II. Studiengang. 13
die beide nach dei* rheinischen Friedrich-Wilhelme-Universität strebten, machten den erstenHalt in Heidelberg. Dort wollten sie sich das berühmte Fass und das knrfürstliche Schloss,„wirklich eine feine Ruine und prachtvoll gelegen", nicht entgehen lassen. Dann sahen sieFrankfurt im Sonntagsschmuck und suchten das Goethehaus, die Gemäldesammlung imStädelschen Institut und den Römer auf. In Mainz, das ihnen „gegen Frankfurt gehaltenals eine schmutzige Stadt ohne Merkwürdigkeiten" erschien, bestiegen sie das Dampfboot,um die Herrlichkeiten einer Rheinfahrt zu gemessen. Von Koblenz aus besuchten sie denEhrenbreitstem, „d. h. was die Fremden sehen dürfen; die Hauptsache wird natürlich nichtgezeigt", und endlich am Mittwoch, den 14. Oktober, gelangten sie nach Bonn. Sie fandennach langem Suchen Unterkunft im Hause dös Silberschmiedes Hört er an der Sterngasse,der jedem der beiden Schweizer um den Preis von 3 Talern 20 Silbergroschen monatlich— nicht eingerechnet 10 Groschen für Bedienung — eine bescheiden ausgestattete „Stu-dentenbude" überliess.
Der erste Eindruck, den Götzinger von Bonn gewann, war nach seinen brieflichen Be-richten an Mutter und Schwester nicht sehr freundlich. Die Studierenden erschienen ihmsteif und ungemütlich. „In Basel dachten wir", schrieb er, „das dortige Studentenlebensei nur ein schwacher Abglanz des Lebens auf andern grossem Universitäten, und die 900Studenten müssten sich unendlich fidel machen. Gerade umgekehrt! Trotz der 13 Stu-dentenverbindungen ist alles durchaus philisteriös. Alle Fidelität hat sich zurückgezogenauf die Kneiplokale der Verbindungen; nie hört man ein Lied singen." Auch an das reingeschäftliche Verhältnis, das seine „Philisterei" den aufgenommenen Studenten gegenübereinhielt, konnte er sich nur schwer gewöhnen. Der biedere Blattmacher vor dem Riehentorhatte nicht nur redlich für seinen Schaff hauser Pensionär gesorgt, sondern auch jeden Gast,der diesen zu besuchen kam. nach alter löblicher Sitte mit seinem Wein bewirtet. In Bonnkümmerte sich der Hausherr nicht einmal um seinen Namen und liess ihn karg bedienen.Das Leben war teurer als in Basel, auch wenn er für sein Mittagsmahl in einem Speisehausnur 5 Groschen ausgab und sein Abendessen auf Brod, ein Stück Wurst und eine halbeFlasche Bier beschränkte. Dazu kam, dass verschiedene Professoren in den ersten AVochendes offiziellen Semesters noch keine Miene machten, mit ihren Vorlesungen zu beginnen, unddass er infolge dessen eine kostbare Zeit mit „Bummeln, Lesen und Schlafen" verbringenmusste. Endlich hatte er grosse Mühe, auch nur immatrikuliert zu werden, da sein Koffermit dem Basler Abgangszeugnis längere Zeit auf sich warten liess und der gestrengepreussische Rektor nicht einfach auf sein ehrliches schweizerisches Gesicht vertrauen wollte.Schon musste er leise Andeutungen von polizeilicher Ausweisung vernehmen, als ein warmerEmpfehlungsbrief Wilhelm Vischers das Gewissen der Magnifizenz beschwichtigte und dieAnkunft der ersehnten Kiste dem peinlichen Provisorium ein Ende machte.
Nach einigen Wochen durfte er indes gestehen, dass es anfange, gemütlicher zu werden.Es hatten sich noch andere Schweizer eingefunden, so der Philologe Charles Morel ausGenf und der Historiker Hermann Wartmann aus St. Gallen („furchtbar fleissig"), mitdem er schon als Gymnasiast bei einer Zusammenkunft von Zürchern, St. Gallern undSchaff hausern in Wintertur bekannt geworden war. Diese von ernstem wissenschaftlichemStreben erfüllten Schweizer vereinigten sich zu einem landsmannschaftlichen Kränzchen,stellten sich jede Woche abwechselnd auf einem ihrer Zimmer ein — „wo man doch sprechenkann, wie und was man will, und auch das Singen nicht verboten ist" — und teilten mit-