Druckschrift 
2 (1890)
Entstehung
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davon gewesen, wie sie die herrlichsten Geschichten, selbst desNeuen Testamentes (herrlich, wenn man sie einfach natürlich undmenschlich nimmt) verdrehen und verzerren und völlig ungenieß-bar machen, indem sie Wunder und Mirakel hineintragen, wodiese doch gar nicht zu finden sind? An dem einfachen Statur-wahren vermögen sie sich nicht zu erbauen, nur an dein Un-natürlichen, Über- und Unvernünftigen. Führwahr, sie tragendie Schuld*, daß so mancher mit Schrecken an seinen Jugend-unterricht znrückdenkt, daß so manchem die Religion total ver-leidet worden. Und wo das in vielen Fällen nicht geschehen,wahrlich, s i e sind ganz unschuldig daran.

Alles wahrhaft Große und Erhabene trägt den Charakterder Natürlichkeit und Einfachheit an sich. Wo man keine Naturfindet, da findet man sicher Verzerrung und Unnatur. DieNatur ist redlich und wahr, wo und wie sie gefunden wird.Naturgenüsse sind die einfachsten, nachhaltigsten, edelsten. Wasman unter verkünstelten Verhältnissen, fern von der Natur und

*Es handelt sich unter allen besonnenen Theologen darum, das un-endlich Vernünftige des Christentums zu erkennen. Das unruhige Pochenund Trotzen auf den Buchstaben, das Verewigenwolle» des Unlebendigen undlängst Abgestorbenen ist gewiß das unzeitigste und verkehrteste Verhalten.Wie wenig kennen diese doch das wahre Bedürfnis der Zeit, welches nichtist ein trockener oder saftiger Buchstabenglaube, sondern eine höhere geistigeVerständigung über den unendlichen Inhalt und Zweck des Christentumsund eine ebenso geistig lebendige, im Einklang mit der Kultur und Bildungder Zeit stehende Auffassung desselben. Der Bruch zwischen Glauben undWissen wodurch ist er hervorgerufen? Wer kennt nicht den Übermut,der alle Kritik und freie Gedankenbewegung verachtet, und, wenn er zu ver-mitteln beginnt, nur in die traurigste Halbheit hineingerät, die fleischlicheSicherheit, welche sich im Buchstabenglauben festgerannt und sich darin einebequeme Wohnung erbaut hat, die Unfähigkeit so vieler, über ihren eignenGedankenkreis hinaus sich in einen ganz andern Gedankenzusammenhang zuversetzen, die entschiedene Verachtung der Vernunft und die Zumutung, sieabzuschwören, um des wahren Glaubens teilhaftig zu werden Gründegenug, welche das Gegenteil von dem allen erzeugen; ihr, die ihreuch darüber beklagt, habt eben das, was ihr verwerfet, zuverantworten. Das kirchliche Dogma und Symbol gegen die Fort-schritte der Wissenschaft geltend machen wollen, ist ein ganz unwissenschaft-liches und faktiöses Verhalten."

M a r h e i n e ck e.