710 Brüdergemeinde
Litanei gebetet, gegen l 0 Uhr eine Predigt, Nachmittags um 2 Uhr eine Kinderstunde,um 3 Uhr eine Homilie für das Ehcchor allein, gegen 5 Uhr eine Singstunde für dieAbendmahlsgcnosscn und Abends die Gcmeindcstunde gehalten. Auch in der Woche sin-den zuweilen Homilicn für die einzelnen Chöre und liturgische Versammlungen statt, inwelchen lchtcrn Brüder und Schwestern im Gesänge abwechseln, und jeder Theilnehmendeseinem Nachbar zum Zeichen des Liebcsbundcs der Gemeinde den Friedcnskuß gibt. Jedervierte Sonntag heißt ein Eemeindetag, weil an demselben die Nachrichten des Wochenblattsvorgelesen werden. Außerdem feiert noch jede Gemeinde gewisse Gedenktage zur Erinne-rung an die wichtigsten Begebenheiten aus der Geschichte der Unität, z. B. den I. Märzals Stiftungstag der alten, den 13 . März als Stiftungstag der erneuerten Brüdergc-gemeinde, auch den 6. Juli als Huß's Todestag, und jedes Chor seine Feste. Der Iah-resschluß wird in der Mitternacht des letzten Decembers mit Vorlesung der Memora-bilien der Unität begangen. Besonders rührend ist die Feier des Abendmahls, welchesAlle, die dazu fähig find, einmal in jedem Monat genießen. Die Stelle der Beichte vertrittdas sogenannte Sprechen acht Tage lang vor dieser Feier, wobei jeder Chorhclfer sich mitden Communicanten seines Chors einzeln über ihren Seelenzustand bespricht. Das Fuß-waschen findet jetzt nur noch am Grünen Donnerstage statt. Eine Stunde vor jedem Abend-mahlsgenussc und sonst an Festtagen wird, nach dem Muster der Agapen der apostolischenKirche, das Liebesmahl gehalten, wobei die Gcmeindeglieder unter Gebet und Gesang Theemit Backwerk genießen. Der Tod eines Gcmeindemitgliedes wird der Gemeinde durch dasAbblascn eines Liedes vom Thurme mit Posaunen verkündet, und aus der Melodie erkenntman, welchem Chore der Verstorbene angehört, weil jedes seine eigenen Sterbemclodicn hat.Trauer findet nicht statt. Unter Posaunenschall wird die Leiche im hellangestrichenen Sargeauf den Gottesacker, der einem Garten gleicht, getragen. Am Ostermorgen zieht die Ge-meinde bei Sonnenaufgang mit Musik auf den Gottesacker und feiert in der Freude überdie Auferstehung des Herrn das Andenken an die im letzten Jahre verstorbenen Glieder.
Die in der ganzen Brüdergemeinde ziemlich gleichmäßig eingesührten policcilichen undgottesdienstlichen Anstalten können den Zweck, allen Gemeindegliedern eine ziemlich gleicheStimmung zu geben, um so weniger verfehlen, da die Cultur der Wissenschaften, welche dieMeinungen trennt, im Allgemeinen eher Widerstand als Beförderung bei dieser Gesellschaftfindet. Um die Jugcndbildung hat die Brüdergemeinde wesentliche Verdienste; ihre Er-ziehungsanstalten, bei deren Einrichtung Zinzcndorf die Francke'schen in Halle vor Augenhatte, dienten bis in die zweite Hälfte des vorigen Jahrh. in Deutschland zum Muster. DieMädchenanstalt in Herrnhut und die Knabcnanstalt in Niesky stehen auf einer hohen Stufe;beide gehören, wie die Kinderanstalten zu Fulneck, dem Hauptgcmeindeorte in England, dergesammten Unität, welche darin die Waisen arm verstorbener Beamten und Diener erziehenläßt. Allgemeine Unitätsanstalten sind das Pädagogium zu Niesky, welches für Knaben,die sich den Studien widmen wollen, die Stelle eines Gymnasiums vertritt, und die Lehran-stalt zu Gnadenfeld in Schlesien, die vorzüglich zur Bildung von Predigern bestimmt ist.Ähnliche Anstalten gibt es zu Fulneck in England und zuNazareth in den Vereinigten Staaten.Die vielen Zuchtrücksichten, welche die Brüdergemeinde nimmt, verengen den Bleck zu sehr,als daß sich jemals ein freies wissenschaftliches Streben bei ihr hätte zeigen können. IhrePrediger, die ohnehin keinen besvndern Stand ausmachen, erheben sich in ihrer Bildungnur selten viel über die ungelehrten Brüder, und wenn einige in ihren Lehrverträgen durchSalbung und Herzlichkeit zu ersetzen wissen, was ihnen an-Gedankenfülle und Beredtsam-keit abgeht, so genügen doch Andere um so weniger, da auch Unstudirte zu Lehrämtern ge-langen und überall bei der Wahl mehr auf persönlichen Glauben, Anhänglichkeit an dieSache der Gemeinde und praktische Brauchbarkeit, als auf vorzügliche Talente und wissen-schaftliche Bildung gesehen wird. Daher trifft man unter den Beamten der Brüdergemeindemehr erfahrene, kluge und anstellige Menschen als eigentliche Gelehrte, wiewol sich seit derStiftung derselben Männer von vorzüglicher Geistesbildung, wie in ältcrn Zeiten Span-genberg und in der neuern der Engländer Latrobe (s. d.) und der verstorbene Bischof Al-berten! in ihrer Mitte ausgezeichnet haben. Die Brüder und Schwestern leben freilich zumgroßen Theil in einer Beschränktheit und Unkunde Dessen, was nicht gerade in der Gemeinde