— VI —
Was die Glaubwürdigkeit der in den Briefen enthaltenen Angabenbetrifft, so ist dieselbe in der Hauptsache nicht zu bezweifeln. „Snbjcctiv",sagt Ranke, „ist Elisabeth Charlotte immer wahrhaft, denn in ihr ist keinFalsch". Aber ein, durch erlittene schmähliche Behandlung oder durchMittheilnngen und Einflüsse ihr nahe stehender Personen oft erregter, Un-wille giebt auch ihren Briefen eine bestimmte Färbung, trübt öfter ihrenBlick und beeinflußt ihr Urtheil. So z. B. als getreues Echo der ihr allesgeltenden Tante, der Knrfürstin Sophie, benrtheilt und schmäht sie oft aufungerechte und unbillige Weise jene ans der Stellung einer Hofdame undMätresse zu der Würde einer regierenden Herzogin von Celle emporgestiegeneEleonore d'Olbrense, die Geliebte und nachherige Gemahlin des HerzogsGeorg Wilhelm; und ebenso macht sich ihr Unwille gegen deren unglücklicheTochter, die Prinzessin Sophie Dorothee, oft ungerecht geltend. ElisabethCharlotte, ihres altfürstlichen Blutes sich oft zu stolz bewußt, haßte nichtsmehr, als das Eindringen Uncbenbürtigcr in die altfürstlichen Geschlechter,als das <wie sie sich ansdrückt) „Vermengen des Mausedrecks unter denPfeffer"; sic ist außer sich, daß Eleonore als Fürstin traktiert und „.-Atssso"genannt werde, sie erkenne „die Zott" für keine rechtmäßige Herzogin, undsie hält es für „gegen den heiligen Geist gesündigt", daß der hannoverscheErbprinz Georg Ludwig deren Tochter Sophie Dorothee, „ein solch StückFleisch" heirnthe. Mit gleichem Stolz und gleicher Gesinnung äußert sieihren Unwillen, über die Grenzen der Billigkeit und Würde hinaus, als derFürst Leopold von Anhalt-Dessau sich 1698 mit Anna Louise Föse, dertrefflichen Tochter eines Apothekers zu Dessau, vermählte, eine bekanntlichsegensreiche Verbindung, welche sehr bald die Billigung der Agnaten undauch des Kaisers fand, welcher die junge fürstliche Gemahlin 1701 in denReichsfürstenstand erhob. Aber Elisabeth Charlotte schreibt: „Ich kannnicht leiden, daß eine Apothekevstochter für eine Fürstin passiert und so einaltes Haus verschündet", und in einem andern Briese: „Es ist leider nichtwahr, daß der brutale Fürst von Anhalt todt ist. Es kann einen verdrießen,daß so manche ehrliche Leute sterben undt eine solche bostia leben bleibt.Man sollte nur Apotheker von seinen Söhnen machen; von einem solchenKerl kann nichts Gutes kommen. Ich hoffe, dieser kahle Fürst wird aufeinem Mist mit all seinem Apothekerzeug sterben". So sind auch mancheAuslassungen der Elisabeth Charlotte über andere Persönlichkeiten nur zu