Die Stellvertretung des Reichskanzlers. 131
und als diese Thatsache zuerst bekannt wurde, hat esmich überrascht, aus den öffentlichen Blättern zu ersehen,daß an diese, wie mir schien, einfache, durch die augen-blickliche Sachlage als geschäftlich notwendig indizierteVorlage sich ein so gesteigertes Maß von Befürchtun-gen wegen unitarischer Bestrebungen einerseits und vonWünschen und Hoffnungen anderseits auf Bestrebun-gen in dieser Richtung geknüpft hat. Ich glaube, daßauch unsre heutige Diskussion, die sich ja vielleicht nochauf morgen verlängert, im Auslande insofern einigeVerwunderung erregen wird, als man schon aus denersten Reden schließen konnte, daß über das, was unswesentlich beschäftigt, der Bundesrat und die große Mehr-heit des Reichstages, wie mir scheint, einig sind undeinig bleiben werden. Man hat im Auslande vielleichtkeinen richtigen Maßstab für die Neigung, die unsDeutschen beiwohnt, nicht nur den täglichen Bedarf derGesetzgebung zu absorbieren, sondern jede Gelegenheit zuabsorbieren, die sich darbietet, um tiefer gehende, sagenwir theoretische oder doktrinäre Erörterungen des eignenVerfassungszustandes, des Bodens, auf dem man steht,daran zu knüpfen. Es ist also — das will ich dabeifür Leute, die uns nicht kennen, erläutern — gewisser-maßen ein Rendezvous auf heute verabredet, um eineder periodisch eintretenden Kritiken unsrer Verfassungs-bestimmungen gegenseitig vorzunehmen, die wir zuletzt,ich glaube 1874, bei dem Münster-Twestenschen Alltraghatten, und die uns ja allen frisch in der Erinnerung sind.
Ich freue mich, daß dem Gedanken, dieser Neigungdurch Anträge eine praktische Gestalt zu geben, von keinerSeite Ausdruck gegeben ist. (Zwischenruf.) Ich meinenicht Amendements, ich meine Anträge auf Verfassung?-