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Ernst Götzinger : ein Lebensbild ; mit Porträt
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III. Lebensarbeit. 33

Eisbahn und einmal pumpte ich mir Schlittschuhe, um meinen Beinen Bewegung zu gönnen.Es gieng so so la la. Wenn mein Wörterbuch fertig ist, kauf ich mir Schlittschuhe undrestauriere meine Gesundheit damit!" Das „Reallexikon" mag, auch in der zweiten Auf-lage die bald nötig wurde, einige von den Germanisten strenger Observanz gerügte Mängelhaben ■ denn unmöglich konnte der Verfasser die verschiedenartigen, zahllosen Gebiete, überdie er sich auszusprechen hatte, gleichmässig und zu allseitiger Befriedigung beherrschen,oder die massenhafte Literatur, die in Büchern und Zeitschriften über einzelne Materienaufgespeichert war, in auch nur annähernder Vollständigkeit verwerten. Aber er erhob mitseinem Buche keineswegs den Anspruch auf selbständige wissenschaftliche Forschung; erwandte sich auch nicht an Gelehrte von Beruf, sondern einfach an „Freunde und Liebhaberdes deutschen Altertums, welche ohne besondere Studien dieser Art zu pflegen, einen inseiner Art ausgiebigen Batgeber gerne zur Seite haben." Und diesen Kreisen tat das Werkvollauf Genüge. Einzelne Artikel, wie Ehe, Femgericht, Germania, Geschichtschreibung,Höfische Dichtung, Humanismus, Ritterorden und Rittertum, Zunft- und Gildenwesen J ), ge-stalteten sich zu höchst instruktiven Abhandlungen. Mit gutem Recht durfte die neue Auf-lage, die reichlich 70 Bogen stark im Jahre 1885 zur Ausgabe gelangte und die Uneben-heiten des ersten Wurfes nach Möglichkeit beseitigte, als ein Hand- und Nachschlagebuchder Kulturgeschichte des deutschen Volkes bezeichnet werden.

Zwischenhinein schrieb Götzinger eine Menge kleinerer Aufsätze über sprachliche,literarische und historische Gegenstände. Er pflegte sie vorerst dem Historischen Vereinmitzuteilen, um sie dann den „St. Galler Blättern", der „Schweizerischen Lehrerzeitung",deren Redaktion er eine Zeit lang angehörte, oder der „Illustrierten Schweiz" zu übergeben.Die eine und andere dieser Darbietungen knüpfte sich an Wanderungen, die er gemeinsammit Wartmann unternahm. Zwar eine im Sommer 1861 ausgeführte Reise nach Ober-italien und Venedig fand keine literarische Verwertung. Dagegen fielen von den Spazier-gängen durch alt-st.gallischen Klosterbesitz im Allgäu und in Oberschwaben,1880 und 1881 zwei überaus anmutig gestimmte Essais ab. Die Reisenden suchten jenseitdes Bodensees einmal zwischen Ravensburg und Wangen, dann zwischen Biberach und derRauhen Alp, die Stätten auf, an denen nach den erhaltenen, nunmehr in einer monumentalenSammluno- vorliegenden Urkunden das Kloster St. Gallen einst begütert war, und sie em-pfanden doppelten Reiz, indem ihnen die Landschaften im freundlich behäbigen Gewändeder Gegenwart erschienen und sich vor ihrem historischen Auge zugleich mit den Gestaltender Vergangenheit belebten. In Wangen, aus welchem der „rote tili" stammte, erinnertensie sich der uralten Beziehungen zum Kloster und der spätem freundschaftlichen Verbindungendes Gemeinwesens mit der Stadt St. Gallen. „Es ist ein Ort, wie gemacht zum Leben, undes mag dem Abte von St. Gallen manch bittere Tränen gekostet haben, als er diesen Demantin seiner Inful allmählig wackelig werden und zuletzt wie einen hohlen Zahn ausfallen sah."Im Neckartal zwischen Oberndorf und Rottweil, betrachteten sie das wohl auf alt-st. gal-lischem Boden erbaute, nun in Ruinen liegende Herrenzimmern, den Stammsitz eines Ge-schlechtes das als Zeugnis seines Daseins, freilich aus der Zeit des politischen und sittlichen

') Der Artikel „Germania" wurde in der zweiten Auflage fallen gelassen. — Einige grössere Bei-träge, z. B. Gotisober Baustil, Holzarchitektur, Holzschneidekunst, Klosteranlagen, Kupferstecbkunst, Musikund Musikinstrumente, Renaissancestil etc., stammen aus der Feder von Architekt Aug. Hardegger.