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Religionsunterricht in höheren Schulen.
man stellt Wohl noch deshalb Klagen an beim Ministerio (wie mir vor weniger Zeitergangen), daß man die Jugend ja nicht also lasse verderben und verführen. Densummarischen Inhalt, die Abtheilung und Ordnung der Bücher und Capitel, dienützlichen und tröstlichen Sprüche nebst derselben Gebrauch, sagt man, gehören nichtfür die Jugend, sondern für Prediger und hohe Doctores!" (Vgl. Tholuck, Lebens-zeugen der luth. Kirche S. 414.) Disciplin und Unterrichtsmethode lagen damalsüberhaupt gar sehr im Argen; das fortwährende Memoriren und trockene Sche-matisiren, Uebermaß in Wiederholungen und in Dictaten schlug besonders den ammeisten ans frische Bewegung angewiesenen Religionsunterricht in drückende Fesseln,um so mehr als daneben der lateinische Unterricht fast unbeschränkt herrschte, ja dieNeligionsstnnden theilweise seinen Zwecken dienstbar machte. Andrerseits mochte dieMenge gottesdienstlicher Uebungen, zu denen die Schule nöthigte, doch öfters durchihr Uebermaß schaden. Man wundere sich nicht über so baldigen Verfall: traten dochauch in der alten Kirche selbst noch vor dem Hinscheiden der Apostel schreiende Mis-bräuchc hervor, und überall geht ja die Entwicklung der Menschheit nicht in geraderLinie, sondern mit allerlei Umwegen und Rückschritten vor sich. Ueberdies war diepädagogische Einsicht selbst in der Neformationszeit doch nur eine sehr beschränkte undhatte viel Mühe nach den entsetzlichen Zuständen der Vergangenheit, ohne auf gesegneteErfahrungen zurückblicken zu können, auch nur die nothdürftigsten Verbesserungen inden Schulen durchzuführen. Und erst im Vergleiche zu jenen späteren Zerrüttungen,welche die langjährigen Ungewitter des großen Neligionskrieges mit sich führten,erschien das 16. Jahrhundert in einem so lichten Glanze, wie er doch der Wirklichkeitnicht entspricht. So gewaltige Umwälzungen auf den innerlichsten Lebensgebieten,denen sich die Massen ja oft mehr äußerlich beugten oder im Rausche flüchtiger Be-geisterung Hingaben, konnten an sich bei der Natur des in Sünde verderbten mensch-lichen Wesens eben nur langsam reifende Früchte Hervorbringen. Wie viel fehlte dochauch in jenen Zeiten an der gediegenen Bildung eines besonderen Lehrstandes undwie viel störende Einflüße bedrohten von außen die Schulen! Da wird man mit denGebrechen der Gymnasien, sonderlich ihres Religionsunterrichtes mit Recht Nachsichtzeigen müßcn. *)
Ueberdies fehlte es ja nicht an muthiger Opposition. Nicht etwa erst SpenersPietismus hat der verknöcherten Orthodoxie den Krieg erklärt; Jahrzehnte zuvorerhoben die tüchtigsten Kräfte, z. B. ein Johann Arndt und Joh. Val. Andrea(s. d. Art. Bd. I.), mit vollem Ernste die Waffen für den Sieg des echt evangelischenWesens, in besonderer Beziehung auf die Schulen aber Andreäs Freund AmosComenius, welcher vor allem auf Bibelkenntnis in den Schulen drang, alswelche ihre Pfleglinge zu Himmelsbürgern erziehen sollten. Die heilige Schrift, sagter, sei das A und O für christliche Schulen, und wie er schon von der deutschenSchule Schriftkenntnis forderte, so empfahl er in seiner viäaotica ma§na (entworfen1628 oder 1629) der lateinischen Schule „biblische Theologie."**) Mit nachhaltigerer
*) Vgl. zu der bisherigen Darstellung Dorner a. a. O. S. 423—428, ölS ff., Lösch kea. a. O. und Tholuck. Das akad. Leben des 17. Jahrhdts. I, S. 170 ff, auch den geschicht-lichen Rückblick in dem Artikel Bibl. Geschichte v. Schurig und den Artikel von Heiland„Gymnasium, sein Verhältnis zum Christenthum u. s. w." Huther (der Reli-gionsunterricht in den Gymnasien. Rostock und Schwerin. 1848. S. 11) urtheilt günstigerüber die alte Orthodoxie, ohne genauer auf dieselbe einzugehen, muß indes selbst zugestehen,daß ihr „das Bewußtsein, daß der Glaube seinem innersten Wesen nach nicht sowohl ein Ver-halten zu bestimmten Lehrsätzen, als ein Verhalten zu dem lebendigen Christus sei, bisweilenverdunkelt wurde." Treffend W. F. Geß, Apologet. Beiträge. Basel 1863. S. 3: Nicht derGlaube, sondern nur die Ncchtgläubigkeit war das Allgemeine.
**) Vgl. Leutbecher: Johann Amos Comenius Lehrknnst. Leipzig 186S, bef. S. 116,123. Sehr reichhaltig sind auch die betreffenden Abschnitte über diesen genialen und systematisch