Die Stellvertretung des Reichskanzlers. 133
gleichen, was sein könnte, was wünschenswert wäre, wasideell, doktrinär richtig wäre, ist ja an sich ein unschul-diges Vergnügen (Heiterkeit), aber so ganz unschuldig,wie die Herren annehmen, doch noch immer nicht. Inmanchen Beziehungen hat ein Antrag Vorzüge, denn dieReden müssen sich fast notwendig darauf beschränken,das Bestehende zu kritisieren, und es verbreitet sich da-durch eine Empfindung, die ja die Herren, welche esbehaupten, sich vielleicht selbst einreden, daß das Be-stehende eigentlich ganz unerträglich sei.
Ich habe, bevor ich nach Berlin kam, in den Zei-tungen einen gewissen Stimmungsausdruck gefunden, dermich zum Nachdenken brachte; was ist eigentlich inDeutschland geschehen, daß wir plötzlich in einer so dü-steren Stimmung in Beziehung auf die Zukunft, in einerso niedergedrückten Stimmung in Bezug auf unsre Ge-genwart uns befinden, wie die meisten Blätter in ihrenLeitartikeln dieselbe schilderten? Es hieß überall: so wiees ist, kann es nicht bleiben, unser Zustand ist zu fürch-terlich, es muß etwas geschehen, es muß geändert werden,so kann es nicht bleiben. (Heiterkeit). Nun, ist denn dieVerfassung, unter der wir leben, wirklich so unpraktischund unbewährt? Theoretisch kann man viel darübersagen; praktisch war sie der Abdruck dessen, was that-sächlich damals vorhanden und infolgedessen möglichwar, mit derjenigen Ausdehnung und Richtigstellung, diesich damals im Augenblick machen ließ. Wir sind damitjedenfalls weiter gekommen, als mit allen theoretischenVersuchen, und wenn ich Sie auf die Masse von Ge-setzen, namentlich aber auf die fortschreitende Konsoli-dierung dieser damals sehr locker aussehenden VerfassungHinweise, auf das Ansehen, dessen sich diese unsre neue