Druckschrift 
2 (1890)
Entstehung
Seite
265
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Tausende von Menschen geben, Millionen gegeben haben, welchein fester Zuversicht auf die Wahrheit des ihnen Überliefertenohne alle Prüfung fromm gelebt haben und also gestorben sind;aber eine geläuterte Religiosität, wie sie sich für den dnrch-gebildeten Menschen geziemt, kann man diesen Zustand nicht nennen.Sie verlangt eine feste, auf Gründen ruhende, mit klaren Gründenzu belegende Überzeugung. Zur geläuterten Religiosität gehörtÜbereinstimmung der Gesinnung oder des Willens mit der Er-kenntnis. Wo man blinden Glauben findet, da kann allen-falls von Frömmigkeit, nicht von Religiosität, wie man sie beidein denkenden Menschen sucht, die Rede sein. Er ist fromm,aber nicht frei.

Es muß also für den Menschen eine Zeit der Prüfung desauf Autorität angenommenen Lehrinhaltes kommen.

Hier giebt es zwei Fälle:

l) der Lehrinhalt besteht die Prüfung und wirddadurch (erst) Überzeugung, feste Überzeugung.Warum hat man nun diese Zeit der Befähigung znr Prüfungnicht abgewartet? Warum hat inan den Lehrinhalt schon vieleJahre vorher lernen, d. h. den Worten nach mit dein Gedächt-nis auffassen und lernen lassen? Würde die Sache dem reifen-den Menschen nicht viel frischer nud reizender erscheinen, wenner sie nun erst kennen lernte, wenn man die Achtung vor seinerGesinnung dadurch an den Tag legte, daß man ihm reine Liebezur Wahrheit und Lust zur Erforschung derselben zutrauete, wennes von seiner Gewissenhaftigkeit abhinge, ja oder nein zu sagen?Ja, sollte eine wirkliche, vorurteilsfreie, unbefangene Prüflingwohl noch möglich sein, wenn man die der Prüfung bedürftige,nur nach bestandener Prüfung iuueru Wert habende Wahrheitin dein Alter der Unfähigkeit zu jeder Prüfung dein Kindeaufgenötigt hat? Wird nicht dadurch für die meisteil jede Unter-suchung, die man Prüfung nennen kann, unmöglich gemacht;wird sie dadurch nicht für alle, selbst für die Begabtesten, un-endlich erschwert? Ist es ein Zeichen des Vertrauens zu derWahrheit, ein Zeichen, daß man die Wahrheit, d. h. die inder Prüfung bestehende (keine andere), daß man frei forschende