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Ernst Götzinger : ein Lebensbild ; mit Porträt
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16 IT. Studiengang.

lesungen bei jeder Gelegenheit — auch, wenn es sich, nur um den Kölner Fasching handelte —sistierten und um Neujahr für drei, um Ostern für acht Wochen alles ruhen Hessen. Esist zu allen Zeiten so gewesen, dass ein rechter Student mit seiner jugendlichen Aneignungs-kraft weit weniger das Bedürfnis nach langen Ferien empfunden hat, als der akademischeLehrer, der für seme wissenschaftlichen Forschungen der überlieferten Freiheiten nicht leichtentbehren kann. Immerhin war es nicht Götzingers Art, sich über solche Unterbrechungenallzusehr zu grämen. Er verwendete die freie Zeit wetteifernd mit seinen Freunden fürdie philologischen und literarischen Studien, und als nach einem trüben Winter die schöneJahreszeit wieder in die Lande zog, ergriff ihn unwiderstehlich seine Wanderlust. Die Reisen,die er ausführte, gehören zum Bilde seiner Lehrjahre, so gut als die Kollegien, die er be-suchte. Sie trugen zur Ausgestaltung des ganzen Menschen bei; sie stärkten die Kraft desLeibes, mehrten seine Erfahrung, schärften sein Auge und hinterliessen Eindrücke von un-vergänglichem Wert, die ihm später zur Belebung des Unterrichts immer wieder zu Gebotestanden. Er besuchte die schönsten Punkte am Rhein bis nach Remagen hinauf und durch-streifte wiederholt das Siebengebirge mit seinen Waldungen und Ruinen. In den Ostertagen,als nach dem Abschluss des Semesters die meisten Schweizer wieder fortgezogen waren,reiste er mit dem getreuen B ä b 1 e r über Zülpich und Düren nach Achen, um die alte Kaiser-stadt mit den mannigfachen Erinnerungen an Karl den Grossen zu sehen. Während derPfmgstferien führte er mit dem Frankfurter Freunde Scholl und einem Theologen Wolf einegrössere Tour nach Trier aus. Sie wählten den Weg durch das Ahrtal und über das geo-logisch merkwürdige Eifelgebirge, das dem verwöhnten Schweizer freilich nicht den „heiligenSchauer" abnötigte, von welchem ein Bewohner des flachen Landes ergriffen werden konnte.„Schön ist das Gebirge durchaus nicht", heisst es in den uns vorliegenden Berichten, „dieWälder selten dicht und gross, wenig Wege, noch weniger Leute; wir mussten einst sechsStunden laufen, bis wir wieder ein Dorf erreichten. In vielen Dörfern gab es keine Wirts-häuser, ja in einem fanden wir überhaupt keinen Menschen, und wir wurden veranlasst, dieFrage aufzuwerfen, ob in diesem öden Lande es nicht Dörfer gebe, von deren Vorhanden-sein die Behörden gar nichts wissen, weil die Häuser von Steinhaufen schwer zu unter-scheiden sind. Mitten drin liegt aber doch ein hübsches Städtchen, Daun, allwo der bekannteFeldmarschall Daun geboren ist 1 ). Nach dreitägigem Marsche und einem kurzen Postwagen-ritt von wegen der zerrissenen Schuhe rumpelten wir in einem königlich preussischen Post-wagen mitten durch die Porta nigra in Trier ein, einer uralten Stadt, die unter den Römernweit grösser gewesen war, als jetzt unter dem König von Preussen. Es wohnen da drinBürger, Wirte, Mönche, Pfaffen, Soldaten und Ladenmädchen, im Ganzen etwa 18,000, alsoetwas weniger als in Bonn. Die Gegend ist aber von wegen der Mosel recht schön." DieReisenden hielten dann Ausschau nach allen römischen Altertümern in der Stadt und derUmgebung. Sie sahen das Amphitheater, die Thermen, die Igelsäule und vor allem denmächtigsten Überrest der alten Stadtbefestigung: das Torgebäude, durch das sie eingefahrenwaren. Sie blickten staunend an diesem trotzigen, aus rohen Blöcken aufgeführten Werkempor; doch konnte sich Götzinger nicht enthalten, in einem seiner Briefe die schnurrigeBemerkung einzufügen: „Die Porta nigra ist weiter nichts als verschieden gehauene Steine,die in drei Stockwerken übereinander gelegt sind und deren Bau von den Römern, wie ich hoffe,

l ) Auf dem hohen Basaltfelsen bei dem Flecken Daun stand wohl das Stammschloss der öster-reichischen Grafen von Daun; der Sieger von Kollin und Hochkirch wurde aber 1705 in Wien geboren.