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4 (1865) Kirche - Muttersprache
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Muttersprache.

Während es bei fremden Sprachen vielleicht niemals ganz vollkommen erworben wer-den kann.

Es liegt auf der Hand, daß für die allermeisten Deutschen, um bei uns stehen zubleiben, die Muttersprache ihre Mundart ist. Weil aber diese Mundarten deutscheMundarten sind, so ist denn auch aller Muttersprache die deutsche. Durch sie, undnicht schon durch die Erzeugung von Deutschen oder durch die Geburt in Deutschlandwird man zum Deutschen, wie im besondern znm Niedersachsen oder Obersachsen,Thüringer oder Westfalen, Pfälzer oder Schwaben, oder Bayern und Oesterreicher.*)Wir dürfen uns Wohl erlauben, ans den Artikel „Mundart" znrückzuverweisen; undwollen nur noch flüchtig berühren, daß man durch die Muttersprache, im Vaterhausund in der Umgebung des täglichen Lebens auch zu dem Stande prädisponirt wird,im Riehl'schcn Sinne; die Sprache charakterisirt den Bauernstand, wie den s. g.Herrenstand.

Hier ist aber nun gerade der Ort, von den theoretischen Betrachtungen zu eiuigenpraktischen Fragen überzugehcn. So sehr wir uns oben gedrungen fühlten, den Zu-sammenhang zwischen den Worten einerseits und den Begriffen andererseits als einenmystischen zu bezeichnen, wie uns denn das Band zwischen dem geistigen oder psychischenVorgänge und der Hervorbringung des Lauts mit seiner Articulation gänzlich verborgenist, so sehr scheint es nöthig, einige in diesem dunkeln Gebiet wurzelnde Vorstellungenzu berichtigen.

Zuvörderst ist es grundfalsch, wenn man glaubt, daß jeder Mensch seine Mutter-sprache von selber lerne, und daß sie ihm gleichsam angeboren sei. Wohl kann mansagen, daß der Mensch eine angeborene Empfänglichkeit für die Sprache überhaupthat; für die Auffassung und das Wiedergcben von Sprachlauten ist sein Ohr und seineMundhöhle vom Gaumensegel bis zu den Lippen gebildet. Aber daß er für eine be-stimmte Muttersprache organisirt sei, wird kaum nachzuweiscn sein,**) sicherlich wenigstens

Diese Behauptung mag schroff erscheinen, sie ist aber nichtsdestoweniger wahr. Durch dieErzeugung wird man nur ziotsntin ein Deutscher, aber in der That, notn, wird man erst durchdas Leben mit Deutschen, mit den Eltern, in der Familie, im Volke, wo man deutsch redet unddenkt, ein echter Deutscher. Es soll nicht geleugnet werden, daß man mit dem Blute nationaleBestimmtheiten erhält, aber man muß sich Wohl hüten,. dieselben als fixe, bei den Individuensich ohne weiteres als Kennzeichen der Nationalitätsspecies entwickelnde zu denken. Die DarwinscheLehre vom Artbegriff, welche gegenwärtig nicht bloß in den Naturwissenschaften eine heilsamegeistige Bewegung und Umwälzung anregt, wird überhaupt dazu dienen, steife und atomistischeVorstellungen von, Verhältnis der natürlichen Verschiedenheiten zu berichtigen; Vorstellungen,welche hie und da die Strömung des Zeitgeistes auch bei solchen abgelagert hat, wo sie als ganzfremdartige Geschiebe erscheinen.

**) Wenigstens ist es bis jetzt nicht nachgewiesen, und wird auch schwerlich jemals nachge-wiesen werden können. Um nicht zu reden von den so charakteristisch tönenden Vocalen undDiphthongen, an welchen die Muttersprache und die Mundart erkannt wird, und welche sich soinnig an die Seele legen, wie kein Mitlauter: auch für die auffallenden und eigenthümlichenunter den letztem, für das tb der Engländer, das ob der Schweizer und Spanier, das l monlllsder Franzosen, das harte l der Slaven hat man sich keine besondere Organisation zu denken.Der Beweis liegt einfach in der Thatsache, daß alle gesunden Kinder anderer Nationen, undviele Erwachsene, diese Laute vollkommen richtig hervorbringcn lernen. Wenn demungeachtet er-klärt wird, eine gewisse besondere Organisation sei einleuchtend, weil die physische Beschaffenheitder Sprachorgane in verschiedenen Sprachen sich verschieden modificire, was wohl auch in dernatürlichen Fortpflanzung nicht spurlos bleibe, so beruht das auf einem Misverständnis. DieSchwierigkeit liegt überhaupt nicht sowohl in der Hervorbringung einzelner Laute, als vielmehrin der Leichtigkeit und Flüssigkeit ihrer Verbindung unter einander. Das ist die Sache derUebung, welche frühe begonnen werden muß, aber nicht durch Fortpflanzung vermittelt wird.Daß die natürlich bestimmte geistige Eigenthümlichkeit die Sprache der Völker unv der Individuenmodificire, soll nicht geleugnet werden; daß aber die Sprachorgane davon betroffen werden sollen,das ist eben die Frage, welche durch die oben angeführten Thatsachen verneint wird. — Sind