684 Broglie (Achille Charles Leontius Victor, Herzog von)
Auflösung desselben trat er 1796 in russ. Dienste, zog sich aber später ganz aus dem öffcni-lichen Leben zurück und starb in Münster 180-1. — Der zweite Sohn, Charles Franc.,Graf von B., geb. am 20. Aug. 1719, ist in der Geschichte der franz. Diplomatikdadurch berühmt, daß ihm Ludwig XV. die Leitung seines geheimen Ministeriums anver-trautc. Obgleich er das schwierige Geschäft mit vieler Gewandtheit führte, so entstandendoch, da dieses geheime Ministerium dem öffentlichen nicht selten geradezu entgegenwirktc,die größten und oft lächerlichsten Verwirrungen. Er ward deshalb vom Könige der Formnach verbannt, zugleich aber insgeheim beauftragt, in der Verbannung seine Geschäfte wiezcither fortzusctzen. Unter Ludwig XVI. hatte er keine Anstellung und starb 1781. — Derdritte Bruder, ClaudcVictor, ErafvonB-, geb. 1758, ging ganz in die Ideen ein,welche die Revolution herbeiführten, und war bei den Ecneralständen Abgeordneter desAdels von Kolmar. Nach der Auflösung der Constituirendcn Versammlung erhielt er alsMarechal de Camp bei der Rheinarmce eine Anstellung. Als er aber sich weigerte, die De-krete vom 10. Aug. anzuerkennen, wurde er außer Thätigkeit gesetzt, später deshalb vor dasRevolutionstribunal gefodert und am 27. Juni 1791 guillotinirt.
Broglie (Achille Charles Leontius Victor, Herzog von), Pair von Frankreich, derSohn des Zuletzterwähnten, geb. 1785, wurde trefflich erzogen und folgte anfangs seinerNeigung für die schöne Kunst. Bald aber zogen ihn ernste Wissenschaften und praktischeStaatsverwaltung mehr an. Er genoß der belebenden und bildenden Gesellschaft der Frauvon Stael und vermählte sich mit ihrer Tochter. Unter der Kaiserregierung war er Staats-cath, Auditor, Militairintendant in Jllyrien und in Valladolid und franz. Gesandtschafts-cath in Warschau, Wien und Prag. Seit der Restauration nahm er Sitz in der Pairs-kammer und gab glänzende Beweise seines tiefen Studiums der gesellschaftlichen Verhält-nisse in den höher» Ständen und der für die jetzige Civilisation geeigneten Gesetzgebung.Im Processe des Marschalls Ney war er einer der Pairs, die das Nichtschuldig ausspra-chcn. Er erklärte sich mit Nachdruck gegen die Ausnahmegesetze und gegen die Proskriptionen.Als das Ministerium die Macht der Police! zu erweitern strebte, fand seine den modernenBeamtenstaat betreffende Behauptung viel Beifall, daß jetzt die Regierungen Alles undüberdies allein versehen wollten, woraus die doppelte Unbequemlichkeit entstände, daß dasPublicum die Thatsachen nicht kenne, welche die Regierung zu außerordentlichen Beschlüs-sen bestimmten, und daß zugleich die Regierung die öffentliche Meinung nicht erfahre. BeiGelegenheit der Debatten über die Censur der Zeitschriften bemerkte er: „Jede neue Regie-rung kann um so unbedenklicher die freie Rede gestatten, je weniger sie die Misbräuche dervorigen zu vertreten sich berufen fühlt. Die Preßbeschränkung verhüllt den Ministern durchihre eigene Schuld die wahre Kenntniß der Lage, worin sie sich zur Nation befinden. UnterAnderm schwächt sie ungemein die günstigen Vorurtheile des Publicums für die Verwal-tungsfähigkeit der hohen Angestellten der Krone. Die Preßbeschränkung hat nur Werthfür Minister, die sich einer Partei im Staate leidenschaftlich in die Arme werfen und dieserPartei Willkür und Überschreitungen gestatten wollen." B. hat schwerlich an einem Planzum Umsturz des Throns der ältern Bourbons Theil genommen. In der Thatsache derJulirevolution aber glaubte er einen Parallelismus mit der engl. Thronrevolution vonl688zu entdecken, trat hiermit in die Ansichten Guizot's und derDoctrinaires ein und galt selbsteine Zeit lang für das Haupt dieser Fraktion. Er ward am 30. Juli 1830 von der proviso-rischen Regierung zum provisorischen Minister des Innern und im Aug. vom Könige zumMinister des Cultus und Unterrichts, sowie zum Präsidenten des Staatsraths ernannt, imNov. aber, bei dem Eintritt Dupont's de l'Eure ins Ministerium, nebst den übrigen Doc-trinaircs entlassen. Jetzt stellte er sich in der Pairskammer dem Andrange der Volksparteientgegen und vertheidigte im Geiste seiner Vorliebe für die brit. Verfassung die Erblichkeitder Paine; er sprach für das Sühnfest der Hinrichtung Ludwig's XVI. und bestritt in denVerhandlungen über die Verbannung der ältern Linie der Bourbons den auf Karl X. an-gewandten Ausdruck Exkönig. Vom Oct. 1832—Apr. 1831, dann vom Nov. 1831—Febr. 1836, war er Minister des Auswärtigen und vom März 1835 bis zu seinem Aus-tritte zugleich Conseilspräsident. In dieser Eigenschaft unterhandelte er mit England diein neuester Zeit wieder zur Sprache gekommenen Verträge über das gegenseitige Durchs»'