Druckschrift 
Die Brutpflege der Thiere : Vortrag, gehalten zu Hamburg am 19. November 1890
Entstehung
Seite
19
Einzelbild herunterladen
 

19

darbieten. Sehen wir doch darin nichts anderes, als wenn diesorgliche Menschenmutter dem zum ersten Male mit der Gabelhantirenden Kleinen das Fleisch vorschneidet oder die Kartoffelnin Mus zerdrückt. Abweichend hiervon sind die Gewohnheitender Grabwespen. Sie leben nicht zu Staaten vereinigt, wiedie Wespen, sondern einzeln. Es würde demnach das Wohlund Wehe der Brut bis zur vollständigen Reife einzig undallein auf die zwei Augen der Mutter gestellt sein, wenn diesedie Methode der täglichen Rationen befolgte; ein uner-wartetes Geschick, das die Mutter ereilte, müßte auch den sicherenUntergang ihrer gesamten, hülslosen Sippe nach sich ziehen. DieGrabwespe muß daher rationeller verfahren, um auf alle Fällewenigstens einen Theil ihrer Nachkommen sicher zu stellen. Zudem Ende schafft sie gleich anfangs für, jedes Ei, welches sieablegt, das ganze Quantum von Nahrung in die unterirdischeHöhle, dessen die junge Larve bis zu ihrer vollständigen Ent-wickelung bedarf. Wochen müssen darüber hingehen; der an-gehäufte Fleischvorrath wird, so sollte mau denken, währenddieser Zeit verwesen und ungenießbar werden. Doch die sorg-same Mutter weiß Rath, wenn auch, wie wir bedauernd hin-zufügen wollen, auf Kosten der Menschlichkeit. In das großeCentrum der Bewegungsnerven trifft sie ihre Opfer mit haar-scharfem Dolch, raubt ihnen auf diese Weise jede Möglichkeitder Bewegung, ohne sie zu tödten, und schleppt nun die armen,gelähmten, kraftlos weiter vegetirenden Geschöpfe fort in ihrekannibalische Räuberhöhle.

Ich darf es als allgemein bekannt voraussetzen, daß auchbei den höheren Wirbelthieren, den Vögeln und Säugern, dieHerbeischaffung animalischer Nahrung für ihre Jungen weitverbreitet ist. Mit Kerbthieren, Larven, Würmern aller Artversorgt die Schwalbe, die Nachtigall ihre Brut; Tauben undHühner trägt der Habicht zu Nest, und mit dem erwürgten

2 * ( 727 )