Druckschrift 
2 (1890)
Entstehung
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Religion und Kirche nicht gleichartig verhalten, sondern ganz ver-schiedenen Funktionen des Geistes angehören und auf verschiedenenGebieten liegen, so können religiöse und kirchliche Ungleichheitendurch politische Einheiten nicht aufgelöst werden. Den günstigen,aber durchaus nicht wahrscheinlicheil Fall einmal vorausgesetzt,daß sich die ganz überwiegende Mehrzahl aller Deutschen unterderselben politischen Fahne versammeln sollte, was natürlich zurEinheit und dadurch zur Stärke Dentschlands unendlich viel bei-tragen würde, so möchten zwar dadurch allen übrigeil trennendenVerschiedenheiten unter den Deutschen, also mich den religiösen,die Spitzeil mehr oder weniger gestumpft werden; aber verschwindenwürden dadurch diese Verschiedenheiten nicht. Darum wäre eseitel, zu hoffen, daß durch die mögliche Erlangung einer politischenund staatlichen Einheit auch die religiöse und kirchliche erlangtwerden möchte. Das wird und kann ans dem angegebenenGrunde nicht gescheheil. Geschwächt und endlich vernichtet werdenkönnen die religiöseil und kirchlichen Gegensätze, welche über unsseit Jahrhunderten so viel Unglück gebracht habeil, nur, wie ge-sagt, durch die Entwickelung des religiöse» Bewußtseins, des In-halts lind der Lehre. Aber in Verwandtschaft lind Beziehungstehen sie zu einander. Darum sind diejenigen, welche nicht nurail dein Inhalte, sondern mich an dem Buchstaben des Alten haften,die Feinde, nicht bloß des religiösen, sondern auch des politischenFortschritts. Löst der eine Gegenstand auch den anderen nichtauf, so stehen sie doch in Beziehung zu einander. Die Gegner despolitischen Fortschritts wußten das auch sehr gut. Grundsatz-mäßig begünstigten sie daher die Alt- lind Strenggläubigeil undbefeindeten die Neuerer, sowohl auf dem Gebiete der katholischen,wie der evangelischen Kirche, die Deutschkatholiken und die Licht-freunde.' Der konsequente politisch Stabile ist auch religiösstabil und umgekehrt, und wer in der Politik auf Bewegung dringt,kann, wenn er nämlich konsequent ist, die religiöse Fortentwickelungnicht hassen. Es giebt daher keine horriblere Erscheinung, alspolitisch-freisinnige Ultranlontanen. Es sind lebendige Wider-sprüche, nur dadurch zu erklären, daß sie durch augenblicklicheBegünstigung des politischen Liberalismus einen kirchlicheil Gegner,