Druckschrift 
5 (1864)
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86 .

An Fanny Hertz in Hamburg.

(Berlin, Anfang 1809.)

Sie werden mir verzeihen, thcnre verehrte Freundin, daß ichauf zwei Ihrer Briefe so spät antworte. Wie ich den letzten er-hielt, hätt' ich gern unverzüglich die Feder genommen, um in derdüstren Stimmung, aus der Sie ihn schrieben, Ihnen vielleichteinige Labung zu reichen. Ich hatte einen kranken Freund beimir, Lafoye, der mich besucht hat, bei mir krank geworden, und,noch nicht wieder hergestcllt, der Rheinarmee gefolgt ist, bei der ereine vortheilhafte Anstellung gefunden: so lange er bei mir war,mußt' ich ihm meine Stunden widmen und konnte ihm davon keineentwenden.

Ich kann dem Plan unseres Freundes,*) nach Wien zu gehen,die Ansicht nicht abgewinnen, aus der er Sie so sehr zu entrüstenvermochte, auS allem, was er schreibt, aus allem mindestens, waSich gelesen, erhellt, daß nur die eingesehene Unmöglichkeit, seine me-dizinischen Studien in Tübingen fortzusetzen, ihn von dort nachWien, als dem für das klinische Studium vortheilhaftesten Orte,treibe, und der Schein spricht ganz mit unfern Wünschen dafür,daß er willens sei, seine medizinischen Studien ernst fort- und durch-zusetzen, bis er als praktizirender Arzt aufzutrcten vermöge. Wasseine innere Verstimmung und Trauer anbetrifft, rührt wohl daher,daß er sich in einer ihm ganz fremden Welt Verlässen findet, in diser nicht, wie er es gewohnt ist, und wie ihm zum Bedürfniß ge-worden, mit Lieb' oder Haß noch einzugreifcn vermag, denn nur insolchem Spiele mit dem Aeußern und in dessen Behandlung lebeter; auch ist Ruhe eben nicht in ihm, noch in seinen Verhältnissen.

*) Varnhagen hatte den Plan Tülingcn, wo er sich sehr wenig befriedigtfühlte, noch vor Beendigung seiner medizinischen Studien zu verlassen und nachWien zu gehen. Chamiffo war mit diesem Plane eben so wenig einverstanden,als die Freunde in Hamburg (Br. 8t.) e dennoch sucht er diese zu beruhigen.