Mädchenschule.
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Aus dem Borangeschickten crgiebt sich, daß die höhere Töchterschule von einer zwie-fachen Tendenz der Entwicklung getragen wird. Sie will ihre Wirksamkeit so weit alsmöglich in die höheren Schichten des Volkes tragen und will doch auch wieder so vielwie möglich dem Bildungsbedürfnisse der unteren Schichten entgegenkommen. Wennsich daran, wie bereits gezeigt, eine Entfaltung verschiedener Organismen, einer Töchter-schule erster und zweiter Ordnung, mit Nothwendigkcit anschließt, so ist doch für alleArten dieser Anstalten der Charakter der höheren Schule in Anspruch zu nehmen unddie Anschauung, die in manchen deutschen Staaten noch herrschend ist, daß die Töchter-schule ihrem Wesen nach der Volksschule angehöre, keineswegs die richtige. Daß auchdie Volksschule ihre Mädchenschule haben könne, versteht sich von selbst; aber die Be-dürfnisse, denen die höhere Töchterschule entgegenkommen soll, sind eben höhere, alsdie der Volksschule, und darum auch die Anstalten selbst unter einem ganz anderenGesichtspunkte aufzufassen.
Was den zweiten Punct des historischen Resultates betrifft, auf welches die bis-herige Entwicklung der höhern Töchterschule hinweist, nämlich die Thatsache, daß dieseAnstalten von ihren Anfängen in der Reformationszeit an bis in unsere Tage auf einemBegriffe von weiblicher Bildung ruhen, der nach Inhalt und Umfang, nach ihrer Grund-lage und ihrem Endziele sich von dem der männlichen Bildung unterscheide; so ist indem Artikel „Mädchenerziehung" (S. 496, 499, 501 f.) die Eigenthümlichkeit dieserBildung dahin bestimmt worden, daß ihr ethischer Charakter in der Bestimmung desWeibes für das Haus gegeben sei, daß sie ein continuirliches Verweilen des Gemüthesin der religiösen Anschauung, und für die intellektuelle Entwicklung jene Art allgemeinerBildung fordere, die in der klaren Auffassung der auf den verschiedenen Wissensgebietenzur Erscheinung kommenden wesentlichsten Ideen und Gesetze bestehe. In diesen dreiGrundbestimmungen der weiblichen Bildung finden wir wieder, was die Reformatorenwollten: eine Bildung, durch welche uns „fromme und verständige Hausmütter"erzogen werden.
Dürfen wir im allgenieinen annehmen, daß sich in dieser Auffassung der weiblichenBildung die meisten und bedeutendsten Stimmen der Zeit einigen werden, so gehen dochdarüber die Ansichten wieder auseinander, ob solche Bildung der Mädchen über-haupt in Schulen erreichbar sei, ob sie nicht besser innerhalb der Familie erzieltwerden könne, und ob nicht geradezu die Bestimmung des Weibes für das Haus dasLeben in der Schule als einen Widerspruch ansschließe. Unter den Neuern ist K. v.Raumer bekanntlich in dieser Verwerfung der Mädchenschulen am entschiedensten vorge-gangen. Zu dem, was darüber in dem Art. Mädchenerziehung (S. 501) gesagt worden,sind hier nur noch einige Bemerkungen hinzuzufügen. Wenn es als ein sonst unbestrit-tener Gedanke der gesammten neueren Pädagogik angesehen werden kann, daß unternormalen Verhältnissen das Werk der Erziehung durch ein Zusammenwirken vonSchule und Familie am besten gelinge, (s- die Einleitung des Art.: Jnstitutserziehung),wenn ferner die Schule immer mehr als ein Organismus erkannt wird, der in demLeben der Menschheit mit Nothwendigkeit besteht und aus demselben gar nicht gestrichenWerden könnte, ohne daß auch die geistige Entwicklung der Menschen aufgehoben würde,so ist nicht abzusehen, wodurch das weibliche Geschlecht von der Nothwendigkeit derSchulbildung freigesprochen oder, besser gesagt, derselben beraubt werden sollte, da wires hier doch mit einer Lebensgestaltung zu thun haben, an welche menschliche Bildungüberhaupt geknüpft ist. Weil in manchen Fällen die Schulbildung durch Privatun-terricht ersetzt oder übertroffen werden kann, daraus folgt nicht, daß für Mädchen dieSchule überflüssig sei. Ebensogut könnte die Ucberflüssigkeit des Staates daraus gefolgertwerden, daß mancher Robinson ans einer wüsten Insel gelebt hat. Ja, wie paradoxes auch klingen mag, es ist leicht zu zeigen, daß für die Bildung deS Mädchens geradedas Schulleben wichtiger sei, als für den Knaben. Denn Wenn das Weib für dashäusliche Leben erzogen werden muß, so soll es doch nach seiner menschlichen Besinn-