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4 (1838) Geschichte der Dichter und ihrer Werke : Abbildungen der Handschriften, Sangweisen, Abhandlung über die Musik der Minnesinger, alte Zeugnisse, Handschriften und Bearbeitungen, Uebersicht der Dichter nach der Zeitfolge, Verzeichnisse der Personen und Ortsnamen, Sangweisen der Meistersänger nach den Minnesingern
Entstehung
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Ueber die Musik der Minnesinger

Unter der großen Anzahl, der in diesem Werke gegebenen alten Lieder werden nicht wenigesein, welche auch selbst denjenigen, der der Sprache jener Zeit nicht vollkommen mächtig ist, durchausbefriedigen und durch Inhalt und Form auf gleiche Weise anziehen. Man wird ein Gleiches nichtvon den Melodien dieser Lieder sagen können; es werden im Ganzen nicht viele sein, welche, selbstdurch eine passende Begleitung ausgeschmückt und gut vorgetragen, dem jetzigen Ohre und Geschmackezusagen. Es ist der Zweck dieses Aufsatzes, hievon die Hauptgründe aufzusuchen. Um den Stand-punkt, den diese alten Melodien musikalisch einnehmen, genauer zu bestimmen, wird es nöthig sein,etwas allgemeines über Gesangcomposition überhaupt vorauszuschicken.

Wir können zwei Hauptarten der Composition eines Gedichtes (vorzüglich eines strophischen)unterscheiden.

Die Musik könnte unmittelbar die metrischen Verhältnisse des Gedichtes wiedergeben, so daßmetrische Länge und Kürze nach bestimmten Gesetzen durch Länge und Kürze der Noten im Gesangausgedrückt würden, und der ganze Rhythmus, wie wir ihn beim Sprechen wahrnehmen, sich nurmit größerer Bestimmtheit in der Musik wieder zeigte. Eine solche Art der Composition wird natür-lich nur in denjenigen Sprachen, welche eine wirkliche Sylben Messung haben, also in den beiden altenSprachen, wesentlich und unentbehrlich sein. Denn da schon durch das Sprechen einer solchen Sprachedas Gefühl der Zeitbestimmung in einem weit höheren Maaße, als bei uns, angeregt wird, so erscheinthernach eine künstliche rhythmische Periode in der Musik durch den ersten Ausdruck des Gedankensdurch das Wort vorbereitet und bedingt. In dieser Art, müssen wir uns denken, daß z. B. die Chöreder alten Tragödien componirt waren, wo dann Sprache, Musik und Tanz sich vereinigten, dem Ohrund selbst dem Auge einen verwickelten Rhythmus in Zeit und Raum darzustellen. Wenn man denRhythmus also hiebei als etwas durch die Worte gegebenes sich vorstellt, so blieb der Musik nurnoch übrig, durch Melodie und Modulation ein neues Element in das Kunstwerk zu bringen. Auchist klar, daß in Kompositionen dieser Art die Musik nicht selbständig gedacht werden kann (im mo-dernen Sinne), weil eben erst die Worte die Notwendigkeit des Rhythmus bedingen und erklären.

In Sprachen, die nur eine Sylbenzählung haben und durch regelmäßig vertheilte Accente denVers binden, kann eine solche Art der Composition zum wenigsten nie als notwendig erscheinen,weil überhaupt die Zeitmessung, gesetzt sie ließe sich anwenden, nie notwendig ist. Doch werdenwir weiter unten zeigen, wie eine ähnliche Art der Composition, nur mit gewissen Modisicationen,welche aus dem Wesen der Sprache hervorgehen, auch hier anwendbar wäre. Es tritt nun beisolchen Sprachen auf das natürlichste die zweite Art der Composition ein, indem nämlich durch dieMusik erst eine bestimmte rhythmische Periode eingesührt wird, welche zwar den durch das Vers-maaß gegebenen Accenten nicht widersprechen darf, sonst aber nicht lange und kurze Sylben durch