144 Die Reichstagssession von 1887—88.
dazu hätte. Aber Rußland gegenüber erkläre ich noch heute,daß ich keines Neberfalls gewärtig bin, und nehme vondem, was ich im vorigen Jahre gesagt habe, nichts zurück.
Sie werden fragen: wozu denn die russischen Truppen-aufstellungen in dieser kostspieligen Form? Ja, das sindFragen, aus die man von einem auswärtigen Kabinett,welches dabei beteiligt ist, nicht leicht eine Aufklärungfordern kann. Wenn man Erklärungen darüber zu fordernanfinge, so könnten sie geschraubt ausfallen, und dieTriplik ist auch wiederum geschraubt. Das ist eine ge-fährliche Bahn, die ich nicht gerne betrete. Truppen-aufstellungen sind meines Erachtens Erscheinungen, überdie man nicht — mit einem Studentenausdruck —„koramiert", kategorische Erklärungen fordert (Heiterkeit),sondern denen gegenüber man mit derselben Zurückhaltungund Vorsicht seine Gegenmaßregeln trifft.
Ich kann also über die Motive dieser russischenAufstellungen keine authentische Erklärung geben; aberich kann mir doch als jemand, der mit der auswärtigenund auch mit der russischen Politik seit einem Menschen-alter vertraut ist, meine eigenen Gedanken darüber machen;die führen mich dahin, daß ich annehme, daß das russischeKabinett die Ueberzeugung hat — und die Ueberzeugungwird wohl begründet sein —, daß in der nächsten euro-päischen Krisis, die eintreten könnte, das Gewicht derrussischen Stimme in dem diplomatischen Areopag vonEuropa um so schwerer wiegen wird, je stärker Rußlandan der europäischen Grenze ist, je weiter westlich dierussischen Armeen stehen. Rußland ist als Verbündeterund als Gegner um so schneller bei der Hand, je näheres seinen westlichen Grenzen steht mit seinen Haupttruppenoder wenigstens doch mit einer starken Armee.