Druckschrift 
7 (1869) Reinlichkeit - Schule
Entstehung
Seite
497
Einzelbild herunterladen
 

Sächsische Herzogtümer. Gotha.

497

uns zu weit führen, den Inhalt des Haun'schen Schulmcthodus hier mitzutheilen, wirbeschränken uns deshalb nur auf die Bemerkung, daß dieses Buch im Vergleich mitder früheren und späteren Pädagogik alle die Mängel und Vorzüge an sich hat, welchedem Deismus und dem Philanthropinismus des vorigen Jahrhunderts eigen waren,daß aber die Schulen, in denen nach dem Haun'schen Methodus unterrichtet wurde,sicherlich ans der Höhe ihrer Zeit standen. Im ganzen zeigt das Buch trotz der Be-tonung des Nützlichkeitsprincips einen streng sittlichen Geist, klare Erkenntnis, scharfeUnterscheidung, ernstes Streben und vor allem praktische Ausführbarkeit! Schade, daßder strebsame Haun so früh als Opfer seines Eifers und seiner Anstrengungen fiel undschon im 53. Jahre seines Lebens am 22. März 1801 starb. Noch bedauernswertheraber ist es, daß mit Hauns frühem Tode einer gedeihlichen Entwicklung des Volks-schulwesens auf lange Zeit Stillstand geboten wurde und daß nach dem HeimgangHerzogs Ernst II. das gothaische Schulwesen zwar noch einige Zeit, zehrend vom altenRuhme, nach außen glänzte, dann aber auf lange Zeit vom Schauplatz der Schul-geschichte abtrat.

Wie sich nach dem Tode Ernsts des Frommen die Reaction des gothaischen Volks-schulwesens bemächtigt hatte, so auch nach dem Tode Ernsts II. Was unter seinenNachfolgern (Herzog August 1804—22 und Friedrich IV. 1822—25) bis zumAussterben der gothaischen Fürstenlinie und der Vereinigung Gotha's mit Coburg (1826)zum Besten des Schulwesens im Gothaischen geschehen ist, ist nicht der Rede Werth.Die Nachfolger des praktischen Haun arbeiteten weder im Seminare, noch als Land-schulinspectoren im Geiste einer gesunden Pädagogik weiter. Der Fehler lag einfachdaran, daß die Herren gelehrte Theologen, aber keine praktischen Pädagogen waren. Von derPraxis des Schullebens hatte man kein Verständnis und für eine gedeihliche Entwick-lung kein Interesse. Daraus erklärt sich auch der Umstand, daß der noch immerzu Recht bestehende Ernestinische Schulmcthodus factisch außer Cours gesetzt, derHämische Schulmcthodus aber nicht eingeführt war. An die monatlichen Lectionsplänekehrte sich niemand und so kam es, daß die gothaische Volksschule auf lange Zeit hindurchgar keinen Lehrplan, kein Elassenziel, und keinen Lehrgang hatte. Jeder Lehrertrieb was er wollte, wie er es wollte und weil er es wollte! Das Voigt'sche Realien-buch, welches in den gothaischen Schulen gesetzlich eingeführt war, wurde vom Ober-consistorium abgeschasft, „weil der Unterricht in der deutschen Sprache, in Weltgeschichteund Geographie für Volksschulen unnöthig sei, da dadurch die Menschen weder besser,noch weiser, noch fleißiger, noch glücklicher werden." Auch das vom Generalsuperin-tendent Löffler verfaßte Schullesebuch würfle mit der Motivirung aus den Schulenentfernt, „daß ein Religionsunterricht in bloßen Sprüchen und Versen zu wenig fek>die eigenthümliche Glaubenslehre in dem betreffenden Buche übergangen und die Moral(sie!) nicht vollständig vorgetragen sei. An hoher Stelle wurde das Princip der An-schauung bespöttelt „weil die Uebungen im Vergleichen und Unterscheiden sinnlicherGegenstände z. B- Wohnhaus und Kirche, Schaf und Gans rc. von den Eltern lächer-lich gefunden und nur von Wahnsinnigen verwechselt werden könne; es gäbe ja Gegen-stände, an denen der Verstand der Kinder besser geübt werden könne, z. B. moralischeBegriffe, der Unterschied zwischen Sparsamkeit und Geiz, Fröhlichkeit und Ausgelassen-heit rc." 1817 wurde sodann die Stelle eines Ländschulinspectors aufgehoben. DieLehrer wurden von da ab nicht mehr in der Schule inspicirt, sondern kamen wiederunter die alleinige Aufsicht geistlicher Schulinspectoren, welche die Schulvisitationcn iwder Kirche Vornahmen. Die Localschulinspection der Pfarrer aber wurde entweder garnicht, oder doch nur höchst selten und mangelhaft ausgeübt. Während sodann Preußenund die benachbarten thüring'schen Staaten, z. B. Weimar, Meiningen, RudolstadtDeputationen zu Pestalozzi schickten, um dessen Lehrmethode in den Boden ihres hei-mischen Schulwesens zu verpflanzen, hielt es Gotha nicht für der Mühe Werth, von.

Pädagog. Enchklopädie. VN. 32