76 Die Rsichstagssession von 1875—76.
zu erröten, bewahrt haben; — kurz, abgehärtete, dick-fellige Minister sind nicht mein Ideal (Heiterkeit), undich glaube, man kommt besser durch mit Ministern vonfeinerem Ehrgefühl. Härten wir sie erst so ab, daß siefür keine öffentliche Meinung mehr zugänglich sind oderkeine Scham und Empfindung für öffentliche Beleidigungenübrig haben, ja, meine Herren, dann kann es sehr leichtkommen, daß wir künftig einen Minister haben, der sichsagt: was hilft es mir, daß ich ehrlich bin, verleumdetwerde ich ja doch; und von jedem Minister wird heut-zutage behauptet, daß er persönlichen Eigennutz verfolgt,wenn er nach feiner Ueberzeugung handelt. Wir kommenschließlich dahin, wie jener, der immer rief: der Wolf!der Wolf! der nicht da war; wenn er aber da ist, wirdes keiner mehr glauben.
Wenn jemand beleidigende anonyme Briese bekommt,so erwartet und fordert man von ihm, daß er sie in denPapierkorb wirft, und jedermann ist darüber einig, daßdas ein ganz ehrloses Gewerbe ist, anonyme Injurienund Verleumdungen zu schreiben. Die Entrüstung dar-über wird noch etwas größer, wenn die Thatsache, daßdie Briese metallographiert sind, beweist, daß sie anmehrere gerichtet sind. Sowie sie aber gedruckt sind, istes etwas ganz andres, da ist es die Stimme der öffent-lichen Meinung, die man beantworten soll, während esdoch dieselbe ehrenrührige, unbewiesene anonyme Ver-leumdung ist; denn es ist selten der Redakteur, von demdergleichen herrührt, sondern ein „Korrespondent", einUngenannter. Auch dagegen könnten wir mit einem ent-schlossenen, sittlichen Gefühl viel thun, — nicht gegenalle kleinen, aber doch gegen große Blätter. Wenn einBlatt, wie die Kreuzzeitung, die für das Organ