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2 (1845) Balde bis Buchhandel
Entstehung
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Brief

widcrung Anspruch machen, die dann Antwortschreiben heißt; werden diese beiden mehr-mals wiederholt, so entsteht ein Briefwechsel oder eine Correspondcnz. Der Stoff desBriefs kann ebenso verschiedenartig sein wie der des Gesprächs und so selbst auf die gering-fügigsten Gegenstände sich erstrecken. Da aber der Brief in Beziehung auf unser Verhältniszu andern Personen die Stelle des Gesprächs vertritt, so bcstchtdas Hauptkennzeichen desselbenin dem treuen Abbilde des menschlichen Charakters, sowie des gewöhnlichen Verkehrs derMenschen untereinander. Daher muß man bei der inner« Anordnung oder Disposition einesBriefs, die übrigens den Gesehen jedes andern Aufsatzes unterworfen ist, allen Anscheinkünstlicher oder absichtlicher Abfassung zu vermeiden suchen und nur dem natürlichen Zuge derGedanken und Gefühle folgen. Hieraus ergibt sieb ferner, daß die Sprache des Briefs derLebendigkeit der mündlichen Unterhaltung sich annähern muß, sodaß man den Schreibendenvor sich zu sehen und zu hören glaubt. Die Leichtigkeit und Natürlichkeit der brieflichenMitthcilung besteht daher in dem einfachem und fließender» Ausdrucke der Gedanken, demman Vorbereitung und Anstrengung nicht ansieht, in jenem Ausdrucke, der die Gegenständeder Mitthcilung und die.Lage der Mitthcilenden ungcsucht und klar bezeichnet, und in dcmleicht verständlichen Zusammenhänge der Gedanken, durch welchen sich der Brief zu einermusterhaften stilistischen Darstellung erhebt. Nach den vier Hauptzwecken des Briefs hatman auch vier Arten desselben angenommen, deren Grenzen sich aber nicht immer gcnaaziehen lassen, da oft zwei oder mehre Zwecke vereint erscheinen, nämlich den freundschaftlichenoder vertraulichen, den Höflichkcits- oder Anstands-, den Geschäftsbrief und endlich den be-lehrenden oder didaktischen Brief. An letzter» grenzt die poetische Epistel (s. d.), sowie dieseumgekehrt in den didaktischen Brief übergeht, wovon die „blpistol.» sei kisones" des Horazein Beispiel liefert. Bei den Alten bildete die Epistolographie einen eigenen Zweigder Literatur; doch wurde sic bei den Griechen mehr als eine rhetorische Übung betrachtet,wobei man sich in die Lage und Darstcllungsweise ausgezeichneter Männer der frühernZeit versetzte und so in ihrem Geiste zu schreiben suchte, wie dies bei den angeblichen Briefendes Sokrates, Platon, Lhcmistokles, Phaleris u. A. der Fall ist. Bei den Römern erlangteder Brief im eigentlichen Sinne des Worts den höchsten Grad der Vollkommenheitdurch Cicero; die Briefe des jüngern Plinius sind zu gesucht, um schön zu sein. In derPeriode nach Augustus sing man au, der brieflichen Form sich zur Mitthcilung wissen-schaftlicher Gegenstände zu bedienen, >v>c dies in den Briefen des Seneca geschieht. Zn derspätem Zeit ist der Brief nach allen Seiten hin immer mehr vervollkommnet und ausgebildetworden, sodaß wir in den Literaturen aller gebildeten Nationen treffliche Muster besitzen, wiein der franz. Literatur die Briefe der Frau von Se'vignc, der Ninon de l'Enclos, der Badet,Racine's, Voltairc's und Rouffeau's, die von Richelet gesammelten Meisterbriefe und andere;bei den Engländern zeichneten sich in dieser Hinsicht aus William Tcmple, Addison, Pope,Swift, Bolingbroke, Uorik (Sterne), Chesterfield, Gray und Cowper; in der ital. Literaturwerden die Briefe des Manutius, des Cardinals Bcmbo, Bentivoglio, Bemardo Taffo,die von Lodovico Dolce und Annibale Caro gesammelten, die des Pietro Aretino, Algarottiund Gasparo Gozzi gerühmt. Auch die Deutschen haben ausgezeichnete Muster, wie Lcssing,Winckclmann, Bonstctten, Klopfiock, Wieland, Gcllert, Weiße, Jacobi,Garve,Abbt, Gleim,Bürger, Kant, Lichtcnberg, Johannes von Müller, Goethe, Schiller, G. Förster, Weber,Zcan Paul Friedrich Richter, Matthiffon und viele Andere. Unter den didaktischen Briefenbehaupten die von Mendelssohn, Jacobi, Herder, Johannes von Müller und Joh. GeorgMüller einen vorzüglichen Platz. Selbst für die Behandlung reinwissenschaftlicher Gegen-stände hat man die Briefform gewählt, wie dies Bolingbroke in seinen „Utters cm tiiestuck/ ok iiistor/" gethan. Ruhnken und Wyttcnbach lieferten in Briefform (Lpistola cri-tica) Beiträge zur Kritik und Erklärung alter Schriftsteller; Demoustier schrieb „I^ettres»Lmilie sur In m/tünlngie" (6 Bdc.) und Röhr „Briefe über den Nationalismus". Häufignamentlich hat man nach dem Vorgänge des Griechen Aristänetus, der erotische Erzählun-gen in dieser Form hinterlassen hat, den Brief zur Einkleidung des Romans benutzt. Inneuester Zeit hat auch die Sitte mehr und mehr überhand genommen, den Briefwechsel vonverstorbenen ausgezeichneten Gelehrten herauszugebcn, wobei man indcß nicht immer wederquf den Verstorbenen noch insbesondere auf noch Lebende die nöthigc Rücksicht genommen hat.