566 Tugend.
Wohl: diese Frau ist sehr tugendhaft; denn sie ist wohlthäitig. Sie ist günstig gegen ihre Liebhaber; sie springt denNochleidenden bey.
Ein Mensch hängt heimlich Ausschweifungen nach, diewider oie Na/ur sind, und zugleich theilet er Wohlthatenaus. Er ist sehr tugendhaft, weil er wohlchätig ist.
Ein Schriftsteller hat Reichthum gesammelt, welcheseben so gut die Frucht seiner listigen Kunstgriffe, als seinerTalente ist: er ist als ein Meyneibiger, ein Gottloser, einschändlicher Schwelger, ein Mann ohne Treue und Glaubenbekannt geworden. Aber in seinem hohen Alter opferter einen Therl seines Vermögens .seinem Stolze auf; er willsich den Ruhm eines wohlchätigen Mannes erwerben. Nachdiesem Systeme muß man ihn für einen recht tugendsamenMenschen halten. O mein Herr Wohlredner! was für einschändliches Ding ist Ihre Tugend !
Laßt uns dann ehrlichere und vernünftigere Grundsäßesuchen, um von dem zu urtheilen, was man Tugend nen-nen soll»
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Grundsätze, um davon zu urtheilen, was den
Namen Tugend verdienet. > »U
Wir wollen die wahren Weisen, und jene, die sich durchihr Betragen und ihre Einsichten den größesten Ruhm er«worben haben, zu Rache ziehen. Alle haben allezeit dieTugend für ein Ding angesehen und vorgestellet, welchesunsre Ehrerbiethung und unsre Liebe zum Besten verdienet.
Alle Fragen, so die Sittenlehre betreffen,,, saget der rö-mische Philosoph, „ haben ihren Ursprung im Begriffe der„ Tugend» Und weil die Tugend eine standhafte und weise ,' il