28 III. Lebensarbeit.
Verfügung, und sie bot ihm umgekehrt auch eine schätzbare, nie versagende Stütze für seinePublikationen. Während der ersten Jahre musste er sich freilich in der Ausführung lite-rarischer Arbeiten Zurückhaltung auferlegen: einige kleinere schulgeschichtliche Abhand-lungen aus jener Zeit wurden in das „Neue Schweizerische Museum" aufgenommen. Dannaber, vom Jahre 1865 an, fiel eine Frucht seines rührigen Schaffens nach der andern ab.Dem Präsidenten des Historischen Vereins überreichte er als Angebinde zu seiner Hochzeiteine neue Ausgabe des Kopp'schen und des Murner'sehen Kalenders vom Jahre1527, und gleichzeitig edierte er für die 21., in St. Gallen stattfindende Versammlung derschweizerischen geschichtforschenden Gesellschaft die von Johannes Kessler in lateinischerSprache verfasste Vita Vadians. Diese Stücke führten ihn auf die zum Teil noch un-gehobenen Schätze im Manuskriptenraum der Stadtbibliothek, und da der Historische Vereinbereits einige ältere st. gallische Geschichtsquellen in seine „Mitteilungen" aufgenommen hatte,so wandte er sich den vorhandenen "Werken aus der Reformationsepoche zu. In den Jahren1866—1868 gab er in einem starken Bande die Sabbata, die anmutigen AufzeichnungenJohannes Kesslers über die Ereignisse der für St. Gallen bewegtesten Dezennien des16. Jahrhunderts heraus. Zum ersten Mal wurde dieses "Werk nach der Originalhandschriftvollständig mitgeteilt und als eine Quelle erschlossen, die nicht nur wertvolle Nachrichtenzur Geschichte des Reformationszeitalters in der Schweiz und in Süddeutschland überliefert,sondern auch einen eigenartigen Reiz durch die liebenswürdige Persönlichkeit des Verfassersübt, „der, wenn gleich keiner der kühnsten und mächtigsten, doch gewiss einer der reinstenund edelsten Vorfechter des Evangeliums war".
An Kessler reihte sich etwa 10 Jahre später Vadian, dessen deutsche historischeSchriften •— die Chronik der Äbte des Klosters St. Gallen, die tagebuchartigen Aufzeich-nungen über die Jahre 1529—1533 und verschiedene andere Stücke —■ er auf Veranstaltungdes Historischen Vereins und mit Unterstützung des Kaufmännischen Direktoriums in dreiumfangreichen, trefflich ausgestatteten Bänden 1875—1879 dem Drucke übergeben konnte.Vadian, der gelehrte Humanist und Geschichtschreiber, der besonnene Staatsmann undReformator, wurde eine seiner Lieblingsgestalten und wuchs ihm tief ins Herz hinein. Dieumfassende Bildung und der weite Blick, die Milde und die Kraft, die Reinheit und "Wahr-heit seiner Persönlichkeit zogen ihn immer wieder an und beschäftigten ihn bis zu denletzten lichten Momenten seines Lebens. Noch 1895 schrieb er im Auftrag des Vereins fürReformationsgeschichte seine Biographie, und er hatte die Freude, diese „in hohem Gradesittliche und vorbildliche Natur" einem grossen Kreise vorzuführen. Ja erst vor wenigenWochen, als er bereits im Grabe ruhte, erschien in der Allgemeinen deutschen Biographiesein sorgfältig erwogener Artikel „Joachim von "Watt". "Wie nie zuvor wurde durchGötzingers Arbeiten die Bedeutung Vadians auf dem Gebiete der Historiographie gewürdigt.Seine ausführliche Einleitung zu den beiden ersten Bänden der „deutschen historischenSchriften" ist eine wissenschaftliche Musterleistung, und er durfte sich wohl sagen, es hange„ein gutes Stück Lebenskraft daran". Er sprach sich über die Entstehung, die Quellen,den Umfang und Geist der Chronik der St. Galler Äbte, über die Kunst und Wärme derDarstellung, über den „edel und mächtig dahinströmenden Fluss der Rede" des Verfassersaus und gelangte zu dem Resultate, dass Vadian, wie er einer der hervorragendsten Gelehrtender Humanistenzeit und überhaupt ein bedeutender Mensch gewesen ist, „auch als deutscherGeschichtschreiber den ersten Namen seines Jahrhunderts beigezählt werden muss".