im ital. Stil erbautes Schloß mit einem höchst anmuthigcn Park Wasserleitungen, Springbrunnen u. f w. und ein altes, jetzt zu Gefängnissen und Getreideböden benutztes Schloß; unter den Kirchen zeichnet sich die St.-Peterskirche aus; auch hat die Stadt ein Gymnasium, Blindcninstitut und Hospital. Die Zahl der Einwohner beträgt 7500, welche Weinbau, städtische Gewerbe und Handel treiben. Die in der Mitte des 18. Zahrh. hier errichtete Saline, die jährlich 7000 Ctr. Salz lieferte, ist seit Anlage der Salzwcrke Rappenau und Dürrheim im I. 1826 aufgcgebcn worden. Mit Manheim, Karlsruhe und Heidelberg verbindet die Stadt die bad. Eisenbahn. B. war früher eine kaiserliche Pfalz, die Kaiser Otto I. > 002 seinem Vetter, dem Herzog Otto von Francicn, übergab, uni ihn sür den alten Palast zu Worms schadlos zu halten, welchen dieser nach seinem Wunsche dem Bischof Burkard von Worms abgetreten hatte. Nach dem Aussterbcn des alten worm- sischen Hauses der Herzoge von Francicn kam B. durch Erbschaft an das jüngere fpeicrische Haus dieser Herzoge, deren Haupt damals König Konrad II. der Salier war. Doch schon dessen Sohn Heinrich Hl. schenkte B. 1056 dem Hochstift Speicr, unter dessen Schutz der Ort als Residenz der Bischöfe von Speicr allmälig zur Stadt heranwuchs und dem cs bis zum lunevillcr Frieden verblieb, worauf cs 1802 nebst den Thcilcn des Bisthums am rechten Rheinufcr an Baden überlassen wurde. Brücke nennt man jede gang- oder fahrbare Verbindung zweier entweder durch Wasser oder durch Vertiefung voneinander getrennter Punkte. Diese Verbindung ist entweder eine feste oder eine bewegliche. Die festen Brücken sind entweder von Holz, Stein oder Eisen und ruhen meist auf Pfeilern, deren Errichtung vielen Schwierigkeiten unterliegt. Um den Grund zu einem Pfeiler zu legen, muß zuerst mittels einer starken Thonwand die Stelle, wo er errichtet werden soll, umdämmt und, ist dieses geschehen, das in der Umdämmung befindliche Wasser durch Schöpfwerke herausgehoben werden. Besteht der Grund nickt aus Stein oder festem Erdboden, so wird ein Rost gelegt, d. h. es werden Balken vonEichcn- vdcr Erlenholz als Grundlage bis auf die Sohle des Flußbettes eingerammt. Auf den Rost kommt die Grundmauer zu liegen, die stärker als derPfeilcr und stromaufwärts zum Schuß gegen das Eis durch Vorpfeiler geschützt sein muß. Neuerdings indeß bedient man sich immer allgemeiner des hydraulischen Kalks und des mit diesem bereitetet, sogenannten Betons zu den unter Wasser liegenden Fundamenten der Brücken, ja man hat wol auch kleinere Brückenbogen massiv aus solchem Beton gegossen (sogenannte Monolithcnbrücken). Nach ihrer Construction thcilt man die hölzernen Brü ckcn in I) Pfeilerbrückcn, wo die Balken auf steinernen Pfeilern ruhen, 2) Pfahl- oder Jochbrücken, bei denen die Balken auf Jochen liegen, ») gesprengte Brücken, -1) gehängte Brücken und 5) gesprengte und gehängte Brücken (s. Hängewerk); ferner 6) Bogendrücken, die von wirklich hölzernen Bogen, was aber sehr selten der Fall ist, getragen werden, 7) Hängebogenbrückcn, wo die Bogen aus krummgehauenen oder verzahnten Hölzern bestehen, 8) Balkcnbogenbrückcn, an denen die Balken eine gewaltsame Spannung erhalten haben, und 0) Bohlenbogcnbrücken, welche ans Bohlen bestehen, die den Radkränzen ähnlich sind. Hierzu kommen in neuerer Zeit noch Lv-1 W 704 Brücke ! manche Systeme amerikanischen Ursprungs, und die Anwendung der vereinten Balken nach Bavos u. A. Die meisten der in neuerer Zeit erbauten größcrn Brücken haben steinerne Pfeiler und hölzernen Oberbau. Die Eisenbahnen haben in Deutschland mannichfachc Gelegenheit zu Erbauung größerer Brücken nach diesem Systeme gegeben. Auch bei den eisernen Brücken sind die Pfeiler meist von Stein, nur selten von eisernen Kästen zusammengesetzt. Die steinernen Brücken bestehen, mit Ausnahme der Brücke von Loyang in China, durchgehend aus Bogen, nach deren Form man sie auch unterscheidet; die gewöhnlichsten sind die mit vollem Bogen. Die Gothen bauten auch Brücken mit Spitzbogen. Die eisernen Brücken, nach Art der steinernen aus großen Stücken Eisen zusammengesetzt, welche eine außerordentliche Spannung gestatten, sind unter manchen Verhältnissen zu kost- i spielig, als daß sie allgemein hätten werden können; doch finden sich in England und auch ! in Frankreich sehr bekannte der neuernZeit angehörigc eiserne Brücken, z.B.über die Themse in London und über die Seine in Paris. Großen Beifall fanden dieKettenbrückcnss.d.). ! ZudcnbewcglichenBrückcn, welche vorzüglich im Kriege geschlagen werden, gehören t) die Lauf- oder Nothbrücken, bei denen in den Strom gefahrene Wagen oder Schiffer- kähnc die Pfeiler bilden, welche durch darübcrgclcgte Brcter verbunden werden, 2) die Scil- brückcn, aus zwei mit Pfosten überdeckten Seilen bestehend, die wegen des höchst schwierigen Aufspanncns der Seile sehr selten angelegt werden, 3) die Bockbrücken, bei denen ein starkes Brct die Unterlage des Bockes bildet, auf welchem die Balken ruhen, 4) die Schanz- korbbrücken, die aus hohen mit Erde gefüllten und durch einen Pfahl befestigten Schanz- körben bestehen, aber nur bei seichtem Wasser angcwcndct werden können, 5) die Schiffbrücken (s. d-), wohin auch das aus Schiff- und Bockbrückcn zusammengesetzte System beweglicher Brücken für militairische Zwecke zu rechnen ist, das neuerdings von Birago in Wien angegeben und theilweise bereits in Ostreich und Sachsen cingeführt worden ist, 6) die Floßbrücken, die auf Stämmen von weichen Holzarten ruhen und vorzüglich dazu dienen, um größere Flüsse zu überschreiten, 7) die Tonnen- oder Faßbrücken, wo man statt derSchiffe Tonnen und Fässer zurUnterlage der Balken anwendet, wie dies >569 durch die Franzosen bei Poitiers geschah, 8) die Kasten- oder Sturmbrücken, die aus eigens dazu gefertigten Kästen bestehen, welche inwendig mit vielen Fächern versehen sind, die aber nur in ruhig fließenden oder stillstehenden Wässern, namentlich in Wallgräben, gebraucht werden können, ») die Binsenbrücken, welche aus Hürden von Weidenruthcn zusammengesetzt und mit Binscnbündeln überlegt werden, und 10) die fliegenden oder Gierbrücken, eigentlich nichts Anderes als an Tauen befestigte Fähren. Die Zugbrücken, welche über Wallgräben und Kanäle führen, haben das Eigenthümlichc, daß sie nach Art einer Klappe mittels Ketten aufgezogen werde» können, wodurch die Verbindung aufgehoben wird. Besondere Gattungen dieser Brücken find die Noll-, Dreh- und Fallbrücken, welche letztere so eingerichtet sind, daß durch eine geringe Bewegung die darauf befindlichen Gegenstände hcrabgcstürzt werden können. Vgl. Gauthey, „'Lraite « jionts ot eilsussees". Die erste Brücke, deren die Sagengeschichte erwähnt, baute Nitokris, nach Andern Semiramis, zur Verbindung der beiden Theile Babylons. Die Chinesen verstanden schon sehr früh Brücken zu bauen; ihre sowie die Brücken der Perser zeichnen sich durch außerordentliche Größe aus. Die Brücke von Loyang über den Meerbusen von China ist die größte in der Welt; sie hat eine Länge von 20800 F. und ruht auf 300 Pfeilern, welche 7-t F. voneinander stehen. In Ägypten hinderten Holzmangel und häufige Überschwemmungen, in Griechenland die Feindseligkeiten der kleinen Staaten den Brückenbau. In Nom ward schon unter dem König Äncus Marcius die erste Brücke gebaut; doch die schönsten Brücken legten die später« Kaiser in den Provinzen an. Von den kühnen Brückenbauen der Römer können namentlich die vorhandenen Überreste großer Wasserleitungen, unter denen nur der noch ganz erhaltene kvnt de Outtl angeführt werden mag, Zeugniß geben. Im Mittelalter warm es vorzüglich fromme Vereine, die sich die Erbauung und Erhaltung der Brücken an- Brückenau Brückenkopf 705 gelegen sein ließen, so der Orden der sogenannten Brückenbrüder (s. d.). In der spätern Zeit förderte das Bedürfniß sehr schnell die Zahl großer und schöner Brücken. Herrliche Denkmale dieser Art aus der frühesten wie aus der neuesten Zeit hat gleich Italien, Spanien, England und Frankreich auch Deutschland aufzuweiscn. Die erste eiserne Brücke wurde 1779 in England bei Coalbrookdale über die Severne erbaut, und es haben se.itdem dieselben wie in England so in Frankreich und Deutschland Eingang gefunden. In neuester Zeit hat eine Menge schöner Brücken die Entwickelung des Eisenbahnwesens hervorgerufen, besonders in England und in Deutschland. Brückenau, ein Städtchen mit 1800 E. im bair. Kreise Unterfranken und Aschaffenburg, ist berühmt wegen des etwa eine halbe Stunde davon in einem reizenden wald- umkränzten und wiesenreichen Thale am Sinnflusse gelegenen Gesundbrunnens. Die drei Hauptquellen sind die brückcnaucr, wernarzer und sinnberger. Die elftere ist ein erdig-sali- nlsches Eisenwafscr, die beiden andern alkalisch-erdige Säuerlinge; alle haben einen beträchtlichen Gehalt an Kohlensäure und werden zum Trinken wie zum Baden benutzt, die Eisenquelle gegen Muskelschwächc, chronische Nervenleiden, Bleichsucht u.s.w., die beiden andern gegen chronische Affectionen der Schleimhäute und Hautausschläge. Neuerdings hat man die beiden Sauerbrunnen, den riedenberger und kothener, entdeckt, die ebenfalls viel genutzt werden. Das Bad hat insbesondere als Lieblingsaufenthalt des Königs Ludwig sehr viel durch Verschönerung gewonnen. Die Anlagen sind sehr geschmackvoll, die Gebäude schön und regelmäßig angelegt. Ein neues Badehaus wurde 1822 erbaut. Die Umgebungen sind durch das Rhöngebirge höchst romantisch und Bergrcihen von mittler Höhe, mit alten Eichen und Buchen bedeckt, ziehen sich an beiden Seiten des Thals hin. Vgl. Zwierlein, „Neueste Nachricht vom Bade B." (Fulda 181 l; 2. Ausl., 1817), sowie Schneider und Wolf, „Das Bad B. und seine Umgebungen" (Fulda 1831). Brückenbrüder (kröres pontites, krutros Pontifices) nannte sich eine christlicheVer- brüderung, welche gegen Ausgang des 12. Jahrh. in Südfrankreich zu dem Zwecke sich bildete, um an den frequentesten Übergangspunkten großer Ströme Hospize anzulegen, Fähren zu unterhalten und Brücken zu bauen. Hatte schon in der alten Kirche Brücken- und Straßenbau für verdienstlich gegolten, so federte das an Wallfahrten reiche Mittelalter zu dergleichen Werken dringend auf. Ob nun der später kanonisirte Hirt Benezet Stifter oder nur Mitglied der Brückenbrüderschast gewesen sei, ist ebenso ungewiß als der Antheil, den ihm die Sage an dem um 1180 vollendeten Baue der Rhonebrücke zu Avignon beilegt. Die Gesellschaft wurde 1189 von Papst Clemens 111. bestätigt; ihre innere Einrichtung war der der Ritterorden ähnlich, und ihre Glieder trugen als Abzeichen einen Spitzhammer auf der Brust. Sie wirkte in Frankreich sehr wohlthätig, löste sich jedoch allmälig meist in den Johanniterorden auf, dem damit die Güter der Brückenbrüder zufielen. Übrigens gab e§ auch in andern Ländern fromme Vereine zu gleichem Zwecke, doch nicht unter gleichem Namen. Vgl. Gregoire, „Recberclres liistoriques sur les breres pontikes" (Par. 1818). Brückenkopf, auch Brücken schanze nennt man das oder diejenigen Befestigungswerke, deren Hauptbestimmung es ist, die über einen Fluß geschlagenen Brücken gegen feindliche Angriffe sicherzustellen. Sie stützen sich dabei mit ihren beiden Flanken an den Fluß, und zuweilen befindet sich im Innern noch ein Reduit als letzter Zufluchtsort für die Besatzung, das zugleich den Zweck hat, zu verhindern, daß der Feind die Brücke nicht unmittelbar durch Geschützfcuer zerstören kann. Sind dergleichen Schanzwerke auf beiden Seiten des Flusses angelegt, so nennt man sie doppelte Brückenköpfe. Eine neue Theorie der Brückenköpfe wurde vom franz. General Rogniat aufgestellt; nach ihr bestehen dieselben aus detaschir- ten Lünetten oder Fleschcn, welche weit in das Feld vorgreifen und sich gegenseitig secundi- ren. Den Kern einer solchen Verschanzung bildet alsdann ein zum unmittelbaren Schutz der Brücke vor derselben angelegtes Reduit. In diesem Sinne, aber im großartigsten Stil, ist die Festung Koblenz als Brückenkopf am Rhein angelegt, wobei die befestigte Stadt selbst das Reduit abgibt. Schon Cormontaigne und Bousmard haben zweckmäßige Vorschläge zu Brückenköpfen im größern Stil gemacht. Aus früherer Zeit verdienen die Befestigungen des Prinzen Condc im 1.1745 beim Rückzuge der franz. Armee in der Gegend Conv. - Lex. Neunte Aufl. II. 45 706 Brückenwage Brüder des gemeinsamen Lebens von Worms, sowie die Verstärkung des Brückenkopfs von Manheim durch die Östreicher im I. 1791 als beachtungswerthe Beispiele genannt zu werden. Unter den Heerführern, welche die Brückenschanzen zuerst anwendeten, ist namentlich der Prinz von Parma zu er> wahnen, der sich ihrer bereits 1579 in den Niederlanden bediente. Brückenwage, s. Wage. Brücker (Jakob), ein um die Geschichte der Philosophie sehr verdienter Gelehrter, war zu Augsburg am 22. Jan. >696 geboren. Sein Vater, ein wackerer Bürger, hatte ihn zum Kaufmann bestimmt; die Auszeichnungen jedoch, welche er sich schon als Alumnus des evangelischen Collegiums zu Augsburg erwarb, bewogen den Vater, seiner Neigung zu den Wissenschaften nachzugebcn. So bezog er 1715 die Universität zu Jena, wo der damals berühmte Theolog Franz Buddcus durch seine eklektische Denkart ihn auf das Studium der Geschichte der Philosophie aufmerksam machte. B. habilitirte sich und hielt einige Jahre Vorlesungen in Jena; 1729 kehrte er in seine Heimat zurück und wurde 1721 Rector der Schule und Adjunct des Ministeriums in Kaufbeucrn. Schon vorher hatte er sich vornehmlich durchseine „Historia plli>n8opliicas ckoctriimc de üleis" (Augsb. 1723) vorteilhaft bekannt gemacht, auch jetzt verhinderten ihn seine Amtsgeschäfte nicht in der Fortsetzung seiner Studien über die Geschichte der Philosophie. Das „Olüini Vinilelicum seu meletemstum kistoriae pliilo8opllicse triga" (Augsb. 1729) verschaffte ihm 1731 die Ehre, als Mitglied in die berliner Akademie ausgenommen zu werden. Bald darauf erschienen seine „Kurzen Fragen aus der philosophischen Historie" (7 Bde., Lpz. 1731—36), endlich, nachdem er unterdessen als Diakonus und Hospitalprediger mehr Muße erlangt hatte, seine große „Umtoria critica pt>il(-8o^l>iso a mundi incui>gl>ul>8 sil nostram us^iie aetatem clecliicta" (5 Bde., Lpz. 1712— 11 , 1 .) neue Aust., 1766, mit einem Appendix von 1767) und der Auszug daraus, die „Institutionen distoriae pllilo8opllick>e" (Lpz. 1717), die mehrmals gedruckt, auch ins Englische übersetzt wurden (von Enfield, 2 Bde., Lond. 1791,1.). Trotz vieler Mängel, die weniger dem Verfasser als der damaligen philosophischen Bildung überhaupt zur Last fallen, ist dieses größere Werk ein Zeugniß großen Fleißes und gründlicher Gelehrsamkeit, welches für die Geschichte der Philosophie eigentlich erst die Bahn brach und noch jetzt in vieler Hinsicht brauchbar ist. Außerdem gab B. noch einen „Bildersaal berühmter Schriftsteller" (19 Decaden, Augsb. 1711 —55, Fol.) und den „Ehrentempel der deutschen Gelehrsamkeit" (5 Decaden, Augsb. 1717—19,1.) heraus. Mehre seiner einzeln erschienenen Abhandlungen sammelte er in den „Mscellsnea Iu8tormo pbilo8opdicae, litera- rise, criticae" (Augsb. 1718). Er wurde 1711 als Pastor zum heil. Kreuz in seine Vaterstadt zurückberufcn und starb, nachdem er 1757 Senior daselbst geworden, am26.Nov. 177V. Brüder des gemeinsamen Lebens oder Brüder vom guten Willen, auch Hieronymianer oder Ereg orianer nach Hieronymus und Gregor dem Großen, die sie als Patrone betrachteten, hieß eine geistliche Brüderschaft, welche von Geert Groote, gcb zu Deventer 1319, gest. dasglbst 1381, und Florentius Radewin oder Nadewynzoon, gcb 1359 zu Lecrdam in Südholland, gest. 1199 in Deventer, um 1376 gestiftet wurde. In diese Vereinigung, welche eine Nachahmung der ersten Christengemeinden und ein Vorbild der später in der evangelischen Kirche entstandenen Brüdergemeinde (s. d.) war, wurden Männer, die fromme, sittliche und geistliche Übung suchten, ohne Unterschied des Alters und Standes ausgenommen. Sie lebten in Gemeinschaft der Güter auf klösterliche Weise, ohne durch ein Gelübde gebunden zu sein, übten eine strenge Ascese, beschäftigten sich mit Arbeit, besonders mit Abschreiben von Büchern, mit Gebet und Erziehung der Jugend, traten vielen Misbräuchen in der damaligen Kirche entgegen und wirkten unablässig für den Gebrauch der Muttersprache in religiösen und kirchlichen Din gen. Trotz der geh ässigen Feindschaft, welche sie von den Bettelmönchen erdulden mußten, wurde ihre Vereinigung von mehren Päpsten, auch von dem Concilium zu Kostnitz anerkannt und bestätigt. Die Anzahl ihrer Brüderhäuser mehrte sich vorzüglich in den Niederlanden und ganz Norddeusich- land, aber auch in Italien, Sicilien, Portugal so, daß 1139 deren schon 15, 39 Jahre später aber mehr als 139 gezählt wurden. Das letzte entstand > 595 zu Cambray. Später traten viele der Brüder der Reformation bei, andere ihrer Stiftungen nahmen die Jesuiten in Besitz. Für den Unterricht ist die Wirksamkeit der Brüder des gemeinsamen Lebens Brüder des Sieges Brüdergemeinde er von besonderer Bedeutung gewesen. Zwar hegten die Stifter gegen alle Wissenschaften, welche nicht unmittelbar praktischen und moralischen Werth hatten, Geringschätzung, weshalb die Hähern wissenschaftlichen Studien in den Brüdcrhäusern sehr wenig Pflege fanden, desto eifriger wurde von ihnen der Volksunterricht gefördert. An manchen Orten errichteten sie in ihren Häusern selbst Schulen, an andern schlossen sie sich an schon bestehende Schulen an, unterrichteten darin, unterstützten die Schüler und vertheilten Bücher. Nach dem Wie- dcraufblühcn der Wissenschaften in Italien entzogen auch sie der dadurch entstandenen geistigen Bewegung sich nicht, besonders in Deutschland und den Niederlanden. Nächst den Stiftern der Brüderschaft sind,,von den Hieronymianern hauptsächlich zu nennen Gerhard Zerbold von Zütphen, Thomas a Kempis und der gelehrte Cardinal Nikolaus Cusa. Vgl Delprat, „Die Brüderschaft des gemeinsamen Lebens" (deutsch von Mohnike, Lpz. 1840). Brüder des Sieges, s. Franz von Paula. Brüder und Schwestern deS freien Geistes nannte sich im 13. Jayry. eine in den Rheingegcnden entstandene, später auch in Frankreich und Italien verbreitete Sekte, welche auf Grund der biblischen Lehre vom freimachcnden Geiste nicht nur der Kirche, sondern auch dem Moralgesetze den Gehorsam aufkündigte. Diese Richtung, durch pantheistische Phantasien gefördert, führte zu Auflösung der Ehe und zu einer Unzucht, die ihnen den Spottnamen Schwestriones zuzog. Einige stellten sogar den Grundsatz auf, daß körperliche Handlungen der Seele nicht angerechnet werden könnten. Die Synoden zu Köln im I. 13i>6 und zu Trier im I. l310 beschlossen ihre Unterdrückung, und in den Verfolgungen, die nun über sie ergingen, wurden sie bekehrt und zerstreut, zum Theil auch ge- tödtet. Ähnliche Ansichten hegten zur Zeit der hussitischen Unruhen die Adamiten (s. d.). Brüdergemeinde (evangelische) oderBrüderunität nannte sich die Neligions- gesellschaft, welche von den Nachkommen der in ihrem Vaterlande verfolgten Mährischen oder Böhmischen Brüder (s. d.) gegründet ward, die 1722 unter Begünstigung des Grafen von Zinzendorf (s. d.) auf dem Gebiete seines Ritterguts Berthclsdorf in der Oberlausitz, an der Mittagsseite des Hutbcrgs, sich anbauten und nach ihrer Colonie, die sic Herrnhut nannten, von Andern auch den Namen Herrnhuter erhielten. Als die Zahl der Colonisten sich dermaßen gemehrt hatte, daß die Verschiedenheit in ihren Religionsbegriffen das Bedürfniß einer gemeinschaftlichen Übereinkunft über feste Regeln des Glaubens und Lebens fühlbar machte, wurden unter Leitung des Grafen von Zinzendorf gewisse Vereinigungspunkte festgesetzt, in welchen man die Unterscheidungslehren der verschiedenen protestantischen Glaubensbekenntnisse, deren Verwandte sich hier versammelt hatten, unberührt ließ, nur die Grundwahrheiten des Christenthums als Glaubensartikel annahm und eine den Satzungen der alten mährischen Brüderkirche ähnliche Verfassung und Kirchenzucht einführte. Unter dem Namen eines freiwilligen Einverständnisses nahmen alle Einwohner Herrnhuts am 13. Aug. 1727 diese Statuten feierlich an und bildeten so den ersten Stamm der Brüdergemeinde, als deren Stifter Zinzendorf anznsehen ist. Die Nachkommen jener ersten Colonisten, denen bald durch landesherrliche Verbote untersagt wurde, noch mehre aus Böhmen und Mähren cinwandernde Brüder aufzunehmen, machen indcß nur den kleinsten Theil dieser jetzt so zahlreichen Gemeinde aus. Um den protestantischen Glaubensvcrwandtcn den Zutritt zu der Gemeinde zu erleichtern und die Einigkeit zu erhalten, finden bei derselben drei Tropen oder Arten des Lehrbegriffs statt: der mährische, zu dem die von jenen Auswanderern abstammenden und alle weder aus der lutherischen noch aus der reformirten Kirche beigetretenen Mitglieder gehören, der lutherische und der reformirte. Kinder folgen jederzeit dem Tropus ihrer Altern, und der Übertritt von einem zum andern ist weder erlaubt noch nöthig, da das wesentlich Christliche nicht in kirchlichen und dogmatischen Bestimmungen besteht. Die Brüdergemeinde will keineswegs für eine besondere Neligionspartci gehalten sein; sie setzt ihr Eigenthümliches nur in eine genauere Verbindung zur Gottseligkeit und hat, obwol Zinzendorfs und besonders Spangcnberg's (s. d.) Schriften bei ihr in großem Ansehen stehen, keinen eigenen durch besondere symbolische Bücher festgesetzten Lehrbegriff, vielmehr erklärte sie sich auf Anfrage der Regierung ausdrücklich dem Augsburgi- fchen Glaubensbekenntnisse verwandt, und wurde auch in mehren Staaten dafür anerkannt. 45 * HL * ^ 708 Brüdergemeinde * I Weil indeß jene ins Sinnliche hinüberspielenden, jetzt durch einen bessern Geschmack zum Theil verdrängten Religionsvorstcllungcn und Bilder unter ihr eher herrschend gewesen waren, als sie an eine zusammenhängende Darstellung ihrer Glaubenslehre gedacht hatte, so nahm auch diese nach und nach eine eigcnthümliche Gestalt an, welche sich von dem Lehrbcgriffe der protestantischen Kirchen merklich unterscheidet. Der Hauptcharakter ihrer religiösen Ansicht besteht darin, daß ihr die Religion blos Sache des Gefühls ist und daß sie dieselbe, als subjective Überzeugung, für ein gläubiges Ergreifen der evangelischen Wahr- ! heit erklärt; besonders hält sie sich an die Idee des Mittlcramts Christi und denkt sich ihn am liebsten unter dem Bilde des Lammes, das der Welt Sünde trägt. Übereinstimmend mit dem Protestantismus nennt sie zwar das demüthige Gefühl der Sündhaftigkeit den Grundzug der christlichen Gesinnung; allein von seinem Ernste entfernt sie sich dadurch, ! daß sie in diesem Gefühle einen gewissen süßen Seelengcnuß findet. Gleich den Protestanten hält sie die Bibel für Gottes Wort und für die Erkenntnißquclle der Offenbarung; eigcnthümlich aber ist ihr, daß sie die Bibel nur als den Grund einer Offenbarung betrachtet, welche der Heiland in der Gemeinde immer fortsetzc und wiederhole; sie beschreibt den christlichen Glauben als eine innere Empfindung der Wirkung Jesu und findet auch in den überschwenglichen Gefühlen dieser Enadenwirkung eine Erkenntnißquclle der Religion. Die Lehre von der immerwährenden Regierung Christi über seine Kirche hat sic weitläufig ausgemalt und auf alle Lebensverhältniffe angcwendct. Nur in dem Heilande erkennt und verehrt sie die Gottheit; alle Werke in der sinnlichen und übersinnlichen Welt schreibt sie ihm zu; im Namen des Heilandes beschließt und unternimmt sie Alles, und jede bedeutende Verfügung wird von ihr durch die Worte: „Der Heiland will es", begründet. Eine ausdrückliche Erklärung seines Willens ist ihr die Entscheidung durch das Loos, dessen sie sich.jn allen Fällen einer zweifelhaften Wahl,;. B. bei Amtsbesetzungen, Missionsangelegenhciten u. s. w. bedient, ja früher sogar bei Verheirathungen, indem die Ehen gewissermaßen als Ge- meindcangclegenhciten betrachtet wurden und nicht ohne Billigung der Ältesten statksinden konnten, über deren Zustimmung oder Weigerung das Loos entschied. Für ihren Bestand hat die Gemeinde durch zweckmäßige Gemeindcverfassung und Ge- . meindezucht gesorgt. Wo die Mitglieder in geschlossenen Gemeinden wohnen, sind sic nach Geschlecht, Alter und Lebensvcrhältniß in Chöre abgctheilt, daher man in jeder Gemeinde ein Chor der Kinder, Knaben, Mädchen, ledigen Brüder, ledigen Schwestern, Eheleute, Witwer und Witwen findet. Jedes Chor hat seinen Chorhelfer, der die Seelsorge und Sittenzucht, und seinen Chordiencr, der die äußern Angelegenheiten des Chors besorgt. Bei den weiblichen Chören werden diese Ämter von den Frauen verwaltet und bei öffentlichen Verhandlungen durch eigene Beistände vertreten. Die ledigen Brüder wohnen in dem Brüderhause, einem großen Gebäude, wo sic mit allerlei Künsten und Handwerken beschäftigt und zu gemeinschaftlichen Andachtsübungen angchalten werden. Auf gleiche Weise ^ wohnen auch die ledigen Schwestern beieinander in dem Schwcsternhause, mit Ausnahme Derer, welche Glieder einer Familie sind oder in Eemeindefamilien dienen; aber auch für ! diese ist das Schwesternhaus der gewöhnliche Versammlungsort in freien Stunden. Größere Gemeindeorte haben auch ähnliche Häuser für Witwer unv Witwen. Die in diesen An- , strlten wohnenden Personen zahlen eine kleine Abgabe, durch welche die Kosten gedeckt werden. i Das Ehechor besteht aus sämmtlichen Ehepaaren in der Gemeinde, welche zwar in Privathäusern wohnen und ihre Geschäfte treiben, aber, wie die Mitglieder der übrigen Chöre, unter der Aufsicht und Berathung der Chorbeamten stehen. Durch die Chorbeamten wird die Ältestenconferenz jeder Gemeinde von Dem, was in den Chorhäusern und Familien vor- ! geht, in Kenntniß gesetzt. Diese alle Angelegenheiten der Gemeinde leitende Behörde besteht aus dem Gemeindehelfer, welcher als der oberste Vorsteher der Gemeinde den Vorsitz führt, dem Ortsprediger und den Chorbeamten. Beigeordnct ist ihr ein Aufsehercollcgium, welches über den Nahrungsfonds und die Policei wacht, auch Streitigkeiten schlichtet. Beide Behörden j bilden, unter Zuziehung eines engern Ausschusses der Gemeinde die große Helferconfercnz, welche die gewöhnlichen «llgemeinen Angelegenheiten in Überlegung zieht und den beiden obern Behörden zur Entscheidung übergibt. Zur Berathung über außerordentliche Angelegenheiten vereinigt sich mit diesen Collegien ein weiterer Äusschuß und bildet mit ihnen de» Brüdergemeinde 70S Gemcindcrath. Zu dm kirchlichen Beamten gehören die Bischöfe, durch welche vermöge einer fortlaufenden Ordination die Verbindung derBrüdergemcinde mitdcr alten Kirche derDöhmi- schenundMährischenBrüder unterhalten wird,unddie allein ermächtigt sind, Prediger einzusetzen, sonst aber keine amtliche Gewalt haben, wenn sie nicht, was gewöhnlich der Fall ist, Mitglieder einer der leitenden Behörden sind; ferner die Civilsenioren, welche unter Aufsicht der höchsten Behörde die äußern Angelegenheiten der Brüdergemeinde und die Verhältnisse zu den Landesobrigkeiten zu leiten haben; dic Presbytcr oder Prediger, die bei der Gemeinde angestcllt oder zu Missionen gebraucht werden, und die Diakonen, die als Gehülfen der Prediger dienen, wenn sie durch die Weihe zur Verwaltung der Sacramente ermächtigt worden sind. Die Diakonissen,welche den weiblichen Chören als Beratherinnen und Scclsorgerinnen vorgesetzt sind, werden nicht geweiht und haben keine Stimme bei den Verhandlungen der Ältesten. Der Mittelpunkt der in so viele Zweige getheilten Aufsicht und Gewalt war anfangs der Graf Zinzcndorf, der der Gemeinde unter dem Namen eines Ordinarius Vorstand. Aus den ihm zur Hülfe bcigcgebenen Bischöfen und Ältesten bildete sich das Collegium, welches unter dem Namen Umtätsältcstcnconfercnz gegenwärtig die Angelegenheiten der ganzen Gesellschaft leitet. Der Sitz dieses Directoriums ist zwar nicht bestimmt, seit 1189 aber zu Berthels- dors bei Hcrrnhut. Nach der Verschiedenheit seines Geschästskreists zerfällt dasselbe in vier Departements, in das Helferdepartement, welches die reinkirchlichen Sachen besorgt und die Stelle eines Oberconsistoriums vertritt; das Aufsehcrdepartement, welches über die Aufrechthaltung der Zucht wacht; das Diencrdepartcmcnt, welchem die ökonomischen Angelegenheiten anvcrtraut sind, und das Missionsdcpartcmcnt, welches die Sachen der Heidenbekehrung leitet. Ohne Wissen und Willen der Ältestenconferenz kann in keiner Gemeinde etwas Wichtiges unternommen werden, auch ernennt dieselbe die Prediger und Beamten der Gemeinde, und nur in England und Amerika sind diese Ernennungen den örtlichen Oberbehörden überlassen. Ungeachtet ihres großen Aussehens und Einflusses ist aber doch die Ältestenconferenz der die ganze Unität vertretenden Synode verantwortlich, welche sie, so oft es die Umstände erfodern und erlauben, beruft. In der Regel geschieht dies in Zwischenräumen von sieben bis zwölf Jahren. An der Synode nehmen, außer den Unitäts- ältesten, alle Bischöfe, Civilsenioren, Vorsteher der Tropen, die Herrschaften der Eemeinde- vrte, welche Mitglieder der Unität sind, Abgeordnete von jederEemcindeundvinigcerfahrene Schwestern Theil. Die Versammlung dauert oft mehre Monate und hat meist wichtige Veränderungen zur Folge; ein Auszug der Beschlüsse, Synodalvcrlaß genannt, kommt zur Kenntniß aller Glieder der Gemeinde. Vor dem Schlüsse jeder Synode wird eine neue Ältestenconferenz gewählt. Merkwürdig war vorzüglich die 1818 zu Herrnhut gehaltene Synode. Die aus derselben neu redigirten Statuten der Brüdergemeinde sind in dcrÄngabe d.r Merkmale des Geistes derselben mehr der Einkleidung als dem Inhalte nach neu. Die Bibel wird darin als positive, dir Augsburgische Confessio», die jährlich am 25. Juni iin Auszuge in der Gemeinde vorgelesen wird, als negative Form des Glaubens der Gemeinde, die Bildung einer Familie Gottes, einer lebendigen Gemeinde Jesu, als Zweck ihrer Vereinigung dargestellk. Die Synode bestätigte im Allgemeinen die bisherige Chorvcr- faffung und übrigen disciplinarischen Einrichtungen der Gemeinde; doch wurde auf Äntrag der engl, und amerik. Gemeinden die Bestimmung, daß auch bei Heirathcn das Loos entscheiden sollte, dahin modisicirt, daß hierbei das Loos nicht mehr verordnet, sondern nur freigestellt sei, was der Übereinstimmung wegen 1819 auch die deutschen Gemeinden annahmcn. Die Unitätsältestenconfercnz sorgt durch das Wochenblatt und die jährlich erscheinenden Memorabilien für die Erhaltung der Verbindung und Bekanntschaft aller Gemeinden mit dem Zustande und den Angelegenheiten der gesammten Gemeinde und gibt jedes Jahr zur Leitung der täglichen Andacht die sogenannten Losungen, d. h. die für leben Tag im Jahre bestimmten biblischen Denksprüche aus, von denen jedes Mitglied der Gemeinde ein Exemplar erhält. Für die tägliche Erbauung ist durch gottesdienstliche Versammlungen gesorgt. Sie werden in einem freundlichen Saale, wo ein grünbehangener Tisch die Stelle des Altars vertritt, täglich dreimal gehalten und dauern nie länger als Stunden. An jedem Abend ist sogenannte Gemeindcstunde, wo Liederverse, die sich auf die Losung des Tages beziehen, gesungen werden. Sonntags wird früh um 8 Uhr dir 710 Brüdergemeinde Litanei gebetet, gegen l 0 Uhr eine Predigt, Nachmittags um 2 Uhr eine Kinderstunde, um 3 Uhr eine Homilie für das Ehcchor allein, gegen 5 Uhr eine Singstunde für die Abendmahlsgcnosscn und Abends die Gcmeindcstunde gehalten. Auch in der Woche sin- den zuweilen Homilicn für die einzelnen Chöre und liturgische Versammlungen statt, in welchen lchtcrn Brüder und Schwestern im Gesänge abwechseln, und jeder Theilnehmende seinem Nachbar zum Zeichen des Liebcsbundcs der Gemeinde den Friedcnskuß gibt. Jeder vierte Sonntag heißt ein Eemeindetag, weil an demselben die Nachrichten des Wochenblatts vorgelesen werden. Außerdem feiert noch jede Gemeinde gewisse Gedenktage zur Erinnerung an die wichtigsten Begebenheiten aus der Geschichte der Unität, z. B. den I. März als Stiftungstag der alten, den 13 . März als Stiftungstag der erneuerten Brüdergc- gemeinde, auch den 6. Juli als Huß's Todestag, und jedes Chor seine Feste. Der Iah- resschluß wird in der Mitternacht des letzten Decembers mit Vorlesung der Memorabilien der Unität begangen. Besonders rührend ist die Feier des Abendmahls, welches Alle, die dazu fähig find, einmal in jedem Monat genießen. Die Stelle der Beichte vertritt das sogenannte Sprechen acht Tage lang vor dieser Feier, wobei jeder Chorhclfer sich mit den Communicanten seines Chors einzeln über ihren Seelenzustand bespricht. Das Fuß- waschen findet jetzt nur noch am Grünen Donnerstage statt. Eine Stunde vor jedem Abend- mahlsgenussc und sonst an Festtagen wird, nach dem Muster der Agapen der apostolischen Kirche, das Liebesmahl gehalten, wobei die Gcmeindeglieder unter Gebet und Gesang Thee mit Backwerk genießen. Der Tod eines Gcmeindemitgliedes wird der Gemeinde durch das Abblascn eines Liedes vom Thurme mit Posaunen verkündet, und aus der Melodie erkennt man, welchem Chore der Verstorbene angehört, weil jedes seine eigenen Sterbemclodicn hat. Trauer findet nicht statt. Unter Posaunenschall wird die Leiche im hellangestrichenen Sarge auf den Gottesacker, der einem Garten gleicht, getragen. Am Ostermorgen zieht die Gemeinde bei Sonnenaufgang mit Musik auf den Gottesacker und feiert in der Freude über die Auferstehung des Herrn das Andenken an die im letzten Jahre verstorbenen Glieder. Die in der ganzen Brüdergemeinde ziemlich gleichmäßig eingesührten policcilichen und gottesdienstlichen Anstalten können den Zweck, allen Gemeindegliedern eine ziemlich gleiche Stimmung zu geben, um so weniger verfehlen, da die Cultur der Wissenschaften, welche die Meinungen trennt, im Allgemeinen eher Widerstand als Beförderung bei dieser Gesellschaft findet. Um die Jugcndbildung hat die Brüdergemeinde wesentliche Verdienste; ihre Erziehungsanstalten, bei deren Einrichtung Zinzcndorf die Francke'schen in Halle vor Augen hatte, dienten bis in die zweite Hälfte des vorigen Jahrh. in Deutschland zum Muster. Die Mädchenanstalt in Herrnhut und die Knabcnanstalt in Niesky stehen auf einer hohen Stufe; beide gehören, wie die Kinderanstalten zu Fulneck, dem Hauptgcmeindeorte in England, der gesammten Unität, welche darin die Waisen arm verstorbener Beamten und Diener erziehen läßt. Allgemeine Unitätsanstalten sind das Pädagogium zu Niesky, welches für Knaben, die sich den Studien widmen wollen, die Stelle eines Gymnasiums vertritt, und die Lehranstalt zu Gnadenfeld in Schlesien, die vorzüglich zur Bildung von Predigern bestimmt ist. Ähnliche Anstalten gibt es zu Fulneck in England und zuNazareth in den Vereinigten Staaten. Die vielen Zuchtrücksichten, welche die Brüdergemeinde nimmt, verengen den Bleck zu sehr, als daß sich jemals ein freies wissenschaftliches Streben bei ihr hätte zeigen können. Ihre Prediger, die ohnehin keinen besvndern Stand ausmachen, erheben sich in ihrer Bildung nur selten viel über die ungelehrten Brüder, und wenn einige in ihren Lehrverträgen durch Salbung und Herzlichkeit zu ersetzen wissen, was ihnen an-Gedankenfülle und Beredtsam- keit abgeht, so genügen doch Andere um so weniger, da auch Unstudirte zu Lehrämtern gelangen und überall bei der Wahl mehr auf persönlichen Glauben, Anhänglichkeit an die Sache der Gemeinde und praktische Brauchbarkeit, als auf vorzügliche Talente und wissenschaftliche Bildung gesehen wird. Daher trifft man unter den Beamten der Brüdergemeinde mehr erfahrene, kluge und anstellige Menschen als eigentliche Gelehrte, wiewol sich seit der Stiftung derselben Männer von vorzüglicher Geistesbildung, wie in ältcrn Zeiten Spangenberg und in der neuern der Engländer Latrobe (s. d.) und der verstorbene Bischof Alberten! in ihrer Mitte ausgezeichnet haben. Die Brüder und Schwestern leben freilich zum großen Theil in einer Beschränktheit und Unkunde Dessen, was nicht gerade in der Gemeinde m >de >er tts ie- >rz ,c- h- a- cs itt üt ß- d- m ce is nt ze c angenommen ist oder ihr besonderes Gewerbe betrifft, wobei sie den aus der Abgeschlossenheit ihres Systems und aus ihrer Absonderung von der übrigen Welt hervorgehcnden Geisteszwang, sowie die in ihrer Seclcnpflege merkbare Herrschaft über die Gewissen und die geistige Vormundschaft, in welcher sie von ihren Obern erhalten werden, weniger drückend sinken mögen. Darum konnte aber auch der veränderliche Geist der Zeit sie weniger, als man bei ihrem vielseitigen Handelsverkehr denken sollte, berühren, und wenn sic auch in neuerer ZeitManches in den Formen ihrer Liturgie und Verfassung geändert haben, so blieben sie doch ziemlich frei vom Einflüsse der Mode. Dies zeigt sich nicht blos in ihrer Denkart, sondern auch in ihren Sitten und Trachten. Noch immer halten sie auf die den Unterschied der Stände wenigstens äußerlich ausgleichcnde ähnliche Kleidung; die Brüder gehen grau und braun, die Schwestern tragen glatt anliegende Häubchen, an denen die Farbe des Bandes das Chor andeutet, zu dem sie gehören; feuerrothe Bänder haben die jungen Mädchen bis zum 18. Jahre, blaßrothe die ledigen Schwestern, blaue die Ehefrauen und weiße die Witwen; doch beschränkt sich diese Gleichförmigkeit der Kleidung bei dem weiblichen Geschlechte immer mehr auf die gottesdienstlichen Versammlungen. Noch immer werden nur unschuldige Gesellschaftsspiele bei ihnen geduldet, Karren und Würfel sind nicht einmal in den Gemeindelogis oder Gasthäusern zu finden; auch Tanz und Romancnlcsen gestatten sie nicht, wie überhaupt kein Vergnügen, das die Geschlechter zusammenbringt. Wer gegen hie Gemcindeordnung und Sittlichkeit fehlt, wird erst durch liebreiche Ermahnungen der Ältesten zurechtgewiesen, und wo diese nicht fruchten, durch Ausschließung vom Abendmahle und andere Zurücksetzungen bestraft, oder endlich veranlaßt, aus der Gemeinde zu treten. Eins der wirksamsten Mittel, jede Unsittlichkeit abzuhalten, ist die anhaltende und angemessene Beschäftigung, die man allen Gliedern der Gemeinde zu geben weiß. Ihre Arbeitsamkeit und Geschicklichkeit in Künsten und Handwerken, die Ausbreitung und Lebhaftigkeit ihres Handels sind rühmlich bekannt, und ohne den Gewcrbfleiß wäre cs auch unbegreiflich, wie sie die bedeutenden Ausgaben für ihre öffentlichen Anstalten und Unternehmungen bestreiten könnten. Die Sage von einer Heilandskasse, in welche jedes Mitglied sein Vermögen werfen müsse, ist gänzlich ungegründet. Allerdings aber verwaltet die Unitätsältestenconferenz eine der ganzen Gesellschaft angehörende Kasse, welche durch die Einkünfte von den Gemeingütern, durch den Gewinn an zehn Proccnt von allen Handelsartikeln der Gemeinde, durch jährliche Beiträge der Mitglieder und durch Vermächtnisse erhalten wird. In der Oberlausitz zeichnen sich die Gemeindeorte Herrnhut, Niesky bei Görlitz und Kleinwclke bei Bautzen, in Schlesien Gnadenfrei bei Schweidnitz, Gnadenberg bei Bunzlau, Neusalz und Enadenfeld bei Kosel in Schlesien aus. Ansehnlich sind auch die Gemeinden zu Neudietendorf bei Erfurt, zu Gnadau bei Barby, zu Ebersdorfbei Lobenstein, zu Königsfeld in Baden, zu Christiansfeld im Schleswigschen und zu Zeyst bei Utrecht. Außerdem gibt cs geduldete Brüdergemeinden mit eigenen Versammlungssälen in Basel, Amsterdam, Harlem, Kopenhagen, Stockholm, Berlin und Neuwied, wohin die 1658 von Herrenhag und Marienborn im Jscnburgischen vertriebene Gemeinde ging und ein besonderes Stadtviertel an- bautc, sowie in Petersburg und Moskau. In Rußland wurden sie 1764 privilegirt und bauten den durch den Verkehr mit den Tataren und Kalmücken merkwürdigen Gcmeindeort Sarepta im Gouvernement Astrachan. Besonders aber haben sie in England Eingang gesunden, wo sie zu Fulneck in der Grafschaft Jork, zu Fairfield in Lancaster und zu Ockbrook in Derby ihre Hauptniederlassungen gründeten und bereits 1749 durch eine Parlamentsacte als eine alte bischöfliche Kirche anerkannt wurden. In Irland ist ihreHauptcolonic Gracehill in der Grafschaft Antrim. Ihre Colonien außer Europa entstanden durchMissioven; denn fortwährend haben sie das Geschäft der Heidenbekehrung mit dem unverdrossensten Eifer betrieben, und besonders unter den Negern in Wcstindien durch wohlthätige und verständige Wirksamkeit vor allen andern Missionen sich ausgezeichnet. Es gilt bei ihren Missionen als Grundsatz, nur Diejenigen zur Taufe zuzulassen, die durch veränderte Lebensweise und gute Aufführung Beweise ihres Glaubens geben. Ihre erste Mission, nach St.-Thomas, ward von Zinzendorf 1732 unter Begünstigung der dän. Negierung veranstaltet. Die meisten und blühendsten Colonien haben sic in Nordamerika gegründet, wo außer dem Hauptort« Bethlehem (s.d.), der nächst dem Slammort Herr nh u t (s.d.) ihre bedeutendste Colopi- 712 Brüderschaften Brügge ist, auch Nazareth und Litiz in Pennsylvanien und Salem in Nordkarolina ansehnliche Ge- meindcörtcr bilden. Ihre wichtigsten Missionen befinden sich auf de» drei dän. Inseln in Westindicn, ferner auf Jamaica, St.-Christoph, Antigua, Barbados, Tabago, in Surinam, unter den Indianern in Canada und in Georgia, in Grünland, Labrador und auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung unter den Hottentotten und Kaffern. Im I. 18-11 hatte sie 255 Missionare beiderlei Geschlechts, auf 56 Stationen verthcilt, unter deren Aufsicht gegen 60000 bekehrte Heiden standen. Die in verschiedenen Ländern zerstreuten Anhänger der Brüdergemeinde nicht gerechnet, schlägt man die Zahl der eigentlichen Eemeindegliedcr, die unter der Unitätsconferenz stehen, in Europa auf 14000, in den Vereinigten Staaten aus 5000 an. Der Herrnhutismus eignet sich nur für kleine Gemeinden; er würde als Grundsatz der Staatsverwaltung und Police!, oder auch nur als Religionsverfassung großer Staaten, seine Vorzüge mit seinem wahren Charakter verlieren. So viel ist aber nicht zu leugnen, daß ihm die protestantische Kirche manche heilsame Einwirkung und namentlich den größern Eifer verdankt, mit welchem sich die neuere Theologie der Lehre von der Person Christi zugewendet hat. Vgl. Cranz, „Alte und neue Brüderhistorie" (Barby >772), (Hcgncr's) „Fortsetzung von Cranz's Brüderhistorie"(3 Bde., Barby 1791 —1804 und 1816) und Schaaff, „Die evangelische Brüdergemeinde" (Lpz. 1825). Brüderschaften (religiöse), d. h. Gesellschaften zu ftommen Übungen, wechselseitigen Dienstleistungen und wohlthätigcn Zwecken, führte das Bestreben, die geistlichen Orden nach- zuahmeu, schon im Mittelalter häufig zusammen. Sic wurden geschlossen entweder zwischen Stiften und Klöstern, oder zwischen Klöstern und einzelnen Weltgeistlichen und Laien, oder endlich zwischen einzelnen Laien, die keine Klostergelübde ablegen, neben ihrem Weltleben aber doch bei gewissen Gelegenheiten als Religiösen erscheinen wollten, welche letztere Vereinigungen man Brüderschaften (egnsrutoriiitutes) im enger» Sinne nannte. Sie wurden anfangs gewöhnlich ohne kirchliche Ermächtigung geschlossen, weshalb mehre dieser Gesellschaften, welche die Anerkennung der Kirche nicht suchten oder nicht erlangten, den Charakter von Sekten annahmen, die sie in den Verdacht der Ketzerei brachte. Hierher gehören unter vielen andern die Begu inen (s. d.) und Begharden (s. d.), die Brüder und Schwestern des freien Geistes (s. d.), die Ap ostelbrüder (s. d.), die Geißler oder Flagellanten (s. d.), welche zwar von der Kirche einige Zeit geduldet, dann aber als Ketzer verfolgt und unterdrückt wurden. Zu ihnen könnte man selbst die alten Baucorporationen oder Brüderschaften der Bauleute und Gewerken (s. Bauhütten), von denen der Orden der Freimaurer (s. d.) seinen Ursprung hcrleitct, rechnen, da sie bisweilen Zunstgeheim- niffe errathen ließen, deren religiöser Gehalt auf eine eigenthümlichc, in den Augen der Kirche verfängliche Gnosis und Symbolik hindeutete. Die unter kirchlicher Aufsicht entstandenen oder wenigstens von der Kirche bestätigten frommen Brüderschaften hatten keine Geheimnisse, sondern anerkannt löbliche Zwecke. Sic vereinigten sich, entweder um ihre Religiosität gegenseitig zu stärken, sich Bußen aufzulcgen und Andachten zu halten, oder um Fremden, Reisenden, Schutzlosen, Bedrängten, Verlassenen und Kranken die nöthigcn Hülsslcistungcn zu gewähren, was in einer Zeit, wo es ganz an Policei- und Armenanstalten mangelte, uni so nothwendiger war. Solche Brüderschaften waren dieBrückenbrüder (s. d.), die Ritter und Gesellen der heiligen H ermandad (s. d.) in Spanien, die Familiären und Kreuzträger im Dienste der span. Inquisition (s. d.), die Kalandsbrüder(s. Kaland) und die Alexianer oder Lollhardcn (s. d.). Zu den ältern Verbrüderungen sind auch zu zählen die Büßer oder Büßenden (s. d.); keineswegs aber gehören hierher die Barmherzigen Brüder und Schwestern (s d.). Brügge, franz. Lru^-es, eine starkbefestigte Stadt in der belg.Provinz Westflandern, liegt IStunde von der Nordsee entfernt an mehren Kanälen, die aus der ganzen Provinz sich hier im Mittelpunkte concentriren und B. mit Gent, Ostende, Blankcnberghe, Sluys und Damme verbinden. Die Stadt ist gut gebaut, der Sitz eines Gouverneurs, eines katholischen Bischofs, einer Handelskammer und eines Handelsgerichts und hat mehre bedeutende Plätze, darunter den großen Marktplatz mit geräumigen, im mittelalterlichen Stile erbauten Hallen, die als Niederlagen für Leinwand, Getreide u. s. w. dienen; ferner einen Dom, eine Kathedrale Unserer Lieben Frauen mit einem sehr hohen Thurm, der den Seefahrern zum Brüggemann Signal dient, mehre andere Kirchen, ein schönes Stadthaus, einen bischöflichen und einen Zustizpalast, eine Börse, ein Gymnasium, eine Akademie für Maler-, Bildhauer- und Baukunst, eine Navigationsschule, sowie Vereine für Landwirthschast, für Musik und für Natio- nalliteratur, einen botanischen Garten und eine Bibliothek. Außerdem gibt es ein Zucht-, ein Armen-, ein Findel- und ein Irrenhaus, sowie mehre wohlthätige Anstalten. B. zählt 48000 E-, welche Leinen-, Baumwollen- und Wollenwaaren, besonders Damast, Spitzen, Leder, Stärke, Taback, Fayence, Seife, Lichter, Hüte, Cichorien, irdene Pfeifen, Chocolade, Strohhüte, Mundlack und Leim fabriciren. Es befinden sich hier Schiffswerste, Salz- und Zuckerraffinerien, Färbereien, Bierbrauereien, Branntweinbrennereien, Ölmühlen und eine Glockengießerei. Starker und lebhafter Handel mit Leinwand, überhaupt mit Landes- und Kunstproducten wird von hier ans getrieben, und Seeschiffe gelangen auf einem Kanäle bis zur Mitte der Stadt. Seit 1838 ist die Stadt durch Eisenbahnen mit Gent und Ostende verbunden und auf diese Weise in das große belg. Eisenbahnnetz mit ausgenommen. B., das alte Brugä, wurde früh schon eine reiche und blühende Stadt, besonders seitdem die Hanse daselbst eines ihrer bedeutendsten Handelsdepots begründet hatte; ja im >3. Jahrh. war es der Hauptstapelort des nordischen Handels und gleich Venedig die reichste Handelsstadt, bis dif Entdeckungen der Portugiesen beide Städte gleichsam aus der Mitte des Weltverkehrs zurückdrängten. Alle handelnden Völker hatten daselbst seit dem l 4. Jahrh. ihre Consulate und aus jener glänzenden Periode stammen noch die vielen dort befindlichen Denkmäler der Bau- und Bildhauerkunst. Vgl. Rudds, „OolisctionOs gruvnres au trait, rspre- sentant Iss plan.-i, OIUPSS, sisvations, jirvlils, vuütss, jOaionOs, ete. Oss piiusstianx I»»- nnmsols O'arclritecture et Oe sonst,tnre Oe In ville Os II. Oopnis le I4mejusgn' uu I 7me siecls" (franz. und holländ., Brügge 1824, mit 56 Kpfrn.). B. stand in früherer Zeit unter den Grafen von Flandern. Zu Anfang des 14. Jahrh. bemächtigte sich Philipp I V. von Frankreich der Stadt, in die er nun eine Besatzung legte. Da sich aber dieselbe viele Bedrückungen gegen die Einwohner erlaubte, so griffen diese zu den Waffen und verjagten die Franzosen, worauf wieder die Grafen von Flandern Herren der Stadt wurden, der sie viele Rechte und Freiheiten einräumten, was aber nicht hinderte, daß die freiheitsliebenden Bewohner mehrfach mir ihnen in Streit und Krieg geriethen, wie;. B. 1381, wo Graf Ludwig von Flandern eine völlige Niederlage erlitt. Nach dem Ausstcrbcn der Grafen von Flandern gelangten die Herzoge von Burgund in den Besitz der Stadt, die unter vielfacher Begünstigung bald wieder zu ihrem alten Glanz und Reichthum gelangte, den jene noch dadurch zu erhöhen suchten, daß sie B. zum Sitz ihres Hofes machten. Durch die Vermählung der Erbtochter Karl des Kühnen, Maria, mit Maximilian kam B. mit Burgund an das Haus Habsburg und durch dieses an Spanien. Während der span. Herrschaft wurde hier durch Philipp II. 1550 ein Bisthum begründet, das Papst Pius IV. bestätigte. Im niederländ. Befreiungskriege littB. ungemein; sein ehemals so bedeutender Handel schwand, es hörte auf, die reichste Handelsstadt Flanderns zu sein und verlor seinen Glanz dadurch, daß Antwerpen allen Handel an sich zu bringen wußte. Auch durch den span, und östr. Erbfolgerrieg erfuhr die Stadt vielfache Bedrängniß, sodaß sie sich nicht wieder zu der Bedeutung und Größe erheben konnte, welche sie im Mittelalter besaß. Brüggemann (Joh. Heim. Theod.), Geh. Regierungsrath in der katholischen Abtheilung des Ministeriums des Unterrichts und der geistlichen Angelegenheiten in Berlin, wurde 1705 zu Soest in Westfalen von einfachen Bürgersleuten aus gemischter Ehe geboren. Seine Bildung erhielt er auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt und zu Münster, wo er sich neben der Theologie vorzugsweise den philologischen Studien widmete. Schon 1815 wurde er Lehrer am Gymnasium in Düsseldorf. Eine vortreffliche Lehrgabe und tüchtiges Wissen zeichneten ihn vortheilhaft auS und nach seiner Ernennung zum Director der Anstalt, auch zugleich ein nicht gewöhnliches Talent im Dirigircn. Seine Richtung war durchaus die des verständigen Katholiken aus der Hermes'schen Schule ohne alle Hinneigung zum Ultramontanismus und ohne Intoleranz, weshalb er auch mit den protestantischen Lehrern im besten cvllegialischen Vernehmen lebte. Im I. 1832 wurde er als katholischer Schulrath nach Koblenz versetzt, wo er in der Regierung und im Provinzialschulcollegium praktische Brauch- burkeit, Geschästsgewandtheit und Pflichttreue bewährte und durch echte Wissenschaftlichkeit .^1 R 714 Brugmans Brühl (Heinr., Neichsgraf von) dem rheinischen Gymnasium viel nützte. Dagegen trat aber auch zwischen ihm, dem Freunde des Erzbischofs Grafen Spiegel in Köln und der bigoten katholischen Partei zu Koblenz bald eine merkliche Kalte ein. Kurz vor der Suspension des Erzbischofs von Köln, Droste von Vischering, wurde B. nach Berlin berufen, um seine Erfahrungen und Personenkenntniß in dieser wichtigen Sache zu benutzen. Er brachte die Beschlüsse zurück, die aus seiner Hand der Oberpräsident empfing. Dafür traf ihn der Haß des aufgereizten Haufens und der unwissenden Geistlichkeit, die seine geistige Überlegenheit fürchtete. Nicht minder mußte er sich gegen allerhand Vorwürfe verantworten, als ihn die prcuß. Negierung im Dec. l 837, bald nach jener Suspension, nach Rom sendete, wo er bis zum Juni 1838 verweilte, um, wie es schien, den preuß. Gesandten Bunsen (s. d.) bei den Verhandlungen mit dem Papste mit seinem Rache zur Seite zu stehen. Nach seiner Rückkehr erhielt er die Anstellung in Berlin, die er mit Beibehaltung seiner srühern Grundsätze verwaltet. B. ist der Schwager des Malers Cornelius und ein Mann von den angenehmsten Formen. Brugmans (Sebald Justinus), ein sehr geachteter nicderländ. Arzt und Gelehrter, gcb. zu Franeker am 23. März 1783, der Sohn Antonius B-, der hier und nachmals zu Groningen Professor der Philosophie war, studirtc zu Groningen und erhielt, nachdem «schon durch seine Dissertation „l^itllologis Aruninguon" (Groning. 1781) und mehre Abhandlungen, die mit dem Preise gekrönt wurden, die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt und 1785 die medicinische Doctorwürde erworben hatte, an van Swinden's Stelle zu Franeker den Lehrstuhl der Philosophie und der Physik. Namentlich ließ er es sich angelegen sein, die Liebe für alle Zweige der Naturgeschichte in seinem Vaterlande mehr auszubilden. Auch begann er in Franeker sein Cadinet der vergleichenden Anatomie anzulcgen, das sich später zu einem der bedeutendsten in Europa ausbildete. Im I. 17S5 wurde er als Professor der Chemie an die Universität zu Leyden versetzt, und Ludwig Napoleon ernannte ihn beim Regierungsantritte zu seinem Leibarzt; auch billigte derselbe vollkommen die neue Organisation des Hospitalwesens und der Medicinalanstalten, die B. seit 1783 übertragen war. Ausgezeichnet war seine umsichtige, menschenfreundliche Thätigkcit bei dem durch dic Pulvcrcxplvsion im J. 1887 über die Stadt Leyden herbeigeführten grauenhaften Unglück, wo er sich im Netten, Trösten und Helfen unermüdlich zeigte. Nach der Vereinigung Hollands mit Frankreich ernannte ihn Napoleon zum Generalinspector der Hospitäler und zum Rector der Universität zu Leyden. Seine Fürsprache tilgte nicht blvs alle Schulden der Universität, sondern verschaffte ihr auch einen um 180080 Francs vermehrten jährlichen Zuschuß aus der Staatskasse. Ein noch größeres Verdienst erwarb er sich in den Militairspitälern, in denen unter seiner Direktion niemals ein Hospitalfieber wüthete, so wie nach der Schlacht bei Waterloo, wo er schnell ärztliche Hülfe für mehr als 20000 verwundete Krieger herbcischafftc. Die Universität zu Leyden verdankt ihm auch die treffliche Anordnung ihrer naturgeschichtlichen Sammlungen, und daß ihr Alles zurückgegeben wurde, was 1795 nach Paris gewandert war. Erstarb am 22. Juli 1819. Außer seiner thätigen Thcilnahme an der „Ukurmuonpnea butuvu" (seit 1803) gedenken wir nur seiner in den Abhandlungen des Nicderländ. Instituts erster Claffe (Bd. I) niedergclegten Beobachtungen über eine innere, den Fischen eigenthümliche Organisation, die deren Fähigkeit zu schwimmen, mehr als der Schwanz und die Flossen begründet. Brühl (Heinr., Reichsgraf von), Minister August's III., Königs von Polen und Kurfürsten von Sachsen, wurde am 13. Aug. 1700, nach Einigen auf seinem väterlichen Stammschlosse Gangloff-Sömmern in Thüringen, nach Ändern, was wahrscheinlicher ist, zu Weißenfels geboren, wo sein Vater die Stelle eines Oberhofmarschalls und Geh. Raths am Hofe desHerzogs von Sachsen-Weißenfels bekleidete. B. war von fünf Kindern der vierte Sohn und seine Mutter, eine geborene von der Heyde, aus den Häusern Chemnitz und Mis- lareuth. Frühzeitig trat er als Page in die Dienste der Herzogin Elisabeth, der Witwe des Herzogs Johann Georg von Sachsen-Weißenfels, welche damals größtentheils in Leipzig sich aufhielt, und sein einschmeichelndes Wesen und die Anmuth seiner Sitten gewannen ihm nicht nur dieGunst dieser Fürstin, sondern bald darauf auch dicAugust'sll., dessen Lcibpage er um 1720 wurde. In der Folge ernannte ihn der König zum Kammerherrn und ließ sich von ihm auf allen Reisen begleiten. B. benutzte die Gnade des Königs zu seinem Vortheil und erlangte rasch hintereinander mehre wichtige Staatsämter, namentlich, worauf er gar nicht vordere!- 715 Brühl (Heinr., Reichsgraf von) tetsein konnte, am 7.Apr. 1731 Obcrsteuer-Einnehmer, am ".Juni General-Accisdircctor, im Stcuerfache; er wurde am 13. Juni Direktor des Departements der innern Angelegenheiten im geheimen Cabinct, am 25. Aug. Wirklicher Geh. Rath, 1732 am 12. Jan. Vice- Obersteuerdirector, am 11. Febr. Direktor des Zeitungswescns, am 2. Apr. Direktor der Kammer, der Rcntcrei und des Berggemachs und >733 am 8. Jan. Kammer-Präsident, gewiß ein in seiner Art seltenes Beispiel schnellen Avancements. Als August l!. am 1. Febr. 1733 zu Warschau starb, eilte er mit der Krone und den Neichskleinvdien Polens, die er damals zufällig zu verwahren hatte, nach Dresden zu dem künftigen Nachfolger und war sehr thätig, diesem die Thronfolge zu sichern, so bestritten sic auch war. Dadurch und durch schmeichlerisches Buhlen um die Freundschaft des Grafen von Sulkowski, des Licblings August's lll., erwarb er sich allmälig, wenn auch nicht ohne Mühe, das Wohlwollen des ihm anfangs abgeneigten Regenten, sodaß er ihn nun endlich auch in seinen'frühern Ämtern, was anfangs nicht geschehen war, bestätigte. Seitdem hörte das Glück nicht auf, B. zu begünstigen, der es meisterhaft verstand, den König vollkommen zu beherrschen, und mit kluger Gewandtheit nach und nach alle Die von seinem Herrn entfernte, die es hätten versuchen können, ihm zu schaden. Kein Lakei trat ohne B.'s Genehmigung in des Königs Dienste, begab sich dieser in die Kapelle, so wurden zuvor auf dem Wege dahin alle Zuschauer entfernt. Nie wurde übrigens ein Fürst sklavischer bedient als August III.; immer befand sich B. in seinem Gefolge, ganze Tage in seiner Nähe, ohne ein Wort zu sprechen, während der geschäftslose Fürst rauchend umhcrschlenderte und die Augen auf ihn warf, ohne ihn zu sehen. „B., habe ich Geld war die stets wiederkehrende Frage, und um die Antwort „Ja, Sire" geben zu können, wurden durch B. die Kaffen erschöpft und das Land mit Schulden belastet. Seine Stellung noch mehr zu sichern, verheirathete sich B. mit der Gräfin Franziska Mariana Antonia von Kollo- wrath-Krakowski, deren Mutter Oberhofmeisterin der Königin war. Durch dieses Verhältnis und den daraus entstandenen Einfluß auf die Königin, bewirkte er endlich 1738 auch die Entlassung des Grafen Sulkowski, der jetzt allein ihm noch im Wege stand, wobei ihm zugleich des Königs Gewissensrath, der Pater Euarini, den er durch das Versprechen, mit ihm die Herrschaft zu theilen und katholisch zu werden, gewonnen hatte, kräftig unterstützte. Nach Sulkowski's Fall stand der Befriedigung seiner ehrgeizigen und habsüchtigen Plane kein Hinderniß mehr entgegen. Nachdem er schon früher, am 25. Febr. 1733, Inspektor über sämmt- liche Staatskassen, am 23. Juni 1733 Cabinetsminister mit Conftrirung des Departements der Civilangelegenheiten, am 6. Febr. 1737 Chef des Departements der Militairangelcgen- heiten und am 7. Febr. 1738 des Departements der auswärtigen Angelegenheiten, dessen Verwaltung er anfangs mit dem Grafen Wackerbarth-Salmour, den er jedoch bald zu entfernen wußte, thcilte, geworden war, erhielt er unmittelbar nach Sulkowski's Äusscheiden am 1O.Febr. 1738 die Stelle eines dirigirendcn OberkämmercrS und endlich 1737 die eines Premier-Ministers mit Bestimmung seines Rangs über alle Chargen im Kurfürstenthume Sachsen und unter Beibehaltung der meisten früher erhaltenen Staatsgüter, deren Einkünfte er unter diesem Titel fortbezog, sodaß man sein Einkommen im Ganzen jährlich auf 52000 Thlr. anschlug. Nicht zufkicdcn damit, wußte seine Habsucht seinen Beschützer zu verleiten, ihn außerdem noch mit Geschenken zu überhäufen. So erhielt er 1730 die Herrschaft Forsta und Pforten in der Niederlausitz mit dem Rechte, den Titel eines Freiherrn von Forsta und Pför- tcn zu führen, ferner durch ein Donationsdccret vom 20 . Mai 1736 das an den Herzog von Weißenfels früher für 52000 Thlr. von seiner Familie veräußerte Stammgut Gangloff- Sömmern mit vier Dörfern, Grunstädt, Kutzleben, Obcrtopfstädt und Hcrrenschwendc, und nach dem Tode der Königin die ganze Apanage derselben (die Starostei Zips), um sich dadurch für die im Siebenjährigen Kriege erlittenen Verluste in Sachsen zu entschädigen. Dabei trieb er mit Hülfe seiner ihm dienstwilligen Crcalurcn mit den damaligen Steuerscheinen die verderblichsten Operationen für das Land und erlaubte oder begünstigte fortdauernd die schreiendsten Ungerechtigkeiten einer willkürlichen Cabinctsjustiz. Durch den Übertritt von der evangelischen zur katholischen Kirche und durch einen Stammbaum, in welchem er seine Abkunft von einem Grafen Brühl, Woiwoden von Posen, darthat, hatte er seinem Plane vorgearbeilet, auch in Polen Güter und Kronämter zu erwerben. Demgemäß kaufte er zu den bereits in Sachsen erworbenen Gütern mehre Herrschaften und bekleidete später 716 Brühl (Friedr. Aloysius, Graf von) mehre Aronämter in Polen oder wußte sie seinen Söhnen zuzuwenden. Auch vom Auslande ^ her breiferte man sich, den vielvermögenden Günstling August's >11. zu ehren. Die Kaiserin Elisabeth verlieh ihm den Andreas-Orden und Kaiser Karl VI. erhob ihn zum Reichsgrafen. Ungeheure Summen verwendete B. auf des Königs, noch mehr aufseinen eigenen Hofstaat. Er hielt 200 Bediente und bezahlte seine Ehrenwache besser als der König die seinige; seine Tafel war die köstlichste, seine Garderobe die glänzendste und seine häusliche Einrichtung die üppigste. „B.", sagt Friedrich >>., „war der Mann dieses Jahrhunderts, der die meisten Klei- der, Uhren, Spitzen, Stiefeln, Schuhe und Pantoffeln hatte. Cäsar würde ihn zu jenen schön- frisirten und parfümirten Köpfen gezählt haben, die er nicht fürchtete." Durch diese Verschwendung kam es denn auch, daß beim Ausbruche des Siebenjährigen Kriegs, als Friedrich II. 1756 in Sachsen einfiel, das Land nur 17000 M. entgegcnzustellen vermochte, die sich § bald aus Mangel an Zufuhr in dem Lager von Pirna dem Feinde ergeben mußten. Der König und seine Minister flüchteten nach Warschau, wo sie bis zum Abschluß des Hubertsburger Friedens blieben. Das durch B.'s Verschwendung erschöpfte Land aber mußte als Beute des Siegers indeß die Fehlgriffe des Ministers, der sich unpolitischerweise in das ^ Bündniß gegen Friedrich I I. mit eingelassen hatte, aufs härteste büßen. Kurz nach der Rückkehr aus Polen nach Dresden starb der König am 5.Oct. 1765, und B. folgte ihm schon am j 28. Oct. im Tode nach, nachdem er bereits einige Zeit gegen seine Erschöpfung angekämpst 1 hatte, um die Pflichten eines Günstlings unausgesetzt zu erfüllen. Prinz ckaver, der ihn persönlich haßte, ließ, als Administrator von Sachsen, B.'s Güter mit Beschlag belegen und eine Untersuchung verhängen. Da indeß B. klug genug gewesen war, alle seine Anordnungen durch die Unterschrift des Königs autorisiren zu lassen, endigte dieselbe damit, daß die Söhne alle Güter des Vaters erbten. Nicht zu verkennen ist übrigens, daß B.'s Prachtliebe und Aufwand vielfach zur Aufmunterung und wirksamen Unterstützung der Künste und Wissenschaften in Sachsen Veranlassung wurden. Seine Bibliothek, die 62000 Bände umfaßte, wurde für 60000 Thlr. verkauft; sie ist ein Hauptbestandtheil der königlichen öffentlichen > Bibliothek zu Dresden und zeichnet sich durch innern Gehalt wie durch äußere Eleganz aus. Vgl. Justi, „Leben und Charakter des Grafen von B." (5 Bde., 1760—6-1) und die „Zuverlässige Lebensbeschreibung des Grafen von B. und des Cabinetsministcrs A. I. Fürsten von Sulkowski" (Franks, und Lp;. >766). Brühl (Friedr. Aloysius, Graf von B.), der älteste Sohn des Vorigen, geb. zu Dresden am 31.Juli 1730, von seiner Mutter, einer höchst würdigen, verständigen und geistreichen Frau, mit ebenso viel Klugheit und Sorgfalt als Strenge erzogen, studirke in Leipzig und Leyden. Er ward bereits in seinem 10. Jahre poln. Kron-Großfeldzeugmeister und wohnte, nachdem er Europa durchreist hatte, einigen Feldzügen der Östreicher im Siebenjährigen Kriege bei. Nach August's I II. Tode verlor er alle seine Ämter in Polen und Sachsen, doch erhielt er einige durch dessen Nachfolger, den König Stanislaus, zurück. Auf seiner Herrschaft Pförten lebte er nun in stiller Zurückgezogenheit den Wissenschaften, festlichen Vergnügungen und seinen Freunden und starb am 30. Jan. 1703 zu Berlin, wo er seinen Bruder Karl besuchte. Einer der schönsten Männer, von bewundernswürdiger Leibesstärke, Virtuos auf dem Basson und andern Instrumenten, ein tüchtiger Zeichner und Maler, ein gründlicher Mathematiker, besonders im Artillcriewcsen, welches kennen zu lernen er fast ein ganzes Jahr in der Stückgießerei zu Augsburg unerkannt arbeitete, und in der Lustfeucrwerkerei erfahren, war er ein vollendeter, feingebildeter Weltmann, der die meisten europ. Sprachen mit Anmuth und Gewandtheit sprach und schrieb und in der Kunst der Unterhaltung seine Triumphe feierte. Eine seiner Hauptliebhabereien war das Theater; ein solches hatte er zu Pförten errichtet, für das er selbst die erfoderlichen Decorationen malte und Stücke schrieb, in denen er als Darsteller auftrat. Diese und andere Stücke, darunter auch mehre dem Französischen nachgebildet, erschienen unter dem Titel „Theatralische Belustigungen" (5 Bde., Dresd. 1785—00). Einige derselben, wie z. B. „Die Brandschatzung", die Bearbeitung ^ einer wahren Anekdote aus dem Siebenjährigen Kriege, wurden eine Zeit lang auf den deutschen Bühnen mit Beifall gesehen. Sein bestes Stück ist vielleicht „Wie man einen Betrüger entlarvt" (Dresd. 1787). Nachlässig hingeworfen sind seine Lustspiele, doch reich an echt Brühl (Hans Moritz, Graf von) Brulliot 717 komischen Zügen; nur fällt bei einem so feingebildeten Weltmanne die oft unedle Schreibart doppelt auf. Meißner's „Alcibiades" wurde von ihm in das Französische übersetzt. Brühl (Hans Moritz, Graf von) auf Martinskirchen, ein Neffe des Ministers, der Sohn seines Bruders, geb. am 2». Dec. 1736 zu Wiederau, war auf der Universität zu Leipzig, wo er 1759—54 studirte, ein Liebling Gellert's, der später mit ihm auch correspon- dirte, sowie Cronegk's Freund. In Aufträgen des sächs. Hofes ward er 1755 nach Paris und 17 59 nach Warschau gesendet, wo ihn August 111. zum Kammerherrn und Landeshauptmann in Thüringen ernannte. Unter dem Administrator Taver erhielt er l 7 64 den Gesandt- schastspostcn zu Paris, später den zu London, wo er am 9. Jan. 1899 starb. Um die Astronomie, die er gründlich kannte, hat er sich durch Verbesserungen an mehren, besonders chronometrischen Instrumenten, sowie dadurch verdient gemacht, daß er den Baron von Zach vorzugsweise zu dem Studium dieser Wissenschaft anregte. Auch in der Staatsökonomie besaß er gründliche Kenntnisse, wie unter Anderm seine „Heckerckes snr ckivers »Issels 89» Kammerherr des Prinzen Heinrich von Preußen geworden, mit dem er einige Jahre zu Rheinsberg verlebte, wurde er dem Theater nicht entfremdet, da der Prinz eine franz. Schauspielertruppe unterhielt. Später ward er Kammerherr bei der Königin Mutter und >819 bei der Königin Luise. Im I. 1813 machte er den Feldzug als Major im General- stabe mit und begleitete sodann nach dem Friedensschlüsse den König von Preußen nach Paris und London, wo wieder Theater und Theaterwcsen ilm besonders beschäftigten. Nach der Rückkehr wurde er 1815 zum Generalintendanten der königlichen Schauspiele in Berlin ernannt und entwickelte in diesem Wirkungskreise eben so viel Geschmack als rastlose Thätig- keit, die sich bis auf das kleinste, namentlich auf die Correctheit vcr Costüme und Dekorationen erstreckte.- Letztere Eigenschaft machte ihn vor Allen berufen, auch der Anordner aller Festzüge zu sein, welche im königlichen Schlosse stattfanden. Wie ernst er es meinte, bewies er durch die Begründung des „Dramatischen Wochenblatt" auf eigene Kosten, welches in seinen drei Jahrgängen (1815 —17) außerordentlich viel Werthvolles enthält. Auch schrieb er Vorreden zu mehren Werken über Costüme und Dekorationen und gab mit Spiker die „Darstellung des Festspiels Lalla Nuckh, welches auf dem am 27. Jan. 182 l im königlichen Schlosse veranstalteten Maskenball gegeben wurde" (Berl. 1822, mit 23 Kpfrn.) heraus. Der Verlust seines ältesten Sohns, Kränklichkeit und Misvcrständnisse beim Theater verblaßte» ihn, 1828 seine Entlassung zu nehmen, die ihm der König mit allen Beweisen der Anerkennung und Gnade gewährte. Seit 1839 General-Intendant der königlichen Museen, in welcher Stellung er aufs neue seinen Kunstsinn bewährte, starb er zu Berlin am 9. Aug. 1837 und wurde am 29. Aug. in der Kirche zu Seifersdorf bei Dresden beigesctzt. Brulliot (Franz), ein ausgezeichnet fleißiger und gelehrter Arbeiter im Gebiete der 718 Brüllotv Vrumakre Kupferstichkunde, geb. am I6.Febr. 1780 zu Düsseldorf, der Sehn des nachmaligen Galerit« inspcctors, Joseph B.'s, in München, widmete sich anfangs auf der Akademie zu Düsseldorf, dann in München der ausübenden Kunst, bis er sich in Folge seiner Anstellung bei der Kupferstichsammlung in München seit 1808 ausschließlich der Kupferstichkunde zuwendete, in deren Interesse er wiederholt Deutschland, Frankreich, Holland und Italien bereiste. Im 1. 1822 wurde er Conservator an der gedachten Sammlung, um die er sich namentlich durch sine neue zweckmäßige Ordnung nach Schulen und Malern, sowie durch ein Jnventarium und einen Realkatalog und auch dadurch verdient gemacht hat, daß er sie um l oonoo Exem- plare vermehrte. Sein „Oictionnaire des Monogramme" (2 Bde., Lpz. 1817 — 18,-1.) ergänzte er durch die „Ikable generale des Monogramme" (3 Hefte, Münch. 1820) und ließ es dann in einer gänzlich umgearbeiteten neuen Ausgabe (3 Bde., Stuttg. 1832—3-t, 4.) erscheinen. Erstand im Begriff, ein auf 10 Bände berechnetes Supplement des „Veintre- graveur" von Bartsch herauszugcben, als die Cholera am 13. Nov. 1836 ihn dahin raffte. Brüllow (Karl), ein ausgezeichneter Historienmaler, geb. um > 800 zu Petersburg, erhielt seine erste Bildung auf der dortigen Akademie. Im I. 1823 ging er nach Italien, mit Unterstützung eines unter dem Schutze der Kaiserin Elisabeth stehenden Vereins. Er fertigte dort zunächst mehre vortreffliche Copien nach Rafael; sein selbständiger Ruhm aber gründet sich auf das große, auch durch den Stich bekannt gewordene Gemälde, welches den letzten Tag von Pompeji, nach dem Berichte des jüngern Plinius, darstellt und gegenwärtig in der Eremitage zu Petersburg sich befindet. Seine Portraits sind durch kräftiges Colorit ausgezeichnet, auch seine Genrebilder werden gerühmt. Ärumaire hieß im republikanischen Kalender Frankreichs die Zeit vom22. Oct.—-20. Nov. Berühmt ist besonders der 18. Brumaire des J.VIII, nach dem Gregorianischen Kalender der 9. Nov. 1799. An diesem Tage wurden in der franz. Republik das Directorium und die Verfassung vom I. Ill durch Bonaparte gestürzt, der als erster Consul die Zügel der Regierung ergriff. Das Fortbestehen der Directorialregierung war allerdings durch mehrfache Umstände unmöglich geworden. Von Italien, der Schwei; und Holland aus bedrohten die Heere der, mit Ausnahme Spaniens und Preußens, nach dem Congresse zu Rastadt zu einer neuen Coalition zusammengetretenen europ. Mächte die Grenzen des durch die Politik des Convents in seinem Innern geschwächten und zerrütteten Frankreichs. Inmitten dieser üblen Lage und der öffentlichen Unglücksfälle gewannen auch die bisher durch die glänzenden Siege des Directoriums niedergchaltenen politischen Parteien einen neuen Spielraum. Schon die Ergänzungswahlen der Gesetzgebenden Körper vom Flore'al des I. VI waren so sehr im Sinne der streng republikanischen Partei ausgefallen, daß das Directorium am 22. Flore'al diese Wahlen durch einen die Constitution verletzenden Streich für ungültig zu erklären wagte. Da diese Gcwaltthat die Republikaner erbitterte und zu gemeinschaftlichen Maßregeln trieb, so fielen im folgenden Jahre die Wahlen für die Gesetzgebenden Körper wieder zu ihren Gunsten aus, und dies hatte die Folge, daß das Directorium am 30. Prairial (l 8. Juni) >709 durch die Räche, welche sich in Permanenz erklärten, desorganisirt wurde. Die Stützen des alten Directoriums, Treilhard, Merlin und Lareveillere, mußten austreten, an Newbcll's Stelle trat gesetzlich Sieyes ein, Barras aber verließ seine Amtsgenossen, um sich diesem bcizugesellen. Sieyes war der erklärteste Feind dieser schwachen und abgenutzten Regierung; er hatte die Absicht, die Constitution vom J. Ill, die nur noch von den Direktoren Gohier und Moulin, durch den Rath der Fünfhundert, und im Volke durch die entschiedene republikanische Partei gestützt wurde, zu stürzen und die Revolution durch eine definitive Constitution zu schließen. Bonaparte hatte im Orient die Lage Frankreichs erfahren; die Gelegenheit, seine seit den Siegen in Italien genährten ehrgeizigen Entwürfe zu verwirklichen, schien gekommen ; er durchsegelte aus einer Fregatte das mit engl. Schiffen bedeckte Mittelländische Meer und landete am 17. Vcnde'miaire des I. VlII (8. Oct. 1799) zu Fre'jus. Obschon soeben Brune und Massen« durch ihre Siege über die coalirten Heere Frankreich gerettet hatten, so wurde Bonaparte doch vom Volke und der Partei der Gemäßigten als der Retter des Vaterlands empfangen. Je zurückhaltender er sich anfangs benahm, je undurchdringlicher seine Plane erschienen, um so mehr wurde er von den Parteihäuptern gefürchtet. Sieyes zauderte lange, sich ihm zu nähern, denn er hielt ihn für zu ehrgeizig, als daß derselbe seine Brumaire 719 csnstitutioncllen Plane würde verwirklichen helfen. Indessen kam doch eine Verbindung durch die gemeinschaftlichen Freunde Beider zu Stande, und am 15. Brumaire wurde der gemeinschaftliche Angriffsplan gegen die Constitution des I. lll entworfen. Sicyes übernahm es, durch seine Vertrauten die beiden Räche auf das Ereigniß vorberciten zu lassen, und Bonaparte sollte die Generale und die zu Paris befindlichen Truppen gewinnen. Man beschloß ferner, die gemäßigten Mitglieder der Räche außerordentlich zusammenzubcrufen, denselben die öffentliche Gefahr, den neuen Hereinbruch des Jakobinismus vorzustellcn, die Versetzung des Gesetzgebenden Körpers nach St.-Cloud und die Ernennung des Generals Bonaparte für die Rettung der Republik zum Befehlshaber der bewaffneten Macht zu verlangen, dann aber mit Hülfe dcr Militairgewalt das Direktorium zu stürzen und die augenblickliche Auflösung des Gesetzgebenden Körpers zu bewirken. Das Unternehmen ward auf den 18. Brumaire festgesetzt und bis dahin als tiefstes Geheimniß bewahrt. Am 18. wurde in der That am Morgen der Rath der Alten zu einer außerordentlichen Sitzung in den Tui- lerien zusammenberufen. Mehre einflußreiche Verschworene, Cornudet, Lebrun, Fargucs, erschütterten die Versammlung durch ihre Schilderungen von der Lage der Republik; Rcgnier schlug hierauf vor, der Rath solle kraft des Rechts, das ihm die Constitution verleihe, den Gesetzgebenden Körper nach St.-Cloud verlegen und Bonaparte mit Ertheilung des Befehls über die siebzehnte Militairdivision diese Versetzung übertragen. Dieser Antrag wurde von den theils mitverschworcnen, theils eingeschüchtertcn Rächen angenommen, und es begab sich nun der in seinem Hause harrende Bonaparte an der Spitze vieler Generale, Offiziere und mehrer Cavalericrcgimenter nach den Tuilerien, wo er an den Schranken des Ratys den Eid der Treue leistete. Hierauf wurde Lefevre von Bonaparte zum zweiten Befehlshaber und zum Chef der Garde des Direktoriums ernannt. Bald nachher erschienen Sicyes und Roger Ducos in den Tuilerien und legten ihre Ämter nieder. So war das Direktorium aufgelöst, zugleich waren Moulin und Gohier des Gebrauchs der Garde beraubt und überdies schickte der eingeschüchterte Barras freiwillig seine Entlassung ein. Nur der Rath der Fünfhundert war nun noch übrig. Das Dccret des Raths der Alten und mehre Proklamationen Bonaxartc'S, in denen er bereits die Sprache des Dictators führte, wurden in Paris verbreitet und setzten die eifrigen Republikaner in Schrecken. Am l 9. Brumaire begaben sich die Mitglieder der Rache nach St.-Cloud; Bonaparte wurde von Sieyes und Roger Ducos dahin begleitet. Sieyes, der die Taktik der Revolutionen verstand, hatte gerathcn, man solle vorläufig die Häupter der Parteien in den Rächen festnehmen; allein Bonaparte widersehte sich dieser Maßregel, da er als Soldat, umgeben von seiner Macht, die politischen Parteien verachtete. Gegen 2 Uhr Nachmittags eröffneten die Räche, jeder in seinem Saale, die Sitzung. Im Rache der Fünfhundert erhob sich alsbald der Verschworene Emil Gaudin und schlug für die getroffenen Maß- regeln eine Dankadresse an den Rath der Alten vor; dieser Antrag war die Losung zum heftigsten Sturme und gab die Veranlassung, daß auf den Vorschlag Delbred's die Verfassung des 1.111 auf der Stelle mit Enthusiasmus cimnüthig beschworen wurde. Als Bonaparte diese Maßregel, die ihn mit Absetzung und einer völligen Niederlage bedrohte, erfuhr, eilte er in den Rath der Alten, beklagte sich darüber zornig und wurde mit Beifall angehört. Getäuscht durch diesen leichten Sieg, schritt er dann an der Spitze einiger bewaffneter Grenadiere in den Rath der Fünfhundert, um durch seine Gegenwart den Widerstand zu beschwören. Beim Anblick der Bayonnete erhoben sich jedoch alle Näthe und von allen Seiten tönte der Ruf „Nieder mit dem Diktator"; der Republikaner Bigonet ergriff Bonaparte beim Arme und rief: „Was machen Sie, Verwegener! zurück, Sie verletzen das Heiligthum der Gesetze", und Bonaparte wich zurück und wurde von seiner Bedeckung mit hinausgenommen. Seine Entkernung macht« der stürmischen Bewegung kein Ende; man überhäufte Lucian Bonaparte, welcher Präsident der Versammlung war, mit Vorwürfen, nannte dessen Bruder einen Tyrannen und trug auf die Achtserklärung desselben an. Der an Volksscencn gewöhnte Sieyes rieth indessen dem äußerst bestürzten Bonaparte, keine Zeit zu verlieren und Gewalt zu gebrauchen. Zuerst wurde Lucian durch ein Detachement Soldaten aus dem Saale geholt, der dann als Präsident der Versammlung die Truppen anredcte und seinen Bruder als das von den Dolchen der Verräther bedrohte Schlachtopfer darstellte. Hierauf-ward ein Trupp Grenadiere in den Saal geschickt, der langsam vordrang, während der befehligende 720 Brun (Friederike Sophie Christiane) Brun (Johan Nord'ahl) Offizier die Versammlung auffodertc, auseinanderzugehcn. Die Räthe hatten beschlossen, in ihrer geheiligten Würde als Nationalrepräsentanten der Gewalt Trotz zu bieten; der Deputirte Prudhon erinnerte die Soldaten an die Achtung der vom Volke Gewählten, der General Jourdan hielt ihnen ebenfalls den beginnenden Frevel vor, und einen Augenblick zögerte der Truvp. Allein der General Leclcrc drang mit einer Verstärkung nach, comman- dirte im Namen des Generals Bonaparte „Vorwärts", und so wurden die Gesetzgeber, indem sie fliehend die Republik leben ließen, mit gefälltem Bayonnet aus dem Saale getrieben. Um halb 6 Uhr am >9. Brumaire war durch diesen Act roher Militairgewalt nicht allein die Revolution, sondern auch die Nationalrepräsentation Frankreichs und die Macht des Volks zum Vvrtheile eines Einzelnen vernichtet. Die Nation, ermüdet und unfähig, die Souvcrainetät länger gegen den Pöbel und die Aristokraten zu verthcidigen, sah freilich in dieser unerhörten Gewaltthat vor dcrHand nur die Rückkehr zu einer festen Ordnung und wvhlthätigen Ruhe. Brun (Friederike Sophie Christiane), eine bekannte deutsche Schriftstellerin und Dichterin, geb. am 3. Juni 1765 zu Gräfentonna im Herzogthume Gotha, kam, noch nickt fünf Wochen alt, mit ihrem Vater, Balthasar Münter (s. d.), nach Kopenhagen. Bei wenig regelmäßigem Unterricht, aber guter häuslicher und weiblicher Bildung und zweckmäßiger von ihrem Vater überwachter und geleiteter Lccture entwickelten sich rasch ihre schon früh sich regenden poetischen Anlagen. Im Sommer 1783 ward sie die Gattin desGeh.Confercnzratds Konstantin Brun in Kopenhagen, den sie bald nach ihrer Vcrheirathung nach Petersburg begleitete und mit dem sie über Hamburg, wo sie einige Monate täglichen Umgang mit Klopstock hatte, nach Kopenhagen zurückkehrte. In dem strengen Winter von 178Sauf1789 verlor sie des Nachts plötzlich das Gehör, das sie auch nie wieder erlangte; jung, lebensfroh und kräftig fand sie aber bald einen trostreichen Ersatz in der Pflege der Wissenschaft und Poesie. Ihre lnit ihrem Gemahl 1791 nach dem Süden Europas unternommene Reise, auf welcher sie in Lyon Matthisson, in Gens Bonstetten kennen lernte, schilderte sie in den beiden ersten Bänden ihrer „Prosaischen Schriften" (4Bde., Zür. 1799—1891), während sie in den beiden andern ihre Reise beschrieb, die sie 1795 zum Theil in Verbindung der in Matthisson's Gesellschaft reisenden Fürstin von Dessau nach Italien unternahm. Nachdem sie den Winter in Rom verlebt und hier Zoega, Fernow, und Angelica Kauffmann kennen gelernt hatte, besuchte sie im Sommer 1796 Jschia, dessen Schwefelquelle ihre zerrüttete Gesundheit wiederherstcllte. Im I. 1796 zurückgekehrt, machte sie 1891 eine neue Reise, brachte den Winter im Waadt- lsnde und in Coppet bei Necker und dessen Tochter, Frau von Stael, und den Sommer in Rom zu. Sie beschrieb diese Reise in den beiden ersten Bänden ihrer „Episoden" (Bd. I und 2, Zür. 1897—9; Bd. 3 und 4, Münch, und Heidelb. 1816 — 18) und ihren Aufenthalt in Rom in dem „Römischen Leben" (2 Bde., Lp;. 1833). In Folge ihres leidenden Zustandes ging sie dann wieder nach der Schweiz, wo sie den Winter in Genf und den Sommer 1896 mit Sismondi und Bonstetten im Waadtlande zubrachtc. Eine neue Reise, veranlaßt durch eine gefährliche Krankheit ihrer Tochter Jda, machte sie hierauf nach Rom, wo im Apr. 1897 die Tochter genas und die Mutter >899 Augenzeugin der Ereignisse wurde, welche der willkürlichen Gefangennehmung des Papstes vorangingen oder folgten. Ihre über diese Ereignisse an ihren Bruder, den Bischof von Seeland, in den 1.1898— 19 gerichteten „Briefe aus Rom" gab Böttiger (Dresd. >816; neue Ausl., 1829) mit einer Vorrede heraus. Die letztere Reise beschrieb sie im dritten und vierten Theilc ihrer „Episoden". Nach Kopenhagen zurückgekehrt, blieb sie von nun an ihrem Hcimatsherde treu. Ein Mis- verständniß ließ eine Stelle bei Matthisson so deuten, als ob sie katholisch geworden wäre. Ihren ersten „Gedichten", herausgegeben von Matthisson (Zür. 1795; 4.Ausl., 1896),folgten „Neue Gedichte" (Darmsi. 1812) und „Neueste Gedichte" (Bonn 1829). Eine theil- weise Beschreibung ihres Jugendlebens enthält ihr letztes Werk „Wahrheit aus Morgenträumen und Jda's ästhetische Entwickelung" (Aarau 1824). Sie starb am 25. März >835, und ihr Gemahl folgte ihr im Tode am 19. Febr. 1836. Brun (Johan Nordahl), norweg. Kanzelredner und Dichter, geb. 1745 auf einem Bauerhofe in der Nähe Drontheims, wurde ganz als norweg. Bauerssohn, doch mit seltener Sorgfalt, von seinen gottcsfürchtigen Altern erzogen. Von gewandtem und kräftigem Äußern und eines lebhaften Geistes nahm er nicht nur an aller vorfallenden Feldarbeit Theil, Brmracci Brmrck 721 sondern brachte es in den eigenthümlichen Übungen der norweg. Bergbewohner, namentlich in dem schwierigen Skienlaufen (einer Art Schlittschuhlauf) zu einer bewundernswürdigen Fertigkeit. Ein älterer Bruder brachte ihn fast wider seinen Willen zum Studiren; doch schnelle Fortschritte auf dieser Bahn erhöhten seinen Muth, sodaß er schon 1763 auf die Universität zu Kopenhagen kam. Sein Eifer und seine Lust zum Predigen wurden zuerst überwogen durch dichterische Versuche, unter welchen „Zarine", obgleich nur ein Nachklang der franz. rhetorisirenden Kunst, als das erste originale Trauerspiel in dan. Sprache ebenso sehr die Austnerksamkeit als eine weit überlegene, geistreiche Opposition erweckte. Nicht höher brachte er es in einer zweiten Tragödie „Einar Tambeskjelver" (1772), die nicht einmal auf die Bühne kam. Allein es war auch dieses nicht das Feld, auf dem er Lorbern sammeln sollte. Im I. 1773 ward er an eine geistliche Stelle in der Nähe seiner Heimat berufen, die er im folgenden Jahre mit einer andern in Bergen vertauschte, wo er nun seit 180-1 als Bischof Bergcns bis zu seinem Tode, im I. 1816, in reichem Segen mit gewaltigem Ansehen als Prediger und erster Bürger unter seinen Mitbürgern wirkte. Man kann mit Recht von ihm als geistlichen Redner sagen, daß der Geist des Evangeliums ihn selbst im Innersten erfaßt hatte. Er stand auf dem Grunde der evangelischen Wahrheit; bei ihm lebte und webte Alles; das Menschenleben hatte er in seiner Tiefe erfaßt, daher bewegte sich seine Rede in lauter Lebensdarstellungen. Auch als Patriot hat er einen gefeierten Namen hinterlassen. Außer mehren belebten lyrischen Gedichten, die durch ein tiefes und wahres Gefühl sich auszeichnen, gibt es von ihm zwei nationale und Freiheitslieder („Norges Herlighed" und „Norges Skaal"), die eine bleibende Stelle in der Literatur behaupten werden. Seine „Digte" erschienen in einer zweiten Auflage (Christiania 1816). Brunacci (Giovanni), geb. 1711 in Monselice, einem Örtchen im Paduanischen, studirte im Seminar von Padua Theologie und Philosophie, wendete aber bald seine Kräfte der antiquarischen Wissenschaft zu, welche er mit der Schrift „Vers nummsriakatavinorum" (Ven. 174-t) und andern gelehrten Abhandlungen, die sich in der Sammlung des Calogera finden, bereicherte. Als er die Archive von Padua und Venedig emsig durchforschte, erregte er die Auftnerksamkeit des Bischofs von Padua, Cardinal Rezzonico, des nachmaligen Papstes Clemens' XIII., der ihn bewog, eine Geschichte der paduanischen Kirche zu schreiben, woran B. über 15 Jahre arbeitete. Sie war bis zum 12. Jahrh. fertig, als der Cardinal die Abfassung in lat. Sprache verlangte, worauf B. die Übersetzung seines Werks begann. Er starb aber 1772 und hinterließ Original und Übersetzung im Manuscript. Gedruckt sind von ihm noch einige kirchenhistorische Arbeiten. Brunck (Nlch. Franz Phil.), einer der genialsten Kritiker der neuern Zeit, geb. zu Strasburg am 30. Dec. 1720 , wurde von den Jesuiten in Paris in die Wissenschaften eingeweiht, die er aber vernachlässigte, als er in das Geschäftsleben trat. Als Kriegscommissar wohnte er den Feldzügen des Siebenjährigen Kriegs bei. Ein Professor in Gießen, bei dem er im Winterquartier lag, erregte zuerst wieder in ihm den Eifer für die elastischen Studien. Nach Strasburg zurückgekehrt, widmete er alle freie Zeit dem Griechischen und besuchte seit 1760, obschon er mit einem öffentlichen Amte bekleidet war, die Vorlesungen derHelleuisten dortiger Universität. Der Eifer, der ihn zu diesem mühsamen Studium Muth gemacht hatte, „stieg durch das Vergnügen, Schwierigkeiten zu überwinden, und so setzte sich allmälig die Überzeugung in ihm fest, daß alle die Nachlässigkeiten, die er in den griech. Dichtern zu bemerken glaubte, nur Nachlässigkeiten der Abschreiber seien. In dieser Meinung änderte er ganz willkürlich, was ihm anstößig war, warf die Ordnung der Verse um und erlaubte sich Freiheiten, welche die Kritik durchaus verwerfen muß. Dennoch haben seit dem Wiedererwachen der Wissenschaften wenige Gelehrte so kräftig wie B. die Fortschritte der griech. Literatur gefördert. Bewundern muß man, wie Vieles und Wichtiges er in einem Zeiträume von 20 Jahren geleistet hat, und als eine Sonderbarkeit mag noch erwähnt werden, daß er den griech. Text der von ihm bearbeiteten Dichter stets eigenhändig für den Druck abschrieb. Zuerst erschienet von ihm die „Xnalecta veterum poetarum grase." (3 Bde., Strasb. 1772—76; 4. Aust., 1785), dann der Anakreon in verschiedenen Ausgaben (Strasb. 1778 und 1786) und hierauf mehre Stücke der griech. Tragiker in einzelnen Zusammenstellungen; ferner die Aus- Conv.-Lex. Neunte Auch H- 46 722 Brundusium Brune lü -7 «k gaben des Apollomus Nhodius (Strasb. 17 80), des Aristophanes (3 Bde., Strasb. 1781—. 83), der „Uoetae xnomici" (Strasb. 178-1), des Virgilius (Strasb. 1785) und desSo- phokles (2 Bde. in 3. und 4 Bde. in 8 ., Strasb. 1786; 3 Bde., 1789), welche letztere ihm eine königliche Pension von 2000 Francs erwarb und in der Kritik der Tragiker eine neue Periode begründete. Um diese Zeit unterbrach die franz. Revolution seine Studien. Mit Feuer ergriff er die neuen Ideen und war eins der ersten Mitglieder der Volksgesellschast in Strasburg, ohne sich jedoch von den Grundsätzen einer anständigen Mäßigung zu entfernen. Während der Schreckenszeit wurde auch er verhaftet, nach Besancon in das Gefängniß ge» bracht und erst nach Robespierre's Sturze wieder freigegeben. Durch die Revolution waren seine Einkünfte so geschmälert worden, dass er sich genöthigt sah, wie schon vorher einen Theil, so 1801 den Rest seiner kostbaren Bibliothek zu verkaufen, die er früher in glänzenden Vermögensumständen mit leidenschaftlicher Liebe gesammelt hatte. Der Schmerz über diesen Verlust trieb ihm Thränen in die Augen, wenn von einem griech. Schriftsteller gesprochen wurde. Auch entsagte er von dieser Zeit an gänzlich der griech. Literatur und wendete sich den röm. Dichtern zu. Schon 1788 hatte er die zweite zweibrücker Ausgabe des Plautus bearbeitet; 1797 erschien von ihm der Terentius; eine neue Bearbeitung des Plautus war vollendet, als er am 12. Juni 1803 starb. Die nachgelassenen Papiere B.'s bewahrt die königliche Bibliothek zu Paris Brundusium, s. Brindisi. Brune (Guillaume Marie Anne), franz. Reichsmarschall, der Sohn eines Advocaten zu Brives-la-Gaillarde, geb. am 13. März 1763, hat einen großen Antheil an dem Waffenruhme der Republik und verdankt die Entwickelung seiner ausgezeichneten militairischen Talente einzig der Revolution. Er lebte bis 17112 als Buchdrucker zu Paris, beschäftigte sich aber schon in jener Zeit nicht ohne Glück mit den schönen Wissenschaften und der Politik. Seine Bildung brachte ihn sehr bald bei den Revolutionsmännern in Ansehen. Er war Mitglied des Clubs der Cordeliers, verkehrte mit Danton und nahm überhaupt an den Debatten der politischen Bewegung mannichfachen Antheil, sodaß er von der Republik als Civil- commifsar 1793 nach Belgien gesandt wurde. Sein entschieden kriegerischer Hang führte ihn indessen bald zur Revolutionsarmee der Gironde, wo er schnell stieg und durch außerordentliche Tapferkeit und musterhaftes Betragen sich die Zuneigung und Achtung der Armee erwarb. Mit Barras schlug er am 5. Oct. 1795 in Paris den Angriff der Jakobiner auf die Truppen in der Straße Echelle zurück. Im I. 1797 war er schon ,Brigadier unter Bo- naparte's Oberbefehl in Italien und verrichtete hier bei dem Angriffe der Östreicher aufVerona eine glänzende Waffenthat, indem er sich an der Spitze einiger Grenadierregimenter auf die Artillerie der Feinde warf und dieselbe mit dem Bayonnet nahm. Sieben Kugeln waren an diesem Tage durch seine Kleider gegangen, und Napoleon bewunderte laut das Glück und den Muth des tapfern B, Als im folgenden Jahre die Zerwürfnisse in der Schwei; ausbrachen, wurde er vom Directorium an der Spitze einiger Truppen nach Bern und Freiburg gesandt. Zwar hatte er allenthalben mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, allein sein Weg war dennoch ein ununterbrochener Sieg. Bern ergab sich nach einem vierzehnstündigen Kampfe; den berüchtigten, mit Batterien vertheidigten Paß von Guime ließ er mit dem Bayonnet nehmen und eroberte dabei die ganze Artillerie und die Fahnen des Feindes. Seinem militairischen Ruhme fügte er noch daS Verdienst hinzu, daß er die strengen Befehle des Directoriums mit Milde und Menschlichkeit zu deuten wagte. Noch waren indeß die Unruhen in der Schweiz nicht gestillt, als B. vom Directorium nach Mailand geschickt wurde, um in Italien den Militairbefehl über die von den franz. Waffen unterworfenen Länderstrecken zu übernehmen. Seine Thätigkeit war hier ebenso friedlich als segensreich. Er stellte die Ordnung und Mannszucht unter den übermüthigen und ausgeartetcn Truppen her, sicherte denselben durch eine geregelte Vertheilung der Lebensmittel den Unterhalt und that Alles, um das dem Aufruhrs preisgegebene Land zu beruhigen. Der Hof von Turin ließ damals ganze Massen jener Unglücklichen niederschießen, die sich bei der Annäherung der Franzosen gegen die Negierung erklärt hatten. B. schritt bei diesen Metzeleien ein, bewog den König von Sardinien zu einer allgemeinen Amnestie und leitete den kurzen Friedensschluß mit der Republik ein, zufolge dessen die Franzosen die Citadelle von Turin erhielten. Als England sich gegen d 2 bi le w h< b« Ni ft L. hc di de ln Vrunehilde 723 Holland rüstete, erhielt er vom Directorium den Auftrag, sich zur Rettung der Batavischen Republik an den Texel zu begeben, wo er inmitten der geringen Kräfte und widerstrebe»' den Elemente eine beispiellose Thätigkeit entwickelte. Als im Herbste >798 Abercrombic mit ungefähr 15999 M. im Helder landete und Nordholland überzog, hatte B- so wenige Mittel, daß er sich anfangs zurückziehen mußte; aber kaum waren ihm einige Verstärkungen zugesandt worden, so griff er zu seinem gewohnten Verfahren und trieb die Engländer mit dem Bayonnet aus ihren Positionen. Am > 9. Sept. schlug er die Engländer und Russen vollkommen in der Schlacht bei Bergen, und am >8. Oct. und an den folgenden Tagen brachte er es dahin, daß ihm nach einer Reihe von Gefechten die Verbündeten das hvlländ. Gebiet überlassen mußten und daß das ganze Unternehmen mit der Kapitulation des Herzogs von Dork zu Alkmaar endete. Nach dem 18. Brumaire wurde er von Bonaparte in die Vendee geschickt, um im Vereine mit Hedouville den Bürgerkrieg zu beenden, und in der That gelang es, an den Ufern der Loire die Ordnung und den Frieden herzustellen. Hierauf ward er am >3. Aug. 1899 zum Obergeneral der ital. Armee ernannt. Der Waffenstillstand' und die zu Luneville angeknüpften Unterhandlungen verhinderten die wiederholten Aufstände in den ital. Staaten nicht, und B. mußte mit Nachdruck die Jnsurrection Niederhalten; er vertrieb den toscan. Militaircommandanten Somariva aus Etrurien, besetzte dem zufolge Florenz, Toscana, Livorno und nahm Arezzo mit Sturm. Nach dem Waffenstillstände ging er im Dec. über den Mincio, warf die Östreichcr zurück, folgte denselben am >. Jan. >891 über die Etsch, Alpone, Fraffena und Brenta, besetzte Vincenza und Roveredo und schloß einige Stunden vor Venedig, zu Trcviso, mit dem östr. General Bellegardc einen neuen Waffenstillstand, dem der Friede zu Luneville folgte. Nach dem Frieden von Amiens im I. >893 sandte ihn Bonapartc als franz. Gesandten an die Pforte, wo ihn SelimIII. mit großer Auszeichnung empfing. B. schlug die engl. Politik aus dem Felde, kehrte aber beim Eintritte neuer Spaltungen unter den Cabineten nach Frankreich zurück, wo er unterdessen >894 zum Reichsmarschall war erhoben worden. Im I. >896 ernannte ihn der Kaiser zum Generalgouverneur der Hansestädte und zum Heerführer der Truppen in Schwedisch-Pom- mern; als solcher hatte er eine Unterredung mit Bernadotte, in welcher ihn dieser zur Parteinahme für Ludwig XVII l. bewegen wollte. Obwol B. den Antrag zurückwies, rief ihn doch Napoleon ab und ließ ihm seine Ungnade dadurch fühlen, daß er ihn nicht mehr anstellte. Von Andern wird jedoch behauptet, daß sich B. diese Ungnade dadurch zugezogen habe, weil er als Gouverneur der Hansestädte den Bestechungen der Schmuggler zugänglich gewesen. Zm J. >814 erklärte sich B. für Ludwig XVIII., aber auch dieser berücksichtigte ihn nicht; darum schloß er sich >815 sogleich an den rückkehrenden Kaiser an, und dieser erhob ihn zum Pair, machte ihn zum Commandeur der achten Militairdivision und ertheilte ihm den Oberbefehl über das Heer im südlichen Frankreich. Nach der Rückkehr der Bourbons zögerte B. lange, ehe er sich unterwarf und Toulon, das er besetzt hielt, dem Könige übergab. Er hatte während seines Oberbefehls die königliche Partei kräftig darniedergehalten und sich dadurch verhaßt gemacht. Als er sich im Aug. >815 von Toulon nach Paris begeben wollte, wurde er bei Avignon vom aufgereizten Pöbel erkannt und zurück in die Stadt geführt. Man hielt ihn noch dazu fälschlich für den Mörder der Prinzessin Lamballe und die wüthendc Menge fodcrte sein Leben. Vergebens vertheidigten mehre Stunden der Präfcct und der Maire mit eigener Lebensgefahr das Zimmer eines Gasthofs, in welchem sich B. mit seinen Adjutanten ein- geschlossm hatte; mehre Männer drangen endlich ein, und B. wurde, ohne daß er sich zu verteidigen Zeit hatte, durch Pistolenschüsse niedergestreckt, der gemishandelte und entstellte Körper aber durch die Straßen geschleift und von der Brücke in die Rhone gestürzt. Gewiß hatte B. dieses Schicksal an seinem Vaterlande nicht verdient. Um so empörender war es, daß die Behörden dem lügenhaften Gerüchte von einem Selbstmorde B.'s nicht nur nicht widersprachen, sondern sogar seiner Witwe jede Genugthuung und Untersuchung der schändlichen Thal verweigerten. Rrunehilde, die Gemahlin Siegbert's, Königs von Australien seit 561, eine Tochter des westgothischen Königs Athanagild, zeigte namentlich bei ihren Bestrebungen, die Macht der austrasischen Großen zu beugen, große Klugheit und Kühnheit, aber zugleich 46* 724 Brnnel Brunelleschi Grausamkeit und Herrschsucht. Wegen des Mordes ihrer Schwester Galeswintha, die mit Siegbert's Bruder, Chilperich, dem Könige von Soissons oder Neustrien, vermahlt war, durch > Fredegunde (s. d.), reizte sie ihren Gemahl zum Krieg gegen diesen, der Fredegundc ge- ! heirathet hatte. Siegbert ward 575 ermordet, B. von Chilperich gefangen, aber spater nach Austrasien zurückgesendet, wo sie für ihren unmündigen Sohn Childebert regierte. Guntram, König von Burgund, schützte nach Chilperich's, seines Bruders, Ermordung, die der B. zugeschrieben ward, dessen Sohn und Fredegundc, welche nach Childebcrt's Tode, im Z. 596, siegreich gegen B. Krieg führte, aber schon 597 starb. Vor den australischen Großen wich B. zu ihrem jünger» Enkel Theoderich II., dem bei der Erbtheilung Burgund, das 593 mit Austrasien versink worden, zugefallen war, und den sie zum Krieg gegen seinen Bruder - Theodebert von Austrasien anreizte. Dieser ward geschlagen und mit seinem Sohne 612 ermordet. Nach Theoderich's Tod, im I. 613, wollte die 80jährige B. für den ältesten der vier unmündigen Söhne desselben von neuem die Regierung führen, die Australier aber wählten Chlotar II., Chilperich's Sohn, der B. gefangen nahm, sie des Mordes von zehn Personen aus dem königlichen Hause bezüchtigte und, nachdem sie drei Tage lang gefoltert, dann auf ein Kameel gebunden, dem Heer zur Schau im Lager herumgeführt worden war, an den Schweif eines wilden Pferdes gebunden, zu Tode schleifen ließ. — Die Brunehilde, die in der deutschen Heldensage als Gemahlin Gunther's, des Königs der Burgunder, feindselig gegen Chrimhilde und deren Gemahl Siegfried erscheint, dessen Tod durch Hagen sie veranlaßt, steht zu der australischen B. in keiner erweislichen Beziehung. Brunei (Sir Marc Jsambert), der Erbauer des berühmten Themsetunnels, wurde 1769 zu Hacqueville im Departement de l'Eure geboren, erhielt seinen ersten Unterricht im Collegium von Gisors und später im Seminar zu Nicaise. Da er keine Neigung zum Prie- sterstande hatte, aber der Vater ihn auch nicht Ingenieur werden lassen wollte, mußte er 1788 Dienste in der franz. Marine nehmen. Die Revolution veranlaßte ihn 17 9 3 zur Auswanderung nach Neuyork, wo er sich seiner Neigung zur Mechanik und den verwandten Wissenschaften überließ und bald die Leitung einer Kanonengießerei und der Hafenbefestigungen übernahm. Zm 1.1799 ging er jedoch nach London, wo er seitdem geblieben ist, 1806 für einen Klobenmechanismus zum Gebrauch der Marine eine öffentliche Belohnung von 500000 Francs erhielt und später für die Admiralität eine Sägemühle in Chatam baute. Er hatte sich durch diese und ähnliche Arbeiten bereits mannichfache Anerkennung erworben, als er endlich durch die Erbauung des Themsetunnels, jenes merkwürdigen Bauwerks, dessen Plan er schon 1819 fertig hatte, dessen Ausführung aber erst 1825 begonnen und nach Überwindung der unsäglichsten Schwierigkeiten 1842 beendigt und am 25. März 1843 unter großen Feierlichkeiten und der allgemeinsten Theilnahme eröffnet wurde, seinem Ruhme die Krone aussetzte. (S. Tunnel.) B. ist Vicepräsident der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu London, eine seltene Ehre für einen Ausländer, und seit 1841 Baronet. — Sein Sohn, der 1842 durch zufälliges Verschlucken eines halben Soverains dem Tode nahe gebracht wurde und sich einer Menge gefährlicher Operationen unterwerfen mußte, hat sich ebenfalls durch Erbauung der Great-Western-Eisenbahn von London nach Bristol einen ausgezeichneten Ruf als Civilingenieur erworben, wie er denn auch seinen Vater beim ! Bau des Themsetunnels unterstützte. Brunellen oder Pru nellen (kri^nvles) heißen die wohlschmeckenden, geschälten und vom Kerne befreiten, getrockneten, großen Pflaumen, die zu Brignoles in Frankreich, von welcher Stadt sie auch den Namen haben, zubereitet werden; dann versteht man darunter überhaupt alle geschälten und getrockneten Pflaumen. Die beste Sorte echter Brunellen, Pistolen genannt, hat eine hellbräunliche oder weißgelbliche Farbe und ein fast überzuckertes Ansehen. Brunelleschi (Filippo), einer der größten Baumeister Italiens, war zuFlorenz 1377 , geboren. Von der Natur mit einem eigenthümlich forschsamen Geiste begabt, erwarb er sich durch mannichfache Kenntnisse und Fertigkeiten diejenige Freiheit des Blickes und Sicherheit des Urtheils, die zur Ausführung großartiger Unternehmungen nöthig find. Er hatte zuerst die Eoldschmiedekunst gelernt, von dieser war er zur Bildhauerkunst, dann zur Baukunst gekommen. Mit. vielem Eifer trieb er mechanische und mathematische Studien. Er wird Brunet Brum 725 als der Erste genannt, welcher die für die bildliche Darstellung so wichtige Wissenschaft der Perspective auffeste Regeln und zur Anwendung gebracht habe. Zugleich war er in der Literatur nicht unerfahren, und namentlich galt er als ein tüchtiger Ausleger des Dante. Mit dem berühmten Bildhauer Donatello stand er in vertrautem Verhältnisse; Beide gingen zusammen, noch als junge Männer, nach Rom. Hier lag B. mit größtem Eifer dem Studium der alten Baudenkmale ob, denn zwei Gedanken hatten sein Inneres ganz erfüllt; er wollte den Stil der antiken Baukunst wieder ins Leben einführen, damit die schwankenden Formen des ital.-goth. Baustils durch das schulgerechte System der Antike verdrängt werden möchten, und die mechanischen Kenntnisse der alten Baumeister sich wieder zu eigen machen, damit, es ihm möglich werde, die grandiose Kuppel des bis dahin unvollendeten Doms von Florenz aufzuführen. Der letztere war 1296 gegründet, und der Bau bis zur Kuppel fortgesetzt worden; für diese aber wußte man keinen Rath, und in einer großen Versammlung von Baumeistern kamen nur die ungeschicktesten Vorschläge für die Ausführung zum Vorschein. Auch B. entwickelte seine Ansichten über das Unternehmen; als er aber sich dahin aussprach, daß er die Riesenwölbung ohne ein eigentliches Gerüst ins Werk richten und daß er gar statt Einer Kuppel deren zwei (eine um die andere, die äußere als Schutzkuppel der innern) wölben wolle, verlachte man ihn als einen Thoren. Endlich aber siegte doch die Sicherheit seiner Überzeugung, die er zugleich durch den Bau zweier kleinen Kuppeln nach seinem Systeme zu unterstützen wußte. Man übertrug ihm den Riesenbau, und er führte ihn so weit, daß nach seinem Tode nur noch die Laterne hinzugefügt werden mußte. Zu den wichtigsten Bauwerken, welche B. außerdem in Florenz aufführte und in denen er den antiken Baustil in seiner ganzen Eigenthümlichkeit zur Anwendung brachte, gehören die Kirchen San-Spi- rito und San-Lorenzo, sodann die Anlage des kolossalen Palastes Pitti, nach dessen System sich verschöne toscanischePalastbau des 15.Jahrh. entwickelt hat. Er starb zu Floren; l-1-1-1. Brunet (Jacq. Charl.), berühmter franz. Bibliograph, geb. l 780 zu Paris, wo sein Vater Buchhändler war, begann seine bibliographische Laufbahn mit der Redaction mehrer Auctionskatalogc, unter denen besonders der des Grafen d'Ourches (Par. 1811) interessant ist, und mit einem Supplement zu Cailleau's und Duclos' „victionnsire bililiogrspllique" (Par. 1802). Später erschien sein , Manuel 736 zu Neckarau in der Pfalz, widmete sich von Jugend auf den Wissenschaften, die mit der Wasserbaukunde in Beziehung stehen, und war Einnehmer der Deichcontributionen, als ihn I76S die Staaten von Holland zum Gcneralflußinspector ernannten. Seine wichtigsten Wasserbauten sind die verbesserte Bedeichung und Abwässerung des Harlcmcr Meers, die j bessere Bedeichung und Austiefung der sogenannten Oberwasser in den Niederlanden, welche ^ bei hoher Flut oft große Landstrccken überschwemmten, ferner die Umleitung des WaalstromL j und des Kanals Panncrdcn, wodurch das Bett des Rhein, der Waal und des Leck verbessert wurde. Er führte den Strommesser ein, welcher dazu dient, zu rechter Zeit auf Abbruchsgefahren des Vorlandes und die Umlcnkung des Stroms aufmerksam zu machen, i Sein Hauptwerk sind die „Berichte und Protokolle über das Wasser der Obcrströme" (2 Bde., Amst. l 7 7 8, mit einem Atlas). B. starb l 80 5 als Gencraldirector des Holland. Wa- , terstaats. Das Directorium der damaligen Republik beabsichtigte ihm ein Monument in ! der harlemer Kathcdralkirche zu setzen und bestimmte dem Verfasser der besten Denkschrift auf die ruhmwürdige Thatigkeit B.'s eine goldene Medaille und Kette von 200 Dukaten Werth. Den Preis gewann 1807 sein Zögling und Amtsnachfolger Conrad (s.d.); allein das Monument kam unter den Stürmen der nachfolgenden Zeit in Vergessenheit. Brüniren heißt einen Gewchrlauf mit einer braunen Lackfarbe überziehen, um das Eisen gegen den Rost zu schützen. Gewöhnlich werden nur Privatgewehre brünirt, jedoch . findet dies in England und z. B. in Sachsen auch bei den Militairgewehren statt, wobei man § noch den Nebenvortheil im Auge hat, daß dadurch das weithin in die Ferne leuchtende Blitzen der Gewehre, wodurch häufig der Marsch einer Truppe sich verräth, vermieden wird. Brünn, von den Slawen örna oder Lr»m> genannt, in der östr. Markgrafschaft Mähren, am Zusammenfluß der Schwarzawa und Zwittawa, in einer fruchtbaren und rci- j zenden Gegend, ist von hohen Mauern und tiefen Gräben umgeben, welche die Stadt von den 14 Vorstädten trennen. Die Straßen sind eng und winkelig, aber gut gepflastert und mit Trottoirs versehen. Man zählt sieben öffentliche Plätze mit Springbrunnen, unter denen der große Platz, der Krautmarkt und der Dominicanerplah die beträchtlichsten sind. Die merkwürdigsten Gebäude sind die Kathedrale zu St.-Peter auf einem felsigen Hügel erbaut, nahe dabei die bischöfliche Residenz mit einer herrlichen Aussicht; ferner die gothische Pfarrkirche zu St.-Jakob mit einem 276 F. hohen Thurme, die Minoritenkirche mit der heiligen Stiege und dem Lorettohause, das Augustinerklostcr zu St.-Thomas in der Vorstadt Altbrünn mit einer Kirche im gothischen Stil, in welcher ein berühmtes Gnadenbild von Luc. Kranach und eine reichhaltige Bibliothek aufbewahrt werden, die Kapuzincrkirche, die Dominicaner- und die Obrowitzer Pfarrkirche, ferner das Landhaus, in welchem die Dikaste- rien und die Wohnung des Gouverneurs sich befinden, das Rathhaus mit einem hohen, weit- < hin sichtbaren Thurme und mehren Kunstsammlungen, das adelige Damenstiftgebäude zu ! Maria-Schul, die Paläste der Fürsten Dietrichstein und Kaunitz, das Provinzialstrafhaus, die Kaserne, das HoSpital, das Kranken-, Findel- und Gebärhaus. B. ist der Sitz des mährisch- schles. Landesguberniums, des Generalmilitaircommandos, des Appellationsgerichts der Provinz und eines Bischofs nebst Consistorium. Es hat eine theologische Studien- und eine philosophische Lehranstalt, ein Gymnasium mit Bibliothek, ein bischöfliches Alumnat, cineNor- malhauptschule, ein Taubstummeninstitut, ein Ursulincrinnenkloster mit einer Mädchenlehranstalt und viele Elementarschulen; auch bestehen daselbst die Mährisch-schles. Gesellschaft zur ^ Beförderung des Ackerbaus, der Natur- und Landeskunde und das Franzensmuseum zur Aufsammlung aller mährisch-schles. Erzeugnisse der Natur, Kunst, Wissenschaft und des Gewerb- fleißes. Die Stadt zählt mit den Vorstädten 45000 E-, deren Gewerbfleiß und Handel sehr bedeutend ist. Es befinden sich hier Seiden-, Band-, Kattun-, Kasimir-, Baumwollenzcug- und Brunnen 727 Lederfabriken, sowie sehr wichtige Färbereien; der Handel ist theils Klein-, theils Transithandel zwischen Böhmen, den übrigen östr.-deutschen Ländern, Polen, Rußland und Schlesien. Die Festungswerke sind in Promenaden verwandelt; der westlich bei der Stadt neben dem 600 F. hohen Petersberge liegende und 816 F. sich erhebende Spielberg mitherrlicher Aussicht, dessen Werke I80Svon den Franzosen zum Theil zerstört wurden, dient nur noch zum Staatsgefäng- niß. Außerhalb der Stadt steht die Zdcradssäulc, das älteste Denkmal Mährens. Auf dem Peters-, jetzt Franzensberge mit seinen schönen Gartenanlagen und Terrassen ist18 l 8 ein 60 F. hoher Obelisk aus mährischem Marmor dem Andenken des Kaisers Franz, seiner Bundesgenossen und Heere, besonders der leipziger Völkerschlacht, errichtet. Nicht weit von der Stadt liegt auch der Augarten, ein schöner Park, welcher in halb franz. und halb engl. Geschmack angelegt, von Kaiser Joseph ll. dem Publicum gewidmet wurde. Ein anderer Vergnügungsort, der Schreiwald, liegt westlich von der Stadt und enthält eine Badeanstalt. Auch befindet sich hier an trefflich gewähltem Punkte der Bahnhof, in welchem die Wien- brünner Eisenbahn endet. B. hat mehrmals schwere Belagerungen erfahren, so 1428 durch die Taboriten, 1467 durch König Georg von Böhmen, welcher die Einwohner dafür züchtigen wollte, daß sie sich an den Ungarkönig Matthias Corvinus angeschlosscn hatten, und im Dreißigjährigen Kriege durch Torstenson, der aber 1645 unverrichteter Sache ab- ziehen mußte. Nach der Kapitulation zu Ulm am 20. Oct. 1805 und der Einnahme Wiens verlegte Napoleon den Kriegsschauplatz in die Nähe von B., bis die Schlacht bei dem nahen Austerlitz am 2. Dec. 1805 den presburger Frieden herbeiführte. Vgl. Elvert, „Geschichte B.s" (Brünn 1828). Brunnen nennt man jede mehr oder weniger künstliche Fassung der durch die Natur gebotenen Quellen. Die Brunnen traten sehr früh, als man natürliche Quellen trinkbaren Wassers fand, an dieScelle der in quellenarmen Gegenden noch jetzt gewöhnlichenCisternen. Schon Abraham ließ Brunnen graben, der gehauenen Brunnen im Lande Gerar erwähnt bereits das erste Buch Mosis, und auch das Wunder der Wassergabe in der Wüste dürfte wol in der einfachsten Weise durch die Zutageförderung einer im Verborgenen rieselnden Quelle sich erklären lassen. Als eine höchst einfache Kunst hat die Brunnengräberei von ihrem ersten Beginn an wenig Fortschritte machen können; ihren Kulminationspunkt dürfte sie wol in den Artesischen Brunnen (s. d.) erreicht haben, obwol letztere in ihrem Einflüsse aufldie Industrie gewiß noch nicht hinreichend gewürdigt werden. Zunächst hat es die Brunnengräberei mit der Auffindung der verdeckt liegenden Quellen zu thun, was in früherer Zeit die sogenannten Brunncnsucher, angeblich mit der Wünschelruthe, besorgten. Eine genauere Beobachtung der verschiedenen Schichten der Erdrinde hat gelehrt, daß namentlich die sogenannte Tertiairformation Quellen aufzuweisen habe, welche permeabel, d. h. dem Wasser den Durchgang verstärkend, andere aber, welche impermeabel, d.h. wasserdicht, sind. Zu den permeablen Schichten gehören Sand, Sandstein, letzterer um so mehr je schieftiger oder zerklüfteter seine Formation ist, Mergelkalk, Kreidekalk, Kalkschotter, Dammerde und zwar letztere je mehr in ihr der Sand verwaltet; zu den impermeablen aber Thon, Lehm, Kalkmergel, dichter Kalkstein u. s. w. Denken wir uns nun einen Theil der Erdrinde abwechselnd aus solchen permeablen und impermeablen Schichten, die eine über der andern liegend, zusammengesetzt, so wird die auf der Oberfläche sich ablagernde Feuchtigkeit sich durch die oben-' liegende Dammerde hindurch bis auf die erste impermeable Schicht ziehen und dort eine Ablagerung bilden, die stehen bleibt, sobald die letztgenannte Schicht wagerecht liegt, nach der liefern Stelle aber abfließt, sobald sich jene nach irgend einer Seite, dem natürlichen Gesetze der Schwere zufolge, senkt. Wäre die Erdoberfläche überall mit Dammerdc bedeckt, so würden alle Wafferlager über der ersten undurchdringlichen Schicht sich finden. Da aber an vielen Orten die undurchdringliche Schicht und an Bcrgabhängen u. s. w. mehre dergleichen abwechselnd mit solchen permeablen oder Filtrationsschichtcn zu Tage schießen, so geschieht es, daß auch über den unter der ersten impermeablen Schicht liegenden ähnlichen Schichten Wasseransammlungen stattsinden. Daher findet man Brunnen in sehr verschiedener Tiefe, zu denen man sich oft durch Schichten harten Gesteins durcharbciten muß. Die natürlich zu Tage treibenden Quellen in Brunnen zu verwandeln, bedarf es weiter nichts, als daß dieselben mit einem Brunnenkranz gefaßt und am Boden etwas geräumt werden, 728 Brunnen damit sich innerhalb des Kranzes ein geregelter Wasserstand bilde. Liegen die Quellen gegen den Ort, wo man ihr Wasser verwenden will, zu tief, so kann man dasselbe durch Saug- oder Druckwerke heben (s.Pumpen)und in Wasserleitungen (s.d.) nach jeder gewünschten Richtung verführen. Bei der Anlegung von Brunnen, wo die Quellen bergmännisch zu Tage gefördert werden, muß man sich zuvor von der Gegenwart und Tiefe der Wasserschicht vergewissern, was mittels des Erdbohrers (s. d.) geschieht. Stößt man hierbei zufällig auf ein gedrücktes Wasserlager, so tritt das Wasser bis an die Erdoberfläche und öfters über dieselbe, sodaß man einen artesischen Brunnen in seiner einfachsten Form erhält; ist aber die Wasserschicht nicht mächtig oder nicht gedrückt genug, so muß man das Bohrloch durch Aus- grabung erweitern, indem man einen Schacht niedertreibt. Ist man aus dem Lager der Wasserschicht angekommen, so muß man, um dieselbe zu fassen, den Baugrund untersuchen. Ist derselbe fest genug, so kann man unmittelbar auf ihn die Umfassungsmauer stellen; ist dies aber nicht der Fall, so muß man einen kreisförmigen Rost schlagen, auf dem man auch einen gezimmerten Brunnenkranz befestigen kann. Alles Holzwerk aber muß beständig unter dem niedrigsten Wasserstande liegen. Im sandigen Boden kann man auch den Brunnenschacht versenken, ein Verfahren, das neuerdings bei dem Schacht des Themsetunnels mit Vortheil und in sehr großem Maßstabe in Anwendung gekommen ist. Es wird nämlich ein gezimmerter Kranz, der den Durchmesser des Schachts hat und unten mit einer eisernen, schneidigen Schiene beschlagen ist, in die vorgegrabcne Vertiefung gelegt und darauf die Brunnenmauer bis zur Erdoberfläche geführt und gegen das Verschieben gesichert. Indem man nun den Sand gleichmäßig ringsherum vorarbeitet, senkt sich der Kranz durch seine eigene Schwere, worauf man dann ein neues Stück Mauer aufführt, was nun so lange in derselben Art fortgesetzt wird, bis der Brunnenkranz auf der festen Schicht angelangt ist. Um Quellen abzufangen, welche unmittelbar unter der Dammerde liegen oder doch nicht viel tiefer, reicht cs meist hin, ein großes Faß ohne Boden einzugraben. Da das Wasser durch den Druck gewöhnlich höher steht als die Filtrationsschicht, so muß man, wie bei den freiwillig zu Tage tretenden Quellen, die Verbreitung des Wassers in das hinterliegende Erdreich verhindern; andererseits kann aber auch der Fall eintreten, daß man, eine Schicht untauglichen Wassers verschmähend, noch tiefer geht, um reineres und kühleres Wasser zu suchen, in welchem Falle man sich vor dem Eindringen des oberhalb befindlichen sichern muß. Da die trocken oder mit gewöhnlichem Kalk versetzten Steine der Einfassung das Wasser durch die Fugen würden dringen lassen, so werden die Steine entweder in Moos gelegt und dahinter eine gehörig starke Schicht festen Thons angestampft, oder man macht die ganze Mauerarbeit mit hydraulischem Kalk, soweit sie mit dem Wasser in Berührung kommt, und hintergießt sie mit Betonmörtel. Letzteres Verfahren verdient unbedingt den Vorzug, wie- wol es weit kostspieliger als jenes ist, und die größere Solidität wiegt die Kosten auf. Die Brunneneinfassung ist, um dem dahinter wirkenden Druck zu widerstehen, entweder cylin- drisch oder elliptisch mit besonders dazu geformten Steinen aufzuführen; hat man Steinschichten durchbohrt, so dienen diese, soweit sie reichen, als Einfassung. Man hat solche Brunnenschächte bis zu enormen Tiefen fortgeführt, und wir erinnern hier nur an die Brunnen auf dem Königstein, in Silberberg, auf dem Wendelstein in Thüringen u. s. w. In sehr vortheil- hafter Weise lassen sich artesische Brunnen mit gegrabenen verbinden. Hat man sich nämlich durch den Erdbohrer überzeugt, daß man eine springende Quelle erlangt, die aber nur bis in eine gewisse Schicht steigt, so gräbt man den Brunnen bis auf diese Schicht, faßt ihn ein und treibt dann auf seiner Sohle ein Bohrloch bis auf die gehörige Tiefe, von wo aus dann dieser Brunnen mit dem nöthigen Wasser sich füllt. AuS dem Brunnenschächte wird dann das Wasser mittels eines Haspels oder mittels Pumpen heraufgehoben. Öfter wird das Wasser in Brunnen, wenn es längere Zeit steht oder durch sonstige Zufälligkeiten, schlechtschmeckend und trübe. Diesem Übelstande hilft man ab durch eine nach der Quantität des Wassers bemessene Menge Kochsalz oder Steinsalz, das man in den Brunnen wirft, den man dann einige Tage ruhen läßt. Überhaupt ist es zweckmäßig, diese Reinigung jährlich einmal, namentlich im hohen Sommer, vorzunehmen. In sehr tiefen Brunnenschächten häufen sich oft mephitische Dünste an, von deren Anwesenheit man sich durch das Hinablassen Brurmow 729 brennender Körper überzeugt, die in der unreinen Luft verlöschen. Dergleichen Schächte müssen dann mit reiner Luft versehen und ventilirt werden. (S. Ventilation.) Brunnow (Phil, von), russ. wirklicher Staatsrath, außerordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister am Hofe zu London, geb. am 31. Aug. 1797 zu Dresden, genoß hier mit seinem Bruder Ernst Georg Privatunterricht, bis er 1815 mit diesem die Universität zu Leipzig bezog. Zur Zeit des Congresses in Aachen trat er 1818 in russ. Dienste, wo sich der Staatsrath Stourdza seiner sehr thatig annahm und die Minister Nessclrode und Kapodistrias sehr bald seinen Beruf für die diplomatische Laufbahn erkannten. Er wurde zunächst im Departement der auswärtigen Angelegenheiten angestellt und dann Stourdza beigegeben, um mit ihm einen Civilcodex für Bessarabien aus- zuarbeitcn. Er war bei den Kongressen zu Troppau und Laibach, hierauf ein Jahr der Gesandtschaft in London als Secretair beigegeben, wohnte dem Congresse von Verona bei und arbeitete eine Zeit lang in Petersburg in einer Hähern Stellung. Nachher kam er zum Generalgouverneur Grafen Woronzow nach Odessa, wohnte 1828 und 1829 als Civilbeamter den Feldzügen gegen die Türken bei. Zum Staatsrathe ernannt und dem Grafen von Nesselrode unmittelbar attachirt, arbeitete er in Petersburg als erster Redacteur des Departements der auswärtigen Angelegenheiten und fand in dieser Stellung Gelegenheit, sich mit Geist und Gang der russ. Politik vertraut zu machen. Im I. 1839 wurde er als Gesandter an die Höfe von Stuttgart und Hessen-Darmstadt geschickt, erhielt aber schon im Herbste desselben Jahres eine specielle Mission nach London, um in der oriental. Frage, unter Benutzung der schon locker gewordenen Beziehungen zwischen Frankreich und Großbritannien, eine größere Annäherung zwischen den Cabineten von London und Petersburg hcrbeizu- führen. Seine ersten Bemühungen schienen ohne Erfolg geblieben zu sein, da er noch zu Ende des I. 1839 nach Deutschland auf seinen Gesandtschaftsposten zurückkehrte. Aber schon einige Wochen später ging er abermals zur Wiederaufnahme der Unterhandlungen nach London, wo er im Frühling 184V bleibend accreditirt wurde. Unter seiner bc- sondern Mitwirkung kam hier der Vertrag vom 15. Juli 1840 zu Stande, wodurch Frankreich und Großbritannien diplomatisch getrennt wurden, während das Einverständniß der nordischen Mächte mit dem Cabinet von London in der oriental. Frage eine vorläufige Entscheidung herbeiführte, wodurch eine gewaltsame Krisis im osman. Reiche hinausgeschobcn und der russ. Politik Zeit gegeben ward, ihren wachsenden Einfluß im Osten Europas in immer weitern Kreisen geltend zu machen. Auch in neuerer Zeit bemühte sich B-, die friedlichen Tendenzen des russ. Militairstaats bei jeder Gelegenheit ins Licht zu setzen, wie er sich denn 1841, bei einem Festmahle der russ. Compagnie in London, über die Vollstreckung des Zulivertrags von 1840 in folgenden Worten äußerte: „Hat sich Rußland auf das Feld der Waffen gedrängt? War es Rußland, das über die Levante seine Waffen und Heere verbreitete? Nein, nicht ein einziger russ. Krieger ist von unfern Grenzen aufgcbro- chen; nicht ein einziges Schiff hat aus unfern Häfen die Anker gelichtet. England trat voran." Im gleichen Sinne und bei ähnlicher Gelegenheit sprach er im folgenden Jahre von den freundschaftlichen Gesinnungen Rußlands gegen Großbritannien und der Ausdeh- nung ihres gegenseitigen Handelsverkehrs in demselben Augenblicke, da neue Veränderungen im russ. Zolltarife zugleich den engl. Handel aufs empfindlichste trafen. Durch seine Erfolge im I. >840 hat er sich schnell den Ruf eines ausgezeichneten Diplomaten erworben. — Sein Bruder, ErnstGeorg vonB., bekannt als Novellist und thätiger Verbreiter der Grundsätze der Homöopathie, geb. 1796 zu Dresden, wich schon früh dadurch von seinem Bruder ab, daß er sich seiner kurländ. Abstammung nach stets als Deutschen betrachtete, während jener sich dem russ. Interesse vollkommen widmete und in Rußland nationalisirte. Auf der Universität zu Leipzig, wo er bis 1818 vorzugsweise die Rechte studirte, brachte ihn die Heilung eines Augenübels, woran er litt, mit Hahnemann in nähere Verbindung, welche sich später in Dresden, wo er zwei Jahre lang Assessor bei der damaligen Landesregierung war, noch befestigte. Sein Entschluß, dem Staatsdienst fortdauernder Schwächlichkeit wegen zu entsagen, und die ärztliche Fürsorge Hahnemann's beugten noch schlimmern Leiden vor, und von Bewunderung und Verehrung für Hahnemann ergriffen, beschloß B. nun, die Verbreitung der Homöopathie zu seiner Hauptaufgabe zu machen. Nachdem er sich in den medicini- 7M Bruno der Große Bruno der Heilige scheu Wissenschaften tüchtig vorbereitet hatte, übersetzte er zunächst Hahncmann's „Organon der Heilkunde" in das Französische (DreSd. 1824; 2. Auch, 1832); auch begann er, neben andern hierher cinschlagcndcn Schriften, mit Stapf und Groß eine lat. Übersetzung von Hahncmann's „Reiner Arzneimittellehre" (2 Bdc., Drcsd. 1825—26). Im I. 1836 nahm er thätigen Antheil an der Begründung des homöopathischen Ccntralvereins für Deutschland, dessen ordentliches Mitglied er wurde, und feine Bestrebungen blieben nicht ohne Anerkennung. Im Gebiete der Novellistik und Lyrik machte er sich durch seine „Dichtungen" (Drcsd. 1833), die Novelle „Die neue Psyche" (Bunzlau 1837), das historisch- romantischeGcmälde „Der Troubadour" (2Bde.,Dresd. 1839) und den umfassenden historischen Roman „Ulrich von Hutten" (3 Bde., Lpz. 1842—43) bekannt. Bruno der Große, Erzbischof von Köln und Herzog von Lothringen, eine der bedeutendsten Persönlichkeiten feiner Zeit, gcb. um 928, war der dritte Sohn König Hein- rich's 1. und der Bruder Kaiser Otto's I. Er erhielt seine Erziehung erst durch den Bischof Baldrich von Utrecht, bei welchem er die Anfangsgründe der griech. und lat. Sprache lernte, später durch den Bischof Israel Scotigena und mehre griech. Gelehrte. Seine ungewöhnlichen Kenntnisse, sein Scharfsinn und seine Beredtsamkeit gaben ihm in ebendem Grade ein seltenes Übergewicht über die andern Bischöfe und Geistlichen seiner Zeit, als andererseits seine Mildthätigkeit, Dcmuth und sein hoher Ernst die Gcmüther der Laien mit Verehrung gegen ihn erfüllten. Als er herangewachsen war, wurde er von Otto in die Pfalz gerufen, wo er -unter den Geschichtschreibern, Poeten und namentlich unter den Philosophen des Hofs bald eine bedeutende Stelle einnahm, Viele der weltlichen und geistlichen Großen durch seinen Umgang heranbildcte und eine förmliche Schule von Geistlichen um sich versammelte, die er dann zu Bischöfen machte. Später ward er Erzbischof von Köln und Erzkanzler des Kaisers, begleitete denselben im I. 951 auf seinen erstem Kriegszuge nach Italien und zeigte sich überhaupt, im Gegensatz zu den andern nächsten Verwandten Otto's l., die sich nach der Reihe Alle empörten, unausgesetzt als dessen treuen Anhänger. Deshalb ernannte ihn auch Otto, nach Absetzung seines aufrührerischen Schwiegersohns Konrad, im I. 954 zum Ober- Herrn und Herzog von Lothringen, das unter ihm in Ober- und Untcrlothringen mit zwei besonder» Herzogen, Friedrich und Eodeftied, getheilt wurde, und vertraute ihm die Ver- thcidigung des Landes gegen den noch nicht völlig besiegten Konrad. B. starb auf einet Reise nach Coinpiegnc, wo er seinen Neffen, den König Lothar, und die Söhne Hugo s zu versöhnen beabsichtigte, zu Rheims am 11. Oct. 965. Man legt ihm Commentare über die fünf Bücher Mosis und einige Lebensbeschreibungen von Heiligen bei. Sein Leben beschrieb Ruetger, „Vita Lrunonis", gedruckt bei Leibniß in den „8crip11. rer. bruusv." Bruno der Heilige, der Apostel der Preußen, stammte aus dem alten Geschlechte der von Querfurt und erhielt frühzeitig ein Kanonikat an der Kirche zu Magdeburg. Er baute die Kirche zu Querfurt und kam an den Hof Kaiser Otto's III., der ihn 995 Papst Gregor V. zum Beistände nach Rom sendete, dem B. auch bei seiner Entsetzung getreu verblieb, sodaß sich ihm bei dessen Wiedereinsetzung die Aussicht auf hohe Beförderung darbot. Seine Absicht war aber darauf gerichtet, den Heiden das Evangelium zu predigen. Zum Gehülfen Adalbert des Heiligen (s.d.) bestimmt, ging er zwei Jahre nach dessen Tode, im J. 9SS, nach Preußen, wo er eine sehr günstige Aufnahme fand. Andern Missionaren die Fortführung des Bekchrungsgeschäfts überlassend, kehrte er 1664 nach Rom zurück und wurde nun Kaplan Kaiser Heinrich's II. Da indeß in Preußen eine sehr ungünstige Stimmung gegen das Christenthum sich erhob, so ging er nach wenig Jahren von neuem dahin, vermochte aber auch nichts auszurichtcn und wurde 1668 mit 18 seiner Gehülfen an der lithauischen Grenze erschlagen. Ihre Körper erkaufte der Herzog Boleslaw von Polen. Später ward B. unter die Heiligen versetzt. Bruno der Heilige, der Stifter des Karthäusermönchsordens, geb. zu Köln um 1046 aus einem alten und edeln Geschlechte, wurde in der Schule der Collegiatkirche St.- Cunibert erzogen, bei welcher er in der Folge ein Kanonikat erhielt, und studirte dann zu Rheims, wo er sich so auszeichnete, daß ihm der dasige Bischof Gervasius die Aufsicht über alle Schulen des Sprengels übertrug. Durch die Sittenlosigkeit seiner Zeit bewogen, suchte er im Verein mit sechs gleichgesinnten Freunden die Einsamkeit und wurde von dem Bruno (Giordauo) 731 Bischöfe Hugo von Grenoble, dem er seine Absicht entdeckt hatte, 1084 in die vier Stunden von der Stadt entfernte Wüste Chartrcuse geführt. Hier in einem engen, von zwei schroffen Felsen überragten Thale war cs, wo B. und seine Gefährten 1086 einen der strengsten Mönchsorden gründeten, der von derWüste den Namen Kalthäuser (s.d.) erhielt. Papst Urban O., früher einer der ausgezeichnetsten Schüler B.'s, berief 1089 seinen vormaligen Lehrer zu sich. B. folgte dem Rufe, aber ungern, und erhielt, da er jede geistliche Würde, selbst das Erzbisthum von Reggio ausschlug, t 09-1 die Erlaubniß, eine zweite Karthause in der Einsamkeit von dclla Torre i» Calabrien zu gründen, der er bis zu seinem Tode im I. > 101 Vorstand. Schon Leo X. erlaubte 15 l 4 den Karthäusern, ihrem Stifter zu Ehren eine eigene Messe zu halten; Gregor XV. dehnte >623 dieselbe auf die ganze katholische Kirche aus, worauf B. 1628 unter die Zahl der Heiligen versetzt wurde. B. hatte seinen Schülern keine besonder« Vorschriften gegeben; erst 1581 kam eine vollständige Regel für die Karthäuser zu Stande, welche Jnnocenz XI. bestätigte. Von den ihm bcigelegtcn Schriften (Par. 1524 und Köln 1611, Fol.) werden nur die beiden Commentare über die Psalmen und die Briefe des Paulus sowie einige Briefe für echt gehalten. — Ziemlich gleichzeitig mit B. lebte ein anderer Bruno, der Mönch in einem sächs.Kloster war und eine „Oistoria belli saxnuici" geschrieben hak, die von 1073—82 reicht, wegen der darin eingewebten Urkunden von Wichtigkeit und bei Archer in den „8crh>tt. ror. germ." (Bd. 1) gedruckt ist. Bruno (Givrdanv), ein durch Originalität, poetische Kraft und Kühnheit der Spccu- lation ausgezeichneter Philosoph, geb. um die Mitte des 16 . Jahrh. zu Nola im Ncapolita- nischcn, wurde zunächst Mönch, führte aber, wie es scheint, seiner Spöttereien wegen über die Mönche flüchtig geworden, nach der Sitte jener Zeit ein sehr unstetes Leben. Er war um 1580 in Genf, wo er cs durch seine Paradoxen und seine Heftigkeit mit den intoleranten Calvinistcn bald verdarb, und ging dann nach Paris, wo er als Gegner der Aristotelischen Philosophie sich so viele Feinde machte, daß er 1583 nach England zu gehen für gut fand. Doch schon um 1585 kehrte er nach Paris zurück, dann lehrte er 1586—88 zu Wittenberg Philosophie, ohne angestellt oder Protestant zu sein. Im I. 1589 war er in Helmstedt und 1591 in Frankfurt am Main; 1592 aber kehrte er nach Italien zurück, wo ihn die Inquisition zu Venedig verhaften ließ und 1598 der Inquisition zu Rom überlieferte, die ihn nach zweijähriger Gefangenschaft und vergeblichem Warten auf den Widerruf seiner Lehren, als Apostaten, Ketzer und Abtrünnigen von dem Ordcnsgelübdc, am 17. Febr. 1600 verbrennen ließ. B. litt die Todesstrafe, die er durch Widerruf hätte abwenden können, mit Standhaftigkeit. In seinen Aschermittwochstischreden („Oeua ckelle ceneri") vertheidigte er das System des Kopernicus; in dem besonders berühmten „8j,sccio ckella bestis tlionkuut«:" (Par. 1584) versetzte er die Tugenden an die Stelle der Thiere als Gestirne an den Himmel, wobei er manchen satirischen Blick auf seine Zeit warf; noch entschiedener trat die Satire in seiner Schrift „(lsdala festigten und um 1656 zu ihrer Residenz erhoben. Mit Brabant erhielten die Herzoge von Burgund die starkbefcstigte und schon bedeutende Stadt, die dann durch Heirath und Erbschaft an das Haus Habsburg überging. Ihre Bewohner waren von jeher freiheitsliebend, wie die aller großem Städte unter der milden Herrschaft der Herzoge von Burgund. Das Antasten der geringsten ihrer Privilegien reizte sie sofort zum Aufstand und zur Gefangen- nehmung ihres Herrschers, bis die Beschwerden gehoben waren. Dieses Schicksal traf selbst Kaiser Maximilian l. und Karl V. Aber die Regenten waren gleich dem Volk so gut- niüthig, daß man nach der bald erfolgenden Versöhnung gegenseitig aufrichtig vergaß, was den Zwist verursacht hatte. Religion und Steuerbewilligung waren die Punkte, in denen sieb die Bewohner durchaus keiner Beschränkung unterwerfen ließen. Als daher König Philipp ll. von Spanien hierin autokratisch handelte und den Sitz des Generalgouvernements unter Margaretha von Parma und den der Inquisition hierher verlegte, wurde B. der Hauptschauplatz der niederländ. Revolution. Nachdem im I. 1506 Brederode an der Spitze der Stände der Regentin die Beschwerden übergeben, wurde in B. an dem noch vorhandenen Brunnen des Brederode'schen Hauses der Bund der Geusen (s. d.) geschlossen. In B. war es, wo die Inquisition und Philipp's Feldherr Alba mit grausamer Blutgier und kalter Verhöhnung der niederländ. Freiheiten schalteten. In dem langen Kampfe wider die insurgirenden Niederländer von >572 —1648 war es der Hauptwaffenplah abwechselnd der Spanier und der Niederländer. Den Spaniern wurde es 1578 durch die Niederländer entrissen, die nun im Besitz der Stadt blieben, bis dieselbe im J. 1585 nach Wilhelm's von Oranien meuchelmörderischem Tode von dem Herzog Alexander von Parma für Philipp II. wieder eingenommen wurde, woraufnun die Geistlichen, besonders die Jesuiten, Alles aufboten, um die der Reformation zugethanen Einwohner wieder zur katholischen Kirche zubekehren undstreng katholisch zu machen. Viel litt die Stadt auch in den Kriegen Spaniens mit Ludwig XIV. und Ostreichs mit Ludwig XV., bis Maria Theresia im milden Geiste ihrer burgundischen Ahnen die östr. Niederlande regierte. In den 1.1788 und 1789 wurde in B. die Empörung gegen Kaiser Joseph II. und dessen Maßregeln der Toleranz und Aufklärung geschürt. Als 1792 der franz. Revolutionskrieg begann, benutzten die Östreicher B. als Hauptsammclplatz und die Emigranten als Zufluchtsort. Nachdem aber die Franzosen unter Dumourie; in Belgien eingedrungen waren, hielten sie B. besetzt, bis die Ostreicher nach der Schlacht von Neerwinden am 26. März 1793 es wiedernahmen, worauf am 9. Apr.-KaiserFranz II. daselbst ankam, am 13. Apr.dieäoxeuse entree (s. d.) beschwor und als Herzog von Brabant die Huldigung der Stände empfing. Doch schon am 9. Juli 1794 wurde B. nach der Schlacht bei Fleurus von den Franzosen aufs neue erobert und hierauf zur Hauptstadt des Dyledepartements. Im Jan. 1814 durch die Verbündeten von der franz. Herrschaft befreit, ward es 1815 mit ganz Belgien dem König der Niederlande zugetheilt, der nun abwechselnd in B. und im Haag residirte, sowie auch die gesetzgebenden Kammern abwechselnd hier und im Haag ihre Sitzungen hielten. Als nach der franz. Julirevolution die langgenährte Gährung in Belgien überhand nahm, war es wieder B-, wo der Haß gegen Holland zuerst am 25. Aug. 1836 in offenen Aufstand ausbrach. Ein neuer Aufstand in B. am 26. Sept. endete, nach mehrtägigem blutigen Kampfe in der Stadt mit denTruppen des Prinzen von Oranien, diebelgische Revolution, in Folge deren es die.Haupt- stadt des neuen Königreichs Belgien (s. d.) wurde. Brust heißt der vordere Thcil des Oberleibes, vom Halse bis zum Anfänge des Unterleibes, vornehmlich gebildet durch das Brustbein und die Rippen, welche die Brusthöhle umschließen. Das Brustbein läuft vom Halse an, der Länge nach, durch die Mitte der Brust hinab; die Rippen sind hinten an den Brustwirbeln des Rückgraths befestigt und wölben sich nach dem Brustbeine hin, mit welchem sie sich mittels eines Knorpels fest verbinden. In der Brusthöhle, welche von einer sackförmigen serösen Haut, dem Brustfell, ausgekleidet ist, liegen die Lungen, das Herz und die großen Stamme der Blutgefäße. Bei den Insekten heißt der mittlere Theil des Körpers das Bruststück. DrustLräune Brüten 735 Brustbräune oder Herzbräune nennt man eine eigenthümlichc Art Krampfin der Brust, welcher mit einem mehr oder weniger heftigen vom Herznerven ausgehenden Schmerz verbunden ist und gewöhnlich bei Tage und während des Gehens auftritt. Anfangs verschwinden die Anfälle ebenso schnell als sie gekommen, später aber stellen sich organische Veränderungen im Herzen und den großen Gesäßen ein, worin man irrigerweise den Grund der Krankheit gesucht hat. Ist es erst so weit gekommen, so erfolgt der Tod oft plötzlich während des Anfalls. Die Krankheit ist häufiger bei Männern als bei Frauen und scheint am meisten in England vorzukommen. Vgl. Jurine, „Über die Brustbräune", (deutsch von Menke, Hannov. l8l6). Brüste (mi»min»e) heißen die beiden bei dem Menschen und einigen wenigen andern Säugthieren, wie Affen, Fledermäusen u. s. w., auf der Brust befindlichen Milchabsonderungsorgane, zu welchen beide Geschlechter Anlage haben, die sich jedoch nur bei dem weiblichen in den Jahren der Mannbarkeit vollkommen ausbilden. Sie bestehen aus einer Menge drüsenartiger Körper, welche, durch eine ansehnliche Menge Fett-und Zellgewebe untereinander verbunden, die Milchdrüsen heißen. In denselben befinden sich wieder kleine, länglichrunde Bläschen, von welchen aus enge Kanäle, die sich allmälig zu 12—20 Stämmen vereinigen und Milchgänge genannt werden, nach der Mitte der Brüste erheben. Im natürlichen gesunden Zustande sind die Brüste mannbarer JungfraueninForm zweierHalbkugeln gleichmäßig abgerundet, elastisch, mehr hart als weich, mit sehr zarter weißer Haut überzogen. Auf der Mitte einer jeden Brust erhebt sich die Brustwarze (pupills), welche bei der Jungfrau als ein rundes Knöspchen erscheint. Sie besteht aus fettlosem Zellstoff, den Milchgängen, kleinen Blutgefäßen und Nerven von zarter Haut überzogen, zeichnet sich durch ihre bräunliche Farbe und runzliches Ansehen aus und nimmt durch das Säugen eine cylinder- artige Gestalt an. Den kreisrunden, IV 2 —2 Zoll breiten, bald bräunlichen, bald röthlichen Fleck um die Warze herum, welcher mit einer Masse kleiner, eine Fettigkeit absondcrnder Hautdrüsen versehen ist, nennt man den Warzenhof (ureols). Die Bestimmung der Brust ist Absonderung von Milch für das neugeborene Kind, welches dieselbe aus der Warze, worin sich die Milchkanäle enden, einsaugt. In demselben Grade, wie sie gegen Ende der Schwangerschaft und nach der Entbindung aufschwellen, nehmen sie nach Ablauf der Säugezeit wieder ab und verlieren mit den verrückenden Jahren ihre Fülle. DieBrust bezeichnet das werdende und das gewordene Weib, und eine vollendete Ausbildung derselben gehört zu deren Schönheit. Wenn demnach Frauen bei ihrer Kleidung darauf Rücksicht nehmen, daß die Eigen- thümlichkeit ihres Geschlechts, welche sich in diesem so wunderbar von der Natur gebildeten Theile ihres Körpers ausspricht, hervortrcte, so dürfen sie doch nie mehr als eine Andeutung davon geben, zumal da Erkältung der Brüste leicht üble Folgen nach sich zieht. Aber auch zu sorgfältige Bedeckung bringt Nachtheile, namentlich wenn sie mit Druck verbunden ist, wie bei den zu hoch hinaufgehenden Schnürleibern, welche die gehörige Ausbildung der Milchdrüsen und das Hervortreten der Brustwarzen hindern, wodurch dem Kinde oft später das Saugen erschwert oder gar unmöglich gemacht und das schmerzhafte Wundwerden oder Durchsaugcn begünstigt wird. Die hauptsächlichsten Krankheiten, welche entweder blos die Warze oder die Brust selbst betreffen, sind fehlerhafte Milchabsonderung, „Milchgeschwülste, Brustentzündung, krebsartige Verhärtungen und Krebs. Vgl. Klees, „Über die weiblichen Brüste und die Mittel, sie gesund und schön zu erhalten" (3. Aust., Franks. 1806) und Braun, „Über den Werth und die Wichtigkeit der weiblichen Brüste" (2 Bdc., Erf. l 805). Brustwehr heißt in der Befestigungskunst eine 6—10 F. hohe, 3—20 F. dicke Wand von Erde, Holz oder Stein, bestimmt, die Vertheidiger gegen das feindliche Feuer zu schützen und zum Darüberschießen hinten mit stufenweisen Auftritten versehen. Im Nothfalle und bei Bclagerungen werden auch mit Erde gefüllte Schanzkörbe, Kasten, Sand- oder Woll- säcke als Brustwehr angewendet. Ist die Brustwehr aus Erde aufgeworfen, so muß die innere Fläche (Böschung) mit Faschinen, Flechtwerk oder Rasen bekleidet werden, wodurch die umgeschüttete Erde einzurollen verhindert wird. Die Faschinen werden mit Pfählen übereinander befestigt, das Flechtwerk um 7—10 F. hohe Pfähle aus Baumzweigen ge! flochten und die Rasenstücke gleich Mauerziegeln übereinander aufgeschichtet. Brüten heißt im weitern Sinne des Worts dasjenige Einwirken auf das befruchtete 738 Brüten Ei, wovon die Entwickelung desselben zu einem selbständigen Organismus abhängt. (S. Zeugung.) Brütung erfährt sonach auch das Samenkorn in der Erde bis zu jener Zeit, wo der Keim die Umhüllungen durchbricht, und für Brütung wird auch die Schwangerschaft der höher», nicht «erlegenden Thiere zu halten sein. Die Arten der Brütung sind aber ebenso mannichfach als die Abstufungen der Organismen selbst. Je niedriger oder unvollkommener ein solcher, um so weniger wird er vermögen, durch eigeneinnere Thätigkeit sein Ei völlig zu zeitigen. Ohne auf fernliegende und weniger verständliche Beispiele einzugehen, erinnern wir allein an die «erlegenden Wirbelthiere. Der Fisch, die Amphibien überlassen ihre Eier der Natur, aber der Vogel setzt sich auf sie und theilt ihnen die eigene Körperwärme mit. Es wird sonach die Brütung eine alementarische oder eine organische sein, jene in dem Falle, wo die von der Mutter verlassenen oder höchstens an eine angemessene Stelle (Brütestelle) gebrachten Eier nur durch die Einwirkung von Wärme, gleichviel ob die des Wassers oder der Atmosphäre, gezeitigt werden, diese, wo die Wärme aus dem Mutterkörper unmittelbar übertragen wird, also auch nach der Geburt die Verbindung des Erzeugten mit dem Zeugenden nicht aufhört, sondern mehr oder weniger die Fürsorge des letztem für das erste« und als Schlußact die Erziehung sich bemerkbar macht. Die organische Brütung ist endlich wieder doppelter Art, entweder eine innere, von der wir oben sprachen, oder eine äußere, die mit Wärmeentwickelung verbunden, bisher nur bei Vögeln, 1841 aber auch bei einer Schlange (k^lkon) in Paris beobachtet wurde, und ohne Wärmcentwickelung bei Spinnen, Krebsen, gewissen Fischen u. s. w. vorkömmt, welche ihre Eier am Körper angeheftet mit sich herumtragen. Die Brütung ist bei Vögeln stets mit wichtigen Veränderungen des Organismus verbunden; es entstehen Kongestionen nach dem Unterleibe und daher erhöhte Temperatur desselben, zugleich fallen entweder die Federn, welche die schnelle Übertragung der Wärme hindern würden, dort an symmetrisch gestellten Orten (Brüteflecken) aus, besonders bei den dichtgefiederten Schwimmvögeln, oder der Vogel zieht sie selbst aus und verwendet sie zur Ausfütterung des Nestes. Zugleich entwickelt sich ein so heftiger Affect, daß das Weibchen nur auf das Brüten bedacht, Nahrung zu nehmen versäumt, darüber abmagert oder auch den Eiern freiwillig in die Gefangenschaft folgt. Als Ausdruck dieser Steigerung oder Veränderung ist es auch anzusehen, daß viele Arten Vögel während des Brütens einen hohen Grad Muth entwickeln, der sich bei schwächer« passiv zeigt, indem sie bei der Annäherung von Menschen ruhig aufden Eiern sitzen bleiben, andere aberzur entschlossensten Vertheidigung befähigt, obgleich sie eigentlich zu den Furchtsamem und Schwächer» gehören mögen. Die bei diesem Hergange vorzugsweise einwirkende Kraft ist die Wärme des mütterlichen Körpers. Sie ist darum nicht mit Schärfe in Graden der thermometrifchen Scala anzugeben, weil sie sich keineswegs zu allen Zeiten gleich, nicht bei allen Vögelfamilien dieselbe ist, und außerdem der Justin« den brütenden Vogel dahin leitet, daß er die hohe Temperatur vermindert durch eigene Entfernung auf kurze Zeit, durch Umwenden der Eier, das Wegschieben der mittelsten nach dem Rande des Nestes u.s.w. Im Allgemeinen beträgt sie zwischen 2 S°—33° R., ist in der ersten Periode des Brütens niedriger oder doch nicht nothwendig so hoch wie später, durchschnittlich aber höher bei den entwickeltem Familien, z. B. Raubvögeln, Singvögeln, als bei den weniger sensibeln, den Waffervögeln. Es ist übrigens dafür gesorgt, daß der brütende Vogel, wenigstens im Anfänge dieses Geschäfts, die Eier einige Zeit verlassen kann, ohne daß diese hierdurch leiden. Einmal ist Eiweiß an sich ein schlechter Wärmeleiter und außerdem sind solche Eier, welche vermöge des einfachen Nestbaus oder der Nähe von erkältenden Medien (z. B. die Eier vieler am Wasser brütenden Schwimmvögel) leiden könnten, mit starken Schalen versehen. Unter den Vorrichtungen eigenthümlicher Art, um das Brüten zu erleichtern, ist eine der merkwürdigsten die des Flamingo, der durch seine langen Beine am Hinsihen gehindert, aus Lehm einen Kegel aufführt, dessen flach ausgehöhlte Spitze die Eier enthält, und der gerade hoch genug ist, um bis an den Baüch des beim Brüten gleichsam reitenden Vogels hinaufzureichen. Nicht bei allen Vögeln versieht das Weibchen allein bas Geschäft; bei monogamischen nimmt das Männchen insofern Antheil, als es das Nest beschützt und dem Weibchen Futter zuträgt, oder es setzt sich abwechselnd auf die Eier, wie bei Tauben, Sperlingen, Meisen; polygynische Männchen sind aber eherihrer Nachkommenschaft feindlich und suchen die Eier zu zertreten, was dann das Weibchen, z.B. die Truthenne, Brutto Brutus (Lucius Junius) 737 veranlaßt, diese zu verberge». Die Beobachtung der während des Brütens im Ei vergehenden Veränderungen ist nicht nur von allgemcincrm Interesse, sondern darum von besonderer Wichtigkeit, weil aus diesem Wege die Bildungsgeschichte des Fötus am leichtesten sich studiren läßt, und man auf ihm vergleichend fortgehcnd, zu richtigen Folgerungen hinsichtlich der Bildung solcher Fötus gelangt, deren Ausbreitung eine innerliche und daher schwerer zu verfolgen ist. Es ist daher dieser Theil der Physiologie in neuern Zeiten mit besonderen Fleiße und Scharfsinne bearbeitet worden. Vgl. Pander, „Entwickelungsgeschichte des Hühnchens im Eie" (Würzb. 1817, Fol.) und die Schriften von Baer, Burdach, Purkinje, Nathke, Herold u. A. Man bedient sich zu diesem Zwecke der künstlichen Ausbreitung, durch besondere, mittels Lampcnfeuers in möglichst gleichmäßiger Temperatur erhaltene Maschinen, die indessen sehr oft mislingt, indem der Versuch unablässige Aufmerksamkeit erheischt, und bei Hühnereiern,20 —22 Tage dauert. Des ökonomischen Nutzens wegen hat man seit alten Zeiten in Ägypten Hühnereier künstlich ausgebrütet, in Kammern aus Lehm, die mittels großer, aus Ziegelsteinen zusammengesetzter und in die Erde hineingcbauter Öfen täglich drei bis vier Stunden lang stark geheizt werden. Die blos nach dem Gefühl abge- schätzte Temperatur vermindert man nöthigenfalls durch Öffnung von Luftzügen. Die Eier liegen am Boden auf Stroh, werden alle sechs Stunden umgewendet, noch zehn Tagen untersucht, und die gut befundenen in eine höhere, wärmere Abtheilung desselben Gemachs gelegt. Für das Ausbrüten empfängt der Besitzer der Brütekammern ein Drittheil der Eier. Gegenwärtig wird dieses Geschäft nur noch im Dorfe Bermc im Delta im Großen getrieben; nach Plinius'Bericht erzielten die alten Ägypter auf solche Weise jährlich an l OO Mill. junger Hühner. Aus einer noch vorhandenen, anKarlVlll. von Frankreich im J. 1U96 gerichteten Rechnung geht hervor, daß ein Italiener damals Öfen zur künstlichen Ausbrütung erbaute, mit welchem Erfolge ist unbekannt. Die Vorrichtungen, welche Neaumur, Copi- neau u. A. erdacht, z. B. in einem mit Mist umgebenen Fasse Körbe mit Eiern aufzuhängen, misglückten, ebenso wie ein Versuch von Bornes, der 1829 in Paris Brütösen anlegtc, die er mit kochendem Wasser Heizen wollte. Brutto, d. i. unrein, ein aus dem Italienischen entlehnter Ausdruck, wird vorzüglich in Zusammensetzungen gebraucht, z.B. Bruttogewicht, d.h. das Gewicht derWaare mit Inbegriff her Emballage. Bruttoeinnahme, im Gegensatz der Netloeinnahme, heißt die nicht reine Einnahme, von welcher noch Unkosten u. s. w. hinwcgzunehmen sind. Brutus (Lucius Junius), der Sohn des Marcus Junius und der Tochter des altern Tarquinius, soll sein Leben vor den Verfolgungen des Königs Tarquinius Superbus, der alle Glieder dieses Namens wegen ihrer zu befürchtenden Ansprüche auf den Thron zu vertilgen suchte, nur dadurch gerettet haben, daß er sich blödsinnig stellte, weshalb er auch den Beinamen Brutus bekam. Bei einer in Rom ausgebrochenen Pest begleitete er die Söhne des Tarquinius zu dem Orakel in Delphi. Auf die Frage der Letzter»: Wer nach des Vaters Tode in Nom herrschen würde, hatte die Priesterin geantwortet: Wer zuerst die Mutter küßt. Die Königssöhne verglichen sich, das Loos entscheiden zu lassen; B. lief den Berg hinab, daß er niederste! und seine Lippen die Mutter Erde berührten. Als Lucretia, des Tarquinius Col- latinus Gemahlin, sich den Dolch in den Busen stieß, um die Entehrung nicht zu überleben, welche sie von Sertus Tarquinius Superbus erlitten, ließ B-, der dabei gegenwärtig war, die Maske fallen. Er zog den blutigen Dolch aus der Wunde und schwur den Tarquiniern Rache, vermochte die Anwesenden zu einem gleichen Eide und ließ, da man sich seiner Leitung unterwarf, sogleich die Thore sperren, das Volk zusammcnrufen, den Leichnam öffentlich ausstellen, und verlangte die Verbannung der königlichen Familie, welche sich im Lager außerhalb der Stadt befand. Nachdem diese beschlossen worden war, trug er darauf an, die Königswürde abzuschaffen und eine freie Verfassung einzuführen; man bestimmte, daß zwei Consuln auf ein Jahr die höchste Gewalt ausübcn sollten, und erthciltc dieses Amt zuerst ihm und dem Tarquinius Collatinus 509 v. Ehr. Tarquinius, der die Thore gesperrt und sich von dem Heere verlassen sah, schickte Gesandte nach Rom, die sein Privateigenthum zurückfodern und zugleich versprechen sollten, daß er nichts gegen die Republik unternehmen wolle. Man bewilligte dieses Begehren; dennoch versuchten die Gesandten eine Verschwörung Conv. - Lex. Neunte Aust. H. 47 738 Brutus (Marcus Junius) und zogen mehre Jünglinge in dieselbe, unter denen sich auch die beiden Söhne des B. »nd seine und des Collatinus Neffen befanden. Aber ein Sklave, Namens Binder, entdeckte das Unternehmen. Nachdem man die Schuldigen gefangen genommen, ließen die Cvnsuln auf den folgenden Morgen das Volk zu den Comiticn berufen. B- verurthcilte seine Söhne als Vater zum Tode und befahl den Lictoren, an ihnen das Gesetz zu vollziehen. Weder die Bitten des Volks noch seiner Söhne änderten seinen Entschluß. Er wohnte dem schrecklichen Schauspiele mit Standhaftigkeit bei, und erst nach der Hinrichtung verließ er die Versammlung, in die er jedoch zurückgcrufen ward, da Collatinus seine schuldigen Vettern zu retten wünschte. Das Volk verurthcilte Alle und wählte an die Stelle des nun ebenfalls verbannten Collatinus den Valerius zum Konsul. Jndeß hatte Tarquinius, von Porsenna unterstützt, ein Heer versammelt und rückte gegen Rom an. B. führte die Reiterei dem Feinde entgegen, ihm gegenüber befehligte Aruns, des Tarquinius Sohn. Während des Gefechts stießen beide Führer aufeinander und durchbohrten sich zu gleicher Zeit mit ihren Spießen 509 v. Chr.; allein der Sieg entschied sich für die Römer. Prachtvoll ward B. bestattet; die Römerinnen trauerten um ihn, als den Rächer der Ehre ihres Geschlechts, ein ganzes Jahr, und die Republik setzte auf dem Capitol sein Bild von Erz, mit gezogenem Schwert in der Mitte der sieben Könige. Manches in dieser Erzählung von B- gehört, wie Nicbuhr gezeigt hat, der Sage an, namentlich ist dies mit seinem vorgegebenen Blödsinn der Fall, der mit dem Amte eines Anführers der Ritter (tribunu!? celerum) unvereinbar ist, das er unter dem letzten Tarquinius bekleidete. Brutus (Marcus Junius), der Erbe der Gesinnung des altern B., aus einem angesehenen plebejischen Gcschlechte, das zuerst im 5. Jahrh. v. Chr. in der röm. Geschichte erscheint, geb. 85 v. Chr., war ein Sohn des M. Junius B. und der Stiefschwester Cato des Uticensers, Servilia. Die Erzählung, daß Julius Cäsar ihn mit dieser im Ehebruch gezeugt habe, ist ohne Grund; Cäsar war nur 15 Jahre älter als B., und sein Liebesocr- hältniß zu Servilia fällt erst in hie Zeit der zweiten Ehe derselben mit Junius Silanus. B. war anfangs ein Feind des Pompejus, der seinen Vater im cisalpinischcn Gallien ge- tödtet hatte, vergaß aber dann seinen Privathaß und söhnte sich mit Pompejus aus, als sich derselbe zum Vertheidigcr der Sache der Optimalen aufwarf. Er nahm jedoch die ihm angc- tragene Bcfehlshaberstelle nicht an und ergab sich nach der unglücklichen Schlacht bei Phar- salus -18 v. Chr. dem Casar, der ihn freundlich aufnahm und ihm im I. -16 die Verwaltung des cisalpinischcn Galliens, im 1.14 die städtische Prätnr übertrug, nach deren Verwaltung er Makedonien als Provinz erhalten sollte. Dennoch ward B. ein Haupt der Verschwörung gegen Cäsar, da er die zärtlichen Bande dem Wohle des Vaterlandes opfern zu müssen glaubte. Cassius, von Haß gegen Cäsar und von Liebe zur Freiheit angetrieben, suchte anfangs durch schriftliche Auffoderungen, dann durch seine Gemahlin Junia, des B. Schwester, denselben zu gewinnen, und als er ihn hinreichend vorbereitet glaubte, erklärte er ihm mündlich den Plan einer Verschwörung gegen den nach der Alleinherrschaft strebenden Cäsar. B. ging darauf ein, bewog durch sein Ansehen viele der vornehmsten Römer zum Beitritt, und Cäsar ward im Senat ermordet. Obschon er öffentlich dem Volke die Gründe dieser That darlegte, so konnte er doch das Mißvergnügen desselben nicht besiegen, weshalb er sich mit seiner Partei auf das Capitol begab. Neue Hoffnung faßte er, als der Consul P. Cornelius Dolabella und der Prätor L. Cornelius Cinna, Cäsar's Schwager, sich für ihn erklärten. Doch Antonius söhnte sich nur zum Schein mit ihm aus und wußte durch daß Vorlescn des Testaments Cäsar's das Volk zur Wuth und Rache gegen die Mörder desselben zu reizen. Ei>' allgemeiner Aufstand zwang die Verschworenen, aus Rom zu flüchten. B. ging nach Athen und suchte unter dem dort sich aufhaltenden röm. Adel eine Partei zu bilden; auch gewann er die Truppen in Macedonien. Jetzt fing er an, öffentlich zu werben, was ihm um so leichter ward, da noch viele Pompejanische Soldaten seit der Niederlage ihres Feldherrn in Thessalien lebten. Hortensius, der bisherige Statthalter in Macedonien, trat ihm bei, und so stand B., als Meister von ganz Griechenland und Macedonien, in kurzem an der Spitze eines mächtigen Heers, mit dem er über C. Antonius, den Bruder des Triumvir, 13 v. Chr. siegte. Dann ging er nach Asien, wo er sich mit dem siegreichen Cassius vereinigte. In Rom Bruytt Busche 739 hatten dagegen die Triumvirn, Antonius, Octavian und Lepidus, die Oberhand; sämmt- liche Verschworene waren vcrurtheilt worden, und man rüstete sich, B. und Cassius zu bekriegen. Diese aber unterwarfen sich die Lycier und Nhodicr mit großer Anstrengung und gingen dann nach Europa zurück, um den Triumvirn die Spitze zu bieten. Ehe sie Asien verließen, hatte B. eine nächtliche Erscheinung, die ihn an seinen bevorstehenden Untergang mahnte. Das Heer ging über den Hellespont und sammelte sich, IS Legionen und 20000 M. Reiter stark, in den Ebenen von Philipp! in Makedonien, wo auch die Triumvirn, Antonius und Octavian, mit ihren Legionen eintrafen, im Herbst des I. -12 v. Ehr. In einer ersten Schlacht, bei welcher Octavian abwesend war, siegte B. über dessen Heer; Cassius aber ward von Antonius geschlagen und tödtcte sich selbst. Etwa zwanzig Tage später ward B. durch das Ungestüm seines Heers zu einer zweiten Schlacht, vor der er jene Erscheinung wieder zu sehen glaubte, genöthigt, in welcher er unterlag. Er ward völlig geschlagen und entrann nur mit wenigen Freunden dem Verderben. Da er seine Sache rettungslos sah, bat er in der Höhle, wo er übernachtete, einen seiner Vertrauten, den Strato, ihn zu tödten. Lange weigerte sich dieser; als er B. aber fest entschlossen sah, hielt er ihm mit abgewandtem Gesicht sein Schwert entgegen, in welches Jener sich stürzte. BruyN ist der Name mchrer berühmter Künstler. — Insbesondere bedeutend war Bartholomäus de B. von Köln, der zu Anfänge des 16. Jahrh. blühte und den Übergang der nordischen Kunst zur italienischen bezeichnet. Sein Hauptwerk sind die Gemälde des Hochaltars von St.-Victor zu Tanten, vom I. 1536. — Abraham de B., gcb. zu Antwerpen um 1540, gest. zu Köln in sehr hohem Alter, hat sich zugleich als Maler und Kupferstecher bekannt gemacht. — Ihn übertraf in gleichen Künsten sein Sohn Nikolas de B., geb. zu Antwerpen um 1570. — Cornelis de B., gcb. im Haag 1652, hat sich durch seine Reisen berühmter gemacht als durch seine Gemälde. Er ging 1674 nach Nom, wo er sich drei Jahre der Malerkunst widmete, dann nach Neapel und andern Städten Italiens, schiffte sich hierauf nach Smyrna ein und durchreiste Kleinasicn, Ägypten und die Inseln des Archipels. Nach Vollendung seiner Reise beschäftigte er sich in Venedig wieder mehr mit der Malerei. Erst 1603 kehrte er in sein Vaterland zurück, wo er 1698 den Bericht über seine Reise veröffentlichte. Der Beifall, welchen das Werk fand, weckte von neuem seine Reiselust. Er bereiste von 1701—8 Rußland, Persien, Indien, Ceylon und andere asiat. Inseln und gab nach der Rückkehr 1711 auch eine Beschreibung dieser Reise heraus. Der Werth beider Werke besteht mehr in der Schönheit und Genauigkeit der Abbildungen als in der Zuverlässigkeit der Bemerkungen. In der nachfolgenden Zeit lebte er wieder ganz der Kunst, theils im Haag, theils in Amsterdam, und starb zu Utrecht. Bryant (James), ein scharfsinniger Sprachgclchrtcr und Altcrthumsforscher, der aber durch paradoxe Behauptungen, gewagte Hypothesen und Streitsucht einen Thcil seines Verdienstes schmälerte, war zu Plymouth 1715 geboren. Nachdem er als Erzieher der Söhne des großen Marlborough dieselben auf Reisen begleitet, lebte er nur den antiquarischen Studien. Sein erstes Werk waren die „Observations and inquiries relutiug tn vsriouo parls vk ancient M)ti>o!og^" (Lond. 1767, 4.); sein wichtigstes Werk ist das „New sMem and snal)-8is nk aneisnt mzdknlogx" (Lond. 1774—76). Er war es, der zuerst zu beweisen suchte, daß es nie ein Troja gegeben und daß der ganze trojanische Krieg Homer's Dichtung sei. Die sittliche Freiheit vertheidigte er gegen Priestlcy's Determinismus, die heilige Schrift erklärte er aus Joscphus, Philo und Justinus Martyr. Er starb am 14. Nov. 1804. Buache (Philipp), ein berühmter franz. Geograph, geb. zu Paris 1700, widmete sich unter Dclisle der Geographie und dem Kartcnzeichnen, wurde >729 erster Geograph des Königsund 17 30 Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Er begründete zuerst das System von dem fortlaufenden Zusammenhänge der Gebirge auch unter dem Wasser und starb am 27. Jan. 1773. Berühmt sind seine „(lonsiderations geagrapbiques et pbz siques sur les nnuvelies docnuvertes de la gründemer"(Par. 1753,4.) undder„cVtlas in 20 Folioblättern (Par. 1754). — Sein Neffe, Jean Nicolas B-, geb. 1740 zu Neu- ville-au-Pont im Marnedepartemcnt, bekannt unter dem Namen B- de la Neuville erwarb sich unter des Oheims Leitung sehr bald einen so ehrenvollen Ruf, daß er an Dan- 740 Bubastis Bubna und LittiH ville's Stelle bei der Plan- und Kartensammlung der Marine angestcllt und zum ersten Geographen des Königs ernannt wurde. Von Stufe zu Stufe steigend, erfüllte der thätige Mann bei einer heitern Lcbensansicht und großer Geselligkeit mit unübertrefflicher Eenauig. kcit seine Berufspflichten. Auch von Napoleon in hohen Ehren gehalten, starb er als Mitglied der Akademie am 21. Nov. 1825. Wegen Genauigkeit der Angaben war besonders seine „köogispbis elömcnMire uncienne ot moderne" (2 Bde>, Par. 1769—72) geschätzt. Bubastis ist der Name einer ägypt. Göttin, die unter der Gestalt einer Katze dargestellt und verehrt wurde. Mit dem ursprünglichen Charakter dieses für den ägypt. Thier- cultus sehr bedeutsamen Thiers als Fetisch verbanden sich nach und nach astronomische und andere physische Beziehungen. Insbesondere wurde die Katze mit dem Mond in Verbindung gebracht und zu dessen Symbol gemacht. Der Mond aber war nach der Ansicht der Ägypter, wie der meisten Völker des Alterthums, vom größten Einfluß aus die Erzeugung und die Geburt, und so erhielt B., ursprünglich nur die vergötterte Katze, dann die Mondgvttin, eine höhere mythisch-mystische Bedeutung als Göttin der Geburten und der schwangernFraucn. Deshalb ward auch B. von den Alten gewöhnlich mit den griech. Göttinnen Artemis und Ei- leithyia und den römischen Diana und Lucina identificirt. Sie war nach der ägypt. Mythologie die Tochter des Osiris und der Isis und erhält häufig mit letzterer gleiche Attribute. Dies erklärt sich daraus, daß B. in der pantheistischen ägypt. Naturreligion im Grunde nichts Anderes bedeutet, als neben Horus die weibliche Seite der wicderherstcllenden und sich erneuenden Naturkraft, entgegengesetzt der zerstörenden, und identisch mit der erzeugenden, die ihre Hauptrepräsentanten, jene in Typhon und Nephthys, diese in Osiris und Isis hatten. (S. Ägyptische Mythologie.) So kam cs, daß Namen und Functionen der Isis und B., die Beide in naher Beziehung zum Monde standen und von den Schwängern angerufen wurden, ineinander übergehen. Die Stadt Bubastos und der dazu gehörige Nomos war der Hauptsitz des Cultus dieser GÄtin und mit ihr des der Katze, die neben ihrer Bedeutung als Emblem der Göttin auch noch ihren ursprünglichen Charakter und die damit verbundene Verehrung als Thierfetisch fortwährend behielt, und als solche nicht nur in Bubastos, sondern in ganz Ägypten allgemein verehrt wurde. Bubna und LittiH (Ferdinand, Graf von), östr. Feldmarschalllieutenant, geb. am 26. Nov. 1768, war der Sprößling eines alten böhm. Geschlechts, das seinen Ursprung bis in die Zeilen der Przemisliden zurückführt und aus zwei Linien besteht, von welchen die ältere oder Littitzer um die Mitte des I7.Jahrh.in den Grafenstand erhoben wurde, während die jüngere Bubna von Warlich noch jetzt dem freiheitlichen Stande angehört. Nachdem B. 1781 in Militairdicnste getreten, focht er >789 und 1790 bei der Cavalerie gegen die Türken, 1792 — 97 gegen die Franzosen und that sich hier bei mehren Gelegenheiten so hervor, daß er die Aufmerksamkeit des Erzherzogs Karl aus sich zog. Dieser ernannte ihn daher beim Beginn des Feldzugs von 1799 zum Major und Flügeladjutanten und später zu seinem Generaladjutanten, worauf er seit 1801 als Oberst im Kriegsministerium unter Leitung des Erzherzogs arbeitete. Nachdem er inzwischen Generalmajor geworden, wohnte er 1805 der Schlacht bei Austerlitz unter Fürst Liechtenstein bei, begleitete diesen gleich darauf in Napoleon's Hauptquartier und versuchte sich hier, wie auch nach dem Feldzüge von I86U, nicht ohne Glück aus dem Felde der Diplomatie. Zum Feldmarschalllieutenant erhoben, leitete er das hofkriegßräthliche Remontedepartement, wurde beim Beginn des Freiheitskampfes wiederholt jn diplomatischen Aufträgen, z. B. 1812 nach Paris, l 81.1 nach Dresden, an Napoleon gesendet und erhielt nach Ostreichs Anschluß an die Verbündeten das Kommando der zweiten leichten Division, mit welcher er an der Schlacht bei Leipzig Thcil nahm- Später drang er an der Spitze der sogenannten ersten leichten Division in die Schweiz ein, besetzte am 2 8. Dec. Genf, überschritt den Jura und rückte, nachdem er bei Bourg-en-Bresse die Landesbewaffnung zerstreut, bis Lyon vor. Hier stellte sich ihm jedoch Marschall Augereau entgegen und drängte ihn bis Genf zurück. In dieser Stellung behauptete er sich nun auch, bis die Corps von Manch! und Hessen-Homburg zur Unterstützung ankamen, worauf der Prinz von Hessen-Homburg den Oberbefehl übernahm. Nach Beendigung des Feldzugs wurde B. zum Eeneralgouverneur von Savoyen, Piemont und Nizza ernannt und blieb auch nach der Rückkehr des Königs noch einige Zeit Befehlshaber der Truppen, welche Sardinien Buccari Bucer 741 besetzt hielten. Nach der Landung Napoleon's im März >815 rückte er an der Spitze des zweiten Armeecorps der ital. Armee unter dem Oberbefehl von Frimont abermals gegen Lyon vor und stand in Savoyen dem Marschall Suchet gegenüber, bis Paris übergeben war. Hierauf besetzte er ohne Widerstand die Stadt, errichtete daselbst ein Generalgouvernement und Kriegsgerichte zur Bestrafung der Tumultuanten, gegen welche er nun weit strenger als das erste Mal verfuhr. Nach dem Frieden beschenkte ihn der Kaiser mit mehren Gütern in Böhmen und übergab ihm 1818 das wirkliche Obercommando in der Lombardei, das er zeither nur als Stellvertreter verwaltet hatte. Bei den piemontcsischcn Unruhen 1821 erhielt er den Oberbefehl über die östr. Truppen, welche in Piemont die alte Verfassung Herstellen sollten, ein Auftrag, den er mit so glücklichem Erfolge vollzog, daß ihm als Anerkennung der Zufriedenheit eine sardinischc Dotation verliehen wurde. Er starb zu Mailand am 6. Juni 1825. Buccari, eine kleine Stadt mit einem Schlosse im Kreise Fiume des Ungar. Küstenlandes oder Litorale an der Bucht von Buccaricza und am Quarnero, einem Busen des Adriatischcn Meers, liegt an einem Bergabhangc und hat einen kleinen, aber sehr guten Hafen für etwa 51» größere Schiffe, welche, gegen Sturm und Wogen gesichert, unmittelbar am Strande aus- und einladen können. Sie zählt 1900 E-, welche Leinwand verfertigen, Thunsischfang, Schiffbau und Schiffahrt und einen ziemlich lebhaften Ausfuhr- undKüsten- handel mit Fischen, Wein,Holz, Kohlen und andern ungar. Landesproducten betreiben. Im Rang ist B. der zweite Seeplatz des Litorale, und die Rhederei daselbst beschäftigt 40 eigene Schiffe. Eingeführt werden Ol, Salz, Mais, Colonial- und Seidenwaaren. — Inder Nähe liegt das Schloß Buccaricza, mit einem Hafen an der Bucht gleiches Namens, das ehemals die Grafen Zriny besaßen, die es 167 i in Folge einer Verschwörung gegen das östr. Kaiserhaus verloren. Buccentaur oder Bucentoro hieß die prächtige Galeere, in welcher der Doge von Venedig seit 1311 jährlich am Himmelfahrtstage unter großen Feierlichkeiten eine Strecke weit auf oas Adriatische Meer hinausfuhr und zum Zeichen der Oberherrschaft der Republik über das Meer durch Versenkung eines Rings sich gleichsam mit demselben vermählte. Der letzte Bucentoro wurde 1728 gebaut, und noch zeigt man in Venedig ein kleines Bruchstück dieser reich vergoldeten Galeere. Bucephälus, d. i. Stierkopf, hieß das Pferd Alexander des Großen, welches er als ^cin Lieblingspferd, da es an einer Wunde, nach Andern an Alter gcstorl-n war, am Hy- daspes begraben und um dessen Grab er die Stadt Bucephalia anlcge-c ließ. s?ndcm der bis dahin ungebändigtc B. von Alexander zuerst sich willig lenken ließ, wurde der Ausspruch des Orakels zu Delphi erfüllt, nach welchem der Bändiger desselben der Thronfolger des Philippus werden sollte. Bucer (Martin), einer dcrKirchenrcformatoren des 16. Jahrs)., gcb. 1491 zuSchlctt- stadt im Elsaß, trat fast noch als Knabe >505 in den Dominicanerorden. Seiner Talente -wegen vcranlaßte ihn der Prior des Klosters zu Heidelberg, Theologie zu studiren. Mit Eifer trieb B. neben der Theologie und den philosophischen Wissenschaften das Studium der griech. und hebr. Sprache. Auf Empfehlung des Ritters Franz von Sickingen ward er sehr jung Hofprediger des Kurfürsten von der Pfalz. Er war durck des Erasmus Schriften vorbereitet, als die persönliche Bekanntschaft mit Luther bei der Heidelberger Disputation im 1.1518 die Umwandlung seiner religiösen Überzeugungen vollendete. Verfolgungen von Seiten der Mönche nöthigtcn ihn, als er in den Niederlanden, wohin er den Kurfürsten begleitete, öffentlich seine neugewonnenen Ansichten über Religion predigte, zu Sickingen zu flüchten. Seit er Luthcr's Benehmen auf dem Reichstage zu Worms im I. 1521 gesehen hatte, gehörte er zu dessen entschiedenen Anhängern. Nach Sickingcn's Tode im Begriff, sich nach Wittenberg zu begeben, ward er durch den Pfarrer zu Weißenburg veranlaßt, ihm im Amte beizustehcn, doch bald wurden Beide durch den Bischof von Spcicr vertrieben, worauf B. 1523 nach Strasburg.ging, wo er Prediger an der Thomaskirchc wurde. Die hier schon eingeleitetc Reformation siegte bald durch B.'s und der andern Geistlichen Bemühen. Bei den Streitigkeiten zwischen Luther und Zwingli suchte er die rechte Mitte und machte die Vereinigung beider Parteien zu seinem Hauptgeschäft; doch zog er sich, als er in der Lehre vom Abendmahl Zwingli's Ansicht beitrat, den harten Tadel Luther's zu, Auf dem Reichstage zu Augsburg 742 Buch Buch (Leopold von) benahm er sich mit großer Umsicht und Mäßigung und neigte sich fast ganz zu Luther'- Ansichten hin; doch weigerte er sich nebst den andern strasburger Theologen, die übergebene Konfession zu unterschreiben, und arbeitete hierauf für die Städte Strasburg, Kostnitz, Memmingen und Lindau die Oonlessi» tetrapoHtuns aus, welche die Streitpunkte in der Lehre vom Abendmahle verdeckte. Mit Ökolampadius führte er 1531 in Ulm die Reformation ein. Da es indeß B.'s eifrigstes Bestreben war, die streitigen Punkte zwischen Luther und Zwingli auszuglcichen, Luther aber durchaus nichts nachgab, so brachte er es so weit, daß die Städte, welche seine tiiont's-^io unterschrieben hatten, >532 das Augsburger Glaubensbekenntniß annahmen und mit Luther und seinen Mitarbeitern im Mai 1536 den sogenannten Wittenberger Vergleich anfrichteten. Als Luther's Anhänger nahm er auch Thcil am Religionsgespräch zu Leipzig. Sein Unternehmen im I. 153 l, die neue Lehre im Erzstifle Köln ein- zuführcn, scheiterte an der Hartnäckigkeit der dortigen Geistlichen. Da er sich beharrlich weigerte, das vom Kaiser aufgedrungene Interim zu unterzeichnen, so wurde seine Lage, selbst in Strasburg, immer mislicher; er folgte deshalb am 3. Apr. 1539 schr-gern der Einladung des Erzbischofs Thomas Cranmer, ihn nebst Paul Fagius bei der Einführung der Reformation in England zu unterstützen, und wurde für die Erklärung des Neue» Testaments an der Universität zu Cambridge angestcllt. Seine Bescheidenheit, , sein tadelloses Leben, sein Fleiß und seine Gelehrsamkeit machten auf die Engländer den stärksten Eindruck; doch schon am 27. Febr. 1551 starb er, wie Einige angebcn, an Gift. Unter zweitägigen großen Feierlichkeiten ward sein Leichnam in der Hauptkirche zu Cambridge beigesetzt. Als die Königin Maria durch die päpstlichen Inquisitoren die Universität reinigen ließ, wurden am 6. Febr. 1556 B.'s Gebeine auf dem Marktplatze öffentlich verbrannt; doch die Königin Elisabeth ließ dessen Grabmal wicderherstcllen. Während B. von Seiten katholischer Theologen vielen Lästerungen ausgesetzt war, stellten ihn protestantische selbst über Luther und Melanchthon. Sein bestes Werk ist eine Übersetzung und Erläuterung derPsalmen, die er ohne Angabe des Orts und Jahres unter dem Namen Aretinus Felinus zu Strasburg 1529 herausgab. Eine Gesainmtaüsgabe seiner sämmtlichen Schriften in zehn Bänden beabsichtigte Hubert ; doch Ist davon nur ein Band (Vas. 1577, Fol.) erschienen, der zu den größten Seltenheiten gehört. Buch, im Lateinischen liller, nennt man mehre zu einem Ganzen verbundene Blätter oder Bogen Papier. Die deutsche Benennung entstand vielleicht daher, weil man ehedem zum Einbinden Tafeln aus Buchenholz statt der Pappendeckel nahm; das lat. Wort >ib« aber bedeutet so viel als Bast, weil man in frühester Zeit auf Bast schrieb. Die Bücher der Alten bestanden meist aus einem sehr langen um einen Stab gerollten Streifen; doch war auch die gegenwärtige Form des Einbands nicht unbekannt; jene nannte man vnlumiim, diese ooelices. Die Römer, die sich besondere Sklaven hielten, welche sie ausschließlich mit Bücher- abschreiben beschäftigten, schrieben ihre Bücher theils auf Pergament, theils auf den ägypt. Papyrus, welcher letztere als das wohlfeilere Material auch das gewöhnlichste war. Als aber nach der Eroberung Ägyptens durch die Araber im 7. Jahrh. alle Verbindung dieses Landes, mit Europa aufhörte, war der Papyrus nicht mehr zu erhalten. Man mußte deshalb die Bücher auf Pergament schreiben, wodurch sic aber sehr theuer wurden, und um das kostbare Pergament für neue Schrift zu benutzen, wurde sehr häufig die frühere Schrift abgerieben. (S. Palimpsesten.) Der Mangel an Büchern war vom 7.— 11. Jahrh. so groß, daß man oft in einer ganzen Stadt auch nicht ein einziges Buch fand, und daß selbst reiche Klöster nichts als ein Meßbuch hatten. Äls im 13. Jahrh. das Leinenpapier an die Stelle des bis dahin üblichen Baumwollenpapiers trat und dieses verdrängte, veränderte sich dies Alles sehr schnell, doch noch größer und gewaltiger war die Umänderung, welche die Erfindung der Buchdruckerkunst im 15. Jahrh. hervorbrachte. Buch (Leopold von), einer der berühmtesten Geognosten der gegenwärtigen Zeit, geb. in Preußen 1777 und gegenwärtig preuß. Kanimerherr, erhielt seine Bildung gleichzeitig mit A. von Humboldt auf der Bergakademie zu Freiberg unter Werner, dessen vorzüglichster Schüler er ist, obgleich er das System seines Lehrers, da es sich als unzulänglich und unrichtig erwies, verlassen hat. Die physische Beschaffenheit der Erde durch eigenes Beschauen zu erforschen, durchreiste er in dieser Beziehung zunächst alle Provinzen Deutschlands, Skandinavien bis zum Nordcap, mehre Theile von Großbritannien, Frankreich und Italien; auch Buchanan 743 besuchte er >815 die Canarischen Inseln. Zn glücklicher Unabhängigkeit in Berlin lebend, hat er seine Wanderungen bis in die neueste Zeit fortgesetzt, wie er demnach 1840 wieder Norwegen bereiste, um einige auf die Umwandlung der Urgcbirgsarten bezügliche Thatsachen zu beobachten; auch ist er ein fleißiger Besucher der Versammlungen deutscher Naturforscher. Im 1.1840 wurde er an Vlumenbach's Stelle als Mitglied der franz. Akademie ausgenommen. Hauptsächlich untersuchte er die geognostischen und physikalischen Verhältnisse der Erdoberfläche, die Beschaffenheit und Temperatur der Atmosphäre, die Erhöhung deö Bodens, sowie er auch auf den Pflanzenwuchs stets Rücksicht nahm. Er hat zuerst die Vcrschiedenartigkcit der vulkanischen Erscheinungen und besonders ihrer Wirkungen auf die Gestalt und Beschaffenheit der Erdoberfläche deutlich dargelegt. Die Vulkane theilt er ein in Central- und in Rciheuvulkane. Die letztem folgen nach seiner Annahme der Richtung großer Spalten in der Erde, und diese wieder der,Richtung der Urgcbirge. Als Ccntral- vulkane nimmt er an die Liparischen Inseln, den Ätna, Island, die Azoren, die Canarien u. s. w. Sehr frühzeitig, schon 1797, trat er als Schriftsteller auf. Seine Hauptwerke sind die „Geognostischen Beobachtungen auf Reisen durch Deutschland und Italien" (2 Bde., Berl. 1802—9), die „Physikalische Beschreibung der Canarischen Inseln" (Berl. 1825, 4.), die „Reise durch Norwegen und Lappland" (2 Bde., Berl. 1810), worin er die gründlichsten Forschungen über den Naturbau der Erde im hohen Norden nicdcrgelegt hat; „Über den Jura in Deutschland" (Berl. 1839, 4.) und „Beiträge zur Bestimmung der Gcbirgs» formationen inRußland" (Berl. 1840). Besondere Verdienste hat er sich auch um diePetrc- factenlehre durch monographische Bearbeitungen schwieriger Partien erworben, z. B. „Über Ammoniten" (Berl. 1832, 4.), „Über Terebrateln" (Berl. 1834, 4.), „Über Delthyris oder Spirifer und Ortis" (Berl. 1838, 4.) u. s. w. Endlich gedenken wir noch seiner trefflichen geognostischen Karte von Deutschland und den angrenzenden Staaten in 42 Blättern (2. Aufl., Berlin 1832). Eine sehr gründliche historische Darstellung und wissenschaftliche Würdigung seiner Leistungen enthältHoffmann's „Geschichte der Eeognosie" (Berl. 1838). Buchanan (Georg), Dichter und Historiker, geb. 1506 zu Kilkerne in der schot. Grafschaft Dunbarton, der Sohn armer Altern, wurde von seinem Oheim nach Paris geschickt, aber nur auf zwei Jahre mit den Mitteln versehen, sich zu unterhalten. Wahrscheinlich durch Noth gezwungen, ließ er sich 18 Jahre alt unter die Hülfstruppen anwcrben, die aus Frankreich von dem Herzoge von Albanien, dem natürlichen Sohne Jakob's V., nach Schottland geführt wurden, gab aber bald das Kriegsleben wieder auf, ging 1524 nach St.-Andrews und begleitete später seinen Lehrer John Major nach Paris, wo er sich den Ansichten der protestantischen Kirche befreundete und endlich als Lehrer angcstcllt ward. Nachdem er seine Stelle wieder aufgegebcn hatte, begleitete er den Grafen Cassilis 1534 nach Schottland zurück. Jakob V. ernannte ihn zum Lehrer seines natürlichen Sohns, des nachmaligen Regenten Murray. Ein satirisches Gedicht gegen die Franciscancr, „8oi»,,i>m>", zog ihm den Haß der Geistlichkeit zu, und als er auf Verlangen des Königs ein noch viel bitteres schrieb, den berüchtigten „brancisciis", war es um seinen Ruhm geschehen. Von dem König nicht geschützt, ward er eingekerkert; doch fand er Gelegenheit zu entkommen und flüchtete nun nach Paris, später nach Bordeaux, wo er, von dem Rector der dortigen Hochschule, dem gelehrten Portugiesen Govea, begünstigt, einige Jahre lehrte. Während dieser Zeit schrieb er einige lat. Trauerspiele und übersetzte zwei Stücke des Euripides. Die Pest vertrieb ihn 1543 von Bordeaux, und nachdem er einige Zeit den später so berühmten Montaigne unterrichtet hatte, ging er nach Paris, wo er nun lehrte, bis Govea, der zum Vorstand der Universität zu Coimbra ernannt war, ihn 1547 bewog, sein Glück in Portugal zu suchen. Nach dem Tode seines Beschützers konnte er sich gegen die Feinde, die ihm seine freisinnigen Ansichten erweckt hatten, nicht mehr halten, und wurde ins Gefängniß gesetzt, wo er seine metrische lat. Übersetzung der Psalmen begann. Im I. 1551 in Freiheit gesetzt, begab er sich nach England, das er aber wegen der Unruhen bald wieder verließ. Er ging nun nochmals nach Paris, kehrte aber endlich 1560 nach Schottland zurück, wo er nun offen zum Protestantismus übcrtrat, dessen Grundsätzen er längst gehuldigt hatte. Der Ruf seiner Gelehrsamkeit verschaffte ihm eine gute Aufnahme am Hofe der Königin Maria Stuart, deren Studien er leitete; auch erwarb er sich um die Verbesserung der .schot. Hochschulen manche Verdienste und wurde zum Vor- 744 Bucharei stand der Universitäs St.-Andrcws ernannt. Seine religiösen und politischen Grundsähe führten ihn zu der Partei seines ehemaligen Zöglings, des Regenten, Grafen Murray. Nach dem Sturz der Königin wurde er zum Lehrer Jakob's VI. ernannt, der unter seiner Leitung jene Schulgclehrsamkeit erlangte, auf welche er so stolz war. Später begleitete er Murray nach England, um Beschuldigungen gegen die gefangene Maria Stuart zu begründen, und gab seine „v^tectio Uurme I exiime" (1571) heraus, einen heftigen Angriff auf den Charakter und den Wandel der Königin. Auch nach Murray's Tode blieb er in der Gunst der herrschenden Partei und wurde zum Mitglied des Staatsraths und Siegelbewahrer ernannt. Sein Werk „Uejure regvi »PIIÜ Scotos" (1579) hat ihm einen ausgezeichneten Platz unter den muthigsten Vcrtheidigcrn der Volksrechte verschafft. Die letzten Jahre seines Lebens widmete er der Ausarbeitung seiner „Reium scaticarumbistoria" (1582), die durch Schönheit und Kraft der Darstellung ebenso ausgezeichnet ist, wie sie, besonders in den frühem Zeiträumen, Gründlichkeit der Forschung vermissen läßt. Erstarb 1582 in großer Dürftigkeit und ward auf öffentliche Kosten begraben. Sein Charakter ist von seinen Feinden vielfach angegriffen worden, und er scheint in seiner Jugend allerdings ein zügelloses Leben geführt und in der Wahl der Mittel, seiner bedrängten Lage abzuhelfen, nie bedenklich gewesen zu sein. Parteisucht machte ihn oft leidenschaftlich und das Bewußtsein geistiger Überlegenheit schroff und rauh, aber man darf annehmen, daß er den politischen Grundsätzen, die er standhaft verfocht, aus Überzeugung zugethan gewesen sei. Unter den neuern lat. Dichtern steht er in der ersten Reihe. Er selbst hat sein Leben beschrieben. Seine Werke wurden von Ruddi- man (2 Bdc., Edinb. 1715, Fol.) und Pet. Burmann (Leyd. 1725, 4.) hcrausgcgeben. Bucharei werden sehr häufig die hauptsächlich von den Bucharcn bewohnten Länder genannt. Die sogenannte Große Bucharei ist der südöstliche Theil des von türk. Välkerstämmen bewohnten Türke st an (s. d.) oder das Khanat von Buchara, von den seit -199 Jahren hier herrschenden Usbeken Usbekistan (s. d.) genannt, welcher letztere Name der geographisch allein richtige ist. Unter der KleinenBucharci versteht man zuweilen die chines. Provinz Thian-Schan-Nanlu oder das Gebiet des Lopsees und Tarim- stroms, aber ganz irrthümlicherwcise, da dieser Name in jenen Gegenden durchaus unbekannt ist. — Buchara, Bokhara oder Bochara, die Haupt- und Residenzstadt des Großkhans der Usbeken in dem Lande Usbekistan, ist eine sehr alte Stadt in einer von Wüsten umgebenen Oase an dem Einflüsse des kleinen Flusses Wafkan in den Serafschan, rings von ObstwLl- dern, Gärten und Baumpslanzungcn umgeben. Die Stadt hat 1^>M. im Umfange, die Gestalt eines Dreiecks und ist von einem etwa 29 F. hohen Erdwalle, Thürmen und Gräben eingeschlossen. Zahlreiche Kanäle und Wasserbecken versorgen sie mit Wasser. Sie hat enge Straßen, meist aus Backsteinen gebaute Häuser, zahlreiche Moscheen mit hohen Minarets, viele Medresses und Bazars. Die Zahl der Bewohner beläuft sich auf 79999. Auf einem Hügel befindet sich der Palast des Großkhans mit zwei hohen Thürmen am Eingang. Zu den schönsten Gebäuden der Stadt gehört die Moschee Mirgharab, ein Viereck von 390 F. Länge mit einer 1 99 F. hohen Kuppel. Sie ist mit glasirten Ziegeln von himmelblauer Färbe gedeckt, und neben ihr befindet sich ein hohes Minaret von Ziegelsteinen erbaut, welche auf eine künstliche Weise zu mancherlei Figuren zusammengesetzt sind. Nächstdcm ist besonders sehenswerth das vom Khan Abdullah erbaute Schulgebäude Kokaltasch. Die Einwohner sind größtcnthcils Bucharen oder Tadschicks, außerdem Usbeken, Afghanen, Perser, Türken, Russen, Chinesen, Hindus, Kalmücken, Juden u. s. w. Die Stadt war von jeher der Mittelpunkt der Mittelasiat. Cultur und Bildung, und ist der Haupthandelsplatz des inner» Asiens und der Versammlungsort von Kaufleuten fast aller asiat. Völker. Maaren aller Art und Natur- und Kunstproducte aus allen Gegenden Asiens werden hier feilgeboten. Die vorzüglichsten Handelsartikel sind allerlei Früchte, Pferde, Esel, Pelzwaaren, besonders gefärbte Lämmerfelle, Seidenzmgc, Baumwollenwaaren, Glas, Leder, Metallwaaren, Papier, Moschus, Räucherwaaren u. s. w. Der Verkehr erstreckt sich von hier nach allen Ländern Asiens; er geht nach China, Rußland, Indien, Iran, Khiwa, zu den Kirgisen, nach Kabul, Kaschmir und Khokand. Auch werden daselbst bedeutende Sklavenmärkte gehalten, auf denen die Turkmanen und Usbeken namentlich geraubte Perser verkaufen. — Die Bucharen oder Tadschiks, die gebildetsten und schönsten Bewohner des Mittlern Asiens, namentlich in Tu» Buchdrnckerkunst 745 kestcm und in der chines. Provinz Thian-Schan-Nanlu, gehören der kaukasischen Racc und hauptsächlich der pers. Nation an. Sie sind von mittlerer Statur, rvohlgcbildct und schlank, habe» eine größtcntheils Helle und lebhafte Hautfarbe, curop. Gesichtszügc, schwarzes und feines Haar, einen dichten, wohlgcpflegtcn Bart, große, schwarze und feurige Augen, eine Habichtsnase und zeigen in ihrer ganzen Haltung und in ihrem Äußern etwas Edles und Jmponirendes. Die Tracht sowol der Männer wie der Frauen hat etwas sehr Gefälliges. Ihre Lebensart ist einfach, geistige Getränke sind durch den Islam verboten und werden nur von den Reichen im Geheimen getrunken. Von Charakter sind die Buchrren feig, daher sie auch stets fremden Herren unterkhan waren, falsch, habsüchtig, listig und betrügerisch; gastfrei, gutmüthig und gefällig, wenn es der Handelsvortheil erheischt. Sie sind sehr industriöS, namentlich sehr thätige Handels- und Geschäftsleute und die umsichtigsten und einflußreichsten des ganzen Mittlern Asiens, weshalb sie sich auch großen Wohlstand erworben haben. Bnchdruckerkunst. Die Buchdruckerkunst nimmt unter den Erfindungen des menschlichen Geistes, durch den Einfluß, welchen sie auf die Cultur und die Fortschritte der Menschheit ausgeübt hat, eine der höchsten Stellen ein. Sie begründet daher mit Recht eine Epoche in der Weltgeschichte. Nachdem man sich der Möglichkeit bewußt geworden, auf dem Wege des Farbdrucks, Zeichnung und Schrift leichter und schneller, als durch Wiederholung mit der Hand und dem Griffel oder der Feder zu vervielfältigen, was in Europa nicht viel früher als gegen den Anfang des 15. Jahrh. geschehen zu sein scheint, und nachdem die Erfindung des Leincnpapiers, als des besten und wohlfeilsten Druckmaterials, der Ölfarbe und der Schraubenpresse zu andern Zwecken vorangegangcn, war die Hauptaufgabe nun noch auf Herstellung der bequemsten und nachhaltigsten Druckformen gerichtet. Der Holzschnitt und der schon längst vorhandene Metallstich erhielten nun schnell bei den Briefdruckern und Goldschmieden eine andere Gestalt, ja die Briefdrucker, welche hauptsächlich Spielkarten und Andachtsbilder fertigten, wendeten den Holzdruck bald auch auf kleine, ganz aus Text bestehende Schulbücher (s. D on a t) an und kamen so der eigentlichen Buchdruckerkunst oder Typographie näher. Einige von ihnen (s. Costcr) scheinen sogar um die Mitte des 15. Jahrh. den Übergang zur Typographie oder zu dem Büchcrdruck mit beweglichen gegossenen Lettern, auf eigenem, selbständigem Wege gefunden und bewerkstelligt zu haben, aber ihre typographischen Versuche wurden von der gleichzeitigen Mainzer Erfindung überflügelt und geriethen, da sie in der niedrigen Sphäre des Briefdruckerhandwerks nicht so schnell zur vollen Entwickelung gelangen konnten und weniger beachtet blieben, ganz in Vergessenheit. Der Mainzer Patrizier G u t e n b e r g (s. d.) war es nämlich, der zuerst den mit dem reinen Schriftdruck zu erreichenden Zweck in seiner ganzen Größe ins Auge faßte, diesen allein sich zum Vorsatz machte und nicht eher ruhte, als bis er, nach vielen vorangegangenen Versuchen, nicht ohne fremde Gcldhülfc, den ersten Druck der ganzen Bibel auf typographischem Wege endlich binnen einigen Jahren zu Stande brachte und so die erste eigentliche Buchdruckerei in Mainz ins Leben rief, welche nunmehr die Schule oder das Vorbild aller andern wurde. Bei dem xylographischen Bücherdruck muß die abzudruckende Schrift Seite für Seite also mindestens auf doppelt so viele Tafeln, als sie Papicrbogen im Drucke einnimmt, in Holz geschnitten werden. Ist die Farbe auf die Holztafeln gebracht, so werden die Abdrückt davon mit der Buchdruckerpresse genommen, wozu man sich anfangs statt derselben, des Reibers, wie bei den Spielkarten, bediente, der jedoch nur den Abdruck auf einer, nicht auf beiden Seiten des Papiers gestattete. Noch jetzt wird die Buchdruckern bei den Chinesen, wo sie mehr« Jahrhunderte älter als in Europa ist, auf diese Weise ausgeübt. Da ihre Schriftsprache nur Worte, aber keine Buchstabenzeichen hat, so konnten und mußten sie dabei stehen bleiben, nichts destoweniger verdanken sie der xylographischen Buchdruckcrkunft einen Umfang der Literatur und einen Reichthum der Bibliotheken, der größer ist als selbst bei manchem europ. Volk. In Europa aber mußte das Buchstabenalphabet der Sprachen bald darauf hinführen, die Buchstaben einzeln aus Holz, Blei oder Zinn zu schneiden und daraus Druckformen für die Schrift zusammenzusetzen, die nach gemachtem Abdruck auscinandergenommen und deren Lettern (die einzelnen Buchstabenstempel) alsdann zu einer neuen Form wieder gebraucht werden konnten. Aber auch das Schneiden der Lettern in der erfoderlichcn Anzahl war eines- theils noch zu mühsam, anderntheils wurden sie auf diesem Wege weder gleichförmig, noch bei 716 Bttchdruckerknnst Anwendung jenes weichem Materials haltbar genug. Deshalb wurde auf das vor dem Farbdruck längst bekannte Vcrviclfältigungsmittcl des sogenannten trockenen Abdrucks oder vielmehr des Abgusses zurückgcgangcn und der Lcttcrnguß (s. Schriftgießerei) dadurch endlich zur Vollkommenheit gebracht, daß die in Stahl geschnittenen Buchsiabcnstcmpel (Patrizcn) in eine kupferne Matrize geschlagen, diese in eine Gießform gebracht und mittels eines leichtflüssigen, sich schnell wieder hinlänglich erhärtenden Metallgcmisches, die Lettern daraus in so gleichförmiger und bequemer Gestalt gegossen werden, als zur Zusammensetzung einer festen Druckform aus so vielen kleinen Bcstandthcilcn crfoderlich ist. Diese Zusammen- sctzung der Form geschieht in folgender Art. Die Lettern werden in flache, 2'/, Zoll tiefe, 4 F. lange und 2'/, F. breite Kästen gelegt, welche 108—148 Fächer haben, welches ungefähr die Zahl der einzelnen Buchstaben und sonstigen Zeichen ist, die bei deutschen und lat. Schriftgattungen gebraucht werden. Die Lettern, welche am häufigsten Vorkommen, liegen in großem Fächern der Hand am nächsten, die übrigen, aus demselben Grunde, mehr oder weniger außer der gewöhnlichen Alphabctfolgc. Die abzusetzende Handschrift hat der Setzer vor sich aus dem Blatthaltcr oder Tcnakcl, in der linken Hand ein die Breite der Zeilen bestimmendes Instrument, der Winkelhaken genannt, in welches er jedes Wort der Handschrift Buchstabe für Buchstabe setzt; zwischen jedes Wort kommt, um es von dem nächsten zu trennen, ein Stück (Spatium), das niedriger als der Buchstabe selbst ist, damit es nicht auf dem abgcdrucktcn Bogen zum Vorschein komme. Auf diese Weise werden nun die Seiten nach und nach gebildet, wie das Format der Bücher es bestimmt. Sind die zu einem Bogen nöthigen Seiten gesetzt, so macht man zwischen die einzelnen Seiten so viel Raum oder Stege, als die Größe des zu bedruckenden Papierbogens erlaubt, und umschließt das Ganze mit einem eisernen Nahmen, sodaß die einzelnen Lettern, Zeilen und Seiten eine feste Form bilden. Die Form kommt nun in die Presse, und nachdem man so viele Probeabdrücke von derselben gemacht, als nöthig sind, um die im Satze entstandenen Fehler zu verbessern, schreitet man zum Drucke selbst. Die Form wird in die richtige Lage gebracht und hierauf durch Ballen oder Walzen mit Farbe (Druckerschwärze) gleichmäßig geschwärzt. Der zu besserer und gleichförmigerer Annahme der Farbe angefcuchtete Bogen Papier wird in den Deckel der Presse gelegt, mit einem Rähmchen überdeckt, aus welchem die abzudruckcnden Seiten ausgeschnitten sind und durch einen einfachen Mechanismus unter die Preßplatte (Tiegel) gebracht, diese durch einen Hebel (Preßbengel) auf den Deckel heruntergedrückt und so der Abdruck der Form auf das Papier bewirkt. Deckel und Form werden nun unter dem Preßtiegel wieder hervorgczogen. der auf einer Seite bedruckte Bogen herausgenommcn und dies so oft wiederholt, als Abdrücke von einer Form gemacht werden sollen. Ebenso verfährt man auch mit der zweiten Form, um die andere Seite des Bogens zu bedrucken. Die Form wird dann gereinigt und auseinander genommen (abgelegt), um die Lettern zu anderm Satze zu verwenden. Man kann ungefähr hunderttausend Abdrücke von einer Form machen, dann aber sind die Lettern so abgenutzt, daß man sie umgießen muß. Ein fleißiger und geschickter Setzer setzt täglich an 1 0090 Lettern, und ebenso viel legt er ab. Zwei Drucker, von denen einer die Form schwärzt, der andere dieselbe abdruckt, liefern täglich 2—3000 Bogen auf einer Seite. So wurde im Wesentlichen und bis auf kleine nach und nach hinzugekommcne Verbesserungen, die Buchdruckcrkunst schon in den ersten typographischen Werkstätten in Mainz ausgcübt. Die eine derselben war durch Verbindung Gutcnberg's mit dem vermögenden Mainzer Bürger Fust entstanden, in Folge der Auflösung ihres Gcsellschaftsvertrags aber ganz an diesen gekommen. Aus ihr ging 1455 oder 1456 Gutcnberg's erstes großes Druckwerk, die 42zeilige, undatirte, sogenannte Gutenbcrg'sche Bibel in zwei Foliobänden hervor, und nachdem der kunstfertige Schreiber, Peter Schösser, Fust's Schwiegersohn und Theil- nehmer an seinem Buchdruckergeschäfte geworden war und den Letternguß dergestalt verbessert hatte, daß auch mit kleinern als den bisherigen Lettern von der Größe der in den damaligen Missalbüchern gebräuchlichen Schrift, also gedrängter und wohlfeiler gedruckt werden konnte, folgte der Psalter von 1457, das erste größere gedruckte Buch mit Anzeige des Druckjahrs und 1159 das „Rationale" des Durandus, jenes noch als Chorbuch zum Kirchengebrauch mit der grüßten Missaltype, dieses mit der neuen kleinen Type gedruckt. Neben dieser, nach Fust's Tode von Schösser allein und von seinen Nachkommen ein Zahr- Buchdruckerkmlst 747 hundert lang schwunghaft betriebenen Vuchdruckerwerkstatt hatte Entenbcrg nach seiner Trennung von Fust eine andere errichtet und 1460 das „Lutlinlievn" des Janua, gleichfalls mit einer kleinen Type, ohne Nennung seines Namens, doch mit einer Schlußschrift gedruckt, worin Main; als der Ort, wo die neue Kunst erfunden worden, gepriesen wird. Die Eroberung und Plünderung dieser Stadt in dem Streit zwischen den beiden Erzbischöfen Diethcr von Isenburg und Adolf von Nassau, durch den Letzten: im I. 1-162, wurde zwar für beide Werkstätten nachtheilig, indem sie solche zum Stillstehen brachte und die Gehülfcn und Arbeiter zerstreute, von denen mehre das so lange in Mainz bewahrte Gehcimniß anderwärts hin verpflanzten. Jndeß gewann Fust's und Schöffcr's Druckerei bald wieder neues Leben, die von Gutenbcrg ging aber noch bei seinen Lebzeiten an einen andern Besitzer über. Ob die Buchdruckerkunst von Mainz früher nach Köln, oder nach Strasburg gekommen, ist noch nicht entschieden, nächst diesen Städten sind cs Bamberg, Augsburg, Nürnberg, Speier, Ulm, Eßlingen, Lübeck, Leipzig, Memmingen, Reutlingen, Erfurt, Magdeburg, Hagenau und andere Orte, wo sie in Deutschland am frühesten Wurzel faßte und am fleißigsten geübt wurde. In Italien brachten sie die Deutschen Sweynhcim und Pannarz 1464 nach dem Kloster Subiaco, dann nach Nom, und Johann von Speyer 1460 nach Venedig, welches von da ab von allen andern ital. Druckstädtcn den Vorrang einnahm. Im I. 1470 wurden deutsche Buchdrucker nach Paris berufen und in der Sorbonne die erste typographische Werkstatt angelegt. In Frankreich haben Paris und Lyon durch die Anzahl und die Leistungen ihrer Druckereien stets die größte Überlegenheit behauptet. In den Niederlanden erscheinen bald nach 1470 die ersten eigentlichen Buchdrucker, meist Eingeborene, in Holland haben ihre ersten Drucke Manches, was eine cigcnthümliche, einheimische Wurzel verräth, bis auch hier, gegen 1480 hin, der deutsche Einfluß sichtbarer wird. Hier wurden Antwerpen und später Leyden und Amsterdam die bedeutendsten Druckstädte. In der Schweiz trat Basel seit 1474 an die Spitze; ungefähr um dieselbe Zeit entstand die erste Buchdrucker-Werkstatt in England durch Carton (s. d.) bei Wcstminsicr, in Spanien durch einen Deutschen zu Valencia. Ein obgleich lückenhaftes Verzeichniß aller im l 5. Jahrh. gedruckten Bücher enthält Hain s „liepertoriiiiu 6ilili«,<;iiij)Iüt:uiil" (4 Bde., Stuttg. 1826—38), woraus zu ersehen, welchen Umfang die neue Kunst schon in den ersten 50 Jahren nach ihrer Entstehung in Europa gewonnen hatte. Über ihre Ausbreitung in andern Weltthcilen gewährt Folgendes einen kurzen Überblick. Nach Mexico verpflanzte sie der Vicckönig Antonio de Mendoza um 1550 durch einen lombardischen Drucker; in demselben Jahrhundert druckten die Jesuiten zu Lima in Peru (seit 1586) und hier und da in China, Japan, auf der Küste Malabar und vielleicht schon auf den Philippinen. Im folgenden drang sie durch die Maroniten bis an den Libanon vor; ihre wichtigste Eroberung war aber das brit. Nordamerika, indem ein nonconformistischcr Prediger um 1640 den ersten Drucker aus London nach Cambridge kommen ließ. Bald folgten Boston und Philadelphia, wo später Benj. Franklin (s. d.) druckte, sowie andere Hauptstädte der einzelnen Cvlonien. Nach Losreißung der letzter» vom Muttcrlande und der Gründung dcS nordamerik. Freistaats haben sich die Druckereien dergestalt vermehrt, daß gegenwärtig dort eine größere Anzahl als in irgend einem andern Lande nach Verhält- niß der Bevölkerung thätig ist; vorzugsweise aber liefern sie Zeitungen und erst in neuerer Zeit haben unter den Büchern dieOriginalwcrkc angcfangen, mit den Wiederholungen europäischer zu wetteifern. Im 18. Jahrh. breitete sich die Buchdruckcrkunst über Ostindien, wo sie auch nach Ceylon und Batavia kam, sowie über die Westindischen Inseln aus und gelängte gegen das Ende desselben bis nach Sydney in Neuholland, besonders durch das über- handnchmende Zeitungsbcdürfniß. Stärker wurde die Thätigkeit der periodischen und der Missionsprcssen im 10. Jahrh. Erstere dehnten sich aus über die neuen Freistaaten des nörd- lichen und südlichen Amerikas und faßten Fuß auf den Inseln Bourbon und St.-Helcno und in den brit. Niederlassungen auf Neuholland und Vandicmcnsland, letztere wurden zahlreicher in Ostindien und entstanden in Hinterindicn bei den Birmanen und auf der Halbinsel Malakka, in den Sundischen Inseln und auf den Molukken, in Afrika am Cap und bis nach Madagaskar, in Australien, auf den Sandwich- und Gcscllschaftsinseln. Selbst auf schwankenden Schiffen im Meere sind, wie 1812 und 1813 auf dem engl. Schifft' Cale- 748 Buchdruckerknnst donia mit dem Druckorte Mediterranean, ein paar Schriften, und mit der Presse, welche Capitain Parry auf dem Schiffe Hekla mit sich führte, während der Überwinterung im nördlichen Polareisc auf der Mclvillcinsel >819 und 1820 eine Zeitung, die „l>lew 6oor- gis gil^vtte und Winter clirnnicle", gedruckt worden. Von den Morgenland. Christen begannen die Armenier 1567 meist in Venedig und Konstantinopel zu drucken, jetzt haben sie, nächst diesen Orten, auch in Paris, Wien, Petersburg, in Etschmiadzin, dem Sitze ihres Kir- chcnhauptes, und in Ostindien Pressen. Von den Nichtchristen haben die Juden schon im l 5. Jahrh. die Druckkunst geübt und zwar in Italien um >-180 zuerst in Soncino im Her- zogthume Mailand und in Portugal, ja vielleicht noch vor Ende dieses Jahrh. schon in Konstantinopel, später auch in mehren slaw. Ländern, in Griechenland und Kleinasien. Bei den Türken waren die Sultane der Einführung der Druckkunst anfangs entgegen; erst >726 findet sich ein türk. Hofbuchdrucker, Ibrahim Effendi, in Konstantinopcl. Früher wurde jedoch schon in Aleppo und von nielchitischcn und maronitischen Christen in der Levante Arabisch gedruckt. In Ägypten, wo von den Franzosen, während sic cs innc hatten, in Alexandrien, Kairo und Gizeh gedruckt wurde, hat der Vicekönig. Mohammed Ali, 1822 in Bu- lak bei Kairo eine Druckerei errichtet. Vgl. Ternaux Compans, „idlotice snr leg im;>r>- meriss gid existent et t^iii nnt exi.-de üois de l'bairnzw" (Par. >812). Wie die Buchdruckerkunst seit ihrer Erfindung nach und nach den gewaltigsten Umschwung in der geistigen Thätigkcit der europ. Völker hervorgebracht hat, wie sie insbesondere im 16. Jahrh. das Wiederaufblühen der classischcn Literatur und Bildung und die Reformation und seit Ende des vorigen Jahrh. den Übergang zu einem dem Mündigwerdcn des Volks und dem Princip der bürgerlichen Freiheit entsprechender» und lebendiger» Staaks- organismus, namentlich durch die periodische Presse, befördert hat, wie sie die Ideen durch deren erleichterten Austausch weckt, belebt und zur Entwickelung bringt und das von Einzelnen auf diesem Felde Errungene sofort zu einein Gesammteigenthum macht, wie sie die Völker sich einander nähern und über alle Wclttheile Licht und Cultur verbreiten hilft, bedarf nicht der weitern Auseinandersetzung. Die Geschichte der neuern Literatur ist zugleich eine Geschichte der Wirkungen, welche wir der Buchdruckerkunst verdanken, und der mögliche Misbrauch derselben, den man durch dieCensur (s. d.) zu vermeiden versucht hat, wird von ihren Segnungen weit überwogen. (S. Preßfreih eit.) Die älter» Typographen waren meist Schriftgießer, Buchdrucker uud Buchhändler in einer Person, oft noch Gelehrte dazu, die selbst den Text der Classiker, die sie Herausgaben, nach Handschriften berichtigten und dem Abdruck die möglichste Correcthcit gaben. Am häufigsten ist das Buchdrucker- und Buchhändlergcwerbc vereinigt geblieben, ersteres mit Thei- lung der Arbeit unter Setzern, Druckern und Correctoren. Die Schriftgießerei mit dem Stempelschneiden ist seit dem 17. Jahrh. ein besonderes Gewerbe geworden. Am berühmtesten sind unter den ältern Buchdruckerfamilien, die des Manutius (s. d.) 1-188—1580, des de'Giunti (s. d.) >492—1592 und Elzcvir (I-d.) 1595—1680 und unter den neuern Buchdruckern besonders namhaft Breitkopfss. d.), Baskerville (s. d.), Di- dot (s. d.), Bodoni (s. d.) u. s. w. Im 17. und 18. Jahrh. gerieth die Buchdruckerkunst von der technischen Seite gar sehr in Verfall; doch hat sie sich nach der Mitte des 18. Jahrh. wieder erhoben und ein reges, zunehmendes Streben nach Vervollkommnung dieser Kunst und ihrerNcbenzweige ist erwacht. Was zuerst die Werkzeuge derselben betrifft, so befleißigte man sich, die Drucklettern auf alle Schriftarten und auf die Alphabete aller Sprachen der Welt auszudehnen, den deutschen aber sowol als den lateinischen eine größere Eleganz und Abwechselung zu geben, wobei jedoch nicht immer Künstelei und Abenteuerlichkeit vermieden wurden. An Lettern für die außereurop. Sprachen ist die Königliche Schriftgießerei in Paris die reichste. Für die Verbesserung der Presse, welche seit Erfindung der Buchdruckerkunst ziemlich in dem alten Zustande einer hölzernen Schraubenpresse geblieben war, geschahen durch Haas in Basel um 1772 die ersten Schritte. Später waren besonders Engländer und Amerikaner in Erfindung neuer Buchdruckerpressen thätig, indem sic entweder die Schraubcnspindel beibehiclten, wie in der Stanhope-Pressc, oder Hebelvcrbindungcn, wie in der Columbia-Presse, oder andere mechanische Vorrichtungen an die Stelle setzten und auch mit den übrigen Theilen der Presse Verbesserungen Vornahmen. Diese und andere sehr mannichfaltige Pressen, bei Bücher (Anton von) 749 denen mehr oder weniger an Zeit und Mcnschcnkrast gespart wird, sind von Eisen und mehre derselben mit einer Einrichtung verbunden, welche zugleich durch Walzen die Farbe auf die Form aufträgt, eine Methode, welche auch sonst die frühere Schwärzung durch Ballen beinahe ganz verdrängt hat. Der Triumph der Erfindungen in dieser Gattung ist die Schnellpresse, wo der Druck nicht, wie bei den übrigen, durch eine ebene Platte, sondern durch Walzen bewirkt wird. Sie ist von einem Deutschen, Fricdr. König, ausgegangen und arbeitet, was besonders für den Zeitungsdruck wichtig ist, durch Dampf getrieben und lediglich von zwei Knaben besorgt, vermöge ihres sinnreichen, aber complicirten Mechanismus, so schnell, daß z. B. die engl. Parlamentsredcn jetzt gedruckt in alle Welt gehen, kurz nachdem die letzten Töne des Redners verhallt sind. Endlich ist es in der Hill'schen Cylinderpresse sogar gelungen, den Letlernsatz, statt in horizontale Tascln, in Cylinder zu bringen und durch eine Walzenpresse Papier ohne Ende fortlaufend zu bedrucken, wodurch die Möglichkeit gegeben ist, in Verbindung mit einer Fabrik solchen Papiers, innerhalb zwölf Stunden aus den Lumpen die fertig gedruckten Bogen eines Buchs zu liefern. Auch das Setzen haben Poung und Delcambre in England durch eine Maschine zu erleichtern gesucht, bei der die Handschrift auf einer mit den Buchstaben des Alphabets bezcichneten Claviatur gewissermaßen abgc- svielt wird und die Maschine alsdann, jedoch nicht ohne Beihülfe von Menschenhänden, das Übrige verrichtet. Um Werke von anhaltender Nachfrage, die unverändert oft wieder aufzulcgen sind, am wohlfeilsten und correctesten zu liefern, entstand im vorigenJahrh. dieStereotypie (s.d.), die mit soliden Platten druckt, welche von dem aus beweglichen Lettern gebildeten Schriftsatz abgeklatscht oder abgcgossen werden. Um den typographischen Druck von Musiknoteu und Landkarten haben sich Breitkopf u. A. verdient gemacht, der Zweck bleibt jedoch besser und bequemer durch den Kupfer- oder Zinnstich und durch die Lithographie zu erreichen. Der Hochdruck, angewandt auf Schrift, ist ein Erleichterungsmittel für den Dlindenuntcrricht geworden. Der schon von den alten Buchdruckern geübte Schriftdruck in Gold und verschiedenen Farben hat auch in neuern Zeiten bei Krönungsfeierlichkeiten und andern Gelegenheiten Prachterzeugnisse hervorgebracht, gehört aber, wie der Congrevedruck (mit zusammengesetzten Platten, mehrfarbig, in einem Druck), der Jrisdruck (mit ineinander verschwimmenden Regenbogenfarben) und der Druck mit guillochirtcn Platten, die auch bei geld- werthen Papieren zur Erschwerung des Nachahmens gebraucht werden, weniger in das Gebiet des Schrift-, als in das des Verzierungsdrucks, von welchem Savage in seinen „blints ob lleeorstive printing" (Lond. 1822) handelt. Wichtiger ist die seit dem 16. Jahrh. eingeschlafene, aber mit Erneuerung der Holzschneidekunst wieder überaus beliebt und nützlich gewordene Verbindung der Typographie mit derselben, zu bildlichen zwischen dem Text eingedruckten Erläuterungen und Vorstellungen (Austritte Ausgaben). Das Säcularfest der Buchdruckerkunst wird in Deutschland, nach dem Vorgang der Wittenberger Buchdrucker, die durch Luther's Bibelübersetzung in Flor gekommen waren, im 40. Jahre jedes Jahrhunderts, am Johannistag, als dem Namenstag Eutenberg's, begangen, weil die kölnische Chronik den Anfang der Erfindungsvcrsuche in 1-140 setzt. Auch bei Einweihung des Eutenberg's Denkmals in Mainz 1837 wurde beschlossen, es bei diesem Termin bewenden zu lassen, und so hat denn diese Feier 1840 zum vierten Mal mit der lebhaftesten Theilnahme in ganz Deutschland stattgefunden und mehr als jede frühere an Schriften und Kunstblättern, deren Zahl sich beinahe auf 150 beläuft, hervorgcbracht, von denen die Schriften theils der allgemeinen oder Specialgeschichte der Buchdruckerkunst, theils ihrem dermaligen Zustand und technischen Leistungsvermögen, theils der Beschreibung der Festlichkeiten gewidmet sind, theils endlich, ohne Verwandtschaft des Inhalts, sich nur dem Titel nach als Festgaben aukündigcn. Ein Verzeichniß der Schriften über die Buchdruckerkunst enthält unter Andcrm O. A. Schulz's „Gutcnberg oder Geschichte der Buchdruckcr- kunst"(Lpz. 1840). Vgl. Falkenstein, „Geschichte der Buchdruckerkunst" (Lpz. 1840). Bücher (Ant. von), ein um die Aufklärung in Baiern verdienter Beamter und durch seine Schriften gegen die Jesuiten bekannter Schriftsteller, geb. zu München am 8. Jan. >746, ward zuerst in den lat. Schulen der Jesuiten unterrichtet, studirte dann in Ingolstadt und wurde 1768 Kaplan daselbst. Seine Predigten fanden vielen Beifall, wurden eifrig 750 Bücherformat Bücherkataloqe besucht und erregten namentlich auch die Aufmerksamkeit des damaligen Schulreformators, des Geistlichen Raths Braun. Dieser erkannte bald B.'s vielseitige Fähigkeiten und über- trug ihm >771 das Nectorat der deutschen Schulen in München, in welcher Steile er wesentlich für die Verbesserung dieser Schulen wirkte und besonders verhinderte, daß die nicht stu- direnden Schüler, wiezcither Gebrauch gewesen, von da aus in dieJesuitcnschule übergingen. Nach Aufhebung des Jesuitenordens ward er >773 Rector des Gymnasiums und Lyceums, unter Bcibehalt der Aufsicht über die deutschen Schulen, und arbeitete in dieser Stellung unverdrossen, ungeachtet der vielen Hindernisse, an Verbesserung des Unterrichts und der Sittenzucht. Zu gleicher Zeit übernahm er auch das Amt eines Vorstehers und Predigers der Marianischen Congrcgation, welche früher ein reinjesuitisches Institut gewesen, und gab demselben eine wohlthätigc Umgestaltung. Als er später seine nützlichen Bestrebungen gehemmt sah, wurde er >778 Pfarrer zu Engelbrechtsmünstcr im Kirchcnsprengel Negens- burg. Auch in dieser geistlichen Stelle wirkte er nach Kräften für vernünftige Volksaufklärung und eine zweckmäßige religiös-sittliche Bildung seiner Gemeinde, behielt auch, als er behufs der erneuerten Reformen des Schulwesens als Geistlicher und Schuldireckorialrath nach München berufen wurde, seine Pfarrei bei und opferte zur Verbesserung der Schulen und für Arme und Nothlcidende seines Sprcngels viele Tausende seines Vermögens. Wegen Altersschwäche nahm er >813 seine Entlassung und zog nach München, wo er am 8. Jan. 18> 7 starb. Frcimüthigkcit, humoristische Laune und beißende Satire bilden die Eigenthüm- lichkeit der Geistesproducte B.'s, die selbst Jean Paul und Zschokke in ihren Schriften mit Lob erwähnen. Als Humoristikcr ist er durch seine „Charfreitagsprocession", die „Fasten- exempel", „Portiunkula-Büchlein", „Christenlehre auf dem Lande", „Die Jesuiten auf dem Lande" und den „Allerneuesten Jcsuitcnspiegcl" allgemein bekannt; in einfach ernstem Tone dagegen sind die „Briefe über die Jesuiten in Baiern" geschrieben. Seine sämmtlichen Werke wurden unter dem Titel „Die Jesuiten in Baiern vor und nach ihrer Aufhebung" von I. von Klcssing dem Jüngern (6 Bde., Münch. >8>9—20) herausgegeben. Bücherformat. Das Format oder die Größe der Bücher hängt einmal von der Größe der Papierbogen und dann davon ab, wie vielmal selbige gebrochen sind. Beim Folioformat gibt der einmal gebrochene Bogen 4, bei Quart der zweimal gebrochene 8, bei Octav der dreimal gebrochene >6, bei Sedez der viermal gebrochene 32 Seiten. Außerdem ist noch gewöhnlich das Duodez zu 24 und das Octodez zu 36 Seiten auf den Bogen. Die Formate der kleinsten Art (eclitinns mi^nonnes, «liamsnts, microscopiiples) sind nur als Spielerei zu betrachten. Ein lat. Gebetbuch, erschienen zu Antwerpen bei Plantin 1570, ist >'/) Zoll hoch und > 0 Linien breit. Außerdem spricht man, nach Maßgabe der ursprünglichen Größe der ganzen Bogen, von Groß-, Mittel- und Klcinfolio, Groß-, Mittel- und Kleinquart u. s. w. Bücherkataloge bedeutender Bibliotheken sind unter einem doppelten Gesichtspunkte zu betrachten, sowol unter einem allgemeinen literarischen als auch unter einem bcsondern, welchen man den bibliothekarischen nennen könnte. In ersterer Hinsicht haben sie Interesse, wenn die Bibliothek, welche sie verzeichnen, entweder überhaupt sehr zahlreich ist („Lllilio- tlieca Tliottialm", >2 Bde., Kopenh. >789—95; „6atal<,g»e 783—88; „gibliotliecaläebermna", 9Bde., Lond. >834—36, „vibl.ttul- tllsmiaim", 6 Bde., Gent >836—37), oder sich durch gute Auswahl, Reichthum an seltenen und kostbaren Werken („<7st. bil>I. Harlcjanas", von Mich. Maittaire, 5 Bde., Lond. >743 —45), wegen seltener Bücher („6stal. c>f tlie koxlmrAlie lillrarz", Lond. >8>2), wegen alter Drucke (Dibdin's „»ibi. 8pencerisnu", 7 Bde., Lond. >8>4; Ferd. Fossi, „<7»t. cocltl. sec. lü.impressor. bibl.Alagliubecliiemae", 3Bde., Flor. >793, Fol.), wegen ausgezeichnet schöner Exemplare, namentlich auf Pergament („t7si. cke la bibl. ", 2 Bde., Par. I8>5), oder auch durch einzelne starkbesetzteFächer auszeichnet. So sind wichtig für die Ungar. Geschichte der Katalog der Bibliothek des Grafen Szechenyi (Ödenburg >799); für die klassische Literatur der des Grafen Rcwiczki (Berl. >794); für die ital. Literatur die Kataloge von Capponi (Rom >747, 4.), Floncel (2 Bde., Par. 1774) und Ginguene (Par. > 817); für die Flugschriften zur Geschichte der franz. Revolution der vvnPixere'court (Par. 1838) und für die deutsche Sprachkunde der von Adelung (Dresd. >807). Indessen erhalten »Ml»-» Bücherprrvilegrmit Buchhaltern 751 die Kataloge, auch der reichsten Bibliotheken, ihren wahren Werth und ihre Brauchbarkeit erst durch eine zweckmäßige Einrichtung und Anordnung, wodurch sie zugleich auch ein spe- cielles bibliothekarisches Interesse gewähren. Dazu ist außer der Vollständigkeit und Genauigkeit in den materiellen Angaben, vorzüglich auch eine lichtvolle und leicht zu übersehende Anordnung der Bücher erfoderlich. Die Bahn brachen in dieser Beziehung die Franzosen, namentlich Gabr. Naude durch den „(lat. bibl. 6oiibl. scaclsmiaL'I'Iierssiang^vonJos. von Sartori (13 Bde., Wien 1861,4.) in keiner Weise sich messen. Unter den beurtheilenden Katalogen ((ataloFu« raisonnes), welche nähere Nachrichten und Urtheile, Beschreibungen seltener und merkwürdiger Bücher, auch zum Thcil die Angaben ihrer Preise enthalten, sind außer den wenigen allgemein interessanten Werken dieser Art von Zoh. Fabricius (6 Bde., Wolfenb. 1717, 4.), Jak. Fr. Rcimmann (3 Bde., Hildesh. 1731), Gottlieb Stolle (18Bde., Jena 1733, 4.) u.A. vorzüglich brauchbar die Kataloge von Crevenna (6Bde.,Amst. 1776,4.), Serna Santander (5Bdc.,Brüss. >863) und Lord Spencer, sowie Denis' „Merkwürdigkeiten der Garclli'schen Bibliothek" (Wien 1786 4.) und Nenouard's „(lat. «is la bibl. 565. In Frankreich findctman dergleichen von 1567. Das älteste Privilegium der deutschen Kaiser ist von 1516. Buchhalterei heißt die Kunst, vermöge welcher ein Kaufmann oder sonstiger Rechnungsführer seine Einnahmen und Ausgaben, sowol in Geld als Maaren oder sonstigem Werthe, .in seinen Büchern verzeichnet, sodaß er mittels einer leichten Übersicht den Stand jeder einzelnen Rechnung und seines ganzen Geschäfts zu jeder Zeit ausmitteln kann. Die Buchhalterei beruht, wie der Handel überhaupt, auf den beiden Begriffen von Debet und Credit, oder Dessen, was man besitzt oder doch einzunehmcn, und was man zu bezahlen hat. Sie wird in die einfache und in die doppelte oder ital. Buchhalterei eingetheilt. In der ersten werden die Posten des Debet und Credit zwar voneinander getrennt, aber doch so verzeichnet, daß jedes blos einzeln erscheint, wogegen bei letzterer Gläubiger und Schuldner in beständiger wechselseitiger Verbindung miteinander stehen, zu welchem Ende alle Posten doppelt, einmal als Debet und einmal als Credit, eingetragen werden, wodurch jedem Jrrthume oder Versehen vorgebeugt wird. Diese doppelte Buchhaltung kam im 15. Jahrh. in Italien in Aufnahme, war aber schon ein Jahrhundert früher in Spanien gesetzlich vorgeschrieben. Jeder, der Gelder oder Waarcn sendet, wird Creditor an den Empfänger und jeder Empfänger Debitor an Kaffe oder Maaren. Die Bücher, deren der Kaufmann bedarf, sind hauptsächlich ein Memorial oder Manual, in welches alle Geschäfte und was darauf Bezug hat, ohne weitere Ordnung eingetragen werden; ein Journal, worin das im Memorial Enthaltene nach Debet und Credit monatlich abgesondert wird, und ein Hauptbuch, in welches die im Journal formirtcn Posten auf ihre ordentliche Rechnung gestellt und nach welchem jährlich die Bilanz gezogen wird. Die frühem Schriften über Buchhaltung sind mehr oder weniger 752 Buchhandel veraltet und unbrauchbar. Die neueste und beste ist die von Schiebe „Die Lehre von der - Buchhaltung theoretisch und praktisch dargestellt" (2. Aust., Grimma > 842). Buchhandel. Schon bei den Alten gab es Personen, die sich mit dem Buchhandel beschäftigten. Als solche sind unter Andern die Gebrüder Sosii aus dem Hora; bekannt. Zm Mittelalter traten auf den hohen Schulen, zunächst in Paris seit dem >2. Jahrh., wieder besondere Händler mit Bücherabschriftcn auf, 8tsti«narn genannt, welche als Angehörige der Universitäten betrachtet wurden und deren Gewerbe durch Statuten geregelt war. D.ie Buchdruckcrkunst machte jedoch die Bücher erst zu einer eigentlichen Waare und erhob den Handel mit denselben auf eine höhere Stufe. Die ersten Buchdrucker waren zugleich Buchhändler, wie denn schon Fust seine gedruckten Bibeln nach Paris zum Verkauf brachte. Neben ihnen gab es jedoch bereits gegen Ende des 15. Jahrh. in Italien und Deutschland ' besondere Buchhändler, welche auf ihre Rechnung bei Andern drucken ließen, oder, obgleich selbst zugleich Buchdrucker, auch mit anderswo gedruckten Büchern einen oft über mehre Länder ausgebrcitetcn Handel trieben, so Aldus Mauritius in Venedig, Koburgcr in Nürnberg u. A. Im 16. Jahrh. entstand die Büchermefse in Frankfurt am Main, die sich im folgenden Jahrh. nach Leipzig zog. Hatten anfangs die ital. und franz. Buchhändler das Übergewicht, so gewannen cs ihnen in der Folge, wozu Plantin in Antwerpen den Grund legte, die Niederländer und Holländer ab. Mit dem 18. Jahrh. sonderte sich der deutsche Buchhandel immer mehr von dem ausländischen und bildete sich auf eigenthümliche Weise aus. Erst in den neuesten Zeilen ist eine directe Verbindung mehrer ausländischer, selbst nordamerik. Buchhandlungen mit Deutschland, besonders mit Leipzig, wiederhergcstellt worden, und einige Deutsche haben zugleich Buchhandlungen im Auslande. Die Buchhändler sind jeht, wo sie sich meist auf den neuen Verlag beschränken, und der Handel mit alten seltenem Büchern den besondern Zweig des antiquarischen Buchhandels bildet, entweder Vcrlagshändler, welche die Schriften, die sie auf ihre Kosten haben drucken lassen, gewöhnlich nur an die einen offenen Laden haltenden Buchhändler verkaufen, oder Sortiments- Händler, die in einem offenen Laden vorzugsweise mit Büchern handeln, welche sic von den Verlegern beziehen; doch haben sie häufig zugleich eigenen Verlag, um dessen Artikel gegm fremde durch Tauschhandel umsetzen zu können, oder, da dieser Tauschhandel in den neuern Zeiten wegen der vermehrten Verlagshandlungen nicht mehr so allgemein stattfinden kann, um mit dem etwaigen Vorthcil des Verlagshandels den des Sortimcntshandels zu verbinden. Dieser Verkehr wird in Deutschland durch die jährlich nach Ostern stattfindende Bücher- messc zu Leipzig ungemein befördert, welche die meisten deutschen und viele auswärtige Buchhändler besuchen, um gegenseitig ihre Rechnungen abzuschließen und neue Verbindungen anzuknüpfen. Der deutsche Verleger gibt die bei ihm erschienenen Bücher zum Theil dem Sortimentshändler ü cnnclition, d. h. in Commission auf eine bestimmte Zeit, nach deren Ablauf dieser das Verkaufte bezahlt und das Nichtverkaufte zurückgebcn darf, welche Einrichtung zwar den Vertrieb der Bücher erleichtert, jedoch nicht immer so vorthcilhaft für den Verleger ist als die Einrichtung im franz. und engl. Buchhandel, wo der Sortimentshändler größten- .cheils gleich seinen muthmaßlichen Bedarf von einem Artikel auf bestimmte Rechnung nehmen muß, wie dies ehedem auch in Deutschland beinahe durchgängig der Fall war. Aus- e gezeichnet ist die Einrichtung im deutschen Buchhandel, daß beinahe jede Buchhandlung des ! In- und Auslandes in Leipzig ihren Commissionair hat, durch welchen der Verlag ausgeliefert und bezogen wird. Z. B. in Riga, der ein aus den deutschen Buchhandel berechnetes Buch verlegt, hat L in Leipzig als seinen Commissionair, an den er Exemplare seines Buchs frei einsendet, um dasselbe als Novität oder Neuigkeit an alle mit ihm in Verbindung stehende Sortimentshandlungcn von Wien bis Hamburg, und von Strasburg bis Königsberg, deren jede wieder ihren eigenen Commissionair in Leipzig hat, zu verschicken, wozu er ihm seine Vorschrift über die Zahl der Exemplare für Jeden mittheilt, v gibt diese Novitäten nun in Leipzig an die Commissionairs der Sortimentshändler ab, welche solche wöchentlich oder nach Maßgabe des Verbrauchs öfter oder seltener durch die Post oder durch Fuhre auf Kosten des Empfängers absenden. 6 in Strasburg, der nach Empfang der ihm zur Neuigkeit l gesandten Exemplare findet, daß sie für seine Abnehmer nicht hinreichen, verlangt deren ^ mehr; allein er schreibt deswegen nicht an .4. nach Riga, sondern schickt an seinen Commis- s Buchhandel 753 stonair v in Leipzig einen Zettel, auf welchem die Anzahl der Exemplare, welche er verlangt, bemerkt ist. I) übergibt diesen Zettel an 6, der solchen expedirt, das Verlangte v zur Beförderung an 6 cinhändigt und den Zettel gelegentlich, als Beleg, an ^ einsendet. Dem Sortimcntshändlcr kommt dadurch, daß sich für ihn, von allen Theilen Deutschlands her, wöchentlich eine große Zahl an ihn gerichteter Bücherpackete sammelt, die er zusammcnpacken und an sich absenden laßt, die Fracht ungleich wohlfeiler, als wenn er jedes einzelne Packet besonders zugesandt erhielte, und überhaupt wird dadurch das Geschäft vereinfacht. Besondere Vortheile aber entspringen durch dieses Commissions- und Speditionsgeschäft und durch die Buchhändlermessc für Leipzig, und es haben sich dieselben durch'den 1825 gestifteten Börscnverein der deutschen Buchhändler, welcher die Förderung des deutschen Buchhandels nach allen Richtungen zum Zweck hat und mit Unterstützung der königlich sächs. Negierung 1856 ein treffliches Börsengebäude, sowie auch ein besonderes Statut erhielt, zugleich zum Vorthcil des Bücherverkehrs überhaupt mehr und mehr consolidirt. Dadurch, daß sich die Buchhändler, gleich andern Kaufleuten, über gewisse Procente einigen, welche sie sich gegenseitig als Rabatt von ihren Verlagsartikeln bewilligen, ist es allein möglich, daß dieselben in allen Buchhandlungen Deutschlands, mit wenigen Ausnahmen, zu einem und demselben Preise verkauft werden können. Mehre oder mindere Entfernung von dem Stapelplatze des deutschen Buchhandels, sowie der wechselnde Geldcurs, der verschiedene Münzfuß, die ungleichen Abgaben u. s. w., vermehren oder vermindern natürlich die Unkosten des Verkehrs' und somit auch den Gewinn bei dem Sortimentsgcschäfte, da überdies der Sortimentshändler nicht, wie andere Kaufleute, dergleichen Kosten auf die festbestimmten Preise seiner Waare schlagen kann. Das wahre Grundübel aber des deutschen Literaturvcrkehrs ist der Nach druck (s. d.), entstanden aus dem Mangel an Rechtsbestimmungen über das Eigenthum an Eeistesproducten, zu dessen Abhülfe jedoch durch die Beschlüsse der Deutschen Bundesversammlung vom 9. Nov. 1857 ein wichtiger Vorschritt geschehen ist. Deutschland hat jetzt über 1660 Buchhandlungen und nimmt in Bezug auf die Menge der jährlich erscheinenden Druckschriften unter allen Ländern die erste Stelle ein. Nirgend im übrigen Europa, weder in England noch in Frankreich, besteht bis jetzt eine solche den Verkehr befördernde Verbindung unter sämmtlichcn Buchhändlern wie in Deutschland, und noch weniger ein so wichtiger Mittelpunkt des Handels wie die Büchermesse in Leipzig. In Frankreich ist Paris der Centralpunkt für den Verlagshandel; in Großbritannien wetteifert darin Edinburg mit London. In Italien fehlt es, ungeachtet dort viele und ansehnliche Verlagshandlungen bestehen, ganz an einem solchen wechselseitigen Verkehr, weshalb der ital. Verlag auch am schwierigsten zu beziehen ist. In den Niederlanden sind die wichtigsten Verlagsbuchhandlungen in Amsterdam, Utrecht, Leyden und Harlem. In Brüssel und Lüttich werden viele franz. Originalwerke nachgcdruckt, die im Auslande einen bedeutenden Absatz finden. In Frankreich und England treten oft mehre Buchhandlungen zu gemeinschaftlichem Verlage größerer Werke zusammen, was in Deutschland selten der Fall ist. In Spanien und Portugal wird der Preis jedes Buchs durch eine obrigkeitliche Taxe bestimmt, die demselben in frühem Zeiten jedesmal vorgedruckt wurde. Die nordamerik. Buchhändler stifteten l 862 eine Messe zu Neuyork und setzten eine Meßordnung fest. Von mehren periodischen, dem Buchhandel gewidmeten Schriften ist besonders das seit 1836 in Leipzig erscheinende „Bibliopolische Jahrbuch" zu nennen. Eonv.-Ler. Neunte Aull. ll. 48 Verzeichniß der im zweiten Bande enthaltenen Artikel. B. Seite Balde (Jak.). I Balduin I.—V. (Könige). — Waldung (Hans). 2 Baldur. — Balearen. — Balggeschwulst.— Balkan. 3 Balkh. — Ball. 4 Ballade. — Ballanche (Pierre Simon) 5 Ballast. — Balle (Nikolai Edinger).. — Ballei. 6 Ballenstedt. — Ballesteros (Don Francisco — Luis Lopez).— Ballet. 7 Ballhorn (Joh.). 8 Balliste. — Ballistik. S Ballotage. — Ballspiel. — Balsame. 10 Balsamiren. — Baltimore. II Baltisches Meer. 12 Balzac (Honore de). 13 Balzac (Jean Louis Guez de) — Bamberg. 13 Bambocciaden. 15 Bambus. — Ban. — Banat. Ili Banca. — Banda, s. Gewürzinseln .. — Banda oriental. — Bandello (Mattes). — Lanäs noire. 17 Banden. — Bänder. — Banderien. — Bandit. 18 Bandwurm. — Bandtke (Georg Sam. — Joh. Vincenz). — Bauer (Johan). IS Banim(John).20 Seile Bank. 20 Banken. 21 Banknote. 33 Bankrott. — Banks (Sir Joseph). 33 Bann, s. Acht und Kirchenbann . — Banner, s. Bane'r (Johan) — Banner auch Panier.— Bannrechte. 35 Banquier. 16 Banse, s. Scheune. — Banz. — Baphomet. 37 Baptisten, s. Taufgesinnte. — Baptisterium. — Bar. — Bar (Herzogthum). — Bar (Städte — Bar-le-Duc — Bar-sur-Aube—Bar- sur-Seine). — Bar (Stadt in der Ukraine) 38 Bär. - Bär oder kstaräesu. 30 Baracke. — Varanjen. — Barante (Prosper Brugiere, Baron von — ClaudeJg- nacc Brugiere de). 50 Barattohandel. — Baratynski (Jewgenij Abram). — Barbadoes. 51 Barbar. — Barbarelli (Giorgio), s. Giorgione da Castelfranco. Barbareskenstaaten, s. Berberei. — Barbarismus. — Barbarossa. — Barbaroux (Charles) .... 52 Barbette, s. Bank. — Barbie du Bocage (Jean Denis — Jean Guillau- me—Alexandre Fre'diric) — Barbier (Antoine Alexandre — Louis Nicolas).53 Barbier (Auguste).— Gene Barbier! (Giovanni Francesco), s. Guercino. Barbou (Jean — Jos. Gerald) . Barbour (John). Barby. Barcarolc. Barcelona. Barchent. Barclay (John — William) Barclay (Robert). Bar Cochba (Simon) .... Bardaji y Azara (Don Eulebio de). Bardalc. Barden .. Bardesanes. Bardiet. Bardili (Christoph Gottfr.) Bardowiek. Barere de Bieuzac (Vertrank) .. Barett! (Giuseppe Marcan- tonio). Barfod (Paul Frederik).. - Barfüßermönche. Bari. Baring (Alexander—Franz —SirThomas—Henry— 53 53 56 57 58 5S 60 61 62 —George—HenryBingh) — Bariton. 03 Barka.— Barke. Barker (Edmond Henry) - - 7 - Barlaam. 03 Barlaeus (Kaspar). — Barletta. Barlow(Joel). -7 Barmen. 65 Barmherzige Brüder und Schwestern. 66 Barnabas. -- Barnabiten. —' Barnave (Antoine Pierre Joseph Marie). -"i Barneveldt (Joh. van Olden-), s. Oldenbarne- veldt). 03 1l- Verzeichniß der im zweiten Bande enthaltenen Artikel. 755 Seite Seite Baroc-cio (Fedcrico). 68 Basilides.. 93 Barock. — Basilika. — Barometer. — Basilika (Gesetzbuch).... 94 Baron (Michel). 69 Basilisk. — Baron. — Basilius, Basilianer.... — Baronet. 76 Basis. 95 Baronius (Cäsar). — Basken, die. 96 Barras (Paul Jean Fran- Baskerville (John). — xois Niclas, Graf von) 71 Basrah, s. Bassora. 97 Barraterie. 72 Basrelief, f. Relief. — Barre. 73 Baß. — Barre und Barrister, s.Var. Bassano. — Barren . — Bassclissearbeiten, s. Ta- Barricretractat. — peten. — Barrikaden. — Lasso tai»e. 98 Barros (JoaS de). — Bassethorn. — Narrow (Isaak). 74 Baffompierre (Franx. de) — Narrow (John). — Baffon, s. Fagott. 99 Barry (James). — Bassora oder Basrah.... — Barrp Cornwall, s. Proc- Bastard. — tor (Bryan Waller) .. 73 Bastia. 160 Bart und Barthaare.... — Bartels (Ernst Dan. Aug. —Aug. Christian).... 76 Bartels (Joh. Heinr.)... — Bartels (Karl Mor. Nikolaus). 77 Barth (Christian Karl).. — Barth (Kaspar von).... — Barth-Barthenheim (Joh. Bapt. Ludw-Ehrenreich, Graf von). 78 Barthe (Felix). — Barthel. 79 Barthelemy (Insel). Barthelemy (Aug. Marseille). 86 Barthelemy (Jean Jacq.) — Barthelemy(Frano., Marquis von). 81 Barthe; (Paul Joseph — Aug. B. de Marmorneres) — Barthold (Friedr. Wilh.) 82 Bartholdy (Jak. Sal.).. — Bartholin (Kaspar—Jak. —Thomas —Kaspar— Thomas). 83 Bartholomäus. 84 Bartholomäusnacht, s. Bluthochzcit. — Bartoli (Dctniello). - Bartolommeo (Fra), s. Baccio della Porta ... — Bartolozzi (Francesco) .. — Varton (Elisabeth). 83 Bartsch (Joh. AdamBernh. von — Friedr. Jos. - Adam). — Baryt. — Basalt. — Baschkiren. 86 Basculesystem. — Basedow (Joh. Bernh.).. Basel (Canton und Stadt) 87 Bastille. — Bastion. 161 Bastionirtes System ... - — Bastonnade. — Bataille, s. Schlacht.... — Bataillon. — Bataillonsgeschütz. 162 Batalha. — Batardeau, s. Bär. — Bataver. — Batavia (Land). — Batavia (Hauptst.)..... 163 Bath (Stadt). — Bathori (Stephan—Christoph — Sigismund — Andreas — Gabriel).. 164 Bathos. — Bathyllos. — Batist. — Batjuschkow (Konstantin Rikvlajewitsch). 163 Batocken. — Batoni(PompeoGirolamo) — Batrachier. — Batrachomyomachia.... 166 Battement. — Batterie. — Battcriebaumaterialien.. 168 Batteriemagazine. — Batteriestücke. — Batteux (Charles). — Battuecas (Las). 169 Battus. — Batzen. — Bauch—Bauchspeicheldrüse — Bauchschwangerschaft — Bauchschnitt— Bauchstich. — Bauchredner. 116 Baudin (Nicolas). — Bauer, der. — Bauer (Anton). I II Bauer (Bruno—Edgar). 112 Seite Bauer (Georg Loren;)... 113 Bauernfeld (Eduard).... — Bauernkrieg. — Bauerwetzel. >15 Bauhütten. — Baukunst. 116 Baum. 120 BaumannshLhle. 121 Baume (Antoine). — Baumselderwirthschaft .. — Baumgarten (Siegm. Jak. -Jak.). - Baumgarten (Alex. Gottlieb). 122 Baumgarten-Crusius(Det- lev Karl Wilh.—Gottlob Aug. B.). — Baumgarten - Crusius (Ludw. Friedr. Otto).. 123 Baumgartner (Andr.)... — Baumgartner(GallusJak.) 124 Baumschlag. — Baumwolle. 125 Baumwollenmanufactur. — Baur (Ferd. Christian) .. 128 Bause (Joh. Friedr.—Juliane .Wilhelmine).... 129 Baustil. — Bautain (Louis). — Bautzen. 130 Bavius (Marcus). 133 Bayard(Pierre du Lerrail, Seigneur de). — Bayer (Hieran- Joh. Paul) l 34 Bayer (Joh.). — Bayle (Pierre). — Baylen. 133 Bayonne. 136 Bayonnet. — Bazar. 137 Bazard (Saint-Amand). — Bdellometer. — Bear». — Beatification. 138 Beaton oderBethune (David). — Beattie (James). I3S Beaucaire. — Beauchamp (Alphonse de) — Beaufort (Joh. B. 1. — Thomas — Joh. B. II. — Edmund—Heinr. — Edmund—Joh.—Karl —Heinr. von — Franx. de Bendome, Herz, von) 1 tk Beauharnais (Alex., Vicomte de — Eugen — Franx., Marquis de — Claude, Graf von — Fanny, Gräfin von)... 141 Beaulieu (Jean Pierre, Baron de). 142 Beaumarchais(Pierre Aug. Baron de). — 48 * 756 Berzeichniß der rm zweite» Bande enthaltenen Artikel. Seite Beaumont (Elic de). 113 Behemoth. Seite . 167 Belluno.. Seite .. 201 Beaumont (Francis) und Behr (Wilh. Jos.). Belt. Flekcher (John). — Beichtbrief. . 168 Beludschistan. .. - Beaune. 144 Beichte. Bcl»e«»cre. Beaunc (Florimond) .... — Beichtqeld. . 169 Bclzoni (Giov. Batt.) . .. - Beauvais. — Beichtsiegel. Bem (Jos.). .. 207 Bebung. — Beil (Joh. Dav.). Bembo (Pietro). Becassine - - - - -'. 145 Bcilager. Ben. .. 208 Bcccaria (Giov. Battistai — Beilbrief oder Bylbrief - . - Benares. Beccaria Bonesana (Ce- Beilegen. . 170 Bencoolen. .. 200 sare). — Beira. Benda (Franz—Georg Becher, der. — Beiram. Karl Heinr. Her»,. - Becher (Joh. Joach ).... 146 Bechstcin (Joh. Matthias) — Bechstein (Ludw.). — Bechtelrag. I-t7 Beck ^.Chriüian Daniel-— Joh. Ludw. Wilh.).... — Becken. >18 Becker (Karl Ferdin.) ... I40 Becker (Rud. Zachar. — Friede. Gottlieb). — Becker (Wilh. Gottlieb — Wilh. Adolf). Beckct (Thom.). Beckmann (Friede.). Beckmann (Joh.). Beclard (Pierre Äug.)... Becquerel (Ant. Cesar — Edmond). Beda. Weddoes (Thom.). — Bedeckter Weg. 15-1 Eedford, Grafschaft und Stadt. — Bedingung — Bedingt... Bedlam. Beduinen. Beelzebub. Beer (Jak. Meyer). Beer (Michael). BecrcWilh.). — Beethoven (Ludw. van) .. 159 Bekestigungskunst,s.Kriegs- baukunst. 160 Befruchtung. — Befugnis. Weg. Bega (Cornelius)... Begas (Karl). Begehrungsvermögen Begeisterung.. Begharden. Begierden. Begleitung. Beglerbeg. Begnadigungsrecht. — Begräbnis. — Begriff. 164 Begrüßung. 165 Begrünen. 166 Behaii» (Martin — Mathias-Michael). — Behandlung. 167 >50 151 152 153 155 157 158 161 162 163 Beireis (Gottfr. Christoph) Beirut oder Bairut. 171 Beispiel. — Beitöne. — Beiwerk. 172 Beizen. — Bekenner. — Bekker (Balthasar). — Bckker (Immanuel). 173 Bekker (Elisabeth). — Belagerung. — Belagerungsgeschütz. 176 Belagcrungstrain. — Belehnung. — Beleidigung, s. Injurie .. 177 Bclem. — Beleuchtung. — Belfast. — Belgien. — Belgrad. >02 Belial. 103 Belidor(Bernard Forest de) — Belisar. — Bell (Benjamin—John — Charles).'.. Bell(Ändr.), s. Bell-Lan- caster'sches Unterrichtssystem. Belladonna. — Bellamy (Jak.). — Bellard (Nie. Franc.) ... — Bcllarmin (Rob.). 107 Belle-Alliance. — Bellegarde (Friedr., Graf von). — Belleisle (Charl.Louis Äug. Fouquet, Graf von)... — Bellermann (Joh. Joach.) >08 Bellerophon .... . — Bellevue. IW Belliard (Augustin Daniel, Graf von). — Bellini (Giacomo — Gen- tile — Giovanni). 200 Bellini (Vincenzo). — Bell-Lancaster'sches Unterrichtssystem . 201 Bellman (Karl Michael) . 202 Bellona — Bellonarü .. - 203 Belloy (Pierre Laurent Buirette). — Bell-Rock. — !1 212 213 218 105 196 Friedr. Wilh. Hcinr. Joh. Otto Wilh.). — Bendavid (Lazarus). 210 Bendemann (Eduard) ... Bender. Bendis. Benecke (Georg Friedr.) . Benedict, der Heilige .... Benedict von Äniane .... Benedict, Päpste—B. Ui. bis XIV. Benedict (Jul.). Benediktbeuern.214 Benediktiner. — Benediction. — Benediktow (Wladimir).. 215 Beneke (Friedr. Ed.) .... — Benevent. — Bengalen. 216 Bengalisches Feuer, s. Indisches Feuer Bengel (Joh. Albr.—Ernst Gottlieb von). Benin. Benjamin. Benjowsky (Mor. Äug., Gras von). Benningsen (Levin Äug Lheoph., Graf von) .. Benno, der Heilige...... 22» Benserade (Isaak de) ... - 221 Bensley (Thom.). — Bentharn (Jeremy). 222 Bentheim (Grafschaft — Füi st Kasimir—Alexius -Wilh. von). 223 Bcntinck (Joh. Wilh. von — William Henry Ca- vendish Lord — Wilh. von —Christian—Friedr Ant.—Joh.Alb.-Wilh. Gust.Friedr.-Joh.Karl —Friedr. Wilh.—Tust. Adolf—Friedr. Ant.— Wilh. Friedr. — Karl Ant. Friedr. — Joh. Wilh. Heinr.)....-... 2-1 Bentivoglio (Cornelia). - - 22 » Bentley (Rich. — Thom.) 22» Benzel-Sternau (Christian Ernst, Graf von) —- Benzenberg (Joh. Friedr.) 227 210 Berzeichniß der im zweiten Bande enthaltenen Artikel. 757 Seite Benzoe. 228 Beobachtung. — Beranger (Pierre Jean de) — Berbern. 229 Berbice. A3 Berchtesgaden.233 Berchtold(Leop.,Grafvon) 235 Bercy. — Beredsamkeit. — Berengar. 236 Verenger (Alphonsc Maria Marcellin Lhom.). — Berenhorst (Georg Heinr. von). — Bcrenike. — Beresford (Will., Baron) 237 Bereszina. — Berettini, s. Cortona (Pietro da) . 239 Berg . — Berg (Günther Heinr. von) 230 Berg (Jens Christian)... — Bergakademien. 231 Bergamo. — Bergaffe (Nicolas). — Bergbau. 232 Berge, die. 233 Bergngenthum oder Bcrg- werkscigenthum. 235 Bergen, Bergelohn. — Bergen, Hauptst. 236 Bergen op Zoom, Festung — Bergen, Ort auf Rügen .. 237 Bergen, Berger Warte - - — Bergen, Dorf. — Bergen, s. Kloster-Bergen — Bergen, s. Mons. — Berger (Ludw. von). — Berger (Ludw.).238 Berzerac. — Berghaus (Heinr.). — Berghem (Nikol.). 239 Berggießhübel. — Berggrcn (Jak.). 250 Bergman (Torbcrn Olof). — Bergrecht. 251 Bergregal. — Bergstraße. 252 Bergwerk. — Bergwerksverfaffung.... — Wergwerkswiffenschasten. 253 Beriberi. — Bering (Vitus). — Bcringsstraße. 253 Beriet (Charles Aug. de) - — Berka. — Berkeley (Georg). — Berkeley (Elisab.), s. Cra- ven(Lady). 255 Berkhey (Joh. Lefrancq Berlichingen (Gdtz von) - - — Berlin. 256 Berlinerblau. 202 Seite Berlioz (Hector). 662 Berme. — Bermudas. 263 Bern (Canton und Stadt) — Bernadette (Fürst von Pon- te-Corvo), s. Karl XlV. Johann. 268 Bernardin de Saint-Pierre (Jacq. Henri), s. Saint- Pierre. — Bernauer (Agnes). — Bernburg. 269 Berner (Friedr. Wilh.l... — Bernhard (St.-), s. Bernhardsberg . — Bernhard, der Heilige... — Bernhard, Herzog von Weimar. — Bernhard (Karl, Herzog von Sachsen-Weimar). 272 Bernhard Erich Freund, Herzog von Sachsen- Meiningen . 273 Bernhardt (Aug. Friedr.). — Bernhardiner, s. Cister- cicnser. 273 Bernhardsberg (der Große — der Kleine. — Bernhardy (Gottfr.) .... 275 Berni (Francesco — Graf Francesco). — Berni::i(Gicvanni Lorcnzo) 276 Bernis (Frany. Joach. de Picrres, Comte de Lyon und Cardinal de). — Bernoulli (Jak. — Joh.— Nikol. — Nikol. - Dan. -Joh--Joh. —Jak. — Christoph) 277 Bernstein. 278 Bernstorff (Joh. Hartwig Ernst, Graf von). 279 Bernstorff (Andr. Pct., Graf von). Bernstorff (Christian Günther, Graf von). — Bernward (Bischof). 281 Beroe. — Beroldingen (Jos.', Graf von). — Berofus. 282 Berquin (Arnaud). — Berri (Charl. Fcrd., Herzog von — Karoline Ferdinande Luise — Heinrich, Herzog von Bordeaux) — Berruguctc (Alonso) .... 283 Berryer (Pierre Ant.) ... — Berserker. — Berthier (Alexandre - Victor Leopold — Cäsar).. 285 Berthold.'. 287 Berthollct (Claude Louis, Graf von). — Seite Berthoud (Ferd.—Ludw.) 687 Berti» (Ant., Chevalier de) 288 Bertin (Louis Fran-/. — Louis Frany. B. de Baux —B. de Baux—Armand — Louise). — Bertoli .Giovanni Domenico, Graf von). — Verton (Henri Montan — Frany.). 289 Verton (Jean Baptiste) .. — Vertrank (Henri Gratien, Graf).. 290 Bertuch (Friedr. Justin).. — Bervic (Charl. Clement). 291 Berwick (James Fitz-James, Herzog von). —> Beryll, s. Smaragd. — Bcrzelius(Joh.Jak., Freiherr von).... — Besanvon.. 292 Besborodko (Alexander, Fürst von) ... 293 Beschauung—Beschauliches Leben .'. — Beschicken. — Beschneidung. — Beschreibung . 293 Besessene. — Besitz. — Beskow (Bernhard von).. 296 Deffarabien..... — Beffario» (Johannes oder Basilius). 297 Beffel (Friedr. Wilh.) ... — Besserungsanstalten. 298 Bessi-res tJean Baptiste). — Besten (Besten Bei). 299 Besteck. 300 Bestclmeier (Georg — David). — Besteuerung, s. Steuern - - — Bestimmung. — Bestrichener Raum. 303 Bestuzew (Alex.—Michael) — Bestuzew-Riumin (Alexei, Graf von). — Betel. 302 Bclfahrt. — Betglocke. — Bethesda. — Bethlehem. 303 Bethlehem in Nordamerika —> Bethlehcmiten. — Bethlen Gabor (Gabriel). — Bethmann (Friederike Auguste Konradinc) . 303 Bethune. — Betrug. — Bettelmönche. 305 Bettelwesen. — Betti (Bernardino), s. Pin- turicchio.306 758 Verzeichniß der im zweite« Bande enthaltenen Artikel. Seite Seite Bettinelli (Saverio).306 Bettung. — Beudant (Fran?. Sulpicc) — Beurnonville (Pierre Riet, Graf von). 3»? Beurtheilung —Beurthei- lungskrast.308 Beute'—Beutegeld. — Beutel. — Beutelthiere. — Beuth (Pet. Kasp. Wilh.) 30S Beverland (Adrian). — Bevern (Aug. Wilh-, Her' zog von Braunschweig-) 310 Bevölkerung. — Bewässerung.314 Bewegung. — Beweis—Beweisverfahren 316 Bewußtsein. 318 Bexley (Nik. Banstttart, Lord). 319 Bey, s. Beg. 320 Beyle (Henri). — Beza(Theod-). — Bezeichnung.321 Beziers. 322 Bezifferung. — Bezoarsteine. — Bialowiczcr Haide. — Bialystock. 323 Bianchini (Francesco — Giuseppe. — Bias. — Bibel. 32-1 Bibelgesellschaften.328 Bibelverbot. 331 Biber. 332 Biberach. Biberich. Bibicna (Fern. — Giov. Mar. Galli — Antonio — Gius. — Aleffandro) 333 Libli» pauperum. — Bibliographie. —, Bibliomanie. 335 Bibliotheken .337 Bibliothekwissenschaft.... 333 Biblische Alterthumskunde 341 Biblische Einleitung.342 Biblische Geographie.... 343 Biblische Theologie. — Bicetre. 344 Bichak (Marie Franx.Lav.) — Bicoque. 345 Bidassoa. — Biddle (Nikol.). — Bidpai oder Pilpai.346 Biel...348 Bielefeld. — Bielshöhle. — Wielfki (Marcin—Joach.) — Bienen oder Immen.349 Bienenrecht. 350 Wiener (Christian Gottlob — Friedr. Aug.).351 Bier. — Biernacki (Alois Prosper) 354 Biester (Joh. Erich). 355 Bi'evre (Marechal). — Bigamie. — Bignon (Louis Pierre Eduard, Baron). — Bigot und Bigoterie. 356 Bilanz —Bilanzbuch.... — Bilbao. — Bild. 357 Bildende Künste. 358 Bilderdienst und Bilderverehrung. — Bilderdijk (Willem — Katharina Wilhelmina) .. 360 Bildaießerei. — Bildhauerkunst. 361 Bildschnitzerei. 367 Bildung. — Bildungstrieb. 371 Biledulgerid. — Bilin. — Bill. 372 Billaud-Varenncs. 373 Billigkeit. 374 Billington (Elisabeth)... — Bilsenkraut. 375 Binden. — Bingen—Bingcrloch... — Bingley. — Binocular-Teleskop.376 Binomisch — Binomischer Lehrsatz—Binomialcoef- ficient-.... — Biographie, s. Lebensbeschreibung . — Biologie und Biometrie, s. Leben. — Bion. — Biot (Jean Bapt.). 377 Birch-Pfeiffer (Karoline) - — Birckner (Mich. Gottlieb) 378 Wird. — Biren (Ernst Joh. von), s. Biron. — Birken (Siegm. von).... — Birkenfeld. 379 Birkensaft—Birkenmeth— Birkenwein. — Birkenstock (Joh. Melchior, Edler von). — Birmanisches Reich.380 Birmingham. 382 Birnbaum (Joh. von).... 383 Birnbaum (Joh. Michael Franz). — Biron (Charl. de Gontaut, Herzog von). — Biron oder Biren (Ernst Joh. von). 384 Bisamthier—Bisamratte. 385 Biscaya. — Bischof. 386 Bischofs (Georg Friedr.).. 389 Bischofs (Jgn.Rud.).390 Bischöfliche Kirche, s. Hochkirche . — Bischofsmütze, s. Insul... — Bischofsstab..... — Bischofswerder (Joh.Rud. von). — Bismark (Friedr. Wilh., Graf von). 39t Bison. — Bistouri. 392 Betäube (Paul Jeremie>. - — Bithynien. — Bitsch.'.. 393 Bittersalz. — Bivouac. — Bizarrerie. 394 Björnstöhl (Jak. Jonas). — Björnstjcrna(Magn.Friedr. Ferd., Graf). — Blacas d'Aulps (Pierre Louis, Herzog von).... 395 Black (Jos.). — Blacksisch, s. Sepia. — Blackstone (William — Henry). 396 Blaeu(Wilh.-Joh.—Joh. — Peter). — Blähungen.397 Blair (Hugh). — Blake (Rvb.). 398 Blanc (Ludw. Gottfr.) ... — Blanchard (Frany.). — Blanco, s. Blanquet.399 Blandrata (Giorgio) .... — Blankenburg. — Blankenburg (Christian Friedr. von). 499 Blänkern. — Blanquet. — Blanke Waffen. — Blasenwurm. — Blasien, s. Sanct-Blasien- 491 Blattern. Blattläuse. Blattwespe. Blaubart. Blaue Berge. Blauer Montag. Blaufarbenwerke...... Blausäure. Blausucht. Blaustrumpf. Blaye. Blech. Bleek (Friedr.). Blei. Bleichen... Bleichert, s. Rheinweine. Bleichsucht. 492 403 494 405 406 407 i 4 Berzeichnch der im zweiten Bande enthaltenen Artikel. 709 Ai! t Seile Bleiloth. 407 Bleistifte. — Bleiweiß und Bleizucker, s.Blei. 408 ^Blendung. — M Blendungen. — Blenheim. — Blessington (Marguerite, Gräfin von). 409 Blicher (Sten Stensen).. — -4 Blindagen, s. Blendungen 410 Blindheit. — Blindenanstalten. — Blindschleiche. 412 Blittersdorf (Friedr. Lan- dolin Karl, Freih. von). — Blitz. 413 Blitzableiter. 414 Wlitzröhren.. — Bloch (Mark. Elieser) ... 415 Block (Albr.). — '- Blockhaus. — Blockiren. 416 Blocklaffeten . — Blocksberg, s. Harz. — Bloemart (Abraham — Cornel.—Adrian Heinr. , —Friedr.). — ) Bwis. 417 » Blomfield(Charl.Jam.— Edward Valentine) ... — Blondel. — Bloomfield (Rob.). 418 Blücher (Gebh. Leberecht —Franz—Fried. Gebh.) — Bluhme (Friedr.). 420 Blum (Karl). 421 Blumauer (Aloys). — Blume. 422 ! Blumen. — Blumenbach (Joh. Friedr.) — Blumenhagen (Phil. Wilh. Georg Aug.). 421 Blumenhandel. — Blumenorden, s. Pegnitz- orden. 425 Wlumensprache. — Blumenstücke. — ^ Blut. — Blutbrechen. 426 Blutegel. 127 Blucegelzucht. 428 Blüte und Blütenzeit, s. Blume. — Blutentziehung. — Bluter. 430 Blutfluß, s. Blutung.... — Blutgeld. — Bluthochzeit. litt Blutrache. 432 - Blutregen.... . — Blutsauger, s. Vampyr .. — Blutschande. — Blutschwär. 433 Seite Blutsfreundschaft, s. Verwandtschaft. 433 Blutstein. — Blutsturz. — Bluttaufe. 431 Blutung. — Blutzehent oder Flcischze- hent, s. Zehent. 435 Blyden. — Boa. — Bobbinet — Bobbinetma- schine. — Boccaccio (Giovanni).... 437 Boccage (Marie Anne Fi- quet du — Pierre Jos. Fiquetdu). 439 Boccherini (Luigi). — Bocchetta. 410 Bock (Karl Aug.). — Böckel (ErnstGottfr.Adolf) — BöckhsAug.). 411 Böckh (Friedr. von).412 Bockkäfer. 443 Bocksbeuteleien. — Bode (Joh. Elert). — Bode (Joh. Joachim Christoph) . — Bode (Wilh. Jul. Ludw.) . 414 Bodelschwingh (Ernst von) 445 Bodenkunde .. 446 Bodensee, Bodmansee.... — Bodenstein (Andr.), s.Karl- stadt. 417 Bodin (Jean). — Bodin (Jean Franzwis — Felix). 418 Bodlejanische Bibliothek.. — Bodmer (Georg). — Bodmer (Joh. Jak.). 449 Bodmerei. 450 Bodoni (Giambattista)... — Boedromios. — Boerhaave (Herm.). — Boethius (Anicius Man- lius Lorquatus Severi- nus). 452 Bogdanowicz (Jppolyt Fe- dorowicz). — Bogen. 453 Bogeninstrumente.454 Bogenschuß. — Bogenschützen. — Bogenstrich oderBogensüh- rung. 455 Bogomilen. — Bogota (Santa Fe de)... — Bogulawski (Adalbert)... 456 Bogulawski (Palm Heinr. Ludw. von). — Bohlen (Peter von). 157 Böhme (Jak.). 158 Böhme (Joh. Gottlob)... 460 Böhmen. — Böhmer (Joh. Friedr.).... -167 Seite Böhmerwaldgebirge. ... 467 Böhmische Brüder.469 Böhmische Literatur und Sprache. 470 Bohnenberger (Joh. Gott- lieb Friedr. von — Gottlieb Christoph). 476 Bohnenkönigsfest. — Bohrmuschel—Bohrwurm 477 Boileau Bespreaux (Nicolas — Gilles—Jacques) — Boiffard(JeanJacq.Frans. Marie —Jean Frans.) 478 Boisseree (Sulpiz — Melchior) . — Boiffonade (Jean Fra»?).. 480 Boiffy d'Anglas (Frans. Ant., Graf von). — Bojar. 484 Boje (Heinr. Christian — Heinr.). 482 Bojer (Fahrzeug). — Bojer (Volk). — Bökel (Wilh.). 483 Bokhara. — Bol(Fcrdin.). — Bolero . — Boleyn (Anna), s- Anna Boleyn. — Bolingbrocke (Henry Saint- John, Viscount). — Bolivar (Simon).. 484 Bolivia. 486 Bollandisten. 488 Bollmann (Erich Justus). — Bollwerk, s. Bastion. 489 Bologna. — Bologncserstein. 491 Bolton. — Bolus.. — Bolzano (Beruh ). 492 Bockbardement. — Bombardier—Bombardiercorps. — Bombast. — Bombay. — Bombelles (Ludw. Phil.— Karl Renatus — Heinr. Franz, Grasen von) ... 493 Bomben. 491 Bombenkanonen. 495 Bommel (Cornelius Nich. Ant. von). — Bömmelbcrg oder Böm- melburg, s. Boyneburg- 496 Bona. — Ilona Dea. — Bonald (Louis Gabriel Am- broise, Vicomte de—Henri — Victor—Louis Charl. Maurice). — Bonavarte oder Buonapar- te (Familie). 197 Bonaparte (Joseph). 498 K U 76 !) Berzeichniß der im zweiten Bande enthaltenen Artikel. Seite Bonaparte (Lucian—Charlotte — Christine—Karl — Paolo >— Pietro Napoleon — Antonino). -. 500 Bonaparte (Ludwig—Hortensie Eugenie Beauharnais—Napoleon Karl — Napoleon Ludwig) .... 502 Bonaparte (Hieronymus— Hieron.Napoleon—Amalie Mathilde—Napoleon) 504 Bonaventura.505 Bonchamp (Charl. Welch. Arthur, Marquis de) . 506 Bondi (Elemente). 507 Boner (Ulrich). — Bönhase.< — Boni (Onofrio). — Bonifaz (der Heilige) .... 518 Bonifaz (Päpste).500 Bonifaz IX. — Bonin-Jnseln. 510 Bonitiren. — Bonn. — Bonn (Andreas). 511 Bonnet. 512 Bonnet (Charles — Theo- phile — Pierre). — Bonnet(LouisFerd.—Jul.) 513 Bonneval (Claude Alexandre, Gras von). — Bonneville (Nicolas de) .. 514 Bonnier d'Arco (Ange)... 515 Bonpland (Aimc). — Bonstetten (Karl Victor v.) 516 Bonzen. — Boot. — Bootes. — Böotien . 517 Bopp (Eduard Franz)- — Boppard . 518 Bora. — Bora (Katharina von) ... — Borax. 519 Borarsäure. — Borborianer. — Bvrda (Jean Charl.) .... — Bordeaux. 520 Bordeauxweine. 521 Bordell. — Bordone (Paris).. 522 Boreas. — Borelli (Giov. Alfonso) .. — Borger (Elias Annes) ... '— Borghese (Camillo— Francesco — Marco Antonio — Lcipione Caffarelli— Giov. Battista— Marco Antonio II. — Camillo Antonio Francesco Bal- dasarre — Marco Antonio III.—Francesco— Camillo — Scipio).. 523 Seite Borghese (Camillo Filippo Ludovico— Marie Pauline) . 523 Borghesi (Bartolomeo, Graf). 524 Borgia (Alfons — Rodrigo Lenzuoli — Giov.— Ce- sare — Lucrezia). 525 Borgia (Stcffano — Ales- sandro). 526 Borkenkäfer. 527 Born (Ignaz, Edler von). — Bdrne (Ludw.). .... — Borneo. 528 Bornhauser (Thomas) ... 530 Bornholm. — Borodino. 531 Borrich (Olaf). — Borromeo (Carlo — Fcdc- rico, Grafen). — Borromeische Inseln. 532 Börse Börsenvorsteher. 533 Borstell (Karl Heinr. Ludwig von — Karl Heinr. Emil Albrecht von).... — Bory (Gabriel de). 534 Bory-de-Saint-Vincent.. Bosc (Louis Augustin Guil- laume) . 535 Boscan Almogavcr (Juan) 536 Bosch (Jcronimo de). — Bosch (Graf Jan van den) — Boscovich (Roger Jos.) -. 537 Bose (Kaspar — Gottfr. Christian — Joh. Andr. — Paul — Kaspar — Georg — Ernst Gottlob — Johanna Eleonora— Malte Gust. Karl, Graf) — Böse, das. 538 539 Bosio (Frany. Los., Baron) Bosniaken... — Bosnien. — Bosporus. 541 Boßscha (Herm.). — Bosse oder Rondcbosse — Bossiren. — Bossi (Carlo Aurelio, Ba- 542 ron de) . Bossi (Giuseppe). — Bossi (Luigi). — Boffuet (Jacq. Benigne— Jacq.). Bossut (Charl.). 544 Bostandschi. — Boston .. — Botanische Gärten. 540 Botanybai. 551 Both (Andr. — Joh.) .. - — Botocuden. — Botta (Carlo Giuseppe Guglielmo). Seit« Böttger (Joh. Friedr.)... 552 Böttiger (Karl Aug.).... 554 Böttiger (Karl Wilh.) ... 555 Böttiger (Karl Wilh.) ... — Bottnischer Meerbusen ... 55g Botzen oder Bolzano. - Boucanier, s. Flibustier .. 557 Bouchardon (Edme). — Boucher (Alexandre Jean Celeste). — Boucher (Franc.). — Boudct (Jean, Graf) .... 55k Boudoir. — Bouflcrs (Louis Franc., Herzog von — Joseph Marie, Herzog von)... — Bouflers (Stanislas, Marquis de — Marie Francoise Katharine de Beau- vau-Craon, Marquise».) 551 Bougainville (Louis An- roinede). — Bouguer (Pierre). 56( Bouille (Fran?. Claude Amour, Marquis de)... — Bouillon (Standcsherr- schaft—Bouillon(Stadt) 561 Bouilly (Jean Nicolas) .. 56i Boulainvilliers (Henri, Graf). —^ Boulevards, s. Paris.... 5U Boulogne. — Boulogne(Etienne Antoine) — Boulogner Holz.564 Boulton (Matthew). — Bourbon (Geschlecht) .... — Bourbon (Charles, Herzog von Bourbonnais, der Connetable von). 56k Bourbon (Louis W rie von) 56! Bourbon (Colonie) . ^ Bourbonnais.57< Bourdaloue (Louis . — Bourdon (Sebastiei) .... — Bourges. — Bourgogne (Louis, Herz, v.) 57 Bourgogne, s. Bur und .. 57' Bvurgoin (Theref Etien- nette). - Bourgoing (Jean Franc-, Baron de — Paul de).. - Bourignon (Antoinette) -. 57 Bourmont (Louis Auguste Victor de Ghaisne, Graf von — Amedee). - Bourrienne (Louis Antoine Fauvelet de). 5' Boursault (Edme).5^ Noussolc. ^ Bouterwek (Friedr.). - Bouteselle. - Bouvet (Joach.). 5' Bowdich (Thom. Edward) - Bowditch (Nathaniel).... - Verzeichniß der im zweiten Bande enthaltenen Artikel. 761 Seite Bowles (William Lisle).. 578 Bowring (John). — Boxen. 579 Boyardo (Matteo Maria) — Boyaux. 580 Boydell(John). — Boye (Johannes Kaspar — Johannes). — Boycldieu lAdrien Frans.) — Boyen (Herm. von). 581 Bayer (Alexis, Baron de— Philippe de—Jean Bapt. Nicolas). 582 Bayer (Jean Pierre) .... — Boyle (Robert). 583 (Ooyneburg (Ludwig von— Georg— Sigismund — Konrad—Joh. Christian — Phil. Wilh., Graf zu -Karlvon). 583 « s. Dickens (Charles) — A aacke. — A rbanponne. 585 K baut. — S che — Brachfrüchte — '. rachmonat.,586 ichmann(LuiseKaroline) 587 ^ achygraphie. — rchykatalektisch, s. Ka- ^talcxis. — chylogie. — « . cteaten. — oley (James). 588 z^ansa. 589 §^ge (Magnus, G'raf)'.'.' — Lrv)i(Tychode). — 8 >a. 591 ^ ihmaputra. — A'llow. 593 « ckenburg (Regner)... — A'mante. — A^marbas. — p anchoS. — 5.and. 593 nrandkaffen, s. Feuerversicherung . — Lrandeis. — 3randeln,Bränder,s.Bom- — * den. andenburg (Provinz).. 595 ^ .ndenburg (Stadt) ... 598 - andenburg oder Neu- ^ Brandenburg. — x Zander. — i> mdes (Heinr. Wilh. — ' -rl Wilh. Theod.) ... — ^Pdes (Joh. Christian— stherCharlotre—Char- otte Wilhrlmine). 599 .eandcs (Rud.). 600 randgranaten. — Seite Brandis (Christian Aug.). 600 Brandis (Joach. Dietrich) 60 ! Brandkugeln.— Brandraketen, (.Raketen. — Brandschwärmer. — Brandt (Enewald, Graf von), s. Struensee und Brandt. — Brandt (Sebast.). — Brandtücher. 602 Brandung . — Brandwache. — Branicki (Jan Klemens — Xawcry). — Braniß (Christlieb Jul.).. 603 Branntwein. — Branntweinbrennerei.... 603 Brantöme (Pierre de Bour- deilles, Seigneur de — Andre de). 605 Brasilien. 606 Brasilienholz.615 Bratsche. — Brauen. Braun (Joh. Wilh. Jos.) . 616 Bräune. — Braunfels. 617 Braunkohle. — Braunschweig. — Braunschweig (Stadt) . -. 630 Braunstein. 631 Brauwer (Adrian). — Bravi. 632 Orsro. — Bravour... -- Brawe (Joach. Wilh., Freiherr von). — Breccie, s. Sandstein.633 Brecher. — Brechmittel, s. Emetica .. — Brechschraube. — Brechung der Lichtstrahlen — Brechweinstein. 633 Breda. — Bredow (Gabr. Gottfr.) . 635 Bree (Matthäus Jgnazius van). — Bregenz. 636 Breguet (Abraham Louis) — Brehm (Christian Ludw.). 637 Brchna. — Brcihan. — Breisach (Altbreisach — Ncubreisach). — Breisgau, der. 639 Breislak (Scipio).630 Breite, geographische.... — Breitenfeld...631 'Brcichaupt (Joh. Aug. Friedv.). — Brcithaupt (Ludw. von) .. 632 Breitinger (Joh. Jak.) ... — Breitkopf (Joh. Gottlob Immanuel — Bernhard Seite Christoph — Christoph Gottlob). 632 Bremen. 633 Bremer (Friederike). 636 Bremervörde. —> Bremse. — Brennbare Luft, s Gasarten 637 Brenner (ülons Orennus) — Brennglas. — Brennlinie oder kaustische Linie. 638 Brennpunkt. — Brennspiegel. 639 Brennstoff, s. Phlogiston.. 650 Brennus. — Brennweite. — Brentano (Dominicas von) — Brentano (Clemens).... — Brera. 651 Bresche. — Brescia. — Breslau. 653 Breffon (Charl., Graf)... 656 Brest.... — Bretagne. 657 Bretagnes. 658 Breteuil (Louis Auguste le Lonnelier, Baron von). 659 Breton de los Herreros (Don Manuel). — Bretschneider (Heinr.Gott- fried). 660 Bretschneider (Karl Gottlieb) . 661 Bretzner(Christoph Friedr.) 662 Breughel (Peter—Peter— Joh. —Joh. — Ambros —Abraham—Joh.Bapt. — Kaspar). — Breve. 663 Brevier oder Lreviuriuiu. — Rrevis. 663 Brewster (Sir David) . -. Brianxon.. Briareus, s. Ägävn. Bricke, s. Lamprete. Bricolschuß. Bridgcwater (FrancisEger- ton, Herzog v.—Francis Henry Egerton, Grafv.) Bridgewater-Kanal. Brief. Briefsteller. Brieftaube, s. Taube und Taubenpost. Brieg. Brieg oder Brigue. Bricnne. Brienne (Lome'nie de), s. Lome'nie. Brigade. Brigadestellung. Brigantine. Brigg. 665 667 668 669 762 Berzeichniß der im zweiten Bande enthaltenen Artikel. -. ^ i. -SM 1 Seite Seite Sei. Briggius (Henry). 669 Bronkhorst (Peter van).. . 687 Brulliot (Franz). 61 Brighella, s. Masken.... Bronner (Franz Xaver).. 688 Brüllow (Karl). 71 Brighton. — Bronze. . - Brumaire. — Brigittenorden. 670 Bronzino (Angelo). . - Brun (Friederike Sophie Brillant. — Broschiren. 689 Christiane). 720 Brillat-Savarin (Anthel- Brosses (Charl. de—Rene Brun (Johan Nordahl).. — me). — Graf von). , - Brunacci (Giovanni).... 721 Brille Brillen oder Lünetten.... 671 Brindisi. 672 Brindley (James). — Brinkman (Karl Gust., Baron von). — Brinvilliers (Marie Ma- delaine, Marquise von). 673 Briseis. 674 Brissac (Charl. de Coffe, Graf von — Arthus de Coffe — Limoleon de Coffe -- Charl. de Coffe — Louis Timoleon de Coffe, Herzog von—Limoleon de Coffe, Herz-v.) — Briffot (Jean Pierre) ... 675 Bristol.676 Brisüre. 677 Britannia. — Britannicus Cäsar (Tib. Claudius Germanicus) 679 Britinianer Brixen Brocat Brocchi (Giovanni Battista) — Brocken. 68» Brockes (Barthold Heinr.) 68l Brockmann (Joh. Franz. Hieronymus). — Brddcr (Christian Gottlob) 682 Brody. — Brodzinski (Kazimierz)... Broekhuyzen (Ivan van) . 683 Broglie (Frans. Marie — Victor Frans.—Charles Frans.—Claude Victor) — Broglie (Achille Charles Leontius Victor, Herzog von). 684 Broihan, s. Breihan.685 Brom. — Bromius. — BrLmsebro. 1— Bronchitis. — Bröndsted (Peter Oluf).. — Brongniart (Alexandre).. 686 Brongniart (Adolphe Theodore) . — Bronikowski (Alex. Aug. Ferd. v«, Opesn-).^. 687 Brot — Brottaxen. Brotfruchtbaum. 696 Brotwasser. — Brouckere (Charl. de).... — Brougham and Vaux (Henry Brougham, Baron). 69 l Brouffais (Frans. Jos. Victor — Casimir).... 693 Brouffonet (Pierre Marie Auguste).69 t Brown (John—Will. Süllen) . 695 Brown (Rob.).696 Browne (Georg, Reichsgraf von).697 Browne (Maximilian Ulysses, Reichsgraf von)... 698 Broxtermann (Theobald Wilh.). 699 Bruce. — Bruce (James). — Bruch (ökonom.). 70u Bruch (mathem.). — Bruch (chirurg.). 791 Bruchsal. 793 Brücke. — Brückenau. 765 Brückenbrüder. — Brückenkopf. — Brückenwage, s. Wage... 796 Brücker (Jakob). — Brüder des gemeinsamen Lebens. — Brüder des Sieges, s. Franz ^ von Paula. 707 Brüder und Schwestern des freien Geistes. — Brüdergemeinde. — Brüderschaften. 712 Brügge. — Brüggemann (Joh. Heinr. Theod.).713 Bruamans(SebaldJustin.) 71 t Brühl (Heinr., Reichsgraf von). — Brühl (Friedr. Aloysius, Graf von). 716 Brühl (Hans Moritz, Graf von). 717 Brühl (Karl Friedr. Mor. Paul, Graf von). — 72 ^ ^7 " ."'4 Brunck (Rich. Franz Phil.) Brundusium, s. Brindisi - - 722 Brune (Guillaume Marie Anne). — Brunehilde. 723 Brunel (Sir Marc Jsam- bert)... Brunellen. Brunelleschi (Filippo).... Brunet (Jacq. Charl.)... Bruni (Leonardo). Brünings (Christian).. -. Brüniren. Brünn .. Brunnen. Brunnow (Phil, von).... Bruno der Große . Bruno der Heilige Bruno (Giordano) . Brusa oder Bursa. 7 ^ Brüssel. Brust. 7 7 Brustbräune. 7>- Brüste. , Brustwehr. „ Brüten. Brutto. Brutus (Lucius Junius).. /M Brutus (Marcus Junius)«' ><- Bruyn (Abraham de — Ni-! kolas de—Cornelius de) Bryant (James). Buache(Phil.—JeanNikol.) ^ Bubastis. Bubna und Littitz (Ferdin., Graf von). ^ Buccari. ' ^ Buccentaur od. Bucentoro Bucephalus. -7 Bucer (Martin). — Buch. 7t> Buch (Leopold von). —> Buchanan (Georg). 7^ Harri — Buchara hdruckerkunst .... her (Ant. von).... Herformat. Herkataloge . Herprivilegium. -. hhaltcrei. hhandel. 74l 7 ' 7i w o Q. co 6- w