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2 (1845) Balde bis Buchhandel
Entstehung
Seite
116
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L 16 Baukunst

abhängigen Verhältnissen; als Haupthütten in Deutschland galten die von Strasburg, Köln,Wien und Zürich, von denen die erste den obersten Vorrang gewann' (S. Freimaurer.)

Baukunst ist in allgemeiner Bedeutung subjektiv die Geschicklichkeit oder objectivdas System von Regeln, deren man bedarf, um alle Arten Gebäude nach Zweck und Be-dürfniß dauerhaft, bequem und wohlgefällig aufführen zu können. Je nach den Gegen-ständen, mit denen ste beschäftigt ist, theilt man sie ein in bürgerliche Baukunst, Kriegs-,Schiffs-, Mühlen-, Land-, Wasser-, Brücken-, Straßenbaukunst u. s. w. Bei derMehrzahldieser Gattungen, überhaupt bei allen denjenigen Werken der Baukunst, welche es ausschließ-lich nur mit den äußern Bedürfnissen des Lebens zu thun haben, kann es nur auf mechanischeTüchtigkeit, auf äußere Zweckerfüllung ankommen; ein wesentlich abweichender Gesichtspunktfür die Auffassung der Baukunst tritt jedoch ein, wenn der Mensch darauf ausgeht, demmechanischen Werke seiner Hand zugleich das Gepräge seines Geistes aufzudrücken. Hier be-ginnt der Begriff der schönen Baukunst. Unter diesem Gesichtspunkte wird sie zu einerselbständigen und freien Kunst, gleich den übrigen Künsten, wenn schon diese Selbständigkeiteine mannichfach abgestufte sein kann, je nachdem das Bauwerk mehr oder weniger von äu-ßern Bestimmungen abhängig ist und seine Formen mehr oder weniger durch die letztembedingt werden. Ihre vollkommene Freiheit erreicht sie bei denjenigen Werken, deren Be-stimmung von vornherein eine geistige ist, bei Tempeln, Monumenten u. dgl. Die Bau-werke der letztem Art kommen somit bei der Betrachtung der schönen Baukunst, der Ar-chitektur als wirklicher Kunst, vorzugsweise nur in Anregung; an ihnen entwickeln sichdie architektonischen Formen, diejenigen, welche der Ausdruck des künstlerischen Gefühls sind,in ihrer charakteristischen Bedeutung, während die für äußerlichen Bedarf aufgeführtenBauwerke, z. B. die Wohngebäude, nur eine Decoration zeigen, deren Formen von denen derfümdeale Zwecke errichteten Bauten entweder unmittelbar entlehnt sind, oder doch in denletztem ihre eigentlich bestimmende Begründung finden.

Die architektonische Kunst, als solche, bringt die allgemeinen Gesetze und Kräfte desRaums und den Geist, welcher dieselben belebt, zur geschlossenen, faßbaren und wahrnehmba-ren Erscheinung. Es kommt bei ihr somit zunächst auf die räumlichen Maße und deren gegen-seitiges Vcrhältniß, sodann auf die Theilung und Gliederung, endlich auf die Entwickelungder Thcile auseinander und zu einem gemeinsamen Ganzen an. Diese Bestimmungen wer-den durch die architektonischen Formen ausgedrückt; die Beschaffenheit der letztem wird durchden Eestaltungs-Proceß des architektonischen Werks bedingt, sie find unmittelbar die Ver-körperung desselben, aber in völlig unabhängigem idealen Sinne, an sich ohne alle Rücksichtauf jene mechanischen Bedingnisse, welche hier nur für die äußerliche Realisation der Ideein Betracht kommen. Zn diesem höher» Sinne hat F. Schlegel die Architektur so sinn-reich als gefrvrnc Musik bezeichnet. Je vollkommener der Organismus ist, welcher das archi-tektonische Werk durchdringt, je mannichfaltiger die Kräfte sind, welche sich in demselben zueiner gemeinsamen Wirkung vereinen, um so bewegter und lebensvoller werden auch diearchitektonischen Formen, und je selbständiger diese Kräfte sich trotz ihres Zusammenwirkensgliedern und je individueller sie aus den allgemeinen räumlichen Gesetzen hcrvortreten, um somehr streben sic nach einer individualisirenden Gestalt. Hier verbinden sich mit den remarchitektonischen Formen die selbständig belebten Organismen der Natur und auf dem Gipfel-punkte der Entfaltung erscheint endlich das vollkommenste natürliche Gebilde, welches derunmittelbare Ausdruck des freien Geistes ist, die Gestalt des Menschen. Die Architektur unddie bildende Kunst stehen somit im unmittelbaren, sich gegenseitig bedingenden und erhöhendenZusammenhänge. Doch ist zu bemerken, daß das Streben nach dem letztem schon auf frühen,zum Theil noch sehr wenig ausgebildeten Entwickelungsstufen hervortritt, daß aber die Ver-bindung der architektonischen und bildnerischen Formen hier mehr oder weniger noch als einewillkürliche erscheint, und daß sie um so inniger wird, je höher der Organismus ist, der dasGanze erfüllt.

Die Baukunst in ihrem Begriff als freie Kunst ergibt sich nach solchen Voraussetzungenferner als der unmittelbare Ausdruck der gemeinsamen Sinnesrichlung, des gemeinsamengeistigen Strebens in Zeit und Volk. Je schärfer dieVolksthümlichkeiten voneinander unter-schieden sind, um so bestimmter unterscheidet sich auch die Bauweise der verschiedenen Völker;