Baukunst 117
je lebendiger der historische Fortschritt ist, um so charaktervoller zeigt sich dies in den Gestaltun-gen der Architektur. So sind die Denkmäler der Baukunst recht eigentlich die Denkmälerder Culturgeschichte des menschlichen Geschlechts. Auf den niedrigsten Stufen der Culturhaben die architektonischen Denkmäler das einfachste Gepräge; hier geben sie nur erst die all-gemeinste räumliche Bezeichnung. Aufgeworfene Erdhügel, aufgerichtcte Steine, Steinkrciseund anderweitig zusammengelegte oder gestellte Steine und Felsblöcke sind die Monumentedieser ersten, ursprünglichsten Gattung. Wir finden deren überall auf der Erde, besonderszahlreich jedoch und nach einem gewissen Systeme behandelt in den nordcurop. Ländern; inden letztem entwickeln sie sich sogar schon zu einer eigenthümlichen Majestät, wie namentlichdas großartige Denkmal von Stonehenge bei Salisbury in England bezeugt. Eine zweiteStufe der Entwickelung, in welcher das architektonische Denkmal, und zwar in verschiedenausgebildcten Graden, genaue Maßbestimmung, Theilung und Gliederung erhält, tritt unsin den Monumenten der Südsee-Jnscln, des südlichen Amerika und vornehmlich in denenvon Centralamerika entgegen. Die Denkmäler des alten Mexico, die in neuerer Zeit soviel interessante Forschungen erweckt haben, zeigen in ihren Teocallis die einfachste architek-tonische Form, die der Pyramide zum Theil schon in reicher Weise ausgcbildet und mannich-fach geschmückt Hierauf erst folgt die Stufe, welche die ältesten Bauweisen der sogenanntenalten Welt außerhalb Europa einnehmen. Die Ägypter gehen ebenfalls von der Formder Pyramide aus; aber sie verbinden damit zugleich einen Säulenbau, welcher zuerst einelebensvolle Gliederung der architektonischen Kräfte einführt. Doch behält ihre Baukunstdurchweg einen düstcrstrengen Charakter bei, und sie können sich namentlich nicht dazu ent-schließen, dem Säulcnbau eine selbständig freie Entfaltung zu geben. Die Blütezeit desägypt. Lebens unter dem großen Ramses oder Sesostris und unter seinen nächsten Vorgän-gern und Nachfolgern, in der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. Geb. bezeichnet auch dieBlütezeit ihrer Architektur. Die vorzüglichsten Denkmäler von Theben, im ober» Nillande,gehören in diese Periode. Der ägypt. Baukunst im Westen steht dieindische im Osten ent-gegen. Auch hier tritt das Streben nach lebensvoller Gliederung hervor, ungleich mannich-faltiger sogar als dort, aber ohne das Gesetz einer höhcrn Ruhe und geordneten Harmonie.Die großartigsten und altcrthümlichsten der ind. Denkmäler sind in den Felsen gemeise.lt,besonders als Höhlenbauten; diese, zum Theil vonsehr umfassender und ausgebildeter Anlage,finden sich vornehmlich in den Ghatgebirgen auf der Westseit» des Dekan und vorzüglichbedeutend sind unter ihnen die von Ellora. Im eigentlichen Freibau herrscht wiederum dieForm der Pyramide vor, die hier zumeist jedoch in bunter Vcrschnörkelung erscheint; diePagoden auf der östlichen Küste Indiens geben dafür die bemerkenswerthcsten Beispiele.Eine eigenkhümliche, zumeist etwas nüchterne Ausbildung erhält der ind. Baustil in denreligiösen Denkmalen der Buddhisten, deren Formen sodann weit über die östlichen LandeAsiens umhergetragcn sind, nach Kabulistan, dessen Topes neuerdings ein Gegenstand derForschung geworden sind, nach Ceylon, Java, Nepal und China; die Monumente der beidenzuletzt genannten Länder aber zeigen wieder eine mehr oder weniger barocke Umgestaltungihrer Vorbilder. Dann sind die Denkmale des westlichen Asiens zu erwähnen; doch ken-nen wir diese nur aus vereinzelten Nachrichten alter Schriftsteller und aus geringen Resten.Der Tempel des Belus zu Babylon erscheint als ein Pyramidenbau, ganz den mexic. Tco-callis vergleichbar. Eine Ausstattung mit prächtigen und glänzenden Stoffen ist als charak-teristische Eigcnthümlichkeit der babylonischen Bauweise anzuführcn; sic geht von dortaus auch auf die Baukunst der übrigen westasiat. Länder über. So auf die der Phönizierund der Israeliten, deren bedeutsamstes Bauwerk, der unter Salomo gebaute Jehova-Tem-pel, durch phönizische Künstler aufgeführt ward. So auch auf die Meder und Perser. Vonden Denkmalen der letzter» sind mehre Felsengräber und die-Rninen des Palastes von Persepolis erhalten; sie zeigen einen schon auf einer höher» Stufe der Entwickelung stehendenSäulenbau. Seine höchste, vollkommen gesetzmäßige Vollendung erhielt der Säulenbau beiden griechischen Nationen, zunächst durch die Volker dorischen Stamms, welche denselbenmit strengem Ernste, nur auf einen allgemein würdigen Eindruck und nur auf diejenigen For-men bedacht, die mit unabweislicher Consequenz aus dem Princip des Säulenbaus hervor-gehen mußten, durchbildetcn. Eine weichere, mehr anmnthige Gestalt, nickt ohne Einwirkung