Druckschrift 
4 (1881) Kirche - Muttersprache
Entstehung
Seite
726
Einzelbild herunterladen
 

726

Lykurg.

ist der Werth der Vorschrift zu beurtheilen, wornach Knaben und Jünglinge im Kreiseälterer Männer selbst nur reden durften, um auf eine an sie gerichtete Frage zu ant-worten; erwirbt und übt sich doch die Art von Selbstbeherrschung am schwersten, welcheim Zurückdrängen der eigenen Meinung besteht; sie ist aber für das praktische Lebendie wichtigste. Am stärksten bricht naturgemäß im eigentlichen Jünglingsalter die Indi-vidualität hervor und strebt sich Geltung zu verschaffen. Diesem Drange gegenübergenügen bloß abwehrende Mittel nicht mehr. Darum übertrugen die Spartaner denHeranwachsenden Männern die schwersten Aufgaben im Dienste des Staates, welcheihre ganze Kraft in Anspruch nahmen. So wurde die überschießende Kraft verbraucht,Genußsucht aber durch den Ernst der Forderungen, Selbstüberhebung und Hochmuthdurch ihre Schwere niedergehalten. Man begegnete aber andererseits auch der Empfind-lichkeit und Reizbarkeit, welche im Verkehr mit anderen leicht bei eigen gestimmtenGemüthern unangenehm wird, in einem Staate wie Sparta aber, welcher auf demsteten und innigen Zusammenleben der Bürger beruht, geradezu verderblich werdenmußte. Hier konnte nur die Gewöhnung an das die Empfindlichkeit Reizende selberHeilmittel sein. So neckte man denn absichtlich die Knaben und gewöhnte sie, Scherzund selbst herben Spott gelassen zu ertragen. Auch im schlimmsten Falle sollte jedersich selbst in der Gewalt haben.

Dem Willen der Einzelnen sollte aber auch eine bestimmte Richtung gegebenwerden, so daß er mit den Gesetzen und Tendenzen des Staates zusammenstimmtc.Die Grundlage für diese (positive) Seite der Willensbildung fand man in der Ge-wöhnung an unbedingten Gehorsam, natürlich zunächst gegen die Vorgesetzten,dann aber auch gegen alle älteren Bürger. Der Jugend trat der Wille des Staateszunächst in Personen entgegen, die gleichsam Träger des Gesetzes waren, dem alledienten. Mit Recht sah man als ein Zeichen einer freien, edlen, zum Herrschen be-fähigenden Gesinnung an, daß jemand nicht wie in anderen Staaten sich den An-schein gebe, als stehe er über Gesetz und Obrigkeit und kümmere sich nicht um dieselbe,sondern sich recht offenbar unter das Gesetz auch in den geringsten Dingen beugeund alle Befehle der Oberen auf's rascheste und eifrigste ausrichte. Doch es sollte auchdas sittliche Urtheil des Einzelnen, die Werthschätzung von gut und böse, mit demdes Allgemeinen eins werden. Darauf arbeitete man mit großer Sorgfalt hin. Vorallem verhütete man gemäß den obersten Principien dieser Erziehung womöglich, daßdie jungen Leute mit dem Schlechten bekannt wurden, suchte dagegen ihr Urtheil überdas Gute und Löbliche in jeder Weise zu befestigen. Daher ließen die Männer häufig,während sie bei Tische saßen, Knaben zu sich herankommen. Aber da mußte jeder derTischgenossen nicht nur alles Unschöne zu thun vermeiden, sondern man sprach auchnur von ruhmvollen Thaten braver Bürger, theilte preiswerte Aussprüche mit, aberkeiner häßlichen That und keiner häßlichen Rede geschah Erwähnung. In dieser Weisewollte man den jungen Seelen Ideale spartanischer Tugendhaftigkeit der-ca/ttS--« einprägen. Die Grundlage derselben war in der Verachtung des Todesgegeben, in der Geringschätzung des Lebens und äußerer Güter gegenüber den Forde-rungen der Ehre und Tugend, den Geboten des Staates; in diesem Sinne wirkte manvorzugsweise auf das sittliche Urtheil der Jugend ein, gewiß läßt sich auch fürdiese Anschauung in ihr eine wahre Begeisterung erwecken. In den von gymna-stischen Uebungen freien Zeiten mußten außerdem die Jünglinge, welche an der Spitzeder Abtheilungen standen, an die Knaben bestimmte Fragen richten (z. B. wer ist derbeste Mann? welche Handlung verdient das höchste Lob?), und der Knabe mußte daraufsofort eine kurze Antwort geben, in welcher sich der Geist des Spartiatenthums wider-spiegelte. Man hielt es für eine große Schande, wenn jemand über sittlich-politischeVerhältnisse nicht klar ausgeprägte Urtheile in sicherer Bereitschaft hatte. Natürlichwar nach demselben Gesichtspunct alles ausgesucht, was zur geistigen Bildung desSpartaners mitzuwirken hatte (s. unten). Ein Hauptmittel aber für die Charakter-bildung sollte das gesetzlich empfohlene Freundschaftsverhältnis zwischen älteren