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Österreich-Ungarn (Geich.).
1870 angenommen, doch sein Nachfolger erst imnächsten Jahre ernannt. Alm 22. Nov. wurde derReichsrath vertagt und die sich ihm anschließendenDelegationen in Pest genehmigten außer dem Bud-get für 1871 eine außerordentliche Ausgabe von 60Mill. Fl. für das Militärwescn, um auf jeden Falldem Kriege begegnen zu können, den Deutschlandmit Frankreich führte. Benst hätte gern ein Bünd-niß Oesterreichs mit Frankreich geschlossen, um Rachefür Sadowa zu nehmen, die Czechen, Polen u. Ma-gyaren dachten ganz französisch n. Österreich rüstete;als aber der Krieg im Gange war, zog Benst es vor,Frieden zu halten, wie die Deutsch-Ocsterreicherbe-gehrten nnd erklärte sich 18. Juli 1870 für strengeNeutralität in einer Circulardepesche; DeutschlandsSiege waren der Hauptgrund dazu. Am 7. Febr.
1871 wurde Graf Hohenwart, ein Hochtory undklerikal gesinnt, ans eigenster Jnitiativedes Kaiserszur allgemeinen Überraschung zum Minister desInnern ernannt u. mit der Bildung eines Ministe-riums betraut, welches über den Parteien stehensollte. Minister der Justiz wurde der czechische Uni-versitätsprofessor vr. Habietinek, des Cnltns n. Un-terrichts der czechische Ministerialrath Jirecek,derbedeutendste czechische Literarhistoriker, beide von derböhmischenAusgleichspartei. Landesvertheidigungs-minister wurde Generalmajor Scholl, Minister ohnePortefeuille, aber einzig thätig mit Galizien einenAusgleich zu erzielen, der Pole Graf Grocholski(11.April); der württembergische UniversitätsprofessorinWien, vr. Schäffle, ein entschiedener Großdeutscher,der bald die Seele des sonst klerikal-fendal-czechischenCabinets war, erhielt das Portefeuille für Handel u.zeitweilig für Ackerbau; nur derFinanzministerBa-ron Holzgethan blieb aus dem CabiuetePotocki. MitRechtsahen dieDeutscheninÖsterreichvollMißtrauenauf das Cabinct, von dessen Mitgliedern keines derdeutschen Verfassungspartei angehörte. Das vonSchäffle verfaßte Cabinetsprogramm befürworteteden Separatismus, wenn es auch dies Wort ver-warf, durch die Hebung der Landtage der Provinzenu. die Herabdrückung des Reichsrathes. 25. April1871 machte das Cabinet im Abgeordnetenhauseeine die Competenz der Landtage erweiternde Vor-lage , die 9. Mai abgelehnt wurde. 5. Mai reichteHohenwart bei dem Abgeordnetcnhanse eine Vor-lage ein, durch die den Polen in Galizien der größereTheil ihrer Forderungen, die auf Selbständigkeitausliefen, zugestanden wurde, u. 10. Mai bekannteer bei deren Berathung, er sei gesonnen solche Con-cessionen nicht nur Galizien sondern auch Böhmenzu bieten. Offen sprach er im Geiste des Födera-lismus, die Aufregung im Hause war ungeheuer, dieSitzung wurde abgebrochen u. eine von Herbst ent-worfene Adresse an den Kaiser schilderte rllckhaltslosdie von diesem Ministerium Oesterreich drohendenGefahren. In seiner Anwort ans die Adresse (30.Mai) hielt der Kaiser enge zu den Ministern. An-fänglich wollte nun die Verfassungspartei das Bud-get verwerfen, doch unterblieb dies 7. Juni u. derReichsrath genehmigte, bevor er 10. Juli auf unbe-stimmte Zeit vertagt wurde, das Budget. DieserSieg machte Hohenwart immer kühner, der Zusam-menhang der Verfassnngspartei war gesprengt. 4.Aug. wurden die Grundzüge des Ausgleichs mit denCzechen einem Ministerrathe vorgelegt, dem der
Kaiser präsidirte nnd 5. Aug. empfing Letzterer denCzechenfllhrerRieger in fast ZstündigerAudienz. Am11. Aug. löste ein kaiserliches Patent das Abgeord-netenhaus des Reichsrathes auf und ordnete für diemeisten verfassungstreuen Landtage Neuwahlen aufSeptember an, während die separatistisch gesinntenblieben. Die Wahlen für die aufgelösten Landtagefielen ganz zuungunsten der Verfassnngspartei aus,sie konnte nur auf 66 Stimmen gegenüber 136 Mi-nisteriellen rechnen und beschloß, gar nicht in denneuen ReichSrath einzntreten. Die verfassungstreuenLandtage griffen erbittert das Ministerium an, des.heftig sprach der niederösterreichische 10. Oct. n. diespitzesten Pfeile wurden auf Schäffle geschleudert.14. Oct. schloß das Ministerium die verfassungs-treuen Landtage u. die ärgste Reaction drohte demLande. Dem Kaiser lag jetzt dieAdresse vor, die denCzechen die volle Herrschaft über die inneren Ange-legenheiten Böhmens in die Hände spielen sollte.Da schilderte Benst in einer nach Ischl eiugesandtsnDenkschrift Franz Joseph die Gefahren, wenn erdiese Richtung betrete; zu Hohenwarts Schrecken ver-schob der Kaiser alsdann die Unterzeichnung derböhmischen Concessionen, Benst gewann die Ober-hand, 16. Oct. wurde auch Andrassy nach Wien be-rufen u. sprach sich entschieden gegen die böhmischenReichsgelüste n. für Beusts Denkschrift aus. Am 26.Oct. fiel das Ministerium Hohenwart und der Aus-gleich mit Böhmen war abermals gescheitert. Ba-ron Kellersperg wurde beauftragt, ein neues Mini-sterium zu formiren, doch erhielt er für sein den Aus-gleich mit Galizien ausschließendes Programm diekaiserliche Billigung nicht. Zn allgemeiner Über-raschung nahm Graf Benst 6. Nov. seinen Abschied,man sah darin ein Sühnopfer an den Grimm derbesiegten Feudalen, Klerikalen nnd Czechen. Ohneden Titel eines Reichskanzlers zu erhalten, wurdeGraf Andrassy an Beusts Stelle Neichsminister fürdie auswärtigen Angelegenheiten; anstatt seinerwurde Lönyay ungarischer Ministerpräsident. An-drassy schritt auf der Bahn Beusts fort, währenddieser als Gesandter in London für einen engen An-schluß Englands an Österreich thätig ist. Fürst AdolphAuersperg bildete, in Übereinstimmung mit der Ver-fassungspartei das 25. Nov. vom Kaiser genehmigteMinisterium für Cisleithanien, in welches Holzgethanwieder herübergenommen wurde. Es bestand ansAuersperg (Präsident), Lasser (Inneres), Glaser(Justiz), L>tremayr (Unterricht u. Cnltns), Banhans(Handel), Chlnmstzki (Ackerbau), Horst (Landcsver-theidiguug), Holzgethan (Finanzen), Unger (ohnePortefeuille). AlsHolzgethan 15. Jan. 1872 Reichs-fiuanzminister wurde, folgte ihm in Wien Depretis.Noch 25. Nov. 1871 wurden die illegalen Landtageaufgelöst, bei den Neuwahlen kam die liberale Ver-fassnngSpartei wieder zum Erfolge, 28. Dec. tratder Reichsrath zusammen nnd war, wenn gleich diemeisten Föderalisten u. Klerikalen nicht erschienen,doch beschlußfähig. Andrassy sah in dem guten Ein-vernehmen zwischen Österreich u. Deutschland, wiees die Begegnungen beider Kaiser in Ischl u. Ga-stein (Aug. u. Sept. 1871) befestigt hatten, ein kost-bares Kleinod. Auerspergs Versuche zum Ausgleichmit Galizien scheiterten 1871 wie 1872 an dem pol-nischen Verlangen voller Autonomie.
Am 9. Febr. 1872 legte die Regierung dem Ab-