Druckschrift 
Bd. 13 (1879) Metternich - Ostindien
Entstehung
Seite
826
Einzelbild herunterladen
 

826 Lstcrrcich-Uugaril (Gcsch.).

ständigkeit; Gleiches geschah in Mähren von denCzechen. Die Regierung sah sich gezwungen, Gewal!anzuwenden; alle Civil- u. Militärantorität in Böh-men wurde in die Hand des Feldmarschalls BaronKoller gelegt (10. Oct.), der kräftig den Aufstandunterdrückte, nachdem er über Prag den Belager-ungszustand verhängt hatte. Auersperg trat infolgevon Zcrwiirfuissen mitBcust, derhiuter seinem Rückenmit den Czechenführern wegen eines Ausgleiches ver-handelt hatte, 26.Sept. ab, Graf Taaffe wurde pro-visorisch und 17. April 1869 definitiv Präsident descisleithanischen Ministerrathes. Auch zwischen Un-garn und Kroatien-Slawonien wurde von Benst einAusgleich 21. Juli 1868 geschlossen u. bei gemein-samen Berathnugen nähmen hinfort kroatische undslawonische Magnaten u. Depntirte an dem ungari-schen Landtage Theil. Nach langen Debatten überein Nationalitätsgesetz sür das idiomreiche Translei-thanien ging 29. Nov. 1868 Deals Antrag durch,der die ungarische Sprache zur Staatssprache u. zurSprache der gesetzlichen Verfügungen erklärte; auchSiebenbürgen wurde immer mehr magyarifirt. Der17.Oct. 1868 znsammentretende Reichsrath beschäf-tigte sich bes. mit dem neuen Wehrgesetze. Die Re-gierung schlug für die nächsten lOJahre eine Kriegs-dieustzeit von 12 Jahren, allgemeine Wehrpflicht,ein Militärbudget von 80 Will. Fl. u. eine Kriegs-stärke von 800,000 Mann bei einer Friedensstärkevon 255,000 vor. Der ungarische Reichstag geneh-migte den Antrag, ebenso der cisleithanische 13. bis28. Nov. 1868; 5. Der. sanctionirte der Kaiser dasGesetz, welches eine starke einheitliche Armee in beidenHälften derMonarchie begründen sollte. 1869 wurdeder Kampf auf religiösem u. politischem Gebiete fort-gesetzt. EinigePrälaten, voranBischof Rudigier vonLinz,bestritten ohne Unterlaß die Maigcsetze von 1868,während lautern.lauter der Nus nachAbschaffung desConcordates erscholl, der Wunsch auf Einführung derobligatorischen Civilehe im Abgeorductenhanse ein-gebracht wurde u. die Klosterwillkür durch die Auf-findung der unglücklichen Nonne Ubryk in Krakauihre grellste Illustration erhielt. Aus dem ungemeinbeschäftigten Reichstage gingen der Gesetzantrag aufEinsühriing der Schwurgerichte bei Preßvergehen,Las Landwehrgesetz, ein neues Schulgesetz rc. untermehr od. weniger Widerspruch durch. Unverkennbarwar der Fortschritt im staatlichen Leben. Währendin Böhmen die Czechen in ihrer Wuth nicht abließen,aber von Koller im Zaume gehalten wurden, ginges ans den Landtagen theilweise unruhig zu. JnUn-garn wurde die Einverleibung Dalmatiens in derAdresse an den König gefordert, außerdem fordertendie Ungarn die Einverleibung der Militärgrenzc;in Krain rief man nach einem slowenischen König-reichen.in Galiziennach gleicher Unabhängigkeit, wiesieUngarn habe.Auch wurde Beusts Politikvielfach au-gegrifsen, insofern er darnach strebe, in den deutschenAngelegenheiten , die Österreich-Ungarn nichts an-gingen,seinen Einfluß zu erhalten; aus diesem Grundestrich man ihm die Gesandtschaften in denHansestädten,Braunschweig u. Oldenburg, selbst die Botschaft inRom mußte von ihn erkämpft werden. In Dalma-tien bewirkte die Heranziehung der slavischen Berg-dalmatiner (Bocchesen) zur Landwehr infolge desneuen Landwehrgesetzcs Oct. 1869 einen erbittertenAusstand. Das streitsüchtige Volk wurde von den

Montenegrinern unterstützt und hatte an RußlandeinenheimlichenSchutz. Es kamzu blutigenKämpfenmilden gegen dieBocchesen geschickten Truppen, meh-rere Generale waren unglücklich, schließlich beruhigtesie Feldmarschalllieuteuant v. Rodich, indem er all-gemeine Amnestie u. jedem BocchesenlOFl.bewilligte,Dec. 1869 bis Jan. 1870.

Das cisleithinische Ministerium spaltete sich inzweiParteien, die eine, bestehend aus Giskra, Brestel,Hasucr, Herbst n. Pleuer, empfahl in einer Denk-schrift über die Lage der Monarchie 18. Dec. 1869dem Kaiser das Festhalten an der Verfassung u. anden in ihr der Autonomie der einzelnen Kronlandegezogenen Grenzen; eine Abänderung des Wahl-modus sei nur durch den Weg des Gesetzes statthaft,um Len Reichsrath unabhängiger zu machen. Dementgegen forderten Taafse, Berger u. Potocki in ih-rem Memorandum vom 24. Decbr. Verständigungmit der polnischen, czechischen, slowenischen Opposi-tion, Änderung der Wahlgesetze in Betreff der De-pntirten für den Reichsrath, Neuwahl aller Land-tage u. des Abgeordnetenhauses im Reichsrathe u.wollten allmählich die Verfassung so abändern, daßder Föderalismus wieder eintreten würde. In demam 13. Dec. 1869 eröfsneten Reichsrathe trat dieMajorität auf die Seite der Ministermajorität, 17.Jan. 1870 wurden Taaffe, Berger u. Potocki ent-lassen; Hasner wurde Ministerpräsident, 1. Febr.Gleichzeitig wurde Stremayr Minister für Cultusu. öffentlichen Unterricht, Feldmarschalllieurenant v.Wagner für Landesvertheidigung und Bauhaus fürAckerbau; das Polizeiministerinm wurde aufgelöst.Als Neichsfinanzminister trat nach Beckes Tod Jan.1870 Lonyay ein. Alsbald nach der Unfehlbarkeits-erklärnng des Papstes fiel das Concordat; 30. Julibeauftragte der Kaiser Stremayr mit der Vorlagedes dasselbe aufhebenden Gesetzes an den Reichs-rath. Die Frage über die Wahlreform veruneinigtealsbald das Cabinet Hasner; da man der erforder-lichen H Majorität nicht sicher war, sollte sie für dieseSession vertagt werden; Giskra, der unverweilteWahlreform verlangte, ging darum 20. März ab.Nun brachte die Regierung Las Nothwahlgesetz 30.März vor, worauf so viele Abgeordnete ihr Mandatniederlcgten, daß das Haus nahezu nicht mehr be-schlußfähig wurde. Als die Minister die Auflösungder Landtage, deren Glieder den Neichsrath verlassenhatten,forderten, gab derKaisernichtnach, das Mini-steriiimHasnertrat ab u.4.AprilbildeteGraf Potockiein neues. Beide Häuser des Neichsrathes warntenden Kaiser, den Schwerpunkt der Gesetzgebung in dieLandtage znverlegeu,das Abgeordnetenhaus wurde 8.April vertagt, dann sanimt allenLandtagen außer demböhmischen aufgelöst, 21. Mai. Das neue Ministe-rium unter Potockis Leitung war ohne eigentlicheParteifarbe u. nur eine Art Provisorium zu einemaus dem neu gewählten Abgeordnctcnhanse hcrvor-gchenden. Potocki suchte mit den Polen u. Czecheneinen Ausgleich zu erreichen, beries im April czechi-sche Vertrauensmänner nach Wien, aber umsonst.Die neuen Landtage wurden nun cinberufcn und 5.Sept. der Reichsrath eröffnet. Ausrechterhaltung derVerfassung u. keine Concessioncn an die Polen, Cze-chen rc. war das Verlangen beider Häuser in ihrenAdressen; Potocki sah darin ein Mißtrauensvotum,das Entlassungsgesnch des Ministeriums wnrdeNov.