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Ernst Götzinger : ein Lebensbild ; mit Porträt
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14 II. Studiengang.

einander die Stunden der Erholung. Sie feierten, als der November kam, in bescheidenerWeise das^Grütlifest und dachten dabei der fernen Heimat. Der Sonntag, der anfangs„zum Sterben langweilig" gewesen war, erhielt eine geregelte Verwendung. Morgens trafensich alle in der Kirche bei einer der zwar nicht anziehend vorgetragenen, aber „tief undwohlausgearbeiteten" Predigten des Professors Steinmeier. „Nach dem Essen ist längereBummelei, — etwa nach Poppeisdorf. Dabei pflegt man aber nüchtern zu bleiben, oderhöchstens eine Tasse schwarzen Kaffee zu trinken. Dann steigt man wieder einem auf dieBude, wo wir zusammen ein klassisches deutsches Drama lesen, um die deutsche Literaturnicht ganz zu vergessen und zugleich sich im guten Lesen zu üben. Sind wir mit demLesen fertig, so wird Bier aufgetischt') und noch ein Stündchen miteinander verplaudertund geraucht und gesungen." Auch einige deutsche Philologen: zwei Zangemeister,der Frankfurter Scholl, die Gothaer Richard Schneider und Albert Schumannschlössen sich bisweilen diesem Kreise an. Schumann — jetzt in Arau — war zu grosserFreude Götzingers ebenfalls ein Germanist; mit ihm las er „allerhand deutsche Schriftstellerund Dichter des Mittelalters, ein hier sehr spärlich gepflegtes Studium". Solch gemeinsameArbeit gab frische geistige Impulse und mehrte den allgemeinen Bildungsschatz.

Die Vorlesungen waren inzwischen, bis zum 16. November, in vollen Gang gekommen.AVährend zweier Semester hörte nun Götzinger die Berühmtheiten jener Jahre: für klassischePhilologie und Altertumskunde Friedrich Wilhelm Bitschi, Otto Jahn und FriedrichGottlieb Welcker, für Philosophie und Pädagogik Christian August Brandis, fürdeutsche Rechtsgeschichte Ferdinand Walter, für romanische Sprachen Friedrich Diez.Er fand aber an der rheinischen Universität nicht eigentlich, was er suchte. Es schien ihm,dass die Bonner Philologen sich fast nur mit den Buchstaben und Wörtern der Griechenund Römer beschäftigten und Geschichte und Geist des Altertums als etwas Nebensächlichesbetrachteten. Sein Sinn war vorwiegend auf den allgemeinen Zusammenhang der geistigenStrömungen älterer und neuerer Zeit gerichtet. Er verwünschte, bisweilen mit komischerÜbertreibung, die pedantische „Wortkrämerei" und besass damals auch nicht die nötigeGeduld, um sich auf die Dauer dem spröden Detail eines wissenschaftlichen Betriebes hin-zugeben. Aus seiner subjektiven Anlage und seiner bereits entschiedenen Neigung für andereGebiete erklären sich denn auch einige harte und einseitige Urteile, die er in seinen Briefenüber die „weltberühmten Leute" fallen liess. „Der Hauptkerl Bit sohl in seiner Metrikhat über 100 Zuhörer, verlangt aber, dass man sich eben mit nichts anderem abgebe, alsmit Latein und Griechisch, weil er selbst nichts anderes weiss; dazu habe ich aber mit vielenanderen keine Lust. Ins Seminar gar kommt niemand, der kein Genie ist und auf jemandanders als Bitschi schwört. Jahn liest Sophokles' Elektra, d. h. Einleitung, denn ich willnicht behaupten, dass er trotz seiner vier wöchentlichen Stunden noch zum Text kommt.Er ist zwar sehr gelehrt, aber ganz skandalös breit: wenn er von Sophokles spricht, sokommt er auf dessen Vater, der eine Waffenfabrik hatte, dann auf die Waffen, auf das Eisen,die Bergwerke, kurz, er kommt nirgends hin. Welcker mit seinem Hesiod ist alt undlangweilig; anstatt die Ausgaben des Hesiod anzugeben, giebt er die Namen derer, die ihnherausgeben wollten, aber nicht dazu kamen." Nicht besser war seine Meinung überSimrock, dem er übrigens geflissentlich auswich. „Man macht die Erfahrung, dass Dichter

') In Stiefelgläschen! — nach einer Mitteilung Bäblers.