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4 (1881) Kirche - Muttersprache
Entstehung
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Gemeinschaft von Menschen, als Verein, gefaßt werden muß, so führt uns dies einer-seits auf ihre Nothwendigkeit zurück, andererseits werden wir von diesem Punct ausauch auf die Unterscheidung der Kirche als eines einheitlichen und unvergänglichen Ganzenvon der bloßen Summirung einer Menge einzelner, wechselnder Individuen geleitet.Die Nothwendigkeit, daß eine Kirche als Erscheinungsform des Christenthums in dieserWelt, als historische Potenz existirt, daß das christliche Leben einen ihm eigenthümlichungehörigen Menschenverein stiftet, ist sowohl eine innere als eine äußere; d. h. da imChristenthum der treibende Hauptfactor die Liebe ist, so fühlen sich alle Gläubigen zumAnschlüsse aneinander getrieben; die Liebe duldet keine Jsolirung, einer will und muß das ist psychologische Nothwendigkeit dem andern das mittheilen, wovon ihmdas Herz voll ist, und einer bedarf vom andern Trost, Rath, überhaupt manchfachegeistliche Handreichung. Wenn also der Geist Christi eine gemeinschaftbildende Wirkungausübt und dadurch der Stifter der Kirche wird, so schließt er sich damit an einennatürlich-menschlichen Trieb an; es bedarf außer dem Gebot der Liebe nichts weiteres,keine statutarische Verordnung; es bedarf nur einer göttlichen Kraft, um der Liebe Luftzu machen, um sie so zu reinigen und zu stärken, daß sie fähig ist, einen dauerndenBund zwischen den von Natur so wankelmüthigen, egoistischen Menschen zu stiften.Die äußere Nothwendigkeit aber liegt darin, daß ein Lebensprineip, wie das christliche,sich nicht als Ansicht einzelner oder höchstens als Tradition einer Familie, einer Schuleforterben und erhalten kann, sondern daß ihm eine freie, aber umfassende Gemeinschaftzur irdischen Heimat dienen muß. Es soll und will die Welt umgestalten, deshalbmuß es festen Fuß in der Welt selber fassen, muß in ihr eine historische Gestaltgewinnen; das kann nur sein in derjenigen Form, die wir Kirche nennen. Inwiefernhiebei Universalität und 'Nationalität in Frage kommen, wird unter Ziff. III. beleuchtetwerden. Bleibt es uns nun bei alle dem feststehen, daß die Kirche wesentlich eineLouZrogatio ist und durch das Sichzusammenthun einer Mehrheit von Menschen ent-steht, so ist sie doch nicht die bloße Summe dieser sich sammelnden Menschen, so daßauch ihr geistiger Besitz nur gleichsam die Summe wäre, die aus der Addition desGlaubens, der Erkenntnis re. aller einzeln-" sich ergäbe. Wir unterscheiden sie alsGanzes von der Summe des Einzelnen; ^ ist nach einer uns auch in andernVerhältnissen ganz geläufigen Anschauung »moralische Person", d. h. sie wird alseine für sich bestehende, handlungsfähige, mit Rechten und Pflichten ausgestattete ethischePotenz angesehen, die, ob sie gleich roalitsr nur in der Vielheit der ihr zugehörigenPersonen existirt, doch im Geiste als etwas über den Personen schwebendes, von ihnenund ihrer zufälligen Qualität unabhängiges angeschant wird. Man kann dies diemystische Seite der Kirche nennen, nach welcher sie eben Gegenstand des Glaubens,nicht schon des Schavens, und in sofern eine unsichtbare ist. Wir sagen z. B. vonder Kirche: sie bete an, sie segne, sie singe wer ists Venn eigentlich, der dies tat-sächlich vollbringt? Die Klerikalen antworten: die Klerisei thue das; wir aber sagen:die Gemeinde thuts, sie thuts durch den Mund ihrer Liturgen, ihrer Dichter, oder auchin eigener Person in oorxoro (z. B. im Gemeindegesang). Wohl; aber wenn z. B.gebetet wird: »Allmächtiger Gott, wir sind hier gegenwärtig vor dir, zu hören alles,was uns in deinen: Namen gesagt werden soll" sind denn wirklich alle Individuen,aus welchen die Gemeinde örtlich zusammengesetzt ist, geschweige denn alle, die in ihrenListen als Getaufte eingetragen stehen, wirklich bereit, alles zu hören, was Gott ihnensagen will? Oder wenn die Kirche singt: »Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleibenewiglich": ist das wirklich die ernstliche, aufrichtige Willensmeinung aller? Steht nichtdas, was die Kirche singend, betend, predigend bekennt, oft so hoch, daß selbst dieBesten nur eben im gehobenen gottesdienstlichen Momente mit ihrem eigensten Bewußt-sein so weit hinanreicheu? Deshalb eben will der Sectengeist alle ausschließen, die inirgend einein Stücke noch dahinten sind hinter dem, was die Geineinschaft bekennt, oderwill er umgekehrt vom öffentlichen Gottesdienst, wenigstens vom Bekenntnis in Gesangund Liturgie alles ausschließen, was nicht in aller Munde wahr und wirklich ist, und