48 Religionsunterricht in höheren Schulen.
Schrift nötig." Diese Regeln gelten für alle Stufen des Unterrichts. Man halte aufAneignung des Inhalts, aber man sei sparsam in der Erklärung. „Man erkläre dasErklärbare, lege aber die Hand auf den Mund bei unerklärbaren Mysterien des Glau-bens." „Poetische Gewalt entkräfte man nicht durch prosaische Auslegung. Das „nähmeich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meere, so würde mich doch deineHand daselbst führen und deine Rechte mich leiten", das klingt anders, als eine abstrakteungenügende Exposition der Allgegenwart Gottes." Andererseits aber strebe man nachscharfer Auffassung einzelner Begriffe und lasse unklare Phrasen nicht aufkommen. Wasdie heilige Schrift unter Glauben, Rechtfertigung, Gerechtigkeit, Wiedergeburt, Himmel-reich, ewigem Leben u. dgl. versteht, muß dem Schüler zum klaren Bewußtsein kommen,und es ist notwendig, schon von der Quarta an, wo der Unterricht nicht mehr ein vor-wiegend historischer ist, hierüber feste Definitionen zu geben. Denn nach Beendigung derbiblischen Geschichte in Sexta und Quinta empfiehlt es sich, mit dem Lesen der heiligenSchrift selbst und zwar zunächst mit dem Lesen eines Evangeliums zu beginnen unddann erst in das Alte Testament zurückzugeheu und durch das Lesen ausgewählter Ab-schnitte eine Übersicht über die Entwicklung der alttestamentlichen Offenbarung zu geben.Dem Lehrgang der Unter-Tertia, welcher hierzu vorbereitend ist, entspricht der der Unter-Sekunda, und während dort die historische Entwicklung noch den Hauptgegenstand bildet,au den sich die Auswahl aus den prophetischen und poetischen Büchern nur erklärendanknüpft, wird hier die eigentliche religiöse Entwicklung und die Einführung in denGedankenkreis derselben die Hauptsache sein. Ebenso entspricht das Pensum der Ober-Tertia dem der Ober-Sekunda, denn während dort das Leben Jesu behandelt werdensoll, wird hier in Verbindung mit der Apostelgeschichte die Einführung in die neutesta-mentlichen Briefe zur eigentlichen Aufgabe gemacht werden. Bei der Behandlung desLebens Jesu ist selbstverständlich von den Synoptikern auszugehen, doch empfiehlt es sichnicht, ein besonderes Evangelium zu Grunde zu legen, sondern den Stoff, soweit nichtdie chronologische Anordnung sich von selbst bietet, sachlich zu ordnen. Vorgeschichte, Ge-burt Jesu, Auftreten des Täufers, Versuchung Jesu, öffentliches Auftreten und Verhältniszu Johannes dem Täufer nach den Worten des Johannes („er muß wachsen, ich abermuß abnehmen", Jesus der Bräutigam, Johannes aber der Freund desselben) und demZeugnis Jesu, (er ist der Größte von allen, die vom Weibe geboren sind, aber der Kleinsteim Himmelreich ist größer als er), Wahl der Apostel und erste Predigt: Thut Buße,denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Hieran schließt sich dann eine zusammen-hängende Darstellung der Lehre Jesu, zunächst eine Besprechung der Bergpredigt, danneine Zusammenstellung der Parabeln, endlich eine Ordnung der sonstigen Lehrmomente.Die Gleichnisse, welche alle von dem Reiche Gottes handeln, sind nach den verschiedenenSeiten desselben zu ordnen, überall unter Hervorhebung der eigentlichen Vergleichungs-punkte; vgl. Lisco, Die Parabeln des Neuen Testaments. Der Übersicht über die LehreJesu kann eine Zusammenstellung seiner Wunder folgen, nachdem deren Bedeutung erörtertund auf den symbolischen Charakter eines großen Teiles derselben hingewiesen ist. ZumSchluß kehrt die Darstellung zum geschichtlichen Verlaus zurück, letzte Reise nach Jerusa-lem, Einzug in Jerusalem, Leidenswoche, Auferstehung und Himmelfahrt, so daß überalldie betreffenden Abschnitte mit den Schülern gelesen werden.
Daß in der Sekunda*) nicht Einleitungswissenschaft getrieben werden sollte, isteigentlich selbstverständlich, und doch wird von vielen Lehrern gerade in dieser Klassenoch immer zu viel theologisches Material gegeben, und auch die Lehrbücher sind nichtalle frei von diesem Fehler. Die streitigen Fragen der Kritik gehören nicht in dieSchule, in keinem Falle, wo es sich nicht um sichere und feststehende Ergebnisse handelt.Und auch in diesem Falle haben kritische Fragen nur dann ihre Berechtigung, wennihre Behandlung für das Verständnis der zu lesenden Schrift notwendig ist. Nachdem
*) Vgl. B. Wegener, „Der Religionsunterricht in der Gymnasial-Sekunda" in der Zeit-schrift für Gymnasialwesen 1884 S- 209 ff.