Druckschrift 
Erste Abtheilung, Zweyter Band (1790)
Entstehung
Seite
17
Einzelbild herunterladen
 

Stäben in der Hand, tanzten vor ihnen her, und san-gen in der Volkssprache ein Spottgedicht, das ganzzu diese m lächerlichen Aufzug paßte. Es enthielt eineAuffoderung, die hörnergekrönten Häupter zu* schauen, -die ihre Schwerter gegen den Kaiser gezückt hatten.Jung und Alt lies hinzu, um dieß Schauspiel mitanzusehen, selbst wir Prinzessinnen stahlen uns unterdie Menge.

Der Anblick des Michael Anemas preßte allendie ihn ansahen, und uns vorzüglich, Thränen derWehmurh aus. Der arme Mensch blickte schmachtendzum Palast auf, und hob seine Hände in die Hohe,als wenn er sich die Gnade erstehen wollte, daß nianihm Hönde, Füße und den Kopf abschlagen möchte.Du mußt ihn zu retten suchen, dachte ich, gieng zuwiederhohlten malen zu meiner Mutter und bat, siemöchte den Zug nur ansehn. Aufrichtig zu gestehn,ich bemitleidete ihn meines Vaters halber, dem ich ger-ne so viele tapfre Officiers und vorzüglich den tiefge-beugten Michael am leben erhalten hätte. Der Zuggieng langsam, als wollte mm Zeit zum Pardon zugewinnen suchen. Meine Mutter saß bey ihrem Ge-mahl an dem Platze, wo beyde gemeinschaftlich vor derMutter Gottes ihr Gebet verrichteten. Sie zögerte.Ich getraute mich nicht näher zu treten, sondern stell-te mich aussen an die Thüre, und winkte ihr so langezu, bis sie mir endlich folgte. Kaum hatte sie denMichael erblickt, so eilte sie zum Kaiser zurück, unddrang wirklich mit ihrer Bitte bey ihm durch, daß derVerbrecher nicht an den Augen gestraft würde. DekBote, welcher diesen Pardon überbringen sollte, erreich-te glücklich die so genannten Hände, ehe Michael da-hin ankam. Denn wenn ein Missethäter schon beydieser Stelle vorbey geführt ist, so ist auch der überihn gefällte Urtheilsspruch unwiderruflich.

Denkwärdigk. II. L. B Diest