Druckschrift 
Adolf Bastian
Entstehung
Seite
32
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werde, daher die ungemessenen Ausbrüche der Klage seitensder Frauen. Die einzelnen Stadien dieses vorgeschichtlichenProzesses (exogame, endogame Ehe, Ehe durch Raub und Kauf,Levirathsehe u. s. w.) können hier nicht besprochen werden; esmag die einfache Bemerkung genügen, daß auch hier die Ethno-logie eine fundamentale Umgestaltung der bisherigen Anschau-ungen erzielt hat. Nur auf den Zusammenhang unserer sittlichenVorstellungen mit den Thatsachen der Völkerkunde müssen wirnoch mit einigen Worten eingeben, um nicht eine sehr bedeut-same Perspektive unserer Wissenschaft unerwähnt zu lassen.

Das idyllische Bild, das sich die schwärmerische Phantasiedes vorigen Jahrhunderts von den Naturvölkern entworfenhatte, und das dann ebenso getreu in allen Spekulationen derAufklärungsphilosophie wieder zum Vorschein kam, konnte sichselbstverständlich einer vorurteilsfreieren Beobachtung der Wirk-lichkeit gegenüber nicht lange halten, der schöne Traum zerrann,und ans dem liebenswürdigen, gutartigen, unschuldigen Natur-kinde wurde die heimtückische, mit den scheußlichsten Lastern allerArt befleckte und mit empörender Gemüthsroheit geradezu sichgroßthnende Bestie, wie sie jetzt meist in den modernen Hand-büchern der Völkerkunde gezeichnet wird. Es bedarf wenigerUeberlegung, um zu erkennen, daß auch dies Porträt einseitig,um nicht zu sagen verzerrt aufgefaßt ist, aber so viel Wahresenthält doch diese Schilderung, daß man daraus die starkeKluft, welche unsere Kultur von jenen primitiven Entwickelungs-stadien trennt, unzweideutig erkennen kann. Und doch ist esnoch eine andere, bedeutsamere Schlußfolgerung, die sich unsim Angesicht des kolossalen Materials, welches uns die Völker-kunde an die Hand giebt, anfdrängt, nämlich die unmittelbareAbhängigkeit des sittlichen Empfindens von den sozialen Zu-ständen. Während die spekulative Philosophie sich und Anderenimmer einzureden suchte, daß zufolge eines immanenten Sitten-