Druckschrift 
2 (1890)
Entstehung
Seite
206
Einzelbild herunterladen
 

206

und Kräuter, eine Blumendolde, aus der bei leisem Druck der Sameaufsprang, waren mir Unterpfand und Beteurung vom Gegenteil allesAberglaubens, sie sagen nur immer dasselbe: frei sein, und jeder Glaubens-befehl leugnet mir das. Und jeder Begriff des Großen, Kühnen, der Lügezum Trotz Reinen das ist mir ein Lebendiges, das mich anwirbt mitschmeichelnder Verheißung. Und was war dagegen, was man mich lehrte?Ach so unfaßlich, daß man eine Maschine sein mußte, um es nachzusprechen!

Ich komme vorwärts auf einem Felde, wo das Erste, das Göttliche,bloß ein vernünftiger Schluß ist; wo ich glaube, weil die Glaubensartikelseelenerziehende Argumente sind. Wo aber die Sündenregister wie eineelende Hühnerleiter an die Himmelsleiter angelehnt sind, da mag ich keinenVersuch machen, mich zu bilden, mich zu bessern. Soll ich da von Stufezu Stufe Hüpfen wie ein Hühnchen, damit es oben zu sitzen komme nebenden Hahn? Nein. Auf, mein' Seel', in einem Fluge. Sind dieSeligen selig geworden, so lasse sie mit ihresgleichen, schmeichle nicht wie einSchmarotzer um sie herum, daß auch du wollest gern vom Himmelbrot essen!

Ich war immer schon satt von der Beschreibung des Himmels. Ein un-aufhörlich Preisen und Lobsingen damit fing es an. Ich sang auchgern, aber nicht Kirchenlieder; ich sang, um mein jubelnd Herz auszuströmsn,das zum Tanz geneigt war, von einem innern Lebenstakt frisch bewegt;meine Entschlüsse waren rasch. Ein freudiges Durchrauschen aller Lebens-adern! Entschluß er ist der Mut, frei zu schweben über aller Gemein-heit! Dinge, zu denen wir uns entschließen müssen, die sind nicht. Wirschauen den einzigen Gott an, in uns; er durchfährt elektrisch uns dieGliederdas ist Entschluß. Rechenschaft geben, warum? Die Geistes-auferstehung selbst ist Rechenschaft. Laß den Geist werden, und seinegroßen Zauberkräfte werden über dieses Fordern nach Rechenschaft, überHöllenbrodem und Fegefeuer sanft hinüber wallen, und Satzung und Glaubens-artikel reichen nicht an seine Region, und wenn sie auch noch so großeStaubwolken aufregsn unter den Menschen."

Was will nun unsere Frau, deren Landsmännin zu sein,ich mich wäre ich eure Frau rühmen würde, mit diesenÄußerungen? Ganz dasselbe, was Pestalozzi wollte: Ent-wickelung der Religiosität aus dem Herzen des Menschen, individuelleEntfaltung auch der religiösen Alllagen, Anknüpfung der religiösenVorstellungen an die unmittelbaren Erlebnisse und die Umgebungendes Küldes, kurz: Begründung der einfach-wahren, innerlichen,wesenhafteil Religion d e s H e r z e n s auf naturgemäßem Wege.Darum sträubte er sich, als er Unterlchrer in Burgdorf war,unter Kindern zarten Alters gegen den Gebrauch des HeidelbergerKatechismus, was ihm zu seinen Lebzeiten harte Kämpfe und