Erwiderung Ernest Renan’s.
Man hat mit dem ihnen gebührenden Interesse die sehr ver-ständigen Reflexionen gelesen, zu denen mein letzter in der Sorbonnegehaltener Vortrag dem Scheik Djemmal Eddin die Veranlassunggegeben. Es ist ausserordentlich lehrreich, die Denkweise des auf-geklärten Asiaten in ihren aufrichtigen und ureigenen Darlegungenalso kennen zu lernen. Wenn man die mannigfaltigsten Stimmenanhört, die von allen Seiten des Horizonts uns erreichen, so gelangtman zu der Ueberzeugung, dass wenn die Religionen die Menschentrennen, die Vernunft sie einander nähert, und dass es im Grundenur eine und dieselbe Vernunft gibt. Die Einheit des menschlichenGeistes ist das grosse und tröstende Ergebniss, das aus dem fried-lichen Zusammenstoss der Ideen sich darstellt, wenn man die gegen-teiligen Aussprüche der sogenannten übernatürlichen Offenbarungenbei Seite lässt. Die Liga der verständigen Geister des ganzen Erd-balls gegen den Fanatismus und Aberglauben wird scheinbar nurvon einer unbedeutenden Minorität gebildet. Im Grunde ist dies dieeinzige dauerhafte Liga, denn sie stützt sich auf die Wahrheit, undsie wird schliesslich den Sieg gewinnen, nachdem die rivalisirendenFabeln sich in Jahrhunderte langen ohnmächtigen Konvulsionen er-schöpft haben werden.
Vor ungefähr zwei Monaten machte ich die Bekanntschaft des-Scheik Djemmal Eddin.*) Wenige Personen haben einen lebhafteren
*j Obige Zeilen sind am 18. Mai 1883 geschrieben worden. (Anm. d. Oebers.)-