Miidchencrziehuilg.
765
über den weiblichen Organismus gegeben werden. Daß dieser Aufschlußin einer ausführlichen Vorlesung über alle geschlechtlichen Beziehungen und über dasGanze der Ehe bestehe, wie Campe in seinein sonst viel gutes enthaltenden Buche:(„Väterlicher Rath für meine Tochter") in dem Capitel über Schamhaftigkeit undKeuschheit S. 117 f. seiner Tochter eine solche hält und sie für nothwendig erklärt,scheint ganz verfehlt. Wenn Campe die Nothwendigkeit, dem jungen Mädchen stattdunkler Andeutungen eine bündige und klare Unterweisung in den Mysterien des Ge-schlechtslebens zu geben, dadurch rechtfertigen will, daß kein vernünftiger Mensch einejunge Köchin nur durch geheimnisvolle Winke über die gefährliche Anwendung desSchierlings unterrichten werde, sondern daß cs das allein Verständige sei, ihr zu sagen,was Schierling sei, und ihr zu zeigen, woran inan ihn erkenne, so hinkt eben dieserganze Vergleich. Es handelt sich hier nicht um Schierling, der allezeit ein Gift undzur Speise des Menschen überhaupt nicht bestimmt ist, sondern um eine göttliche Ord-nung der Natur, welche, wie jede andere, mißbraucht und in Unheil verwandelt werdenkann. Aber etwas anderes ist es, auf welche Weise dem Menschen der Jsisschleierder Natur gehoben werden solle. Es ist klar, daß über den eigentlichen Vorgang derZeugung nur in einer Form geredet werden kann ohne das sittliche Gefühlzu verletzen: in der Form der Wissenschaft. Da diese dem jungen Mädchenunzugänglich ist, so kann überhaupt gar nicht mit ihm der Gegenstand besprochenwerden, denn eben das Wort selbst ist eine Profanation dessen, was die Natur in einheiliges Dunkel gehüllt und sich selbst Vorbehalten hat, den Menschen zu lehren. Amwenigsten könnte der Vater eine solche Aufklärung geben. In der That kann sie auchgar nicht gegeben werden. Alan lese die Campe'sche Auseinandersetzung und frage sich,ob die Neugier des Mädchens, der inan von der »vertranten und geheimen ehelichenUmarmung, während welcher auf eine höchst wundervolle Weise der zarte Menschenkeimin dem Körper der Gattin von dein Gatten befruchtet werde", erzählt hat, wirklich be-friedigt und nicht vielmehr auf die gefährlichste Weise geweckt und auf Dinge gewaltsamhingewiesen worden ist, die ihm sonst ganz fern gelegen haben würden. Das ganzeReden von Keuschheit und Schamhaftigkeit ist gegenüber dein jungen Mädchen, welchesim übrigen in der rechten Zucht gehalten worden, völlig überflüssig und geradezu ge-fährlich, denn diese Begriffe regen allezeit Gedanken und Vorstellungen in dein jugend-lichen Gemüthe an, die dem Wesen der Unschuld widerstreiten. Es war eben eineVerkehrtheit der Aufklärungsperiode, auch das Tiefste und Geheimnisvollste, das Heiligsteund Zarteste aus seinem Dunkel hervorzuziehen und mit den Händen betasten zu wolleu.Alle solche Schriften, wie z. B. die »Höchst nöthige Belehrung und Warnung für jungeMädchen zur frühen Bewahrung ihrer Unschuld, von einer erfahrenen Freundin", einePreisschrift, welche Campe ebenfalls herausgab und welche die fünfte Auflage 1828erlebte, sind daher als höchst nnnöthige zu bezeichnen. Auch kommt Campe zuletzt, woer nun die Summe des Ganzen zieht und die Rathschläge zur Bewahrung der Unschuldkurz zusammenfaßt, neben solchen Vorschriften, die freilich eben nur die xotiüo xrinoipüenthalten, z. B. „Sei höchst schamhaft" rc., auf das, was bei einer verständigen Er-ziehung von Anfang an erstrebt werden muß und alle übrigen directen Maßregeln zurWahrung der Unschuld überflüssig macht, zurück, wie darauf, daß das Mädchen mitvollem Vertrauen und ganzer Offenheit sich den Eltern anschließen und alle Vertraulich-keit mit anderen meiden solle rc. Aber dieser ganzen ungeschickten und unzarten, derKeuschheit, die sie wahren will, geradezu gefährlichen Behandlung der Geschlechtsverhält-nisse bedarf es überhaupt nicht. Hat das junge Mädchen in der Religivnsstunde aufdie rechte Weise das sechste Gebot behandeln gehört, so weiß es, daß die Ehe eineheilige Ordnung Gottes ist, an welche die Fortpflanzung des Menschengeschlechts ge-knüpft ist. Mehr als dort im ganzen Zusammenhänge der religiösen Erörterung undunter dem Eindrücke der religiösen Stimmung über die Ehe und über den Kindersegenderselben gesagt werden kann, braucht dem jungen Mädchen niemals gesagt zu werden,und auf andere Weise, als mit dieser heiligen Scheu, soll es auch niemals den Gegen-