Druckschrift 
Der Islam und die Wissenschaft : Vortrag, gehaltzen in der Sorbonne am 29. März 1883
Entstehung
Seite
17
Einzelbild herunterladen
 

17

\

schwindet sie. Während Averroes in den lateinischenSchulen eine Berühmtheit erlangt, die fast derjenigendes Aristoteles gleichkommt, wird er hei seinen Reli-gionsgenossen vergessen. Schon nach dem Jahre 1200ungefähr gibt es keinen einzigen arabischen Philosophenvon Bedeutung mehr. Die Philosophie war stets imSchoosse des Islam verfolgt worden, bis dahin aber ohnevollständig unterdrückt werden zu können. Vom Jahre1200 ab ist die theologische Reaktion ganz und garsiegreich. Die Philosophie wird in mohamedanischenLändern abgeschafft. Die Geschichtsschreiber und Poly-graphen sprechen noch aus der Erinnerung von ihr, undzwar aus böser Erinnerung. Die philosophischen Hand-schriften werden vernichtet, sie werden selten. DieAstronomie wird nur noch geduldet, insofern sie dazudient, die Himmelsrichtung zu bestimmen, nach welcherman zum Gebet sich wendet. Bald übernimmt gar dietürkische Rasse die Führerschaft im Islam und lässt inallen Dingen ihren vollständigen Mangel an philoso-phischem und wissenschaftlichem Geiste erkennen. Vondiesem Augenblick an verzeichnet der Islam, einigeseltene Ausnahmen, wie Ibn-Khaldun abgerechnet, keinenweitblickenden Geist mehr; er hat die Wissenschaft unddie Philosophie getödtet.

Ich habe nicht gesucht, die Rolle der grossen soge-nannten arabischen Wissenschaft herabzusetzen, die eineso bedeutungsvolle Epoche in der Geschichte des mensch-lichen Geistes bezeichnet. Man hat von ihrer Origina-lität auf einigen Gebieten, namentlich auf dem derAstronomie eine übertriebene Ansicht gehabt; man darf

2