294
A. Niggli.
>8
trotz der sehr verschiedenartigen künstlerischen Richtung, welche We-ber und Meyerbeer Zuschlägen sollten, blieben sie bis zu desErsteren Tod aufrichtige Freunde. Früh Morgens schon trafendie Musiker in der Messe zusammen; dann wurde auf der Or-gel improvisirt, und Klavier um die Wette gespielt;, wobei denjungen Feuergeistern die Melodien förmlich aus den Fingern ström-ten, bis in die Nachmittagsstunden hinein theoretisch gearbeitet, Abendsendlich in der Konferenzstunde die gelösten' kontrapunktischen Auf-gaben oder freien Kompositionen durchgenommen, kritisirt und ver-bessert. Aber auch an Stunden fröhlicher Geselligkeit, gemeinschaft-lichen Ausflügen auf der schönen Bergstraße, nach Mannheim undHeidelberg fehlte es nicht, und während der stillere, an feinere Um-gangsformen gewöhnte Meyerbeer die burschikose Genialität, daskecke Auftreten seiner Kameraden bewunderte, verschlangen diese denrussischen Kaviar und die pommerschen Gänsebrüste, welche PapaBeer von Berlin gesandt, nicht weniger gierig als die köstlichenBibliothekschätze ihres jungen Freundes. Für Voglers 61. Ge-burtstag wurde gemeinsam eine Kantate, für das Hoftheater inWiesbaden eine kleine Oper „Der Proceß" komponirt, die indeßnicht zur Aufführung gelangte. Daneben schrieb Meyerbeer eineReihe von Psalmen und Kanzonetten, sowie in den MonatenMärz und April 1811 die umfangreiche Kantate: „Gott und dieNatur". Nach der erfolgreichen Ausführung der letzteren in Darm-stadt ernannte ihn der Großherzog Ludwig I. zu seinem Hofkompo-nisten. Auch in Berlin wurde die Kantate am 8. Mai 1811 imBeisein Meyerbeer's sowie seines mit dorthin gereisten FreundesCarl Maria von Weber durch Zelter und B. A. Weber mit Bei-fall reproducirt, obschon der Stil des Werkes schulmäßig streng undtrocken ist, manche Nummern zudem eine mehr weltliche Geistes-stimmung denn tiefe Religiosität verrathen. Originelle und packendeMelodien fehlen auffälligerweise fast gänzlich darin, während ein-zelne Scenen, wie die Schilderung des werdenden Lichtes, des wo-genden Meeres, der Todtenauferstehung u. s. w., des KomponistenBegabung für dramatische Charakteristik deutlich verrathen. Vonweiteren Arbeiten der Darmstädter Lehrjahre sind noch zu erwähnendie warmempfundenen sieben Klopstock'schen Gesänge für vier Stim-men mit Pianofortebegleitung aä libitum., eine Anzahl ein- undMehrstimmige Lieder, Tänze und Variationen für Klavier sowie