Die Stellvertretung des Reichskanzlers. 153
das dort nicht wahr haben zu können, was sie mit Er-mächtigung ihres Landesherrn von Preußen hier habenerklären und versprechen können, auch wenn kein bestimm-ter Handel gemacht wird. Ich möchte daher ein Vor-urteil bekämpfen, welches sich, wie ich fürchte, in unsreröffentlichen Meinung festsetzt, nämlich, daß Regierungund Volksvertretung zwei Körper wären, die ein ver-schiedenes Interesse hätten, und daß mau mit Genehmi-gung einer Vorlage der Negierung eine Gefälligkeit er-weisen könnte, welche diese mit einer Gegenkonzession be-antworten müsse. Das halte ich für eine Verschiebungder Verhältnisse; wir leben unter demselben Dach, wirhaben dasselbe Interesse, und eine Verkümmerung derRegierungsgewalt, ein Verfallen unsres wirtschaftlichenLebens — ich wüßte nicht, warum mir das mehr amHerzen liegen sollte, als einem unter Ihnen. Was Sieanshalten, kann ich auch aushalten; wir haben das gleicheInteresse, zu bessern, wenn es durch das Dach regnet,wir können uns nicht als zwei Parteien hinstellen, vondenen die eine sagt: gieb mir erst das, dann will ich dirjenes geben.
Das erwähne ich bloß in Parenthese, weil wir aufeinen falschen Weg geraten, wenn wir uns in zwei geson-derte Lager geteilt denken. Diese Wand von Holz (derKanzler deutete auf die Schranke des Bundesratstisches),die zwischen uns liegt, ist keine Scheide für unsre Gefühle,die wir für Reich und Land hegen, für deren gesamteInteressen, und wenn ich morgen nicht mehr Kanzler,sondern Abgeordneter bin und da unten sitze und einervon Ihnen hier oben, so wird es mir nie einfalleu, inder Eigenschaft eines Abgeordneten über die Dinge an-ders zu denken als in der Eigenschaft als Minister.