276 Von Kopernikus bis auf Tycho.
§. 21 .
Man erlaube uns jetzt einige Betrachtungen überden Ideengang des Ropernikus. Er gelangte durcheine Reihe von philosophischen Räsonncmenre zu demBeweise, daß es nicht nothwendig scy, die Erde indie Mitte zu setzen. Die Wirkungen sind dieselben, dieErde bewege sich, oder die Sterne drehen sich um sieherum; die Wahl muß also durch die Einfachheit derUrsachen bestimmt werden. Er hatte die Meinungender Alten vor sich, die seine Gewährsmänner wurden;denn die guten Köpfe stehen und bürgen zu jeder Zeitfür einander. Er war nicht der Erfinder seines Sy-stems, sondern er hatte es nur angenommen. Aber erfühlte, daß diese Annahme so schwer war, und schien so-gar zu zweifeln, daß sie auch von andern Gelehrten wer-de gebilligt werden. Er selbst stimmte erst nach einergründlichen Untersuchung des ptolcmäischcn Systemsdafür. Die Mängel der Erklärungen und die Unge-reimtheit der Hypothesen bewogen ihn ins Altcrthum zu-rückzugehcn, umd daselbst glücklichere Quellen und mitder Natur mehr übereinstimmendere Mittel zu suchen.Er zweifelte mit Recht daran, daß sein System würdeallgemein angenommen werden, denn mehrere berühm-te Astronomen, und selbst Tycho verwarfen seine Mei-nung. Ropernikus fühlte, daß er das Zeugniß derSinne gegen sich hatte. Der natürlichste Gedanke ist,daß die Wahrheit mit ihrer Aussage übcreinstimme.Man befolgt diesen Plan in Beobachtungen, man gehtvon diesem Grundsätze aus in Erklärungen, und manHäuft sie an, so wie sich die Erscheinungen vervielfälti-gen, bis endlich die Ungereimtheiten sichtbar werden.Alsdann wagt cs ein guter Kopf, wie Ropermkus,gegen eine angenommene Meinung aufzutreten, und erkämpft einige Zeit mit seinem Jahrhunderte, ehe er csinit sich fortzieht. Allein alle diese Vorbereitungen wa-ren nothwendig, und das dem Anscheine nach natürlich-ste System mußte dem wahrsten vorhcrgehn. Jahr-hunderte mußten erst vor diesem Aufbauen und Zersto-