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84.
An Varnljagen in Tübingen.
Berlin den 2. Dezember 1808.
Leg' es mir nicht zum Argen aus, mein Lieber, daß ich wort-arm bin und wenig schreibe; Dir dank' ich innig, daß Du mirFreundschaft, die ich anerkenne, aus verlorner Entfernung beweisest,und Dein Herz mir Freuden und Schmerzen sagt; ich bin Dir, auchnach etwas verrücktem Standpunkt, treu und lieb ergeben, nur weißtDu, daß bei mir die träge Feder dem Sinne nicht folgt. —
Deine Briefe sind düster; ein beweglich geschäftiges Spiel desLebens, welches Dich von jeher über alles gereizt hat und Dir zurGewohnheit und Bedürfniß geworden, umfängt Dich nicht mehr.Du zitirst nicht das Leben aus den Gräbern, Du willst es auf grü-ner, farbiger Erde genießen, und da trauerst Du oder wüthest in-nerlich, wenn es hier Winter ist. — Du willst doch in Wien Deinemedizinischen Studien fortsetzen? Nun, mein theurer Freund, sollstDu vermerkt haben, wie in Jemanden hinein zu reden durchausmeine Sache nicht sei, geschweige denn in Dich, auf den ich allesEinwirken verloren und aufgegeben. Doch will ich des alten Freun-des Recht des freien Sprechens wieder traulich mir anmaßen, durchDeine lieben Briefe erinuthigt, und Dir einige leise Worte ans Herzlegen, die von Dir in Deiner jetzigen einsamen Abgeschiedenheit vonallem gewohnten Befreundeten, und Harscher wohl von Deiner Seitegegangen seiend, wann sie zu Dir gelangen werden, eher vielleichtund geneigter angehöret werden. Wär' ich in Deinen Verhältnissen,deren Ausgang ich übrigens nicht hierhin, nicht dorthin berechnenwill, ich hätte nicht Ruhe noch Rast, bis ich erfüllt hätte, was manvon mir erwartet, bis ich, sonder Abwege, den Stand erschwungen ha-bend, dem ich mich gewidmet, sagen könnte: Hier bin ich! — Ichwürde mich übrigens glücklich schätzen, mich gebunden zu fühlen, undbestimmt zu wissen, was ich von mir zu verlangen hätte, — denneben, dies Leere, worin die Umstände mich Schwebenden verlassen,daß mir, wie dem Satan Milton's, die Fittige sinken, ist es, was