Druckschrift 
5 (1864)
Entstehung
Seite
93
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Freundin, mir nahet. Wie leben Sie? Denken Sie noch manchmalin der Entfernung an den, der itzt nur in und Non Erinnerungenlebet und den sein Herz antreibet, sich auch in Ihrem Gedächtnißhervorzurufen? Wie ich lebe? Theure Freundin, aus jedem Schrift-zug dieses Briefs soll die Stimmung hervorleuchten, aus der er ge-schrieben ward; anders kann ich es nicht aussprechen. Wir werdenimmer noch durch viele Gegenden herum getrieben, und das überuns Verhängte zögert immer noch sich auszusprechen; noch ist nichtKrieg mit meinem Frankreich. Ich aber durchschwcife das herrlicheGebirge und die verfallenen Burgen, Reliquien einer Zeit, wahrlich,wahrlich, besser und kräftiger denn die, in der wir zu leben berufenwurden, auf daß vielleicht in und durch uns eine bessere keime; dennstolz müssen wir sein und nicht an uns verzagen, wenn die Weltuns duster verblaßt so wenige Freudenblumen aufsprießen läßt; auchhabe ich versucht die entseitete Lyra neu zu bespannen. Leben wirdoch nur, sagte mir ein Freund, wenn wir dichten."

Gegen Ostern 1806 bereiteten sich Varnhagen und Neumann,denen sich Aug. Neander angeschlossen hatte, Hamburg zu verlassenund die Universität Halle zu beziehen; sie forderten den Freund drin-gend auf, ihnen dorthin zu folgen. Auf seinen Wunsch nahmen sieihren Weg über Hannover und kamen von dort aus nach Hameln;Neander traf erst in Halle wieder mit ihnen zusammen.Amzweiten Osterfeiertage (dem 7. April), so erzählt Varnhagen, hatteChamisso am Osterthor zu Hameln die Wache; Neumann und Varn-hagen brachten alle ihre Stunden bei ihm zu und mancherlei Ge-spräche fanden Statt über künftiges Studiren, Bilden, Handeln.Unter solchen Erörterungen kam die Nacht; die drei Freunde lust-wandelten bei herrlichem Mondschein durch die einsamen Festungs-werke. Da übernahm Chamisso ein mächtiges Gefühl, er fiel denFreunden um den Hals und erklärte fest und feierlich, er wolle nunganz ihnen gehören, ihre Studien und Geschicke theilen, den Abschiediordern und ihnen nach Halle folgen. Von diesem Augenblicke rech-nete er selbst die ganze nachherige Entscheidung seines Schicksals."Vgl. Br. 49. Seine damalige Stimmung hat er wenige Tage nachder Abreise der Freunde inAdelbert's Fabel" poetisch dargestellt,