Druckschrift 
2 (1890)
Entstehung
Seite
176
Einzelbild herunterladen
 

Einmal dies, daß der Erzieher und Lehrer der Natur desKindes und des Menschen lauscht, ihr Wesen und die Gesetzeihrer Entwickelung zu erforschen sucht, um dieselben treu gehorsamzu befolgen und nach ihren Vorschriften die Mittel der Ent-wickelung und die Art ihrer Anwendung auf den verschiedenenAltersstufen zu wählen. Die Methode erhält eine psychologischeBegründung. Es fehlt, auch in der neueste» Zeit, nicht an Bei-spielen, daß sich Pädagogen aus das Prinzip der Naturgemäßheitschielende Blicke erlaubt haben. Gerechtfertigt ist diese Er-scheinung nur dadurch, daß inan daS Ehrenprädikat der Natur-gemäßheit Lehrgängen und Lehrweisen ausgedrückt sah, die dochauf nichts weniger als darauf Anspruch zu machen hatten. Injeder andern Beziehung bleibt ihr Verfahren tadelnswert. Demidabei bleibt es: Wie die Natur in körperlicher Hinsicht deroberste geheime Medizinalrat ist und bleibt, so muß der Gangund das Gesetz der Natur des Pädagogen, des geistigen Bildners,oberste Richtschnur bleiben. Was einmal gegen die Natur ist,ist gegen die Natur, d. h. grundverderblich und verdammungs-würdig. Wo man keine Natur inehr findet, da findet man Un-natur und Karikatur. Aus unserm Prinzip folgt ferner, daß,sowie es in seinem innersten Kerne ebenso unabänderlich undewig ist, wie die Menschennatur, es auch ein flüssiges Elemententhält, indem es in die nach Zeit, Ort, 'Nationalität und Indi-vidualität verschiedenen Anforderungen eingeht. Es ist darumnicht bloß ein psychologisches, sondern zugleich ein historischesPrinzip, so jedoch, daß es die Forderungen und Rechte des ge-schichtlichen Verlaufs den Anforderungen der gottgegebenen, un-abänderlichen Natur unterordnet. Denn die geschichtliche Ent-wickelung hat leider nur zu oft Natur in Kunst, natürliche Ent-wickelung in widernatürlichen Zwang verwandelt. Folglich darfdie Berücksichtigung der Zeitverhältnisse, die oft nur eine schein-bare Dringlichkeit haben, niemals die oberste Norm sein; wasdagegen auf dem geraden Wege der wirklichen Kultur liegt, dendie Zeit genommen hat, gilt als zu beachtende Richtschnur. Er-laubte es die Zeit, so würde ich hier ausführlich werden. Dennder aus dem tiefen Gefühl der Achtung vor der menschlichen