79
ging es nicht immer zum besten. Seine Lehrer waren nichtüberall mit ihm zufrieden: der mechanische Unterricht langweilteihn, und er hatte nur an einigen Gegenständen besondere Freude.Auch wurde seine allzugroße Gutmütigkeit von Mitschülern oftmißbraucht. Ganz Ausgezeichnetes läßt sich daher aus seinenSchuljahren von ihm nicht bemerken, nichts, was auf den un-gewöhnlichen Mann im Leben schließen ließ. Nur eine großeEigenschaft trat schon frühe in ihm hervor: unbedingteWahrhaftigkeit. Er war schlechterdings unfähig, sich zuverstellen, und er sagte immer die Wahrheit, selbst da, wo sieihm Schaden brachte. Da sich mit dieser herrlichen Eigenschaftein tiefer Natursinn, der Sinn für das Einfache, Natürliche,Ungekünstelte, Gerade verband, so besaß er die Anlagen undEigenschaften, welche zur Auffindung des Wahren in den Dingenund in den menschlichen Zuständen befähigen. Nur der wahr-hafte Mensch entdeckt und sieht das Wahre; dem falschen undverschrobenen Menschen verbirgt es sich. Heinrich Pestalozzi besaßzugleich ein sehr tiefes Gemüt, das durch die lebendige innereReligiosität in dem Hause seines Großvaters, eines Predigersauf dem Lande nicht weit von Zürich, angeregt und befruchtetwurde. Zum Jüngling herangereift, sollte er Prediger werden,aber er entschied sich für das Studium der Rechte. Aber auchdarin machte er, obgleich er es vollendete, sein Glück nicht. DieAufmerksamkeit des jungen Mannes wurde unwillkürlich von dentraurigen Verhältnissen des öffentlichen Lebens gefesselt. Jir denhöheren Ständen seiner Vaterstadt herrschten Verschwendung undLuxus und — Verachtung der niederen Klassen; in diesen ent-stand dadurch der Haß gegen jene, und außerdem erlagen sieunter Druck und Not der Roheit und Unsittlichkeit. Diese zu-tage liegenden unermeßlichen Übel erfüllten das Herz Pestalozzismit Trauer, und diese Gefühle schärften sein Nachdenken überdie Entfernung derselben. Das Resultat seiner jahrelangenÜberlegung, wie den unglücklichen Menschen zu helfen sei, mar:nur durch Bildung, nur durch bessere Erziehung der Jugend,besonders der Kinder der Armen und der unteren Stände über-haupt. Wie ein Blitz schoß ihm der Gedanke in den Kopf:„Ich will Schulmeister werden," Lehrer und Erzieher der Armen-